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Sag zum Abschied „Ich liebe dich!“

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1. KAPITEL

Kronprinz Maksim von Volyarus packte seinen ganzen Zorn in sein Training und die harten Geraden gefolgt von einem blitzschnellen Haken gegen seinen Cousin und Sparringspartner.

Leder klatschte auf Leder, als Demyan den Angriff mit einem Überraschungslaut parierte. „Haben Eure Hoheit irgendein Problem?“

Maks hasste es, wenn sein Cousin, der vier Jahre älter und mit ihm wie ein Bruder im Palast aufgewachsen war, ihn mit seinem offiziellen Titel ansprach. Was Demyan natürlich wusste. Doch er ärgerte Maks gern ein wenig, vor allem während ihres gemeinsamen Trainings. Weil es, wie er meinte, dem Sparring etwas Würze verlieh.

Heute wäre das allerdings gar nicht nötig gewesen, denn Maks hatte auch so schon eine gehörige Wut im Bauch, die er Demyan ohne Vorwarnung spüren ließ, weil der es nicht anders verdient hatte. „Nichts, das sich nicht durch eine ordentliche Tracht Prügel richten ließe“, entgegnete er deshalb und tänzelte rückwärts, um im nächsten Moment erneut mit einer schnellen, gnadenlosen Kombination aus Punch und Kick auf seinen Cousin loszugehen.

Beide ein Meter neunzig groß und in Topform, waren sie ebenbürtige Gegner.

„Ich dachte, heute wäre für dich und Gillian der große Abend“, sagte Demyan, wobei er, von der Wucht des Angriffs überrascht, zurücktaumelte. „Du meinst doch nicht etwa, dass sie dir einen Korb geben wird?“

„Wenn ich sie fragen würde, würde sie Ja sagen.“ Noch einen Tag zuvor hätte Maks diese Zuversicht sehr gefreut. Jetzt aber machte sie ihm erst recht bewusst, worauf er würde verzichten müssen – nämlich Gillian.

„Wo ist dann das Problem?“ Mit einer Salve von Punches und Kicks ging Demyan unvermittelt in die Offensive und zwang Maks, sich nun seinerseits zu verteidigen.

„Das Ergebnis ihrer medizinischen Untersuchung liegt vor.“

„Sie ist doch nicht etwa krank?“ Für einen Mann, der als kalt und skrupellos galt, klang die Frage ungewöhnlich besorgt.

Doch Maks wunderte sich nicht, wusste er doch genau, wie viel Demyan die Familie bedeutete. Und die ebenso schöne wie reizende Gillian war in den vergangenen acht Monaten schon fast ein Teil davon geworden. „Sie ist völlig gesund.“ Wenn man von ihren Eierstöcken absah. „Heute jedenfalls.“

„Was soll das heißen?“

„Mit sechzehn hatte sie eine Blinddarmentzündung.“

„Das ist zehn Jahre her. Was für einen Einfluss auf ihren heutigen Gesundheitszustand sollte das haben?“

„Ihre Eileiter.“

Demyan erstarrte und sah Maks verdutzt an. „Wie?“

Maks, der nicht in der Stimmung war, Nachsicht zu üben, nutzte die Unaufmerksamkeit seines Cousins eiskalt aus und streckte ihn mit einem präzise gesetzten Kick zu Boden.

Demyan sprang zwar sofort wieder auf die Füße, ging aber nicht wie sonst direkt zum Gegenangriff über. „Komm schon, Maks, mach es nicht so spannend, und erklär mir, was die Blinddarmentzündung eines Teenagers mit den Eileitern einer erwachsenen Frau zu tun hat.“ Er wusste natürlich, dass Maks’ Interesse an Gillians Fruchtbarkeit in Zusammenhang mit dem Fortbestand des Hauses Yurkovich, der Königlichen Familie von Volyarus, stand.

„Die Funktion ihrer Eierstöcke ist beeinträchtigt.“ Maks korrigierte den Sitz seiner Sparring-Handschuhe. „Was die Chance einer Schwangerschaft auf weniger als dreißig Prozent reduziert.“ Möglicherweise sogar auf sehr viel weniger, wie ihm die Spezialisten erläutert hatten.

Demyan schob sich das dichte schwarze Haar, das dem seines Cousins so ähnlich war, aus der Stirn. „Und was ist mit Hormonbehandlungen?“

„Ich habe nicht vor, Vater von Sechslingen zu werden.“

„Sei kein Idiot.“

„Bin ich nicht. Du weißt genau, dass ich keine Frau heiraten kann, die nicht in der Lage ist, den nächsten Erben plus Ersatz zu produzieren.“

Demyan schwieg einen Moment. Genau wie sein Cousin war er sich nur allzu sehr bewusst, welcher Preis mit ihrer Position verbunden war. Dennoch sagte er schließlich: „Du bist nicht dein Vater. Du musst nicht eine Frau heiraten, die du nicht liebst, nur um einen Erben zu liefern.“

„Das habe ich auch nicht vor. Aber genauso wenig werde ich eine Frau heiraten, die den gewünschten Erben allenfalls mit Hilfe langwieriger, belastender und keineswegs immer erfolgreicher Fruchtbarkeitsbehandlungen hervorbringen könnte.“

„Du könntest auch ein Kind adoptieren.“

„So wie meine Eltern es mit dir getan haben?“

„Formal adoptiert haben sie mich ja nie. Ich bin immer noch ein Zaretsky. Ich denke, es war nie die Absicht deines Vaters, mich zum Thronerben zu machen.“

„Du warst für ihn nur der Ersatz“, warf Maks bitter ein.

Sein Cousin zuckte unbeeindruckt die Schultern. „Pflicht ist Pflicht.“

„Ja, und meine Pflicht schließt aus, dass ich Gillian Harris bitte, meine Frau zu werden.“ Genauso wie sein persönliches Ehrgefühl von ihm verlangte, dass er die Beziehung mit ihr so schnell wie möglich beendete.

„Du liebst sie also nicht?“, erkundigte sich Demyan beiläufig.

„Das weißt du besser.“

„Liebe bringt nur Schmerz“, zitierte Demyan Maks’ Mutter.

„Und Kompromisse in Bezug auf die Pflicht“, ergänzte Maks.

Beide hatten allen Grund, es auch zu glauben.

„Was hast du jetzt vor?“ Demyan ließ sich in die Sparringhaltung zurückfallen, Maks führte eine einfache Kombo aus einem Stoß mit der Führhand und einem linken Haken aus.

„Was meinst du wohl?“

„Mir wird sie jedenfalls fehlen.“

Was Maks keine Sekunde bezweifelte. Ein Grund, warum er sich entschieden hatte, Gillian zu heiraten, lag ja darin, wie überraschend gut sie mit seiner Familie auskam und wie souverän sie gesellschaftliche Situationen meisterte, in denen sich viele überfordert gefühlt hätten. Als Tochter eines international renommierten Journalisten hatte Gillian sich schon von Kindheit an ganz selbstverständlich in der Gesellschaft der Reichen und Mächtigen der Welt bewegt.

Demyan parierte Maks’ Kick und stieß seinerseits vor. „Wirst du es ihr heute Abend sagen?“

„Das wird vielleicht gar nicht nötig sein.“ Seine reizende blonde Freundin mit den hinreißenden blauen Augen würde inzwischen auch eine Kopie der Ergebnisse ihres jüngsten Gesundheitschecks erhalten haben. Mit anderen Worten: Gillian wusste natürlich längst, welche besonderen Pflichten und Verantwortungen mit seiner Position verbunden waren. Also sollte sie damit rechnen, dass er ihre Beziehung beendete. Und da sie vernünftiger war als die meisten Frauen, die er kannte, hoffte er, dass sie ihm keine Szene machen würde.

„Ja, Nana, ich glaube, heute ist der große Abend.“ Gillian hatte sich das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, während sie gleichzeitig auf einem Bein hüpfend versuchte, sich die Schuhe anzuziehen.

„Hat er dir schon gesagt, dass er dich liebt?“, erkundigte sich Evelyn Harris, die nicht nur Gillians Großmutter war, sondern sie auch großgezogen hatte.

„Nein.“

„Dein Großvater sagt mir seit achtundvierzig Jahren jeden Abend, bevor wir schlafen gehen, dass er mich liebt.“

„Ich weiß, Nana.“ Aber Maks war eben anders. Extrem beherrscht – als wäre dies ein königliches Gebot, das er als pflichtbewusster Kronprinz selbstverständlich befolgte. Seine Gefühle zeigte er eigentlich nur, wenn sie einander liebten. In gewisser Weise jedenfalls. Maks war ein fantastischer Liebhaber, der sich ganz darauf konzentrierte, der Frau, die sein Bett teilte, Freude zu schenken.

In den vergangenen sieben Monaten war Gillian diese Frau gewesen. Doch zuvor waren sie einen ganzen Monat regelmäßig miteinander ausgegangen, bevor sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten. Gemessen an Maks’ Ruf als Frauenheld, hatte Gillian das damals seltsam gefunden. Später hatte sie jedoch begriffen, dass Maks bei ihr mehr als nur ein flüchtiges, sexuelles Abenteuer gesucht hatte, so unglaublich es auch zu sein schien.

Eine aufregende Erkenntnis, denn schließlich gehörte sie ja keineswegs zu seinen Kreisen. Sie war weder reich noch berühmt noch mächtig. Allerdings traf sich ihr Vater, wenn er einmal in der Stadt war, immer noch gern mit ihr, was notgedrungen bedeutete, dass sie ihn zu der einen oder anderen offiziellen Veranstaltung begleitete. Da es für Richard Harris unvorstellbar war, seine wertvolle Zeit nur mit einem Besuch bei ihr zu vergeuden, baute er sie in der Regel einfach in seinen Terminplan ein. Als wenig bemerkenswerte Tochter des berühmten Nachrichtenkorrespondenten hatte Gillian so an mehr Diplomatenempfängen und High Society Events teilgenommen, als ihr lieb war.

Dennoch war niemand überraschter als sie, als sich herausstellte, dass Kronprinz Maksim Yurkovich sich anscheinend gerade zum wenig Bemerkenswerten hingezogen fühlte. Aber einige seiner Kommentare sowie seiner Mutter bei den wenigen Anlässen, bei denen Gillian die Königin getroffen hatte, ließen keinen Zweifel daran, dass im Königshaus auf die Bekanntheit der Person bei der Auswahl des Partners kein Wert gelegt wurde. Trotzdem hätte Gillian erwartet, dass der Thronfolger sich als zukünftige Frau jemanden von adeliger Abstammung ausgesucht hätte, doch auch dieser Aspekt schien im Königshaus von Volyarus keine so große Rolle zu spielen wie in anderen königlichen Familien auf der Welt.

Kaum jemand hätte jedenfalls so wenig bemerkenswert sein können wie ein Kleinstadtmädchen aus Alaska, das sich den Lebensunterhalt als „Pralinenschachtelfotografin“ verdiente, wie es ihr Vater nannte. Andererseits gab es aber auch nichts Anstößiges oder Fragwürdiges in ihrer Biografie zu beanstanden. Zwar waren ihre Eltern nicht zusammengeblieben und auch nicht daran interessiert gewesen, sie persönlich großzuziehen, aber sie hatten immerhin rechtzeitig vor ihrer Geburt geheiratet und mit der Scheidung anstandshalber bis ein Jahr danach gewartet.

„Ich lege besser auf, weil du mit dem Kopf sowieso ganz woanders bist“, sagte ihre Großmutter jetzt am anderen Ende der Leitung.

Gillian strich sich das blonde Haar hinters Ohr. „Sorry, Nana, ich wollte nicht …“

„Schon gut. Wenn du an Maks denkst, schaltet der Rest deines Verstandes ab. Aber sorg dafür, dass der Junge dir sagt, dass er dich liebt, bevor du seinen Antrag annimmst.“

„Er ist wirklich kein Junge mehr“, protestierte Gillian nicht zum ersten Mal.

„Ich bin fünfundsiebzig, mein Kind. Für mich ist er ein Junge.“

„Aber manche Menschen sprechen diese Worte nie aus“, kehrte Gillian noch einmal zu dem Thema zurück, das ihrer Großmutter so wichtig war.

„Manche Menschen haben eben weniger Verstand als eine Mücke.“

„Rich hat es mir auch noch nie ausdrücklich gesagt, aber er liebt mich trotzdem.“ Noch während sie die Worte aussprach, wurde ihr klar, dass sie sich dessen gar nicht so sicher war. Ihr Vater war nicht der liebevolle, gefühlsbetonte Typ. Tatsächlich hatte Richard Harris sich immer nur mäßig bemüht, an ihrem Leben Anteil zu nehmen. Aber er hatte auch dafür gesorgt, dass Gillian überhaupt von zwei Menschen großgezogen worden war, die sie aufrichtig liebten und um ihr Wohl besorgt waren. Genau die beiden Menschen nämlich, die auch ihn großgezogen hatten.

„Dein Daddy ist ein Blödmann, Pulitzer-Preis hin oder her!“

Gillian lachte, wusste sie doch, dass ihre Großmutter diese Worte nicht ernst meinte. Evelyn Harris war im Gegenteil sehr stolz auf ihren weltberühmten Sohn und hatte darüber hinaus die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er Gillian eines Tages ein richtiger Vater sein würde.

Der Zug war längst abgefahren, was aber Gillian ihrer Großmutter gegenüber nie erwähnt hätte, weil es sie nur verletzt hätte. „Lass ihn das bloß nicht hören“, scherzte sie stattdessen. „Sonst fordert er noch das Wohnmobil von euch zurück.“

„Das möchte ich sehen! Ich habe immer noch einen Holzlöffel in der Küche und keine Angst, ihn zu benutzen.“

Eine Vorstellung, die Gillian erst recht zum Lachen brachte. Ihre Großmutter hatte auch ihr immer mal wieder mit dem berüchtigten Holzlöffel gedroht. Tatsächlich hatte Gillian ihn aber nicht ein einziges Mal zu spüren bekommen.

„Ich weiß wirklich nicht, was meinem missratenen Sohn in den Sinn kommt“, sagte die alte Frau jetzt.

„Er ist schon in Ordnung, Nana. Nur weil eine Familie in seinen Träumen keinen Platz hatte, ist er noch lange nicht schlecht.“

„Träume hin, Träume her, er hat nun mal eine Tochter!“

„Ich weiß.“ Gillian hatte sich längst damit abgefunden, dass sie nicht wirklich erwünscht gewesen war, auch wenn sie ihren Eltern dankbar war, dass sie ihr das Leben geschenkt hatten.

„Ach, ich mag mir gar nicht vorstellen, dass du schon so bald heiraten willst“, jammerte Evelyn Harris in einem Ton, der bei Gillian die Alarmglocken schrillen ließ. Gleich würde ihre Großmutter auf die Idee kommen, ihren gegenwärtigen Abenteuertrip mit Großvater abzubrechen und kurz entschlossen nach Seattle zu fliegen, um bei ihrer Enkelin nach dem Rechten zu sehen!

„Nana, es geht mir gut. Bestens sogar.“ Schließlich stand sie kurz davor, sich mit dem Mann zu verloben, den sie von ganzem Herzen liebte. „Ich brauche diese Worte wirklich nicht.“ Nein, sie legte viel mehr Wert auf Taten, und die sprachen für sich. Trotz seines vollen Terminkalenders und der hohen Beachtung, die sein Leben in der Öffentlichkeit fand, gab Maks ihr nie das Gefühl, an zweiter Stelle zu stehen. Im Gegenteil. Er hatte noch nie eine Verabredung mit ihr abgesagt, kam nie zu spät zu einem Date oder gab ihr das Gefühl, dass ihre Interessen oder ihre Karriere als Fotografin unbedeutend wären.

„So so.“

Evelyn Harris’ zweifelnder Unterton ließ Gillian befürchten, dass ihre Großmutter vorhatte, sich Maks vorzuknöpfen. Sie seufzte. Er musste noch die eine oder andere Gardinenpredigt dieser Art verkraften, wenn sie wirklich heiraten würden.

„Wie gefällt dir und Grandpa denn Las Vegas?“, versuchte sie, auf ein unverfänglicheres Thema abzulenken.

„Dein Großvater hat an den Blackjack-Tischen Geld verloren, aber ich habe an den Automaten gewonnen“, trumpfte Evelyn Harris so begeistert auf, dass Gillian lächelte.

„Bleibt es dabei, dass Rich sich nächste Woche mit euch zum Dinner trifft?“

„Er hat jedenfalls noch keine SMS mit einer Absage geschickt“, erwiderte Gillians Großmutter so spitz, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie diese moderne Art der Kommunikation für eine Unsitte hielt.

„Gut.“

„Ich nehme an, wir werden ihm dann gute Neuigkeiten verkünden können?“

„Das denke ich auch.“ Es läutete an der Wohnungstür. „Das wird Maks sein, Nana. Ich muss jetzt Schluss machen.“

„Ruf morgen wieder an, hörst du?“

„Ja, Nana.“ Mit guten Neuigkeiten.

Lächelnd eilte Gillian zur Tür. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf den Briefumschlag mit den Ergebnissen ihres jüngsten Gesundheitschecks. Sie hatte sich den Arztbericht noch gar nicht angesehen, rechnete aber nicht mit irgendwelchen Überraschungen. Der jährliche ärztliche Check war ihr auf Drängen ihres Vaters hin einfach zur Gewohnheit geworden, nachdem sie mit sechzehn fast an einer akuten Blinddarmentzündung gestorben wäre. Dass ihr Vater überhaupt darauf bestand, nahm sie als Beweis seiner Zuneigung.

Maks wirkte ungewöhnlich ernst, als Gillian ihm die Tür öffnete – und, bekleidet mit einem schwarzen Armani-Anzug, wie stets atemberaubend attraktiv.

Sie blickte lächelnd zu ihm auf. „Du bist früh dran.“

„Und trotzdem bist du schon fertig. Du bist wirklich eine ungewöhnliche Frau, Gillian Harris.“ Zwar erwiderte er ihr Lächeln nicht, aber der Blick seiner samtbraunen Augen war wie eine Liebkosung und gab ihr wie jedes Mal das Gefühl, in seinen Augen die schönste Frau der Welt zu sein.

Bereitwillig trat sie zur Seite, um ihn einzulassen. „Nana hatte nichts übrig für Unpünktlichkeit.“

„Und ich habe mir eingebildet, du wärst so verrückt darauf, mich zu sehen, dass du dich extra beeilt hast, dich für mich schön zu machen“, sagte er neckend.

„Das natürlich auch“, gestand sie lächelnd.

Er beugte sich herab und küsste sie zur Begrüßung zart auf den Mund. Als sie ihre Lippen unwillkürlich öffnete und seinem Kuss verlangend entgegenkam, drängte er sie in die Wohnung zurück und presste sie an sich. Wie so oft, wenn sie einander küssten, vergaß Gillian alles um sich her, ganz gefangen von den erregenden Gefühlen, die Maks in ihr weckte.

Erst als sie beide Atem holen mussten, gab er sie wieder frei. Sein Blick fiel auf den Umschlag mit dem Arztbericht auf dem Telefontischchen. Gillian hatte ihn schon geöffnet, aber dann war ihr der Anruf ihrer Großmutter dazwischen gekommen, ehe sie den Bericht hatte ansehen können. Doch sie machte sich keinerlei Gedanken. Sie war noch jung, erst sechsundzwanzig, lebte gesund und fühlte sich in keinerlei Hinsicht krank.

„Du hast die Ergebnisse deines Gesundheitschecks bekommen“, sagte Maks nun seltsam ausdruckslos.

Sie nickte und ging voraus ins Wohnzimmer. „Möchtest du etwas trinken, bevor wir gehen?“

„Einen kleinen Old Pulteney, falls du ihn dahast.“

„Das weißt du doch.“ Seit sie wusste, dass der einundzwanzigjährige Single Malt Scotch sein Lieblingswhisky war, hielt sie immer eine Flasche bereit.

Gillian schenkte ihm in einen Tumbler zwei Finger breit Whisky ein, ohne Eis, und reichte ihm den Drink.

„Danke.“ Er trank einen größeren Schluck als gewöhnlich.

Sie registrierte es lächelnd als rührenden Beweis, dass er, den sonst nichts aus der Ruhe bringen konnte, ungewohnt nervös war, und schenkte sich selbst ein Sodawasser ein, gab Eis und eine Zitronenscheibe dazu.

„Du hast mir nie gesagt, dass du mit sechzehn eine Blinddarmentzündung hattest.“

„Du hast mich nie danach gefragt.“ Gesehen hatte er die kleine, verblasste Narbe oft genug. Es wunderte Gillian allerdings, dass die alte Geschichte in ihrem Gesundheitsbericht erwähnt worden war. Anscheinend war Maks’ Arzt wesentlich gründlicher gewesen als ihre Hausärztin. Dass Maks den Bericht offensichtlich sehr aufmerksam studiert hatte, überraschte sie dagegen nicht. Es war ganz seine Art.

Als er aber jetzt mit sehr nachdenklicher Miene erneut einen Schluck Whisky trank, fragte sie sich doch, was an der Tatsache, dass sie vor zehn Jahren eine Blinddarmentzündung gehabt hatte, so bedenklich sein sollte. Vielleicht ging es ihm ja einfach wie ihrem Vater, den die Nachricht, dass sie fast gestorben wäre, damals sehr hart getroffen hatte. Zum ersten und einzigen Mal hatte Gillian in dem attraktiven Gesicht von Rich Harris einen Ausdruck echter Sorge gesehen, als er sie im Krankenhaus besucht hatte. Da aber ihr Vater nie gern an diesen Beweis seiner Verletzlichkeit erinnert wurde, nahm Gillian Ähnliches von Maks an und ging schweigend darüber hinweg.

„Wo hast du denn zum Dinner reserviert?“, fragte sie stattdessen. Er hatte ihr angekündigt, dass er sie in ein besonderes Restaurant ausführen wolle. Zusammen mit der Tatsache, dass er sich nach ihrem jährlichen Gesundheitscheck erkundigt und darauf bestanden hatte, dass diesmal sein persönlicher Leibarzt die Untersuchungen durchführte, wertete Gillian dies als untrüglichen Hinweis, dass dieser Abend mit einem Heiratsantrag enden würde.

Ein Antrag, den sie keineswegs ablehnen würde. Sie liebte Maks von ganzem Herzen, obwohl sie es ihm auch noch nicht ausdrücklich gesagt hatte. Das hatte sie ihrer Großmutter nicht eingestanden, aber tatsächlich kamen auch ihr diese Worte überraschend schwer über die Lippen.

„Im ‚Chez Rennet‘.“

Es war das erste Restaurant, in das Maks sie eingeladen hatte. Kein Zweifel, auch wenn er die Worte nicht aussprach, so war er in seinem Herzen doch ein Romantiker.

„Wundervoll! Ich liebe Rennets Küche.“ Rennet, Küchenchef und Restaurantbesitzer in einer Person, hatte sie und Maks ins Herz geschlossen, und es war immer ein besonderes Vergnügen, bei ihm zu speisen. Ein weiterer Beweis, dass Maks diesen Abend zu einem besonderen machen wollte.

„Ich weiß.“ Erneut sah Maks sie so merkwürdig ernst an.

Plötzlich glaubte sie zu verstehen. Es war ja wirklich eine ernste Angelegenheit, denn der Abend sollte mit einem Gespräch enden, das Maks ganz sicher nur ein einziges Mal in seinem Leben führen wollte. In dem Moment, als sie begriff, wie bedeutsam dieser Abend für Maks war, hatte auch sie mit einem Mal einen ganzen Schwarm Schmetterlinge im Bauch. Lieber Himmel, sie stand im Begriff, sich mit einem leibhaftigen Prinzen zu verloben! Zum ersten Mal machte sie sich bewusst, wie es sein würde, eine richtige Prinzessin zu sein.

Die Vorstellung war schon ein wenig Angst einflößend. Ihre Großmutter hatte Gillian immer gesagt, dass sie das Talent besaß, Dinge, die ihr unbequem waren, einfach zu ignorieren, und jetzt gestand sie sich ein, dass sie genau das in den vergangenen Monaten mit Maks getan hatte.

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