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JULIA EXTRA BAND 389

FIONA HARPER

Ein Märchenprinz für mich

Was hat die schöne Faith auf seinem Schloss vor? Auch wenn Marcus Huntington von ihr fasziniert ist, muss er sie schnellstens loswerden. Nicht dass sie kurz vorm Fest sein Familiengeheimnis aufdeckt!

ABIGAIL GORDON

Weihnachtszauber unterm Mistelzweig

Was könnte romantischer sein, als mit einer schönen Frau unter dem Mistelzweig zu stehen? Spontan küsst Ryan Ferguson seine Nachbarin Melissa. Dabei sollte er ihr keine falschen Hoffnungen machen!

CAROLE MORTIMER

Eingeschneit mit dem Milliardär

Warum hat Caro ihm monatelang seine Tochter vorenthalten? Bevor sie ihm keine Antworten auf seine Fragen gibt, lässt Jake Montgomery seine Ex nicht mehr gehen. Ganz egal, ob gerade Weihnachten ist …

ALISON ROBERTS

Du und ich im Kerzenschein

Rory McCulloch traut seinen Augen nicht, als er Kate sechs Monate nach ihrer einzigen Liebesnacht erstmals wiedertrifft. Denn sie trägt ein süßes Weihnachtsgeschenk für ihn unter dem Herzen …

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Ein Märchenprinz für mich

1. KAPITEL

Dieses Tor war dazu gemacht, Leute fernzuhalten. Faith legte den Kopf in den Nacken und schaute hinauf zu dem sieben Meter hohen, kunstvoll geschmiedeten schwarzen Eisengitter. Sowohl die Schönheit des Tores als auch der scharfe Wind, der durch die Stangen blies, vermittelten den Eindruck, dass Fremde hier unerwünscht waren.

Dummerweise musste Faith jedoch auf das Gelände von Hadsborough Castle, und zwar heute noch.

Frustriert sah sie über die Schulter zu ihrem kleinen Wagen, in dem ein Koffer und ihre Reisetasche auf dem Rücksitz lagen. Eigentlich hatte sie heute etwas ganz anderes vorgehabt. Nämlich etwas, das mit einem malerischen kleinen Ferienhäuschen an der Küste von Kent, einer heißen Schokolade mit Marshmallows und einem guten Buch zu tun hatte. Der perfekte Winterurlaub.

Aber all das hatte sich in Luft aufgelöst, als sie gestern Morgen einen unschuldig wirkenden Briefumschlag vor ihrer Haustür gefunden hatte. Der Aufkleber mit dem fröhlichen Schneemann auf der Rückseite hatte sie nicht täuschen können. Schon bevor sie den Brief öffnete, hatte sie gewusst, dass er nur Ärger bringen würde. Welche Art von Ärger, das hatte sie allerdings überrascht.

Über das Dach ihres Autos blickte Faith auf die sanfte englische Hügellandschaft auf der anderen Seite. Nebel hing in den Feldern, und überall lag frostiger Reif.

Es war seltsam. Zu Hause in den USA war Faith auch auf dem Land aufgewachsen. Doch die Landschaft hier hatte nichts von der vertrauten erdigen Atmosphäre, die sie erwartet hatte, als sie heute früh aus London losgefahren war. Obwohl sie schon seit fast zehn Jahren in England lebte und ihre Schwestern sich inzwischen über ihren britischen Akzent lustig machten, spürte Faith seit langer Zeit wieder einmal, dass sie hier eine Fremde war. Dieses neblige Fleckchen England fühlte sich nicht an, als wäre es einfach bloß ein anderes Land. Es wirkte wie eine völlig andere Welt.

Sie drehte sich wieder um und versuchte es an einem kleineren Durchgang neben den beiden großen Torflügeln, der offensichtlich für Fußgänger gedacht war. Zwecklos. Auch der war geschlossen. Auf einem Schild an der Seite standen die üblichen Öffnungszeiten für das Schloss: dienstags bis samstags von zehn bis vier, montags geschlossen.

Aber Faith war keine Touristin, sie hatte einen Termin.

Noch einmal rüttelte sie an dem kleineren Tor, sodass die Kette, mit der es abgesperrt war, rasselte.

So stand es in Grams Brief. Sie nahm ihn aus ihrer Tasche und blätterte die lilafarbenen Seiten durch. Dabei ignorierte sie den lachenden Schneemann auf dem Umschlag. Der hatte garantiert keine listige, weißhaarige alte Großmutter, die ihn um seinen wohlverdienten Urlaub bringen wollte.

Faith überflog die Zeilen, in denen Gram beschrieb, wie hübsch ihr Heimatstädtchen Beckett’s Run durch die Vorbereitungen auf das alljährliche Weihnachtsfest jetzt aussah.

Ah, da war es.

Faith, mein Schatz, könntest du mir wohl einen großen Gefallen tun? Ich habe einen Freund, eine alte Flamme von mir, der Hilfe bei einem Bleiglasfenster braucht, und ich habe ihm erzählt, dass ich genau die Richtige dafür kenne. Bertie und ich waren nach dem Krieg ein Paar. Wir haben zusammen einen wunderbaren Sommer erlebt, aber dann ist er nach Hause zurückgekehrt, hat ein nettes englisches Mädchen geheiratet, und ich habe deinen Großvater kennengelernt. Ich glaube, letztes Endes ist alles so gekommen, wie es sein sollte.

Das Fenster befindet sich auf dem Anwesen von Hadsborough Castle in Kent. Der Name des Mannes, der es entworfen hat, fällt mir gerade nicht ein.

Jedenfalls bist du mit dem Fenster in London doch bald fertig, und du hast gesagt, dein nächster Auftrag fängt erst im neuen Jahr an. Deshalb dachte ich, du könntest vielleicht hinfahren und Bertie helfen. Ich habe ihm gesagt, du würdest am dreißigsten November um elf Uhr vormittags zu ihm kommen.

Grams Brief noch in der Hand, schob Faith den Ärmel ihres grauen Dufflecoats hoch, um auf die Uhr zu sehen. Es war der dreißigste, zehn Uhr fünfzig. Und wieso war niemand da, um sie hereinzulassen? Ohne Grams grandiose Idee könnte sie schon längst ihre heiße Schokolade genießen.

So fantastisch das Fenster von St. Bede in Camden auch ausgesehen hatte, als das Team mit den Restaurierungsarbeiten fertig war, hatte das Projekt doch vier Monate harter, akribischer Arbeit gekostet. Faith hatte eine Pause verdient, und die wollte sie sich auf jeden Fall gönnen.

Sobald sie sich dieses Fenster hier angeschaut hatte.

Sie blätterte die letzte Briefseite um, las die Zeile unter der Unterschrift ihrer Großmutter und bekam erneut eine Gänsehaut.

P.S.: Jetzt weiß ich’s wieder! Der Künstler heißt Samuel Crowbridge.

Hätte ihre Großmutter nicht den Namen dieses berühmten englischen Künstlers erwähnt, hätte Faith sich den Abstecher auf dem Weg zu ihrem Ferienhäuschen sicherlich erspart.

Na ja, vielleicht wäre ich trotzdem gekommen, dachte sie bei sich. Gram war die einzige beständige Bezugsperson während ihrer ansonsten recht chaotischen Kindheit gewesen. Eher eine Ersatzmutter als eine Großmutter. Faiths glücklichste Erinnerungen hingen alle mit dem hübschen kleinen Haus von Gram in Beckett’s Run zusammen. Sie hatte ihrer Großmutter vieles zu verdanken, und vermutlich hätte Faith sogar nackt auf einem Bein mitten auf dem Trafalgar Square getanzt, wenn die alte Dame sie darum gebeten hätte.

Wahrscheinlich sollte sie dankbar sein, dass der Brief nicht mit einer solchen Bitte begonnen hatte: Faith, mein Schatz, lass dich bitte nicht von der Polizei erwischen, aber könntest du vielleicht mal eben schnell zur Nelsonsäule laufen und …?

Die Straße, die am Schloss vorbeiführte, war verlassen. Doch da Faith in diesem Augenblick das Motorengeräusch eines Autos hörte, wandte sie sich um. Ein Geländewagen hielt neben ihr an, und der Fahrer ließ das Seitenfenster herunter.

In freundlichem Ton meinte der Mann, der einen dicken Pullover trug: „Heute ist zu.“

Faith nickte. „Ich habe einen Termin mit …“ In diesem Moment fiel ihr ein, dass Gram ihr gar nicht den vollen Namen ihrer Jugendflamme genannt hatte. „Bertie?“

Skeptisch zog der Fahrer des Geländewagens die Augenbrauen zusammen.

„Es geht um das Fenster“, setzte Faith hinzu. Obwohl sie nicht damit rechnete, dass dies viel helfen würde. Der Termin, den ihre Großmutter für sie vereinbart hatte, schien ebenso unwirklich wie die sich auflösenden Nebelschwaden.

Aber der Mann nickte. „Fahren Sie hinter mir her“, sagte er. „Weiter oben an der Straße ist ein öffentlicher Parkplatz. Von da aus können Sie den restlichen Weg zu Fuß gehen.“

„Danke.“ Faith stieg wieder in ihren Wagen ein.

Fünf Minuten später, nach einer kurzen Fahrt durch eine herrliche Parklandschaft, stand sie neben ihrem Auto und schaute dem davonfahrenden Geländewagen nach, dessen Motorengeräusch rasch leiser wurde. Sie wartete, bis der Wagen um die nächste Kurve verschwand, ehe sie den Pfad einschlug, den der Unbekannte ihr gezeigt hatte. Der Weg führte einen sanft ansteigenden Hang hinauf. Als Faith oben ankam, blieb ihr unwillkürlich der Mund offen stehen.

Hinter einer weiten Rasenfläche hing fein gesponnener Nebel über einem dunklen, spiegelglatten See. Oberhalb davon, beinahe als würde es über dem Wasser schweben, lag das schönste Schloss, das sie je gesehen hatte. Gebaut aus riesigen, cremefarbenen Sandsteinblöcken, hatte es zinnenbewehrte Mauern und obendrein noch einige Erkertürme. Lange, schmale Fenster unterbrachen das Mauerwerk.

Die Schlossanlage erstreckte sich vom rechten Ufer über zwei kleine Inseln hinweg. Eine einspurige Brücke verband die erste Insel mit dem Festland, bewacht von einem Torhaus. Die kleinere der beiden Inseln war eine befestigte Burg, älter als der Rest des Schlosses, und mit dem neueren, größeren Teil durch eine zweigeschossige Bogenbrücke verbunden.

Das Ganze sah aus wie ein Märchenschloss. Schöner als alles, was Faith sich jemals ausgemalt hatte, wenn Gram sie und ihre Schwestern in den Sommerferien ins Bett gebracht und ihnen aus ihrem Lieblingsgeschichtenbuch vorgelesen hatte.

Sie ging darauf zu, wobei sie überhaupt nicht darauf achtete, dass sie den Asphaltweg verlassen hatte. Als sie über das tau­schwere Gras lief, riskierte sie daher, mit ihren Stiefeln in Gänsedreck zu treten. Der Rand des Sees war von Schilf umgeben, und zwei schwarze Schwäne mit dunkelroten Schnäbeln ließen sich gemeinsam im Wasser treiben. Offensichtlich bemerkten sie Faith gar nicht.

