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Der Tycoon und die Künstlerin

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1. KAPITEL

Tash hatte ihren Beobachtungsposten auf der Terrasse eines gut besuchten Cafés am Hafen von Fremantle bezogen. Von hier aus hatte sie freie Sicht auf den graumelierten Mann, der nicht weit von ihr entfernt an einem der Tische saß. Er unterhielt sich angeregt mit seinem jüngeren Begleiter, der ungefähr in Tashs Alter war, also um die dreißig.

Beide waren ungewöhnlich attraktiv und mehr als nur einen Blick wert. Aber es war der Ältere, Nathaniel Moore, um den es ihr ging. Er sah völlig entspannt aus, fast sorglos … Plötzlich war sich Tash nicht mehr sicher, ob ihr Vorhaben wirklich eine so gute Idee war.

Sie konnte jetzt gut verstehen, warum ihre Mutter sich damals in Nathaniel verliebt hatte. Ihre Tagebücher bezeugten, wie groß diese Liebe gewesen war – und dass sie bis zu ihrem Tod angedauert hatte.

Nathaniel Moore hatte ihre Gefühle offensichtlich erwidert. Trotzdem waren die beiden die meiste Zeit ihres Lebens getrennt gewesen.

Und das, obwohl ihre Mutter sich schon vor zwanzig Jahren von ihrem Mann Eric Sinclair hatte scheiden lassen und somit frei gewesen wäre.

Tash hätte wahrscheinlich die Tagebücher nie geöffnet und auch nicht Nathaniel Moore aufgespürt, wenn er nicht eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ihrer Mutter hinterlassen hätte. Am Tag ihres fünfzigsten Geburtstags, den sie ja nicht mehr erleben durfte.

Hatte Nathaniel womöglich Sehnsucht nach der Stimme ihrer Mutter gehabt? Das würde Tash nur zu gut verstehen! Immerhin hatte sie die Ansage auf dem Apparat noch nicht gelöscht, weil sie selber ab und zu anrief, nur um die Stimme ihrer Mutter zu hören.

Nun schaute sie wieder zu Nathaniel, der ihren Blick nicht bemerken konnte, da sie ihre Augen hinter einer Sonnenbrille versteckte. Unter seinen Augen zeigten sich bläuliche Schatten, ein Zeichen, dass auch er noch trauerte. Ganz für sich allein, dessen war Tash sich sicher.

Sein Begleiter stand jetzt auf und kam auf dem Weg nach drinnen dicht an ihrem Tisch vorbei. Er betrachtete sie, wie die meisten Männer es taten: anerkennend und zugleich flüchtig, als würden sie ausgestellte Ware prüfen. Es war die Art von Blick, die bedeutete, dass sie nie eine Chance hätte, seiner Familie vorgestellt zu werden. Dass er ihr aufregende Dessous, aber nie einen Ring schenken würde.

So ging es ihr ja immer!

Doch Tash ließ sich die Chance nicht entgehen, den Vorübergehenden ihrerseits zu mustern. Ihr stockte kurz der Atem. Sein Gesicht war markant, der Mund fest und schön geformt, aber die Augen waren … tief und blau wie der Ozean. Blau wie das kostbare Kobaltglas, mit dem sie gelegentlich arbeitete.

Mühsam richtete sie die Aufmerksamkeit wieder auf Nathaniel Moore, der nun ja allein am Tisch saß.

Tu es, jetzt gleich! befahl ihr eine innere Stimme.

Tash gehorchte. Sie nahm ihr Handy, wählte – und wartete nervös, bis die Verbindung hergestellt wurde. Prompt nahm Nathaniel sein Handy aus der Jackentasche.

Gleich ist es mit seiner Seelenruhe vorbei, dachte sie und war drauf und dran, den Anruf abzubrechen. Zu spät.

„Nathaniel Moore“, meldete er sich.

Sie atmete tief durch. „Mr Moore, es tut mir leid, Sie zu stören. Mein Name ist Natasha Sinclair. Ich bin die Tochter von Adele Porter. Sie haben sie früher gekannt.“

Er schwieg, und sie sah selbst auf die Entfernung, dass er blass geworden war. Unterschiedliche Empfindungen spiegelten sich auf seinem Gesicht: Schreck. Ungläubigkeit. Kummer.

