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JULIA EXTRA BAND 411

SHARON KENDRICK

Liebesnacht mit einem Playboymillionär

„Gäste sind für mich tabu.“ Ellies Abfuhr weckt erst recht Aleks Ehrgeiz, sie zu verführen. Ein Fehler? Die heiße Nacht mit der sexy Kellnerin hat ungeahnte Folgen für den freiheitsliebenden Playboy …

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Heiße Küsse im tiefen Schnee

Ein einfacher Skilehrer? Von wegen! Schockiert erkennt Milly, dass ihr leidenschaftlicher Verführer Lucas Romero nicht der ist, für den sie ihn hält. Hat sie ihr Herz erneut an einen Betrüger verloren?

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Liebesnacht mit einem Playboymillionär

1. KAPITEL

Er wollte sie. Er wollte sie so sehr, dass es schmerzte.

Alek Sarantos fühlte die Lust heiß in seinem Körper pulsieren, während er ungeduldig mit seinen Fingern auf die blütenweiße Tischdecke trommelte. Die Flammen der hohen Kerzen flackerten in der abendlichen Brise und der Duft der Rosen war geradezu betörend.

Erneut veränderte Alek seine Sitzposition, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich zu entspannen.

Rastlos blickte Alek um sich. Vielleicht lag es an der bevorstehenden Rückkehr in sein hektisches Leben in London. Vielleicht hatte sein heftiges Begehren aber auch ganz allein mit … ihr zu tun.

Gerade kam sie durch das hohe Gras der mondbeschienenen Sommerwiese auf ihn zu. Alek blickte gebannt auf die Frau im spätabendlichen Dämmerlicht. Die weiße Bluse war straff in den schwarzen Rock gesteckt, der so eng saß, als wäre er mindestens eine Nummer zu klein. Eine streng gebundene Halbschürze betonte die gerundeten Hüften. Alles an ihr ist weich, dachte er. Das zum dicken Zopf geflochtene Haar reichte ihr fast bis zur Taille und schimmerte seidig.

Noch immer fühlte Alek, wie die Lust seinen Körper durchströmte – dabei war diese Frau überhaupt nicht sein Typ! Normalerweise riskierte er keinen zweiten Blick auf kurvige Kellnerinnen mit freigiebigem Lächeln. Er stand eher auf schlanke, unabhängige Frauen, die schnell zur Sache kamen, keine Fragen stellten und ihm nicht zur Last fielen. Um Frauen, die niedlich und anhänglich waren, machte er einen großen Bogen.

Immer wieder fragte er sich, was genau ausgerechnet diese Frau so anziehend machte. Die ganze Woche über hatte er sie schon mit Blicken verfolgt, als wäre sie eine reife Frucht, die ihm jeden Moment in den Schoß fallen konnte. Vielleicht regte die bei jedem Schritt erotisch wippende Schürze seine Fantasie an?

„Ihr Kaffee, Sir.“

Selbst ihre Stimme klang weich und melodisch. Als kürzlich ein kleiner Junge auf dem Kiesweg ausgerutscht war und sich das Knie aufgeschlagen hatte, war die Kellnerin ihm sofort zur Hilfe geeilt und hatte beruhigend auf ihn eingeredet, während sie das Blut mit einem Taschentuch stillte. Das Kindermädchen hatte untätig zugesehen – aschfahl im Gesicht.

„Bitte holen Sie den Erste-Hilfe-Kasten vom Hotelempfang!“ Vollkommen gelassen hatte die Kellnerin ihn darum gebeten, als sie seinen Blick aufgefangen hatte. Ohne zu zögern war Alek der Bitte nachgekommen. Obwohl er doch eigentlich derjenige war, der Anweisungen gab. Als er ihr den Kasten reichte, hatte es ihm einen Stich versetzt, wie vertrauensvoll der kleine Junge sie mit seinen verweinten Augen anschaute.

Beim Servieren des Kaffees beugte sie sich nun leicht vor, sodass die üppigen Brüste sich deutlich unter der Bluse abzeichneten. Zu gern hätte er gewusst, wie ihre Knospen aussähen, wenn sie sich nach seinen Lippen reckten …

Als die Kellnerin sich wieder aufrichtete, bewunderte Alek einmal mehr ihre wunderschönen, dicht bewimperten grauen Augen. Um den Hals trug sie eine unscheinbare Goldkette und an ihrer Bluse steckte ein Namensschild mit dem Schriftzug Ellie.

Ellie.

Nichts schien sie aus der Ruhe zu bringen. Das beeindruckte Alek. Außerdem hatte sie ihm die ganze Woche über jeden Wunsch von den Augen abgelesen, ohne dabei in irgendeiner Weise aufdringlich zu wirken. Ganz im Gegenteil. Sie behandelte ihn freundlich und zuvorkommend, wie jeden anderen Gast im diskreten New Forest Hotel. Fast ärgerte ihn das ein wenig, denn einen Alek Sarantos behandelte man nicht wie jeden dahergelaufenen Gast!

Er stellte einen unterschwelligen Ehrgeiz bei ihr fest, ihren Job gut zu machen, und fühlte sich an seine Vergangenheit erinnert. Auch er hatte einmal gekellnert. Damals, als er auf der untersten Sprosse der Leiter angefangen hatte. Fast rund um die Uhr hatte er gearbeitet, um die Schrecken der Vergangenheit zu vergessen. Auf dem Weg zum Erfolg hatte er so manche Lektion gelernt. Zum Beispiel hatte er seine Auffassung korrigieren müssen, dass Erfolg die Lösung all seiner Probleme darstellte …

Diese Erkenntnis war Alek gerade dann gekommen, als er alles erreicht hatte, was er sich vorgenommen hatte. Er hatte die oberste Sprosse der Leiter erklommen und es zu immensem Reichtum gebracht. Manchmal hatte er den Eindruck, je mehr Geld er wohltätigen Zwecken spendete, desto größer wurde sein Vermögen.

Doch etwas beunruhigte ihn. Immer wieder stellte er sich in der letzten Zeit die Frage, ob das alles gewesen war. Oder hielt das Leben noch eine Überraschung für ihn bereit?

„Kann ich noch etwas für Sie tun, Mr Sarantos?“, fragte Ellie.

Die melodische Stimme der Kellnerin wirkte wie Balsam auf seine Seele. „Vielleicht.“ Er hob den Blick hinauf zum Himmel, als suchte er Hilfe bei einer himmlischen Macht. Eine unendliche Zahl von Sternen glitzerte vom nächtlichen Firmament. Morgen muss ich zurück nach London, dachte Alek wehmütig. Eine tiefe Sehnsucht überkam ihn plötzlich. Er sah Ellie in die Augen. „Es ist ja noch früh.“

Ein müdes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Wenn man den ganzen Abend die Gäste bedient hat, fühlt sich halb zwölf nicht früh an.“

„Wahrscheinlich nicht.“ Er versenkte ein Stück Würfelzucker in seinem Kaffee. „Wann machen Sie Feierabend?“

Mit dieser Frage hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. „In ungefähr zehn Minuten“, antwortete Ellie leicht verwundert.

Alek lehnte sich zurück und ließ nachdenklich den Blick über sie gleiten. Ihre anmutigen, leicht sonnengebräunten Beine trösteten mühelos über die billigen Schuhe hinweg, in denen die schlanken Füße steckten.

„Perfekt“, befand er leise. „Die Götter haben ein Einsehen mit uns. Leisten Sie mir doch auf einen Drink Gesellschaft.“

„Das geht nicht.“ Bedauernd zuckte sie die Schultern. „Gäste sind für mich tabu. Ich darf nicht mit ihnen fraternisieren.“

Fraternisieren? dachte Alek irritiert. Was für ein altmodischer Ausdruck!

Doch wenn es um Verbrüderung ging, war Alek sowieso der falsche Ansprechpartner, schließlich hatte er keine Brüder. Und auch sonst hatte er nie jemanden gehabt …

Er hatte sich allein durchs Leben geschlagen, sehr erfolgreich sogar. So sollte es auch bleiben. Nur heute Abend, unter diesem milden Sternenhimmel, sehnte er sich plötzlich nach weiblicher Gesellschaft. „Ich bitte Sie ja nur, ein Glas mit mir zu trinken, poulaki mou“, sagte er leise. „Ganz harmlos. Dagegen kann doch wohl niemand etwas haben. Ich will Sie ja nicht in eine dunkle Ecke zerren und Sie verführen.“

„Trotzdem. Es entspricht nicht den Gepflogenheiten unseres Hauses. Tut mir leid.“

Alek war enttäuscht über die Abfuhr. Gleichzeitig aber auch seltsam erregt. Es war lange her, seit jemand ihn abgewiesen hatte. Sein Ehrgeiz war geweckt. Eigentlich ganz reizvoll, sich mal anzustrengen, dachte Alek und gab daher zu bedenken: „Aber ich reise morgen Abend schon ab.“

Das wusste Ellie bereits. Alle im Hotel wussten Bescheid über Alek Sarantos. Die Ankunft des griechischen Milliardärs eine Woche zuvor im besten Haus in Englands Süden hatte für reichlich Wirbel gesorgt. Einige Tage vor seinem Eintreffen war eine Liste mit Vorlieben und Abneigungen des Griechen eingegangen und das Personal war instruiert worden, die Liste auswendig zu lernen.

Spiegeleier bevorzugte Mr Sarantos auf beiden Seiten leicht gebräunt. Er trank gern Rotwein, gelegentlich auch mal ein Glas Whisky. Seine sorgfältig in Seidenpapier gepackte Kleidung war schon vor ihm eingetroffen, damit alles bereit lag.

Der Hotelmanager hatte seinem Personal eingeschärft, den anspruchsvollen Gast nur anzusprechen, wenn er offensichtlich einen Wunsch hatte. „Ansonsten lasst ihr ihn in Ruhe. Er soll sich bei uns wie zu Hause fühlen. Es ist eine große Ehre, dass er bei uns abgestiegen ist.“

Ellie, die stolz darauf war, einen der begehrten Ausbildungsplätze in diesem angesehenen Hotel ergattert zu haben, wollte ihre Sache besonders gut machen. Nicht zuletzt, um die Karriereleiter Sprosse für Sprosse empor zu klettern. Ellie hatte fest vor, etwas aus sich zu machen. Sie wollte stark sein – und unabhängig.

Daher hatte sie auf jeden Flirtversuch verzichtet – im Gegensatz zu ihren Kolleginnen, die heimlich ihr Glück bei dem gut aussehenden Milliardär versuchten. Ellie machte sich nichts vor: So ein reicher Playboy käme gar nicht auf die Idee, etwas mit einer kleinen Kellnerin anzufangen.

Aber anschauen durfte sie ihn ja wohl. Einem Mann wie Alek Sarantos begegnete man schließlich nur ein einziges Mal im Leben.

Eigentlich wirkte sein Gesicht eher markant als schön. Die sinnlichen Lippen hatten auch etwas Erbarmungsloses. Pechschwarzes Haar, goldbronzefarbener Teint und dichte schwarze Wimpernkränze um unglaublich blaue Augen zogen die Blicke magnetisch an.

Auch Ellies. Wenn sie Aleks Blick begegnete, spürte sie eine seltsame Verbundenheit, die sie sich einfach nicht erklären konnte, denn schließlich lagen doch Welten zwischen ihr und dem griechischen Milliardär.

Das Gefühl beunruhigte sie auch jetzt. Fest umklammerte sie das Tablett. Es wurde Zeit, ihm eine gute Nacht zu wünschen und Feierabend zu machen.

Doch Alek Sarantos schaute sie erwartungsvoll an. Offensichtlich hoffte er, sie würde es sich anders überlegen. Ellie schwankte. Schließlich erhielt sie nicht jeden Tag eine Einladung, ein Glas mit einem Milliardär zu trinken.

„Es ist schon kurz vor Mitternacht“, sagte sie leise.

