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JULIA EXTRA BAND 388

SHARON KENDRICK

Eine Braut für den Wüstenprinzen

Damals küsste Diplomat Suleiman die schöne Sara im Mondschein. Jetzt soll er sie gegen ihren Willen zum Sohn des Sultans bringen – als dessen zukünftige Frau. Ein Auftrag, gegen den sein Herz sich wehrt …

SUSAN STEPHENS

Der Millionär und die Diamantenerbin

Diamantenerbin Leila und schüchtern? Das sieht der verwegene Frauenheld Raffa Leon ganz anders und genießt die feurige Affäre. Doch dann wird es für Raffa ernst … denn Leila ist schwanger!

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Ein Baby will ich nur von dir!

Eigentlich wollte Einzelgänger John erneut auf Reisen gehen. Aber ein Wiedersehen mit Scarlet wirft seine Pläne völlig um. Denn er spürt: Dieser aufregenden Frau will er nicht nur ein Baby, sondern auch seine Liebe schenken …

SOPHIE PEMBROKE

Im Schnee mit dem Tycoon

Ben ahnt, was Luce hinter ihrem Trotz verbirgt! Wie gut, dass sie nicht vor ihm fliehen kann. Denn in den verschneiten Bergen wird es ihm ein besonderes Vergnügen sein, die wahre Luce zu entdecken …

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Eine Braut für den Wüstenprinzen

1. KAPITEL

„Ein Besucher steht unten am Empfang und will dich sprechen.“

„Wer denn?“ Sara sah nicht einmal auf. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf eine Zeichnung, die vor ihr auf dem Tisch lag.

„Er … hat sich nicht vorgestellt.“

Jetzt blickte Sara doch auf und wunderte sich über den seltsam entrückten Gesichtsausdruck der jungen Bürogehilfin. Hatte der Weihnachtsmann auf seinem Rentierschlitten etwa schon frühzeitig Geschenke bei Alice abgeliefert?

„Und das Heiligabend!“, meinte Sara trocken und blickte aus dem Fenster. Der Nachmittagshimmel war grau. Es regnete. Keine einzige Schneeflocke in Sicht. Schade, dachte Sara. Vielleicht hätte etwas Schneegestöber ihre Stimmung gehoben. Sie machte sich nichts aus Weihnachten und atmete jedes Jahr erleichtert auf, wenn das Fest vorbei war.

Alice zuliebe rang Sara sich ein Lächeln ab. „Jedenfalls mache ich gleich Feierabend und gehe nach Hause. Vertreter will ich nicht sehen, und sonst auch niemanden. Sag dem Mann, er soll sich einen Termin fürs nächste Jahr geben lassen.“

„Er hat aber gesagt, er muss dich unbedingt sprechen“, beharrte Alice.

Als Sara den violetten Filzstift weglegte, registrierte sie mit Unwillen ihre zitternden Finger. Es bestand doch gar kein Grund zur Panik. In dem hellen freundlichen Büro dieser überaus erfolgreichen Werbeagentur war sie völlig sicher. Trotzdem hatte sie plötzlich ein ungutes Gefühl.

„Was soll das heißen?“, fragte sie irritiert und versuchte, die aufsteigende Panik zu verbergen. „Was hat er genau gesagt?“

„Dass er dich sprechen will“, wiederholte Alice und machte wieder so ein seltsames Gesicht. „Er bittet um einige wenige Minuten deiner kostbaren Zeit, wie er sich ausdrückte.“

Ein eisiger Schauer lief Sara über den Rücken bei dieser altmodischen Wendung, die im Wortschatz eines modernen Menschen schlichtweg nicht mehr existierte. Beunruhigt fragte sie stockend: „Wie … wie sieht er denn aus?“

Selbstvergessen spielte Alice mit dem Anhänger ihrer Halskette und schloss verzückt die Augen. „Er sieht einfach … unglaublich aus. Nicht nur seine Figur. So einen durchtrainierten Körper bekommt man nur, wenn man jeden Tag Stunden im Fitnessraum verbringt. Aber das Tollste sind wohl seine Augen“, fügte sie verträumt hinzu.

„Was ist so besonders an denen?“, fragte Sara in scharfem Tonfall und wartete nervös auf die Antwort.

„Sie sind schwarz. Richtig schwarz. Wie ein mondloser Nachthimmel. Wie …“

„Alice!“ Sara versuchte, die junge Bürohilfe aus ihrem Tagtraum zu wecken. So kannte sie Alice gar nicht. Gleichzeitig ahnte sie, wer das Mädchen so durcheinandergebracht hatte und hoffte inständig, die Ahnung würde sich nicht bestätigen. Vielleicht handelte es sich nur um eine Verwechslung und nicht um den absoluten GAU ihres Lebens. „Sag ihm …“

„Sag es mir doch einfach selbst, Sara!“

Bei dem kühlen Tonfall der ihr nur zu bekannten Männerstimme wirbelte Sara schockiert herum. Der Anblick des an der Bürotür stehenden Mannes löste erst Schmerz, dann heiße Sehnsucht in ihr aus. Fünf lange Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er hatte sich verändert. Der dunkle Teint, das markante, kluge Gesicht … Die überwältigende Aura, die ihr Herz erobert hatte… Alles schien wie immer, und doch …

Saras Herz klopfte aufgeregt.

Lag es an der fehlenden Kopfbedeckung? An dem Maßanzug, anstelle des wehenden Gewands? Das schwarze Jackett brachte seinen durchtrainierten Oberkörper ebenso gut zur Geltung wie jedes Seidengewand. Die maßgeschneiderte Hose betonte die langen kraftvollen Beine. Das sichere Auftreten des engsten Beraters des Sultans von Qurhah zeichnete ihn weiterhin aus, allerdings strahlte er auch eine gewisse Härte aus, die Sara zum ersten Mal wahrnahm.

Macht! Ja, er trat auf wie ein Mann mit viel Macht.

Tiefes Misstrauen beschlich Sara. „Suleiman …“, stieß sie mit bebender Stimme hervor. „Was tust du denn hier?“

Sein Lächeln war frostig. Noch eisiger als bei ihrer letzten Begegnung. Damals, als er sich aus ihrer leidenschaftlichen Umarmung befreite und sie mit einem verächtlichen Blick bestrafte.

„Die Frage kannst du dir sicher selbst beantworten, Sara.“ Er kam näher und blickte mit seinen klugen schwarzen Augen auf sie herab. „Du bist doch eine intelligente Frau – wenn auch etwas vom Weg abgekommen, wie mir scheint, sonst hättest du längst reagiert auf die wiederholten Bitten des Sultans, nach Qurhah zurückzukehren, um seine Frau zu werden.“

„Ach ja?“ Es tat ihr weh, dass es ihm offensichtlich überhaupt nichts ausmachte, dass sie einen anderen Mann heiraten sollte.

„Ja, dein Verhalten ist idiotisch.“

Bei der versteckten Drohung, die in seinem Tonfall mitschwang, stockte Sara der Atem, auch Alice schien die Luft anzuhalten.

Sara hatte sich schnell wieder gefangen und musterte die Büro­hilfe mit den topmodischen rosa Strähnchen im Haar und dem knallengen Minirock. Eigentlich hatte sie Entsetzen in Alice’ Miene erwartet – schließlich war Suleimans Bemerkung nicht gerade politisch korrekt. Doch das junge Mädchen starrte Suleiman immer noch bewundernd an.

Das hätte sie sich ja denken können. Der große schwarzhaarige, blendend aussehende Macho hatte der Kleinen offensichtlich den Kopf verdreht. Die gut aussehenden Kollegen in Gabe Steels Werbeagentur hatten sie dagegen kalt gelassen. Da musste erst ein Suleiman Abd al-Aziz mit seiner orientalischen Aura auf­tauchen.

Warum sollte es Alice anders ergehen als ihr selbst? In Suleimans Gesellschaft rückten andere Männer automatisch in den Hintergrund, selbst wenn es sich bei ihnen um Adelige handelte. Das war schon immer so gewesen. Doch inzwischen hatte Suleimans Ausstrahlung eine zusätzliche Qualität angenommen, die Sara noch nicht ganz erfassen konnte. Aber sie witterte Gefahr.

Die Zuneigung, mit der er sie früher angeschaut hatte, war aus seinem Blick verschwunden. Der Mann, den sie seit ihrer Kindheit kannte, der ihr das Reiten beigebracht hatte, existierte nicht mehr. Kühl und ernst, fast hasserfüllt sah er sie an. Obwohl – Hass? Nein, Hass war eine zu starke Emotion, die verschwendete er sicher nicht an sie. Sein Blick schien eher auszudrücken, dass sie ihm lästig war, dass er lieber ganz woanders gewesen wäre, als ausgerechnet in ihrem Büro.

Sie hatte wohl selbst schuld. Es war ein Fehler gewesen, sich damals in seine Arme zu werfen, sich küssen zu lassen und insgeheim auf so viel mehr zu hoffen …

Sara rang sich ein Lächeln ab. Sie hatte wirklich alles versucht, Suleiman und die Gefühle, die er in ihr entfesselt hatte, zu vergessen. Kaum stand er vor ihr, war alles wieder da. Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Aus Liebe? Dafür hatte sie ihre Gefühle damals gehalten. Doch leider konnte Suleiman niemals ihr gehören.

Sie musste ihre Emotionen unter Kontrolle behalten. Suleiman durfte nicht wissen, was sie noch immer für ihn empfand. Noch einmal könnte sie seine Zurückweisung nicht ertragen.

„Wie nett, mal so völlig unerwartet vorbeizuschauen, Suleiman“, flötete Sara betont lässig. „Leider habe ich gerade gar keine Zeit. Heute ist Heiligabend.“

„Du hast dir noch nie etwas aus Weihnachten gemacht, Sara. Solltest du inzwischen wirklich die Werte des Abendlandes für dich entdeckt haben?“

Verächtlich blickte er sich in dem Großraumbüro um. Festlich glitzernde Girlanden waren um Poster geschlungen, die Beispiele erfolgreicher Werbekampagnen darstellten. In einer Ecke stand ein üppig geschmückter Tannenbaum mit elektrischen Kerzen und einem funkelnden Stern als Spitze. Suleimans Miene verfinsterte sich.

Hastig verbarg Sara ihre bebenden Hände unterm Schreibtisch. Suleiman durfte nicht merken, dass sie sich plötzlich fürchtete. Ob vor ihm oder vor ihren Gefühlen wusste sie nicht.

„Ich bin wirklich sehr beschäftigt. Und Alice will sicher nicht hören …“

„Das braucht Alice auch nicht, denn sie wird sich jetzt zurückziehen, damit wir uns unter vier Augen unterhalten können“, fuhr Suleiman dazwischen und schenkte der Bürohilfe ein magisches Lächeln. „Nicht wahr, Alice?“

Sara konnte nicht umhin zu beobachten, wie Alice unter dem Blick förmlich dahinzuschmelzen schien. Die sonst so coole Londonerin errötete sogar und wirkte plötzlich wie ein verknallter Teenie. Fehlte nur noch, dass sie ohnmächtig zu Boden sank!

„Selbstverständlich.“ Aufreizend flatterte Alice mit den Wimpern. Auch das war neu. „Darf ich Ihnen vorher noch einen Kaffee bringen?“, fügte sie hoffnungsvoll hinzu.

„Für Kaffee … bin ich gerade nicht in Stimmung“, entgegnete Suleiman. In Saras Ohren klang das, als hätte er gerade ein eindeutiges Angebot abgelehnt. Vielleicht hatte sie sich das aber auch nur eingebildet. „Obwohl Sie sicher ganz fantastischen Kaffee machen“, fügte er mit seinem magischen Lächeln hinzu, das Alice prompt verzauberte.

„Jetzt reicht’s aber.“ Sara konnte das nicht mehr mit ansehen. „Alice besorgt den Kaffee im Laden nebenan“, erklärte sie schnippisch. „Sie hat sicher nicht vor, nach Brasilien zu fliegen und die Bohnen selbst zu pflücken.“

„Pech für Brasilien“, sagte Suleiman leise vor sich hin.

Sara hielt dieses Schauspiel keine Sekunde länger aus. „Danke, Alice“, sagte sie in scharfem Tonfall zu der Bürohilfe, die Suleiman selbstvergessen anhimmelte. „Du kannst jetzt Feierabend machen. Ach ja: Frohes Fest.“

„Danke.“ Widerstrebend setzte Alice sich in Bewegung. „Dann bis zum neuen Jahr. Fröhliche Weihnachten.“

Schweigend beobachteten Sara und Suleiman, wie das Mädchen nach der großen Umhängetasche griff, in der sich bereits eines der großen Weihnachtsgeschenke befand, die im Auftrag von Gabe Steel an alle Mitarbeiter verteilt worden waren. Erst als die Schritte des Mädchens auf dem Weg zum Lift verhallt waren, wandte Suleiman sich Sara zu und musterte sie spöttisch.

