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JULIA EXTRA BAND 413

LYNNE GRAHAM

Meine Königin der Nacht

Chrissie war eine bezaubernde Jugendsünde für Scheich Jaul von Marwan, ihre Blitzhochzeit ein Riesenfehler. Jetzt sucht er sie in London auf, um eine Scheidung zu erwirken. Und macht eine schockierende Entdeckung …

JENNIFER HAYWARD

Die weiße Jacht des Milliardärs

Eine letzte Nacht steht zwischen Diana und dem endgültigen Aus mit Playboy-Milliardär Coburn Grant! Doch ausgerechnet diese Nacht hat süße Folgen, die ein Ende unmöglich machen …

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Vorhang auf für die große Liebe!

Erstaunt hört Filmstar Luke McKenzie, dass seine neue Assistentin Jess ihn kritisiert. Wie ungewohnt! Aber irgendwie reizvoll … Vielleicht sollte er ihren hübschen Mund mit einem Kuss zum Schweigen bringen?

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Tausend Küsse in der Toskana

Eine Vernunftehe mit Flynn ist für Helena die einzige Lösung, um den Ruf ihrer Familie zu retten! Aber während der Flitterwochen wird die falsche Braut fast verrückt vor Sehnsucht nach echter Zärtlichkeit …

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Meine Königin der Nacht

1. KAPITEL

König Jaul hatte nach dem Tod seines Vaters Lut erst kürzlich den Thron des Scheichtums Marwan im Arabischen Golf bestiegen. Nachdenklich betrachtete er die Wedel der Dattelpalmen im Innenhof, die sich vor seinem Bürofenster sanft in der leichten Brise wiegten. Eine dunkelhaarige Schönheit spielte dort mit ihrer Nichte und ihrem Neffen. Zaliha war nicht nur bildhübsch, gebildet, sanftmütig und elegant, sondern stammte auch aus gutem Haus. Beste Voraussetzungen für die Rolle der Königin an seiner Seite. Eigentlich hätte er ihr schon längst einen Heiratsantrag machen sollen. Die Menschen im durch Erdöl reich gewordenen Marwan waren sehr konservativ. Von ihrem König wurde verlangt, dass er eine Ehefrau an seiner Seite hatte und schleunigst für Nachwuchs sorgte, damit die Thronfolge gesichert war. Da Jaul keine Geschwister hatte, lag diese Bürde ganz allein auf seinen Schultern.

Seit Wochen wurde in den Gazetten darüber spekuliert, wen er zu seiner Königin machen würde. Kaum tauchte er mit einer Frau in der Öffentlichkeit auf, brodelte die Gerüchteküche.

Frustriert presste Jaul die sinnlichen Lippen zusammen. Das wilde Leben lag hinter ihm, seit er die Herrschaft über das Scheichtum übernommen hatte. Insgeheim wusste er auch nur zu gut, warum er Zaliha noch nicht um ihre Hand gebeten hatte. Nicht allein deswegen, weil es zwischen ihnen überhaupt nicht knisterte. Obwohl gerade das vielleicht ein Grund gewesen wäre, sie zu heiraten, denn wilde, ungezügelte Leidenschaft hatte schließlich fast zu seinem Untergang geführt.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Bandar, der Rechtsberater der Königsfamilie, betrat das Arbeitszimmer.

„Entschuldigung, ich bin etwas zu früh“, sagte der kleine Mann mit der Halbglatze ernst, als er sich höflich verneigte.

Jaul bot ihm einen Stuhl an und lehnte sich abwartend zurück. Wahrscheinlich musste er wieder einen Vortrag über das Verfassungsrecht über sich ergehen lassen.

„Es geht um eine sehr delikate Angelegenheit“, erklärte Bandar, dem die Sache sichtlich unangenehm war.

Das klingt ominös, dachte Jaul gespannt. „Wir können über alles sprechen. Schießen Sie los, Bandar!“ Aufmunternd lächelte er dem Anwalt zu.

„Vor achtzehn Monaten habe ich diese Angelegenheit bereits mit meinem Vorgänger Yusuf erörtert. Er hat mir strikt untersagt, sie je wieder zu erwähnen.“

Yusuf war Luts Rechtsberater gewesen und hatte sich nach dem Tod des alten Herrschers in den Ruhestand verabschiedet. Bandar hatte daraufhin den Posten übernommen. Forschend musterte Jaul sein Gegenüber. Welches Geheimnis des alten Königs würde ihm wohl gleich zu Ohren kommen? Delikate Angelegenheit? Nun, gleich wusste er mehr.

„Nur heraus damit, Bandar! Wenn Sie als mein Rechtsberater es für erforderlich halten, mich einzuweihen, dann muss es ja etwas Wichtiges sein.“

„Das ist es, Hoheit.“ Bandar atmete tief durch. „Vor zwei Jahren haben Sie eine junge Engländerin geheiratet. Diese Tatsache ist zwar nicht allgemein bekannt, doch wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen.“

Jaul hatte es die Sprache verschlagen. Nachdem er sich von seinem Schock erholt hatte, konterte er: „Es war keine offizielle Eheschließung und zudem ungültig, weil sie ohne Zustimmung meines Vaters erfolgte.“

„Sie irren, Hoheit. Die Eheschließung ist rechtsgültig erfolgt. Ihr Vater hätte es allerdings gern anders gesehen“, führte Bandar aus. „Yusuf hatte nicht den Mut, ihm die Wahrheit zu sagen.“

Jaul war bleich geworden. In seinen dunklen Augen spiegelte sich Verblüffung. „Ich bin tatsächlich verheiratet?“

„Allerdings. Laut Verfassung des Scheichtums Marwan darf der Kronprinz allein bestimmen, wen er zur Frau nimmt“, bestätigte Bandar. „Sie waren zum Zeitpunkt der Eheschließung mit Ihren sechsundzwanzig Jahren auch kein unmündiger Teenager mehr“, gab der Anwalt zu bedenken. „Da Sie sich nicht um eine Scheidung bemüht haben, sind Sie noch verheiratet.“

Die Anspannung unter dem weißen Gewand war Jaul anzumerken. Diese Nachricht durchkreuzte natürlich seine Heiratspläne. Unglaublich, aber er war tatsächlich schon verheiratet! Zwei Monate hatte er damals mit seiner Braut zusammengelebt, bevor ihre Wege sich trennten.

„Ich habe mich nicht um eine Scheidung bemüht, weil mir versichert wurde, dass die Eheschließung ungültig war“, erklärte er.

„Das war leider eine Fehlinformation.“ Bedauernd zuckte Bandar die Schultern. „Um wieder ein freier Mann zu sein, muss die Scheidung nach britischem und marwanischem Recht ausgesprochen werden.“

Nachdenklich blickte Jaul aus dem Fenster. Im Innenhof spielte Zaliha noch immer mit den Kindern. Doch diese fröhliche Szene nahm er nicht wahr. Seine Gedanken kreisten um die Vergangenheit. „Ich hatte ja keine Ahnung“, sagte er ausdruckslos. „Man hätte mich schon vor Monaten in Kenntnis setzen müssen.“

„Wie ich bereits ausführte, untersagte Yusuf mir, darüber zu sprechen. Was sollte ich tun? Er war mein Vorgesetzter.“ Bedauernd senkte Bandar den Kopf.

„Seitdem sind drei Monate vergangen“, entgegnete der König ungehalten.

„Ich bin untröstlich, Hoheit. Aber es hat leider so lange gedauert, bis ich mich selbst von der Faktenlage überzeugt hatte. Weder Sie noch Ihre Frau haben die Scheidung eingereicht. Somit sind Sie noch rechtmäßig verheiratet.“

„Bitte nennen Sie sie nicht so“, bat er leise.

„Wäre es Ihnen lieber, sie als Königin zu bezeichnen?“, fragte Bandar taktlos. „Denn genau das ist Chrissie Whitaker. Auch wenn ihr das höchstwahrscheinlich nicht bekannt ist. Die Frau des Königs von Marwan ist unweigerlich die Königin des Scheichtums“, setzte er hinzu, um keinen Zweifel am rechtlichen Status der Engländerin aufkommen zu lassen.

Unwillkürlich ballte Jaul die Hände zu Fäusten. Er hatte einen schwerwiegenden Fehler begangen. Der rächte sich jetzt – ausgerechnet jetzt! Er war auf eine Frau hereingefallen, die es nur auf sein Geld abgesehen und ihn verlassen hatte, kaum dass eine ansehnliche Summe auf ihrem Konto eingegangen war.

„Ich kann verstehen, dass Ihr Vater die Heirat nicht gutgeheißen hat, aber jetzt …“

„Er hatte recht“, fuhr Jaul dazwischen. „Die Frau ist es nicht wert, meine Ehefrau zu sein. Als Königin ist sie völlig ungeeignet“, erklärte er harsch – in seinem Stolz verletzt. „Ich habe einen Fehler gemacht, Bandar. Das ist mir schon lange klar“, gab er widerstrebend zu.

„Jugendsünden können einen das ganze Leben lang verfolgen“, gab Bandar – wenig hilfreich – zu bedenken. Wie auch immer, er war froh, es mit Jaul zu tun zu haben und nicht mit dessen Vater. Der hätte den Überbringer schlechter Neuigkeiten längst aus dem Palast gejagt. Der junge König reagierte da viel ziviler und gelassener.

Jaul hatte gar nicht hingehört. Seine Gedanken kreisten erneut um die Vergangenheit. Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf: Chrissie, die bildhübsche langbeinige junge Frau, die ihm den Rücken kehrte und mit wehender silberblonder Mähne aus seinem Leben verschwand. Wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass sie ihn ständig hatte stehen lassen. Das gehörte zu ihrer Strategie. Sie hatte ihn eine halbe Ewigkeit zappeln lassen. Für Jaul war das eine völlig neue Erfahrung gewesen, denn bisher waren die Frauen nur zu willig gewesen, sich mit ihm einzulassen. Zwei lange Jahre hatte es gedauert, bevor er Chrissie endlich so weit hatte. Natürlich nicht ohne Jawort vorm Traualtar!

Während der zwei Jahre ohne Sex war Chrissie für ihn immer attraktiver geworden, bis er schließlich meinte, es ohne sie nicht mehr aushalten zu können. Er war wie besessen davon gewesen, sie zu besitzen, dass er schließlich nur noch eine Möglichkeit sah, ans Ziel zu kommen: Er musste das Objekt seiner Begierde heiraten. Schon bald nach der Hochzeit hatte er diesen Schritt bitter bereut. Chrissie und er hatten sich heftig gestritten, als er Oxford ohne sie verließ, um nach Marwan zurückzukehren. Seit dem Tag hatte er sie nie wieder gesehen.

Das Schicksal hatte es anders gewollt. Nach einem schweren Unfall hatte Jaul lange im Koma gelegen. Der König war kaum von seiner Seite gewichen. Das sorgenzerfurchte Gesicht seines Vaters war Jauls erste Erinnerung gewesen, als er schließlich aus dem Koma erwacht war. Lut hatte keine guten Nachrichten für ihn. Chrissie weigerte sich, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Außerdem war die Ehe mit ihr ungültig, und Chrissie hatte eine Abfindung erhalten, um zu vergessen, dass Jaul je mit ihr zusammen gewesen war.

König Lut hatte eine ansehnliche Summe für ihr Schweigen gezahlt. Chrissie hatte finanziell ausgesorgt.

Während seiner Rekonvaleszenz im Krankenhaus hatte Jaul immer wieder geträumt, er würde Chrissie entführen. Unvorstellbar, wie er nun zugeben musste. Frustriert sah er vor sich hin. Wie dumm, wie naiv er gewesen war. Chrissie hatte es nur auf sein Geld abgesehen. Sobald sein Vater ihr eine hohe Abfindung gezahlt hatte, war der Prinz aus dem Morgenland vergessen. Diese Tatsache hatte nicht gerade zur Beschleunigung des Heilungsprozesses beigetragen.

„Ich muss wissen, was Sie in dieser Angelegenheit unternehmen wollen.“ Bandar riss ihn aus seinen Gedanken. „Ich habe eine renommierte Anwaltskanzlei in London beauftragt, die Scheidung einzureichen. Man versicherte mir, nach der langen Trennungszeit wäre das eine reine Formsache. Soll ich die Kanzlei anweisen, Chrissie Whitaker zu kontaktieren, Hoheit?“

„Nein!“ Blitzschnell wandte Jaul sich um, maß den Rechtsberater mit kühlem Blick. „Offensichtlich ist ihr nicht bewusst, dass wir noch Mann und Frau sind. Ihr das mitzuteilen, obliegt mir.“

Verwundert runzelte Bandar die Stirn. „Aber Hoheit …“

„Ich bin ihr das schuldig. Schließlich hat mein Vater sie in die Irre geführt, als er behauptete, die Eheschließung wäre nicht rechtmäßig gewesen. Chrissie fährt sehr leicht aus der Haut. Es wäre besser, wenn ich die Scheidungspapiere persönlich übergebe.“

„Ja, das kann ich nachvollziehen.“ Bandar nickte zustimmend. „Eine sehr diplomatische und diskrete Vorgehensweise“, lobte er.

