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JULIA EXTRA BAND 384

MELANIE MILBURNE

Eine englische Rose für den Millionär?

Poppy denkt nicht daran, dem Millionär Raffaele Caffarelli ihr Cottage zu verkaufen. Und sie selbst ist auch nicht zu haben! Doch zu dem italienischen Verführer Nein zu sagen, wird immer schwieriger …

CAROL MARINELLI

Flitterwochen auf Spanisch

Was für ein Abend! Auf der High-Society-Party zieht die schöne Estelle unerwartet den Blick eines mächtigen Spaniers auf sich. Er macht ihr ein skandalöses, aber sehr verführerisches Angebot …

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Heiße Liebesnächte in New York

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Erst eine Nacht voller Leidenschaft und dann wieder nur Freunde? So hatte Lu sich das mit Will, dem sexy Profisportler, vorgestellt. Aber der Sommer am Meer folgt seinen eigenen Gesetzen …

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Eine englische Rose für den Millionär?

1. KAPITEL

„Was soll das heißen, sie verkauft nicht?“ Raffaele Caffarelli sah seine Londoner Sekretärin stirnrunzelnd an.

Margaret Irvine hob abwehrend die Hände. „Miss Silverton hat Ihr Angebot rundheraus abgelehnt.“

„Dann erhöhen Sie das Angebot!“

„Das habe ich schon. Sie hat es ebenfalls abgelehnt.“

Ungeduldig trommelte Rafe mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. Mit einer solchen Verzögerung hatte er nicht gerechnet, zumal bisher alles wie am Schnürchen gelaufen war. Er hatte den stattlichen Landsitz in Oxfordshire zu einem Schnäppchenpreis erworben. Nur das kleine dazugehörende Witwen-Cottage stand nicht auf der Besitzurkunde, was jedoch kein Problem darstellte – zumindest hatten sein Firmenmanager und sein Immobilienmakler ihm das versichert. Letzterer hatte es als Kinderspiel bezeichnet, das den Dalrymple-Landsitz komplettierende Cottage zu kaufen; Rafe müsse nur einen über dem üblichen Marktwert liegenden Kaufpreis bieten.

Also hatte Rafe der Eigentümerin ein äußerst großzügiges Angebot für das heruntergekommene Haus unterbreitet. Wie der Rest des Landsitzes benötigte auch das kleine Cottage dringend eine umfassende Renovierung, mit der Rafe natürlich so bald wie möglich beginnen wollte. Was bildete die Frau sich eigentlich ein? Wie konnte jemand, der auch nur halbwegs bei Verstand war, eine so gute Offerte ausschlagen?

Doch so schnell würde er die Flinte nicht ins Korn werfen. Das Wörtchen „scheitern“ kam in Raffaele Caffarellis Wortschatz nicht vor. Er würde sich durch kein noch so kleines Hindernis davon abhalten lassen, seinen Willen durchzusetzen.

„Glauben Sie, diese Silverton hat irgendwie herausgefunden, dass ich hinter dem Kauf von Dalrymple Manor stecke?“

„Wer weiß?“ Margaret zuckte die Achseln. „Aber eher unwahrscheinlich. Bisher hat die Presse noch keinen Wind davon bekommen. James hält sämtliche Unterlagen unter Verschluss, und die Offerte lief über den Makler, genau so, wie Sie es wollten. Sie kennen Miss Silverton nicht persönlich, oder?“

„Nein, aber ich kenne ihren Typ.“ Rafe lächelte zynisch. „Sobald sie erfährt, dass ein reicher Investor scharf auf ihr Haus ist, wird sie versuchen, jeden Penny herauszuquetschen.“ Er stieß einen saftigen Fluch aus. „Ich will diesen Landsitz. Und zwar vollständig!“

Margaret schob ihm einen Aktenordner über den Tisch. „Ich habe ein paar Artikel über Lord Dalrymple gefunden, dem das Herrenhaus gehörte. Anscheinend hatte der alte Herr eine Schwäche für Poppy Silverton und ihre Großmutter Beatrice. Die alte Dame war seine Haushälterin. So wie es aussieht, hat sie jahrelang für ihn gearbeitet und …“

„Aasgeier“, murmelte Rafe.

„Wer? Die Großmutter?“

Rafe strich sich das Haar aus dem Gesicht und stand auf. „Finden Sie alles über diese Polly heraus, was Sie in Erfahrung bringen können. Ich will …“

„Poppy. Sie heißt Poppy.“

Rafe verdrehte genervt die Augen. „Dann eben Poppy. Ich will alles über ihren Hintergrund und ihre Liebhaber wissen – sogar ihre BH-Größe, wenn es sein muss. Nutzen Sie sämtliche Quellen. Montagmorgen will ich alles auf dem Schreibtisch haben.“

Margaret hob die akkurat nachgemalten Augenbrauen, doch der Rest ihres Gesichts verharrte im Gehorsame-Sekretärin-Modus. „Ich mache mich gleich an die Arbeit.“

Rafe lief ungeduldig in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Vielleicht sollte er selbst mal ins Dorf fahren und sich dort ein bisschen umsehen? Er kannte den Landsitz bisher nur von den Fotos, die James ihm gemailt hatte. Es konnte nicht schaden, den Feind mal aus der Nähe zu betrachten.

Kurz entschlossen griff er nach seinen Autoschlüsseln. „Ich fahre übers Wochenende weg. In dringenden Notfällen können Sie mich telefonisch erreichen. Ansonsten sehen wir uns Montag.“

„Wer ist denn diesmal die Glückliche?“, fragte Margaret, den Ablagestapel an die Brust gepresst. „Immer noch das Bikini-Model aus Kalifornien, oder ist die schon Schnee von gestern?“

Rafe streifte sich sein Jackett über. „Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich habe die Absicht, das Wochenende allein zu verbringen.“ Als er ihren skeptischen Blick bemerkte, runzelte er irritiert die Stirn. „Warum sehen Sie mich so an?“

„Sie haben schon seit einer Ewigkeit kein Wochenende mehr allein verbracht.“

„Na und?“ Ungeduldig zog Rafe die Augenbrauen zusammen. „Es gibt für alles ein erstes Mal, nicht wahr?“

Als am Samstagnachmittag die Tür des Tearooms aufging, räumte Poppy gerade Tisch drei ab. Obwohl sie mit dem Rücken zur Tür stand, spürte sie sofort, dass der Besucher keiner ihrer Stammgäste war. Die Türglocke klang irgendwie anders als sonst. Ihr freundliches Lächeln erstarrte, als sie sich umdrehte – und plötzlich auf einen offen stehenden Hemdkragen und männliche gebräunte Haut starrte.

Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte in zwei braune Augen, die so dunkel waren, dass sie fast schwarz wirkten. Das schon fast beängstigend attraktive Gesicht mit den dunklen Bartstoppeln kam ihr vage bekannt vor. War dieser Typ vielleicht ein Filmstar? Irgendeine Berühmtheit? Im Geiste ging sie alle möglichen Namen durch, aber keiner passte. „Wie viele Personen?“

„Nur eine.“

Er will einen Tisch für eine Person? Poppy verdrehte im Geiste die Augen. Er sah nicht aus wie der Typ Mann, der sich allein an einen Tisch setzt. Eher wie einer, der daran gewöhnt ist, einen Harem williger Frauen im Schlepptau zu haben.

Vielleicht war er ja Model – eins von denen, die in Hochglanzmagazinen für Aftershave Werbung machten und allesamt unglaublich lässig, männlich und verwegen aussahen.

Als Poppy eine neue Idee kam, erstarrte sie vor Schreck. Ist er etwa ein Restaurant-Kritiker? Oh Gott! Würde sie demnächst in irgendeinem fiesen kleinen Blog verrissen werden? Seitdem dieses schicke neue Restaurant im Nachbardorf aufgemacht hatte – ihr wurde schon bei dem bloßen Gedanken daran schlecht –, konnte sie sich kaum noch über Wasser halten. Seit der Wirtschaftsflaute leisteten sich die Menschen einfach keinen High Tea mehr. Nein, sie sparten ihr Geld – und gingen dann ausgerechnet ins Restaurant ihres Exfreundes!

Poppy musterte den gut aussehenden Fremden verstohlen, als sie ihn zu Tisch vier brachte. „Wie wär’s mit diesem Platz?“ Sie schob ihm einen Stuhl hin und versuchte, seinen Akzent einzuordnen. Französisch? Italienisch? Oder vielleicht beides? „Von hier aus haben Sie einen wunderschönen Blick auf Dalrymple Manor und das Labyrinth.“

Der Fremde schenkte der Aussicht nur einen flüchtigen Blick, bevor er sich zu Poppy umdrehte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihm in die nachtschwarzen Augen sah. Und Himmel, was hatte er nur für sexy Lippen! So maskulin und doch so sinnlich. Aber warum setzte er sich nicht endlich? Sie würde noch Nackenstarre bekommen.

„Ist das Herrenhaus eine Art Touristenattraktion?“, fragte er. „Sieht aus wie aus einem Jane-Austen-Roman.“

Poppy lächelt schief. „Der Landsitz ist leider unsere einzige Touristenattraktion – nicht dass er öffentlich zugänglich wäre oder so.“

„Ganz schön feudal.“

„Er ist ein Traum.“ Poppy seufzte wehmütig. „Ich habe dort fast meine ganze Kindheit verbracht.“

Der Fremde hob eine dunkle Augenbraue. „Ach, wirklich?“

„Ja. Meine Großmutter war Lord Dalrymples Haushälterin. Sie ging schon mit fünfzehn bei ihm in Stellung und blieb bis zu ihrem Tod, ohne je auch nur darüber nachzudenken, einen anderen Job anzunehmen. Eine solche Loyalität ist heutzutage selten, nicht wahr?“

„Sie sagen es.“

„Sie starb ein halbes Jahr nach Lord Dalrymple.“ Poppy seufzte erneut. „Die Ärzte haben gesagt, es lag an einem Aneurysma, aber ich persönlich glaube, dass sie nach seinem Tod nichts mehr mit sich anzufangen wusste.“

„Und wer wohnt jetzt dort?“

„Zurzeit niemand. Das Haus steht schon seit über einem Jahr leer, weil der Nachlass erst geregelt werden musste. Inzwischen gibt es einen neuen Besitzer, aber niemand weiß, wer es ist oder was er mit dem Besitz vorhat. Wir hoffen alle sehr, dass das Haus nicht an irgendeinen geldgierigen Investor ohne Geschmack verkauft wurde. Sonst verschwindet nämlich schon wieder ein Teil Geschichte unter irgendeinem schrecklichen Neubau mit dem Attribut …“, Poppy malte Anführungszeichen in die Luft, „… moderne Architektur.“

„Gibt es nicht Gesetze, um so etwas zu verhindern?“

„Tja, manche Reiche glauben eben, sie stünden über dem Gesetz.“ Poppy verdrehte geringschätzig die Augen. „Je mehr Geld sie haben, desto skrupelloser und machtgieriger sind sie. Eine Riesensauerei ist das. Dalrymple Manor ist ideal für eine Familie, nicht für die wilden Partys irgendeines Playboys.“

„Scheint mir ein bisschen zu groß für die heutige Durchschnittsfamilie zu sein“, stellte Rafe fest. „Das Haus muss doch mindestens drei Stockwerke haben.“

„Vier“, antwortete Poppy. „Fünf, wenn Sie den Keller mitzählen. Trotzdem wartet das Haus geradezu auf eine Familie, und zwar schon seitdem Lord Dalrymples Frau vor langer Zeit im Kindbett starb.“

„Dann hat er also nie wieder geheiratet?“

„Clara war die Liebe seines Lebens, und nach ihrem Tod hat er keine andere Frau mehr angesehen. Eine solche Treue ist heutzutage selten, nicht wahr?“

„Sie sagen es.“

Poppy reichte dem Mann die Speisekarte, weil ihr nichts mehr einfiel, was sie hätte sagen können. Wie kam sie eigentlich dazu, mit einem total Fremden über Loyalität und Treue zu reden? Chloe, ihre Aushilfe, hatte recht. Poppy musste dringend öfter ausgehen, doch Olivers Betrug hatte sie schrecklich zynisch gemacht. Er hatte sie umworben und dann auf schlimmste Art hintergangen und ausgenutzt. Es war ihm nie um sie gegangen; er hatte nur ihr Wissen und ihre Erfahrungen gebraucht, um ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Wie leichtgläubig sie gewesen war! Es schauderte sie immer noch bei dem Gedanken, wie kurz davor sie gewesen war, mit ihm zu schlafen. „Also, unsere heutige Spezialität sind Ingwerbiskuits mit Himbeermarmelade und Sahne.“

Der dunkelhaarige Mann setzte sich, ignorierte die Speisekarte jedoch. „Ich nehme nur einen Kaffee.“

Poppy blinzelte. Sie hatte vierzig verschiedene Teesorten, und er wollte Kaffee? „Oh … klar. Welche Art Kaffee? Wir haben Cap­uccino, Latte …“

„Einen doppelten Espresso. Ohne Zucker.“

Konnte der Typ nicht wenigstens mal lächeln? Was war bloß mit manchen Menschen los? Und wer zum Teufel ging in einen Tearoom, um Kaffee zu trinken? Außerdem ging seine Art ihr auf die Nerven. Irgendwie hatte sie den Verdacht, dass er sich insgeheim über sie lustig machte. Lag es vielleicht an ihrem altmodischen Kleid und ihrer Rüschen-Schürze? Oder an dem Spitzenhäubchen auf ihren roten Locken?