„Jetzt hast du aber die Chefin heraushängen lassen, Sara.“

Sie senkte den Blick. Wenn Suleiman ihren Namen aussprach, wurde ihr noch immer heiß vor Verlangen. Unwillkürlich ließ sie die Zunge über die trockenen Lippen gleiten und erinnerte sich an den erregenden Kuss von damals. Den verbotenen Kuss …

Es war am Abend der Krönung ihres Bruders Haroun zum König von Dhi’ban passiert, einem Ereignis, das wegen der Spannungen zwischen den Wüstenstaaten an ein Wunder grenzte. Die Würdenträger aus den Nachbarländern waren geschlossen eingetroffen, um der Krönungszeremonie beizuwohnen. Auch der berüchtigte Sultan von Qurhah und dessen Gesandter Suleiman waren präsent.

Sara wusste noch genau, wie kühl sie dem Sultan begegnete, dem sie versprochen war. Doch wer hätte ihr daraus einen Vorwurf machen können? Die Heirat war der Preis für die Übernahme des Schuldenbergs, der sich in ihrem Heimatland aufgetürmt hatte. Im Grunde genommen hatte ihr Vater sie wie eine Ware verschachert.

Den ganzen Abend über hatte sie kaum ein Wort mit dem mächtigen Herrscher des Nachbarlandes gewechselt, der irgendwie bedrohlich auf sie wirkte. Der Sultan schien sich über ihre vorgeblich unbekümmerte Art zu amüsieren, statt sich darüber zu ärgern, dass seine Zukünftige ihm aus dem Weg ging. Doch die meiste Zeit hatte er sowieso mit den anderen Staatsoberhäuptern konferiert.

Umso mehr freute sie sich auf ein Wiedersehen mit dem Gesandten des Sultans. Sechs lange Jahre waren sie getrennt voneinander gewesen. Doch nun hatte Sara nach dem Besuch eines Internats in England ihren Schulabschluss in der Tasche und war rechtzeitig zur Krönung ihres Bruders heimgekehrt.

Suleiman hatte ihr das Reiten beigebracht, als sie noch ein Kind gewesen war. Während der beiden langen Sommer, in denen der alte Sultan mit ihrem Vater über die Schuldenübernahme verhandelte, verbrachte Sara viel Zeit mit Suleiman. Es wurden zwei wunderbare und unvergessliche Sommer für sie. Doch mit dem Ende des zweiten Sommers kam für Sara auch das Ende der Freiheit: Sie wurde dem Sohn des Sultans versprochen …

Das Feuerwerk zu Ehren von Saras Bruder war ein Höhepunkt der Krönungsfeierlichkeiten. Sara freute sich unbändig, als es ihr gelang, sich in der Menschenmenge einen Platz an Suleimans Seite zu sichern.

Zuerst hatte es Suleiman allerdings die Sprache verschlagen, weil Sara sich in den sechs Jahren sehr verändert hatte. „Wie alt bist du jetzt?“, fragte er, nachdem er sie eingehend von Kopf bis Fuß gemustert hatte.

„Achtzehn.“ Mit einem strahlenden Lächeln überspielte sie ihre Enttäuschung darüber, dass er vergessen hatte, wie alt sie war. „Jetzt bin ich erwachsen.“

„Ja, du bist erwachsen“, hatte er nachdenklich bestätigt, als wäre ihm das von allein nicht bewusst geworden.

Danach hatten sie sich angeregt unterhalten, über die Zeit im Internat und über ihre Zukunftspläne.

„Ich möchte gern Kunst studieren“, erzählte sie.

„In England?“

„Natürlich. In Dhi’ban gibt es keine Kunsthochschule.“

„Ohne dich ist Dhi’ban nicht dasselbe, Sara.“

Vielleicht lag es an seinem ungewöhnlich emotionalen Tonfall, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellte und Suleimans Wange zärtlich streichelte. „Ist das nun gut oder schlecht?“, fragte sie neckend.

Sie sahen einander tief in die Augen. Sara vergaß alles um sich her. Behutsam zog er ihre Hand hinunter. Eine tiefe Sehnsucht ergriff Sara. Und Suleiman schien es ebenso zu gehen, denn so selbstsicher wie er sonst war, so unentschlossen schaute er sie nun an. Dann schüttelte er langsam abwehrend den Kopf, als versuchte er, aufflammendes Verlangen zu verdrängen. Vergeblich. Denn im nächsten Moment neigte Suleiman den Kopf und berührte Saras Lippen mit seinen.

Und es war genau so, wie es in all den Liebesromanen beschrieben war, die sie in den vergangenen Jahren verschlungen hatte.

Das Feuerwerk am Himmel fand nun zwischen Suleiman und ihr statt, sowie ihre Lippen sich berührten. Sara sah Regenbögen, Sternschnuppen und empfand heißes, wildes Verlangen. Sie jubilierte, als ihr bewusst wurde, dass ihr geliebter Suleiman sie tatsächlich küsste. Und wie er sie küsste. Sehnsüchtig schmiegte sie sich enger an ihn. Er umfasste ihre Taille und zog Sara in eine leidenschaftliche Umarmung. Als er ihre Brüste an seinem Oberkörper spürte, umfasste er verlangend ihren Po.

Wie hart Suleiman war, wie fantastisch sich seine Umarmung anfühlte! „O Suleiman.“ Saras entzücktes Wispern brachte ihn wieder zur Besinnung. Sofort beendete er den Kuss und schob Sara von sich.

Einen Moment lang sah er sie nur starr an, mit einem Blick, der Hoffnung in ihr aufkeimen ließ. Doch dann hatte er seine Gefühle wieder im Griff. Beschämt schloss er für einen Moment die Augen, bevor er vorwurfsvoll hervorstieß: „Benimmst du dich so in England? Bietest du freizügig deine Reize an, obwohl du dem Sultan versprochen bist? Was bist du nur für eine Frau, Sara?“

Das hätte sie selbst gern gewusst. Doch ihre Welt war gerade ins Wanken geraten, und Sara wusste gar nichts mehr. Sie hatte nicht erwartet, dass Suleiman sie küssen würde und schon gar nicht, dass sie so heftig darauf reagieren würde. Sie sehnte sich nach viel mehr als nur nach einem Kuss. Doch Suleiman sah sie an, als hätte sie gerade ein unerhörtes Verbrechen begangen.

Beschämt drehte sie sich auf dem Absatz um und ergriff die Flucht. Tränen verschleierten ihren Blick, als sie völlig aufgelöst davonstolperte.

In den Zeitungen wurde am nächsten Tag berichtet, dass die Prinzessin Freudentränen über die Krönung ihres Bruders vergossen habe …

Sara blinzelte einige Male und fand sich in der beunruhigenden Gegenwart wieder. Suleiman lächelte spöttisch. Anscheinend wartete er auf eine Reaktion. Hatte er ihr eine Frage gestellt? Ach nein, es war nur ein sarkastischer Kommentar gewesen. Sie räusperte sich. „Das hast du falsch verstanden“, behauptete sie. „Ich arbeite hier als eine von vielen Angestellten in der Kreativabteilung. Die Chefin bin ich nicht.“

„Dass du kreativ bist, lässt sich wirklich nicht abstreiten. Das spiegelt sich sogar in deiner aufreizenden Kleidung wider. Trägt man so was jetzt in Europa?“

Am liebsten hätte sie sich verbeten, dass er sie so intensiv von Kopf bis Fuß musterte, denn er weckte damit sofort ihr Verlangen. Besonders als Suleiman den Blick auf ihren Brüsten ruhen ließ, bevor er schließlich am Saum des Wollminikleides verharrte, um dann die überknielangen Stiefel zu betrachten. „Dir scheint es jedenfalls zu gefallen“, antwortete sie schließlich frech.

„Ganz im Gegenteil“, behauptete er mürrisch. „Der Sultan wäre sicher auch entsetzt, wenn er dich jetzt sehen könnte. Das Kleid ist viel zu kurz. Aber das ist wohl Absicht.“

„Hier laufen alle Mädchen so herum, Suleiman. Miniröcke sind der letzte Schrei. Außerdem mildern die blickdichte Strumpfhose und die Stiefel die Wirkung ab. Oder bist du anderer Meinung?“

Sein Blick war unerbittlich. „Ich bin nicht hier, um über die Länge deines Rocks zu diskutieren. Und auch nicht darüber, dass du deine Reize zur Schau stellst wie die Hure, die du ja bist.“

„Aha. Was führt dich dann her?“, fragte sie spöttisch.

„Die Frage solltest du dir selbst beantworten können. Aber da du deine Verpflichtungen offensichtlich nicht besonders ernst nimmst und inzwischen vergessen haben könntest, will ich dir gern auf die Sprünge helfen. Die Stunde der Wahrheit hat geschlagen, Sara. Du musst deinem Schicksal jetzt ins Auge sehen.“

„Es ist nicht mein Schicksal“, fuhr sie ihn an.

„Nenn es, wie du willst. Jedenfalls bin ich hier, um dich nach Qurhah zu bringen, wo du den Sultan heiraten wirst, so wie es vor all den Jahren von deinem Vater zugesagt wurde. Er hat dich damals an Sultan verkauft, und der fordert nun sein Recht. Er möchte endlich die Allianz zwischen euren beiden Ländern festigen, um die Region zu befrieden“, erklärte Suleiman kühl.

Sara ballte die noch immer unter dem Tisch versteckten Hände zu Fäusten. Ihr brach der Angstschweiß aus. Sie hatte so sehr gehofft, die schwarze Wolke über ihrer Zukunft würde sich irgendwann auflösen, wenn sie lange genug ignoriert wurde.

„Das kann nicht dein Ernst sein, Suleiman“, stieß sie schließlich mit brüchiger Stimme hervor. Mit allen Mitteln wollte sie gegen diesen archaischen Menschenhandel angehen, bei dem Frauen zu Lustobjekten degradiert und auf dem Markt feilgeboten wurden. Sara atmete tief durch. „Falls doch, tut es mir leid, aber ich werde ganz sicher nicht mitkommen. Den Weg hierher hättest du dir sparen können. Mein Lebensmittelpunkt liegt hier in England, ich besitze die britische Staatsangehörigkeit und bin eine freie Bürgerin. Ich will und werde den Sultan nicht heiraten. Du kannst mich nicht dazu zwingen.“

„Ich hatte gehofft, du würdest freiwillig mitkommen, Sara.“ Im Tonfall seiner tiefen melodischen Stimme schwang unverkennbar eine Drohung mit.

Wieder rann Sara ein ahnungsvoller Schauer über den Rücken. „Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde lammfromm mit nach Qurhah kommen?“

„Ich hoffe es. Das wäre nämlich für alle Beteiligten die vernünftigste Lösung.“

„Träum weiter, Suleiman!“

Schweigend maßen sie einander mit Blicken. Heiße Wut stieg in Suleiman auf. Er hatte ja geahnt, dass Sara es ihm nicht leicht­machen würde. Insgeheim befürchtete er sogar, es könnte der schwierigste Einsatz seines Lebens werden. Dabei hatte er schon Kriege, Folter und schreckliche Entbehrungen überstanden.

Natürlich hatte Suleiman versucht, den Auftrag abzulehnen. Er hatte dem Sultan erklärt, dass diese Aufgabe nicht zu seinem neuen Leben passte. Doch aus Loyalität und Zuneigung zu seinem ehemaligen Arbeitgeber hatte er dann doch zugesagt. Wer sonst sollte Sara dazu bringen, den Sultan zu heiraten, wenn nicht ­Suleiman? Niemand kannte Sara so gut wie er selbst …

Ein Gefühl des Bedauerns flackerte in ihm auf, das er sofort verdrängte.

„Deine Unverschämtheit ist wohl dem lockeren Lebenswandel des Abendlandes zuzuschreiben“, entgegnete Suleiman grimmig.

„Wirfst du mir etwa vor, meine Freiheit zu genießen?“, konterte sie aufgebracht.