„Genau.“ Ein Schauer der Erregung lief Jaul bei der Vorstellung über den Rücken, Chrissie schon bald wiederzusehen. Und das, obwohl er inzwischen wusste, dass es ihr immer nur um sein Geld gegangen war. Vielleicht musste er sie einfach nur noch ein einziges Mal sehen, um sich davon zu überzeugen, dass er sie nicht mehr begehrte. Zumal er inzwischen reifer geworden war und sich nicht mehr von seinen Hormonen überrumpeln ließ. Daran hatte er in den vergangenen zwei Jahren sorgfältig gearbeitet. Nie wieder würde er sich wegen einer Frau zum Narren machen! Die Erfahrung mit Chrissie hatte ihm eine Lektion erteilt, die er sein Leben lang nicht mehr vergessen würde.

Also gut, dachte er mürrisch, dann werde ich diese unselige Geschichte jetzt zum Abschluss bringen und die Scheidung von Chrissie verlangen.

Ob das zivilisiert über die Bühne gehen würde, war eine andere Frage.

Beladen mit Geschenken und Karten stieß Chrissie die Eingangstür der Grundschule auf und überquerte den Parkplatz. Die Arbeit mit den Vorschulkindern hatte ihr viel Freude bereitet.

„Darf ich helfen?“, fragte Danny, ein junger Lehrer, der in der ersten Klasse unterrichtete, und eilte beflissen herbei.

Dankbar überließ sie ihm die Last und öffnete den Kofferraum ihres kleinen Wagens.

„Du musst ja sehr beliebt bei deinen Schülern sein“, sagte er lachend.

„Wieso? Hast du keine Geschenke bekommen?“

„Doch, Wein und Aftershave“, antwortete er amüsiert, während er ihre Geschenke im Kofferraum verstaute. „In diesem Nobelviertel Londons gleicht der letzte Schultag dem Hauptgewinn in einem Glücksspiel“, witzelte er.

Chrissies türkisblaue Augen glitzerten humorvoll. „Ja, es ist wirklich völlig überzogen, was die Eltern hier veranstalten. Sie geben Unsummen für Geschenke aus.“

Danny drückte den Kofferraumdeckel zu und lehnte sich an den Wagen. „Und? Was hast du dir für den Rest des Sommers vorgenommen?“, fragte er interessiert.

„Ich besuche meine Schwester.“

„Sie lebt in Italien und ist mit einem Milliardär verheiratet, oder?“

„Genau.“ Ungeduldig wedelte Chrissie mit dem Autoschlüssel und hoffte, Danny würde die Geste verstehen.

Der verzog das Gesicht. „Sehr aufregend ist es wohl nicht gerade, seine Schwester zu besuchen“, vermutete er. „Hast du keine Lust, mal was anderes zu machen?“

Chrissie zwang sich zu einem Lächeln. Vor zwei Jahren hatte sie ‚mal was anderes‘ gemacht. Unter den Folgen litt sie noch immer. Inzwischen war sie wieder vernünftig geworden. Auch das gestörte Verhältnis zu ihrer Schwester war wieder fast normal. Es tat ihr unendlich leid, Lizzie so hintergangen zu haben. Sie hing sehr an ihrer geliebten Schwester. Noch immer hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil Lizzie sich selbst die Schuld daran gegeben hatte, dass Chrissies Leben derart aus den Fugen geraten war.

„Lizzie liebt dich. Sie möchte, dass du glücklich bist“, hatte Cesare mal erklärt. Cesare war Lizzies Mann und hatte hinzugefügt: „Vertrau ihr endlich die ganze Geschichte an. Dann wird sie sich nicht mehr so übergangen fühlen.“

Aber Chrissie hatte niemandem die ganze tragische Geschichte anvertraut. Ein einziger schlimmer Fehler, für den sie noch immer die Zeche zahlte! Sie musste allein damit klarkommen. Wenn sie mit der Geschichte hausieren ginge, würde man schnell an ihrem Verstand zweifeln.

„Ich verbringe den Sommer in Cornwall“, erzählte Danny und lächelte hoffnungsvoll.

Chrissie wandte den Blick ab. Seit Monaten erzählte Danny von seinen Plänen, zum Surfen nach Cornwall zu fahren. Inzwischen wusste das gesamte Kollegium Bescheid. „Dann viel Spaß.“ Energisch schob sie sich an ihm vorbei und öffnete die Fahrertür.

Danny umschloss ihre Hand. „Ich hätte noch mehr Spaß, wenn du mitkommen würdest, Chrissie. Komm, sag ja!“ Bittend schaute er sie an.

Ärgerlich riss sie sich los. „Tut mir leid, ich habe bereits andere Pläne.“

„Ich wüsste zu gern, welcher Typ dich so desillusioniert hat“, sagte er enttäuscht, wich zurück und schob die Hände in die Hosentaschen. „Schade, dass du nun alle Männer über einen Kamm scherst. Du hast ja keine Ahnung, was dir dadurch entgeht.“

Schweigend setzte Chrissie sich ans Steuer und zog die Tür zu. Was wusste Danny denn schon von ihrem Leben? Sie hatte immer davon geträumt, ihren Doktor zu machen und die Karriereleiter zu erklimmen. Doch das Schicksal hatte es anders gewollt. Chrissie musste Verantwortung übernehmen, war nicht mehr frei und ungebunden, konnte nicht mehr tun und lassen, was sie wollte. Am schlimmsten für sie war jedoch, dass sie auf Lizzies Großzügigkeit angewiesen war. Und alles nur, weil sie eine einzige Fehlentscheidung getroffen hatte!

Lange bevor sie Jaul kennengelernt hatte, hatte ihre Mutter ihr und Lizzie eine kleine griechische Insel hinterlassen. Cesare hatte sie ihnen für ein kleines Vermögen abgekauft. Das alles war über die Bühne gegangen, bevor Chrissie schwanger geworden war und Zwillinge erwartete. Sonst wäre sie niemals auf die Idee gekommen, das Geld fest anzulegen. Nun lag es in einem Treuhandfonds, an den sie erst an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag herankam. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn sie hatte befürchtet, die Verschwendungssucht ihrer Mutter Francesca geerbt zu haben. Der hatte sie einen Riegel vorschieben wollen. Später würde sie sicher vernünftig mit dem Geld umgehen – so ihre Theorie damals.

Inzwischen war Chrissie vierundzwanzig Jahre alt und bereute die Vorsichtsmaßnahme. Sie hätte das Geld gut gebrauchen können. Wenigstens wäre sie finanziell unabhängig gewesen. Nun musste sie jedoch selbst Geld verdienen und sich das Kindermädchen für die Zwillinge mit Lizzie teilen, die inzwischen auch zwei Kinder hatte. Allein hätte sie Sallys Gehalt nicht aufbringen können. Andererseits war es richtig gewesen, Cesares Ratschlag zu befolgen, ein Haus zu kaufen, bevor sie das restliche Geld fest anlegte. Wenigstens musste sie nun keine Miete zahlen.

Nach kurzer Fahrt parkte sie den Wagen vorm Haus, nahm die Geschenke aus dem Kofferraum und schloss die Haustür auf. Sally stürzte aus der Küche herbei, um Chrissie zu helfen. „Wie wär’s mit einer Tasse Tee?“, fragte die kurvige Brünette fröhlich.

„Ja, gern. Bist du heute Abend gar nicht verabredet?“, fragte Chrissie neckend. Normalerweise machte Sally sich sofort nach Chrissies Eintreffen auf den Weg zu Lizzies Villa, wo sie ein kleines Apartment bewohnte. Dort machte sie sich schick und ging aus.

„Nein, heute bleibe ich mal zu Hause. Ich muss mein Konto schonen.“ Sally verzog das Gesicht.

Chrissie lachte und schlenderte ins Wohnzimmer. Die Zwillinge saßen auf dem Teppich und spielten mit Plastikbauklötzen. Blauschwarze Locken umrahmten die rosigen Gesichter mit den fast schwarzen Kulleraugen. Tarif quietsche vor Freude, als er seine Mutter bemerkte, ließ den Bauklotz fallen und krabbelte blitzschnell auf sie zu. Soraya lachte und streckte Chrissie die Ärmchen entgegen.

„Hallo, meine kleinen Lieblinge“, sagte Chrissie zärtlich zur Begrüßung, ging in die Knie und nahm erst Tarif, dann Soraya auf den Arm.

„Mum, Mum“, brabbelte Soraya und streichelte ihrer Mutter die Wange. Tarif zog seine Mutter an den Haaren, schmiegte sich an sie und gab ihr einen herzhaften Schmatz auf die andere Wange.

Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte sie. Die Sorgen und Ärgernisse des Tages waren vergessen. Seit ihrer Geburt hatte sie die Zwillinge fest ins Herz geschlossen. Anfangs hatte sie Angst gehabt, völlig überfordert zu sein. Aber Lizzie hatte sie zu sich in die Villa geholt und ihr alles gezeigt, was eine junge Mutter wissen musste.

„Du schaffst das schon“, hatte sie ihrer Schwester versichert. „Alle Mütter müssen da durch.“

Chrissie hatte schnell gelernt, worauf es ankam. Eins traf sie jedoch völlig unvorbereitet: die tiefe, überwältigende Liebe zu ihren Kindern. Während der Schwangerschaft war davon nichts zu spüren gewesen, denn Chrissie war so wütend auf Jaul gewesen, weil er sie geschwängert und dann verlassen hatte. Die Vorstellung, die Kinder allein großzuziehen, hatte sie fast in Panik versetzt. Doch sobald die Zwillinge auf der Welt waren, hatte sie nur noch Augen für sie gehabt, und seither sorgte sie dafür, dass es ihnen an nichts fehlte.

„Wir waren heute Nachmittag im Park“, berichtete Sally. „Tarif hat ein fürchterliches Theater gemacht, als ich ihn von der Schaukel geholt habe. So wütend habe ich ihn noch nie erlebt.“

„Ja, er kann ein richtiges kleines Biest sein, wenn ihm etwas nicht passt“, gab Chrissie zu. „Soraya steht ihm übrigens in nichts nach, was das betrifft“, fügte sie dann hinzu. „Sie probieren aus, wie weit sie gehen können“, erklärte sie. Wie ihr Vater, fügte sie lautlos hinzu. Jaul tauchte vor ihrem geistigen Auge auf: langes blauschwarzes Haar, breite Schultern, schwarze Augen, die wütend funkelten. Und unglaublich sexy …

Chrissie wurde es heiß bei dem Gedanken. Schnell schob sie ihn beiseite und rief sich ins Gedächtnis zurück, wie stur, impulsiv und unberechenbar Jaul sein konnte.

„Alles in Ordnung?“ Besorgt nahm Sally ihr die Zwillinge ab. „Du wirkst plötzlich so erschöpft.“

„Nein, alles gut.“ Chrissie errötete verlegen, rappelte sich auf und verschwand in der Küche, um Teewasser aufzusetzen. Die Erinnerungen an Jaul überwältigten sie manchmal völlig überraschend. Sie konnte nichts dagegen tun. Dann genügte ein Wort, ein vertrauter Duft, ein Song, schon wurde sie in die Vergangenheit katapultiert. Es tat so weh, an ihn zu denken …

Wahrscheinlich wäre sie längst über ihn hinweg, wenn sie ihn nicht so sehr geliebt hätte. Für die Zwillinge war es natürlich besser, dass sie ihren Vater geliebt hatte, auch wenn diese Liebe nur von kurzer Dauer gewesen war und er sie nur benutzt, belogen und wahrscheinlich auch betrogen hatte. Als absolute Krönung hatte sein Vater ihr dann noch eine Abfindung angeboten und sie über das Playboyleben seines Sohnes aufgeklärt. Dabei hatte Jaul ihr bei der Hochzeit ewige Liebe und Treue geschworen. Offensichtlich bildete er sich ein, mit Geld aus dieser Nummer wieder herauszukommen.

Ewige Liebe und Treue – ein Witz! Schon nach wenigen Wochen hatte Jaul angefangen, sich zu langweilen. Damit hatte Chrissie nun wirklich nicht gerechnet. Seine Großzügigkeit ging ihr allerdings bald auf die Nerven. Seine extravaganten Geschenke hielt sie für maßlos übertrieben. Das hatte sie ihm auch gesagt. Doch Jaul hatte argumentiert, dass man von ihm erwarte, großzügige Geschenke zu machen.