Vor allem Kummer.

„Sie klingen genau wie Ihre Mutter“, sagte Nathaniel schließlich.

„Ich weiß. Es tut mir leid, dass ich … Alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, ich … mir geht es gut. Ich bin nur geschockt. Überrascht“, fügte er hinzu, wohl um nicht unhöflich zu klingen.

„Ja, das ist verständlich. Ich wollte mich einfach nur melden und mich versichern, dass Sie wissen …“ Seine Miene verriet ihr, was sie wissen wollte.

„Ja, ich habe es gehört“, erwiderte er nach kurzem Schweigen. „Es tut mir leid, dass ich nicht zum Begräbnis gekommen bin, aber … es war mir einfach nicht möglich.“

Tash wusste von dem Zerwürfnis der Moores und der Porters, ihre Mutter hatte sich in den Tagebüchern mehrmals darüber ausgelassen.

„Es ist schade, dass Sie sich nicht von ihr verabschieden konnten“, meinte sie leise.

Nathaniel blickte aufs Wasser hinaus. „Mein aufrichtiges Beileid, Natasha. Sie haben einen großen Verlust erlitten. Ihre Mutter war eine wunderbare Frau.“

Tash atmete tief durch und nahm einen angenehmen Duft nach Gewürzen und Moosen wahr. Sie wusste, ohne aufzublicken, wer da an ihrem Tisch vorbeiging. Nathaniels jüngerer Begleiter war auf dem Weg zurück und gönnte ihr wieder einen kurzen, aber intensiven Blick.

Ihr Herz pochte plötzlich wie rasend, und das nicht nur, weil ihre Gesprächszeit nun begrenzt war.

„Mr Moore, ich wollte Ihnen sagen, dass meine Tür Ihnen immer offensteht, wenn Sie Fragen haben oder sich unterhalten wollen. Egal, wie unsere Familien zueinander stehen“, sagte sie eindringlich.

Nathaniel stand auf, als der jüngere Mann an den Tisch kam. „Einen Moment bitte“, sagte er und ging ein Stück weg, wobei er auf das Handy zeigte.

Tash legte den Kopf in den Nacken und tat so, als lachte sie schallend. Der Jüngere konnte unmöglich wissen, dass sie gerade mit Nathaniel sprach, aber sicher war sicher. Sie wollte den Mann, den ihre Mutter bis an ihr Lebensende geliebt hatte, auf keinen Fall in Schwierigkeiten bringen.

„Sind Sie noch dran, Natasha?“, fragte er schließlich.

„Ja. Und nennen Sie mich doch bitte Tash!“ Sie entdeckte ihn nun halb versteckt hinter einer Gruppe von Topfpalmen. „Ich wollte Sie auch wissen lassen, dass meine Mutter … nie aufgehört hat, Sie zu lieben. In ihren Tagebüchern werden Sie oft erwähnt. Vor allem in denen, die sie gegen Ende geschrieben hat.“

Seine Schultern sackten sichtlich nach unten. „Sie haben sehr viel verloren, Tash.“

„Ja, das war sehr hart für mich, aber ich durfte mein ganzes Leben mit meiner Mutter zusammen sein. Dreißig Jahre. Sie war ein Geschenk des Himmels.“

„Ja, das war sie“, stimmte er leise zu.

Schweigen entstand, und sie wusste, dass er um Beherrschung rang.

„Ich glaube, wir hören jetzt besser auf“, schlug sie schließlich behutsam vor. „Vermutlich habe ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt angerufen.“

„Ja, irgendwie schon“, gab er zu. „Ich bin mit meinem Sohn zusammen.“

Sofort blickte sie zu dem jüngeren Mann. Das war also Aiden Moore! Das unternehmerische Genie, der Mann, dem die Frauen zu Füßen lagen … Obwohl er sie meist nach kurzer Zeit gleich wieder fallen ließ. Ihn umwerfend zu finden war wenig originell. Diese Reaktion teilte sie mit den meisten Frauen.

