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JULIA EXTRA BAND 409

SHARON KENDRICK

Im Bann des griechischen Milliardärs

Beim Fotoshooting in Venedig mit dem schönen Model Jessica wird dem Schmuck-Milliardär Loukas Sarantos klar: Auch wenn Jessica ihn damals verlassen hat – er begehrt sie noch immer wahnsinnig …

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„Ich bin schwanger. Es war unsere letzte Nacht.“ Fassungslos hört Leo das leise Geständnis seiner Exgeliebten Margo. Natürlich wird er sie heiraten! Aber ein Leben ohne Liebe scheint ein hoher Preis …

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Im Bann des griechischen Milliardärs

1. KAPITEL

Irgendetwas war anders. Jessica merkte es, als sie das Gebäude betrat. Erwartungsvolle Aufregung hing in der Luft, die Vorboten von Veränderung. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Die meisten Menschen mochten keine Veränderungen, und sie gehörte definitiv dazu.

Oberflächlich betrachtet war in der Zentrale der Ladenkette von exklusiven Juweliergeschäften alles wie immer. Dieselben tiefen Sofas, dieselben funkelnden Kristalllüster, dieselben Hochglanzfotos von erlesenen Schmuckstücken auf dunklem Samt. Poster von schönen Frauen, die verträumt auf Verlobungsringe schauten, ihre sündhaft attraktiven Bräutigame lächelnd hinter ihnen. Es gab sogar ein Poster mit ihr, auf dem sie eine elegante Platinuhr am Handgelenk trug. Jeder, der dieses Poster sah, würde sofort annehmen, dass die dort abgebildete Frau mit der sportlichen Bluse und dem Pferdeschwanz ihr Leben unter Kontrolle hatte.

Ironisch verzog sie die Lippen. Wer immer behauptete, die Kamera log nicht, irrte gewaltig.

Ein prüfender Blick auf ihre hellen Lederstiefel, die die Reise von Cornwall bis hierher tatsächlich unbeschadet ohne Schnee- oder Schmutzränder überstanden hatten, dann trat sie an den Empfang.

Jessica blinzelte verblüfft. Die Rezeptionistin trug eine Bluse, die großzügig Dekolleté zeigte. Auch meinte sie, Möbelpolitur zu riechen, und selbst das Rosenbouquet auf dem blitzblanken Glastisch kam ihr heute irgendwie besonders frisch vor.

„Hi, Suzy.“ Jessica schnupperte an einer der Blüten. So schön die Rosen waren, sie rochen nach nichts. „Ich habe um drei einen Termin.“

Suzy sah auf ihren Bildschirm. „Richtig. Schön, dich mal wieder hier zu sehen, Jessica.“

„Schön, wieder hier zu sein.“ Nun, so ganz stimmte das nicht. Das Landleben hatte sie völlig eingenommen, sie kam nur nach London, wenn es absolut nötig war. Und heute war das wohl der Fall. Man hatte sie herzitiert – per E-Mail, die rätselhaft und eher verwirrend denn klärend gewesen war. Daher hatte sie also Jeans und Wollpullover gegen elegante Garderobe ausgetauscht und stand nun hier an der Rezeption, das kühle Lächeln auf dem Gesicht, das allgemein von ihr erwartet wurde. Und wenn sie bedrückt war, weil Hannah abgereist war … nun, sie würde damit umgehen müssen. Sie war schon mit viel Schlimmerem fertiggeworden.

Sie schnippte einen Regentropfen von ihrem Mantel und senkte die Stimme. „Du weißt nicht zufälligerweise, was los ist? Wieso man mich hergeholt, obwohl ich erst im Frühsommer für das nächste Shooting gebucht bin?“

Suzy sah sich verschwörerisch um, ob auch niemand mithörte. „Um genau zu sein … zufälligerweise weiß ich es.“ Sie machte eine dramatische Pause. „Wir haben einen neuen Chef.“

Jessicas Lächeln saß fest an seinem Platz. „Wirklich? Davon weiß ich ja gar nichts.“

„Oh, es sollte auch niemand davon erfahren. Große Übernahme, aber alles ganz still und heimlich. Der neue Eigentümer ist Grieche. Sehr griechisch – ein Playboy, wie er im Buche steht.“ Suzys Augen verdunkelten sich ein wenig. „Sehr gefährlich.“

Jessica fröstelte. Albern. Nur weil die Worte „Grieche“ und „griechisch“ gefallen waren. Geradezu erbärmlich. „Du meinst, kühn und verwegen?“

Suzy schüttelte die kurzen roten Locken. „Nein, ich meine strotzend vor Sexappeal – und das weiß er auch.“ Ein Lämpchen an der Sprechanlage begann zu blinken, Suzy drückte mit einem perfekt manikürten Fingernagel auf einen Knopf. „Aber das kannst du jetzt selbst herausfinden.“

Im Lift auf der Fahrt nach oben zum Penthouse-Büro dachte Jessica, dass sie Suzy gern ihren Platz überlassen hätte. Denn bei ihr war der neue Chef völlig verschwendet. Ganz gleich, wie sexy er auch sein mochte. Sie hatte Männer getroffen, denen das Testosteron aus jeder Pore troff. Sie hatte sich auch bereits die Finger verbrannt …

Nachdenklich starrte sie auf ihr Konterfei in dem getönten Spiegel der Aufzugskabine. Eigentlich war es nur ein Mann gewesen, und verbrannt hatte sie sich überall, Herz und Seele mit eingeschlossen. Als Konsequenz hielt sie sich heute fern von gefährlichen Männern und allem, was dazugehörte.

Der Aufzug hielt, die Türen glitten auf. Sofort fiel Jessica auf, dass die Atmosphäre hier oben auch anders war. Mehr frische Blumen, dafür absolute Stille. Eigentlich hätte sie eine Art Begrüßungskomitee erwartet, zumindest den Vorzimmerdrachen, der das Allerheiligste bewachte, doch nichts dergleichen.

Sie sah sich um. Die Tür zum Chefzimmer stand offen. Ein Blick auf ihre Uhr sagte ihr, dass es Punkt drei war. Und jetzt? Ging sie einfach hinein und kündigte sich selbst an? Oder wartete sie hier, bis sie hereingebeten wurde? Unsicher blieb sie stehen … Und dann ertönte eine Stimme, die ihr rau und samten zugleich über die Haut strich.

„Steh da nicht so herum, Jess. Komm herein, ich habe bereits auf dich gewartet.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Zuerst glaubte sie, ihre Fantasie würde ihr einen Streich spielen. Nein, unmöglich, er konnte es nicht sein. Sie sagte sich, dass alle mediterranen Stimmen ähnlich klangen, dass sie unmöglich eine Stimme erkennen konnte, die sie seit Jahren nicht gehört hatte. Doch sobald sie das geräumige Büro betrat, blieb sie wie vom Donner gerührt stehen, als sie den Mann hinter dem großen Schreibtisch erblickte.

Er war es. Loukas Sarantos. Die Londoner Skyline in seinem Rücken, die langen Beine unter dem Schreibtisch ausgestreckt, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, wirkte er wie der Herrscher der Welt. Verwundert bemerkte sie seinen teuren Maßanzug, und ihre Verwirrung wuchs. Loukas war Leibwächter. Einer der besten. Aber Leibwächter blieben im Hintergrund, durften nicht auffallen. Was hatte er hier zu suchen? Noch dazu in diesem Aufzug?

Der Mann konnte andere mit einem Blick aus seinen glühenden schwarzen Augen einschüchtern. Einen Mann wie ihn hatte sie nie zuvor getroffen, und wahrscheinlich würde sie so jemanden auch nie wieder treffen. Er hatte sie sich Dinge wünschen lassen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie wollte. Und dann hatte er ihr diese Wünsche erfüllt und sie dazu gebracht, sich nach mehr davon zu sehnen. Der Mann war der personifizierte Ärger, das wusste sie. Sie nahm sich vor, bei seinem Anblick völlig ungerührt zu bleiben …

Reines Wunschdenken.

Er lehnte sich in den schwarzen Ledersessel zurück. Sein dichtes Haar hatte genau dieselbe Farbe. In dem schmalen Lächeln, das um seine Lippen spielte, war keine Spur von Humor zu entdecken. Kühl musterte er sie von oben bis unten, und für einen Augenblick fürchtete Jessica tatsächlich, sie würde in Ohnmacht fallen. Vielleicht wäre das sogar der perfekte Ausweg, dann kämen andere Menschen in den Raum, Sanitäter, um ihr zu helfen, und damit wäre seine Präsenz zumindest ein wenig abgeschwächt.

Aber sie hatte lange Erfahrung damit, ihre Gefühle nicht zu zeigen, und von ein bisschen Schwindel würde sie sich diese Fähigkeit nicht rauben lassen. Scheinbar gleichgültig sah sie sich um. „Wo ist denn die Assistentin, die normalerweise im Vorzimmer sitzt?“

Ärger huschte flüchtig über seine Züge. „Acht Jahre“, er lehnte sich vor, „acht Jahren haben wir uns nicht gesehen, und alles, was dir einfällt, ist eine banale Frage nach dem Personal?“

Seine Selbstsicherheit regte sie ebenso auf wie seine unerwartete Anwesenheit hier. Die frühere Dreistigkeit schien er abgelegt zu haben, zusammen mit speckiger Lederjacke und Jeans. Trotzdem … auch der Maßanzug konnte die sinnliche Sexualität, die er ausstrahlte, nicht schmälern, und ihr Unterleib schien zu pulsieren. Sie erinnerte sich an seine heißen Lippen auf ihrem Mund, an seine Ungeduld, wenn er ihr den knappen Tennisrock noch höher geschoben hatte und …

„Was machst du hier?“ Sie klang lange nicht so gelassen, wie sie es sich wünschte, und fragte sich, ob es ihm aufgefallen war.

„Warum legst du nicht den Mantel ab und nimmst Platz? Du bist blass.“

Zu gern hätte sie dankend abgelehnt, aber der Schock des Wiedersehens hatte sie wirklich mitgenommen. Inzwischen glaubte sie auch nicht mehr, dass eine Ohnmacht eine so gute Idee wäre, läge sie dann doch in der Horizontalen, und Loukas würde sich über sie beugen.

So ließ sie sich auf dem Stuhl nieder, auf den er zeigte. „Es ist ja auch eine Überraschung“, sagte sie leichthin.

„Das kann ich nachvollziehen. Sag, Jess, was war das für ein Gefühl, in den Raum zu kommen und mich hier zu sehen?“

Elegant hob sie eine Schulter. „Nun, es wird wohl eine Erklärung geben.“

„Eine Erklärung für was?“

„Dass du da sitzt, als ob …“

Das schmale Lächeln erschien wieder auf seinem Gesicht. „Als ob mir hier alles gehört?“

Sie schluckte. Wie arrogant er klang. „Genau.“

„Dem ist so, weil mir hier alles gehört.“ Plötzlich flammte Ungeduld in ihm auf. „Ich habe die Firma gekauft, Jess. Ich habe gedacht, das wäre offensichtlich. Mir gehört jetzt jeder Lulu-Laden, in sämtlichen Städten, an jedem Flughafen und auf jedem Kreuzfahrtschiff auf der Welt.“

Sie versuchte, unbeteiligt zu klingen „Ich wusste nicht …“

„Dass ich reich genug dafür bin?“

„Nun, das auch.“ Sie lächelte, und es fühlte sich an, als würde ihr Gesicht zerreißen. „Oder dass du Interesse an Schmuck und Uhren hast.“

Die Fingerspitzen aneinandergelegt, sah er ihr in die aquamarinblauen Augen. Wie immer saß bei ihr jedes blonde Haar perfekt an seinem Platz. Er erinnerte sich, dass schon damals, selbst nach dem wildesten Sex, ihr Haar immer in einen schimmernden Vorhang zurückgefallen war. Etwas Dunkles, Mysteriöses rann ihm über die Haut. Jessica Cartwright. Die eine Frau, die er nie hatte vergessen können. Die Frau, die ihn halb in den Wahnsinn getrieben hatte.

Er musterte sie von oben bis unten, so wie er alles Schöne, das er erstand, genau studierte.