„Alles Angabe“, hatte Chrissie irgendwann gekontert, was ihr einen empörten Blick eingebracht hatte.

„Ich bin kein Angeber!“

Das hatte er auch gar nicht nötig. Sein fantastisches Aussehen zog sowieso alle Blicke an. Sein eleganter Sportwagen war auch nicht zu verachten. Außerdem erregte Jaul Aufsehen, weil er stets von Leibwächtern umringt war und ein Luxusleben führte.

Chrissie reichte Sally einen Becher Tee. Die Zwillinge spielten wieder friedlich auf dem Wohnzimmerteppich.

„Ihr Lieblingsspielzeug ist bereits eingepackt und im Kofferraum meines Autos“, erzählte Sally. „Darum brauchst du dich nicht mehr zu kümmern.“

Chrissie lächelte. „Danke, Sally. Aber wir sind ja so oft in der Villa, dass ich die Sachen schon im Schlaf zusammenpacken kann. Ich freue mich sehr auf Lizzie und die Kinder.“

„Max and Giana werden ganz schön überrascht sein, wie schnell die Zwillinge inzwischen krabbeln können“, vermutete Sally. „Giana wird das gar nicht gefallen.“

Chrissie lachte. Ja, ihre energische kleine Nichte, die Tarif und Soraya wie Puppen behandelte, würde sich umstellen müssen. Die Zwillinge würden sich jetzt auch für das Spielzeug ihrer Cousine interessieren, statt einfach nur mit großen Augen um sich zu schauen.

Schließlich verabschiedete Sally sich, Chrissie fütterte die Zwillinge und steckte sie in die Badewanne, bevor sie die beiden schlafen legte. Während sie die Gutenachtgeschichte vorlas, überlegte sie, ob sie nach den Sommerferien wohl einen neuen Job finden würde. Die Stelle als Vorschullehrerin war befristet gewesen. Nach den Ferien kehrte die Stelleninhaberin aus der Elternzeit zurück. Die Sorge um einen neuen Job raubte ihr den Schlaf, sodass sie am nächsten Morgen noch ganz benommen war, als sie aufstehen musste, um die Zwillinge zu füttern, anzuziehen und anschließend wieder in die Bettchen zu legen, in der Hoffnung, sie wären dann frisch und munter, wenn sie in der Villa eintrafen.

Chrissie war gerade dabei aufzuräumen – sie trug noch ihren Shorty –, als es an der Tür klingelte.

Jaul war direkt nach der Landung zu der Adresse gefahren, die Bandar ihm gegeben hatte. Chrissie bewohnte ein Apartment in einem Nobelviertel. Mit einem zynischen Lächeln betrachtete er das elegante Gebäude. Offensichtlich kam seine Ehefrau auch ohne Unterhaltszahlungen sehr gut zurecht. Kunststück, sein Vater hatte ihr ja eine großzügige Abfindung gezahlt.

Als er vor zwei Jahren hilflos im Krankenhaus gelegen hatte, peinigten ihn Bilder von Chrissie, die sich mit anderen Männern vergnügte. Es war ein schreckliches Gefühl gewesen, zur Untätigkeit verdammt worden zu sein. Aber das ist ja nun vorbei, dachte er erleichtert. Jetzt ging es darum, Chrissie dazu zu bewegen, die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Eigentlich dürfte das kein Problem sein, denn die Ehe war ja nur von kurzer Dauer gewesen.

Chrissie warf einen Blick durch den Türspion und runzelte die Stirn. Ein großer dunkelhaariger Mann stand mit dem Rücken zur Tür, sodass sein Gesicht abgewandt war. Sicherheitshalber legte sie die Kette vor und öffnete die Tür einen Spalt weit. „Ja bitte?“

„Mach die Tür auf! Ich bin es. Jaul!“

Fassungslos wich Chrissie zurück. Dann riskierte sie einen Blick durch den Türspalt und schaute direkt in Jauls schwarze Augen. Panisch drückte sie die Tür wieder zu.

„Chrissie! Lass mich rein!“ Energisch betätigte Jaul die Klingel erneut.

Was will er bloß auf einmal hier? überlegte Chrissie hastig. Nach zwei langen Jahren! Plötzlich wurden ihr die Knie weich. Was sollte sie tun? Sie musste die Tür öffnen, sonst wachten die Zwillinge noch vom Dauerklingeln auf. Also gut, dachte sie und atmete tief durch.

Plötzlich verstummte das Klingeln.

2. KAPITEL

Chrissie lief zum Wohnzimmerfenster und spähte zwischen den Vorhängen hindurch auf die Straße. Umringt von dunkel gekleideten Männern – zweifellos seine Leibwächter – stand Jaul auf dem Bürgersteig. Erneut mit dem Rücken zum Haus.

Das Herz schlug Chrissie bis zum Hals. Sie hatte Jaul die Tür vor der Nase zugeschlagen. So hatte er sich den Empfang nach zwei Jahren Abwesenheit sicher nicht vorgestellt. Vermutlich war er jetzt wütend. Und Wut machte Jaul unberechenbar. Chrissie biss sich auf die Unterlippe und ärgerte sich über ihr unbedachtes Handeln. Als Jaul sich jetzt langsam umdrehte, wich sie zurück. Sie wusste genau, was er vorhatte. Schnell lief sie zur Tür, schob die Kette zurück und riss die Tür sperrangelweit auf.

Jaul, der gerade erneut klingeln wollte, musterte sie verblüfft. Ihr verführerischer Anblick im knappen Shorty verschlug ihm die Sprache. Er blinzelte einige Male, dann hatte er sich wieder gefangen. „Chrissie …“, stieß er heiser hervor.

„Was führt dich denn hierher?“ Wäre er zwei Jahre zuvor unvermutet bei ihr aufgetaucht, hätte Chrissie ihn stürmisch umarmt und abgeküsst. Aber inzwischen hatte er ihr das Herz gebrochen, sie von einem Tag auf den anderen im Stich gelassen und sich nie wieder bei ihr gemeldet! Das sprach für sich. Jaul hatte sie nie geliebt. Sonst hätte er sich doch wohl wenigstens gelegentlich mal erkundigt, wie es ihr ging.

„Lässt du mich rein?“, fragte er mit seiner tiefen Samtstimme, in die sie sich damals zuerst verliebt hatte.

„Wenn es unbedingt sein muss.“ Widerstrebend machte sie Platz und mied dabei sorgfältig Jauls Blick. Am liebsten hätte sie den Mann völlig ignoriert. Je weniger sie ihn anschaute, desto besser.

Gekleidet war er wie immer: Jeans und Lederjacke – ein lässig-eleganter Look. Auch seine Bewegungen waren so geschmeidig, wie Chrissie sie in Erinnerung hatte. Ungewöhnlich für einen Mann von über einem Meter neunzig. Chrissie war zehn Zentimeter kleiner und hatte den Größenunterschied immer ideal gefunden, zumal sie so auch High Heels tragen konnte, ohne Jaul zu überragen.

Unauffällig ließ sie nun doch den Blick über den Waschbrettbauch, die schmalen Hüften und langen Beine des begnadeten Reiters gleiten, bevor sie ihm in die faszinierend schwarzen Augen sah und sofort die magnetische Anziehungskraft spürte, die er seit der ersten Begegnung auf sie ausgeübt hatte.

Schockiert wandte sie sich ab und wollte ihn ins Wohnzimmer führen, als ihr einfiel, dass auf dem Teppich noch das Spielzeug der Zwillinge verstreut lag. Auf den Gedanken, Jaul könnte wegen der Kinder hergekommen sein, kam sie erst jetzt. Doch wie hätte er von ihnen erfahren sollen? Als er sie verlassen hatte, wusste sie ja noch gar nicht, dass sie schwanger war. Außerdem würde er sich wohl kaum für die unehelichen Kinder seiner Exfreundin interessieren, oder? Denn genau das war sie ja für ihn: eine seiner unzähligen Exfreundinnen. Verächtlich verzog Chrissie die sinnlichen, hübsch geschwungenen Lippen. Das konservative Marwan würde das unmoralische Verhalten seines neuen Königs niemals gutheißen. Dessen war sie sich ziemlich sicher.

Wortlos hob sie die Spielsachen auf und warf sie in den in der Ecke stehenden Korb.

„Hast du inzwischen Kinder?“, fragte Jaul sofort. Prüfend ließ er den Blick über ihre Figur gleiten. Sie war so makellos und verführerisch, wie er sie in Erinnerung hatte. Ihm wurde heiß, als er sich vorstellte, wie fantastisch es sich angefühlt hatte, sich in Chrissie zu verlieren. Jede Nacht, immer wieder. Er hatte einfach nicht genug von ihr bekommen können. Auch jetzt spürte er heißes Verlangen pulsieren. Ungehalten biss er die Zähne zusammen.

Hektisch warf Chrissie den letzten Bauklotz in den Korb, während sie nach einer passenden Erklärung suchte. Zum Glück verdeckte das lange Haar ihr ausdrucksvolles Gesicht, sonst hätte Jaul sofort Bescheid gewusst. Eins war immerhin klar: Er hatte keine Ahnung von der Existenz der Zwillinge. Erleichtert atmete sie auf. Allerdings fand sie Jauls Fragestellung merkwürdig. Er tat so, als wären sie nur flüchtige Bekannte.

„Ich kümmere mich manchmal um die Kinder einer guten Freundin“, behauptete sie. „Verrätst du mir jetzt, was dich herführt?“

Das klang ziemlich abweisend, wenn nicht sogar verächtlich, fand Jaul. Typisch Chrissie, dachte er frustriert. „Ich muss mit dir reden. Setz dich lieber, es könnte sein, dass dich die Neuigkeit sonst umhaut.“

Skeptisch musterte sie ihn. Dann gab sie mit einem ironischen Lächeln zurück: „Ich habe mit dir zusammengelebt, Jaul. Was sollte mich jetzt noch umhauen können?“ Nachdem du mich von einem Tag auf den anderen hast sitzenlassen, fügte sie in Gedanken hinzu. Wie dreist, einfach hier aufzukreuzen und zu tun, als wäre nichts gewesen! Innerlich kochte sie vor Wut, ließ sich aber nichts anmerken. „Sag einfach, was du zu sagen hast, und verschwinde wieder!“

Jaul atmete tief durch. Wenn Chrissie wütend war, fand er sie besonders erregend. Er musste sich mit aller Macht zusammenreißen. Er hatte lange keinen Sex gehabt. Wahrscheinlich lag es daran, dass er so heftig auf ihre Reize reagierte. Einigermaßen beruhigt von dieser Erklärung sah er ihr in die Augen. „Ich habe kürzlich erfahren, dass wir doch rechtmäßig verheiratet sind. Deshalb bin ich hier.“

Fassungslos starrte Chrissie ihn an und suchte Halt am Bücherregal. „Aber … aber dein Vater hat das Gegenteil behauptet“, stammelte sie. „Er hat gesagt, unsere Eheschließung wäre ungültig gewesen.“

„Mein Vater war falsch informiert. Mir wurde versichert, dass unsere Ehe vor dem Gesetz Bestand hat. Daran ist nicht zu rütteln. Mein Rechtsberater hat alles sorgfältig geprüft. Das heißt, wir müssen uns scheiden lassen.“

Chrissie war erschüttert. „Aha.“ Diese Neuigkeit musste sie erst mal verdauen. Sie waren also tatsächlich verheiratet! Schlagartig wurde ihr bewusst, was das bedeutete. Sicherheitshalber fragte sie aber lieber noch einmal nach. „Wir waren also die ganze Zeit rechtmäßig verheiratet?“

„So ist es“, bestätigte Jaul mürrisch.

„Das ist ja ein Ding.“ Sie sammelte sich. „Vor zwei Jahren hat man mich vor der marwanischen Botschaft abgewiesen, mit der Begründung, ich würde fantasieren. Dabei sind wir doch sogar im Botschaftsgebäude getraut worden. Niemand war bereit, mich zu empfangen. Nicht einmal meinen Brief an dich haben sie angenommen. Man hat mir sogar mit der Polizei gedroht, falls ich nicht sofort verschwinde.“

„Was behauptest du da?“ Jaul musterte sie misstrauisch. „Wann genau hast du in der Botschaft vorgesprochen?“

Glaubt er mir etwa nicht? Seine arrogante Haltung sprach für sich. Wie er sie anschaute! Unwillkürlich begannen Schmetterlinge in ihrem Bauch zu flattern. Jauls animalische Anziehungskraft wirkte noch immer. Dagegen war sie machtlos. Sie hatte sich damals auf den ersten Blick in ihn verliebt, ihre Gefühle jedoch nicht zugelassen. Monatelang hatte sie sich dagegen gewehrt und Jauls Annäherungsversuche immer wieder abgewiesen, zumal sie wusste, dass er ein Playboy war. Schließlich war sie doch schwach geworden.

