Logo weiterlesen.de
Viel zu schön, um wahr zu sein?

image

1. KAPITEL

„Laptop- und Handyladegeräte eingepackt?“

Lu Sheppard stand vor dem Haus in der Morgensonne und unterdrückte mühsam die Tränen.

Du hast das doch kontrolliert, Lu“, erwiderte Daniel, der jüngere ihrer Brüder. „Zweimal.“

Ja, hatte sie. Und sie hatte es auf der Liste abgehakt, die sie aufgestellt hatte – und die keiner der beiden auch nur eines Blickes gewürdigt hatte. Du lieber Himmel, wie sollte sie das bloß schaffen? Die Jungs waren in den letzten zehn Jahren der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Und jetzt sollte sie sie einfach ins Auto steigen und quer durchs Land zur Universität fahren lassen? Sie hatte ihnen manches Mal die Leviten gelesen, mit ihnen und wegen ihnen geweint. Sie hatte für ihre Mahlzeiten gesorgt und sie im Auto umhergefahren, bei den Schularbeiten geholfen und sie genervt, damit sie sich ihr anvertrauten, wenn sie etwas auf dem Herzen hatten. Sie war Vater, Mutter, Schwester und Freundin gewesen.

Sie war neunundzwanzig, und schon drohten ihr die Depressionen, die Frauen bekamen, wenn die Kinder erwachsen waren und von zu Hause auszogen. Aber das brauchten die Jungs nicht zu wissen …

Daniel lehnte sich an die Tür des Autos, das den Brüdern gemeinsam gehörte, und räusperte sich. Er warf Nate einen Blick zu. Nate nickte und stellte sich neben seinen zweieiigen Zwilling, ebenso groß, ebenso gut aussehend.

„Lu, wir sind wirklich dankbar, dass du unser Vormund geworden bist, als Mom und Dad gestorben sind. Sonst wären wir bei irgendeinem mürrischen Verwandten gelandet, der uns wahrscheinlich ins Internat abgeschoben hätte.“

Ihre Eltern waren beide Einzelkinder gewesen, deshalb kam Daniel der Wahrheit ziemlich nahe. Alle ihre Verwandten waren alt, mürrisch und warteten auf das Licht am Ende des Tunnels.

„Aber es ist Zeit für einen Neuanfang. Für uns und auch für dich.“

„Was meinst du damit?“

Daniel rieb sich das Kinn. „Es wird Zeit, dass du endlich die Dinge machst, die du nicht machen konntest, weil du uns großgezogen hast.“

„Was soll das jetzt, Jungs? Wir haben doch alles besprochen.“

„Klar, wie es an der Uni ist, wie es für uns ist, von zu Hause auszuziehen, worauf wir uns einlassen“, mischte sich Nate ein. „Aber wir haben nie über dich gesprochen.“

„Wozu denn auch?“, fragte Lu völlig verwirrt. „Mein Leben ändert sich nicht.“

„Es sollte sich ändern“, erwiderte Nate.

„Warum?“

„Weil für einen Single deines Alters nichts an deinem Leben normal ist! Wann hast du zuletzt ein Date gehabt?“

Lu konnte sich nicht erinnern. Vor sechs Monaten? Acht? Sie wusste nur noch, dass der Mann sie so schnell wie möglich hatte loswerden wollen, nachdem sie ihm erzählt hatte, dass ihre Brüder bei ihr lebten und sie ihr Vormund war. Sie nahm es dem Typen nicht übel. Er hatte reagiert wie die anderen wenigen Männer, mit denen sie im Lauf der Jahre ausgegangen war, auch: zuerst der Schock und sofort danach der Wunsch, den nächsten Ausgang zu finden.

Dazu kam noch, dass sie ein großes Haus, zwei Hunde, ein riesiges Meerwasseraquarium und Katzen am Hals hatte. Kein Wunder, dass die Männer beim ersten Date davonliefen.

„Wir müssen mit dir über dich reden“, sagte Nate.

„Über mich?“ Lu zog ein Gummiband aus ihren verwaschenen Jeansshorts und band sich das mausbraune Haar zu einem kurzen Pferdeschwanz.

Nein. Sie kümmerte sich um die beiden, nicht umgekehrt. So funktionierte ihre kleine Familie nun mal.