„Nein, deine Respektlosigkeit stört mich.“ Suleiman rang sich ein Lächeln ab. „Weißt du, Sara, ich verstehe ja, dass du … wie nennt ihr Frauen das? Ach ja, dass du dich selbst finden musstest.“ Er lachte trocken. „Männer verlieren sich glücklicherweise eher selten und müssen sich daher auch nicht wiederfinden.“

„Du arroganter Mistkerl!“

Er überhörte die Beleidigung. „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es jetzt weitergeht: Entweder die einfache Variante oder die harte Tour.“

„Soll heißen, wir machen es auf deine Art und nicht auf meine?“, fragte sie sarkastisch.

„Bravo! Du hast es erfasst. Wenn du mitspielst, weil du weder deiner eigenen Familie noch der des Sultans Schande machen willst, sind alle zufrieden.“

„Zufrieden? Wie soll das denn gehen?“ Saras Tonfall klang schrill.

„Reg dich nicht auf! Unsere Reise nach Qurhah hätten wir uns wohl beide freiwillig nicht ausgesucht, aber da uns nichts anderes übrigbleibt, können wir sie doch wenigstens wie zivilisierte Menschen hinter uns bringen.“

„Zivilisiert?“ Sara sprang so heftig auf, dass die bunten Filzstifte vom Schreibtisch rollten, doch in ihrer Wut bemerkte sie das nicht einmal. Sie hätte sich sowieso nicht nach den Stiften gebückt, weil ihr Rock zu kurz war. Was fiel Suleiman eigentlich ein, hier aufzutauchen und sich zu benehmen, als gehörte die Agentur ihm? Er besaß tatsächlich die Frechheit, ihr zu befehlen, mit ihm zurückzukehren und einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte, nicht besonders mochte und schon gar nicht liebte!

„Du nennst es zivilisiert, eine Frau zu zwingen, sich an ein Versprechen zu halten, das gegeben wurde, als sie noch ein kleines Mädchen war? Wir reden hier von einer Zwangsheirat, Suleiman“, schleuderte sie ihm wütend entgegen.

Suleiman blieb hart. „Du weißt, dass dein Vater dieses Versprechen gegeben hat.“

„Mein Vater hatte keine andere Wahl. Er stand kurz vor dem Bankrott.“

„Den er sich mit seinem verschwenderischen Leben selbst zuzuschreiben hatte. Der Vater des Sultans hat ihn davor bewahrt, alles zu verlieren.“

„Aber um welchen Preis? Jetzt soll ich für die Fehler meines Vaters büßen und den einzigen Sohn des Sultans heiraten. Das ist unmenschlich.“

Suleiman schien einen Moment lang zu erstarren. Dann hatte er sich wieder gefangen, kniff die Augen zusammen und verbarg sie hinter den dicht bewimperten Lidern, um seine Reaktion zu verschleiern.

Sara konnte er allerdings nichts vormachen. Sie schöpfte neue Hoffnung. Er musste doch einsehen, dass eine Zwangsheirat nicht mehr in die heutige Zeit passte. Es war barbarisch, eine junge Frau von dreiundzwanzig Jahren zurück in einen Wüstenstaat zu bringen und sie gegen ihren Willen zu verheiraten.

Sie hatte Suleiman doch mal etwas bedeutet. Ihm konnte es doch auch nicht recht sein, bei so einer Barbarei mitzumachen, oder?

„Zwischen Königshäusern wurden schon immer Ehen arrangiert“, gab er zu bedenken. „So schlimm wird es schon nicht sein, Sara.“

„Woher willst du das wissen?“

„Es ist eine große Ehre, einen Mann wie den Sultan zu heiraten“, erklärte er – allerdings mit wenig Überzeugungskraft. Er atmete tief durch. „Was meinst du, wie viele Frauen sich darum reißen würden, seine Sultana zu werden?“

„Sultana? Sultaninen mische ich mir jeden Morgen unters Müsli“, bemerkte sie trocken.

„Du wirst die höchstrangige Frau im Land sein“, fuhr Suleiman ungerührt fort. „Und du hast die Ehre, den Thronfolger zur Welt zu bringen. Mehr kannst du als Frau doch wohl nicht verlangen.“

Sara fehlten die Worte. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Die Vorstellung, eine Zwangsehe einzugehen, wurde ihr immer mehr zuwider. In einem Punkt hatte Suleiman leider recht: Sie war in eine Herrscherfamilie hineingeboren worden, trug den Titel Prinzessin und war sich durchaus bewusst, dass in ihren Kreisen Ehen arrangiert wurden. In England führte sie den Titel allerdings nicht und hatte fast vergessen, was er bedeutete. Ihre Mutter war Engländerin gewesen und hatte einen Wüstenkönig geheiratet, dem sie einen Sohn schenkte und Jahre später auch noch eine Tochter – Sara.

Wäre ihre Mutter noch am Leben gewesen, hätte sie alles darangesetzt, diese groteske Heirat zu verhindern. Dessen war Sara sich ganz sicher. Leider war ihre Mutter schon lange tot. Auch ihr Vater lebte nicht mehr. Und nun forderte der junge Sultan sein Recht.

Sara schauderte es bei der Vorstellung, diesen Mann zu heiraten. Sie wusste, dass viele Frauen ihn für einen Sexgott hielten. Dreimal war sie ihm kurz begegnet – immer in Gesellschaft – und er hatte sie völlig kalt gelassen.

Das lag möglicherweise daran, dass Suleiman stets dabei gewesen war. Suleiman mit seinen blitzenden schwarzen Augen, seinem markanten, anziehenden Gesicht. Seine Anwesenheit hatte sie schon immer so sehr abgelenkt, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Herausfordernd funkelte sie ihn nun an. „Kannst du es eigentlich mit deinem Gewissen vereinbaren, eine Frau gegen ihren Willen zurück nach Qurhah zu verfrachten? Springst du automatisch, wenn der Sultan dich dazu auffordert? Bist du seine Marionette?“

Eine Ader pochte in Suleimans Schläfe. „Ich arbeite nicht mehr für den Sultan.“

Ungläubig musterte sie ihn. „Was soll das heißen? Er schätzt dich als verlässlichen Vertrauten und Gesandten. Das ist allgemein bekannt.“

„Ich habe diesen Posten aufgegeben, bin in mein Heimatland zurückgekehrt und habe mir dort ein neues Leben aufgebaut.“

Am liebsten hätte sie mehr darüber erfahren, aber es ging sie ja eigentlich nichts an, was Suleiman so tat. Zumal er sich offensichtlich nichts mehr aus ihr machte. „Dann verstehe ich nicht, was du hier willst“, sagte sie schließlich.

„Murat hat mich um diesen Gefallen gebeten. Er hat wohl niemandem sonst zugetraut, mit dieser Herausforderung fertig zu werden.“

„Aber dir traut er sie zu?“

„Genau.“

Am liebsten hätte sie ihm das selbstzufriedene Lächeln aus dem Gesicht gewischt und ihn der Türe verwiesen. Wenn er nicht gehen würde, könnte sie immer noch den Sicherheitsdienst rufen.

Aber war das eine gute Idee? Ihr Blick glitt über Suleimans kraftvollen Körper. Gegen diesen Mann würde niemand so leicht ankommen!

Oder doch? Sara spielte mit dem Gedanken, ihren Chef Gabe Steel um Beistand zu bitten. Andererseits … Hatte sie es wirklich nötig, ihren Boss um Hilfe zu bitten? Ganz abgesehen davon, dass es einen schlechten Eindruck machte, Arbeit und Privatleben zu mischen. Außerdem würden Gabe und die Mitarbeiter dann erfahren, dass sich hinter Sara Williams eine halbblütige Wüstenprinzessin aus dem Golfstaat Dhi’ban verbarg. Dass sie einfach den Mädchennamen ihrer englischen Mutter benutzt und sich auf ihr europäisches Äußeres verlassen hatte … Dass sie sich wie eine Engländerin gekleidet und sich dem Lifestyle ihrer Altersgruppe angepasst hatte …

Bei genauerer Betrachtung wäre es wohl sinnvoller, Suleiman vorzugaukeln, sie ginge auf seine Forderung ein. Sie musste sich hüten, sein Misstrauen zu wecken. Wenn er sich einbildete, sie überzeugt zu haben, würde sie später leichteres Spiel haben, zu entkommen. Zu bereitwillig durfte sie aber auch nicht erscheinen.

Also seufzte Sara ergeben und sah Suleiman in die Augen. „Es ist wohl sinnlos zu versuchen, dich umzustimmen, oder?“

Er lächelte frostig. „Meinst du denn, es könnte dir gelingen?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Insgeheim verletzte es sie natürlich, wie gleichgültig sie ihm offenbar war. Es fühlte sich an, als würde jemand auf ihren geheimsten Träumen herumtrampeln, um sie endgültig zunichte zu machen. Suleiman war der einzige Mann, den sie je begehrt hatte. Der Einzige, den sie je geliebt hatte. Aber sie war ihm vollkommen gleichgültig. Sonst hätte er kategorisch abgelehnt, sie einem anderen Mann auf dem Silbertablett zu servieren.

„Sieh mich nicht so an, Sara!“ Wieder musterte er sie mit zusammengekniffenen Augen. Wieder pulsierte die Ader an seiner Schläfe. „Ich könnte mir vorstellen, dass dir dein neues Leben ganz gut gefallen wird. Du wirst bestimmt eine gute Ehefrau sein und kräftige Söhne und wunderschöne Töchter zur Welt bringen. Das Volk von Qurhah wird darüber sehr glücklich sein.“

Einen Moment lang meinte Sara, Unsicherheit in seinem Tonfall ausgemacht zu haben. Als sähe Suleiman sich gezwungen, diese offizielle Version zu verbreiten, obwohl er selbst nicht davon überzeugt war. Oder stimmte es, was man sich über ihn erzählte? War in seiner Kindheit etwas passiert, was sein Herz versteinert hatte? Waren ihm die Gefühle seiner Mitmenschen gleichgültig, weil er selbst unfähig war, etwas zu empfinden?

Ach, das ging sie ja nichts an. Besser gesagt, es durfte sie nichts angehen. Viel wichtiger war es, herauszubekommen, was genau er jetzt mit ihr vorhatte. Nur dann konnte sie seine Pläne vereiteln.

„Und was nun?“, fragte sie daher lässig. „Meine Kündigungsfrist beträgt einen Monat. Soll ich also Ende Januar nach Qurhah fliegen?“

Suleiman lächelte trocken. „Bildest du dir wirklich ein, du könntest den Sultan noch länger hinhalten? Tut mir leid, Sara, aber er ist der Meinung, er hätte nun lange genug auf dich gewartet. Du wirst noch heute Abend nach Qurhah fliegen – und jetzt sofort das Büro mit mir verlassen.“

Jetzt geriet sie doch in Panik. Einen Moment lang wurde ihr schwarz vor Augen. Zum Glück fing Sara sich schnell wieder. „Ich … ich muss aber noch meine Sachen packen“, sagte sie heiser.

„Kein Problem.“ In seinen dunklen Augen blitzte es kurz auf. „Die Miniröcke kannst du allerdings hierlassen. Die sind keine passende Bekleidung für eine Sultana. Du wirst mit angemessener Garderobe ausgestattet. Eigentlich kannst du dir das Packen also sparen.“

„Es geht mir nicht um die Klamotten, sondern um meine Erinnerungsstücke“, erklärte sie wütend. „Du wirst mir wohl gestatten, den Schmuck mitzunehmen, den ich von meiner Mutter geerbt habe. Und natürlich das Buch, das mein Vater nach ihrem Tod veröffentlicht hat.“

Hatte sie sich das nur eingebildet, oder war tatsächlich gerade ein Schatten über Suleimans Gesicht gehuscht? Beunruhigte ihn etwas? Nein, sie sah wohl Gespenster und dichtete ihm Gefühle an, die er nicht hatte.

„In Ordnung“, sagte er schroff. „Du kannst deine Sachen mitnehmen. Dann müssen wir uns aber beeilen. Draußen steht eine Limousine bereit.“

Oje! Das hätte sie sich ja denken können. Vermutlich warteten unten auch Leibwächter. Sara hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen. In diesem Moment beschloss sie, sich mit Händen und Füßen gegen ihre erzwungene Abreise aus England an der Seite von Suleiman Abd al-Aziz zu wehren. Irgendwie würde sie ihm schon entkommen.

„Ich kann hier nicht einfach verschwinden, ohne mein Projekt abgeschlossen zu haben“, behauptete sie.

Er verzog keine Miene. „Wie lange brauchst du?“

Blitzschnell überlegte sie, wie viel Zeit sie herausschinden konnte. „Einige Stunden habe ich hier sicher noch zu tun.“

„Du strapazierst meine Geduld, Sara. Zwei Stunden und keine Minute länger. Ich warte mit meinen Männern vor deiner Wohnung.“ Er machte sich auf den Weg, wandte sich an der Bürotür jedoch noch einmal um. „Sei pünktlich!“ Ein letzter warnender Blick, dann war Suleiman verschwunden.

