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Die sinnliche Rache des stolzen Italieners

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1. KAPITEL

Dieser Besprechung sah Eliza schon seit Wochen mit Bangen entgegen. Nachdem sie mit ihren vier Kolleginnen im Lehrerzimmer Platz genommen hatte, versuchte sie sich gegen die erwartete Hiobsbotschaft zu wappnen.

„Wir schließen.“

Die Worte der Schulleiterin sausten wie das Fallbeil einer Guillotine auf die Anwesenden herab. Eliza dachte an ihre Erstklässler, die alle aus ähnlich traurigen und vernachlässigten Verhältnissen stammten wie sie selbst. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, ihren Schülern den Weg in ein besseres Leben zu ebnen. Was sollte aus ihnen werden, wenn ihre kleine selbstverwaltete Schule geschlossen wurde? In dem völlig unterfinanzierten staatlichen Schulsystem würden sie sang- und klanglos untergehen. Unsichtbar werden, genau wie ihre Eltern und Großeltern.

Und fast wie sie selbst.

Dieser deprimierende Kreislauf aus Armut und Vernachlässigung würde nie enden. Das Leben der Kinder würde ruiniert sein, bevor es richtig begonnen hatte, dabei steckte so viel Potenzial in ihnen.

„Gibt es denn wirklich gar nichts, was wir tun könnten, um das scheinbar Unabänderliche wenigstens noch eine Weile hinauszuschieben?“, meldete sich Georgie Brant, die die Drittklässler unterrichtete, zu Wort. „Wie wär’s, wenn wir es wieder mal mit einem Kuchenverkauf oder einer Tombola versuchen?“

Marcia Gordon, die Schulleiterin, schüttelte betrübt den Kopf. „Ich fürchte, dafür ist es zu spät. Das Einzige, was uns jetzt noch retten könnte, wäre eine Großspende … und zwar noch vor Ende des Schuljahres.“

„Aber die Sommerferien beginnen doch schon nächste Woche!“, warf Eliza ein.

Marcia seufzte. „Tja. Tut mir wirklich leid, aber so ist nun mal die Lage. Alle unsere Bemühungen, die Kosten niedrig zu halten, haben am Ende leider nichts genutzt.“

„Was ist, wenn einige von uns vorübergehend für weniger Geld arbeiten oder vielleicht sogar ganz auf Gehalt verzichten?“, schlug Eliza vor. „Ich könnte mich für einen, notfalls auch zwei Monate über Wasser halten.“ Länger allerdings nicht, sonst würde sie ernsthafte Probleme bekommen. Aber irgendetwas musste man doch tun können! Bestimmt gab es da draußen irgendwen, der bereit war zu helfen. Sie mussten sich an die Öffentlichkeit wenden!

Bevor Eliza dazu kam, ihre Gedanken zu artikulieren, meldete sich Georgie zu Wort: „Wie wär’s, wenn wir uns mit einem Spendenaufruf an die Zeitungen wenden? Könnten wir nicht die Presse mal wieder daran erinnern, was für gute Arbeit wir hier für unterprivilegierte Kinder leisten? Vielleicht hört ja jemand unseren Hilferuf und alles wird gut.“ Sie verdrehte die Augen und ließ sich frustriert in ihren Stuhl zurücksinken. „Noch besser wäre natürlich, wenn jemand von uns einen von den Superreichen persönlich kennen würde!“

Eliza saß plötzlich ganz still da, ihr Nacken fing an zu kribbeln. Dann rieselte ihr ein Schauer über den Rücken, ihr Herz schlug schneller.

Leo Valente.

Leo war in der Tat sehr reich gewesen … war es immer noch.

„Was ist mit dir, kennst du nicht jemanden, Lizzie?“ Georgie hatte sich nach ihr umgedreht.