Die Brücke vom Ufer zum Torhaus schien der einzige Weg ins Schloss zu sein. Also beschloss sie, es erst einmal dort zu versuchen. Vielleicht hatte ja jemand Dienst, der wusste, wo sie das Fenster oder diesen mysteriösen Bertie finden konnte.

Dicht am flachen Ufer entlang ging sie weiter. Während sie sich auf diese Weise dem Schloss näherte, erblickte sie auf einmal eine dunkle Gestalt im Nebel, die auf sie zukam. Faith blieb stehen und zog den Mantel enger um sich. Sie spürte die feuchtkalte Luft auf ihren Wangen.

Wie sie nach und nach erkannte, handelte es sich um einen hochgewachsenen Mann. Mit wehendem dunklem Mantel und langen, ausgreifenden Schritten kam er heran. Er erinnerte Faith sofort an die strengen viktorianischen Gentlemen aus früheren Schauerromanen. Es lag an seinem zielstrebigen Gang, an der Art, wie er den Mantelkragen hochgeschlagen hatte. Sobald sie ihn deutlicher sehen konnte, stellte sie jedoch an dem dicken Rippenpullover und den dunklen Jeans unter dem Mantel fest, dass er doch ein Mann dieses Jahrhunderts war.

Er hatte sie noch nicht entdeckt. Faith wusste, sie sollte etwas sagen, ihm etwas zurufen, aber sie war nicht einmal imstande zu atmen, geschweige denn zu sprechen.

Sie hatte das eigenartige Gefühl, ihn zu kennen, obwohl sie nicht hätte erklären können, weshalb seine Gesichtszüge ihr so vertraut erschienen. Es war einfach alles an ihm. Und weil er sich ausgerechnet an diesem Ort befand.

Absolut verrückt, denn noch nie zuvor in ihrem Leben war sie hier gewesen. Höchstens vielleicht in irgendwelchen kindlichen Tagträumen. Und mit Sicherheit würde sie sich daran erinnern, falls sie jemals einem solchen Mann begegnet wäre. Ein Mann, dessen plötzliches Auftauchen die Antwort auf eine Frage darstellte, die ihr selbst gar nicht bewusst gewesen war.

Schließlich bemerkte er sie und hielt einen Moment lang inne. Doch dann richtete er sich noch höher auf und setzte seinen Weg fort, wobei er sie eindringlich fixierte. Sein Blick erinnerte Faith an einen Jagdhund, der gerade Witterung aufgenommen hatte.

„Hey!“, rief er ihr zu.

Die feuchte Luft dämpfte ihren Gruß, sodass man ihn kaum verstand.

Mittlerweile war der Mann nur noch wenige Meter entfernt. Faith steckte ihre Hände mitsamt den Handschuhen in die Manteltaschen und legte den Kopf zurück, um ihm ins Gesicht zu schauen. Er war wirklich sehr groß. Allerdings keineswegs stämmig, sondern hochgewachsen und schlank.

Jetzt begriff sie auch, weshalb sie diese merkwürdige Assoziation eines viktorianischen Gentlemans gehabt hatte. Etwas zu langes schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn und über den Kragen. Seine Gesichtszüge und die lange, gerade Nase zeugten von jahrhundertealter vornehmer Herkunft. Und die Art, wie er sie ansprach, ließ keinen Zweifel daran, wie sehr er es gewohnt war, dass andere Menschen seinen Anweisungen Folge leisteten.

„Das Schloss und das Gelände sind heute für Besucher geschlossen. Sie müssen leider wieder denselben Weg zurückgehen, den Sie gekommen sind.“

Er stand da und wartete darauf, dass sie gehorchte.

Im Allgemeinen hatte Faith kein Problem damit, freundlich und höflich zu sein und zu tun, was von ihr verlangt wurde. Doch etwas an seinem Tonfall ärgerte sie. Ihm war nicht einmal in den Sinn gekommen, dass sie möglicherweise einen triftigen Grund dafür haben könnte, hier zu sein. Wegen seiner Unterstellung, sie wäre mal wieder an einem Ort, wo sie nicht hingehörte, platzte ihr der Kragen.

„Ich bin nicht unbefugt hier. Ich soll …“

Noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, packte er sie bereits am Ellbogen, um sie in die Richtung zurückzulotsen, aus der sie gekommen war.

„Hey!“ Entrüstet riss sie sich von ihm los. „Hände weg, Freundchen!“

„Ich hätte es wissen müssen“, brummte der Mann vor sich hin. „Amerikanische Touristen sind immer die schlimmsten.“ Dann erhob er die Stimme, als würde er mit einem uneinsichtigen Kind reden. „Hören Sie, Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass dies keine Besucherattraktion ist wie irgendein Vergnügungspark. Hier wohnt unsere Familie, und wir haben dasselbe Recht auf unsere Privatsphäre wie jeder andere auch. Und falls Sie jetzt nicht sofort das Gelände verlassen, sehe ich mich gezwungen, die Polizei zu rufen.“

Faith hatte nicht mehr das geringste Interesse daran, diesem eingebildeten Kerl gegenüber auch noch höflich zu sein. Egal, wer er war, und egal, wie umwerfend er ausgesehen hatte, als er aus dem Nebel erschienen war.

„Nein, Sie hören mir jetzt zu!“, gab sie energisch zurück. „Ich habe jedes Recht, hier zu sein. Weil ich nämlich eine Verabredung mit Bertie habe.“

Er hielt inne und zog die Augenbrauen noch enger zusammen. Hinter diesem aristokratischen Aussehen steckte sicher auch ein scharfer Verstand. „Sie meinen Albert Huntington?“

Für ihre Antwort brauchte Faith einen Sekundenbruchteil länger, als ihr lieb gewesen wäre. „Ja, natürlich.“ Es konnte ja wohl nicht mehr als einen Bertie hier geben, oder? Das musste er sein.

Dummerweise entging Mr Groß, Dunkel und Eingebildet ihr kurzes Zögern nicht. Sofort ergriff er erneut ihren Arm und marschierte mit ihr in Richtung Eingangstor zurück. „Netter Versuch, aber niemand außer den engsten Familienangehörigen nennt ihn Bertie. Und Sie stammen von einem völlig verkehrten Kontinent, um mit ihm verwandt zu sein.“

Ha, von wegen!

„Zu Ihrer Information: Mein Vater ist genauso englisch wie Sie“, erklärte sie eisig. „Und meine Großmutter ist eine alte Freundin von Bertie. Ich bin hier, um meine professionelle Einschätzung zu einem Bleiglasfenster abzugeben!“

Er ließ ihren Arm los und musterte sie eindringlich von Kopf bis Fuß. „Sie sind der Experte, den Bertie gebeten hat, sich das Fenster anzusehen?“

Das kam der Wahrheit jedenfalls sehr nahe. Faith nickte. „Soviel ich gehört habe, sind offenbar einige Instandsetzungsarbeiten daran nötig.“

Nun ja, sie wusste nicht genau, ob das Fenster restauriert werden musste. Aber weshalb hätte Gram sie sonst hergeschickt? Es war immerhin sehr wahrscheinlich, und Faith wollte wenigstens einen Blick auf dieses Fenster erhaschen, ehe dieser Mann sie endgültig hinauswarf. Kein anderes der Glasfenster von Samuel Crowbridge hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt, und es waren ohnehin nicht viele gewesen. Das hier könnte eine bedeutsame Entdeckung werden.

Der gereizte und entschlossene Ausdruck wich aus dem Gesicht ihres Gegenübers. Flüchtig schloss er die Augen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, bevor er zum Schloss zurückblickte. „Ich hatte gehofft, er hätte diese Idee aufgegeben.“ Resigniert sah er sie an. „Dann bringe ich Sie wohl am besten gleich zu ihm, Miss …?“

„McKinnon. Faith McKinnon“, erwiderte sie. Dabei bemühte sie sich um einen ruhigen Tonfall.

„Ich möchte mich bei Ihnen dafür entschuldigen, wenn ich ein wenig brüsk reagiert habe, Miss McKinnon.“

Ein wenig? Und es schien ihm überhaupt nicht leidzutun. Im Gegenteil, er wirkte noch angespannter als zuvor. Faiths jüngere Schwester hätte ihn vermutlich beschrieben als jemand, der einen Stock verschluckt hatte.

„Sicherlich können Sie nachvollziehen, wie schwer es ist, wenn die eigene Privatsphäre von unbefugten Eindringlingen verletzt wird“, fügte er hinzu. Dennoch hatte Faith den Eindruck, dass sie für ihn trotzdem zu dieser Kategorie gehörte. „Die Leute denken, bloß weil wir unser Zuhause ein paar Tage pro Woche für Besucher öffnen, dass es sich um öffentlichen Besitz handelt.“

Mit Eindringlingen in der Familie kannte Faith sich aus. Das wollte sie diesem Kerl jedoch auf keinen Fall erzählen, denn dadurch würde sie ihm wohl kaum sympathischer werden.

„Bertie geht es momentan gesundheitlich nicht besonders gut“, fuhr der Mann ernst fort. „Ich versuche, möglichst allzu viel Aufregung von ihm fernzuhalten.“ Er führte sie durch den dünner werdenden Nebelschleier zurück um den See. „Was sich allerdings als schwierig herausstellt, solange er so von diesem verdammten Fenster besessen ist.“

Mit seinen langen Schritten ging er voran, während Faith ihm einen kleinen Hang hinauf folgte, bis zu der ersten, schlichten Steinbrücke, unter einem großen Torbogen des Torhauses hindurch und dann zu einem oval angelegten Rasen, der mehr als die Hälfte der ersten Schlossinsel einnahm. Faith fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Wow.

Aus der Nähe sah das Schloss noch viel schöner aus als vorhin, als es vor ihr aus dem Nebel aufgestiegen war. Ein kiesbestreuter Weg um den Rasen führte zu einer mächtigen Eingangstür, die mit zahlreichen Eisenbeschlägen versehen war.

Sobald ihr Führer die Tür öffnete und beiseitetrat, damit Faith an ihm vorbeigehen konnte, verzog er seine Mundwinkel überraschenderweise zu einem kleinen Lächeln. „Ich nehme an, Bertie hat sein Frühstück inzwischen beendet. Ich bringe Sie zum Salon.“

Erstaunt sah Faith ihn an. „Bertie wohnt hier?“

Das Lächeln schwand. „Selbstverständlich wohnt er hier. Es ist sein Zuhause.“ Kopfschüttelnd meinte er: „Ihr Amerikaner habt wirklich manchmal komische Ideen.“

Faith hielt sich zurück, obwohl sie ihm gerne eine passende Erwiderung darauf gegeben hätte. Aber damit hätte sie verraten, wie wenig sie über diesen Bertie wusste. Außerdem bemühte sie sich, all die verschiedenen Puzzleteilchen in ihrem Kopf irgendwie zusammenzusetzen.

