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Kleine Hände, großes Herz

1. KAPITEL

Das Beste am Reichsein war, dass man sich alles leisten konnte, was das Herz begehrte. Wyatt McKenzie musste auf nichts verzichten.

Als er an diesem warmen Aprilmorgen die kurvige Straße nach Newland, Maryland, entlangfuhr, ließ er grinsend den Motor seiner großen schwarzen Harley aufheulen. Er liebte dieses Spielzeug.

Das Zweitbeste daran, über viel Geld zu verfügen, war die Macht, die der Reichtum mit sich brachte. Nicht, dass er einen Krieg anzetteln oder Kontrolle über das Leben der Menschen, die bei ihm in Lohn und Brot standen, ausüben wollte. Was er liebte und in vollen Zügen genoss, war die Freiheit, sich seine Zeit frei einteilen zu können.

Zum Beispiel gerade jetzt. Seine Großmutter war einen Monat zuvor gestorben, und ihr Haus sollte für den Verkauf leer geräumt werden. Die Familie hätte jemanden damit beauftragen können, aber Grandma McKenzie hatte dazu geneigt, überall Bargeld und Schmuck zu verstecken. Da man den Familienschmuck nicht in ihrem Stadthaus in Florida gefunden hatte, vermutete Wyatts Mutter, dass er sich noch in Grandma McKenzies Landhaus in Maryland befand. Und Wyatt hatte sich bereit erklärt, die lange Fahrt auf sich zu nehmen und dort danach zu suchen.

Eigentlich hätte auch seine Mutter hinfahren können. Vermutlich hätte sie sogar eher gewusst, nach was genau sie Ausschau halten musste. Aber seine Scheidung war gerade eine Woche zuvor über die Bühne gegangen. Nach vier Jahren Kampf ums liebe Geld hatte seine Exfrau eingewilligt, sich mit dreißig Prozent der Anteile an seiner Firma zufriedenzugeben.

An seiner Firma. Seine Ex hatte ihn betrogen, angelogen und versucht, seine Autorität zu untergraben. Und nun bekam sie dreißig Prozent von allem, was er sich erarbeitet hatte? Das war nicht fair.

Es tat aber auch weh. Sie waren vier Jahre verheiratet gewesen, als die Probleme begannen. Dabei hatte er gedacht, sie sei glücklich.

Jetzt würde er eine Weile brauchen, um seinen Zorn auf sie zu überwinden und wieder ein normales Leben zu führen. Tausend Meilen weit weg den Familienschmuck ausfindig zu machen war eine gute Rechtfertigung dafür, Abstand zu gewinnen und das Vergangene zu vergessen. Erneut ließ er den Motor aufheulen, als er den Highway bei der Ausfahrt Newland verließ, die Stadt, in der er aufgewachsen war.

Nachdem er seinen Comic-Verlag gegründet hatte, war er mit seiner ganzen Familie in den Sonnenstaat Florida gezogen. Seine Eltern waren immer wieder in die alte Heimat zurückgekehrt, und seine Granny hatte ihn oft über den Sommer besucht.

Jetzt war er nach fünfzehn langen Jahren wieder hier. Als ein anderer. Als reicher Mann – nicht länger der unbeholfene Junge, den alle zwar mochten, aber ständig hänselten. Er war nicht mehr der schmächtige Nerd, der beim Sport nie in die Mannschaft gewählt worden war, sondern ein über eins neunzig großer, fast hundert Kilo schwerer athletischer Typ, der nicht nur ins Fitnesscenter ging, sondern obendrein ein Vermögen gemacht hatte.

Als er an den Empfang dachte, den man ihm in seiner Heimat bereiten würde, lachte er auf.

Zwei weite Kurven führten ihn auf die Main Street, dann eine letzte Abzweigung zum Haus seiner Großmutter. Er erkannte das in die Jahre gekommene Holzhäuschen sofort. Giebel und blaue Fensterläden bildeten einen schönen Kontrast zur weißen Fassade. Eine üppige Hecke säumte die Zufahrt und sorgte für die nötige Privatsphäre zum benachbarten, im gleichen Stil errichteten Haus. Die Einrichtung war gemütlich. Schlicht. So wohnten alle in Newland. Man führte dort ein ruhiges Leben ohne hektischen Trubel – ohne die Cocktailpartys und Picknicks, den Skiurlaub und die Wohltätigkeitsveranstaltungen, die seinen Alltag in Florida bestimmten.