„Äh … nein“, gab Eliza zurück. „Wer verkehrt schon in solchen Kreisen?“ Es ist schon so lange her …

Marcia klickte ein paarmal mit ihrem Kugelschreiber und machte dabei ein nachdenkliches Gesicht. „Also gut, versuchen kann man’s ja. Ich werde die Medien über unsere Situation unterrichten, und bestimmt bringen sie dann auch einen Spendenaufruf. Wenn wir so viel sammeln könnten, dass wir wenigstens bis Weihnachten durchhalten, wäre das besser als nichts.“ Sie erhob sich und suchte ihre Unterlagen zusammen. „Ein entsprechender Brief an die Eltern geht morgen raus.“

In dem Moment, in dem Eliza in ihre Straße einbog, erblickte sie den glänzenden Sportwagen. Er sah aus wie ein schwarzer Panther auf der Jagd – die Halogen-Scheinwerfer kamen ihr vor wie scharfe Augen, denen nichts entging. Der Innenraum war so dunkel, dass man den Fahrer nicht erkennen konnte, aber Eliza spürte instinktiv, dass es jemand war, der zu ihr wollte. Und als er direkt vor ihrem Haus einparkte, lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Beim Anblick der hochgewachsenen dunkelhaarigen Gestalt, die sich wenig später aus dem Innern schälte, stockte ihr der Atem. Ihr Herz streikte für einen Moment, bevor es anfing, wie verrückt zu hämmern. Leo! Das war Leo Valente, den sie seit über vier Jahren nicht gesehen hatte. Sie war wie betäubt, ihre Knie zitterten.

Was wollte er hier? Wie hatte er sie gefunden?

Er kam auf sie zu. Sie rang immer noch um Fassung, als er vor ihr stehen blieb. „Leo … “ Ihre Stimme klang erstickt.

Er neigte grüßend den dunklen Kopf. „Eliza“, sagte er steif.

Sie schluckte krampfhaft. So eine sexy Stimme gehörte verboten … und so eine megaattraktive Erscheinung auch! Leo war hochgewachsen, dunkel und schlank, mit fast schwarzen Augen. Das kantige Kinn und die kompromisslose Mundpartie kündeten von Eigenwilligkeit. Allerdings hatten die vergangenen vier Jahre ihre Spuren in Leos Gesicht hinterlassen. Seine tiefschwarzen Haare waren an den Schläfen leicht ergraut, und die Linien, die sich von den Nasenflügeln zu seinen Mundwinkeln zogen, kamen bestimmt nicht vom vielen Lachen.

„Hi …“ Sofort wünschte sie sich, eine förmlichere Anrede gewählt zu haben. Immerhin waren sie nicht gerade freundschaftlich auseinandergegangen.

„Ich will mit dir reden.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Fenster ihrer Parterrewohnung. „Können wir reingehen?“

Sie holte verunsichert Atem. „Ähm … ich bin etwas in Eile …“

In seine Augen trat ein harter Glanz. „Fünf oder zehn Minuten reichen mir.“

Eliza versuchte seinem Blick standzuhalten, aber sie schaffte es nicht. „Also gut.“ Sie atmete hörbar aus. „Fünf Minuten.“

Mit zitternden Fingern schloss sie ihre Wohnungstür auf und winkte ihn herein. Im Flur hatte sie das Gefühl, dass seine breiten Schultern den Raum fast ausfüllten. Er schaute sich argwöhnisch um. Befürchtete er, dass ihm gleich die Decke auf den Kopf fallen könnte?

„Wie lange wohnst du schon hier?“

Sie reckte das Kinn. „Seit vier Jahren.“

„Zur Miete?“

Eliza biss die Zähne zusammen. Wollte er sie demütigen? „Ich muss noch eine Weile sparen, bevor ich mir was Eigenes leisten kann“, sagte sie, während sie ihre Tasche auf dem Tischchen im Flur abstellte.

„Vielleicht könnte ich dir ja dabei helfen.“

Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die plötzlich trockenen Lippen. „Ich verstehe nicht …“, sagte sie zögernd. „Aber trotzdem – nein danke.“

„Können wir uns nicht irgendwo setzen?“

Eliza zögerte. Sie war immer noch total verwirrt, ihn nach so langer Zeit plötzlich wiederzusehen. „Ähm … ja … na klar“, stammelte sie. „Komm rein.“

Ihr Wohnzimmer war so winzig, dass es mit Leo in der Mitte fast wie eine Puppenstube wirkte. Eliza verzog das Gesicht, als sein Kopf haarscharf an ihrer Hängelampe vorbeischrammte. „Setz dich.“ Sie deutete auf die Couch.