„Wir ziehen nicht nur aus, Lu. Wir verlassen dich. Du kennst unsere Pläne: Universitätsabschluss, danach wollen wir reisen. Wir haben keine Ahnung, wo wir schließlich landen, aber sehr wahrscheinlich wird es nicht hier sein. Für uns wäre es viel leichter, wenn wir wüssten, dass du glücklich und beschäftigt bist und selbst ein erfülltes Leben hast. Wir möchten nicht, dass du an dieser Villa in der Hoffnung festhältst, dass einer von uns sie eines Tages haben will. Und das Haus ist so riesengroß, dass du nicht allein darin wohnen kannst.“

„Wir bitten dich nicht, es zu verkaufen oder so etwas …“, warf Dan ein. „Du sollst nur wissen, dass uns alles recht ist, ganz egal, was du damit machen willst: verkaufen, vermieten, eine WG gründen …“

Lu sank auf die obere der zwei Steinstufen vor der Haustür.

Nate setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern. „Nur werde bitte nicht so eine verrückte Dame, die pausenlos Selbstgespräche führt und Katzen rettet. Das war die erste Sache, die wir dir sagen wollten …“

Sie haben noch mehr? Wirklich? Menschenskind!

Daniel ging vor ihr in die Hocke, und sein Blick war viel zu erwachsen für seine achtzehn Jahre. „Lu, zum ersten Mal, seit du ungefähr in unserem Alter warst, wirst du für dich allein sein.“

Ja. Genau das deprimiert mich so.

„Wir möchten, dass du Spaß hast, dein Leben lebst. Du musst aufhören, so verantwortungsbewusst zu sein. Tu all das, was du hättest tun sollen, während du uns großgezogen hast.“

„Zum Beispiel?“

„Durch die Nachtclubs ziehen und …“, er wurde rot, „… mit einem Mann ins Bett gehen.“

Wann hatte sie zuletzt Sex gehabt? Daran erinnerte sie sich überhaupt nicht mehr.

„Also, hier kommt deine To-do-Liste. Wir möchten, dass du neue Dinge ausprobierst. Fallschirmspringen oder Surfen. Einen Töpferkurs. Tanzunterricht“, schlug Nate vor.

Daniel, ihr mode- und markenbewusster Bruder, musterte ihre Jeansshorts und das ausgeblichene lila T-Shirt und verzog das Gesicht. „Ein paar anständige Sachen könntest du dir auch zulegen.“

„Ich habe anständige Sachen!“, protestierte Lu.

„Dann trag sie!“, gab Daniel zurück. „Dein Haar braucht einen guten Schnitt. Und eine Gesichtsbehandlung wäre auch nicht schlecht. Du musst deinen Lebensstil ändern.“

Was ihre Brüder sagten, brachte eine Saite in ihr zum Schwingen – vielleicht hatten sie ja recht. Aber das hieß nicht, dass ihr diese Einmischung in ihr Leben gefallen musste.

„Ich hasse dich, Daniel. Und dich auch, Nate.“

„Nein, tust du nicht. Du liebst uns.“ Nate grinste.

Ja. So sehr. Wie sollte sie die beiden nur loslassen?

„Geh in einen Nachtclub. Einen, der hip ist. Dafür wirst du dich aufstylen müssen. Makhosi nimmt dich sicher mit.“

Natürlich würde ihr ältester und bester Freund das tun. Durch Nachtclubs zu ziehen war schließlich seine Lieblingsmethode, um Dampf abzulassen.

„Vorher braucht sie einen neuen Look. Mit dem Haar würde ich sie nirgendwo mit hinnehmen“, fügte Daniel hinzu.

„He!“, beschwerte sich Lu.

Nate nickte. „Haarschnitt, Strähnchen, neue Klamotten. Aber am wichtigsten … du solltest dir einen Job suchen.“

„Aus dem Treuhandvermögen kommt genug Geld herein.“ Daniel schüttelte den Kopf. „Sie muss nicht arbeiten.“

Nein, musste sie nicht. Wenn sie sich dazu durchringen könnte, das Geld für etwas anderes als das Nötigste zu verwenden. Sie hatte sich nie wohlgefühlt damit, das Geld ihrer Eltern für mehr als Essen, Wohnen und Auto auszugeben.

