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JULIA EXTRA BAND 408

CATHY WILLIAMS

Verbotene Überstunden mit dem Boss

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Verbotene Überstunden mit dem Boss

1. KAPITEL

Ein Freitag im Sommermonat Juli, abends um halb sieben. Und wo bin ich? dachte Kate. Natürlich im Büro!

Wieder einmal hielt sie als Letzte die Stellung, saß vor ihrem PC und betrachtete Gewinn- und Verlustangaben. Eigentlich hatte das Zeit bis Montagmorgen, aber …

Seufzend richtete Kate sich auf und dehnte ihre verspannten Schultern. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt und sollte an einem Freitagabend eigentlich woanders sein als im Büro – auch wenn es ein ziemlich schönes Büro in einem schicken Gebäude der prestigeträchtigen Londoner Innenstadt war.

Eigentlich sollte sie sich amüsieren, mit Freunden im Hyde Park Wein trinken und den langen, heißen Sommer genießen, im Garten grillen oder einfach mit jemandem Musik hören und darüber sprechen, wie ihr Tag gewesen war.

Doch die Freunde, die Kate seit ihrem Umzug nach London vor vier Jahren gefunden hatte, konnte sie an einer Hand abzählen. Seit eineinhalb Jahren war sie nun Bilanzbuchhalterin bei AP Logistics, und seitdem sah die Sache noch düsterer aus. Sie gehörte einfach nicht zu diesen fröhlichen, lebhaften jungen Frauen, die mühelos Freunde fanden. Normalerweise dachte Kate nicht viel darüber nach, aber heute war Freitag, draußen ging der heiße Sommertag in einen lauen Abend über, und der gesamte Rest der Welt genoss das wunderschöne Wetter …

Kate ließ den Blick zur Tür ihres Büros schweifen. Der Anblick der unbesetzten Schreibtische schien sie spöttisch auf ihre Unzulänglichkeit hinzuweisen. Schnell zählte sie in Gedanken all die schönen Dinge auf, die es in ihrem Leben gab: eine tolle Stelle bei einem der renommiertesten Unternehmen des Landes, ein eigenes Büro – in ihrem Alter eine beachtliche Leistung –, ein eigenes kleines Apartment in einer annehmbaren Gegend im Westen Londons. Wie viele Frauen in ihrem Alter besaßen schon eine eigene Wohnung – in London? Natürlich musste sie noch den Kredit abbezahlen, aber immerhin … Sie war wirklich erfolgreich.

Womöglich hatte sie es nicht geschafft, ihrer Vergangenheit völlig zu entfliehen. Doch Kate hatte auch nicht das Gefühl, dass ihr Leben von ihrer Vergangenheit beherrscht wurde. Andererseits saß sie an diesem sommerlichen Freitagabend alleine bei der Arbeit. Was sagte das aus?

Kate beschloss, noch eine halbe Stunde zu bleiben und dann in ihr einsames Apartment zu fahren. Sie vertiefte sich so sehr in die Zahlen, dass sie das „Pling“ des Aufzugs und die sich nähernden Schritte kaum wahrnahm.

Konzentriert schaute Kate auf ihren Bildschirm, sodass sie den großen dunklen Mann erst bemerkte, als er sie ansprach. Vor lauter Schreck zuckte sie zusammen, und für ein paar Augenblicke war ihr sonst so souveränes Auftreten wie weggeblasen.

Alessandro Preda hatte jedes Mal diese Wirkung auf sie. Irgendetwas hatte dieser Mann an sich! Und das hatte nichts damit zu tun, dass er der Besitzer des Unternehmens war – zu dem noch unzählige weitere Firmen gehörten. Er war einfach … beeindruckend. Äußerst beeindruckend.

„Sir … Mr Preda, was kann ich für Sie tun?“ Kate sprang auf und strich sich mit einer Hand den grauen Rock und mit der anderen den strengen Haarknoten glatt.

Alessandro Preda, der lässig am Türrahmen gelehnt hatte, schlenderte in ihr Büro – den einzigen Raum auf diesem Stockwerk, in dem noch Licht brannte. „Erst mal können Sie sich wieder setzen, Kate. Sollte ich irgendwann königlichen Status erwerben, dürfen Sie gerne jedes Mal aufspringen, sobald ich den Raum betrete. Bis dahin ist es aber wirklich nicht notwendig.“

Kate rang sich ein höfliches Lächeln ab und nahm wieder Platz. Alessandro Preda war definitiv ein attraktiver Mann – schlank, muskulös, sonnengebräunt und einfach umwerfend sexy –, aber sie persönlich fand ihn kein bisschen anziehend. Viel zu viele Leute erstarrten vor Ehrfurcht angesichts seines Talents und seines Erfolgs, viel zu viele Frauen verwandelten sich in seiner Gegenwart zu hilflosen kleinen Mädchen, die ununterbrochen kicherten. Alessandro Preda war überheblicher, als ihm guttat. Er war attraktiv, erfolgreich und unwiderstehlich – und das wusste er auch.

Als seine Angestellte blieb Kate jedoch nichts übrig, als zu lächeln und zu hoffen, dass er nicht sehen würde, was sich hinter ihrem Lächeln verbarg.

„Sie brauchen mich auch nicht immer mit ‚Sir‘ anzureden. Habe ich Ihnen das nicht schon mal gesagt?“ Mit seinen dunklen Augen betrachtete er ihr blasses Gesicht, auf dem er noch kein einziges wirkliches Lächeln gesehen hatte, seit sie für sein Unternehmen arbeitete.

„Doch, haben Sie, ähm … Mr …“

„Ich heiße Alessandro. Das hier ist ein Familienunternehmen, und ich gestalte den Umgang mit meinen Mitarbeitern gern locker.“ Als er sich auf ihrer Tischkante niederließ, lehnte Kate sich automatisch ein wenig zurück.

Familienunternehmen? Von wegen, dachte Kate. Es sei denn, seine Familie umfasste mehrere Tausend Mitglieder, die auf der ganzen Welt lebten. „Was kann ich für Sie tun, Alessandro?“

„Ich wollte Cape einige Dokumente bringen. Wo steckt er denn? Und warum halten Sie hier ganz allein die Stellung?“

„Es ist schon nach halb sieben, … ähm, Alessandro. Die anderen sind alle schon vor einer Weile gegangen“, erwiderte Kate stockend.

Er sah auf die Uhr und sagte stirnrunzelnd: „Stimmt. Allerdings hätte ich erwartet, dass zumindest einige meiner sehr großzügig entlohnten Mitarbeiter noch hier sein würden.“ Mit zusammengekniffenen Augen sah er sie an. „Und was tun Sie noch hier?“

„Ich hatte vor, noch ein paar Finanzberichte durchzugehen. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um produktiv zu arbeiten – wenn alle anderen schon Feierabend machen …“

Abwägend sah Alessandro sie an. Was hatte es nur mit dieser Frau auf sich? In den letzten Monaten hatte er mehrfach mit ihr zu tun gehabt und sie als fleißig und gewissenhaft erlebt. George Cape hatte sich für ihre Beförderung eingesetzt. An ihrer schnellen Auffassungsgabe war wirklich nichts zu bemängeln: Kate hatte ein Talent dafür, bei Problemen fast sofort die Ursache aufzuspüren, was im sehr komplexen Finanzbereich nicht gerade leicht war. Ja, sie war wirklich äußerst professionell, doch irgendetwas fehlte.

Ihre grünen Augen wirkten sehr wachsam, der sinnliche Mund war stets zusammengepresst, die Frisur streng und ordentlich. Nachdenklich betrachtete Alessandro die weiße, bis zum Hals zugeknöpfte Bluse mit den langen Ärmeln, mit der Kate ihren Körper geradezu versteckt hielt. Niemand hätte bei Kates Anblick vermutet, dass die Temperaturen draußen hochsommerlich waren. Er hätte wetten können, dass sie eine Strumpfhose trug.

Normalerweise umgab sich Alessandro mit Frauen, die ihre Reize nur allzu gerne zur Schau stellten. Ms Kate Watsons strenge Aufmachung stand dazu in einem krassen Gegensatz. Und genau das reizte seine Neugier.

Als Alessandro das letzte Mal mit ihr zusammengearbeitet hatte – an einer komplizierten Steuersache, mit der sie sich offenbar besser auskannte als ihr in letzter Zeit etwas abwesend wirkender Vorgesetzter George Cape –, hatte er versucht, etwas mehr über sie herauszufinden und ihr ein paar Fragen gestellt, nach ihren Hobbys und Interessen. Sie hatten sich Essen bestellt und höflich geplaudert.

Die meisten Frauen erzählten Alessandro alles über sich, sobald er auch nur einen Funken von Interesse zeigte. Sie blühten dann geradezu auf. Bei Kate Watson keine Spur davon. Sie hatte ihn mit ihren grünen Augen kühl angesehen und die Unterhaltung immer wieder geschickt auf neutrale Themen gelenkt, ohne auch nur das Geringste über sich preiszugeben.

„Sind Sie immer so spät noch hier?“

Alessandro saß nach wie vor auf ihrem Tisch und war ihr somit viel zu nahe. Er nahm einen gläsernen Briefbeschwerer in Form eines Goldfischs in die Hand und drehte ihn zwischen den Fingern herum.

„Nein, natürlich nicht“, versicherte Kate. Aber viel zu oft.

„Nein? Nur heute? Obwohl heute der heißeste Tag des Jahres ist?“

„Ich mag heißes Wetter nicht besonders.“ Sie senkte den Blick und ärgerte sich plötzlich über die leise Kritik, die in seiner amüsierten Stimme mitschwang. „Es macht mich immer so müde.“

„Kein Wunder, wenn man langärmelige Blusen und gestärkte Röcke trägt“, stellte Alessandro fest und legte den Briefbeschwerer wieder hin.

„Sie können mir gerne die Dokumente dalassen, ich werde sie George geben, wenn er in zwei Wochen aus dem Urlaub wiederkommt.“

In zwei Wochen! Ich fürchte, die Sache hat leider nicht Zeit, bis Cape uns wieder mit seiner Anwesenheit beehrt.“ Alessandro stand auf, klatschte einen Stapel Papiere auf ihren Tisch, stützte sich auf und neigte sich zu ihr.

„Ich habe Watson Russell gefragt, ob er etwas über die Unregelmäßigkeiten in der Zuliefererkette unserer Freizeitzentren weiß, die an der Küste entstehen. Er sagte, das sei von Anfang an Capes Projekt gewesen. Stimmt das?“

„Ja, ich glaube schon“, antwortete Kate ausweichend.

„Sie glauben das?“, hakte Alessandro nach.

Sie atmete tief ein und versuchte vergeblich, sich nicht von ihm beeindrucken zu lassen. Doch der große muskulöse Mann mit dem tiefschwarzen Haar, der sich so nahe zu ihr beugte, ließ ihr Herz heftig schlagen. Ihr Mund fühlte sich plötzlich ganz trocken an, und ihre Handflächen wurden feucht.

„Er ist für das Projekt zuständig – und zwar allein. Was genau möchten Sie denn herausfinden?“

Alessandro richtete sich auf und begann, durchs Büro zu gehen, in dem es kaum eine persönliche Note gab: keine niedlichen gerahmten Fotos, keine Pflanzen oder originellen Stiftehalter – noch nicht einmal einen Tischkalender mit schönen Meereslandschaften, Kunstwerken, süßen Hündchen oder leicht bekleideten Feuerwehrmännern.

Er schwieg eine Weile, dann schob er sich die Hände in die Taschen und drehte sich zu Kate um. „Durch einen Zufall sind einige Akten bei mir gelandet – vermutlich, weil sie den Stempel ‚streng vertraulich‘ trugen und der Bote dachte, sie seien für die Chefetage gedacht. Ich habe sie überflogen und … hm … gewisse Diskrepanzen entdeckt, die überprüft werden müssen.“

Er konnte natürlich nicht jedes Detail seines riesigen Imperiums selbst im Blick haben und bezahlte seine Angestellten sehr großzügig dafür, dass diese das taten. Bisher hatte Alessandro darauf vertraut, dass sie nicht versuchten, ihn zu hintergehen.

„Es tauchen einige kleine Firmen auf, deren Namen mir nicht bekannt vorkommen“, sagte er. „Ich habe zwar ziemlich viele Firmen, aber in der Regel weiß ich doch, wie sie heißen.“

Kate wurde blass, als ihr die Tragweite seiner Worte bewusst wurde.