„Ich habe jetzt Ihre Nummer“, sagte Nathaniel und klang nun völlig gelassen, was angeblich auch sein Markenzeichen als Unternehmer war. „Kann ich Sie ein anderes Mal anrufen, wenn es besser passt?“

„Ja, natürlich. Gern“, stimmte sie zu und behielt Aiden im Auge.

Er ist nichts für mich, erkannte sie klar und deutlich. Egal, wie attraktiv er war, wie tief seine blauen Augen, er war ein Moore.

Und zwischen den Moores und den Porters herrschte Feindschaft. Ganz sicher hatte auch Aiden Moore diese Abneigung geerbt.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie ihn schon länger starr anschaute – und er sie ihrerseits nachdenklich und ganz unverhohlen musterte.

Sie nahm ihre Handtasche, legte Geld auf den Tisch und flüchtete sich mit weichen Knien aus dem Café. Das Handy hielt sie weiterhin ans Ohr, als ob sie immer noch ein Gespräch führen würde.

Und sie spürte Aiden Moores Blick wie ein Messer im Rücken.

Die Frau sah hier in ihrer Werkstatt ganz anders aus als im Café.

Aiden hatte allerdings schon vor Langem gelernt, nicht gleich nach dem ersten Eindruck zu urteilen. Sie hatte sehr zerbrechlich gewirkt. Offensichtlich war sie aber trotz ihrer zierlichen Statur kräftig. Sie hantierte scheinbar mühelos mit der unhandlichen Glasbläserpfeife, an deren Ende ein Klumpen glühendes Glas hing.

Mit Skrupellosigkeit konnte er bei ihr vermutlich nichts ausrichten. Also änderte er sofort seine Taktik.

Tash Sinclair sah nicht so aus, als würde sie sich einschüchtern oder kaufen lassen. Sie wirkte konzentriert und geduldig, Eigenschaften, die sie bei ihrem Handwerk brauchte. Konzentration besaß er auch, Geduld allerdings nicht.

Erstaunlich, wie souverän diese kleine Person mit dem heißen, riskanten Material umging! Den Overall hatte sie bis zur Taille heruntergerollt und die Ärmel verknotet. Darunter trug sie nur ein Tanktop.

Entweder ist sie unglaublich selbstbewusst oder unglaublich dumm, dachte Aiden. Bestimmt war sie Ersteres, denn eine dumme Frau hätte seinen Vater nicht so mühelos einwickeln können.

Er hätte gern ihre Augen gesehen, aber sie trug leider eine Schutzbrille. Im Café war es eine riesige Sonnenbrille gewesen.

Trotzdem hatte er gemerkt, wie intensiv diese Fremde seinen Vater beobachtete. Und dass sie es zu verbergen versuchte. Sobald sie gemerkt hatte, dass ihr Spiel aufflog, war sie verschwunden. Er hatte zum Glück noch einen Blick auf ihr Gesicht werfen können, auf die Form ihrer Lippen, auf die kurzen, lockigen Haare. Das hatte genügt, um sich ihr Aussehen zu merken – und sie sofort wiederzuerkennen, als sie eine Woche später im Park gegenüber von MooreCos Firmengebäude auftauchte.

Und dort seinen Vater traf!

Nun steckte sie das heiße Glasgebilde in einen bereitstehenden Eimer Wasser, woraufhin Dampf aufstieg. Als der sich verzog, bemerkte Aiden, dass sie den Kopf zu ihm gedreht hatte. Winzige Wassertropfen waren auf ihrer Haut kondensiert, im Licht des Schmelzofens glitzerte das so, als wäre sie selbst aus Glas gewirkt.

„Oh, Mr Moore!“, begrüßte sie ihn ganz unverfroren. „Was kann ich für Sie tun?“

Sie wusste also, wer er war. Ihre Stimme verriet eine Spur Nervosität.

Und wie soll ich jetzt weiter vorgehen? fragte er sich. Ihr zu befehlen, die Affäre mit seinem Vater zu beenden, würde nichts bewirken. Das würde eher Widerstand bei ihr wecken.

Aiden räusperte sich. „Ich würde gern einige Ihrer Objekte für unsere Lobby erwerben. Etwas Originelles. Mit Bezug zur Natur. Haben Sie so etwas?“

Das konnte sie jetzt nicht abstreiten, denn alles, was sie schuf, hatte Vorbilder in der Natur. Er hatte sich natürlich im Internet über sie informiert, bevor er hierher in ihre Werkstatt gekommen war. Tash Sinclair hatte einen sehr guten Ruf in Kunstkreisen.