Aber damit sorgte sie nur für ein authentisches edwardianisches Ambiente. Sie wollte ihren Gästen die Chance bieten, für eine oder zwei Stunden die Schnelllebigkeit der modernen Welt hinter sich zu lassen und eine gute altmodische Tasse Tee zu genießen – und Teegebäck, das genauso schmeckte wie bei Großmuttern.

„Ein Espresso. Kommt sofort.“ Poppy drehte sich um, nahm das Tablett von Tisch drei mit in die Küche und knallte es so heftig auf die Arbeitsplatte, dass das Geschirr klirrte.

Chloe blickte erstaunt von der Buttercremetorte hoch, die sie gerade machte. „Was ist los? Du siehst etwas erhitzt aus.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Sag nicht, dass dieser hinterhältige Oliver mit seiner nuttigen neuen Freundin gekommen ist, um Salz in deine Wunden zu streuen. Wenn ich daran denke, dass er all deine herrlichen Rezepte geklaut hat und sie jetzt als seine eigenen ausgibt, möchte ich ihm am liebsten seinen Du-weißt-schon-was abschneiden und in seinem dämlichen Restaurant als Vorspeise servieren!“

„Nein.“ Poppy räumte die schmutzigen Teller und Tassen in den Geschirrspüler. „Da ist nur so ein Typ gekommen, den ich schon mal irgendwo gesehen habe …“

Chloe legte ihr Messer hin und ging auf Zehenspitzen zur Schwingtür. „Oh mein Gott!“ Sie riss die Augen auf. „Das ist ja einer der drei Rs!“

Poppy verzog irritiert das Gesicht. „Einer der was?“

„Einer der Caffarelli-Brüder“, wisperte Chloe. „Es sind insgesamt drei – Raffaele, Raoul und Remy. Rafe ist der Älteste. Sie sind französisch-italienische Multimilliardäre. Du hast bestimmt schon von ihnen gehört – Privatjets, schnelle Autos und heiße Frauen.“

Kopfschüttelnd ging Poppy zur Kaffeemaschine. „Na, das Geld hat ihm jedenfalls keine Manieren eingebracht. Er sagt weder bitte noch danke.“ Wütend rüttelte sie am Griff der Maschine. „Er lächelt noch nicht mal.“

Chloe spähte wieder durch die Tür. „Vielleicht braucht man ja zu so gewöhnlichen Menschen wie uns nicht freundlich zu sein, wenn man stinkreich ist.“

„Meine Gran hat immer gesagt, der Charakter eines Menschen zeigt sich an der Art, wie er Menschen behandelt, die er nicht respektieren muss“, antwortete Poppy. „Lord Dalrymple war ein leuchtendes Vorbild. Er hat alle gleich behandelt, ganz egal, ob es sich um eine Putzfrau oder einen Firmenmogul handelte.“

Chloe ging wieder zu ihrer Torte. „Ich frage mich, was er in unserem verschlafenen kleinen Nest will? Seitdem die neue Autobahn gebaut wurde, kommen hier nicht mehr viele Touristen durch.“

Poppy erstarrte. „Ich weiß es.“

„Was weißt du?“

„Warum er hier ist. Er ist der neue Eigentümer von Dalrymple Manor.“ Poppy knirschte innerlich vor Wut mit den Zähnen, als sie sich zu ihrer Freundin umdrehte. „Er ist derjenige, der mich aus meinem eigenen Zuhause werfen will. Ich wusste sofort, dass irgendetwas an der Frau und dem aufdringlichen Immobilienmakler faul war, als die beiden vorgestern bei mir klingelten. Ich wette, er hat sie vorgeschickt, um seine schmutzige Arbeit zu erledigen.“

„Oha.“ Chloe verzog das Gesicht. „Das bedeutet nichts Gutes.“

Poppy straffte die Schultern und setzte ein künstliches Lächeln auf. „Du hast völlig recht.“ Sie nahm den dampfend heißen Espresso und ging zur Schwingtür. „Das heißt Krieg!“

Als Rafe sich in dem pittoresken Tearoom umsah, fühlte er sich in eine andere Zeit versetzt. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn ein Soldat in der Uniform des Ersten Weltkriegs mit einer elegant gekleideten Frau am Arm eingetreten wäre. Der köstliche Duft von Selbstgebackenem lag in der Luft, frische Cottage-Blumen standen auf zierlichen Tischen – Wicken, Vergissmeinnicht und Akelei –, und an sämtlichen Plätzen lagen handbesticke Leinenservietten. Die Teetassen und die Teller waren aus feinem altem Porzellan, hatten jedoch kein einheitliches Dekor. Offensichtlich war das Geschirr in verschiedenen Antiquitätenläden zusammengetragen worden.

Die Einrichtung sagte eine Menge über die Betreiberin aus. Rafe hatte sofort angenommen, dass es sich bei der rothaarigen Schönheit von eben um Poppy Silverton handelte. Sie war jedoch nicht ganz das, was er erwartet hätte. Er hatte sich eher eine ältere, sozusagen hartgesottenere Frau vorgestellt. Poppy Silverton hingegen, mit ihren rot-goldenen Locken, den toffeebraunen Augen und dem Rosenmund, sah aus, als sei sie direkt den Seiten eines Märchenbuches entstiegen. Ihre Haut war hell, faltenlos und auf dem Nasenrücken mit ein paar Sommersprossen gesprenkelt. Sie war wie eine Mischung aus Aschenputtel und Tinkerbell.

Niedlich – aber absolut nicht mein Typ.

Die Schwingtür zur Küche ging auf, und da kam sie auch schon, mit einer dampfenden Tasse in einer Hand. Ihr Lächeln war gekünstelt. „Ihr Espresso, Sir.“

Rafe stieg ein Hauch ihres blumigen Parfüms in die Nase, als sie ihm den Kaffee hinstellte. „Danke.“

Sie richtete sich wieder auf und fixierte ihn direkt. „Sind Sie sicher, dass Sie keinen Kuchen möchten? Wir haben auch anderes Gebäck oder Kekse, falls Sie kein Kuchenliebhaber sind.“

„Ich stehe nicht auf süße Sachen.“

Sie schürzte für einen Moment die vollen Lippen, als halte sie seinen Geschmack für einen persönlichen Charakterfehler. „Wir haben auch Sandwiches.“

„Mir reicht der Espresso.“ Rafe nahm seine Tasse und lächelte steif. „Danke.“

Als Poppy sich vorbeugte, um ein heruntergefallenes Akelei-Blütenblatt aufzupicken, stieg ihm wieder ihr verführerischer Duft in die Nase. Außerdem bekam er Einblick in ihren sehr hübschen Ausschnitt. Sie hatte eine zierliche Ballerina-Figur mit Rundungen an genau den richtigen Stellen und einer Taille, die er vermutlich mit beiden Händen umfassen konnte. Irgendwie hatte Rafe den Eindruck, dass sie nach einem Vorwand suchte, nicht in die Küche zurückzukehren. War sie inzwischen darauf gekommen, wer er war?

Poppy ging zu einem anderen Tisch und rückte eine der bereits perfekt arrangierten Servietten gerade. Rafe konnte den Blick nicht von ihr losreißen. Sie zog ihn an wie ein Magnet. Sie war auf eine so faszinierende Art nicht von dieser Welt, dass er völlig gebannt war.

Reiß dich zusammen, Mann! Du bist hier, um ein Haus zu kaufen, und nicht, um dich von einer Frau bezirzen zu lassen, die wahrscheinlich total abgebrüht und gerissen ist. Lass dich bloß nicht von ihren unschuldigen großen Bambi-Augen täuschen.

„Ist es hier eigentlich immer so voll?“, fragte er.

Poppy drehte sich um und musterte ihn gereizt. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie seinen trockenen Humor nicht besonders zu schätzen wusste. „Vormittags war hier der Bär los. Es ging zu wie im Irrenhaus. Ich musste sogar ein zweites Blech Scones backen.“

Rafe wusste, dass sie log. Dieses winzige Nest war so verschlafen, dass sogar die Kirchmäuse zusammengepackt und sich etwas Aufregenderes gesucht hatten. Genau deshalb war er ja so versessen auf den Landsitz. Die Lage war ideal für ein Luxushotel für Reiche und Berühmte, die Wert auf Privatsphäre legten.

Er trank einen Schluck von dem Espresso, der viel besser schmeckte als erwartet. „Wie lange bewirtschaften Sie diesen Tearoom eigentlich schon? Ich nehme doch an, Sie sind die Eigentümerin?“

„Seit zwei Jahren.“

„Und wo waren Sie vorher?“

Poppy fegte einen unsichtbaren Krümel vom Nachbartisch. „Ich war stellvertretende Küchenchefin in einem Restaurant in Soho. Danach beschloss ich, mehr Zeit mit meiner Gran zu verbringen.“

Rafe hatte den Eindruck, dass mehr hinter ihrem Berufswechsel steckte als das. Er war schon jetzt neugierig, was seine Sekretärin über sie herausfand.

„Was ist mit Ihren Eltern? Wohnen sie auch hier?“

Poppy presste die Lippen zusammen. „Ich habe keine Eltern. Seit meinem siebten Lebensjahr nicht mehr.“

„Tut mir leid, das zu hören.“ Rafe war ebenfalls elternlos aufgewachsen. Als er zehn gewesen war, waren sein Dad und seine Mom bei einem Bootsunfall an der französischen Riviera ums Leben gekommen. Er war bei seinem herrschsüchtigen Großvater Vittorio aufgewachsen. Poppy Silvertons Großmutter war vermutlich etwas anders gewesen.

„Sind Sie nur auf der Durchreise, oder bleiben Sie länger hier?“, fragte sie spitz.

Mit exakter Präzision stellte Rafe seine Tasse auf die Untertasse zurück. „Nur auf der Durchreise.“

„Und was bringt sie hierher?“

War es nur Einbildung, oder blitzten ihre karamellbraunen Augen kriegerisch auf? „Ich stelle ein paar Nachforschungen an.“

„Wofür?“

„Für ein Projekt, an dem ich arbeite.“

„Was für ein Projekt?“

Rafe griff wieder nach seiner Tasse und musterte Poppy träge. „Quetschen Sie eigentlich alle Gäste so aus?“

Sie presste die Lippen zusammen. „Ich weiß, warum Sie hier sind.“

Er schenkte ihr sein entwaffnendstes Lächeln – dasjenige, das ihm mehr Geschäftsabschlüsse und mehr offene Schlafzimmertüren eingebracht hatte, als er zählen konnte. „Ich bin hierhergekommen, um Ihnen ein Angebot zu machen, das Sie nicht ablehnen können.“ Voller Zuversicht lehnte er sich zurück. „Wie viel wollen Sie für das Cottage?“

Aufgebracht funkelte sie ihn an. „Es steht nicht zum Verkauf.“

Rafe spürte etwas Primitives und Urwüchsiges in sich erwachen – eine Art Jagdinstinkt. Sie wollte also die Spröde spielen. Kein Problem, er liebte Herausforderungen, je größer, desto besser – und desto befriedigender.

Er musterte sie eingehend. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen blitzten. Er wusste genau, was sie vorhatte – den Preis in die Höhe zu treiben, bis sie ihn bis auf den letzten Penny ausgequetscht hatte.

Wie vorhersehbar.

„Ab welchem Betrag ändern Sie Ihre Meinung?“

Poppy verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und stützte sich so heftig vor ihm auf den Tisch, dass seine Tasse klirrte. „Lassen Sie uns mal eins klarstellen, Mr Caffarelli! Sie können mich nicht kaufen.“

Lässig ließ er den Blick über ihren Ausschnitt gleiten, bevor er ihr wieder in die Augen sah. „Sie missverstehen mich, Miss Silverton. Ich will nicht Sie, sondern Ihr Haus.“

Errötend erwiderte sie seinen Blick. „Das kriegen Sie aber nicht“, sagte sie trotzig.

Rafe lief ein Schauer der Erregung über den Rücken, und eine urtümliche Lust schoss ihm direkt in die Lenden. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann eine Frau das letzte Mal Nein zu ihm gesagt hatte. Poppy Silvertons Abwehr weckte das Alphatier in ihm. Das hier machte ja viel mehr Spaß als gedacht. Er würde nicht eher lockerlassen, als bis er das Haus bekam – und Poppy Silverton gleich dazu.