„Ich weiß, wie spät es ist“, antwortete er, leicht ungehalten. „Was passiert, wenn Sie bis nach Mitternacht bleiben? Verwandelt sich Ihr Auto in eine Kürbiskutsche?“

Ellie staunte. War das Märchen von Cinderella auch in Griechenland bekannt? Dass er sie als einfache Hotelangestellte ausgerechnet mit der Dienstmagd Cinderella verglich, fand Ellie dagegen weniger erstaunlich …

„Ich besitze kein Auto“, erklärte sie gelassen. „Nur ein Fahrrad.“

Ungläubig musterte er sie. „Sie leben an diesem abgelegenen Ort und haben kein Auto?“

Amüsiert lächelnd nickte sie. „Ein Fahrrad ist in dieser Gegend viel nützlicher.“

„Und wie kommen Sie nach London? Oder an die Küste?“

„In London bin ich eher selten. Außerdem, Sie werden es nicht glauben, aber auch hier fahren Busse und Züge.“

Alek versenkte noch ein Stück Würfelzucker in seinem Kaffee. „Ich war fünfzehn, als ich zum ersten Mal mit einem öffentlichen Transportmittel gefahren bin.“

„Im Ernst?“

Alek nickte. „Kein Zug, kein Bus, kein Flugzeug.“

Ellie wunderte sich. Das hätte sie nicht gedacht. Vielleicht sollte sie ihm mal von ihrem Leben erzählen. Oder vorschlagen, am Morgen eine gemeinsame Busfahrt nach Milmouth-on-Sea zu unternehmen. Oder mit dem Zug zu fahren, heißen Tee aus Pappbechern trinken und die Landschaft vorbeifliegen zu sehen. Das wäre sicher eine Premiere für Alek Sarantos.

Natürlich ging das nicht. Das Hotel würde sie sofort an die Luft setzen, wenn sie etwas mit einem Gast unternähme.

Ihr war rätselhaft, warum er ausgerechnet sie zu einem Drink eingeladen hatte. Die gesellschaftliche Kluft zwischen einem Milliardär und einer Kellnerin konnte ja wohl kaum größer sein.

Wahrscheinlich verliert er sofort das Interesse, sowie ich am Tisch sitze, dachte Ellie. Von den Kollegen am Empfang wusste sie, wie schnell Alek Sarantos der Geduldsfaden riss, wenn etwas nicht auf Anhieb klappte. Beispielsweise der Zugang zum Internet. Da konnte er richtig aus der Haut fahren. Wieso er überhaupt während des Urlaubs arbeiten musste, entzog sich ihrer Kenntnis. Sie selbst würde nicht im Traum daran denken, in der Freizeit auch nur einen Finger zu krümmen.

Plötzlich erinnerte sie sich, was der Hotelmanager ihnen allen noch mit auf den Weg gegeben hatte: „Manchmal suchen einflussreiche Gäste das Gespräch. Dann müsst ihr darauf eingehen.“

Also sah sie Alek in die umwerfend blauen Augen, ignorierte den warnenden Schauer, der ihr über den Rücken lief, und fragte unerschrocken nach: „Wieso haben Sie erst mit fünfzehn Jahren ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt?“

Nachdenklich lehnte Alek sich zurück. Vielleicht sollte er jetzt lieber schnell das Thema wechseln, denn seine Vergangenheit ging niemanden etwas an. Auch nicht die verständnisvolle Ellie.

Er war mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren worden und hatte in unvorstellbarem Luxus gelebt. Glücklich hatte ihn das nicht gemacht.

Der Palast hatte eher einer Festung geglichen, umgeben von hohen Mauern, bewacht von scharfen Hunden. Hier kam keiner rein. Hinaus aber auch nicht. Jeder noch so unbedeutende Bedienstete musste eine gründliche Sicherheitsüberprüfung über sich ergehen lassen. Dafür wurde das Personal mit hohen Gehältern entschädigt, um über das Gebaren des Hausherrn hinwegzusehen. Selbst wenn die Familie Urlaub machte, mussten strengste Sicherheitsstandards aufrechterhalten werden, weil unter allen Umständen zu vermeiden war, dass Details über den Lebenswandel seines Vaters herauskamen. Denn sonst wäre sein Ansehen als Respektsperson zerstört gewesen.

Die besten Sicherheitskräfte wurden eingestellt, um die Familie abzuschirmen. Journalisten und Exgeliebte hatten keine Chance, sich zu nähern. Bei Auslandsaufenthalten wurden Taucher engagiert, die dafür sorgten, dass niemand unter Wasser auf die Jacht gelangen konnte, auf der Alek sich mit seinem Vater aufhielt. Damals war es für den Jungen völlig normal, stets von einem bulligen Leibwächter begleitet zu werden.

Eines Tages hatte er die ständige Abschottung nicht mehr ertragen und war geflohen. Mit fünfzehn Jahren hatte er ein neues Leben begonnen und keinen Kontakt mehr zu seinem Vater gehabt. Vorbei war es mit dem Luxusleben. Die Flucht endete in bitterster Armut. Doch Alek wäre nicht Alek gewesen, wenn er sich nicht schnell hochgearbeitet hätte. Es fühlte sich unglaublich gut an, selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Er war stolz, es allein geschafft zu haben.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass die kleine Kellnerin noch immer auf eine Antwort wartete – ganz geduldig. Sie schien es nicht eilig zu haben, Feierabend zu machen.

Alek lächelte zufrieden und schöpfte neue Hoffnung. „Weil ich auf einer griechischen Insel aufgewachsen bin, auf der keine Züge verkehrten. Auch Busse fuhren nur selten.“

„Klingt idyllisch“, meinte Ellie.

Alek verging das Lächeln. Idyllisch? Nein, eher das genaue Gegenteil. Aber wenn die Leute „griechische Insel“ hörten, dachten sie sofort ans Paradies. Aber auch im Paradies lebten Schlangen. Wenn man hinter die harmlos erscheinenden weißen Fassaden griechischer Häuser blickte, entdeckte man schon mal Horrorszenarien. Alek wusste, wovon er sprach.

„Der Schein trügt“, antwortete er daher. „Wie so oft im Leben.“

„Wenn Sie das sagen.“ Ellie musterte ihn fasziniert. Welches Geheimnis verbarg sich hinter den blauen Augen? „Wohnt Ihre Familie noch auf der Insel?“

Familie? Alek verzog das Gesicht. So würde er die Menschen, bei denen er aufgewachsen war, nicht bezeichnen. Trotzdem musste er den Huren seines Vaters zugutehalten, dass sie sich meistens Mühe gegeben hatten mit ihm. Selbst sie waren besser gewesen als gar keine Mutter. Genauer gesagt, besser als eine Mutter, die sich aus dem Staub gemacht und sich nie wieder bei ihrem Sohn gemeldet hatte.

„Nein, nach dem Tod meines Vaters wurde die Insel verkauft.“

„Eine ganze Insel?“ Ellie staunte.

Der erotische Anblick ihres leicht geöffneten Mundes machte Alek noch heißer. Niedlich, wie naiv die Kleine staunen konnte. Allerdings auch kein Wunder. Sie besaß ja nicht einmal ein Auto. Natürlich war es für sie unvorstellbar, dass jemand eine ganze Insel sein Eigen nennen konnte.

Alek überging die Frage. „Inzwischen haben Sie bestimmt längst Feierabend, oder?“, fragte er hoffnungsvoll. Vielleicht könnte er ja doch noch bei ihr landen. „Dann könnten wir ja doch noch ein Glas zusammen trinken.“

„Ich weiß nicht.“ Ellie hätte zu gern gewusst, wieso er so unnachgiebig war. Eigentlich müsste sie sich geschmeichelt fühlen. Doch instinktiv spürte sie, dass der Mann, dem man jeden Wunsch von den Augen ablas, nicht gewohnt war, auf Widerstand zu stoßen. Offensichtlich machte ihn das umso entschlossener, sie umzustimmen.

„Wovor haben Sie Angst?“, fragte er ungehalten. „Trauen Sie mir nicht zu, mich wie ein Gentleman zu benehmen?“

Was sollte sie dazu sagen, ohne ihn zu beleidigen? Ellie war hin- und hergerissen. Normalerweise hätte sie sich jetzt höflich von dem griechischen Milliardär verabschiedet, hätte sich aufs Fahrrad geschwungen und wäre nach Hause geradelt. Doch irgendetwas hinderte sie daran. War es der Mondschein? Lag es am betörenden Duft der Rosen? An der lauen Nacht?

Ihr letztes Rendezvous, wenn man es denn so bezeichnen konnte, lag über ein Jahr zurück. Seitdem hatte sie fast rund um die Uhr gearbeitet.

Ellie fing seinen fragenden Blick auf. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“

„Dann sollten Sie das jetzt tun. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie haben mich die ganze Woche lang bedient. Jetzt würde ich Sie gern verwöhnen. Wie wär’s mit Schokolade, Aprikosen und Champagner?“

Alek stand auf und wartete ungeduldig auf ihre Reaktion.

„Oh. Gibt es denn was zu feiern?“

Er lachte leise. „Eigentlich nicht. Ich dachte nur, Frauen trinken gern mal ein Glas Champagner – ohne besonderen Anlass.“

„Auf mich trifft das nicht zu. Ich muss niesen, wenn mir die Kohlensäure in die Nase steigt. Außerdem muss ich noch nach Hause radeln. Ich hätte lieber etwas Alkoholfreies.“

„Warum überrascht mich das jetzt nicht?“ Alek lächelte geheimnisvoll. „Setzen Sie sich, ich hole uns etwas.“ Er verschwand in der luxuriösen Ferienvilla, die zur Hotelanlage gehörte.

Widerstrebend nahm Ellie in einem der Korbsessel Platz und hoffte, unbeobachtet von Kollegen und Hotelgästen zu bleiben. Die Folgen wären nicht auszudenken. Unruhig warf sie einen Blick auf die mächtige Eiche, die mitten auf dem Rasen wuchs. In der lauen Brise wiegten sich die Wiesenblumen. Im Hintergrund erhob sich das hell erleuchtete Hotel. Im Speisesaal flackerte noch Kerzenlicht. Die letzten Gäste genossen in aller Ruhe ihren Kaffee. In der Küche widmete das Personal sich dem Abwasch und konnte es kaum erwarten, endlich nach Hause zu kommen. Auf den Hotelzimmern bereiteten die ersten Gäste sich aufs Schlafengehen vor und ließen sich vielleicht noch ein Betthupferl schmecken oder gönnten sich ein Bad zu zweit.

Plötzlich merkte Ellie auf. Hinter dem mächtigen Eichenstamm hatte sie etwas aufblitzen sehen. Instinktiv machte sie sich ganz klein. Bevor sie sich weitere Gedanken darüber machen konnte, tauchte aber schon Alek mit einem Glas Cola in der Hand auf, in der anderen ein Whiskyglas.

„Ich hätte ein Tablett zum Servieren besorgen sollen“, meinte Alek entschuldigend.

Ellie trank einen Schluck. „Dann hätten Sie auch eine Schürze tragen müssen.“

„Leihen Sie mir Ihre?“, fragte er frech. Am liebsten hätte er sie ihr gleich aufgeknotet.

Ihre Wangen glühten. Gut, dass er das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Die Vorstellung, auch nur ein Kleidungsstück abzulegen, erregte sie. Die romantische Atmosphäre könnte sie schwachwerden lassen, befürchtete Ellie. „Ich muss gleich wieder los“, erklärte sie daher schnell.

„Okay. Schmeckt die Cola?“

„Ja, ganz köstlich.“

Lässig setzte er sich in den anderen Korbsessel und streckte die langen Beine aus. „Was tut eine junge Frau von …?“ Fragend zog er die Augenbrauen hoch.

„Ich bin fünfundzwanzig.“

„Fünfundzwanzig …“ Nachdenklich trank er einen Schluck aus dem Whiskyglas. „… in diesem Hotel?“

„Mir gefällt die Arbeit hier.“

„Aber das Hotel liegt doch so abgelegen.“

„Umso besser. Außerdem ist die Ausbildung hier ausgezeichnet. Aus der ganzen Welt kommen Leute her, um eine Lehre zu machen.“

„Und was ist mit Chillen? Tanzen? Freunden?“

Nachdenklich starrte Ellie in ihr Glas. Sollte sie Alek Sarantos erzählen, dass sie gerade dieses Hotel gewählt hatte, um ihre Ruhe zu haben? Es hatte schon genug Chaos in ihrem Leben gegeben. Sie wollte sich ganz auf ihre Ausbildung konzentrieren, denn eines Tages würde sie sich selbstständig machen. Von einem Mann abhängig zu sein, so wie früher ihre Mutter, käme für sie nicht infrage. Sie dachte nicht im Traum daran, sich in hautenge Klamotten zu zwängen und aufzutakeln, um einen reichen Mann abzuschleppen.