Klassisch-kühl, das war ihr Stil, und offensichtlich hatte sich daran nichts geändert. Ihre schlanke Figur verriet, dass sie viel Sport trieb. Sie hatte nie etwas für freizügige Kleidung oder viel Make-up übrig gehabt, hatte immer natürlich ausgesehen. Von Anfang an hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt. Bis heute verstand er nicht, wieso. Mit der weißen Bluse, dem strengen Pferdeschwanz und den Perlenohrringen wirkte sie distanziert. Unnahbar. Aber das war alles nur Fassade. Dahinter verbarg sich eine Frau wie jede andere. Eine Frau, die sich selbstsüchtig nahm, was sie wollte, und einen dann wie einen zappelnden Fisch auf dem Trockenen zurückließ.

„Es gibt vieles, was du nicht über mich weißt.“ Und vieles, was sie über ihn erfahren würde.

Sie zuckte mit den Schultern. „Als wir uns zuletzt trafen, hast du als Bodyguard für einen russischen Oligarchen gearbeitet. Wie hieß er noch? Dimitri Makarov, richtig?“

„Richtig, so hieß er.“ Loukas nickte. „Ich war der Mann mit der Waffe unter dem Jackett. Das Muskelpaket.“ Er erinnerte sich gut an die genüsslichen kleinen Laute, die sie von sich gegeben hatte, wenn sie mit den Fingern über seine Muskeln gestrichen hatte. „Allerdings beschloss ich eines Tages, dass ich lieber meinen Kopf benutzen wollte. Das Leben anderer zu beschützen ist meist Garant dafür, dass das eigene drastisch verkürzt wird, ich musste mich um meine Zukunft kümmern. Außerdem sind solche Männer für manche Frauen wenig mehr als Wilde, nicht wahr, Jess?“

Er konnte sehen, wie die Fingerknöchel ihrer Hände, die sie im Schoß hielt, weiß hervortraten. Eine Reaktion, die ihn zutiefst befriedigte. Er wollte, dass sie reagierte, wollte zusehen, wie ihre Distanziertheit schwand und sie sich wand und krümmte.

„Das habe ich nie gesagt.“

„Nein“, stimmte er grimmig zu. „Aber dein Vater hat es gesagt, und du hast einfach nur still und stumm dagestanden. Dein Schweigen war ein lautes Einverständnis. Die kleine Prinzessin, die Daddy immer zustimmt, nicht wahr? Soll ich dir noch ein paar von den anderen Dingen in Erinnerung rufen, die er gesagt hat?“

„Das ist nicht nötig.“ Unwillkürlich griff sie sich an den Hals, spürte ihren rasenden Puls.

„Er nannte mich einen Strolch und Gangster, meinte, ich würde dich mit in die Gosse ziehen, wo ich ja herkomme. Erinnerst du dich nicht, Jess?“

Sie schüttelte den Kopf. „Was nützt es, die Vergangenheit jetzt wieder ans Licht zu zerren? Als Teenager war ich mit dir zusammen, und ja, mein Vater war alles andere als begeistert, als er herausfand, dass wir …“

„Ein Liebespaar waren?“, ergänzte er.

„Ein Liebespaar“, wiederholte sie, als würde das Wort ihr körperliche Schmerzen bereiten. „Aber das ist lange her, es ist nicht mehr wichtig. Ich … nun, ich habe mein Leben weitergeführt, und ich nehme an, du auch.“

Loukas hätte gelacht, würde da nicht kalte Rage in ihm aufschießen. Sie hatte ihn erniedrigt, wie keine andere es je gewagt hatte. Sie hat seine Träume – wenn auch alberne – mit Füßen getreten. Und sie behauptete, es wäre nicht mehr wichtig? Er würde ihr das Gegenteil beweisen, würde ihr zeigen, dass es einen immer einholte, wenn man einen anderen Menschen betrog.

Er nahm den goldenen Füller auf, ließ ihn zwischen den Fingern wandern. „Du hast recht, statt über die Vergangenheit nachzudenken, sollten wir uns auf die Gegenwart konzentrieren … die Zukunft. Besser gesagt, auf deine Zukunft.“

So unmerklich es auch war, er konnte sehen, wie sie zusammenzuckte. Ahnte sie, was kam? Ihr musste klar sein, dass jeder in seiner Position ihr leicht kündigen konnte. „Wie lange arbeitest du jetzt schon für die Firma, Jess?“

„Ich bin sicher, das weißt du.“

„Natürlich, du hast recht. Du bist gleich nach Beendigung deiner Tenniskarriere zu Lulu gekommen, nicht wahr?“

Jessica antwortete nicht gleich, weil sie befürchtete, sie würde sich verraten. Sie durfte diesem einschüchternden Loukas keine Schwäche zeigen. Beendigung ihrer Tenniskarriere? Bei ihm hörte sich das an, als hätte sie beschlossen, auf Zucker im Kaffee zu verzichten! Tennis hatte ihr alles bedeutet, der Sport, dem sie sich, seit sie aus den Windeln heraus war, mit Haut und Haaren verschrieben hatte. Und das war ihr im wahrsten Sinne des Wortes entrissen worden. Das hatte ein riesiges Loch hinterlassen. Da es fast gleichzeitig mit dem Bruch mit ihm erfolgt war, hatte sie einen zweifachen Schlag zu verarbeiten gehabt. Es war schwierig gewesen, aus diesem Tal wieder herauszukommen. Aber sie hatte es geschafft. Hatte es schaffen müssen, denn da hatte es ja auch noch Hannah gegeben, um die sie sich hatte kümmern müssen. Aufgeben war also nie eine Option gewesen. „Richtig“, antwortete sie endlich.

„Kannst du mir erklären, wie du an den Job gekommen bist? Ich weiß, wie überrascht alle in der Branche waren, schließlich hattest du keinerlei Erfahrung als Model.“ Er zog eine Augenbraue in die Höhe. „Hast du mit dem Boss geschlafen?“

„Mach dich nicht lächerlich“, fauchte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte. „Der Mann war weit über sechzig.“

„Aber sonst wärst du versucht gewesen?“ Lächelnd lehnte er sich zurück. Er hatte ihr also die nächste Reaktion entlockt. „Ich weiß aus Erfahrung, dass sportliche Frauen einen überdurchschnittlichen Appetit auf Sex haben. Gerade du warst absolut spektakulär im Bett, Jess. Und außerhalb. Du konntest nicht genug von mir bekommen.“

Sie würde den Teufel tun und sich von ihm provozieren lassen! Ihr blieb auch gar keine andere Wahl, wenn die Machtverhältnisse so ungleich verteilt waren. Hier ging es nicht nur ums berufliche Überleben, sondern auch um Stolz. Ja, der Job mochte ihr mehr oder weniger in den Schoß gefallen sein, aber sie war stolz auf das, was sie erreicht und aus sich gemacht hatte, und das würde sie sich nicht in der Hitze des Gefechts ruinieren, nur weil der Mann, der sie provozierte, zufällig auch der Mann war, den sie nie hatte vergessen können. „Möchtest du eine Antwort hören, oder willst du einfach nur dasitzen und mich weiter beleidigen?“

Kurz zuckte ein Lächeln in seinen Mundwinkeln, verschwand sofort wieder. „Natürlich, fahre fort.“

Sie holte tief Luft, so wie früher auf dem Platz vor dem Aufschlag. „Du weißt, dass ein Bänderriss meine Profikarriere beendet hat, oder?“ Mehr als ein knappes Nicken erhielt sie nicht von ihm. „Der damalige Presserummel war enorm. Ich …“

„Du standest vor dem internationalen Durchbruch, ich weiß“, warf er leise ein. „Du hättest den Grand Slam gewonnen, trotz deines jungen Alters.“

„Richtig.“ Dieses Mal gelang es ihr nicht, die Emotionen aus der Stimme zu halten. Auch wenn sie sich hundertmal vorgebetet hatte, dass es Schlimmeres gab als das Ende einer großartigen Karriere, die noch gar nicht richtig begonnen hatte. „Ein Foto von mir ging durch die Presse, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war und eine Pressekonferenz gegeben hatte.“ Es war in allen Zeitungen veröffentlicht worden – sie, blass und von Schmerzen gezeichnet, der blonde Zopf, ihr Markenzeichen, über den schmalen Schultern, auf denen die Hoffnungen der ganzen Nation gelegen hatten. „Lulu sah dieses Foto natürlich auch, auf dem ich eine Plastikarmbanduhr trug, und da sie gerade eine neue sportliche Linie für junge Leute auf den Markt bringen wollten, schien ich ihnen wohl das ideale Vorzeigegesicht zu sein.“

„Obwohl du nicht im konventionellen Sinne schön bist“, merkte er an.

Sie hielt seinem dunklen Blick stand, fest entschlossen, nicht zu zeigen, wie verletzt sie war. Man konnte schließlich nicht auf jemanden wütend sein, nur weil er die Wahrheit aussprach. „Das weiß ich selbst. Aber ich bin fotogen. Bisher hat mir jeder Fotograf gesagt, dass ich jene Kombination aus hohen Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen habe, die eine Kamera scheinbar besonders liebt. Mir war immer klar, dass ich auf Fotos besser aussehe als in natura. Wie auch immer … Im Zuge des Medienrummels wurde ich bei Lulu unter Vertrag genommen, und erstaunlicherweise war das Echo extrem positiv. Als dann auch noch mein Vater und meine Stiefmutter von der Lawine verschüttet wurden, hat die Firma dies natürlich auch als Publicity ausgenutzt.“

„Mein Beileid wegen deiner Eltern“, sagte Loukas. „So etwas kommt leider vor.“

„Ich weiß.“ Es wurde schwierig, seinem kalten Blick standzuhalten. „Aber Lulu hätte meinen Vertrag nicht immer wieder verlängert, wenn sie ihr Produkt nicht gut verkaufen könnten.“

„Nun, die Verkaufszahlen gehen zurück, und du bist schließlich kein Teenager mehr, um die Zielgruppe anzusprechen“, meinte er nüchtern.

Sie bekam ein mulmiges Gefühl. Sie bemühte sich zu vergessen, dass sie früher einmal zusammengewesen waren und es hässlich zu Ende gegangen war. Sie musste mit ihm umgehen, wie sie mit jedem anderen in einer solchen Schlüsselposition umgehen würde, egal, ob männlich oder weiblich. Sei nett. Schmeichle ihm. Er sitzt am längeren Hebel. „Ich bin jetzt sechsundzwanzig. Selbst bei dem heutigen Jugendwahn lässt sich da wohl kaum schon sagen, meine besten Tage wären vorbei.“ Sie brachte sogar ein Lächeln zustande.

Doch sie sah das Zucken an seiner Schläfe, als hätte er ihre Charmeoffensive durchschaut. Als hielte er nicht viel davon. Aber sie kämpfte hier um den Erhalt ihrer Verdienstmöglichkeiten, um ihren Lebensunterhalt. Und Hannahs auch.

„Ich glaube, du verstehst nicht ganz, was ich sagen will, Jess.“

Ihr Magen zog sich zusammen. Jetzt war ihr klar, weshalb sie herbeordert worden war. Die Firma gehörte Loukas, er konnte ganz nach Belieben schalten und walten. Jetzt würde er ihr sagen, dass ihr Vertrag nicht erneuert werden würde. Und was sollte sie dann tun – eine ausgebrannte Tennisspielerin ohne Ausbildung? Sie dachte an Hannah und die College-Gebühren. An das kleine Haus, das sie gekauft hatte, nachdem sie die Schulden ihres Vaters getilgt hatte, das Haus, das ihre einzige Sicherheit war. An all die Schwierigkeiten und Probleme, die sie hatte überwinden müssen, um zu der herzlichen Beziehung zu gelangen, die sie und ihre Halbschwester heute hatten. „Wie sollte ich auch verstehen können, wenn du in Rätseln sprichst? Wenn du die ganze Zeit über mit dieser abfälligen Miene dort sitzt?“

„Vielleicht muss ich deutlicher werden.“ Mit den Fingerspitzen trommelte er auf ihren Vertrag, den er vor sich auf dem Schreibtisch liegen hatte. „Wenn du möchtest, dass das hier verlängert wird, solltest du dir überlegen, ob du nicht etwas netter zu deinem neuen Chef sein möchtest.“

„Nett zu dir, meinst du? Das ist wirklich gut. Seit ich den Fuß in dieses Büro gesetzt habe, bist du mir gegenüber total feindselig. Und gesagt hast du mir noch immer nichts.“

Mit seinem Stuhl drehte Loukas sich zum Fenster, betrachtete das London Eye am Ufer der Themse statt ihr Gesicht mit den feinen Zügen. Für dieses Panorama zahlte er einen horrenden Preis, aber es war der Beweis, wie weit er es gebracht hatte. Wer hätte gedacht, dass der Junge, der in den Hinterhöfen der Restaurants nach Essensresten gestöbert hatte, je ein solches Vermögen anhäufen würde?