Als er sich erhob, wich sie zurück, als würde er sie gleich mit giftigem Drachenatem versengen. „Und ob ich es kriege!“ Durchbohrend sah er sie an und legte eine Fünfzigpfundnote auf den Tisch. „Das ist für den Espresso. Behalten Sie den Rest.“

2. KAPITEL

„Grrr!“ Poppy stieß die Schwingtür zur Küche so heftig auf, dass sie gegen die Wand knallte. „Unfassbar, dieser Kerl! Glaubt, er kann einfach hier reinmarschieren, mit einem Bündel Geldscheinen wedeln, und schon verkaufe ich ihm mein Haus. Wie … wie arrogant ist das denn?“

Chloe, die gerade ein paar Teller in den Schrank stellen wollte, riss die Augen auf. „Was zum Teufel ist passiert? Ich dachte schon, du würdest ihm den Kopf abreißen.“

Poppys Augen funkelten vor Wut. „Er ist der ekelhafteste Mann, der mir je begegnet ist! Ich werde ihm mein Haus nie verkaufen, hörst du? Nie!

„Wie viel hat er dir denn geboten?“

Poppy starrte Chloe trotzig an. „Was hat das denn damit zu tun? Ich würde sein Geld nie annehmen, auch nicht, wenn er mir Milliarden bieten würde!“

„Bist du sicher, dass du die richtige Entscheidung triffst?“, gab Chloe zu bedenken. „Ich weiß ja, dass dein Cottage wegen deiner Gran einen großen sentimentalen Wert für dich hat, aber die Umstände haben sich geändert. Deine Gran würde nie von dir verlangen, ein Vermögen abzulehnen, nur weil du an ein paar alten Erinnerungen festhalten willst.“

„Es geht mir ja nicht nur um die Erinnerungen“, entgegnete Poppy. „Das Cottage ist das einzige Zuhause, das ich je hatte. Lord Dalrymple hat es Gran und mir vererbt. Ich kann es doch nicht einfach verkaufen wie ein Möbelstück, das ich nicht mehr haben will.“

„Und was ist mit den Rechnungen?“, wandte Chloe ein.

Poppy verdrängte die Existenzangst, die sie schon seit einer Weile quälte. In den letzten drei Nächten hatte sie vor lauter Sorgen, wie sie die nächste Monatsmiete für den Tearoom bezahlen sollte, nicht schlafen können. Die Beerdigung ihrer Gran hatte einen Großteil ihrer Ersparnisse aufgezehrt, und in ihrer Post landete eine Rechnung nach der anderen. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass es so teuer war, ein eigenes Haus zu besitzen.

„Ich würde mir diese Option offenhalten“, fuhr Chloe fort. „Für diese Jahreszeit ist hier viel zu wenig los. Wir haben heute Vormittag erst einen Devonshire Tea verkauft, und die Scones werde ich einfrieren müssen.“

„Nein, lass nur. Ich bringe sie zu Connie Burton. Ihre drei Jungs werden sich darüber freuen.“

„Das ist noch so ein Problem“, sagte Chloe. „Du betreibst diesen Tearoom wie ein Wohltätigkeitsprojekt und nicht wie ein Geschäft. Du bist einfach zu gutmütig.“

Gereizt durchwühlte Poppy die Schublade mit dem Briefpapier. „Seine Wohltätigkeit werde ich jedenfalls nicht akzeptieren.“ Sie fand einen Umschlag und steckte das Wechselgeld von Raffaeles Espresso hinein. „Ich werde ihm sein Trinkgeld zurückgeben, sobald ich hier fertig bin.“

„Er hat dir Trinkgeld gegeben?“

„Er hat mich beleidigt.“

Chloe starrte Poppy fassungslos an. „Indem er dir eine Fünfzigpfundnote für einen Espresso gegeben hat? Ich würde sagen, wir könnten ein paar mehr Gäste von seiner Sorte gebrauchen.“

Poppy klebte den Umschlag so angewidert zu, als ob er etwas tödlich Giftiges enthielte. „Weißt du, was? Ich werde nicht warten, um ihm das hier zu geben. Ich gehe direkt zu ihm. Bist du so lieb und schließt für mich ab?“

„Wohnt er denn im Herrenhaus?“

„Ich nehme es an. Wo sollte er sonst übernachten? Hier wimmelt es nicht gerade von Fünfsternehotels.“

Chloe sah Poppy vielsagend an. „Noch nicht.“

Poppy presste die Lippen zusammen und nahm ihre Schlüssel. „Nie im Leben baut Mr Caffarelli hier eine seiner Playboy-Herbergen! Nur über meine Leiche!“

Rafe war gerade im Salon und inspizierte einen Wasserschaden in der Nähe eines der Fenster, als er sah, wie Poppy Silverton die lange Kiesauffahrt hochstapfte. Ihre vom Spitzenhäubchen befreiten Locken hüpften auf und ab, und ihre Arme bewegten sich mit der Präzision von Metronom-Zeigern an ihren Seiten. In einer Hand hielt sie einen weißen Umschlag.

Er lächelte.

Wie vorhersehbar.

Er wartete, bis sie ein paarmal an die Tür geklopft hatte, bevor er ihr öffnete. „Wie reizend“, sagte er gedehnt, während er ihr erhitztes herzförmiges Gesicht und ihre blitzenden braunen Augen musterte. „Meine allererste Besucherin. Muss ich Sie jetzt nicht über die Türschwelle tragen oder so?“

Ihr Blick war vernichtend. „Hier, Ihr Wechselgeld.“ Sie schob ihm den Umschlag gegen die Brust.

Rafe ignorierte ihre Geste. „Ihr Briten habt anscheinend ein Problem mit Trinkgeld, oder?“

Poppy presste die hübschen Lippen zusammen. „Ich will nichts von Ihnen annehmen.“ Sie hielt ihm wieder den Umschlag hin. „Hier. Nehmen Sie!“

Provokant lächelnd verschränkte er die Arme vor der Brust. „Nein.“

Abscheu blitzte in ihren Augen auf. Für einen Moment dachte Rafe schon, sie würde ihn ohrfeigen. Irgendwie hoffte er sogar, dass sie die Hand gegen ihn erheben würde, denn das würde bedeuten, dass er sie davon abhalten musste. Die Vorstellung, die Arme um ihren festen kleinen Körper zu schlingen, um sie zu bändigen, war erstaunlich verlockend.

Schnaubend stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schob ihm den Umschlag in die Brusttasche seines Hemds. Ihre Berührung durch den Baumwollstoff hindurch fühlte sich an wie ein Stromschlag. Sie musste das ähnlich empfunden haben, denn sie zog die Hand so hastig zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Allerdings nicht schnell genug.

Rafe packte sie am Handgelenk und spürte sogleich ihren beschleunigten Puls. Ihr schmaler und doch so weiblicher Körper befand sich so dicht vor ihm, dass er einen ihrer Hüftknochen an einem Oberschenkel spüren konnte. Begierde flammte in ihm auf. Binnen Sekunden bekam er eine so schmerzhaft pochende Erektion, dass er seine ganze Willenskraft aufbieten musste, um Poppy nicht gegen die nächste Wand zu pressen und auszuprobieren, wie weit er gehen konnte.

Wütend versuchte sie, sich von ihm loszumachen. „Nehmen Sie die Finger weg!“, fauchte sie wie eine in die Enge getriebene Katze.

Rafe strich ihr mit dem Daumen über das Handgelenk. „Sie haben mich zuerst berührt.“

Ihre zu Schlitzen verengten Augen wurden noch schmaler, als sie erneut versuchte, ihre Hand freizubekommen. „Nur weil Sie Ihr dämliches Geld nicht nehmen wollten!“

Rafe ließ Poppys Hand los. Sie rieb sie so wütend, als wolle sie jede Erinnerung an seine Berührung auslöschen. „Das war Ihr Trinkgeld. Eine Geste der Anerkennung für besonders guten Service.“

„Sie machen sich wohl über mich lustig!“

„Warum sollte ich?“ Rafe lächelte mit gespielter Unschuld. „Ihr Espresso war hervorragend.“

„An mir werden Sie sich die Zähne ausbeißen! Ich weiß, dass sie mich vermutlich für irgendein weltfremdes, unkultiviertes Mädchen vom Land halten, aber Sie haben keine Ahnung, wie stur ich sein kann.“

Rafe lief ein Schauer der Erregung über den Rücken – ein Gefühl, das so elektrisierend war wie eine machtvolle Droge. Er liebte Herausforderungen. Und was unkultiviert und weltfremd anging … nun, die weltgewandten Frauen, mit denen er ausging, langweilten ihn inzwischen ein bisschen, auch wenn er das gegenüber seinen beiden jüngeren Brüdern natürlich nie zugeben würde. In letzter Zeit wurde er zunehmend unruhig. Seine flüchtigen Affären waren zwar körperlich befriedigend, hinterließen aber immer öfter ein Gefühl der Leere. Und warfen die beunruhigende Frage in ihm auf, ob das schon alles gewesen war.

Vielleicht wurde es allmählich Zeit, seinen Horizont zu erweitern. Es konnte ganz unterhaltsam werden, sich Miss Poppy Silverton gefügig zu machen. Sie war wie ein wildes Füllen, das noch nicht den richtigen Trainer gefunden hatte. Mal sehen, wie er sie dazu bringen würde, ihm aus der Hand zu fressen. Eine erregende Vorstellung.

Ich kann es kaum erwarten.

„Ich glaube, ich muss Sie warnen, Miss Silverton. Ich bin kein leichter Gegner. Ich spiele grundsätzlich nur nach meinen Regeln.“

Trotzig hob sie das Kinn. „Ich verabscheue Männer wie Sie! Sie glauben, mit Ihren schicken Autos, Luxusvillen und oberflächlichen Models am Arm, die bei jedem Wort, das aus Ihrem mit Silberlöffeln gefüttertem Mund kommt, albern lächeln, stehen Sie über allem und jedem. Aber ich wette, Sie liegen manchmal nachts wach und fragen sich, ob Sie eigentlich auch um Ihrer selbst willen geliebt werden oder nur wegen Ihres Geldes!“

Er lächelte herablassend. „Sie haben anscheinend ein Problem mit gut betuchten Männern, oder? Was haben Sie gegen Erfolg?“

Sie schnaubte verächtlich. „Erfolg? Dass ich nicht lache! Sie haben Ihren ganzen Reichtum doch nur geerbt. Sie sind doch nichts weiter als ein Parasit, genauso wie Ihre nichtsnutzigen Party-Brüder.“

Rafe musste daran denken, wie hart er und seine Brüder für den Erhalt des Familienvermögens gearbeitet hatten. Ein paar unkluge Geschäftsentscheidungen seines Großvaters vor ein paar Jahren hatten sie fast in den Ruin getrieben. Rafe hatte seine Brüder geholt, und als Team hatten sie das Imperium ihres toten Vaters wiederaufgebaut. Fast zweieinhalb Jahre lang hatten sie jeden Tag achtzehn Stunden gearbeitet, um die Katastrophe abzuwenden. Aber sie hatten es geschafft.

„Sie bilden sich ja schnell eine Meinung über Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben“, gab er zurück. „Haben Sie meine Brüder je persönlich kennengelernt?“

„Nein, und ich lege auch keinen Wert drauf. Die beiden sind bestimmt genauso abstoßend wie Sie.“

„Eigentlich sind sie viel netter als ich.“

„Ach, wirklich?“ Ironisch hob sie die Augenbrauen.

