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Verführung auf den ersten Blick

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1. KAPITEL

Eine geliebte Tochter, die am falschen Ort beigesetzt wurde.

Ein Mann, der in einem Grab buddelte.

Ein Hund, der im Erinnerungsgarten Amok lief, sodass mehreren Marmorengeln die Köpfe abgebrochen waren.

Was für ein Montagmorgen! dachte Lucy Flippence auf dem Weg zum Greenlands-Friedhof. Es war ihre Aufgabe, sich mit solchen Situationen auseinanderzusetzen. Dabei käme ihr gerade heute ein bisschen Freizeit sehr gelegen, denn schließlich hatte ihre geliebte Schwester Geburtstag.

Ich könnte Ellie zum Mittagessen einladen, überlegte Lucy. Ich bin so gespannt, wie sie mit der neuen Frisur und den Sachen, die ich ihr geschenkt habe, aussieht!

Angesichts der Tatsache, dass es Ellies dreißigster Geburtstag war, hielt Lucy eine komplette Typveränderung für längst überfällig. Während der vergangenen zwei Jahre hatte ihre Schwester sich hinter tristen, farblosen Kleidern versteckt und war so sehr in ihrer Position als Michael Finns persönliche Assistentin aufgegangen, dass sie ihr Privatleben völlig vernachlässigt hatte. Kein Mann – außer ihrem Chef – hatte es bisher geschafft, Ellies Interesse zu wecken.

Im Augenblick konnte Lucy ihre Schwester allerdings gut verstehen. Sie hatte selbst gerade in Port Douglas eine höchst unerfreuliche Erfahrung mit einem ungehobelten Kerl gemacht. Irgendwie kam es ihr so vor, als würden sich alle vielversprechenden Verehrer früher oder später als Missgriff entpuppen. In achtundzwanzig Jahren war ihr noch kein einziger Ritter begegnet, dessen schimmernde Rüstung nicht ziemlich schnell an Glanz verloren hätte.

Dennoch würde sie die Hoffnung nicht aufgeben. Ihr gefiel der ständige Reiz des Neuen, und sie liebte das Gefühl, begehrt zu werden – selbst wenn es nur von kurzer Dauer war. Es war den Schmerz wert, der auf die Schmetterlinge folgte. Solange sie lebte, würde sie dort draußen weiter nach der wahren Liebe suchen. Das hatte ihre Mutter ihr schon früh ans Herz gelegt, da sie selbst einen grauenhaften Versager geheiratet hatte, weil sie damals mit Ellie schwanger gewesen war.

Mach diesen Fehler niemals! Die Warnung ihrer Mutter war Lucy nie aus dem Kopf gegangen, deshalb sah sie sich in Beziehungsfragen vor. Außerdem wollte sie sowieso keine eigenen Kinder bekommen, um ihre Legasthenie nicht weiterzuvererben. Einem Kind zuzumuten, was sie selbst in der Schule hatte durchmachen müssen, fand sie unverantwortlich. Dieser unheilbare Makel versperrte ihr viele Wege, die anderen Menschen wie selbstverständlich offenstanden.

Die Vorstellung, ein unschuldiges Kind zur Welt zu bringen, in dessen Gehirn einige Areale nicht richtig miteinander kommunizierten, war für Lucy unerträglich. Das würde sie niemals riskieren. Natürlich bedeutete diese Entscheidung, dass sie möglicherweise auch nie heiraten würde. Wozu den Bund fürs Leben eingehen, wenn man ohnehin keine Familie gründen wollte?

Allerdings hegte sie nach wie vor die Hoffnung, eines Tages einem Mann zu begegnen, der ebenfalls keinen Wert auf eigene Kinder legte. Vielleicht jemandem, der auch einen genetischen Makel hatte und der zufrieden damit war, seine Liebe allein seiner Ehefrau zu schenken. Dieser Gedanke trieb Lucy stetig an, weiter nach ihrem Glück zu suchen.

Endlich war der Friedhof vor den Toren von Cairns in Sichtweite. Der Name „Greenlands“ hätte nicht treffender gewählt sein können: Die gesamte Umgebung war von saftigem Grün überwachsen – nicht ungewöhnlich im tropischen Norden von Queensland. Der August vor der großen Hitze war zudem ein äußerst angenehmer Monat, und Lucy freute sich darüber, in keinem Büro eingesperrt zu sein.