„Wann war das, Chrissie?“, fragte er unnachgiebig nach.

„Kurz nachdem der Mann, von dem ich mir einbildete, mit ihm verheiratet zu sein, sich aus dem Staub gemacht hatte. Es dauerte dann nicht lange, bis dein Vater bei mir auftauchte und mir die Sachlage erklärte.“

„Was redest du denn da, Chrissie? So ein Unsinn! Was bezweckst du damit?“ Misstrauisch sah er sie an. „Tatsache ist, dass wir beide die Scheidung wollen.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Was meinst du wohl, Jaul? Vielleicht bin ich ja wütend, weil ich deinetwegen durch die Hölle gegangen bin.“

„Es gibt keinen Grund, wütend zu sein“, widersprach er energisch. „Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Wir waren lange getrennt. Die Scheidung ist nur noch eine Formsache.“

„Ich hasse dich!“, rief sie mit bebender Stimme. Was fiel ihm ein, so zu tun, als hätte er das Recht, hier unangemeldet aufzutauchen und die Scheidung zu verlangen? Nach allem, was zwischen ihnen gewesen war? Jaul war doch besessen von ihr gewesen, unersättlich. Er hatte geschworen, sie bis ans Ende ihrer Tage zu lieben, hatte auf die Hochzeit bestanden. Und nun war alles vorbei?

Verächtlich musterte Jaul die Frau, die ihn nicht ein einziges Mal im Krankenhaus besucht hatte. „Von mir aus.“

Chrissie konnte es nicht glauben. Das war nicht der Jaul, den sie kannte. Er hatte sich völlig verändert. Rein äußerlich war er noch derselbe Mann, aber sein Verhalten war nicht wiederzuerkennen. Er wollte die Scheidung? Damit musste sie erst einmal klarkommen. Bisher war sie ja davon ausgegangen, gar nicht verheiratet zu sein. „Wieso hat dein Vater behauptet, unsere Ehe wäre nicht rechtmäßig?“

Jauls Augen nahmen einen harten Glanz an. „Weil man ihm versichert hatte, dass es so war.“

„Aha. Er hat auch behauptet, du hättest gewusst, dass die Trauungszeremonie keine Rechtsgültigkeit hatte“, sagte Chrissie leise. „Und dass du die ganze Zeit ein freier Mann warst und dich problemlos von mir trennen konntest.“

„Ich glaube dir kein Wort“, zischte Jaul wütend. „Mein Vater war ein Ehrenmann und immer sehr auf mein Wohl bedacht.“

„Das glaubst du doch selbst nicht“, rief Chrissie, außer sich vor Zorn. Ihre Stimme überschlug sich förmlich. „Ich werde dir jetzt mal erzählen, was damals passiert ist: Man hat mich sehr unsanft aus deiner Wohnung befördert, nur mit der Kleidung, die ich am Leib trug. Wie eine Hausbesetzerin haben sie mich davongejagt.“

„Bilde dir ja nicht ein, dass ich deine Lügengeschichten glaube!“ Wütend funkelte Jaul sie an. „Du kannst sie dir also sparen. Ich weiß genau, wen ich vor mir habe, Chrissie. Mein Vater hat dir fünf Millionen Pfund gezahlt, damit du aus meinem Leben verschwindest. Du hast das Geld genommen und nie wieder etwas von dir hören lassen.“

„Okay, ich gebe zu, dass ich in der marwanischen Botschaft nicht vorgelassen wurde. Man hat mich wie eine Irre behandelt, als ich mich als deine Ehefrau vorgestellt habe.“ Tatsächlich hatte der alte König ihr einen Scheck über die von Jaul genannte Summe auf den Tisch gelegt, doch sie hatte ihn nie eingelöst. Aber auch das würde Jaul ihr nicht glauben. Fünf Millionen, um sie von ihm fernzuhalten? Fünf Millionen, um ihr Schweigen zu erkaufen? Nein, das konnte sie mit ihrem Stolz, ihrer Ehre nicht vereinbaren!

Jaul zeigte keine Regung. „Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Wir müssen ans auf das konzentrieren, was jetzt wichtig ist.“

„Und das wäre?“

„Die Scheidung, was sonst?“

„Willst du wieder heiraten?“, fragte Chrissie unverblümt.

„Der Grund für die Scheidung ist unerheblich“, antwortete er ausweichend.

„Du benötigst mein Einverständnis.“ Chrissie machte sich auf den Weg zur Haustür. Darauf kannst du lange warten, dachte sie rachsüchtig. Warum sollte sie nett und hilfsbereit sein, nach allem, was dieser Mann ihr angetan hatte?

„Stimmt. Für eine schnelle Scheidung muss das Einverständnis beider Ehepartner vorliegen“, bestätigte er.

„Ich bin aber nicht einverstanden. Wenn wir tatsächlich verheiratet sind und du die Scheidung willst, musst du dafür kämpfen.“

Jaul war ihr gefolgt, blieb aber an der Wohnzimmertür stehen. „Das ist doch lächerlich. Was bezweckst du damit?“

„Du hast mich im Stich gelassen. Warum soll ich dir jetzt helfen? Offenbar willst du unsere Heirat unter den Teppich kehren. Vermutlich weiß in Marwan niemand, dass du überhaupt eine Engländerin geheiratet hast.“

Wütend ballte Jaul die Hände zu Fäusten. „Ich dachte, die Ehe wäre ungültig. Warum hätte ich sie also erwähnen sollen?“

„Es wäre nett gewesen, mich einzuweihen, Jaul.“ Chrissie griff nach der Türklinke. „Aber das musste ja dein Daddy für dich erledigen.“

Außer sich vor Zorn funkelte Jaul sie an und riss ihre Hand von der Türklinke. „Was fällt dir ein, so mit mir zu reden?“, polterte er.

Chrissie lachte abfällig und hob herausfordernd das Kinn. „Ich rede, wie es mir gefällt, ob es dir passt oder nicht. So, wie du mich behandelt hast, verdienst du es nicht anders“, fügte sie verächtlich hinzu.

Jaul zog die Hand zurück. „Versuchst du, mehr Geld aus mir herauszuholen? Wie viel verlangst du für die Scheidung?“

Er hat ja keine Ahnung! Chrissie lachte – leicht hysterisch. „Vielen Dank, dein Geld interessiert mich nicht. Ich habe selbst genug. Von dir würde ich keinen Penny annehmen. Ich möchte dich lediglich zappeln sehen.“

Jaul war nahe daran, die Selbstbeherrschung zu verlieren. Chrissie trieb ihn mal wieder zur Weißglut. Das hatte sie seit der ersten Begegnung getan. Immer wieder waren sie aneinandergeraten. So sehr, dass die Fetzen geflogen waren. Die Versöhnung war dann umso süßer gewesen. Auch daran erinnerte er sich nur zu lebhaft. Die Erregung war so schmerzhaft, dass er unterdrückt stöhnte. Verzweifelt kämpfte er um Selbstbeherrschung, atmete tief durch und maß Chrissie mit einem weiteren verächtlichen Blick. „Offensichtlich hat es keinen Zweck, jetzt mit dir zu reden.“

„Genau.“ Auch Chrissie holte tief Luft. Dabei atmete sie Jauls verführerischen Duft ein. Das hatte ihr gerade noch gefehlt … Er erinnerte sie an wilden Sex mit Jaul. Verzweifelt versuchte sie, die erregenden Bilder vor ihrem geistigen Auge wegzuschieben. Es tat so weh, diesen Mann noch immer zu begehren. Diese Tatsache schürte neue Wut in ihr.

„Ich komme wieder, wenn du Zeit hattest, über die neue Situation nachzudenken“, sagte Jaul kühl.

Sie dachte gar nicht daran, ihm zu erzählen, dass sie die nächsten Tage im Haus ihrer Schwester verbringen wollte. Das ging ihn nun wirklich nichts an. Möglicherweise schöpfte er sonst noch Verdacht, der Vater der Zwillinge zu sein. Was dann passieren würde, wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Jedenfalls nicht, bevor sie sich über die rechtlichen Konsequenzen informiert hatte.

Angespanntes Schweigen folgte.

„Für mich kommt nur die Scheidung infrage. Egal was sie mich kostet“, stieß Jaul schließlich ungeduldig hervor. „Als meine Ehefrau und zukünftige Exfrau bist du selbstverständlich unterhaltsberechtigt“, gestand er ihr widerstrebend zu.

„Ich will dein Geld nicht. Geh jetzt bitte!“

Seltsam, dachte Jaul, so kannte er Chrissie gar nicht. Mit leerem Blick schaute sie an ihm vorbei. Er war für sie der Feind, dem sie nicht über den Weg trauen durfte. Keine Spur mehr von der unerschrockenen jungen Frau, die jede Herausforderung angenommen hatte.

Wortlos verließ er das Haus. Er nahm sich vor, Chrissie in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Sollten sich doch die Anwälte um die Scheidung kümmern.

Mit bebenden Händen zog Chrissie sich um, packte einen kleinen Koffer und verstaute ihn mit den vielen Babysachen im Kofferraum. Bis zu diesem Tag hatte sie sich vollkommen sicher gefühlt in ihrem Haus. Jauls überfallartiger Besuch hatte ihr dieses Sicherheitsgefühl genommen.

Was wäre geschehen, wenn die Zwillinge bei seiner Ankunft im Wohnzimmer gespielt hätten? Zweifelsohne hätte er sofort erkannt, dass es seine Kinder waren, obwohl er ja nichts von ihrer Existenz wusste. Aber die Ähnlichkeit mit ihrem Vater war nun einmal unübersehbar.

Vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein, dachte Chrissie dann. Wie auch immer, je eher sie Tarif and Soraya sicher auf dem Rücksitz angeschnallt hatte und auf dem Weg zur Villa war, desto besser.

Während der Fahrt durch die verkehrsreichen Straßen an diesem Morgen in London ließ sie die Gedanken immer wieder in die Vergangenheit wandern. Sie war machtlos dagegen. Wenn sie an ihr Studium dachte, kam ihr unwillkürlich auch Jaul in den Sinn. Er war ja immer in ihrer Nähe gewesen, auch wenn sie versucht hatte, ihn zu ignorieren. Unvermutet war er stets dort aufgetaucht, wo sie sich gerade aufhielt.

Zum ersten Mal war sie ihm begegnet, als sie im zweiten Studienjahr mit einer Kommilitonin zusammen gewohnt hatte. Nessa hatte ständig neue Lover gehabt. Zuerst hatte Chrissie daher gar nicht zugehört, als die Freundin von ihrer neuesten Eroberung schwärmte, einem waschechten Prinz aus dem Morgenland! Auf Chrissie machte das keinen besonderen Eindruck. Sie wusste, dass im Orient die Prinzen in Scharen umherliefen. Immerhin sah der Typ wenigstens umwerfend aus. Geld schien er auch zu haben, denn er war mit Nessa nur zum Abendessen im Privatjet nach Paris geflogen. Dieser Luxus war Nessa zu Kopf gestiegen. Sie schwänzte ein wichtiges Seminar, von dem Chrissie gerade zurückkam, als Jaul ihre Kommilitonin nach Hause brachte.

Bis zum heutigen Tag erinnerte Chrissie sich an ihre erste Begegnung mit Jaul. Sein dunkler Teint, das schulterlange blauschwarze Haar, die Augen, die im Sonnenlicht einen Goldschimmer annahmen und mit denen er sie intensiv musterte. Wie gebannt hatte sie dem Blick standgehalten, während Nessa aufgeregt von ihrem Ausflug nach Paris schwärmte.

Jaul hatte sich ziemlich schnell verabschiedet.

„Er ist unglaublich im Bett“, erzählte Nessa, kaum dass die Tür hinter ihm zugefallen war. Ohne Scham berichtete sie, dass sie gleich beim ersten Date mit ihm geschlafen hatte. Und zum letzten Mal, wie sich bald herausstellen sollte. Jaul hatte noch ein Blumenbouquet und hübsche Brillantohrstecker für Nessa abgeben lassen, und damit war diese Episode für ihn erledigt. Nessa war zwar enttäuscht gewesen, hatte sich aber damit abgefunden, dass es nur ein One-Night-Stand gewesen war. Verständnisvoll erklärte sie, Jaul wollte eben seine Freiheit genießen, so lange er konnte.

