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JULIA EXTRA BAND 382

EMMA DARCY

Verführung auf den ersten Blick

Milliardär Michael Finn kann jede haben – bis auf eine: Lucy Flippence scheint eine Mauer gegen seinen Charme errichtet zu haben. Liegt dahinter ein Geheimnis? Wenn ja, will er es herausfinden …

LOUISA GEORGE

Küsse in einer Frühlingsnacht

„Sasha?“ Ungläubig erkennt Nate seine erste große Liebe Sasha wieder: diese roten Locken, dieser bezaubernde Mund, der zum Küssen einlädt – er hat sie nie vergessen! Aber was will sie von ihm?

LUCY MONROE

Sag zum Abschied „Ich liebe dich!“

Gillian denkt nicht daran, Prinz Maksim zu erhören. Erst hat er sie verstoßen, weil sie ihm kein Kind schenken konnte. Jetzt ist sie von ihrer Abschiedsnacht schwanger, und er will sie zurück! Träum weiter, Prinz …

KATE HARDY

Zwei wie Feuer und Wasser

Emmy ist bildhübsch, aber viel zu emotional, findet Dylan. Denn an Gefühle glaubt er nicht. Aber was soll er machen? Zusammen müssen sie sich um ein Baby kümmern, und Küsse und Kinderlachen bringen ihn an seine Grenze …

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Verführung auf den ersten Blick

1. KAPITEL

Eine geliebte Tochter, die am falschen Ort beigesetzt wurde.

Ein Mann, der in einem Grab buddelte.

Ein Hund, der im Erinnerungsgarten Amok lief, sodass mehreren Marmorengeln die Köpfe abgebrochen waren.

Was für ein Montagmorgen! dachte Lucy Flippence auf dem Weg zum Greenlands-Friedhof. Es war ihre Aufgabe, sich mit solchen Situationen auseinanderzusetzen. Dabei käme ihr gerade heute ein bisschen Freizeit sehr gelegen, denn schließlich hatte ihre geliebte Schwester Geburtstag.

Ich könnte Ellie zum Mittagessen einladen, überlegte Lucy. Ich bin so gespannt, wie sie mit der neuen Frisur und den Sachen, die ich ihr geschenkt habe, aussieht!

Angesichts der Tatsache, dass es Ellies dreißigster Geburtstag war, hielt Lucy eine komplette Typveränderung für längst überfällig. Während der vergangenen zwei Jahre hatte ihre Schwester sich hinter tristen, farblosen Kleidern versteckt und war so sehr in ihrer Position als Michael Finns persönliche Assistentin aufgegangen, dass sie ihr Privatleben völlig vernachlässigt hatte. Kein Mann – außer ihrem Chef – hatte es bisher geschafft, Ellies Interesse zu wecken.

Im Augenblick konnte Lucy ihre Schwester allerdings gut verstehen. Sie hatte selbst gerade in Port Douglas eine höchst unerfreuliche Erfahrung mit einem ungehobelten Kerl gemacht. Irgendwie kam es ihr so vor, als würden sich alle vielversprechenden Verehrer früher oder später als Missgriff entpuppen. In achtundzwanzig Jahren war ihr noch kein einziger Ritter begegnet, dessen schimmernde Rüstung nicht ziemlich schnell an Glanz verloren hätte.

Dennoch würde sie die Hoffnung nicht aufgeben. Ihr gefiel der ständige Reiz des Neuen, und sie liebte das Gefühl, begehrt zu werden – selbst wenn es nur von kurzer Dauer war. Es war den Schmerz wert, der auf die Schmetterlinge folgte. Solange sie lebte, würde sie dort draußen weiter nach der wahren Liebe suchen. Das hatte ihre Mutter ihr schon früh ans Herz gelegt, da sie selbst einen grauenhaften Versager geheiratet hatte, weil sie damals mit Ellie schwanger gewesen war.

Mach diesen Fehler niemals! Die Warnung ihrer Mutter war Lucy nie aus dem Kopf gegangen, deshalb sah sie sich in Beziehungsfragen vor. Außerdem wollte sie sowieso keine eigenen Kinder bekommen, um ihre Legasthenie nicht weiterzuvererben. Einem Kind zuzumuten, was sie selbst in der Schule hatte durchmachen müssen, fand sie unverantwortlich. Dieser unheilbare Makel versperrte ihr viele Wege, die anderen Menschen wie selbstverständlich offenstanden.

Die Vorstellung, ein unschuldiges Kind zur Welt zu bringen, in dessen Gehirn einige Areale nicht richtig miteinander kommunizierten, war für Lucy unerträglich. Das würde sie niemals riskieren. Natürlich bedeutete diese Entscheidung, dass sie möglicherweise auch nie heiraten würde. Wozu den Bund fürs Leben eingehen, wenn man ohnehin keine Familie gründen wollte?

Allerdings hegte sie nach wie vor die Hoffnung, eines Tages einem Mann zu begegnen, der ebenfalls keinen Wert auf eigene Kinder legte. Vielleicht jemandem, der auch einen genetischen Makel hatte und der zufrieden damit war, seine Liebe allein seiner Ehefrau zu schenken. Dieser Gedanke trieb Lucy stetig an, weiter nach ihrem Glück zu suchen.

Endlich war der Friedhof vor den Toren von Cairns in Sichtweite. Der Name „Greenlands“ hätte nicht treffender gewählt sein können: Die gesamte Umgebung war von saftigem Grün überwachsen – nicht ungewöhnlich im tropischen Norden von Queensland. Der August vor der großen Hitze war zudem ein äußerst angenehmer Monat, und Lucy freute sich darüber, in keinem Büro eingesperrt zu sein.

Als sie den Van auf dem Parkplatz abstellte, fiel ihr ein Mann auf, der neben einem der Gräber mit einer Schaufel hantierte. Er schien nicht mehr der Jüngste zu sein, und Lucy spürte instinktiv, dass von ihm keinerlei Gefahr ausging. Entschlossen marschierte sie auf ihn zu. Normalerweise reichte ihr bloßer Anblick, um ihren Mitmenschen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Sie liebte es nämlich, sich ungewöhnlich zu kleiden. Die Sonntags-Flohmärkte in Port Douglas waren eine wahre Fundgrube für ausgefallene Stoffe und kreative Accessoires. Gestern hatte sie zum Beispiel zahlreiche Holzketten und Armbänder gekauft, die perfekt zu ihrem heutigen Hippielook passten. Der extrabreite Ledergürtel hatte dieselbe Farbe wie ihre Schnürsandalen mit Keilabsatz. Dazu trug sie eine weite schulterfreie Bluse mit einer schönen Lochstickerei und einen Jeans-Minirock. Die langen blonden Haare waren locker hochgesteckt, um die XXL-Holzohrringe zur Geltung zu bringen. Lucy wirkte nicht wie eine offizielle Friedhofswärterin, und genau diese Tatsache hatte ihr schon häufig einen entscheidenden Vorteil verschafft.

Der ältere Mann sah sie auf sich zukommen und hörte auf zu graben. Mit beiden Händen stützte er sich auf dem Stiel seiner Schaufel ab und musterte Lucy von oben bis unten, so wie es die meisten Männer taten, denen sie begegnete – ganz unabhängig vom Alter. Neben ihm befanden sich zwei Plastiksäcke mit Blumenerde, und hinter ihm lag ein mittelgroßer Rosenbusch auf der Seite.

„Sie sind Balsam für ein Paar müde Augen, Mädchen“, begrüßte er sie und schenkte ihr ein väterliches Lächeln. „Besuchen Sie hier einen geliebten Menschen?“

„Ja, immer wenn ich in dieser Gegend bin, schaue ich bei meiner Mutter vorbei“, antwortete sie und erwiderte sein Lächeln. Das Gesicht des Mannes war zerfurcht und von Altersflecken übersät. Sie schätzte ihn auf etwa achtzig Jahre, trotzdem wirkte sein Körper ausgesprochen drahtig und trainiert.

„Ihre Mutter, was?“, brummte er. „Muss ziemlich jung von uns gegangen sein.“

Lucy nickte. „Sie war erst achtunddreißig Jahre alt.“ Zehn Jahre älter als Lucy heute. Diese Tatsache veranlasste Lucy, stets das Optimale aus ihrem Leben herauszuholen … carpe diem!

„Was ist mit ihr geschehen?“, wollte der Alte wissen und hob mitleidig die Augenbrauen.

„Sie hatte Krebs.“

„Oh, das ist ein harter Tod.“ Traurig schüttelte er den Kopf. „Sollte wohl froh sein, dass meine liebe Frau nicht lange leiden musste. Das Herz wollte nicht mehr mitmachen, dabei war sie erst fünfundsiebzig. Fast hätten wir es bis zu unserer diamantenen Hochzeit geschafft.“

„Bestimmt haben Sie eine sehr glückliche Ehe geführt?“, fragte Lucy, obwohl sie nicht sicher war, ob es so etwas überhaupt gab. Sie kannte viele Paare, die nur zusammenblieben, weil ihnen der Gedanke an das Alleinsein Angst einjagte. Echte Liebe stellte sie sich anders vor!

„Meine Gracie war ein wunderbarer Schatz.“ In seiner Stimme lagen Liebe und Sehnsucht. „Ich hätte sie niemals gegen eine andere Frau eingetauscht. Sie war die Beste und die Einzige für mich. Ich vermisse sie unfassbar …“ Tränen traten in seine ohnehin schon wässrigen Augen.

„Es tut mir unendlich leid“, sagte Lucy sanft und wartete, bis er seine Fassung wiedererlangt hatte. „Wollen Sie diese Rose für Gracie einpflanzen?“

„Ja“, antwortete er heiser und räusperte sich. „Sie liebte Rosen, und ganz besonders diese Sorte, weil sie so intensiv duftet. Ich habe sie aus unserem eigenen Garten mitgebracht. Kann doch meine Gracie nicht ohne ihre Lieblingsblumen lassen.“

„Nun, Mr …?“

„Robson. Ian Robson.“

„Lucy Flippence“, stellte sie sich vor. „Ich komme von der Friedhofsverwaltung, Mr Robson. Jemand hat uns gemeldet, Sie würden sich an einem Grab zu schaffen machen. Deshalb hat man mich hergeschickt. Aber wie ich sehe, wollen Sie keinen Schaden anrichten. Solange Sie hinterher aufräumen, können Sie gern Ihren Rosenbusch einpflanzen.“

„Keine Sorge, Miss. Ich werde nicht nur aufräumen, sondern mich auch regelmäßig um die Pflanze kümmern. Werde sie hegen und pflegen, damit sie wunderbar für meine Gracie blühen kann.“

Lucy strahlte ihn an. „Es war wirklich schön, Sie kennenzulernen, Mr Robson. Jetzt werde ich meiner Mutter mal einen Besuch abstatten.“

„Gott schütze Sie“, rief er ihr zum Abschied nach.

„Danke, Sie auch!“

Während Lucy davonging, dachte sie darüber nach, dass Ian Robson mit Sicherheit ein echter Prinz für seine Gracie gewesen war. Eine solche Hingabe ging nur aus einer wahren Liebe hervor, die für die Ewigkeit bestimmt war. Ein seltenes Phänomen, aber Lucy fand es äußerst beruhigend, dass es zumindest existierte. Vielleicht erlebte auch sie einmal das Gleiche …?

Vor dem Grab ihrer Mutter blieb sie stehen und betrachtete nachdenklich die Inschrift auf dem Stein.

Veronika Anne Flippence

Geliebte Mutter von Elizabeth und Lucy

Auf den Zusatz Geliebte Ehefrau von George hatten sie bewusst verzichtet, denn das wäre eine glatte Lüge gewesen. Unmittelbar nachdem man bei ihrer Mutter unheilbaren Krebs diagnostiziert hatte, war ihr Vater aus dem gemeinsamen Haus verschwunden. Allerdings wäre er ohnehin keine Hilfe gewesen. Jedes Mal, wenn er damals von der Minenarbeit in Mount Isa zurückgekommen war, hatte er sich betrunken und war gewalttätig geworden.

Also hatten die Schwestern ihre Mutter bis zu ihrem Tod ganz allein gepflegt, und es war bestimmt besser so gewesen. Ihr Vater war ein Mistkerl der allerschlimmsten Sorte! Ellie hatte sogar herausgefunden, dass er in Mount Isa über lange Zeit mit einer anderen Frau ein Doppelleben geführt hatte. Lucy war heilfroh, dass er endgültig aus ihrem Leben verschwunden war. Sie hasste ihn dafür, ihrer Mutter nicht die Liebe gegeben zu haben, die sie verdient hatte.

„Heute hat Ellie Geburtstag, Mum“, sagte sie laut. „Das weißt du sicherlich. Ich habe ihr neue Klamotten geschenkt. In den letzten Monaten war sie so trübsinnig und nur auf die Arbeit fixiert, und ich möchte sie daraus befreien. Du hast uns ermahnt, immer aufeinander achtzugeben, und Ellie nimmt ihre Aufgabe extrem ernst. Sie hilft mir, wo sie kann, weil ich mich mit meinem Handicap niemand anderem anvertrauen will. Und ich versuche sie dabei zu unterstützen, endlich den Richtigen zu finden. Aber um von Männern bemerkt zu werden, muss sie eben ein bisschen mehr aus sich herausgehen. Sie sollte der Liebe eine faire Chance geben, findest du nicht auch?“

Lächelnd dachte Lucy darüber nach, was ihre Schwester ihr heute Morgen am Telefon erzählt hatte. Es schien fast, als würde endlich ein anderes Leben für Ellie beginnen: Zusätzlich zu den neuen Kleidern hatte Ellie sich auch einen neuen Schnitt und eine neue Haarfarbe verpassen lassen. Eine radikale Typveränderung.

Perfekt! Männer mochten fröhliche Frauen, die mitten im Leben standen.

„Falls du ein Wunder vollbringen kannst, Mum, schicke doch Ellie und mir zwei Herzensprinzen vorbei! Okay? Das wäre dann ein Geburtstag, den wir sicherlich nie vergessen würden.“

Seufzend schüttelte sie den Kopf über ihre absurde Bitte. „In der Zwischenzeit muss ich ein paar Engelsköpfe einsammeln, bevor sie noch mehr Schaden nehmen“, murmelte Lucy. „Mach es gut und bis bald!“

Im Erinnerungsgarten stellte Lucy entsetzt fest, dass viel mehr Engel in Mitleidenschaft gezogen worden waren, als zuerst gedacht. Die Köpfe waren außerdem wahnsinnig schwer. Sie fuhr den Van rückwärts an den Eingang heran und brauchte trotzdem noch eine geschlagene Stunde, bis alle beschädigten Teile eingeladen waren. Jetzt musste sie die Köpfe bloß noch beim Steinmetz abliefern.

Aber das konnte bis nach dem Mittagessen warten. Wenn sie sich jetzt nicht auf den Weg zu Ellies Büro machte, würde sie ihre Schwester womöglich verpassen. Mit Mühe und Not schaffte sie es, das Bürogebäude um kurz nach zwölf zu erreichen. Dort angekommen, klopfte sie atemlos an Ellies Tür und streckte den Kopf herein.

Ihre Schwester – ihre völlig veränderte, verschönerte Schwester – saß am Schreibtisch.

Lucy grinste. „Hast du gerade Zeit?“, wollte sie wissen. Ellies Antwort hörte sie schon gar nicht mehr. „Oh, ich liebe deine Haare, Ellie!“ Sie durchquerte den Raum und schob ihre Hüfte seitlich auf den Schreibtisch. „Es ist supersexy“, fuhr Lucy angeregt fort. „Sieht aus, als wärst du gerade aus dem Bett gefallen und hättest dort eine richtig gute Zeit gehabt. Steht dir hervorragend! Und passt perfekt zu den Klamotten, die ich ausgesucht habe. Ich muss schon sagen, du haust einen um.“ Ihre sherrybraunen Augen leuchteten. „Und jetzt sag mir, dass du dich genauso hervorragend fühlst!“

Ellie lächelte. „Ich bin froh über diese Radikalveränderung. Wirklich. Und wie war dein Wochenende?“

Das war typisch für sie, sofort wieder von sich abzulenken. Lucy schüttelte den Kopf. „Ach, so lala“, antwortete sie und warf theatralisch ihre Hände in die Luft. „Aber mein Vormittag war schrecklich.“

Von dem enttäuschenden Wochenende in Port Douglas wollte sie gar nicht erst anfangen, daher begnügte sie sich damit, von ihrem bizarren Arbeitstag zu berichten. Ellie schien von der Geschichte gefesselt zu sein, bis sich ihr Blick plötzlich starr über Lucys linke Schulter auf die Tür richtete.

„Engelsköpfe?“, wiederholte eine tiefe, männliche Stimme verwundert.

Lucy kroch ein Schauer über den Rücken. Sie hatte keine Ahnung, ob allein der Klang einer Stimme zum Verlieben sein konnte – für sie fühlte es sich jedenfalls so an. Neugierig drehte sie den Kopf, und dort stand er: der perfekte, umwerfend schöne Prinz ihrer Träume.

Michael Finns Verstand verabschiedete sich angesichts dieser überwältigenden Mischung aus Weiblichkeit und Erotik. Die langen, schlanken Beine fielen ihm zuallererst auf. Zwischen eleganten Schnürsandalen und einem knappen Minirock war ein großzügiger Abschnitt davon zu bewundern. Und die bestickte weiße Bluse gab perfekt geformte, nackte Schultern frei. Lange, blonde Strähnen hatten sich aus der Hochsteckfrisur gelöst und fielen locker über die bronzebraune Haut.

Zwar sah er das Gesicht der hübschen, jungen Frau nur im Profil, war aber sofort von dem kleinen Grübchen auf ihrer Wange hingerissen. Wild gestikulierend erzählte sie eine Geschichte, die genauso faszinierend war wie sie selbst.

Engelsköpfe? Er hatte das Wort ausgesprochen, ohne dabei dessen Bedeutung zu begreifen. Michael war verblüfft, wie heftig und unmittelbar die Wirkung war, die diese junge Frau auf ihn ausübte.

Normalerweise nahm er Frauen in seiner Umgebung ganz genau unter die Lupe, bevor er entschied, ob es sich für ihn lohnte, sich näher mit ihnen einzulassen. Doch diese Besucherin, die dort bei Elizabeth auf dem Schreibtisch saß, ließ ihn alle Vorbehalte vergessen. Tief in seinem Inneren sehnte er sich danach, sie kennenzulernen.

Dann drehte sie sich zu ihm um, und ihre Augen wurden größer. Riesige braune Augen mit winzigen goldenen Punkten auf der Iris. Ein heller Lippenstift betonte den vollen, sexy Mund, der sich zu einem gehauchten „Oh, wow!“ öffnete.

Michael hätte dasselbe gesagt, wenn ihn seine Stimme nicht im Stich gelassen hätte. Sein Körper fühlte sich an, als stünde er in Flammen, als die Fremde ihn von Kopf bis Fuß musterte. Er fand ihr unverhohlenes Interesse an ihm zutiefst erregend. Seine Männlichkeit erwachte mit aller Kraft, was ihm bei einer ersten Begegnung mit einer Frau noch nie passiert war – nicht einmal im hormongeplagten Teenageralter. Heute, mit fünfunddreißig Jahren, war es erst recht eine völlig neue Erfahrung für ihn, die er ziemlich beunruhigend fand.

Immerhin rühmte er sich, grundsätzlich und in jeder Situation Herr seiner Sinne zu bleiben.

„Sind Sie etwa Ellies Boss?“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn neugierig an, als denke sie über all das nach, was sich zwischen ihnen beiden entwickeln könnte.

Ellie? Er brauchte einen Moment, bis er begriff, dass sie von Elizabeth sprach. „Ja. Ja, das bin ich wohl“, antwortete er schließlich. „Aber wir duzen uns hier alle, das gehört zur Firmenpolitik. Also nenn mich doch bitte Michael! Und du bist …?“

„Lucy Flippence, Ellies Schwester. Ich arbeite bei der Friedhofsverwaltung, da habe ich es öfter mal mit Engeln zu tun.“

„Verstehe.“ Etwas länger als nötig schüttelte er ihre ausgestreckte Hand. „Freut mich wirklich sehr, dich kennenzulernen. Ach, und das hier ist mein Bruder Harry.“

Er zeigte auf den Mann, der hinter ihm aus dem angrenzenden Büro kam. Insgeheim hoffte er, dass Lucy auf Harry nicht denselben Effekt hatte wie auf ihn. Er wollte nicht mit seinem Bruder konkurrieren – und diese Frau war definitiv ein Männermagnet.

Voller Genugtuung beobachtete er, wie sie Harry kurz zuwinkte und ihn anschließend kaum mehr beachtete. Stattdessen strahlte sie Michael an.

„Ich wollte Ellie zum Mittagessen einladen, um ihren Geburtstag zu feiern“, verkündete sie.

„Das ist ja witzig! Ich hatte nämlich genau die gleiche Idee. Lunch in der Mariners Bar. Um ein Uhr.“

„Irre! Die Mariners Bar! Das ist aber ein großzügiges Geschenk.“

„Warum kommst du nicht einfach mit? Es ist ein viel schöneres Geburtstagsessen, wenn mehr Gäste dabei sind.“

„Dann leiste ich euch auch Gesellschaft“, schaltete Harry sich ein.

„Ich habe aber nur einen Tisch für zwei reserviert.“ Ellie klang gehetzt und ungewöhnlich schrill.

„Kein Problem. Ich sorge schon dafür, dass wir alle Platz haben. Schließlich kennt man mich dort.“ Michael lächelte Lucy an. „Wir freuen uns doch, wenn ihr mitkommt.“

„Zu viert macht es viel mehr Spaß“, stimmte sie zu. „Oder, Ellie?“

„Ja, sicher.“ Ihre Schwester zog die Augenbrauen hoch und atmete tief durch. „Mit dir am Tisch verfallen wir zumindest nicht in peinliches Schweigen.“

Lucy war nicht beleidigt, sondern kicherte. „Also abgemacht. Danke für die Einladung, Michael. Und schön, dass du auch mitkommst, Harry.“

Die Dinge entwickelten sich zu Michaels Zufriedenheit. Harry konnte das Geburtstagskind unterhalten, während er selbst sein Glück bei der zauberhaften Lucy versuchte. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es möglicherweise keine gute Idee war, ausgerechnet die Schwester seiner Assistentin in sein Bett zu holen. Er konnte an nichts anderes mehr denken, als daran, Lucy näherzukommen.

2. KAPITEL

Lucy konnte ihr Glück kaum fassen. Der Märchenprinz mochte sie und wollte Zeit mit ihr verbringen. Besser konnte es gar nicht laufen. Traumhaft schön und superreich … dieser Mann ließ keine Wünsche offen. Wieso hatte Ellie eigentlich nie erwähnt, wie sexy ihr Boss war?

Dieser Gedanke ließ Lucy auf dem Weg hinunter zur Marina nicht mehr los. Stimmte etwas nicht mit Michael Finn? Weshalb hatte Ellie nicht selbst ein Auge auf ihn geworfen? Das musste Lucy unbedingt in Erfahrung bringen, bevor sie sich auf ihn einließ.

Im Augenblick sprach allerdings nichts dagegen, diesen wunderbaren Tag in vollen Zügen zu genießen. Zu ihrer Freude war Michael wie selbstverständlich mit ihr zusammen vorausgegangen und sie hatten Elizabeth und Harry weit hinter sich gelassen.

„Erzähl mir etwas von dir, Lucy“, begann er. „Wie kommst du dazu, für eine Friedhofsverwaltung zu arbeiten? Mit deinem Aussehen könntest du eher Fotomodell sein.“

Er hatte silbergraue Augen – höchst eindrucksvoll, wie alles an ihm. Lucy fühlte sich durch sein Kompliment geschmeichelt, auch wenn er es bestimmt nicht sonderlich ernst meinte. Und die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Sie erzählte Michael von ihren Erfahrungen in der Modelbranche, den Vor- und Nachteilen eines solchen Lebens, und von ihrem Job als Reiseführerin. Schließlich berichtete sie noch von ihrem Kurzausflug in die Welt des professionellen Tanzes.

„Kannst du eigentlich tanzen, Michael?“, wollte sie wissen. „Ich meine, wirklich tanzen?“

„Meine Mutter hat sogar darauf bestanden, dass Harry und ich Tanzstunden nehmen“, antwortete er lachend. „Sie hielt es für einen wichtigen Teil der Erziehung und meinte, wir würden ihr irgendwann dankbar dafür sein. Am Ende behielt sie recht, auch wenn wir uns zuerst gewehrt haben.“

„Eine Mutter weiß eben am besten, was gut für ihre Kinder ist“, kommentierte Lucy.

„Oh, ja, da ist was Wahres dran. Sie wusste immer alles besser.“ Seine Miene veränderte sich und wurde starr.

„Wusste? Heißt das, deine Mutter ist …?“, erkundigte Lucy sich vorsichtig.

Er wandte ihr sein Gesicht zu. „Erinnerst du dich nicht an den Flugzeugabsturz, bei dem meine Eltern ums Leben kamen? Es stand in allen Zeitungen.“

Leider kam es häufig vor, dass ihr wichtige Dinge und Informationen entgingen, weil sie wegen ihrer schweren Legasthenie keine Zeitungen las und auch das Internet kaum benutzte.

„Wie lange ist das her?“, fragte sie.

„Fast zehn Jahre.“ Er seufzte. „Vielleicht warst du ja noch zu jung, um einer solchen Nachricht Aufmerksamkeit zu schenken. Wie alt bist du eigentlich, Lucy?“

„Achtundzwanzig. Vor etwas mehr als zehn Jahren starb auch meine Mutter an Krebs. Damals hatte ich keinen Kopf für irgendetwas anderes als meine Familie.“

„Ja, verständlich.“

Sein Gesicht entspannte sich wieder und zeigte sogar ein kleines Lächeln. Sie war erleichtert, dass ihre gegenseitige Sympathie keinen Dämpfer erlitten hatte. „Mein Vater verließ uns kurz vor Mums Tod. Seitdem gibt es nur noch mich und Ellie.“

„Wohnt ihr zusammen?“

„Ja, wir teilen uns ein Apartment. Ellie ist eine ganz wunderbare Schwester und Mitbewohnerin.“

Plötzlich bekam Lucy ein schlechtes Gewissen. Immerhin war heute Ellies Geburtstag, und Lucy hatte sich praktisch selbst zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht wollte ihre Schwester ja mit ihrem Chef allein sein? Außerdem schien sie sich mit seinem Bruder nicht gut zu verstehen, das konnte man schon an ihrer Körpersprache ablesen.

Dabei war Harry ein außerordentlich attraktiver Mann, dessen sportliche Kleidung seinen muskulösen Körper ziemlich vorteilhaft betonte. Mit seiner leicht gebogenen Nase sah er auf eine herbe, abenteuerliche Weise wirklich gut aus. Wilde schwarze Locken und stahlblaue Augen vervollständigten das Bild.

„Kann es sein, dass Ellie und Harry nicht miteinander auskommen?“ Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, zu viert auszugehen. Falls Ellie sich tatsächlich unwohl fühlte, würde Lucy selbstverständlich sofort den Rückzug antreten. Ganz gleich, wie wundervoll sich die unverhoffte Begegnung mit Michael anfühlte. Wenn es dieser Traumprinz ernst mit ihr meinen sollte, trafen sie sich ganz bestimmt bald wieder. Es wäre Ellie gegenüber nicht fair, ihr den dreißigsten Geburtstag zu verderben, indem man ihr eine Situation zumutete, auf die sie keine Lust hatte.

„Schwer zu sagen“, antwortete Michael trocken. „Mir ist noch nie jemand begegnet, der Harry nicht mochte. Er besitzt einen natürlichen Charme, allerdings tritt er Elizabeth mit seinen Annäherungsversuchen zur Zeit etwas zu nah.“

Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch.

„Keine Sorge“, fügte er schnell hinzu. „Ich gebe ihm einen Wink, dann wird er sich schon benehmen.“

Trotzdem war Lucy entschlossen, Ellie gleich zur Seite zu nehmen und unter vier Augen zu fragen, wie sie sich ihren großen Tag vorgestellt hatte. Aber in der Zwischenzeit sprach nichts dagegen, Michaels erfrischende Gesellschaft zu genießen.

„Wir haben eben über das Tanzen gesprochen“, erinnerte er sie. „Model, Reiseführerin, Tanzcoach – wie wird man nach einer solchen Karriere zur Friedhofswärterin?“

„Oh, da gab es noch diverse andere Stationen in meiner beruflichen Laufbahn“. Sie lachte laut auf. „Mit den Tanzstunden habe ich mir beispielsweise eine Kosmetikausbildung finanziert. Danach habe ich in diesem Beruf für mehrere Kaufhäuser und Urlaubsresorts gearbeitet.“ Sie zwinkerte ihm vergnügt zu. „Also, falls du mal eine Fußmassage oder Pediküre brauchst … darin bin ich unschlagbar.“

„Eine Frau mit vielen Talenten“, entgegnete er vergnügt.

Sie liebte sein Lachen und die Art, wie es ihr Herz wärmte. Aber was sollte sie tun, falls Ellie seinen Bruder tatsächlich unausstehlich fand? Damit wäre auch Lucys Tag ruiniert.

Bitte nicht! dachte sie.

Michael fragte sie weiter aus und schien immer mehr über sie erfahren zu wollen, und Lucy genoss diese Aufmerksamkeit. Die meisten Männer in ihrer Umgebung redeten am liebsten über sich selbst. Aber Michael vermittelte ihr den Eindruck, er wäre nie zuvor im Leben jemandem wie ihr begegnet. Ob diese Faszination von Dauer war … das blieb abzuwarten.

Außerdem wäre er bestimmt nicht mehr so beeindruckt gewesen, wenn er die Wahrheit gekannt hätte. Nämlich, dass sie ständig den Job wechselte, weil sie sich auf keine Aufgabe länger einlassen konnte. Irgendwann wurde die Gefahr einfach zu groß, wegen ihrer Legasthenie negativ aufzufallen. Und an dem Punkt brach Lucy immer wieder alle Brücken ab, bevor ihr Handicap öffentlich wurde. Die Dyslexie war ein Fluch, mit dem sie allein leben musste.

Endlich erreichten sie die Cocktailbar neben dem Restaurant.

„Hey, Mickey“, rief Harry ihnen zu. „Ich besorge den Mädels was zu trinken, und du kannst inzwischen das mit dem Tisch regeln.“

„Alles klar“, erwiderte Michael und ließ Lucy dabei nicht aus den Augen.

Mickey Finn? Unauffällig verdrehte Lucy die Augen. Das klang ziemlich kindisch, aber Harry kam ihr auch wie ein zu groß geratener Junge vor, der sich partout weigerte, erwachsen zu werden.

Michael verschwand, und Harry brachte die Schwestern zu zwei freien Hockern an der Bar, nachdem er für alle Margaritas bestellt hatte.

„Oh, Ellie liebt Margaritas“, verriet Lucy fröhlich. „Sie ist übrigens die tollste Schwester, die man sich vorstellen kann. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte. Sie erdet mich und ist sozusagen mein ganz persönlicher Anker.“

„Ein Anker“, wiederholte er nachdenklich. „Das ist genau das, was mir in meinem Leben fehlt.“

„Ein Anker würde dich nur runterziehen, Harry“, bemerkte Elizabeth trocken. „Es würde sich für dich anfühlen, als hättest du einen Klotz am Bein.“

Er lachte vergnügt.

„Fetzt ihr euch immer so?“, wollte Lucy wissen.

„Auf jeden Fall fliegen des Öfteren die Funken“, behauptete er grinsend.

Ellie konterte: „Ich muss zugeben, Harrys Gesellschaft ist ziemlich anregend.“

Kichernd klatschte Lucy in die Hände. „Oh, das gefällt mir! Wir werden ein fantastisches Geburtstagsessen haben.“

Als Harry sich kurz abwandte, um die Drinks entgegenzunehmen, lehnte sich Lucy dicht zu ihrer Schwester. „Er ist genau das, was du jetzt brauchst, Ellie. Mit dem kannst du Spaß haben. Du bist immer so vernünftig und fleißig. Jetzt soll aus dem Arbeitsbienchen mal ein schöner Schmetterling werden.“ Hastig sah sie über die Schulter, aber Harry war in ein Gespräch mit dem Barkeeper vertieft. „Und ich schnappe mir Michael, er ist echt ein Traum. Warum hast du mir nie erzählt, wie umwerfend er ist?“

„Ach, ich fand ihn immer etwas unterkühlt“, antwortete ihre Schwester vage.

„Nein, der ist heiß!“

„Ist wohl Geschmackssache. Mich jedenfalls reizt Harry mehr“, behauptete Ellie, doch irgendwie klang sie dabei unglaubwürdig.

„Es wäre doch witzig, wenn wir irgendwann über Kreuz heiraten würden.“

„Nun preschst du ein bisschen weit vor, findest du nicht?“

„Mann, du bist immer obervernünftig“, maulte Lucy.

„Genau das schätze ich sehr an deiner Schwester“, schaltete sich Michael ein, der hinter ihnen auftauchte.

„Ich möchte doch bloß, dass Ellie auch Spaß hat“, erklärte Lucy mit strahlenden Augen.

„Und da komme ich ins Spiel“, verkündete Harry und reichte die Margaritas herum.

Während sie trank, dachte Lucy über das erfolgreiche Unternehmen der beiden Brüder nach. Finn’s Fisheries hatte zahlreiche Zweigstellen in ganz Australien und verkaufte nicht bloß hochwertige Angelausrüstungen, sondern auch entsprechende Sportbekleidung. Ihr Warenangebot war riesig, und laut Ellie kümmerte sich Michael hauptsächlich um diesen kaufmännischen Zweig.

Daneben gab es noch den Tourismussektor. Die Finn-Brüder vermieteten Tauchboote und noble Motoryachten am Great Barrier Reef, und extrem reiche Kunden zogen sich gern für ein paar Tage nach Finn Island zurück – das exklusive Luxusresort befand sich auf einer Privatinsel.

So unreif und draufgängerisch konnte Harry also gar nicht sein, denn immerhin leitete er diesen Bereich des Unternehmens und leistete – laut Ellie – hervorragende Arbeit. Auf seinem weißen T-Shirt prangten ein stilisierter tropischer Fisch und der Schriftzug Finn Island. Wahrscheinlich kam er heute direkt von der Insel, und wenn sie ganz großes Glück hatte, würde sie vielleicht irgendwann einmal mit Michael dorthin fahren.

Sie fand das alles unendlich spannend: sie und Michael, Ellie und Harry … Als sie schließlich an ihrem Tisch saßen und Ellie eine zweite Margarita getrunken hatte, wirkte sie um einiges lockerer, fand Lucy.

Hoffentlich überwindet Ellie ihre Hemmungen und geht mal ein kleines Risiko ein, überlegte sie. Am dreißigsten Geburtstag soll man sich nicht künstlich zurückhalten. Jetzt oder nie!

Und wirklich, das gemeinsame Mittagessen wurde von Minute zu Minute ausgelassener und fröhlicher. Lucy rettete sich wie gewohnt geschickt aus der Situation, die Speisekarte lesen zu müssen. Sie hatte enorm viele Strategien entwickelt, ihre Lese- und Schreibschwäche vor anderen Menschen zu verbergen. Heute war es leicht: Sie bestellte einfach dasselbe Gericht wie Michael.

Ein kluger Mann wie Michael Finn würde sicher augenblicklich das Interesse an ihr verlieren, wenn sie durch ihr Handicap negativ auffiel. Und diese Demütigung könnte Lucy nicht ertragen.

Michael amüsierte sich über seinen Bruder, der unablässig daran arbeitete, Elizabeths Widerstand zu brechen. Dabei wartete Harry mit all seinem angeborenen Charme auf, doch anders als die meisten Frauen schien Michaels Assistentin immun gegen Harrys Strategien zu sein. Zumindest sorgten die beiden durch ihre gegenseitige Kabbelei dafür, dass Michael sich ungestört der schönen Lucy widmen konnte.

Heute Morgen hatte Elizabeth ihn mit ihrem neuen Look überrascht, den sie offenbar ihrer kleinen Schwester zu verdanken hatte. Die beiden unterschieden sich wirklich wie Tag und Nacht. Elizabeth war eine bodenständige, verlässliche Frau mit klaren Ambitionen. Lucy dagegen flatterte wie ein bunter Schmetterling von Job zu Job, probierte dieses und jenes aus und genoss das Leben in vollen Zügen.

Und jetzt hatte sie es offenbar auf ihn abgesehen. Sie hing an seinen Lippen, sie lächelte ihn an, sie schien ihn zu mögen und zu begehren – was ein unbeschreibliches Gefühl in Michael hervorrief. Es berauschte ihn, und er fühlte sich so lebendig wie nie zuvor. Keine Spielchen, keine Fassaden … die offenherzige Lucy ließ ihn spüren, dass sie ihn genauso sexy fand wie er sie. Es kostete ihn jede Menge Selbstbeherrschung, nicht ständig in einem Zustand körperlicher Erregung zu sein.

Seine Gedanken wanderten zu Fiona Redman, seiner Exfreundin, die sich ausgezeichnet auf weibliche Machtspielchen verstanden hatte. Ihre Vorzüge als Geliebte wogen ihren nervtötenden Kontrollzwang allerdings nicht auf.

Michael ließ sich von keiner Frau befehlen, wann er zu arbeiten hatte und wann nicht. Der Erfolg seiner Firma besaß für ihn absolute Priorität. Vielleicht konnte er sich trotzdem mal freinehmen, um mit der bezaubernden Lucy etwas Zeit zu verbringen? Vermutlich würde ihre kleine Liaison ohnehin nicht von Dauer sein. Der Reiz des Neuen blätterte für gewöhnlich recht schnell ab, und übrig blieb dann nur die altvertraute Langeweile.

Ihm war noch nie die Magie begegnet, die eine Beziehung auf ewig zusammenhalten konnte. Irgendwo gab es immer einen Makel, der sich langfristig nicht ignorieren ließ. Und dann machte Michael einfach Schluss. Ja, meistens ging die Trennung von ihm aus. Wie auch immer, solange Lucy ihm gefiel, würde er die Zeit mit ihr voll auskosten.

Er fand sie unwiderstehlich, vor allem, wenn sie ihre warmen braunen Augen auf ihn richtete.

„Treibst du eigentlich Sport, Michael?“, wollte sie wissen.

„Früher sehr viel, aber heute spiele ich nur noch gelegentlich Tennis oder Squash. Am Wochenende manchmal auch Golf.“ Ihm war aufgefallen, wie straff und durchtrainiert ihre Figur aussah, was Lucy vermutlich ihrer Tanzausbildung zu verdanken hatte. „Was ist mit dir? Magst du Sport?“

„Ab und zu spiele ich auch Tennis, und in der Schulzeit habe ich viel Leichtathletik gemacht.“

Er grinste. „Hochsprungchampion, was?“

Seine Schlussfolgerung überraschte sie. „Woher weißt du das?“

„Lange, athletische Beine.“ Er konnte es kaum erwarten, sie um seine Hüften geschlungen zu spüren.

„Du bist selbst ganz gut in Form“, bemerkte sie und der eindeutige Blick aus ihren großen Augen ließ sein Herz gleich höherschlagen. Doch dann trat sie mental einen Schritt zurück. „Einmal in der Woche spiele ich zusammen mit ein paar Freundinnen Korbball. Mir ist wichtig, diese Freundschaften aufrechtzuerhalten. Männer kommen und gehen, aber echte Freunde bleiben für immer.“

„Männer können demnach keine echten Freunde sein?“

Ihr strahlendes Lächeln zauberte tiefe Grübchen auf ihre Wangen. „Nun, früher oder später verwandelt sich jeder vielversprechende Mann in einen Frosch.“

„In einen Frosch?“, wiederholte er begriffsstutzig.

„Na, du tauchst zum Beispiel in meinem Leben auf, und alles deutet darauf hin, dass du ein echter Märchenprinz bist.“ Sie zwinkerte ihm zu.

Ein Märchenprinz! Er fühlte sich durch dieses süße Kompliment extrem geschmeichelt.

„Aber woher soll ich wissen, dass du dich nicht schon morgen in einen Frosch verwandelst?“, fügte sie hinzu.

„Aha, verstehe. Du warst mit Typen zusammen, die deinen Erwartungen nicht entsprochen haben.“

Gleichgültig zuckte sie die Achseln, und Michael bewunderte aufs Neue ihre nackten Schultern. „Das passiert eben, da kann man nichts machen. Dennoch hoffe ich sehr, von dir nicht enttäuscht zu werden, Michael.“

Diese Herausforderung nahm er nur zu gern an. Am liebsten hätte er ihr sofort im Schlafzimmer gezeigt, mit wem sie es zu tun hatte. Wie lange dieses Geburtstagsessen wohl noch dauerte? Mindestens eineinhalb Stunden, wenn es nach dem Dessert noch einen Kaffee geben sollte. Auf jeden Fall würde er Elizabeth für den Rest des Tages freigeben, und er selbst könnte womöglich mit Lucy in sein Penthouse fahren …

„Musst du heute eigentlich noch arbeiten?“, erkundigte er sich.

„Ja, leider. Ich muss die Engelsköpfe beim Steinmetz abliefern und den Van zurück zum Büro bringen. Und dann steht mir noch ein Gespräch mit den Leuten bevor, deren reservierte Grabstelle versehentlich benutzt worden ist. Hoffentlich kann ich sie davon überzeugen, sich einen anderen Platz auszusuchen.“

„Eine verzwickte Aufgabe.“

„Im Grunde nicht. Ich muss bloß an ihr Mitgefühl appellieren, damit sie die betroffenen Eltern verstehen. Das Paar hat schließlich gerade erst seine Tochter beerdigt, und es wäre eine Zumutung, den Sarg wieder aus der Erde zu holen“, erklärte Lucy.

Das Verständnis und die Wärme in ihrer Stimme gingen ihm unter die Haut. Diese Frau besaß das gewisse Etwas, das weit über ihre sexy Ausstrahlung hinausging. „Hast du heute Abend Zeit?“, fragte er heiser. Er konnte es nicht abwarten, sie endlich für sich allein zu haben.

„Ja.“

Ihr vielsagendes Lächeln entfachte sein Verlangen, und Michaels Selbstbeherrschung war praktisch dahin. Glücklicherweise wurden sie von Harry unterbrochen, der mit einem Finger auf seinen Bruder zeigte.

„Mickey, ich habe die Lösung für mein Problem mit dem Resort gefunden.“

„Du musst diesen Kerl unbedingt rausschmeißen“, erwiderte Michael, der über die Probleme auf ihrer Urlaubsinsel bestens Bescheid wusste. Ihr dortiger Manager war ein Taugenichts. „Sobald du ihn mit den Fakten konfrontiert hast, muss er ohnehin verschwinden. Der Schaden …“

„Ich weiß, ich weiß. Aber am besten stelle ich ihn zur Rede und präsentiere ihm gleichzeitig seinen Nachfolger. Wir gehen hin und werfen ihn raus, ohne Diskussion. Kurz und schmerzlos.“

„Einverstanden, allerdings hast du noch keinen Nachfolger für ihn. Und je länger er auf seinem Stuhl sitzen bleibt, desto …“

„Elizabeth könnte seine Nachfolge antreten. Sie ist die perfekte Person für diesen Managerposten – komplett vertrauenswürdig, extrem gründlich und zuverlässig, außerdem verfügt sie über die notwendigen organisatorischen Kompetenzen. Bei dir hat sie hervorragende Arbeit geleistet, Mickey.“

Verwundert blickte Lucy von einem Bruder zum anderen und anschließend zu ihrer Schwester, die offensichtlich tief in Gedanken versunken war.

„Elizabeth ist aber meine persönliche Assistentin“, protestierte Michael.

„Ich brauche sie momentan dringender als du. Leih sie mir für einen Monat aus! Das verschafft mir genügend Zeit, entsprechende Vorstellungsgespräche zu führen.“

„Einen Monat …“, überlegte Michael laut und runzelte die Stirn.

Lucy hielt diesen Vorschlag für eine grandiose Idee. Das würde endlich etwas Schwung in Ellies Leben bringen!

„Auf der anderen Seite, wenn Elizabeth Geschmack an ihrer neuen Position findet, möchte sie vielleicht bleiben“, gab Harry zu bedenken.

Michael kniff die Augen zusammen. „Du nimmst mir nicht meine Assistentin weg!“

„Sie hat die Wahl.“ Harry drehte sich zu Ellie um. „Was meinst du, Elizabeth? Hilfst du mir für einen Monat aus und bleibst auf der Insel, bis das Resort wieder in geordneten Bahnen läuft? Mein zukünftiger Exmanager hat während der Baumaßnahmen die Bücher frisiert und reichlich in die eigene Tasche gewirtschaftet. Du müsstest eine komplette Inventur vornehmen und möglicherweise ein paar Lieferanten auswechseln, die sich auf private Absprachen mit ihm eingelassen haben. Es wäre eine völlig neue Herausforderung für dich.“

„Warte mal kurz!“, schaltete Michael sich ein. „Ich bin derjenige, der sie fragen sollte, und nicht du.“

„Dann frag sie!“

Ellie war anzusehen, dass sie sich bereits entschieden hatte.

Ergeben stöhnte Michael auf und schien zu akzeptieren, dass sein Bruder ihn in die Ecke gedrängt hatte. „Es stimmt, was Harry sagt, Elizabeth. Du würdest uns sehr helfen, wenn du einspringst und das Chaos um dieses Resort in die Hand nimmst.“ Sein Blick wurde ernst. „Ich habe großes Vertrauen in deine Fähigkeiten und auch in deine Integrität. Obwohl ich es hasse, dich einen ganzen Monat lang zu verlieren … aber ich werde für diesen Zeitraum eine Aushilfskraft einsetzen.“

Harry deutete Ellies Schweigen als Zustimmung. „Das heißt wohl, du kommst mit mir auf die Insel“, sagte er zu ihr und grinste übers ganze Gesicht.

Mit erhobenem Zeigefinger wandte sie sich ihm zu. „Ich nehme die Herausforderung an, die Probleme dort zu lösen. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Spitze!“

„Das wäre also geklärt“, seufzte Michael.

„Och, ein ganzer Monat“, maulte Lucy. „Ich werde dich schrecklich vermissen, Ellie.“

„Die Zeit wird wie im Flug vergehen“, antwortete sie und lächelte ihrer Schwester zu.

Für Michael könnten die Dinge gar nicht besser laufen. Vier Wochen lang würde die vernünftige Elizabeth keine Möglichkeit haben, sich in die Beziehung ihrer Schwester einzumischen. Das machte vieles leichter … Vielleicht war die Affäre mit Lucy auch schon längst wieder beendet, wenn ihre Schwester von der Insel zurückkehrte.

Der Nachtisch wurde serviert, und Harry blickte beim Essen auf seine Rolex. „Wir sollten so schnell wie möglich aufbrechen. Jetzt haben wir fast drei Uhr. Das bedeutet, wir könnten um halb fünf schon auf der Insel sein. Und um sechs fliegen wir deinen Vorgänger mit dem Helikopter aufs Festland. Nach dem Dessert werden wir gleich …“

„Elizabeth hat heute Geburtstag, Harry“, unterbrach sein Bruder ihn. „Vielleicht hat sie andere Pläne!“

„Nein, ich bin flexibel“, versicherte sie schnell.

„Und was ist mit deinem Gepäck?“, wollte Lucy wissen. Dieser überstürzte Aufbruch sah Ellie gar nicht ähnlich. „Du brauchst doch Sachen für einen ganzen Monat.“

„Das kannst du doch für sie zusammenpacken, Lucy“, schlug Harry vor. „Michael fährt dich nach Hause und wartet dort, bis du alles beisammen hast. Dann kann er es uns per Schiff hinterherschicken.“

„Kein Problem“, versprach Michael, und auch Ellie nickte zustimmend.

„Fertig?“, fragte Harry, nachdem der Nachtisch verspeist war.

„Fertig.“ Ellie griff nach ihrer Handtasche und stand auf.

„Hab eine wunderbare Zeit mit deinem Harry!“, flüsterte Lucy ihr beim Abschied ins Ohr.

Michael gab Ellie einen herzlichen Kuss auf die Wange. „Ich werde dich vermissen.“

„Danke für das tolle Essen, Michael“, sagte sie mechanisch.

„Hab ich gern gemacht“, antwortete er mit einem Seitenblick auf Lucy.

„Wir sind dann mal weg. Mein Boot liegt ja gleich hier in der Nähe.“ An der Hand zog Harry Elizabeth hinter sich her.

Und endlich hatte Michael seine Lucy für sich!

3. KAPITEL

Lucy war nervös. Viel aufgeregter als sonst, wenn sie ein erstes Date hatte. Michael Finn spielte in einer gesellschaftlichen Liga, zu der ihr bisher jeglicher Zugang gefehlt hatte. Daher musste sie davon ausgehen, dass er es höchstens auf eine vorübergehende Affäre abgesehen hatte. Es wäre grenzenlos naiv, sich mehr darauf einzubilden.

Ganz gleich, wie seine Absichten aussahen – sie wollte das Abenteuer wagen. An diesem Punkt gab es kein Zurück mehr. Und wenn eine Cinderella das Herz eines echten Prinzen erobern konnte, dann konnten auch Wunder wahr werden. Falls langfristig nichts aus ihnen wurde, blieb Lucy zumindest eine magische Erfahrung als Erinnerung.

Klar, sie hatte sich schon früher von Männern angezogen gefühlt – aber keiner von ihnen hatte so mühelos ihre Lust entfacht wie Michael Finn.

Vorhin unter der Dusche hatte Lucy sich beim Einseifen vorgestellt, es wären seine Hände, die über ihren nackten Körper glitten. Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, kribbelte es in ihrer Magengegend. Und in etwa zehn Minuten würde er in Fleisch und Blut vor ihrer Tür stehen.

Das Apartment war picobello sauber und der Tisch gedeckt. Lucy hatte asiatischen Salat mit Shrimps vorbereitet und dazu ein knuspriges Baguette aufgeschnitten. Sie trug ein gelbes Wickelkleid, das man mit einem Handgriff mühelos öffnen konnte. Darunter verbarg sich die heißeste Spitzenunterwäsche, die ihr Schrank hergab. Auf Schmuck hatte sie bewusst verzichtet, der wäre eh nur im Weg gewesen. Lediglich eine frische Blüte, die sie im Vorgarten vom Baum gepflückt hatte, steckte in ihrem Haar.

Bestimmt kommt er in Shorts mit aufgeknöpftem Hemd, überlegte Lucy. Ob er Haare auf der Brust hat? Hoffentlich nicht zu viele!

Sie konnte es kaum abwarten, seinen Körper endlich genauer zu erforschen. In ihren Fingerspitzen kribbelte es vor Aufregung.

Es klingelte an der Tür, und sofort schlug Lucy das Herz bis zum Hals.

Bitte lass ihn heute Abend noch ein vollendeter Gentleman sein! flehte sie innerlich. Er soll nichts sagen oder tun, das mich abstößt, und sich dadurch in einen Frosch verwandeln! Diese Nacht muss perfekt werden!

Auf wackligen Beinen ging sie zur Tür und öffnete. Sein Anblick verschlug ihr zuerst die Sprache. Die silbergrauen Augen leuchteten auf, so als würde er sich darüber freuen, Lucy wiederzusehen.

„Hi!“, brachte sie schließlich heraus.

Sein Lächeln war schlicht umwerfend. „Auf diesen Moment habe ich gewartet, seit wir uns heute Nachmittag voneinander verabschieden mussten“, entgegnete er mit tiefer Stimme.

„Ich auch“, gestand sie und erwiderte sein Lächeln. „Komm rein, Michael!“

Tatsächlich trug er Shorts und dazu ein blauweißes Poloshirt. In der Hand hielt er eine teure Flasche Wein. „Hoffentlich passt der zu deinem Essen.“

Sie lachte. „Sogar perfekt. Ein leichter Weißwein. Nach dem üppigen Mittagessen gibt es zum Dinner jetzt Salat und gebratene Shrimps. Wollen wir ihn gleich öffnen?“

„Wie du willst“, antwortete er und warf vom Flur einen neugierigen Blick in ihr Zimmer. „Es ist wirklich gemütlich bei dir, Lucy. Hast du das alles selbst eingerichtet?“

Sie und Ellie lebten in einem relativ normalen Apartment mit zwei Schlafzimmern, einem Bad und einer offenen Küche, die an den Wohnbereich grenzte. Trotzdem war Lucy ungemein stolz darauf, mit wie viel Fantasie und Liebe sie beide es zu ihrem Heim gemacht hatten.

„Die Möbel hat fast alle Ellie ausgesucht. Von mir sind die Kissen, die Bilder, Deko und die Teppiche. Es sollte ein fröhlicher Ort werden, damit man gern nach Hause kommt. Mit weißen Fliesen überall muss man eben erfinderisch sein, um für Farbenvielfalt zu sorgen.“

„Das ist dir hervorragend gelungen.“

Sein Kompliment tat ihr gut. „Freut mich, wenn es dir gefällt.“

Lässig stützte er sich auf dem Tresen ab, der die Küchenzeile vom Wohnbereich trennte. „Es gibt bisher nichts, was mir an dir nicht gefällt, Lucy.“

Der tiefe Klang seiner Stimme scheuchte die Schmetterlinge in ihrem Inneren auf. Ihr wurde schwindelig, als er plötzlich eine Hand ganz langsam um ihre Taille schob. Automatisch legte sie ihre Arme um seine Schultern, und ihre Körper fanden wie von selbst zueinander.

„Ich will nicht länger warten“, murmelte er, und sein Blick wurde eindringlich.

„Ich auch nicht“, gab sie ohne Zögern zu.

Ihre Lippen teilten sich, als Michael sie küsste. Leise aufstöhnend ließ sie zu, dass er mit seiner Zunge tief in sie eindrang. Der Kuss wurde schnell intensiver und leidenschaftlicher. Die Lust, die von der ersten Sekunde an zwischen ihnen geschwelt hatte, bahnte sich nun unbezwingbar ihren Weg. Mit beiden Händen griff Lucy in sein dichtes Haar und zog seinen Kopf näher zu sich heran. Michael schob seine Hände über ihren Po, drückte sie an sich und ließ Lucy spüren, wie erregt er war.

„Lucy“, keuchte er atemlos.

„Ja?“ Ihre Schenkel bebten vor Verlangen. „Lass es uns tun!“

Entschlossen löste sie sich aus seiner Umarmung und zog ihn an der Hand hinter sich her in ihr Schlafzimmer. „Komm schon“, drängte sie und öffnete den Gürtel ihres Kleids. Dann ließ sie es heruntergleiten und stemmte beide Hände in die Hüfte.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Michael sie an … wie sie da in weißer Reizwäsche vor ihm stand. Sein Blick steigerte ihr Verlangen, und sie spürte, wie ihre Brustwarzen fester wurden.

„Willst du mich?“, fragte sie kokett und fragte sich, ob es für Michael wohl Neuland war, wenn eine Frau im Schlafzimmer die Initiative ergriff.

„Oh, ja, und wie!“ Während er sprach, zerrte er sich bereits sein Shirt über den Kopf.

Lucy bewunderte seine breite, muskulöse Brust, die tatsächlich leicht behaart war. Dann wanderte ihr Blick nach unten, wo ein schmaler Pfad dünner Härchen im Bund seiner Shorts verschwand. Fasziniert hielt sie den Atem an, als er ungeniert die restliche Kleidung abstreifte. Seine Männlichkeit reckte sich stolz empor, und Lucy konnte sich nicht länger zurückhalten. Sofort kam sie auf ihn zu und berührte ihn.

„Du musst ein Kondom benutzen“, flüsterte sie, während sie ihn streichelte.

Er sog scharf den Atem ein und zeigte auf den Kleiderhaufen am Boden. „Ich bin vorbereitet. Nimmst du die Pille?“

Mit der freien Hand liebkoste sie seinen Oberkörper und ließ einen Finger um seine Brustwarze kreisen. „Schon, aber das ist kein ausreichender Schutz. Wir kennen uns ja kaum, und ich möchte meine Gesundheit nicht riskieren.“

„Verständlich.“ Zitternd atmete er durch. „Aber wenn ich mir ein ärztliches Attest besorge, können wir ohne zusammen sein, oder?“

Erleichtert strahlte sie ihn an und drängte ihren Körper an seinen. „Dann willst du mich also wiedersehen?“

„Natürlich“, versicherte er ihr und erwiderte ihre gierigen Küsse.

Jetzt übernahm er die Führung und verhielt sich dabei so dominant und leidenschaftlich, dass Lucy sich ganz und gar fallenließ. Am meisten freute sie sich darüber, dass dies kein One-Night-Stand bleiben sollte.

Mit einem geschickten Handgriff öffnete er ihren BH und schob ihn herunter. Den Slip ereilte das gleiche Schicksal. Ihr gefiel seine forsche Art.

„Du machst aus mir einen Höhlenmenschen“, warf er ihr vor, und Lucy lachte übermütig.

Er hob sie hoch und trug sie zum Bett. Dabei klammerte sie sich mit den Beinen an seinen Hüften fest und versuchte, sich richtig zu positionieren. Doch erst als sie gemeinsam auf das Laken fielen, drang Michael mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung in sie ein.

Lucy schrie auf, so überwältigend war das Gefühl, plötzlich ganz von ihm ausgefüllt zu werden. Sie wollte diesen herbeigesehnten Augenblick für die Ewigkeit festhalten. „Michael …“ Mehr brachte sie nicht heraus.

„Mach die Augen auf, Lucy!“, befahl er.

Ihr war gar nicht klar gewesen, dass sie die Lider geschlossen hatte. Dabei wollte sie diesen Moment mit ihm teilen und Michael tief in die Augen sehen, wenn er sie zu seiner Geliebten machte.

„Sieh mich an“, murmelte er, und sie gehorchte.

Sie beobachtete jede Regung seines Gesichts, während er sich rhythmisch vor und zurück bewegte – mal schneller, mal langsamer. Als sich die sexuelle Spannung in ihrem Inneren allmählich dem Höhepunkt näherte, sich mehr und mehr aufbaute, bog sie sich Michael entgegen und stöhnte auf. Gierig schlug sie dabei ihre Fingernägel in seinen Rücken und presste mit den Unterschenkeln seine Lenden fester an sich, um ihre Lust voll auskosten zu können.

„Ja …“, zischte er kaum hörbar, und es klang beinahe triumphierend. Noch ein paar harte Stöße, und er begleitete Lucy auf dieser atemberaubenden Woge in das Nirvana, in dem Zeit und Raum keine Rolle spielten.

„Ja …“, seufzte auch sie und genoss die befriedigende Erlösung, die sie ergriff und dann allmählich verebbte.

Keuchend ließ er sich auf sie fallen, und ihre Herzen schlugen im gleichen Takt. Es fühlte sich wunderbar an. Als gehörten sie wirklich zusammen.

So lange es eben dauert, schoss es Lucy durch den Kopf.

Einen Mann wie Michael Finn hatte sie noch nie getroffen. Was sie heute miteinander getan hatten, gehörte eigentlich in die Unendlichkeit – so schön war es gewesen. Nur leider gab es in dieser Hinsicht wohl kaum Hoffnung.

Schon in der Schulzeit war Lucy dafür gehänselt worden, dass sie angeblich nicht gut genug sei, um einen vielversprechenden Jungen auf Dauer an sich binden zu können. Einfach, weil sie sich grundsätzlich auf keine längere Beziehung einließ.

Einen Tag nach dem anderen genießen! nahm sie sich vor. Das war ein Mantra, an dem sie sich mühelos festhalten konnte. Und falls ihr das Schicksal eine spätere Demenzerkrankung ersparte, würde ihr die Zeit mit Michael für immer als Erinnerung bleiben.

Wow!

In den ersten Minuten war dies das einzige Wort, das durch Michaels Verstand geisterte. Immerhin war er noch so geistesgegenwärtig, sich zur Seite zu rollen, um Lucy nicht zu erdrücken. Aber er nahm sie mit sich, um die Nähe zu ihr nicht zu verlieren. Ihre sexy Brüste schmiegten sich weich und warm an seine Brust, und ihr Atem kitzelte seinen Hals. Sie hatte die Arme um ihn gelegt, als würde sie ihn niemals wieder loslassen wollen.

Diese Frau war einzigartig. Unbefangen lebte sie ihr Verlangen nach ihm aus, fasste es in Worte und ließ den Worten Taten folgen. Keine Frau in seinem Leben war im Bett jemals so aktiv und verführerisch gewesen oder hatte ihm das Gefühl gegeben, unendlich begehrenswert zu sein. Sein Herz klopfte schneller, als ihm wieder einfiel, wie entschlossen und selbstverständlich sie ihr gelbes Kleid abgestreift hatte. Dieser herrliche Anblick: ihr sinnlicher Körper nackt in weißer Spitze … Und dann war sie einfach auf ihn zugekommen und hatte ihn gestreichelt.

Die ganze Situation hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Wäre Lucy nicht darauf zu sprechen gekommen, hätte er vermutlich sogar das Kondom vergessen. Dabei war ihm äußerst wichtig, Vorsicht walten zu lassen. So schnell wie möglich würde er sich ein Attest holen, um ganz ungezwungen mit ihr zusammen sein zu können.

Mit der Schwester seiner Assistentin … Was für eine unerwartete Wendung des Schicksals! Elizabeth arbeitete einen Monat lang für Harry, und als Entschädigung durfte er selbst sich mit der süßen Lucy verabreden.

Ihre großen braunen Augen richteten sich auf ihn, und ihr Mund verzog sich zu einem genüsslichen Lächeln. „Das war fantastisch, Michael.“

„Dem kann ich nur zustimmen“, gab er grinsend zurück.

„Sollen wir zusammen unter die Dusche gehen?“, schlug sie vor.

„Nichts lieber als das.“

Lachend machte sie sich von ihm los und sprang aus dem Bett. „Ich geh schon mal vor. Bei unserer Dusche die Temperatur richtig einzustellen, ist eine Wissenschaft für sich. Und wir wollen doch auf keinen Fall kaltes Wasser haben!“

Sie brachte auch ihn zum Lachen. Ihm wurde klar, dass er schon lange nicht mehr so glücklich gewesen war wie mit ihr. Dieses Mädchen war ein echter Sonnenschein. Lächelnd folgte er ihr ins Badezimmer.

Die gemeinsame Dusche entwickelte sich zu einem extrem sinnlichen Erlebnis. Sie rieben einander mit Seifenschaum ein und taten alles, was im Grunde zu einem Vorspiel gehörte. Michael liebte ihre hübschen Brüste, die exakt die richtige Form und Größe hatten. Ihnen würde er sich später noch ausführlich widmen. Allmählich spürte Michael, wie er unter Lucys erotischen Liebkosungen erneut hart wurde.

Sie gab einen schnurrenden Laut von sich und sah an ihm herunter. „Vielleicht sollten wir zuerst unsere Aufgabe erledigen, sonst kommen wir überhaupt nicht mehr dazu.“

„Welche Aufgabe?“, fragte er und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Wir müssen doch eine Tasche für Ellie packen. Und dann könnten wir den Wein öffnen und uns beim Essen stärken.“ Sie zwinkerte vergnügt. „Obwohl du nicht aussiehst, als müsstest du neue Kräfte sammeln“, beruhigte sie ihn.

„Okay“, gab er sich geschlagen. „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Elizabeth wird ohnehin kaum etwas brauchen. Auf der Insel muss sie die gleiche Arbeitsuniform tragen, die Harry heute anhatte. Weiße Shorts und ein T-Shirt mit unserem Logo. Das Meiste, was sie benötigt, findet sie auf Finn Island.“

„Na, schön. Dann packe ich eben eine Kulturtasche, Make-up, Unterwäsche und ein gutes Buch ein.“ Lucy stieg aus der Dusche und griff nach zwei Handtüchern. Eines davon reichte sie Michael. „Außerdem Nachthemden und noch ein paar hübsche Sachen, um Harry auf sich aufmerksam zu machen“, setzte sie kichernd hinzu.

„Ich bin nicht sicher, ob du deiner Schwester damit einen Gefallen tust.“

Seine Bemerkung ließ sie aufhorchen. „Meinst du, er wäre nicht gut für sie?“

Michael schüttelte den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt.“

„Was dann? Ellie liegt mir wahnsinnig am Herzen. Ich will nicht, dass sie verletzt wird.“

Ratlos zuckte er die Achseln. „Mir ist bloß aufgefallen, wie wenig sie von meinem Bruder hält. Die Art, wie er mit ihr flirtet …“

„Möglicherweise vertraut sie ihm noch nicht so recht. Sie ist vor zwei Jahren von einem Kerl ziemlich enttäuscht und ausgenutzt worden. Danach war erst mal Schluss mit Männern. Harry hat auf jeden Fall ein gutes Stück Arbeit vor sich, wenn er sie erobern will. Aber sie fühlt sich definitiv von ihm angezogen, kein Zweifel.“

Geschickt wickelte sie das Handtuch um ihren Körper und steckte es zwischen ihren Brüsten fest.

„Was ist mit dir?“, begann er und schlang sich sein eigenes Handtuch um die Hüfte.

„Was soll mit mir sein?“

„Wie lange bist du schon Single?“

„Seit ein paar Wochen“, antwortete sie und ging voraus in Ellies Schlafzimmer. Dort nahm sie eine kleine Reisetasche aus dem Schrank. „Das sollte wohl reichen“, meinte sie und stellte die Tasche aufs Bett. Dann zeigte sie auf einen Sessel in der Ecke. „Mach es dir ruhig gemütlich, solange ich packe.“

Michael fiel auf, wie sehr sich Elizabeths Zimmer von dem ihrer Schwester unterschied – keine lebhaften Farben, weniger Unordnung, und es fehlte die reizvolle persönliche Note.

„Hat dich die Trennung von deinem Freund sehr mitgenommen?“, wollte er wissen.

„Überhaupt nicht. Ich hatte mich schon länger von ihm entfremdet und irgendwann einfach Schluss gemacht.“

„Weshalb hast du es beendet?“

Seufzend verdrehte sie die Augen. „Er hat sich in einen richtigen Kontrollfreak verwandelt. Alles musste nach seiner Nase gehen. Aber ich finde, in einer Beziehung sollte absolute Gleichberechtigung herrschen. Ich lasse mir von niemandem sagen, was ich anziehen oder wo ich hingehen soll. Irgendwann fing er sogar damit an, für mich zu antworten, wenn ich etwas gefragt wurde.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Kein Respekt vor dir als Person also“, schloss er. Ihm gefiel es, dass sie sich nicht verbiegen ließ.

„Und weshalb bist du solo?“ Sie warf die Frage beiläufig über die Schulter, während sie den Kleiderschrank durchsuchte.

„Die letzte Frau, mit der ich zusammen war, fand, ich würde nicht genügend Zeit mit ihr verbringen. Ihrer Ansicht nach hätte ich mir permanent freinehmen sollen, um etwas mit ihr zu unternehmen.“

„Aha!“ Gleich ein ganzer Stapel Kleider wurde neben der Tasche aufs Bett geworfen. „Kein Respekt vor deiner beruflichen Verantwortung also.“

„Insgesamt war sie ein viel zu egozentrischer Mensch.“

Nachdenklich schüttelte Lucy den Kopf. „Es fängt immer toll an, und man glaubt echt, alles läuft richtig. Und dann geht es plötzlich den Bach runter.“ Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Lass uns eine Abmachung treffen, Michael! Ich versuche nicht, dich zu ändern, und du versuchst nicht, mich zu verbiegen. Falls wir nicht zusammenpassen, wie wir sind, akzeptieren wir das eben und trennen uns in Freundschaft. Einverstanden?“

„Klingt vernünftig.“ Es gab sowieso nichts, das er an Lucy Flippence hätte ändern wollen. Ihre Spontaneität und ihre direkte Art waren ansteckend. Ihr letzter Freund war anscheinend der Typ Mann gewesen, der gern Schmetterlinge fängt, um sie mit einer Nadel auf einer Pinnwand zu fixieren. Auf diese Weise kann der Schmetterling nämlich nicht mehr herumflattern und die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. Lucy konnte sich glücklich schätzen, diesen Kerl los zu sein.

„Ich hole noch die anderen Sachen aus dem Bad. Rühr dich nicht vom Fleck, ich bin gleich zurück!“, sagte sie gespielt streng und verschwand.

Für Michael war es ein seltsames Gefühl, halbnackt im Zimmer seiner Assistentin zu sitzen. Damit drang er in ihre Privatsphäre ein, von der er bisher kaum einen Schimmer gehabt hatte. Hoffentlich behandelte Harry Elizabeth anständig. Vor allem, wenn Lucy recht hatte und ihre Schwester sich tatsächlich von Harry angezogen fühlte.

Vielleicht war es besser, einen kurzen Ausflug auf die Insel zu machen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Schließlich wollte Michael Elizabeth in vier Wochen gesund und munter im Büro sehen. Das konnte er aber vergessen, falls sein Bruder aus ihr ein emotionales Wrack machte!

Mit unzähligen Täschchen und Fläschchen auf dem Arm kehrte Lucy ins Schlafzimmer zurück.

„Hast du am kommenden Wochenende eigentlich schon was vor?“, fragte er.

„Nein, ich bin frei wie ein Vogel“, erwiderte sie vergnügt und stopfte Elizabeths Sachen in die Reisetasche.

Oder frei wie ein Schmetterling, dachte Michael und lächelte in sich hinein. „Wir könnten nach Finn Island rüberfahren, um zu sehen, wie es deiner Schwester in Harrys Gesellschaft ergeht. Dann bleiben wir von Samstag auf Sonntag dort und genießen die Annehmlichkeiten der Insel. Könnte doch gut tun, sich ein bisschen verwöhnen zu lassen, oder?“

Sie strahlte übers ganze Gesicht und klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Eine Superidee, Michael!“

„Gut. Ich rufe Harry morgen an und sage ihm Bescheid.“

„Wunderbar. Natürlich habe ich schon viel über Finn Island gehört – exklusives Refugium für Millionäre, Strandbar, Gourmetküche und so weiter. Aber ich hätte nie zu träumen gewagt, mal dorthin zu kommen. Bist du denn öfter da?“

„Nein. Harry kümmert sich um alle geschäftlichen Belange auf dem Tourismussektor.“

„Ich meine ja auch privat!“

„Ach, zum Vergnügen?“ Auf diese Idee war er offensichtlich von allein nie gekommen.

„Ja. Ich stelle es mir unheimlich romantisch vor.“

Er lachte. „Mit der richtigen Begleitung bestimmt. Mit der falschen ist es nicht gerade das Paradies.“

„Tja, dann will ich mal hoffen, dass es für uns beide paradiesisch wird“, schloss sie gut gelaunt und zog den Reisverschluss der Tasche zu. „Damit sollte Ellie eine Weile hinkommen. Sie kann mir am Wochenende ja sonst noch eine Liste mitgeben, falls etwas fehlt. Und jetzt gibt es Wein, Salat und Shrimps in der Küche!“

Das war ein Vorschlag, der Michael durchaus zusagte.

In ihrem eigenen Zimmer ließ Lucy das Handtuch fallen und hob das gelbe Wickelkleid vom Boden auf. Ohne sich um Unterwäsche zu kümmern, zog sie es über und knotete den Gürtel zu.

„Das schützt mich ein bisschen, solange ich am Herd stehe“, erklärte sie mit einem Lächeln. „Aber du kannst gern so bleiben, Michael.“

Sie stellte zwei Gläser auf den Tisch, und er entkorkte den Wein. Es machte ihm Spaß, zusammen mit Lucy in der Küche herumzuwerkeln. Sie war verspielt, herausfordernd und absolut bezaubernd. Er liebte es, ihre lebendige Mimik zu beobachten, wenn sie ihm angeregt etwas erzählte. Und er liebte es, wie sich ihr nackter Körper durch den dünnen Stoff ihres Kleids abzeichnete. Sie wirkte ausgesprochen weiblich und sexy.

Und dann noch dieses traumhafte Essen: die Shrimps waren in einer scharfen Ingwer-Chili-Marinade eingelegt worden und passten hervorragend zu dem frischen, exotischen Salat mit Mangostreifen.

Lucy langte herzhaft zu, und es machte ihm Spaß, sie dabei zu beobachten. Sie strahlte eine Lebensfreude aus, die Michael nach dem Tod seiner Eltern verloren hatte. Diese überschäumende, fast kindliche Begeisterungsfähigkeit war berauschend. Seine Mutter hatte sich ähnlich verhalten … als würde die Sonne jeden Tag nur für sie scheinen. So viel inneres Glück war ein Geschenk, zumindest nahm Michael das an. Lucy besaß diese Gabe ebenfalls. Vielleicht hatte er in ihr die Frau gefunden, mit der er sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte!

Dieser romantische Gedanke überraschte ihn sehr. Wie lange kannten sie sich eigentlich? Neun Stunden? Sie machte unbezweifelbar großen Eindruck auf ihn – trotzdem war es viel zu früh, um an eine Beziehung auf Lebenszeit zu denken! Wie sie selbst schon gesagt hatte: Alles fing immer toll an und ging dann schnell den Bach runter. Momentan fühlte sich das Zusammensein mit ihr großartig an, aber wer konnte wissen, ob das böse Erwachen vielleicht schon hinter der nächsten Ecke lauerte.

Nachdem sie den Esstisch abgeräumt hatten, kehrten sie ins Schlafzimmer zurück. Michael genoss Lucys unkomplizierte Sinnlichkeit. Sie ermunterte ihn, jede Stelle ihres Körpers zu erforschen und zu liebkosen – eine Aufforderung, der er nur allzu gern nachkam.

Und sie tat es ihm gleich.

Es kostete ihn enorme Selbstbeherrschung, sich so lange zurückzuhalten, bis Lucy ihn förmlich anflehte, sie endlich von ihrer süßen Qual zu erlösen. Der Sex war leidenschaftlich und fiebrig, und ihr gemeinsamer Höhepunkt übertraf alles, was Michael im Bett bisher erlebt hatte. Diese wilde, primitive Erfahrung setzte unbekannte Emotionen in ihm frei. Er fühlte sich lebendig und er triumphierte innerlich, weil sich endlich eine unangenehme Starre tief in seinem Inneren löste. Und anschließend war es, als würde er schwerelos in einem Meer von Glückseligkeit treiben.

Als er sich später mit ein paar sehnsüchtigen Küssen von Lucy verabschiedete, trug er noch immer diese belebende Freude im Herzen. Es war in diesem Moment ganz egal, was aus ihrer Beziehung wurde, ob sie als Paar zusammenwuchsen oder nicht. Michael wusste nicht, was die Zukunft brachte, und es kümmerte ihn auch nicht weiter. Er wollte die Zeit mit Lucy Flippence voll auskosten, bis ihre Faszination sich verflüchtigte.

4. KAPITEL

Lucy schwebte auf Wolke sieben. In dieser Woche hatte Michael jeden einzelnen Abend mit ihr zusammen verbracht. Selbst den Mittwoch, obwohl sie da immer mit ihren Freundinnen Korbball spielte. Er war mit zur Halle gekommen, um sie in Aktion zu bewundern, und hatte sich geduldig allen Anwesenden vorgestellt. Bisher verhielt er sich wie der perfekte Liebhaber und Gentleman. Es gab keine Anzeichen dafür, dass er sich in einen hässlichen Frosch verwandeln könnte. Michael war charmant, umsichtig, er lachte viel, und morgen würde er sie nach Finn Island bringen, was für Lucy den Himmel auf Erden bedeutete!

Mit klopfendem Herzen spazierte sie die Esplanade entlang und freute sich auf die Verabredung am Abend. Michael musste länger als üblich arbeiten und hatte Lucy daher gebeten, ihn um acht Uhr im Danini’s zu treffen – einem edlen italienischen Restaurant.

Obwohl sie überpünktlich war, saß Michael schon draußen an ihrem reservierten Tisch.

„Du bist früh dran“, begrüßte sie ihn mit einem strahlenden Lächeln.

„Genau wie du“, entgegnete er und rückte ihr galant den Stuhl zurecht.

In seiner Gegenwart fühlte sie sich sofort wie eine Prinzessin. „Ich möchte eben keine einzige Minute verschwenden, die ich mit dir zusammen sein könnte.“

„Genau wie ich“, versicherte er ihr und lachte dann, weil er sich praktisch wiederholt hatte. Seine Augen funkelten wie blank poliertes Silber.

Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin erschien ein Kellner und servierte Lucy eine Piña Colada.

„Oh, du hast dir meinen Lieblingscocktail gemerkt.“ Dabei hatte sie es in der vergangenen Woche nur einmal beiläufig erwähnt. „Danke schön.“

„Ist mir ein Vergnügen.“

Er ist und bleibt mein Traummann, schwärmte sie im Stillen. Ein echter Märchenprinz! Ich muss meinem Glücksstern danken, dass mir Michael über den Weg gelaufen ist. Die Momente mit ihm sind ein Schatz, den ich mein Leben lang horten werde …

Er reichte ihr eine Speisekarte, und Lucy zuckte innerlich zusammen. An diesem Punkt war eine geschickte Strategie gefragt.

„Hast du schon entschieden, was du essen möchtest?“, erkundigte sie sich.

Michael nickte. „Ich nehme das Kalbschnitzel.“

„Klingt hervorragend. Das nehme ich auch.“

„Was ist mit Nachtisch?“

Lachend klappte sie die Karte zu. „Mal sehen, was sich die anderen Tische servieren lassen. Ich bestelle dann das, was am besten aussieht.“

Diesen ungewöhnlichen Plan begrüßte Michael mit einem anerkennenden Nicken. Lucy Flippence war eben anders als die meisten Frauen.

Dann lehnte er sich vor und sagte: „Nächste Woche Samstag findet im Casino ein Charity-Ball statt. Ich habe schon vor Monaten Karten gekauft. In erster Linie, um die Veranstaltung zu unterstützen, nicht, um selbst dorthin zu gehen. Aber wenn du magst, könnten wir uns ein paar Freunden von mir anschließen.“

„Ich würde liebend gern mit dir tanzen gehen“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Die Aussicht, seine High-Society-Freunde kennenzulernen, jagte ihr allerdings ein bisschen Angst ein. Wenigstens war seine Einladung zu dem Ball ein Beweis dafür, dass er vorhatte, eine weitere Woche mit ihr zu verbringen. Und das ließ Lucys Herz höherschlagen.

„In dem Fall freue ich mich schon auf den Abend.“ Er schien kein Problem damit zu haben, sie in seine Kreise einzuführen. Andererseits war er ein Mann, und Männern fiel an ihr eigentlich selten ein Makel auf. Es waren eher die Frauen, die gnadenlos und biestig werden konnten, wenn sie glaubten, Lucy passe nicht in ihre Mitte.

Ihre eigenen Freundinnen waren dagegen von Michael begeistert gewesen. Welche Frau würde es nicht sein? Schließlich brachte er alles mit, was man sich von einem Mann nur wünschen konnte.

In jedem Fall war dieser Ball für Lucy ein Härtetest für eine mögliche Beziehung zu Michael. Sie hoffte inständig, diese Prüfung mit Bravour zu meistern. Außerdem war sie gespannt darauf, ob Michael sie in dieser Situation tatkräftig unterstützen würde. War er ein echter Held, der sie beschützte, falls es hart auf hart kam? Es wäre wunderbar, sich an seiner Seite sicher fühlen zu können.

Wieder dachte Lucy an ihre Mutter zurück, in deren Leben rein gar nichts sicher gewesen war – weder in emotionaler, noch in körperlicher oder gar finanzieller Hinsicht. Daher hatte es für Lucy oberste Priorität, einem Partner voll und ganz vertrauen zu können. Mit Michael rechnete sie sich zwar langfristig keine großen Chancen aus, trotzdem hoffte sie darauf, dass ihre Affäre länger dauerte, als es sonst für sie üblich war.

„Erzähl mal von den Leuten, die wir auf dem Ball treffen“, bat sie. Zumindest wollte sie sich optimal auf diese Begegnungen vorbereiten.

Er berichtete von einem Ehepaar, das sich mit einer Heiratsagentur vornehmlich auf dem japanischen Markt etabliert hatte. Ein zweites Paar besaß eine Kaffeeplantage in der Nähe von Mareeba in den Atherton Tablelands, ein drittes verdiente sein Geld mit dem Export von Macadamia-Nüssen, Mangos und anderen exotischen Früchten. Michaels restliche Freunde waren Singles, und jeder einzelne von ihnen schien etwas Beeindruckendes aus seinem oder ihrem Leben gemacht zu haben.

Niemand würde verstehen, weshalb Lucy von Job zu Job flatterte, ohne jemals auf irgendeinem Gebiet erfolgreich zu sein. Aber sie besaß eben keinerlei beruflichen Ehrgeiz, weil sie wusste, dass ihr die Legasthenie immer wieder in die Quere kommen würde.

„Ich passe nicht wirklich zu denen“, warnte sie Michael vor. „Wir stammen aus verschiedenen Welten.“

Das schien ihn nicht weiter zu beunruhigen. Grinsend hob er sein Glas und prostete ihr zu. „Es lebe der Unterschied!“

Die Anspannung fiel von Lucy ab. Immerhin war Michaels Meinung die einzige, die wirklich für sie zählte. Und er mochte sie genau so, wie sie war.

Das Essen wurde serviert, zusammen mit einem vollmundigen Rotwein. Das Kalbfleisch war so zart, dass es auf der Zunge zerging. Lucy genoss jeden einzelnen Bissen und lehnte sich zufrieden auf dem Stuhl zurück, als ihr Teller leer war.

Plötzlich hatte sie das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Suchend sah sie sich um und entdeckte schließlich an einem Tisch, der zum benachbarten Restaurant gehörte, den unverschämten Kerl, mit dem sie gerade erst in Port Douglas aneinandergeraten war. Er starrte sie an und hob dann spöttisch sein Bierglas, als ihr Blick auf sein triumphierendes Gesicht fiel.

Sie dachte an den Abend im Irish Pub zurück, als sie ihn und seine Freunde kennengelernt hatte. Alles war recht spaßig gewesen. Die jungen Männer hatten mit Lucy und ihren Freundinnen geflirtet und sie zum Tanzen aufgefordert, bis irgendwann zu viel Alkohol geflossen war. Es waren gutaussehende Typen, die es offenbar gewohnt waren, bei jeder Frau zu landen – ganz egal, wie sehr sie sich daneben benahmen.

Nachdem Lucy und ihre Freundinnen die zweifelhaften Verehrer stehengelassen hatten, waren diese unverschämt und ausfallend geworden. Sie hatten den Frauen üble Beschimpfungen nachgerufen.

Und zu dem Mann, der Lucy gerade anstarrte, hatte sie sich anfangs besonders hingezogen gefühlt. Sein Name war Jason. Jason Lester. Er hatte einen durchtrainierten Körper, stahlblaue Augen und einen verwegenen Dreitagebart. Und er hatte die Abfuhr von Lucy nicht gerade sportlich genommen.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als er seinen Stuhl zurückstieß und aufstand, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Adrenalin schoss ihr durch die Adern. Falls er es auf eine Konfrontation abgesehen hatte …

Hastig streckte sie den Arm aus und griff nach Michaels Hand. „Da kommt Ärger auf uns zu“, zischte sie.

„Wie bitte?“ Verwundert sah er in die Richtung, in die sie zeigte. „Du meinst Jason Lester?“

„Kennst du ihn etwa?“

„Ich habe als Jugendlicher Football gegen ihn gespielt.“

Nie wäre sie darauf gekommen, dass zwischen beiden Männern eine Verbindung bestehen könnte. Inzwischen hatte Jason ihren Tisch erreicht.

„Na, na, wen haben wir denn da? Die kleine Honigbiene“, begann er in schneidendem Tonfall, und Michael erhob sich.

Er war einen halben Kopf größer als Jason und auch breiter gebaut. Aber davon ließ sich der unwillkommene Besucher nicht weiter beeindrucken.

„Hat sich mit dir wohl einen dickeren Fisch an Land gezogen, Mickey Finn, was?“

„Du benimmst dich nicht gerade wie ein Gentleman, Jason“, ermahnte Michael ihn kühl, und seine Miene war wie aus Stein. „Das ist nicht zu entschuldigen.“

„Ich wollte dir nur eine freundliche Warnung zuteil werden lassen. Dieses Mädel sieht zwar süß aus, besitzt aber einen recht giftigen Stachel.“

„Das würde ich gern selbst herausfinden“, erwiderte Michael tonlos. „Wenn du uns jetzt bitte entschuldigst?“

„Das tu ich nicht. Erst soll mir die Honigbiene mal erklären, weshalb sie mir einen Korb gibt, obwohl sie schon mit halb Cairns ins Bett gestiegen ist!“ Seine blauen Augen richteten sich auf Lucy. „Nun, Schätzchen?“

Sie wurde dunkelrot im Gesicht. „Jede Schlampe hat noch einen gewissen Anspruch, Jason, den du leider einfach nicht erfüllst.“

„Bist hinter einem dickeren Portemonnaie her, oder?“ Spöttisch zeigte er auf Michael. „Jetzt weißt du zumindest, mit wem du es zu tun hast, alter Kumpel.“

Dann ging er.

Wie betäubt saß Lucy da und blickte ihm nach. Sie ärgerte sich darüber, sich gegen Jasons unverschämten Vorwurf nicht gewehrt zu haben. Dabei war sie alles andere als eine Schlampe.

Vielleicht kamen Michael jetzt erste Zweifel. Immerhin hatte sie gleich in der ersten Nacht mit ihm geschlafen!

Lucy traute sich kaum, ihm in die Augen zu sehen.

Langsam lockerte Michael seine Fäuste, während Jason Lester zurück zu seinen Freunden ging. Es war typisch für diesen Kerl, unverhofft aufzutauchen, zielsicher den wunden Punkt zu treffen, um sich dann feige wieder zurückzuziehen. Auch auf dem Footballfeld hatte er nie fair gespielt, weshalb Harry mehr als einmal übel auf ihn losgegangen war.

Zwischen Lester und den Finn-Brüdern herrschte seitdem ein feindseliges Verhältnis. Und heute hatte Jason auch noch diesen wunderschönen Abend vergiftet – aus reiner Bosheit und aus Neid. Obwohl Michael das klar war, fragte er sich, wie viel Wahrheitsgehalt er Jasons Worten beimessen sollte.

Mit wie vielen Männern hatte sich die süße Honigbiene Lucy amüsiert? Sicherlich war sie nicht das Luder, das Jason aus ihr machen wollte. Andererseits ging sie recht offen mit ihrer Sexualität um, was bei Michael plötzlich einen ziemlich faden Beigeschmack auslöste. Solange man glaubte, dass man der Einzige war, mit dem sie derart offenherzig und ungestüm …

Hatte sie es wirklich in erster Linie auf sein Geld abgesehen? Ihm kam es vor, als gehörte die Freude am Sex zu ihrer wahren Natur, aber vielleicht war dieses Spiel ja auch bloß Mittel zum Zweck. Vielleicht zielte alles darauf ab, Männer gefügig zu machen.

Nachdenklich setzte er sich wieder und betrachtete Lucy. Sie wirkte extrem angespannt, und ihr starrer Blick war auf den benachbarten Tisch gerichtet, wo gerade Desserts serviert wurden. Vermutlich war ihr inzwischen der Appetit vergangen, doch Michael beschloss, diese Gelegenheit zu nutzen, um die Situation zu entschärfen.

Vorsichtig berührte er ihre Hand, und Lucy sah ihn zögernd an. In ihren großen braunen Augen lag ein tieftrauriger Ausdruck. Weil ihr jemand die Maske vom Gesicht gerissen hatte? Oder weil sie nicht wollte, dass Michael schlecht von ihr dachte?

Er kannte ihre wahren Absichten nicht, trotzdem wollte er sich von Lester diesen Abend nicht ruinieren lassen.

Michael nickte in Richtung Nebentisch. „Möchtest du dir auch eins bestellen?“

„Wie bitte?“, fragte sie verwirrt.

„Du meintest doch, du willst erst sehen, was die anderen Gäste zum Dessert essen“, erinnerte er sie.

„Ach, so.“ Die Erleichterung darüber, dass er nicht nach Jason Lester fragte, war ihr deutlich anzusehen. „Ich habe gar nicht drauf geachtet.“

Aufmunternd drückte er ihre Hand. „Lass dir von ihm nicht den Appetit verderben. Ich finde es hinreißend, wie sehr du dich über gutes Essen freuen kannst. Ganz ehrlich!“

Ein schwaches Lächeln erhellte ihr Gesicht. „Er war echt fies. Und ich dachte …“

Ihr gequälter Gesichtsausdruck rührte ihn. „Jetzt ist er ja weg, Lucy. Und wir wollen uns amüsieren. Lass uns den ganzen Vorfall einfach aus unserem Gedächtnis streichen und weitermachen wie bisher.“

„Kannst du das so einfach?“

„Ja.“ Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, doch das überspielte er geschickt mit einem breiten Grinsen. „Obwohl ich tatsächlich richtig froh bin, dass du nicht mit ihm geschlafen hast. Ich habe nämlich auch einen gewissen Anspruch.“

„Ich hasse grausame Männer“, sagte sie mit Nachdruck. „Mein Vater wurde immer ausfallend, sobald er etwas getrunken hatte. Es war eine riesige Erleichterung, als er endlich aus unser aller Leben verschwunden ist.“

Im Stillen rätselte Michael darüber, was genau sie mit grausam meinte. „Ist er gewalttätig geworden?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Lucy verzog das Gesicht. „Ab und zu hat er meine Mum geschlagen. Aber die meiste Zeit über war er unerträglich beleidigend und gemein.“

„Was war mit dir und deiner Schwester?“

Schnell schüttelte sie den Kopf. „Wir haben früh gelernt, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn er betrunken war.“

„Klingt nach einer ziemlich schwierigen Kindheit“, murmelte er wie zu sich selbst und dachte daran, wie viel Glück er mit seinen eigenen Eltern gehabt hatte.

„Ich war jedenfalls froh, dass er irgendwann ganz nach Mount Isa gezogen ist“, gab sie zu. „Dort lebt er immer noch. Er ist Minenarbeiter.“

„Verstehe. Dann ist er früher immer nur auf Urlaub nach Cairns gekommen.“

„Genau. Schon damals haben wir alle erst aufgeatmet, nachdem er wieder verschwunden war.“ Noch einmal schüttelte sie den Kopf. „Mum hätte ihn niemals heiraten dürfen. Sie war zu dem Zeitpunkt schwanger mit Ellie und fühlte sich zu dieser Heirat verpflichtet. Sie stammte selbst aus einer zerrütteten Familie und hatte niemanden in dieser Stadt, an den sie sich hätte wenden können. Ihr ganzes Leben lang war sie darum bemüht, unsere kleine Familie zusammenzuhalten. Ich hätte mir keine bessere Mutter wünschen können.“

„Freut mich, das zu hören“, sagte er aufrichtig. „Und es tut mir sehr leid, dass dein Vater sich derart mies verhalten hat.“

Neugierig sah sie ihn an. „Wie war dein Vater?“

„Er war ein großartiger Mensch, genau wie meine Mutter. Harry und ich hatten eine richtig glückliche Kindheit.“

Sie seufzte tief. „Dann hast du bestimmt jede Menge guter Erinnerungen an deine Eltern?“

„Ja.“

„Bestimmt willst du deinen Kindern mal ein genauso erfülltes Leben bieten …“

Ihr Blick wanderte ins Leere, und Michael vermutete, dass sie im Geiste ihre eigene Zukunft zu planen versuchte. Eine Alarmglocke schrillte in seinem Kopf. Bevor Lester sein Gift verspritzt hatte, war Michael schon selbst der Gedanke gekommen, Lucy könnte möglicherweise die Richtige sein. Doch nun hatte er seine Zweifel.

Andererseits wehrte sich sein Innerstes dagegen, Lucy einfach aufzugeben. Er hatte noch nie in seinem Leben so atemberaubenden Sex gehabt. Außerdem war sie eine hinreißend unterhaltsame Gesprächspartnerin. Man musste schließlich nicht gleich an eine langfristige Beziehung denken! Ein Schritt nach dem anderen …

Michael wollte weiterhin genießen, was ihm die gesamte letzte Woche schon so viel Freude gemacht hatte.

Sie bestellten weiße Mousse au Chocolat, und der Rest des Abends verlief genauso vergnüglich, wie er begonnen hatte – gefolgt von fantastischem Sex.

Irgendwann beschloss Michael, einfach mit Lucy in den Tag hineinzuleben. Jede einzelne Stunde mit ihr war eine Erfahrung, die er nicht missen wollte. Und falls es sein Geld war, auf das sie es abgesehen hatte, kümmerte es ihn nicht weiter. Er liebte ihre sonnige Art, und er entspannte sich in ihrer Gegenwart. Für dieses Glück war er gern bereit, einen gewissen Preis zu zahlen.

5. KAPITEL

Finn Island …

Lucy konnte sich an der exotischen Pracht dieser Insel gar nicht sattsehen, während Michael seine Motoryacht dichter an den kleinen Pier lenkte, wo Harry schon auf sie beide wartete. Sie befanden sich in einer Bucht mit weißem Sandstrand und einem kleinen Yachthafen. Unzählige Palmen säumten die Küste, und das klare Wasser glitzerte in hellem Türkis. In der Ferne sah man kleine Häuser, die bis an den Rand des Regenwalds gebaut waren.

Es ist wirklich ein Paradies, ging es Lucy durch den Kopf.

Gestern Abend hatte Michael ihr geraten, nicht mehr über Jason Lester nachzudenken. Nur wollte ihr das nicht so recht gelingen. Obendrein störte es sie, dass von Michael keine richtige Reaktion auf Jasons grobe Beleidigung kam. Fragte er sich denn gar nicht, ob an den Vorwürfen etwas Wahres dran war? Oder wollte er die Affäre weiterführen, ganz gleich, mit wie vielen Männern sie vorher geschlafen hatte?

Eigentlich wollte Lucy die Beziehung zu Michael nicht allzu ernst nehmen, um sich gegen eine Enttäuschung zu wappnen. Möglicherweise sah er in ihr nicht mehr als ein Betthäschen, das es auf sein Geld abgesehen hatte … Sie hasste diese Vorstellung!

Die Frage wurmte sie schon den ganzen Tag, welchen Eindruck sie wohl auf Michael machte. Sie bekam diese nagenden Zweifel einfach nicht mehr aus dem Kopf. Tatsächlich hatte sie mit den meisten Männern, mit denen sie ausgegangen war, auch irgendwann geschlafen. Allerdings eben nicht gleich in der ersten Nacht.

Die intensiven Emotionen, die Michael in ihr auslöste, hatten einfach die Regie übernommen. Nie hatte sich ein One-Night-Stand so richtig und wunderbar angefühlt wie mit ihm. Ihr war überhaupt nicht der Gedanke gekommen, Michael vorher besser kennenlernen zu müssen. Sie war ihren Instinkten gefolgt, und Michael hatte ihr den Eindruck vermittelt, sie sei das Beste, was ihm jemals passiert war. Umgekehrt traf das auf jeden Fall zu!

Vielleicht mache ich mir unnötig Sorgen, überlegte sie. Ganz offensichtlich genoss er ihre Gegenwart, berührte Lucy bei jeder sich bietenden Gelegenheit oder gab ihr einen Kuss. Sie liebte diese kleinen Aufmerksamkeiten, aber der quälende Gedanke, Michael würde sie möglicherweise nicht respektieren, ließ sich nicht vollständig verdrängen.

Harry half dabei, die Motoryacht festzumachen. Anschließend fuhren sie mit einem Strandbuggy zum Verwaltungsbüro, wo Ellie schon auf sie wartete.

Meine Schwester hat wirklich Glück, hier arbeiten zu dürfen, dachte Lucy und sah sich neugierig um.

Außerdem hoffte Lucy, Ellie würde Harry eine ehrliche Chance geben. Zwei Jahre wie eine Nonne zu leben, war wirklich genug! Ellie war viel zu jung, um den Männern wegen einer einzigen schlechten Erfahrung endgültig zu entsagen. Eine Beziehung konnte doch Spaß machen, selbst wenn sich der Prinz irgendwann in einen Frosch verwandelte. Lucy war unendlich gespannt, wie sich die Dinge zwischen Harry und ihrer Schwester inzwischen entwickelt hatten.

Bevor sie das Gebäude betraten, hakte Lucy sich bei Michael ein, und er legte seine Hand auf ihre. Heimlich bewunderte sie ihren aufregenden Prinzen von der Seite. Wie schön wäre es, wenn er sie zu seiner Prinzessin machen würde! Aber das war leider absolut unwahrscheinlich.

Bestimmt würde Michael irgendwann eine eigene Familie gründen wollen. Zwar hatte er das gestern Abend nicht ausdrücklich bestätigt, doch Lucy spürte es. Und mit ihr zusammen würde es nicht gehen.

In diesem Augenblick entdeckte sie Ellie im Büro.

„Diese Insel ist ja hinreißend, Ellie“, rief Lucy zur Begrüßung. „Was für ein toller Arbeitsplatz.“

„Ein tropisches Paradies“, erwiderte ihre Schwester und stand lächelnd von ihrem Schreibtischstuhl auf.

Lucy löste sich von Michael und flog Ellie in die ausgebreiteten Arme. „Du musst es lieben, hier zu arbeiten, oder etwa nicht?“, fragte sie aufgeregt, war aber vor allem neugierig darauf, wie ihre Schwester mit Harry zurechtkam.

„Nicht zu sehr, hoffe ich“, schaltete Michael sich ein.

„Es ist auf jeden Fall ein deutlicher Tapetenwechsel“, antwortete Ellie ausweichend.

„Ein Tapetenwechsel zum Besseren?“

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