„Sie begreifen schnell“, stellte Alessandro anerkennend fest. „Eigentlich wollte ich Cape mit den Akten konfrontieren, aber da er nun nicht da ist, könnten Sie sich diese vielleicht ansehen und die Beweise zusammentragen, die notwendig sind.“

„Notwendig wofür?“ Als ihr Chef erstaunt die Augenbrauen hob, fügte sie errötend hinzu: „George Cape steht kurz vor dem Ruhestand, er hat eine Frau, Kinder und Enkelkinder …“

„Es mag vielleicht verrückt klingen“, sagte Alessandro so gelassen und ironisch, dass sie am liebsten den gläsernen Goldfisch nach ihm geworfen hätte, „aber wenn einer meiner gut bezahlten Angestellten beschließt, meine Großzügigkeit auszunutzen, dann betrübt mich das doch etwas. Natürlich kann ich auch danebenliegen, und es gibt eine ganz einfache Erklärung …“

„Aber falls nicht?“ Gegen ihren Willen beobachtete Kate geradezu fasziniert, wie elegant sich ihr Chef durch ihr kleines Büro bewegte.

„Die Mühlen der Justiz müssen ja auch etwas zu tun haben …“ Er zuckte die Schultern. „Ich übergebe Ihnen jetzt offiziell die Unterlagen, und dann werden Sie sich minutiös hindurcharbeiten. Wie lautet Capes PC-Passwort?“

„Das weiß ich leider nicht.“

„Dann soll sich bitte eins unserer Computer-Genies darum kümmern. Und Sie gehen jedes einzelne der Dokumente durch und melden sich dann außerhalb der regulären Arbeitszeit bei mir“, ordnete Alessandro an. „Ich vermute, dass Cape Geld unterschlägt. Nicht zuletzt, weil er allein für das Projekt zuständig ist.“

Als er vor ihrem Tisch stehenblieb, sah sie widerstrebend zu ihm auf und blickte ihm in das dunkle, markante Gesicht.

„Soweit ich sehen kann, geht es dabei nicht um große Beträge, vielleicht ist das Ganze deshalb bisher nicht aufgefallen. Aber im Laufe der Zeit könnte sich das zu einer stattlichen Geldsumme anhäufen, und wenn Scheinunternehmen im Spiel sind …“

„Es behagt mir gar nicht, dass ich Georges Arbeit überprüfen soll“, gab Kate ehrlich zu. „Ich finde ihn sehr nett, und er war immer so freundlich zu mir. Ohne ihn wäre ich bestimmt nicht so schnell befördert worden …“

„Wenn Sie sich weiter so für ihn ins Zeug legen, glaube ich am Ende noch, dass Sie Bescheid wussten“, warnte Alessandro sie.

„Nein“, entgegnete sie kühl und sah ihm in die Augen, ohne zu blinzeln. „Ich würde niemals jemanden um etwas betrügen. So bin ich nicht.“

Alessandro wurde hellhörig. Eigentlich hatte er nur mit George Cape reden und dann das Büro verlassen wollen. Er hatte keine Verabredung und bedauerte das auch nicht. Seine letzte Affäre mit einer blonden Sexbombe hatte den üblichen Abschluss gefunden, und er hatte nichts dagegen, sich eine kleine Auszeit vom schönen Geschlecht zu nehmen. Ms Kate Watson verkörperte all das, worum er bei Frauen einen großen Bogen machte: Sie war kühl, distanziert und kratzbürstig – und sie lächelte nie. Außerdem machte sie ununterbrochen deutlich, dass sie nur hier war, um ihre Arbeit sehr gut zu machen. Aber dieser eine Satz: „So bin ich nicht.“ hatte ihn zum Nachdenken gebracht. Wie war sie denn eigentlich?

Alessandro beschloss, später noch einmal auf Kates ungewöhnliche Bemerkung zurückzukommen. An diesem Freitagabend hatte er jedenfalls nichts vor, was sehr selten vorkam. Er zog einen Stuhl an ihren Schreibtisch und setzte sich, die langen Beine mit gekreuzten Knöcheln ausgestreckt.

Kate wirkte fast entsetzt. „Ich wollte gerade gehen“, sagte sie hastig. „Können wir vielleicht Montagmorgen weiterreden? Ich bin meistens schon um halb acht da.“

„Sehr lobenswert. Wirklich herzerwärmend, dass zumindest eine Person in der Finanzabteilung nicht ständig auf den Feierabend lauert.“

„Sie haben doch bestimmt noch etwas vor, Sir … Alessandro. Ich werde die Unterlagen mit nach Hause nehmen, sie mir am Wochenende ansehen und Ihnen dann am Montag berichten, was ich herausgefunden habe“, schlug sie vor.

„Ich habe vorgeschlagen, dass wir die Sache außerhalb der normalen Arbeitszeit besprechen, damit wir erst mal keine Aufmerksamkeit erregen. Selbstverständlich würde ich Sie für die Überstunden gut bezahlen.“

„Darum geht es nicht“, erwiderte Kate ein wenig steif. Sie hielt den Blick fest auf sein Gesicht gerichtet, nahm jedoch seine lässige Pose, die langen Beine und die Muskeln unter seinem weißen Hemd ebenso deutlich wahr wie seinen sonnengebräunten Hals und seine muskulösen Unterarme. Alessandro machte sie auf eine Art und Weise nervös, wie sie es bei anderen Männern nie erlebt hatte. Er strahlte etwas sehr Ursprüngliches, Aggressives aus, das sie schon seit ihrem ersten Arbeitstag durcheinanderbrachte.

Es gefiel ihr gar nicht, wie heftig ihr Körper auf Alessandro reagierte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Bereits als Kind hatte Kate gelernt, wie wichtig Selbstbeherrschung war: Man musste seine Gefühle, seine Finanzen, sein ganzes Leben unter Kontrolle haben. Ihre Mutter hatte keinerlei Beherrschung besessen: Mit achtzehn hatte Shirley Watson sich den frivolen Namen Lilac gegeben und das dazu passende Leben geführt: als Pole-Dancer, Kellnerin in einer Cocktailbar und Pin-up für Herrenmagazine. Die zierliche bildhübsche Blondine hatte die Geschenke aktiv eingesetzt, die Mutter Natur ihr gemacht hatte.

Kate wusste nur wenig über die Vergangenheit ihrer Mutter: dass sie in einer Pflegefamilie aufgewachsen war und nie Beständigkeit und Geborgenheit gekannt hatte. Lilac hatte immer darauf gehofft, dass die Männer, mit denen sie schlief, sie wirklich liebten.

Kates Vater war kurz nach ihrer Geburt verschwunden und hatte der erst einundzwanzigjährigen Lilac das Herz gebrochen. Später hatte sie zweimal geheiratet, sich aber bald wieder scheiden lassen. Und immer hatte sie versucht, die große Liebe zu finden, doch die meisten Männer begehrten nur ihren Körper. Lilac war intelligent, doch sie verbarg ihre Intelligenz. Denn, wie sie Kate einmal anvertraut hatte: Männer wollten keine kluge Frau.

Kate liebte ihre Mutter sehr, doch ihre Schwächen waren ihr schmerzlich bewusst. Schon als kleines Mädchen hatte sie beschlossen, nicht dieselben Fehler zu machen. Dabei kam ihr zugute, dass sie groß und dunkelhaarig war und nicht den offensichtlichen Sex-Appeal ihrer Mutter besaß. Ihre körperlichen Reize verbarg sie bestmöglich. Und was Männer betraf …

Ein Mann, der sie wegen ihres Körpers wollte, kam nicht in Frage. Auf keinen Fall würde sie in dieselbe Falle tappen wie ihre Mutter! Kate setzte auf ihre Intelligenz, und das war schwer genug. Während ihrer Schulzeit war sie ständig umgezogen und hatte nie gewusst, was sie erwartete, wenn sie nach Hause kam. Zum Glück hatte ihre Mutter nach der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann genug Geld bekommen, um sich ein kleines Haus in Cornwall kaufen zu können. Doch Kate wollte sich nicht darauf verlassen, dass auch sie so ein Glück haben würde. Stattdessen würde sie ganz und gar auf eigenen Beinen stehen und für sich selbst sorgen. Und sollte sie sich jemals verlieben, dann in einen Mann, der ihre Intelligenz zu schätzen wusste und keine Angst hatte, sich zu binden – jemand, der sich nicht nur wegen Äußerlichkeiten mit einer Frau einließ.

Bisher war dieser Musterknabe zwar noch nicht aufgetaucht, doch deswegen würde Kate sich noch lange nicht von einem Mann ablenken lassen, der genau dem Typ entsprach, den sie verachtete. Aber warum verspürte sie dann immer so ein Brennen im ganzen Körper, wenn sich Alessandro Preda in ihrer Nähe aufhielt? Und jetzt redete er auch noch davon, dass sie sich außerhalb der Arbeitszeit treffen sollten.

„Wenn es nicht um die Bezahlung geht, worum dann?“, fragte er sie jetzt. „Haben Sie so ein ausgefülltes Privatleben, dass Sie die Zeit nicht erübrigen können?“ Er ließ den Blick umhergleiten und betrachtete dann wieder ihr blasses Gesicht.

Kate senkte den Blick und zwang sich, ruhig zu bleiben.

„Sie wollten ja gerade aufbrechen …“ Lässig schlenderte Alessandro zur Tür, lehnte sich gegen den Rahmen und blickte Kate an. „Ich werde Sie nach unten begleiten. Oder besser: Ich fahre Sie nach Hause.“

Nervös stand sie auf, rang sich ein Lächeln ab und räumte ihren ohnehin schon sehr ordentlichen Schreibtisch auf.

„Wie lange sind Sie schon hier?“

Verwirrt sah Kate ihren Chef an. „Wo? In Ihrem Unternehmen? In London?“

„In diesem Büro.“

Kate blickte sich in dem gepflegten Raum um – dem sichtbaren Beweis dafür, wie weit sie schon gekommen war. Sie war sehr froh über ihr Einkommen, das sie weiter auf ihrem Weg in Richtung finanzieller Sicherheit brachte. Ihre Mutter hatte gefragt, ob sie sich bei ihrem nächsten Besuch in London ihren Arbeitsplatz ansehen könne. Kate hatte dieses Vorhaben taktvoll und ein wenig beschämt im Keim erstickt.

Lilac Watson, die noch keine fünfzig war, stellte mittlerweile ihre körperlichen Reize weniger offensiv zur Schau. Doch in dieses exklusive Umfeld passte sie einfach nicht. Das hier war Kates Welt, die sie sich hart erkämpft hatte. Ihre Mutter hatte ein eigenes Leben in Cornwall, weit weg und losgelöst von ihrem.

Sie schob ihren Laptop in eine Ledertasche und griff nach der grauen Jacke, die über der Stuhllehne hing.

Graue Jacke, grauer, wadenlanger Rock, flache Pumps und eindeutig Strumpfhosen, keine Strümpfe. Es war unmöglich zu erkennen, was für eine Figur sich unter diesem sittsamen Outfit verbarg. Und warum sah Alessandro sie überhaupt so genau an? Er wusste es nicht. „Also. Wie lange sind Sie schon in diesem Büro?“

Kate runzelte die Stirn. „Etwas über ein halbes Jahr. Zunächst, weil ich noch spät Arbeit für sehr große Kunden erledigt habe und George meinte, eine ruhige Umgebung sei besser dafür. Und dann wurde es mir bei meiner Beförderung dauerhaft angeboten.“ Sie nahm die Laptoptasche, hängte sich eine weitere Tasche um und strich sich den Rock glatt. „Danke für das Angebot, mich nach Hause zu bringen, aber ich fahre lieber mit der U-Bahn, weil ich unterwegs noch einige Dinge besorgen muss.“

„Was denn für Dinge?“

„Ich … etwas zu essen“, antwortete sie ruhig, aber er merkte, dass sie leicht gereizt war.

Das war Alessandro nicht gewohnt, und er war über seine Reaktion ebenso erstaunt wie über seine Neugier in Bezug auf das, was sich unter ihrer Kleidung verbarg.