Nate warf seinem Bruder einen verächtlichen Blick zu. „Nicht wegen des Geldes, Mann. Weil es etwas ist, in das sie sich reinknien kann.“

„Oh, richtig. Guter Punkt.“

„Ihr meint also, wenn ich mir einen Job suche, in Nachtclubs gehe, mir einen neuen Look verpassen lasse, Surfen lerne …“

„Und Fallschirmspringen“, sagte Nate.

„Träum weiter.“ Lu blickte ihn wütend an. „Mich für einen Töpferkurs anmelde und Tanzunterricht nehme, dann habe ich keine Zeit, Trübsal zu blasen?“

Zwei blonde Köpfe nickten in einem ganz eigenen Zwillingstakt.

Lu starrte die Auffahrt hinunter. Sie wusste, dass ihre Brüder wahrscheinlich recht hatten. Wenn sie sich ablenkte und ständig auf Achse war, würde sie vielleicht nicht durchdrehen vor Sorge um die beiden. Es war keine schlechte Idee. „Ich werde es mir überlegen.“

„Versprich, dass du es tun wirst, dann versprechen wir, in drei Monaten nach Hause zu kommen“, sagte Nate.

„Du erpresst mich mit einem Versprechen, nach Hause zu kommen?“, fragte Lu ungläubig. „Du kleiner Mistkerl!“

Nate lachte nur und sah auf seine Armbanduhr. „Wir müssen los, Lu.“

Sie konnte es nicht ertragen. Sie hätte noch so viel sagen wollen, und als sie dann ein paar fadenscheinige Worte fand, klang ihre Stimme gedämpft vor Rührung. „Ruft an, wenn ihr da seid. Fahrt vorsichtig.“

Nate zog sie hoch, umarmte sie und küsste sie auf die Wange. „Ich liebe dich, Schwesterherz.“

Als er sie freigab, drückte Daniel sie an sich. „Pass auf dich auf. Hab Spaß. Bitte, bitte, hab Spaß.“ Er ließ sie los und stieg auf der Beifahrerseite ein. „Wir rufen an, wenn wir da sind.“

Lu nickte, berührte durch das offene Fenster seinen Arm und warf Nate eine Kusshand zu.

Ihre Jungs fuhren weg, um ein neues Leben zu beginnen …

Sie sah das Auto auf die Straße abbiegen, setzte sich auf die untere Stufe und schlug die Hände vors Gesicht.

Ihnen wird es gut gehen, sagte sie sich. Was sie selbst betraf, war sie sich nicht so sicher.

Zwei Wochen später, am Samstagabend im VIP-Bereich von „Go!“, stützte Will Scott die Ellbogen aufs Geländer und sah nach unten auf die wirbelnde Menge. Es war fast Mitternacht, und schon seit einer halben Stunde dachte er daran, den Nachtclub zu verlassen. Zu dem luxuriösen, aber kleinen und charmanten Hotel, in das er vor zwei Tagen eingecheckt hatte, konnte er zu Fuß laufen. In fünfzehn Minuten könnte er im Bett sein.

Das klang himmlisch.

Will spürte, dass sich jemand neben ihn stellte, und blickte seinen besten Freund Kelby an, Vorstandsvorsitzender des Rugbyvereins „Stingrays“, der für die nächsten drei Monate auch sein Chef war. Bei dem Gedanken stieg Panik in ihm auf.

„Wie geht es Carter?“

Der bärbeißige Cheftrainer der Rays hatte vor Kurzem einen Herzinfarkt gehabt, und die Mannschaft stand kurz vor Beginn der Spielzeit ohne Trainer da.

„Er ist nach wie vor im Krankenhaus. Die Ärzte machen noch immer Tests. Sie sprechen von einem Bypass“, erwiderte Kelby. „Er lässt dir ausrichten, du sollst es nicht vermasseln.“

„Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich genau das tun.“ Will rieb sich den Nacken. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich der Richtige dafür bin, Kelby. Schließlich werde ich nicht der Interimstrainer einer kleinen Regionalmannschaft. Die Rays sind eine der Spitzenmannschaften im Rugby.“

„Ja. Und?“

„Und ich bin erst vierunddreißig – nicht alt genug, um als Trainer zu arbeiten. Außerdem habe ich überhaupt keine Erfahrung. Ich habe mich gerade erst nach der letzten Spielzeit vom internationalen Rugby zurückgezogen.“ Will fuhr sich mit den Händen durch sein dunkelbraunes Haar.

