Logo weiterlesen.de
JULIA EXTRA BAND 381

EMMA DARCY

Verlieb dich nicht in deinen Boss!

Der umtriebige Harry findet die aparte Assistentin seines Bruders einfach unwiderstehlich, doch Ellie hat nur Augen für ihren Boss. Als der sie enttäuscht, wittert Harry seine Chance ...

KIM LAWRENCE

So schön und doch so kalt?

Anna weiß, dass Cesare sie für die Frau hält, die die Ehe seines besten Freundes zerstört hat. Aber sie ist zu stolz, den verführerischen schottischen Milliardär auf seinen Irrtum hinzuweisen ...

SUSAN STEPHENS

Ein Scheich für die Diamantenprinzessin

Scheich Sharif arbeitet an der feindlichen Übernahme der Skavanga-Diamantenmine. Deren junge Chefin Britt interessiert ihn jedoch bald mehr als alle Juwelen. Aber wird sie ihm das glauben?

TRISH MOREY

Im Bett des spanischen Millionärs

Der Multimillionär Alejandro Rodriguez wird ihr nie mehr als eine Affäre bieten! Nach dieser schmerzlichen Erkenntnis beschließt Leah sich zu trennen. Doch die Leidenschaft ist stärker als jede Vernunft …

CAROL MARINELLI

Sizilianische Leidenschaft

Die ehrgeizige Emily soll über eine Mafia-Hochzeit auf Sizilien berichten. Ihre Ermittlungen führen sie direkt in die Arme des betörenden und rätselhaft reichen Kripo-Beamten Anton ...

IMAGE

Verlieb dich nicht in deinen Boss!

1. KAPITEL

Dreißig.

Die große, dicke Drei vor der Null. Wenn es einen Geburtstag gab, der dazu animierte, das eigene Leben von Grund auf zu ändern, dann war es dieser.

Elizabeth Flippence betrachtete prüfend ihr Spiegelbild, hoffnungsvoll und fürchterlich angespannt zugleich. Ihre langen braunen Haare hatte sie sich gerade auf Kinnlänge abschneiden lassen, sodass die Strähnen locker und wild ihr Gesicht umspielten. Es sah zwar modern und weiblich aus, allerdings war Elizabeth nicht sicher, ob sie sich von der Friseurin wirklich zu einer neuen Haarfarbe hätte überreden lassen sollen.

Jetzt trug sie ein knalliges Rotbraun auf dem Kopf, das ziemlich auffällig war. Aber vermutlich brauchte es genau dieses i-Tüpfelchen, um Michael Finn heute dazu zu bringen, sie endlich zu bemerken. Und zwar – zur Abwechslung – als Frau und nicht als seine zuverlässige, professionelle Privatsekretärin.

Sie wollte ihre Beziehung zu ihm über die frustrierende Ebene des Platonischen hinausheben. Zwei Jahre Schwärmerei reichten wirklich – und das für einen Mann, der Berufliches und Privates anscheinend auf keinen Fall miteinander vermischen wollte.

Lächerliche Regel! Schließlich passten sie beide ganz hervorragend zusammen, und tief im Herzen wusste Michael das sicherlich auch. Es war doch wirklich nicht zu übersehen!

Seit Monaten wuchs ihr Frust über den unveränderten Zustand ihrer Beziehung, und Elizabeth hatte beschlossen, Michael genau heute aus der Reserve zu locken. Ihre Generalüberholung sollte zumindest schon mal sein Interesse wecken …

In einem Punkt hatte die Friseurin recht behalten: Der neue Farbton brachte Elizabeths Augen tatsächlich zum Leuchten. Außerdem rückte der pfiffige Haarschnitt ihre etwas zu lang geratene Nase in eine bessere Proportion zum Rest ihres hübschen Gesichts. Die exotisch hohen Wangenknochen und der volle Mund passten hervorragend dazu.

Die Veränderung war jedenfalls geschehen und würde nun hoffentlich auch den gewünschten Effekt erzielen. Sobald Michael ­einen Kommentar über ihr neues Erscheinungsbild abgab, wollte sie ihm erklären, dass es ihr Geburtstagsgeschenk an sich selbst war. Und vielleicht – bitte, bitte, bitte – schlug er dann ja vor, zusammen zu Mittag zu essen, um diesen Anlass gebührend zu feiern. Oder noch besser: ein gemeinsames Abendessen!

Sie wollte nicht länger bloß das Mädchen für alles sein, zumindest nicht ausschließlich in beruflicher Hinsicht. Aber falls es nicht klappen sollte, ihn als Frau zu beeindrucken … Elizabeth schnappte nach Luft, als sie sich ihre Situation vor Augen hielt.

Mit dreißig musste eine Frau allmählich ernsthaft darüber nachdenken, mit welchem Partner sie überhaupt ein ganzes Leben verbringen konnte. Vorausgesetzt, sie wünschte sich eine eigene Familie. Elizabeths Wahl war letztendlich auf Michael Finn gefallen. Doch falls er heute nicht endlich so etwas wie Interesse signalisierte, verschwendete sie vermutlich nur ihre Zeit, indem sie auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm hoffte. Dann würde sie sich woanders umschauen und sich auf jemand anderen festlegen müssen …

Hastig verdrängte sie diesen deprimierenden Gedanken. Heute durfte ihre Einstellung nicht allzu negativ sein.

Optimistisch bleiben! Lächle, und die Welt lächelt mit dir! nahm sie sich vor. Das war einer von Lucys Leitsätzen, und damit fuhr Elizabeths Schwester ausgesprochen gut. Sie spazierte stets fröhlich und unbekümmert durch die Welt und hielt alle Schwierigkeiten mit einem strahlenden Lächeln von sich fern.

Als Elizabeth aus dem Bad kam, übte sie ihr eigenes Lächeln, denn heute konnte sie es gut gebrauchen. Gerade griff sie nach ihrer Handtasche, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen, da klingelte ihr Handy. Schon an der Melodie erkannte sie die Anruferin, und wenige Sekunden später hörte sie die aufgedrehte Stimme ihrer Schwester, die gerade mit ein paar Freunden das Wochenende in Port Douglas verbracht hatte.

„Hi, Ellie! Happy Birthday! Hoffentlich trägst du auch die Klamotten, die ich dir geschenkt habe!“

„Danke, Lucy. Und: Na, klar, das tue ich.“

„Sehr schön. Jede Frau sollte an ihrem dreißigsten Geburtstag umwerfend schön aussehen.“

Elizabeth lachte. Sie hatte sich von Lucy zu einem neuen Outfit überreden lassen, das sie sich allein niemals angeschafft hätte. Es bestand aus einem schwarzen, eng geschnittenen Bleistiftrock, der Hüften und Po betonte, und einer taillierten, schicken Bluse mit einem auffallend verführerischen Ausschnitt. Die tiefrote Farbe des Oberteils passte ausgezeichnet zu den frisch getönten Haaren.

„Ich habe mir die Haare abschneiden und rotbraun färben lassen“, verkündete sie.

„Wow, spitze! Das will ich unbedingt sehen. Gegen Mittag bin ich zurück in Cairns, dann schau ich bei dir im Büro vorbei. Aber jetzt muss ich dringend los!“

„Nein, tu das nicht!“, schrie Elizabeth in die tote Leitung und ließ anschließend resigniert den Kopf hängen.

Vielleicht war es albern, aber sie wollte nicht von Lucy auf der Arbeit überfallen werden. Das hatte sie bisher immer erfolgreich verhindert, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: wegen Michael.

Sosehr sie ihre lebenslustige kleine Schwester auch liebte – Tatsache war, dass Lucy allen Männern in ihrer unmittelbaren Umgebung mühelos den Kopf verdrehte. Ihre Beziehungen hielten allerdings nie besonders lange. Nichts, was Lucy tat, war von Dauer. Ständig wechselte sie den Mann, den Job oder auch mal den Wohnsitz.

Zuerst zog Elizabeth in Erwägung, ihre Schwester zurückzurufen. Sie wollte sich ihren Geburtstag nicht verderben lassen, indem sie in den Hintergrund gedrängt wurde. Nicht ausgerechnet heute! Andererseits musste sie Michaels Gefühle auf die Probe stellen. Er sollte Elizabeth bevorzugen – selbst wenn er mit Lucys betörendem Charme konfrontiert wurde.

Außerdem würde er Lucy wahrscheinlich gar nicht zu Gesicht bekommen. Die Tür zwischen seinem und Elizabeths Büro blieb normalerweise geschlossen.

Es fühlte sich einfach nicht richtig an, ihrer Schwester für heute Mittag abzusagen. Elizabeth hatte Geburtstag, und Lucy wollte zum Gratulieren vorbeikommen, so etwas sagte man nicht einfach ab. Sie hatten schließlich nur noch einander. Ihre Mutter hatte den Kampf gegen den Krebs verloren, als die beiden Schwestern noch Teenager gewesen waren. Und ihr Vater, der mit einer neuen Frau in Mount Isa lebte, würde sich bestimmt nicht an den Geburtstag seiner Tochter erinnern. Das hatte er nie getan.

Obendrein würden sich Michael und Lucy sowieso früher oder später über den Weg laufen, falls Elizabeths Eroberungsstrategie aufging. Das ließ sich nicht ändern, also konnte das erste Treffen auch ebenso gut heute stattfinden. Seufzend hängte sie sich ihre Handtasche um und verließ die Wohnung.

Es war ein schöner Augusttag im Norden von Queensland. Sie konnte bequem von dem Apartment, das sie und Lucy sich teilten, zum Hauptsitz von Finn’s Fisheries laufen. Normalerweise nahm sie ihr kleines Auto für den Weg, da sie sogar über einen eigenen Parkplatz in der Tiefgarage des Bürogebäudes verfügte. Aber heute wollte sie sich nicht verpflichtet fühlen, mit dem Wagen wieder nach Hause zu fahren. Es war viel schöner, sich alle Möglichkeiten offen zu halten …

Der Gedanke, wie dieser Tag wohl enden könnte, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Michael war zweifellos der perfekte Mann für sie.

Finn’s Fisheries hatte Zweigstellen in ganz Australien und verkaufte dort nicht nur hochwertige Angelausrüstungen, sondern auch jede Menge maritime Spezialkleidung: Neoprenanzüge, Bademode, Shorts, Shirts, Sonnenhüte, Sonnenbrillen und so weiter. Die Auswahl war riesig, und Michael kümmerte sich als Firmenchef persönlich um den gesamten Importbereich.

Sie bewunderte ihn für seinen Fleiß und seine Übersicht. Er schien das gesamte Unternehmen rund um die Uhr unter Kontrolle zu haben, und das entsprach exakt Elizabeths Einstellung zum Leben und Arbeiten. Zusammen würden sie ein großartiges Team abgeben, das sagte Michael selbst ziemlich häufig.

Wenn er doch endlich einsehen würde, dass sie den nächsten Schritt wagen mussten. Sie hatten eine tolle Zukunft vor sich und würden alles miteinander teilen. Er war jetzt fünfunddreißig, und es war für sie beide an der Zeit, in Sachen Partnerschaft die Weichen fürs Leben zu stellen. Er würde doch nicht ewig Junggeselle bleiben wollen! Oder etwa doch?

In den zwei Jahren, seit sie ihn kannte, waren seine Beziehungen nie von Dauer gewesen. Das lag vermutlich an seiner unbändigen Arbeitswut. Mit Elizabeth würde aber alles anders werden – sie hatte schließlich großes Verständnis für seinen Ehrgeiz.

Trotz ihrer unerschütterlich optimistischen Gedanken flatterte ihr Herz vor Nervosität, als sie das Büro betrat. Michaels Tür stand offen, was bedeutete, dass er bereits an der Arbeit saß. Heute war Montag, der Beginn einer neuen Woche … und eventuell auch der Anfang einer richtigen Partnerschaft zwischen ihnen beiden.

Jedenfalls betete Elizabeth inständig, dass es so kommen möge, als sie durch die Tür schritt. Michael saß an seinem Schreibtisch mit dem Stift in der Hand und unterzeichnete ein paar Papiere in einer Unterschriftenmappe. Er war hoch konzentriert und bemerkte sie erst gar nicht.