„Kein Problem“, wischte er ihren Einwand beiseite. „Ich habe Jackson, meinen Chauffeur, schon nach Hause geschickt und werde meinen eigenen Wagen nehmen. Dann können Sie Ihre Einkäufe einfach in den Kofferraum packen, anstatt sie zu Fuß nach Hause zu tragen.“

Erstaunt stellte er fest, dass sie ihn fast erschrocken ansah. Warum lehnte sie seinen Vorschlag ab, sie nach Hause zu fahren?

„Wir sollten gemeinsam entscheiden, wie wir mit der etwas heiklen Angelegenheit um George Cape umgehen werden.“

„Ich hatte den Eindruck, Sie hätten schon entschieden, was Sie mit ihm tun werden, falls er tatsächlich etwas veruntreut hat: ihn ins Verlies sperren und den Schlüssel wegwerfen.“

„Hoffen wir, dass ich mich irre.“ Alessandro trat zur Seite, sodass Kate gerade genug Platz hatte, an ihm vorbeizugehen. Er schaltete das Licht aus und folgte ihr.

„In Ihrem Büro ist überhaupt nichts Persönliches“, stellte er fest.

Kate errötete. „Es ist ja auch ein Büro und kein Boudoir“, entgegnete sie, ohne ihn anzusehen.

Boudoir – so ein hübsches Wort. Bewahren Sie dort all Ihre persönlichen Andenken auf?“, fragte Alessandro amüsiert.

Sie blieb stehen und wandte sich aufgebracht zu ihm um. Doch sofort ermahnte eine innere Stimme sie: Bleib ruhig und lass dich von diesem Kerl nicht durcheinanderbringen! Aber als sie mit ihren wütend funkelnden grünen Augen in seine dunklen sah, hatte sie das Gefühl, in seinem Blick zu versinken. Energisch gab sie sich einen Ruck.

Alessandro Preda war als Frauenheld bekannt. Auch wenn Kate nur Gerüchte darüber gehört hatte – ein Blick in einschlägige Zeitschriften genügte. Er wurde immer mit Models fotografiert, die sich dekorativ bei ihm einhakten und bewundernd zu ihm aufblickten. Jeden Monat war es eine andere junge Frau. Vielleicht waren einige davon wie ihre Mutter früher: einsame Wesen, die fantastisch aussahen und versuchten, mit ihren Reizen das große Glück anzulocken – das sich nie einstellte.

„Soll ich Ihnen die Ergebnisse per Mail schicken?“, fragte sie, drückte den Aufzugknopf und sah ihren Chef ausdruckslos an.

Noch nie war Alessandro jemand begegnet, der so angespannt war. Dahinter musste mehr stecken als Selbstbeherrschung! Aber was? Kate hatte lauter „Zutritt verboten!“-Schilder um sich herum aufgestellt, die ihn jedoch nicht abschreckten, sondern eher noch anzogen.

Alessandro war vierunddreißig und hatte sich nie um Frauen bemühen müssen – sie warfen sich ihm praktisch an den Hals. Ms Kate Watson allerdings schien Vorbehalte ihm gegenüber zu haben. Warum, das wusste er nicht, aber er empfand es als Herausforderung. Und Herausforderungen hatte er noch nie widerstehen können. Sonst wäre er auch nicht so erfolgreich geworden, wie er es war.

„Nein.“ Er ließ ihr den Vortritt in den Fahrstuhl, wo sie so viel Abstand zu ihm hielt wie nur möglich. „E-Mails kann man abfangen.“

Kate sah ihn nicht an, nahm seine Gegenwart jedoch intensiv wahr. Seine Körperwärme schien sich um sie zu legen wie ein gefährlicher Umhang, den sie am liebsten abgeschüttelt hätte. Die Art und Weise, wie ihr Körper auf seine Nähe reagierte, war ihr unheimlich.

Alessandro betrachtete ihr Profil und stellte überrascht fest, dass Kate bildhübsch war. Ihre Schönheit erschloss sich nicht auf den ersten Blick, und sie gab sich ja auch größte Mühe, ihre Reize zu verbergen. Doch ihre Gesichtszüge waren geradezu vollkommen: eine kleine, gerade Nase, sinnliche, volle Lippen, hohe Wangenknochen, die durch die strenge Frisur noch betont wurden. Wie lang ihr Haar wohl sein mochte …?

Plötzlich wandte sie sich zu ihm um und ertappte ihn dabei, wie er sie betrachtete.

„George wird wohl kaum türmen, wenn er Wind davon bekommt, dass Sie ihn unter die Lupe nehmen. Davon abgesehen glaube ich nicht, dass er überhaupt etwas verbrochen hat!“

„Warum nehmen Sie ihn so in Schutz?“

„Ich bin einfach nur fair. Solange ihm nichts nachgewiesen wurde, sollten wir ihn als unschuldig betrachten.“

Als sich die Aufzugtüren öffneten, trat Kate hinaus in die riesige, in Marmor gehaltene Lobby, die sie nach fast zwei Jahren noch immer beeindruckend fand. Nahm sie George vielleicht doch in Schutz? Der kleine Mann, der gar nicht ahnte, was auf ihn zukam, tat ihr leid. Andererseits konnte sie auch Alessandros Sichtweise nachvollziehen.

„Wirklich sehr lobenswert“, sagte er jetzt. „Am Montag beginnt also unsere Suche nach der Wahrheit – ist Cape schuldig oder einfach nur dumm? In jedem Fall wird er mit ziemlicher Sicherheit gefeuert.“

2. KAPITEL

Es war Kate sehr schwergefallen, sich am Wochenende nicht bei George Cape zu melden. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser höfliche, freundliche Mann, der sie am Anfang so unter seine Fittiche genommen hatte, ein Betrüger sein sollte. Doch in den letzten drei Monaten war er irgendwie anders gewesen …

Zu ihrer Erleichterung fand sie keinen Hinweis auf irgendwelche Scheinunternehmen. Doch es gab andere Unregelmäßigkeiten. Seufzend sah Kate auf die Uhr. Gleich erwartete Alessandro sie in seinem Büro. Um kurz vor sieben waren nur ein paar der besonders hart arbeitenden Angestellten da, die Kate jedoch keines Blickes würdigten, als sie mit den Unterlagen zu den Aufzügen ging.

Seit der komplizierten Steuerangelegenheit vor einiger Zeit war sie nicht mehr in Alessandros Büro gewesen. Auch George und der Leiter der Finanzabteilung hatten mitgearbeitet. Nur einmal waren sie und Alessandro allein gewesen, und er hatte Essen für sie beide bestellt. Kate erinnerte sich noch gut daran, wie ihr heiß geworden war, als sie einander einmal kurz in die Augen gesehen hatten.

Alessandro hatte sehr dunkle Augen, die von dichten schwarzen Wimpern eingerahmt wurden. An jenem Tag war sein Blick so nachdenklich und grüblerisch gewesen, dass Kate insgeheim erschauert war. Als hätte sie seinen Blick auf ihrem Körper gespürt …

Als sie nun erneut die Höhle des Löwen betreten wollte, war sie fest entschlossen, ihre Empfindungen unter Kontrolle zu halten. Doch leider schlug ihr Herz schon jetzt wie verrückt.

Alessandro saß lässig in seinem Ledersessel, die Hände locker auf dem Bauch verschränkt. „Der Plan hat sich geändert“, sagte er zur Begrüßung.

Kate blieb abrupt stehen, erleichtert und enttäuscht zugleich. „Natürlich. Wir können auch ein anderes Mal über die Ergebnisse sprechen, wenn Sie jetzt keine Zeit haben.“ Mit aller Macht zwang sie sich, den Blick von seinem Körper abzuwenden.

„So meinte ich das nicht. Wir werden etwas essen gehen und dabei alles besprechen.“

Erschrocken sah Kate ihn an. „Das ist nicht notwendig“, sagte sie nur und wechselte dann schnell das Thema. „Ich habe noch nicht mit der IT-Abteilung gesprochen, aber wir brauchen Georges Passwort wohl ohnehin nicht.“ Sie legte die Unterlagen schwungvoll auf seinem Tisch ab. „Es gibt keine Scheinunternehmen, das habe ich genau geprüft. Und …“

„Alles Weitere gleich beim Essen.“ Alessandro stand auf, nahm seine Jacke und hängte sie sich lässig über die Schulter. „Wenn ich Sie bitte, Überstunden zu machen, ist es wohl das Mindeste, dass ich Sie zum Essen einlade.“

„Ich … es wird wirklich nicht lange dauern …“, sagte Kate stotternd.

Alessandro blieb vor ihr stehen. Sein schlanker, muskulöser Körper strahlte eine Kraft aus, die sie verwirrte und ihr jegliche Energie nahm. Das gefiel ihr gar nicht. Sie legte großen Wert darauf, stets professionell, gelassen und effizient aufzutreten. Auf keinen Fall wollte sie Signale aussenden, die als weibliche Schwäche interpretiert werden könnten – schließlich war sie anders als ihre Mutter!

Um sich von dem schmerzlichen Sehnen abzulenken, das sich in ihr ausbreitete, zog sie ihre Jacke enger um sich, knöpfte sie zu und richtete sich stocksteif auf.

„Es geht hier um die Zukunft eines Menschen.“ Alessandros aufmerksamem Blick waren ihre Abwehrmechanismen nicht entgangen. „Da wollen Sie doch bestimmt keine hastige, fünfminütige Zusammenfassung hinlegen, nur weil Sie abends ein heißes Date haben, oder?“

„Ich habe kein heißes Date.“ Sofort wünschte Kate, sie hätte das nicht gesagt. Sie errötete und fühlte sich plötzlich sehr verletzlich, als ihr Chef eingehend ihr Gesicht betrachtete.

„Während der Woche verbringe ich die Abende lieber zu Hause“, behauptete sie. „Ich nehme mir oft Arbeit mit nach Hause, weil sich sonst so schnell etwas anhäuft …“

„Kate, Sie bleiben jeden Abend lange im Büro, da erwartet sicher niemand, dass Sie sich auch noch Arbeit mitnehmen.“ Er öffnete ihr die Tür und folgte ihr dann. „Noch ein Grund, dass ich Sie zum Essen einlade, denn so können wir die Sache in entspannter Umgebung besprechen. Sie sollen mich nicht als gewissenlosen Chef sehen, der seinen Angestellten kein Privatleben gönnt.“

Kate ging ihm voran zum Aufzug. Alessandro verkörperte all das, was ihr widerstrebte. Unter normalen Umständen hätten sich ihre Wege nie gekreuzt, denn er ließ sich nur selten dazu herab, die unteren Etagen seines Unternehmens zu betreten, wo seine Angestellten emsig die Maschinen am Laufen hielten. Plötzlich stiftete ein kleiner waghalsiger Teufel in ihrem Innern sie an, ihn zu fragen: „Haben Sie denn ein Gewissen?“

Ihre grünen Augen hatten genau den Farbton von geschliffenem Glas. Warum fiel ihm das erst jetzt auf? Sie stiegen in den Aufzug, wo Kate ihn offenbar ganz bewusst nicht ansah. Auch als sie das Gebäude verließen, hatte sie den Blick abgewandt.

„Ich meine … Ich dachte immer, dass man gewissenlos sein muss, um es bis ganz nach oben zu schaffen. Man kommt nur in die Champions League, wenn man bereit ist …“

„Wenn man bereit ist, alles plattzumachen, was sich einem in den Weg stellt?“ Alessandro umfasste ihren Arm und drehte sie zu sich herum. „Das ist nicht mein Stil, ich habe das auch nicht nötig. Und was Cape angeht: Wenn er mein Unternehmen um Geld betrogen hat, wird das natürlich Folgen für ihn haben. Jeder muss nun einmal die Konsequenzen seines Handelns tragen.“

Er ließ ihren Arm los, ging jedoch nicht gleich weiter. Hier draußen war es sehr warm, und Kate begann, sich in ihrem züchtigen Outfit, das sie sonst als Schutzpanzer schätzte, ein wenig unwohl zu fühlen. Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. „Es geht mich ja auch nichts an“, sagte sie und fragte dann: „Wohin gehen wir denn?“

„Das heißt wohl, sie möchten das Thema wechseln?“

„Ich hätte Sie das nicht fragen sollen.“

„Sie können jederzeit Ihre Meinung äußern“, erwiderte Alessandro. Zielstrebig lenkte er ihre Schritte zu einem Pub in einer kleinen Seitenstraße.

„Wir sind schließlich alle eine glückliche Familie – solange sich alle anständig benehmen. Tut einer das nicht, muss ich leider hart durchgreifen.“

„Eine ziemlich große Familie“, stellte Kate fest.