Gram hat in ihrem Brief ja einiges ausgelassen, dachte sie. „Hat Bertie auch einen vollen Titel?“

Der Mann warf ihr einen herablassenden Blick zu, mit dem er ihr zu verstehen gab, dass sie jetzt offenbar endlich anfing, vernünftige Fragen zu stellen. „Albert Charles Baxter Huntington, siebter Herzog von Hadsborough.“

Sie war verblüfft, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.

Ein Herzog? Gram hatte eine Affäre mit einem Herzog gehabt? Nach allem, was in dem Brief stand, hatte Faith geglaubt, er wäre ein Mitstudent oder ein Kunsthandwerker gewesen, der an einem Projekt arbeitete. Sie hatte nicht einmal in Betracht gezogen, dass Bertie der Besitzer des Fensters sein könnte. Dass ihm dieses Schloss und vermutlich die meisten Ländereien meilenweit ringsum gehörten. Einerseits war Faith leicht schockiert über die heimliche Vergangenheit ihrer konservativen Großmutter. Andererseits hätte sie am liebsten triumphierend die Faust gereckt. Super, Gram!

Plötzlich wurde ihr jedoch der Mund trocken. „Das heißt, Sie sind …?“

Mit einem Stirnrunzeln streckte er die Hand aus. „Marcus Huntington, der Gutsverwalter von Hadsborough Castle.“

Zögernd nahm Faith ihren Handschuh ab und gab ihm die Hand. Da er keine Handschuhe getragen hatte, vermutete sie, seine Haut wäre eiskalt. Sein Händedruck war jedoch fest und seine Hand warm.

Sie schaute hinunter. Es fühlte sich absolut richtig an, am liebsten hätte sie gar nicht wieder losgelassen. Als sie wieder aufsah, hoffte sie, dass sie nicht genauso panisch wirkte, wie ihr zumute war. Auf einmal fing ihr Herz wie verrückt an zu pochen.

Marcus blickte ebenfalls auf ihre Hände. Dann schaute er auf, und ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen erkannte sie dieselbe Verwirrung, die auch sie empfand.

Er räusperte sich. „Berties Enkel und Erbe.“

Marcus entzog ihr die Hand, wobei er es ignorierte, wie angenehm es sich anfühlte, als ihre Fingerspitzen seine Handfläche streiften. Es war nicht das Klischee eines elektrisierenden Prickelns, das seinen Arm hinaufschoss. Sondern etwas viel Beunruhigenderes. Ein besondere Art der Wärme, denn ihre Hand hatte sich in seiner so richtig angefühlt. Trotzdem war an dieser Situation einfach alles falsch. Diese Frau sollte gar nicht hier sein, um sich in seine Familie hineinzudrängen und unnötig Staub aufzuwirbeln.

Dabei war es nicht nur die Berührung. Es hatte schon vorher angefangen, als er sie unten am See entdeckt hatte. Etwas an ihren feinen, unaufdringlichen Zügen und an diesen braunen Augen mit dem offenen, direkten Blick brachte ihn vollkommen durcheinander.

Wenn Marcus eines hasste, dann das.

Als er die Hand von Faith McKinnon in seiner gespürt hatte, war das Rauschen in seinen Ohren schlagartig verschwunden. All seine Sinne schienen sich auf einmal beruhigt zu haben.

Und das war noch schlimmer.

Unter keinen Umständen durfte er wieder in diese Falle geraten. Dagegen musste er dringend etwas unternehmen. Es war Zeit, herauszufinden, was Faith McKinnon hier wollte, und sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

„Wenn Sie mir bitte folgen würden?“ Er wandte sich ab und ging voran durch eine geflieste Eingangshalle, deren Bogen und weiß getünchte Wände mit den Überresten alter Rüstungen geschmückt waren. Dann führte er sie in den gelben Salon, das kleinste und wärmste Empfangszimmer im Erdgeschoss des Schlosses.

Goldfarbener Damast mit schweren Brokatquasten bedeckte die Wände, auf antiken Tischen standen dekorative Gegenstände und Familienfotos. Ein Flügel sowie ein großes Sofa mit weichen Polstern vor einem riesigen Kamin vervollständigten die Ausstattung. Auf einer Seite des Kamins in einem hohen Lehnsessel saß sein Großvater, der gerade die Zeitung las. So unschuldig, wie er aussah, hätte ihm niemand zugetraut, dass er mit seiner Fenstergeschichte einen kleineren Familienkrach heraufbeschworen hatte.

Marcus wusste nicht, worum es bei der ganzen Sache eigentlich ging. Um irgendetwas, das vor Jahrzehnten geschehen war, zu einer Zeit, als eisernes Stillschweigen die beste Lösung für jedes Problem gewesen zu sein schien. Seine Großtante Tabitha hatte ihn jedoch davor gewarnt, dass Bertie im Begriff war, die Büchse der Pandora zu öffnen. Nichts von dem, was sie da­rüber erfahren würden, worüber die Familie schon ein halbes Jahrhundert lang Stillschweigen bewahrt hatte, würde irgendjemandem etwas nutzen.

Großer Trubel war das Letzte, was Marcus gebrauchen konnte. Immerhin hatte er die beiden letzten Jahre damit verbracht, die Familiengeschäfte wieder in Ordnung zu bringen. Obwohl Bertie mittlerweile auf Hadsborough lebte, hatte er in jungen Jahren seine Pflichten stark vernachlässigt, um die Welt zu erkunden.

Leider hatte er diese laxe Einstellung auch seinem einzigen Sohn vererbt. Vor seinem Tod hatte Marcus’ Vater das Schloss lediglich als einen imposanten Ort betrachtet, wo er gelegentlich mit Geschäftsfreunden das Wochenende verbringen konnte. Außerdem hatten die Scheidungen von seinen drei Ehefrauen die Finanzen der Familie weiter stark beeinträchtigt. Aber in Bezug auf Marcus’ Vater war das bloß die Spitze des Eisbergs. Es hatte Jahrhunderte gedauert, um den guten Ruf der Familie aufzubauen. Doch sein Vater hatte es geschafft, diesen Ruf innerhalb eines Jahres komplett zu ruinieren.

Also war Marcus von der Londoner City nach Hadsborough gekommen, um seinem trauernden Großvater zur Seite zu stehen. Nun lag es an ihm, alles ins Reine zu bringen. Das Familien­erbe war bei den Huntingtons viel zu lange für selbstverständlich gehalten worden. Doch man konnte die Dinge nicht einfach sich selbst überlassen, man musste sich darum kümmern. Sonst war bald nichts mehr übrig, was er seinen Kindern irgendwann weitergeben konnte. Nicht einmal ein guter Name.

„Großvater?“

Der alte Mann blickte von seiner Zeitung auf, und wie immer lag ein fröhliches Zwinkern in seinen Augen.

Mit einem Nicken deutete Marcus auf ihren Gast. „Ich habe Miss McKinnon auf dem Gelände getroffen. Sie wird von dir erwartet?“ Der skeptische Ton in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Sein Großvater faltete sorgfältig die Zeitung zusammen, legte sie auf das Beistelltischchen neben sich, erhob sich etwas unsicher und streckte der Besucherin die Hand entgegen. „Miss McKinnon“, sagte er lächelnd. „Freut mich sehr, Sie kennenzulernen.“

Alter Charmeur, dachte Marcus.

Mit einem höflichen Lächeln schüttelte Faith ihm die Hand. „Hi“, antwortete sie. Falls sein Charme bei ihr wirkte, ließ sie sich jedenfalls nichts davon anmerken.

„Danke, dass Sie so kurzfristig Zeit hatten.“ Vorsichtig ließ der alte Mann sich wieder in seinen Sessel sinken. „Sie sehen Ihrer Großmutter ähnlich, wenn ich das so sagen darf.“

Überrascht sah sie ihn an. „Wirklich? Oh, vielen Dank.“

Marcus zog die Brauen zusammen. Dann hatte sie also doch die Wahrheit gesagt. Trotzdem hatte er eindeutig das Gefühl gehabt, sie hätte irgendwie gelogen.

Wieso wunderte sie sich darüber, dass sie ihrer Großmutter ähnlich sehen sollte? Marcus schaute zu dem Porträt des dritten Herzogs, das über dem Kamin hing, und berührte geistesabwesend seine Nase. Dieses hervorstechende Merkmal in der Familie der Huntingtons ließ sich nicht leugnen. Sie alle besaßen es, und es zeigte, dass jeder von ihnen Teil einer langen Ahnenreihe war. Und als einziger direkter Erbe war Marcus fest entschlossen, nicht das schwache Glied zu sein, mit dem diese Reihe endete.

Er wandte sich seinem Großvater zu. „Miss McKinnon hat mir erzählt, dass du ihre Großmutter kennst?“

Ehe sein Großvater antworten konnte, warf sie ein: „Bitte nennen Sie mich Faith.“

Bertie nickte lächelnd. „Mary und ich waren eine Zeit lang ein Paar, als ich nach dem Krieg in Amerika war. Eine außergewöhnliche Frau.“

Abrupt drehte Marcus sich zu ihm um. Davon hatte er noch nie etwas gehört. Nicht einmal eine Romanze vor seiner Großmutter war jemals erwähnt worden. Das zeigte ihm, wie verschwiegen gewisse Themen in seiner Familie behandelt wurden. Vielleicht gab es sogar Dinge aus seiner eigenen Geschichte, die er gar nicht kannte.

„Bitte nehmen Sie doch Platz, Miss McKi… Faith“, sagte sein Großvater.

Sie setzte sich auf den Rand des Sofas, die Knie fest zusammen, die Hände im Schoß. Da Marcus nicht als Einziger stehen bleiben wollte, wählte er den anderen Sessel und schlug die langen Beine übereinander. Dennoch fühlte er sich nicht so ungezwungen wie sonst, wenn er mit seinem Großvater allein war.

„Also, Großvater. Was hat das alles mit dem Fenster zu tun?“

Sobald er das Fenster erwähnte, beugte Faith sich interessiert vor. „Gram meint, Sie benötigen Hilfe damit?“

Marcus beobachtete sie aufmerksam. Ihre Stimme klang ruhig und leise, aber dahinter spürte er noch etwas anderes. Als hätten seine Worte ein Feuer in ihr entzündet. Interessant. Doch was erhoffte sie sich von der Sache? Er hielt sie weder für eine Hochstaplerin noch für eine Frau, die hinter Geld her war. Allerdings gab es die in allen möglichen Variationen. Seine beiden Stiefmütter waren das beste Beispiel dafür.

„Ja“, bestätigte er. „Es befindet sich in einer kleinen Kapelle auf dem Anwesen. Ich hätte nicht weiter darüber nachgedacht. Vor ein paar Monaten ist jedoch der jüngere Bruder meines Vaters gestorben, und seine Witwe fand einige Briefe, die mein Vater früher an ihn geschrieben hatte. Und sie fragte, ob ich sie lesen wollte.“

Marcus’ Augen wurden schmal. Das erschien ihm einleuchtend. Denn zu der Zeit hatte sein Großvater begonnen, leise vor sich hin zu murmeln und sich in die Bibliothek zurückzuziehen, wo er stundenlang über alten Dokumenten brütete.