Sara wartete, bis sie den Fahrstuhl hörte. Sicherheitshalber warf sie noch einen Blick hinaus auf den Flur, um sich zu vergewissern, dass Suleiman wirklich gegangen war. Dann atmete sie tief durch und ging zur Fensterfront ihres Büros. Traurig blickte sie hinaus auf die im Dunkeln liegende Themse. Diese Aussicht würde ihr sehr fehlen, ebenso wie ihre Arbeit, die ihr sehr viel Spaß gemacht hatte. Gabe Steel hatte ihr in seinem riesigen Unternehmen viel Freiheit für ihre Kreativität gelassen. Und auf all das sollte sie nun von einem Moment auf den anderen verzichten?

Niemals!

Ein verwegener Plan formte sich in ihrem überreizten Hirn. So verwegen, dass sie Skrupel hatte, ihn tatsächlich durchzuführen. Aber ihr blieb wohl keine andere Wahl. Oder sollte sie sich etwa wehrlos von Suleiman zur Schlachtbank führen lassen?

Entschlossen griff sie nach dem Hörer des Bürotelefons. Ihr Handy wurde vermutlich von Suleimans Leuten abgehört.

Innerhalb von Minuten erhielt sie von dem für das Unternehmen zuständigen Pressesprecher die gewünschte Liste der für ihr Anliegen zuständigen Londoner Journalisten. Dem Geräuschpegel nach zu urteilen, vergnügte der PR-Mann sich auf einer Weihnachtsparty und kam gar nicht auf die Idee, Fragen zu stellen.

Mit zitternder Hand wählte Sara die erste Nummer und wartete nervös. Würde sich an Heiligabend überhaupt ein Journalist für ihre Geschichte interessieren? Eher unwahrscheinlich.

„Hallo?“

Sara holte tief Luft. „Hallo. Vermutlich klingt es völlig verrückt, aber ich habe eine Story, die Sie interessieren dürfte.“ Gespannt wartete sie auf die Reaktion. „Sie wollen Details? Die kann ich Ihnen geben. Es geht um eine Frau, die nach Qurhah entführt werden soll, um dort zwangsverheiratet zu werden. Sie sind interessiert? Das dachte ich mir. Sie bekommen die Geschichte exklusiv. Aber uns bleibt nicht viel Zeit. Ich muss London vor achtzehn Uhr verlassen haben.“

2. KAPITEL

Suleiman parkte den Wagen mit äußerster Sorgfalt – gut getarnt vom Schatten eines Baumes und mit freier Sicht aufs Cottage. Die Leibwächter in den anderen Autos, die in unterschiedlichen Entfernungen vom Haus standen, warteten auf weitere Anweisungen.

Er löschte die Scheinwerfer. Heftiger Regen prasselte auf den Wagen und lief in Bächen die Windschutzscheibe hinunter. Im Haus zog Sara gerade die Vorhänge zu. Suleiman war erleichtert, dass er ihr in ihrem Versteck auf dem Land so schnell auf die Spur gekommen war. Gleichzeitig bedauerte er erneut, den Auftrag des Sultans angenommen zu haben.

Aus Loyalität und tiefer Dankbarkeit gegenüber dem Sultan hatte er sich verpflichtet gefühlt, die Sache durchzuziehen. Wohl war ihm dabei allerdings nicht. Ein Blick auf die verführerische Sara hatte genügt, ihm überdeutlich zu machen, wie gefährlich sie ihm noch immer werden konnte.

Er erinnerte sich, wie honigsüß ihre Lippen schmeckten. Auch den betörenden Duft nach Jasmin und Patschuli hatte er noch in der Nase. Und er wusste noch immer, wie sich ihre festen Brüste angefühlt hatten und wie sehr er Sara begehrt hatte. Monatelang hatte er sich nach ihr gesehnt.

Frustriert umklammerte er das Lenkrad. Frauen wie sie machten einem das Leben schwer. Erst entfachten sie das Feuer der Leidenschaft, dann richteten sie einen zugrunde. So wie Saras wunderschöne Mutter letztendlich für den Ruin des Königs gesorgt hatte. Der Mann war ihr sklavisch ergeben gewesen, hatte nur Augen für seine Frau gehabt und dabei nicht einmal bemerkt, dass sein Land dem Staatsbankrott entgegentrieb.

Suleiman atmete tief durch und verscheuchte die frustrierenden Gedanken. Wenn der Auftrag erst erledigt war, musste er ein Wiedersehen mit Sara unter allen Umständen vermeiden.

Seine jahrelange geheimdienstliche Tätigkeit hatte ihn gelehrt, den richtigen Moment abzuwarten, um zuzuschlagen. Der war jetzt gekommen.

Suleiman stieg aus, drückte leise den Wagenschlag zu und wartete ab, bis von einer der wartenden Limousinen das vereinbarte Lichtzeichen kam.

Er mied den zum Cottage führenden Kiesweg und schlich geräuschlos über den aufgeweichten Rasen daneben. Der peitschende Regen hatte auch Suleimans Mantel innerhalb von Sekunden durchweicht.

Die Möglichkeit, durch eins der Fenster auf der Rückseite des Hauses einzubrechen, hatte Suleiman sofort verworfen. Es wäre grausam gewesen, Sara so zu erschrecken. Das hatte sie nun doch nicht verdient, oder? Er presste die Lippen zusammen und klopfte an die Haustür.

Wenn Sara vernünftig war, würde sie nicht öffnen, sondern die Polizei alarmieren, weil ein ungebetener Gast am Heiligabend vor ihrer Tür stand.

Natürlich war sie unvernünftig. Angespannt lauschte Suleiman den näher kommenden Schritten.

Sara zog die Haustür auf, starrte ihn einen Moment lang erschrocken an und versuchte dann geistesgegenwärtig, die Tür wieder zuzuschlagen. Doch Suleiman hatte schneller reagiert und lehnte sich gegen die Tür, bis Sara nachgab und ihn ins Haus ließ. Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich.

Die gespannte Stille im Flur wurde nur durch das Geräusch der Regentropfen unterbrochen, die von Suleimans Mantel auf den Steinfußboden tropften.

In Saras Augen spiegelte sich Entsetzen, während es Suleiman erst einmal die Sprache verschlug, weil die Prinzessin einfach atemberaubend aussah. Sie hatte die aufreizende Kleidung, die sie im Büro getragen hatte, gegen Jeans und Pullover eingetauscht, doch ihre wunderbare Figur kam auch darin zur Geltung. Das Haar trug sie offen … Ob sie sich ihrer unglaublichen Schönheit bewusst war? Jedenfalls gelang es ihm nicht, den Blick von ihr zu wenden. Sie war eine Göttin in Jeans!

„Suleiman!“, stieß sie schließlich verblüfft hervor.

„Bist du überrascht, mich zu sehen?“

„Allerdings. Und entsetzt. Was fällt dir ein, hier ungebeten hereinzuplatzen?“

„Wir waren für achtzehn Uhr verabredet, Sara. Das ist fast zwei Stunden her. Ich finde es nicht besonders nett von dir, mich zu versetzen. Ganz schlechter Stil für eine angehende Wüstenkönigin.“

Sie stieß hörbar die Luft durch die Nase. „Ich denke nicht daran zu heiraten! Weder Murat noch sonst jemanden. Das habe ich dir doch wohl deutlich genug zu verstehen gegeben. Den Weg hierher hättest du dir also getrost sparen können. Kannst du dem Sultan nicht ausrichten, er soll sich die Hochzeit aus dem Kopf schlagen?“

Insgeheim bewunderte Suleiman ihren energischen Widerstand. Eine arabische Frau hätte niemals gewagt, sich den Wünschen eines Sultans zu widersetzen. Doch er ließ sich nichts anmerken, sondern herrschte sie an: „Ich erwarte eine Erklärung für dein Fernbleiben.“

„Du klingst wie ein Oberlehrer. Wenn du es genau wissen willst: Ich lasse mich zu nichts zwingen. Deshalb bin ich nicht aufgetaucht“, erklärte sie.

„Hast du dir wirklich eingebildet, ich ließe mich so leicht abschütteln? Das war wohl nichts“, fügte er zufrieden hinzu.

Sara musterte ihn abschätzend. „Ich könnte dir eins überziehen und mich aus dem Staub machen.“

Er musste sich das Lachen verkneifen. „Du würdest nicht weit kommen, weil ich hier überall meine Männer postiert habe. Schlag dir das also bitte aus dem Kopf, Sara. Ich habe an alles gedacht.“ Suleiman zog den triefenden Mantel aus und hängte ihn an einem Garderobenhaken auf.

„Ich habe dich nicht aufgefordert, den Mantel abzulegen.“ Wütend funkelte sie ihn an.

„Dazu brauche ich keine Aufforderung.“

„Du bist unmöglich, Suleiman“, zischte sie.

„Das habe ich nie bestritten.“

Sie stöhnte frustriert, drehte sich um und stolzierte in das Kaminzimmer.

Suleiman folgte ihr und stellte überrascht fest, dass der Raum mit seinen hell gestrichenen Wänden und alten Deckenbalken eher minimalistisch wirkte. Normalerweise stopften die Engländer ihre Cottages doch mit allerlei Krimskrams voll und hängten dramatische Seestücke an die Wände. Hier zierten nur einige zeitgenössische Aquarelle die Wände. Die etwas avantgar­distisch anmutenden Sitzmöbel machten einen bequemen Eindruck. Wem auch immer dieses Cottage gehörte, hatte ­Geschmack und Geld.

„Wer ist Eigentümer dieses Hauses?“, fragte Suleiman interessiert.

„Mein Lover.“

Er kam näher. „Hör auf, mich auf den Arm zu nehmen! Dazu bin ich jetzt nicht aufgelegt.“

„Wer sagt denn, dass ich scherze?“

„Ich hoffe, es ist ein Scherz. Wenn ich annehmen müsste, dass du mit einem anderen Mann zusammen bist, würde der sein blaues Wunder erleben.“

Sara wurde blass. Ihr war durchaus bewusst, dass Suleiman diese Drohung nicht aus Eifersucht ausgestoßen hatte, sondern aus Loyalität zu dem Sultan. Sie wünschte, er wäre nicht hier aufgetaucht. Allerdings hätte sie damit rechnen müssen, denn wenn Suleiman einen Auftrag annahm, dann führte er ihn auch aus, egal welche Hindernisse sich ihm in den Weg stellten. Auch deshalb war er in den Wüstenstaaten so gefürchtet und wurde überall respektiert.

Im Cottage Zuflucht zu suchen, war eine Kurzschlussreaktion gewesen. Panik vor einer Ehe mit dem Sultan, vor allem aber vor Suleiman. Obwohl er sie damals abgewiesen hatte, begehrte sie ihn noch immer. Das machte ihr Angst. Wie sollte sie die nächsten Stunden in seiner Gegenwart überstehen? Er wirkte eiskalt und fest entschlossen, sie einem unerträglichen Leben auszusetzen.

„Also gut“, sagte sie schließlich. „Wenn du es unbedingt wissen willst: Das Haus gehört meinem Boss Gabe Steel. Wie hast du mich eigentlich so schnell gefunden?“

„Ach, weißt du, Sara, ich habe schon ganz andere Leute aufgespürt als eine widerspenstige Prinzessin. Dein plötzliches Einverständnis mitzukommen, hat mich misstrauisch gemacht. Deshalb habe ich mich an deine Fersen geheftet, als du das Bürogebäude durch den Seitenausgang verlassen hast.“

„Im Ernst?“

„Sicher. Findest du das so abwegig?“

„Allerdings.“ Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Ich wohne jetzt in England, Suleiman, und habe mich dem Lebensstil hier angepasst. Normalerweise lauert einem keiner auf. Es passt mir nicht, dass du mich wie ein Stalker verfolgt hast. Wenn mein Boss das wüsste, würdest du eine Anzeige kassieren.“

„Sehr unwahrscheinlich, Sara. Wenn ich nicht gesehen werden will, dann sieht mich auch niemand“, behauptete er arrogant. „Was sollte dieser Fluchtversuch überhaupt? Hast du wirklich gedacht, du kommst damit durch?“

„Fahr zur Hölle!“

„Aber nur, wenn du mitkommst“, stichelte er.