Kelby stellte seine Bierflasche auf einen Tisch. „Seltsam, dich so nervös zu erleben. Du bist sonst der gelassenste, selbstsicherste Mensch, den ich kenne.“

„Im Moment fühle ich mich nicht allzu selbstsicher“, gab Will zu.

„Du bist der inoffizielle Trainer jeder Mannschaft gewesen, für die du gespielt hast.“ Kelby lächelte breit. „Ich erinnere mich an das erste Training, an dem du als Achtzehnjähriger teilgenommen hast. Dein Selbstbewusstsein war so groß, dass du zu – wer war das gleich noch mal? – gesagt hast, er würde zu früh aus dem Gedränge ausbrechen.“

Will senkte verlegen den Blick. Er hatte den damaligen Kapitän der englischen Nationalmannschaft angeraunzt. Die älteren Spieler hatten ihm schnell beigebracht, was Sache war: Kopf nach unten, Mund zu. Aber es stimmte, dass er schon am Anfang seiner Laufbahn dazu geneigt hatte, anderen zu sagen, was sie tun sollten.

Rugby war für ihn so selbstverständlich wie Atmen. Aber als Trainer arbeiten?

Das ist eine neue Herausforderung, sagte sich Will. Und nur ein Überbrückungsjob, während er sich entschied, was er für den Rest seines Lebens machen wollte.

Kelby sah nachdenklich aus. „Ich habe gehofft, dass du mein Angebot annimmst, erwartet habe ich es nicht. Ich weiß, dass du andere Angebote bekommen hast, zum Beispiel als Sportkommentator. Und ich weiß auch, dass du mit deinen zahlreichen Unternehmensbeteiligungen in Neuseeland genug zu tun hast. Also warum hast du diesen Job hier in Südafrika angenommen, Will?“

Er zuckte die Schultern und blickte nach unten in die Menschenmenge. Da war sie wieder, groß und schlank, in engen Jeans und einem smaragdgrünen Paillettentop. Sie hatte ein elfenhaftes Gesicht, das hellbraune Haar mit den dezenten blonden Strähnchen war kurz geschnitten. Er wünschte, er könnte sehen, welche Farbe diese hellen Augen eigentlich hatten. Blau? Grau? Sie redete mit dem Mann, mit dem sie die meiste Zeit des Abends getanzt hatte. Will wurde nicht schlau aus der Beziehung der beiden. Sie berührten sich viel, küssten einander jedoch nicht, und er ließ sie oft allein, um mit anderen Frauen zu tanzen.

Selbst von hier oben konnte Will erkennen, dass der Mann Charme hatte und ihn auch einsetzte. Was die Frau nicht zu stören schien. Sie saß auf ihrem Barhocker, wies höflich die Männer ab, die sie aufzureißen versuchten, und beobachtete die Leute.

„Will?“

Sein Freund wartete noch immer auf eine Antwort.

„Ich wollte für eine Weile weg aus Neuseeland – den ständigen Mutmaßungen entkommen, warum ich mich auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn zurückgezogen habe, was ich jetzt vorhabe, ob ich jemals sesshaft werde.“

„Und warum hast du dich auf dem Höhepunkt deiner Laufbahn zurückgezogen?“

„Genau deshalb. Weil es der Höhepunkt war. Wenn die Leute sich an meinen Beitrag zum neuseeländischen Rugby erinnern, dann erinnern sie sich hoffentlich an die letzten sieben Jahre und nicht an die Jahre, in denen ich alles dafür getan habe, meine Profikarriere und mein Leben zu ruinieren.“

„Hast du diesen Job angenommen, weil du meinst, du schuldest mir etwas?“, fragte Kelby scharf. „Wenn ja, gibt’s Ärger!“

Natürlich hatte er es deshalb getan. Wenn Kelby nicht gewesen wäre, hätte er niemals eine solche Karriere als Rugbyspieler gemacht. Er wäre in den vergangenen fünf Jahren nicht Kapitän der Mannschaft gewesen, er wäre nicht als einer der besten Spieler bekannt. Drei Monate lang Trainer der Rays zu sein, würde seine Schuld nicht einmal annähernd begleichen.