Bertie schaute in das knisternde Kaminfeuer. „Mein Vater starb, als ich noch klein war. Sie dachte, ich würde durch die Briefe vielleicht etwas darüber erfahren, was für ein Mensch er gewesen ist.“

Nur mit Mühe gelang es Marcus, keine finstere Miene aufzusetzen. Nach der Herzoperation vor Kurzem und wegen seines hohen Blutdrucks hatten die Ärzte seinem Großvater viel Ruhe verordnet. Keinen Stress. Und ganz sicher keine unnötige Aufregung über irgendein rätselhaftes Familiengeheimnis. Falls es überhaupt eins gab. Am besten ließ man solche Dinge einfach ruhen, bis die Zeit ihren Mantel darübergedeckt hatte. In der Gegenwart hatten sie schon genügend Skandale erlebt. Noch einen zusätzlichen aus der Vergangenheit konnten sie wirklich nicht gebrauchen.

Diese Geschichte mit dem Fenster zu verfolgen, war in jeder Hinsicht eine schlechte Idee. Daher wollte Marcus seinem Großvater so schnell wie möglich die Fakten entlocken und dieser Miss McKinnon das verdammte Fenster zeigen, falls sie tatsächlich deshalb hier war. Je früher sie wieder verschwand und das Leben auf dem Schloss zur Normalität zurückkehrte, desto besser.

2. KAPITEL

Dass dieser liebenswürdige alte Mann ein Herzog war, daran konnte Faith sich nur schwer gewöhnen. Trotz seiner reizenden Art begriff sie jedoch noch immer nicht, was seine Familiengeschichte mit ihr zu tun hatte.

„Es tut mir leid, aber wo ist die Verbindung zu dem Fenster in der Kapelle?“

So viel wusste sie jetzt zumindest. Ein Kirchenfenster. Die nächste Aufgabe bestand darin, abzuschätzen, wie alt es war.

Erneut schaute Bertie ins Feuer. Er schien seinen eigenen Erinnerungen nachzuhängen. Vielleicht war es schön, wenn man so stabile Familienverhältnisse hatte wie er. Faith dagegen fand, je weniger sie an ihre Familie dachte, umso besser. Jedenfalls lösten Gedankengänge in dieser Richtung keine wohlig warmen oder wehmütigen Gefühle in ihr aus.

Wenn sich die drei McKinnon-Schwestern trafen, benahm sich keine von ihnen wie eine erwachsene Frau. Stattdessen ließen sie tiefe Verletzungen und eine große Verbitterung aus ihrer Kindheit wiederaufleben. Es war jedes Mal das Gleiche. Egal, wie sehr Gram sie darum bat, es nicht zu tun.

Da schien Bertie seine Gedanken abzuschütteln. „Das ursprüngliche Fenster wurde vor fast hundert Jahren bei einem Sturm beschädigt. Darum bestellte mein Vater ein neues.“

„Und das muss restauriert werden?“

Achselzuckend antwortete der alte Mann: „Am unteren Rand scheint es eine kleine Unregelmäßigkeit zu geben.“

Vielleicht ging es also nur darum, den Nachweis über die Geschichte des Fensters zu erbringen. Genau das interessierte Faith besonders. „Meiner Großmutter zufolge wissen Sie, wer das Fenster entworfen hat?“

Er hob die Schultern. „Irgendein Samuel Soundso. Den Nachnamen habe ich vergessen.“ Sein Blick kehrte zurück zum Feuer.

„Crowbridge“, sagte sie. „Samuel Crowbridge.“

Falls Gram recht hatte und Samuel Crowbridge tatsächlich Berties Fenster entworfen hatte, dann wäre das im Bereich der Glasmalerei so etwas wie der Fund von Tutanchamuns Grab. Crowbridge hatte erst spät in seinem Leben angefangen, Fenster zu entwerfen, und keines davon existierte heute noch. Jedenfalls wurde das allgemein angenommen.

Faith sah zu Marcus hinüber. Seine Miene wirkte undurchdringlich. Dennoch schien er sie scharf zu beobachten, als erwartete er eine plötzliche, unvermittelte Bewegung von ihr. Obwohl seine arrogante Musterung sie ärgerte, überlief sie dabei auch ein seltsam angenehmes Kribbeln. Rasch schaute sie weg und wandte sich wieder seinem Großvater zu. „Mr … Ich meine, Eure …“ Verlegen brach sie ab, weil sie nicht wusste, wie sie ihren Gastgeber anreden sollte.

„Bertie ist schon in Ordnung“, erklärte er. „Diesen ganzen Quatsch habe ich sowieso nie gemocht.“

Marcus runzelte die Stirn.

Für ihn hätte Faith sofort eine passende Anrede parat gehabt. Gleichgültig, ob er nun einen echten Titel trug oder nicht. Der Enkel mochte zwar ausgesprochen attraktiv sein, wobei noch ein eigenartiges Déja-vu hinzukam, aber die Gesellschaft seines Großvaters würde sie jederzeit bevorzugen. Sie konnte sehr gut nachvollziehen, warum Gram damals von ihm so angetan gewesen war.

„Also gut, Bertie. Wenn Sie das Fenster weder restaurieren lassen möchten noch ein Gutachten dafür brauchen, verstehe ich nicht ganz, weshalb ich hier bin.“ Hoffentlich durfte sie es trotzdem ansehen, und wenn es nur für ein paar Minuten war.

Seine Augen leuchteten auf, und er beugte sich vor. „Sie, meine Liebe, werden mir dabei helfen, ein Rätsel zu lösen.“

„Ein Rätsel?“

„Ja. Meine Mutter verließ Hadsborough drei Jahre nach dem Tod meines Vaters. Man hat mir immer erzählt, er hätte unter seinem Niveau geheiratet, sowohl vom gesellschaftlichen Status als auch vom Charakter her“, erwiderte er. „Und dass sie angeblich nicht mit einem schreienden Kleinkind in einem zugigen Haufen Steine draußen auf dem Land festsitzen wollte.“

Faith spürte ein wohlbekanntes Ziehen im Brustbereich, ignorierte es jedoch und setzte sich stattdessen noch aufrechter hin. Unter keinen Umständen wollte sie sich in irgendetwas hineinziehen lassen. Sie war wegen des Fensters hier, mehr nicht.

„Sie waren sicher ein süßes Baby“, meinte sie.

Bertie lachte. „Nach allem, was ich gehört habe, war ich ein schreckliches Kind. Außerdem wurde mir erzählt, dass mein Vater schon bald nach der Hochzeit erkannte, dass er einen Fehler begangen hatte. Aber damals ließ man sich nun mal nicht scheiden.“

Bei Faith war es anders gewesen. Ihre Mutter hatte sich nie um irgendwelche Konventionen gekümmert. Wenn ihr nach etwas zumute gewesen war, hatte sie es einfach getan und dadurch die Familie auseinandergerissen. Vielleicht hatte es etwas für sich, seine Pflicht zu erfüllen, sich zurückzuhalten und Dinge zu ertragen, damit nicht alle anderen unter den Konsequenzen leiden mussten.

„Ich vermute, mein Onkel Reginald missbilligte die Frau, die mein Vater gewählt hatte. Deshalb hat mein Vater sie in seinen Briefen auch nicht oft erwähnt. Aber ich hatte den Eindruck, dass meine Eltern glücklich miteinander waren.“

Da merkte Faith, wie sich ihre Neugier regte. Lass dich nicht darauf ein, ermahnte sie sich. Familienstreitereien bringen nur Schwierigkeiten. Denen geht man am besten so weit wie möglich aus dem Weg.

„Steht in den Briefen etwas über das Fenster?“, fragte sie.

Bertie lächelte erfreut. „Oh ja.“ Er zog ein paar vergilbte Papierseiten aus der Ledertasche, die er neben sich auf dem Sessel hatte. „Er hat seinem Bruder geschrieben, dass er das Fenster wiederherstellen wollte. Er war ganz begeistert von diesem Vorhaben.“ Sein Lächeln schwand, als er innehielt und einen kurzen Brief betrachtete. „Er hat es sogar in seinem allerletzten Brief noch erwähnt.“ Er blickte auf. „Den Krieg überlebte er, starb jedoch im darauffolgenden Jahr an der Grippe. Dieser Brief ist der letzte, den er aus dem Krankenhaus schrieb.“

Er lehnte sich vor, um Faith den Brief zu geben. Sie stand auf, nahm den Brief und ging zum Kamin, wo sie die krakelige Schrift zu entziffern versuchte. Er handelte zum größten Teil von Familienangelegenheiten, was Faith schnell überflog. Schließlich ging sie das nichts an, auch wenn sie Mitgefühl für Bertie und das tragische Schicksal seines Vaters empfand. Mit der Tragik von Vätern kannte sie sich aus, ob tot oder verschwunden.

„Lesen Sie den letzten Absatz“, forderte Bertie sie auf.

Sie drehte die Seite um.

Eigentlich sollte es eine große Überraschung werden, Reggie. Aber ich glaube, ich werde es wohl nicht mehr schaffen. Sag Evie, dass ich eine Botschaft für sie habe. Sag ihr, sie soll sich das Fenster anschauen.

Marcus stand auf und kam zu Faith herüber. Fordernd streckte er die Hand nach dem Brief aus. Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm sie sich die Zeit, die Zeilen langsam noch einmal zu lesen, ehe sie ihm das Blatt Papier aushändigte.

Kopfschüttelnd las er den Absatz ebenfalls. „Großvater, da­rauf kannst du doch nichts geben. Das sind doch nur die wirren Gedanken eines Fieberkranken.“

„Nein“, widersprach Bertie. „Allmählich setzt sich das Puzzle zusammen. Gesprächsfetzen, die ich im Laufe der Jahre mitbekommen habe, merkwürdige Kommentare der Angestellten … Ich glaube, mein Vater hat meine Mutter viel mehr geliebt, als man mir weismachen wollte. Und ich möchte wissen, warum sie weggegangen ist. Warum in der Familie nie über sie gesprochen wird.“

Faith setzte sich wieder aufs Sofa. „Das verstehe ich, Bertie.“ Wenn jemand diesen Wunsch nachfühlen konnte, dann sie. Es wäre schön zu wissen, dass der eine Elternteil einen nicht im Stich gelassen und der andere einen nicht getäuscht hat. Sie hätte eine Menge darum gegeben, zu dem wunderbaren Gefühl der Sicherheit ihrer Kindheit zurückzukehren, bevor sie das Geheimnis ihrer eigenen Familie aufgedeckt hatte. „Aber was hat das mit mir zu tun?“

Eindringlich sah er sie an. „Sie kennen sich mit Glasmalerei aus, mit der Tradition und ihrer Bildersprache. In den letzten zwei Wochen habe ich dieses verflixte Fenster stundenlang angestarrt, aber ich kann ums Verrecken nichts darin erkennen.“

Nach vorne gebeugt, senkte er die Stimme. „Ich möchte, dass Sie den Hinweis finden, den mein Vater meiner Mutter hinterlassen hat, Faith. Ich möchte, dass Sie die Botschaft in dem Fenster finden.“

Ihr Herz pochte wie verrückt. Wahrscheinlich, weil Faith sich anstrengen musste, um mit Marcus Huntingtons schnellen Schritten mitzuhalten, als er sie zu der Kapelle begleitete. Eine Fremde wie sie durfte sich das Fenster selbstverständlich nicht allein ansehen.