Sie schob die Schutzbrille in ihr helles Haar und behauptete: „Das ist nicht der wahre Grund, warum Sie hier sind.“

Endlich konnte er ihre Augen sehen. Sie waren groß, schokoladenbraun und glänzten wie das Glas, aus dem sie so großartige Kunstwerke schuf.

„Ich bin vielleicht nicht in erster Linie wegen des Kaufs gekommen, aber ich meine es durchaus ernst. Ihre Arbeit ist faszinierend“, erklärte Aiden und betrat nun ungefragt ihr Atelier. Dort schlenderte er herum und betrachtete die Stücke auf den Regalen: eine Ansammlung von hohen, filigran wirkenden Vasen, dazu detaillierte Darstellungen bizarrer Meeresbewohner wie Seepferdchen, Feuerfische und Quallen.

Aus dem Augenwinkel beobachtete er, dass Tash die Finger zu ihren zerzausten Haaren hob und dann die Hände gleich wieder sinken ließ. Aha! Sie versuchte zwar, den Vater zu umgarnen, aber sie war trotzdem besorgt, ob sie gut genug aussah für den Sohn!

Plötzlich hatte er eine Idee. Wenn er diese kleine Künstlerin abhalten wollte, sich seinen Vater zu angeln, war die beste Waffe vielleicht weder Geld noch böse Worte, sondern etwas Persönliches. Er selbst.

Wenn es ihr nur um den Namen und das Vermögen ging – damit konnte er auch dienen. Vielleicht ließ sie sich durch ihn von seinem Vater ablenken, der immerhin seit dreißig Jahren verheiratet war.

Wenn es ihr nicht egal war, was er von ihr dachte, standen seine Chancen nicht schlecht. Allerdings war sie so gar nicht sein Typ. Für seine heißen Affären bevorzugte er brillante, ehrgeizige Frauen. So ziemlich das genaue Gegenteil von zierlichen, kunstbeflissenen, burschikosen Personen mit großen braunen Augen.

Trotzdem musste er versuchen, Tash Sinclairs Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis sie von seinem Vater nicht länger wie besessen war.

Für seine Mutter würde Aiden einfach alles tun! Er musste um jeden Preis verhindern, dass sein Vater ihr untreu wurde. Hoffentlich war es noch nicht zu spät.

„Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause, Mr Moore“, sagte Tash Sinclair spöttisch, während sie die Gelenkschützer abnahm und auf die Werkbank warf.

Er wies auf den Eimer. „Woran arbeiten Sie gerade?“

„Das war ein Probestück für eine Vase. Ich war noch nicht zufrieden damit.“ Sie zog den Glasklumpen aus dem Wasser. Er zeigte jetzt Risse und Sprünge. „Um den Rand herum sollen irgendwann einmal rosa Papageien sitzen“, beschrieb sie das Design.

„Die Vase nehme ich.“

„Das Stück steht erst zum Verkauf, wenn ich damit zufrieden bin.“ Sie lachte und warf das kaputte Glas in einen großen Eimer. „Außerdem kommen Sie mir nicht wie ein Mann vor, der eine Vase mit Papageien zu schätzen weiß.“

„Ich weiß Qualität zu schätzen. In jeder Form.“

Sichtlich irritiert zog sie die Brauen zusammen. „Falls sie Ihnen noch immer gefällt, wenn sie fertig ist, mache ich Ihnen noch eine zweite dazu. Als Paar für den Empfangstresen. Das kostet allerdings ein schönes Stück Geld.“

„Ich erwarte keine Freundschaftspreise.“

„Gut. Wir sind ja auch keine Freunde.“ Ihre dunklen Augen blitzten. „Was führt Sie wirklich her?“

Nun legte er die Karten auf den Tisch. „Sie haben uns in dem Café am Hafen beobachtet.“

Tash zuckte die Schultern. „Zwei so gutaussehende Männer ziehen eben die Blicke auf sich. Ich war bestimmt nicht die Einzige, die zu Ihnen geschaut hat.“

Das klang nicht wie ein Kompliment.