„Ich schulde dir etwas, Kelby.“

„Du hast deine Schuld längst zurückgezahlt, indem du dein Leben in Ordnung gebracht hast. Aber, wie bei allem anderen, musst du es mal wieder übertreiben.“

„Wovon redest du?“

„Du und Jo seid zu jung zu erfolgreich geworden, und es ist euch zu Kopf gestiegen. Jo war das Bad Girl des Profisports. Weil du in ihr Bett wolltest, hast du dich in ihren verrückten Lebensstil hineinziehen lassen.“

„Sex, Drogen und Rock and Roll“, sagte Will verbittert. „Dann habe ich sie geheiratet.“

„Und du mit deinem Konkurrenzdenken warst überzeugt, dass du alles, was sie tat, noch übertreffen musstest. Die Presse hat euch geliebt.“

Wir haben die Auflagen so gesteigert, dass uns die Zeitungsverlage hätten Aktien anbieten sollen, dachte Will mürrisch. Eine Stunde, nachdem sie sich kennengelernt hatten, waren Jo und er miteinander ins Bett gegangen, nach einem Monat hatten sie geheiratet. Sie hatten sich sofort zueinander hingezogen gefühlt, und die adrenalinerfüllte Lust war ebenso unwiderstehlich wie gefährlich gewesen.

„Jo hat ein wildes Leben geführt, und ich habe es geliebt. Die Nachtclubs, den Alkohol, die Partydrogen.“

Sie hatten versucht, mit ihren Terminen zu jonglieren, um sich so oft wie möglich sehen zu können. Aber jedes Treffen war zu einem lautstarken Streit ausgeartet, und irgendwann hatte Will erkannt, dass sie außer einer nachlassenden sexuellen Anziehungskraft nichts hatten, was sie zusammenhielt.

„Aber was hat das mit meinem Konkurrenzdenken zu tun?“

„Nach der Scheidung wolltest du Jo zeigen, dass du sie nicht brauchst, um dich zu amüsieren. Noch größere Partys, jede Nacht eine andere Frau, und du hast noch immer aus den falschen Gründen Schlagzeilen gemacht.“

„Ich bin entweder betrunken oder verkatert zum Training gekommen. Ja, ich erinnere mich! Du hast mich in jener Spielzeit gedeckt. Wenn die Manager gedroht haben, mich zu feuern, hast du ihnen zugesichert, du könnest mich wieder auf die rechte Bahn bringen. Warum?“

„Ich durfte nicht zulassen, dass ein so großes Talent wie du sein Leben verpfuscht“, erklärte Kelby.

Will schauderte. Wenn Kelby nicht für ihn gekämpft hätte, wäre er nie ein solch erfolgreicher Spieler und erst recht nicht Kapitän seiner Mannschaft geworden. Natürlich schuldete er Kelby etwas.

„Aber ich hatte nicht im Sinn, einen Frankenstein zu erschaffen! Als du endlich auf mich gehört hast und zur Einsicht gekommen bist, hast du dich von Mr Wild in Mr Selbstdisziplin verwandelt. Du trinkst kaum Alkohol, du lehnst Drogen fanatisch ab, und du erlaubst dir niemals eine Beziehung, die länger als eine Nacht dauert. Vielleicht zwei.“

„So lange dauert es normalerweise, bis der Funke erlischt“, verteidigte sich Will. Je heißer die Leidenschaft aufflammte, umso schneller erlosch sie. Das hatten ihn die bittere Erfahrung mit seiner Ex und ein paar kurze Affären gelehrt.

„Feuer müssen unterhalten werden, Will. Dein Problem ist, dass du glaubst, Sex belebt eine Beziehung. Tut er nicht. Jedenfalls nicht langfristig. Liebe belebt den Sex. Möglicherweise würdest du das lernen, wenn du versuchen würdest, eine Frau erst einmal kennenzulernen, bevor du mit ihr schläfst.“ Kelby warf ihm einen wissenden Blick zu. „Oder das ist dir durchaus klar, und du beschränkst dich deshalb auf One-Night-Stands. Du erlaubst dir nicht, eine Frau richtig kennenzulernen. Weil du nicht riskieren willst, dich zu verlieben.“

Liebe war das Letzte! Sie bedeutete erst heißen Sex, dann heftige Streitereien und schließlich völligen Kontrollverlust. Er verlor nicht mehr die Kontrolle über sich. Nicht auf dem Spielfeld, nicht in Beziehungen, nicht im Schlafzimmer. Es erinnerte ihn daran, wie er gewesen war und wie er nie mehr sein wollte. Er mochte nicht daran erinnert werden. „Du hörst dich an wie eine meiner Schwestern!“

Aber Kelby gab einfach keine Ruhe. „Warum versuchst du nicht, stattdessen einmal mit einer Frau befreundet zu sein?“

„So läuft das nicht.“

„Für normale Menschen schon“, erwiderte Kelby.