Der Ehrgeiz, die Armut seiner Kindheit hinter sich zu lassen, hatte lichterloh in ihm gebrannt. Er wollte das Leben aus Betrug und Verbitterung vergessen. Und dennoch hatte er sein Bestes für seine Mutter getan. Als Bodyguard für Oligarchen und Milliardäre hatte er das Leben der Reichen beobachten können und sich gefragt, wie es sein musste, eine Million Dollar am Casinospieltisch zu verlieren, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Nun, er hatte die Erfahrung dann selbst gemacht, aber als Kind mit einem vollen Bauch hatte er mehr Zufriedenheit empfunden.

Und die Frauen … Mit Frauen hatte er nie Probleme gehabt, selbst als seine Taschen noch leer gewesen waren. Trotzdem hatte er sich gefragt, ob es anders laufen würde, wenn man reich war. Oh ja, und ob! Er hatte ienen bitteren Geschmack im Mund, wenn er daran dachte, was ihm alles angeboten worden war, seit er sich Milliardär nennen konnte. Und er hatte alles ausprobiert, nur um die Leere in sich zu füllen. Immer ohne Erfolg.

So war er zu dem Schluss gekommen, dass man nicht weiterkam, solange man sein Leben nicht in die Spur gebracht hatte. Seine Mutter lebte nicht mehr. Seinen Bruder hatte er gefunden. Blieb noch Jessica Cartwright. Auch hier gab es noch etwas zu richten.

Mit dem Stuhl drehte er sich wieder um. Noch immer bemühte sie sich, ihre Nervosität zu verbergen, und für einen Moment erlaubte er es sich, die Szene zu genießen. Wie anders es doch jetzt aussah. Die hochnäsige Tennisspielerin, die ihn versteckt gehalten hatte wie ein schmutziges kleines Geheimnis, während er ihre körperlichen Bedürfnisse erfüllte, wartete jetzt nervös auf seine Antwort, die über ihre Zukunft entschied.

Wie weit würde sie wohl gehen, um ihren Job zu behalten? Aber nein, er wollte nicht, dass sie sich prostituierte, sondern sie sollte freiwillig zu ihm kommen. Er wollte ihre Seufzer hören, wollte ihre Sehnsucht anheizen, bis sie keinen Atemzug mehr tun konnte, ohne nicht an ihn zu denken.

Und danach würde er gehen. Genau wie sie es damals getan hatte.

Dann wären sie quitt.

Er blickte ihr durchdringend in die aquamarinblauen Augen. „Du wirst dich verändern müssen.“

2. KAPITEL

Jessica klopfte das Herz bis zum Hals, als sie Loukas auf der anderen Seite des Schreibtisches ansah. In diesem Moment schien er die personifizierte Dunkelheit zu sein. Dunkelheit und Macht. Er hielt ihre Zukunft in Händen und überlegte, ob er sie zerdrücken sollte …

Jetzt stand er auf, zog sich das Jackett aus und hängte es über die Rücklehne seines Stuhls. Er sah so … so einschüchternd aus. Und doch, als er sich die Hemdsärmel aufrollte und muskulöse Unterarme freilegte, erinnerte er wieder an den Loukas von früher. Sexy, geschmeidig und verlockend. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, und plötzlich hatte sie Mühe, die Angst in Schach zu halten. „Was meinst du damit – ich muss mich verändern? Was genau?“

Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht … falls man das Zucken seiner Mundwinkel überhaupt Lächeln nennen konnte. Er genoss das hier, wurde ihr jäh klar.

„Alles, aber vor allem dein Image.“ Er setzte sich wieder.

Verwirrt sah sie ihn an. „Mein Image?“

Wieder legte er die Fingerspitzen zusammen, eine Geste, die sie an einen Schuldirektor denken ließ, der eine ungehörige Schülerin zurechtweisen wollte.

„Ich fasse es nicht, dass niemand der Werbeagentur genauer auf die Finger gesehen hat. Sie sind viel zu selbstgefällig geworden. Variationen desselben alten Themas, ohne jede Kreativität. Deshalb habe ich sie nach der Übernahme auch als Erstes gefeuert.“

„Gefeuert?“, wiederholte Jessica. Sie bekam einen Schreck. Sie hatte gern mit dieser Agentur und deren Fotografen zusammengearbeitet. Zwar nur einmal im Jahr bei dem Shooting für den Lulu-Katalog, aber sie hatte sich bei den Leuten immer wohl gefühlt.

„In den letzten beiden Jahren ist der Gewinn konstant geschrumpft“, fuhr er erbarmungslos fort. „Für mich war das insofern gut, dass ich den Preis drücken konnte. Jetzt allerdings sieht das anders aus, von jetzt an werden die Dinge anders gehandhabt.“

Sie bemerkte das Drohende in seiner Stimme und ermahnte sich, ruhig zu bleiben und die Nerven zu behalten. Beim Tennis war es die gleiche Taktik – es half nicht, einem stärkeren Gegner das Feld zu überlassen und ihm zu erlauben, das Spiel zu kontrollieren. Man musste selbst zum Angriff übergehen.

Sie sah in seine schwarzen Augen. „Ist das deine Art, mir zu sagen, dass ich ebenfalls gefeuert bin?“

Er lachte leise. „Glaube mir, Jess, hätte ich vor, dich zu feuern, wüsstest du das längst. Dieses Gespräch würde dann gar nicht erst stattfinden. Ich vergeude meine Zeit nicht unnütz, dazu ist sie zu kostbar. Verstehen wir uns?“

Oh ja, sie verstand nur zu gut. So, wie er sich ihr gegenüber verhielt, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass sie einmal ein Paar gewesen waren. Natürlich hatte sie früher auch schon einen Blick auf diese skrupellose Seite an ihm erhascht, als Leibwächter war das wohl überlebenswichtig. Aber mit ihr war er immer verspielt und großzügig gewesen – wie ein Löwe, der erlaubte, ihm näher zu kommen und ihn zu streicheln. Und nach dem Ende ihrer Beziehung hatte sie für ihn nicht mehr existiert.

War das der Grund? Weil er es ihr heimzahlen wollte, dass sie seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte? Damals war es die einzige Möglichkeit gewesen, die sie gehabt hatte.

Sie durfte sich von ihm nicht einschüchtern lassen, durfte ihn auch nicht sehen lassen, wie sehr sie um die Einnahmequelle bangte, die ihr den Lebensunterhalt sicherte. Loukas war wie ein Raubtier. Sobald er eine Schwäche witterte, setzte er zum tödlichen Sprung an. Dafür war er ausgebildet worden. „Warum also findet dieses Gespräch statt?“

„Ich stehe in dem Ruf, Firmen, die im Niedergang begriffen sind, herumzureißen. Und auch dieses Unternehmen hier wird unter meiner Leitung wieder florieren.“ Er musterte sie abschätzend. „Du bist kein Teenager mehr, Jess. Und die Mädchen, die damals deine Uhren gekauft haben, ebenfalls nicht. Du bist auch kein Tennis-Star mehr, sondern das, was man im Business als Ehemalige bezeichnet. Du brauchst mich nicht so eingeschnappt anzufunkeln, ich zähle hier lediglich die Fakten auf. Du hast den Vertrag als die sportliche Blondine erhalten, die trotz Schicksalsschlag tapfer lächelt und nicht aufgibt. Die tragische Heldin. Junge Mädchen wollten so sein wie du.“

„Und jetzt nicht mehr?“

„Ich fürchte, nein. Die Welt hat sich weitergedreht, du aber bist noch immer dieselbe. Immer wieder die gleichen Fotos mit weißer Bluse, Pferdeschwanz und Perlenohrringen.“ Seine Augen funkelten. „Allein der Gedanke daran langweilt mich.“

Sie nickte langsam. Es tat weh, ihn so reden zu hören, ihr Leben von ihm auf eine kleine traurige Geschichte reduzieren zu lassen. Aber sie bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. „Was schlägst du also vor?“

„Ich biete dir die Möglichkeit, deiner Karriere wieder Leben einzuhauchen – und damit auch Lulus Absatz anzukurbeln.“

Sie wünschte, sie hätte den Mantel ausgezogen, unter seinem intensiven Blick wurde ihr viel zu heiß. Sie musste vergessen, dass ihr hier Loukas gegenübersaß, stellte sich vor, der frühere CEOh säße dort, der Mann, der sie immer um Tennis-Tipps für seine Teenager-Tochter gebeten hatte. „Und wie?“

Mit seiner lässigen Haltung auf dem Chefsessel verspottete er ihre Nervosität. „Indem wir dir einen neuen Look verpassen. Einer, der die Frau herausarbeitet, die du bist, nicht das Mädchen, das du einmal warst. Neue Frisur, neue Garderobe, dann präsentieren wir dich der Öffentlichkeit. Das Sweetheart der Nation ist erwachsen geworden. Grandiose Publicity.“

Unruhig setzte sie sich um. „Bei dir hört sich das an, als gehörte ich zum Inventar.“

Er lachte. „Aber das tust du doch. Dein Image bewirbt ein Produkt, um größtmögliche Absatzzahlen zu erzielen. Allerdings ist dein Haltbarkeitsdatum abgelaufen – es sei denn, du bist bereit, dich neu zu erfinden.“

So etwas wie Bedauern stieg in ihr auf, als sie in sein hartes Gesicht sah. So unschön ihre Beziehung auch geendet war, da hatte es immer noch einen Teil in ihrem Herzen gegeben, in dem für Loukas …

Was? Zuneigung lebendig war?

Nein, Zuneigung war zu schwach, um das Gefühl zu beschreiben, das sie für Loukas Sarantos empfunden hatte. Sie hatte ihn geliebt, obwohl sie immer gewusst hatte, dass sie nicht zueinander passten. Es wäre gelogen zu behaupten, sie würde keinen Kummer verspüren, wenn sie manchmal an ihn dachte, Kummer in ihrem Herzen und einen ganz anders gearteten Schmerz in ihrem Körper. Manchmal lag sie nachts im Bett und malte sich aus, wie anders es hätte sein können, wenn …

Jetzt allerdings machte er sie nur wütend und frustrierte sie. Am liebsten hätte sie mit den Fäusten auf ihn eingetrommelt. Was aber viel schlimmer war … da flammte tatsächlich der Wunsch in ihr auf, ihn zu küssen. Sie sah die Bilder vor sich, wie sie früher zusammen im Bett gelegen hatten, meinte, die Gefühle zu verspüren, die er früher in ihr erweckt hatte … Großer Gott, wie peinlich war das denn!

Sie starrte in seine spöttisch blickenden Augen, sagte sich, dass diese plötzliche Sehnsucht völlig irrelevant sei. Nicht nur das, solche Gedanken waren auch gefährlich. Aus der Verbindung mit ihm konnte nichts Gutes herauskommen. Er wollte sie verändern, wollte sie zu jemandem machen, der sie nicht war. Hielt ihr unverblümt ihre Unzulänglichkeiten vor, während er sich als der große Sieger präsentierte. Wollte sie das wirklich mit sich machen lassen? „Warum tust du das, Loukas?“

„Weil ich es kann.“ Er lächelte. „Warum wohl sonst?“

Sie stand auf. „Es wird nicht funktionieren“, sagte sie. „Es tut mir leid, aber ich kann mir nicht vorstellen, mit dir zusammenzuarbeiten.“

„Es wird dir auch leidtun“, entgegnete er samten. „Meine Anwälte haben sich deinen Vertrag genau angesehen. Lehne diesen Job ab, und du hast keinerlei Anspruch auf eine Abfindung. Dann gehst du hier mit leeren Händen zur Tür hinaus.“

Das Bild von Hannah, die unbeschwert und glücklich mit dem Rucksack auf dem Rücken durch Thailand trampte, tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Hannah, die von der Cambridge University angenommen worden war. Ihre Teenager-Halbschwester, die am anderen Ende der Welt nichts davon ahnte, was zu Hause vor sich ging. Was würde sie dazu sagen, dass ihre Zukunft von einem Mann mit schwarzen Augen und einem Herzen aus Stein abhing?

Jessica nahm ihre Handtasche. Sie musste sich eben etwas einfallen lassen. Sie würde schon Arbeit finden, in Cornwall. Sie konnte kochen und putzen, oder in einem der Geschäfte als Verkäuferin arbeiten. Ihre Stickereien verkauften sich gut zu Hause, und Handarbeiten wurden immer populärer. Sie würde mehr davon herstellen. Es gab also viele Möglichkeiten, und jede davon war besser, als auch nur noch eine Minute länger mit diesem Mann in einem Raum zu bleiben. Mit dem Mann, den sie einst geliebt hatte und dem es ein grausames Vergnügen zu bereiten schien, sie sich winden zu sehen.

„Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, dein Image zu ändern statt meines“, schlug sie leise vor. „Dieses Macho-Gehabe ist passé.“

„Glaubst du?“ Mit zusammengekniffenen Augen musterte er sie, wie sie vor ihm stand. „Ich muss sagen, bisher bin ich immer gut damit gefahren. Vor allem Frauen scheinen auf das Höhlenmenschenimage zu fliegen. Du doch früher auch.“

Mit dem Mittelfinger beschrieb er kleine Kreise auf den vor ihm liegenden Unterlagen, und unwillkürlich musste Jessica daran denken, dass er das früher auf ihrer Haut getan hatte.

Er sah auf und lächelte … ein kaltes, grausames Lächeln, als wüsste er genau, was in ihrem Kopf vorging. „Richtig“, sagte er leise. „Ich will dich noch immer, Jessica. Mir war es nicht so ganz klar, bis ich dich heute wiedergesehen habe. Und du solltest wissen, dass ich heutzutage alles bekomme, was ich will. Ich lasse dir Zeit, um es dir noch zu überlegen, aber meine Geduld hält nicht ewig. Lange werde ich also nicht warten.“

„Bemühe dich nicht“, erwiderte sie nur und verließ sein Büro mit hämmerndem Herzen.

Er folgte ihr nicht. Hatte sie das etwa tatsächlich erwartet? Vielleicht schon. Vielleicht lebte da noch genug von der alten Jessica in ihr, die sich gewünscht hatte, er würde mit ausholenden Schritten zu ihr kommen und sie auf seine Art überzeugen. Welche Frau konnte schon behaupten, sie wäre komplett immun gegen die düstere Aura von Macht, dazu intensiviert durch das Vermögen im Hintergrund?

Sie schüttelte den Kopf, als sie zum Gebäude hinaustrat. Suzy hatte recht gehabt, der Mann war tatsächlich gefährlich. Gut, dass sie gegangen war, solange sie noch konnte, und ihn in der Vergangenheit zurückließ, wo er hingehörte.

Nach langen Stunden Fahrt mit Zug und Taxi war Jessica endlich wieder zu Hause. Doch der Anblick des kleinen Hauses direkt an der Atlantikküste vermochte es dieses Mal nicht, ihr das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Eisiger Regen schlug ihr entgegen, als sie aus dem Taxi stieg, das Donnern der Brandung war ohrenbetäubend, aber heute konnte sie dem nichts abgewinnen, im Gegenteil. Heute schien ihr das Rauschen eher ein Laut der Einsamkeit, angefüllt mit unguten Ahnungen.

Und natürlich war das Haus leer. Ohne ihre Halbschwester war es so still hier. Das Klicken des Schlosses, als sie die Tür hinter sich zudrückte, hallte durchs Haus. Sie vermisste Hannah. Sehr. Wer hätte das vermuten können, denn es war alles andere als eitel Sonnenschein gewesen, als Jessicas Vater die Mutter verlassen hatte, um seine langjährige Geliebte zu heiraten, die damals schon schwanger mit Hannah gewesen war.

Die hässliche Scheidung der Eltern hatte Jessica zutiefst verletzt, noch dazu die Neuigkeit, dass sie jetzt eine Stiefmutter und eine Halbschwester bekommen würde. Spannungen hatte es mehr als genug in dieser Patchwork-Familie gegeben, vor allem, nachdem Jessicas Mutter bald darauf gestorben war. Wollte man den im Städtchen kursierenden Gerüchten Glauben schenken, an einem gebrochenen Herzen. Jessica hatte sich Mühe gegeben, eine gute Beziehung zu ihrer Stiefmutter aufzubauen und die mit ihrem perfektionistischen Vater zu verbessern … bis zu dem schrecklichen Tag, an dem eine Lawine beide Mädchen zu Waisen machte.

Von da an hieß es „Schwimmen oder untergehen“. Jessica war achtzehn gewesen, Hannah zehn, als der ernste Polizist an die Tür geklopft hatte, um die Nachricht zu überbringen. Und dann musste Jessica auch noch herausfinden, dass ihr Vater Schulden gemacht und als Sicherheit ihre zukünftigen Einkünfte vom Tennis angegeben hatte – die sich aber nicht mehr realisierten. Der aufwändige Lebensstil war mit Geld finanziert worden, das die Familie gar nicht hatte.

Viel war vom Verkauf der großen Villa nicht übrig geblieben, Jessica hatte nicht gewusst, wie es mit ihr und Hannah weitergehen sollte. Die Offerte von Lulu war ein Geschenk des Himmels gewesen. Nicht nur konnte sie die laufenden Rechnungen zahlen, sondern die flexible Arbeitszeit des Jobs bot auch die Möglichkeit, ein herzliches und enges Verhältnis zu ihrer Halbschwester aufzubauen, das einen so holprigen Start gehabt hatte.

Und als Hannah kurz vor Weihnachten von Heathrow abgeflogen war, da hatte Jessica sogar geweint – aber natürlich erst, nachdem die Maschine schon abgehoben hatte. Nicht nur, weil sie einfach daran gewöhnt war, Gefühle zu verbergen, sondern auch, weil sie wusste, dass das der Lauf des Lebens war – man musste loslassen können.

Und heute war es eben so weit, dass sie ihre Teilzeit-Model-Karriere loslassen musste. Es war ja auch nie geplant gewesen, dass es ewig dauern würde. Es war eine gute Zeit gewesen, aber jetzt musste sie sich neu orientieren und sich etwas anderes suchen.

Jessica kaute an ihrer Lippe und sah auf den eisigen Januarregen, der an den Fensterscheiben herablief. Loukas’ spöttische Miene versuchte sie aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie würde sich eben etwas überlegen müssen.

Ihr blieb gar nichts anderes übrig.

3. KAPITEL

Wenn es kam, dann kam immer alles auf einen Schlag und wenn man am wenigsten darauf vorbereitet war. In Jessicas Fall folgten drei Dinge direkt aufeinander, die sie ihre Entscheidung, Loukas Sarantos’ Büro und sein Jobangebot hinter sich zu lassen, bereuen ließen: Ihre Waschmaschine verabschiedete sich, an ihrem Auto wurde eine Reparatur nötig, und Hannah war in Thailand das Portemonnaie gestohlen worden.

Als Hannahs tränenreicher Anruf kam, hatte Jessica sich zuerst von der Panik des Teenagers anstecken lassen, bis sie dann überlegt hatte, dass es viel schlimmer hätte kommen können. Und nachdem die Angst auf ein zu kontrollierendes Level gesunken war, blieb nur der Frust. Die Ereignisse hatten sie wachgerüttelt, sie sah sich gezwungen, ihre finanzielle Lage realistisch zu betrachten. Bildete sie sich wirklich ein, sie könnte von ein paar gerahmten Stickereien leben? Das reichte vielleicht, um die Stromrechnung zu bezahlen, aber mehr auch nicht.

Sie starrte zum Fenster hinaus auf die gischtgekrönte Brandung, die an den felsigen Strand schlug. Natürlich gab es Alternativen. Sie konnte das Haus verkaufen und in eine Wohnung umziehen, ohne diesen grandiosen Blick, der den Wert der Immobilie ausmachte. Aber das Haus war ihre Sicherheit, ihr Fundament. Sie hatte schon ihr Elternhaus verkaufen müssen, und sie hatte nicht vor, hier so schnell wieder wegzuziehen. Und wie sollte sie Hannah das antun können? Ihre Halbschwester hatte in ihrem jungen Leben schon so vieles verloren.

Loukas’ Worte hallten in ihren Ohren nach. Ich habe nicht ewig Geduld. Lange werde ich nicht warten.

Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer, bevor sie ihre Meinung änderte, rief in der Firma an und bat, zu ihm durchgestellt zu werden. Wahrscheinlich ist er gar nicht mehr interessiert, dachte sie, als sie mit klopfendem Herzen darauf wartete, verbunden zu werden. Ich habe sein Macho-Ego angekratzt.

„Jess.“ Seine tiefe Stimme drang in ihre Gedanken.

„Loukas?“ Was für eine dumme Frage! Wer sonst konnte erotische Erinnerungen vor ihr auferstehen lassen, einfach indem er ihren Namen aussprach?

„Warum bin ich nicht überrascht?“, drang es durch die Leitung. „Ich habe deinen Anruf erwartet, auch wenn er nicht so schnell gekommen ist, wie ich dachte.“ Stille. „Was willst du?“

Jessica schloss die Augen. Er wusste doch genau, was sie wollte. Würde er sie jetzt zu Kreuze kriechen lassen? Nun, vielleicht musste sie ihren Stolz schlucken, aber das hieß nicht, dass sie ihm die Stiefel lecken würde.

„Ich habe darüber nachgedacht, was du gesagt hast, und nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen“, sie öffnete die Augen wieder und holte tief Luft, „dass das Angebot zu gut ist, um es auszuschlagen. Das heißt, wenn es noch steht.“

Am anderen Ende ballte Loukas die Faust und lockerte sie wieder. Ihre kühle gefasste Art frustrierte ihn mehr als ihr Widerspruch. Es gefiel ihm besser, wenn sie sich wütend wehrte und ihr Temperament überschäumte. Feuer ließ sich löschen, aber Eis zum Schmelzen zu bringen beanspruchte Zeit. Die hatte er genauso wenig wie den Wunsch, aus Jessica Cartwright ein Langzeitprojekt zu machen. Sie war einer von den Punkten auf seiner Liste, die es abzuhaken galt. Vor Verbitterung krampfte sich ihm das Herz zusammen, während sein Körper bei dem Gedanken an sie vor Lust glühte. Sie war etwas, das er zu Ende bringen musste. Er begehrte ihren Körper, und er würde sich an ihr gütlich halten, bis er genug von ihr hatte, und danach würde er gehen und sie endgültig vergessen.

„Loukas?“

Ihre Stimme ließ ihn an all die kleinen erotischen Nichtigkeiten denken, die sie ihm früher zugeflüstert hatte. Seine kleine unschuldige Jungfrau hatte schnell gelernt und war zur sinnlichen Gespielin geworden, eine sinnlichere hatte er nie in seinem Bett gehabt.

„Loukas, bist du noch dran?“

Es zog unangenehm in seinem Schritt. „Ja.“ Seine Stimme klang leicht rau. „Wir müssen reden.“

„Wir reden doch jetzt.“

„Persönlich.“

„Aber ich dachte …“

Ihre Unsicherheit verschaffte ihm enorme Befriedung. Heute hatte er das Sagen. „Was dachtest du, Jess? Dass du mich nicht mehr zu sehen brauchst?“

Sie räusperte sich. „Nun, ja. Normalerweise arbeite ich mit Stylisten und der Agentur zusammen, und natürlich mit den Fotografen.“

„Unter meiner Leitung läuft es anders. Du wirst nach London kommen und dich bei der neuen Agentur vorstellen müssen. Ich lasse ein Hotelzimmer für dich reservieren.“

„Natürlich. Wann?“

„So bald wie möglich. Ich schicke dir einen Wagen, der dich am Nachmittag abholt.“

„Du erwartest, dass ich innerhalb weniger Stunden fertig bin?“ Sie schnappte nach Luft.

„Hast du etwa andere Termine?“

„Möglich.“ Sie zögerte. „Vielleicht habe ich ja eine Verabredung.“ Sie wusste selbst nicht, warum sie das sagte.

Am anderen Ende blieb es einen Moment lang still. „Dann sage ab, Püppi.“

Püppi. Jessica biss sich auf die Zunge. Früher hatte er sie immer so genannt, aber nie mit solcher Verachtung. „Und wenn ich das nicht will?“

„Lass uns nicht so anfangen, Jess. Deine erste Absage hat mich bereits irritiert, inzwischen beginnen deine Spielchen mich zu ärgern. Überschätze deinen Wert nicht, treib’s nicht zu weit.“

„Soll mich das jetzt einschüchtern?“

„Es soll dir deutlich machen, wo wir beide stehen.“ Er schwieg einen Moment, und als er wieder sprach, schlug er einen anderen Ton an – schwül und samten. „Hast du wirklich eine Verabredung?“

Sie wollte schon Ja sagen, wollte einen sündhaft attraktiven Mann erfinden, der ihr Rosen schenkte und sie zum Dinner ausführte und sie nach Champagner und Austern leidenschaftlich liebte, aber das Bild zerplatzte, noch bevor es sich in ihrem Kopf voll entfalten konnte. Jeder Mann außer Loukas ließ sie kalt, so traurig es auch war. „Nein“, antwortete sie ehrlich.

„Gut. Dann sehen wir uns also später.“ Seine Genugtuung war nicht zu überhören. „Ach … und bring deinen Reisepass mit.“

„Wozu?“

„Wozu wohl? Das Shooting mit dem neuen Team wird an exotischen Schauplätzen stattfinden“, antwortete er ungeduldig. „Steck den Pass einfach ein, okay? Es ist sicher nicht so, als müsste ich jeden Schritt von dir absegnen lassen.“ Damit beendete er das Gespräch.

Frustriert starrte Jessica auf ihr Telefon. Ihr würde nichts anderes übrigbleiben, als ihr Image zu ändern. Sie würde es mit sich machen lassen und für die Kamera lächeln, und sie würde ihr Bestes geben, um den Job so lange wie möglich zu behalten. Aber das war auch alles. Sie wusste, was Loukas von ihr wollte, aber das gehörte nicht zu ihrer Arbeitsplatzbeschreibung.

Nein, sie war nicht verpflichtet, mit ihm zu schlafen.

Als dann später die schwarze Limousine über den Feldweg auf ihr Haus zukam, war Jessica fertig. Der uniformierte Chauffeur verstaute ihren Koffer im Wagen, während sie auf die Rückbank glitt.

Auf der Fahrt starrte sie aus dem Fenster auf die graue Winterlandschaft. Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit und zu Loukas …

Er hatte ihr immer beim Training zugesehen, lange bevor sie einander kennenlernten.

Die Straße führte genau am Tennisplatz vorbei, als sie noch in dem großen Haus gelebt hatte. Und jeden Tag würde sie die große dunkle Gestalt am Zaun stehen sehen. Ihr Vater würde jedes Mal einen Anfall bekommen, aber es war eben öffentliches und für jeden zugängliches Gebiet, und er konnte nichts unternehmen. Nicht, dass er es gegen den griechischen Leibwächter gewagt hätte. Sie selbst hatte ja auch ein wenig Angst vor ihm, er war wirklich einschüchternd, und wie er auf ihre Beine starrte … Es war schwierig, das Gefühl zu beschreiben, das er in ihr weckte. Und dann verschlug sie immer jeden Ball.

„Er ruiniert dir die Karriere!“, hatte ihr Vater gedonnert, und sie hatte versprochen, sich nie mit dem Mann zu treffen – obwohl er sie da noch gar nicht um eine Verabredung gebeten hatte.

Aber dann war sie ihm in der Stadt begegnet. Ihr Vater war mit seiner Frau und Hannah nach London gefahren, und Jessica hatte den ganzen Tag für sich allein gehabt. Einer der wenigen Tage, an denen sie keinen Tennisball angerührt hatte, und es fühlte sich wie die große Freiheit an. Sie war in den Süßwarenladen gegangen, um sich Schokolade zu kaufen, und wollte gerade nach einer Tafel greifen, als sie die tiefe Stimme hinter sich hörte.

„Meinst du, das ist gut für dich?“

Sie drehte sich um und schaute in die schwarzen Augen, und in diesem Moment passierte etwas … etwas Magisches. Als würde ihr Herz plötzlich in Flammen stehen. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, was sie geantwortet hatte, aber das war auch nicht wichtig. Nur seine Nähe zählte noch.

Sie hatte angeboten, ihm das berühmte Bohrloch in den Klippen zu zeigen, das aussah wie der Einschlag einer gigantischen Bombe. Seine Schritte waren so viel länger als ihre, und der Wind wehte ihr den Pferdeschwanz ins Gesicht, als sie Seite an Seite in die Tiefe hinunterblickten. Er sagte, dass ihn das Loch an die Diamantmine seines russischen Bosses erinnere, aber sie hatte kein besonders großes Interesse an Diamanten. Sie wünschte sich nur, er würde sie endlich küssen, und er musste es gespürt haben, denn mitten im Satz brach er ab und sagte dann: „Oh, das also willst du, Miss Tennis“, und dann hatte er sie bei den Armen gefasst, sie an sich gezogen und langsam den Kopf gebeugt. Und sie war verloren gewesen.

Dieser Kuss besiegelte eine Vereinbarung, die sie nie explizit getroffen hatten. Jessica hatte sofort daran gedacht, mit ihm zu schlafen, das Verlangen war so groß, doch ihr Instinkt warnte sie auch, dass er an Frauen gewöhnt war, die ihm zu Füßen sanken, und dass sie sich vorerst besser zurückhalten sollte.

Zwei Wochen hatte sie es geschafft – eine Ewigkeit! –, bevor sie ihm erlaubte, ihr die Unschuld zu nehmen. Hatte ein Teil von ihr sich die ganze Zeit über gefragt, ob all die sinnlichen Versprechen überhaupt erfüllt werden konnten, so stellte sie bald fest, dass es tatsächlich möglich war. Und das zur vollsten Zufriedenheit! Und sie, die sich immer auf ihren Körper verlassen hatte, bei Wettkämpfen Höchstleistungen zu bringen und mit allen Schmerzen und Verletzungen fertig zu werden, hatte einen völlig neuen Verwendungszweck für ihn gefunden. Ihr Körper war in der Lage, ihr ein so intensives Vergnügen zu bereiten, dass der Rest der Welt ausgeblendet wurde. Loukas raubte ihr den Atem, entlockte ihr Seufzer und Schreie und ließ sie vor purer Freude explodieren. Sie war dem Sex verfallen … und ihm.

Sie hatten jeden Moment ausgenutzt, den sie sich stehlen konnten, und wahrscheinlich verstärkte die Heimlichtuerei noch alles. Loukas hatte ihr gesagt, dass sein Boss nichts von der Beziehung hielt, und Jessica wusste, dass ihr Vater durch die Decke gehen würde, sollte er es herausfinden. Was sie nicht davon abhalten konnte, sich in Loukas zu verlieben. Und dann sprudelte es auch eines Abends aus ihr heraus. Sein zufriedenes Lächeln würde sie nie vergessen …

Genauso wenig konnte sie den Tag vergessen, an dem ihr Vater ihre Pillenpackung gefunden hatte. Noch heute krümmte sie sich, wenn sie an die peinliche Szene dachte. Sie hätte ihrem Vater sagen sollen, dass es ihn nichts anginge, dass es allein ihre Sache sei. Doch mit gerade achtzehn und ein Leben lang daran gewöhnt, gesagt zu bekommen, was sie zu tun hatte, wagte sie es nicht. Ihr Vater hatte Loukas zur Rede gestellt, hatte ihm vorgeworfen, seine Tochter auszunutzen und ihm damit gedroht, seinen Chef zu informieren. Und was hatte Loukas getan? Er hatte die Schultern gereckt, als würde er in die Schlacht ziehen, und hatte um Jessicas Hand angehalten.

Sie hatte Nein gesagt. Was sonst hätte sie auch sagen können? Sie wusste doch, er wollte sie nur heiraten, weil er meinte, das Anständige tun zu müssen. Nein, sie würde diesen stolzen Mann nicht in einer Beziehung an sich fesseln, die er so nie vorgehabt hatte. Sie konnte sich sie beide in zehn Jahren nicht wirklich vorstellen. Außerdem war ihr ihre Karriere zu wichtig, um sie wegen einer so unsicheren Zukunft zu riskieren. Sie war nicht bereit, alles wegzuwerfen, nur wegen Loukas’ übertriebenem Pflichtgefühl.

Sie hatte die Beziehung beendet, und ihr Herz war gebrochen gewesen, auch wenn sie sicher war, das Richtige getan zu haben. Sie hatte mitverfolgen können, wie seine Miene sich veränderte und seine Augen noch dunkler wurden, und dann hatte er aufgelacht – ein bitteres, grimmiges Lachen, so als hätte sie nur bestätigt, was er schon lange wusste. Und gleißender Schmerz hatte sie durchzuckt, als er sich wortlos umgedreht hatte und davongegangen war.

Das war das letzte Mal, das sie ihn gesehen hatte, bis sie das Chefbüro bei Lulu betrat und dem Leibwächter gegenüberstand, der inzwischen zu einem internationalen Tycoon geworden war. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Wie hatte er das bewerkstelligt?

Die Limousine hielt jetzt vor dem Vinoly. Hier war sie noch nie abgestiegen. Bisher hatte man sie immer im Granchester untergebracht, wenn sie in London zu tun hatte.

Der Chauffeur hielt den Wagenschlag für sie. „Mr Sarantos lässt ausrichten, dass eine Suite auf Ihren Namen gebucht wurde und dass Sie sich alles bestellen sollen, was Sie wünschen.“

Jessica nickte dankend und betrat das Foyer. Als Erstes fiel ein großes rotes Plüschsofa auf, geformt wie ein Lippenpaar. Plexiglasstühle hingen an Ketten von der Decke. Junge Leute in Jeans und teuren Blazern tummelten sich hier, tranken Kaffee und arbeiteten konzentriert an ihren Laptops.

Die Rezeptionistin reichte Jessica lächelnd eine Schlüsselkarte, zusammen mit einem Umschlag. „Das wurde für Sie abgegeben. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Miss Cartwright. Der Page wird Ihnen Ihre Suite zeigen.“

Ein Blick auf den Umschlag, und sofort erkannte Jessica Loukas’ schwungvolle, energische Handschrift. Sie wusste von ihm, dass seine Schulbildung dürftig gewesen war, er hatte sich Lesen und Schreiben selbst beigebracht. Mit siebzehn hatte er außer dem Führerschein keinerlei abgeschlossene Qualifikation gehabt. Das war allerdings auch schon alles, was sie über ihn wusste. Über seine Kindheit hatte er nie geredet, und wann immer sie es gewagt hatte, eine Frage zu stellen, war ein düsterer Schatten über sein Gesicht gezogen und seine Züge waren verschlossen und grimmig geworden.

Sie wartete, bis sie allein in der Suite war, bevor sie den Umschlag öffnete, so gespannt auf die Nachricht, dass sie die nüchterne Einrichtung der Suite überhaupt nicht bemerkte.

Loukas’ Nachricht war auch eher spärlich.

Ich hoffe, du hattest eine angenehme Fahrt. Wir treffen uns unten im Speisesaal um acht. Im Schrank hängt ein schwarzes Kleid. Trage es zum Dinner.

Jessicas Mund wurde trocken. Eine unmissverständliche Anweisung, die fast sinnlich klang. War das seine Absicht? Prickelnde Erwartung in ihr zu wecken und heiße Sehnsucht in ihr zu entfachen? Sie ging zum Schrank und fand das Kleid darin auf einem Bügel. Es wunderte sie nicht, das Namenslabel eines bekannten Designers eingenäht zu finden. Klassisch-elegant, figurbetont geschnitten, und sie stellte sich vor, wie hervorragend es sitzen würde. Wie sexy sie darin aussehen würde. Es war die Art Kleid, das eine Frau in dem Wissen trug, dass ein Mann es ihr später ausziehen würde. Und war da nicht auch ein kleiner Teil von ihr, der versucht war, es zu tragen?

Mit pochendem Herzen wandte sie sich von der Versuchung und allem, was dieses Kleid repräsentierte, ab und blickte zu ihrem Koffer. Loukas’ gebieterischer Ton stieß ihr auf. Er hatte nicht das Recht, ihr vorzuschreiben, was sie anzuziehen hatte. Das Shooting hatte noch nicht einmal angefangen, und schon tat er so, als wäre sie sein Eigentum. Dass er sie für die Arbeit herbeorderte, war eine Sache, aber er hatte nicht zu entscheiden, was sie in ihrer Freizeit anzog.

Pünktlich um acht erschien Jessica frisch geduscht und umgezogen im Restaurant und nannte dem Maître ihren Namen. Äußerlich wirkte sie völlig gefasst, aber ihre Finger zitterten leicht, als man sie zu dem Tisch führte, an dem Loukas bereits saß.

Dieses Mal war sie vorbereitet, dennoch nutzte es wenig hinsichtlich der Wirkung, die dieser Mann auf sie ausübte. Der flackernde Kerzenschein fiel auf sein Gesicht, er saß am besten Tisch des Hauses und sah aus, als würde er sich wie zu Hause fühlen, als würde ihm alles hier gehören. Sie beobachtete, wie seine Augen sich verdunkelten, als sie an den Tisch trat, doch das Zucken an seiner Schläfe verriet Ärger, nicht Lust.

Und plötzlich bereute sie ihren Trotz, der sie dazu getrieben hatte, ihr eigenes cremefarbenes Kleid zu diesem Dinner zu tragen. Sie kam sich blass und unscheinbar unter all diesen exquisit gekleideten Frauen im Raum vor. Aber … es war ihr eben wichtiger gewesen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren und ihrem ehemaligen Lover die Botschaft zu übermitteln, dass sie selbst über sich bestimmte, ganz gleich, wie sehr sie den Job brauchte.

Er schwieg, bis sie sich gesetzt und man ihr die Karte gereicht hatte, und winkte den Kellner dann mit einer ungeduldigen Geste fort.

„Hatte ich dir nicht mitgeteilt, du sollst das schwarze Kleid anziehen?“ Seine dunkle Stimme strich ihr wie rauer Samt über den Rücken.

Sie hielt seinem Blick stand. „Keine Frau lässt sich von einem Mann vorschreiben, was sie anzuziehen hat.“

„Ich bin da anderer Meinung“, sagte er gefährlich leise. „Wieso solltest du dich weigern, ein teures Kleid zu tragen, in dem du umwerfend aussehen würdest?“

„Weil ich deine teuren Kleider weder will noch brauche.“

„Ich verstehe.“ Nachdenklich legte er einen Finger an die Lippen. „Und ich nehme an, du hast diesen nichtssagenden Aufzug gewählt, damit ich gar nicht erst auf die Idee komme, Interesse zu entwickeln?“

Sie spürte Hitze in ihren Wangen aufsteigen. Mit ihrer Garderobe hatte sie noch nie Eindruck schinden wollen, aber er brauchte es auch nicht so verächtlich auszudrücken. „Früher hast du dich nie über meine Garderobe beschwert.“

„Früher war ich auch noch jung und mehr daran interessiert gewesen, dich nackt zu sehen.“ Er warf ihr ein schmales Lächeln zu. „Und nach deinem anfänglichen Zögern war das ja auch nie ein Problem.“

„Nun, über diesen Aspekt brauchst du dir heute zumindest keine Gedanken mehr zu machen.“

„Diesen Aspekt?“, hakte er amüsiert nach. „Nicht so schamhaft, Jess. Wenn du damit Sex meinst, warum sagst du es dann nicht offen?“

„Na schön.“ Sie war froh, dass das Kerzenlicht die Röte ihrer Wangen kaschierte, und hob die Speisekarte vielsagend an. „Sex steht nicht auf dem Menü, fürchte ich.“

Lächelnd setzte er sich zurück. „Dein Auflehnen ist anregend, hauptsächlich, weil ich nicht damit gerechnet habe.“

„Nicht?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte erwartet, es würde dir Freude bereiten, ein Kleid zu tragen, das jede Frau sich wünscht.“

„Vielleicht bin ich einfach nicht jede Frau.“

„Nein, das bist du wohl nicht.“ Er senkte die Lider mit den langen Wimpern. „Ich muss sagen, ich habe mich gefragt, ob du meiner Anweisung folgen würdest, und es bereitet mir ein perverses Vergnügen, dass du es nicht getan hast.“

„So?“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Warum?“

Er lächelte noch immer. „Eine ungehorsame Frau fordert einen Mann immer heraus. Er will sie zähmen. Darauf freue ich mich schon jetzt.“

Die sinnliche Anspielung ging ihr unter die Haut, und plötzlich hatte Jessica das Gefühl, dass sie ihn unterschätzte. Als hätte sie unsicheres Gebiet betreten, als hätte sie sich, ohne es zu ahnen, zu mehr bereit erklärt als nur zu einem Imagewechsel. Er spielte ein Spiel, über dessen Regeln sie sich nicht bewusst war, denn obwohl er aussah wie der Loukas von früher, wurde ihr klar, dass sie ihn nicht mehr kannte.

Eigentlich war er immer ein Fremder für mich, er hat immer viel von sich zurückbehalten.

Auf ihrer Miene waren ihre Gedanken jedoch nicht zu lesen, ihr Lächeln blieb höflich. „Hältst du es für angebracht, eine Frau zum Dinner einzuladen und dann davon zu sprechen, dass du sie zähmen und unterwerfen willst?“

Sein Lächeln bekam einen scharfen Zug. „Reizt dich das etwa nicht? Ein Mann, der eine widerspenstige Frau dominiert? Ich muss gestehen, das war schon immer eine meiner Lieblingsfantasien, meine kleine Eiskönigin.“

Eiskönigin. Jessica reagierte nicht darauf. Es war der Ruf, der ihr als Tennisspielerin angehaftet hatte. Sie hatte es gehasst, obwohl ihr Vater es gutgeheißen hatte. Er hatte immer gesagt, es bewiese nur, dass sie erreicht hatte, was sie hatte erreichen wollen – kühle Unerschütterlichkeit. Oder besser … es war das, was er mit ihr hatte erreichen wollen. Im Tennis mochte es gut sein, nicht die Kontrolle über sich zu verlieren, immer beherrscht und unnahbar zu sein, aber nicht im wahren Leben. Denn da erweckte es nur den Eindruck von Gefühlskälte, sodass man mit dem Ruf einer Eiskönigin leben musste. Und Männer wie Loukas Sarantos es als Herausforderung betrachteten.

„Deine Sex-Fantasien interessieren mich nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Nein“, behauptete sie, auch wenn sie Mühe hatte, ihre Gedanken zur Ordnung zu rufen. „Ich würde viel lieber erfahren, wie es dir gelungen ist, so reich zu werden.“

„Jetzt nicht.“ Er klang resigniert, als hätte er diese Frage erwartet … nur vielleicht früher. „Der Kellner kommt, um die Bestellung aufzunehmen. Hast du schon gewählt? Oder soll ich für dich mitbestellen?“

Empörung flammte in ihr auf. Er tat es schon wieder, dabei war sie durchaus in der Lage, selbst für sich zu bestellen. Aber jetzt unter seinem prüfenden Blick die Speisekarte zu studieren, würde sie sich nur unwohl fühlen lassen, und so zuckte sie ergeben mit den Schultern und beobachtete ihn dabei, wie er mit einem Wissen Gänge und Wein bestellte, das er sich ganz sicher nicht über Nacht angeeignet hatte.

Als zwei Gläser mit Wein vor ihnen standen und sie wieder allein waren, wusste Jessica nur, dass sie sich nicht von ihm dominieren lassen durfte. Sie würde ihren Platz behaupten müssen, so wie sie es früher immer auf dem Tenniscourt getan hatte.

„Also, kannst du es mir jetzt sagen?“, hakte sie nach. Am anderen Ende des Saals spielte ein Pianist an dem kleinen Zimmerflügel auf. Jazz, schwül und eindringlich, und die Musik schien sich in all ihre Sinne zu drängen. Über den Tisch sah Jessica Loukas fragend an. „Wie bist du zu dem Mann geworden, der du heute bist?“

4. KAPITEL

Loukas starrte in Jessicas aquamarinblaue Augen und überlegte, wie er die Frage beantworten sollte. Impulsiv wollte er ihr eigentlich sagen, dass es sie nichts anging. Interessierte sie sich nur für sein enormes Vermögen, so wie die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen?

Aber immerhin kam ihr ein großer Teil der Verantwortung für die dramatische Wende seiner Lebensumstände zu, auch wenn das sicher nicht vorherzusehen gewesen war. Ihre Zurückweisung damals hatte ihn tief verletzt, tiefer, als er geahnt hätte. Es war wie ein Tritt in sein Herz und seinen Stolz gewesen, als sie seinen Antrag so kühl abgelehnt hatte. Er war so wütend gewesen, hatte sich so endlos ausgebrannt gefühlt. Denn hatte er sich nicht geschworen, dass er nie wieder einer Frau die Möglichkeit geben würde, ihn zu verletzen?

„Nun, ich habe bei Dimitri Makarov gekündigt“, antwortete er.

„Du meinst, du warst es leid, als Bodyguard zu arbeiten?“

Er lächelte bitter. Oh ja, und wie leid er es gewesen war, sein Leben nur für andere zu leben! Immer am Rand zu stehen, sich immer nach den Regeln und Terminen anderer zu richten. Und warten, immer nur warten. „Es wurde Zeit für eine Veränderung. Dimitris Leben geriet mehr und mehr außer Kontrolle, und als Konsequenz meines auch. Wir machten die Nacht zum Tag, lebten hauptsächlich in Spielcasinos und schliefen nur noch die wenigen Stunden, die wir irgendwann ergattern konnten. Ich brauchte eine neue Richtung.“

Dimitri und er hatten beide mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen gehabt und Zuflucht in Alkohol und Frauen gesucht. Loukas hatte Jessica vergessen wollen und sich eine Frau nach der anderen in sein Bett geholt, hatte sie alle verachtet, denn es bedeutete nichts, wenn eine Frau ihre Liebe beschwor. Das hatte Jessica ihm doch schon bewiesen. Bis er eines Morgens nach dem Aufwachen in den Spiegel gesehen und sich gesagt hatte, dass es so nicht weitergehen konnte.

„Was also hast du getan? Bist du aufs College gegangen?“

Er wartete, bis der Kellner ihr Essen serviert hatte, bevor er fortfuhr. „Nein, Jess, aufs College bin ich nicht gegangen. So etwas passt nicht wirklich zu mir. Sondern ich habe als Türsteher für einen großen Nachtclub in New York gearbeitet.“

Sie kniff die Augen zusammen, und er hatte den Eindruck, dass sie enttäuscht war. War das noch immer zu barbarisch für sie, um es akzeptieren zu können?

„Und wie war das?“ Sie fragte es so höflich, als würden sie gepflegte Tischkonversation treiben.

„Der Traum eines jeden Mannes.“ Er sah das Erstaunen in ihrem Blick – und die Kränkung – und stellte fest, dass es ihm Spaß machte. Er wollte sie verletzen, so wie sie ihn verletzt hatte. „Man hat die alleinige Macht. Man kann Leute wegjagen, ganz gleich, wie prall gefüllt deren Portemonnaies auch sein mögen. Und Frauen lieben Rausschmeißer“, setzte er noch nach. „Das ist der Bonus bei dem Job.“

Sie schnitt gerade ein Stück Kürbis auf ihrem Teller durch und hielt mitten in der Bewegung inne. Befriedigt bemerkte er, dass ihr die Hände zitterten. Was ungewöhnlich war. Auf dem Tennisplatz hatte Jess immer die ruhigsten Hände überhaupt gehabt. Und die unvermeidliche Frage, die er schon erwartet hatte, kam auch prompt.

„Ich nehme an, es hat … nun, viele Frauen gegeben?“

Er zuckte nur mit den Schultern. Wenn eine Frau eine derart dumme Frage stellte, verdiente sie die Wahrheit. Er dachte an die Zettel mit Telefonnummern, die er in seiner Jacketttasche gefunden hatte. An die Seidenhöschen und G-Strings, die ihm zugesteckt worden waren, an die hemmungslosen Partys in luxuriösen Villen … und lächelte. „Genügend.“

„Aber Türsteher werden nicht zu großen Unternehmensbossen“, sagte sie hastig, und er hatte den Eindruck, dass sie unbedingt das Thema wechseln wollte.

„Nein, das sicher nicht.“ Er nahm sein Glas auf, schwenkte den Wein. Er dachte an die Zeiten zurück, als er von dem Preis für diese Flasche einen ganzen Monat hätte leben können.

„Also, dann wie …?“

Er trank erst einen Schluck. „Mir war schon zu Ohren gekommen, dass Dimitris neuer Leibwächter nicht vertrauenswürdig sei. Und dann kontaktierte mich eines Tages seine Sekretärin, flehte mich um Hilfe an. Es war Monate her, seit ich gekündigt hatte, und ich wollte in nichts hineingezogen werden … aber die Frau machte sich ernste Sorgen, war praktisch hysterisch, weil sie um sein Leben fürchtete. Also flog ich nach Paris, um mit ihm zu reden. Er empfing mich, aber er glaubte mir nicht. Inzwischen war er so groß geworden, dass er sich für unantastbar hielt. Dimitri hat eigentlich schon immer nur das gehört, was er hören wollte. Also gab ich auf und wollte die Stadt mit dem Abendflug wieder verlassen. Allerdings kam dann heraus, dass der neue Leibwächter zu einer Bande gehörte, die vorhatte, meinen Exboss im großen Stil auszunehmen, und mich hat man wohl als eine Art Bonus betrachtet, da ich lange für ihn gearbeitet hatte und viel über seine Angelegenheiten wusste. Auf dem Weg zum Flughafen haben sie mich abgefangen.“

Ungläubig riss sie Augen auf. „Sie haben dich entführt?“ Ihr brach die Stimme. „Was haben sie mit dir gemacht?“

Er zuckte mit den Schultern. „Verprügelt und bedroht haben sie mich, um Informationen aus mir herauszuholen.“

„Und … hast du ihnen etwas verraten?“

„Bist du verrückt? Ich ging davon aus, dass ich das so oder so nicht überleben würde, da konnte ich es mir auch ersparen, als Verräter zu sterben.“

Sie blinzelte ihn an, als hätte sie ihn noch nie im Leben gesehen. „Du dachtest, du würdest sterben?“

Er bemerkte das Entsetzen in ihrer Stimme und dachte, wie beschützt sie doch aufgewachsen war. Aber die meisten Menschen kamen mit der Welt, in der er gelebt hatte, nicht in Berührung. „Ja“, bestätigte er leicht spöttisch. „Wie in einem schlechten Film, nicht wahr?“

Sie schüttelte den Kopf. Offensichtlich hielt sie nicht viel von seinem lässigen Ton. „Und wer hat dich gerettet?“

Er schaute auf den funkelnden Wein im Glas. Ja, der schmeckte heute ausnehmend gut. Genau wie nach seiner Befreiung alles gut geschmeckt hatte. „Mein Besuch hatte Dimitri wohl zumindest zum Nachdenken angeregt, er hat mir jemanden nachgeschickt. Sie haben mich in letzter Sekunde da rausgeholt und mich dann zu ihm gebracht. Als er mich so ramponiert sah, muss ihm wohl klar geworden sein, dass er etwas an seinem Lebensstil ändern musste – was seine Sekretärin ihm schon lange geraten hatte. Auf jeden Fall … als Dank hat er mir Diamanten geschenkt. Schließlich gehört ihm die größte Diamantmiene in Russland.“ Und er erinnerte sich auch noch genau an Dimitris Worte: Lerne diese kalten Steine zu lieben, mein Freund. Sie sind beständiger und leichter zu lieben als Frauen.

Er lächelte. „Und so begann ich, mich für Diamanten zu interessieren. Ihre Schönheit und Perfektion faszinieren mich. Und ihr enormer Wert hat Platz in der Westentasche eines Mannes. Außerdem wurde mir schnell klar, welche Macht sie auf Menschen ausüben. Einige Frauen tun so ziemlich alles für Diamanten“, setzte er ganz bewusst nach.

„Tatsächlich?“ Sie fragte es so leichthin, als wäre es ihr vollkommen gleich.

„Manche habe ich verkauft, andere habe ich behalten“, fuhr er fort. „Ich habe auch vor, einige von ihnen zum Mittelpunkt der neuen Kollektion zu machen. Keine Armbanduhren mehr für dich, meine Püppi mit den blauen Augen. Du wirst meine Diamanten tragen, Jess.“

Sie legte die Hand an den Hals wie jemand, der plötzlich unter Atemnot litt, und betonte mit der Geste den rasenden Puls unter der hellen Haut. „Dass du Lulu aufgekauft hast, war also nur ein Zufall?“ Sie wählte ihre Worte sehr sorgfältig.

„In welcher Hinsicht?“

Sie zögerte mit der Antwort, als befürchte sie, gefährliches Gebiet zu betreten, und er lachte leise. „Was meinst du wohl?“

„Ich… ich weiß es nicht.“

Loukas wusste, dass sie log. Hätte die Übernahme von Lulu ihn so gereizt, wenn sie nicht mit zum „Inventar“ gehört hätte? Natürlich nicht. Es gab genügend Investitionsmöglichkeiten für ihn, und bei keinen waren Gefühle im Spiel. Doch das hier war anders gewesen – wegen Jess. In seinem Schritt begann es plötzlich zu ziehen. Die Befriedigung bei diesem Deal versprach viel mehr als nur bloßen Profit.

„Mir war zu Ohren gekommen, dass die Firma abfiel, da das Management nachlässig geworden war, und ich nahm mir vor, das Ruder herumzureißen. Eine bekannte Marke wieder auf den neuesten Stand zu bringen … da kann nichts schiefgehen.“ Er lächelte. „Das nennt man Gewinnmaximierung mit minimalem Einsatz.“

Sie musterte ihn leicht verdutzt, als wäre sie überrascht, das Vokabular der Finanzwelt aus seinem Mund zu hören. Ärger stieg in ihm auf, weil sie ihn offenbar noch immer für einen Strolch und Gauner hielt. Für ein Muskelpaket ohne Verstand.

„Aber ich muss gestehen, deine Verbindung zur Firma hat das Angebot praktisch unwiderstehlich gemacht“, sagte er leise. „Ich wollte dich wiedersehen.“

Um herauszufinden, ob er sie noch immer so sehr begehrte. Ob ihr schönes Gesicht ihn kalt lassen würde. Er betrachtete ihren Teller, das kaum angerührte Essen, dann hob er langsam den Blick. Das Kerzenlicht fiel auf ihren Busen, und urplötzlich überrollte ihn eine überwältigende Welle der Lust. Tja, dachte er bitter, sieh an. Er begehrte sie noch immer. Eigentlich noch mehr als früher. Als wäre sein sinnlicher Hunger über die Jahre stetig größer geworden. Wenn er jetzt über den Tisch auf ihre leicht geöffneten Lippen blickte, wollte er nichts anderes, als seinen Mund gierig und fordernd daraufpressen. Er wollte seine Hände unter dieses farblose Kleid schieben und ihre heiße Haut an seinen Fingern spüren, wollte ihr einen unglaublichen Höhepunkt verschaffen und sich von ihr den Gefallen erwidern lassen.

Sein Mund wurde hart. Und was gedachte er jetzt deswegen zu unternehmen? „Du isst ja gar nichts, Jess“, stellte er fest und hörte selbst, wie rau seine Stimme klang. Ob es ihr auch auffiel? Ob sie auch nur ahnte, wie es in seinem Schritt pulsierte?

„Du auch nicht.“ Sie schob ihren Teller ein Stück von sich und nickte knapp, als hätte sie eine Entscheidung getroffen. „Dieses Dinner war eine miserable Idee. Nur weil wir zusammen arbeiten, müssen wir nicht zusammen essen. Ich werde auf mein Zimmer gehen und mir etwas vom Zimmerservice kommen lassen.“

„Ich begleiche eben die Rechnung, dann begleite ich dich.“

„Das ist nicht nötig.“ Sie leckte sich über die Lippen, zwang sich zu einem Lächeln. „Um ehrlich zu sein, mir wäre es lieber, wenn du mich nicht begleiten würdest.“

„Ich bestehe darauf.“

Seine Entschlossenheit ließ sie verstummen. Sie beobachtete, wie er den Kellner herbeiwinkte und die Rechnung abzeichnete. Sie fragte sich, ob sie beide Aufsehen mit ihrem seltsamen Verhalten erregten. Zwei Leute, die ihr Essen nicht anrührten, die sich steif und verkrampft gegenübersaßen und einen inneren Kampf zu führen schienen, weil sie einander nicht mehr begehrenswert finden wollten.

Sie verließen das Restaurant, und Jessica meinte, dass alle Blicke ihnen folgten. Als die Türen hinter ihnen zuschwangen, leitete sie ihren würdevollen Abschied ein.

„Vielen Dank für alles, Loukas. Gute Nacht.“

„Es gibt nichts, für das du mir danken müsstest. Ich bringe dich zu deiner Suite.“

„Aber …“

„Ich bestehe darauf“, wiederholte er.

Worauf würde er noch bestehen? fragte sie sich, als die Lifttüren zuglitten und sie beide vom Rest der Welt abschotteten.

Sie zwang sich, den Blick von seinen perfekten Gesichtszügen loszureißen. Die Atmosphäre in der Aufzugskabine war klaustrophobisch. Schlimmer noch, bedrohlich – weil weder ein Büroschreibtisch noch ein Dinnertisch Abstand zwischen ihnen schuf. In dem eingeengten Raum waren sie einander viel zu nah, Jessica meinte, die Körperwärme spüren zu können, die er ausstrahlte. Sein Duft hing in der Luft, so typisch Loukas – Zitrus und Sandelholz und Mann. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Der Duft katapultierte sie in die Vergangenheit zurück, rief ihr seine Küsse in Erinnerung, die fordernden, die zärtlichen und alle anderen auch. Erweckte Bilder, wie sie miteinander geschlafen hatten, das erste Mal, als es so wehgetan hatte, und dann alle weiteren Male, bei denen sie sich immer gefühlt hatte, als wäre sie im Paradies angekommen.

Ob er hörte, dass sie jetzt schwerer atmete? Wahrscheinlich. Seine Sinne waren immer extrem geschärft gewesen, weshalb er ja auch ein so guter Leibwächter gewesen war … und ein so außergewöhnlicher Liebhaber.

Und plötzlich ärgerte sie sich, dass er sie bisher kein einziges Mal angerührt hatte. Er hatte sie nicht einmal mit Küssen auf die Wangen begrüßt, wie es im Business üblich war und wie jeder in seiner Position es getan hätte. Ganz gleich, was er über sie denken mochte … das wäre zivilisiertes Verhalten gewesen.

Aber Loukas war ja nicht zivilisiert, oder? Unter dem teuren Maßanzug steckte noch immer der Mann, der er immer gewesen war. Ursprünglich und rau und testosteronstrotzend. Nur handelte er nicht entsprechend. Er ließ ihre Fantasien nicht Wirklichkeit werden, drängte sie nicht an die Kabinenwand, um ihren Mund in Besitz zu nehmen, so wie er es früher oft getan hatte.

Ahnte er, was sie dachte und fühlte? Betrachtete er sie deshalb mit diesem süffisanten kleinen Lächeln, das in krassem Gegensatz zu dem glühenden Hunger in seinen Augen stand?

Sie betete, dass der Lift bald auf ihrem Stockwerk ankam … und doch gab es auch einen Teil in ihr, der hoffte, der Lift würde das Stockwerk nie erreichen. Dann würden sie hier in der kleinen Kabine feststecken, bis einer von ihnen aufgab.