„Mich interessiert nur meine Ausbildung“, behauptete Ellie. „Wenn ich sie beendet habe, werde ich mir einen Job im Ausland suchen und Karriere machen. Eines Tages möchte ich selbst Hoteldirektorin sein.“ Herausfordernd schaute sie ihn an. „Nun wissen Sie über mich Bescheid. Jetzt sind Sie dran.“

Normalerweise hätte Alek jetzt das Thema gewechselt, weil er nur ungern von sich erzählte. Doch in Ellies Gesellschaft fühlte er sich so wohl, dass er eine Ausnahme machte. „Ich bin ein Selfmademan.“

„Ach. Aber ich dachte …“

„… ich wäre reich, weil meinem Vater eine Insel gehörte? Nein, von ihm habe ich keinen Cent geerbt.“ Und wenn, hätte ich ihm das Geld ins Gesicht geschleudert. Finster blickte Alek vor sich hin. Dann sah er wieder auf. „Ich habe mir alles selbst erarbeitet.“

„Einfach war das sicher nicht, oder?“

Ihre sanfte Stimme schien ihn zu hypnotisieren. „Ach, für mich war das wie ein Befreiungsschlag, mit der Vergangenheit zu brechen“, gestand er wahrheitsgemäß.

Ellie nickte verständnisvoll. „Und noch einmal ganz von vorn anzufangen“, sagte sie nachdenklich.

„Genau.“ Alek wunderte sich über ihr Einfühlungsvermögen. „Ich allein treffe die Entscheidungen und bin niemandem verantwortlich, außer mir selbst.“

Genau in diesem Moment klingelte sein Handy. Automatisch zog Alek es aus der Tasche und warf einen Blick auf das kleine Display. „Arbeit“, raunte er Ellie zu und fiel dann ins Griechische, bevor er das Telefonat auf Englisch fortführte, sodass Ellie gezwungen war, zuzuhören. Offenbar ging es um ein Millionengeschäft mit den Chinesen. Das fand Ellie sehr spannend. Dann horchte sie auf, als er plötzlich merklich ungehalten wurde und sagte: „Du weißt doch, dass ich Urlaub mache. Ich hielt es aber für angebracht, zuerst mit dem New Yorker Büro zu sprechen.“ Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf der Armlehne herum. „Na schön, das ist natürlich ein Aspekt.“ Er beendete das Gespräch und fing Ellies faszinierten Blick auf.

„Was ist los?“, fragte er kühl.

„Es geht mich nichts an.“

„Schon, aber ich würde trotzdem gern wissen, was Sie gerade gedacht haben.“

Sie stellte ihr Glas auf den Tisch. „Arbeiten Sie eigentlich rund um die Uhr?“

Er lächelte zerknirscht. „Das wollte mein Assistent auch gerade wissen. Dabei mache ich hier Urlaub, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Sonst hätten meine Mitarbeiter mir weiter in den Ohren gelegen, dass ich mal eine Pause brauche.“

„Wieso führen Sie dann hier mitten in der Nacht geschäftliche Gespräche?“

„Diesen Anruf musste ich einfach annehmen.“

„Hätte das nicht bis morgen früh Zeit gehabt?“

„Doch, eigentlich schon.“ Er lächelte kühl. Insgeheim fragte er sich, wieso er ihre neugierigen Fragen überhaupt beantwortete. Taktik, um sie mit seiner Ehrlichkeit weichzumachen?

Normalerweise hätte er sich jegliche Kritik an der Tatsache verbeten, dass er sich nicht entspannen konnte. Aber normalerweise hätte ja auch niemand gewagt, ihn zu kritisieren.

Aber er befand sich eben nicht in seiner gewohnten Umgebung, sondern im Urlaub, genauer gesagt auf der Terrasse seiner Ferienvilla mit einer ganz ungewöhnlichen jungen Frau – Ellie.

Verzückt schaute er sie an und stellte sich vor, wie ihr langes Haar auf seinem Kopfkissen ausgebreitet lag … Wie es sich anfühlen würde, wenn er sie nahm …

In einem Zug trank er das Glas leer und stellte es auf den Tisch. Eigentlich hätte er Ellie jetzt gern an sich gezogen, überlegte es sich aber anders, als er sah, wie sie unsicher ein paar Ponyfransen aus der Stirn schob.

Die unschuldige Geste hatte ihn wohl zur Besinnung gebracht. Plötzlich konnte er gar nicht mehr verstehen, dass er tatsächlich mit dem Gedanken gespielt hatte, Ellie zu verführen. Sie könnte das falsch verstehen, denn sie spielte nicht in seiner Liga.

„Es ist spät geworden“, sagte er. „Wo steht Ihr Fahrrad?“

Die Frage überraschte sie. „Im Fahrradschuppen.“

„Dann kommen Sie! Ich gehe mit Ihnen hinüber.“

Ihre Lippen bebten leicht, als Ellie den Kopf schüttelte. „Das ist nicht nötig. Ich fahre sonst auch allein nach Hause. Außerdem ist es besser, wenn wir nicht zusammen gesehen werden.“

„Trotzdem bestehe ich darauf“, erwiderte er stur.

Wortlos setzte Ellie sich in Bewegung. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie den Rasen überquerten.

Es ist besser so, redete Alek sich ein. Er sollte wirklich die Finger von der unschuldigen kleinen Kellnerin lassen.

Ellie rang sich ein Lächeln ab, als sie das Hotel erreicht hatten. „Ich muss noch meine Tasche holen. Vielen Dank für die Cola. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Ellie.“ Er beugte sich vor, um sie auf die Wangen zu küssen, erwischte jedoch ihren Mund. Ihre Lippen verschmolzen. Sie schmeckte nach süßer Cola und erinnerte ihn an eine Jugend, die er nie erlebt hatte. Instinktiv zog er Ellie an sich und küsste sie leidenschaftlicher.

Ihr lustvolles Stöhnen steigerte seine Leidenschaft ins Unermessliche. Verlangend strich er mit seinen Händen über ihren weichen Körper und drängte Ellie im Schutz der Dunkelheit an eine Wand. Am liebsten hätte er Ellie hier und jetzt genommen, so heiß war er auf sie. Hart drängte er sich an sie, um ihr einen Vorgeschmack zu vermitteln. Aufreizend stimulierte er ihre Nippel und schloss die Augen, drauf und dran, die andere Hand unter den Rock zu schieben, um sich zu vergewissern, dass Ellie bereit für ihn war. Er begehrte sie so sehr, er konnte es kaum erwarten, sich in ihr zu verlieren.

Sein verlangender Kuss entlockte ihr ein leises Stöhnen. Fast hätte Alek in diesem Moment die mühsam aufrechterhaltene Beherrschung verloren. Aber nur fast …

In letzter Sekunde meldete sich sein Verstand zurück. Schwer atmend löste Alek sich von ihr.

„Tut mir leid, das hätte nicht passieren dürfen“, entschuldigte er sich heiser.

Ellie stand da wie ein begossener Pudel. Sie konnte nicht verstehen, warum er aufgehört hatte, als es gerade spannend wurde. Er musste das unglaubliche Knistern zwischen ihnen doch auch gespürt haben. Die Magie … Noch nie zuvor war Ellie so geküsst worden. Sie sehnte sich verzweifelt nach mehr.

„Warum nicht?“, fragte sie enttäuscht.

„Weil ich dir nicht geben kann, was du verdienst. Ich bin der Falsche für dich. Du bist so süß, und ich bin der große böse Wolf.“

„Habe ich denn nicht auch ein Wörtchen mitzureden?“

Alek lächelte finster. „Fahr nach Hause, Ellie, bevor ich es mir anders überlege.“ Ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Gute Nacht.“ Alek wandte sich um und ging davon.

2. KAPITEL

„War das Ihr Freund, mit dem ich Sie gestern Abend zusammen gesehen habe?“

Überrascht wandte Ellie sich um. Es fiel ihr schwer, sich auf die Frage ihres Gastes zu konzentrieren, denn bei dem herrlichen Wetter war das Hotel ausgebucht, und sie hatte seit dem Morgen keine Minute zum Ausruhen gehabt. Hummersalat und Rote Grütze waren schon mittags ausverkauft gewesen und danach hatte der Run auf den Cocktail der Woche eingesetzt – eine hochprozentige Mischung mit fruchtigem Erdbeeraroma.

Inzwischen saß nur noch diese dürre Blondine auf der Terrasse. Ellie hatte ihr gerade das dritte Glas Wein serviert und sehnte sich danach, endlich Feierabend zu machen. Nach einer schlaflosen Nacht konnte sie sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Dabei war doch gar nichts passiert. Vielleicht machte gerade das ihr zu schaffen. Einen einzigen Kuss von einem Mann, von dem sie praktisch Welten trennten, sollte sie wohl nicht so wichtig nehmen. Ein griechischer Milliardär und eine Hotelangestellte in der Ausbildung – daraus konnte nichts werden. Doch Träume waren erlaubt, oder?

Ellie befeuchtete sich die plötzlich trockenen Lippen. Bei der Erinnerung an den leidenschaftlichen Kuss und an Aleks erregende Berührungen wurde ihr heiß. Deutlich hatte sie seine heftige Erregung gespürt, als er sich gestern Nacht an sie gedrängt hatte. Wie frustrierend, als er sich plötzlich von ihr gelöst hatte!

Natürlich wäre es Wahnsinn gewesen, spontan Sex mit einem Mann zu haben, den sie kaum kannte. Ellie konnte es kaum fassen, dass es beinahe dazu gekommen wäre. So ein ungestümes Verhalten sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Lag es an der lauen Sommernacht? Oder hatten die Gene ihrer Mutter sich plötzlich bemerkbar gemacht?

Die Blondine musterte sie sensationslüstern. „Und? War das Ihr Freund?“, wiederholte sie ungeduldig.

„Nein“, antwortete Ellie, nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte.

„Aber Sie haben ihn geküsst.“

Nervös strich Ellie über die fast leere Weinflasche, die sie dann schnell wieder in den Kühler stellte, bevor sie Sie sich unauffällig umschaute. Wenn jemand vom Hotelpersonal sie belauschte, war sie geliefert, denn eine Regel hatte der Hoteldirektor allen unmissverständlich eingehämmert: Mit einem Gast etwas anzufangen, war absolut tabu und führte zur sofortigen Entlassung.

„Tatsächlich?“, fragte sie mit Unschuldsmiene.

„Tun Sie doch nicht so!“ Die Blondine musterte sie kühl. „Ich habe Sie genau gesehen, als ich mir draußen hinter der Eiche eine Zigarette angezündet habe. Ich habe auch beobachtet, wie er Sie zum Hotel begleitet hat. Sehr diskret waren Sie ja nicht gerade.“

Verzweifelt schloss Ellie kurz die Augen. Nun wusste sie, was sie hinter der Eiche aufblitzen gesehen hatte: das Feuerzeug der Blondine. Es war also keine Täuschung gewesen. Alek und sie waren tatsächlich beobachtet worden. Verflixt, was sollte sie nun tun?

Die blonde Frau lächelte wissend. „Ihnen ist schon klar, mit wem Sie sich da eingelassen haben, oder?“

Ja, dachte Ellie. Mit dem fantastischsten Mann, dem ich je begegnet bin. Mit einem Mann, der mich wieder an Märchen glauben lässt. „Sicher.“ Sie versuchte, sich unbeteiligt zu geben. „Er ist …“

„… einer der reichsten Männer der Welt, der sich nur mit Supermodels und reichen Erbinnen abgibt“, erklärte die Blondine ungeduldig. „Ich frage mich, was er von Ihnen wollte.“

Ellie drückte das Kreuz durch. Was fiel der Frau eigentlich ein, sie hier quasi zu verhören und die gleichen Fragen zu stellen, die Ellie die ganze Nacht lang wach gehalten hatten. „Das ist doch völlig unerheblich“, entgegnete sie abweisend.

„Das sehe ich anders.“ Die dürre Blondine lächelte verschlagen. „Er gefällt Ihnen doch, oder?“

„Sonst hätte ich ihn wohl kaum geküsst.“ Ellie verdrehte die Augen. Es war der erste Kuss nach einem Jahr gewesen.

Die blonde Frau trank einen Schluck Wein. „An dem werden Sie sich die Zähne ausbeißen. Man sagt ihm nach, ein Herz aus Stahl zu haben und Frauen schlecht zu behandeln. Was sagen Sie dazu …“ Sie beugte sich vor, um Ellies Namensschild zu lesen. „… Ellie?“

Das geht Sie gar nichts an, hätte Ellie am liebsten geantwortet. Dann fiel ihr ein, dass der Mann, der sie so erregend berührt hatte, die ganze Woche über ein ziemlich fordernder, anstrengender Gast gewesen war.

Doch durch die erotische nächtliche Begegnung war dieser Eindruck verdrängt worden. Eins wusste Ellie nur zu genau: Hätte Alek sich nicht zurückgezogen, wäre sie sein geworden. In ihren Augen war er ein Gentleman, sonst hätte er ihre Bereitwilligkeit ausgenutzt.