Das nächste Mal begegnete Chrissie ihm bei einer Studentenversammlung. Er war nicht zu übersehen, denn dunkel gekleidete Leibwächter umringten ihn ebenso wie eine Gruppe kichernder Blondinen. Erschrocken war sie stehen geblieben, als er plötzlich neben ihr aufgesprungen war und sie gebeten hatte, sich zu ihm zu setzen. Kühl hatte sie die Einladung akzeptiert. Sein heißer Blick war ihr unangenehm. Und wie seine weiblichen Fans sie beobachteten, ließ ihr die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Damals hatte Chrissie zwei Jobs gehabt, um ihr Studium zu finanzieren. So gehörte es zu ihren Aufgaben, in der Universitätsbibliothek Bücher einzusortieren. Außerdem arbeitete sie als Kellnerin in einem der zahlreichen Studentenlokale. Trotzdem reichte das Geld hinten und vorne nicht. Ihre Familie war zu arm, um sie zu unterstützen. Ihr Vater hatte einen Bauernhof gepachtet, den ihre ältere Schwester Lizzie mehr schlecht als recht bewirtschaftete, nachdem ihr Vater an Parkinson erkrankt war und nicht mehr arbeiten konnte. Chrissie wurde von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sie studierte, statt auf der Farm mit anzupacken. Andererseits war ihr wichtig, einen Abschluss zu haben. Ihre Mutter Francesca hatte nie etwas Vernünftiges gelernt und sich immer nur irgendwie durchgeschlagen, sofern sie nicht gerade einem ihrer zahllosen Lover auf der Tasche lag. Kein gutes Vorbild, dachte Chrissie, der viel daran lag, auf eigenen Füßen zu stehen, statt sich von einem Mann abhängig zu machen.

Die Ehe ihrer Eltern hatte nicht lange gehalten. Danach war Francesca von einem Lover zum anderen geflattert. Ihr Leben war geprägt von Alkohol, Untreue, körperlicher Gewalt und allem, was damit einherging.

Chrissie hatte schon früh gelernt, wie tief eine Frau sinken konnte, um ihren Kindern eine warme Mahlzeit vorsetzen zu können. Diese Lehre würde sie ihr Leben lang nicht vergessen. Niemals wollte sie sich von einem Mann abhängig machen!

Als Jaul sie eines Tages in der Bibliothek angesprochen hatte, weil er angeblich auf der Suche nach einem bestimmten Buch war, hatte sie ihm selbstverständlich geholfen. Sie wollte ja nicht unhöflich sein.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich würde Sie gern mal zum Essen einladen“, hatte er mit einem tiefen Blick in ihre Augen gesagt, nachdem sie ihm das Buch in die Hand gedrückt hatte.

Chrissie musste zugeben, dass der blendend aussehende, sexy Mann sie faszinierte, ja magnetisch anzog. Doch das behielt sie natürlich für sich. Nicht zuletzt, weil sie wusste, wie das zwischen ihm und Nessa gelaufen war. Jaul ging es nur um die Eroberung einer Frau und um Sex. Hatte er sein Ziel erreicht, verlor er schnell das Interesse. Eine langfristige Beziehung kam für ihn nicht infrage.

Daher hatte sie seine Einladung zum Abendessen höflich, aber bestimmt abgelehnt. Auf Nachfrage mit der Begründung, keine Zeit zu haben. Falls sie zwischen Jobs und Studium doch mal einen freien Tag hatte, würde sie ihre Familie besuchen, fügte sie hinzu.

Doch so schnell gab Jaul nicht auf. Er schlug ein gemeinsames Mittagessen vor. Auch das lehnte Chrissie ab. Irritiert durch seine Beharrlichkeit wich sie zurück. Die Nähe im engen Gang zwischen den Bücherreihen nahm ihr die Luft zum Atmen.

„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten“, sagte Jaul besorgt.

„Schon gut. Aber es hat wirklich keinen Zweck. Wir passen überhaupt nicht zueinander“, stieß Chrissie hastig hervor.

„Wie meinen Sie das?“

„Was Sie verkörpern, ist mir unsympathisch“, behauptete sie. „Statt sich dem Studium zu widmen, machen Sie nur Party. Sie wechseln Ihre Freundinnen wie andere Männer die Hemden. Ich gehöre nicht zu Ihrem Beuteschema. Ich will nicht zum Abendessen nach Paris fliegen. Ich brauche keine Diamanten. Ich wäre die Letzte, die mit Ihnen ins Bett gehen würde.“

„Vielleicht biete ich Ihnen ja gar keine Diamanten, Sex oder ein Abendessen in Paris an“, sagte er mit einem frechen Lächeln.

„Und noch etwas: Sie sind mir viel zu eingebildet“, stieß sie wütend hervor. „Können Sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?“

Jauls sexy Lächeln hätte sie fast um den Verstand gebracht.

„Das widerspricht meiner Natur“, gab er zurück. „Tut mir leid.“

„Das ist mir doch egal. Lassen Sie mich einfach in Ruhe! Mit Ihrer Unnachgiebigkeit kommen Sie bei mir jedenfalls nicht weiter.“

„Ich werde es trotzdem versuchen“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Später. Wir werden schon einen Weg aus der Sackgasse finden.“

Chrissie deutete zum Lesesaal. „Sie haben ja jetzt Ihr Buch. Dann lesen Sie es auch!“

Ohne ein weiteres Wort hatte sie ihren Bücherwagen zum Fahrstuhl geschoben, um in der nächsten Etage hoffentlich ungestört arbeiten zu können.

3. KAPITEL

Sally öffnete ihr die Tür zu Lizzies und Cesares Villa, als Chrissie klingelte, die Zwillinge auf dem Arm.

Neugierig liefen auch Max und Giana herbei.

Als Tarif seinen Vetter entdeckte, fing er vor Freude an zu hüpfen und streckte die Ärmchen nach dem anderen Jungen aus.

„Er hat mich wiedererkannt“, rief Max verblüfft.

Chrissie lachte. „Tarif fängt bald an zu laufen. Dann solltest du deine Spielsachen rechtzeitig in Sicherheit bringen.“ Sie beugte sich vor, um ihren Sohn an Max zu übergeben. Sally nahm Soraya, denn Giana war selbst noch zu klein, um ihre Cousine auf den Arm zu nehmen.

Eine sichtlich schwangere Blondine gesellte sich ebenfalls zu ihnen. „Da seid ihr ja schon, Chrissie.“ Lizzie lächelte entzückt. „Ich hatte euch erst später erwartet.“

Tränen liefen Chrissie über die Wangen. Die Anspannung in den vergangenen Stunden war einfach zu viel gewesen. Besorgt zog Lizzie ihre jüngere Schwester an sich.

„Entschuldige“, schluchzte Chrissie.

„Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen, Liebes. Was ist denn passiert? Wer oder was hat dich so aus der Fassung gebracht?“

In diesem Moment wurde Chrissie bewusst, dass Lizzie noch immer nicht wusste, wer der Vater der Zwillinge war. Da Jaul sie sitzengelassen hatte und es wenig wahrscheinlich war, je wieder von ihm zu hören, hatte Chrissie die traurige Geschichte für sich behalten. Die einfühlsame Lizzie hatte auch keine Fragen gestellt, sondern ihre Schwester unterstützt, wo sie konnte.

Nun war Jaul aber wieder aufgetaucht, und Chrissie musste mit der ganzen traurigen Wahrheit herausrücken. Bei der Vorstellung brach sie erst recht in Tränen aus.

„Du Ärmste!“ Behutsam zog Lizzie ihre aufgelöste jüngere Schwester ins Wohnzimmer und setzte sich mit ihr auf ein blaues Sofa. „Was ist denn bloß los?“

Cesare stand am Fenster und telefonierte, klappte das Handy aber sofort besorgt zusammen, als er die Situation mit einem Blick erfasste.

„Meine Schwestern treffen heute Abend ein. Sie freuen sich schon darauf, mit dir Party zu machen“, sagte er aufmunternd zu seiner weinenden Schwägerin.

Chrissie zwang sich zu einem Lächeln. Sie verstand sich blendend mit Sofia und Maurizia. „Ich weiß nicht, ob ich dazu aufgelegt bin“, schluchzte sie.

„Das lassen wir einfach auf uns zukommen.“ Lizzie legte tröstend den Arm um ihre Schwester und sagte leise: „So, nun erzähl mal, was passiert ist.“

„Das ist mir zu peinlich. Sonst hätte ich dir die Geschichte schon vor Jahren erzählt. Aber ich schäme mich so, weil ich so unglaublich dumm war. Jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll.“

„Fang einfach ganz von vorn an“, riet Cesare.

„Der Vater der Zwillinge ist plötzlich aufgetaucht“, stieß Chrissie hervor. „Er will sich scheiden lassen. Dabei hatte sein Vater doch behauptet …“

„Du warst mit ihm verheiratet?“, warf Cesare ungläubig ein.

„Ist das wahr?“ Lizzie musterte ihre Schwester schockiert.

Chrissie nickte schuldbewusst. Sie hätte sich Lizzie längst anvertrauen sollen. Schließlich war Lizzie, obwohl nur fünf Jahre älter als sie selbst, immer wie eine Mutter zu ihr gewesen. Nun musste sie mit der Sprache herausrücken. Zuerst berichtete sie, wann sie Jaul kennengelernt hatte.

„Ich höre zum ersten Mal von ihm.“ Lizzie war fassungslos. „Dabei hast du ihn offensichtlich gleich am Anfang deines Studiums getroffen.“

Chrissie nickte beschämt. Aber was hätte sie denn von Jaul erzählen sollen? Am Anfang war ja gar nichts mit ihm gelaufen. Okay, sein Interesse an ihr war offensichtlich gewesen, aber sie hatte ihn stets abblitzen lassen. Andererseits hatte sie ihn schrecklich vermisst, wenn er nicht in der Nähe war. Sobald er dann wieder auftauchte, war ihre Welt wieder in Ordnung gewesen. Insgeheim hatte sie sich ein Leben mit ihm zusammen ausgemalt, dabei jedoch gewusst, dass dies eine Illusion bleiben würde. Wie hätte sie all das ihrer Schwester erklären sollen? Statt stolz ihren Prinzen und seinen Ring an ihrem Finger zu präsentieren, war sie todunglücklich und schwanger bei Lizzie aufgetaucht.

„Es gab keinen Grund, Jaul zu erwähnen“, sagte sie leise. „Wir sind erst im letzten Studienjahr zusammengekommen.“

„Das wäre doch ein Anlass gewesen, uns von ihm zu erzählen“, warf Cesare trocken ein.

„Vielleicht, aber ich habe unserer Beziehung von Anfang an keine Chance gegeben. Jaul ist einfach nicht der Typ für etwas Festes.“

„Du warst in ihn verliebt“, vermutete Lizzie.

„Das kannst du laut sagen.“ Chrissie lächelte traurig. „Wir haben in der Botschaft von Marwan geheiratet.“

„Wozu diese Geheimnistuerei?“ Verständnislos musterte Cesare seine Schwägerin.

„Weil Jaul erst seinen Vater von unserer Heirat in Kenntnis setzen wollte“, erklärte sie. „Sehr eilig hatte er es damit nicht gerade.“ Sie ließ den Kopf hängen. „Jedenfalls hat er mir nach wenigen Wochen eröffnet, allein nach Marwan zurückzukehren. Wann er wieder nach England kommen würde, ließ er dabei offen. Ich war am Boden zerstört.“

„Kein Wunder!“ Tröstend zog Lizzie sie an sich.

Chrissie berichtete von ihren fruchtlosen Versuchen, in der Botschaft von Marwan vorzusprechen, um Jauls Kontaktdaten zu erfahren. Auch König Luts unerwarteten Besuch erwähnte sie. Als sie erzählte, was Jauls Vater behauptet hatte, wurde Cesare wütend.

„Spätestens nach dieser Ungeheuerlichkeit hättet du uns ins Vertrauen ziehen müssen!“, sagte Cesare. „Wir hätten dir sofort geholfen.“

„Ich dachte doch, Jaul würde zu mir zurückkommen. Seinem Vater habe ich sowieso kein Wort geglaubt. Die ganze Zeit habe ich gehofft, Jaul wiederzusehen.“

„Inzwischen muss dir bewusst geworden sein, dass du schwanger bist“, vermutete Lizzie.

„Zwei Monate nach seiner Abreise, um genau zu sein. Langsam dämmerte mir, dass sein Vater mir wohl doch die Wahrheit gesagt hatte.“

„Aber so war es nicht.“ Cesare hatte ja gehört, wie Chrissie vorhin davon gesprochen hatte, dass Jaul die Scheidung von ihr verlangte. „Weiß Jaul eigentlich von den Zwillingen?“

„Nein. Und ich habe ihm klar zu verstehen gegeben, dass er lange auf die Scheidung warten kann“, erzählte Chrissie.