Rafe lehnte sich lässig gegen eine der Säulen des Portals, verschränkte die Arme vor der Brust und kreuzte die Knöchel. „Sie würden eine junge Dame zum Beispiel nie hier draußen stehen lassen, ohne ihr einen Drink anzubieten.“

Sie sah ihn aus schmalen Augen an. „Also, sollten Sie mit dem Gedanken spielen, mich hineinzubitten, können Sie sich die Mühe sparen.“

„Keine Sorge.“

Für den Bruchteil einer Sekunde entglitten ihr die Gesichtszüge, doch sie fasste sich schnell wieder. „Ich wette, ich wäre mal eine Abwechslung zu den Frauen, die Sie normalerweise zu einem Drink einladen.“

Er musterte sie von Kopf bis Fuß. „Das wären Sie allerdings. Ich hatte noch nie einen Rotschopf.“

Sie errötete vor Wut. „Meine Haare sind nicht rot, sondern kastanienbraun!“

„So oder so, Ihr Haar ist sehr schön.“

Hasserfüllt starrte sie ihn an. „Wenn Sie glauben, mich mit Schmeicheleien rumzukriegen, sind Sie auf dem Holzweg! Ich werde Ihnen mein Haus nicht verkaufen, ganz egal, wie viele unaufrichtige Komplimente Sie mir machen.“

„Warum hängen Sie eigentlich so an dem Haus?“, fragte Rafe. „Mit dem Geld, das ich Ihnen biete, könnten Sie sich ein viel Größeres in einer besseren Gegend leisten.“

„Ich erwarte von Ihnen nicht, das zu verstehen. Das Cottage war das erste Zuhause, das ich je hatte. Ich weiß, dass es nicht besonders viel hermacht und man eine Menge reinstecken muss, aber es zu verkaufen wäre, als würde ich einen Teil von mir verkaufen.“

„Niemand verlangt von Ihnen, sich selbst zu verkaufen.“

Sie hob wieder die Augenbrauen. „Nein?“

Rafe hielt ihrem Blick stand. „Meine Pläne für das Herrenhaus werde ich mit oder ohne Ihre Kooperation verwirklichen. Ich kann Ihre Gefühle verstehen, aber bei Geschäftsentscheidungen haben Gefühle keinen Platz. Es wäre glatter finanzieller Selbstmord, mein Angebot auszuschlagen.“

Ihre Augen blitzten vor Zorn. „Sie haben absolut keine Ahnung von meiner finanziellen Situation. Oder von mir.“

„Mag sein, aber ich kann es kaum erwarten, Sie kennenzulernen.“ Sein Blick glühte. „In jeder Hinsicht“, fügte er zweideutig hinzu.

Wutschnaubend wirbelte Poppy herum und stapfte die Stufen hinunter und die Auffahrt zurück.

Grinsend sah Rafe ihr hinterher. Er würde schon noch zum Ziel kommen. So oder so.

Kochend vor Wut stürmte Poppy durch ihr Gartentor. Ihre drei kleinen Hunde Chutney, Pickles und Relish sahen sie besorgt an. „Sorry, Jungs“, sagte sie und bückte sich, um sie hinter den Ohren zu kraulen. „Ich bin so wütend, dass ich platzen könnte! Was für ein arroganter Idiot! Für wen hält er sich eigentlich? Als ob ich auf so jemanden wie ihn stehen würde. Als ob ich auch nur daran denken würde, mit ihm zu schlafen.“

Okay, ein bisschen dachte sie vielleicht schon darüber nach. Aber das war ja schließlich kein Verbrechen, oder? Sie würde es schließlich niemals tun. So etwas war einfach nicht ihre Art. Was auch erklärte, warum ihr Exfreund inzwischen eine andere hatte.

Poppy wusste, dass es lächerlich altmodisch von ihr gewesen war, erst eine Weile warten zu wollen, bevor sie mit Oliver schlief. Dabei war es durchaus nicht so, dass sie prüde war … Okay, vielleicht ein bisschen, wenn man bedachte, dass sie von ihrer Großmutter aufgezogen worden war, die jahrzehntelang keinen Sex gehabt hatte.

Nein, das eigentliche Problem war, dass sie tief im Innern eine unverbesserliche Romantikerin war. Ihr erstes Mal sollte etwas ganz Besonderes sein, auch für den Mann. Sie hatte geglaubt, dass Oliver Kentridge dieser spezielle Mann sein würde, der sie in die Welt der Sinnlichkeit einführte, doch er hatte sie schon nach weniger als zwei Monaten hintergangen.

Poppy konnte zwar nicht gerade behaupten, dass er ihr das Herz gebrochen hatte, aber es war eindeutig schwer verwundet. Männer waren so unglaublich selbstsüchtig, oder zumindest sah es bisher ganz danach aus. Poppys reicher Playboy-Vater hatte ihre Mutter verlassen, kaum dass er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Und dann, um mehr Salz in die Wunde zu streuen, hatte er nur wenige Wochen nach Poppys Geburt ein reiches Mädchen aus höheren Kreisen geheiratet.

Poppys Mutter war so unglücklich darüber gewesen, so eiskalt abserviert worden zu sein, dass sie aus einem Impuls heraus mit ihrem später von der Presse als ‚Skandalkind‘ bezeichneten Kind auf der High-Society-Hochzeit erschien. Doch die Aufmerksamkeit der Medien zerrte ihr Leid nur auf peinvolle Art in die Öffentlichkeit und verschlimmerte es sogar noch. Poppy hatte noch beängstigend deutliche Erinnerungen daran, wie sie an der Hand ihrer Mutter auf der Flucht vor Paparazzi durch dunkle Gassen lief.

Ihre Mutter war zu stolz, um ihre eigene Mutter um Hilfe zu bitten, die sie von Anfang an vor Poppys Vater gewarnt hatte. Poppy erinnerte sich noch an den schrecklichen Tag, an dem ihre ihr bisher unbekannte Großmutter sie aus dem Krankenhaus abholte, in dem ihre Mutter nach einer Überdosis Schlaftabletten gestorben war.

Gran hatte ihr Bestes getan, um ihrer Enkelin eine glückliche Kindheit zu schenken. Auf dem Dalrymple-Landsitz aufzuwachsen, war schön, aber auch ziemlich einsam. Lord Dalrymple empfing nur selten Besuch, und es wohnten keine Kinder in der Nähe. Nach und nach wurde es jedoch zu Poppys Zuhause, vor allem die Küche des Herrenhauses, in der sie viel Zeit mit ihrer Großmutter verbrachte.

Als Poppy älter wurde, träumte sie davon, eines Tages einen eigenen Tearoom im Dorf zu eröffnen, um in der Nähe ihrer Gran und ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu können. Sie ging nach London, um eine Ausbildung im Gastgewerbe zu machen, kam sich in der Großstadt jedoch wie eine Außenseiterin vor. Sie mochte keinen Alkohol und hatte kein Interesse an Affären oder Partys. Durch harte Arbeit gelang es ihr schließlich, einen Job in einem hippen neuen Restaurant in Soho zu ergattern, doch dann ließ ihr Chef durchblicken, dass er sie nicht nur in der Küche, sondern auch in seinem Bett wollte.

Die plötzliche Lungenentzündung ihrer Gran gab Poppy den idealen Vorwand, nach Hause zurückzukehren und ihren Traum zu verwirklichen. Der Tearoom hatte ihr ein bescheidenes Einkommen ermöglicht und ihr gleichzeitig erlaubt, sich um ihre Gran zu kümmern. Bisher hatte sie ihre Entscheidung keinen Tag bereut.

Seufzend betrat Poppy ihr Cottage. Vielleicht hatte sie ja wirklich Vorurteile gegen erfolgreiche Männer, genau so, wie Raffaele Caffarelli gesagt hatte. Trotzdem war sein Verhalten einfach unglaublich. Was bildete er sich eigentlich ein? Wie kam er auf die Idee, dass ihm alles zustand, was er sich in den Kopf setzte? Er mochte so gut aussehen und so viel Charme haben, wie er wollte – sie hatte nicht die Absicht, seine nächste Eroberung zu werden!

Als Rafe am Montagmorgen sein Londoner Büro betrat, ging er direkt zu Margaret. „Haben Sie die Informationen für mich?“

Seine Sekretärin reichte ihm eine Mappe. „Es gibt nicht viel, aber was ich gefunden habe, ist da drin. Und? Wie war Ihr Wochenende?“

„Mittelmäßig.“ Rafe blätterte die Unterlagen durch und ging in sein Büro. „Ich möchte im Augenblick nicht gestört werden.“

„Und falls Miss Silverton anruft?“

Rafe dachte einen Moment nach. „Dann lassen Sie sie warten.“

Margaret hob die Augenbrauen. „Wird erledigt.“

Rafe schloss seine Bürotür und setzte sich mit dem Ordner an den Schreibtisch. Es gab nicht viel Neues über Poppy Silverton. Sie war mit ihrer Großmutter im Cottage auf dem Dalrymple-Landsitz aufgewachsen und war im Dorf zur Schule gegangen, bevor sie mit knapp zwanzig nach London gezogen war, um sich zur Köchin ausbilden zu lassen. Danach hatte sie in einem Restaurant in Soho gearbeitet, das er von ein paar Besuchen kannte. Seit zwei Jahren betrieb sie den Tearoom. Ihre Großmutter Beatrice war vor ein paar Monaten gestorben, exakt ein halbes Jahr nach Lord Dalrymples Tod, und seitdem gehörte das Cottage ihr.

Rafe lehnte sich nachdenklich in seinem Stuhl zurück. Keinerlei Informationen über ihr Privatleben oder irgendwelche Männergeschichten. Er grinste schief. Würde man über ihn oder seine Brüder ähnliche Nachforschungen anstellen, könnte man ganze Aktenordner mit den Ergebnissen füllen.

Seitdem er das Herrenhaus am Samstagabend verlassen hatte, war Poppy ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er hatte noch nie eine so faszinierende Frau getroffen. Sie war so temperamentvoll und widerborstig. Sie wusste genau, dass sie gegen ihn keine Chance hatte, und trotzdem setzte sie sich mit aller Macht gegen ihn zur Wehr. Rafe fand das unglaublich anziehend. Die meisten Frauen, die er kannte, überschlugen sich förmlich, um ihm zu gefallen.

Was hatte Poppy noch gesagt? Dass er bei seinem Reichtum nie wissen konnte, ob er jemandem etwas bedeutete? Außer seinen Brüdern fiel ihm tatsächlich niemand ein, noch nicht mal sein Großvater. Rafes Angestellte waren ihm gegenüber zwar loyal, aber schließlich bezahlte er sie auch dafür.

Er runzelte die Stirn, als ihm bewusst wurde, in welche Richtung seine Gedanken gingen. Egal, Liebe und feste Bindungen interessierten ihn sowieso nicht. Seit dem Tod seiner Eltern wusste er, dass es das Beste war, gar nicht erst Emotionen für jemanden zu entwickeln. Liebe tat einfach zu weh, wenn man die Menschen verlor, die man liebte. So wie er jetzt lebte, verlor er nichts und niemanden, weil er immer selbst bestimmte, wie lange seine Beziehungen dauerten. Und zwar immer nur so lange, wie es ihm in den Kram passte, keine Sekunde länger.

Rafe beugte sich vor und drückte auf die Taste der Gegensprechanlage. „Margaret? Finden Sie heraus, wem das Gebäude gehört, in dem Miss Silverton ihren Tearoom gemietet hat. Machen Sie dem Besitzer ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Und sorgen Sie dafür, dass er eine Vertraulichkeitsklausel unterschreibt.“

„Wird erledigt.“

„Ach, und noch etwas … Sagen Sie für die nächsten beiden Wochen alle meine Termine ab. Ich verlasse die Stadt.“

„Machen Sie Urlaub?“

Rafe lächelte. „So könnte man es nennen.“

Poppy bediente gerade einen ihrer Stammgäste, als Raffaele Caffarelli am Montag den Tearoom betrat. Sie versuchte zu ignorieren, dass ihr Herz bei seinem Anblick einen Satz machte, und richtete die Aufmerksamkeit auf Mr Compton, der jeden Tag zur gleichen Zeit kam, seitdem seine Frau gestorben war. „Hier, bitte, Mr Compton“, sagte sie und gab dem alten Herrn ein großzügiges Stück seines Lieblingskuchens.

„Danke. Wo steckt denn Ihre Kollegin heute?“

„Ihre Mutter ist krank. Sie ist bei ihr geblieben.“ Poppy war sich Raffaeles Blicks nur allzu deutlich bewusst. „Kann ich Ihnen eine frische Kanne Tee bringen? Oder mehr Sahne?“

„Nein, Sie sollten lieber Ihren anderen Gast bedienen.“ Mr Compton zwinkerte ihr zu. „Das Geschäft läuft endlich wieder besser, hm?“

Poppy lächelte gezwungen, verdrehte innerlich jedoch die Augen. „Schön wär’s.“ Sie ging zu Raffaele. „Ein Tisch für eine Person?“

Seine dunklen Augen funkelten spöttisch. „Ja, danke.“

Sie führte ihn an einen Tisch in der Nähe des Fensters. „Einen doppelten Espresso ohne Zucker?“

Seine Mundwinkel zuckten. „Sie haben ein gutes Gedächtnis.“

Poppy fiel es schwer, ihm nicht auf den Mund zu starren. Das verwirrte sie, genauso wie der Anblick seiner Hände. Sie konnte immer noch seine langen braunen Finger an ihrem Handgelenk spüren. Ihr lief jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn sie daran zurückdachte.

Heute trug er Jeans und ein weißes Hemd mit offenem Kragen und hochgekrempelten Ärmeln. Er hatte Bartstoppeln im Gesicht und roch göttlich – nach Zedernholz, Zitrone und gesunder, viriler Männlichkeit. Er strotzte dermaßen vor Sex-Appeal, dass ihr Herzschlag sich auch ohne Körperkontakt beschleunigte.