„Anfangs war sie klein. Und deshalb ist es wichtig, dass ich Maßnahmen ergreife, wenn so etwas passiert wie jetzt. Schließlich habe ich diese Firma nicht für Trittbrettfahrer aufgebaut, die mich nur ausnutzen.“

Er öffnete die Tür des Pubs. Drinnen war es dunkel, angenehm kühl – und urgemütlich.

„So ein Lokal hatte ich nicht erwartet“, platzte sie heraus.

„Der Besitzer und ich sind alte Freunde. Hier zu essen ist immer ein schöner Ausgleich zu meinem hektischen Leben.“ Als würde er ihre Unruhe spüren, fügte er hinzu: „Wie ich Ihren Arbeitseifer kenne, möchten Sie sicher direkt zum Geschäftlichen kommen. Ich würde mich allerdings zunächst gerne fünf Minuten entspannen, bevor ich mir George Capes Vergehen anhöre. Sie halten mich zwar für einen Hardliner, aber er ist ja schon seit vielen Jahren für mein Unternehmen tätig, und ich finde es schade, dass er mich nicht einfach um einen Kredit gebeten hat, wenn er Geld braucht.“

In diesem Moment tauchte der Besitzer des Lokals auf und begrüßte Alessandro überschwänglich. Sie unterhielten sich auf Italienisch, und Alessandro, entspannt und lebhaft gestikulierend, strahlte plötzlich warmherzigen Charme aus. Das war also der Mann, dem die Frauen sich reihenweise zu Füßen warfen – und der das schamlos ausnutzte. Aber sicher ist keine dieser Frauen so unscheinbar wie ich, dachte Kate.

Als sie mit in das Gespräch einbezogen wurde, reichte sie dem Besitzer des Lokals die Hand und lächelte geschäftsmäßig. Sobald sie sich gesetzt hatte, zog sie die Unterlagen aus der Brieftasche und legte sie auf den Tisch.

Als ihnen Wein gebracht wurde, der aufs Haus ging, stellte sie fest: „Sie müssen den Besitzer aber wirklich gut kennen.“

„Er würde mir sogar das Essen ausgeben, aber ich bezahle es immer selbst.“ Alessandro lehnte sich lässig zurück und betrachtete sie.

„Wie rücksichtsvoll.“

Er lachte. „Sie haben ja tatsächlich Humor!“

Das war nicht gerade höflich, aber auch Kate war ja sehr direkt gewesen.

„Entspannen Sie sich.“ Er schob ihre Hand beiseite, die sie über ihr Glas hielt, und schenkte ihr Wein ein. „Sie sind zwar geschäftlich hier, aber wir sind nicht mehr im Büro.“

Genau das war das Problem. Im Büro – zwischen PCs, Akten und Telefonen – fiel es ihr leicht, gelassen und professionell zu sein. Aber hier … Sie sah sich in dem offenbar sehr beliebten Pub um: Fast alle Tische waren besetzt, und am Tresen standen Männer in Anzügen und Frauen in eleganten Sommerkleidern und High Heels.

„Warum machen Sie so viele Überstunden?“

Stirnrunzelnd trank Kate einen Schluck Wein. Als Besitzer des Unternehmens sollte Alessandro doch eigentlich froh über ihren Arbeitseifer sein. „Ich dachte, dass man so schneller vorankommt“, erwiderte sie. „Aber vielleicht liege ich da ja auch falsch.“

Er grinste über ihren trockenen Humor.

„Schließlich waren Sie doch nicht gerade begeistert, als Freitagabend niemand mehr da war außer mir. Warum kritisieren Sie mich also, wenn ich ab und zu mal länger bleibe?“

„Ich kritisiere Sie gar nicht. Und ich habe den Eindruck, dass es eher die Regel als die Ausnahme ist.“

Kate spürte seinen durchdringenden Blick und zwang sich, ruhig zu bleiben. Alessandro war ihr Chef, also sollte sie sich ihm gegenüber so höflich und neutral wie möglich verhalten. Er verglich das Unternehmen mit seinen hunderttausend Angestellten zwar immer mit einer Familie, aber er konnte ihre Karriere innerhalb von Sekunden zerstören – genau wie er es mit George Capes Karriere machen würde.

Aufgebracht betrachtete sie sein markantes, attraktives Gesicht – und fragte sich unwillkürlich, wie sich seine sinnlichen Lippen wohl auf ihren anfühlen würden …

Sofort reagierte ihr ganzer Körper auf diesen unwillkommenen Gedanken: Es zog in ihren Brüsten, und zwischen ihren Beinen breitete sich ein warmes Gefühl aus.

„Ich bin eben ehrgeizig“, entgegnete sie. „Ich arbeite hart, damit es sich auszahlt und ich befördert werde. Schließlich wurde ich nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren, sondern musste mir alles erkämpfen.“

Das stimmte, doch Kate wünschte, sie hätte nicht so viel preisgegeben. Und warum hatte sie das überhaupt getan? Sonst war sie doch eher wortkarg. Nervös stellte sie fest, dass sie sich vorneigte und die Hände zu Fäusten geballt hatte. Bewusst entspannte sie sich und lächelte.

„Soll das heißen, dass Ihre Kollegen aus privilegierteren Verhältnissen kommen als Sie?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

Alessandro betrachtete ihre rosa angehauchten Wangen und hatte das deutliche Gefühl, dass nichts an der Art und Weise gespielt war, wie Kate reagierte. Manchmal errötete sie also! Damit hätte er nicht gerechnet, denn bisher hatte er sie immer äußerst beherrscht erlebt. Wenn er ihr früher einmal eine fachliche Frage gestellt hatte, war ihre Antwort gelassen, fundiert und ruhig gewesen, fast gänzlich unpersönlich. Andererseits waren sie jetzt auch nicht in einem neutralen, sachlichen Büro. So konnte er einen winzigen, aber faszinierenden Blick auf die Frau erhaschen, die sich hinter der schönen, aber farblosen Fassade verbarg.

„Vielleicht glauben Sie ja, dass es auf mich zutrifft.“

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, log Kate. „Ich gehe zum Arbeiten ins Büro und nicht, um im Privatleben anderer Menschen herumzuschnüffeln.“

„Sehr löblich, aber finden Sie das Geschehen im Unternehmen nicht auch ein kleines bisschen spannend? Die Gerüchte, den Tratsch …“

„Nein“, erwiderte Kate energisch, um ihre Nervosität zu überspielen. Als sie die Speisekarte zur Hand nahm, spürte sie immer noch Alessandros Blick. „Ich glaube, ich nehme den Fisch.“

Alessandro brauchte die Karte nicht. Ohne den Blick von Kate abzuwenden, winkte er mit einer kaum sichtbaren Geste einen Kellner heran. Wie schaffte er das nur?

Wahrscheinlich, weil sein unglaublicher Reichtum allgemein bekannt war. Und Menschen veränderten sich, wenn viel Geld im Spiel war. Dann verhielten sie sich nicht mehr normal, sondern ehrfürchtig oder sogar unterwürfig.

Ja, auch Kate fühlte sich in Alessandros Gegenwart ein wenig unbedeutend. Aber das war auch kein Wunder angesichts seines fantastischen Aussehens und seiner Ausstrahlung, die nun ganz auf sie konzentriert war. Aber sie würde nicht in seiner Gegenwart förmlich zerfließen wie diese oberflächlichen Frauen. Doch auch intelligente Frauen verhielten sich so. Zum Beispiel fingen zwei Kolleginnen aus der Rechtsabteilung sofort an zu kichern, wenn nur sein Name fiel.

Höflich wartete Kate ab, während er das Essen bestellte. Als Alessandro ihr Wein nachschenken wollte, lehnte sie zunächst ab, aber dann willigte sie doch ein. Mit Hilfe des Weines konnte Kate sich zumindest ein bisschen entspannen …

„Also, wegen George …“ Sie klappte eine Akte auf – und spürte plötzlich Alessandros Hand auf ihrer.

„Alles zu seiner Zeit.“

„Verzeihung. Ich dachte, Sie seien inzwischen fertig mit Entspannen.“ Kates Herz schlug so heftig, dass sie befürchtete, einen Panikanfall zu haben – oder, schlimmer noch, sich in eine seiner oberflächlichen Anbeterinnen zu verwandeln.

„Ich fange gerade erst damit an.“ Sein Lächeln machte sie nur noch nervöser. „Vielleicht hätte ich mich schon eher für Ihre Laufbahn interessieren sollen. Immerhin sind Sie einer der Shootingstars meines Unternehmens.“

„Aber Sie führen Mitarbeiterbeurteilungen doch bestimmt nicht selbst durch?“, erwiderte Kate höflich und rief sich in Erinnerung, dass Alessandro ihr Chef und sie seine Angestellte war. Also stellte er alle Fragen – und sie keine.

„Stimmt.“ Ungeduldig wartete Alessandro ab, bis der Kellner das Essen gebracht und die Teller perfekt symmetrisch angeordnet hatte. Er fand das Gespräch mit Kate äußerst anregend, und so etwas passierte ihm selten.

„Dafür ist meine Personalabteilung zuständig. Obwohl die vermutlich auch nur Dienst nach Vorschrift machen, wie die anderen Mitarbeiter auf Ihrem Stock …“

„Im Winter machen alle Überstunden“, versicherte Kate. „Aber jetzt, wenn es so warm ist, wollen die Leute wahrscheinlich die Sonne genießen.“

„Aber Sie haben keine wichtigen Freizeitaktivitäten?“

„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber was ich in meiner Freizeit tue, geht Sie eigentlich nichts an.“

„Schon in Ordnung. Ich möchte nur nicht, dass Sie denken, Sie müssten praktisch im Büro leben, um weiterzukommen.“

„Ich …“ Momentan fand Kate es nicht schlimm, dass es keinen Mann in ihrem Leben gab. Aber irgendwann würde sie das vermissen. Also musste sie wohl bald etwas unternehmen, denn sie wollte nicht alles ihrem Wunsch nach Absicherung opfern.

„Erzählen Sie mir, was Sie gerade denken“, forderte Alessandro sie auf.

„Ich …“ Wieder verstummte Kate. Alessandro stammte sicher aus einer wohlhabenden Familie und würde deshalb nie ihren starken Wunsch verstehen, die Lücken zu füllen, die in ihrer Kindheit entstanden waren.

„Entschuldigung. Nein, natürlich muss ich nicht ständig Überstunden machen, um vorwärtszukommen. Allerdings arbeite ich im Winter wohl etwas weniger als meine Kollegen.“

„Dann sind Sie wohl ein Geschöpf der Nacht?“

Schlagartig musste Kate an ihre Mutter denken, die nachts gekellnert und halbnackt vor Publikum getanzt hatte – ein Geschöpf der Nacht.

„Sagen Sie das nie wieder zu mir!“, platzte Kate heraus und schob ihre Hände unter den Tisch, weil sie zitterten.

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Alessandro ihr gerötetes Gesicht. „Was habe ich denn Schlimmes gesagt?“

„Nichts, Verzeihung, ich habe einfach überreagiert.“

„Hören Sie bitte auf, sich ständig zu entschuldigen. Ich bin nicht so leicht zu kränken. Und dann erzählen Sie mir, was los ist. Sie sind plötzlich ganz blass, und außerdem zittern Sie. Was macht Sie so wütend?“

Fasziniert stellte er fest, dass es hinter Kates Fassade kühler Gelassenheit heiß brodelte. Er neigte sich zu ihr. „Sie wollen mir auf höfliche Art und Weise mitteilen, dass es mich nichts angeht, stimmt’s?“

Kate wich seinem fragenden Blick aus. Sie spürte seine intensive Ausstrahlung wie etwas Körperliches und war abgestoßen und zugleich fasziniert. Genau dieser Energie und seiner Beharrlichkeit hatte ihr Chef es zu verdanken, dass er so reich und mächtig war. Ehrgeiz und Intelligenz allein reichten dafür nicht aus. Sie wandte den Kopf zur Seite und sagte: „Meine Mutter hat früher als leicht bekleidete Kellnerin in einer Cocktailbar gearbeitet. Unter anderem. Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das erzähle.“ Vorwurfsvoll sah sie ihn an, denn sie hielt ihre Vergangenheit sonst immer fest unter Verschluss. „Normalerweise vertraue ich mich anderen nicht an. Ich weiß, dass Sie mich merkwürdig finden, weil ich so viele Überstunden mache, aber …“

„Aber Sie sehnen sich nach finanzieller Sicherheit?“, führte Alessandro ihren Satz zu Ende.