Nervös biss sie sich auf die sinnliche Unterlippe. „Die Leute haben einen völlig falschen Eindruck von ihm“, erklärte sie herausfordernd. „Eigentlich ist er ein richtiger Schmusekater.“

„Schmusekater?“ Die Blondine hätte sich fast verschluckt. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“

„Doch. Er ist wirklich süß, und es macht Spaß, mit ihm zusammen zu sein.“

„Soso. Nun, er hat ja schon die ganze Woche über mit Ihnen geflirtet.“

„Eigentlich nicht. Wir haben uns nur unterhalten. Bis …“ Erschrocken biss sie sich auf die Lippe.

„Bis?“, fragte die Frau lauernd.

„Bis er mich gebeten hat, ihm auf einen Drink Gesellschaft zu leisten“, antwortete sie widerstrebend.

„Offensichtlich haben Sie seine Einladung angenommen.“

„Jede andere Frau auf der Welt hätte das auch getan“, rechtfertigte Ellie sich. „Er ist einfach unwiderstehlich“, fügte sie schwärmerisch hinzu.

„Das stimmt. Und küssen tut er wohl auch fantastisch“, murmelte die Blondine.

Geistesabwesend erinnerte Ellie sich an den leidenschaftlichen Kuss, der sie vollkommen überwältigt hatte. „Fantastisch ist gar kein Ausdruck“, raunte sie heiser.

Die Blondine reagierte nicht sofort auf Ellies Äußerung, doch als sie jetzt wieder sprach, lag eine hässliche Note in ihrer Stimme. „Vielleicht sollten Sie wissen, dass er eine Freundin hat, Ellie. Die wartet in London auf ihn, während er sich hier mit Ihnen vergnügt.“

Enttäuscht zuckte Ellie zusammen. In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie naiv sie gewesen war, sich mehr zu erhoffen als einen Kuss. Ein Alek Sarantos konnte es ja nicht ernst meinen mit einer kleinen Kellnerin! Was hatte sie denn erwartet? Dass er sie in seine Welt entführte?

Aus der Traum! dachte Ellie geknickt. Sie hatte sich etwas vorgemacht. Es wurde Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Der unwiderstehliche Alek Sarantos war bereits vergeben. Seine Freundin war bestimmt bildhübsch, gertenschlank und wahnsinnig reich. Wie sollte Ellie Brooks mit ihr konkurrieren?

Verletzt ließ Ellie den Kopf hängen. Hatte Alek schon mal was von Treue gehört? Was fiel ihm ein, ihre Gefühle und die seiner Freundin zu verletzen?

„Eine Freundin hat er nicht erwähnt“, sagte sie trotzig.

„Warum wundert mich das nicht?“ Die Blondine lachte verächtlich.

„Und wenn schon, es ist ja gar nichts passiert“, behauptete Ellie.

„Was Sie sehr bedauern. Oder, Ellie? Sie haben ihn ja sehr leidenschaftlich geküsst.“

Die arme Ellie wäre am liebsten im Boden versunken. Bei der Vorstellung, dass sie dieser Fremden fast eine Sex-Show geliefert hätte, wurde ihr übel.

Warum musste diese grässliche Frau sich in ihr Leben drängen? Ellie hatte genug. Sie wollte nur noch fort. Aber wenn sie der Frau jetzt einfach den Rücken kehrte und verschwand, würde die Blondine vermutlich schnurstracks zum Hoteldirektor laufen und dafür sorgen, dass er seine vertragsbrüchige Auszubildende an die Luft setzte. Dann wäre Ellie ihren geliebten Job los und würde nie die Karriereleiter empor klettern. Und das alles wegen eines einzigen Kusses …

„Hätte ich gewusst, dass er liiert ist, wäre ich niemals …“

„Lassen Sie sich oft mit einem Gast ein?“ Lauernd wartete die Blondine auf Ellies Antwort.

„Nein, nie“, stieß Ellie hervor.

„Nur mit Alek Sarantos.“ Die Frau lachte schrill. „Hat er Ihnen zufälligerweise anvertraut, warum er hier inkognito abgestiegen ist?“

Ellie zögerte. Plötzlich hatte sie Aleks sehnsüchtiges Lächeln vor Augen, als der kleine Junge, dessen blutendes Knie sie versorgt hatte, ihr zutraulich die Arme um den Nacken gelegt hatte. Sie hatte sich so geschmeichelt gefühlt, als Alek sie auf ein Glas eingeladen hatte. Irgendwie hatte sie eine besondere Verbundenheit zu ihm empfunden. Dabei hatte er sie nur als besonderes Betthupferl des Hotels betrachtet. Na warte, dachte sie wütend und kannte plötzlich kein Pardon mehr.

„Er hat hier Tag und Nacht an einem Geschäft mit den Chinesen gearbeitet“, erzählte sie. „Streng geheim, versteht sich. Da seine Mitarbeiter ihn gedrängt haben, sich endlich mal zu erholen, ist er hergekommen. So konnte er unbemerkt trotzdem weiterarbeiten.“

„Interessant.“ Die Blondine tupfte sich die Lippen ab. „Offenbar ist er auch nur ein Mensch. Keine Angst, Ellie“, fügte sie aufgeräumt hinzu. „Von mir erfährt Ihr Boss kein Sterbenswörtchen. Aber ich gebe Ihnen einen Rat mit auf den Weg: Wenn ich Sie wäre, würde ich einen großen Bogen um Alek Sarantos machen. Er ist eine Nummer zu groß für Sie.“

Schon beim Betreten des Konferenzraums spürte Alek, dass irgendetwas nicht stimmte, konnte aber nicht sagen, was es war.

Die Verhandlungen mit den Chinesen liefen gut. Allerdings handelte die chinesische Delegation noch einmal den Preis herunter. Nichtsdestotrotz war Alek zufrieden mit dem Ergebnis, auch wenn die Chinesen offensichtlich meinten, sie hätten ihn übervorteilt. Er wusste, dass er ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht hatte. Die Firma, die er jetzt mit beachtlichem Gewinn an die Asiaten verkaufte, hatte ihn selbst nur einen Bruchteil dessen gekostet.

Doch als sie begannen, den Konferenzsaal zu verlassen, näherte sich die rothaarige Dolmetscherin mit aufreizendem Hüftschwung und schnurrte: „Hallo, Schmusekater.“

Konsterniert musterte Alek die Frau, mit der er im vergangenen Jahr eine kurze Affäre gehabt hatte. Er hatte sogar seinen Freund Murat in Umbrien mit ihr besucht. Der Rotschopf hatte sich wohl mehr erhofft und Rache geschworen, als Alek die Beziehung abrupt beendet hatte. Irgendwann hatten die Drohungen per E-Mail und Handy aber aufgehört. Doch der Blick der Dolmetscherin sprach Bände. Sie war noch immer auf Rache aus.

„Was soll das heißen?“, fragte Alek kühl.

„Das erfährst du aus den Zeitungen, Tiger“, schnurrte sie. „Offenbar hast du dich mit der Falschen eingelassen.“

Damit nicht genug. Als er im Erdgeschoss den Fahrstuhl verließ, schien eine der Empfangsdamen sich bei seinem Anblick das Lachen zu verkneifen!

Was geht hier vor? dachte Alek. Sowie er in sein Büro zurückgekehrt war, rief er seinen Assistenten zu sich. „Können Sie mir mal erklären, was los ist, Vasos?“

„Was soll denn los sein, Chef?“

„Das frage ich Sie! Die Leute benehmen sich mir gegenüber ausgesprochen seltsam.“

„In den Zeitungen wird bereits ausführlich über das Geschäft mit den Chinesen gemutmaßt.“

„Sicher. Was steht noch in den Zeitungen?“

Vasos’ Reaktion sprach Bände. Er schien sogar unterdrückt zu stöhnen.

„Wenn Sie darauf bestehen, Chef, bringe ich Ihnen die Zeitungen.“

Alek nickte, setzte sich an den Schreibtisch und wartete. Zögernd schlug Vasos eine Zeitung auf und zeigte auf einen Artikel.

Aleks Blick fiel auf ein Archivfoto, auf dem er besonders furchteinflößend aussah. Die Schlagzeile lautete: „Ist es Alek Sarantos dieses Mal ernst?“ Dann folgte der Artikel, in dem spekuliert wurde, ob der „gewiefte“ Geschäftsmann bald vom Markt der begehrtesten Junggesellen verschwunden sein würde. Er wäre nämlich bei einer leidenschaftlichen Umarmung mit einer Kellnerin beobachtet worden, nachdem er bei Kerzenlicht auf der Terrasse seines luxuriösen Ferienhauses einen Drink mit ihr genommen hatte. „Ellie Brooks passt nicht in das übliche Beuteschema des Playboys, der es für gewöhnlich auf langbeinige Supermodels und reiche Erbinnen abgesehen hat“, las Alek. Und weiter: „Die kurvige Kellnerin erzählte, sie wäre völlig hin und weg gewesen von dem unwiderstehlichen Milliardär, der ihr verraten hatte, er müsste vor dem nächsten fantastischen Geschäftsabschluss mal durchatmen. Das hat der griechische Geschäftsmann ganz offensichtlich getan. Ellie berichtete weiter, Alek wäre gar nicht so ein hartgesottener Geschäftsmann, sondern hätte Ähnlichkeit mit einem kuscheligen Schmusekater. Vielleicht sollten potenzielle Verhandlungspartner immer ein Schälchen Milch bereithalten“, hieß es weiter in dem Artikel.

Alek sah auf und begegnete Vasos’ beunruhigtem Blick. Nervös lockerte der Assistent seinen Hemdkragen und zuckte entschuldigend die Schultern.

„Tut mir leid, Boss“, sagte er zerknirscht.

„Sie werden den Artikel ja wohl kaum selbst geschrieben haben. Daher brauchen Sie sich auch nicht zu entschuldigen, Vasos.“

Alek zog finster die Brauen zusammen. „Mich würde interessieren, ob hier jemand angerufen hat, um den Wahrheitsgehalt des Artikels zu überprüfen.“

„Nein, danach hat sich hier niemand erkundigt. Offenbar hielten sie das für überflüssig“, vermutete Vasos.

„Was soll das heißen?“, fragte Alek ungehalten.

Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte der Assistent: „Das heißt, jemand hat Sie beobachtet, Boss.“

Wütend zerknüllte Alek die Zeitung und warf sie voller Abscheu in den Papierkorb. Besser gesagt, daneben, was Alek noch wütender machte.

Schuldbewusst fragte er sich, was er sich dabei gedacht hatte, in aller Öffentlichkeit mit einer kleinen Kellnerin zu knutschen. So etwas hatte er noch nie getan. Kein Wunder, dass man sich nun den Mund über ihn zerriss. Sein Privatleben war plötzlich dem grellen Licht der Öffentlichkeit preisgegeben worden. Am schlimmsten aber war, dass er sich so hatte vergessen können und dass er sich so in Ellie geirrt hatte. Niemals hätte er ihr zugetraut, an die Presse zu gehen. Im Gegenteil! Für ihn war Ellie etwas ganz Besonderes gewesen. Ein süßes Ding, bei dem er sich seltsam geborgen gefühlt hatte. Und dann das! Offenbar hatte sie es nur auf Geld abgesehen.

Sein sorgfältig aufgebauter Ruf eines ausgekochten Geschäftsmanns war im Handstreich von einer kurvigen kleinen Blondine zunichtegemacht worden!

Heiße Wut kochte in ihm hoch. Hätte er sich doch nur nicht auf diesen Urlaub eingelassen! Die Entspannungstherapien, für die das Hotel berühmt war, hatten ihm offensichtlich das Hirn vernebelt. Sonst hätte er sich wohl kaum mit einer unbedeutenden kleinen Kellnerin eingelassen.

Wieviel Geld hatte Ellie wohl für ihr Interview bekommen?

Schlechte Laune vermieste ihm den ganzen restlichen Tag. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, einen besonders harten Geschäftsabschluss zu tätigen. Die Welt sollte wissen, dass er ganz bestimmt kein Schmusekater war.

3. KAPITEL

„Tut mir leid, Ellie, aber mir sind die Hände gebunden. Ich muss Sie entlassen.“

Die Worte der Personalchefin verfolgten sie auf dem Weg zum Personalwohnheim. Verzweifelt trat Ellie in die Pedale. Hätten sie nicht einmal eine Ausnahme machen können? Natürlich nicht! Das war zu viel erwartet. Dabei hätten sich die Wogen ganz sicher schnell wieder geglättet. Spätestens beim nächsten Skandal, über den die Gazetten genüsslich berichten würden.

Noch hatte Ellie nicht richtig begriffen, dass sie nun tatsächlich bald auf der Straße stand. Immerhin erhielt sie noch ein Monatsgehalt. Ihr Zimmer durfte sie auch noch vier Wochen lang behalten.