Sie schaute zum Himmel hinauf. Diesen Grauton kannte sie. Schnee lag in der Luft. Doch das störte sie nicht. In Beckett’s Run gab es jedes Jahr viel Schnee. Allerdings wusste man dort auch damit umzugehen. Sobald in England ein paar Flocken fielen, kam alles zum Erliegen. Daher wollte sie gerne in ihrem kleinen Ferienhäuschen sein, wenn es anfing zu schneien und eine steife Brise von der Nordsee her wehte. Sie musste sich also beeilen, was Marcus Huntington sicherlich sehr begrüßen würde.

Der Pfad führte durch einige Bäume in eine hübsche Senke mit einer Lichtung. In deren Mitte stand eine kleine Version der traditionellen englischen Steinkirche. Das Gras ringsum musste wohl früher einmal ein gepflegter Rasen gewesen sein, wuchs nun jedoch kniehoch, und der Boden war ziemlich uneben. Die Zweige verwilderter Sträucher hingen schwer herunter, weil sie schon so lange nicht beschnitten worden waren. Manche stützten sich sogar gegen die Mauern der Kapelle. Im Vergleich zum übrigen Schlossgelände wirkte dieser Platz verwahrlost und vernachlässigt.

Faith glaubte nicht an Märchen, jedenfalls jetzt nicht mehr. Dennoch fragte sie sich, ob die Huntingtons diesen verborgenen Ort nicht absichtlich dem Verfall preisgegeben hatten.

Als Marcus vor ihr auf die schwere Eichentür zuging, überlief Faith plötzlich ein Schauer. In den achtundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte sie noch nie so extrem auf einen Mann reagiert. Es war geradezu beängstigend.

Mit reiner körperlicher Anziehung hätte sie umgehen können, aber das hier war etwas anderes. Es steckte mehr dahinter. Nur leider war sie zu feige, um die Sache genauer zu erforschen.

Marcus steckte einen Schlüssel in das schwarze schmiedeeiserne Schloss und öffnete die Tür. Nachdem er sie aufgestoßen hatte, winkte er Faith, damit sie ihm voranging. Dabei trat er weit zur Seite, sodass sie mindestens einen Meter Abstand hatten.

Er wollte sie hier nicht, das war eindeutig.

Faith wartete, bis er die Tür zugezogen hatte und ihr folgte. Dabei fing er ihren Blick auf, schaute aber sofort wieder weg.

Nicht nur sie war also feige.

Er spürte es auch, das wusste sie. Allerdings lehnte er dieses Gefühl noch stärker ab als ihre Anwesenheit auf seinem Territorium. Es hatte keinen Sinn, sich irgendwo hineinzudrängen, wo man nicht erwünscht war.

Während sie hinter ihm herging, blinzelte sie einige Male, um ihre Augen an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Wie in jeder Kirche wurden ihre Blicke sogleich von den farbigen Fenstern vorne und hinten angezogen. Anstatt Marcus zu folgen, wandte sie sich einem Fenster neben der Eingangstür zu.

Sanftes Licht schien durch das Glas und erfüllte den Raum mit bunten Farben. Faith hielt den Atem an. Das Glasbild hoch oben an der Wand und auch die Nachmittagssonne waren jeweils für sich wunderschön. Aber zusammen strahlten sie etwas Magisches aus.

Durch ihr Eintreten hatten sie zahllose Stäubchen aufgewirbelt, die im Licht tanzten, als hätte ein unsichtbarer Künstler jedes einzelne von ihnen in einer anderen Nuance eingefärbt. Nicht nur die Formen und Figuren in dem Fenster erwachten zum Leben, sondern die herrlichen Farben durchdrangen die Dunkelheit der Kapelle mit ihrer strahlenden Leuchtkraft, sodass dieses Lichtspiel wie ein Kaleidoskop auf die Mauern und den Fußboden fiel.

Faith seufzte, obwohl sie bereits mit einem Blick erkannte, dass dies nicht das Fenster war, von dem Bertie gesprochen hatte. Zu alt. Es stammte aus dem neunzehnten Jahrhundert und zeigte Bibelgestalten in mittelalterlichem Gewand. Aber das störte sie nicht. Es fesselte sie trotzdem. Diese Szenen erinnerten sie immer an die Bilder ihres Lieblingsbuches als Kind. Edle Herren und schöne Damen in langen, schweren Roben, üppige Wiesen und über allem ein leuchtend blauer Himmel.

„Es ist hier“, sagte Marcus vom Altar her.

Nach einem letzten langen Blick auf das Fenster wandte sie sich ab. Rasch setzte sie ihre übliche, scheinbar gleichgültige Miene wieder auf, ehe sie zu Marcus Huntington hinüberging, der mit den Händen in den Hosentaschen auf sie wartete.

Auf dem Weg durch den Mittelgang schaute Faith sich um. Offenbar hatte jemand den Versuch unternommen, die Kapelle in Ordnung zu bringen, doch es blieb noch viel zu tun.

„Wir beabsichtigen, die Kapelle dieses Jahr wiederzueröffnen und einen Weihnachtsliedergottesdienst hier abzuhalten“, erklärte Marcus. Dann bückte er sich, um in eine kleine Seitennische zu gelangen, wo ein wesentlich kleineres Bleiglasfenster zu sehen war. Er machte Faith Platz und blickte sie fragend an. „Also, was denken Sie?“

Sie ging ein paar Schritte auf das schmale Fenster zu. Es war etwa dreißig Zentimeter breit und zwei Meter hoch und zeigte im oberen Teil das typisch filigrane Mauerwerk des neugotischen Stils. Ihr Herz pochte aufgeregt. Konnte es wirklich wahr sein?

Das Glas war farbenprächtig und fein bemalt. Eine blonde Frau kniete betend auf der Erde, die Handflächen aneinandergelegt, das Gesicht erhoben, die Augen auf den himmlischen Glanz oben am Fenster gerichtet. Sie war umgeben von Blumen und Büschen, ein kleiner Hund saß zu ihren Füßen und schaute sie mit demselben Blick an, mit dem sie in den Himmel hinaufsah. Es war wunderschön. Und ungewöhnlich. Eher wie ein Gemälde als ein Kirchenfenster.

Der Ausdruck überwältigender Freude in dem Gesicht der Frau löste in Faith das Bedürfnis aus, näher heranzugehen und sie zu berühren. Vielleicht, um dadurch etwas von diesem Gefühl in sich aufzunehmen. Ja, das Fenster strahlte einen ganz besonderen Zauber aus.

Sie wandte sich um, weil sie fragen wollte, was Marcus Huntington darüber wusste, und stieß unvermittelt mit ihm zusammen. Sie hatte nicht gemerkt, wie dicht er hinter ihr stand.

„Ver…Verzeihung!“, stotterte sie. Dabei starrte sie direkt auf seine breite Brust.

„Also?“, wiederholte er ungeduldig.

Eigentlich hätte Faith zurückweichen sollen, aber ihr Blick blieb an einer feinen Spinnwebe in seinem Haar oberhalb der rechten Schläfe hängen. Seltsamerweise hätte sie sich jetzt am liebsten auf die Zehenspitzen gestellt und ihm die Spinnwebe aus dem Haar gestrichen. Viel lieber, als das Bleiglasfenster zu betrachten, das sie unbedingt hatte sehen wollen.

Nur mit Mühe konnte sie sich zurückhalten. Atmen, Faith, befahl sie sich. Bloß weil er wie ein moderner Märchenprinz aussieht, heißt das noch lange nicht, dass du Aschenputtel spielen sollst. Das wäre wirklich eine ausgesprochen dumme Idee.

Stirnrunzelnd folgte er ihrem Blick und entdeckte daraufhin selbst die Spinnwebe. Mit seinen langen Fingern wischte er sie fort und lachte leise vor sich hin. Obwohl sein Lachen nicht für Faith bestimmt war, veränderte es sein Gesicht vollkommen. Die markanten Züge wurden weicher, sodass er jünger wirkte. Weniger abweisend. Unwillkürlich hielt sie den Atem an.

Nein, tu das nicht, Faith McKinnon. Fang nicht an zu hoffen, wo es keine Hoffnung gibt. Du hast deine Lektion schon als Kind gelernt. Du bist nicht mehr das weichherzige Mädchen von damals, vergiss das nicht.

Anstatt zu lächeln, wandte sie sich abrupt wieder dem Fenster zu. Glücklicherweise bewegte Marcus sich ebenfalls und trat selbst näher an das Fenster heran, um es genauer zu untersuchen. Ein paar Minuten lang herrschte Schweigen, während beide sich auf das sanft erleuchtete Glasbild konzentrierten.

Marcus stellte sich neben Faith. „Alle Fenster hier drin waren lange Zeit mit Brettern vernagelt. Ich glaube, ich habe mir dieses hier noch nie richtig angeschaut. Es ist wirklich sehr schön.“

Noch immer wie gebannt von der blonden Frau, nickte Faith. „Wenn ich hier wohnen würde, würde ich es mir jeden Tag angucken.“

Er verschränkte die Arme. „Die Kapelle ist seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden. Kaum jemand war hier seit …“ Wie vom Donner gerührt, hielt er plötzlich inne und sah dann Faith an. „Seitdem mein Großvater ein kleiner Junge war.“

„Sie meinen, da gibt es eine Verbindung?“, fragte sie. „Etwas, das mit dem zu tun hat, was Ihr Großvater vorhin erzählte?“

Marcus presste die Lippen zusammen. „Es könnte eine Menge Gründe dafür geben, weshalb die Familie diesen Ort vernachlässigt hat. Zum Beispiel, dass keiner meiner direkten Vorfahren besonders religiös gewesen ist.“

Offenbar will er keinen Millimeter nachgeben, dachte Faith. Egal wobei. Er hatte recht und alle anderen unrecht. Das ärgerte sie. Es erinnerte sie zu sehr an ihre ältere Schwester, die ständig Anweisungen erteilte, als wären es göttliche Gebote.

Herausfordernd verschränkte sie die Arme. „Sie glauben ihm nicht, oder?“

Er schwieg einen Moment, ehe er das Bleiglasfenster erneut betrachtete. „Soviel ich weiß, gab es einen großen Familienaufruhr, wahrscheinlich ein Sturm im Wasserglas. Aber eine geheime Botschaft in dem Fenster? Das scheint mir doch etwas weit hergeholt.“ Marcus seufzte. „Ich denke, mein Großvater möchte gerne daran glauben.“

Faith knabberte an ihrer Unterlippe. Dann lag es jetzt an ihr, den Traum eines alten Mannes zu bestätigen oder zu zerstören. Noch einmal schaute sie sich die Glasmalerei aufmerksam an.