„Ja.“ Kate lächelte ein wenig und fühlte sich plötzlich merkwürdig erleichtert. Sie musste an ihre Teenagerzeit denken, in der sie alles dafür getan hatte, niemanden an sich heranzulassen. Keiner hatte erfahren sollen, dass ihre Mutter in halbseidenen Etablissements arbeitete und Männer mit nach Hause brachte, denen es nur um ihr Äußeres ging – eine tief unglückliche Frau, die ganz auf ihre körperlichen Reize setzte.

Kate liebte ihre Mutter, aber sie hatte sich auch für sie geschämt – und deshalb ein schlechtes Gewissen gehabt. Und nun zeigte ausgerechnet Alessandro Preda, ihr Chef, dessen Lebensstil sie abstieß, so viel Mitgefühl, dass sie ihre bestgehüteten Geheimnisse preisgab. Das war dumm – und gefährlich.

„In meiner Kindheit und Jugend war bei mir alles etwas unbeständig. Meine Mutter hatte nie einen normalen Bürojob, sondern ging immer abends zur Arbeit und ließ mich dann in der Obhut irgendeiner Freundin zurück. Mit zwölf Jahren war ich dann abends auf mich gestellt. Ich habe meine Mutter immer geliebt, fand es aber schrecklich, wie sie ihr Geld verdiente. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie sie in knappen Outfits von Männern angegafft und vielleicht betatscht wurde. Ständig verliebte sie sich. Und jedes Mal war sie überzeugt, Mr Right gefunden zu haben, wenn ein Mann ihr Aufmerksamkeit schenkte und ihr sagte, wie schön sie sei.“

„Und als ich Sie dann als ‚Geschöpf der Nacht‘ bezeichnet habe …“

„Es tut mir leid.“ Verlegen betrachtete Kate ihr leeres Weinglas, das Alessandro erneut vollschenkte. Vielleicht hatte der Alkohol, den sie zum Essen getrunken hatte, ihr die Zunge gelockert. Warum sonst redete sie plötzlich wie ein Wasserfall?

„Wo lebt Ihre Mutter denn jetzt?“, wollte Alessandro wissen.

„In Cornwall.“ Kate sah ihn an und wandte den Blick dann schleunigst wieder ab. Er sah einfach so unverschämt gut aus! Obwohl sie niemals einen Mann nach seinem Äußeren beurteilen würde, verspürte sie ein flaues Gefühl im Magen. Fast hatte sie das Gefühl, er könne ihre geheimsten, dunkelsten Gedanken aus ihr herauslocken.

„Sie war zweimal verheiratet. Von ihrem zweiten Mann, Greg, bekam sie bei der Scheidung genug Geld für ein kleines Häuschen. Und sie wollte unbedingt am Meer leben.“

„Und Ihr Vater?“ Alessandro hatte sich nie für die Vergangenheit seiner Begleiterinnen interessiert, doch jetzt war seine Neugier geweckt.

„Mein Vater hat uns kurz nach meiner Geburt verlassen. Er war die erste und einzige große Liebe meiner Mutter, wie sie behauptet. Sie hat ihr Leben lang versucht, wieder einen Mann wie ihn zu finden.“

„Und gibt es jetzt jemanden in ihrem Leben?“

Als Kate lächelte, stockte Alessandro der Atem. Diese Frau war eine Schönheit! Verbarg sie das absichtlich? Sie war seine Angestellte, und eigentlich hatten sie sich getroffen, um über die Zukunft eines Mitarbeiters zu reden. Doch um nichts in der Welt hätte Alessandro das persönliche Gespräch jetzt beendet.

„Ich kann stolz verkünden, dass meine Mutter schon seit drei Jahren ein männerfreies Leben führt. Vielleicht ist sie ja endlich davon geheilt, immer am falschen Ort nach Liebe zu suchen.“

„Führen Sie auch ein männerfreies Leben?“, fragte Alessandro rau. Unwillkürlich stellte er sich Kate mit einem Mann vor – und dann mit sich selbst. Was sie der Welt von sich preisgab, war nur ein Bruchteil der Frau, die sich hinter der kühlen professionellen Fassade verbarg. Plötzlich verspürte er den starken Wunsch, noch mehr von der Frau hinter dieser Fassade zu entdecken.

Er wusste, dass es gute Gründe für seine eigenen Verhaltensweisen gab. Bei seinen Eltern und ihrer alles verzehrenden Liebe hatte es wenig Raum für ein Kind und noch weniger für Vernunft gegeben. Die beiden hatten nur füreinander gelebt und das Vermögen ihrer Familien durch waghalsige, gedankenlose Entscheidungen und dumme Fehler sinnlos verpulvert.

Beherrschung hatten Alessandros Eltern nicht gekannt, dafür besaß er davon umso mehr. Jeden Aspekt seines Lebens hatte er fest unter Kontrolle, einschließlich seines Liebeslebens. Aber plötzlich erschienen ihm seine schönen, geistlosen, absolut lenkbaren Frauen als sichere, aber auch fade Wahl.

Er rief sich in Erinnerung, dass Kate tabu war, denn er hielt Geschäftliches und Privates strikt getrennt. Aber noch nie hatte er körperlich so heftig auf eine Frau reagiert wie auf Kate! Diese Tatsache rief ihm seine schmerzhaft pulsierende Erektion gerade überaus deutlich ins Gedächtnis …

In seiner Stimme hatte etwas mitgeklungen, das Kate erbeben ließ. Sie gab sich einen Ruck. Wie hatte sie zulassen können, dass ihr Chef sie nach ihrem Privatleben fragte? Und warum, um alles in der Welt, hatte sie so viel von sich preisgegeben?

„Ich bin sehr mit meiner Karriere beschäftigt“, erwiderte sie knapp. „Da bleibt wenig Zeit für Beziehungen.“

„Nur Arbeit und kein Vergnügen? Ich finde ja, dass die Arbeit mit ein bisschen Vergnügen viel schneller herumgeht.“

„Das funktioniert bei mir nicht“, entgegnete sie etwas steif. „Und jetzt sollten wir die Rechnung kommen lassen. Es ist schon spät, und es wäre nicht fair, wenn wir George nur ein paar Minuten nach dem Essen widmen. Sie haben ihn ja offenbar schon als Schwerverbrecher abgestempelt, aber ich finde, er hat Besseres verdient.“

In Gedanken wischte Alessandro ihre Einwände zur Seite. Mit dem George-Problem würde er sich später befassen. Aber jetzt …

„Was genau meinten Sie mit ‚Das funktioniert bei mir nicht‘?“, fragte er.

„Wir sind nicht hergekommen, um über mich zu reden, sondern über George“, wich Kate seiner Frage aus. Sie seufzte erleichtert, als die Rechnung gebracht wurde und der Besitzer des Lokals erschien, um sie zu fragen, wie ihnen das Essen geschmeckt hatte.

Als der Besitzer gegangen war, stand Kate auf und sagte energisch: „Ich rufe mir ein Taxi.“

„Kommt nicht in Frage“, entgegnete Alessandro ungerührt und führte sie nach draußen, wo es nun deutlich kühler war. Er ließ seinen Chauffeur vorfahren und hielt Kate die Beifahrertür auf. Als sie eingestiegen war, beugte er sich zu ihr hinunter. Als wisse er, was in ihr vorging, sagte er lächelnd: „Sie werden sicher erfreut sein zu hören, dass Ihnen meine Gesellschaft erspart bleibt. Jackson fährt Sie jetzt nach Hause, und wir unterhalten uns dann zu einem späteren Zeitpunkt weiter.“

Kate hätte lieber ein konkretes Datum gehabt, um sich mental auf ein erneutes Treffen mit ihm vorbereiten zu können. Auf keinen Fall wollte sie wieder in einem gemütlichen kleinen Lokal mit ihm essen gehen. „Wollen Sie die Sache nicht so schnell regeln wie möglich?“

„Sie können die Dinge ja im Auge behalten. Aber wenn sich nichts Verdächtiges tut, gönnen wir George doch noch etwas Ruhe vor dem Sturm.“ Er richtete sich auf, klopfte auf die Kühlerhaube des schwarzen Maserati und ging davon. So beschwingt und lebendig hatte er sich lange nicht mehr gefühlt.

3. KAPITEL

In den letzten Jahren war ihr Büro für Kate ein Zufluchtsort gewesen. Hier hatte sie das Gefühl, ihr Leben im Griff zu haben und auf ein Ziel hinzuarbeiten. Doch neuerdings fühlte Kate sich hier zunehmend nervös: Ständig tauchte Alessandro bei ihr auf – unter dem Vorwand, geschäftliche Dinge besprechen zu wollen.

„Normalerweise würde Cape sich darum kümmern, aber der ist ja im Urlaub. Und da er auch danach wohl nicht wieder hier arbeiten wird, ist es sinnvoll, dass Sie sich mit seinem Verantwortungsbereich vertraut machen …“, hatte er um halb sechs gesagt, als ihre Kollegen schon gedanklich im Feierabend gewesen waren. Kate hatte sich Mühe gegeben, ruhig zu bleiben. Ihren Einwand, dafür sei doch sicher der Leiter der Finanzabteilung zuständig, hatte Alessandro lächelnd beiseitegewischt.

Zu allem Überfluss hatte ihr Chef sich für das kurze Gespräch wieder einmal halb auf ihren Schreibtisch gesetzt. Der feine Stoff seiner Hose hatte sich eng um seine muskulösen Oberschenkel gespannt – nur mit Mühe hatte Kate sich von diesem Anblick losreißen können!

Später hatten mehrere Kolleginnen von Kate wissen wollen, wie sie Alessandro fand – nicht als Chef, sondern als Mann. Ausweichend hatte sie erwidert, er sei in Ordnung, aber nicht ihr Typ. Die Fragen, ob da etwas zwischen ihm und ihr sei, hatte sie verneint. Doch um ein Haar hätte sie sich selbst in eine jener kichernden Frauen verwandelt …

Fassungslos schüttelte Kate den Kopf. Noch immer hatten sie keinen neuen Termin vereinbart, um zu besprechen, was sie herausgefunden hatte. Viel war das nicht: George hatte unternehmenseigenes Geld veruntreut, aber erst seit kurzer Zeit, und die Beträge waren auch nicht sehr hoch. Vielleicht zeigt Alessandro Mitgefühl, dachte Kate nicht sehr hoffnungsvoll.

Heute, an einem weiteren heißen Sommertag, war sie früher zu Hause als sonst. Sie streifte durch ihre hübsche Erdgeschosswohnung und hatte plötzlich viel Zeit, über ihr nicht existentes Privatleben nachzudenken. Ihr gesamtes Leben war der Arbeit gewidmet, sie hatte keinen Partner, keinen Sex …

Vor drei Jahren hatte Kate eine Beziehung gehabt. Doch Sam hatte das Weite gesucht, weil er nicht die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen hatte. Immerhin hatte sie damals neben ihrer anstrengenden Stelle bei einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen auch noch für ihre Prüfungen lernen müssen.

Jetzt war sie also allein. Und sie wusste zwar, dass Sam nicht der Richtige gewesen war, aber warum hatte sie sich nicht bemüht, jemand anders kennenzulernen? Immerhin wohnte sie in London!

Energisch schloss Kate die Glastür, durch die Grillduft hereinzog und sie daran erinnerte, dass andere Leute sehr wohl ein Privatleben hatten. Dann duschte sie und zog knappe Shorts und ein kurzes Oberteil an.

An diesen unliebsamen Gedanken war einzig und allein ihr Chef schuld, der irgendwie das Gefühl in ihr geweckt hatte, unzulänglich zu sein … Plötzlich konnte sie nicht mehr aufhören, an Alessandro zu denken. Er strahlte so viel Lebendigkeit und Energie aus, dass sie neben ihm wie ein blasser Schatten wirkte.