„Wir sind ja keine Unmenschen“, hatte die Personalchefin versichert. „Sie müssen das Zimmer im Wohnheim erst in vier Wochen räumen. Leider haben Sie sich den Falschen für Ihr kleines Techtelmechtel ausgesucht. Wäre Alek Sarantos ein völlig unbedeutender Mann, hätte die Öffentlichkeit sich gar nicht dafür interessiert, und wir hätten stillschweigend darüber hinweggehen können. Aber so hatten wir keine andere Wahl. Wie Sie wissen, hat Mr Sarantos sich über Ihren Mangel an Diskretion beschwert, Ellie. Es ist wirklich sehr schade, dass wir Sie entlassen müssen. Sie waren eine unserer besten Auszubildenden.“

Fast hätte Ellie die Personalchefin getröstet, weil es der sichtlich schwerfiel, Ellie zu entlassen. Sie sah ein, dass es unter den gegebenen Umständen keine andere Lösung gab. Unfassbar, aber sie hatte sich die Entlassung tatsächlich selbst zuzuschreiben. Wie hatte sie nur so dumm sein können, sich mit einem der Gäste einzulassen und auch noch darüber zu reden – ausgerechnet mit einer Journalistin? Okay, sie hatte nicht gewusst, dass die dürre Blondine für ein Boulevardblatt schrieb – aber trotzdem. Hätte sie doch nur ihren Mund gehalten, dann wäre sie vielleicht noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Über Alek Sarantos zu reden, hatte ihr den Hals gebrochen.

Wütend auf sich selbst trat Ellie heftiger in die Pedale. Den Gerüchten nach war Alek Sarantos stinksauer gewesen. Das Telefon sollte geradezu geglüht haben, nachdem er sich bei der Hotelleitung über ihre Indiskretion beschwert hatte.

Sie warf einen schnellen Blick auf den schwarzen Himmel. Das Gewitter würde jeden Moment losbrechen. Mit etwas Glück schaffte sie es noch ins Personalwohnheim, bevor die ersten Regentropfen fielen.

Tatsächlich hatte sie gerade das Fahrrad an einem der dafür vorgesehenen Metallständer angeschlossen und die Haustür aufgestoßen, als ein Blitz über den schwarzen Himmel zuckte.

Schnell verschwand Ellie im Haus. Einen Monat lang bot es ihr noch ein Dach über dem Kopf. Ein Monat blieb ihr, sich einen neuen Job zu suchen. Ein schier aussichtsloses Unterfangen bei der hohen Arbeitslosigkeit. Wer würde ihr nach dieser Geschichte noch eine Chance geben?

Ellie zuckte zusammen, als es direkt über dem Haus krachend donnerte. Eilig schloss sie die Tür zu ihrem kleinen Apartment auf und trat ein. Niedergeschlagen schleppte sie sich in die winzige Küche und setzte Wasser auf.

Was soll ich jetzt nur tun? dachte sie verzweifelt, während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte.

Geistesabwesend starrte sie auf die Poster von Paris, New York und Athen, die sie aufgehängt hatte, um die kahlen Wände zu verzieren. Schon lange träumte sie davon, diese faszinierenden Metropolen zu besuchen, wenn sie erst einmal Karriere in der Hotelbranche gemacht hatte. Diesen Traum konnte sie nun wohl begraben.

Siedendheiß fiel ihr ein, dass sie nicht mal ein Zeugnis erhalten hatte. Sie musste unbedingt versuchen, eins zu bekommen, das ihre Qualitäten lobend erwähnte. Ein Zeugnis von einem der besten Hotels in England könnte ihr vielleicht bei der Jobsuche helfen. Vorausgesetzt, der Entlassungsgrund wurde nicht erwähnt. Dann nämlich bekäme sie nirgends auf der Welt wieder einen Job in der Hotelbranche.

Das Schrillen der Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Sofort schöpfte Ellie neue Hoffnung. Stand womöglich der Hoteldirektor vor der Tür? Gab er ihr eine zweite Chance, obwohl die Personalchefin sie entlassen hatte? Vielleicht sah er großzügig über ihren Fehler hinweg, weil er es sich eigentlich nicht leisten konnte, eine so gute Mitarbeiterin zu verlieren.

Nervös strich sie sich übers regenfeuchte Haar, riss die Tür auf, lief den Korridor entlang und zog die Haustür auf. Schockiert stellte sie fest, dass es nicht der Hoteldirektor war, der sie hier aufsuchte.

Verwirrt kniff Ellie die Augen zu und riss sie wieder auf. Nein, es handelte sich nicht um eine Fata Morgana. Alek Sarantos stand leibhaftig vor ihr und musterte sie mit finsterem Blick. Einige Regentropfen glitzerten in seinem schwarzen Haar. Ellie hatte ganz vergessen, wie blau Aleks Augen waren. Und das Glitzern in diesen Augen war höchst beunruhigend …

Was in aller Welt tut er hier? überlegte sie konsterniert. Gleichzeitig reagierte ihr Körper lustvoll auf diesen unwiderstehlichen Mann. Ihre Brüste wurden schwer, als sehnten sie sich danach, liebkost zu werden. Ellie wurde heiß.

„Hallo, Mr Sarantos“, stieß sie aus alter Gewohnheit hervor.

Diese Anrede trug ihr ein zynisches Lächeln ein.

„Wenn ich mich recht erinnere, waren wir schon beim Du, Ellie“, antwortete er mit gefährlich sanfter Stimme.

Nervös schaute Ellie ihn an. Halt suchend umklammerte sie den Türgriff. Im nächsten Moment donnerte es so heftig, dass das Haus in seinen Grundfesten zu erbeben schien.

„Was … was tust du hier?“, fragte sie leise.

„Kannst du dir das wirklich nicht denken?“ Vielsagend schaute er sie an.

„Willst du mir deine Schadenfreude zeigen, weil ich deinetwegen meinen Job verloren habe?“, fragte sie verbittert.

„Meinetwegen? Nein, Ellie, das hast du dir ganz allein zuzuschreiben. Willst du mich nicht hineinbitten?“

Warum sollte ich? dachte Ellie. Was hielt sie davon ab, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen? Er würde sie ja wohl kaum eintreten, oder? Andererseits hätte sie zu gern gewusst, weshalb Alek Sarantos hier aufgetaucht war. Außerdem hatte sie sowieso gerade nichts zu tun. Da konnte sie ebenso gut einen Kaffee mit ihm trinken. Das Wasser musste inzwischen ja schon heiß sein. Und die Jobsuche konnte noch einen Tag warten.

„Also gut. Komm herein!“, sagte sie gnädig, wandte sich um und ging voran. Sie hörte, wie er die Haustür schloss und folgte.

Erst als Alek in ihrem Zimmer stand, fragte sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, ihn an der Tür abzuweisen. Der große Mann wirkte völlig fehl am Platz in dem kleinen Raum!

Langsam bekam Ellie es mit der Angst zu tun. So groß und dominant hatte sie ihn gar nicht in Erinnerung. Was wollte dieser Mann von ihr?

Ihr erregter Körper kannte die Antwort. Plötzlich spürte Ellie das unwiderstehliche Verlangen, Alek zu küssen.

Doch das schrille Pfeifen des Wasserkessels ernüchterte sie. Das Wasser musste schon eine Weile gekocht haben, denn der Wasserdampf hatte die kleine Wohnung in eine Sauna verwandelt. Unwohl rieb Ellie sich den feuchten Rücken. Bluse und Jeans klebten geradezu auf dem Körper, wie Ellie entsetzt feststellte. Um sich abzulenken, schaute sie Alek unerschrocken in die saphirblauen Augen. „Was willst du denn nun eigentlich hier?“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort. Seine ursprüngliche Wut hatte sich in Schock verwandelt, als er das winzige Apartment betreten hatte. Es wirkte sauber und aufgeräumt, aber auch seltsam neutral. Auf der Fensterbank entdeckte er die obligatorische Zimmerpflanze. Nur die Poster an den Wänden verliehen dem Zimmer eine halbwegs persönliche Note.

Sein Blick blieb auf dem schmalen Bett hängen. Viel zu schmal, dachte er, spürte jedoch Verlangen bei der Vorstellung, es mit Ellie zu teilen. Schnell wandte er sich ab. Die Behausung erinnerte ihn an seine eigene Vergangenheit. Er war jünger gewesen als Ellie jetzt, hatte praktisch von der Hand in den Mund gelebt und in den grässlichsten Absteigen übernachtet. Irgendwie war es ihm trotzdem gelungen, Geld zu sparen. Langsam, aber sicher hatte er sich aus dem Elend emporgearbeitet und eines Tages ein eigenes Dach über dem Kopf gehabt.

Alek fing Ellies Blick auf und erinnerte sich an die heftige Reaktion seines Körpers auf dieses Mädchen. Er musste ja wohl von Sinnen gewesen sein!

Wäre er Ellie zufällig auf der Straße begegnet, er hätte keinen zweiten Blick an sie verschwendet. Sie wirkte so … durchschnittlich. Die Jeans, die sie trug, war nicht gerade schmeichelhaft, und ihre Bluse auch nicht. Aber ihre Augen glänzten wie flüssiges Silber. Lockige Strähnchen hatten sich aus dem blonden Pferdeschwanz gelöst und wirkten im Licht der Deckenlampe fast wie ein Heiligenschein.

Ein Heiligenschein. Verächtlich verzog Alek den Mund. Er konnte sich kaum eine weniger engelhafte Person vorstellen als Ellie!

„Du hast deine Geschichte an die Presse verkauft“, sagte er vorwurfsvoll.

„Das ist nicht wahr. Ich habe keinen einzigen Penny bekommen“, widersprach sie.

„Willst du etwa behaupten, die Journalistin besitzt hellseherische Fähigkeiten?“ Ungläubig musterte er sie.

„Das habe ich nicht gesagt.“ Ellie schüttelte den Kopf. „Die Frau hatte sich hinter dem Stamm der Eiche versteckt und uns beobachtet.“

„Dann war das also sorgfältig geplant?“ Alek war fassungslos.

„Natürlich nicht!“ Wütend funkelte Ellie ihn an. „Glaubst du wirklich, ich hätte es darauf angelegt, entlassen zu werden? So ein Unsinn!“

Ungläubig zog Alek die Brauen hoch. „Soll das heißen, die Journalistin war rein zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort?“

„Genau. Sie war Gast im Hotel. Am Tag darauf hat sie mir ein Gespräch aufgezwängt und mich ausgequetscht. Ich hatte keine andere Wahl, als ihr zu erzählen, was geschehen war“, rechtfertigte Ellie sich.

„Selbstverständlich hattest du eine Wahl!“ Wütend funkelte Alek sie an. „‚Kein Kommentar.‘ Mehr hättest du nicht zu sagen brauchen. Stattdessen hast du mich als Schmusekater bezeichnet und so meinen Ruf als hartgesottenen Geschäftsmann befleckt. Zur Krönung hast du dann auch noch den Inhalt meiner Telefongespräche ausgeplaudert. Wie konntest du mir das antun?“

„Du hast mich nicht zur Geheimhaltung verpflichtet, sondern ganz offen in meiner Gegenwart telefoniert.“

„Du hattest kein Recht, dich mit jemandem darüber zu unterhalten“, fuhr er sie wütend an.

„Und wer gibt dir das Recht, mich hier zu überfallen und mir Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern?“ Erbost stützte Ellie die Hände in die Hüften.

„Darum geht es hier gar nicht. Hättest du jetzt bitte die Güte, meine Frage zu beantworten, Ellie?“

Nach kurzem Schweigen atmete Ellie tief durch. „Also gut. Die Journalistin hat mir erzählt, du wärst liiert.“

„Und das hat dir das Recht gegeben, über mich zu tratschen? Dir muss doch klar gewesen sein, dass die Journalistin nichts Eiligeres zu tun haben würde, als dein Gebrabbel zu veröffentlichen.“

„So ein Unsinn! Ich wusste doch überhaupt nicht, dass sie Journalistin ist.“

„Soll das heißen, dass du mit jedem über die Hotelgäste klatschst?“

„Dreh mir doch nicht die Worte im Mund herum! Ebenso gut könnte ich dich fragen, ob du sexsüchtig bist. Oder wieso baggerst du jede Frau an, die nicht bei drei auf dem Baum ist?“ Ellie hatte langsam genug von seinen Unterstellungen und teilte jetzt ihrerseits aus.

Alek atmete tief durch. „Ich bin nicht liiert. Hätte ich eine Freundin, hätte ich dich wohl kaum geküsst. Treue ist für mich die wichtigste Tugend. Für dich scheint sie allerdings ein Fremdwort zu sein“, fügte er wütend hinzu und maß sie mit eisigem Blick.