„Und du?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.

„Äh … ich hole mir einen Stuhl aus der Küche …“

„Ich gehe. Setz dich.“

Eigentlich wollte Eliza darauf bestehen, den Stuhl selbst zu holen, aber ihr zitterten die Knie. Deshalb ließ sie sich erleichtert auf die Couch sinken und legte ihre Hände auf die Oberschenkel, um ihre Beine ruhig zu halten.

Leo kehrte mit einem Stuhl zurück, den er auf den einzig dafür infrage kommenden freien Platz vor dem Sofa stellte, und setzte sich lässig mit weit gespreizten Beinen hin. Eliza beschloss zu warten, bis er das Wort ergriff. Das Schweigen dehnte sich, während er reglos dasaß und sie aus unergründlichen dunklen Augen musterte.

„Du trägst keinen Ehering“, stellte er schließlich fest.

„Nein …“ Sie verflocht ihre Hände in ihrem Schoß und spürte, dass ihre Wangen glühten.

„Aber du bist noch verlobt?“

Eliza fuhr mit dem Zeigefinger leicht über den Brillantring an ihrer Hand. „Ja … ja, ich bin …“

Der Blick, der sie traf, war vernichtend. „Das ist aber eine verdammt lange Verlobungszeit. Dein Zukünftiger muss ja eine Engelsgeduld haben.“

Sie dachte an den armen Ewan, der da, festgezurrt in seinem Spezialstuhl, tagein, tagaus in totaler Abhängigkeit mit leerem Blick vor sich hinstarrte. Ja, geduldig war genau das, was Ewan jetzt war. „Er scheint zufrieden, so wie es ist“, sagte sie.

In seinem Unterkiefer zuckte ein winziger Muskel. „Und du?“ Er musterte sie eindringlich. „Bist du zufrieden?“

Eliza zwang sich, seinem Blick standzuhalten. Konnte er ihr ansehen, wie einsam und unglücklich sie war? Dass sie in der Falle saß? „Ja, sicher“, gab sie, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück.

„Wohnt er auch hier?“

„Nein, er hat ein Haus.“

„Und warum lebt ihr nicht zusammen?“

Eliza schaute auf ihre Hände. Dabei entdeckte sie unter einem Fingernagel blaue Plakatfarbe und einen gelben Fleck auf einem Fingerknöchel. Gedankenverloren versuchte sie, mit dem Daumen den Fleck abzureiben. „Ich hätte es zu weit bis in die Schule“, erklärte sie. „Aber an den Wochenenden sind wir so oft wie möglich zusammen.“

Ein brodelndes Schweigen machte sich breit.

Als Eliza ein Geräusch hörte, schaute sie auf. Leo war aufgestanden und tigerte unruhig auf dem engen Raum hin und her, mit zu Fäusten geballten Händen, die er rhythmisch öffnete und wieder schloss. Plötzlich blieb er stehen und erdolchte sie fast mit einem erbitterten Blick. „Warum?“

Eliza stellte sich dumm. „Wie … warum?“

„Was hat er, was ich nicht habe?“

„Er war vor dir da, und er liebt mich.“ Sie hatte sich oft gefragt, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie Ewan nie kennengelernt hätte.

Er zog finster die Augenbrauen zusammen. „Und ich? Glaubst du, ich hätte dich nicht geliebt?“

Eliza schnaubte. „Du hast mich nicht geliebt, Leo. Du hast eine Zuflucht gesucht, nachdem du eben erst deinen Vater verloren hattest. Da war dir die erstbeste Gelegenheit gerade recht …“

„Ich wollte dir die Welt zu Füßen legen.“ Er presste die Lippen aufeinander. „Aber du ziehst es vor, in äußerst bescheidenen Verhältnissen zu leben, verlobt mit einem Mann, der offenbar gar nicht ernsthaft den Wunsch hat, sein Leben mit dir zu teilen. Woher weißt du, dass er dich nicht betrügt, wenn du nicht da bist?“

„Ich weiß es eben“, sagte Eliza, traurig über so viel bittere Ironie. Es gab wahrscheinlich nichts, worüber sie besser Bescheid wusste, als über das, was Ewan vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche trieb.

„Dann betrügst also du ihn?“, fragte er mit zynischem Blick.

Sie presste nur stumm die Lippen zusammen.

Sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr. „Warum hast du es mir damals nicht gleich gesagt? Warum hast du mich so auflaufen lassen?“

Eliza dachte an diese drei Wochen reinster Glückseligkeit in Italien zurück. Es war ihr erster Urlaub seit Ewans Unfall achtzehn Monate zuvor gewesen. Seine Mutter Samantha hatte darauf beharrt, dass sie sich eine Auszeit gönnte.

Leo Valente kennenzulernen war so bittersüß gewesen. Natürlich hatte sie tief drin die ganze Zeit über gewusst, dass ihr Urlaubsabenteuer kein Happy End haben würde, trotzdem hatte sie jeden einzelnen Tag bis zur Neige ausgekostet. Sie hatte sich von der romantischen Stimmung mitreißen lassen und sich eingeredet, dass sie ja niemandem schadete.

„Im Nachhinein gesehen hast du recht“, stimmte Eliza zu. „Aber für mich war es einfach nicht mehr als ein Urlaubsflirt, ich bin nie davon ausgegangen, dass wir uns jemals wiedersehen. Das mit dem Heiratsantrag hat mich völlig überrascht. Wir waren ja noch nicht mal einen Monat zusammen.“

Wieder spiegelte sich Bitterkeit auf seinem Gesicht. „Da hattest du zu Hause wenigstens was zu lachen. Welcher Mann macht sich schon freiwillig so zum Idioten?“

Eliza stand auf und schlang ihre Arme um ihren Oberkörper. Sie trat ans Fenster und schaute auf den Rosenstrauch, der einsam und zerzaust im Vorgarten stand. Er hatte nur noch eine einzige, aus drei Blütenblättern bestehende Blüte. „Ich habe niemandem von dir erzählt“, sagte sie. „Nach meiner Rückkehr erschien mir das alles wie ein Traum.“

„Auch deinem Verlobten nicht?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Sie drehte sich zu ihm um. „Weil er es nicht verstanden hätte.“

„Das kann ich mir denken.“ Leo schnaubte verächtlich. „Seine Verlobte sucht sich gleich an ihrem ersten Abend im Urlaub einen anderen Mann fürs Bett. Kein Wunder, dass er das nicht verstanden hätte.“

Eliza streifte ihn mit einem eisigen Blick. „Zeit zu gehen, Leo. Deine fünf Minuten sind um.“

Mit einem einzigen langen Schritt war er bei ihr. Eliza stockte der Atem, als er so unerwartet und viel zu dicht vor ihr aufragte. Sie sah, dass seine Nasenflügel bebten … als würde er ihre Witterung aufnehmen.

Und auch sie selbst nahm plötzlich seinen Duft wahr: Ein würziger Zitronenduft mit einer feinen Holznote, der ihre Sinne peinigte und eine Flut von Erinnerungen an die Oberfläche spülte. Eliza spürte, wie sich ihr Blut erhitzte. Wie sich ihre Haut straffte und zu prickeln begann. Wie ihr Inneres anfing zu pulsieren, wie ihre Lust erwachte. Ihre Körper erkannten einander, ihre Antennen nahmen Verbindung auf.

„Ich möchte dir einen Vorschlag machen“, verkündete er.

Eliza schluckte schwer. „Hoffentlich keinen Heiratsantrag“, sagte sie unangebracht flapsig.

Er lachte, aber es war kein schöner Klang. „Nein, keine Angst. Es handelt sich um ein Angebot, ein sehr lukratives, um genau zu sein.“

Ein Angebot? Eliza versuchte in seinem Gesicht zu lesen. In seinen dunklen Augen schwelte etwas Bedrohliches. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. „Ich brauche dein Geld nicht“, sagte sie in einem Anfall von trotzigem Stolz.

Er verzog süffisant den Mund. „Du vielleicht nicht, aber deine Schule offenbar schon.“

Sie gab sich größte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Woher um alles in der Welt wusste er das? Die Pressekonferenz war doch erst vor zwei Stunden gewesen, Artikel waren noch keine erschienen. Hatte er eigene Nachforschungen angestellt? Und was mochte er sonst noch über sie in Erfahrung gebracht haben? Sie warf ihm einen wachsamen Blick zu. „Worum geht’s?“

„Um fünfhunderttausend Pfund.“

Sie schnappte nach Luft. „Und?“, brachte sie schließlich mühsam heraus.

Seine Augen glitzerten gefährlich. „Ich möchte, dass du den nächsten Monat mit mir in Italien verbringst.“

Eliza wurde es für einen Moment schwarz vor Augen. Sie leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen und versuchte trotz des Orkans, der in ihrem Innern tobte, die Fassung zu wahren. „In … in welcher Funktion?“

„Ich brauche eine Vertretung für mein Kindermädchen.“

Es war wie ein Dolchstoß mitten ins Herz. „Du … du bist verheiratet?“

Seine Augen glitzerten immer noch kalt und hart, der Mund war nur ein dünner Strich. „Ich war verheiratet“, präzisierte er. „Ich bin Witwer und habe eine Tochter. Sie ist drei.“

Eliza rechnete schnell nach. Er musste seine Frau kurz nach ihrer Abreise aus Italien kennengelernt haben. Das schmerzte mehr, als wenn er erst kürzlich geheiratet hätte. Leo hatte sich damals also sehr schnell getröstet, ganz anders als sie selbst. Aber was war mit seiner Frau passiert? Konnte sie es wagen zu fragen?

Eliza schaute auf seine linke Hand. „Du trägst keinen Ehering.“

„Nein.“

„Was … was ist passiert?“

Seine Augen quälten sie weiterhin mit dieser dunklen Intensität. „Mit meiner Frau?“

Eliza nickte. Wie weh das tat, diese Worte aus seinem Mund zu hören … Meine Frau. Eine Bezeichnung, die eigentlich für sie bestimmt gewesen war. Allein der Gedanke, dass er mit einer anderen Frau zusammengelebt, mit ihr Liebe gemacht hatte, war unerträglich. Dass er eine andere Frau geliebt hatte. Sie hatte gelernt, nicht daran zu denken. Es tat einfach zu weh, sich das Leben vorzustellen, das sie mit ihm hätte führen können, wenn alles anders gewesen wäre.

Wenn sie frei gewesen wäre …

„Giulia hat sich das Leben genommen.“ Sein Gesicht blieb undurchdringlich, nur in seinen Augen war ein kurzes Aufflackern von Schmerz, eine Gefühlsaufwallung, die er jedoch sofort wieder unter Kontrolle hatte.

„Oh, mein Gott! Das muss schrecklich für dich gewesen sein … muss es immer noch sein …“

„Vor allem für meine Tochter war es traumatisch“, sagte er. „Auf einmal war ihre Mutter weg, und sie verstand nicht, warum.“

Eliza konnte die tiefe Verzweiflung des Kindes sehr gut nachfühlen. Sie selbst war sieben gewesen, als ihre Mutter sie bei entfernten Verwandten abgegeben hatte, weil sie dabei war, in einer Hölle aus Alkohol und Drogen zu versinken. Erst Monate später hatte ihre Großtante ihr eröffnet, dass ihre Mutter sie nie mehr abholen würde. Man hatte sie nicht einmal mit ans Grab ihrer Mutter genommen, damit sie sich verabschieden konnte. „Weiß deine Tochter, dass ihre Mutter tot ist?“

„Alessandra ist erst drei.“

„Auch mit einer Dreijährigen kann man reden“, wandte sie ein. „Es ist sehr wichtig, ihr die Wahrheit zu sagen. Kleine Kinder verstehen mehr, als Erwachsene oft glauben.“

Er trat ans Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Es dauerte lange, bis er wieder sprach. „Alessandra ist anders als andere Kinder.“

Eliza befeuchtete sich wieder die Lippen, die mittlerweile trocken waren wie Pergament. „Also, ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ausgerechnet ich geeignet bin, dir zu helfen. Ich bin beruflich voll ausgelastet, außerdem habe ich private Verpflichtungen. Ich kann nicht einfach für vier Wochen wegfahren.“

Er drehte sich um und fixierte sie mit seinem Blick. „Wenn du dich weigerst, wirst du sehr bald keinen Job mehr haben.“

„Wie kannst du das wissen? Bis jetzt ist noch nichts davon nach außen gedrungen.“

„Ich habe meine Verbindungen.“

Er hat definitiv Nachforschungen angestellt, dachte Eliza. Mit wem hatte er gesprochen? Der Gedanke, dass er so viel über ihre Lebenssituation in Erfahrung gebracht hatte, verunsicherte sie mächtig. Was wusste er sonst noch?

„Am kommenden Wochenende beginnen die Sommerferien“, sagte er. „Du hast sechs Wochen Zeit, über die du frei verfügen kannst.“

„Ich habe schon Urlaubspläne, die will und kann ich nicht in letzter Sekunde umstoßen.“

Er hob eine dunkle Augenbraue. „Nicht mal für eine halbe Million Pfund?“

Eliza versuchte, sich so viel Geld auf einem Haufen vorzustellen, und schaffte es nicht. Geld, das ihren kleinen Schützlingen den so verzweifelt benötigten Bildungsschub bringen könnte. Trotzdem war ihr die Sache alles andere als geheuer. Was führte Leo im Schilde? Wollte er sich womöglich irgendwie an ihr rächen?

„Warum ausgerechnet ich?“

Seine Augen gaben nichts preis. „Weil du die erforderliche Qualifikation hast.“

„Ach so!“ Eliza lachte spöttisch. „Jung und weiblich, richtig?“

In seinen Augen blitzte etwas Dunkles auf. „Das ist ein großes Missverständnis, Eliza. Ich suche keine Geliebte, sondern ein Kindermädchen.“

Warum fühlte sie sich verletzt? Was für eine törichte Vorstellung, dass er nach all den Jahren zu ihr zurückgekehrt sein könnte, weil sie eine nicht zu füllende Leerstelle in seinem Herzen hinterlassen hatte!

„Schön. Aber ich sage trotzdem Nein, auch wenn dein Angebot noch so verlockend ist.“ Sie hob leicht das Kinn. Sein Blick weigerte sich, ihren loszulassen. Es war äußerst unangenehm, einer so intensiven Musterung unterzogen zu werden.

„Das meinst du nicht wirklich, ich sehe es dir an“, erwiderte er nachdenklich.

„Du irrst“, widersprach sie schneidend.

Aber er ließ sich nicht beirren und fragte: „Also, ja oder nein? Was sagst du, Eliza?“

Eliza nagte an ihrer Unterlippe. Was sollte sie tun? Das Schicksal der Schule lag in ihren Händen. Wenn sie auf seinen Vorschlag einging, würden alle Schüler – und Lehrer – davon profitieren. Vielleicht könnte sie sogar das Förderprogramm für alleinerziehende Mütter in Angriff nehmen, von dem sie schon lange träumte, ein Programm, mit dem man damals auch ihre Mutter vielleicht hätte retten können …

„Würden dir zusätzliche fünfhunderttausend Pfund bei deiner Entscheidungsfindung helfen?“

Jetzt blieb Eliza aber doch die Spucke weg. Konnte das wirklich sein, dass er ihr für einen vierwöchigen Aushilfsjob insgesamt eine Million Pfund anbot? Wer machte denn so etwas?

„Ist das … dein … Ernst?“, fragte sie stockend.

Er nickte. „Ja. Das Angebot gilt allerdings nur, wenn du hier und jetzt unterschreibst.“

Sie runzelte die Stirn. „Was denn unterschreiben?“

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, zog er ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche seines Sakkos. „Eine Verschwiegenheitsvereinbarung. Das heißt, du verpflichtest dich, mit niemandem über deine Tätigkeit bei mir zu reden, vor allem nicht mit der Presse.“

Eliza nahm das Blatt entgegen und überflog den Text, der sie gegenüber Dritten zu absolutem Stillschweigen verdonnerte unter der Androhung, andernfalls die erhaltene Summe in vollem Umfang und mit zwanzigprozentiger Verzinsung zurückzubezahlen. Sie schaute ihn wieder an. „Deine Privatsphäre scheint dir ja wirklich heilig zu sein.“

Er schwieg.

Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens straffte sie die Schultern und streckte die Hand aus. „Hast du einen Stift?“

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