„Sehen Sie irgendetwas Außergewöhnliches?“, erkundigte er sich skeptisch.

Nachdenklich neigte sie den Kopf zur Seite. „Schwer zu sagen. Trotz der Thematik ist dies kein typisches Bild für eine Kirche.“

Sie holte mehrere Fotos aus ihrer Tasche und hielt sie hoch, um sie mit dem Fenster zu vergleichen. Es waren Bilder von Gemälden und Skizzen der anderen, verlorenen Fenster des mutmaßlichen Künstlers. „Es ähnelt den frühen Werken von Crowbridge, die stark von den Präraffaeliten beeinflusst waren.“

„Ja, das Fenster hat auf jeden Fall etwas von dem Stil“, bestätigte Marcus.

Verblüfft hob Faith die Augenbrauen. „Sie kennen sich in der Kunst aus?“ Wie schön, dass er auch noch was anderes konnte, außer Leute herumzukommandieren und ihnen das Gefühl zu vermitteln, sie wären unerwünscht.

Er bedachte sie mit einem spöttischen Blick, schwieg jedoch.

„Aber nach der Jahrhundertwende veränderte sich sein Arbeitsstil dramatisch. Dieses Fenster hier hat nichts mit den Bildern gemeinsam, die er zu der Zeit malte, als das Fenster entstand.“

Ein bleiernes Gefühl breitete sich in ihr aus. Es war dumm gewesen, sich etwas von diesem Fenster zu erhoffen. Unvermittelt wandte Faith sich ab.

Sie hätte klüger sein sollen, als sich von einem solchen Hirngespinst verleiten zu lassen. Das lag sicher an diesem Ort. Hadsborough schien direkt einem Märchen entsprungen zu sein, und es war schwer, sich seiner Atmosphäre zu entziehen. In Zukunft muss ich eben noch vorsichtiger sein, sagte sie sich.

„Ich verstehe, weshalb einem Amateur ein solcher Irrtum unterlaufen könnte.“ Sie sah Marcus an. „Aber ich glaube nicht, dass Samuel Crowbridge dieses Fenster angefertigt hat.“

„Sie sind die Fachfrau, Miss McKinnon“, antwortete er.

„Nett, dass Ihnen das auffällt“, gab sie spitz zurück. Seine Anerkennung hatte sie nun wirklich nicht nötig. „Und ich heiße Faith.“

Prüfend sah er sie an. Normalerweise verlor Faith nicht so schnell die Geduld. Dieser Mann hatte jedoch etwas an sich, eine arrogante Art, die ihr gehörig auf die Nerven ging.

„Erkennen Sie irgendein Anzeichen dieser Botschaft, von der mein Großvater sprach?“

Sie schüttelte den Kopf. „Zumindest springt mir nichts ins Auge. Aber da es sich nicht um ein traditionelles Kirchenfenster handelt, kann es sein, dass die übliche Symbolik sich hier nicht anwenden lässt.“

„Ich muss es aber ganz sicher wissen“, erklärte Marcus. „Wenn Sie mir keine konkreten Fakten nennen können, wird mein Großvater sich nur weiter damit herumquälen.“

Faith dachte an den liebenswürdigen alten Mann, der gerade am Kaminfeuer saß und darauf wartete, dass sie ihm Hoffnung machen würde, obwohl es keine gab. Doch Bertie hatte um ihre professionelle Meinung gebeten. Daran sollte sie sich halten, leidenschaftslos und objektiv. Schließlich war es nicht ihre Schuld, dass sich die Angelegenheit als Sackgasse erwiesen hatte.

Sie durfte sich nicht in die Sache hineinziehen lassen.

Im Allgemeinen war das bei ihrer Arbeit kein Problem. Die Menschen, die zu den Fenstern gehörten, die sie restaurierte, waren lange tot, verschollen im Geheimnis vergangener Jahrhunderte. Insofern stellte dieses Fenster einen Sonderfall dar, weil eine traurige Geschichte damit verbunden war.

„Ich könnte noch einige Recherchen durchführen“, erwiderte Faith. „In ein paar Tagen würde ich Ihnen dann einen Bericht zusenden. Aber ich bezweifle, dass sich dadurch etwas Neues ergibt.“

Marcus atmete erleichtert auf. „Vielleicht ist es das Beste so. Vielen Dank, Miss McKinnon.“

Also immer noch Miss McKinnon.

Ein letztes Mal schaute sie das Fenster an. Es war wunderschön, und so ungewöhnlich. Abgesehen von der unsachgemäßen Reparatur an der Unterseite war es auch gut erhalten. Es wäre schade, es in diesem Zustand zu belassen, zumal das Restaurieren nicht lange dauern würde. Nicht wie bei dem Auftrag, den Faith gerade hinter sich hatte.

Marcus wandte sich zum Gehen. Ohne über die Schulter zu blicken, meinte er: „Wir sollten mit dem Herzog sprechen.“

Richtig. Und dann wurde es für Faith höchste Zeit, dorthin zurückzukehren, wo sie hingehörte. In ihre eigene Welt, ihr eigenes Leben.

3. KAPITEL

Als sie den Salon erreichten, bestand Bertie darauf, dass Faith noch eine Tasse Tee trank, bevor sie ihre Fahrt fortsetzte. Erneut nahm sie auf dem Sofa Platz und begann zu erklären, zu welchem Ergebnis sie gekommen war.

Marcus, der schweigend zuhörte, merkte erleichtert, wie behutsam sie seinem Großvater die schlechte Nachricht beizubringen versuchte. Zum Glück war sie nicht einfach damit herausgeplatzt. Nach allem, was er bisher mitbekommen hatte, schien Faith McKinnon eine äußerst direkte und unverblümte Art zu haben. Beruhigend, dass sie trotzdem auch über eine gewisse Sensibilität verfügte.

Er stand am Kamin und wischte sich mehrere Tropfen von den Schultern. Auf dem Rückweg von der Kapelle waren feine Schneeflocken gefallen, fast wie Staub, die jetzt in der Wärme auf seiner Jacke schmolzen. Durchs Fenster blickte Marcus zum See. Schnee war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnten. Hadsborough lag in einer Senke, und hier war es immer viel schlimmer als in den nahe gelegenen Städten und Dörfern. Allerdings hatte es in den vergangenen zehn Jahren nie mehr als ein paar Zentimeter geschneit. Vermutlich machte er sich völlig grundlos Sorgen.

Das passierte in letzter Zeit häufiger. Ständig zerbrach er sich den Kopf, fragte sich nachts, ob er vielleicht irgendetwas übersehen hatte. Um sich abzulenken, arbeitete er rund um die Uhr. Doch während er schlief, drängten sich die ungebetenen Gedanken in seine Träume.

Manchmal durchlebte er dann Momente, die für immer vorbei waren. Im Traum wollte er die richtige Entscheidung treffen. In der Hoffnung, dass er die drohende Tragödie abwenden und seinen Vater vor der Schande und dem Grab bewahren könnte. Aber wenn am nächsten Morgen die Sonne aufging, hatte sich nichts geändert.

Es war dumm von ihm gewesen, seinem Vater zu vertrauen, obwohl Marcus die Katastrophe hatte kommen sehen. Er hatte den Versprechungen seines Vaters geglaubt, obwohl er daran hätte zweifeln sollen. Diesen Fehler würde er nicht noch einmal begehen. Jetzt hielt er die Augen offen.

Nicht nur in Bezug auf seine Familie, sondern in Bezug auf die ganze Welt. Die Frau, der er alles anvertraut hatte, was ihm schließlich noch geblieben war, hatte ihn irgendwann verlassen. Da Marcus plötzlich eine so große Verantwortung trug, war ihr das zu viel geworden. Sie wollte lieber ein freies Leben führen.

Wie konnte ich nur so blind sein, fragte er sich.

Doch zumindest hatte er durch die Beziehung gelernt, dass Liebe grundsätzlich auf Ungleichheit basierte. Einer von beiden gab immer mehr als der andere, liebte mehr, brachte größere Opfer. Dieser Mensch war der Schwächere, Verletzlichere. Und Marcus war fest entschlossen, sich nie wieder einer solchen Situation auszusetzen.

„Es tut mir leid, dass ich nicht das gefunden habe, was Sie suchen“, hörte er Faith sagen.

Offensichtlich war ihm das Gespräch teilweise entgangen.

Er sah sie an. Ihr Gesicht und ihre Augen wirkten vollkommen ausdruckslos. Zu ausdruckslos. Ein flüchtiger Beobachter hätte glauben können, dass es ihr nichts ausmachte und sie nur einige Höflichkeitsfloskeln äußerte. Marcus kannte diese Miene jedoch. Er sah sie jeden Morgen an sich selbst, wenn er in den Spiegel schaute. Sie waren sich also ähnlicher, als er gedacht hatte.

Sein Großvater nickte, wobei er sich bemühte, sich nicht allzu niedergeschlagen zu zeigen. Faith zögerte kurz, legte dann ihre Hand auf seine und lächelte. Es war das erste Lächeln, das Marcus überhaupt an ihr sah. Ein sanftes, zurückhaltendes Lächeln. Und er spürte, wie sich etwas in seiner Herzgegend regte.

Rasch war es jedoch wieder verschwunden, und als Faith sich auf dem Sofa zurücklehnte, hatte sie erneut ihre Maske aufgesetzt. Bertie schien es nicht zu stören. Er plauderte über alte Zeiten, während sie ihren Tee trank und ihm zuhörte.

Ohne dieses kleine Lächeln von eben hätte Marcus niemals vermutet, dass sie solche Mauern in ihrem Innern hatte, genau wie er. Mit ihrer Offenheit und Direktheit, die sie nach außen hin zur Schau trug, konnte Faith sie gut verbergen.

Auf eine gewisse Weise erinnerte sie ihn an Amanda. Vielleicht reagierte er deshalb so stark auf sie. Ein weiterer Grund, besonders misstrauisch zu sein.

Faith besaß dieselbe kraftvolle Ausstrahlung, die Marcus an seiner Exfreundin so anziehend gefunden hatte. Doch dann war er umso mehr enttäuscht worden.

Wie gut, dass Faith McKinnon bald von hier wegfahren würde.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, stellte sie ihre leere Tasse hin. „Vielen Dank für den Tee, Bertie“, meinte sie. „Aber jetzt muss ich los. Ich habe für die nächsten paar Wochen ein Ferienhäuschen an der Küste gemietet.“

„Ganz allein?“ Der alte Mann war entsetzt.

„Ja. Ich freue mich schon drauf. Um drei Uhr muss ich den Schlüssel abholen.“ Faith nahm ihre Tasche. „In einigen Tagen werde ich Ihnen das Ergebnis meiner Recherchen zuschicken.“

Bertie zog die Brauen hoch. „Könnte sein, dass Sie sich bei der Abholung des Schlüssels etwas verspäten.“ Mit einem vielsagenden Blick schaute er zu dem Fenster, vor dem sein Enkel stand.

Marcus drehte sich um, als Faith sich erhob und hörbar nach Luft schnappte.