Unwillkürlich fröstelte Ellie. Okay, sie hatte einen Fehler gemacht. Aber es lag keine böse Absicht darin. Keinesfalls war sie darauf aus gewesen, Aleks untadeligen Ruf zu zerstören. „Zugegeben, ich hätte meinen Mund halten sollen. Habe ich aber nicht. Deshalb hast du dafür gesorgt, dass ich meinen Job verliere. Dann sind wir jetzt quitt, oder?“

Er hielt ihren Blick fest. „Noch nicht ganz, Ellie.“

Ein ahnungsvoller Schauer lief ihr über den Rücken. Aleks Blick beunruhigte sie. Seine Körpersprache verriet, was Alek vorhatte. Nein, darauf wollte sie sich nicht einlassen! Spätestens jetzt hätte sie ihn hinauskomplimentieren müssen. Doch sie hatte schlaflose Nächte damit verbracht, sich vorzustellen, wie es wäre, mit Alek Sarantos zu schlafen.

Noch nie zuvor hatte sie einen Mann so sehr begehrt wie diesen unwiderstehlichen Griechen. Sie bebte am ganzen Körper, als Alek sie nun an sich zog – gegen seinen Willen, wie es schien.

Das konnte Ellie nicht gutheißen. Was bildet er sich eigentlich ein? überlegte sie wütend und wollte sich aus seinem Griff befreien. Gleichzeitig sehnte sie sich aber danach, Alek wieder zu küssen. Fast hatte es den Anschein, als gäbe es keine andere Möglichkeit.

Tatsächlich presste Alek schon im nächsten Moment einen harten Kuss auf Ellies bebende Lippen. Doch statt diesen Mann wegzustoßen, schmiegte sie sich an ihn und erwiderte verlangend seinen Kuss. Die Erde schien stillzustehen. Die aufgestaute Wut auf ihn brach sich Bahn in diesem Kuss. Ellie wollte Alek bestrafen. Seinetwegen hatte sie schlaflose Nächte verbracht. Seinetwegen hatte sie ihren geliebten Job verloren.

Das erregte Stöhnen aus ihrem Mund machte Alek vollkommen wild. Er wollte ihr die Jeans vom Leib zerren und … Er wollte Ellie. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle.

Sie wollten es beide. Danach war sein Verlangen, diese Frau zu besitzen, hoffentlich gestillt und er konnte sie schnell vergessen.

Widerstrebend hob Alek schließlich den Kopf und schaute in ihre silbern schimmernden Augen. „Ich will dich“, stieß er rau hervor und rechnete mit einer Abfuhr. Verstanden hätte er sie, und selbstverständlich hätte er Ellie zu nichts gezwungen. Wie gebannt schaute er ihr in die Augen, die plötzlich ganz dunkel und einladend schienen. Ellies Lippen bebten erwartungsvoll.

„Ich will dich auch“, wisperte sie heiser.

Darauf hatte Alek nur gewartet. Leidenschaftlich zog er sie fester an sich und küsste sie halb um den Verstand, bis sie beide völlig außer Atem waren.

Mit vor Erregung bebenden Händen knöpfte Alek ihre Bluse auf und betrachtete bewundernd die herrlichen Brüste. Unwillkürlich fiel er in seine griechische Muttersprache. Dann sagte er leise: „Deine Brüste sind unglaublich schön.“

„Findest du?“, hauchte sie erregt.

„Genau so, wie ich sie mir erträumt hatte.“

„Du hast von meinen Brüsten geträumt?“, fragte sie ungläubig.

„Jede Nacht“, gab er zu, liebkoste ihre Brüste mit den Händen, beugte sich dann hinunter und küsste sie – fast andächtig.

Ellie umfasste seinen harten Po mit festem Griff, als wollte sie Alek ungeduldig auffordern, endlich zur Sache zu kommen.

Alek stöhnte und küsste sie erneut mit wilder Leidenschaft. Als Ellie sich schließlich fordernd an ihn drängte, zog er ihr das Gummiband aus dem Haar und schob begierig die Hände durch die blonde Lockenpracht. Wie natürlich Ellie aussah! Üppig. Sinnlich. Sie sieht aus wie … eine Frau, dachte Alek voller Verlangen. Warm und weich.

Mit zitternden Händen zog Alek sie aus. Dann legte er Ellie behutsam auf das schmale Bett und entledigte sich seiner eigenen Kleidung, ohne dabei auch nur für einen Moment den Blickkontakt mit ihr zu lösen. Wieder zitterten seine Hände, als er nun in seiner Brieftasche nach einem Kondom suchte. Als er eines fand, streifte Alek es so ungeschickt über, als wäre es das erste Mal …

Dann legte er sich auf Ellie und strich ihr bebend das lockige Haar aus dem Gesicht. Als Alek in sie eindrang, kam ein wilder Laut über seine Lippen.

Dann bewegte er sich in ihr. Es fühlte sich himmlisch an. Der Himmel auf Erden. Verzweifelt versuchte er, seine unbändige Lust zu zügeln, dachte an Firmenübernahmen und andere Projekte, um nicht sofort in ihr zu kommen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bevor er die lustvolle Reaktion von Ellies Körper wahrnehmen konnte.

Ellie bog sich ihm ekstatisch entgegen und … fing an zu weinen. Alek konnte sich nicht mehr zurückhalten. Die salzigen Tränen auf ihrer Wange erschreckten ihn, doch es war zu spät, um jetzt aufzuhören. Draußen tobte das Unwetter mit Donner und Blitzen. Der Regen schlug prasselnd gegen die Fensterscheibe. Und Alek erlebte den intensivsten Höhepunkt seines Lebens.

4. KAPITEL

Ellie drehte das Türschild auf GESCHLOSSEN und begann, die Auslage der Konditorei von Krümeln, Zuckergussresten und Rosinen zu befreien. Sie räumte auf, fegte den Boden und hängte ihre Rüschenschürze an den Haken. Dann brach sie in Tränen aus. Sie wollten einfach nicht versiegen. Immer wieder fragte Ellie sich verzweifelt, wie in aller Welt ihr das hatte passieren können. Ihr Leben hatte sich in einen Albtraum verwandelt.

Natürlich hatte sie Glück gehabt, so schnell nach ihrer Entlassung aus dem Hotel den Job in der Konditorei zu bekommen, zu dem auch eine kleine Wohnung gehörte. Die Inhaberin Bridget Brody hatte Ellie mit offenen Armen empfangen. Dafür war Ellie ihr sehr dankbar. Allerdings kreisten ihre Gedanken seit einiger Zeit um eine Tatsache, die sich nicht ignorieren ließ.

Mit letzter Kraft schleppte Ellie sich die steile Treppe zu der kleinen Wohnung über dem Geschäft hinauf und erschrak, als ihr Blick in den Spiegel fiel. Die leichte Sonnenbräune, die sie im Hotelgarten bekommen hatte, war ungesunder Blässe gewichen. Die Brüste wogen schwer, obwohl sie so viel abgenommen hatte, dass ihre Kleidung mindestens eine Nummer zu groß war. Morgendliche Übelkeit quälte sie seit Wochen. Erst um die Mittagszeit beruhigte sich ihr Magen. Dann konnte sie eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Das Geld für den Test hätte sie sich eigentlich sparen können. Ellie hatte auch so gewusst, was mit ihr los war: Sie erwartete ein Baby von Alek Sarantos. Und sie hatte keine Ahnung, wie sie mit der Situation umgehen sollte.

Müde ließ sie sich in einen Sessel fallen und blickte starr vor sich hin. Eigentlich gab es nur eine Möglichkeit: Alek musste informiert werden – leider.

Schnöde hatte er sich aus ihrem Leben geschlichen. Kein Wort hatte sie mehr von ihm gehört. Trotzdem musste sie sich bei ihm melden, wenn sie verhindern wollte, dass ihr Kind ohne Vater aufwuchs – wie es ihr selbst geschehen war. Ihr ganzes bisheriges Leben hatte sie sich nach ihrem Vater gesehnt, dem Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Dieses Schicksal musste sie ihrem eigenen Kind unbedingt ersparen. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich mit Alek Sarantos in Verbindung zu setzen, so schwer ihr dieser Schritt auch fiel. Der griechische Milliardär hatte sich nach dem Liebesakt sofort zurückgezogen und war spurlos verschwunden.

Für Ellie war es der beste Sex ihres Lebens gewesen, aber Alek hatte es wohl anders erlebt. Sie hatte das Gefühl gehabt zu schweben, schwerelos – ein Zustand, den sie bis zur letzten Sekunde auskostete. Sie war Alek so nahe gewesen, hatte sich wie seine Seelenverwandte gefühlt. Doch ganz offensichtlich war ihm dieser Zauber verborgen geblieben.

Enttäuscht hatte sie so getan, als wäre sie furchtbar müde geworden. Heimlich hatte sie durch bebende Wimpern beobachtet, wie er seine Sachen zusammensuchte und sich anzog. Sorgfältig mied er ihren Blick – die Augen eisblau.

Nach kurzem Suchen fand Alek den Wagenschlüssel und riskierte nun doch einen Blick in Ellies Richtung. „Das war unglaublich“, sagte er.

Ein freudiges Strahlen erhellte Ellies Gesicht, verflog jedoch bei Aleks nächsten Worten.

„Aber ein großer Fehler. Das hätte niemals passieren dürfen.“ Er streifte sie mit einem flüchtigen Blick. „Tschüss, Ellie. Mach’s gut.“

Im nächsten Moment war er verschwunden, und eine untröstliche Ellie sah ihm nach. Lange lag sie reglos im zerwühlten Bett. Die Regentropfen, die ans Fenster prasselten, erinnerten sie an die Tränen, die sie während des Liebesspiels vergossen hatte. Die Gefühle hatten sie einfach überwältigt, weil alles perfekt gewesen war. Zum ersten Mal hatte sie sich richtig eins mit einem Mann gefühlt. Alek hatte ihr das Gefühl vermittelt, einzigartig zu sein. Ob er diesen Eindruck bei jeder Frau hinterließ, mit der er geschlafen hatte? Vermutlich.

Schließlich war Ellie aufgestanden und hatte geduscht und geduscht. Aleks Duft ließ sich fortwaschen, doch sein Gesicht blieb ihr unauslöschlich in Erinnerung.

Seit diesem denkwürdigen Tag musste sie immer wieder an Alek denken, jeden Tag, jede Nacht. Die Hoffnung, die Erinnerung würde bald verblassen, zerstob, als Ellies Regel ausblieb und morgendliche Übelkeit zur Gewohnheit wurde. Langsam, aber sicher musste Ellie handeln. Es hatte keinen Sinn, das Gespräch mit Alek weiter vor sich her zu schieben.

Entschlossen fuhr sie den Rechner hoch und tippte „Sarantos Enterprises“ in das Suchfeld. Staunend stellte sie gleich darauf fest, dass Aleks Unternehmen rund um den Erdball vertreten war. Mit etwas Glück hielt er sich vielleicht noch in London auf. Sie ging auf die Homepage der Londoner Niederlassung und fand unter „Aktuelles“ einen Eintrag, dem sie entnahm, dass der Boss am Vorabend einen Fachvortrag in London gehalten hatte.

Nach kurzer Überlegung entschied Ellie, gleich zum Bürogebäude zu fahren, in dem Alek sich vermutlich noch aufhielt. Selbst wenn sie die Adresse seiner Privatunterkunft in London gewusst hätte, wäre sie zuerst in sein Büro gefahren. Immerhin wusste sie, dass Alek seine Arbeit sehr ernst nahm. Sicher blieb er oft bis spät am Abend im Büro.

Nach einer ermüdenden Fahrt in der unerträglich stickigen U-Bahn stand sie einige Zeit später tatsächlich vor dem beeindruckenden hypermodernen Bürogebäude von „Sarantos Enterprises“, das unweit der Paulskathedrale gelegen war.

Zögernd betrat sie die riesige Empfangshalle. Viele Mitarbeiter verließen gerade das Gebäude, um ihr Feierabendbier in den umliegenden Pubs zu genießen. Es war herrlich kühl hier. Mutig wandte Ellie sich der eleganten jungen Empfangsdame zu, die sie bereits misstrauisch beäugte. In letzter Sekunde machte sie dann jedoch einen Schwenk zur Seite und ließ sich in einen Ledersessel sinken.

Wie aus dem Nichts tauchte ein Sicherheitsoffizier vor ihr auf. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Mann freundlich.