„Gut gemacht!“ Lizzie pflichtete ihrer Schwester sofort bei.

„Meine Anwälte sollen sich darum kümmern.“ Auch Cesare unterstützte seine Schwägerin. „Allerdings muss Jaul umgehend von seiner Vaterschaft in Kenntnis gesetzt werden. Das gehört sich so“, fügte er streng hinzu.

„Wieso denn das?“ Chrissie war außer sich. „Der Kerl hat mich verlassen und sich nie wieder bei mir gemeldet – bis heute.“

„Trotzdem, Chrissie. Du musst ihn informieren.“

„Das habe ich ja versucht! Aber die Leute von der Botschaft haben mich jedes Mal rüde abgewiesen.“

„Du musst auch an die Zwillinge denken. Sie haben ein Recht auf ihren Vater“, mahnte Cesare.

„Da muss ich Cesare zustimmen“, pflichtete Lizzie ihrem Mann bei. „Deshalb solltest du Jaul informieren, bevor die Anwälte eingeschaltet werden. Das bist du ihm schuldig.“

„Ich habe aber keine Ahnung, wie ich ihn erreichen kann“, konterte Chrissie. Die Vorstellung, Jaul von seinen Vaterfreuden zu berichten, behagte ihr überhaupt nicht. „Vermutlich war er nur auf der Durchreise. Und überhaupt – warum sollte ich ihm etwas schuldig sein?“

„Weil er dir immerhin selbst gesagt hat, dass ihr noch verheiratet seid. Er hätte es ja auch seinen Anwälten überlassen können, dich zu informieren“, erklärte Lizzie. „Im Gegenzug solltest du ihm unter vier Augen mitteilen, dass er Vater von Zwillingen ist.“

„Ich will ihn aber nicht sehen“, rief Chrissie trotzig. „Außerdem habe ich nichts anzuziehen.“ Sie wusste selbst, wie albern dieses Argument war. Langsam wurde ihr auch klar, dass sie aus dieser Nummer nicht mehr herauskam. Ihr Sinn für Fairness gewann die Oberhand. Jaul war es sichtlich unangenehm gewesen, sie aufzusuchen. Trotzdem hatte er die Angelegenheit selbst übernommen, statt seine Anwälte damit zu beauftragen. Also sollte sie jetzt auch über ihren Schatten springen.

Chrissie stieg aus dem Taxi, das Lizzie für sie bestellt hatte.

„In deinem aufgewühlten Zustand setzt du dich nicht mehr selbst ans Steuer“, hatte die ältere Schwester gesagt.

Cesare hatte Jauls Adresse ohne besondere Mühen herausgefunden. Nun stand Chrissie vor dem beeindruckenden Gebäude, das Jauls Vater in den Dreißigerjahren erworben hatte, um in London eine repräsentative Bleibe für sich, seine Familie und das Personal zu haben. Seitdem hatten sich nur selten Mitglieder der marwanischen Königsfamilie dort aufgehalten. Jaul hatte nie erwähnt, dass ihm in London ein Anwesen gehörte. Ebenso hatte er ihr unterschlagen, dass er der Thronfolger seines Vaters war. Eigentlich hatte er so gut wie gar nichts von seinem Leben in Marwani erzählt. Chrissie wusste nur, dass er ohne Mutter aufgewachsen und während des Besuchs einer Militärakademie in Saudi-Arabien stationiert gewesen war, bevor er sich in Oxford für Politikwissenschaften eingeschrieben hatte. Zuvor war er noch nie in England gewesen.

Dieser Mann war nun der Herrscher über einen unfassbar reichen Golfstaat. Kein Wunder, dass er so selbstsicher und arrogant auftritt, dachte Chrissie. Seine kurze Ehe mit ihr war wohl ein letztes Aufbäumen gewesen, bevor er die Pflichten seines Vaters hatte übernehmen müssen.

„Sei auf der Hut“, hatte Cesare ihr mit auf den Weg gegeben, nachdem er sich eingehend über den Mann informiert hatte, mit dem sie – noch – verheiratet war. „Jaul genießt diplomatische Immunität und ist mit einigen Mitgliedern der britischen Regierung befreundet. Unweigerlich wird er diese Beziehungen spielen lassen, wenn es um das Sorgerecht für seine Kinder geht. Du musst nämlich auch bedenken, dass dein kleiner Tarif seinem Vater eines Tages auf den Thron folgen wird. Jaul wird ihn wie seinen Augapfel hüten wollen.“

Diese Worte hallten in Chrissie nach und machten ihr große Angst. Sie atmete tief durch und strich eine unsichtbare Falte im türkisfarbenen Etuikleid glatt, das sie sich von Lizzie geliehen hatte. Was tue ich eigentlich hier? fragte sie sich verzweifelt. Wäre sie ihrem ersten Impuls gefolgt, hätte sie sich die Zwillinge geschnappt und wäre mit ihnen an einen Ort geflohen, wo Jaul sie nicht aufspüren konnte. Doch so einen Ort gab es wahrscheinlich gar nicht. Jaul verfügte über Mittel, Wege und Einfluss. Er würde sie überall auf der Welt finden.

Also musste sie sich nun in die Höhle des Löwen begeben und das Beste aus der Situation machen.

Nervös erklomm sie die imposante Freitreppe und klingelte.

Jaul aß im riesigen Esszimmer zu Mittag. Besonders wohl fühlte er sich in dem von seiner Großmutter in den Dreißigern kreierten Ambiente nicht. Sie musste unter Geschmacksverirrung gelitten haben, denn das Zimmer war wie ein Wüstenzelt gestaltet. Jaul zog Tisch und Stühle vor.

Glücklicherweise hatte sein Koch ihn nach London begleitet, sodass an dem ausgezeichneten Essen nichts auszusetzen war. Wenn Jaul allerdings ans Schlafzimmer dachte, das ebenfalls einem Wüstenzelt glich, schauderte es ihn. Das Bett bestand aus von Seilen zusammengehaltenen Bambusstangen. Immerhin lenkte ihn die grauenhafte Inneneinrichtung des Gebäudes von seinen Gedanken an Chrissie ab. Sie hatte unglaublich sexy ausgesehen in ihrem Shorty …

Ghaffar, sein Sekretär, hatte sich lautlos genähert und verbeugte sich höflich. „Sie haben unangemeldeten Besuch, Hoheit“, sagte er und verzog missbilligend das Gesicht.

Jaul stöhnte unterdrückt und machte eine abweisende Geste. Sein Aufenthalt in London war ausschließlich privater Natur. Besucher zu empfangen, kam überhaupt nicht infrage. „Bitte schicken Sie ihn wieder fort. Ich bin nicht zu sprechen.“

„Die Dame heißt Whitaker“, raunte Ghaffar.

Wie elektrisiert sprang Jaul auf. „Okay, bei ihr machen wir eine Ausnahme.“

Ungeduldig tappte Chrissie mit den Schuhen auf den Marmorboden der Empfangshalle. Täuschte sie sich, oder waren das Sarkophage aus einem Pharaonengrab, die als Dekoration dienten? Chrissie fröstelte in der finsteren Halle. Die bedrückende Atmosphäre trug nicht gerade zu ihrem Wohlbefinden bei.

Sie sah auf, als Jaul aus einem Zimmer kam. Er trug einen figurbetonten grauen Anzug. Ein ungewohnter Anblick. Zuvor hatte sie ihn nur bei der Hochzeit im Anzug gesehen.

„Chrissie!“

Sein ernster Tonfall verhieß nichts Gutes.

„Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu sehen.“

„Ich auch nicht.“ Sie lachte nervös. „Aber ich muss dich sprechen, und ich dachte, es wäre am besten, dich hier aufzusuchen“, erklärte sie.

„Herzlich willkommen.“ Jaul schnippte mit den Fingern.

Ein Bediensteter tauchte wie aus dem Nichts auf, verbeugte sich und öffnete höflich eine Tür.

„Wir trinken Tee und benehmen uns wie zivilisierte Menschen, okay?“

Beschämt senkte Chrissie den Blick. Sie fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Haut. Aber sie riss sich zusammen, sah auf und begegnete Jauls fragendem Blick. „Okay“, antwortete sie heiser. „Ich hätte ja vorher angerufen, aber ich hatte deine Telefonnummer nicht. Vielleicht sollten wir die Nummer jetzt austauschen?“

Wortlos zog Jaul sein Handy aus der Tasche und gab die Nummer ein, die Chrissie ihm nannte. Dann reichte er ihr eine Visitenkarte.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, im falschen Film zu sein, Jaul“, bemerkte Chrissie verstört.

„Mir geht es ebenso. Wir haben uns beide sehr verändert.“

Sein Tonfall ärgerte sie. Bevor sie eine passende Antwort geben konnte, klopfte es an der Tür. Zwei Bedienstete kamen herein. Einer mit einem Teetablett, der andere mit einem Tisch, auf dem er ein blütenweißes gestärktes Tischtuch ausbreitete. Teetassen und eine Gebäckschale wurden darauf platziert und der Tee eingeschenkt.

Die Szene erinnerte Chrissie an ihre erste Verabredung mit Jaul. Damals hatte er sie in einem eleganten Hotel zum Tee eingeladen. Er war fest davon überzeugt, dass jeder Engländer dieser Tradition frönte.

Chrissie hatte ihn in dem Glauben gelassen und sich wie eine Dame der Gesellschaft gefühlt.

„Du erinnerst dich!“, sagte sie gedankenlos.

Nein, tat er nicht. Aber seit den Tagen seiner Großmutter wurden in diesem Haus am Nachmittag Tee und Gebäck gereicht. Dann fiel ihm ein, was Chrissie meinte. Ihm wurde heiß. Ihr erstes Date! Damals hatte er den englischen Gentleman gespielt, um ihr zu vermitteln, dass er gar nicht der Schürzenjäger war, für den sie ihn hielt. Trug sie heute absichtlich wieder ein türkisfarbenes Kleid? Wollte sie ihn an den schönen Nachmittag erinnern, an dem alles begonnen hatte? Wie schüchtern sie gewesen war. Wie wunderschön mit dem taillenlangen platinblonden Haar. Und er war schrecklich nervös gewesen und hatte sich bemüht, nur ja nichts Falsches zu sagen, vor lauter Angst, sie könnte ihm wieder die kalte Schulter zeigen. Es war das erste und einzige Mal gewesen, dass er sich Gedanken darüber gemacht hatte, was eine Frau von ihm dachte. Aber das war lange her. Inzwischen hatte er sich zum Zyniker entwickelt.

Bei Chrissies Anblick fühlte er sich schlagartig wieder jung und unbekümmert. Er begehrte sie noch immer! Zwei Jahre hatte er sich verboten, an sie zu denken. Jetzt war alles wieder da.

Er schaute in ihre wunderschönen türkisblauen Augen, in denen er damals immer wieder heißes Verlangen gelesen hatte. Sofort flammte Erregung in ihm auf.

Auch Chrissie blieb nicht unbeteiligt. Ihr war unglaublich warm. Lag es nur an der schwülen Luft in diesem seltsamen Zimmer? Nervös wechselte sie das Standbein. Jauls verlangender Blick entfesselte brennende Lust in ihr.

Im nächsten Moment lag sie in seinen Armen, spürte seine Erregung und stöhnte unterdrückt.

„Chrissie“, raunte er an ihrem Mund, bevor er sie mit viel zu lange unterdrückter Leidenschaft küsste.

4. KAPITEL

Vollkommen versunken in die erregenden Gefühle, die sofort wieder aufgeflammt waren, als Chrissie sich verlangend an ihn drängte, erschrak Jaul, als es plötzlich klopfte.

Schnell schob er Chrissie von sich. „Entschuldige, das war ein Fehler“, raunte er ihr heiser zu und blickte ungehalten Richtung Tür.

Chrissie gelang es nicht so schnell, sich wieder zu fangen. Sie schwankte, als er sie losließ, riss sich zusammen und schlenderte benommen zum Fenster, wütend auf sich selbst, weil sie sich hatte überrumpeln lassen. Was Jaul mit dem Mann an der Tür besprach, konnte sie nicht verstehen, denn sie unterhielten sich in seiner Muttersprache.

Auf unsicheren Beinen ging sie hinüber zu einem unbequem aussehenden Sofa und setzte sich.