Kein staubfeiner Schnee mehr. Dicke Flocken fielen herab, so schnell und dicht, dass man das nur etwa dreißig Meter entfernte Torhaus nur schwer erkennen konnte.

„Ich glaube, Sie werden noch eine ganze Weile bleiben müssen.“ Bertie bemühte sich zwar um einen bedauernden Gesichtsausdruck, doch die unerwartete Wendung der Dinge schien ihm zu gefallen. „Es ist viel zu gefährlich, in einem solchen Schneetreiben zu fahren.“

„Was für ein Auto haben Sie?“, fragte Marcus hoffnungsvoll.

„Einen Kleinwagen.“ Seufzend trat Faith näher an die Fensterfront. Sie konnte nicht fassen, was sie da sah. „Ziemlich alt.“

Das war’s dann wohl. Mit einem solchen Fahrzeug würde sie kaum das Schlossgelände verlassen können, geschweige denn die kurvenreichen Landstraßen bis zur Autobahn meistern.

„Es wird sicher bald aufhören.“ Er beugte sich vor und drückte die Nase an die Fensterscheibe. „Dann können Sie Ihre Fahrt fortsetzen.“

„Möchten Sie bis dahin vielleicht noch einen Tee und ein getoastetes Crumpet?“, erkundigte sich Bertie. „Shirleys Zitronenmarmelade ist ein Gedicht.“

Beim Tee hörten sie den Wetterbericht. Dort wurde Marcus’ Vermutung sofort widerlegt. Starker Schneefall im Laufe der beiden nächsten Tage, verbunden mit dem Rat, nirgendwohin zu fahren, wenn es nicht absolut notwendig war.

„Ausgezeichnet!“ Erfreut klatschte Bertie in die Hände. „Wir haben schon seit Jahren keinen richtigen Schnee mehr gehabt!“

Auf einmal wirkte er wie ein großer Junge. Zum einen hatte er schöne Erinnerungen an Trekkingtouren am Fuße des Himalaja, zweitens konnte er dieses Schneetreiben bequem von seinem gemütlichen Sessel am Kamin aus beobachten. Die Arbeitsbelastung von Marcus hatte sich hingegen schlagartig verdoppelt. Er musste vieles umorganisieren, damit alle weihnachtlichen Veranstaltungen so stattfinden konnten wie geplant.

Seit wann ist diese Jahreszeit nicht mehr schön, sondern nur noch anstrengend? Er wandte sich vom Fenster ab. Faith, die wieder auf dem Sofa saß, wirkte auch nicht gerade erfreut.

„Ich möchte Ihnen wirklich keine Umstände bereiten.“ Unbehaglich blickte sie von Bertie zu Marcus. „Außerdem bin ich Schnee gewohnt.“

Bertie richtete sich in seinem Sessel auf, ausnahmsweise mal ganz der Herzog. „Unsinn! Ihre Großmutter würde mich vierteilen, wenn ich Sie bei solchem Wetter wegschicken würde. Sogar nach all diesen Jahren würde ich es nie wagen, sie zu verärgern. Das dürfen Sie mir glauben.“

Als er ihre Großmutter erwähnte, gab Faith sich geschlagen. „Da dürften Sie wohl recht haben“, meinte sie resigniert.

„Sie können bei uns übernachten, und dann schauen wir mal, wie der Wetterbericht morgen früh ausfällt.“ Bertie läutete die Glocke neben seinem Sessel, und wenige Minuten später erschien Shirley. „Miss McKinnon wird über Nacht bleiben. Würden Sie bitte das Turmzimmer vorbereiten?“

„Natürlich, Euer Gnaden.“ Shirley nickte eifrig und eilte davon.

„Aber ich habe keine Sachen dabei“, protestierte Faith. „Mein ganzes Gepäck ist noch im Auto.“

Mit einer wegwerfenden Handbewegung erklärte Bertie: „Ach, das lässt sich schnell regeln. Marcus, ruf Parsons auf deinem Handy an und sag ihm, er soll Miss McKinnons Gepäck herbringen.“

Marcus’ Augen wurden schmal. „Das übernehme ich“, brummte er. Seine Leute hatten Besseres zu tun, als einen halben Kilometer mit dem Gepäck eines Gastes durch den Schnee zu stapfen.

„Ich komme mit.“ Faith stand auf.

Abwehrend schüttelte er den Kopf. Sie würde die Sache nur noch komplizierter machen. Außerdem brauchte er ein bisschen frische Luft und Abstand von ihr.

Unwillig zog sie die Augenbrauen zusammen. Wegen ihrer unabhängigen Art gefiel ihr das wohl ganz und gar nicht. Pech gehabt, dachte Marcus. An einem Ort wie Hadsborough mussten alle zusammenarbeiten, wie eine große Familie. Für Einzelgänger war da kein Platz.

Sie atmete tief durch. „Wenn das so ist: Die kleine Reisetasche im Kofferraum reicht. Den Rest brauche ich nicht.“

„Bin gleich wieder zurück.“ Rasch verließ er den Salon.

Kurz darauf stapfte er mit einem dicken Schal um den Hals und hochgeschlagenem Mantelkragen zum Besucherparkplatz. Wenn er Glück hatte, würde er morgen früh den gleichen Weg mit Faith McKinnon gemeinsam zurückgehen.

Vom Turmfenster aus blickte Faith auf den See hinaus. Ein echter Schlossturm, so wie in Rapunzel, ihrem Lieblingsmärchen.

Die fast unsichtbare Sonne ging gerade hinter einer grauen Wolkenwand unter, während weiterhin zahllose Schneeflocken an den hohen Fenstern vorbeiwirbelten. Je näher sie den Glasscheiben kamen, desto heller leuchteten sie im Lichtschein auf, der aus den Räumen hinausfiel. Der schieferblaue See dahinter erschien flach wie ein Spiegel.

Der Rasen, den Faith heute Vormittag überquert hatte, war nun schon mindestens fünf Zentimeter hoch von Schnee bedeckt. Die kahlen Bäume ragten wie schwarze Silhouetten in den Himmel auf.

Wie können echte Menschen an einem so wunderschönen Ort leben, fragte sich Faith. Sie kam sich vor wie in einem Traum.

Doch die Mauern und die Möbel wirkten durchaus real. In dem Teil des Schlosses, welcher der Öffentlichkeit zugänglich war, überwog ein eher mittelalterlicher Stil. Im Gegensatz dazu waren die Privaträume wesentlich moderner und mit mehr Komfort ausgestattet. Zwar gab es auch hier Antiquitäten und exklusive Möbelstücke, doch an den Wänden hingen Tapeten anstatt Wandbehänge, und es waren keine nackten Mauern zu sehen. Zudem lag überall Teppichboden, und es gab eine Zent­ralheizung. Alles sehr elegant.

Da ertönte ein energisches Klopfen an der Tür. Faith wandte sich von dem fantastischen Postkartenanblick vor ihrem Fenster ab, lief in ihren dicken Socken durch den Raum und öffnete die schwere Eichentür.

Vor ihr stand Marcus, halb geschmolzene Schneeflocken im dunklen Haar. Sofort begann ihr Herz schmerzhaft zu pochen. Hör auf damit, schimpfte sie mit sich. Den ganzen Nachmittag war es schon so gewesen. Jedes Mal, wenn sie ihn angesehen hatte.

Er hatte ihre kleine blaue Reisetasche in der Hand, die sie, wenn sie unterwegs war, immer für mögliche Notfälle packte. Das war ihr schon manches Mal zugutegekommen, wenn Flüge verspätet waren oder Reisepläne sich plötzlich änderten. Hier hatte sie allerdings nicht damit gerechnet.

Marcus hielt ihr die Tasche hin, und Faith nahm sie entgegen, ohne den Blick von seinem Gesicht abzuwenden. Da er nicht gleich losließ, spürte sie, wie nah ihre Finger einander waren. Nur eine kleine Bewegung, dann würde sie ihn berühren.

Sei nicht albern, ermahnte sie sich. Bloß weil du einmal in einem Schloss übernachtest, heißt das nicht, dass hier Märchen wahr werden. Niemand wird den Turm hinaufsteigen und dich retten. Dieser Mann schon gar nicht. Wahrscheinlich würde er dich viel lieber hinunterstoßen.

Sie zog an den Griffen, bis er schließlich losließ. Er wirkte etwas überrascht, als hätte er gar nicht gemerkt, dass er die Tasche festgehalten hatte.

„Danke.“ Faiths Stimme klang seltsam heiser.

„Gern geschehen“, erwiderte Marcus. Doch sein Blick sagte etwas ganz anderes. „Wir essen um acht“, fügte er hinzu. „Im Allgemeinen ziehen wir uns zum Dinner um. Aber wir verstehen, dass Sie diesbezüglich im Nachteil sind.“

Weil sie nicht wusste, was sie darauf sagen sollte, nickte sie nur. Daraufhin wandte er sich ab und ging über den langen Flur zur Haupttreppe, während Faith ihm nachschaute. Erst als Marcus außer Sichtweite war, schloss sie die Zimmertür und stellte die Tasche auf das Bett.

Aus dem Seitenfach holte sie ihre Notfallwäsche, ehe sie die oberste Schublade einer kunstvoll geschnitzten Kommode aus glänzend lackiertem Holz aufzog. Wow. Durch ihre herrliche Walnussmaserung war sie von innen noch schöner als von außen. Ausgelegt mit dickem, geblümtem Schrankpapier, lag auch ein Seidenbeutel mit getrocknetem Lavendel in der Schublade. Faith blickte auf den BH und die praktischen weißen Baumwollslips in ihrer Hand und legte sie wieder in ihre Tasche. Später vielleicht.

Dann kehrte sie ans Fenster zurück.

Im Allgemeinen ziehen wir uns zum Dinner um …

Noch ein Hinweis darauf, dass sie sich hier in einer vollkommen anderen Welt befand. Eine, in der die Leute sich zum Dinner in Schale warfen und Luncheons einnahmen. Hoffentlich erwartete Marcus kein Ballkleid oder eine Seidenstola von ihr.

Und dann dieser Ton, den er angeschlagen hatte! Aber wir verstehen, dass Sie diesbezüglich im Nachteil sind.

Als ob ich seine Erlaubnis nötig hätte, dachte Faith verärgert.

Im Haus der McKinnons bedeutete sich umziehen, die besten Jeans anzuziehen. Genau das hatte sie auch vor.

Noch bevor sie am nächsten Morgen die Augen aufschlug, wurde Faith durch die Helligkeit im Zimmer daran erinnert, wo sie war und warum. Blinzelnd rollte sie sich auf den Bauch, um zum Fenster zu schauen. Der Schnee lag hoch auf dem schmalen Mauersims. Das sah nicht gut aus für die Weiterfahrt zu ihrem Ferienhäuschen an der See.

Obwohl das Bett sehr bequem war, hatte sie sich sozusagen wie die Prinzessin auf der Erbse gefühlt. Die ganze Nacht über war irgendetwas Unbehagliches da gewesen, als hätte ihr jemand beim Schlafen über die Schulter gesehen.