Als sie den Van auf dem Parkplatz abstellte, fiel ihr ein Mann auf, der neben einem der Gräber mit einer Schaufel hantierte. Er schien nicht mehr der Jüngste zu sein, und Lucy spürte instinktiv, dass von ihm keinerlei Gefahr ausging. Entschlossen marschierte sie auf ihn zu. Normalerweise reichte ihr bloßer Anblick, um ihren Mitmenschen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Sie liebte es nämlich, sich ungewöhnlich zu kleiden. Die Sonntags-Flohmärkte in Port Douglas waren eine wahre Fundgrube für ausgefallene Stoffe und kreative Accessoires. Gestern hatte sie zum Beispiel zahlreiche Holzketten und Armbänder gekauft, die perfekt zu ihrem heutigen Hippielook passten. Der extrabreite Ledergürtel hatte dieselbe Farbe wie ihre Schnürsandalen mit Keilabsatz. Dazu trug sie eine weite schulterfreie Bluse mit einer schönen Lochstickerei und einen Jeans-Minirock. Die langen blonden Haare waren locker hochgesteckt, um die XXL-Holzohrringe zur Geltung zu bringen. Lucy wirkte nicht wie eine offizielle Friedhofswärterin, und genau diese Tatsache hatte ihr schon häufig einen entscheidenden Vorteil verschafft.

Der ältere Mann sah sie auf sich zukommen und hörte auf zu graben. Mit beiden Händen stützte er sich auf dem Stiel seiner Schaufel ab und musterte Lucy von oben bis unten, so wie es die meisten Männer taten, denen sie begegnete – ganz unabhängig vom Alter. Neben ihm befanden sich zwei Plastiksäcke mit Blumenerde, und hinter ihm lag ein mittelgroßer Rosenbusch auf der Seite.

„Sie sind Balsam für ein Paar müde Augen, Mädchen“, begrüßte er sie und schenkte ihr ein väterliches Lächeln. „Besuchen Sie hier einen geliebten Menschen?“

„Ja, immer wenn ich in dieser Gegend bin, schaue ich bei meiner Mutter vorbei“, antwortete sie und erwiderte sein Lächeln. Das Gesicht des Mannes war zerfurcht und von Altersflecken übersät. Sie schätzte ihn auf etwa achtzig Jahre, trotzdem wirkte sein Körper ausgesprochen drahtig und trainiert.

„Ihre Mutter, was?“, brummte er. „Muss ziemlich jung von uns gegangen sein.“

Lucy nickte. „Sie war erst achtunddreißig Jahre alt.“ Zehn Jahre älter als Lucy heute. Diese Tatsache veranlasste Lucy, stets das Optimale aus ihrem Leben herauszuholen … carpe diem!

„Was ist mit ihr geschehen?“, wollte der Alte wissen und hob mitleidig die Augenbrauen.

„Sie hatte Krebs.“

„Oh, das ist ein harter Tod.“ Traurig schüttelte er den Kopf. „Sollte wohl froh sein, dass meine liebe Frau nicht lange leiden musste. Das Herz wollte nicht mehr mitmachen, dabei war sie erst fünfundsiebzig. Fast hätten wir es bis zu unserer diamantenen Hochzeit geschafft.“

„Bestimmt haben Sie eine sehr glückliche Ehe geführt?“, fragte Lucy, obwohl sie nicht sicher war, ob es so etwas überhaupt gab. Sie kannte viele Paare, die nur zusammenblieben, weil ihnen der Gedanke an das Alleinsein Angst einjagte. Echte Liebe stellte sie sich anders vor!

„Meine Gracie war ein wunderbarer Schatz.“ In seiner Stimme lagen Liebe und Sehnsucht. „Ich hätte sie niemals gegen eine andere Frau eingetauscht. Sie war die Beste und die Einzige für mich. Ich vermisse sie unfassbar …“ Tränen traten in seine ohnehin schon wässrigen Augen.

„Es tut mir unendlich leid“, sagte Lucy sanft und wartete, bis er seine Fassung wiedererlangt hatte. „Wollen Sie diese Rose für Gracie einpflanzen?“

„Ja“, antwortete er heiser und räusperte sich. „Sie liebte Rosen, und ganz besonders diese Sorte, weil sie so intensiv duftet. Ich habe sie aus unserem eigenen Garten mitgebracht. Kann doch meine Gracie nicht ohne ihre Lieblingsblumen lassen.“

„Nun, Mr …?“

„Robson. Ian Robson.“

„Lucy Flippence“, stellte sie sich vor. „Ich komme von der Friedhofsverwaltung, Mr Robson. Jemand hat uns gemeldet, Sie würden sich an einem Grab zu schaffen machen. Deshalb hat man mich hergeschickt. Aber wie ich sehe, wollen Sie keinen Schaden anrichten. Solange Sie hinterher aufräumen, können Sie gern Ihren Rosenbusch einpflanzen.“

„Keine Sorge, Miss. Ich werde nicht nur aufräumen, sondern mich auch regelmäßig um die Pflanze kümmern. Werde sie hegen und pflegen, damit sie wunderbar für meine Gracie blühen kann.“

Lucy strahlte ihn an. „Es war wirklich schön, Sie kennenzulernen, Mr Robson. Jetzt werde ich meiner Mutter mal einen Besuch abstatten.“

„Gott schütze Sie“, rief er ihr zum Abschied nach.

„Danke, Sie auch!“

Während Lucy davonging, dachte sie darüber nach, dass Ian Robson mit Sicherheit ein echter Prinz für seine Gracie gewesen war. Eine solche Hingabe ging nur aus einer wahren Liebe hervor, die für die Ewigkeit bestimmt war. Ein seltenes Phänomen, aber Lucy fand es äußerst beruhigend, dass es zumindest existierte. Vielleicht erlebte auch sie einmal das Gleiche …?

Vor dem Grab ihrer Mutter blieb sie stehen und betrachtete nachdenklich die Inschrift auf dem Stein.

Veronika Anne Flippence

Geliebte Mutter von Elizabeth und Lucy

Auf den Zusatz Geliebte Ehefrau von George hatten sie bewusst verzichtet, denn das wäre eine glatte Lüge gewesen. Unmittelbar nachdem man bei ihrer Mutter unheilbaren Krebs diagnostiziert hatte, war ihr Vater aus dem gemeinsamen Haus verschwunden. Allerdings wäre er ohnehin keine Hilfe gewesen. Jedes Mal, wenn er damals von der Minenarbeit in Mount Isa zurückgekommen war, hatte er sich betrunken und war gewalttätig geworden.

Also hatten die Schwestern ihre Mutter bis zu ihrem Tod ganz allein gepflegt, und es war bestimmt besser so gewesen. Ihr Vater war ein Mistkerl der allerschlimmsten Sorte! Ellie hatte sogar herausgefunden, dass er in Mount Isa über lange Zeit mit einer anderen Frau ein Doppelleben geführt hatte. Lucy war heilfroh, dass er endgültig aus ihrem Leben verschwunden war. Sie hasste ihn dafür, ihrer Mutter nicht die Liebe gegeben zu haben, die sie verdient hatte.

„Heute hat Ellie Geburtstag, Mum“, sagte sie laut. „Das weißt du sicherlich. Ich habe ihr neue Klamotten geschenkt. In den letzten Monaten war sie so trübsinnig und nur auf die Arbeit fixiert, und ich möchte sie daraus befreien. Du hast uns ermahnt, immer aufeinander achtzugeben, und Ellie nimmt ihre Aufgabe extrem ernst. Sie hilft mir, wo sie kann, weil ich mich mit meinem Handicap niemand anderem anvertrauen will. Und ich versuche sie dabei zu unterstützen, endlich den Richtigen zu finden. Aber um von Männern bemerkt zu werden, muss sie eben ein bisschen mehr aus sich herausgehen. Sie sollte der Liebe eine faire Chance geben, findest du nicht auch?“

Lächelnd dachte Lucy darüber nach, was ihre Schwester ihr heute Morgen am Telefon erzählt hatte. Es schien fast, als würde endlich ein anderes Leben für Ellie beginnen: Zusätzlich zu den neuen Kleidern hatte Ellie sich auch einen neuen Schnitt und eine neue Haarfarbe verpassen lassen. Eine radikale Typveränderung.

Perfekt! Männer mochten fröhliche Frauen, die mitten im Leben standen.

„Falls du ein Wunder vollbringen kannst, Mum, schicke doch Ellie und mir zwei Herzensprinzen vorbei! Okay? Das wäre dann ein Geburtstag, den wir sicherlich nie vergessen würden.“

Seufzend schüttelte sie den Kopf über ihre absurde Bitte. „In der Zwischenzeit muss ich ein paar Engelsköpfe einsammeln, bevor sie noch mehr Schaden nehmen“, murmelte Lucy. „Mach es gut und bis bald!“

Im Erinnerungsgarten stellte Lucy entsetzt fest, dass viel mehr Engel in Mitleidenschaft gezogen worden waren, als zuerst gedacht. Die Köpfe waren außerdem wahnsinnig schwer. Sie fuhr den Van rückwärts an den Eingang heran und brauchte trotzdem noch eine geschlagene Stunde, bis alle beschädigten Teile eingeladen waren. Jetzt musste sie die Köpfe bloß noch beim Steinmetz abliefern.

Aber das konnte bis nach dem Mittagessen warten. Wenn sie sich jetzt nicht auf den Weg zu Ellies Büro machte, würde sie ihre Schwester womöglich verpassen. Mit Mühe und Not schaffte sie es, das Bürogebäude um kurz nach zwölf zu erreichen. Dort angekommen, klopfte sie atemlos an Ellies Tür und streckte den Kopf herein.

Ihre Schwester – ihre völlig veränderte, verschönerte Schwester – saß am Schreibtisch.

Lucy grinste. „Hast du gerade Zeit?“, wollte sie wissen. Ellies Antwort hörte sie schon gar nicht mehr. „Oh, ich liebe deine Haare, Ellie!“ Sie durchquerte den Raum und schob ihre Hüfte seitlich auf den Schreibtisch. „Es ist supersexy“, fuhr Lucy angeregt fort. „Sieht aus, als wärst du gerade aus dem Bett gefallen und hättest dort eine richtig gute Zeit gehabt. Steht dir hervorragend! Und passt perfekt zu den Klamotten, die ich ausgesucht habe. Ich muss schon sagen, du haust einen um.“ Ihre sherrybraunen Augen leuchteten. „Und jetzt sag mir, dass du dich genauso hervorragend fühlst!“

Ellie lächelte. „Ich bin froh über diese Radikalveränderung. Wirklich. Und wie war dein Wochenende?“

Das war typisch für sie, sofort wieder von sich abzulenken. Lucy schüttelte den Kopf. „Ach, so lala“, antwortete sie und warf theatralisch ihre Hände in die Luft. „Aber mein Vormittag war schrecklich.“

Von dem enttäuschenden Wochenende in Port Douglas wollte sie gar nicht erst anfangen, daher begnügte sie sich damit, von ihrem bizarren Arbeitstag zu berichten. Ellie schien von der Geschichte gefesselt zu sein, bis sich ihr Blick plötzlich starr über Lucys linke Schulter auf die Tür richtete.

„Engelsköpfe?“, wiederholte eine tiefe, männliche Stimme verwundert.

Lucy kroch ein Schauer über den Rücken. Sie hatte keine Ahnung, ob allein der Klang einer Stimme zum Verlieben sein konnte – für sie fühlte es sich jedenfalls so an. Neugierig drehte sie den Kopf, und dort stand er: der perfekte, umwerfend schöne Prinz ihrer Träume.

Michael Finns Verstand verabschiedete sich angesichts dieser überwältigenden Mischung aus Weiblichkeit und Erotik. Die langen, schlanken Beine fielen ihm zuallererst auf. Zwischen eleganten Schnürsandalen und einem knappen Minirock war ein großzügiger Abschnitt davon zu bewundern. Und die bestickte weiße Bluse gab perfekt geformte, nackte Schultern frei. Lange, blonde Strähnen hatten sich aus der Hochsteckfrisur gelöst und fielen locker über die bronzebraune Haut.

Zwar sah er das Gesicht der hübschen, jungen Frau nur im Profil, war aber sofort von dem kleinen Grübchen auf ihrer Wange hingerissen. Wild gestikulierend erzählte sie eine Geschichte, die genauso faszinierend war wie sie selbst.

Engelsköpfe? Er hatte das Wort ausgesprochen, ohne dabei dessen Bedeutung zu begreifen. Michael war verblüfft, wie heftig und unmittelbar die Wirkung war, die diese junge Frau auf ihn ausübte.

Normalerweise nahm er Frauen in seiner Umgebung ganz genau unter die Lupe, bevor er entschied, ob es sich für ihn lohnte, sich näher mit ihnen einzulassen. Doch diese Besucherin, die dort bei Elizabeth auf dem Schreibtisch saß, ließ ihn alle Vorbehalte vergessen. Tief in seinem Inneren sehnte er sich danach, sie kennenzulernen.

Dann drehte sie sich zu ihm um, und ihre Augen wurden größer. Riesige braune Augen mit winzigen goldenen Punkten auf der Iris. Ein heller Lippenstift betonte den vollen, sexy Mund, der sich zu einem gehauchten „Oh, wow!“ öffnete.

Michael hätte dasselbe gesagt, wenn ihn seine Stimme nicht im Stich gelassen hätte. Sein Körper fühlte sich an, als stünde er in Flammen, als die Fremde ihn von Kopf bis Fuß musterte. Er fand ihr unverhohlenes Interesse an ihm zutiefst erregend. Seine Männlichkeit erwachte mit aller Kraft, was ihm bei einer ersten Begegnung mit einer Frau noch nie passiert war – nicht einmal im hormongeplagten Teenageralter. Heute, mit fünfunddreißig Jahren, war es erst recht eine völlig neue Erfahrung für ihn, die er ziemlich beunruhigend fand.

Immerhin rühmte er sich, grundsätzlich und in jeder Situation Herr seiner Sinne zu bleiben.

„Sind Sie etwa Ellies Boss?“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn neugierig an, als denke sie über all das nach, was sich zwischen ihnen beiden entwickeln könnte.

Ellie? Er brauchte einen Moment, bis er begriff, dass sie von Elizabeth sprach. „Ja. Ja, das bin ich wohl“, antwortete er schließlich. „Aber wir duzen uns hier alle, das gehört zur Firmenpolitik. Also nenn mich doch bitte Michael! Und du bist …?“

„Lucy Flippence, Ellies Schwester. Ich arbeite bei der Friedhofsverwaltung, da habe ich es öfter mal mit Engeln zu tun.“

„Verstehe.“ Etwas länger als nötig schüttelte er ihre ausgestreckte Hand. „Freut mich wirklich sehr, dich kennenzulernen. Ach, und das hier ist mein Bruder Harry.“

Er zeigte auf den Mann, der hinter ihm aus dem angrenzenden Büro kam. Insgeheim hoffte er, dass Lucy auf Harry nicht denselben Effekt hatte wie auf ihn. Er wollte nicht mit seinem Bruder konkurrieren – und diese Frau war definitiv ein Männermagnet.

Voller Genugtuung beobachtete er, wie sie Harry kurz zuwinkte und ihn anschließend kaum mehr beachtete. Stattdessen strahlte sie Michael an.

„Ich wollte Ellie zum Mittagessen einladen, um ihren Geburtstag zu feiern“, verkündete sie.

„Das ist ja witzig! Ich hatte nämlich genau die gleiche Idee. Lunch in der Mariners Bar. Um ein Uhr.“

„Irre! Die Mariners Bar! Das ist aber ein großzügiges Geschenk.“

„Warum kommst du nicht einfach mit? Es ist ein viel schöneres Geburtstagsessen, wenn mehr Gäste dabei sind.“

„Dann leiste ich euch auch Gesellschaft“, schaltete Harry sich ein.

„Ich habe aber nur einen Tisch für zwei reserviert.“ Ellie klang gehetzt und ungewöhnlich schrill.

„Kein Problem. Ich sorge schon dafür, dass wir alle Platz haben. Schließlich kennt man mich dort.“ Michael lächelte Lucy an. „Wir freuen uns doch, wenn ihr mitkommt.“

„Zu viert macht es viel mehr Spaß“, stimmte sie zu. „Oder, Ellie?“

„Ja, sicher.“ Ihre Schwester zog die Augenbrauen hoch und atmete tief durch. „Mit dir am Tisch verfallen wir zumindest nicht in peinliches Schweigen.“

Lucy war nicht beleidigt, sondern kicherte. „Also abgemacht. Danke für die Einladung, Michael. Und schön, dass du auch mitkommst, Harry.“

Die Dinge entwickelten sich zu Michaels Zufriedenheit. Harry konnte das Geburtstagskind unterhalten, während er selbst sein Glück bei der zauberhaften Lucy versuchte. Ihm kam gar nicht in den Sinn, dass es möglicherweise keine gute Idee war, ausgerechnet die Schwester seiner Assistentin in sein Bett zu holen. Er konnte an nichts anderes mehr denken, als daran, Lucy näherzukommen.

2. KAPITEL

Lucy konnte ihr Glück kaum fassen. Der Märchenprinz mochte sie und wollte Zeit mit ihr verbringen. Besser konnte es gar nicht laufen. Traumhaft schön und superreich … dieser Mann ließ keine Wünsche offen. Wieso hatte Ellie eigentlich nie erwähnt, wie sexy ihr Boss war?

Dieser Gedanke ließ Lucy auf dem Weg hinunter zur Marina nicht mehr los. Stimmte etwas nicht mit Michael Finn? Weshalb hatte Ellie nicht selbst ein Auge auf ihn geworfen? Das musste Lucy unbedingt in Erfahrung bringen, bevor sie sich auf ihn einließ.

Im Augenblick sprach allerdings nichts dagegen, diesen wunderbaren Tag in vollen Zügen zu genießen. Zu ihrer Freude war Michael wie selbstverständlich mit ihr zusammen vorausgegangen und sie hatten Elizabeth und Harry weit hinter sich gelassen.

„Erzähl mir etwas von dir, Lucy“, begann er. „Wie kommst du dazu, für eine Friedhofsverwaltung zu arbeiten? Mit deinem Aussehen könntest du eher Fotomodell sein.“

Er hatte silbergraue Augen – höchst eindrucksvoll, wie alles an ihm. Lucy fühlte sich durch sein Kompliment geschmeichelt, auch wenn er es bestimmt nicht sonderlich ernst meinte. Und die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Sie erzählte Michael von ihren Erfahrungen in der Modelbranche, den Vor- und Nachteilen eines solchen Lebens, und von ihrem Job als Reiseführerin. Schließlich berichtete sie noch von ihrem Kurzausflug in die Welt des professionellen Tanzes.

„Kannst du eigentlich tanzen, Michael?“, wollte sie wissen. „Ich meine, wirklich tanzen?“

„Meine Mutter hat sogar darauf bestanden, dass Harry und ich Tanzstunden nehmen“, antwortete er lachend. „Sie hielt es für einen wichtigen Teil der Erziehung und meinte, wir würden ihr irgendwann dankbar dafür sein. Am Ende behielt sie recht, auch wenn wir uns zuerst gewehrt haben.“

„Eine Mutter weiß eben am besten, was gut für ihre Kinder ist“, kommentierte Lucy.

„Oh, ja, da ist was Wahres dran. Sie wusste immer alles besser.“ Seine Miene veränderte sich und wurde starr.

„Wusste? Heißt das, deine Mutter ist …?“, erkundigte Lucy sich vorsichtig.

Er wandte ihr sein Gesicht zu. „Erinnerst du dich nicht an den Flugzeugabsturz, bei dem meine Eltern ums Leben kamen? Es stand in allen Zeitungen.“

Leider kam es häufig vor, dass ihr wichtige Dinge und Informationen entgingen, weil sie wegen ihrer schweren Legasthenie keine Zeitungen las und auch das Internet kaum benutzte.

„Wie lange ist das her?“, fragte sie.

„Fast zehn Jahre.“ Er seufzte.

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