„Sie haben sich letzte Woche mit meinem Vater getroffen“, warf Aiden ihr weiter vor.

„Ja, gegenüber von Ihrem Bürohaus. Das war also kein ‚heimliches Stelldichein‘, wie man früher gesagt hätte. Weiß Ihr Vater, dass er unter Beobachtung steht?“

„Ich bin zufällig vorbeigekommen“, log er.

„Weiß er denn, dass ich unter Beobachtung stehe?“, wollte sie weiter wissen.

Aiden blinzelte. Diese Frau war in einem Kunstatelier verschwendet. Jetzt ahnte er, dass sein Vater an Tash Sinclair nicht nur wegen der vollen Lippen und der unschuldigen Augen interessiert war. Die Frau hatte Verstand – und keine Angst, ihn zu nutzen.

„Gehen Sie mit mir essen“, forderte er sie auf.

„Nein.“ Sie lachte.

Das kränkte ihn. „Dann bringen Sie mir bei, wie man Glas bläst“, verlangte er.

„Auf gar keinen Fall!“

„Machen Sie einige Stücke exklusiv für MooreCo“, versuchte er es wieder.

Sie war Profi, eine Künstlerin. Einen Auftrag würde sie nicht ablehnen.

Hoffte er jedenfalls.

Nachdenklich sah sie ihn an. „Müsste ich dazu in Ihr Firmengebäude kommen?“

Es war ein Risiko, sie in die Nähe seines Vaters zu lassen, aber er selbst würde ja auch dabei sein. Außerdem könnte er sie dann im Auge behalten. Versuchen, sie für sich zu gewinnen.

„Ja, das müssten Sie, Miss Sinclair. Zur Besprechung, zum Vorlegen Ihrer Entwürfe und zur Aufstellung der Stücke.“

Sie schien zu überlegen. „Sind Sie dann auch dort?“

„Natürlich“, antwortete Aiden, von ihrem unfreundlichen Ton getroffen. „Ich bin schließlich derjenige, der die Stücke in Auftrag gibt.“

„Natürlich. Also, wann soll ich dort sein?“, erkundigte sie sich.

Rasch ging er in Gedanken die Termine seines Vaters durch und wählte den, der sich am wenigsten verschieben ließ und Moore Senior zudem ans andere Ende der Stadt führen würde.

Aiden nannte Tash Tag und Uhrzeit.

„Einverstanden. Ich werde da sein.“ Sie setzte die Schutzbrille wieder auf und wandte sich, ohne ein weiteres Wort, wieder ihrer Arbeit zu.

Noch nie bin ich bei einem Gespräch so effektiv ausgebootet worden, dachte er. Hatte er die Diskussion überhaupt auch nur einen Moment lang unter Kontrolle gehabt, oder hatte er sich das nur eingebildet?

Immerhin hatte er bekommen, was er wollte. Wie auch immer das Verhältnis zwischen Tash und seinem Vater war, sie wusste jetzt, dass er Bescheid wusste. Er konnte einen Keil zwischen die beiden treiben und eine engere Beziehung verhindern.

Eigentlich hätte es nicht besser laufen können!

2. KAPITEL

Tash freute sich, dass Aiden Moore ihr mit seinem Auftrag den perfekten Vorwand lieferte, um Nathaniel näherzukommen. Da war ihr egal, was hinter dem Auftrag wirklich steckte.

Jeder Mann, mit dem sie ausgegangen war, hatte anfangs etwas von ihr gekauft oder wenigstens Interesse an ihren Objekten geheuchelt. An solchen Männern lag ihr nichts mehr, egal, wie lukrativ ihre Aufträge waren.

Charismatische Männer wie Aiden Moore, die aus der Oberschicht stammten, gedachten ohnehin nicht mit Frauen wie ihr das ganze Leben zu verbringen. Nein, Frauen wie sie gaben fantastische Mätressen ab, sie waren Schaustücke bei langweiligen Dinnern und verhalfen zu Ansehen in Künstlerkreisen.