Ein Fehler? Wie erniedrigend! Es war doch nur ein Kuss gewesen. Ein einziger Kuss. Trotzdem hätte sie sich nicht darauf einlassen dürfen. Schließlich hatte sie Jaul nur aus einem Grund aufgesucht: um ihm von der Existenz der Zwillinge zu erzählen. Sie musste ja wohl völlig den Verstand verloren haben!

Entschlossen straffte sie die Schultern. Weiter darüber nachzudenken, brachte sie auch nicht weiter. Sie konnte es ja ohnehin nicht mehr rückgängig machen. Offensichtlich wurde sie bei Jauls sexy Ausstrahlung noch immer schwach. Früher war sie sogar stolz darauf gewesen, dass er die Finger nicht von ihr lassen konnte. Sie hatte seinem Hunger nach Sex zu viel Bedeutung beigemessen. Eins war nur zu offensichtlich: In dieser Beziehung hatte Jaul sich nicht verändert.

Ghaffar schien ihm eine wichtige Mitteilung zu machen, denn Jaul hörte aufmerksam zu.

Tatsächlich informierte ihn sein Sekretär über ein Treffen seiner und Chrissies Anwälte am nächsten Morgen. Offenbar hatte ihr unerwarteter Besuch damit zu tun. Praktisch über Nacht musste sie ihre Meinung geändert und eine Kanzlei damit beauftragt haben, die Scheidungsverhandlungen für sie zu führen. Vermutlich war ihr bewusst geworden, wie viel Geld sie aus ihm herausholen konnte. Geld schien ihr sehr wichtig zu sein. Sonst hätte sie sich damals wohl kaum entschlossen, ihn zu verlassen und dafür eine großzügige Abfindung zu erhalten. Wieso war ihm nie zuvor aufgefallen, wie geldgierig Chrissie war? Eigentlich hatte er den Eindruck gehabt, sie machte sich überhaupt nichts aus Geld. Diesen Charakterzug hatte sie sehr gut verborgen. Sein Reichtum hatte sie völlig kaltgelassen. So jedenfalls hatte es den Anschein gehabt. Jaul musste gestehen, dass ihn gerade das besonders beeindruckt hatte. Er fand es sehr erfrischend, dass Chrissie – im Gegensatz zu den anderen Frauen, mit denen er etwas gehabt hatte – nur an ihm als Mann interessiert war, nicht an seinem enormen Reichtum. Und ausgerechnet diese Frau erwies sich nun als geldgierigste von allen!

Jaul schämte sich, weil er vor Verlangen nach Chrissie offensichtlich gerade erneut seinen Verstand ausgeschaltet hatte.

Inzwischen überlegte Chrissie hin und her, wie sie Jaul beibringen sollte, dass er Vater von Zwillingen war. Diese Neuigkeit musste ihn ja schockieren. Nervös umklammerte sie die elegante Handtasche, die Lizzie ihr ebenfalls geliehen hatte. Dann ließ sie den Verschluss aufschnappen und zog die Geburtsurkunden der Kinder hervor. Sie wollte Jaul die Papiere wortlos vor die Nase halten. So ersparte sie sich umständliche Erklärungen.

„Hier ist der Grund für meinen Besuch“, erklärte sie dann auch knapp, sobald er das Gespräch mit seinem Sekretär beendet hatte.

Jaul runzelte verwundert die Stirn, griff aber nach den Dokumenten, die Chrissie ihm hinhielt. Er war froh, dass sie sich nicht über den Kuss aufregte. Früher hätte sie ihm den Kopf abgerissen.

Desinteressiert ließ er den Blick über die Papiere gleiten und stutzte. Geburtsurkunden? „Was soll ich damit?“, fragte er ungeduldig. Erst jetzt entdeckte er, dass Chrissie als Mutter eingetragen war. „Du bist Mutter geworden?“, fragte er irritiert.

„Ja, und du Vater. Es sind deine Kinder, Jaul.“

Fassungslos starrte er Chrissie an. Ihre Behauptung hatte ihm die Sprache verschlagen. Als er den ersten Schock überwunden hatte, rechnete er nach und kam zu dem Ergebnis, dass seine Vaterschaft durchaus möglich wäre.

Ich bin Vater, dachte er staunend. Er hatte einen Sohn und eine Tochter. Unfassbar! Das bedeutete ja, dass die Frau, von der er sich scheiden lassen wollte, die Mutter seiner Kinder war. Von diesem Schock musste er sich erst mal erholen. Diese Neuigkeit änderte schlagartig alles.

Eine Sache machte ihn allerdings stutzig: Wieso erfuhr er erst ein gutes Jahr nach der Geburt davon?

Einen Moment lang schloss er die Augen. Dann schlug er sie wieder auf und blickte Chrissie durchdringend an. Die wunderschöne Chrissie, die ihm gerade zu verstehen gegeben hatte, dass er sich ein unvorstellbares Eigentor geleistet hatte.

„Wieso erfahre ich das erst jetzt?“, stieß er harsch hervor.

Mit dieser Frage hatte Chrissie nicht gerechnet. Offenbar akzeptierte Jaul die Vaterschaft – einfach so. Aus irgendeinem Grund machte sie das wütend. Erbost sprang sie auf. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“, schrie sie ihn an.

Jaul bedachte sie mit einem eisigen Blick. Haltung bewahren! In jeder Situation. Das war ihm schon als Kind eingebläut worden. Chrissie ganz offensichtlich nicht …

„Welche Frage hattest du denn von mir erwartet?“, erkundigte er sich betont ruhig.

In diesem Moment flog die Tür auf, vier Leibwächter stürmten herein und musterten Chrissie argwöhnisch.

Jaul blieb völlig gelassen und bedeutete den Männern mit einer Geste, sich wieder zurückzuziehen. „Ich wünsche keine weiteren Störungen“, gab er ihnen unmissverständlich mit auf den Weg.

Wütend funkelte Chrissie ihn an und ballte die Hände zu Fäusten. „Keine Ahnung. Jedenfalls nicht so eine ausgesprochen dumme.“

„Wieso ist meine Frage dumm?“, erkundigte er sich verständnislos.

„Weil ich dir gestern erklärt habe, dass man mich in der Botschaft ständig abgewiesen hat. Wie hätte ich dir denn mitteilen sollen, dass du Vater geworden bist?“, schrie sie wütend. Besonders erzürnte sie, dass Jaul die Ruhe selbst blieb. Er zeigte keine menschliche Regung. Stattdessen musterte er sie, als wäre sie ein ungezogenes Gör ohne Manieren. Dieser Unmensch! Dabei hatte er sie einfach im Stich gelassen, als sie ihn am dringendsten gebraucht hätte! „Du bist so ein Mistkerl!“, zischte sie. „Du hast mich verlassen. Schon vergessen?“

„Ich habe dich nicht verlassen.“

„Doch, hast du! Du bist nach Marwan zurückgekehrt und hast dich nie wieder bei mir blicken lassen. Wie würdest du das denn bezeichnen?“ Chrissie widersprach ihm mit brüchiger Stimme. „Nicht einmal eine Telefonnummer hatte ich von dir“, fügte sie verbittert hinzu. „Das sagt doch alles. Du hattest nie die Absicht, zu mir zurückzukehren.“

„Das stimmt nicht!“

„Ach, halt doch den Mund!“, schrie sie zornig. Er hatte sie so tief verletzt, sie sah keinen Grund, ihn mit Samthandschuhen zu behandeln. „Warum belügst du mich? Kannst du nicht einmal ehrlich sein? Was hast du denn jetzt noch zu verlieren?“

„Ich habe dich noch nie belogen.“

„Ach? Und wie war das mit deinem Eheversprechen? ‚Ich werde Chrissie Whitaker lieben und ehren, bis dass der Tod uns scheidet‘? Und das ist noch nicht alles. Du hast gesagt, die Wohnung in Oxford ist unser Zuhause. Dein Vater hat mich aber von einem Tag auf den nächsten auf die Straße gesetzt. Was sagst du dazu?“ Wütend funkelte sie ihn an. „Und er hat behauptet, unsere Ehe wäre ungültig. Noch eine Lüge!“

Als Jaul sichtlich zusammenzuckte, verlor Chrissie endgültig die Fassung und schleuderte ihm die Zuckerdose entgegen. Wie kleine Flugkörper schossen Zuckerwürfel durch die Luft. Die kostbare Dose landete krachend auf dem Sofatisch.

Genau so eine Situation hätte Jaul gern vermieden. Er kannte Chrissies Temperamentsausbrüche ja nur zu gut. Daher wusste er auch, dass es nur ein Mittel gab, sie zu beruhigen: Versöhnungssex! So lange, bis sie beide erschöpft und zufrieden einschliefen. Zuerst wollte er aber mehr über seine Kinder erfahren.

Seine Kinder …

Er konnte es kaum fassen.

„Durch das ‚kleine Versehen‘ deines Vaters sind meine Kinder unehelich zur Welt gekommen. Daher steht nur der Name ihrer Mutter in ihren Geburtsurkunden“, wütete Chrissie weiter. „Was meinst du, wie das bei meinem Vater angekommen ist? Er hat viele Monate nicht mit mir gesprochen. Uneheliche Kinder? Undenkbar!“

Chrissie hatte keine Wahl gehabt. Da sie Jaul nicht hatte erreichen können, war sie auf sich allein gestellt gewesen. An die Öffentlichkeit hatte sie auch nicht gehen können, die Medien hätten sie und die Babys auf Schritt und Tritt verfolgt, wenn herausgekommen wäre, dass es sich bei dem Vater der Zwillinge um einen steinreichen Herrscher über einen Golfstaat handelte.

„Keine Ahnung, was ich ohne die Hilfe meiner Schwester und meines Schwagers gemacht hätte“, fügte sie hinzu.

Jauls Miene wurde starr. Was hatte sein Vater da nur angerichtet? Und ich muss die Kastanien aus dem Feuer holen, dachte er frustriert.

„Bist du fertig?“, erkundigte er sich herausfordernd. „Oder geht das noch stundenlang so weiter?“

„Kommt darauf an. Einer muss dir ja die Stirn bieten. Außer mir traut sich niemand, dich für deine Fehler zur Verantwortung zu ziehen. Du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich dich hasse“, schrie sie wütend und schleuderte auch noch das Milchkännchen in seine Richtung. „Du grässlicher, verführerischer, egoistischer Schürzenjäger!“

„Wäre es nicht besser, du würdest jetzt nach Haus fahren und dich hinlegen?“, schlug er mit gefährlich leiser Stimme vor. Ich rufe dich an, wenn du dich wieder beruhigt hast.“

Außer sich vor Wut hätte Chrissie am liebsten weitergetobt, bis man sie aus dem Haus beförderte. Jaul hatte offensichtlich überhaupt keine Vorstellung, was sie durch seine Schuld alles durchgemacht hatte. Vermutlich hatte er ihr gerade nicht einmal zugehört.

Jaul konnte es noch immer nicht fassen. Er versuchte, sich Chrissie als Schwangere vorzustellen – mit seinen Babys unter dem Herzen. Die Ärmste wäre ganz auf sich gestellt gewesen, wenn ihre Schwester sie nicht unterstützt hätte. Zum ersten Mal war er froh, dass sein Vater ihr wenigstens eine Abfindung gezahlt hatte. An Geld hatte es ihr wenigstens nicht gefehlt.

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen, dachte Jaul verträumt. Die ersten Zwillinge, seit der Geburt seines Großvaters und dessen eineiigem Zwilling.

Jaul wurde bewusst, dass er einen Schock erlitten haben musste. Jedenfalls war er unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Ich soll mich also hinlegen?“ Wütend funkelte Chrissie ihn an. „Kannst du mir mal verraten, wie das funktionieren soll, wenn ich auf zwei Babys im Krabbelalter aufpassen muss? Demnächst fangen sie an zu laufen. Dann kann ich sie wahrscheinlich überhaupt nicht mehr bändigen.“

Außer sich vor Wut warf sie den Kopf zurück, dass ihre lange Mähne nur so flog, und verließ das Haus. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie nur noch, dass die vier Leibwächter sofort zu ihrem König stürzten. Sie befürchteten wohl das Schlimmste. Der Lärm war ja nicht zu überhören gewesen.

Er ist tatsächlich der König von Marwan, dachte Chrissie verwundert. Das war ihr bisher nicht bewusst gewesen.

Die Worte, die Jaul nun an seine konsternierten Leibwächter richtete, hätten Chrissie mit Sicherheit überrascht.

„Chrissie Whitaker ist meine Ehefrau und die Königin von Marwan“, verkündete er mit würdevoller Miene und hätte über die schockierte Reaktion seiner Beschützer fast gelacht.

Im Haus ihrer Schwester beruhigte Chrissie sich nur langsam. Tränen liefen ihr über die Wangen, als Tarif sie mit den Augen seines Vaters anschaute und lächelte.

Lizzie musterte ihre jüngere Schwester besorgt. „War es so schlimm?“, erkundigte sie sich schließlich behutsam. „Verlangt er einen Vaterschaftstest?“

„Nein. Er war wie versteinert. Ich habe ihn mit Geschirr beworfen. Am liebsten hätte ich ihm den Hals umgedreht.“

Lizzie war blass geworden. „Oh Chrissie! Jaul muss die Neuigkeit wohl erst mal verarbeiten. Die Situation wird sich bestimmt bald zum Guten wenden“, fügte sie hoffnungsvoll hinzu.

„Das wage ich zu bezweifeln“, widersprach Chrissie erschöpft. Dann sah sie auf. „Er kann mir gestohlen bleiben. Heute Abend lasse ich es mal so richtig krachen. Mit Sofia und Maurizia kann ich wenigstens Spaß haben. Seit Jaul mich verlassen hat, bin ich nicht mehr auf die Piste gegangen.“

Natürlich gönnte Lizzie ihr das Vergnügen. Die Schwangerschaft war nicht gerade komplikationslos verlaufen, und nach der Geburt der Zwillinge hatte Chrissie keine ruhige Minute mehr gehabt. Es wurde Zeit, dass sie sich mal wieder amüsierte.

Die Überraschung war groß, als Jaul am Abend unangekündigt bei Lizzie und Cesare auftauchte.

Lizzie beschloss spontan, Cesare das Feld zu überlassen, weil sie befürchtete, dem Mann, der ihre Schwester so schnöde im Stich gelassen hatte, unverblümt die Meinung zu sagen.

„Ich würde gern mit Chrissie sprechen“, sagte Jaul freundlich.

„Da muss ich Sie enttäuschen.“ Cesare zuckte bedauernd die Schultern. „Meine Schwägerin ist nicht da.“

„Ach.“ Damit hatte Jaul nicht gerechnet.

„Sie macht Party“, erklärte Lizzie mit Genugtuung in der Stimme.

„Dann würde ich gern die Zwillinge sehen.“

„Ohne Zustimmung ihrer Mutter wird das nicht gehen“, erklärte Cesare sofort.

„Es sind auch meine Kinder“, beharrte Jaul.

„Das steht aber nicht auf ihren Geburtsurkunden.“ Diesen Kommentar konnte Lizzie sich nicht verkneifen. „Wir müssen Sie bitten, morgen wiederzukommen, wenn Chrissie da ist.“

„Wo macht sie denn Party?“, fragte Jaul frustriert.

Cesare verriet ihm die Adresse des Clubs, sehr zu Lizzies Ärger.

„Wieso hast du ihm gesagt, wo Chrissie ist?“, fragte sie ihren Mann entrüstet, sobald Jaul fort war.

„Weil er Chrissies Ehemann ist“, erklärte Cesare knapp.

„Aber sie hasst ihn.“

„Das ist ihre Privatangelegenheit. Wir sollten uns da nicht einmischen. Wenn wir uns Jaul zum Feind machen, hat niemand etwas davon, cara mia. Am allerwenigsten die Kinder.“

Rastlos blickte Jaul sich im VIP-Club um. Seinen Bodyguards schien es hier zu gefallen, stellte er amüsiert fest. Die Männer hatten ja zum ersten Mal den Golfstaat verlassen. In England war alles neu für sie. Nun schirmten sie den König ab, während sie gleichzeitig die Blicke über die Tanzfläche schweifen ließen, auf der halbnackte Mädchen ausgelassen tanzten. Auch Jaul betrachtete die Szene – auf der Suche nach Chrissie. Allerdings war er nicht ganz bei der Sache, denn das Gespräch mit Lizzie und Cesare vorhin beschäftigte ihn. Die beiden waren ihm nicht gerade freundlich begegnet. Kein Wunder, sie mussten ja das Schlimmste von ihm und seinem Vater denken. Jaul war entschlossen, alles richtigzustellen, sobald er Gelegenheit dazu hatte. Mit seinen achtundzwanzig Jahren hatte er nämlich stets verantwortungsvoll gehandelt – außer bei Chrissie.

Jaul biss sich auf die Lippe. Statt den Worten seines Vaters Glauben zu schenken, hätte er selbst Nachforschungen in England anstellen sollen! Auf die Idee war er aber nie gekommen, weil er seinem Vater immer vertraut hatte. Sie hatten einander sehr nahegestanden. Lut hatte seinem Sohn keinen Wunsch abschlagen können. Wenn Jaul mal krank gewesen war, hatte sein Vater fast panisch reagiert. So einem Mann misstraute man doch nicht, oder?

Entschlossen schob Jaul die Erinnerungen beiseite. Noch immer trauerte er um seinen Vater, an dessen Loyalität durch Chrissies Anschuldigungen nun Zweifel aufgekommen waren.

Daran wollte er jetzt nicht denken. Stattdessen fragte er sich, wie oft Chrissie diesen Club wohl besuchte. Eigentlich ging ihn das ja nichts an. Trotzdem hätte er es gern gewusst. Frustriert spielte er gerade mit dem Gedanken, den Club wieder zu verlassen – wie sollte er Chrissie in diesem Gewühl finden? –, als sein Blick auf eine junge Frau im fuchsienroten Minikleid fiel. Chrissie! Sie befand sich in Begleitung zweier junger Frauen und amüsierte sich unübersehbar.

Wütend presste Jaul die Lippen zusammen, zückte sein Mobiltelefon und schickte ihr eine SMS. Im nächsten Moment konnte er beobachten, wie ihre gute Laune sofort verflog, als sie die SMS auf dem Display ihres Handys überflog. Mürrisch bestellte er Champagner und Snacks, während er wartete.

Chrissie konnte es nicht fassen. Jaul war hier und bat sie, ihm im VIP-Bereich Gesellschaft zu leisten. Nicht einmal ein einziger Abend im Club war ihr vergönnt. Dabei hatte sie sich seit mehr als einem Jahr nicht mehr amüsiert!

Cesares Schwestern waren natürlich begeistert, den König kennenzulernen. Diese Verräterinnen! Also gab Chrissie klein bei. Immerhin war sie Jauls Ehefrau und die Mutter seiner Kinder. Außerdem wusste sie nur zu gut, dass er niemals aufgab, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Leichte Übelkeit überkam sie bei dem Gedanken, was das für ihre Zukunft bedeutete.

Wenige Minuten später saß sie an Jauls Tisch und wunderte sich, wieso die Leibwächter sich unterwürfig vor ihr verneigten.

Unauffällig musterte sie Jaul. Er sah natürlich mal wieder unwiderstehlich aus in Jeans und weißem Hemd, das seinen goldbronzefarbenen Teint fantastisch zur Geltung brachte. Gleichzeitig überlegte sie, warum er ausgerechnet jetzt die Scheidung wollte. Zu gern hätte sie gewusst, wer ihre Nachfolgerin werden würde.

Dann ließ sie den Blick zu Sofia und Maurizia gleiten, die sich die für sie bestellten Snacks und den Champagner schmecken ließen und den edlen Spender mit ihren Blicken fast verschlangen.

„Hoffentlich habe ich dir jetzt nicht den Abend verdorben“, sagte Jaul ruhig. Er versuchte, sich von Chrissies sexy Anblick nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Keine leichte Aufgabe …

„Aber nein“, behauptete Chrissie und schob sich eine lange platinblonde Strähne aus dem Gesicht. Vielleicht endete diese Begegnung ausnahmsweise mal ohne Streit. Sie selbst nahm sich jedenfalls vor, freundlich zu bleiben. „Warum willst du mich denn so dringend sprechen?“

Jaul berichtete, dass er versucht hatte, die Zwillinge zu besuchen, aber von Cesare abgewiesen worden war.

Erstaunt musterte sie ihn. „Du möchtest Tarif und Soraya sehen?“

„Wieso überrascht dich das?“

Gute Frage. Eigentlich hätte sie sich ja denken können, dass er seine Kinder kennenlernen wollte. „Wir besuchen dich morgen, wenn es dir recht ist“, schlug sie vor. „Bevor die Anwälte sich zusammensetzen.“

„Welche Anwälte?“ Jaul gab sich ahnungslos.

„Die Scheidungsanwälte“, raunte sie ihm zu. Die Leibwächter mussten davon ja nicht unbedingt erfahren.

Jaul war dankbar für ihre Diskretion. Gleichzeitig ärgerte er sich über den spontanen Entschluss, sich in aller Öffentlichkeit mit Chrissie zu treffen. Wie sollten sie hier ungestört miteinander reden?

„Cesares Anwälte werden eine schnelle, angemessene Lösung finden“, versicherte sie ihm. „Angeblich haben sie schon die kompliziertesten Fälle zu einem guten Abschluss gebracht.“

Jauls Blick fiel auf Chrissies linke Hand. „Was hast du mit den Ringen gemacht, die ich dir geschenkt habe?“, erkundigte er sich leise.

„Sie liegen in Cesares Tresor. Ich hebe sie für Soraya auf.“ Jaul sollte sich nur nicht einbilden, sie hätte sie aus Sentimentalität behalten.

„Du hast den Zwillingen arabische Namen gegeben“, sagte er unvermittelt.

„Als Erinnerung an ihre Wurzeln“, erklärte sie lässig.

„Mein Großvater hieß Tarif.“

„Ach wirklich? So ein Zufall!“ Natürlich hatte sie ihren Sohn absichtlich nach Jauls Großvater benannt. Warum sollte sie die aristokratischen Wurzeln verleugnen? Doch das würde sie niemals zugeben. „Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, meine Kinder nach Mitgliedern deiner Familie zu nennen“, fügte sie hochnäsig hinzu.

Selbstverständlich glaubte Jaul ihr kein Wort. Doch er riss sich zusammen. Monate im Krankenhaus und anschließend in der Reha-Klinik hatten ihn gelehrt, sich in Geduld zu fassen. Angesichts der Tatsache, dass seine Frau ihn offensichtlich hasste, fiel ihm das allerdings ausgesprochen schwer. Teilweise war es auch seine Schuld, dass die Liebe in Hass umgeschlagen war. So egoistisch, wie er vor zwei Jahren gewesen war, hatte er getan, was er wollte – ohne dabei Rücksicht auf Chrissies Gefühle zu nehmen.

5. KAPITEL

„Die Kleinen sehen wirklich zum Anbeißen aus.“ Verzückt betrachtete Lizzie die Zwillinge, die ihre schönsten Sachen trugen. „Jaul wird sie auf den ersten Blick ins Herz schließen.“

Chrissie krauste die Nase. „Ich hoffe nicht. Oft wird er sie ja nicht sehen, weil die Entfernung zwischen England und Marwan so groß ist. Er wird ja wohl nicht verlangen, dass die Zwillinge ständig pendeln.“

„Eine schwierige Situation“, gab Lizzie zu. „Trotzdem solltest du es ihm so leicht wie möglich machen, seine Kinder regelmäßig zu sehen. Kinder brauchen nun mal auch einen Vater.“

Schweren Herzens stieg Chrissie in die von Jaul geschickte Limousine. Auch die Bodyguards waren zur Stelle.

Während der Fahrt dachte sie über Lizzies Worte nach. Ihre Schwester hatte natürlich recht, was allerdings nicht hieß, dass es leicht war, die Kinder mit Jaul zu teilen. Chrissie hatte ihn so sehr geliebt. Die Vorstellung, seine neue Ehefrau würde sich eines Tages in Marwan um die Zwillinge kümmern, war einfach nur schrecklich. An diesen Gedanken musste sie sich wohl gewöhnen. Sie war ja kein Einzelfall. Es gab immer mehr Patchwork-Familien auf der Welt.

Ich muss nach vorn sehen, statt in der Vergangenheit zu leben, ermahnte sie sich.

Die Tür des geräumigen Hauses war einladend geöffnet, als die Limousine vorfuhr. Chrissie befreite Tarif aus dem Kindersitz, bevor sie auch Soraya auf den Arm nahm. Hilfsbereit eilte ein Kindermädchen heran.

„Hallo, ich heiße Jane“, sagte die junge Frau und lächelte. „Ihr Mann hat mich gebeten, Ihnen zu helfen.“

Er hätte auch selbst herauskommen können, dachte Chrissie unbeeindruckt und übergab Soraya dem Kindermädchen. Gemeinsam betraten sie das Haus und gingen in den hässlichen Salon. Dort setzte Jane die kleine Soraya auf einen flauschigen Teppich voller Spielzeug und erkundigte sich bei Chrissie, ob die Zwillinge noch etwas bräuchten.

„Nein, vielen Dank. Ich habe alles dabei.“

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