Seine Arroganz, seine Unnachgiebigkeit machten Sara so wütend, dass sie am liebsten auf ihn losgegangen wäre. War der Mann wirklich so eiskalt und unnahbar? Oder hatte er doch Gefühle? Irgendwie musste sie eine Reaktion aus ihm herauskitzeln. „Ich bin hergekommen, um mich mit meinem Lover zu treffen“, behauptete sie.

„Das nehme ich dir nicht ab.“

„Wieso nicht? Findest du mich so abstoßend, dass du dir nicht vorstellen kannst, jemand könnte mich begehren?“

Suleiman blieb ganz ruhig. Ihm war sofort bewusst, dass sie ihm eine Falle gestellt hatte. Er dachte gar nicht daran, sich von Sara provozieren zu lassen. Auf keinen Fall würde er etwas zugeben, was er nicht einmal sich selbst eingestand. Ich muss mich auf die Fakten konzentrieren, schärfte er sich ein. Die blonde Schönheit, die wohl jeden Mann auf andere Gedanken brachte, war nicht für ihn bestimmt, sondern für den Sultan. Das durfte er niemals vergessen.

„Die Antwort darauf kannst du dir selbst geben, Sara. Deine Anziehungskraft hat nie jemand infrage gestellt, wohl aber deine Tugendhaftigkeit.“

„Meine was? So ein altmodisches Wort.“ Sara lachte abfällig. „Wie auch immer, das geht dich gar nichts an. Und von dir herumkommandieren lasse ich mich auch nicht. Willst du wissen, warum nicht?“, fügte sie herausfordernd hinzu.

„Lieber nicht“, antwortete er, betont gelangweilt.

„Ich glaube doch.“ Sie befeuchtete sich die Lippen und lächelte selbstzufrieden. „Es könnte dich interessieren, dass ich mich vorhin an die Presse gewandt habe.“

Suleiman musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. „Das ist ein Scherz, oder?“

„Nein.“

Nach kurzem Nachdenken fragte er: „Und was hast du der Presse zu sagen gehabt?“

Lässig fuhr Sara sich durch die blonde Mähne. „Die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit, Suleiman. Macht dir das Angst? Vor der Wahrheit braucht sich doch niemand zu fürchten.“ Sara lächelte triumphierend.

„Ich habe keine Angst“, stieß er wütend hervor. „Nur damit das klar ist. Offenbar hast du meine Wut mit Furcht verwechselt. Du solltest diejenige sein, die Angst hat, denn wenn der Sultan erfährt, dass du dich an die Medien gewandt hast, könnte das Konsequenzen für dich haben. Ich frage dich also noch einmal: Was genau hast du der Presse erzählt?“

Angesichts seines zornigen Blicks wurde es Sara doch etwas mulmig zumute. Aber sie fing sich schnell. Sie hatte sich ihr neues Leben hart erarbeitet und dachte gar nicht daran, sich von diesem Mann einschüchtern und herumkommandieren zu lassen. Und auch von keinem anderen Araber!

Ihre eigene Mutter hatte einen Wüstenkönig geheiratet – aus Liebe. Die viele Jahrhunderte alten Traditionen hatten ihre Freiheit jedoch so drastisch eingeschränkt, dass sie sich wie eine Gefangene gefühlt hatte. Diese Traditionen hatten bis heute Bestand. Mit eigenen Augen hatte Sara mit ansehen müssen, dass Liebe allein manchmal nicht genügte. Wie sollte dann erst eine Ehe ohne Liebe funktionieren?

Ihren Vater hatte es in den Ruin getrieben, dass seine Frau so unglücklich war und letztendlich war nun auch sie selbst die Leidtragende.

Sara war lange Zeit nicht bewusst gewesen, dass ihr Vater so besessen von seiner englischen Frau gewesen war, dass er sich nicht einmal mehr um die Regierungsgeschäfte gekümmert hatte. Für ihn gab es nur seine Königin, alles andere interessierte ihn nicht. Fehlinvestitionen und ein langwieriger Grenzkrieg hatten das Königreich schließlich in den Bankrott gestürzt. Murats Vater hatte das Nachbarland damals gerettet und als Gegenleistung verlangt, dass Sara eines Tages seinen Sohn heiratete.

Als Sara nach dem Tod ihrer Mutter ein Internat in England besuchen durfte, hatte sie gehofft, das gegebene Versprechen würde mit der Zeit in Vergessenheit geraten. Und nun das …

Entschlossen drängte Sara die aufsteigenden Tränen zurück. Irgendwie musste sie versuchen, ihre Haut zu retten. Es konnte doch wohl nicht im Interesse des Sultans sein, wenn man sie gewaltsam zum Altar schleifen musste.

„Ich warte, Sara.“ Drohend sah er sie an. „Was hast du der Presse erzählt?“

„Alles.“ Furchtlos blickte sie in seine Augen.

„Alles?“

„Ja. Es gibt bestimmt gute Schlagzeilen.“

„Was genau hast du gesagt?“ Suleiman ließ nicht locker.

„Die Wahrheit. Dass ich eine Prinzessin aus Dhi’ban bin, meine Mutter Engländerin war. Ein gefundenes Fressen für die Medien. Die Leute lieben Geschichten aus den Königshäusern.“ Sie lächelte spöttisch, weil sie wusste, dass Suleiman sich darüber ärgern würde. Insgeheim überlegte sie, ob sie ihn wohl so gern ärgerte, weil sie dadurch ihr Verlangen nach ihm zu verdrängen hoffte. „Ich habe auch erzählt, dass meine Mutter nach Dhi’ban gereist war, um die atemberaubende Wüstenlandschaft dort zu malen. Dass sie dabei dem König begegnet ist. Und dass es Liebe auf den ersten Blick war.“

„Warum hast du dein Privatleben vor der Presse ausgebreitet, Sara?“

„Das ist die Hintergrundstory. Die Leute lieben romantische Geschichten. Der Journalist hat das alles aufgezeichnet.“

„Du hattest kein Recht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, Sara“, erklärte Suleiman in scharfem Tonfall.

„Was kann der Sultan dagegen haben?“, fragte sie mit Unschuldsmiene. „Immerhin geht es hier um eine Ehe. Und Ehen sollen doch glücklich sein, oder? Aber wie soll das funktionieren, wenn die Braut entführt und zur Ehe gezwungen wird? Der Journalist war richtig verblüfft, eigentlich sogar schockiert, als er hörte, dass ich überhaupt nicht gefragt worden bin, ob ich den Sultan heiraten will.“

„Er war schockiert?“

„Allerdings. Er fand die Vorstellung abscheulich, dass der Sultan von Qurhah eine Frau heiraten will, die sein Vater für ihn gekauft hat.“

Suleiman ballte die Hände zu Fäusten. „So ist es nun mal Sitte in der Welt, in die du hineingeboren wurdest. Du musst dich damit abfinden.“

„Ich will mich damit aber nicht abfinden. Wir sind nicht Gefangene unseres Schicksals! Wir können unser Schicksl ändern, Suleiman. Das musst du doch verstehen.“

„Nein, muss ich nicht.“

„Doch! Doch! Doch!“, rief sie leidenschaftlich. Ihr Herz schlug plötzlich schneller, als sie eine menschliche Regung in Suleimans Augen las. Wut? Nein, dann hätte er nicht verzweifelt den Kopf geschüttelt, als müsste er verrückte Gedanken verscheuchen. Und die Ader in seiner Schläfe hätte auch nicht so heftig pulsiert. ­Suleiman kam einen Schritt auf sie zu. Würde er sie gleich an sich ziehen? Sie sehnte sich so sehr danach, wieder in seinen Armen zu liegen. So wie damals bei den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung ihres Bruders. Hier waren sie allein. Suleiman könnte sie auf den flauschigen ­Kaminvorleger legen und …

Doch er rührte sie nicht an. Stand nur dicht vor ihr und schaute sie mit seinen faszinierenden dunklen Augen an.

Er räusperte sich. „Du musst dein Schicksal annehmen, Sara. Ich habe mich mit meinem ja auch abgefunden.“

„Tatsächlich? Und dazu gehörte, mich am Abend der Krönung meines Bruders zu küssen, obwohl du genau wusstest, dass ich dem Sultan versprochen bin?“

„Sag so was nicht!“, flüsterte Suleiman. In diesem Moment erschien er ihr völlig kraftlos. So wie damals, als er als Undercover-Agent für die Armee von Qurhah gearbeitet hatte und völlig abgemagert und mit einer gezackten Narbe am Hals zurückgekehrt war. Angeblich hatte man ihn gefoltert, aber er redete nicht darüber. Jedenfalls nicht mit ihr. Sein erbarmungsvoller Anblick hatte Sara damals schockiert. Auch jetzt starrte sie ihn entsetzt an.

Suleiman fing ihren Blick auf und riss sich schnell zusammen. „Wir werden diesen Abend nie wieder erwähnen, Sara.“

„Damals warst du jedenfalls nicht so ein Moralapostel.“

„Kein Mann hätte dir damals widerstehen können“, gestand er leise und verbittert. „Ich hatte dich sechs lange Jahre lang nicht gesehen. Und plötzlich hast du vor mir gestanden in deinem wie Mondschein schimmernden Silberkleid.“ Suleiman schloss kurz die Augen. Der Kuss damals war einzigartig gewesen. Auch wenn er das nicht wahrhaben wollte. Es war nicht um Sex oder Lust gegangen, sondern um viel, viel mehr. Sara zu küssen hatte sich lebensnotwendig angefühlt, wie essen und trinken und atmen. Völlig machtlos war er diesem Gefühl ausgeliefert gewesen, und das ärgerte ihn, machte ihm sogar Angst. Bis zu dem Abend hatte er freundschaftliche Zuneigung für die junge Prinzessin empfunden. Was geschehen war, hatte ihn völlig überrascht. Vielleicht war der Kuss deshalb unvergesslich.

„Hast du eigentlich gar nicht gemerkt, wie sehr ich dich begehrt habe, Sara? Obwohl du dem Sultan versprochen warst. Du musst dir deiner magischen Anziehungskraft doch bewusst gewesen sein.“

„Ach, es war also alles meine Schuld?“

„Nein, natürlich nicht. Du warst so schön, dass ein Heiliger bei dir schwach geworden wäre. Trotzdem werde ich mir nie verzeihen, schwach geworden zu sein. Das wird mir aber nicht wieder passieren“, stieß er zerknirscht hervor. „Dir werfe ich allerdings vor, durch dein Interview den guten Ruf des Sultans beschädigt zu haben.“

„Dann bitte ihn doch, mich freizugeben“, sagte sie leise. „Bitte tu mir den Gefallen, Suleiman.“

Als Suleiman ihren flehenden Blick auffing, wäre er fast schwach geworden. War es nicht ein Verbrechen, die wunderschöne, temperamentvolle Sara zu zwingen einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte? Wenn er sich vorstellte, wie sie im Ehebett lag und sich einem Mann hingab, den sie nicht begehrte … Suleiman schloss wieder kurz die Augen. Dann sagte er sich, dass Murat der Ruf eines fantastischen Liebhabers vorauseilte. Lange würde Sara seinen Liebeskünsten nicht widerstehen können. Leider …

„Das kann ich nicht, Sara“, antwortete er schließlich schweren Herzens. „Ich kann nicht zulassen, dass du den Sultan zurückweist. Das wäre eine große Pflichtverletzung, und die lässt sich nicht mit meinem Stolz vereinbaren.“

„Stolz!“ Wütend und enttäuscht funkelte sie ihn an. „Und wenn ich mich weigere, mit Murat zu schlafen? Dann wird die Ehe nicht vollzogen. Und was dann? Dann vergnügt er sich mit einem Mädchen aus seinem Harem.“

Suleiman zuckte zusammen, als hätte sie ihn geohrfeigt. „Jetzt ist aber Schluss mit dieser unangemessenen Diskussion! Du solltest dir lieber überlegen, welche Auswirkungen deine Verweigerungshaltung auf deinen Bruder haben kann. Aber der scheint dir ja egal zu sein, so selten, wie du dein Heimatland besuchst. Man fragt sich dort bereits, ob der König überhaupt noch eine Schwester hat.“

„Mein Verhältnis zu meinem Bruder geht dich nichts an. Und wie oft ich nach Hause fliege auch nicht.“

„Du solltest aber bedenken, dass dein Land noch immer Schulden bei Qurhah hat. Was ist, wenn der Sultan die plötzlich einfordert, weil du ihn nicht heiraten willst?“

„Du Mistkerl!“

„Deine Beleidigungen prallen an mir ab, Prinzessin. Ich werde dich beim Sultan abliefern, und nichts und niemand wird mich davon abbringen. So, und jetzt sagst du mir den Namen des Journalisten, dem du das Interview gegeben hast.“

„Und wenn ich es nicht tue?“ Herausfordernd funkelte sie ihn an.