Vor dem Haus stellte er den Motor ab, klemmte sich den Helm unter den Arm und setzte die Sonnenbrille auf. Dann ging er hinüber zu der altmodischen Holzgarage und zog die Tür auf – hier gab es weder ein Schloss noch ein automatisches Garagentor. Man kannte die Nachbarn, half und schützte sich gegenseitig.

Das vermisste er manchmal.

„Hey, Mister.“

Er blieb stehen und sah sich um. Da er niemanden entdeckte, kümmerte er sich wieder um sein Bike.

„Hey, Mister.“

Er blickte in die Richtung, aus der die Kinderstimme kam, und entdeckte einen kleinen Jungen mit großen braunen Augen, der kaum älter als vier Jahre sein konnte. Er stand in einer Lücke in der Hecke und grinste Wyatt freundlich an.

„Hi.“

„Hallo, Sportsfreund.“

„Ist das dein Motorrad?“

„Ja.“ Wyatt ging hinüber zu dem Jungen und schob ein paar Heckenzweige zur Seite, damit er den Kleinen besser sehen konnte. Sein braunes Haar im Bürstenschnitt stand nach allen Seiten ab, das T-Shirt hatte Flecken und die Hose hing ihm auf der mageren Hüfte.

Er legte den Kopf in den Nacken und blinzelte Wyatt an. „Darf ich mal drauf sitzen?“

Wyatt überlegte. Noch nie hatte er einen kleinen Jungen auf seiner Maschine mitgenommen und kannte sich mit Kindern auch nicht besonders gut aus. Außer auf Betriebsfesten, wenn seine Angestellten ihren Nachwuchs mitbrachten, kam er nicht oft mit Kindern in Kontakt.

„O-wen!“ Die freundliche Stimme ertönte aus dem Garten nebenan, und Wyatt stockte der Atem.

Missy. Missy Johnson. Das hübscheste Mädchen der Highschool. Enkelin der Nachbarin seiner Granny. Damals hatte er ihr kostenlos Nachhilfe in Mathe gegeben, nur um neben ihr sitzen zu können.

„Owen. Schatz! Wo bist du denn?“

Ihre melodische Stimme klang Wyatt wie Musik in den Ohren. Er sah auf den Jungen hinunter. „Du heißt also Owen.“

Der Kleine grinste zu ihm hoch.

Die Hecke wurde auseinandergeschoben, und auf einmal stand sie vor ihm: Missy, das lange blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte er sich von Kopf bis Fuß verändert, doch an ihr war die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen. Ihre blaugrauen Augen funkelten unter den dichten schwarzen Wimpern. Die vollen Lippen bildeten einen reizenden Schmollmund. Und ihre Pfirsichhaut war zart gerötet wie die eines Teenagers, obgleich sie dreiunddreißig war. Ihr blaues T-Shirt und die Jeansshorts betonten ihre schmale Taille und die sanfte Rundung ihrer Hüften. Und die Beine waren noch immer so perfekt wie zu ihrer Zeit als Cheerleaderin für das Newland Highschool Football Team.

Die Erinnerungen ließen sein Herz schneller schlagen. Er und Missy hatten sich kennengelernt, weil ihre Großmütter Nachbarinnen waren. Und obwohl die hübsche Blondine der Schwarm aller Jungs an der Schule und er für alle nur der Nerd und Stubenhocker gewesen war, hatte er sich seit seinem zwölften Lebensjahr danach gesehnt, sie zu küssen.

Fragend sah sie ihn an. „Kann ich Ihnen helfen?“

Dann erkannte sie ihn also nicht?

Er lächelte schelmisch.

„Du erinnerst dich nicht an mich?“

„Sollte ich das?“

„Na ja, immerhin hast du es mir zu verdanken, dass du in Mathe damals nicht durchgefallen bist.“

Sie überlegte kurz. Dann riss sie vor Staunen Mund und Augen auf. „Wyatt?“

Er grinste. „Wie er leibt und lebt.“

Ihr Blick fiel auf seine schwarze Lederjacke und den Bikerhelm, den er unter den Arm geklemmt hatte.

Stirnrunzelnd, als könne sie sein rebellisches, sexy Outfit nicht mit dem Streberlook aus der Schulzeit zusammenbringen, musterte sie ihn von Kopf bis Fuß.

Er nahm die Sonnenbrille ab, damit sie sein Gesicht besser sehen konnte. „Ich hab mich leicht verändert seit damals.“

Als sie ihn weiter intensiv musterte, fühlte er sich zurückversetzt in den verliebten Teenager, der er einst gewesen war, und bekam einen Kloß im Hals. Am liebsten hätte er sie in die Arme gezogen.

Dann blickte er auf den kleinen Jungen. Und wieder zu Missy zurück. „Ist das deiner?“

Zärtlich strich sie über Owens Igelfrisur. „Ja.“

„Mom! Mom!“ Ein kleines Mädchen kam herbeigerannt. Sie stupste Missy an und jammerte: „Lainie hat mich gehauen.“

Ein weiteres kleines Mädchen stürmte herbei.

Wyatt hob die Augenbrauen. Drei Kinder?

Ihre Blicke trafen sich. „Das sind meine Kinder, Owen, Helaina und Claire.“ Sie strich jedem der Kleinen übers Haar. „Es sind Drillinge.“

Hätte er Kaugummi gekaut, so hätte er ihn sicher vor Schreck verschluckt. „Drillinge?“

Oh Mann!

„Du und dein Mann, ihr müsst ja wirklich sehr …“ Übernächtigt, erschöpft, bankrott? „… stolz sein!“

Missy Johnson Brooks wandte sich an ihre Kinder und deutete Richtung Haus. „Geht schon mal rein. Ich komme gleich nach und mache Lunch.“ Dann richtete sie das Wort erneut an den gut aussehenden Mann auf der anderen Seite der Hecke.

Wyatt McKenzie war vermutlich der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Mit seinem kurz geschnittenen schwarzen Haar, den breiten Schultern und den aufmerksamen braunen Augen konnte er durchaus mit Schauspielern oder Models konkurrieren.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, doch sie riss sich zusammen. Es war nicht nur verwirrend, Wyatt McKenzie als erwachsenen Mann mit unwiderstehlichem Sexappeal vor sich zu sehen. Er weckte auch Erinnerungen in ihr, die sie lieber weiterhin verdrängt hätte.

Mit einer Hand schirmte sie die Augen vor der Mittagssonne ab. „Mein Mann und ich sind geschieden.“

„Oh, das tut mir leid.“

Achselzuckend erwiderte sie: „Ist schon okay. Und wie steht’s bei dir?“

Er zog eine Grimasse. „Auch geschieden.“

Seine früher eher quäkige Stimme war jetzt tief und so sexy, dass ihr der Atem stockte und sie erschauerte.

Nur mühsam unterdrückte sie ein ungläubiges Kopfschütteln. Sie würde sich doch wohl nicht dazu hinreißen lassen, ihn anzuhimmeln? Schließlich war ihr das bei einem Mann schon einmal zum Verhängnis geworden. Voller Vertrauen und romantischer Träume hatte sie einen toll aussehenden Typen geheiratet, der ihr Herz höherschlagen ließ, und ein paar Jahre später hatte sie allein und verlassen mit drei kleinen Kindern dagesessen. Weiß Gott, sie hatte ihre Lektion gelernt und wollte nicht noch einmal den gleichen Fehler machen.

Entschlossen räusperte sie sich. „Es gibt Gerüchte, dass du steinreich geworden bist, nachdem du von hier fortgegangen bist.“

„Das stimmt. Ich zeichne Comics.“

„Und damit kann man so viel Geld verdienen?“

„Na ja, ich zeichne, schreibe Drehbücher für Zeichentrickfilme …“ Sein Lächeln wurde breiter und ungemein sexy. „Und außerdem gehört mir die gesamte Produktionsfirma.“

Ungläubig sah sie ihn an. Wenn er sie damals auf der Highschool so angelächelt hätte, wäre sie wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen. Jetzt war sie Gott sei Dank älter und klüger und wusste, wie man einem perfekten Lächeln widerstand. „Dir gehört die Produktionsfirma?“

„Ich hätte eigentlich gedacht, dass die Buschtrommeln in Newland besser funktionieren.“

„Das tun sie vermutlich auch. Aber in den vergangenen Jahren hatte ich nicht die Zeit, ihnen viel Aufmerksamkeit zu schenken.“

Er ließ den Blick zu den drei kleinen Kindern wandern. Eins nach dem anderen war wieder zur ihr an die Hecke zurückgelaufen, und jetzt klammerten sie sich an ihre Knie. „Ich verstehe.“

Nachdenklich sah sie ihn an. Er war nicht der Einzige, der sich seit der Highschool verändert hatte. Sie selbst mochte zwar vielleicht nicht reich sein, aber sie hatte auch so einiges auf die Beine gestellt. Nicht nur, dass sie die Drillinge allein großzog, sie hatte auch beruflich große Pläne. „Ich habe auch ein Unternehmen gegründet.“

„Wirklich?“

Verlegen senkte sie den Blick. Nicht zu glauben, dass er sie so in den Bann zog. Dann fiel ihr wieder ein, dass Wyatt schon früher ein ganz besonders netter Kerl gewesen war, und vielleicht war er das unter seiner dicken schwarzen Lederkluft noch immer. Doch ihr Misstrauen war geweckt. Denn wenn er kein netter Kerl mehr war, dann wollte sie sich von diesem attraktiven Fremden ihre Erinnerung an damals nicht kaputt machen lassen. Und er sollte auch nicht zu viel über ihre Vergangenheit herausfinden.

„Es steckt erst in den Kinderschuhen“, wiegelte sie daher ab.

„Jeder hat mal klein angefangen.“

Sie nickte.

„Okay, dann bringe ich wohl mal besser meine Maschine in die Garage“, sagte er lächelnd, sah dabei aber die Drillinge an und nicht sie.

Nicht überrascht, dass er nicht weiterplaudern wollte, trat Missy einen Schritt zurück. Welcher attraktive Firmenbesitzer und Motorradfan würde auf eine Frau mit gleich drei kleinen Kindern fliegen? Alle drei waren zwar niedlich und lieb, aber meist auch sehr anstrengend.

Obwohl sie froh war, dass er das Weite suchte, schossen ihr die Erinnerungen durch den Kopf. Wie er ihr immer wieder in Mathe geholfen und sie später stotternd gefragt hatte, ob sie ihn nicht zum Abschlussball begleiten wollte. Und dass sie zu dieser Verabredung nicht erschienen war.

Sie hätte sich gern dafür entschuldigt, dass sie ihn damals versetzt hatte, brachte aber aus Angst, ihm vielleicht Dinge anzuvertrauen, die ihr furchtbar peinlich wären, kein Wort heraus. „Es war schön, dich wiederzusehen.“

Er schenkte ihr sein umwerfendes Lächeln. „Mich hat es auch sehr gefreut.“ Er ließ die Heckenzweige los und war damit ihren Blicken entzogen.

Als der bedrohliche Neuankömmling verschwunden war, stürmte das lebhafte Trio Missy voraus ins Haus zurück. Sie folgte der Rasselbande, allerdings ging sie nicht in die Küche, sondern ins Wohnzimmer, wo sie sich aufs Sofa fallen ließ.

Dort legte sie sich ein Kissen auf die zitternden Knie und drückte das Gesicht hinein. Sie hätte wissen müssen, dass ein Zusammentreffen mit jemandem, den sie seit der Abschlussfeier in der Highschool nicht mehr gesehen hatte, sie unweigerlich an den schlimmsten Tag ihres Lebens erinnern würde.

An diesem Tag war ihr Vater auf der Heimfahrt von der Feier in einer Bar eingekehrt. Im Rausch hatte er anschließend ihre Mom verprügelt, das Kleid, das Missy mit ihrem eigenen ersparten Geld für die Abschlussparty gekauft hatte, absichtlich mit Bleichmittel ruiniert und ihrer viel jüngeren Schwester Althea eine Ohrfeige verpasst, bei der sie an die Wand geschleudert wurde und sich den Arm brach.

Althea, deren Geburt ihre Mom damals als ein Wunder und ihr Dad als größten Fehler bezeichnet hatten, war so schwer verletzt gewesen, dass Missy sie ins Krankenhaus bringen musste.

Sobald ihr Arm eingegipst war, hatte eine Sozialarbeiterin in der Behandlungskabine der Notaufnahme bei ihnen beiden vorbeigeschaut.

„Wo ist eure Mom?“, hatte sie wissen wollen.

„Sie ist heute Abend ausgegangen. Ich bin achtzehn und passe auf meine kleine Schwester auf“, erklärte Missy daraufhin.

Ungläubig sah die Sozialarbeiterin sie an, also zeigte sie der Frau ihren Führerschein. Als die Frau vom Amt endlich gegangen war, war Althea wütend gewesen, denn sie hätte lieber die Wahrheit gesagt.

„Willst du in einer Pflegefamilie landen?“, hielt Missy ihr vor. „Oder noch schlimmer, willst du, dass er Mom totschlägt?“

Also war das dunkle Geheimnis bewahrt worden.

Missy konnte nur stoßweise atmen. Ihre Mutter war inzwischen tot. Althea war von zu Hause ausgezogen. Sie hatte sich an einer kalifornischen Universität, Tausende Meilen weit weg, eingeschrieben. Als sie fortgegangen war, hatte sie nie mehr zurückgeblickt.

Und ihr Dad?

Nun, er war ebenfalls aus ihrem Alltag verschwunden, aber er spukte noch immer in ihrem Kopf herum. Er führte noch den Diner in der Stadt, aber versoff oder verspielte jeden verdienten Cent. Wenn er nicht betrunken war, saß er in den Spielhöllen von Atlantic City. Zu Missy kam er nur, wenn er Geld brauchte.

Eine kleine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Geht’s dir nicht gut, Mommy?“

Owen. Er hatte einen kleinen Sprachfehler, weil er lispelte, besaß aber ein großes Herz.

Sie sah ihn an. „Alles in Ordnung, mein Schatz.“

Lächelnd zerstrubbelte sie ihm das Haar. „Mommy geht’s gut.“

Und das stimmte auch, denn nach ihrer Scheidung hatte sie gewusst, dass kein Ritter auf einem weißen Pferd sie retten würde. Sie musste selbst für sich und ihre Kinder sorgen, indem sie ihnen ein Zuhause schuf, wo sie niemals Angst und Hunger leiden mussten.

Nachdem ihr Ex das gemeinsame Sparkonto leer geräumt und sie mit drei Babys und ohne Geld sitzen gelassen hatte, hatte sie sich geschworen, sich nie wieder auf jemand anderen zu verlassen als auf sich selbst.

Ganz sicher würde sie keinem Mann mehr vertrauen.

Auch nicht Wyatt, selbst wenn er einen supernetten Eindruck machte.

Wyatt trat durch die Hintertür ins Haus seiner Großmutter. Er war ziemlich verwirrt. Irgendwie hatte er Missy als achtzehnjährige Schönheitskönigin in Erinnerung behalten. Zwar sah sie noch immer atemberaubend aus, war aber inzwischen erwachsen geworden und hatte es im Leben zu etwas gebracht. War verheiratet gewesen und hatte Drillinge bekommen.

Er hatte keine Ahnung, warum ihn das so durcheinanderbrachte. Aus ihm war schließlich auch etwas geworden. Ebenso wie sie hatte er geheiratet und sich scheiden lassen. Warum fühlte es sich so komisch an, dass sie beide dieselben Erfahrungen gemacht hatten?

Sein Handy klingelte. Er zog es aus der Tasche, und als er die Nummer seiner Assistentin auf dem Display sah, meldete er sich. „Hallo, Arnie. Was gibt’s?“

„Nichts Schlimmes. Aber heute Morgen wurden die Wizard Awards vergeben, und drei Ihrer Geschichten wurden ausgezeichnet!“

„Oh.“ Eigentlich hätte er erwartet, dass ihn die Nachricht elektrisieren würde, aber in Gedanken war er noch ganz bei Missy.

„Ich dachte, Sie würden ausflippen vor Freude.“

„Ja, das ist ganz toll.“

„Sie haben es verdient. Ihre Comics sind klasse.“

Er musste grinsen. Seine Bücher waren tatsächlich klasse, das stimmte. Er war nicht eitel, aber was seine Arbeit anbelangte, hatte er ein gesundes Selbstbewusstsein.

Er hielt inne. Jetzt fiel ihm wieder ein, warum er Missy gegenüber so befangen gewesen war. Sie hatte ihm einen Korb gegeben. Am Abend der Abschlussfeier waren sie zur Party verabredet gewesen, und sie war einfach nicht erschienen. Mehr noch, sie war den ganzen Sommer über nie zum Haus seiner Großmutter gekommen. Auch auf der Straße hatte er sie nicht getroffen. Er hatte sich im Juni, Juli und August den Kopf darüber zerbrochen. Dann war er abgereist, um aufs College zu gehen, und hatte nie erfahren, warum sie sich nicht bei ihm gemeldet hatte.

Da er mittlerweile dreiunddreißig, wohlhabend, talentiert und erfolgreich war, fühlte er sich stark genug, den Grund dafür zu erfahren. Er mochte ein Drittel seines Unternehmens an seine Exfrau verloren haben, betrachtete ihre Scheidung mittlerweile aber eher nüchtern.

Das hier mit Missy war etwas anderes, etwas Persönliches.

Und er wollte endlich herausfinden, was damals geschehen war.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen wachte Wyatt mit einem Kater auf. Nachdem er das Telefonat mit Arnie beendet hatte, war er zum Supermarkt aufgebrochen und hatte Milch, Brot, Käse und einen Kasten Bier gekauft. Da er seine Auszeichnungen feiern wollte, hatte er auch noch eine Flasche billigen Champagner mitgenommen. Anscheinend war Champagner und Bier keine gute Mischung, denn sein Kopf brummte ganz schön.

Er kochte Kaffee, schenkte sich eine Tasse ein und ging auf die hintere Veranda, um frische Luft zu schnappen.

Von diesem Beobachtungsposten aus konnte er über die Hecke sehen. Missy stand im Garten und hängte Wäsche auf. Am Abend davor hatte er beschlossen, sie doch nicht zu fragen, warum sie ihn damals versetzt hatte. Es war sinnlos. Warum sollte er sich Gedanken über etwas machen, das fünfzehn Jahre zuvor geschehen war?

Trotzdem blieb er sitzen und betrachtete ihre hübschen Beine und ihren knackigen Po. Kaum zu glauben, dass sie schon dreiunddreißig, geschweige denn Mutter von Drillingen war.

„Hey, Mister.“

Überrascht ließ er den Blick zur untersten der fünf Verandastufen wandern.

„Hallo, Kleiner.“

„Willst du fernsehen?“

„Ich hab keinen.“ Lachend ging er die Stufen hinunter. „Und meinst du nicht, deine Mom macht sich Sorgen, wenn du einfach verschwindest?“

Owen nickte.

„Du solltest besser wieder heimgehen.“

Vehement schüttelte er den Kopf.

Wyatt lachte und trank seinen Kaffee aus. Der Kleine konnte offenbar Gedanken lesen. Er sah zur Hecke, aber von unterhalb der Veranda konnte er Missy nicht mehr sehen, und es kam ihm komisch vor, zu ihr hinüberzurufen, sie solle ihren Sohn abholen.

Also fasste er Owen an der Hand. „Komm mit.“ Gemeinsam mit ihm ging er hinüber zur Hecke und bog die Zweige zurück, damit Owen hindurchsteigen konnte. Dann folgte er ihm in Missys Garten, aber die Wäsche war aufgehängt ...

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