Trotzig hob sie das Kinn. „Ich vermute, ich kann Sie nicht für ein Stück Kuchen gewinnen?“

Glühend erwiderte er ihren Blick. „Sie haben mich schon gewonnen.“

Poppy senkte die Stimme – für den Fall, dass Mr Compton ihrem Gespräch lauschte. „Kuchen, Mr Caffarelli. Ich biete Ihnen Kuchen an.“

„Nein danke, der Espresso reicht.“ Er schwieg einen Moment bedeutungsvoll, bevor er hinzufügte: „Vorerst.“

Wütend drehte Poppy sich um und marschierte in die Küche. Noch wütender war sie jedoch über ihre körperliche Reaktion auf ihn. Sie hatte insgeheim auf seine Rückkehr gehofft, sich jedoch verboten, nach ihm Ausschau zu halten. Doch immer wenn sie zum Herrenhaus hinübergeblickt und keinen protzigen Sportwagen gesehen hatte, hatte sie einen Stich der Enttäuschung verspürt, sosehr sie das auch zu verdrängen versuchte.

Chloe hatte ihr ein paar Klatschmagazine gegeben, in denen Artikel über ihn standen. Er galt als Womanizer und skrupelloser Geschäftsmann. Poppy hatte den Verdacht, dass er mit seinen sinnlichen Eroberungen ähnlich skrupellos umging. Seine derzeitige Geliebte war ein Bikini-Model mit einer beneidenswerten Figur. Poppy konnte sich nicht vorstellen, dass ihr je ein Stück Kuchen oder ein Cookie über die aufgespritzten Lippen kamen.

Sie brachte Raffaele seinen Espresso. „War das alles?“

„Um wie viel Uhr schließen Sie?“

„So gegen fünf. Ich versuche, flexibel zu sein, falls noch späte Gäste kommen. Niemand lässt sich gern bei einer Tasse Tee hetzen.“ Sie warf einen pointierten Blick auf Rafes Tasse, bevor sie hinzufügte: „Oder Kaffee.“

Seine kohlschwarzen Augen funkelten schon wieder spöttisch. „Ich habe etwas Geschäftliches mit Ihnen zu besprechen.“

Poppy versteifte sich unwillkürlich. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich mein Haus nicht verkaufe.“

„Es hat nichts mit dem Cottage zu tun.“

Misstrauisch sah sie ihn an. „Womit denn dann?“

„Ich möchte in den nächsten zwei Wochen im Herrenhaus wohnen, um ein Gespür für die Räumlichkeiten zu bekommen, bevor ich die Entwürfe für den Umbau skizziere“, antwortete er. „Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich noch keine Haushälterin anstellen. Hätten Sie Interesse daran, abends für mich zu kochen? Natürlich würde ich Sie großzügig bezahlen.“

Poppy biss sich auf die Unterlippe. Sie konnte das Geld gut gebrauchen, aber jeden Abend für ihn kochen? Was würde er dann noch von ihr verlangen – ihren Körper zum Dessert? „Sie können doch im Pub essen. Dort gibt es ganz gute Barsnacks.“ Nie im Leben werde ich ihm Olivers Restaurant empfehlen.

Angewidert verzog Rafe das Gesicht. „Ich esse grundsätzlich keine Barsnacks.“

Poppy verdrehte die Augen. „War ja klar.“

„Geben Sie meiner Mutter die Schuld. Sie war Französin, und Sie wissen ja, wie wichtig Franzosen gutes Essen ist.“

Mr Compton schlurfte mit seinem Gehwagen zu ihnen herüber. „Nehmen Sie den Job ruhig an, Poppy. Dann verdienen Sie sich ein bisschen Geld, das Ihnen über diese Flaute hinweghilft.“

Poppy wünschte, sie hätte dem alten Herrn nicht vor zwei Wochen erzählt, wie schlimm ihre Situation war. Sie wollte nicht, dass Raffaele das ausnutzte.

„Darf ich eine Weile darüber nachdenken?“, fragte sie ihn.

Rafe reichte ihr seine Visitenkarte. „Klar. Sagen Sie mir heute Abend Bescheid.“

Poppy steckte die Karte in ihre Schürzentasche und drehte sich wieder zu ihrem einzigen Gast um. „Ich packe Ihnen noch ein Stück Kuchen für zu Hause ein, Mr Compton.“

3. KAPITEL

Rafe streckte dem alten Herrn seine Rechte hin, nachdem Poppy in der Küche verschwunden war. „Rafe Caffarelli“, stellte er sich vor.

„Howard Compton.“ Der Mann schüttelte ihm die Hand. „Soso, Sie sind also der neue Eigentümer von Dalrymple Manor.“

„Ja. Ich hatte schon länger ein Auge darauf. Es ist ein wunderschöner Besitz.“

„Das ist wohl war. Und was haben Sie damit vor?“

„Ich wandle das Herrenhaus in ein Luxushotel mit Spa um.“

„Erzählen Sie das bloß nicht Poppy.“ Mr Compton zwinkerte Rafe verschwörerisch zu. „Sie will, dass eine Familie das Haus kauft. Es ist schon eine Weile her, seitdem dort eine lebte.“

„Waren Sie mit Lord Dalrymple bekannt?“

„Seine und meine Frau waren seit ihrer Kindheit befreundet. Claras Tod war ein schrecklicher Verlust. Henry lebte danach sehr zurückgezogen. Ohne Poppys Großmutter Beatrice hätte ihn vermutlich nicht mehr viel am Leben gehalten. Es war eine schöne Geste von ihm, ihr und Poppy das Witwen-Cottage zu hinterlassen. Viele von uns haben sogar damit gerechnet, dass er ihnen den ganzen Besitz vererben würde, aber dann wäre seine Familie vermutlich auf die Barrikaden gegangen. Die Nachlassregelung hat auch so schon länger als ein Jahr gedauert. Was für ein Durcheinander, wenn es keinen direkten Erben gibt, nicht wahr?“

Rafe musste unwillkürlich an seine eigene Situation denken. Außer seinen Brüdern hatte auch er keine direkten Erben. Wer würde einst sein riesiges Vermögen bekommen? Bis jetzt hatte er noch nie wirklich darüber nachgedacht …

Wofür arbeitete er eigentlich so hart?

Entschlossen schob er den Gedanken beiseite. Er hatte noch jede Menge Zeit, um über die Gründung einer Familie nachzudenken. Er war schließlich erst fünfunddreißig. Eines Tages würde er sich eine passende Frau suchen – eine, die sich sicher in seinen Kreisen bewegte und ihn in seiner Freiheit nicht allzu sehr einschränkte.

Poppy kehrte mit einem in Folie gewickelten Päckchen zurück. „Hier, Mr Compton.“

„Sie sind ein Schatz“, antwortete der alte Herr. „Ich weiß nicht, was ich ohne Sie tun würde.“ Er drehte sich wieder zu Rafe um. „Schön, Sie kennengelernt zu haben, Rafe. Kommen Sie doch mal bei mir vorbei und trinken Sie einen Schluck Whisky mit mir. Ich wohnte im Bramble Cottage in der Briar Lane. Sie können das Haus gar nicht verfehlen.“

„Sehr gern.“ Rafe war überrascht, dass er das tatsächlich ernst meinte. Er gab sich innerlich einen Ruck. Was war nur los mit ihm? Er war schließlich nicht gekommen, um Freundschaften zu schließen, sondern um Geld zu machen.

Die Glocke über der Tür klingelte, als der alte Mann den Tearoom verließ.

„Wie ich sehe, wickeln Sie nicht ausschließlich die weiblichen Spezies mit Ihrem Charme um den Finger“, sagte Poppy zynisch.

„Mr Compton ist ein sehr sympathischer alter Mann“, wandte Rafe ein. „Und vermutlich sehr einsam.“

„Das ist er.“ Seufzend biss Poppy sich auf die Unterlippe. „Ich tue für ihn, was ich kann, aber niemand kann ihm seine Frau zurückbringen. Es ist so traurig. Das ist vermutlich die Kehrseite, wenn man die Liebe seines Lebens findet, nicht wahr? Dass man sie eines Tages wieder verliert.“ Poppy drehte sich abrupt um und räumte Mr Comptons Geschirr ab. „Was ist mit Ihrer Freundin? Wohnt sie auch bei Ihnen im Herrenhaus?“

„Ich bin zurzeit ungebunden.“

Sie warf ihm einen Blick über eine Schulter zu und hob die Augenbrauen. „Ihre Entscheidung oder die Ihrer Freundin?“

„Meine.“ Es war immer seine Entscheidung. Etwas anderes kam für ihn gar nicht infrage.

„Sie ist sehr schön.“

„Solange sie nicht den Mund aufmacht.“

Poppy hob die Augenbrauen. „Ist Ihnen nichts eingefallen, womit Sie ihr den Mund stopfen konnten?“

In diesem Augenblick fiel Rafe nur Poppys Mund ein, der unglaublich rot, voll und natürlich aussah. Bei der Vorstellung, wie sie die samtigen Lippen um ihn schloss und ihn mit ihrer zarten kleinen Zunge leckte, schoss ihm das Blut in die Lenden. Am liebsten hätte er sie sofort geküsst. Er wollte ihren Mund erforschen, in ihre feuchte Wärme eindringen und …

Was hatte sie nur an sich, das ihn so faszinierte? Mit ihrer Dickköpfigkeit und Widerborstigkeit war sie eigentlich überhaupt nicht sein Typ. Außerdem sah sie ihn immer so an, als wolle sie ihm am liebsten die Augen auskratzen. Manchmal jedoch flackerte etwas anderes in ihrem Blick auf als Hass – etwas sehr Erregendes, Primitives. Sie gab sich größte Mühe, ihr Verlangen zu verbergen, aber Rafe konnte es trotzdem deutlich spüren. Ihre ganze steife Körperhaltung verriet, dass sie ihrem Körper in seiner Gegenwart nicht traute.

Unter ihrer spröden Fassade war sie unglaublich sinnlich. Wahrscheinlich war sie wie Dynamit, wenn sie sich erst mal gehen ließ. Ihre Berührung vorgestern hatte ihn so elektrisiert, dass die Stelle noch immer zu kribbeln schien. Er wollte ihre zierlichen kleinen Finger auf seinem ganzen Körper spüren. Er wollte sie um sich herum spüren. Schon bei der bloßen Vorstellung, wie heiß und eng sie vermutlich war, bekam er eine Erektion. Mit ihr zu schlafen, wäre ein wahres Feuerwerk für die Sinne – eine explosive Symbiose aus Feuer und Eis. „Und was ist mit Ihnen, Miss Silverton?“

Ihr Gesichtsausdruck wurde ganz verschlossen. „Was soll mit mir sein?“

„Haben Sie gerade jemanden?“

Sie warf ihm einen kritischen Blick zu. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie das interessiert.“

„Au contraire“, erwiderte er. „Es interessiert mich sogar außerordentlich.“

Ihre Wangen röteten sich, und ihre Augen blitzten kampflustig. „Möchten Sie noch einen Espresso, Mr Caffarelli, oder soll ich Ihre Rechnung holen?“

Es fiel Rafe nicht schwer, ihrem streitbaren Blick standzuhalten, doch er konnte nicht verhindern, dass auch ihm plötzlich warm wurde. Ihr Duft stieg ihm wieder in die Nase. Sie stand so dicht vor ihm, dass er sie hätte berühren können. Ihre Erregung war ihr deutlich anzusehen, auch wenn sie alles tat, um ihren Zustand vor ihm zu verbergen. Sie erschien innerlich zwischen Hass und Begierde hin- und hergerissen – eine machtvolle, elektrisierende Mischung. „Sie mögen mich nicht besonders, oder?“

Poppy presste die Lippen zusammen. „Es ist mein Job, Ihnen Kaffee zu servieren, nicht, Ihre beste Freundin zu sein.“

Er lächelte. „Kennen Sie die Redensart, ‚Deine Freunde müssen sich sicher bei dir fühlen, aber deine Feinde noch mehr‘?“

Ihre Augen blitzen, als sie ihm auffordernd den Beleg für seinen Kaffee überreichte. „Und kennen Sie die Redensart ‚Nichts ist umsonst‘?“

Lachend zog Rafe seine Brieftasche aus der Jeanstasche, nahm einen Zehndollarschein heraus und legte ihn auf den Tisch neben Poppy. „Bis zum nächsten Mal, Miss Silverton. Ciao.“

Poppy wollte gerade ins Bett gehen, als ihr auffiel, dass Chutney weg war. Die drei Hunde hatten im Garten herumgetollt, während sie ein Bad nahm, aber als Poppy sie ins Haus rief, tauchten nur Pickles und Relish auf. „Chutney?“, rief sie von der Hintertür aus. „Chutney? Hierher, Junge! Komm, hol dir einen Hundekuchen.“

Keine Spur von ihm. Er schien sich komplett in Luft aufgelöst zu haben.

Poppy klopfte das Herz vor Panik. Chutney hatte die Angewohnheit herumzustreunen, vor allem, wenn er die Fährte eines Kaninchens aufnahm. Sie hatte das Loch in der Hecke zwar re­parieren lassen, aber so klein, wie er war, konnte er sich irgendwo anders durchgequetscht haben. Was, wenn er auf die Straße gelaufen war? Dort war zwar nicht viel Verkehr, aber ein einziges zu schnelles Auto genügte für einen Unfall.

Poppy warf einen Blick zum Herrenhaus. Raffaele Caffarellis nagelneuer Sportwagen stand vor dem Portal. Im Erdgeschoss brannte Licht, was bedeutete, dass er noch wach war.

Unschlüssig blickte sie auf seine Visitenkarte auf dem Küchentisch. Sollte sie ihn anrufen und ihn fragen, ob er Chutney gesehen hatte? Vor Lord Dalrymples Tod war sie täglich mit den drei Hunden hinübergegangen, um den alten Herrn zu besuchen. Auch hinterher war sie oft dort spazieren gegangen und hatte erst damit aufgehört, als der Makler das „Verkauft“-Schild aufgestellt hatte.

Sie griff nach der Karte, holte tief Luft, nahm ihr Handy und tippte schnell Rafes Nummer ein, bevor sie ihre Meinung ändern konnte. Er ging nach dem dritten Freizeichen ran.

„Rafe Caffarelli?“

Beim Klang seiner tiefen Stimme lief Poppy ein Schauer über den Rücken. „Also … hier ist Poppy Silverton.“

„Ich habe schon mit Ihrem Anruf gerechnet.“

„Ich rufe nicht wegen des Jobangebots an. Ich wollte nur wissen, ob Sie zufällig einen kleinen Hund gesehen haben.“

„Was für einen Hund?“

„Einen Cavoodle.“

„Einen was?“

Poppy verdrehte genervt die Augen. „Eine Mischung aus Pudel und King Charles Cavalier. Sein Name ist Chutney.“

„Sie haben Ihren Hund nach einer Soße benannt?“

Poppy seufzte ungeduldig. „Haben Sie ihn nun gesehen oder nicht?“

„Nein.“

„Na gut. Tut mir leid, Sie so spät gestört zu haben. Gute N…“

„Ich werde mich mal draußen umsehen. Könnte er sich vielleicht im Labyrinth verlaufen haben? Ich kenne mich dort allerdings selbst noch nicht aus. Vielleicht sollten Sie vorbeikommen, um mich vor dem Minotaurus zu retten, falls ich mich verirre.“

„Ich bin davon überzeugt, dass Sie sich gut selbst aus komplizierten Situationen befreien können.“

Er lachte. „Sie haben sich über mich informiert, oder?“

„Falls Sie Chutney finden, rufen Sie mich bitte an.“

„Ist er zutraulich?“

„Er ist ein schamloser Vielfraß“, antwortete Poppy. „Für etwas zu futtern macht er alles.“

Ein weiterer Schauer lief ihr über den Rücken, als sie wieder Rafes tiefes Lachen hörte. „Den Typ kenne ich.“

Ein paar Minuten später klingelte es an Poppys Tür. Pickles und Relish sprangen so aufgeregt auf und ab wie zwei von einem hyperaktiven Puppenspieler gesteuerte Marionetten. „Sitz, Pickles, und du auch, Relish. Sitz! Sitz, habe ich gesagt!“ Als Poppy die Tür öffnete, stand Rafe mit Chutney unter einem Arm vor ihr. „Ach, Sie haben ihn tatsächlich gefunden! Wo hat er gesteckt?“

Rafe reichte ihr den Hund. „Er saß hinterm Haus vor der Küchentür.“

Poppy setzte Chutney auf den Fußboden, wo seine beiden Freunde ihn so begeistert begrüßten, als sei er einen Monat anstatt einer Stunde weg gewesen. Sie richtete sich wieder auf und sah Rafe an. „Tut mir leid. Ich glaube, er vermisst noch immer Lord Dalrymple. Wir haben ihn früher jeden Tag besucht.“

„Mir ist auch aufgefallen, dass Chutney sich bei mir ganz zu Hause gefühlt hat.“

„Na ja, ich bin öfter mit den Hunden an Ihrem Haus vorbeigegangen, um mich zu vergewissern, dass dort keine Vandalen hausen“, erklärte Poppy. „Inzwischen gehe ich natürlich nicht mehr dorthin.“

Seine Augen funkelten. „Natürlich nicht.“

Poppy straffte die Schultern. „Danke dafür, dass Sie ihn zurückgebracht haben. Aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Sie hätten mich nur anzurufen brauchen, dann hätte ich ihn sofort abgeholt.“

„Haben Sie schon über meinen Vorschlag mit dem Abendessen nachgedacht?“

Als Poppy ihm in die dunklen Augen sah, lief ihr ein Schauer der Erregung über den Rücken. Sie war gerade nicht auf Besucher eingestellt. Sie trug den ältesten, schäbigsten Jogginganzug, den sie besaß, und ein Paar alte zerlöcherte Turnschuhe, auf denen Pickles herumgekaut hatte. Das Haar hatte sie mit einem Gummi zurückgebunden, und ihr Gesicht war ungeschminkt. Sie fühlte sich eindeutig im Nachteil. Warum, oh, warum nur hatte sie nicht etwas weniger Unkultiviertes angezogen? „Sie sollten lieber jemand anders fragen.“

„Ich will aber Sie.“

Poppy schoss das Blut in die Wangen, als sie seinen glühenden Blick sah. „Ich stehe nicht zur Verfügung.“ Zu ihrer Bestürzung klang ihre Stimme kehlig und heiser … geradezu sexy.

„Sie wollen es doch auch, das sehe ich Ihnen an.“

Poppy wurde wütend. „Jetzt verstehe ich, warum Sie überallhin mit einem Privatjet fliegen – Sie brauchen eine Extrakabine für Ihr Ego.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Sie sind ganz schön stur, wissen Sie das?“

„Ich habe Sie ja gewarnt.“

„Dito.“ Sein Blick wurde entschlossen. „Wenn ich etwas will, gebe ich mich nicht eher zufrieden, als bis ich es habe.“

„Danke dafür, dass Sie Chutney nach Hause gebracht haben“, sagte Poppy steif und hielt ihm die Tür auf. „Aber jetzt möchte ich Sie nicht länger aufhalten.“

Für einen Moment senkte Rafe den Blick zu ihrem Mund. „Wollen Sie nicht so nachbarschaftlich sein und mich auf einen Schlummertrunk hineinbitten, wo ich doch Ihren Hund so zuvorkommend nach Hause gebracht habe?“

Poppy war bewusst, dass es unhöflich von ihr war, ihm den Zutritt zu verweigern. Aber sie wollte ihm nicht den Eindruck vermitteln, dass sie tatsächlich Lust auf seine Gesellschaft hatte, denn das hatte sie eindeutig nicht. Sie brauchte keine Gesellschaft. Schließlich hatte sie ihre Hunde, oder? „Ich bin gerade ziemlich beschäftigt.“

„Ich bin stubenrein, falls Ihnen das Sorgen macht.“ Sein Lächeln war wirklich unglaublich anziehend. „Ich werde weder an Ihren Möbelstücken kauen, noch irgendwelche Knochen in Ihrem Garten verbuddeln.“

„Es ist nicht meine Art, Männer, die ich kaum kenne, spätabends in mein Haus zu bitten.“ Sah sie da etwa Respekt in seinen Augen aufblitzen?

„Machen Sie sich Sorgen, was die Nachbarn denken?“

„Sie sind der einzige Nachbar weit und breit.“

Rafe wurde unvermittelt ernst. „Sie brauchen sich meinetwegen keine Sorgen zu machen, Miss Silverton. Ich mag einen gewissen Ruf haben, aber ich habe große Hochachtung vor Frauen.“

„Wie beruhigend.“

„Sie glauben mir nicht?“

„Die Bemerkungen, die Ihre Exgeliebte online gepostet hat, waren ziemlich abfällig.“

„Zugegeben, sie sind nicht das beste Charakterzeugnis. Aber Zandra war nicht erfreut darüber, gewissermaßen … entlassen worden zu sein. Ich werde meine Sekretärin bitten, ihr ein Abschiedsgeschenk zu schicken, um den Schlag abzumildern. Es war nachlässig von mir, nicht früher daran gedacht zu haben. Ich wette, sie wird die Bemerkungen sofort löschen, wenn sie erst mal ein paar Tausend Pfund in Gestalt von Rubinen oder Saphiren bekommen hat.“

Poppy hob die Augenbrauen. „Warum nicht Diamanten?“

„Ich verschenke grundsätzlich keine Diamanten.“

„Warum? Sie können sie sich doch leisten.“

„Diamonds are forever“, erklärte er. „Sollte ich das richtige Mädchen finden, kaufe ich welche, aber vorher nicht.“

Poppy musterte ihn skeptisch. „Dann haben Sie also tatsächlich die Absicht, irgendwann Ihr wildes Party- und Playboy-Leben aufzugeben?“

Gleichgültig zuckte er die Achseln. „Nicht in absehbarer Zeit.“

Ihre Verachtung war weder zu übersehen noch zu überhören. „Zu beschäftigt damit, sich die Hörner abzustoßen?“

Seine Augen glitzerten verdächtig. „Ich habe noch einiges vor, aber später? Wer weiß? Sagt man nicht, dass bekehrte Playboys die besten Ehemänner abgeben?“

„Welche Art Frau gedenken Sie sich zuzulegen? Irgendeine mit blaublütiger Abstammung?“

Seine Augen funkelten belustigt. „Warum fragen Sie? Wollen Sie sich etwa für den Posten bewerben?“

Sie rümpfte die Nase. „Das soll wohl ein Witz sein! Sie sind der letzte Mensch auf der Welt, den ich heiraten würde.“

Er verbeugte sich spöttisch, bevor er sich zum Gehen umwandte. „Dieses Gefühl beruht ganz auf Gegenseitigkeit, Miss Silverton. Bonsoir.“

„Ich bin gerade Mr Compton über den Weg gelaufen“, bemerkte Chloe am nächsten Morgen. „Er hat erzählt, dass Rafe Caffarelli gestern wieder hier war.“

„Und er hat schon wieder nur einen Espresso getrunken.“ Poppy stellte eine Schüssel mit frisch geschlagener Sahne in den Kühlschrank. „Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum er sich überhaupt herbemüht. Warum geht man in einen Tearoom, wenn man weder Tee trinkt noch Kuchen isst? Das ergibt keinen Sinn.“

„Mr Compton hat auch erzählt, dass Rafe dich gebeten hat, abends für ihn zu kochen.“ Chloe band sich ihre Schürze um die Taille. „Das ist ja so aufregend. Der Weg zum Herzen eines Mannes und so weiter. Was wirst du für ihn kochen?“

„Gar nichts.“

Chloe blinzelte. „Wie bitte? Er will dich doch dafür bezahlen, oder?“

Störrisch presste Poppy die Lippen zusammen. „Darum geht es nicht.“

„Dann koche ich für ihn“, erklärte Chloe. „Drei Mahlzeiten am Tag und Morgen- und Nachmittagstee. Ich serviere ihm sogar das Frühstück im Bett. Gott, mir wird schon allein bei dem Gedanken daran heiß. Ich wette, er ist ein toller Liebhaber.“

Poppy warf ihrer Freundin einen vernichtenden Blick zu. „Es kommt nicht nur auf Äußerlichkeiten an. Was ist mit Intelligenz und Moral? Und mit persönlichen Werten?“

Chloe grinste. „Du bist doch selbst total scharf auf ihn. Na los, gib es ruhig zu. Und ich wette, er ist auch scharf auf dich. Mr Compton ist das auch schon aufgefallen. Warum sonst sollte Rafe zwei Tage hintereinander hierherkommen?“

Poppy verteilte Cupcakes auf einer Glas-Etagere. „Raffaele Caffarelli hat mehr Frauen, als du und ich zählen können. Er glaubt, dass ihm alles zusteht, was er will. Das ist jenseits von arrogant.“

Chloes Augen funkelten belustigt. „Du schäumst ja geradezu vor Wut. Es kann dir unmöglich nur um das Haus gehen. Warum verabscheust du ihn so sehr?“

Poppy trug die Etagere in den Tearoom. „Ich möchte nicht darüber reden.“

Chloe folgte ihr auf den Fersen. „Mr Compton sagt, Rafe will Dalrymple Manor in ein Luxushotel mit Spa verwandeln. Das wäre toll für das Dorf. Es gäbe jede Menge Jobs für die Einheimischen, und wir hätten dann vielleicht auch wieder mehr Gäste.“