„Dann werde ich ihn selbst herausfinden“, antwortete er drohend. „Willst du wirklich meine Zeit verschwenden und dich meiner Wut aussetzen?“

„Was bist du bloß für ein egozentrischer Mistkerl.“

„Unsinn! Ich will doch nur die Story aus dem Verkehr ziehen.“

Langsam wurde Sara bewusst, dass sie auf verlorenem Posten stand. Sie atmete tief durch und sagte resigniert: „Jason Cresswell. Er arbeitet beim Daily View.“

„Na also, geht doch. Vielleicht wirst du ja doch noch vernünftig. Gehst du bitte kurz hinaus, während ich mit ihm telefoniere?“ Suleiman zückte sein Handy. „Du kannst schon mal deinen Mantel anziehen. Nach dem Telefonat fahren wir direkt zum Flugplatz. Die Maschine nach Qurhah steht zum Abflug in dein neues Leben bereit.“

3. KAPITEL

Der Flug im Luxusjet verlief sehr ruhig. Trotzdem fand Suleiman keinen Schlaf. Seit dem Abflug vor sieben Stunden quälte ihn die Frage, ob es richtig war, was er tat.

Das Herz tat ihm weh. Er brachte eine Frau zu einem Mann, den sie nicht liebte.

Eine Frau, die er selbst über alles begehrte.

Rastlos tigerte er im Flugzeug hin und her und musste immer wieder die schlafende Sara anschauen. Was die Sache auch nicht leichter machte. Natürlich hätte er den Piloten im Cockpit Gesellschaft leisten können, oder sich im abgetrennten hinteren Teil der Kabine hinlegen können. Doch das war auch keine Lösung. Ob die Flugbegleiterinnen bereits bemerkt hatten, wie unwiderstehlich der Anblick der schlafenden Prinzessin für ihn war?

Aber selbst wenn – wer würde es wagen, ihn infrage zu stellen? Den ersten Teil seiner Mission hatte er erfüllt: Sara befand sich auf dem Weg nach Qurhah.

Suleiman wünschte, er könnte seine Schuldgefühle abschütteln. Auf dem Weg vom Cottage zum Wagen war Sara völlig durchnässt worden, weil sie sich geweigert hatte, den Schirm zu benutzen, den er für sie aufgespannt hatte. Zitternd vor Kälte saß sie dann neben ihm im Auto. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen, um sie zu wärmen. Aber er hatte sich ja geschworen, die Finger von ihr zu lassen.

Er durfte sie nie wieder berühren.

Erneut ließ er den Blick über sie gleiten. Sie war so unglaublich schön. Die schönste Frau, der er je begegnet war. Schweren Herzens wandte er sich wieder ab und zermarterte sich erneut das Hirn nach einem Ausweg für Sara.

Der Ruf des Sultans war ihm nur zu bekannt. Murat war eine charismatische Persönlichkeit. Die Frauen flogen auf ihn. Viele seiner Exgeliebten sehnten sich noch immer nach ihm. Aber Murat war auch traditionsbewusst. Deshalb würde er die Prinzessin heiraten, die für ihn bestimmt worden war. Nach der Hochzeit würde er Sara mit in seinen Palast in Qurhah nehmen und vermutlich sein altes Leben weiterführen.

Die Vorstellung, dass Sara ihr restliches Leben hinter den dicken Palastmauern verbringen würde, gefangen im goldenen Käfig des Sultans, ließ Suleiman fast verzweifeln. Eine furchtbare Dunkelheit zog in sein Herz …

Er merkte auf, als Sara sich streckte, die Augen aufschlug und ihn ansah. Gebannt blickte Suleiman in ihre unglaublichen veilchenblauen Augen. Wie verletzlich sie in diesem Moment wirkte!

Sara setzte sich auf und schob sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht. Ob sie bemerkt hatte, dass er sie im Schlaf beobachtet hatte? Für ihn hatte sich das sehr intim angefühlt. Wäre sie schockiert, wenn sie wüsste, dass er am liebsten zu ihr unter die Kaschmirdecke geschlüpft wäre?

Sie streckte die Arme in die Luft und gähnte herzhaft und wirkte so frei und unbekümmert, dass Suleiman erneut ein schlechtes Gewissen hatte, weil er derjenige war, der ihr die Freiheit nahm. Als Sultana würde sie sich den Zwängen ihrer neuen Rolle beugen müssen. Die Zeiten, in denen sie unerkannt in Jeans und Pulli durch London schlendern konnte, waren dann endgültig vorbei. Ihm wurde auch gerade bewusst, dass er hier zum letzten Mal mit ihr allein sein durfte.

„Du bist wach“, sagte er.

„Ja, du Schnellmerker.“ Sara versuchte, mit den Fingern die langen Haare zu kämmen. „Ich weiß gar nicht, wie der Sultan dich entbehren kann, wenn du solche inspirierenden Weisheiten von dir gibst, Suleiman“, neckte sie.

„Hast du dir vorgenommen, bis zum Ende der Reise impertinent zu sein?“

„Vielleicht.“

„Würde eine Tasse Tee deine Stimmung aufhellen, Prinzessin?“

„Keine Ahnung.“ Sie fühlte sich wie in einem Albtraum. Wie sollte sie da gute Laune haben? Allein schon die Fahrt bei strömendem Regen zum Flugplatz, wo die Crew von Murats Privatjet sie unterwürfig begrüßte … Sie war es nicht mehr gewohnt, wie eine Prinzessin hofiert zu werden. Es war ihr unangenehm. Auch die verstohlenen Blicke der Flugbegleiterinnen ärgerten sie. Wahrscheinlich hielten die Frauen die abtrünnige Prinzessin für unwürdig, ihren geliebten Sultan zu heiraten.

Am schlimmsten fand sie aber, dass sie gegen ihren Willen nach Qurhah verfrachtet wurde, um einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte. Sie sehnte sich nach Suleiman, und das immer heftiger, je öfter sie ihn anschaute. Warum konnte er seine Reserviertheit nicht endlich aufgeben und sie endlich wieder so küssen wie damals? Die Vertrautheit, die Nähe, die sie empfunden hatte, fehlte ihr so sehr. Warum konnte nicht alles wieder so sein wie früher?

Um sich von ihrem Kummer abzulenken, fragte sie: „Wie ist denn deine kleine Unterhaltung mit dem Journalisten verlaufen? Zieht er die Story zurück?“

„Ja.“ Suleiman lächelte zufrieden. „Ich konnte ihn davon überzeugen, dass die Braut leichte Panik vor der Hochzeit hatte. Das ist ja ganz normal.“

„Du hast ihn also bestochen. Mit einer Summe, bei der er nicht Nein sagen konnte.“

„So ist es“, gab Suleiman amüsiert zu.

Frustriert lehnte Sara sich wieder zurück in die Kissen und beobachtete, wie eine der Flugbegleiterinnen heraneilte, als Suleiman gebieterisch die Hand hob, um Tee zu bestellen. Er ist ein richtiger Machtmensch mit natürlicher Autorität, dachte sie. Vielleicht lag das daran, dass er zusammen mit dem Sultan unterrichtet und ausgebildet worden war. Mehr wusste sie nicht über Suleimans Vergangenheit. Er redete ja nicht darüber. Einmal hatte er eine Bemerkung gemacht: Die stärksten Männer sind diejenigen, die ihre Vergangenheit vor neugierigen Augen verbergen. Das mag ja sein, dachte sie jetzt. Aber es machte sie verrückt, so gut wie nichts über Suleiman zu wissen.

Sie trank einen Schluck von dem Kamillentee, der ihr gerade serviert worden war, und fragte: „Hast du vorhin nicht gesagt, du arbeitest nicht mehr für den Sultan?“

„Stimmt.“

„Und was tust du stattdessen? Hat dein neuer Boss nichts dagegen, dass du mal eben nach England fliegst, um eine Frau zu entführen?“

„Ich bin mein eigener Boss, Sara.“

„Aha. Hast du dich darauf spezialisiert, widerspenstige Bräute zu kidnappen?“

„Wir hatten uns doch darauf verständigt, zivilisiert miteinander umzugehen“, sagte er vorwurfsvoll.

„Okay, okay. Also, welchen Beruf übst du aus?“

Suleiman starrte auf seine Hände, um nicht wieder in Saras unwiderstehlichen veilchenblauen Augen zu versinken. „Mir gehört eine Ölraffinerie nebst einigen üppig sprudelnden Ölquellen.“

„Wirklich? Wie bist du denn dazu gekommen?“

Ihr verblüffter Blick amüsierte ihn. Sara, die als Prinzessin am Hof ihres Vaters aufgewachsen war und in London die Luxuswohnung ihrer Mutter geerbt hatte, hatte ein verzerrtes Weltbild. Okay, sie war bei Gabe Steel einer geregelten Arbeit nachgegangen, doch eigentlich hätte sie das nicht nötig gehabt.

„Ich habe an der Börse spekuliert.“

„Jetzt nimmst du mich auf den Arm, Suleiman. So einfach kann das ja wohl nicht sein. Viele Leute zocken an der Börse, aber ich habe noch nie gehört, dass jemand sich von dem Geld eine große Raffinerie kaufen konnte.“

Suleiman sah ihr in die Augen. „Zahlen haben mich schon als kleiner Junge fasziniert. Später habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, das Auf und Ab der Märkte zu beobachten und Entwicklungen vorauszusagen. Es war sozusagen ein sehr profitables Hobby. Im Laufe der Jahre habe ich es zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht und habe geschickt investiert. In Aktien, in Immobilien und so weiter.“

„Wo hast du Immobilien?“

„In Samahan und in der Karibik. Aber ich brauchte eine neue Herausforderung. Auf einem Flug nach San Francisco habe ich mich mit einem Geologen unterhalten, der meinte, es müsste Erdölvorkommen in meinem Heimatland geben. Auf die Idee war vorher noch niemand gekommen. Aber der Mann hatte recht. Jetzt sitze ich auf einer der größten Quellen im Nahen Osten. Ich habe einfach Glück gehabt.“

Sara hatte das Gefühl, als würde ihr ein wesentlicher Bestandteil dieser Erfolgsgeschichte vorenthalten. „Du hast also die ganze Zeit ein gut gefülltes Bankkonto gehabt und trotzdem für den Sultan gearbeitet?“, fragte sie verwundert.

„Wieso nicht? Mir gefällt das politische Parkett, und ich habe gern als Gesandter des Sultans gearbeitet.“

„Ich weiß.“ Nachdenklich musterte sie ihn. „Aber dann ist etwas passiert, das dich dazu bewogen hat, den Job an den Nagel zu hängen und dich selbstständig zu machen.“

„An dir ist ja eine Detektivin verlorengegangen“, bemerkte er trocken.

Ein Lächeln huschte über ihr schönes Gesicht. „Was ist passiert, Suleiman? Warum hast du dein Leben so drastisch verändert?“

„Ist es nicht ganz natürlich, dass man im Leben etwas erreichen will?“, konterte er ausweichend und trank einen Schluck Tee, um Zeit zu gewinnen.

Sara ließ nicht locker. „Was ist passiert, Suleiman?“

Sollte er es ihr wirklich erzählen? Würde sie ihn nicht für einen Schwächling halten? Oder würde sie endlich einsehen, dass sie ihre gegenseitige Anziehungskraft verdrängen mussten?

„Du bist passiert“, gestand er leise. „Du warst der Auslöser, Sara.“

„Ich?“

„Ja. Wieso erstaunt dich das? Du musst doch wissen, dass jede Handlung Konsequenzen hat. Denk doch mal nach. Als du dich mir damals an den Hals geworfen hast …“

„Es war doch nur ein Kuss“, stieß sie heiser hervor.

„Es war viel mehr, und das weißt du genauso gut wie ich, Sara. Oder willst du etwa behaupten, du hättest mich davon abgehalten, dich direkt im Schatten der Palastmauern zu nehmen?“

„Suleiman!“

„Willst du das wirklich behaupten?“ Insgeheim freute er sich, dass sie noch erröten konnte. Sie war also doch noch unschuldiger, als er gedacht hatte. Vielleicht war es tatsächlich hilfreich, sich mal die Frustration, die Verbitterung von der Seele zu reden. Dann könnten sie beide einen Strich unter das Intermezzo ziehen und ihrer Wege gehen.

„Nein“, sagte sie leise.

„Ich habe mich so geschämt, Sara. Nicht für den Kuss, aber für das, was ich noch von dir wollte. Und dafür, dass ich den Sultan hintergangen hatte. Sein loyalster Mitarbeiter hatte ihn betrogen. Ich konnte nicht mehr für ihn arbeiten.“

Fassungslos schaute sie ihn an. „Du hast deine Stellung als Gesandter wegen eines einzigen Kusses aufgegeben?“

Fast hätte er ihr auch noch erzählt, dass er es nicht ertragen könnte, sie in den Armen eines anderen Mannes zu wissen, noch dazu denen des Sultans. Es hätte ihm das Herz gebrochen, das mit anzusehen. Und dann die Vorstellung, ein anderer Mann verliere sich in ihrem wunderschönen Körper … Verzweifelt schloss Suleiman die Augen. Nein, das musste er für sich behalten, sonst würde die Versuchung nur noch größer werden.

„Ich hätte es nicht ertragen, weiter für den Sultan zu arbeiten und dir als seiner Ehefrau gegenübertreten zu müssen.“

„Das kann ich gut verstehen.“ Nachdenklich betrachtete sie den schwarzhaarigen Mann, der vor ihr saß. Endlich fügten die Puzzleteile sich zu einem Bild zusammen. Suleiman hatte sie begehrt. Wirklich und wahrhaftig. Und er tat es noch. Er versteckte seine wahren Gefühle unter einer abweisenden Maske.

Sie befeuchtete sich die trockenen Lippen und fing Suleimans verlangenden Blick auf. Erinnerte Suleiman sich gerade an den leidenschaftlichen Kuss, der sie zum Stöhnen gebracht hatte?

Sara hatte eine Idee. Gab es vielleicht einen Ausweg aus ihrem Dilemma, wenn sie sich Suleimans Begehren zunutze machte? Sie würde ihn verführen. Da weitermachen, wo sie vor Jahren aufgehört hatten. Wie sollte Suleiman sie dem Sultan präsentieren, nachdem er mit ihr geschlafen hatte? Das würde er nicht fertigbringen.

Sollte sie das wirklich tun? Würde es ihr gelingen, Suleiman zu verführen? Den einzigen Mann, den sie je begehrt hatte …

Sara stand auf. „Wo ist der Waschraum?“

„Dort hinten.“ Suleiman zeigte auf eine Tür.

Sara stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Reisetasche aus dem Gepäckfach zu holen. Suleiman wollte ihr helfen, doch sie schüttelte abwehrend den Kopf. Sie brauchte ihn nicht, auch wenn sie sich von ihm so angezogen fühlte. Sie brauchte überhaupt keinen Mann. In London hatte sie sich so frei und ungezwungen gefühlt. Sie wollte sich nicht binden. „Danke, ich schaffe das schon allein“, sagte sie und verschwand Richtung Waschraum.

Als sie kurz darauf zurückkehrte, trug sie das lange blonde Haar zu einem eleganten Knoten geschlungen, außerdem hatte sie die Kleider gewechselt und eine enge Leinenhose und eine langärmelige Seidenbluse angezogen. Diese Kleidung eignete sich besser für das Wüstenklima in Qurhah als Jeans und Pulli. Nervös setzte sie sich wieder hin und wagte nicht, Suleiman in die Augen zu sehen. Sonst könnte er vielleicht ahnen, was sie vorhatte.

„Was passiert nach der Landung?“, fragte sie schließlich. „Übergibst du mich einem bewaffneten Gardeoffizier? Werden mir Handschellen angelegt?“

„Wir landen auf einem Fliegerhorst. So entgehst du neugierigen Blicken auf dem internationalen Flughafen von Qurhah.“

„Du meinst, ich könnte die Chance zur Flucht nutzen?“

„Ich dachte, das hättest du dir inzwischen aus dem Kopf geschlagen. Übrigens können wir nicht mit dem Hubschrauber zur Sommerresidenz des Sultans fliegen, weil Wüstenstürme vorhergesagt wurden. Wir reisen auf traditionelle Art und Weise weiter.“

„Aber doch nicht etwa auf Kamelen?“, fragte Sara konsterniert.

„Doch.“ Suleiman lächelte amüsiert. „Die Nomaden ziehen noch immer mit Kamelkarawanen durch die Wüste. Angeblich die beste Fortbewegungsmöglichkeit.“

„Ich bin seit meiner Kindheit nicht mehr auf einem Kamel geritten.“ Sara lachte fröhlich. „Und wo Kamele sind, gibt es auch Pferde, oder?“

Wie gebannt ruhte Suleimans Blick auf Saras strahlendem Gesicht. „Ich hatte ganz vergessen, was für eine Pferdenärrin du bist.“

„Das glaube ich dir nicht. Du selbst hast mir doch das Reiten beigebracht.“

„Stimmt. Du warst eine Musterschülerin“, lobte er.

„Vielen Dank! Aber ich hatte ja auch einen fantastischen ­Lehrer.“

„Hattest du in England Gelegenheit zu reiten?“

„Leider nicht. Es hat mir richtig gefehlt.“

Ihr Schmollmund war bezaubernd. Deshalb konnte Suleiman auch nicht widerstehen, das viel zu intim werdende Gespräch fortzuführen. „Was hat dir denn besonders gefehlt?“

„Diese unglaubliche Freiheit, die ich beim Reiten empfinde.“

Suleiman bemerkte, dass plötzlich ein Schatten über ihr Gesicht huschte. Doch dann wurde ihre Miene umso entschlossener.

Irgendwas heckt sie aus, dachte er misstrauisch. Als sie wie geistesabwesend ihre Seidenbluse glattstrich, wurde er wütend. Das macht sie mit Absicht. Sie weiß ganz genau, dass es mich erregt. Er musste sich zusammenreißen. Die zukünftige Ehefrau des Sultans war absolut tabu für ihn!

„Wir landen gleich“, sagte er schließlich erleichtert, als der Jet in den Sinkflug ging.

Ihre Ankunft im Fliegerhorst wurde nicht weiter beachtet. Die Öffentlichkeit sollte erst kurz vor der Hochzeitsfeier informiert werden. Hingerissen beobachtete Suleiman, wie graziös Sara das Flugzeug über die Gangway verließ. Davor hatte sich bereits eine kleine Empfangsdelegation versammelt, der sie freundlich dankte. Schweren Herzens musste Suleiman sich eingestehen, dass sie eine gute Sultana werden würde.

Nach der Begrüßung blickte Sara um sich, als müsste sie sich erst wieder an die endlose, bezaubernde Wüstenlandschaft gewöhnen. Bewundernd betrachtete sie die Kamelherde, die am anderen Ende des Militärflugplatzes bereit stand. Offensichtlich gefällt ihr die Vorstellung, mit einer Karawane durch die Wüste zu ziehen, dachte Suleiman.

Eine Karawane konnte aus bis zu hundertfünfzig Kamelen bestehen. Doch da es hier mehr um einen symbolischen Wüstenritt ging, hatte man sich auf achtzehn Tiere beschränkt, die mit Zelten und Vorräten beladen waren. Männer zu Pferde bewachten die kleine Karawane. Allesamt ritten erlesene Achal-Tekkiner, deren Fell im Sonnenlicht metallisch glänzte.

„Ein fantastischer Anblick, oder?“, fragte Suleiman fasziniert.

„Eins der schönsten Bilder, die ich seit langer Zeit gesehen habe“, antwortete Sara ergriffen.

Er wandte sich ihr zu. In diesem Moment war ihm gleichgültig, ob er damit gegen das Protokoll verstieß. Ihm ging es darum, wiedergutzumachen, was er damals an jenem schicksalhaften Abend – von Lust überwältigt – getan hatte. Hoffentlich fand er die richtigen Worte. Hoffentlich konnte er verbergen, dass er noch immer hart wurde, sowie sie in seiner Nähe war.

„In dir brennt eine tiefe Leidenschaft für die Wüste, Sara. Das sieht man dir an. Wenn du dir die Schönheit dieser Landschaft wieder bewusst machst, wird es dir nicht mehr so schwerfallen, den Sultan zu heiraten.“

„Aber sie gehört ja nicht mir, sondern meinem Mann. Wie auch ich ihm gehören werde“, entgegnete sie aufgebracht. „Hier in Qurhah ist es Frauen per Gesetz verboten, etwas zu besitzen. Ich bin hier nur eine zu Tode gelangweilte Galionsfigur, in edle Roben gehüllt und gefangen. Außer bei offiziellen Anlässen darf ich nur mit meinem Ehemann und weiblichen Bediensteten kommunizieren. Ich frage mich, wie die Schwester des Sultans so ein Leben aushält.“

„Prinzessin ­­Leila geht ganz in ihrer Rolle auf“, behauptete ­Suleiman.

Störrisch presste Sara die Lippen zusammen. Sie hatte gehört, dass ­Leila beim berühmten Pferderennen von Qurhah ausgesprochen bedrückt gewirkt haben sollte.

„Wahrscheinlich muss ich hart darum kämpfen, reiten zu dürfen“, fuhr sie mürrisch fort. „Und wenn ich ausreiten will, müssen vorher alle Männer verschwunden sein, damit sie nur ja keinen Blick auf mich erhaschen können. Vermutlich zwingt man mich, im Damensattel zu reiten.“

„Du wirst dich bestimmt nicht langweilen“, versicherte ­Suleiman. „Vielleicht nutzt du deine gesellschaftliche Stellung, um Gutes zu tun. In Qurhah gibt es noch viel Raum für Verbesserungen.“

„Selbstverständlich werde ich mich für soziale Projekte einsetzen. Aber ist es nicht grausam, mich in eine Ehe ohne Liebe zu zwingen, nur weil mein Heimatland sich verschuldet hat?“

Diese Frage stürzte Suleiman in einen Gewissenskonflikt. Einerseits sah er sich gezwungen, seine Pflichten gegenüber dem Sultan zu erfüllen. Andererseits hätte er nichts lieber getan, als Sara vor ihrem Schicksal zu bewahren. Wie gern hätte er ihr versichert, sie bräuchte keinen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte. Und dann wollte er sie entkleiden und sie dort liebkosen, wo sie die größte Lust verspürte. Wenn sie soweit war, würde er sie nehmen, sie dabei spielerisch in die harten Brustwarzen beißen. Sie sollte ihm gehören, ihm ganz allein!

Verzweifelt schloss er die Augen, um die erregenden Gedanken zu verscheuchen. Sie waren vollkommen verrückt. Seine letzte Mission in den Diensten des Sultans bestand darin, Sara wohlbehalten bei ihm abzuliefern. Danach musste er sie vergessen.

„Du kannst deinem Schicksal nicht entgehen. Das musst du doch einsehen, Sara“, sagte er leise.

„Und wenn nicht?“

Fasziniert und entsetzt zugleich beobachtete er, wie sie mit der rosa Zungenspitze ihre sinnlichen Lippen befeuchtete. Muss sie es mir so schwermachen? dachte er verzweifelt.

Bittend sah sie ihn an. „Weißt du keinen Ausweg aus meinem Dilemma?“

Sekundenlang spielte er tatsächlich mit dem Gedanken, mit ihr auf und davon zu fliegen und den Rest seines Lebens mit ihr zu verbringen, sie zu beschützen, sie zu lieben. Kinder zu bekommen, denen sie das sichere Zuhause bieten würden, das ihnen selbst versagt geblieben war.

Doch dann schüttelte er bedauernd den Kopf. „Hör auf, dich selbst zu bemitleiden. Es gibt wirklich Schlimmeres, als die Frau eines reichen Sultans zu werden“, antwortete er dann kühl. „So, und nun setzen wir die Reise fort. Der Sultan wird sonst ungeduldig. Du nimmst das zweite Kamel.“

„Ich denke gar nicht daran.“

„Wie bitte?“

„Du hast genau gehört, was ich gesagt habe, Suleiman. Übrigens brauchst du mich gar nicht so böse anzusehen. Ich will eins dieser wunderschönen Pferde reiten.“

„Kommt nicht infrage!“

„Ich weigere mich, auf einem dieser Kamele zu schaukeln. Entweder bekomme ich ein Pferd, oder du kannst sehen, wie du mich zum Sultan schaffst.“ Herausfordernd funkelte sie ihn an. „Versuch, mich aufs Kamel zu setzen, und ich werde wie am Spieß schreien!“, fügte sie drohend hinzu. „Das sorgt bestimmt für Gesprächsstoff unter den anderen Reitern.“

Suleiman wusste, dass sie gewonnen hatte. Frustriert stieß er die Luft aus.

„Hast du vergessen, dass mich das Schaukeln auf dem Kamelrücken seekrank macht? Drei Tage auf einem Kamel durch die Wüste – das überlebe ich nicht“, erklärte Sara dramatisch. „Bitte, Suleiman. Ich habe mir den sanften Schimmel da vorn ausgeguckt.“

„Aber du hast seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen“, konterte Suleiman.

„Genau deshalb brauche ich jetzt das Training. Wenn ich nicht reiten darf, bleibe ich hier.“

Er konnte wohl kaum vor allen Leuten die zukünftige Sultana gegen ihren Willen auf einen Kamelrücken zwingen! Suleiman gab sich geschlagen. „Also gut, du rührst dich aber nicht von meiner Seite. Haben wir uns verstanden?“

„Perfekt!“

Insgeheim fragte sich Suleiman, ob der Sultan diesem widerspenstigen Frauenzimmer überhaupt gewachsen war. Dabei beschäftigte ihn im Augenblick ein viel dringlicheres Problem.

Wie sollte er selbst die nächsten Tage überstehen, ohne Saras verführerischen Reizen zu erliegen?

4. KAPITEL

Entspannt lehnte Sara sich in der kleinen Badewanne zurück und überließ sich ganz den geschickten Händen der ihr zugeteilten Bediensteten. So einen Luxus war sie gar nicht mehr gewohnt gewesen. Eigentlich hatte sie ihn auch nicht vermisst, aber nach einem Tagesritt durch die heiße Wüste tat es gut, sich mit kaltem Wasser waschen zu lassen.

Es hatte ihr viel Freude bereitet, wieder im Sattel zu sitzen, auch wenn die Anstrengung ungewohnt gewesen war. Nachdem Suleiman sich vergewissert hatte, dass Sara nichts von ihren Reitkünsten eingebüßt hatte, durfte sie sogar neben ihm galoppieren. Das war fantastisch gewesen.

Glücklich schloss sie die Augen. Das war der schönste Tag seit langer, langer Zeit gewesen. War das nicht völlig verrückt? Der herrliche Ritt an Suleimans Seite durch die Mekhatasinian Sands hatte sie vorübergehend vergessen lassen, was ihr in wenigen Tagen bevorstand. Übermütig hatte sie Suleiman zu einem Wettritt aufgefordert und durch eine List sogar gewonnen. Vergnügt lächelte sie vor sich hin. Sein zugleich frustrierter und bewundernder Blick war unbezahlbar gewesen.

Auch diese Freude würde ihr bald genommen werden. Unbarmherzig verrannen die Stunden, in denen sie noch ihre Freiheit genießen durfte. Bald musste sie endgültig Abschied nehmen von Suleiman. Eine unerträgliche Vorstellung. Er war doch der einzige Mann, für den sie je etwas empfunden hatte. All die Gefühle für ihn, die sie jahrelang unterdrückt hatte, brachen sich nun nachdrücklich Bahn. Okay, sie hatte vorgehabt, ihn zu benutzen, um dem drohenden Unglück doch noch zu entgehen, hatte aber nicht damit gerechnet, sich immer heftiger in diesen faszinierenden Mann zu verlieben, der im traditionellen Gewand und hoch zu Pferde einen atemberaubenden Anblick bot.

Immer wieder hatte sie ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit hingerissen angestarrt. Der fließende Stoff hatte sich wie eine zweite Haut um Suleimans Körper gelegt und brachte seine muskulösen Schenkel, die an die Pferdeflanken gepresst waren, besonders gut zur Geltung. Wie eine Fahne wehte die arabische Kopfbedeckung im warmen Wind. Suleimans markantes Profil faszinierte sie. Und seine sinnlichen Lippen …

Verträumt ließ Sara sich weiter mit einer Mischung aus Rosenwasser und Jasminblütenessenz waschen. Anschließend wurden ihre Ohrläppchen mit Sandelholzöl eingerieben, danach die Zehen, und in ihr Haar wurden aromatisierte Blütenblätter geflochten. All dies geschah aus einem einzigen Grund: Wenn sie dem Sultan in seiner Sommerresidenz präsentiert wurde, sollte Sara von Kopf bis Fuß einen unwiderstehlichen Duft verströmen.

Sara schauderte es bei der Vorstellung, in der Hochzeitsnacht von Murat entkleidet zu werden, bevor er sie nahm. Nein, sie konnte das nicht. Sie war dem nicht gewachsen. Es musste doch eine andere Lösung geben!

Auch der Sultan tat sich keinen Gefallen, wenn er eine Frau heiratete, die nichts für ihn empfand. Im tiefsten Innern spürte sie, dass es nur eine Möglichkeit gab, der Hochzeit mit dem Sultan zu entgehen: Sie musste Suleiman verführen.

Aber wie sollte sie das anstellen? Sie waren doch die ganze Zeit von Bediensteten umgeben, die im Schatten der Zelte auf Instruktionen warteten. Und den scharfsichtigen Leibwächtern, die angeblich eine Schlange auf hundert Meter Entfernung ausmachen konnten, entging auch nichts.

Es wurde bereits dunkel, als Sara das Badezelt verließ, um zum Abendessen zu gehen. Wie ein riesiger Ball ging die Sonne am Horizont unter. Sara fiel der Sommerurlaub auf Ibiza ein, den sie mit zwei befreundeten Kolleginnen verbracht hatte. Völlig unbeschwert hatten sie alle im Bikini im Wasser umhergetollt und die Freiheit genossen, die Sara sich immer erträumt hatte. Ob sie so etwas je wieder erleben würde?

Das Seidengewand flatterte in der leichten Brise. Die Silberglöckchen, die Sara um Hand- und Fußgelenke trug, klingelten leise. So wusste jeder, dass die Verlobte des Sultans sich näherte. Die weiblichen Bediensteten verneigten sich ehrerbietig, die Männer senkten den Blick.

Alle außer Suleiman.

Er hatte sich mit einem der Leibwächter unterhalten und sah auf, sowie er die Glöckchen hörte. Seine Miene war undurchdringlich, doch sein Körper verriet plötzliche Anspannung. Offensichtlich wappnet Suleiman sich für die nächste Begegnung mit mir, dachte Sara.

Die Leibwächter waren unauffällig in den Hintergrund gewichen, und die Anwesenheit der Dienerschaft machte sich nur noch durch ein gedämpftes Summen und Klappern im Hintergrund bemerkbar. Daher fühlte es sich für Sara an, als wären sie und Suleiman ganz allein unter dem dunklen Wüstenhimmel, an dem bald unzählige Sterne zu sehen sein würden.

Auch Suleiman hatte sich umgezogen. Das rote Seidengewand spiegelte die Farbe der untergegangenen Sonne wider. Sara wusste, dass in seinen Adern kein blaues Blut floss. Trotzdem strahlte ­Suleiman die Würde eines Königs aus.

Höflich verneigte er sich vor ihr. Doch nicht schnell genug, denn Sara war das begehrliche Aufleuchten in seinen dunklen Augen nicht entgangen.

„Heute Abend siehst du wirklich aus wie die Wüstenprinzessin, die du ja bist“, sagte er zur Begrüßung.

„Ist das etwa ein Kompliment?“

„Ja, das ist es, Sara.“ Er schien seine Worte bereits zu bedauern. „Du signalisierst – zumindest äußerlich – dass du dich mit deinem Schicksal abgefunden hast. Bist du hungrig?“

Sie nickte. Es duftete köstlich und sie freute sich auf ein Festmahl unterm Sternenhimmel. „Ich bin halb verhungert.“

Suleiman lachte. „Mit einer hungrigen Frau ist ja angeblich nicht zu spaßen“, witzelte er.

„Mit einer Frau, die ihren Hunger gestillt hat, aber auch nicht“, konterte sie.

„Ist das eine Drohung oder ein Versprechen?“

Sie hielt seinen Blick fest. „Was wäre dir denn lieber, Suleiman?“

Einen Moment lang schien er verunsichert – sehr zu Saras Freude. Es knisterte gewaltig zwischen ihnen. Neue Hoffnung keimte in ihr auf, dass sie die Mauern, die Suleiman um sich hochgezogen hatte, doch noch niederreißen konnte. Wenn nötig, mit bloßen Händen. Sie wollte ihn verführen, um frei zu sein. Aber auch, weil sie sich seit Jahren nach diesem Mann sehnte.

Mehr als Sex durfte es aber nicht sein, denn sie musste Suleiman ja wieder verlassen. Ein Happy End mit ihm konnte es leider nicht geben.

„Zeit fürs Abendessen“, sagte Suleiman und überging damit ihre Frage.

Schweigend machten sie sich auf den Weg zum Lagerfeuer. Suleiman verzog das Gesicht, als er bemerkte, dass nur für zwei Personen gedeckt war. Auf die Zweisamkeit mit Sara hätte er lieber verzichtet. Doch das Protokoll verlangte, dass er der Prinzessin beim Abendessen Gesellschaft leistete, während die Dienerschaft außer Sichtweite ihre Mahlzeit einnahm.

Sara hingegen genoss die romantische Umgebung. Im Hintergrund die Kamelherde, die ersten Sterne am Himmel, das knisternde Lagerfeuer und das würzige Aroma der Qurhah-Küche. Es duftete herrlich nach Zimt und Orangen.

Sara ließ sich auf den weichen Brokatkissen nieder, Suleiman nahm ihr gegenüber an dem niedrigen, mit brennenden Kerzen geschmückten Tisch Platz.

Romantik pur, dachte sie entzückt und ließ sich ein Glas Granat­apfelsaft servieren. Die Dienerin füllte den Eintopf auf zwei Silberteller und machte sich wieder unsichtbar.

Das Essen schmeckte köstlich. Trotzdem war Sara schon nach wenigen Bissen satt. Wenn Suleiman ihr so nah war, konnte sie sich nicht aufs Essen konzentrieren, zumal er sie immer wieder prüfend mit seinen klugen Augen anschaute. Ihr war bewusst, dass sie mit einem plumpen, direkten Annäherungsversuch nicht bei ihm landen konnte. Sie musste es ganz raffiniert anstellen, um Suleiman zu verführen, ohne dass er merkte, was sie vorhatte.

„Wir kennen uns schon seit vielen Jahren, Suleiman, aber eigentlich bist du für mich noch immer ein Buch mit sieben Siegeln“, bemerkte sie im Plauderton.

„Das ist auch gut so.“

Sara zog einen Schmollmund. „Ich weiß überhaupt nichts von deiner Vergangenheit.“

„Meine Vergangenheit spielt keine Rolle, Sara. Das habe ich dir schon unzählige Male gesagt.“

„Da bin ich anderer Meinung. Die Vergangenheit prägt uns, macht uns zu den Menschen, die wir heute sind. Wie hast du Murat kennengelernt? Wieso hält er so große Stücke auf dich? Schon als Kind wollte ich das wissen, aber du hast meine Fragen abgetan, weil ich angeblich zu jung war, deine Geschichte zu verstehen. Aber jetzt bin ich erwachsen.“ Erwartungsvoll schaute sie ihn an.

„Es ist unerheblich“, beharrte er.

„Wenn du meinst … Worüber möchtest du dich stattdessen unterhalten? Wenn ich die Frau des Sultans werde, …“ Sie verstummte, als er zusammenzuckte. „Suleiman, es ist doch wichtig für mich, etwas über den Mann zu wissen, der meinem zukünftigen Ehemann so lange treu gedient hat. Du musst zugeben, dass es ungewöhnlich für einen Sultan ist, sein Vertrauen einem Mann zu schenken, der nicht von Adel ist.“

„Du bist ja ein richtiger Snob, Sara“, spöttelte er.

„Ganz im Gegenteil. Ich bin lediglich an den Fakten interessiert. Das muss an meiner westlichen Schulbildung liegen. Mir wurde beigebracht, Dinge zu hinterfragen, statt sie als gegeben hinzunehmen. Ich habe gelernt, hartnäckig zu sein und mich nicht mit irgendwelchen Phrasen abfertigen zu lassen.“

„Ja, ja, die westlichen Werte … Bei mir beißt du auf Granit, Sara.“

„Bitte, Suleiman. Mach mir doch die Freude.“ Bittend schaute sie ihm in die dunklen Augen.

„Du kleiner Quälgeist.“ Zuneigung lag in seinem Blick. „Also gut.“ Suleiman gab sich geschlagen.

„Du weißt, dass ich in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen bin.“

„Ja, das ist mir zu Ohren gekommen. Aber dein Auftreten, deine Manieren deuten nicht darauf hin.“

„Ich verfüge über eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Nur wer sich anpasst, überlebt“, erklärte er trocken. „Das Leben der Reichen lässt sich leichter erlernen als das der Armen.“

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