Ellie schob sich den Pony aus der Stirn und rang sich ein Lächeln ab. „Ich warte auf meinen … Freund.“

„Darf ich fragen, wie er heißt?“

Sollte sie mit der Wahrheit herausrücken? Wieso eigentlich nicht? Schließlich würde der Sohn oder die Tochter in ihrem Bauch vielleicht eines Tages hier Firmenchef sein. Beziehungsweise Firmenchefin. Ellie atmete tief durch. „Er heißt Alek Sarantos“, antwortete sie laut und deutlich.

Der Mann musterte sie misstrauisch, nickte dann aber. „Ich sage oben Bescheid, dass Sie da sind“, sagte er freundlich und ging hinüber zum Empfangstresen.

Jetzt wurde es ihr doch etwas mulmig zumute. Wenn Alek hörte, wer hier unten auf ihn wartete, würde er sie garantiert an die Luft setzen lassen. Ellie überlegte, ob sie nicht doch schnell freiwillig wieder verschwinden sollte. Aber damit war weder ihr noch dem Kind geholfen, das sie von Alek erwartete.

Ihr Kind sollte es einmal besser haben als sie und nicht gezwungen sein, sich in Kleiderkammern der Kirche einzukleiden. Schließlich war sein Vater Milliardär, und in entsprechendem Wohlstand sollte ihr Kind aufwachsen.

„Ellie?“

Eine unverkennbare tiefe Stimme mit ausgeprägtem griechischem Akzent drang durch Ellies Überlegungen. Überraschung und Abweisung schwangen in dem Tonfall mit.

Langsam erhob sie sich und rang sich ein zaghaftes Lächeln ab. Ein Blick auf Alek genügte. Schon flackerte heißes Verlangen in ihr auf. Und das, obwohl er sie so abweisend musterte. Ellie war machtlos gegen ihre Gefühle. Verzweifelt versuchte sie, auf ihren Verstand zu hören. „Hallo, Alek“, sagte sie leise.

Keine Reaktion. Oder vielleicht doch: Sein Blick wurde noch eisiger. „Was tust du hier?“, fragte er ungehalten.

Der Sicherheitsoffizier wurde sehr wachsam. Wahrscheinlich bereitete er sich darauf vor, Ellie an die frische Luft zu setzen.

Was würde wohl passieren, wenn sie unverblümt mit der Wahrheit herausrückte, etwa so: „Ich erwarte ein Baby von dir, Alek. Du wirst Vater.“ Vielleicht würde er dann nicht mehr ganz so eisig dreinblicken. Vielleicht aber sogar noch frostiger. Das wollte sie lieber nicht riskieren. Jedenfalls nicht, wenn es um etwas so Wichtiges ging wie ihr Baby. Sie wusste ja, wie heftig Alek reagieren konnte, wenn er sich angegriffen oder schlecht behandelt fühlte.

Ellie fasste einen Entschluss. Sie musste Alek überreden, unter vier Augen mit ihr zu sprechen – ohne den furchteinflößenden Sicherheitsoffizier, der nur drauf wartete, sie nach draußen zu befördern.

Ruhig begegnete sie Aleks Blick. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich gern unter vier Augen sprechen“, sagte sie mit fester Stimme.

Ihr Blick, ihre Haltung sprachen Bände. Alek ahnte, was sie ihm zu sagen hatte. Das Herz wurde ihm schwer. Vielleicht war es auch der Schock, sie hier so unvermutet in der Empfangshalle seines Londoner Firmensitzes zu sehen. Obwohl Schock kaum das richtige Wort war. Wie oft hatte er in den vergangenen Wochen mit dem Gedanken gespielt, sie wiederzusehen? Der Sex mit Ellie war unglaublich gewesen. Warum sollte es keine Wiederholung geben? Aber so einfach war das natürlich nicht.

Es war nicht allein der Sex gewesen, sondern auch dieses ungewohnte Gefühl der Geborgenheit danach … Es hatte ihn überwältigt, ihm aber auch Angst gemacht. Plötzlich hatte er das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen. Genau dieses Gefühl setzte ihm jetzt wieder zu.

Alek straffte sich. Möglicherweise täuschte er sich ja, und Ellie hatte ihn aus einem ganz anderen Grund aufgesucht. Vielleicht sehnte sie sich einfach nach ihm. Andererseits deutete Ellies Gelassenheit darauf hin, dass sie einen Trumpf im Ärmel versteckt hatte. Nein, Ellie musste einen wichtigen Grund haben, ihn hier aufzusuchen. Sie war zu stolz, um ihm nachzulaufen und um Sex zu betteln.

Alek sah sie forschend an. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, und sie hatte stark abgenommen. Er ballte die Hände zu Fäusten, hin- und hergerissen zwischen Ärger und Selbstvorwürfen. Doch er musste sie anhören. Er musste herausfinden, ob es sich wirklich um das handelte, was er befürchtete. „Gut, dann komm!“, sagte er knapp. „Wir unterhalten uns in meinem Büro. Da sind wir ungestört.“

„Okay.“ Ellie folgte ihm in den Fahrstuhl. Schweigend fuhren sie in die oberste Etage. Dort durchquerten sie das Vorzimmer.

Alek warf seinem Assistenten Vasos einen strengen Blick zu. „Keine Gespräche, bis ich mich wieder melde“, ordnete er an.

„In Ordnung, Chef.“

Höflich ließ Alek ihr den Vortritt in sein edles Büro mit Blick auf die Londoner Skyline. Ellie wirkte hier völlig fehl am Platz in ihrem geblümten Kleid. Trotzdem hatte sie etwas an sich, das erneut heiße Lust in ihm weckte. Am liebsten hätte er sie sofort auf dem weichen Ledersofa in der Besucherecke verführt.

Beschämt riss er sich zusammen. „Setz dich!“

„Das wird nicht nötig sein“, entgegnete sie. Es war nicht zu übersehen, wie unwohl sie sich in dieser Umgebung fühlte. „Du möchtest sicher wissen, wieso ich hier plötzlich aufgetaucht bin“, vermutete sie.

„Ich weiß es bereits“, antwortete er ausdruckslos. „Du bist schwanger.“

Schwankend suchte Ellie Halt an der Schreibtischkante. Widerstrebend eilte Alek herbei, fing Ellie auf und führte sie zu einem Sessel. „Nun setz dich schon“, wiederholte er, sichtlich ungeduldig.

„Nein.“

„Doch! Ich habe keine Lust, dich vom Boden aufzuheben, wenn du ohnmächtig wirst.“ Behutsam drückte er sie in den Sessel. Dann ließ er sie schnell los. Er brauchte Ellie nur zu berühren, schon durchströmte ihn unbändige Lust. Wütend auf sich selbst wandte er sich ab und nahm sich vor, Ellie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Er wollte sie vergessen! Dabei ahnte er, dass ihm das nicht so leicht gelingen würde. Schon gar nicht unter den gegebenen Umständen.

„Vasos?“, rief Alek mit lauter Stimme.

Beflissen eilte sein Assistent herbei. „Ja, Chef?“ Neugierig betrachtete er die im Sessel kauernde Ellie, bevor er sich wieder seinem Vorgesetzten widmete.

„Holen Sie ein Glas Wasser!“, kommandierte Alek. „Sofort, wenn ich bitten darf.“

Sekunden später kehrte Vasos mit dem Glas zurück. „Kann ich sonst noch etwas tun, Chef?“

„Nein, das ist alles.“ Alek nahm ihm das Glas ab. „Sie können wieder gehen. Wir wollen ungestört sein. Keine Anrufe!“

Sowie Vasos die Bürotür von draußen geschlossen hatte, setzte Alek das Glas an Ellies trockene Lippen.

Misstrauisch sah sie auf. Misstrauisch – oder verängstigt. Wie das junge Kätzchen, das er als Kind mal von der Straße gerettet hatte. Alek hatte sich rührend um das von Flöhen zerbissene Tier gekümmert, es in dem Mausoleum seines Vaters heimlich wieder aufgepäppelt. Darauf war er noch heute stolz. Leider hatte sein Vater es entdeckt und dann … und dann …

Die Kehle wurde ihm trocken bei der Erinnerung. Wieso tauchte sie ausgerechnet jetzt aus den Tiefen seines Gedächtnisses auf?

„Nun trink schon! Es ist nur Wasser, kein Gift“, herrschte er sie an.

Trotzig sah sie auf. „Pech für dich, oder?“

Er ignorierte die unbedachte Bemerkung, sah Ellie nur betont geduldig an und wartete, bis sie das Wasser ausgetrunken und wieder etwas Farbe bekommen hatte. Dann nahm er ihr das Glas ab und stellte es auf den Schreibtisch. Mit verschränkten Armen baute Alek sich vor der Fensterfront auf und sah hinaus.

„Dann erzähl mal, was du auf dem Herzen hast“, forderte er Ellie auf und wandte sich wieder um.

Ellie hob den Kopf. Sie fühlte sich schon wieder besser. Sie durfte sich von Aleks einschüchterndem Blick einfach nicht beirren lassen und musste ganz sachlich und ohne Emotionen mit ihm reden.

„Ich mache es kurz“, sagte sie. „Wir bekommen ein Baby.“

„Wir?“, fragte er scharf. „Vielleicht erinnerst du dich, dass ich ein Kondom benutzt habe.“

Verlegen senkte Ellie den Blick. Es war ihr peinlich, hier in dieser Umgebung über Verhütung zu diskutieren. Aber es musste wohl sein. Sie dachte gar nicht daran, sich von Alek einschüchtern zu lassen, zumal er nicht unbeteiligt an ihrem Zustand war. Sie erwartete, dass er die Verantwortung übernehmen würde.

„Sicher erinnere ich mich“, entgegnete sie leise. „Ich weiß aber auch, dass die Dinger keinen hundertprozentigen Schutz bieten.“

„Hier spricht die Expertin“, witzelte er und musterte sie verächtlich. „Vielleicht hast du schon versucht, bei anderen Männern mit der Geschichte zu landen. Wie viele Kandidaten gibt es denn? Wie viele Männer kommen als Vater des Babys infrage?“

Wütend ballte Ellie die Hände zu Fäusten. Wie gemein! Vergeblich versuchte sie aufzustehen. Die Beine versagten ihr den Dienst. Das war auch gut so, denn jetzt davon zu laufen, wäre ein großer Fehler gewesen.

„Nur du“, erklärte sie wütend. „Im Gegensatz zu dir bin ich ja nicht sexsüchtig. Ich verbitte mir deine gemeinen Unterstellungen. Und deine schlechte Laune brauchst du auch nicht gerade an mir auszulassen. Deshalb bin ich nicht gekommen.“

„Warum dann? Willst du Geld?“

„Geld?“

„Du hast mich richtig verstanden.“

Ellie wurde noch wütender. Keine schlechte Sache, denn so konnte sie sich auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs konzentrieren. Wie eine Löwin wollte sie kämpfen – nicht für sich, sondern für ihr ungeborenes Baby. Das war ihr jetzt das Wichtigste auf der Welt. Sie zwang sich zur Ruhe. Mit Vorwürfen und endlosem Lamentieren würde sie bei Alek nichts erreichen. Sachlichkeit war gefragt.

„Ich bin hergekommen, um dir mitzuteilen, was Sache ist. Ich finde, du hast das Recht, Bescheid zu wissen. Unser Liebesspiel ist nicht folgenlos geblieben.“

Liebesspiel? Wie romantisch. Zynisch verzog Alek das Gesicht. „Ich hätte es fair gefunden, wenn du mich telefonisch vorgewarnt hättest, statt hier unangemeldet aufzutauchen.“

„Ach, wirklich?“ Sie musterte ihn kühl. „Du hast mir ja wohlweislich nicht einmal deine Telefonnummer gegeben. Und selbst wenn, hättest du dich vermutlich verleugnen lassen.“

Alek musste zugeben, dass Ellies Vermutung richtig war. Er hätte Vasos vorgeschoben. Außerdem hätte er verlangt, dass Ellie ihr Anliegen per E-Mail mitteilte. Die Frauen in seinem Leben wurden sorgfältig auf Distanz gehalten. Doch Ellie hatte alle Hindernisse einfach überwunden. Das hatte keine Frau vor ihr gewagt. Unerhört, mir nichts, dir nichts hier aufzutauchen!

Egal, das spielte plötzlich keine Rolle – im Gegensatz zu der Tatsache, die Ellie ihm gerade unverblümt mitgeteilt hatte. Dieser Tatsache musste er nun ins Auge sehen. Aber erst, nachdem er sicher sein konnte, dass er wirklich als Vater in Betracht kam. Also stellte er die Kardinalfrage: „Woher soll ich wissen, dass das Kind wirklich von mir ist?“

„Meinst du, ich hätte mir sonst die Mühe gemacht, dich aufzusuchen?“

Das überzeugte ihn natürlich nicht. Alek nahm sich vor, einen Vaterschaftstest zu verlangen, sowie das Baby geboren war. Instinktiv wusste er jedoch, dass er der Vater war. Seltsam, aber etwas in Ellies Blick verriet ihm, dass sie die Wahrheit sagte.