„Ja …“ Seine Stimme zerriss die Stille, „es ist wirklich so, nicht wahr?“ Und damit fasste er sacht ihr Kinn und strich ihr mit dem Daumen über die Lippen.

Seine Berührung elektrisierte sie. Ihre Lippen begannen zu beben, ihr Herz hämmerte wie wild, als er ihr den Daumen zwischen die Lippen und in die warme Höhle ihres Mundes schob. Sie fand nicht die Kraft, ihn aufzuhalten, obwohl ihr sein aufreibendes kleines Lächeln genau vor Augen stand.

Wie von allein senkten sich ihre Lider, als ihr Mund sich um seinen Daumen schloss. War es, um den Spott in seinem Blick nicht sehen zu müssen? Weil sie sich dann selbst etwas vormachen konnte? Sich vormachen konnte, dass es sich um eine ganz normale Situation zwischen einem Mann und einer Frau handelte, ohne die Verbitterung, ohne das Bedauern? Küss mich, flehte sie still. Stille die Sehnsucht und küss mich einfach …

„Öffne die Augen, Jess.“

Zögernd hob sie die Lider und traf auf den intensiven Blick aus seinen schwarzen Augen.

„Wünschst du dir, dass ich dich küsse?“ Er zog seinen Daumen so langsam aus ihrem Mund zurück, dass sie fast aufgestöhnt hätte.

Hatte er ihre Gedanken erraten? Oder hatte sie die Worte etwa laut ausgesprochen? Zögernd nickte sie.

„Dann bitte mich. Frage mich nett und höflich, und ich werde es in Betracht ziehen.“Ärger schäumte jäh auf und gab ihr endlich die Kraft, das Ganze abzubrechen. „Lass die dummen Spielchen, Loukas.“

„Ich dachte, Spielchen seien deine Spezialität.“

„Fahr zur Hölle!“

Und dann küsste er sie tatsächlich. Mit einem leisen Lachen zog er sie an sich, und sein harter Körper erstickte jeden möglichen Protest in ihr. Sie konnte nur noch denken, wie stark er war und was für ein gutes Gefühl es war, wieder von ihm gehalten zu werden. In seiner Umarmung fühlte sie sich warm und geborgen. Sicher.

Aber wie konnte sie sich sicher fühlen, wenn seine Hände zu ihren Brüsten wanderten und diese zu kneten begannen, bis sie vor Vergnügen laut aufstöhnte? Es war das genaue Gegenteil von sicher, wenn ihre Brustwarzen sich aufrichteten und schmerzhaft gegen den Stoff des Kleides drängten, sich danach sehnten, seine Hände ohne Barrieren zu spüren …

Ein Klingeln meldete die Ankunft auf dem Stockwerk, und die pure Frustration überfiel Jessica, als Loukas sich von ihr löste. Seine Augen waren verhangen, seine Miene verriet deutlich, dass er von diesem Kuss ebenso überwältigt worden war wie sie. Doch die sinnliche Verwirrung in seinem Blick klärte sich sofort wieder, er hielt den Daumen fest auf den Türöffner, während er Jessica mit glühenden dunklen Augen musterte.

„So“, sagte er.

„So“, lautete ihre Erwiderung, nur um Zeit zu schinden.

„Wirst du mich zu dir hereinbitten?“

Jede Zelle in ihr schrie „Ja“. Alles in ihr drängte sie, die Zimmertür zu öffnen und das zu tun, was sie sich mehr wünschte als alles andere auf der Welt. Von seinem Gesicht konnte sie ablesen, dass es schnell gehen würde. Sie konnte schon vor sich sehen, wie er ihr das Kleid vom Leib riss, meinte das surrende Geräusch des Reißverschlusses zu hören, wenn er sich selbst befreite. Ihre Finger zuckten, sehnten sich danach, den stahlharten und gleichzeitig so köstlich samtigen Schaft zu umfassen, ihn zu liebkosen und das raue Stöhnen aus seiner Kehle steigen zu hören …

Das Blut rauschte ihr durch die Adern, vor Frustration und Sehnsucht hätte sie in Tränen ausbrechen können. Ob Loukas ahnte, dass es seit ihm niemanden mehr gegeben hatte? Dass er der einzige Mann war, mit dem sie je intim gewesen war? Würde er in ungläubiges Lachen ausbrechen? Vor unerträglichem Stolz fast platzen? Weil nur er derjenige war, der die kühle und gefasste Jessica Cartwright in jemanden verwandeln konnte, den sie selbst nicht erkannte?

Er hatte ihr den Job angeboten, und jetzt hatte er deutlich klargemacht, dass er sie noch immer begehrte. Vielleicht sollte sie sich darauf einlassen – und erkennen, dass sie ihn nur auf dieses Podest gehoben hatte, weil sie damals so jung und leicht zu beeindrucken gewesen war. Außerdem lebten sie doch in modernen Zeiten, oder? Sie konnte schlafen, mit wem sie wollte …

Sie öffnete schon den Mund, um mit Ja zu antworten, aber im letzten Moment hielt sie etwas zurück. War das … Triumph, was sie in seinem Blick erkannte?

Die Hitze in ihrem Blut kühlte sich merklich ab. Sie überlegte, wie sie sich am Morgen fühlen würde, wenn sie an seiner Seite aufwachte. Würde sie mit den Konsequenzen eines solch übereilten Schrittes umgehen können? Sie bezweifelte es. Intimität brachte auch immer Kummer und Schmerz mit sich. Und nur ein Narr würde sich freiwillig auf etwas einlassen, von dem er schon vorher wusste, dass es nur Schmerzen einbrachte.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Loukas, ich bitte dich nicht herein.“

Er beugte den Kopf vor, offensichtlich wollte er nicht akzeptieren, was er hörte, und versuchte, durch die Nähe ihre Meinung zu ändern. „Bist du sicher?“ Sein Atem strich ihr warm übers Gesicht.

Sie musste ihre gesamte Willenskraft aufbieten, um von ihm wegzutreten und noch einmal den Kopf zu schütteln. Aber Willenskraft war etwas, das sie im Übermaß besaß. Es war ihre Willenskraft gewesen, die dafür gesorgt hatte, dass sie auf dem Tennisplatz gesiegt hatte. Die dafür gesorgt hatte dass sie jedes Wochenende, selbst an kalten Wintertagen, zum Training gegangen war, während alle ihre Schulfreundinnen noch im warmen Bett gelegen hatten und sich von ihren Müttern hatten verwöhnen lassen.

„Ja, absolut sicher“, beantwortete sie seine Frage. „Ich werde zu Bett gehen. Allein. Gute Nacht, Loukas.“

Das überraschte Auffunkeln in seinen Augen verschaffte ihr keine Befriedigung. Es konnte das schmerzhafte Verlangen in ihrem Körper nicht mildern. Auch nicht die Sehnsucht in ihrem Herzen. Sie ging in ihre Suite und schloss die Tür direkt vor seinem schönen, harten Gesicht. Und sie schaffte es auch, dem Drang zu widerstehen, mit der Faust gegen die Wand zu schlagen.

5. KAPITEL

Es war nie angenehm, frustriert aufzuwachen, aber Jessica war sicher, dass Frustration Bedauern und Reue vorzuziehen war.

Unter dem prasselnden Wasserstrahl der heißen Dusche versuchte sie energisch, jede Erinnerung an den Griechen zu verdrängen, doch ihre Gedanken kreisten immer nur um ihn. Hatte sie die Chance verpasst, sich ihren Exlover ein für alle Mal aus dem Kopf zu schlagen, indem sie ihn gestern nicht in ihre Suite eingeladen hatte? Um endlich zu erkennen, dass sie ihn über die Jahre zu einem gottähnlichen Wesen stilisiert hatte, wenn er in Wahrheit auch nur ein Normalsterblicher war?

Sie dachte an gestern Abend zurück. Er hatte ihr nicht das geringste Zeichen von echter Sympathie oder Zuneigung entgegengebracht, hatte sie als potenzielle Eroberung angesehen. Sehnte sie sich tatsächlich so verzweifelt nach Sex, dass sie es bereute, sich nicht damit zufrieden zu geben? Die Antwort war ein eindeutiges Nein. Sie brauchte einen klaren Kopf, und sie musste die Kontrolle behalten.

Sie schlüpfte in eine Leinenhose und knöpfte sich die Bluse zu, dann drehte sie ihr Haar zu einem Knoten. Sie legte gerade die Perlenohrringe an, als das Telefon auf dem Nachttisch klingelte. Sie zögerte, bevor sie den Hörer aufnahm. „Hallo?“

„Gut geschlafen?“

Die samtene Stimme wollte sie überwältigen und machte Selbstbeherrschung zur schwersten Aufgabe der Welt. „Wie ein Stein“, log sie. „Und du?“

„Nicht sonderlich gut.“ Er senkte die Stimme. „Erotische Träume haben mich gequält und immer wieder aus dem Schlaf schrecken lassen, und sie hatten alle mit dir zu tun. Das heißt, dass ich dir die Schuld an meiner unruhigen Nacht gebe, Jess.“

„Weil du nicht bekommen hast, was du wolltest?“

Loukas antwortete nicht. Wenn es doch nur so simpel wäre. Wenn doch seine Frustration nur auf die Tatsache zurückzuführen wäre, dass sie nicht mit ihm geschlafen hatte. Aber so simpel war es eben nicht. Im Gegenteil, es begann, kompliziert zu werden, und auf Komplikationen ließ er sich nicht ein. Wieso schien es plötzlich so wichtig, wieder mit ihr vereint zu sein, und wieso war sie so fest entschlossen, sich gegen ihn zu wehren?

Er wusste, dass sie ihn wollte, das hatte sie überdeutlich gemacht, und dennoch hatte sie ihm einen Korb gegeben. Sie war dahingeschmolzen, sobald er sie berührt hatte, trotzdem hatte sie Nein gesagt. Verschaffte ihr das ein Gefühl von Macht, jederzeit ihre eiskalte Selbstbeherrschung auf den Plan rufen zu können?

Er wusste selbst, dass er ein verkorkstes Verhältnis zu Frauen hatte. Er verachtetet sie, und die Frauen, mit denen er zu tun hatte, taten wenig, um sein Urteil zu korrigieren.

Jess war anders. War immer anders gewesen, und das nicht nur, weil sie blond und schlank war, während die anderen Frauen, mit denen er geschlafen hatte, immer brünett und üppig gewesen waren. Sie war die Eine, die gegangen war, die Eine, die er nie verstanden hatte. Sie besaß das, was man Klasse nannte, etwas, das sich für kein Geld der Welt kaufen ließ. Es war ihre Unnahbarkeit gewesen, die ihn von Anfang an fasziniert hatte. Sie war die erste Frau, die er tatsächlich hatte umwerben und für sich gewinnen müssen. Die erste und einzige Frau, für die er je Blumen gekauft hatte. Hatte sie sich über seinen billigen kleinen Strauß lustig gemacht, wenn ihr doch nach jedem gewonnenen Match die riesigsten Bouquets überreicht worden waren? Hatte sie sich absichtlich jemanden wie ihn ausgesucht, um ihre Unschuld zu verlieren? Jemanden, der sie in die Welt des sinnlichen Vergnügens einführen würde und den man danach ohne großen Aufwand abstoßen konnte?

Er überdachte die Optionen, die er jetzt hatte. Er konnte sich umdrehen und gehen, konnte die Arbeit den Spezialisten von der Agentur überlassen und seinen eigenen Beitrag auf ein Minimum beschränken. Er könnte sie natürlich auch auszahlen, mit einer übergroßen Abfindung abschieben und sich für die Kampagne ein neues Gesicht suchen. Ein frisches Model, das keine Altlasten mit sich herumschleppte wie Jessica Cartwright. Und dann konnte er sich auch eine neue Bettgespielin nehmen. Eine, die ihm nicht die Tür vor der Nase zuschlug, sondern ihn mit offenen Armen in ihrem Bett empfing.

Aber er war noch nicht fertig mit Jessica Cartwright. Der Punkt auf seiner Liste musste noch abgehakt werden. Seinen Bruder hatte er getroffen.

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