Das überraschte sie nicht. Während des gesamten Dinners gestern Abend hatte sie Marcus’ abschätzende Blicke bemerkt. Deshalb hatte sie von dem köstlichen Essen kaum etwas geschmeckt. Sie war plötzlich unsicher geworden, welche Silbergabel wofür bestimmt war und wie sie die Serviette benutzen sollte.

Offenbar konnte Marcus Huntington sie nicht so recht einordnen und wusste nicht, ob Faith Freund oder Feind war.

Weder noch, dachte sie entrüstet.

Nun ja, falls sich das Wetter über Nacht beruhigt hatte, würde sie ihm ohnehin nicht mehr lange zur Last fallen.

Eingewickelt in die Bettdecke, stand sie auf, ging zum Fenster und stöhnte. Noch immer schneite es heftig. Heute würde sie also nirgendwohin fahren, und morgen vermutlich auch nicht. Es sei denn, die Huntingtons hatten in einer ihrer Garagen einen Schneepflug versteckt. Seufzend betrachtete Faith die Aussicht. Seit Jahren hatte sie nicht mehr so viel Schnee gesehen. Seit sie das letzte Mal zu Weihnachten nach Hause gefahren war.

Etwas versetzte ihr einen kleinen Stich. Heimweh? Bestimmt nicht. Die Familienkräche an Weihnachten waren ein Grund, weshalb sie es lieber vermieden hatte, im Dezember nach Connecticut zu kommen.

Ihr Mantel hing an der Tür, und Grams Brief steckte in einer der Taschen. Faith hatte ein schlechtes Gewissen, da sie ihn noch immer nicht ganz gelesen hatte. Nicht dass sie Grams warmherzige Erzählungen nicht mochte, sie wusste nur, dass diese ihren Preis hatten.

Grams Briefe wirkten so unschuldig, voller lustiger Anekdoten aus der Stadt. Aber zwischen den Zeilen stand immer deutlich ein Appell.

Komm nach Hause.

Faith hatte das durchaus vor, allerdings nicht zu Weihnachten. Sie war einfach zu erschöpft. Falls ihre Mutter und ihre zwei Schwestern auftauchten, würde es mehr als genug Trubel und Aufregung geben. Da wurde Faith gar nicht gebraucht. Schon vor langer Zeit hatte sie es aufgegeben, die Schiedsrichterin der Familie zu spielen. Also bestand für sie auch kein Grund, dort zu sein.

Sie zog den verknitterten lila Brief aus der Manteltasche, nahm die Seiten aus dem Umschlag und begann zu lesen.

Obwohl es dieselben Neuigkeiten waren wie immer, musste Faith dennoch lächeln. Als sie fertig war, holte sie den anderen Gegenstand aus ihrer Handtasche, den sie in dem Umschlag gefunden hatte. Diesmal wollte Gram offenbar Nägel mit Köpfen machen: Sie hatte allen McKinnon-Schwestern ein Flugticket geschickt und jede von ihnen um einen besonderen Gefallen gebeten. Daher reiste eine Schwester von Sydney nach Kanada, die andere war nach Beckett’s Run zurückbeordert worden, während Faith auf Schloss Hadsborough gelandet war.

Kluge alte Frau, dachte Faith. Gram zählte einfach darauf, dass die drei Schwestern ihr nichts abschlagen würden. Weder den Gefallen noch den Flug in die Heimat.

Faith fühlte sich einem solchen Familientreffen jedoch nicht gewachsen. Es wäre viel leichter, sich in ihrem Ferienhäuschen zu verkriechen, bis ihr nächster Auftrag in York begann. Allerdings musste sie dafür den Mut aufbringen, ihrer Großmutter abzusagen.

Sie seufzte, ehe sie wieder in die Jeans und den Pullover von gestern schlüpfte. Aber bevor sie hinunterging, wollte sie unbedingt noch etwas im Internet nachschauen. Heute würde sie sich von Marcus Huntington nicht bei irgendeinem Fehler erwischen lassen.

Es schneite auch noch, als Marcus vom Verwalterbüro im alten Stallgebäude zum Schloss hinüberging. Er zog die Stiefel aus, ließ sie an der Küchentür stehen und schüttelte dann die Eisstückchen von seinem Mantel, ehe er ihn an den Haken hängte.

Er hatte ihren unerwarteten Gast beinahe vergessen, bis er in den Salon kam, wo Faith auf demselben Sofa saß wie gestern. Die Beine übereinandergeschlagen, hatte sie sich zurückgelehnt und trank Tee aus einer der feinen Royal-Doulton-Tassen.

Sobald sie Marcus hereinkommen hörte, drehte sie sich zu ihm um und stellte die Tasse auf einem kleinen Mahagonitischchen ab. „Guten Morgen, Lord Westerham.“

So, so, sie hat also ihre Hausaufgaben gemacht, dachte er bei sich. Sie hatte herausgefunden, dass er als Berties Erbe Anspruch auf einen der weniger bedeutenden Adelstitel seines Großvaters besaß. Und sie hatte sogar herausbekommen, wie die korrekte Anrede für ihn lautete. Marcus war nicht sicher, ob er deshalb beeindruckt oder ärgerlich sein sollte. Es kam darauf an, ob Faith McKinnon versuchte, höflich zu sein oder ihm zu schmeicheln. Denn Schmeicheleien hasste er.

„Ich habe mit dem Wirt des Duke’s Head im Dorf gesprochen“, berichtete er seinem Großvater. „Er sagt, auf einigen Straßen gibt es zum Teil schon dreißig Zentimeter hohe Schneeverwehungen.“

„Aber es werden doch sicher bald Schneepflüge kommen, oder?“, meinte Faith.

Marcus lächelte bedauernd. „Ja, irgendwann schon.“

„Das heißt?“

Beschwichtigend tätschelte Bertie ihren Arm. „Zuerst konzentrieren sie sich auf die Hauptstraßen und die Autobahnen. In dieser verlassenen Gegend haben wir nicht allzu viel Verkehr“, erklärte er. „Aber keine Sorge, in ein paar Tagen wird auch bei uns geräumt.“

„Das ist doch verrückt!“, rief sie aus. „Zu Hause in Beckett’s Run wären die Straßen gleich am nächsten Tag frei.“

Marcus kam näher. „Leider ist dies hier aber nicht Beckett’s Run.“

Ihr Gesichtsausdruck zeigte, dass sie sich dessen nur allzu bewusst war. Ihre Blicke begegneten sich, und da geschah es wieder. Dieses merkwürdige Gefühl, dass alles um sie herum auf einmal zur Ruhe kam. Dabei hatten sie sich noch nicht einmal berührt.

Faith saß still, ihre Miene undurchdringlich, doch Marcus sah ein kurzes Aufblitzen von Panik in ihren Augen, ehe ihr Blick wieder verschlossen wurde.

„Tut mir leid, meine Liebe.“ Sein Großvater schien es allerdings keineswegs zu bedauern, dass ihr unerwarteter Hausgast noch länger bleiben musste. „Sieht aus, als würden Sie eine Weile bei uns festsitzen.“

Sie riss ihren Blick von Marcus los, um Bertie anzusehen. „Wenn das so ist, kann ich hier vielleicht irgendwo meinen Laptop anschließen?“, fragte sie betont sachlich. „Dann werde ich gleich mit meinen Recherchen anfangen.“

Faith war sehr genau, das musste Marcus ihr lassen. Er beobachtete, wie sorgfältig sie ihre Notizen mit Bleistift in ein großes Notizbuch schrieb. Seit dem Mittagessen war sie schon bei der Arbeit. Sie recherchierte im Internet und notierte die Ergebnisse ihrer Nachforschungen mit ihrer sauberen, ordentlichen Handschrift.

Marcus schaute aus dem Fenster. Die tief stehende Sonne sah aus wie eine matt leuchtende Scheibe am stahlgrauen Himmel. Den ganzen Tag über hatte es zu heftig geschneit, als dass ihr Gast zur Kapelle hätte gehen können. Doch nun wurde der Schneefall schwächer, und die Flocken fielen langsamer als zuvor. Im Wetterbericht wurde für morgen ein klarer Himmel vorhergesagt. Hoffentlich hatten die Meteorologen recht.

„Haben Sie nichts anderes zu tun?“, fragte Faith, wobei sie erneut nach der Maus griff.

Als Marcus verneinend den Kopf schüttelte, huschte ein Anflug von Unmut über ihr Gesicht. „Sind Sie sicher?“

Wenn es ihr nicht gefiel, dass er in ihrer Nähe blieb, um sie im Auge zu behalten, hatte sie Pech gehabt. Schließlich ging es um seine Familie, in deren Vergangenheit sie herumwühlte. Und heute konnte er sich den Luxus leisten, jede ihrer Entdeckungen mitzubekommen. Falls sie etwas Bedeutsames fand, musste er es unbedingt vor seinem Großvater erfahren.

„Wissen Sie was?“, meinte Faith ironisch. „Wenn Sie das, was ich tue, so sehr interessiert, könnten Sie ja vielleicht mal die Archive des Anwesens durchgehen, ob das Fenster dort irgendwo erwähnt wird. Das wäre jedenfalls eine große Hilfe.“

„Das habe ich bereits getan.“

Erwartungsvoll hob sie die Brauen, doch wieder schüttelte Marcus den Kopf.

„Ganz sicher? Mit irgendeinem Dokument als Beweis wäre ich mit meinen Nachforschungen wesentlich schneller fertig.“ Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu, denn dieser Vorschlag würde ihm sicherlich gefallen.

Schuldbewusst gestand er sich ein, dass sie recht hatte. Etwas an ihrer direkten Art ging ihm auf die Nerven.

Leider konnte er sie nicht einfach sich selbst überlassen. Früher einmal hatte er geglaubt, er könnte sich ein eigenes Leben aufbauen. Die Taten seines Vaters hatten diese Pläne allerdings schnell durchkreuzt. Jetzt musste Marcus sich um solche Dinge kümmern, ob es ihm passte oder nicht.

Er blickte zu Faith hinüber. Der dunkle Pferdeschwanz hing ihr über die Schulter, und sie war völlig vertieft in ihre Arbeit. Das dicke, leicht wellige Haar gefiel ihm, genauso wie ihre feinen Züge.

Nein, lass das.

Na schön, er fand sie attraktiv, aber darum ging es nicht. Seitdem sie gekommen war, hatte er das Gefühl, er müsste auf der Hut sein.

Nach dem Zusammenbruch der Investmentfirma seines Vaters hatte Marcus zwei Jahre damit verbracht, den Ruf der Familie wiederherzustellen. Der dicke Pferdeschwanz und die elegante Nase von Faith McKinnon sollten ihm da herzlich gleichgültig sein. Er wollte nicht, dass sie in der Vergangenheit seiner Familie herumschnüffelte. Die Leichen im Keller der Huntingtons, von denen es sicher einige gab, sollten lieber in Frieden ruhen. Zumindest jetzt. Marcus hatte nichts dagegen, wenn die Wahrheit ans Licht kam. Aber möglichst erst dann, wenn sich die Dinge wieder beruhigt hatten.

Vielleicht musste er sich ja gar keine großen Sorgen darüber machen, dass er sich von Faith angezogen fühlte.

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