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So schön und doch so kalt?

1. KAPITEL

Anna war es als Lehrerin gewohnt, vor mehreren Menschen in einem Klassenzimmer zu sprechen. Dennoch pochte ihr Herz unter ihrer rosa Kostümjacke so schnell, dass sie das Gefühl hatte, es würde ihr jeden Moment aus der Brust springen.

Doch sie versuchte, sich davon nichts anmerken zu lassen. Lächelnd und mit möglichst fester Stimme antwortete sie auf die Fragen im Vorstellungsgespräch. Und es schien sogar gut für sie zu laufen, denn alle im Raum hörten ihr aufmerksam und interessiert zu. Zumindest sah es so aus. Vielleicht sind sie mit ihren Gedanken aber auch schon bei der Planung des Abendessens?

Schnell verdrängte Anna ihre Zweifel und straffte die Schultern. Nur die Ruhe bewahren, sagte sie sich. Schließlich ging es hier ja nur um irgendeinen Job. Moment mal! Nur um irgendeinen Job? Wem will ich hier eigentlich etwas vormachen?

Für Anna war dies hier nicht irgendein Job. Das hatte sie spätes­tens an dem Punkt realisiert, als sie sich für eines von zwei Vorstel­lungsgesprächen entscheiden musste, die beide zufällig auf denselben Termin gefallen waren. Da gab es zum einen die renommierte Grundschule gleich in der Nachbarschaft, an der man bereits von Anna gehört hatte und die geradezu auf eine Bewerbung von ihr wartete. Zum anderen gab es die Stelle an der weit entfernten Schule an der Nordwestküste Schottlands – um die sie sich normalerweise gar nicht beworben hätte, hätte sie im Wartezimmer ihres Zahnarztes nicht diesen Zeitschriftenartikel gelesen.

Doch die Entscheidung war ihr nicht schwergefallen.

„Natürlich wollen wir alle, dass junge Menschen ihre Talente optimal entfalten können. Aber auch Disziplin ist wichtig. Finden Sie nicht auch, Miss Henderson?“

Anna sah hinüber zu der schlanken Frau, die ihr die Frage in Gegenwart des Gremiums gestellt hatte, und nickte. „Ja, selbstverständlich. Aber ich glaube, wenn man die Entwicklung von Kindern in einer vertrauensvollen Lernatmosphäre begleitet, dann ist Disziplin nur selten ein Problem. Zumindest ist das meine Erfahrung mit Schülern.“

Der Mann mit dem schütteren Haar, der ihr schräg gegenüber saß, warf einen flüchtigen Blick in seine Unterlagen.

„ Diese Erfahrung haben Sie aber ausschließlich an städtischen Schulen gemacht, oder?“ Er warf einen bedeutsamen Blick in die Runde. Dann wandte er sich wieder Anna zu. „Wir sind hier nur eine sehr kleine Gemeinde, Miss Henderson. Und Sie kommen aus London. Glauben Sie denn, dass Sie sich hier wohlfühlen würden?“

Anna, die diese Frage bereits erwartet hatte, entspannte sich. „Ja, ganz bestimmt“, antwortete sie und nickte.

Ihre Freunde und Bekannten hatten sich dazu leider weniger taktvoll geäußert. Sie gaben ihr nicht mehr als einen Monat in der ländlichen Abgeschiedenheit. Ironischerweise waren die einzigen Menschen, die sich nicht negativ zu ihren Umzugsplänen geäußert hatten, gleichzeitig auch die, die diese Idee vermutlich am meisten hassten.

Dabei wäre es nur zu verständlich gewesen, wenn Tante Jane und Onkel George entsetzt ihre Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätten, denn erst kürzlich war ihre einzige Tochter nach Kanada ausgewandert. Und nun wollte auch ihre Nichte, die sie stets wie ihr eigenes Kind behandelt hatten, sie verlassen. Doch sie hatten ruhig und besonnen wie immer reagiert und ihr viel Glück und alles Gute gewünscht.

Eine Seite ihrer Bewerbungsunterlagen wurde umgeblättert und buschige Brauen hoben sich. „Oh! Hier steht, dass Sie über Sprachkenntnisse im Gälischen verfügen.“

„Ja, das stimmt. Aber ich bin ein wenig eingerostet. Ich habe bis zu meinem achten Lebensjahr auf der Insel Harris gelebt. Mein Vater war dort Tierarzt. Nach London bin ich erst nach dem Tod meiner Eltern gekommen.“ Anna hatte keine Erinnerungen mehr an den schrecklichen Unfall, den sie wie durch ein Wunder völlig unversehrt überstanden hatte. Auch wenn ihr das Wort Wunder in diesem Zusammenhang nicht wirklich angebracht erschien. „Mit diesem Job würde ich quasi zu meinen Wurzeln zurückkehren. Etwas, das ich immer wollte.“

Die tiefe Überzeugung, dass ihr Leben in die wilden und wunderschönen Highlands gehörte, hatte sie schließlich dazu bewogen, sich hier im abgelegenen Teil der schottischen Nordwestküste auf die Stelle als Schulleiterin zu bewerben.

Das war ganz sicher keine vorschnelle Reaktion auf ihre geplatzte Hochzeit mit Mark. Nein, sie rannte nicht davon!

Mit leichtem Zähneknirschen verscheuchte sie die den unliebsamen Gedanken an ihren Exfreund und hob ihr Kinn. Mark hätte ihren Entschluss, freiwillig in den rauen Norden zu ziehen, sicherlich befremdlich empfunden. Aber das sollte nicht länger ihr Problem sein. Sie war nun frei und ungebunden. Daher wünschte sie ihm und seinem superschlanken Unterwäschemodel all das Glück, das sie verdienten – und wenn das beinhaltete, dass diese Blondine 50 Kilo zunahm, umso besser! Annas Herz war nicht gebrochen, denn dagegen hatte sie bereits in jungen Jahren Vorkehrungen getroffen. Trotzdem hatte sie das Aus der Beziehung empfindlich getroffen.

Sie würde es all den Zweiflern zeigen, die ihr ein Leben in dieser rauen Natur nicht zutrauten. Aber dafür musste sie zuerst diesen Job bekommen. Und so konzentrierte sie sich schnell wieder darauf, einen möglichst guten Eindruck auf die Mitglieder des Gremiums zu machen.

Auf keinen Fall wollte sie das Bewerbungsgespräch noch vermasseln, jetzt, da es gerade so gut lief.

Sehr gut sogar, korrigierte sie sich in Gedanken, als der Gesprächsführer sich in seinem Stuhl zurücklehnte, sie über die Gläser seiner Brille hinweg betrachtete und ihr ein erstes Lächeln schenkte.

„Nun, Miss Henderson, vielen herzlichen Dank, dass Sie heute gekommen sind. Haben Sie noch irgendeine Frage?“

Anna, die sich eigens für diesen Moment eine ganze Liste von intelligenten Fragen erstellt hatte, schüttelte den Kopf.

„Dann warten Sie doch bitte noch einen Moment draußen im Aufenthaltsraum, damit wir uns noch ein wenig beraten können. Aber ich denke, ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass sie uns sehr beeindruckt …“

Ein Klopfen unterbrach den Mann, und schon öffnete sich die Tür zu ihrer Linken. Anna, die gerade aufgestanden war und erwartungsvoll zugehört hatte, seufzte leise. Gerade jetzt! Doch beim Anblick des großen und umwerfend gutaussehenden Mannes, der soeben den Raum betrat, blieb ihr fast der Atem weg.

Aber so wie er aussah, waren ihm solche Reaktionen bestimmt nicht neu.

Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Mit seiner athletischen Figur, seinem schön geschnittenen Gesicht, den sinnlichen Lippen, den langen Wimpern und dem dunklen Haar erinnerte er Anna sofort an eine römische Statue.

Nun registrierte sie auch den angenehm tiefen Klang seiner Stimme, während er zu den Mitgliedern des Gremiums etwas sagte. Sie war so abgelenkt von seiner männlichen Erscheinung, die eine nahezu unangreifbare Aura von Autorität verströmte, dass sie den Inhalt seiner Worte nicht verstand. Ist dieser gutaussehende Typ möglicherweise das fehlende Gremiumsmitglied, dessen Abwesenheit vorhin entschuldigt wurde?

Anna hatte bis eben keinen Gedanken daran verschwendet. Doch jetzt erkannte sie plötzlich, welch ein Glück sein Fehlen für sie bedeutet hatte. Denn in seiner Gegenwart hätte sie bestimmt keinen einzigen zusammenhängen Satz herausbekommen. Schlimmer noch, vermutlich wäre sie auch noch rot geworden. Und das wäre wirklich ziemlich peinlich gewesen. Aber vielleicht lag es auch nur an der Anspannung und der langen Anreise, dass sie plötzlich so durcheinander war. Doch was auch immer der Grund dafür war, noch nie zuvor hatte sie so extrem körperlich auf einen Mann reagiert – sogar ihre Kopfhaut kribbelte leicht.

Nervös knetete Anna ihre Finger. Dann sah er endlich weg. Gott sei Dank! Doch nur einen Moment später streiften sich ihre Blicke erneut, und Anna schüttelte leicht den Kopf, um den Schauer zu vertreiben, der durch sie hindurchrieselte.

Er musterte sie mit durchdringendem Blick. Und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Anna, so etwas wie ein Wiedererkennen in seinen stahlgrauen Augen aufblitzen zu sehen. Obwohl Anna sicher war, dass sie sich getäuscht haben musste, hatte sie Mühe, ihre Gelassenheit wiederzufinden, als der Vorsitzende sie dem Neuankömmling vorstellte.

„Cesare, das ist Miss Henderson, eine äußerst vielversprechende Bewerberin.“ Dann wandte sich der Vorsitzende an Anna und schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Es gibt Tee und Kekse im Büro. Mrs Sinclair wird sich um Sie kümmern.“ Der Vorsitzende trat beiseite, um Anna den Weg zur Tür freizumachen. Dann wandte er sich an den großen Mann mit dem italienisch klingenden Namen und dem goldbraunen Teint. „Miss Henderson wollte uns gerade für einen Moment verlassen, während wir uns …“

Anna war nur mit einem Ohr bei der Sache. Cesare. Der Name ist so unbritisch wie seine ganze Erscheinung. Wer ist dieser Mann?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

„Miss Henderson, das ist Cesare Urquart. Er ist der Grund, warum unsere Schule eine so gute Verbindung mit den lokalen Geschäften im Ort pflegt.“

Anna war plötzlich so aufgeregt, dass sie Mühe hatte, sich an ihren eigenen Namen zu erinnern.

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte Anna und stellte erleichtert fest, dass ihre Stimme erstaunlich normal klang. Doch ihre freundliche Begrüßung schien förmlich an ihm abzuprallen. Zumindest kam es Anna so vor.

„Miss Henderson war sehr von unserem neuesten Projekt beeindruckt.“ Der ältere Mann schien von den eigenartigen Schwingungen überhaupt nichts mitzubekommen – bedeutete das, dass sie sich das alles nur einbildete?

Annas Hand lag bereits auf der Türklinke, als der Vorsitzende noch ergänzte: „Es ist Cesares Wohltätigkeit und Weitsicht zu verdanken, dass die Schule nicht nur ausreichend Strom für sich selbst produziert, sondern auch Strom in das öffentliche Netz speist. Ohne ihn hätten wir die Schule womöglich schließen müssen, und so das Schicksal vieler anderer kleinen Schulen geteilt. Er hat sich persönlich für uns eingesetzt.“

Eine kleine Pause entstand und Anna wusste, dass es nun an ihr war, etwas zu sagen. Also nickte sie und machte ein bewunderndes Gesicht. Ob sie ihm vielleicht doch noch ein Lächeln entlocken konnte?

„Ich habe ja auch ein persönliches Interesse“, erwiderte er.

Die Frau aus dem Gremium meldete sich zu Wort. „Und wie geht es der kleinen Jasmine? Wir vermissen sie alle, Killaran.“

„Sie langweilt sich.“

So, so, dachte Anna, der reiche und einflussreiche Mr Urquart – oder Killaran – ist also auch ein Vater. Und höchstwahrscheinlich gehört zu dem Kind auch eine Ehefrau und Mutter, die das glamouröse Gegenstück zu ihm bildet. Reiche Zugezogene, die sich mit Geld in die Herzen der Einheimischen gekauft haben. Doch so zynisch Anna die Sache auch betrachten mochte, es bestand noch immer die Möglichkeit, dass dieser Mann einfach aus guter Absicht heraus handelte. Wie auch immer, sie wusste, dass viele kleine Schulen ohne großzügige Spenden schließen mussten. So traurig das auch war.

„Miss Henderson.“ Cesare trat einen Schritt auf sie zu, und ihre Hände umklammerten den Türgriff fester. Sie musste zu ihm aufschauen, um ihm in die Augen blicken zu können, und fühlte sich dabei wie eine auf frischer Tat ertappte Schülerin – und nicht wie eine zukünftige Schulleiterin. „Ich möchte mich für mein Zuspätkommen entschuldigen.“

Seine Worte klangen nicht so, als würde es ihm wirklich leidtun. Und das Lächeln, das er ihr schenkte, wirkte gezwungen. Anna spürte ganz deutlich, dass dieser fast verstörend gutaussehende Mann sie offensichtlich nicht mochte. Das traf sich gut. Sie mochte ihn ebenso wenig. Und so erwiderte sie sein Lächeln mit derselben Kühle. Vielleicht konnte sie nicht so gut schauspielern wie er, aber sie sah ein kurzes verärgertes Aufblitzen in seinen Augen.

„Sie haben hoffentlich nichts dagegen, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle, Miss Henderson?“ Wie zum Beispiel: Haben Sie kürzlich irgendeine Ehe zerstört?

Aber natürlich wusste Cesare die Antwort darauf bereits, denn Frauen wie diese waren alle gleich. Sie spazieren egoistisch und selbstverliebt durchs Leben und hinterlassen ein Trümmerfeld.

„Natürlich nicht“, log Anna, während Cesare Urquart seinen dunklen Kaschmir-Mantel ablegte. Darunter kam ein grauer Anzug zum Vorschein. Und ein Körper, der nur aus festen Muskeln zu bestehen schien. Sie war erschüttert, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.

Auch Cesare war es nicht anderes gegangen. Kaum hatte er den Raum betreten, hatte er sich unwiderstehlich zu dieser wunderschönen jungen Frau hingezogen gefühlt. Ein Gefühl, das er selbst dann nicht unterdrücken konnte, nachdem er sie erkannt hatte und empörte Wut in ihm aufgestiegen war. Wut, die so extrem war, dass es seiner ganzen Anstrengung bedurfte, diese Frau nicht direkt vor dem Gremium zur Rede zu stellen.

Schließlich hatte sich der erste Schreck gelegt, doch die sinnliche Erregung war geblieben. Allerdings war Cesare kein Mann, der sich von seinen Hormonen leiten ließ.

Er benötigte für diese Situation einen kühlen Kopf, denn diese Frau hatte das Gremium offensichtlich schon von sich überzeugt. Er musste das Ruder also irgendwie herumreißen, weil sie aus moralischen Gründen die letzte Frau auf Erden war, die für den Job als Schulleiterin in Frage kam.

Aber um fair zu sein; hätte Cesare sie heute zum ersten Mal getroffen, dann wäre auch er auf sie hereingefallen. Wer würde hinter diesem engelsgleichen Äußeren schon ein so unmoralisches Luder erwarten? Wohl niemand. Umso schwerer fiel es ihm daher, in ihre hellblauen Augen zu blicken, die ihn so unschuldig und arglos betrachteten.

Schnell wischte Cesare den leisen Zweifel beiseite, der in ihm aufkeimte. Nun war es seine Aufgabe, die anderen davon zu überzeugen, was für eine Person sich in Wirklichkeit hinter dieser schönen Fassade verbarg. Alle sollten erkennen, dass sie die Falsche für den Job war.

Während er hinter dem langen Tisch auf einem Stuhl Platz nahm, war seine ganze Aufmerksamkeit auf sie gerichtet.

Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, da hatte sie sich gerade in der Öffentlichkeit eines Restaurants über seinen besten Freund hergemacht, der eigentlich glücklich verheiratet war. Cesare war damals nur zufällig Zeuge dieses Schauspiels geworden. Doch obwohl es schon lange her war, erinnerte er sich noch genau an ihr kastanienfarbenes Haar. Jetzt, im kalten elektrischen Licht der Deckenlampe, strahlte ihr Haar, das zu einem kunstvollen Knoten hochgesteckt war, so hell wie eine Flamme, in die sich Gold und Kupfer mischten.

Sein Freund Paul hatte schon immer eine Schwäche für Rothaarige gehabt. Doch geheiratet hatte er schließlich eine Blondine. Und er war noch immer verheiratet, trotz der hartnäckigen Versuche dieses rothaarigen Luders, seine Ehe zu zerstören.

Cesare musterte das Gesicht der Frau, die seinem Freund so viel Leid zugefügt hatte, und konnte dennoch nicht umhin, sich von ihr angezogen zu fühlen. Aber das war eine ganz normale männliche Reaktion auf eine schöne Frau … Paul war es wohl ebenso gegangen. Nur hatte er den klassischen Fehler gemacht – er hatte Sex mit Liebe verwechselt.

In der besagten Nacht war Paul ihm damals aus dem Restaurant zum Auto gefolgt. „Es ist nicht so, wie du denkst.“

Cesare hatte keine Antwort parat auf die atemlose Offenbarung seines Freundes.

„Cesare … Du wirst doch Clare nichts davon erzählen? Tut mir leid, ich weiß, das würdest du niemals tun.“

Cesare hatte wütend die Tür seines Wagens zugeknallt. Wie kann ein intelligenter Mann nur so etwas tun? hatte er sich gefragt. „Irgendjemand wird es ihr erzählen, Paul. Davon kannst du ausgehen“, hatte er seinem Freund schließlich durch das offene Fenster hindurch gesagt. „Du warst ja nicht unbedingt diskret.“

„Ich weiß, Cesare. Das war dumm von mir. Aber heute ist Rosies Geburtstag, und ich wollte sie schön ausführen. Sie ist eine unglaubliche Frau und so wunderschön.“

Cesare hatte der Versuchung widerstanden, seinen Freund zu schütteln und zu fragen, was zur Hölle er sich nur gedacht hatte. Stattdessen hatte er Paul nur stumm zugehört. Und schnell hatte er ein Muster erkannt, das ihm nur allzu bekannt gewesen war.

Diese Frau hatte Paul geschmeichelt, ihn bei seiner Eitelkeit gepackt und es clever eingefädelt, seinen Beschützerinstinkt zu wecken.

So wie Cesares Mutter, die eine ganze Spur gebrochener Herzen hinter sich gelassen hatte.

„Was würdest du an meiner Stelle tun?“

Die Frage hatte Cesare irritiert, denn er hatte nicht vor, jemals zu heiraten.

„Ich bin nicht du, Paul. Aber ich dachte, du und Clare, ihre wärt so glücklich.“

„Das sind wir eigentlich auch.“

„Und liebst du sie?“

„Ich liebe sie beide. Aber Rosie ist so … Sie braucht mich. Sollte ich mit ihr Schluss machen, dann würde sie das umbringen. Sie liebt mich!“

Cesare hatte für romantische Dramen noch nie viel übrig gehabt, deswegen hatte er Pauls Schilderung nicht wirklich ernstnehmen können. Außerdem verachtete er Frauen, die sich leichtfertig mit einem verheiraten Mann einließen …

„Ich werde Sie nicht lange aufhalten, Miss Henderson. Würden Sie sich bitte noch einen Moment setzen.“ Cesare musterte sie kritisch.

Da Anna nicht viel anderes übrig blieb, setzte sie sich mit einem unbehaglichen Gefühl wieder.

„Miss Henderson ist mit dem Nachtzug angereist. Sie ist sicherlich müde“, bemerkte der Stadtrat in väterlichem Ton, bevor auch er wieder Platz nahm.

„Sie haben uns zu einem passenden Zeitpunkt besucht, Miss Henderson. Der Winter hier ist äußerst lang“, begann Cesare.

Moment, wirke ich etwa so, als würde ich beim Anblick einer Schneeflocke sofort in Tränen ausbrechen? Und das von einem Mann, der so aussieht, als käme er direkt vom Strandurlaub. Von einem Zugezogenen!

„Leben Sie hier schon lange, Mr Urquart?“

Anna bemerkte irritiert die amüsierten Blicke der übrigen Anwesenden.

„Ja, mein ganzes Leben schon.“

Es war die Frau aus dem Gremium, die den Witz aufklärte. „Die Urquarts von Killaran setzen sich schon seit Generationen für die Gemeinschaft in diesem Ort ein. Und Cesare nimmt sich trotz seines vollen Terminkalenders sogar noch Zeit für das Amt an der Schule.“

Anna sah unter ihren Wimpern hindurch sein knappes Lächeln. Es fiel ihr regelrecht schwer, ihn nicht anzusehen. Und seine Stimme war so angenehm tief, dunkel und samtig. Jedoch lag in ihrem Klang kein Hinweis auf seine schottischen Wurzeln, trotz all dem Urquart-von-Killaran-Gerede. Machte ihn das jetzt zu einer Art Wohltäter? Das zumindest würde erklären, warum er so warmherzig empfangen wurde. Auch wenn sie fand, dass er nicht unbedingt wie ein schottischer Gutsherr aussah.

Wie er wohl in einem Kilt aussehen würde? Sie unterdrückte das aufsteigende und völlig unpassende Glucksen und senkte ihre Wimpern.

Sollte ihr Gefühl stimmen, und sie hatte den Job, dann würde das bedeuten, dass sie ihm in Zukunft öfter begegnen würde. Doch mit etwas Glück würde sich sein Engagement auf das Scheckheft beschränken.

Sie sah ihn an und fühlte plötzlich eine leise Angst in sich aufsteigen. Und es stellte sich heraus, dass diese nicht unbegründet war.

„Also, Miss Henderson, dann erzählen Sie mal, wie lange Sie schon unterrichten.“

„Fünf, nein vier …“

Sein intensiver Blick ließ ihr die Röte ins Gesicht steigen. Dann tippte sie sich kurz an den Kopf und straffte die Schultern. „Genau fünfeinhalb Jahre.“

Cesare Urquart lehnte sich vor. Mit einem Mal fühlte Anna sich wie Rotkäppchen vor dem bösen Wolf.

„Lassen Sie mich Ihnen jetzt einmal eine hypothetische Situation vorgeben, Miss Henderson.“

Anna lächelte tapfer und nickte. Nur zu!

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