Darauf fiel Will keine clevere Antwort ein, weshalb er auf eine altbewährte zurückgriff. „Ach, halt doch die Klappe.“

Kelby prustete nur in sein Bier.

Will sah über das Geländer nach unten und entdeckte in der wogenden Menge auf der Tanzfläche ein paar Spieler aus seiner Mannschaft, umringt von vielen attraktiven, halb nackten jungen Frauen. Er blickte nach rechts zur Bar, zu der Frau, die das genaue Gegenteil von ihnen war. Etwas älter, aber auf eine ungekünstelte Art sexy, dachte Will, fasziniert von ihr. Zurückhaltend und trotzdem unwiderstehlich mit ihrem dezenten Make-up und dem unkomplizierten Kurzhaarschnitt, der ihr zartes Gesicht betonte.

„Verschwinden wir hier.“ Kelby stellte seine leere Flasche auf den Tisch.

Will nickte und trank sein Bier aus. Die Frau war noch immer da. Sie stand an der Bar, ein hohes Glas – dem Aussehen nach Mineralwasser – in der Hand. Anders als die übrigen Nachtclubgäste wirkte sie völlig nüchtern. Jetzt schaute sie auf ihre Armbanduhr. Ihre Körpersprache verriet, dass sie gehen wollte. Will war einen Moment lang enttäuscht, sie nicht kennengelernt zu haben.

Du bist nur für drei Monate hier. Sex war wichtig für ihn, und dennoch hatte er die One-Night-Stands satt. Da er bei dem Gedanken an eine feste Beziehung Ausschlag bekam, hatte er allerdings nicht viele Alternativen. Konnte es etwas Schlimmeres geben, als in einer Beziehung gefangen zu sein, wenn Gewohnheit und Langeweile jede erotische Anziehungskraft ausgelöscht hatten? Es war mit Jo passiert, einer der attraktivsten Sportlerinnen der Welt. Also würde es bestimmt mit jeder anderen Frau auch passieren.

Wenn er mit einer so sexy Frau wie Jo nicht zusammenbleiben konnte, dann würde er es mit einer … normaleren erst recht nicht können. Was Frauen angeht, bin ich ein gestörter Mistkerl, gestand Will sich selbst ein.

Als er mit Kelby die Treppe aus dem VIP-Bereich hinunterging, überlegte Will hin und her, welchen Ausgang er nehmen sollte. Wenn er nach rechts abbog, würde er an der Bar vorbeikommen und würde vielleicht noch einmal die Frau sehen.

Nicht, dass er sie ansprechen würde – er war nur neugierig, was für eine Augenfarbe sie hatte.

Er klatschte mit den noch nüchternen Gästen ab, die ihn erkannten. Kelby ließ sich von einigen Rugbyfans in ein Gespräch ziehen.

Will ignorierte alle Zurufe und die Angebote von Frauen, ihm einen Drink zu spendieren. Er brauchte etwa fünfzehn Minuten, um dorthin zu gelangen, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Sie war weg.

Später hätte er nicht erklären können, warum er ausgerechnet über seine Schulter in diese Richtung blickte. Aber da war sie wieder. Nur taumelte sie jetzt. Ein großer Mann hatte den Arm um sie gelegt und zog sie an sich. Sie wehrte sich nicht. Sie sah mit leerem Blick an ihm vorbei, ihr Kopf schwankte hin und her, als hätte er keinen Halt.

Sie war high.

Will runzelte die Stirn. Vor fünfzehn Minuten war die Frau noch völlig nüchtern gewesen. Er kannte sich mit Drogen aus, die Anzeichen waren eindeutig, aber er war überzeugt, dass sie ihrem Freund gesagt ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 384 - Titel 4: Viel zu schön, um wahr zu sein?" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen