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Küsse in einer Frühlingsnacht

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1. KAPITEL

Es gehörte wirklich nicht zu Sasha Sweets persönlichen Highlights, sich Backstage in der Londoner Arena in der Herren­toilette zu verstecken. Auch wenn dies der VIP-Bereich war und die goldenen Wasserhähnen nur so funkelten… Sie wollte nur noch nach Hause.

Warum hatte sie sich in ihrem Panikanfall ausgerechnet in die Herrentoilette geflüchtet? Es war so peinlich!

Ein kalter Luftzug und Schritte kündigten an, dass jemand den Raum betreten hatte. Zum Glück hatte Sasha eine leere Kabine gefunden. Jetzt freute sie sich schon über eine leere Kabine! Auf dem Herrenklo! Konnte es noch schlimmer kommen?

Angespannt lauschte sie. Wenn man sie entdeckte und herausfand, dass sie sich über alle Sicherheitsvorkehrungen hinweggesetzt hatte … Die Träume von vierzehn Kindern standen hier auf dem Spiel – und Sashas guter Ruf als Lehrerin.

Plan A, nämlich ganz offiziell einen Termin zu vereinbaren, hätte ohne Weiteres funktionieren können. Dann hätte sie sich jetzt nicht wie eine Stalkerin verstecken müssen, während Tausende von Fans draußen in den Fluren warteten, um einen Blick auf Nate Munro zu erhaschen, den berühmt-berüchtigten Rockstar mit dem unglaublichen Sexappeal.

Wie ging nochmal Plan B?

„Komm schnell hier rein, Nate“, ließ sich eine Männerstimme mit einem starken amerikanischen Akzent vernehmen. „Warten wir hier, bis man sie rausgebracht hat. Du wirst gleich am Hinterausgang von einer Limousine abgeholt.“

Oh nein. Sasha verspannte sich. Nicht Nate! Nicht hier!

„Was ist mit dem Sicherheitsdienst? Die Fans sind ja völlig durchgeknallt.“ Das war jetzt seine Stimme, tiefer und voller, als sie sie erinnerte, aber unverkennbar seine.

„Sie sind verrückt nach dir, Nate. Sie lieben dich.“

Ja, damals, mit siebzehn, hatte Sasha ihn auch geliebt. Nathan Munro. Damals war er ein junger Sänger gewesen, der auf den Durchbruch wartete. Sasha schloss die Augen, als die Erinnerungen auf sie einstürmten. Nächtelang hatte sie seine Songs gehört, Songs, die er über sie geschrieben hatte.

Und Nate hatte es schließlich geschafft, trotz aller Hindernisse. Sein Leben war zunächst völlig aus dem Ruder gelaufen, als die Einwohner von Chesterton ihm den Rücken kehrten. Auch Sasha hatte sich damals von Nate abgewandt …

Und nun war er ein Rockstar mit dem Image des Bad Boys. Seine Welttournee war ausverkauft, und mit seinen ebenso sinnlichen wie düsteren Balladen stürmte er die Charts. Der Teufel mit der gottesgleichen Stimme.

Und er bekam immer, was er wollte, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren.

Sasha wusste selbst nicht, warum sie ausgerechnet ihn um Hilfe bitten wollte, zumal alles zehn Jahre her war. Wahrscheinlich hatte er sie längst vergessen. Oder er hasste sie.

Sie musste eine Möglichkeit finden, ihr Versprechen den Kindern gegenüber einzulösen. Allerdings konnte sie ihm nach all den Jahren nicht plötzlich auf einer Toilette gegenübertreten. Sie war Musiklehrerin und hatte gewisse Grundsätze. Sie würde seinen Agenten anrufen, ihn anbetteln oder was auch immer.

„Soll ich dir jemanden für heute Nacht suchen?“, ließ sich der Amerikaner wieder vernehmen. „Das Übliche? Blond? Schlank? Große …?“

„Ja, mach. Aber nur für eine Stunde oder so. Ich habe nachher noch eine Verabredung“, erwiderte Nate leicht gereizt.

Sasha traute ihren Ohren nicht. Er plante eine schnelle Nummer und ein Date?

Der Typ hatte wirklich Durchhaltevermögen.

Und keine Skrupel.

Aber sie war längst über ihn hinweg. Sie hoffte nur, er würde die Blondine nicht ausgerechnet hier empfangen.

„Du gehst also nicht zur After-Show-Party?“, hakte der Amerikaner nach. „Du warst zwölf Monate ununterbrochen auf Tour und triffst dich mit einer Frau, statt die Sau rauszulassen? Sie muss ja wirklich etwas Besonderes sein.“

„Ich komme später nach.“

„Pass jedenfalls auf, dass du keine der beiden Todsünden begehst – Drogen und Heiraten. Drogen bringen ihre eigenen Probleme mit sich, aber traute Zweisamkeit wäre der Todesstoß für deine Karriere.“

„Ich bin mit meiner geplatzten Verlobung gerade noch einmal davongekommen. Den Fehler mache ich nicht noch einmal.“

Sasha krauste die Stirn. Hatte sie da etwa einen gelangweilten Unterton herausgehört? Stimmte da etwas in Nates schillernder Welt nicht? Und seit wann gehörte die Ehe zu den Todsünden?

Der Nathan, den sie damals kennengelernt hatte, hatte Frauen jedenfalls nicht als Ware betrachtet. Allerdings hatte sie schon zu der Zeit miterlebt, wie er sich vom lebenslustigen Teenager zum Rebellen zu wandeln begann.

Plötzlich ließ das Signal einer eingehenden SMS sie zusammenzucken. Hektisch begann Sasha, in ihrer Handtasche zu suchen, und stieß dabei gegen die Wand. Entsetzt verfolgte sie, wie ihr Telefon wie in Zeitlupe hinunterfiel und unter der Tür hindurchrutschte.

Schnell kniete sie sich hin und beobachtete, wie es schließlich neben einem Paar schwarzer Bikerstiefel zu liegen kam.

Ja, es konnte tatsächlich noch schlimmer kommen …

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, und sie hörte nur ihren eigenen Herzschlag.

„Was haben wir denn da?“ Der Amerikaner hob das Telefon auf und las die Nachricht vor: „Ziel erfasst? Ist er immer noch so umwerfend? Und was ist mit seinem Hintern?“ Dann lachte er. „He, Nate, entweder wirst du jetzt auch von Schwulen verfolgt, oder wir haben hier einen verzweifelten weiblichen Fan.“

Verzweifelt?

Dann klopfte es laut an die Tür, und Sasha spürte, wie ihr heiß wurde. „He, Sie! Das hier ist der VIP-Bereich und außerdem die Männertoilette. Verschwinden Sie, sonst rufe ich die Polizei.“

Nein danke. Vor Hunderten desillusionierter Teenager zu stehen, war weniger beängstigend, als einem Ex wie Nate zu begegnen.

Aber sie konnte den Kindern am Montag nicht gegenübertreten, ohne es wenigstens versucht zu haben. Vielleicht war dies ihre einzige Chance, und außerdem hegte sie keine sentimentalen Gefühle mehr für ihn.

Benimm dich wie eine erwachsene Frau, sagte Sasha sich deshalb energisch und atmete tief durch. Dann öffnete sie die Tür.

Bevor sie etwas sagen konnte, wurde diese aufgerissen, und ehe Sasha sich versah, packte jemand sie am Arm und drückte sie an die Wand, um sie abzutasten.

„Lassen Sie mich sofort los!“, rief sie. „Sonst rufe ich die Polizei.“

„Sie ist sauber.“

„Natürlich bin ich sauber. Was soll das?“

„Man kann gar nicht vorsichtig genug sein, Ma’am. In unserer Branche wird man ständig mit seltsamen Typen konfrontiert.“

„Ja, und zwar mit den Leuten, die in Ihrer Branche arbeiten!“ Nachdem sie sich aus dem Griff des Mannes befreit hatte, drehte Sasha sich um und wäre dabei fast gegen Nate geprallt.

Ein angespannter Zug erschien um seinen Mund, als er sie ansah, offensichtlich erkannte, und dann von Kopf bis Fuß musterte.

Sasha erstarrte, unfähig, den Blick von ihm abzuwenden. Sicher, sie hatte unzählige Fotos von ihm betrachtet und gerade das Abschlusskonzert seiner Tournee besucht, aber nichts hatte sie auf diesen Moment vorbereitet.

Er wirkte größer und kräftiger und sah ganz anders aus als der Teenager, in den sie sich damals verliebt hatte. Nun war er ein richtiger Mann und unglaublich sexy mit dem schulterlangen, welligen dunkelbraunen Haar.

Fasziniert betrachtete sie sein Gesicht – seine berühmten karamellfarbenen Augen, den Dreitagebart, die hohen Wangenknochen und die perfekt geschwungenen Lippen.

Sie erinnerte sich an seine muskulöse Brust, die langen Beine und daran, wie rau die obligatorischen schwarzen Jeans sich angefühlt hatten. An seinen Geruch nach Leder … nach Mann. An seine arrogante Haltung, die nur Fassade gewesen war, denn sie hatte gewusst, wie tief er empfand. Tief genug, um zutiefst verletzt zu sein und die Stadt zu verlassen, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Vielen Dank für die SMS, Cassie, und ja, er hat immer noch einen tollen Hintern.

Starr erwiderte Nate ihren Blick. Dann trat er einen Schritt zurück. „Sasha? Sasha Sweet?“

„Nathan …“ Sasha wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, als sein Bodyguard sie packte und gleichzeitig in sein Walkie-Talkie sprach: „Jetzt, Nate. Der Wagen ist da. Willst du die hier auch?“

Die hier? Hielt er sie etwa für ein Groupie? „Nein, warten Sie. Ich bin kein …“

Nate murmelte etwas, bevor er den Raum verließ. Sekunden später kamen zwei weitere Bodyguards hereingestürmt und führten sie in den Flur, wo die Fans warteten und Nate, Nate, Nate skandierten.

„Nathan … warte …“, rief Sasha, doch es ging in dem Lärm unter. Sie konnte gerade noch sehen, wie er in eine Limousine mit getönten Scheiben stieg.

Das war’s also. Er war verschwunden. Und sie hatte nichts erreicht.

Dann spürte Sasha, wie jemand sie am Kopf berührte und ebenfalls in den Wagen schob.

Nathan saß ihr gegenüber und grinste sie an, scheinbar ohne die beiden kichernden halbnackten Blondinen wahrzunehmen, die halb auf ihm lagen und hingebungsvoll an seinen Ohrläppchen knabberten.

Dann wurde die Tür zugeknallt, und der Wagen verließ im Blitzlichtgewitter der wartenden Paparazzi das Gelände.

2. KAPITEL

Nach zehn Jahren im Musikgeschäft hatte Nate schon viele Überraschungen erlebt. Aber das …

Nate studierte Sashas schockierte Miene angesichts der beiden Blondinen im Wagen, während er mit ganz seltsamen Gefühlen kämpfte. Freute er sich, sie zu sehen?

Wie ein Schwarzweißfilm lief ihre letzte Begegnung vor seinem geistigen Auge ab. Regen. Tränen. Schmerz. Unbändiger Zorn, den er monatelang mit sich herumgeschleppt hatte.

Aber das lag lange zurück, und seitdem hatte er unzählige Beziehungen gehabt. Er konnte sich nicht einmal entsinnen, wann er das letzte Mal an Sasha gedacht hatte.

Eine knappe Geste genügte, und die beiden Blondinen neben ihm ließen sofort von ihm ab. Nathan beugte sich vor. „Hallo, Sasha. Was verschafft mir dieses … Vergnügen?“

„Wohin fahren wir? Ich muss sofort zu Cassie. Sie wartet in der Arena auf mich.“ Sie krauste die Stirn und verzog die dezent geschminkten Lippen, deren Anblick Nathan plötzlich mit Macht in die Vergangenheit zurückversetzte. „Dein Bodyguard dachte … Ich bin kein Groupie.“ Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete sie die Blondinen.

Prompt verspürte er einen Anflug von Scham, doch nur kurz. „Aber das warst du einmal, Sasha. Und wenn ich mich richtig erinnere, hat es dir gefallen.“

Allerdings hatten sie damals keinen Sex gehabt.

Sasha lächelte nicht einmal. Es musste sich also um etwas wirklich Wichtiges handeln. Oder warum war sie sonst hier?

Nate klopfte gegen die Trennscheibe, bevor er die beiden Blondinen hinausschob, damit sie in das Fahrzeug dahinter steigen konnten.

Sasha schüttelte den Kopf wie eine Lehrerin, die man enttäuscht hatte. „Und sie verschwinden einfach so. Alle tun, was Nate Munro sagt?“

Er zuckte die Schultern. „Klar. Ich dachte, du wärst lieber mit mir allein. Es sei denn, du stehst auf …“

„Nein!“

„Bleib locker, Sasha. Ich habe nur Spaß gemacht. Ich will auch nicht mit dir ins Bett.“

Lügner. Sex nach einem Konzert gehörte für ihn genauso dazu wie der Kaffee am Morgen. Und ihre blauen Augen und ihr Kampfgeist erregten sein Interesse. Amüsiert beobachtete Nate, wie Sasha den Riemen ihrer Handtasche umklammerte. Sie trug keinen Ehering. Warum betrachtete er überhaupt ihre Finger?

Eine rein instinktive männliche Reaktion.

Wenn er an Sasha Sweet dachte, empfand er nichts anderes als Bedauern. Sie hatte ihn damals verlassen und auf seinem Herzen herumgetrampelt.

„Jetzt weiß ich, dass alles, was in der Presse steht, stimmt. Du bist oberflächlich, Nate. Und denkst nur an Sex …“

„Ah, du hast dich über mich informiert?“ Lässig streckte er die Beine aus. „Glaub mir, mein Leben ist noch viel besser, als sie behaupten.“

Nun verdrehte sie die Augen. „Ich habe nur eine Schlagzeile über dein verrücktes Leben in den USA gelesen. Auf jeden Fall ist es Welten von dem in Chesterton entfernt.“

„Mehr als das.“ Bei dem Namen erschauerte er. In Chesterton hatte man ihn damals mit seinem nichtsnutzigen Vater gleichgestellt. Ihn als gewalttätig abgestempelt. Und niemand, nicht einmal Sasha, hatte ihn verteidigt.

„Chesterton zu verlassen war das Beste, was ich je getan habe. Und ja, meine Partys in L. A. sind manchmal ziemlich ausschweifend.“

Sasha zog an seinem Arm. „Nate, ich muss …“

„Ich weiß.“ Nate nahm ihr Handy aus der Hosentasche. „Schick ihr eine SMS. Mit Cassie ist deine kleine Schwester gemeint, stimmt’s?“

Sie wirkte überrascht. „Erinnerst du dich noch an sie? So klein ist sie mit fünfundzwanzig allerdings nicht mehr.“

„Wie hätte ich die berüchtigten Sweet-Schwestern je vergessen können?“

Drei temperamentvolle rothaarige Mädchen, die jedes Jungenherz in Chesterton zum Rasen gebracht hatten. Sasha war die mittlere, die einzige Frau, die je Nein zu ihm gesagt hatte.

Und jetzt war sie erwachsen … und richtig heiß.

Die Sommersprossen, die er damals so gern geküsst hatte, waren immer noch da, ihr Teint war genauso ebenmäßig wie damals. Das dunkle Top und die enge Caprihose im Stil der Fifties betonten ihre Kurven. Vor zehn Jahren hatte ihr Anblick ihn erschauern lassen, aber inzwischen war er abgehärtet.

In seiner Branche begegnete er ständig Leuten, die von seinem Erfolg profitieren wollten. Man hatte ihn unzählige Male aufs Kreuz gelegt, und er hatte aus seinen Fehlern gelernt, nicht zuletzt durch eine kostspielige Trennung.

Er konnte sich also nicht erklären, warum ausgerechnet diese Exfreundin sein Interesse weckte.

Nun nahm Sasha ihm das Telefon aus der Hand, erblickte die alte Nachricht und zuckte zusammen. „Es tut mir leid. Cassie ist immer noch nicht richtig erwachsen.“

„Und was willst du ihr antworten?“

„Oh … Keine Ahnung.“ Herausfordernd verzog sie die Lippen. „Dass du immer noch wahnsinnig eingebildet bist.“

„Und einen fantastischen Hintern habe? Ich muss gestehen, dass du mich überrascht, Sasha. Damals bist du doch immer auf Nummer sicher gegangen.“ Nate erwiderte ihr Lächeln, während er seinen obersten Hemdknopf öffnete.

Anders als er erwartet hatte, war Sasha jedoch nicht verlegen, sondern beugte sich vor und musterte ihn eisig. „Das bin ich nicht.“

„Ach nein? Du hast die Schule mit Auszeichnung abgeschlossen und nie gegen die Regeln verstoßen – zumindest nie für mich. Also, was ist jetzt anders? Warum sitzt du in meinem Wagen und fährst mit mir zu meinem Hotel?“

„Zu deinem Hotel? Bilde dir bloß nichts ein!“ Sie blinzelte nervös. „Ich sagte bereits, dass ich keinen Sex mit dir will.“

„Ja, aber das nehme ich dir nicht ab.“ Nate beugte sich ebenfalls vor und bemerkte das Feuer in ihren Augen, bevor sie sich abwandte.

Damals hatte sie sich für die Ehe – oder zumindest bis zur Verlobung – aufheben wollen, und er fragte sich flüchtig, wer wohl ihr erster Liebhaber gewesen war.

Schnell verdrängte er diesen Gedanken wieder. „Dein Körper hat dich immer verraten.“

„Das tut er nicht mehr. Ich habe mich unter Kontrolle.“

„Wirklich?“ Langsam ließ er den Blick von ihren Beinen über ihre Brüste zu ihrem Gesicht schweifen, und es knisterte förmlich im Wagen. „Willst du es darauf ankommen lassen?“

„Bestimmt nicht. Spar dir deine Energie lieber für jemanden auf, der … dankbarer ist. Wie zum Beispiel die armen fehlgeleiteten Wasserstoffblondinen von vorhin.“ Zorn blitzte aus ihren blauen Augen, aber auch noch etwas anderes. „Es war ein Fehler, mich an dich zu wenden.“

Und genau wie damals konnte sie nicht verhindern, dass sie errötete.

Nate wandte den Blick ab und atmete tief durch, um die seltsamen Emotionen zu verdrängen, die ihn überkamen.

Sie fuhren gerade durch Marble Arch, und selbst zu dieser späten Stunde herrschte dichter Verkehr.

London.

Zum ersten Mal seit Jahren war Nate wieder zu Hause. Zumindest war es das einmal gewesen. Jetzt wohnte er in einer riesigen Villa mit Meeresblick in Malibu. Manchmal vermisste er jedoch das pulsierende Leben dieser Stadt.

Mit einem flüchtigen Seitenblick stellte Nate fest, dass Sasha auch aus dem Fenster sah, bis ihr Handy wieder den Eingang einer Nachricht signalisierte. „Kannst du mich hier absetzen?“, fragte sie, nachdem sie diese gelesen hatte. „Ich treffe mich mit Cassie und kann von hier aus mit der U-Bahn fahren.“

„Ist das dein Ernst? Früher hast du es gehasst, mit der U-Bahn zu fahren, weil die vielen Menschen und der Lärm dir Angst gemacht haben.“

„Die Dinge ändern sich. Ich habe mich geändert.“

„Offensichtlich. Okay, wie du willst.“ Er klopfte an die Trennscheibe, um seinem Fahrer ein Zeichen zu geben, bevor er sich wieder zu Sasha umwandte. „Was wolltest du eigentlich von mir? Was bedeutet Ziel erfasst?“

„Vergiss es einfach. All das hier …“ Sie deutete auf die ungeöffneten Champagnerflaschen. „Du bist viel zu beschäftigt und … ganz anders als damals.“

„Das hoffe ich doch.“

„Es war aber nicht als Kompliment gemeint.“

„Erfolg ist immer gut.“ Er hatte keine Zeit für eine weitere rührselige Geschichte. Im Büro seines Managers standen Säcke voller Bettelbriefe.

Der Ausdruck in Sashas Augen zog ihn jedoch in seinen Bann. „Na gut. Ich werde es wahrscheinlich bereuen, aber ich gebe dir fünf Minuten.“

Während sein Chauffeur stoppte, beobachtete Nate, wie Sasha tief durchatmete.

„Ich bin jetzt Musiklehrerin, Nate. Und mein Showchor hat es bis ins Finale eines landesweiten Wettbewerbs geschafft. Das Problem ist nur, dass wir uns die Kosten nicht leisten können – die Fahrt nach Manchester, das Hotel, die Kostüme usw. Wir brauchen deine Hilfe.“

Genau das hatte er vermutet. „Willst du einen Scheck? Bargeld? Wir können an einer Bank anhalten.“

„Nein. In dem Wettbewerb geht es auch darum, den Kindern Sinn für Gemeinschaftsgeist und Engagement zu vermitteln. Die Teilnehmer sollen nicht einfach alles aus eigener Tasche zahlen. Sie sollen sehen, dass man hart arbeiten muss, um sein Ziel zu erreichen …“ Ihre blauen Augen funkelten vor Begeisterung.

Sofort fühlte Nate sich in jene Zeit zurückversetzt, als Sasha und er noch Zukunftspläne schmiedeten und glaubten, sie könnten alles erreichen. Zusammen. Nur zu gern hatte er sich damals von ihrem Enthusiasmus anstecken lassen. Bis zu jenem Tag, an dem sie ihn nicht mit Begeisterung, sondern mit Argwohn und Enttäuschung in den Augen angesehen hatte.

„Wir haben überlegt, ob wir in der Schule ein Konzert veranstalten sollen, um das Geld zusammenzubekommen, aber in unserer Gegend könnten sich nur wenige Leute den Eintritt leisten. Niemand möchte einen Haufen Kinder singen und tanzen sehen, es sei denn …“ Hoffnungsvoll blickte Sasha ihn an. „… wir hätten einen Gaststar. Das würde uns die nötige Publicity – und das Kleingeld – verschaffen. Ich dachte, wir könnten dir die Hälfte geben.“

Nate lachte schallend. „Du machst Witze. Ihr könntet euch mich in einer Million Jahren nicht leisten.“

„Ja, wie ich schon sagte, war es ein Fehler, mich an dich zu wenden. Warum solltest du uns auch helfen wollen? Es gab mal eine Zeit, in der du so etwas umsonst getan hättest, aber wir kommen wohl zu spät.“

„Allerdings – ungefähr zehn Jahre.“ Etwas beschäftigte ihn jedoch. „Und du hast dich in der Männertoilette versteckt, nur um mich das zu fragen?“

„Ich habe mich nicht versteckt. Das ist nicht mein Stil. Es war Zufall.“

„Komm schon, Sasha. Wenn ich dir helfen soll, sei wenigstens ehrlich zu mir.“

Sasha zuckte die Schultern. „Ein Freund von Cassie hat mich hinter die Bühne gebracht, aber ich war mir nicht sicher, wie du reagieren würdest, wenn du mich wiedersiehst. Und als dann die vielen Fans die Absperrungen durchbrochen haben und in die Flure gestürmt sind, bin ich in Panik geraten.“

„Mir wäre es lieber gewesen, wenn du halb nackt aus einer Torte gesprungen wärst. Du hattest schon immer einen Hang zum Dramatischen.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ach nein? Erinnerst du dich noch an den Abend, als du dir den neuen BH von deiner Schwester geliehen und mit Taschentüchern ausgestopft hast? Ich habe es gemerkt.“

Offenbar tat sie es, denn sie errötete wieder. Er hatte ihr damals gesagt, sie wäre perfekt und hätte so etwas nicht nötig. Es war ihr letzter Abend gewesen. Und sie hätten fast gegen ihre selbst auferlegte Regel, enthaltsam zu bleiben, verstoßen.

Er hätte sie damals so gebraucht!

Heißes Verlangen stieg in ihm auf, was Nate zutiefst irritierte. Er war überhaupt nicht in Stimmung, um in Erinnerungen zu schwelgen, und schon gar nicht für die Gefühle, die Sasha in ihm weckte. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Frauen und insbesondere Exfreundinnen nur Ärger bedeuteten. „Und warum hast du dich nicht einfach an meinen Manager gewandt?“

„Ja, warum habe ich Idiot nicht früher daran gedacht?“ Mit der flachen Hand schlug sie sich an die Stirn. „Anscheinend bist du völlig realitätsfremd. Wir haben ihn angerufen, ihm Briefe und Mails geschickt.

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