Ich sitze in der Falle, dachte Alek, leicht panisch. Wie damals im Mausoleum seines Vaters, in dem er so viele Jahre eingesperrt gewesen war.

Alek schüttelte den Kopf, als wollte er so die schrecklichen Erinnerungen verscheuchen. Leise fragte er noch einmal: „Was willst du von mir?“

Ellie hielt seinen Blick fest. „Ich will, dass du mich heiratest.“

5. KAPITEL

Alek musterte sie aus halb geschlossenen Augen. „Und wenn nicht? Erzählst du deine Geschichte dann wieder brühwarm dieser grässlichen Journalistin? Das wäre ein echter Knüller, oder? ‚Griechischer Milliardär sieht Vaterfreuden entgegen.‘ Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir.“

Ellie ließ sich nicht provozieren. Ihr wäre nicht im Traum eingefallen, sich an die Presse zu wenden. Was dachte Alek Sarantos nur von ihr?

Sie fühlte sich alles andere als wohl in dieser minimalistischen Büroatmosphäre. Die Klimaanlage lief auf vollen Touren, und Ellie begann zu frösteln.

Die Frauen, die vorhin das moderne Gebäude verlassen hatten, waren alle elegant gekleidet gewesen und liefen so sicher auf High Heels durch die Gegend, als wären sie mit hohen Absätzen zur Welt gekommen. Mit diesen Frauen umgab Alek sich tagtäglich. Ich passe nicht hierher, dachte Ellie niedergeschlagen. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper. Weder sie noch das Baby hatten einen Platz in Aleks Welt. Irgendwann würde er eine standesgemäße Schönheit heiraten und mit ihr Kinder haben, die ihn beerben würden, während das Baby, das er mit einer unbedeutenden Kellnerin gezeugt hatte, leer ausginge.

Einmal ein ungewolltes Kind, immer ein ungewolltes Kind. Das wusste Ellie aus eigener Erfahrung leider nur zu gut. Ihr eigener Vater hatte nichts von ihr wissen wollen. Dieses Schicksal musste sie ihrem Kind unter allen Umständen ersparen!

Hier ging es nicht um sie. Also schluckte sie ihren Stolz hinunter. Wenn es um ihr ungeborenes Kind ging, kannte sie kein Pardon.

„Keine Angst, ich werde dich nicht erpressen. Die Geschichte mit der Journalistin habe ich dir erklärt. Es war nie meine Absicht, dir zu schaden. Daran hat sich nichts geändert. Ich will nur, dass du mich heiratest.“

„Ist das alles?“ Alek grinste zynisch. „Darf ich fragen, warum?“

„Das liegt doch wohl auf der Hand“, antwortete Ellie schnippisch. „Weil du so charmant bist und so fürsorglich und …“

„Und?“

Sie atmete tief durch und ließ die Katze aus dem Sack. „Weil unser Baby in gesicherten Verhältnissen aufwachsen soll.“

„Dazu müssen wir doch nicht heiraten“, entgegnete er kühl. „Sollte sich herausstellen, dass ich tatsächlich der Vater bin, übernehme ich selbstverständlich die Verantwortung. Du bekommst von mir Geld und ein Haus.“ Er verdrehte die Augen. „Meinetwegen auch Schmuck, wenn dir das wichtig ist.“

Schmuck? Hält er mich wirklich für so oberflächlich? Ellie ärgerte sich. „Ist es nicht. Mir geht es nicht allein ums Geld.“

„Worum dann?“ Alek lachte sarkastisch. „Frauen geht es doch immer ums Geld.“

Geistesabwesend rieb sie sich die Stirn. „Unser Kind soll seine Wurzeln kennen. Es soll wissen, wohin es gehört. Das ist mir wichtig. Und ich will, dass unser Kind den Namen seines Vaters trägt.“

Ein Schatten huschte über Aleks Gesicht. „Bist du sicher? Willst du wirklich, dass mein Name mit dem deines Babys assoziiert wird?“

„Du sprichst in Rätseln, Alek. Was meinst du denn damit?“

„Ach, schon gut.“ Seine Miene wurde unnahbar. Heiraten? Er? Niemals! Auch wenn er die Vergangenheit weit hinter sich gelassen hatte, streckte sie ihre Fangarme doch immer wieder nach ihm aus. Immer dann, wenn er es am wenigsten gebrauchen konnte. Noch heute wachte er manchmal schweißgebadet aus Albträumen auf, die ihn seit seiner Kindheit quälten. Die Ehe seiner Eltern war für ihn wie ein Mal, das sich nicht entfernen ließ. Es hatte sein Leben vergiftet.

Alek presste die Lippen zusammen. Nein, eine Ehe kam für ihn nicht infrage. Niemals!

Seine geschäftliche Erfolgsstory war kein Geheimnis, sein Privatleben schon. Der Privatmensch Alek Sarantos ging niemanden etwas an. Deshalb war er ja so wütend auf Ellie gewesen. Nicht nur, weil sie seinen Ruf als hartgesottener Geschäftsmann geschädigt hatte, sondern vor allem, weil sie sein Vertrauen missbraucht hatte.

„Ich weiß nicht, ob ich zum Ehemann tauge, Ellie“, gab er zu bedenken. „Frag meine Exfreundinnen! Die Liste meiner Fehler ist lang. Ich bin egoistisch, intolerant, ich arbeite zu viel und langweile mich schnell – besonders mit Frauen.“ Provozierend musterte er sie. „Soll ich fortfahren?“

Ellie schüttelte den Kopf so heftig, dass ihr Pferdeschwanz hin- und herschwang. „Ich spreche von einer Ehe, die nur auf dem Papier besteht und nach einer bestimmten Zeit wieder geschieden wird“, erklärte Ellie ruhig.

Alek musterte sie erstaunt. „Wieso denn das?“

„Es geht mir nur um mein Baby. Es soll nicht unehelich zur Welt kommen – so wie ich. Aber ich denke nicht daran, mit einem Mann zusammenzuleben, der mich nicht leiden kann. Das ist ja wohl verständlich, oder?“ Herausfordernd sah sie ihn an.

„Wenn du es so siehst …“

„Genau so sehe ich es, Alek.“

„Aber der Sex war fantastisch“, murmelte er vor sich hin.

Ja, das war er allerdings gewesen. Bei der Erinnerung wurde ihr sofort heiß. Am Anfang war Alek wütend auf sie gewesen, hatte sie hart, fast zu hart geküsst. Doch schon bald hatte Wut wilder Leidenschaft Platz gemacht. Mit Alek zu schlafen war überwältigend gewesen, einzigartig. Besonders die Vertrautheit zwischen ihnen hatte sie überrascht. Ob Alek sie auch gespürt hatte? Oder machte sie sich etwas vor?

„Das spielt jetzt keine Rolle mehr“, sagte sie nachdenklich. „Jetzt geht es einzig und allein um das Baby.“

Alek verzog das Gesicht. „Also gut. Dann erzähl mir mal, wie du dir das vorgestellt hast.“

Jetzt, da sie fast am Ziel war, wurde ihr schwindlig. Verzweifelt riss Ellie sich zusammen. Sie musste jetzt stark sein und sich durchsetzen. Die Vorstellung, Alek in ihrem Leben zu wissen, erfüllte sie zwar nicht gerade mit übersprudelnder Freude, aber wenigstens wäre sie nicht auf sich allein gestellt.

„Wir heiraten standesamtlich, ohne viel Tamtam. Du willst sicher einen Ehevertrag aufsetzen lassen. Ich habe nichts dagegen.“

„Wie großzügig“, warf er höhnisch ein.

„Wir brauchen nicht einmal unter einem Dach zu wohnen. Du erkennst die Vaterschaft an und zahlst Unterhalt. Du gibst dem Baby deinen Namen. Außerdem ist es erbberechtigt.“ Ganz geheuer war es ihr nicht, so kühl und unbeteiligt darüber zu sprechen. Vor Wochen hatte ihre Karriere im Mittelpunkt gestanden. Plötzlich ging es um Vaterschaft, Heirat, Erbberechtigung … Erneut wurde es Ellie schwindlig, doch sie hielt durch. „Gleich nach der Geburt lassen wir uns wieder scheiden. Das ist doch fair, oder?“

„Fair?“ Alek lachte abfällig. „Erwartest du wirklich, dass ich den Wohltäter spiele und dich und das Baby an meinem Vermögen teilhaben lasse?“

„Mach dir keine Sorgen! So viel Geld verlange ich gar nicht“, beruhigte sie ihn.

„Das macht die Leute bestimmt misstrauisch“, gab er zu bedenken. „Sie werden sich fragen, warum wir nicht zusammenleben und warum ich einen Bogen um die Mutter meines Kindes mache.“

„So wie du auf die Nachricht reagiert hast, musst du doch froh sein, dass du nichts mit mir zu tun haben brauchst.“

„Du solltest keine voreiligen Schlüsse ziehen, Ellie. Den Fehler hast du schon einmal gemacht.“ Finster musterte er sie. „Du kennst mich doch gar nicht. Sonst hättest du mich wohl kaum als Schmusekater bezeichnet.“

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Da hast du allerdings recht. Diese Meinung habe ich schnell geändert.“

„Gut.“ Langsam ließ er den Blick über sie gleiten und – fast widerstrebend – auf ihrem Bauch ruhen. „Ich habe es nicht darauf angelegt, dich zu schwängern, Ellie. Und schon gar nicht, dich zu heiraten. Aber wenn das die Karten sind, die das Schicksal mir zugeteilt hat, dann werde ich auch mit ihnen spielen müssen. Und wenn ich spiele, dann nur, um zu gewinnen.“

Nervös schob sie sich den Pony aus der Stirn. „Das klingt wie eine Drohung.“

„Ist es aber nicht. Du solltest dir vielleicht erst mal meine Bedingungen anhören.“

Für Alek war es überhaupt keine Frage, zu seinem Kind zu stehen – wenn es denn seins war. Er war durchaus bereit, Opfer zu bringen. Es kam nicht infrage, die gleichen Fehler zu machen wie seine Eltern damals. Er hatte keine Wahl: Er musste Ellie heiraten. Es war besser, sie an seiner Seite zu wissen, dann konnte sie wenigstens keinen Unsinn machen und sein Kind im Stich lassen. Nein, er würde sein Kind beschützen!

Sein Herz zog sich schmerzvoll zusammen. „Wenn du meinen Ring an deinem Finger tragen willst, dann musst du dich auch wie meine Ehefrau benehmen und bei mir wohnen.“

„Ich habe doch gesagt, dass das keine …“

„Das interessiert mich nicht“, fuhr er ungehalten dazwischen. „Wenn wir schon heiraten, dann richtig und mit allen Konsequenzen. Wir werden die Hochzeit des Jahres feiern.“

„Wie meinst du das?“, fragte sie verblüfft.

„Kannst du dir das wirklich nicht vorstellen?“ Ungeduldig verdrehte er die Augen. „Du trägst ein weißes Brautkleid, schaust mir tief in die Augen und spielst allen die bis über beide Ohren verliebte Braut vor. Schaffst du das, Ellie?“

Sprachlos schaute sie ihn an. Das war nicht sein Ernst, oder? „Das wäre ja die reinste Farce“, stieß sie schließlich hervor.

„Nein, keine Farce. Aber alle sollen glauben, wir wären wahnsinnig verliebt und überglücklich.“

„Wozu soll das gut sein, Alek? Eine standesamtliche Trauung nur für uns wäre doch eher angebracht, oder?“

Er atmete tief durch. „Ich möchte, dass unser Kind eines Tages unsere Hochzeitsbilder betrachtet und sich über das glückliche Brautpaar freut. Auch wenn wir uns später wieder scheiden lassen, soll unser Kind wenigstens in dem Glauben aufwachsen, dass wir uns mal geliebt haben.“

„Aber das ist doch gelogen.“ Ellie protestierte.

„Das klingt zu drastisch. Ich würde es lieber als Illusion bezeichnen“, antwortete er verbittert. „Ist das ganze Leben nicht eine einzige Illusion? Die Leute sehen nur, was andere ihnen vormachen. Ich möchte nicht, dass meinem Kind wehgetan wird. Es soll glauben, dass seine Eltern einander geliebt haben.“ Ein tiefer Schmerz verzerrte sein Gesicht.

Bestürzt musterte sie Alek. Was musste der arme Mann durchgemacht haben?

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