Das energische Schrillen ihrer Klingel riss sie aus ihrer Träumerei. Kate eilte zur Tür und öffnete schnell, damit die Nachbarn sich nicht wegen des Geklingels beschwerten. Vor ihr stand – Alessandro Preda. Sie blinzelte verwirrt, doch er war es tatsächlich: groß, breitschultrig und viel zu gut aussehend für diesen Londoner Vorort. Offenbar kam er direkt aus dem Büro, denn er trug eine anthrazitfarbene Anzughose, die bei jedem anderen Mann sehr konventionell gewirkt hätte, und dazu ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, die den Blick auf seine muskulösen Unterarme freigaben.

„Wollen Sie mich nicht hereinbitten?“, fragte Alessandro nach einer Weile. Er war aus reiner Neugier hergekommen, um Kate in einem Umfeld zu erleben, das nichts mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Doch hiermit hatte er nicht gerechnet.

Vor ihm stand nicht die professionelle, äußerst korrekte Angestellte, sondern die geheimnisvolle Frau, auf die er bereits im Restaurant einen Blick erhascht hatte. Kate trug Shorts und ein kurzes Oberteil und hatte sich das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Als er den Blick über ihren schlanken, wohlgerundeten Körper, den flachen Bauch und ihre Brüste gleiten ließ, geriet er ins Schwitzen.

Er nahm sie geradezu schmerzlich intensiv körperlich wahr. So etwas war ihm noch nie passiert. Und dann stellte er auch noch fest, dass sie keinen BH trug …

„Was tun Sie hier?“, fragte Kate aufgebracht. Sie fand es schwer genug, im Büro mit ihm zu tun zu haben. Wie konnte er es wagen, sie so zu überrumpeln, indem er unangemeldet bei ihr zu Hause auftauchte?

Als ihr bewusst wurde, wie knapp bekleidet sie war, schlang sie die Arme um ihren Körper. Nein, sie würde Alessandro auf keinen Fall hereinbitten!

„Eigentlich wollte ich diese Woche das Thema George Cape mit Ihnen besprechen, aber ich hatte zu viel zu tun.“ Alessandro blickte bewusst zur Seite, um sich ein wenig zu sammeln.

„Aber dafür, mir Georges Arbeit aufzuhalsen, noch bevor er entlassen wurde, hatten Sie sehr wohl Zeit!“, entgegnete Kate.

„Wollen Sie mich nicht doch hereinbitten? Sonst fragen sich die Nachbarn noch, was hier vor sich geht.“

Kate drehte sich wortlos um und ging ihm voran in ihr Apartment. Warum hatte sie nur diese Shorts anziehen müssen? Ihr wurde plötzlich klar, wie sehr sie ihre biederen Büro-Outfits brauchte, um sich sicher zu fühlen.

Alessandro betrachtete ihren runden, festen Po und bekam sofort eine heftige Erektion, die nicht nur schmerzhaft war, sondern vermutlich auch deutlich zu erkennen.

„Ich ziehe mich jetzt um“, verkündete Kate knapp und bedeutete ihm mit einer Geste, in der Küche zu warten. „Tut mir leid, mir ist schon klar, dass Sie der Boss sind, aber ich finde es nicht in Ordnung, hier einfach so aufzutauchen.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Als sie Alessandro in die Augen blickte, schlug ihr Herz schneller, und sie spürte, wie ihre Brustwarzen fest wurden. Tief zwischen ihren Beinen begann es sehnsüchtig zu ziehen …

„Warum?“ Alessandro war froh, dass er nun saß und seine Erektion unter dem Küchentisch verstecken konnte. Was war bloß los? Keine der atemberaubenden Frauen in seiner Vergangenheit hatte so ein heftiges Verlangen in ihm geweckt. Vielleicht hatte er einfach zu lange keinen Sex mehr gehabt. Er hatte einen starken Trieb, aber er fand es weitaus schöner, sich von einer Frau verwöhnen zu lassen als sich selbst zu befriedigen. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie Kates rosige Zunge aufreizend über seine Erektion leckte und …

Alessandro räusperte sich und sagte: „Ja, ziehen Sie sich um. Offenbar können Sie meine Gegenwart nur in Ihrer Rolle als Angestellte ertragen. Und Sie haben natürlich recht: Ich hätte nicht einfach hier auftauchen dürfen.“

„Woher wussten Sie überhaupt, wo ich wohne?“, fragte Kate, denn sie hatte sich ja bislang erfolgreich dagegen gewehrt, dass Alessandro sie nach Hause fuhr.

„Mein Chauffeur Jackson war so freundlich, mir Ihre Adresse zu geben“, erklärte Alessandro.

„Übrigens wird schon über uns geredet“, sagte Kate unbehaglich, als sie daran dachte, wie seine häufigen Besuche in ihrem Büro die Kolleginnen neugierig gemacht hatten. Sie errötete und wünschte, sie hätte das Thema nicht angesprochen. Andererseits: Wenn sie bei sich zu Hause nicht offen reden durfte, wo dann?

Verstohlen blickte sie zu Alessandro hinüber und wünschte, er würde etwas weniger einschüchternd aussehen. Oder zumindest etwas weniger sexy.

Er neigte den Kopf und fragte: „Wer redet? Und worüber?“

„Früher sind Sie so gut wie nie in unsere Etage gekommen. Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern. Und jetzt tauchen Sie ständig auf! Da fragen die Leute sich natürlich, was los ist. Sie denken … ich weiß nicht, was sie denken, aber ich möchte nicht, dass sie irgendetwas denken“, sagte Kate nervös. „Ich bin normalerweise sehr zurückhaltend.“ Abgesehen von neulich Abend, als ich Ihnen im Restaurant praktisch meine gesamte Lebensgeschichte erzählt habe …

„Ich weiß nicht so recht, wie ich das Problem lösen kann.“ Alessandro machte eine entschuldigende Geste, doch gleichzeitig lächelte er. „Bestimmt denken Sie auch, dass mein Chauffeur Jackson denkt, dass …?“

Kate fühlte sich kein bisschen ernst genommen. „Schön, dass Sie das so amüsant finden, aber ich muss mit den wild spekulierenden Kollegen leben!“

„So ist das eben in einem Büro. Vielleicht sollten Sie einfach mal aus ihrem Elfenbeinturm herabsteigen. Wegen Jackson brauchen Sie sich übrigens keine Gedanken zu machen. Egal was er denkt – er wird es für sich behalten.“

Sie biss sich auf die Lippe und ermahnte sich, höflich zu bleiben. Alessandro war zu reich, um etwas auf die Meinung anderer Menschen zu geben. Wie konnte man nur so arrogant sein? Und wie konnte er behaupten, sie sitze in einem Elfenbeinturm?

„Sie sehen so aus, als hätten Sie in eine Zitrone gebissen.“ Alessandro lächelte frech. Dann fiel ihm zum ersten Mal auf, dass Kate Sommersprossen hatte und ihre braunen Haare rötlich schimmerten.

„Ich ziehe mich jetzt um. Wenn Sie etwas trinken möchten: Im Kühlschrank ist eine offene Flasche Wein. Sie können sich auch Tee oder Kaffee kochen.“ Sie wandte sich um und marschierte in ihr Schlafzimmer, noch immer wütend darüber, dass Alessandro einfach so in ihre Privatsphäre eingedrungen war. Nun würde sie auch noch ihren Feierabend in nervöser Anspannung verbringen.

Kate blickte in den Spiegel. Ihr Gesicht war gerötet und ihr Haar nicht wie sonst zu einem ordentlichen Knoten zusammengefasst. Feine Strähnen hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst und rahmten ihr Gesicht ein, das völlig ungeschminkt war. Ihre Sommersprossen ließen sie sehr jung aussehen.

Dazu noch die knappen Shorts, das eng anliegende Top und kein BH, was wegen ihrer üppigen Brüste deutlich zu erkennen war. Aber sie hatte ja nicht ahnen können, dass plötzlich ihr Chef vor der Tür stehen würde. Ich könnte fast eine dieser Kellnerinnen sein, dachte sie verächtlich. Knappes Outfit, lange Beine, wilde Frisur …

Eigentlich wusste sie, dass das nicht stimmte. Sie sah aus wie unzählige andere Frauen, die an diesem warmen Sommerabend zu Hause waren. Doch die Vorstellung, sie könne in dieser Hinsicht ihrer Mutter ähneln, war nun einmal ein wunder Punkt für sie. Denn wie Lilac wollte Kate auf keinen Fall sein.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Dann streifte sie ihr Outfit ab, schlüpfte in Jeans und ein weites T-Shirt und band sich den Pferdeschwanz neu.

In der Küche hatte Alessandro sich ein Glas Wein eingeschenkt und saß lässig da, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

„Ihr Apartment gefällt mir.“ Er sah zu Kate, die im Türrahmen stehengeblieben war. „Lichtdurchflutet, helle Farben … Und schön, dass es nicht in einem riesigen, anonymen Wohnblock liegt. Es gibt nur noch ein weiteres Stockwerk, stimmt’s?“

„Sie haben herumgeschnüffelt“, stellte Kate missbilligend fest.

„Was sollte ich denn sonst tun, während Sie sich umgezogen haben?“

„Sich einen Tee kochen und nicht von der Stelle rühren.“

„Ich verzichte nach sechs Uhr auf Koffein. Übrigens sehen Sie kein bisschen aus wie sie.“

Sofort war Kate angespannt. Sie kam herein, schenkte sich ebenfalls ein Glas Wein ein und setzte sich ihm gegenüber. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Und ich will es auch gar nicht wissen.“

Alessandro stand auf und öffnete den Kühlschrank. „Wie ich sehe, essen Sie sehr gesund. Die Pralinen sind allerdings ein Hinweis darauf, dass Sie auch genießen können …“

„Wenn Sie möchten, hole ich jetzt meine Aufzeichnungen zu George.“

„Aber um noch einmal auf meine Bemerkung zurückzukommen – Sie sehen Ihrer Mutter wirklich nicht ähnlich.“ Er wirkte jetzt ernst und nachdenklich. „Ich habe mir die gerahmten Fotos im Wohnzimmer angesehen …“

„Es ist nicht in Ordnung, dass Sie herkommen und hier herumschnüffeln!“ Einen Moment lang hatte Kate das Gefühl, ihre kleine Welt gerate aus den Fugen. „Ich hätte Ihnen das alles nie erzählen dürfen.“

„Warum nicht? Was ist verkehrt daran, sich anderen anzuvertrauen?“

„Tun Sie das denn? Schütten Sie all den Models Ihr Herz aus?“ Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte Kate, wie sie die Beherrschung verlor. Und das ausgerechnet im Beisein des Mannes, der ihre hart erarbeitete Karriere innerhalb von Sekunden beenden könnte!

Noch nie hatte sie einen Menschen so intensiv wahrgenommen. Mit jedem Atemzug sog sie seinen frischen, maskulinen Duft ein. Sie fühlte sich so … lebendig.

Aber nicht auf gute Art und Weise, redete sie sich schnell ein. Wie auch, wenn Alessandro Preda der Auslöser war?

Nachdem Alessandro vorhin Kate in Shorts und engem Top gesehen hatte, konnte sie ihren Sexappeal auch mit Jeans und weitem T-Shirt nicht verbergen. „Sie haben recht“, sagte er. „Auch ich fröne nicht der Gefühlsduselei. Da sind wir uns erstaunlich ähnlich“, stellte er amüsiert fest. „Aber nur weil Sie nicht sein wollen wir Ihre Mutter, müssen Sie sich nicht anziehen wie eine Gouvernante.“

„Es ist eine Frechheit, dass Sie mich analysieren wollen!“ Kate spürte, dass ihr Tränen in die Augen traten, doch sie konnte sie zurückhalten.

„Das tue ich gar nicht“, entgegnete Alessandro mit gefährlich sanfter Stimme. „Aber fühlen Sie sich nicht etwas eingeengt von allem, was Sie sich so auferlegen?“

„Nein. Ich habe mich für dieses Leben entschieden. Sie haben ja keine Ahnung, wie es ist, wenn man sich als Kind so … so unsicher fühlt …“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte er leise.

Kate stutzte. Woher sie das wusste? Weil er reich, mächtig, selbstbewusst und arrogant war. So jemand musste eine privilegierte Kindheit gehabt haben. Außerdem war er der einzige Nachkomme zweier wohlhabender Familien. Das hatte Kate natürlich nicht selbst recherchiert, sie hatte gehört, wie sich zwei junge Frauen aus der Rechtsabteilung kichernd über ihn unterhalten hatten. Alessandro lebte in einer anderen Welt als die meisten Menschen.