Aus ihr und Aiden konnte ohnehin kein Paar werden. Wegen der Familienfehde. Falls er davon noch nichts wusste, würde er es bald herausfinden. Damit wäre alles gelaufen, denn der alte Zwist musste ja seine Abneigung gegen sie verstärken.

Dass er sie nicht leiden konnte – obwohl seine Blicke deutlich sein erotisches Interesse verraten hatten –, war ihr bei seinem Besuch im Atelier ganz klar geworden. Nathaniel hatte ihr zwar empfohlen, sich nicht um die Fehde zu kümmern, doch der hatte gut reden! Immerhin war er der Grund für die ganzen Zerwürfnisse.

Sie und Aiden waren sozusagen die Erben des Familienkriegs.

Tash lief die Stufen von der Bahn zur Straße hinauf und machte sich auf den Weg zum Firmensitz von MooreCo. Sie würde gleich Nathaniel wiedersehen, und diesmal nicht heimlich. Er hatte ein wichtiges Treffen verschoben, als er hörte, dass sie in die Firma kommen würde. Es gefiel ihm, dass er ihr jetzt auf geschäftlicher Basis begegnen konnte. Ganz offiziell.

„Da sind Sie ja, Miss Sinclair. Herzlich willkommen.“

Aiden stand vor dem Firmensitz, quasi als Empfangskomitee. Er führte sie, eine Hand leicht auf ihren Rücken gelegt, ins Gebäude. Die Eingangshalle war hoch, modern und von geradezu himmlischem Licht erfüllt, da die Front weitgehend aus riesigen Fenstern bestand. Es war das ideale Ambiente für Kunstwerke aus Glas.

Zuerst brachte er sie zum Sicherheitscheck, wo sie sich anmelden musste.

„So, für Sie“, sagte der Mann am Tresen und reichte ihr eine ID-Karte. „Dann lasse ich Mr Moore wissen, dass Sie auf dem Weg nach oben sind.“

„Das weiß ich doch schon“, meinte Aiden belustigt.

„Ich meinte Mr Moore Senior“, erklärte der Mann. „Er erwartet Miss Sinclair.“

Tash spürte, wie Aiden sich verkrampfte. Sollte er doch. Sein Vater war erwachsen und konnte sich treffen, mit wem er wollte.

„Na dann, auf nach oben“, sagte Aiden steif.

Die Fahrt im Lift dauerte zum Glück nicht lang und verlief unter unbehaglichem Schweigen. Der Aufzug stoppte, die Türen öffneten sich.

Nathaniel stand im Flur und sah ihnen entgegen. Tash ging zu ihm und hielt ihm die Wange hin für den Begrüßungskuss.

„Tash! Es ist eine Freude, Sie zu sehen!“ Er sah seinen Sohn an, der mit versteinerter Miene danebenstand. „Ich wusste gar nicht, dass ihr beiden euch kennt.“

„Ich könnte genau dasselbe sagen, Dad.“

Nathaniel überging die Bemerkung. „Sie wollen also einige Wunderwerke für unsere Eingangshalle schaffen, Tash. Ich freue mich schon auf die Entwürfe.“

„Und ich freue mich, mit Ihnen zu arbeiten.“ Höflich fügte sie hinzu. „Mit Ihnen beiden, meine ich. Sollen wir gleich anfangen?“

Sie gingen den Flur entlang.

„Was ist aus deinem Treffen mit Larhills geworden, Dad?“, fragte Aiden leise.

„Das wurde glücklicherweise verschoben.“

Aiden hielt ihnen höflich die Tür zum Konferenzraum auf. „Woher kennt ihr beiden euch eigentlich?“

„Ich kannte ihre Mutter. Dass Tash eine großartige Künstlerin ist, habe ich erst vor Kurzem erfahren“, fügte Nathaniel hinzu.

Sie spürte direkt, wie frustriert und verwirrt Aiden war. Beinah hätte sie ihn bedauert. Sein besorgtes Stirnrunzeln machte ihr plötzlich Gewissensbisse. Was hatte sie sich dabei gedacht, in das harmonische Leben der Moores einzubrechen und an alte Geheimnisse zu rühren?

Sie beschloss, sich für ihre Arbeit nicht bezahlen zu lassen, sondern sie Nathaniel zu schenken. Als Andenken an ihre Mutter …

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