Hingerissen bewunderte sie ihn eine Weile. Sie liebte seinen sauberen, perfekten Look. Das dichte schwarze Haar war kurz geschnitten und saß immer korrekt, die hohen, geschwungenen Brauen betonten seine intelligenten silbergrauen Augen. Eine gerade Nase, ein fester Mund, ein kantiges Kinn – zusammen ergab das einen äußerst attraktiven Erfolgsmenschen.

Wie üblich trug er ein makellos weißes Hemd, das seine olivbraune Haut besonders dunkel aussehen ließ, und dazu eine schwarze Anzughose. Seine Bürouniform, vollendet durch ein Paar glänzende schwarze Schuhe.

Elizabeth schluckte und räusperte sich dann, damit er auf sie aufmerksam wurde.

„Guten Morgen, Michael.“

„Guten Mor…“ Er hob den Kopf und verstummte, während seine Augen immer größer wurden. Der Mund stand offen, und er schien völlig perplex zu sein. Elizabeths optische Veränderung verfehlte ihre Wirkung nicht.

Sie hielt den Atem an. In genau diesem Moment sollte eigentlich die professionelle Fassade zwischen ihnen endgültig fallen, damit sich Beruf und Privates gründlich vermischen konnten! In ihrem Bauch tanzten tausend Schmetterlinge.

Lächle! ermahnte sie sich. Zeig ihm die Wärme deines Herzens und die Hitze deiner Leidenschaft!

Michael erwiderte ihr Lächeln, und in seinen Augen blitzte Bewunderung auf. „Wow! Deine Haare sehen toll aus! Das Outfit auch. Du hast ja eine Metamorphose durchgemacht, Elizabeth. Heißt das etwa, es gibt einen neuen Mann in deinem Leben?“

Die Freude über seine Komplimente bekam augenblicklich einen Dämpfer. Dass er ihre Typveränderung mit einem anderen Mann in Verbindung brachte, konnte nur bedeuten, dass er weiterhin an der nüchternen Distanz zwischen ihnen festhalten wollte. Möglicherweise war er aber auch in Versuchung und wollte unauffällig abklären, ob ein Rivale ihm den Weg versperrte …

Schnell riss sie sich zusammen. „Nein. Ich bin schon seit einer ganzen Weile Single. Mir war einfach nach etwas Neuem.“

„Ist dir gelungen!“

Das war schon besser, denn er klang aufrichtig begeistert.

„Danke. Und die Kleider sind die Idee meiner Schwester. Ein Geburtstagsgeschenk. Sie bestand darauf, dass ich heute umwerfend schön aussehe.“

Michael lachte. „Nun, Mission erfüllt. Und wir sollten deinen Geburtstag heute auch gebührend feiern. Wie wäre es mit einem Lunch in der Mariners Bar? Zeitlich könnten wir das schaffen, wenn wir uns jetzt bei der Inventur ranhalten.“

Hoffnung flammte in ihr auf. Ein Essen für zwei in einem der teuersten Restaurants von Cairns mit Blick auf den Yachthafen … Elizabeth hätte die ganze Welt umarmen können! „Das wäre traumhaft. Vielen Dank, Michael.“

„Reserviere uns bitte einen Tisch für ein Uhr.“ Dann reichte er ihr die Unterschriftenmappe. „In der Zwischenzeit müsstest du auch noch diese Korrespondenz rausschicken.“

„Kein Problem.“

Ab jetzt ging alles seinen gewohnten Gang, aber da gab es ein helles Licht am Ende des Tunnels. Am liebsten wäre Elizabeth vor Freude durch das Büro getanzt.

„Umwerfend schön, was?“, wiederholte Michael grinsend. „Also deine Schwester ist mit Sicherheit ein pfiffiges Mädchen!“

Die Melodie in ihrem Herzen verstummte. Er sollte sich doch für sie, Elizabeth, interessieren und keinen Gedanken an ihre kleine Schwester verschwenden. Warum hatte sie Lucy überhaupt erwähnt?

Tja, jetzt war es zu spät, und sie musste damit leben.

„Naja, schon, aber leider ist sie in ihrem Elan auch ziemlich überdreht. Kein Plan hält sich lange genug in ihrem Kopf, um mal ein bisschen Ordnung in ihr Leben zu bringen.“ Es war die Wahrheit, und Michael sollte das schließlich auch wissen. Die Vorstellung, Lucy könnte auf irgendeine Weise attraktiv für ihn sein, war für Elizabeth unerträglich.

„Ganz anders als du“, stellte er fest.

Sie hob leicht die Schultern. „Wir sind so verschieden wie Tag und Nacht. Ein bisschen so wie du und dein Bruder.“

Die Worte waren heraus, ehe Elizabeth sie zurückhalten konnte. Die Aufregung hatte sie unvorsichtig werden lassen. Dabei war es absolut unangemessen, eine Bemerkung über den Bruder ihres Chefs zu machen, selbst wenn Elizabeth und Michael eine recht freundschaftliche Beziehung pflegten. Normalerweise hatte sie mit Harry Finn sowieso nichts zu tun, bis auf die Tatsache, dass er ihr mit seiner aufgesetzten Playboyattitüde gehörig auf die Nerven ging. Sie hasste es regelrecht, wenn er mal ins Büro kam – sie hasste es wirklich!

Michael lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Schreibtischarbeit liegt Harry tatsächlich nicht besonders. Trotzdem denke ich, du hast einen falschen Eindruck von ihm, Elizabeth.“

„Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich kleinlaut. „Ich wollte es nicht so klingen lassen, als wäre …“ Ihr fehlten die richtigen Worte.

„Schon gut.“ Mit einer Hand winkte er ab. „Mir ist klar, wie unzuverlässig er manchmal auf andere Menschen wirkt. Aber er besitzt einen rasiermesserscharfen Verstand und hat seinen Bereich der Firma fest im Griff.“

Die Verwaltung der Charterboote für das Tiefseeangeln, die Organisation von Tauchfahrten für Touristen zum berühmten Great Barrier Reef, die Leitung des Ferienresorts auf einer der Inseln … das alles war Elizabeths Ansicht nach pures Vergnügen im Gegensatz zu dem, was Michael leistete.

Sie blieb bei ihrer Meinung über Harry Finn. „Ich werde versuchen, ihn zukünftig in einem anderen Licht zu betrachten“, antwortete sie steif.

Wieder musste Michael lachen, und ihr wurde innerlich ganz warm. „Er hat wohl wieder mit dir geflirtet und ist dir dabei zu nahe getreten, was? Nimm das nicht so ernst! So benimmt er sich nun mal Frauen gegenüber. Es ist ein Spaß, mehr nicht.“

Toller Spaß! Für ihn vielleicht, aber sie hasste es. Und ihn!

Mit Mühe zwang sie sich zu einem Lächeln. „Das werde ich im Hinterkopf behalten. Jetzt muss ich aber an die Arbeit – und unseren Tisch reservieren.“

„Mach das.“ Sein Grinsen wirkte verschmitzt. „Beim Lunch können wir uns weiter über Brüder und Schwestern unterhalten.“

Auf keinen Fall! dachte sie entsetzt. Sorgfältig schloss sie die Verbindungstür zu ihrem Büro, damit Michael Lucy gar nicht erst zu Gesicht bekam. Ihre Geschwister hatten überhaupt nichts mit dem Geburtstagsessen zu tun, da würden sich weitaus angenehmere Themen finden.

Diese besondere Verabredung sollte allein dazu dienen, Michael endlich ein Stück näherzukommen. Darauf setzte Elizabeth all ihre Hoffnungen und Träume.

Zehn Uhr siebenunddreißig.

Mit gerunzelter Stirn starrte Elizabeth die Uhr auf ihrem Schreibtisch an. Die Abmachung mit dem Coffeeshop im Erdgeschoss des Gebäudes lautete: Lieferung von Kaffee und Muffins um Punkt zehn Uhr dreißig. Schwarzen Espresso und einen Schokoladenmuffin für Michael, Cappuccino und einen Muffin mit weißer Schokolade und Erdbeeren für sie.

Elizabeth verzichtete jeden Tag auf das Frühstück, um sich diesen Luxus zu gönnen, und ihr Magen knurrte. Für gewöhnlich kam die Kaffeelieferung nie zu spät. Michael hasste Unpünktlichkeit, und das war den Shopbetreibern sehr wohl bekannt.

Es klopfte an der Tür, und sie sprang hastig auf, um zu öffnen. „Ihr seid spät dran“, begann sie, bevor sie merkte, dass das Tablett mit Bechern und Muffins von Harry Finn getragen wurde.

Seine leuchtendblauen Augen zwinkerten vergnügt. „Kleine Verzögerung, weil sie noch Kaffee für mich machen mussten“, sagte er entschuldigend.

„Super“, entgegnete sie entnervt. „Das kannst du deinem Bruder selbst erklären.“

„Oh, das werde ich, teuerste Elizabeth. Niemals würde ich zulassen, dass möglicherweise der Eindruck entsteht, du hättest nicht alles zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigt.“

Sein provozierender Tonfall brachte sie zur Weißglut. Wie immer gelang es Harry Finn, schier unkontrollierbare Gefühle in ihr auszulösen. Als hätte er ein besonderes Gespür dafür, wunde Punkte zu treffen.

„Und darf ich hinzufügen, dass du heute umwerfend aussiehst? Absolut umwerfend!“ In Ruhe begutachtete er ihr neues Erscheinungsbild, und sein Blick blieb einen Moment zu lange an dem recht offenherzigen Ausschnitt hängen.

Ihre Brustspitzen zogen sich spürbar zusammen, und Elizabeth hätte am liebsten die Hände davorgehalten.

„Die Haare sind spitze, ganz zu schweigen von …“

„Spar dir das lieber“, unterbrach sie ihn und zeigte auf die Verbindungstür. „Dein Bruder wartet schon auf seinen Espresso.“

Harry grinste. „Schadet ihm nicht, wenn er mal etwas länger wartet.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, als er das Tablett abstellte und sich auf ihre Tischkante setzte. Seine hellen Shorts zeigten viel von seinen braungebrannten muskulösen Beinen, und das weiße T-Shirt spannte über der breiten Brust.

„Man sieht nicht alle Tage, wie sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt“, verkündete er frech. „Das will ich auch ein bisschen genießen.“

Sie verdrehte die Augen und war ernsthaft beleidigt. Sie als Raupe zu bezeichnen! Nur weil sie einen konservativen Kleidungsstil bevorzugte, um als seriöse Karrierefrau wahrgenommen zu werden. Es musste doch nicht jeder so ausgeflippt herumlaufen wie ihre Schwester!

„Der Kaffee wird kalt.“ Genauso kalt wie ihre Stimme.

„Dieser Rock sitzt echt wie eine zweite Haut. Sehr sexy. Mit etwas Fantasie könnte man dich für eine Art Meerjungfrau halten.“ Sein Grinsen wurde unverschämt. „Ich wette, du würdest mir jetzt gern eins mit deiner Schwanzflosse verpassen.“

Kopfschüttelnd kam sie ein paar Schritte auf ihn zu und wollte sich selbst darum kümmern, dass Michael seinen Kaffee bekam. Normalerweise vermied sie es, Harry zu nahe zu kommen. Er war so aufdringlich maskulin, so übermännlich, dass es ihre weiblichen Hormone ganz durcheinanderbrachte. Höchst irritierend!

Dabei war er nicht im klassischen Sinne gutaussehend, so wie Michael. Eher von einer raubeinigen Schönheit, wie ein Freibeuter oder ein Abenteurer. Seine halblangen schwarzen Locken hatten etwas Wildes, genau wie die fröhlichen Fältchen um seine Augen. Man sah, dass er sich regelmäßig Wind und Wetter auslieferte, und seine Nase war in seiner Jugend mindestens einmal angebrochen gewesen, was eine schmale Delle hinterlassen hatte. Aber dieser fein geschwungene Mund, der meistens amüsiert lächelte, war zugegebenermaßen hübsch.

„Hast du dich mal gefragt, wieso du derart kratzbürstig auf mich reagierst, Elizabeth?“

„Nein. Ehrlich gesagt, denke ich nicht besonders viel über dich nach.“ Geschäftig nahm sie ihren Muffin und ihren Cappuccino vom Tablett.

„Autsch, das zu hören tut weh!“ Er lachte heiser.

„Hör endlich mit deinen Spielchen auf“, verlangte sie. „Ich werde nicht darauf eingehen. Niemals.“

Das ließ ihn völlig unbeeindruckt. „Keinen Spaß, immer nur Arbeit. In dieser Hinsicht passen Michael und du wirklich gut zusammen. Bei ihm bist du sicher.“

Wieso sicher? wunderte sich Elizabeth. Sie wollte nicht sicher sein, sondern gierig begehrt werden, sodass sie kaum noch Luft bekam!

Harry ging an ihr vorbei und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. „Hi, Mickey! Ich habe den Kaffeetransport aufgehalten, aber hier kommt er endlich. Muss noch ein paar Sachen mit dir besprechen.“

„Kein Problem“, antwortete Michael und lächelte Elizabeth zu.

Dieser Mann hat wirklich ein Herz aus Gold, schwärmte Elizabeth im Stillen. Sein Bruder Harry besteht dagegen höchstens aus oberflächlichem Glitzerkram! Für die Position, die er auszufüllen hat, fehlt es ihm schlicht an Format, Würde und Respekt. Es ist eine Schande!

„Danke, Elizabeth“, sagte Michael freundlich. „Hast du den Tisch schon bestellt?“

„Ja.“

„Welchen Tisch?“, wollte Harry sofort wissen.

„Elizabeth hat heute Geburtstag, und ich lade sie zum Mittagessen ein.“

„Soso!“

Ihr kroch eine Gänsehaut über den Rücken, und sie fürchtete, Harry würde sich über diese Einladung lustig machen. Doch er streckte bloß die Hand aus, als würde er ihr einen Waffenstillstand anbieten.

„Herzlichen Glückwunsch, liebe Elizabeth.“

„Danke“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, bevor sie fluchtartig das Zimmer verließ.

Von da an fiel ihr die Arbeit unendlich schwer. Die Zeit kroch im Schneckentempo dahin, und Elizabeth musste befürchten, dass Harry sich zu ihrem Geburtstagslunch selbst einlud. Er würde ihr alles verderben …

Kurz nach zwölf klopfte es, und Lucy streckte ihren blonden Schopf zur Tür rein. „Hast du gerade Zeit?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, rauschte sie herein. Ihre weiße, schulterfreie Bluse war mit einer aufwändigen Lochstickerei versehen, und der Jeans-Minirock reichte nur bis zur Hälfte der Oberschenkel. Ein breiter hellbrauner Ledergürtel raffte die Bluse zusammen, und an den Füßen trug Lucy hübsche Schnürsandaletten mit Keilabsatz. Jede Menge Ketten und Armbänder vervollständigten ihren Look. Sie sah aus wie ein Model, das einfach in jeder Aufmachung hinreißend schön war.

„Oh, ich liebe deine Haare, Ellie“, rief sie begeistert und schob sich mit der Hüfte auf Elizabeths Schreibtisch, so wie Harry es kurz zuvor auch getan hatte. Die beiden waren echt aus demselben Holz geschnitzt!

„Es ist supersexy“, fuhr Lucy munter fort. „Sieht aus, als wärst du grad aus dem Bett gefallen und hättest dort eine richtig gute Zeit gehabt. Steht dir hervorragend! Und passt perfekt zu den Klamotten, die ich ausgesucht habe. Ich muss schon sagen, du haust einen um.“ Ihre sherrybraunen Augen leuchteten. „Und jetzt sag mir, dass du dich genauso hervorragend fühlst!“

Ihr Lächeln war so ansteckend, dass Elizabeth die eigene Aufregung vergaß. „Ich bin froh über diese Radikalveränderung. Wirklich. Und wie war dein Wochenende?“

„Ach, so lala.“ Sie machte eine ungeduldige Handbewegung und verzog das Gesicht. „Aber mein Vormittag war schrecklich.“

Im Augenwinkel bemerkte Elizabeth, wie sich die Tür zu Michaels Büro öffnete, und sie hielt die Luft an.

Lucy plapperte unbeirrt weiter. „Eine Leiche ist am falschen Platz beerdigt worden, und ich musste das Ganze ausbügeln. Und dann meldete man mir, jemand würde sich mit einer Schaufel an einem der Gräber vergreifen, und ich musste deswegen raus. Aber alles halb so schlimm. War bloß ein Ehemann, der für seine Frau deren Lieblingsrose aufs Grab pflanzen wollte. Echt süß. Das Schlimmste aber war ein wild gewordener Hund, der regelrecht Amok gelaufen ist. Er hat so getobt, dass ein paar Engeln im Erinnerungsgarten die Köpfe abgebrochen sind. Ich musste sie einsammeln und in den Van laden, und nun suche ich jemanden, der sie wieder befestigen kann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer Engelsköpfe sind.“

„Engelsköpfe?“, wiederholte Michael überrascht und lenkte damit Lucys Aufmerksamkeit auf sich.

„Oh, wow!“ Beeindruckt musterte sie ihn und machte keinen Hehl daraus, dass ihr gefiel, was sie sah. „Sind Sie etwa Ellies Boss?“

Erstarrt beobachtete Elizabeth, wie Michael den Kopf schüttelte, als müsse er sich aus einer Trance befreien. Harry sah über die Schulter seines Bruders hinweg direkt in Elizabeths Augen.

„Ja. Ja, das bin ich wohl“, antwortete Michael schließlich. „Aber wir duzen uns hier alle, das gehört zur Firmenpolitik. Also nenn mich doch bitte Michael! Und du bist …?“

„Lucy Flippence, Ellies Schwester. Ich arbeite bei der Friedhofsverwaltung, da habe ich es öfter mal mit Engeln zu tun.“

„Verstehe.“ Etwas länger als nötig schüttelte er ihre ausgestreckte Hand. „Freut mich wirklich sehr, dich mal kennenzulernen. Ach, und das hier ist mein Bruder Harry.“

Im Stillen betete Elizabeth darum, ihre Schwester möge sich auf Anhieb in Harry verknallen. Vergeblich – Lucy hing bereits an Michaels Lippen und beachtete seinen Bruder kaum. Na, großartig!

Was als Nächstes geschah, war wohl unausweichlich …

„Ich wollte Ellie zum Mittagessen einladen, um ihren Geburtstag zu feiern“, verkündete Lucy strahlend.

„Das ist ja witzig! Ich hatte nämlich genau die gleiche Idee. Lunch in der Mariners Bar. Um ein Uhr.“

„Irre! Die Mariners Bar! Das ist aber ein großzügiges Geschenk.“

„Warum kommst du nicht einfach mit? Es ist ein viel schöneres Geburtstagsessen, wenn mehr Gäste dabei sind.“

„Dann leiste ich euch auch Gesellschaft“, schaltete Harry sich ein.

„Ich habe aber nur einen Tisch für zwei reserviert.“ Ein letzter, hilfloser Versuch, das Unabänderliche zu verhindern.

„Kein Problem. Ich sorge schon dafür, dass wir alle Platz haben. Schließlich kennt man mich dort.“ Michael lächelte Lucy an. „Wir freuen uns doch, wenn ihr mitkommt.“

„Zu viert macht es viel mehr Spaß“, stimmte Lucy zu. „Oder, Ellie?“

„Ja, sicher.“ Elizabeth zog die Augenbrauen hoch und atmete tief durch. „Mit dir am Tisch verfallen wir zumindest nicht in peinliches Schweigen.“

Lucy war nicht beleidigt, sondern kicherte. „Also abgemacht. Danke für die Einladung, Michael. Und schön, dass du auch mitkommst, Harry.“

Elizabeth war alles andere als erfreut über die Entwicklung der Dinge. Jetzt musste sie nicht bloß dabei zusehen, wie fasziniert Michael von ihrer Schwester war, sie musste sich obendrein noch mit dem vorlauten Harry herumschlagen. Das machte all ihre Pläne zunichte und verwandelte ein vermeintlich aufregendes Date in einen Höllenritt!

2. KAPITEL

Auf dem Weg hinunter zur Marina musste Elizabeth neben Harry gehen. Es hatte keinen Zweck, um Michaels Aufmerksamkeit zu kämpfen, denn Lucy hatte ihn schon voll und ganz in Beschlag genommen. Die beiden liefen schwatzend voraus, und für Elizabeth war es eine Qual, dabei zuzusehen, wie sie sich immer besser miteinander verstanden.

Lucy war naturgemäß nie um Worte verlegen, und Michael schienen ihre ausgelassene Art und ihre Persönlichkeit zu gefallen. Wahrscheinlich war diese Faszination nur von kurzer Dauer, aber das konnte Elizabeth auch nicht trösten. Lucy hatte in einer Minute erreicht, was Elizabeth selbst in zwei Jahren nicht gelungen war.

Während sie den Uferweg entlangspazierten, versuchte sie sich abzulenken, indem sie andere Passanten beobachtete. Paare saßen im Schatten der Bäume auf Picknickdecken, und zahllose Kinder tollten auf Spielgeräten herum.

Zum Glück hielt Harry ausnahmsweise den Mund, und Elizabeth konnte ungestört ihren Gedanken nachhängen.

Im Grunde hätte sie Lucy längst von ihrer heimlichen Zuneigung zu ihrem Chef erzählen müssen. Dann würde ihre Schwester sich wenigstens zurückhalten, obwohl Elizabeth von ihr eigentlich keinerlei Verständnis erwartete. Lucy würde nämlich niemals einem Mann hinterherlaufen, der sich nicht ganz offensichtlich für sie interessierte.

Wahrscheinlich würde sie sagen: „Vergiss es, Ellie! Er ist nicht dein Traummann, wenn du so lange gewartet hast, um den nächsten Schritt zu wagen.“

Diese Erkenntnis starrte Elizabeth plötzlich mitten ins Gesicht, und das tat höllisch weh.

So sehr, dass ihr die Tränen kamen. Ihr Brustkorb wurde eng, sie bekam kaum noch Luft. Wie bescheuert war sie gewesen, sich einzureden, heute – an nur einem Tag – ihr ganzes Leben umkrempeln zu können? Vielleicht würde sie das niemals schaffen!

„Ellie …“

Es hörte sich befremdlich an, wie Harry ihren Spitznamen aussprach.

„Das gefällt mir. Viel besser als Elizabeth. Es klingt mehr nach einer unbeschwerten Person … sanfter und zugänglicher.“

Ihre Schultern verkrampften sich. Schon wieder wurde er unverschämt, und das reizte sie bis aufs Blut. „Lass dich davon nicht in die Irre führen. Als kleines Mädchen konnte Lucy meinen Namen nicht aussprechen. Und aus reiner Gewohnheit nennt sie mich heute noch Ellie.“

Sein Blick war mit einem Mal voller Mitgefühl. „Sie merkt nicht, wie sehr sie dich verletzt, oder?“

Ihre Augen wurden größer. „Wovon sprichst du?“

„Gib es auf, Ellie“, riet Harry ihr und schnitt eine Grimasse. „Du bist nicht Mickeys Typ. Ich hätte es dir vorher sagen können, aber du hättest mir sowieso nicht zugehört.“

Das war der Gipfel ihrer heutigen Erniedrigung! Ihre Wangen wurden heiß und rot, und sie starrte stumm auf Michaels Rücken. Der war in sein Gespräch mit Lucy vertieft und merkte nicht, was hinter ihm vorging.

Wie kann Harry ahnen, wonach ich mich sehne? überlegte sie betroffen. Weiß Michael etwa auch längst Bescheid? Das wäre eine Katastrophe! Ich müsste mir augenblicklich einen neuen Job suchen!

„Keine Bange“, beschwichtigte Harry sie, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Mickey hat keinen Schimmer, was los ist – er hat den typischen Tunnelblick erfolgsorientierter Geschäftsmänner.“

Vor Erleichterung sackten ihre Schultern ein Stück nach unten. Trotzdem war es immer noch unheimlich, dass Harry genau zu wissen schien, was in ihr vorging. Oder war das alles nur geraten? Noch hatte sie nichts zugegeben, also konnte er gar nicht wissen, ob er wirklich richtig lag …

„Auf der anderen Seite wäre es vermutlich schlauer, in absehbarer Zeit zu kündigen“, fuhr er fort. „Es ist nie gut, ständig ans eigene Scheitern erinnert zu werden. Aber du brauchst nicht lange auf Jobsuche zu gehen. Du kannst für mich arbeiten.“

Für ihn arbeiten? Nicht in einer Million Jahren! „Lass mich dir eines sagen, Harry Finn! Ich habe bei meiner Arbeit für Michael kein einziges Mal versagt, und für dich zu arbeiten, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Er grinste breit. „In meiner Nähe könntest du mir aber ständig an den Kopf werfen, was du von mir hältst. Du müsstest deine Gefühle nicht länger verdrängen und aufstauen, so wie du es jetzt tust.“

„Ich staue überhaupt nichts auf!“

„Warum sind wir nicht mal ehrlich zueinander?“, schlug er seufzend vor. „Dein Traum von Mickey und dir als Paar wird niemals Wirklichkeit werden. Finde dich damit ab. Gib es auf. Und betrachte mich als die beste Medizin gegen Liebeskummer, die man sich wünschen kann.“

„Du bist echt unmöglich!“ Ihre Stimme war so laut, dass Michael und Lucy sich verwundert umdrehten. „Schon gut“, rief sie ihnen zu. „Harry war einfach nur mal wieder er selbst!“

„Sei nett zu ihr, Harry!“, schimpfte Michael lachend. „Immerhin hat sie heute Geburtstag.“

„Du musst dich ein bisschen besser zusammenreißen, Ellie, wenn du nicht auffallen willst“, knurrte Harry leise.

„Nenn mich nicht Ellie!“

„Dann eben Elizabeth“, sagte er resigniert.

Sie biss sich auf die Zunge, um nicht automatisch auf seine Provokationen einzugehen. Schweigend stapften sie eine Weile nebeneinander her.

„So geht das nicht“, beschloss er nach ein paar Minuten. „Wir sind gleich beim Restaurant. Und wenn du die Beleidigte spielst, bekomme ich die Schuld dafür, was nicht fair wäre. Schließlich ist es nicht meine Schuld, dass mein Bruder scharf auf deine Schwester ist. Ein sinnvoller Schachzug wäre es doch, wenn du im Gegenzug mit mir flirtest. Wer weiß? Womöglich wird er ja eifersüchtig?“

Sein Vorschlag entzündete tatsächlich einen Funken Hoffnung in ihr, der jedoch gleich wieder von Lucys und Michaels ausgelassenem Gelächter erstickt wurde. Trotzdem war Harrys Idee im Grunde gar nicht dumm. Zumindest heute musste sie so tun, als würde sie den Tag genießen – alles andere wäre abgrundtief peinlich!

Also lenkte sie ein. „Nur um des lieben Friedens willen“, warnte sie ihn. „Und es hat rein gar nichts zu bedeuten.“

„Überhaupt nichts“, bestätigte er eifrig.

„Ich tue das nur, damit der Lunch einigermaßen erträglich verläuft.“

„Sicher.“

„Du bist ganz offensichtlich ein Weiberheld, und für Leute wie dich habe ich normalerweise nichts übrig. Aber das hier ist eine Ausnahmesituation und ich bin wohl oder übel auf dich angewiesen.“

„Hab ich doch verstanden. Obwohl ich wegen des Weiberhelden ausdrücklich Einspruch erheben möchte. Ich habe zwar gern Spaß im Leben, aber ich lasse mich nicht darauf reduzieren.“

„Wie auch immer“, entgegnete sie achselzuckend, denn sie hatte nicht die geringste Lust, mit ihm seine Persönlichkeit zu erörtern. Das würde nur zu noch mehr Streit führen.

„Hey, Mickey“, rief Harry, als sie die Cocktailbar neben dem eigentlichen Restaurant erreicht hatten. „Ich besorge den Mädels was zu trinken, und du kannst inzwischen das mit dem Tisch regeln.“

„Alles klar“, erwiderte sein Bruder und ließ Lucy dabei nicht aus den Augen.

„Kein Zweifel …“, murmelte Harry, „… der Mann ist hoffnungsvoll verloren. Wie alt wirst du eigentlich, Elizabeth?“

„Dreißig“, seufzte sie.

„Aha! Die große, dicke Drei vor der Null, was? Der Zeitpunkt, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, oder?“

Es war gespenstisch: Schon wieder traf er genau den Kern ihrer eigenen Gedanken.

„Ich habe vorhin etwas mit Mickey besprochen, was dich betrifft“, erzählte er weiter. „Sag aber nicht gleich Nein! Es wäre – meines Erachtens – die perfekte Veränderung für dich.“

„Woher willst du wissen, was gut für mich ist?“

Er zog eine Braue hoch. „Ich kann dich bestimmt besser einschätzen, als du glaubst. Warte nur ab!“

Sie verstummte und schüttelte den Kopf. Harry genoss es, sie aufzuziehen, aber ihr konnte egal sein, was er tatsächlich von ihr hielt. Viel wichtiger war, dieses Mittagessen hinter sich zu bringen, ohne dass jemand bemerkte, wie deprimiert sie war.

Harry bestellte Margaritas an der Bar und führte Lucy und Elizabeth zu zwei gepolsterten Hockern.

„Oh, Ellie liebt Margaritas“, verriet Lucy fröhlich. „Sie ist übrigens die tollste Schwester, die man sich vorstellen kann. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte. Sie erdet mich und ist sozusagen mein ganz persönlicher Anker.“

„Ein Anker“, wiederholte er nachdenklich. „Das ist genau das, was mir in meinem Leben fehlt.“

„Ein Anker würde dich nur runterziehen, Harry“, bemerkte Elizabeth trocken. „Es würde sich für dich anfühlen, als hättest du einen Klotz am Bein.“

Er lachte vergnügt.

„Fetzt ihr euch immer so?“, wollte Lucy wissen.

„Auf jeden Fall sprühen des Öfteren die Funken“, behauptete er grinsend.

Beinahe hätte Elizabeth ihn daran erinnert, dass sie heute eigentlich miteinander flirten wollten – um des lieben Friedens willen. „Ich muss zugeben, Harrys Gesellschaft ist ziemlich anregend.“

Kichernd klatschte Lucy in die Hände. „Oh, das gefällt mir! Wir werden ein fantastisches Geburtstagsessen haben.“

Als Harry sich kurz abwandte, um die Drinks entgegenzunehmen, lehnte sich Lucy dicht zu ihrer Schwester. „Er ist genau das, was du jetzt brauchst, Ellie. Mit dem kannst du Spaß haben. Du bist immer so vernünftig und fleißig. Jetzt soll aus dem Arbeitsbienchen mal ein schöner Schmetterling werden.“ Hastig sah sie über die Schulter, aber Harry war in ein Gespräch mit dem Barkeeper vertieft. „Und ich schnapp mir Michael, er ist echt ein Traum. Warum hast du mir nie erzählt, wie umwerfend er ist?“

„Ach, ich fand ihn immer etwas unterkühlt“, redete Elizabeth sich raus.

„Nein, der ist heiß!“

„Ist wohl Geschmackssache. Mich jedenfalls reizt Harry mehr“, behauptete Elizabeth, was immerhin nicht ganz gelogen war – er brachte schließlich bei jeder Begegnung ihr Blut zum Kochen.

„Es wäre doch witzig, wenn wir irgendwann über Kreuz heiraten würden.“

„Nun preschst du ein bisschen weit vor, findest du nicht?“

„Mann, du bist immer obervernünftig“, maulte Lucy.

„Genau das schätze ich sehr an deiner Schwester“, schaltete sich Michael ein, der hinter ihnen auftauchte.

„Ich möchte doch bloß, dass Ellie auch Spaß hat“, erklärte Lucy mit strahlenden Augen.

„Und da komme ich ins Spiel“, verkündete Harry und reichte die Margaritas herum.

Wenig später gingen sie gemeinsam zum Tisch, und Elizabeth fragte sich im Stillen, wieso zum Teufel Lucy und Harry nicht füreinander entflammten. Sie waren beide eher unsolide Naturen, denen es im Leben vor allem auf ihr Vergnügen ankam. Es war nicht fair, dass sexuelle Anziehungskraft mit dem wahren Charakter eines Menschen wenig zu tun hatte.

„Happy Birthday, Elizabeth“, sagte Harry und stieß mit seinem Glas an ihres.

Lächelnd bedankte sie sich und drückte sich dann stumm gegen ihre Stuhllehne.

Wurde man auf dieser Welt irgendwann mal für seine Vernunft und seinen Fleiß belohnt? Oder musste man sich diese Belohnung selbst holen? Es wäre zwar schön, sich auf das Dasein eines bezaubernden Schmetterlings einzulassen – aber doch wohl nicht ohne Netz und doppelten Boden? Ihr kam es ungewohnt und auch äußerst gewagt vor, sich aus dem Zwangskorsett namens Pflichtgefühl zu befreien. Im Grunde war das sogar hochgradig riskant.

Vielleicht sollte ich einfach verreisen, überlegte sie. Auf diese Weise entkam sie wenigstens dem, was sich gerade zwischen Lucy und Michael entwickelte, und konnte sich in Ruhe ihren Depressionen und ihrem Selbstmitleid hingeben.

Frustriert leerte sie ihr Glas und starrte auf die Speisekarte. Irgendetwas musste sie aussuchen, auch wenn ihr der Appetit gründlich vergangen war. Der Kellner brachte neue Margaritas, und sie nahm dankbar noch einen kräftigen Schluck.

„Und? Was nimmst du, Michael?“, erkundigte sich Lucy.

Elizabeth kannte diese Strategie ihrer kleinen Schwester zur Genüge. Lucy würde sich gleich dasselbe bestellen wie er, um auf diese Weise ihre Leseschwäche zu verheimlichen. Sie hatte diesbezüglich jede Menge Tricks auf Lager.

„Würdest du dir mit mir den Meeresfrüchteteller für zwei teilen?“, fragte Harry und zeigte Elizabeth das Gericht auf der Karte.

„Pass bloß auf, Harry wird sich das meiste selbst unter den Nagel reißen“, warnte Michael.

Das kam ihr gerade recht, denn dann bemerkte wenigstens niemand, dass sie gar keinen Hunger mehr hatte.

Theatralisch hob Harry eine Hand. „Hiermit gelobe ich feierlich, dir den ersten Bissen von jeder einzelnen Speise zu lassen.“

„Einverstanden.“ Sie klappte die Karte zu.

„Das besiegeln wir mit einem Kuss“, beschloss er mutig und zwinkerte ihr zu.

Wieso musste er sie ständig in Verlegenheit bringen? Es war zum Auswachsen! „Benutz deinen Mund lieber zum Essen, Harry!“

„Ich warte auf den Tag, an dem du meinen Avancen erliegst“, jammerte er.

Lucy prustete los, und ihr Gelächter stimmte Elizabeth wieder etwas milder. „Du bist wirklich unverbesserlich.“

„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.“

Wider Erwarten wurde das Geburtstagsessen doch noch recht amüsant, und Elizabeth ließ sich allmählich auf das Geplänkel mit Harry ein. Sie war fest entschlossen, zumindest vorzugeben, sie würde seine Gesellschaft genießen. Gleichzeitig fiel es ihr unendlich schwer, dabei zusehen zu müssen, wie Lucy und Michael einander immer mehr verfielen.

Mittlerweile war Elizabeth froh, Harry an ihrer Seite zu haben, sonst wäre dieser Lunch ein einziges Fiasko geworden. Aber wie sie die nächsten Tage überstehen sollte, wie sie ihre Gefühle vor ihrem Chef und ihrer Schwester verbergen sollte, wusste sie nicht. Hoffentlich konnte sie sich zumindest heute Nachmittag etwas zurückziehen, um sich wieder zu sammeln.

Ein Kellner räumte nach dem Essen den Tisch ab und brachte eine Dessertkarte. Elizabeth entschied sich für ein leichtes Sorbet, mehr würde sie auf keinen Fall herunterbekommen.

Harry stützte sich auf beide Ellenbogen und zeigte mit einem Finger auf seinen Bruder. „Mickey, ich habe die Lösung für mein Problem mit dem Resort gefunden.“

„Du musst diesen Kerl unbedingt rausschmeißen“, erwiderte Michael. „Sobald du ihn mit den Fakten konfrontiert hast, muss er ohnehin verschwinden. Der Schaden …“

„Ich weiß, ich weiß. Aber am besten stelle ich ihn zur Rede und präsentiere ihm gleichzeitig seinen Nachfolger. Wir gehen hin und werfen ihn raus, ohne Diskussion. Kurz und schmerzlos.“

„Einverstanden, allerdings hast du noch keinen Nachfolger für ihn. Und je länger er auf seinem Stuhl sitzen bleibt, desto …“

„Elizabeth könnte seine Nachfolge antreten. Sie ist die perfekte Person für diesen Managerposten – komplett vertrauenswürdig, extrem gründlich und zuverlässig, außerdem verfügt sie über die notwenigen organisatorischen Kompetenzen. Bei dir hat sie hervorragende Arbeit geleistet, Mickey.“

Allmählich legte sich Elizabeths Verwirrung über diese rätselhafte Unterhaltung zwischen den Brüdern. Das war es also, was Harry vorhin angedeutet hatte! Die perfekte Veränderung für sie. Perfekt, von wegen! Für ihn zu arbeiten, würde sie über kurz oder lang wahnsinnig machen.

„Elizabeth ist aber meine persönliche Assistentin, das habe ich dir vorhin schon gesagt“, protestierte Michael.

„Ich brauche sie momentan dringender als du. Leih sie mir für einen Monat aus! Das verschafft mir genügend Zeit, entsprechende Vorstellungsgespräche zu führen.“

„Einen Monat …“, überlegte Michael laut und runzelte die Stirn.

Auch Elizabeth wog das Für und Wider dieses Vorschlags ab. Einen Monat könnte sie es aushalten, falls Harry sich nicht ständig in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt. Und sie hätte den notwendigen Abstand zu den beiden frisch Verliebten …

„Auf der anderen Seite, wenn Elizabeth Geschmack an ihrer neuen Position findet, möchte sie eventuell bleiben“, gab Harry zu bedenken.

Michael kniff die Augen zusammen. „Du nimmst mir nicht meine Assistentin weg!“

„Sie hat die Wahl.“ Harry drehte sich zu ihr um. „Was meinst du, Elizabeth? Hilfst du mir für einen Monat aus und bleibst auf der Insel, bis das Resort wieder in geordneten Bahnen läuft? Mein zukünftiger Exmanager hat während der Baumaßnahmen die Bücher frisiert und reichlich in die eigene Tasche gewirtschaftet. Du müsstest eine komplette Inventur vornehmen und möglicherweise ein paar Lieferanten auswechseln, die sich auf private Absprachen mit ihm eingelassen haben. Es wäre eine völlig neue Herausforderung für dich.“

„Warte mal kurz!“, schaltete Michael sich ein. „Ich bin derjenige, der sie fragen sollte, und nicht du.“

„Dann frag sie!“

Ja! dröhnte es durch ihren Kopf. Sie könnte der Situation mit Lucy und Michael entfliehen und obendrein wichtige berufliche Erfahrungen sammeln. Eine Aufgabe, die ihre gesamte Konzentration und obendrein einen Ortswechsel erforderte, war jetzt genau das Richtige. Die Vorteile lagen auf der Hand, da würde sie es im Gegenzug schon mit Harry aushalten. Ganz bestimmt. Denn auch wenn er ihr extrem unter die Haut ging, hatte sie zumindest ihr Herz nicht an ihn verloren.

Ergeben stöhnte Michael auf und schien zu akzeptieren, dass sein Bruder ihn in die Ecke gedrängt hatte. „Es stimmt, was Harry sagt, Elizabeth. Du würdest uns sehr helfen, wenn du einspringst und das Chaos um dieses Resort in die Hand nimmst.“ Sein Blick wurde ernst. „Ich habe großes Vertrauen in deine Fähigkeiten und auch in deine Integrität. Obwohl ich es hasse, dich für einen ganzen Monat zu verlieren …“

Du hast mich gerade für immer verloren, dachte sie traurig.

„… aber ich werde für diesen Zeitraum eine Aushilfskraft einsetzen.“

Harry deutete ihr Schweigen als Zustimmung. „Das heißt wohl, du kommst mit mir auf die Insel“, freute er sich und grinste übers ganze Gesicht.

Mit erhobenem Zeigefinger wandte sie sich zu ihm. „Ich nehme die Herausforderung an, die Probleme dort zu lösen. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Spitze!“

„Das wäre also geklärt“, seufzte Michael.

„Och, ein ganzer Monat“, maulte Lucy. „Ich werde dich schrecklich vermissen, Ellie.“

„Die Zeit wird wie im Flug vergehen“, antwortete sie wenig überzeugend, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.

Der Nachtisch wurde serviert, und Harry blickte beim Essen auf seine Rolex. „Wir sollten so schnell wie möglich aufbrechen. Jetzt haben wir fast drei Uhr. Das bedeutet, wir könnten um halb fünf schon auf der Insel sein. Und um sechs fliegen wir deinen Vorgänger mit dem Helikopter aufs Festland. Nach dem Dessert werden wir gleich …“

„Elizabeth hat heute Geburtstag, Harry“, unterbrach sein Bruder ihn. „Vielleicht hat sie andere Pläne!“

„Nein, ich bin flexibel“, versicherte sie hastig, da sie es in Lucys und Michaels Nähe ohnehin nicht länger ausgehalten hätte.

„Und was ist mit deinem Gepäck?“, wollte Lucy wissen. „Du brauchst doch Sachen für einen ganzen Monat.“

„Das kannst du doch für sie zusammenpacken, Lucy“, schlug Harry vor. „Michael fährt dich nach Hause und wartet dort, bis du alles beisammen hast. Dann kann er es uns per Schiff hinterherschicken.“

„Kein Problem“, versprach Michael, und auch Elizabeth nickte zustimmend.

Je eher sie wegkam, desto besser. Und die eindeutigen Blicke, die ihre kleine Schwester Michael zuwarf, machten alles nur noch schlimmer. Genervt schaufelte Elizabeth das Sorbet in sich hinein.

„Fertig?“, fragte Harry, als sie gerade ihren Löffel hingelegt hatte.

„Fertig.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und stand auf. Am liebsten wäre sie gleich losgelaufen, aber natürlich musste sie noch die Verabschiedung über sich ergehen lassen.

„Hab eine wunderbare Zeit mit deinem Harry!“, flüsterte Lucy ihr ins Ohr.

Michael gab ihr einen herzlichen Kuss auf die Wange. „Ich werde dich vermissen.“

Elizabeth biss die Zähne zusammen. „Danke für das tolle Essen, Michael.“

„Hab ich gern gemacht“, antwortete er mit einem Seitenblick auf Lucy.

„Wir sind dann mal weg. Mein Boot liegt ja gleich hier in der Nähe.“ An der Hand zog Harry Elizabeth hinter sich her.

Er war kräftig, stellte sie fest, und seine Wärme ging auf ihren Körper über. Jedenfalls fühlte es sich so an. Am Wichtigsten aber war: Harry schenkte ihr die Freiheit, die sie in diesem Augenblick dringend nötig hatte.

Draußen führte er sie an einer nahezu endlosen Reihe von Luxusyachten entlang, die an den Docks vertäut waren.

„Welche ist deine?“, fragte sie und fühlte sich regelrecht beschwingt, seit sie der Gesellschaft von Lucy und Michael entkommen war.

„Die ganz am Ende. Da brauchen wir nicht lange zu rangieren, sondern können ganz unkompliziert starten. Also, ab auf die Insel!“

„Gut.“

Er lachte. „Ich muss schon sagen, mir gefällt deine Spontaneität.“

Ihr Gesichtsausdruck wurde abweisend. „Spar dir deine Sprüche für eine andere Frau auf! Vor den beiden habe ich nur mitgemacht, weil ich den Tag nicht ruinieren wollte. Und die Auszeit auf der Insel passt mir gerade ausgezeichnet. Aber für mich geht es dabei ausschließlich um die Arbeit. Ich lege keinen Wert darauf, diese Zeit mit dir zusammen zu genießen.“

Er hielt ihrem Blick stand. „Jetzt noch nicht. Schließlich haben sich gerade erst deine geheimsten Träume in Luft aufgelöst, und das wird noch eine Weile wehtun. Aber die Insel ist echt zauberhaft, und ich hoffe, sie wird bei dir ihre volle Magie entfalten.“

Seine tiefblauen Augen wirkten offen und sympathisch, aber auch unglaublich frech. Und er wusste zu viel. Er ahnte, sah und merkte zu viel. Elizabeth fühlte sich durchleuchtet, enttarnt und extrem verwundbar. Zwar hatte Harry sie heute galant aus einer unangenehmen Situation gerettet, trotzdem konnte er ihr sehr gefährlich werden.

„Entschuldige“, stieß sie hervor, „ich habe mich gar nicht richtig bei dir bedankt.“

„Das ist auch nicht nötig, Elizabeth. Betrachte den morgigen Tag einfach als den ersten deines neuen Lebens, ganz egal, was heute passiert ist. Du bist ein Schmetterling, der sich aus seinem engen Kokon befreit hat, und nun wartet eine Welt voller Sonnenschein auf dich.“ Er drückte ihre Hand und ging weiter.

Der erste Tag ihres neuen Lebens … Ja, genauso musste es sein.

Es war zwecklos, unerfüllten Fantasien nachzutrauern. Sie musste Michael hinter sich lassen, und ihrer Schwester konnte sie ebenfalls keinen Vorwurf machen. Jetzt musste ein neuer Lebensabschnitt beginnen, ohne Reue und ohne Selbstmitleid.

Nach wenigen Minuten hatten sie Harrys Yacht erreicht, und er half Elizabeth über die Reling. „Wirst du eigentlich schnell seekrank?“, wollte er wissen. „Falls ja, habe ich ein paar gute Tabletten in meiner Koje.“

„Nein, ich bin da nicht empfindlich.“

„Du musst unbedingt in Topform sein, wenn wir ankommen. Deshalb war ich heute bei Michael: Wir müssen diesen korrupten Manager schnellstmöglich loswerden.“ Er löste die Leinen.

„Was nennst du Topform?“

„Sei einfach du selbst. Du solltest, wie immer, alles um dich herum im Griff haben. Ach ja, und versteck dich ruhig weiter hinter dieser hochnäsigen Fassade.“

„Hochnäsige Fassade?“ Diese Beschreibung passte ihr ganz und gar nicht.

„Die hast du brillant drauf. Ich bekomme wohl am meisten davon ab.“

Das war wieder typisch Harry – immer haarscharf an der Grenze zur Beleidigung.

„Ich möchte, dass du unsere Zielperson damit gründlich verunsicherst“, fuhr er fort. „Kein freundliches Geplauder, lass ihn einfach eiskalt abblitzen!“

„Kein Problem“, murmelte sie knapp.

Harry richtete sich auf und stemmte beide Hände in die Hüften. „Das ist mein Mädchen.“

Elizabeth erstarrte. Es war höchste Zeit, ein paar Regeln für die nächsten Wochen festzulegen. Harry nahm sich ihr gegenüber zu viele Freiheiten heraus. Auf dreiste Sprüche und Küsse auf die Wange konnte sie gut verzichten. Sie war nicht sein Mädchen, sondern eine fähige Arbeitskraft, die in einer firmeninternen Notsituation helfend einsprang.

Und sobald dieser Monat vorüber war, würde sie ein paar weitere Schritte einleiten, um das Kapitel Finn-Brüder endgültig abzuschließen. Sie war dreißig Jahre alt, und die Welt stand ihr offen. Sie war nicht darauf angewiesen, sich auf diesen Job zu beschränken, wenn es ihr emotional nicht gut tat.

Außerdem wollte sie endlich einen Mann finden, der es wirklich ernst mit ihr meinte und mit dem sie eine gemeinsame Zukunft planen konnte. So etwas ging nicht mit einem verantwortungslosen Playboy wie Harry, und Michael konnte sie sich endgültig abschminken.

„Könntest du uns in der Kombüse vielleicht einen Kaffee machen, während ich mich ums Ablegemanöver kümmere?“, rief er ihr zu. „Ich trinke ihn schwarz. Wir treffen uns dann gleich auf der Brücke.“

„Okay.“

Sie wollte unbedingt gründlich auf das Gespräch mit ihrem Vorgänger vorbereitet werden. Von Harrys Entschlossenheit war sie tief beeindruckt. Er hatte seinen Bruder geschickt dazu gebracht, seiner Idee zuzustimmen und auf Elizabeth zu verzichten. Jetzt musste sie sich in Acht nehmen, damit Harry seine Verführungskünste nicht bei ihr anwandte!

3. KAPITEL

Harry war in absoluter Hochstimmung. Wer hätte gedacht, dass dieser Tag so glänzend verlaufen würde? Das Schiff befand sich bereits auf offener See und glitt zielsicher durch die Wellen. Das Problem mit dem korrupten Manager war so gut wie gelöst, und die süße, widerspenstige Elizabeth gehörte ihm für einen ganzen Monat!

Zwar versteckte sie sich noch hinter einer schroffen Fassade, aber wenigstens hatte sie ihre sinnlose Schwärmerei für seinen Bruder offenbar aufgegeben. Die reizende Lucy hatte dabei ganze Arbeit geleistet, indem sie Mickey direkt vor den Augen ihrer Schwester den Kopf verdreht hatte. Der Moment hätte nicht passender sein können! Für Harry war es ein Kinderspiel gewesen, Elizabeths Verzweiflung für seine eigenen Zwecke zu nutzen.

Wie aus dem Nichts war sie plötzlich in einer scheinbar ausweglosen Situation gefangen gewesen, und er hatte ihr ritterlich eine helfende Hand gereicht. Das nannte man wohl perfektes Timing!

Ellie Flippence … die sollte sie sein, und keine steife Elizabeth! Und wie hübsch sie war … Schon häufiger hatte er sich vorgestellt, wie er ihren schlanken Hals mit Küssen bedeckte. Und sie hatte aufregende Brüste, die in ihrem neuen Outfit endlich deutlich zur Geltung kamen.

Heute Morgen wäre er am liebsten gleich auf Tuchfühlung gegangen – was aber selbstverständlich momentan nicht in Frage kam! Dafür würde schon irgendwann die richtige Zeit kommen. Der passende Augenblick nahte bereits, und dann wollte Harry ihr endgültig jeden verträumten Gedanken an seinen Bruder austreiben.

Aber zuerst kam das Geschäft. Er musste sich zusammenreißen und sich nicht zu früh auf Elizabeth stürzen – sie war noch lange nicht bereit dafür.

Finn Island stand für exklusiven Tourismus auf höchstem Niveau. Maximal zwanzig Paare – die bereitwillig Tausende von Dollars für den Aufenthalt bezahlten – wurden zeitgleich auf der Insel untergebracht. Elizabeth war noch nie dort gewesen, da es beruflich bisher nicht notwendig gewesen war und sie es sich privat ohnehin niemals leisten könnte. Aber sie kannte Videos und Broschüren aus der Firma, also hatte sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie erwartete.

Es gab zwanzig kleine Luxusvillen, einen Tennisplatz, ein Fitnessstudio mit angrenzendem Wellnessbereich, einen gigantischen Swimmingpool, eine Boutique, ein Restaurant und eine Bar direkt am Strand. Überall sah man die Fülle tropischer Pflanzen und hoher Palmen, und ein Großteil der Insel war sogar von natürlichem Regenwald bedeckt. Der touristisch erschlossene Teil beschränkte sich auf die nähere Umgebung der schönsten und größten Bucht. Im bewaldeten Teil gab es kleine Flüsse und wunderschöne Wasserfälle, zu denen Wanderwege ausgewiesen waren.

Tauchboote standen bereit, um das grandiose Great Barrier Reef zu erkunden, und auch diverse Motorboote, mit denen die Gäste zum Hochseeangeln oder zu einem der anderen, privaten Strände gebracht wurden. Alles in allem konnte man Finn Island als den optimalen tropischen Zufluchtsort bezeichnen. Vorausgesetzt, man schwamm in Geld.

Elizabeth hoffte, den hohen Ansprüchen der Besucher gerecht werden zu können, solange sie als Managerin die Verantwortung für das Resort trug. Es gab Vieles, in das sie sich erst einweisen lassen musste. Sie kannte die Verwaltungsabläufe nicht, genauso wenig wie die Personalstruktur.

Als sie sich zu Harry auf die Brücke gesellte, schwirrten ihr diese Gedanken immer noch im Kopf herum. „Hier, schwarz wie die Nacht“, sagte sie und reichte ihm eine Kaffeetasse.

„Danke.“ Er lächelte sie an. „Wir sind in etwa vierzig Minuten da.“

„Es gibt noch so viel, das ich über die Organisation des Resorts wissen muss.“

„Das lernst du sicher schnell“, beruhigte er sie. „Du hast insgesamt drei leitende Mitarbeiter unter dir. Sarah Pickard ist die Chefin der Reinigungskolonne. Ihr Mann Jack arbeitet als oberster Hausmeister bei uns und ist für Reparaturen aller Art zuständig. Ihm unterstehen diverse Handwerker. Und der Chefkoch Daniel Marven leitet den Restaurantbetrieb. Er kümmert sich auch um die Bar und die Lebensmittelbestellungen.“ Er verzog grimmig das Gesicht. „Der Kerl, den du ersetzen sollst, hat Doppelbestellungen angewiesen und sie anderswo wieder verkauft. Und das war nicht sein einziges Vergehen.“

„Wie heißt er?“

„Sean Cassidy. Den Namen brauchst du dir aber nicht zu merken. Er wird spätestens eine Stunde nach unserer Ankunft von der Bildfläche verschwunden sein. Ich rufe einen Helikopter, der ihn abholen soll.“

„Werdet ihr ihn verklagen?“

Harry schüttelte den Kopf. „Das gäbe schlechte Publicity. Außerdem sind seine Vergehen nicht kapital genug.“

„Wie habt ihr eigentlich davon erfahren?“

„Unser Sommelier in Cairns hat mir gegenüber eine Bemerkung fallen lassen, wie ungeheuer viel Wein unsere Gäste konsumieren würden. Seine Angaben waren tatsächlich unrealistisch, und da läuteten bei mir die Alarmglocken. Als Sean neulich sein freies Wochenende auf dem Festland verbrachte, habe ich alle Vorräte und die Buchhaltung überprüft. Bingo! Es besteht kein Zweifel, dass er uns bestiehlt, und zwar schon seit einer ganzen Weile.“

„Weiß er denn schon, dass er aufgeflogen ist?“

„Nein, ich habe niemandem außer Mickey von meiner Entdeckung erzählt. Wir wollen kein Aufsehen erregen, und da kommst du ins Spiel.“

Sie nickte. „Ich werde mein Bestes geben, eine reibungslose Übergabe zu unterstützen. Dafür brauche ich allerdings so viele Informationen wie möglich.“

„Kein Problem. Die ersten Tage werde ich an deiner Seite sein, bis du dir einen vollständigen Überblick verschafft hast.“

Ein paar Tage in seiner Gesellschaft würde sie schon aushalten, das ließe sich ohnehin nicht vermeiden. Und falls er sich ihr gegenüber irgendwelche unangebrachten Freiheiten herausnehmen sollte, musste sie sich eben dagegen wehren.

„Ich werde mich so schnell wie möglich einarbeiten“, versprach sie, und Harry lachte.

„Kannst es wohl nicht abwarten, mich loszuwerden, was?“

Schon wieder traf er den Nagel auf den Kopf. Elizabeth wurde ein bisschen rot vor Verlegenheit. „Du hast ja bestimmt noch etwas anderes zu tun, als für mich den Babysitter zu spielen.“

„Stimmt. Andererseits wirst du mit diesem neuen Job ins kalte Wasser geworfen, das ist mir sehr wohl bewusst.“

Elizabeth bemühte sich, das Thema zu wechseln. „Hast du auf der Insel eine eigene Unterkunft?“

„Nein, ich schlafe an Bord meiner Yacht. Die Pickards bewohnen eine Privatvilla, alle anderen Angestellten sind in Personalwohnungen untergebracht. Sie arbeiten meist in einem Rotationssystem – zehn Tage auf der Insel, vier auf dem Festland. Und du bekommst das Managerapartment im Verwaltungsgebäude.“

Wo er mich jederzeit unbemerkt besuchen kann, schloss Elizabeth in Gedanken. Allmählich wurde sie regelrecht paranoid, was diesen Mann betraf. Dabei würde er ihr bestimmt nicht zu nahe kommen, solange sie es ihm nicht erlaubte.

„Weil deine Sachen erst später kommen, wird Sarah dir nachher eine Inseluniform besorgen“, erklärte Harry.

„Und wie sieht diese Uniform aus?“ Das hatte sie nicht auf dem Video oder in den Broschüren gesehen.

Er zeigte auf sein T-Shirt, und ihr fiel das kleine Logo auf der Brust auf. Finn Island stand da in bunter Schrift und darunter prangte ein stilisierter Fisch.

„Dazu gibt es kurze Shorts, um Unterwäsche musst du dich aber selbst kümmern“, fügte er grinsend hinzu.

„Schon klar.“ Genervt biss sie die Zähne zusammen.

Wieder musste er lachen. „Du kannst dir in der Boutique einen Bikini aussuchen, und im angrenzenden Shop gibt es auch alle notwendigen Hygieneartikeln. Ich weiß ja nicht, was für Make-up du brauchst?“

„Das habe ich in der Handtasche“, antwortete sie knapp.

Als sie die Insel erreichten und Sean Cassidy mit den Vorwürfen gegen ihn konfrontierten, lernte sie Harry von einer neuen Seite kennen. Direkt vor ihren Augen verwandelte sich seine lässige, flapsige Attitüde in die streng autoritäre Haltung eines betrogenen Vorgesetzten.

Sean Cassidy war mit einem falschen Lächeln auf den Lippen von seinem Schreibtischstuhl aufgestanden. Er war ein großer, dünner Mann mit dunklen Haaren und dunklen Augen, dem die Anspannung ins Gesicht geschrieben stand.

„Sie sind fristlos entlassen, Sean“, sagte Harry geradeheraus. „Verlassen Sie das Büro und fassen sie hier nichts mehr an. Sie haben eine halbe Stunde, um ihre privaten Besitztümer aus dem Apartment zu holen, dann wird ein Helikopter Sie aufs Festland bringen. Und Sie werden nie wieder einen Fuß auf diese Insel setzen.“

„Zur Hölle, was soll …“ Weiter kam der Mann nicht.

„Sie wissen genau, was das soll. Wir haben genügend Beweise für Ihre Betrügereien. Und wenn Sie still und leise verschwinden, verzichte ich darauf, die Behörden zu informieren. Ich will nie wieder von Ihnen hören, andernfalls können Sie sich auf eine Klage gefasst machen! Jedes negative Wort über unser Unternehmen wird ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Haben Sie das verstanden?“

Der stahlharte Tonfall von Harry hätte jeden eingeschüchtert. Sean Cassidy schluckte seinen Protest hinunter und nickte stumm.

„Dann gehen wir jetzt. Ich begleite Sie ins Apartment, damit Sie nicht wieder verwechseln, was Privatbesitz und was Firmeneigentum ist.“ Er drehte sich zu ihr um. „Du übernimmst jetzt bitte das Büro, Elizabeth.“

Beeindruckt von seinem überzeugenden Auftritt nickte sie und ging an ihren neuen Arbeitsplatz, während die beiden Männer den Raum verließen. Elizabeths Herz klopfte wie wild, und sie konnte immer noch die starke Energie spüren, die von Harry ausgegangen war. In den zwei Jahren, die sie für Mickey arbeitete, hatte sie so etwas niemals erlebt. Dabei hatte sie Mickey für den souveräneren, durchsetzungsstärkeren der beiden Brüder gehalten.

Der große Schreibtisch war L-förmig mit einem separaten Computerarbeitsplatz. Seufzend ließ Elizabeth sich in den bequemen Chefsessel fallen und dachte über diese neue Seite an Harry Finn nach. Der Mann konnte buchstäblich zur tödlichen Waffe werden, und sie war für mehrere Wochen mit ihm auf einer abgelegenen Insel. Ein erschreckender und gleichzeitig aufregender Gedanke.

Seine gewaltige Ausstrahlung war fast beängstigend. Er würde doch keine Frau dazu zwingen, ihm zu Willen zu sein? Nein, das hatte er gar nicht nötig. Immerhin war er ziemlich sexy und konnte mit nur einem Blick bei praktisch jeder Frau erotische Fantasien wecken. Zumindest nahm Elizabeth das an. Hoffentlich war sie ausreichend gegen seinen Sexappeal gewappnet. Außerdem brauchte er sie aus beruflichen Gründen, daher würde er sicherlich auf eine professionelle Distanz achten, statt weiter mit ihr herumzualbern.

Um sich abzulenken, verschaffte sie sich einen Überblick darüber, wie gut ihr neues Büro ausgestattet war und was womöglich noch fehlte. Geschäftig sortierte sie die Schubladen neu, blätterte ein paar Aktenordner durch und stellte die Sitzgruppe für die Besucher um. Auf dem Tisch lagen ein paar Broschüren, und an den Wänden hingen Fotos von prominenten ehemaligen Gästen der Insel.

Auf der Telefonanlage befand sich ein vollständiges Verzeichnis aller Inselanschlüsse, und auf einem Notizblock standen zwei bereits abgehakte Bestellungen: Schoko für 8 und Gin für 14. Offenbar gehörte es auch zu ihren Aufgaben, sich um die Extrawünsche der Gäste zu kümmern.

Vor ihr auf dem Schreibtisch lag ein tabellarischer Belegplan aller Urlaubsvillen, inklusive der dazugehörigen Ankunfts- und Abfahrtszeiten. Heute Morgen waren drei Paare abgereist, und ihre Unterkünfte wurden gleich morgen wieder bezogen. Ein neues Gästepaar wollte drei Tage lang bleiben, die anderen beiden hatten für fünf Tage gebucht. Kaum jemand blieb eine volle Woche hier, wie Elizabeth dem Plan entnahm.

Das dürfte eine Herausforderung werden: Ständig standen Begrüßungs- und Verabschiedungszeremonien an, und zudem musste sie sich unzählige Namen merken. Reiche Leute erwarteten üblicherweise ein hohes Maß an Höflichkeit, Respekt und persönlicher Ansprache.

Gerade versuchte sie, die Namen der derzeitigen Gäste passend zu ihren durchnummerierten Unterkünften auswendig zu lernen, als Harry und Sean das Büro wieder betraten. Harry schob den anderen Mann mitsamt Gepäck energisch zur Haupttür hinaus.

„Halten Sie hier bitte die Stellung, Elizabeth! Ich bin in zwanzig Minuten zurück.“

Harry wartete ihre Antwort nicht ab und brachte den gefeuerten Manager zum Hubschrauberlandeplatz. Durch die Doppelglastür beobachtete Elizabeth die beiden, und ihr Herz schlug wieder schneller. Plötzlich war Harry in ihren Augen nicht mehr nur ein oberflächlicher Playboy, sondern hatte deutlich an Tiefgang gewonnen. Interessant! Sie musste ihre Vorurteile ihm gegenüber wirklich revidieren.

Er besaß definitiv exzellente Führungsqualitäten und eine außergewöhnliche Menschenkenntnis – immerhin konnte er ihre Gedanken lesen. Sie würde sich in Zukunft in Acht nehmen müssen, denn Harry erschien ihr von Minute zu Minute anziehender. Elizabeth war jedoch fest entschlossen, sich bei ihm auf eine rein berufliche Beziehung zu beschränken.

Er war kein Mann, wie sie ihn sich fürs Leben vorstellte. Sie brauchte jemand Verlässlichen, der sich später voll und ganz seiner Familie widmete. Das Gegenteil von ihrem eigenen Vater!

Außerdem wechselte Harry seine Partnerinnen ständig aus Langeweile – jedenfalls hatte Elizabeth in den vergangenen zwei Jahren diesen Eindruck gewonnen.

Als Harry zurückkam, war er in Begleitung einer Frau, mit der er sich ganz offensichtlich hervorragend verstand. Sie hatte kurze dunkelgraue Locken, ein wunderschönes Gesicht und freundliche braune Augen. Ihre mittelgroße Statur war durchtrainiert, und sie machte insgesamt einen sehr vitalen Eindruck.

„Sarah Pickard – Elizabeth“, stellte Harry vor.

„Hi! Willkommen auf Finn Island“, sagte die Frau und streckte ihre Hand aus.

„Vielen Dank.“ Elizabeth lächelte und erhob sich. „Ich werde hier in kurzer Zeit viel lernen müssen und wäre für jeden hilfreichen Tipp dankbar, Sarah.“

Lachend drückte die andere Frau ihre Hand. „Kein Problem. Sie können mich jederzeit anrufen.“

„Sarah zeigt dir das Managerapartment“, schaltete Harry sich ein. „Schau, ob du noch etwas brauchst, Elizabeth. Ich halte solange hier im Büro die Stellung.“

„Okay, danke.“

Es war ein winziges Apartment, aber gut aufgeteilt und mit gemütlichen Bambusmöbeln eingerichtet. Offenbar hatte man schon eine Grundreinigung vorgenommen, denn die Terrassentür stand offen, und es roch nach Zitrone – das Personal hier arbeitete offensichtlich schnell und professionell. Kissen und Vorhänge waren mit tropischen Motiven bedruckt, und eine Klimaanlage sorgte für angenehm kühle Luft. Die Küchenzeile bestand eigentlich nur aus einem Wasserkocher, einer Kaffeemaschine, einem Toaster und einer Mikrowelle.

„Eine richtige Küche braucht man hier ohnehin nicht“, sagte Sarah und winkte ab. „Alle Mahlzeiten werden Ihnen vom Restaurant gebracht. Sie können sich bestellen, was Sie möchten. Tee, Kaffee, Zucker und Gewürze finden sie hier im Oberschrank, frische Milch, Getränke und ein paar Snacks stehen im Kühlschrank.“

Elizabeth nickte und freute sich sehr darauf, ein paar Wochen lang nicht selbst kochen oder putzen zu müssen.

„Ich lasse Ihnen noch frische Handtücher, Shampoo und eine Zahnbürste bringen. Harry erzählte mir, er hätte sie direkt aus Mickeys Vorzimmer entführt“, fügte Sarah lachend hinzu, und Elizabeth wunderte sich darüber, dass die ältere Frau den Spitznamen ihres Arbeitgebers benutzte.

„Ich nenne ihn immer Michael“, murmelte sie erstaunt.

„Ach, ich kenne die beiden, seit sie Kinder waren. Jack und ich haben uns damals um das Haus ihrer Eltern gekümmert, das hat mich praktisch zu einer Art Ersatzmutter gemacht. Wir hatten nie eigene Kinder. Nette Jungs, alle beide. Man findet keine besseren Kerle, egal ob beruflich oder privat.“

Obwohl sie es recht flapsig formulierte, klang das nach einem großen und vor allem herzlichen Kompliment.

„Sie sind ziemlich unterschiedlich“, bemerkte Elizabeth und wollte gern mehr von Sarah erfahren.

„Mickey kommt mehr nach seinem Vater, ein ehrgeiziger Macher. Steckt in seinen Genen, nehme ich an. Harry hat die Persönlichkeit seiner Mutter geerbt. Sie war eine regelrechte Frohnatur und hat jeden mit ihrer guten Laune angesteckt. Wirklich eine Schande, als sie …“ Sie atmete seufzend durch. „Als die beiden Jungs ihre Eltern verloren, hätten sie leicht vom Weg abkommen können: Der familiäre Halt fiel weg, dafür hatten sie plötzlich mehr Geld in den Händen, als sie zählen konnten. Aber sie kümmerten sich fleißig um die Geschäfte und waren unheimlich erfolgreich dabei. Obendrein retteten sie auf diese Weise jeden, den der Tod ihrer Eltern noch betraf – wie zum Beispiel Jack und mich und natürlich die Angestellten der Firma.“

Sie zwinkerte ein paar Tränen weg und schniefte. „Also, da stehe ich hier und tratsche wie ein altes Waschweib. Jedenfalls werden Sie mit Harry bestimmt genauso gut zurechtkommen wie mit Mickey. Sie haben unterschiedliche Charaktere, sind aber beide herzensgute Menschen.“

Harry war demnach ein Sonnenkind, genau wie seine Mutter … und genau wie Lucy. Weshalb fühlte sich dann ausgerechnet Michael zu Lucy hingezogen? Wieso nicht Harry? Stattdessen provozierte er sie, Elizabeth, in einer Tour, so als hätte er tatsächlich ein Auge auf sie geworfen. Das passte alles nicht zusammen.

„Ich bin nur einen Monat lang hier, Sarah, bis Harry eine Ersatzkraft für Sean gefunden hat.“

„Wie auch immer.“ Sarah winkte ab und ging wieder zu einem professionellen Ton über. „Ich lasse Ihnen dann gleich auch noch eine Uniform bringen, ja? Möchten Sie kurze Shorts oder lieber Bermudas tragen?“

„Bermudas, bitte.“ In ihrer neuen Position wirkte das zumindest etwas seriöser.

Nachdem Sarah gegangen war, atmete Elizabeth erleichtert auf. Sie war froh, jemanden kennengelernt zu haben, der ihr mit Rat und Tat zur Seite stand. Jemanden außer Harry.

Der Flugzeugabsturz, bei dem Franklyn und Yvette Finn ihr Leben verloren hatten, war vor zehn Jahren groß durch die Presse gegangen. Es musste für Harry und Mickey eine unglaublich traumatische Erfahrung gewesen sein, plötzlich allein für das elterliche Unternehmen verantwortlich zu sein.

Das machte Harry aber immer noch nicht zu einem möglichen Kandidaten für eine feste Beziehung. Man musste zwar Respekt vor seiner beruflichen Leistung und seiner Entschlossenheit haben, aber in Bezug auf Frauen schien er Elizabeth doch eher wankelmütig.

Die nächsten Stunden über arbeitete Harry Elizabeth am Computer ein, obwohl es ihr extrem schwerfiel, sich zu konzentrieren. Ständig zuckte sie zusammen, wenn er sie flüchtig mit dem Ellenbogen berührte oder ihr direkt ins Gesicht sah.

Wenn sie sich bisher mal in Cairns begegnet waren, hatte sie immer Abstand zu ihm gehalten und seinen Sexappeal daher weitgehend ignorieren können. Das war nun nicht länger möglich. Schamlos erinnerte er sie daran, dass sie eine Frau war, die ihre ganz eigenen Bedürfnisse hatte. Bedürfnisse, die er ohne Weiteres stillen könnte …

Permanent hatte sie seinen frischen, maskulinen Duft in der Nase, der sie an Meer und Freiheit erinnerte. Und immer wieder wanderte ihr Blick zur Seite, damit sie im Augenwinkel das Spiel seiner Muskeln und den Tanz seiner Fingerspitzen auf der Tastatur beobachten konnte.

Es musste ihr doch gelingen, sich in Harrys Gegenwart ganz natürlich zu geben! Sicherlich brachte er eine Frau mit seiner neckischen Art schnell aus dem Konzept, aber daran konnte man sich schließlich auch gewöhnen. Sie würde schon mit seiner draufgängerischen Art umzugehen lernen.

Durch die gläserne Doppeltür des Büros konnte sie die Gäste draußen beobachten, die nach und nach für einen Aperitif zur Strandbar hinüberschlenderten. Harry kannte jeden einzelnen beim Namen und wusste darüber Bescheid, womit sie ihr Geld verdienten oder wie lange sie auf der Insel bleiben wollten. Elizabeth bemühte sich, genau aufzupassen und sich alle Details zu merken, aber es waren einfach zu viele in zu kurzer Zeit.

„Ich habe Daniel Bescheid gegeben, dass wir heute Abend im Restaurant essen“, informierte Harry sie. „Bei der Gelegenheit kann ich dich den Gästen und den anderen Angestellten persönlich vorstellen.“

„Gute Idee.“

„Hoffentlich hast du bis dahin mehr Appetit entwickelt als beim Lunch. Daniel wäre zutiefst beleidigt, wenn du seine kulinarischen Kreationen ignorierst.“ Ihm war natürlich klar, warum sie beim Mittag kaum einen Bissen herunterbekommen hatte.

„Seeluft macht hungrig“, behauptete sie mit gespielter Zuversicht.