„Aber in einer Sache haben Sie recht: Wir sollten über George Cape sprechen.“ Einen Moment lang war Alessandro versucht gewesen, ebenfalls etwas Vertrauliches preiszugeben. Vielleicht hatte ihn das Gespräch über Kates Mutter an seine Eltern erinnert. Sie lebten ebenfalls am Meer, wahrscheinlich gar nicht so weit entfernt von ihrer Mutter.

„Dann hole ich jetzt die Akte, die ich angelegt habe.“ Kate ging hinaus, noch immer verwirrt über seine Andeutung, dass auch er wusste, was Unsicherheit bedeutet. Dass er ihr etwas Persönliches über sich erzählte, ließ ihr Herz schneller schlagen. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich schnell. Alessandro war ihr Chef, und im Grunde hatten sie nichts gemeinsam.

Und wenn sie doch in einem Elfenbeinturm lebte? Vielleicht hielt sie sich aus Angst vor Enttäuschung schon zu lange von Menschen fern – besonders von Männern. Vielleicht fühlte sie sich deswegen gerade so geneigt, gegen ihre Vernunft zu handeln und einfach mit der Gefahr zu flirten …

Kate atmete tief durch und ging wieder in die Küche.

Alessandro betrachtete ihre rosa angehauchten Wangen und fand ihre Verlegenheit unglaublich sexy. Wieder wurden erotische Bilder in ihm wach, die er schnell unterdrückte. Er konzentrierte sich auf das, was Kate herausgefunden hatte – viel weniger, als er erwartet hätte.

„Dann tut Cape das also noch nicht lange“, stellte er fest. „Das ändert allerdings nichts daran, dass er mich bestohlen hat.“

„Dafür muss er einen guten Grund gehabt haben“, sagte Kate.

„Ja. Vermutlich Geldgier“, entgegnete Alessandro unbarmherzig. „Vielleicht hat er auch Spielschulden, oder er trinkt?“

„Auf keinen Fall!“, widersprach sie aufgebracht. „George ist ein guter Mensch.“

„Ein guter Mensch, der mir im Laufe von fünf Monaten hunderttausend Pfund gestohlen hat. Seine ‚guten Gründe‘ wird er den Geschworenen erklären müssen.“

Kate schüttelte den Kopf. „Sie könnten sich doch wenigstens seine Sicht der Dinge anhören, bevor Sie ihn so aburteilen!“

Eigentlich war Alessandro klar, wie er vorgehen würde. Betrug war einfach nicht zu entschuldigen. Es gab viel zu viele Menschen, die anderen Menschen ihre Dummheit verziehen. Er dagegen fand, dass die Dummen Strafe verdient hatten.

Alessandro betrachtete Kates wunderschönes ernstes Gesicht. Nach dem, was sie in ihrer Kindheit erlebt hatte, hätte sie auch kalt und mitleidlos werden können. Doch sie war ein facettenreicher, faszinierender Mensch voller Empathie und Emotionen. Das gefiel ihm sehr.

Bisher hatte er immer mit Leichtigkeit jede Frau bekommen. Kate dagegen stellte eine Herausforderung dar. Was wäre verkehrt daran, dieser Herausforderung noch ein bisschen nachzugehen?

„Ja, das könnte ich“, stimmte er zu und sah sie aufmerksam an. „Jeder Mensch hat ja seine Geschichte …“

Kate lächelte vorsichtig. „Ich weiß einfach, dass George kein schlechter Mensch ist. Er ist einer der nettesten Männer, denen ich je begegnet bin! Andererseits ist das auch keine Kunst, wenn ich an die Kerle denke, die ich dank meiner Mutter kennenlernen durfte. Das waren ganz schön schäbige Typen.“ Sie war erfreut und erleichtert, dass Alessandro hinter der Fassade selbstbewusster Arroganz vielleicht doch nicht so unbarmherzig war. „Ich bin sehr froh, dass Sie zumindest mit ihm reden wollen.“

„Und es wäre doch am fairsten, wenn ich persönlich mit ihm spreche, außerhalb des Büros, stimmt’s?“

„Ja“, pflichtete sie ihm bei. „Es wäre schlimm für ihn, wenn die Kollegen etwas mitbekämen.“

„Ganz genau. Und deshalb werden wir beide nach Kanada fliegen, wo er gerade Urlaub macht, und ihn dort befragen.“

„Wie bitte? Wir …?“ Kate war völlig überrumpelt.

„Natürlich.“ Alessandro lächelte strahlend. „Sie haben mich schließlich zu dieser Entscheidung bewegt, also sollten Sie auch dabei sein. Sie können stolz sein, es gelingt nämlich nur sehr wenigen Menschen, mich umzustimmen. Dann werde ich also meine Sekretärin anweisen, uns für Montag früh Flüge zu buchen. Haben Sie einen gültigen Reisepass? Ja?“ Zufrieden sah er sie an. „Dann ist ja alles geregelt.“

4. KAPITEL

Am Montagmorgen wartete Alessandro wie vereinbart am Flughafen auf Kate. Sie erkannte ihn schon von Weitem, denn auch in einem Terminal voller Menschen stach ihr Chef hervor.

Während sich an den anderen Schaltern die Menschen gestresst in langen Schlangen drängten, lehnte er lässig am Check-in der ersten Klasse und scrollte sich durch Nachrichten auf seinem Smartphone. In cremefarbener Hose, weißem Hemd und leichter Jacke war er der Inbegriff zurückhaltender Eleganz.

Kate, die eigentlich überpünktlich hatte kommen wollen, war spät dran. Ihr makelloser Haarknoten begann sich aufzulösen, und in ihrem Kostüm und den Pumps war ihr viel zu warm. Doch ein korrektes Outfit war ihr wichtig gewesen, denn das hier war schließlich keine Urlaubsreise.

Sie verlor zunehmend die Kontrolle über die Dinge, und das machte sie nervös. Also hatte Kate beschlossen, auf der Geschäftsreise nach Toronto sich und alle Aspekte ihres Lebens wieder in den Griff zu bekommen. Deshalb auch kein legeres, bequemes Reiseoutfit.

„Sie sind spät dran“, sagte Alessandro zur Begrüßung und klappte sein Telefon zu.

„Verzeihung, der Verkehr.“ Es gelang ihr, gelassen und höflich zu klingen. „Ist das Ihr ganzes Gepäck?“, fragte sie fassungslos. Neben seiner kleinen, sehr teuer aussehenden Reisetasche wirkte ihr Koffer ziemlich überdimensioniert. Aber sie würden ja eine ganze Woche in Kanada sein, und sie hatte Kleidung für alle Eventualitäten eingepackt.

Wie sie herausgefunden hatten, war George zusammen mit seiner Frau verreist. Er ahnte nichts von ihrem Besuch, denn Alessandro beharrte auf dem Überraschungsmoment.

Kate befürchtete, dass er seinem Angestellten zwar zuhören, aber wohl kaum verzeihen würde. Vergessen und Vergeben war in Alessandro Predas Welt nicht vorgesehen. Wer ihn verärgerte, musste mit Vergeltung rechnen. Sie konnte nicht mehr tun, als ihn ein wenig zu beschwichtigen.

„Ich reise gerne mit wenig Gepäck. Sie offenbar nicht“, stellte er fest. „Es sieht ja fast so aus, als hätten Sie Ihre halbe Wohnungseinrichtung dabei.“

Errötend versuchte Kate sich damit zu verteidigen, dass für Männer die Kleidungsfrage eben einfacher sei. Dass sie kaum Erfahrung im Kofferpacken hatte, weil sie in ihrem Leben bisher kaum verreist war, behielt sie lieber für sich.

In Kanada würden sie nicht nur George zur Rede stellen, sondern sich auch ein möglicherweise interessantes Unternehmen am Stadtrand ansehen und so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Deshalb hatte Kate vor allem geschäftliche Outfits dabei. Die waren zwar für abends nicht geeignet, aber die Abende würde sie auch nicht mit ihrem Chef verbringen – auf keinen Fall! Sie war fest entschlossen, sich nach ihrer regulären Arbeitszeit zu verabschieden und ihre Freizeit allein zu verbringen. Dafür hatte sie Jeans und weite Oberteile dabei. Die Frau mit Pferdeschwanz, die knappe Shorts und ein kurzes Top trug, würde nicht in Erscheinung treten.

„Sollte ich mehr Kleidung benötigen, kann ich ja auch in Kanada welche kaufen“, sagte Alessandro, als sie nach dem Einchecken durch den Zoll gingen. Er erledigte alle Formalitäten so geübt und schnell, dass Kate kaum etwas davon mitbekam. „Ich reise viel, und es geht einfach schneller, wenn ich kein Gepäck aufgeben muss. Wenn ich ins europäische Ausland reise, habe ich noch weniger dabei.“

„Also ein Gepäckstück in der Größe einer Brieftasche?“ Kate, die mit ihm Schritt zu halten versuchte, war außer Atem. Mit einer Hand zog sie ihren kleinen Trolley hinter sich her, der voller sinnvoller Lektüre war, mit der anderen hielt sie ihren Haarknoten fest.

Alessandro lachte leise. „In eine Brieftasche passt ja noch viel mehr als nur Geldscheine und Kreditkarten.“

„Ach ja?“, fragte Kate ironisch. „Klamotten zum Wechseln? Oder ein Extrapaar Schuhe?“

Er blieb stehen und fing an, laut zu lachen. Dann sah er sie auf eine Weise an, die sie nicht verstand, aber bei der ihr schwindelig wurde. „Wo hatten Sie diese witzige, geistreiche Frau mit der scharfen Zunge eigentlich bisher versteckt?“

Kate lächelte errötend und drehte den Kopf zur Seite. Als sie Alessandro wieder ansah, spürte sie ihr Herz wie verrückt schlagen. Er hielt ihren Blick mit Augen fest, die plötzlich funkelten.

„Und dann kann man in einer Brieftasche noch etwas anderes unterbringen, das viel wichtiger ist als Geld oder Kreditkarten. Denken Sie mal darüber nach.“ Er schob die Glastür zur First-Class-Lounge auf.

„Wow.“ Beeindruckt sah Kate sich um. In dieser eleganten Umgebung war vom typischen Gewimmel des Flughafens nichts mehr zu spüren: ein auf Glastischen angerichtetes Büfett, Männer und Frauen an Laptops, komfortable Sofas und Sessel …

Im Gegensatz zu Kate war Alessandro das alles gewohnt. Doch es gefiel ihm, dass sie durch ihn diesen Luxus kennenlernte.

„So kann man also auch leben. Hoffentlich falle ich nicht negativ auf“, sagte sie eingeschüchtert.

„Ich glaube nicht, dass es hier einen Dresscode gibt“, beruhigte Alessandro sie.

Doch das stimmte nicht: Alle trugen sehr teure, edle Kleidung. Plötzlich hatte Alessandro das Gefühl, Kate beschützen zu müssen. Er würde nicht dulden, dass sie angestarrt wurde.

Schnell führte er Kate zu einem breiten, niedrigen Sofa. Als er sie fragte, ob sie etwas essen wolle, sprang sie auf.

„Darum sollte ich mich kümmern“, sagte sie ernst. „Schließlich sind Sie mein Chef.“

„Sie haben recht“, gab Alessandro nach. Plötzlich war es ihm egal, ob Kate hier auffiel oder nicht. Wen interessierten schon die ganzen Regeln, die in der Welt der Schwerreichen galten? Sein hoher Verschleiß an Supermodels hatte ihn blind für die Gegebenheiten gemacht, mit denen die meisten Menschen leben mussten. Dabei wusste doch gerade er nur zu gut, dass gerade die Reichen sich nicht immer den Regeln entsprechend verhielten …

Alessandro runzelte angesichts dieser ungewohnten Selbsterkenntnis die Stirn. Er stammte aus einer reichen Familie und hatte erlebt, wie schnell einem das genommen werden konnte, was man als selbstverständlich betrachtete. Sein eigenes Vermögen hatte er gesichert, doch nun fiel ihm auf, dass er weniger privilegierte Menschen kaum mehr wahrnahm.

Fünf Minuten später kam Kate mit zwei Tellern zurück, auf die sie lauter Leckereien gehäuft hatte: Kanapees, Cremetörtchen, Kekse …

„Ich weiß, dass es nicht gerade vornehm ist, sich von allem zu nehmen, aber ich konnte einfach nicht widerstehen“, gestand sie.

„Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Die Sachen sind dazu da, gegessen zu werden“, beruhigte Alessandro sie. „Wahrscheinlich würden die meisten Leute es am liebsten genau machen wie Sie, trauen sich aber nicht.“

„Gut. Ich habe einen Riesenhunger.“ Kate freute sich auf das Essen – und langte kräftig zu, während Alessandro kaum etwas anrührte. „Sie können auch arbeiten“, sagte sie befangen. „Fühlen Sie sich nicht verpflichtet, mir Gesellschaft zu leisten.“

„Das tue ich auch nicht.“

„Wie … wie wollen Sie George eigentlich zur Rede stellen? Doch nicht in Anwesenheit seiner Frau?“, fragte sie zögernd.

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

„Es wäre mir auch sehr unangenehm, wenn er glaubt, ich hätte das Ganze angezettelt“, gab Kate zu.

„Und wenn schon, wen kümmert das?“ Ungerührt zuckte Alessandro die Schultern.

„Mich! Mir ist es im Gegensatz zu Ihnen nämlich nicht egal, was andere Menschen von mir denken.“

„Warum? Sie werden ihn wohl kaum wiedersehen.“

„Darum geht es nicht.“ Skeptisch sah Kate ihn an. „Wie können Sie bloß so kalt sein?“

Alessandro hatte zwar ein reges Sozialleben und hatte – wenn man Klatschblättern und Bürotratsch glauben konnte – jede Menge Verabredungen, wirkte dabei aber stets distanziert. In der Londoner Geschäftswelt war er als skrupelloser Konkurrent gefürchtet, von dem Männer wie Frauen voller Ehrfurcht sprachen. Und auch hier blieb seine Ausstrahlung nicht ohne Wirkung: Alessandro zog die Aufmerksamkeit der anderen Passagiere in der Lounge auf sich. Aber warum blieb er so unbeteiligt?

„Als ‚kalt‘ hat mich noch nie eine Frau bezeichnet, das können Sie mir glauben …“

Und plötzlich wusste Kate, was er gemeint hatte – was in eine Brieftasche passte und wichtiger war als Geld oder Kreditkarten: Kondome. Tja, ein Mann, der jede Frau haben kann, muss natürlich immer vorbereitet sein, dachte sie sarkastisch.

Selbst wenn Alessandro distanziert und in Bezug auf Emotionales ein wenig oberflächlich sein mochte, er war auch geistreich, humorvoll und intelligent. Und wenn er sie mit seinen dunklen Augen grüblerisch ansah, waren all ihre Bedenken schlagartig vergessen.

Andererseits hatte er immer Kondome dabei – für den Fall, dass er einer hübschen Frau begegnete. Und auch falls die Ärmste sich mehr als einen One-Night-Stand oder eine kurze Affäre erhoffte, am Ende würde sie unweigerlich mit einem Strauß Rosen abgespeist werden …

„Tja, dann erleben Sie es eben jetzt zum ersten Mal, dass eine Frau dieses Wort für Sie verwendet“, stellte Kate gelassen fest. „Wenn Sie sich den armen George vorgeknöpft und ihn gefeuert haben, können Sie sich dann einfach von der Sache abwenden, ohne je wieder an ihn zu denken? Denn wenn das der Fall ist, sind Sie wirklich kalt – ganz egal, wie viele Verehrerinnen das Gegenteil behaupten.“

So eine Bemerkung hätte sich Alessandro von keiner anderen Frau gefallen lassen. An seine unausgesprochenen Regeln hatten sich alle zu halten. Doch Kate Watson überschritt jede einzelne seiner Grenzen mit einer Konsequenz, die ihn faszinierte. Vielleicht lag es auch am Gegensatz zwischen dem, was sie zu verbergen versuchte, und dem, was er ihr wider ihr besseres Wissen entlocken konnte …

„Ich weiß, es steht mir nicht zu, meine Ansichten über Sie zu äußern“, entschuldigte sie sich nun halbherzig.

„Wir werden eine Woche lang miteinander zu tun haben, also ist es schon besser, wenn Sie sagen, was es zu sagen gibt. Lese ich da Missbilligung mir gegenüber in Ihrem Blick?“ Er sah sie scharf an.

„Nein, ich … natürlich nicht …“

„Ich denke, doch. Sie haben sich eine Meinung über mich als Menschen gebildet, die sicher nicht mit dem Wort ‚Bewunderung‘ zusammenzufassen ist. Das Bewundern überlassen Sie meinen ‚Verehrerinnen‘.“

Kate errötete verlegen. Ja, ich bin die Gouvernante mit den biederen Outfits und dem missbilligenden Blick, die ihm den Spaß verdirbt, dachte sie. Allerdings war es auch kein Spaß, wenn er erwartungsvollen Frauen falsche Hoffnungen machte, oder?

„Ich bewundere Ihre Fähigkeiten als Unternehmer“, erwiderte sie steif. „Alles, was Sie anfassen, scheint sich in Gold zu verwandeln. Das ist schon eine Leistung.“

„Hm, nach Verehrung klingt das aber nicht.“ Als Kate errötete, musste Alessandro daran denken, wie er sie zu Hause überrascht hatte: die endlos langen Beinen in der kurzen Shorts, ihre Brüste, die sich unter ihrem Top abgezeichnet hatten …

Kate fand das Gespräch mehr als unangemessen, aber das war ihrem Chef sicher egal. Er tat ja immer, was er wollte. Sollte sie ihm zu sehr gegen den Strich gehen, würde er sie ohne Umschweife feuern, wie George.

„Aber wenn es nicht um mich als Geschäftsmann geht, sinkt der Grad Ihrer Bewunderung ins Bodenlose, stimmt’s?“ Sie hatte das Gesicht abgewandt, sodass Alessandro ihr zartes, wohlgeformtes Profil betrachten konnte. Plötzlich hätte er gerne ihr langes, kastanienbraunes Haar gelöst, das von übertrieben vielen Klammern und Klemmen im Zaum gehalten wurde.

„Im Hinblick auf Beziehungen habe ich wohl andere Maßstäbe als Sie“, erwiderte Kate, als das Schweigen sich in die Länge zog. Noch immer sah sie ihn nicht an, spürte aber seinen durchdringenden Blick auf ihrem Gesicht.

Was war nur los mit ihm? Ihm konnte doch völlig egal sein, wie diese Frau über sein Privatleben dachte. Einerseits ärgerte Alessandro ihre Direktheit, andererseits amüsierte sie ihn. Kates Verhalten war eine neue Erfahrung für ihn, die er auskosten wollte.

„Was sind denn Ihre Maßstäbe?“

Kate wandte sich zu Alessandro um – und stellte fest, dass er sich sehr nahe zu ihr gebeugt hatte. Viel zu nahe. Als sie ihm in die von langen Wimpern bekränzten Augen sah, stockte ihr der Atem. Schnell wich sie zurück, wütend darüber, dass sie sich von ihm so durcheinanderbringen ließ.

Fieberhaft überlegte sie, wie sie das Thema wechseln könnte. Alessandro schien ihre Verlegenheit förmlich zu genießen.

„Ich missbillige Männer, die Frauen nur benutzen. Vielleicht ist das das falsche Wort“, korrigierte sie sich hastig. „Ich meine Männer, die ständig Beziehungen anfangen und beenden, als würden sie Kleidungsstücke anprobieren und diejenigen, die nicht passen, einfach in die Ecke werfen.“

„Und was ist mit Frauen, die sich so verhalten?“

„Frauen tun so etwas nicht.“

„Ach nein?“ Alessandro zog die Augenbrauen hoch. „Hatten Sie schon mal einen Freund?“

„Selbstverständlich!“, versetzte Kate aufgebracht.

„Und wo ist der jetzt?“ Ironisch blickte ihr Chef sich um, als könnte ihr Verflossener jeden Moment in die Lounge spaziert kommen.

„Wir … es ist vorbei“, stammelte sie.

„Aha.“ Lässig lehnte Alessandro sich zurück. „Und hat er Sie mitleidlos in die Ecke geworfen?“

„Nein!“ Kate errötete heftig. Sie fühlte sich wie im Kreuzverhör.

„Was ist dann passiert?“ Überrascht stellte Alessandro fest, dass seine Neugier auf diesen geheimnisvollen Ex geweckt war.

„Wir haben uns getrennt.“ Sie zuckte die Schultern und wandte den Blick ab. „Es war einfach ein ungünstiger Zeitpunkt“, gab sie zu. „Ich hatte zu viel zu tun, um mich der Beziehung so zu widmen, wie sie es verdient hätte.“

„Sie haben sich also freundschaftlich getrennt.“ Seine Stimme klang samtweich und gefährlich zugleich. „Trotzdem glauben Sie offenbar, dass bei jeder Beziehung, die nicht vor dem Traualtar endet, einer den anderen ausnutzt. Aber das stimmt doch gar nicht. Vielleicht hat Ihre Mutter es so erlebt. Aber die Erfahrungen Ihrer Mutter können Sie doch nicht verallgemeinern. Ihre Mutter scheint etwas gesucht zu haben. Etwas, das sie über das Zurschaustellen ihrer körperlichen Reize zu finden hoffte.“

„Sie kennen meine Mutter nicht“, sagte Kate kühl.

„Vielleicht war sie einfach sehr unsicher“, fuhr Alessandro ungerührt fort. „Aber das heißt nicht, dass es allen so ergehen muss wie ihr.“

„Ich hätte Ihnen das nicht erzählen sollen. Es ist nicht schön, wenn man jemandem etwas anvertraut, und der das dann gegen einen verwendet wie bei einer Anklage!“ Insgeheim fragte Kate sich aber, ob er nicht recht hatte mit seinem Hinweis darauf, dass nicht alles so schwarz und weiß war, wie sie es sich zurechtgelegt hatte.

„Es geht nicht um das Ergebnis, sondern um die Absicht“, sagte sie mit Nachdruck.

„Erklären Sie mir das.“

„Lieber nicht.“ Kate betrachtete ihren nur noch lauwarmen Kaffee. „Fängt das Boarding nicht bald an?“

„Keine Sorge, wir werden rechtzeitig aufgerufen“, erklärte Alessandro. Er sah, wie angespannt sie war. So viele Gefühle verbargen sich hinter der Fassade aus gelassener Professionalität! Als er ihr impulsiv über die zarte Haut auf der Unterseite des Handgelenks strich, spannte Kate sich noch mehr an – und er ebenfalls, denn er hatte das Gefühl, bei der Berührung einen leichten Stromschlag zu bekommen.

Schnell zog Alessandro die Hand zurück. „Sie fangen immer Gespräche an, und wenn es dann ein wenig heikel wird, machen Sie aus Angst einen Rückzieher.“

„Also gut …“ Verstohlen rieb Kate sich das Handgelenk, wo er sie berührt hatte. „Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Es ist ein Unterschied, ob man eine Beziehung in der Hoffnung anfängt, dass sich daraus etwas Ernstes entwickelt, oder ob man von Anfang an weiß, dass man in absehbarer Zeit nicht mehr will.“

„Und für mich ist Letzteres typisch?“

Sie zuckte die Schultern, als er sie mit undurchdringlicher Miene ansah. Kümmert es ihn überhaupt, was ich sage? Wahrscheinlich nicht. Andererseits schien Alessandro jetzt auf ihre Antwort zu warten. Würde er das tun, wenn ihm egal wäre, was sie zu sagen hatte?

„Ich … na ja … eigentlich kann ich mir da kein Urteil anmaßen …“

„Manchmal urteilt man zu schnell, stimmt’s?“, fragte er sanft. „Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie mir schon einmal ein ähnliches Verhalten vorgeworfen. Ist das nicht ein bisschen scheinheilig?“

Seine Worte schienen in der Luft zu hängen, und plötzlich nahm Kate nichts anderes mehr wahr als ihn und sich und ihren lauten Herzschlag. Eigentlich hatte sie doch vorgehabt, eine klare Grenze zwischen Alessandro und sich zu ziehen!

„Wenn Sie so unbefangen Ihre Ansichten über mein Privatleben äußern, Kate – oder über das, was Sie sich darunter vorstellen –, dann sollten Sie selbst nicht so empfindlich sein.“ Er winkte eine junge Frau herbei, die das leere Geschirr abräumte, und bat sie um einen schwarzen Kaffee. Dabei ließ er Kates gerötetes Gesicht nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Andererseits bin ich froh, dass Sie so offen sind.

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