Poppy stellte die Etagere hin und drehte sich empört zu Chloe um. „Im Herrenhaus hat vierhundertfünfundsiebzig Jahre lang eine Familie gewohnt“, sagte sie. „Zahlreiche Generationen der Dalrymple-Familie wurden dort geboren und sind dort gestorben. Es in ein schickes Hotel zu verwandeln, würde seinen Charakter zerstören und seine Geschichte besudeln.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass Rafe Caffarelli es sehr geschmackvoll umbaut“, wandte Chloe ein. „Ich habe mir ein paar seiner anderen Projekte online angesehen. Er verzichtet auf radikale architektonische Eingriffe und macht sämtliche Vorentwürfe selbst.“

Poppy hatte nicht vor, in absehbarer Zeit von ihrem hohen Podest herunterzusteigen. Die Vorstellung, dass hinter den Hecken ihres geliebten Dorfes Paparazzi lauerten, um Fotos von hedonistischen Stars zu schießen, die im Herrenhaus Partys feierten, war ekelerregend. „Lord Dalrymple wird sich im Grab umdrehen, wenn dieses absurde Projekt verwirklicht wird. Was hat sein Cousin sich nur dabei gedacht, den Landsitz an einen Investor zu verkaufen? Warum konnte er es nicht stattdessen einer Familie überlassen?“

„Du liebst das alte Gemäuer so sehr?“

Poppy seufzte tief. „Ich weiß, es klingt lächerlich sentimental, aber Dalrymple Manor braucht eine Familie, um wieder zu Leben zu erwachen. Es hat die letzten sechzig Jahre getrauert. Man kann die Trauer förmlich spüren, wenn man das Haus betritt. Die Stufen knarren traurig, manchmal stöhnt sogar das Fundament.“

Chloe riss erschrocken die Augen auf. „Willst du damit sagen, dass es dort spukt?“

„Als Kind habe ich das geglaubt, aber nein, es ist nur ein trauriges altes Haus, das mit Liebe und Gelächter gefüllt werden muss.“

„Vielleicht lässt Rafe Caffarelli sich ja dort mit einer seiner Geliebten nieder.“

„Kann ich mir kaum vorstellen“, antwortete Poppy geringschätzig. „Er hat keine Frau länger als einen oder zwei Monate. Playboys wie er binden sich nie, sie wechseln nur die Partnerinnen.“

Chloe sah sie forschend an. „Ich habe den Eindruck, dass ich nicht die Einzige war, die sich über über den illustren Rafe Caffarelli informiert hat.“

Poppy hob hochmütig den Kopf und marschierte in die Küche zurück. „Ich interessiere mich nicht im Geringsten dafür, was dieser Mann treibt oder mit wem. Ich habe Besseres mit meiner Zeit zu tun.“

Kurz vor dem Mittagessen betrat John Underwood, Poppys Vermieter, den Tearoom. Normalerweise kam er immer nur freitagnachmittags auf eine Tasse Tee vorbei. Poppy hoffte inständig, dass dieser unerwartete Dienstagsbesuch keine schlechten Neuigkeiten bedeutete. Sie hatte gerade so viele Ausgaben für das Cottage, dass auch eine bescheidene Mieterhöhung für den Tearoom ihren finanziellen Ruin bedeuten konnte.

„Das Übliche, Mr Underwood?“, fragte sie freundlich.

„Kann ich mal kurz mit Ihnen sprechen, Poppy?“

„Klar.“ Poppys Lächeln erstarrte. Bitte verlang nicht mehr Miete von mir.

„Ich wollte Ihnen mitteilen, dass man mir ein Angebot für dieses Haus gemacht hat“, sagte John. „Und zwar ein gutes – das beste, das ich je bekommen habe. Ich werde es daher annehmen.“

Sie runzelte die Stirn. „Mir war gar nicht bewusst, dass Sie verkaufen wollen.“

„Ich habe schon eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt. Jean möchte mehr reisen, und wir haben inzwischen drei kleine Enkelkinder in den Staaten und wollen mehr Zeit mit ihnen verbringen. Ich werde dieses Haus und noch eins in Shropshire verkaufen.“

Poppy kam ein schrecklicher Verdacht. „Wer hat Ihnen das Angebot gemacht?“, fragte sie scharf.

„Es steht mir nicht zu, das zu sagen. Der Käufer bestand auf absoluter Diskretion, bis die Papiere unterzeichnet sind.“

Poppy wurde wütend. „Kann ich mir vorstellen“, sagte sie bissig.

John war offensichtlich unbehaglich zumute. „Ich will Ihnen nicht schaden, Poppy. Sie und Chloe sind die besten Mieter, die ich je hatte. Aber letztlich ist das hier eine rein geschäftliche Entscheidung. Sie hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun.“

Oh doch, hat sie, dachte Poppy. „Unser Mietvertrag dauert noch ein Jahr. Daran wird sich doch nichts ändern, oder?“

„Nicht, solange der neue Besitzer nicht umbauen will.“

„Hat er gesagt, was er mit dem Haus vorhat?“

„Nein, nur dass es ihn ganz besonders interessiert. Er hat sich anscheinend auf Anhieb in seinen zugegeben altmodischen Charme verliebt.“

Das Adjektiv skrupellos trifft Rafe Caffarellis Charakter noch nicht mal annähernd, dachte Poppy. Er war cleverer und berechnender, als ihr bewusst gewesen war. Aber sie würde nicht kampflos aufgeben. Glaubte er wirklich, er konnte sie auf diese Art in die Knie zwingen? Sie dazu erpressen, mit ihm ins Bett zu gehen, indem er ihr eine unbezahlbar hohe Miete abverlangte? Wofür hielt er sie eigentlich? „Wird der neue Eigentümer eine höhere Miete verlangen? Was glauben Sie?“

„Ich fürchte, das werden Sie selbst mit ihm besprechen müssen.“

Poppy lachte zynisch auf. „Leicht gesagt, wenn er anonym bleiben möchte.“

„Wie dem auch sei, ich wollte sie nur wissen lassen, dass ich das Haus verkauft habe. Ich bin nicht für Geheimniskrämerei, auch wenn der Käufer das für notwendig zu halten scheint.“

Poppy knirschte vor Wut innerlich mit den Zähnen. „Oh, er hat ganz bestimmt seine Gründe!“

4. KAPITEL

Rafe arbeitete in seinem provisorischen Arbeitszimmer im Herrenhaus gerade an ein paar vorläufigen Skizzen für den Umbau, als er ein Auto in der Einfahrt hörte. Er wusste, wer da kam, ohne aus dem Fenster blicken zu müssen. Jemand, der ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte, knallte heftig die Autotür zu, stapfte über den Kies und klingelte Sturm. Rafe lächelte, als ihm der blecherne Klingelton ans Ohr schlug. Wie langweilig sein Leben vor seiner Begegnung mit Poppy Silverton doch gewesen war.

So viel Spaß hatte ich schon seit Jahren nicht mehr.

„Wir sollten uns lieber nicht zu oft sehen“, sagte er, als er die Tür öffnete. „Sonst reden die Leute noch.“

Poppys toffeebraune Augen sprühten vor Zorn. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt, und ihr schlanker Körper war steif vor Wut. „Sie … Sie berechnendes, niederträchtiges Schwein!“

Er hob eine Augenbraue. „Ich freue mich auch, Sie zu sehen.“

Poppy bebte vor Zorn. „Unfassbar, wie skrupellos Sie sind. Sie haben meinen Laden gekauft!“

„Na und? Ich bin Investor. Ich kaufe Häuser.“

Ihr hübscher kleiner Mund hatte einen weißen Rand vor Wut. „Ich weiß, was Sie vorhaben, aber das wird nicht funktionieren!“

Rafe lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. „Was habe ich denn Ihrer Meinung nach vor?“

„Mich zu erpressen.“ Aufgebracht funkelte sie ihn an. „Sie wissen genau, dass ich mir die Miete für den Tearoom auch so schon kaum leisten kann. Aber Ihre Tricks funktionieren bei mir nicht. Nie würde ich mich für jemanden wie Sie prostituieren.“

Nachdenklich tippte Rafe sich mit einem Zeigefinger auf die Lippen. „Mhm, wie ich sehe, muss ich noch einiges tun, um Ihren Eindruck von mir zu verbessern. Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihre Miete erhöhen will?“

Sie stutzte. „Sie meinen … nicht?“, fragte sie misstrauisch.

Rafe schüttelte den Kopf.

„Aber warum haben Sie den Laden dann gekauft?“

„Er gefällt mir eben.“

Sie sah ihn aus schmalen Augen an. „Er … gefällt Ihnen?“

„Ja, er ist einzigartig.“

„Was soll das heißen?“

„Mir gefällt das Konzept eines traditionellen Tearooms. Das hat Stil. Ist mal eine nette Abwechslung zu all den unpersönlichen und langweiligen Coffeeshop-Filialen.“

Irritiert zog sie die Augenbrauen zusammen. „Sie trinken doch noch nicht mal Tee.“

„Das stimmt, aber möglicherweise liegt das nur daran, dass ich bisher noch keinen anständigen Tee vorgesetzt bekommen habe. Ein billiger staubiger Teebeutel in einem Styroporbecher lässt sich vermutlich nicht mit richtigem Tee vergleichen. Vielleicht … könnten Sie mir ja die Kunst des hochklassigen Blättertee-Brauens beibringen.“

Poppys Misstrauen war noch immer nicht besänftigt. „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass gerade Sie nicht über Tee reden.“

Rafe grinste. „Worüber denn sonst?“

Sie errötete. „Wenn Sie wirklich richtigen Tee trinken wollen, dann kommen Sie heute Nachmittag um vier in den Tearoom.“

Er erwiderte ihren Blick. „Ich würde eine Privatstunde bevorzugen. Ich möchte nicht von anderen Gästen abgelenkt werden. Das könnte mir die Erfahrung verderben.“

Ihr Blick verriet, dass sie ihm ganz andere Absichten unterstellte. „Na schön“, sagte sie kalt. „Kommen Sie um halb sechs. Ich hänge das ‚Geschlossen‘-Schild vor die Tür.“

„Abgemacht.“

Rafe beobachtete, wie sie zu ihrem Wagen zurückstapfte. Er winkte ihr hinterher, als sie davonfuhr, doch sie ignorierte ihn. Das rote Haar in den Nacken werfend, legte Poppy den Gang ein und ratterte die Einfahrt herunter, eine große Staubwolke hinter sich zurücklassend.

Um fünf band Chloe ihre Schürze ab. „Mom hat gerade angerufen. Sie will, dass ich ihre Asthmamedikamente aus der Apotheke abhole. Macht es dir etwas aus, wenn ich jetzt schon gehe?“

Poppy unterdrückte einen Anflug von Panik. Sie hatte kein Problem damit, Rafe Caffarelli eine Privatstunde in der Kunst des Teetrinkens zu geben, aber so privat hatte sie sich das Ganze eigentlich nicht vorgestellt. Sie war davon ausgegangen, dass Chloe sich irgendwo im Hintergrund aufhalten würde, falls Rafe zu weit gehen sollte. „Nein, geh nur“, sagte sie und seufzte resigniert. „Richte deiner Mom liebe Grüße von mir aus. Und bring ihr etwas von dem Schokoladenkuchen mit, den sie so mag.“

Chloe lächelte vielsagend. „Wirst du auch allein mit dem herrlich skrupellosen, reichen und rassigen Rafe Caffarelli zurechtkommen?“

Poppy setzte ein selbstsicheres Lächeln auf, das nichts mit ihren wahren Gefühlen zu tun hatte. „Natürlich.“

Als um fünf nach halb sechs die Türglocke klingelte, starrte Poppy schon seit einer halben Stunde auf die Uhr. Mit jeder Minute, die verstrichen war, hatte ihr Herzschlag sich beschleunigt. Trotzdem betrat sie den Tearoom so lässig wie möglich, obwohl ihr Magen sich so anfühlte, als wäre sie seekrank.

Rafe bückte sich, als er durch die Tür trat. Diesmal war er etwas förmlicher gekleidet; er trug eine dunkelgraue Hose und ein gebügeltes weißes Hemd mit dunkelblauem Blazer und silbergrauer Krawatte. Er hatte sich frisch rasiert und offenbar erst vor Kurzem geduscht, wie man an seinem sorgfältig gekämmten nassen Haar erkennen konnte.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme.“

Sein Gesichtsausdruck war unlesbar, doch Poppy wusste genau, dass er log. Jemandem wie Rafe Caffarelli tat grundsätzlich nichts leid. „Ich habe den Tisch vor dem Fenster gedeckt. Setzen Sie sich, während ich den Kessel aufsetze.“

„Darf ich Ihnen dabei zusehen?“

Irritiert sah sie ihn an. „Ich versichere Ihnen, dass es nicht auch nur annähernd interessant ist, einem Wasserkessel beim Heißwerden zuzusehen.“

„Doch, wenn Sie diejenige sind, die das Wasser zum Kochen bringt.“

„Flirten Sie etwa mit mir, Mr Caffarelli?“, fragte sie steif.

„Nennen Sie mich Rafe.“

„Rafe …“ Poppy hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, eine unsichtbare Grenze überschritten zu haben, indem sie die Kurzform seines Namens aussprach – ein Verdacht, der sich unter seinem glühenden Blick noch bestätigte. Ihre Lippen begannen zu kribbeln. Wie es wohl sein würde, wenn er sie küsste? Würde er sie leidenschaftlich küssen oder sanft und verführerisch? Wie würden sich wohl seine Hände anfühlen auf ihren Brüsten oder zwischen ihren …?

„Poppy.“

„Ja?“ Rasch fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen.

Er lächelte verführerisch. „Niedlicher Name. Passt zu Ihnen.“

Niedlich? Er hielt sie also nicht für schön oder umwerfend, sondern nur für niedlich – wie einen Welpen oder ein Kätzchen. „Danke.“ Sie lächelte verkrampft. „Also … die Küche ist dort entlang.“

Als Poppy das Wasser heiß machte, war sie sich die ganze Zeit über Rafes Blick bewusst. Sie erklärte ihm, dass es wichtig war, den Kessel jedes Mal neu mit frischem kaltem Wasser zu füllen, und dass man die Teekanne vorwärmen musste, bevor man die Teeblätter hineingab – einen Löffel pro Person und einen für die Kanne. „Tee schmeckt immer besser aus einer Porzellantasse“, erklärte sie. „Billige dicke Becher taugen leider nichts.“

Er musterte sie belustigt. „Faszinierend.“

„Ich bin vielleicht ein bisschen altmodisch, was das angeht, aber so ist es nun mal.“ Sie stülpte liebevoll einen handgehäkelten Teewärmer über die fertige Kanne und stellte sie auf das bereits vorbereitete Tablett.

„Lassen Sie mich das tragen.“

Rafes Finger streiften Poppys Hände, als er ihr das Tablett abnahm – eine Berührung, die ihren Körper wie ein Stromschlag durchzuckte und ihr direkt zwischen die Schenkel schoss.

Wie hypnotisiert hob sie den Blick zu seinen Augen. Sie waren so dunkel, dass sie nicht wusste, wo seine Pupillen begannen und wo sie aufhörten. Er roch sauber und männlich – nach Zitrone und einer holzigen frischen Unternote wie in einem Tannenwald. Sie konnte die schwarzen Pünktchen auf seinem frisch rasierten Kinn erkennen. In ein paar Stunden würden sie länger werden. Doch schon jetzt würden sie sich rau unter ihrer Fingerspitze anfühlen, wenn sie …

Poppy ballte hastig die Hände zu Fäusten und wandte den Blick ab. „Okay … lassen Sie uns den Tee trinken.“

Als das Geschirr auf dem Tisch stand, führte Rafe sie am Ellenbogen zu ihrem Platz. Sie erschauerte. Noch nie war sie sich der Gegenwart eines Mannes so bewusst gewesen. Alles an ihm sprach ihre Sinne derart an, dass sie sich kaum noch auf etwas anderes konzentrieren konnte. „Also … nehmen Sie Milch?“

„Keine Ahnung.“ Rafe lächelte. „Sollte ich?“

„Das kommt auf die Teesorte an“, erklärte Poppy. „Ich trinke English Breakfast mit Milch, aber Earl Grey, Darjeeling, Russian Caravan und Jasmin schwarz. Letztlich ist das aber reine Geschmackssache.“

„Geben Sie ihn mir schwarz, so wie meinen Kaffee.“

Poppy goss ihm eine Tasse ein und beobachtete ihn beim Trinken. Naserümpfend stellte er die Tasse zurück.

„Und?“

„Schmeckt irgendwie nach nichts.“

„Nach nichts?“

„Langweilig.“

„Das ist der beste Ceylon-Tee, den es gibt, um Himmels willen. Was ist mit Ihren Geschmacksknospen los?“

„Die sind völlig in Ordnung. Ich mag nur einfach keinen Tee.“

„Wie wär’s, wenn Sie ihn mit Milch und Zucker probieren?“

„Ich versuch’s mit Milch, aber nicht mit Zucker.“ Er lächelte so charmant, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte. „Ich bin auch so schon süß genug.“

Poppy verdrehte die Augen. „Hier.“ Sie reichte ihm seine Tasse zurück. „Probieren Sie jetzt mal.“

Seine Reaktion war genauso angewidert wie eben. „Nicht mein Ding, fürchte ich“, sagte er achselzuckend.

„Sie mögen ihn nicht?“

„Er schmeckt undefinierbar.“

„Der Geschmack ist nicht undefinierbar, sondern subtil“, gab sie zurück.

„Sorry!“, entschuldigte sich Rafe lächelnd. „Ich hab es wohl nicht so mit Abwarten und Tee trinken!“

Poppy schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Lächeln. Rafe konnte wirklich sehr liebenswert sein, wenn er wollte. Sie musste verdammt gut aufpassen, sich nicht von ihm einwickeln zu lassen. Er war schließlich ihr Feind, und es wäre sehr unklug, etwas anderes in ihm zu sehen. „Sie sind unverbesserlich.“

„Das hat meine Mutter auch immer gesagt.“

Als Poppy den wehmütigen Unterton in seiner Stimme hörte, fragte sie sich, ob ihm seine Familie sehr nahestand. Sie nahm ihre Tasse und trank einen Schluck. „Wo wohnen Ihre Eltern eigentlich? In Frankreich oder Italien?“

Sein Blick verdüsterte sich. „Weder noch.“

„Wie bitte?“

„Sie leben nirgendwo. Sie sind tot. Sie kamen ums Leben, als ich zehn war.“

„Das tut mir leid …“ Verlegen biss Poppy sich auf die Unterlippe. Vielleicht hätte sie sich noch besser über ihn informieren sollen. In den Artikeln, die sie gelesen hatte, stand nichts über seine Kindheit – nur über seinen Reichtum und die ständig wechselnden Frauen an seiner Seite.

„Es ist schon lange her.“

„Was ist passiert?“

Rafe nahm seinen Teelöffel und spielte damit herum. „Sie stießen an der französischen Riviera mit einem anderen Motorboot zusammen. Meine Mutter war sofort tot, und mein Vater starb drei Tage später im Krankenhaus an inneren Verletzungen.“

„Tut mir schrecklich leid … Das muss eine schlimme Zeit für Sie und Ihre Brüder gewesen sein.“

Schmerz flackerte in Rafes Augen auf, bevor er den Blick zu seinem Löffel senkte. „Ja, war es.“

„Was ist dann passiert? Ich meine … wohin kamen Sie? Wer hat sich um Sie und Ihre Brüder gekümmert?“

„Mein Großvater väterlicherseits nahm uns bei sich auf.“ Rafe legte den Löffel weg und griff nach seiner Teetasse.

„Lebt er noch?“

„Ja.“

„Stehen Sie ihm nahe?“

Rafe verzog die Lippen, aber nicht zu einem Lächeln. „Niemand steht meinem Großvater nahe.“

Poppy spürte, dass er nicht gern über seine Vergangenheit redete. Doch die kryptische Bemerkung über seinen Großvater machte sie neugierig. Was für ein Mann er wohl war? Hatte er das Leben der drei verwaisten Jungs noch elender gemacht, als es ohnehin schon gewesen sein musste? „Was ist mit Ihrer Großmutter?“

„Sie starb, als mein Vater ein Teenager war.“

„Und Ihre Großeltern mütterlicherseits?“

Rafe drehte seine Tasse. „Die starben bereits vor meiner Geburt.“ Er trank wieder einen Schluck, verzog jedoch das Gesicht und setzte die Tasse wieder ab. „Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit. Sie haben gesagt, Sie haben Ihre Eltern verloren, als Sie sieben waren. Wie sind sie gestorben?“

Poppy senkte den Blick zu ihrer Serviette und faltete sie zusammen und wieder auseinander. „Ich habe meinen Vater nie kennengelernt. Er hat meine Mutter vor meiner Geburt verlassen. Anscheinend war sie nicht gut genug für ihn, denn er hat jemand anders geheiratet.“

„Dann sind Sie also bei Ihrer Großmutter aufgewachsen?“

Sie nickte und hob wieder den Blick. „Sie war ein toller Mensch. Alles in allem hatte ich eine schöne Kindheit. Lord Dalrymple war unglaublich lieb zu mir. Er war ein ziemlicher Einsiedler, hatte aber immer Zeit für mich.“

„Waren Sie enttäuscht, dass er Ihnen und Ihrer Großmutter nicht den ganzen Besitz hinterlassen hat?“

Poppy blinzelte schockiert. „Natürlich nicht. Warum sollten wir? Wir waren schließlich keine Verwandten. Meine Gran war nur seine Haushälterin.“

Rafe zuckte die Achseln. „Ihre Großmutter hat immerhin sehr lange für ihn gearbeitet.“

„Sie hat nie etwas von ihm erwartet, das war nicht ihre Art. Es war geradezu ein Schock für sie, dass er uns das Cottage hinterlassen hat.“

„Es muss auch einer für seine Familie gewesen sein.“

„Stimmt, es gab ein bisschen Ärger.“ Poppy musterte Rafe, doch sein Gesichtsausdruck war unergründlich. „Aber Lord Dalrymple hat in seinem Testament unmissverständlich klargemacht, dass wir das Cottage bekommen sollen.“

„Und nach dem Tod Ihrer Großmutter ging ihr Anteil des Hauses an Sie über.“

„Ja.“

Er schwieg eine Weile. „Es ist nur ein Haus, Poppy“, sagte er irgendwann.

Trotzig hob sie das Kinn. „Es ist nicht nur ein Haus. Es ist viel mehr als das.“

„Sie könnten sich mit meinem Geld etwas viel Besseres kaufen. Etwas Größeres, in das man kaum etwas investieren muss.“

Poppy fand es schrecklich, wie schnell Rafe sich von einem aufmerksamen Zuhörer in einen eiskalten Geschäftsmann verwandeln konnte. Für einen Moment hatte sie doch tatsächlich geglaubt, dass sich unter seiner skrupellosen Fassade ein weiches Herz verbarg.

Aber Rafe Caffarelli war nicht weich.

Er war hart wie Stahl, und sie tat gut daran, das nicht zu vergessen. „Warum ist Ihnen das Cottage eigentlich so wichtig? Reicht Ihnen das Herrenhaus nicht? Sie haben doch auf der ganzen Welt Häuser. Warum haben Sie sich ausgerechnet ein kleines Witwenhaus in einem winzigen Dorf auf dem Land in England in den Kopf gesetzt?“

Er presste die Lippen zusammen. „Ich will dieses Haus. Es gehört zum Besitz. Es hätte nie davon abgetrennt werden dürfen.“

Poppy sah ihn herausfordernd an. „Das Haus gehört jetzt mir. Sie können es nicht haben. Finden Sie sich damit ab.“

Rafe durchbohrte sie förmlich mit seinem Blick. „Legen Sie sich nicht mit mir an, Poppy. Sie haben keine Ahnung, wie skrupellos ich sein kann, wenn ich muss.“

Sie sprang so heftig auf, dass ihre Stuhlbeine auf den Holzdielen quietschten. „Wollen Sie mir etwa drohen? Verlassen Sie sofort meinen Laden!“

Gebieterisch sah er sie an. „Er ist inzwischen mein Laden, schon vergessen?“

Poppy wäre vor Wut fast explodiert. Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt. Noch nie in ihrem Leben war sie so kurz davor gewesen, physische Gewalt anzuwenden. Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Was wollen Sie denn machen – eine überhöhte Miete von mir verlangen? Nur zu, lassen Sie mich bluten. Dann gehe ich damit an die Öffentlichkeit! Ich werde allen erzählen, dass Sie mich dazu erpressen wollen, mit Ihnen zu schlafen. Ich kontaktiere sämtliche Zeitungen. Glauben Sie bloß nicht, dass ich das nicht fertigkriege!“

Sein Lachen machte sie noch wütender. „Ihr Kampfgeist gefällt mir. Bisher hat mir noch niemand so die Stirn geboten wie Sie. Aber Sie werden früher oder später scheitern. Ich kriege nämlich grundsätzlich meinen Willen.“

Poppy funkelte ihn hasserfüllt an. „Raus!“

Lässig stand er auf. „Rufen Sie ruhig bei den Zeitungen an. Erzählen Sie, was Sie wollen. Man wird Sie sowieso nur für irgendeine Goldgräberin halten, die auf Geld und Ruhm erpicht ist. Sie werden diejenige sein, deren Ruf hinterher ruiniert sein wird, nicht ich.“ Er zog seine Brieftasche aus seinem Jackett.

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