Zufrieden nickte er. „Seeluft bewirkt so manche Veränderung.“

„Wo wir gerade von Veränderungen sprechen, ich werde mir mal diese schicke Inseluniform anziehen, bevor wir essen gehen.“

Zwei von Sarahs Zimmermädchen – Maddie und Kate – hatten alles bereitgelegt, was Elizabeth brauchen könnte. Und beide hatten Harry im Vorbeigehen Blicke zugeworfen, die Elizabeth vermuten ließen, dass er sich auch hier in der Abgeschiedenheit glänzend zu amüsieren wusste.

„Mach das“, stimmte er zu. „Wir wollen doch nicht, dass du unsere weiblichen Gäste mit deinem Wahnsinnsoutfit eifersüchtig machst. Und schon gar nicht sollst du ihren Männern die Köpfe verdrehen.“

„Also ehrlich!“ Sie verschränkte die Arme und runzelte die Stirn.

„Ich sage nur, wie es ist, liebste Ellie.“

„Hör auf, mich so zu nennen!“, befahl sie ihm scharf. Dieser lose Tonfall zwischen ihnen musste endgültig unterbunden werden.

Herausfordernd zog er eine Augenbraue hoch. „Was denn? Und darf ich nicht einmal sagen, was ich dir gegenüber empfinde?“

„Ich will das nicht hören.“

„Falscher Zeitpunkt, falscher Mann, aber das macht es trotzdem nicht unwahr.“

„Lass uns einfach auf einer professionellen Ebene miteinander umgehen, Harry!“

„Okay.“ Mit einer Hand wies er auf die Tür zu ihrem Apartment. „Geh bitte und zieh dich um. Damit ist der erste Schritt getan, der dich von Mickey entfernt und zu mir führt.“

Dieser dreiste Kommentar war mal wieder typisch für ihn, aber Elizabeth ignorierte die Provokation. Schließlich musste sie sich ihm tatsächlich fügen, zumindest für einen Monat.

Und es war eine Erleichterung, endlich die Kleider loszuwerden, die noch heute Morgen so viele falsche Hoffnungen in ihr geweckt hatten. Nach einer gründlichen, erfrischenden Dusche schlüpfte sie in die Bermudas und das T-Shirt und fühlte sich fast wie neugeboren.

Dies war das offizielle Ende ihres perfekten Sekretärinnendaseins – und der Beginn einer belebenden Auszeit im Paradies. Seit Jahren musste Elizabeth die volle Verantwortung für sich und ihre kleine Schwester tragen, nachdem ihre Mutter unheilbar an Krebs erkrankt war, und ihr Vater die Familie verlassen hatte. Und jetzt durfte sie plötzlich für ein paar Wochen völlig frei sein.

Vorausgesetzt, sie arbeitete sich zügig ein, damit Harry ihr nicht ständig auf die Finger sah. Erst danach, wenn er sich wieder um seine eigenen Aufgaben kümmerte, konnte sie sich auf die Magie dieser einzigartigen Insel einlassen …

4. KAPITEL

Harry sah sie aus dem Apartment kommen und war begeistert von ihrer entschlossenen, professionellen Ausstrahlung. Es bewies Charakterstärke, sich nach einer Niederlage sofort wieder aufzurappeln und neue Aufgaben in Angriff zu nehmen. Auf der anderen Seite war sie während der vergangenen Stunden auch permanent von ihren Problemen abgelenkt gewesen. Vermutlich würde die Trauer einsetzen, sobald Elizabeth allein im Bett lag.

Er hätte sie zu gern persönlich auf andere Gedanken gebracht. Ihm gefiel nicht, was sie in ihm sah: einen unzuverlässigen Frauenhelden ohne wirkliches Format. Sie hatte sich so darauf versteift, bloß nichts mit ihm anzufangen, dass er es ausgesprochen schwer haben würde, seinen Charme bei ihr zu entfalten.

Da kam ihm ein Einfall. Vor dem Essen könnte er ein privates Wort mit dem Koch wechseln, und dann, wenn die Gäste sich allmählich zurückzogen … Überraschung!

Grinsend sprang er vom Bürostuhl auf. „Mal sehen, ob die Sterne heute besonders hell für uns scheinen“, murmelte er zur Begrüßung.

„Dafür ist es noch nicht dunkel genug“, bemerkte Elizabeth spitz und kam zögernd auf ihn zu.

„Wir werden sie im Restaurant von unserem Tisch aus beobachten können. Ich möchte, dass du die Vorzüge dieses Resorts genießt, Elizabeth.“

Warum auch nicht? Einmal alles hinter sich lassen und das tropische Flair und die Vielfalt der Umgebung in sich aufnehmen. Genau das brauchte sie jetzt. Köstliches Essen, interessante Leute um sich herum und jede Menge neue Eindrücke. Sie musste nur Harrys Annäherungsversuche ignorieren, dann stand einer gründlichen Erholung von den Pflichten ihres normalen Lebens nichts mehr im Wege.

Gemeinsam verließen sie das Büro, und Harry schloss die Tür ab. Dann gab er ihr den Schlüssel und Elizabeth war zuversichtlich, sich in Zukunft gegen Harry abgrenzen zu können. Diese Schlüsselübergabe erschien ihr ein Symbol dafür.

Im Restaurant rief man ihn gleich zu einem Tisch, an dem zwei Urlauberpaare saßen, die offenbar einen Tauchgang unternommen hatten und sich bedanken wollten. Sie waren begeistert, dass Harry ihnen eine so einmalige Erfahrung ermöglicht hatte. Elizabeth wurde ihnen als neue Managerin vorgestellt, und sie machte anschließend lächelnd die Runde, um alle Anwesenden persönlich zu begrüßen.

Die hervorragende Laune der Urlauber war ansteckend, und das herrliche Essen machte den Abend perfekt. Jeder einzelne Gang war vorzüglich. Elizabeth schickte ein großes Kompliment in die Küche und lobte auch den aufmerksamen Service.

„Du hast hervorragendes Personal, Harry, das muss ich schon sagen.“ Über den Rand ihrer Cappuccinotasse hinweg sah sie ihn an. „Die Gäste scheinen äußerst zufrieden zu sein.“

Er lehnte sich zurück und lächelte sie an. „Es freut mich, dass es dir gefällt. Und du hast dich heute ausgezeichnet geschlagen, Elizabeth.“

Seine sanfte Stimme hüllte sie ein, und ihr wurde ganz warm ums Herz. In den letzten Stunden war es ausschließlich ums Geschäft gegangen, aber jetzt spürte sie, dass sein Kompliment auf einer ganz persönlichen Ebene ernst gemeint war.

Ihr Puls beschleunigte sich rapide – ein Anzeichen dafür, dass ihr emotionaler Abstand zu Harry nicht so groß war, wie sie sich gewünscht hätte. Dabei flirtete er im Moment gar nicht mit ihr. Völlig lächerlich also, gleich überzureagieren!

„Danke.“

„Nein, ich habe zu danken“, erwiderte er, und seine Hochachtung war zweifellos echt. „Spontan und unvorbereitet in den Sattel zu steigen … Du findest dich viel schneller in deine neue Position, als ich gedacht habe. Und das nach einem solchen Tag …“ Er hob die Hände, als wolle er sich gleich ehrfürchtig vor ihr verneigen. „Du bist ein echtes Wunder, Elizabeth.“

Das kribbelige Gefühl verstärkte sich. „Bei deinem Bruder habe ich eben viel gelernt.“

Ironisch verzog er das Gesicht. „Ja, typisch Mickey, der Superheld. Jedenfalls bin ich froh, dass du jetzt hier bei mir bist.“

Und auch sie freute sich über diese unverhoffte Fluchtmöglichkeit. Den heutigen Tag hatte sie bereits hinter sich gebracht, ohne in tausend Teile zu zerfallen … das durfte als Erfolg verbucht werden.

Nachdem sich auch das letzte Paar von ihnen verabschiedet und das Restaurant verlassen hatte, herrschte entspanntes Schweigen zwischen Harry und Elizabeth. Sie dachte darüber nach, wie geschickt er die Gespräche mit den Urlaubern gelenkt hatte, um Elizabeth dabei unauffällig Zusatzinformationen zukommen zu lassen. Und die Leute liebten es offensichtlich, sich mit ihm zu unterhalten. Was nicht verwunderlich war, da sie ihn natürlich als einen aus ihrer Mitte betrachteten. Schließlich war er selbstbewusst, hatte Geld und führte ein freies Jetsetleben.

„Da ist noch eine Sache, bevor wir Feierabend haben“, verkündete er. „Eine kleine Willkommenszeremonie sozusagen. Das Personal hat etwas auf der Terrasse vorbereitet.“

Bereitwillig ließ Elizabeth sich zum Poolbereich führen, wo es zwei große Holzterrassen mit Blick aufs Meer gab. Eine umrundete den eigentlichen Pool und war mit allerlei Tagesbetten, Liegen, Sonnenschirmen und Sitzgruppen möbliert, die andere befand sich einige Stufen darunter neben einem großzügigen Whirlpool.

Dort stand ein Tisch, eingedeckt für zwei, mit einer Obst- und Käseplatte und einer Flasche Champagner in einem Eiskübel. Direkt daneben führten ein paar weitere Stufen hinunter zum Strand, wo kleine Wellen sachte über den weißen Sand schwappten.

Elizabeth blieb wie angewurzelt stehen. Das sah eher nach einem Verführungsversuch als nach einer Willkommenszeremonie aus.

„Ich sehe keine anderen Angestellten.“

„Sie warten, bis wir uns hingesetzt und miteinander angestoßen haben“, erklärte Harry eilig und öffnete den Champagner, um ihnen einzuschenken.

Es gab keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Wenn das eine Lüge war, würde sie schließlich schnell auffliegen.

„Stoßen wir an“, sagte er grinsend. „Auf einen Neustart.“

„Auf einen Neustart“, wiederholte sie deutlich verhaltener als er. Hoffentlich ließen sich die Kollegen bald blicken. Allmählich spielten Elizabeths Nerven verrückt, und ihre Kräfte waren nach dem anstrengenden Tag restlos aufgebraucht. Hastig nahm sie ein paar kleine Schlucke.

„Ah, es geht los!“, rief Harry.

Doch es kam nur eine Person auf sie zu, und zwar Daniel Marven, der ein Tablett vor sich hertrug. „Guten Appetit“, sagte er freundlich und stellte direkt vor Elizabeth eine Torte ab, auf der Happy Birthday Elizabeth geschrieben stand.

Überrascht räusperte sie sich. „Vielen Dank.“

„Gute Arbeit, Daniel“, bedankte sich Harry, und der Koch verschwand diskret.

Da brach ein Damm in Elizabeths Seele, und ihre Emotionen überschwemmten sie regelrecht. Dies war ihr dreißigster Geburtstag, und sie hatte sich so viel erhofft … und dann war alles anders gekommen.

Die Tränen strömten ihr unaufhaltsam über das Gesicht, und ihre Hände zitterten vor Stress und Erschöpfung. Sie spürte, wie sie von starken Armen hochgezogen und an eine breite Brust gedrückt wurde. Mit einer Hand umfasste Harry ihren Kopf und hielt ihn fest an seiner Schulter, während Elizabeth sich hemmungslos ausweinte.

Sie fühlte sich wie ein dreißig Jahre altes Baby, das noch keine Ahnung davon hatte, was das Leben alles für die Zukunft bereithielt.

Harry selbst war ziemlich erschüttert über ihren Ausbruch. Mit der Geburtstagstorte hatte er ihren Widerstand schwächen wollen, damit sie wenigstens einen kleinen Gute-Nacht-Kuss akzeptieren würde – vielleicht sogar mehr. Die Chemie zwischen ihnen stimmte jedenfalls, das hatte er heute deutlich gemerkt.

Aber wieso hatte sie stattdessen völlig die Nerven verloren und war in Tränen ausgebrochen? Kam sie nicht damit zurecht, schon dreißig Jahre alt zu sein? Singlefrauen empfanden diesen Geburtstag häufig als Tortur, vor allem, wenn sie sich eine Beziehung oder eine Familie wünschten. Oder ging es ihr um die verpasste Chance mit seinem Bruder Mickey?

Es war alles so frustrierend! Endlich hatte er Elizabeth ganz für sich, und nun ging es ihr schlecht. Dabei fühlte sie sich in seinen Armen toll an: warm, kurvig und sehr aufregend.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 381" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen