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Verführt im Palazzo des Italieners

1. KAPITEL

Dante Leonetti, der erfolgreiche Banker mit dem archaisch anmutenden Titel eines Conte di Martino, runzelte verwundert die Stirn, als man ihm seinen nächsten Besucher ankündigte. Mit Marco Savonelli war er schon ewig befreundet. Doch dass der alte Freund seine Landarztpraxis verließ, um aus heiterem Himmel bei ihm in Mailands hektischem Bankenviertel aufzutauchen, verhieß nichts Gutes.

Besorgt fuhr Dante sich durchs volle schwarze Haar. Marcos unverhoffter Besuch musste etwas mit dem Fonds zu tun haben, den die beiden Freunde eingerichtet hatten, um einem Kind aus der Nachbarschaft, das an Leukämie erkrankt war, eine neuartige Behandlungsmethode in den USA zu ermöglichen. Natürlich hatte Dante angeboten, die gesamten Kosten zu übernehmen, doch Marco hatte ihn davon überzeugt, dass es besser wäre, der Dorfgemeinschaft Gelegenheit zu geben, den Betrag von mehreren Tausend Euro durch verschiedene Aktionen selbst aufzubringen. Einige Veranstaltungen hatten bereits stattgefunden und ansehnliche Summen eingebracht. Ein Maskenball auf dem Castello Leonetti, Dantes Familiensitz in der Toskana, sollte den krönenden Abschluss bilden. Viel lieber hätte Dante einen ansehnlichen Geldbetrag gespendet, als sich zu verkleiden. Er hatte keine Zeit für solche Albernheiten.

Das Handy klingelte. Als Banker war Dante es gewohnt, stets ansprechbar und konzentriert zu sein. Doch die Nachricht stammte keineswegs von einem Mitarbeiter, der ihn über eine bevorstehende Krise in Kenntnis setzen wollte, sondern von Delia, seiner bildhübschen Geliebten. Irritiert betrachtete Dante das Foto ihres üppigen Busens, das sie ihm gesendet hatte, und löschte es umgehend. Er wollte keine anstößigen Bilder auf seinem Handy, schließlich war er kein Teenager mehr. Offensichtlich wurde es Zeit, sich mit einem sprichwörtlich goldenen Handschlag von Delia zu verabschieden. Ihre übertriebene Eitelkeit, und erst recht ihre grenzenlose Habgier ging ihm schon lange auf die Nerven. Anererseits fand er es wenig verlockend, sich nach einer neuen Geliebten umsehen zu müssen …

Als Marco Savonelli, ein untersetzter Mann Anfang dreißig, das Büro betrat, nahmen Dantes ungewöhnliche grüne Augen sofort einen warmen Ausdruck an. Im Gegensatz zu dem ernsten, nachdenklichen Dante spazierte der Landarzt stets mit einem fröhlichen Lächeln durchs Leben. Jetzt allerdings wirkte sein ausdrucksvolles Gesicht ernst und besorgt.

„Bitte entschuldige, dass ich hier so hereinplatze.“ Unsicher blickte der Landarzt sich in dem opulenten Ambiente um. „Ich will dich nicht stören …“

„Schon gut, Marco. Setz dich doch! Wir trinken einen Kaffee zusammen.“ Lächelnd schob Dante seinen alten Freund auf eine luxuriöse Sitzecke zu.

Der Kaffee wurde blitzschnell serviert, und Marco entspannte sich etwas.

„Was führt dich zu mir, Marco?“ Dante kam direkt zur Sache. „Es ist ja eher ungewöhnlich, dass du dich mal nicht um deine Patienten kümmerst. Hat jemand Geld aus dem Fonds unterschlagen, den wir gemeinsam eingerichtet haben?“

Das trug ihm einen entsetzten Blick ein. „Um Gottes willen! Nein. Es hat nichts mit dem Fonds zu tun. Meine Mutter hat mich gebeten, mal nach Tante Serafina zu sehen, die in Mailand wohnt. Da dachte ich, ich schaue mal kurz bei dir vorbei, da ich gerade in der Nähe bin.“

Als guter Menschenkenner spürte Dante instinktiv, dass dies nur die halbe Wahrheit war. „Ach, tatsächlich?“, hakte er vorsichtig nach.

„Ja, tatsächlich. Ich dachte, wir könnten … ein wenig plaudern“, fügte sein alter Freund hastig hinzu.

„Klar, kein Problem“, versicherte Dante.

„Hast du in der letzten Zeit mal was von deiner Mutter gehört?“, fragte Marco nun.

Dante erstarrte. Das Gespräch nahm eine unerwartete Wendung. „Wir telefonieren fast jeden Tag miteinander“, antwortete er vorsichtig und schlug die schwarz bewimperten Lider nieder, um seine plötzliche Besorgnis zu verbergen.

„Aha, das ist gut … äh, ausgezeichnet.“ Ganz offensichtlich hatte diese Antwort Marco überrascht. „Und wann hast du sie zuletzt besucht?“

Hörte Dante da etwa einen leichten Vorwurf heraus? „Das ist schon eine Weile her. Ich wollte das frisch vermählte Paar ja nicht stören“, verteidigte er sich.

„Natürlich nicht. Das kann ich gut verstehen. Trotz des Alters … na ja, du musst schon entschuldigen, Dante, aber hat dich die plötzliche Wiederheirat deiner Mutter nicht überrascht?“

Dante befürchtete, sein überaus taktvoller Freund könnte noch eine Weile so herumdrucksen, bevor er endlich zur Sache käme. Daher beschloss er, das Gespräch abzukürzen. „Doch, ich war sogar ziemlich schockiert“, gestand Dante ausdruckslos. „Nicht nur von der Tatsache, dass sie noch einmal heiraten wollte, sondern auch von der Wahl ihres Ehemannes.“

„Warum hast du mir das denn nicht eher gesagt, Dante?“, stöhnte Marco.

„Die Ehe meiner Eltern war sehr unglücklich. Mein Vater war ein richtiger Mistkerl. Ich würde mir niemals herausnehmen, Mutters neuen Ehemann zu kritisieren oder mich sonst auf irgendeine Weise in ihr Privatleben einzumischen. Mir ist nur wichtig, dass sie endlich etwas Glück im Leben hat.“

Verständnisvoll sah Marco ihn mit seinen sanftmütigen braunen Augen an. „Das kann ich gut nachvollziehen.“

Nachdenklich rief Dante sich die völlig überraschende Hochzeit seiner verwitweten Mutter mit Vittore Ravallo ins Gedächtnis zurück, die zwei Monate zuvor stattgefunden hatte. Ravallos Unternehmen war in Konkurs gegangen. Dem Mann eilte der Ruf eines Schürzenjägers voraus, und er war so arm, wie Sofia, Contessa di Martino, reich war. Aus Liebe zu seiner Mutter hatte Dante mit seinen Bedenken gegen die Heirat hinterm Berg gehalten. Doch wenn die Ehe sich als Fehler erwies, würde er alles tun, um seine Mutter vor Schmerz und Schaden zu bewahren. Aber noch sah er dazu keinen Anlass. Allerdings wäre es ihm lieb gewesen, wenn das glückliche Paar inzwischen das Familienanwesen verlassen hätte, das sich in Dantes Besitz befand. Doch da ihr neues Domizil, das nur wenige Kilometer entfernt lag, gerade renoviert wurde, residierten die Eheleute immer noch auf seinem Schloss in der Toskana. Deshalb hatte Dante sich seit der Trauung nicht mehr im Castello Leonetti blicken lassen.

Marco senkte den Blick. „Vielleicht solltest du doch mal nach dem Rechten sehen. Irgendwas stimmt da nämlich nicht.“

„Das klingt ja sehr ominös. Geht es vielleicht etwas präziser, Marco?“

„Wir sind befreundet, solange ich denken kann, Dante, und du weißt, dass ich nichts auf Gerüchte gebe, aber ich fand, du solltest Bescheid wissen.“

„Nun mach es nicht so spannend, Marco. Was geht in meinem Schloss vor?“, fragte Dante, der langsam ungeduldig wurde.

„Na ja, also deine Mutter ist ja eigentlich immer ein richtiges Energiebündel gewesen. Aber plötzlich verlässt sie das Schloss kaum noch, kümmert sich auch nicht mehr um den Garten und vernachlässigt sämtliche ehrenamtliche Tätigkeiten, auf die sie sonst so viel Wert gelegt hat.“

Ungläubig musterte Dante seinen Freund. Seine agile Mutter legte plötzlich die Hände in den Schoß? „Das klingt allerdings sehr merkwürdig.“

„Und dann ist da noch ihre neue Privatsekretärin“, fügte Marco finster hinzu.

„Wie bitte? Mutter hat eine Sekretärin eingestellt?“, fragte Dante verblüfft.

„Ja, eine junge Engländerin, sehr attraktiv und sehr angenehm im Umgang, wie ich höre. Inzwischen hat sie die Wohltätigkeitsprojekte der Contessa übernommen, und lässt sich oft von Vittore chauffieren.“

Dante blickte eine Weile wortlos vor sich hin – obwohl es in ihm brodelte. Die Anwesenheit einer jungen attraktiven Frau im von Marco beschriebenen Szenario entfachte seine Wut. Viele Männer in den besten Jahren verloren den Kopf, wenn es um junge Mädchen ging. Möglicherweise gehörte sein Stiefvater auch zu dieser Sorte Mann. Arme Mutter! Es würde sie schrecklich verletzen, wenn ihre neue Ehe wegen einer anderen Frau scheitern würde. Sofia Leonetti hatte doch schon so sehr unter der Untreue seines eigenen Vaters gelitten! Ich muss sofort handeln, dachte Dante. Vielleicht konnte er Schlimmeres verhindern.

„Haben die beiden eine Affäre?“ Aufgebracht sprang Dante auf und ballte die Hände zu Fäusten.

„Ich habe keine Ahnung“, gestand Marco. „Es hat nur den Anschein. Aber wir wissen ja beide, wie sehr der Schein trügen kann. Irgendetwas stimmt jedenfalls nicht mit dem Mädchen.“

„Geht es vielleicht etwas genauer, Marco?“

„Mein Vater war zu Vittores Geburtstagsfeier im Schloss eingeladen. Das Mädchen trug ein Brillantcollier, dessen Wert mein Vater auf mehrere Tausend Euro schätzt.“

Und Marcos Vater musste es wissen, denn er war ein renommierter Schmuckdesigner.

„Vielleicht handelt es sich ja auch um ein Familienerbstück“, gab Marco der Fairness halber zu bedenken.

„Und das bringt sie mit, wenn sie im Ausland eine Stelle annimmt?“, fragte Dante sarkastisch. „Nein, ich fürchte, das teure Schmuckstück beweist, dass etwas Unrechtes vor sich geht.“

Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren, und sich das Mädchen mit dem Brillantcollier selbst vorzuknöpfen.

Topsy stöhnte unterdrückt, als ihre Schwester Kat einfach nicht lockerließ und sie am Telefon weiter mit besorgten Fragen bombardierte. Wohnst du bei einer angesehenen Familie? Belästigt dich auch niemand? Kannst du deine Schlafzimmertür abschließen? Fragen über Fragen.

Die Schuldgefühle, die Topsy geplagt hatten, weil sie ihre Familie im Ungewissen gelassen hatte, um wen es sich bei ihrer ‚Gastfamilie‘ handelte und wo genau in Italien sie sich aufhielt, lösten sich in Luft auf. Wofür hielt Kat sie eigentlich? Für einen unreifen Teenager? Topsy stieß die Luft durch die Nase. Immerhin bin ich fast vierundzwanzig Jahre und habe einen Doktor in Mathematik, dachte sie empört. Doch ebenso wie ihre Schwestern, die Zwillinge Emmie und Saffy, sah Kat in ihr noch immer das kleine Mädchen und wollte offenbar nicht wahrhaben, dass auch ihre jüngste Schwester inzwischen erwachsen geworden war.

Nun musste man Kat allerdings zugutehalten, dass sie für Topsy und die älteren Zwillinge eher Mutter als Schwester war. Als Topsy sechs Jahre alt gewesen war, hatte ihre leibliche Mutter Odette sie und die sechs Jahre älteren Zwillingsschwestern in die Obhut einer Pflegefamilie abgeschoben, damit sie wieder ihre Freiheit als Single genießen konnte. Odette Taylor war schon immer eine Rabenmutter gewesen. Topsy wusste nur zu gut, wie viel sie und die Zwillinge ihrer ältesten Schwester Kat zu verdanken hatten, die sie aus der Pflegefamilie zu sich in ihr Bauernhaus im Lake District genommen und ohne jede finanzielle Unterstützung großgezogen hatte. Für dieses große Opfer würde sie Kat für immer dankbar sein.

Trotzdem hatte Topsy ihre Schwestern belogen und sie in dem Glauben gelassen, sie mache Urlaub bei der Familie ihrer ehemaligen Schulfreundin Gabrielle in Mailand. Gabrielle hatte versprochen, bei dieser Geschichte mitzuspielen und notfalls für Topsy zu lügen, falls Kat und Co Nachforschungen anstellen würden.

Erneut meldete sich das schlechte Gewissen. Ihre Schwestern meinten es ja nur gut. Aber diese ständige Bemutterung trieb sie langsam in den Wahnsinn! Seit die drei mit superreichen mächtigen Männern verheiratet waren, wollten sie Topsy erst recht im Auge behalten. Sie liebte ihre Geschwister wirklich sehr, das hieß jedoch noch lange nicht, dass sie sich von einem ihrer Schwager einen Job verschaffen lassen wollte. Außerdem verwehrte sie sich entschieden gegen die Vorstellung, dass ein Mann erst auf Herz und Nieren geprüft wurde, bevor er sich mit Topsy verabreden durfte. Und wie sollte sie eigentlich jemanden kennenlernen, wenn sie auf Schritt und Tritt von einem Leibwächter verfolgt wurde?

Bisher waren die Männer entweder nur an Topsy interessiert gewesen, weil sie sich Vorteile von ihrer Verbindung zu den reichen Ehemännern ihrer Schwestern erhofften, oder sie hatten gleich wieder einen Rückzieher gemacht, weil sie keine Lust hatten, sich überprüfen zu lassen. Die Krönung war jedoch das Geschenk zum einundzwanzigsten Geburtstag gewesen. Mikhail, Zahir und Bastian hatten einen Treuhandfonds für Topsy eingerichtet, damit sie unabhängig und finanziell abgesichert war. Unabhängig? Davon konnte sie nur träumen. Durch das Geld fühlte sie sich erst recht wie eine Gefangene der Familie, denn nun hatten ihre Schwager noch einen Grund mehr, jeden Mann misstrauisch zu beäugen, der sich Topsy näherte. Er könnte es ja auf ihr Geld abgesehen haben.

Das war aber nicht der einzige Grund, warum Topsy die Familie über ihren Aufenthalt in der Toskana im Unklaren gelassen hatte. Kat, Saffy und Emmie wären ausgesprochen wütend, wenn sie wüssten, was Topsy zu diesem Versteckspiel bewogen hatte. Sie hoffte sehr, ihnen eines Tages reinen Wein einschenken zu können – vorausgesetzt, ihre Ahnung bestätigte sich …

Langsam plagte sie das schlechte Gewissen, sich unter falschen Angaben hier eingeschlichen zu haben. Vor ihrer Ankunft in Italien hatte Topsy buchstäblich noch nie gelogen. Sie war eine ehrliche Haut, konnte logisch denken und hatte schon als Kind erkannt, dass man mit Lügen nicht weit kam. Ausgerechnet sie hatte sich nun in ein wahres Lügengespinst verwickelt. Besonders machte ihr zu schaffen, dass die Menschen, die sie belog, sie so herzlich aufgenommen hatten. Erst nachdem sie bei ihnen eingezogen war und ihre Arbeit aufgenommen hatte, war ihr das ganze Ausmaß ihrer Mission bewusst geworden. Da war es natürlich zu spät gewesen, einen Rückzieher zu machen.

Das kam aber sowieso nicht infrage, denn ihr lag sehr am Herzen, endlich der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Ihre Schwestern hätten allerdings kein Verständnis für Topsys Vorgehensweise. Dessen war sie sich sicher. Vermutlich wären sie fassungslos, wenn sie wüssten, was ihre Mutter Topsy abverlangt hatte, bevor sie die Information herausrückte, die ihrer jüngsten Tochter so wichtig war. Doch das war es ihr wert gewesen. Hoffentlich hatte ihre Mutter ihr die Wahrheit gesagt. So genau konnte man das bei Odette nicht wissen.

Topsy blickte sich um. Ihr Arbeitsplatz befand sich in einem mittelalterlichen Schloss, das sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie Leonetti befand. Es verfügte über ein sehr wertvolles Interieur, strahlte aber trotzdem eine überaus wohnliche Atmosphäre aus. Das gesamte Anwesen war wunderbar gepflegt. Es gab wirklich keinen Grund, sich über die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu beschweren. Und doch schlief sie schlecht, weil sie so aufgewühlt war, dass die Gedanken sie nachts wach hielten …

Dunkle Schatten lagen am nächsten Vormittag unter ihren Augen, als Topsy für die Contessa im Garten Rosen schnitt. Der wunderbare Rosengarten lag in der prallen Sonne. Schon zu dieser Tageszeit konnte man es nur im kurzen Baumwollrock und T-Shirt aushalten. Vittore, der sich um alles kümmerte, was seine frisch angetraute Ehefrau anging, überquerte ein Rosenbeet und reichte Topsy eine besonders prachtvolle rosa Blüte.

„Das ist eine La Noblesse – die Lieblingsrose meiner Frau“, erklärte der kleine schlanke Mann und lächelte ihr mit seinen gütigen dunklen Augen zu.

„Kennen Sie die Rosen inzwischen alle beim Namen?“, erkundigte Topsy sich neckend und gerührt zugleich. Vittore würde alles tun, um Sofia eine Freude zu machen. „Dann hat sich die Lektüre des Rosenbuches ja gelohnt.“

Vittore lachte verlegen.

Dieses Bild vertrauter Zweisamkeit verstörte Dante, der gerade um die Ecke gebogen war, um das Schloss durch den Seiteneingang zu betreten. Wie die Verkörperung des Lüstlings in einem Pantomimenspiel, dachte Dante verächtlich, als er beobachtete, wie sein Stiefvater einer kichernden jungen Brünetten eine prächtige Rose reichte. Jetzt sah er mit eigenen Augen, was Marco ihm anvertraut hatte. Diese Szene zwischen einem älteren Mann und einer blutjungen Angestellten musste einen ja misstrauisch machen!

„Vittore …“ Dante räusperte sich und kam näher.

Erschrocken wirbelte sein Stiefvater herum und wäre fast über einen Busch gestolpert, fing sich jedoch schnell wieder und blickte Dante gezwungen lächelnd entgegen. „Hallo Dante. Das ist Topsy. Sie unterstützt deine Mutter bei der ehrenamtlichen Arbeit.“

Topsy betrachtete den hochgewachsenen schwarzhaarigen Mann, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Das ist also Dante, Sofias über alles geliebtes einziges Kind, dachte Topsy. Der egoistische gefühllose Schuft, der dem Brautpaar durch seine abweisende Haltung und seinen frühzeitigen Aufbruch die Hochzeit verdorben hatte. Sie hatte ein Foto von ihm in Sofias Salon entdeckt, doch das wurde dem fantastisch aussehenden Dante Leonetti nicht gerecht. Dichtes schwarzes Haar, schlanker, durchtrainierter Körper, dunkler Maßanzug und von Hand genähte Schuhe. Er glich einem Raubtier, das sich an seine Beute heranschlich. Topsy blinzelte erstaunt über den Vergleich, den sie gerade unwillkürlich angestellt hatte. In zwei Metern Entfernung blieb er stehen und schüchterte sie allein durch seine Körpergröße ein, denn sie selbst maß kaum einen Meter fünfzig.

Seine außergewöhnlichen leuchtendgrünen Augen faszinierten sie auf den ersten Blick und machten sie auf unerklärliche Weise sprachlos. Beunruhigt stellte sie fest, dass ihr Körper erregt auf die unglaublich charismatische Ausstrahlung dieses attraktiven Mannes reagierte. Instinktiv presste Topsy die Schenkel zusammen. Wie konnte sie lustvoll auf einen Mann reagieren, von dem sie bereits beschlossen hatte, ihn auf gar keinen Fall leiden zu können?

Dante musterte die kleine Brünette ausführlich. Das seidig schimmernde lockige Haar reichte ihr fast bis zur Taille. Die mandelförmigen Augen glänzten wie flüssiger Honig. Der Teint war bronzefarben wie sein eigener, der Mund rosa und sinnlich. Das bildhübsche herzförmige Gesicht und die Figur einer kleinen Venus luden zum Träumen ein. Beim Anblick der harten Brustknospen, die sich unter dem dünnen T-Shirt abzeichneten, reagierte Dantes Körper sofort. Dass er bei der ersten Begegnung mit einer Frau so heftige Erregung empfand, war ihm zuletzt als Teenager passiert.

Dabei ist sie nicht mal mein Typ, stellte Dante ärgerlich fest. Ganz im Gegenteil! Er stand auf hochgewachsene elegante Blondinen, seit er denken konnte. Seine verräterischen Hormone schienen das anders zu sehen … Dante hatte allen Grund, dankbar zu sein, dass er noch immer sein Jackett trug!

Mit Verzögerung streckte Topsy die Hand zur Begrüßung aus. „Topsy Marshall.“

„Dante Leonetti.“ Dante schüttelte die kleine Hand und blickte in Topsys lächelndes Gesicht. Die Anwesenheit seines Stiefvaters hatte er fast vergessen.

Dann schaltete sich sein Verstand jedoch wieder ein. Natürlich lächelte die Kleine ihn charmant an! Sie musste ja wissen, dass er steinreich war. Und sie war nun mal hinterm Geld her wie der Teufel hinter der armen Seele. Verglichen mit seinem Reichtum spielte Vittore in der Bezirksklasse. Diese Erkenntnis brachte Dante auf eine – wie er fand – geniale Idee. Im Gegensatz zu seinem Stiefvater war er reich und ungebunden. Das machte ihn ja wohl automatisch zu einem lohnenderen Objekt für Topsy Marshall, oder? Vielleicht war Vittore noch gar nicht bei ihr gelandet. Sonst würde er sich wohl kaum die Mühe machen, Rosen für sie zu schneiden. Dante überlegte nicht lange. Hier bot sich ihm die Chance, eine möglicherweise zwischen Vittore und Topsy entstehende Beziehung im Keim zu ersticken und seiner Mutter Kummer zu ersparen. Vittore würde sich schon zurückziehen, wenn er merkte, dass Dante sich für die kleine Brünette interessierte.

„Ihre Mutter wird sich sehr über Ihren Besuch freuen“, sagte Topsy.

Das fließende Italienisch erstaunte Dante. „Sie beherrschen unsere Sprache?“

„Ich spreche mehrere Sprachen“, erzählte Topsy beiläufig. „Meine beste Schulfreundin ist Italienerin. Wir haben uns damals im Internat ein Zimmer geteilt. So habe ich Italienisch praktisch automatisch gelernt.“

„Ihre Sprachfertigkeit ist bemerkenswert“, fand Dante, der nun doch neugierig geworden war, um wen genau es sich bei der Angestellten seiner Mutter handelte. „Welche Sprachen beherrschen Sie noch?“

„Französisch, Spanisch und Deutsch. Eine etwas zu traditionelle Wahl. Ich wünschte, ich wäre vorausschauend genug gewesen, Russisch und Chinesisch zu lernen. Mit diesen Sprachen könnte ich jetzt mehr anfangen.“

Dante machte sich auf den Weg zum Nebeneingang. „Solange Sie in Europa leben, liegen Sie mit Ihrer Sprachenwahl vollkommen richtig.“

„Ich begleite dich zu deiner Mutter“, bot Vittore an und eilte herbei.

„Und ich muss ihr die Rosen bringen, bevor sie die Köpfe hängen lassen“, erklärte Topsy. Ihr Herz begann wild zu klopfen, als Dante ihr einen scharfen Blick zuwarf. Was hat er denn gegen mich? überlegte sie. Bin ich ihm auf den ersten Blick unsympathisch?

Dante ärgerte sich. Dies war sein Schloss. Er hatte seine Mutter seit Wochen nicht gesehen. Er benötigte weder eine Begleitung, noch musste er sich zu der Zimmerflucht führen lassen, die er seiner Mutter vorübergehend zur Verfügung gestellt hatte. Misstrauisch überlegte er, was hier eigentlich gespielt wurde. Vittore warf ihm einen fast ängstlichen Blick zu, als sie die Steintreppe zum Haus erklommen hatten, bevor er Topsy Hilfe suchend ansah. Sehr verdächtig, fand Dante. War hier etwa eine Intrige im Gange? Er nahm sich vor, auf der Hut zu sein.

Die Contessa begrüßte ihren Ehemann mit einem innigen Lächeln, als dieser als Erster den hübschen Salon betrat.

„Ich habe eine Überraschung für dich“, sagte Vittore angespannt.

Einen Sekundenbruchteil später sprang die zierliche dunkelhaarige Frau von der Chaiselongue, auf der sie sich ausgeruht hatte, und lief direkt in Dantes Arme. „Dante! Warum hast du mir nicht gesagt, dass du herkommst?“

„Weil ich nicht ganz sicher war, ob ich es zeitlich schaffen würde.“ Er gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange, wich einen Schritt zurück und musterte Sofia besorgt. „Du wirkst blass und erschöpft.“

Topsy, die Sofias bestürzte Miene bemerkt hatte, sprang ihrer Arbeitgeberin sofort zur Seite. „Ihre Mutter muss sich von einer Grippe erholen, die sie vor zwei Wochen erwischt hat.“

„Ja, die hat mich richtig umgehauen“, bestätigte Sofia und warf Topsy einen dankbaren Blick für die Notlüge zu. „Komm, setz dich zu mir, Topsy!“

„Ich habe aber noch sehr viel zu tun“, protestierte Topsy, als die zierliche Endvierzigerin sich wieder auf der Chaiselongue ausstreckte.

„Das kann warten“, meinte Vittore und griff eilfertig nach dem Haustelefon. „Ich bestelle uns Kaffee.“

Schweigend sah Dante zu, wie Topsy sich zu seiner Mutter setzte. Es passte ihm gar nicht, dass seine Mutter die Angestellte wie eine lang verschollene Lieblingsnichte behandelte. Offensichtlich hatte sie keine Ahnung, wie vertraut die junge Frau mit Vittore umging! Sein Stiefvater hatte inzwischen neben der Chaiselongue Stellung bezogen, um seiner Frau sofort zur Seite zu springen, wenn es nötig wurde. Er tut gerade so, als würde er sie anbeten, dachte Dante pikiert und wurde noch misstrauischer. Das Bild der vertrauten Dreisamkeit sollte ihn wohl in Sicherheit wiegen. Was sollte hier verschleiert werden? Seine Mutter und er hatten doch immer ein enges, vertrauensvolles Verhältnis zueinander gehabt. Bildete er sich vielleicht nur ein, dass hier etwas nicht stimmte?

2. KAPITEL

Topsy stand auf und ging nach nebenan, um die Rosen ins Wasser zu stellen. Als es kurz darauf klopfte, öffnete sie Carmela die Tür. Die grauhaarige Haushälterin trug ein Tablett mit Kaffee und Gebäck herein und begrüßte Dante überschwänglich, während Topsy auf ihren Platz zurückkehrte.

Vittore platzierte einen Beistelltisch so, dass Sofia bequem den Kaffee einschenken konnte. So ergab sich für Topsy die Gelegenheit, Dante unauffällig zu mustern. Besonders die von langen schwarzen Wimpern umkränzten Augen faszinierten sie. Dabei war er gar nicht ihr Typ, denn in dem eleganten Anzug und mit dem arroganten Auftreten erinnerte er sie viel zu sehr an ihre Schwager, die sie ständig bevormunden wollten. Dante Leonetti hat auch nur seinen Profit im Sinn, dachte sie geistesabwesend. Zweifellos beurteilte er andere Männer nach ihrem Bankkonto. Wäre Vittore Ravallo reich, hätte Dante ihn vermutlich mit offenen Armen in die Familie aufgenommen.

Schöne Männer hatten Topsy bisher kalt gelassen, doch nun ertappte sie sich immer wieder dabei, Sofias Sohn fasziniert anzustarren. Beschämt senkte sie kurz den Blick, denn gerade hatte sie sich vorgestellt, wie Dante wohl nackt aussähe. Allein bei der Vorstellung wurde ihr heiß.

Er schien ihren forschenden Blick gespürt zu haben, denn er wandte sich Topsy zu und sah ihr direkt in die weit aufgerissenen Augen. Ertappt! Sie errötete heftig. Am liebsten wäre sie vor Scham im Erdboden versunken. In ihrer Verlegenheit wusste sie nicht, wohin sie blicken sollte und ließ den Kopf hängen. Dabei erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf die deutliche Ausbuchtung in Dantes Schritt und erstarrte. Die erotische Ausstrahlung dieses unwiderstehlichen Mannes musste ihr die Sinne vernebelt haben, denn nun sehnte sie sich heftig danach, ihn genau dort zu berühren, seinen nackten Körper zu erforschen und …

„Entschuldigt mich!“ Dante marschierte zum Fenster und riss es ungeduldig auf. Er brauchte dringend frische Luft. Dieses kleine Biest brachte ihn völlig um den Verstand. Am liebsten hätte er die Kleine auf der Stelle vernascht. Unbegreiflich! Seine Erektion war richtiggehend schmerzhaft. Er hatte keine Ahnung, was plötzlich in ihn gefahren war. Eigentlich hatte er seine Libido immer fest im Griff. Doch diese Topsy Marshall, die überhaupt nicht sein Typ war, entfesselte pure Lust in ihm. Ihre harten Nippel zeichneten sich unter ihrem T-Shirt ab, und der kurze Rock verbarg auch nicht viel …

„Ist dir nicht gut, Dante?“, erkundigte seine Mutter sich besorgt.

„Doch, doch. Ich finde es hier drinnen nur schrecklich heiß“, erklärte Dante ausdruckslos. „Hast du was dagegen, wenn ich mal kurz zu eurem Haus fahre, um zu sehen, was der Umbau macht? Ich muss mal an die frische Luft.“

„Ganz im Gegenteil, mein Junge. Wenn du Topsy mitnimmst, können Vittore und ich gemeinsam zu Mittag essen.“ Sofia lächelte vergnügt. „Topsy wollte sowieso nachsehen, ob der Maler die Küche nach meinen Wünschen gestrichen hat. Ich bin so froh, sie hier zu haben. Topsy ist eine große Entlastung für mich.“

Dante riskierte einen kurzen Blick auf die Assistentin seiner Mutter. „Sowie wir unseren Kaffee ausgetrunken haben, machen wir uns auf den Weg.“

Es passte Topsy gar nicht, mit Dante statt mit Vittore zur Casa di Fortuna zu fahren. Seine Anziehungskraft setzte ihr zu, so sehr, dass sie kaum wagte, ihn anzusehen, aus Angst, er könnte sie noch mehr in seinen Bann ziehen. Das würde ihr Leben weiter komplizieren, und das konnte sie im Moment ganz und gar nicht gebrauchen. Wenn sie Glück hatte, würde Dante sich nach seinem Kurzbesuch wieder ins quirlige Mailand begeben, wo er sich offensichtlich wesentlich wohler fühlte als in der beschaulichen Toskana.

Schweigend hörte sie weiter dem höflichen Gespräch zu. Sofia erzählte, wer sie in letzter Zeit besucht hatte, erwähnte einige Probleme im Schloss, die bei Gelegenheit behoben werden sollten und versuchte, Dantes besorgte Fragen nach der offensichtlich hartnäckigen Grippe wegzulächeln.

Topsy fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Haut. Sofia, Vittore und sie selbst hatten alle ihre kleinen Geheimnisse vor Dante, der gerade misstrauisch das Gesicht verzog. Ich hätte mich niemals ohne gründliche Vorbereitung in die Höhle des Löwen wagen dürfen, dachte Topsy frustriert. Inzwischen war ihr nämlich bewusst geworden, dass ihr Geheimnis sich unweigerlich auch auf das Leben der Menschen auswirkte, die sie inzwischen ins Herz geschlossen hatte. Der Vater ihrer älteren Schwestern Emmie und Saffy hatte seine Töchter nach der Scheidung von ihrer Mutter mit Nichtachtung gestraft. Die Zwillinge hatten sich damit abgefunden. Topsy hatte man jahrelang in dem Glauben gelassen, ihr Vater wäre der gut aussehende südamerikanische Polospieler Paolo Valdera. Sie hatten sich einige Male gesehen, zu Weihnachten und zu den Geburtstagen hatten sie regelmäßig miteinander telefoniert. Darüber hinaus hatte Paolo sich jedoch wenig für seine uneheliche Tochter interessiert. Kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag hatte Paolo dann erfahren, dass er zeugungsunfähig war, und umgehend auf einen Vaterschaftstest bestanden. Bald darauf erhielt Topsy die niederschmetternde Nachricht, dass Paolo nicht ihr Vater war. Nach endlosen Diskussionen war ihre Mutter schließlich mit einem weiteren Kandidaten herausgerückt: Vittore Ravallo.

Seitdem hatte Topsy alles darangesetzt, ihn ausfindig zu machen. Sie wollte unbedingt wissen, was für ein Mann er war. Deshalb hatte sie sich bei Sofia beworben. Keine Sekunde lang hatte sie darüber nachgedacht, dass die Nachricht, Vittore könnte eine erwachsene Tochter haben, sein junges Eheglück mit Sofia gefährden könnte. Inzwischen war ihr diese Problematik allerdings bewusst geworden. Nicht zuletzt, weil sie Vittore ins Herz geschlossen hatte und plötzlich Skrupel hatte, ihn um einen Vaterschaftstest zu bitten. Der arme Mann hatte momentan ganz andere Sorgen.

Dante hatte sich zu seiner beeindruckenden Größe erhoben. „So, auf geht’s!“

„Ach, Topsy?“ Sofia sah sie eindringlich an. „Du nimmst die Küche nur ab, wenn sie wirklich perfekt geworden ist.“

„Warum kommst du nicht mit, um dir selbst ein Bild zu machen?“, schlug Dante seiner Mutter lässig vor.

Sofia zuckte zusammen. „Weil mir von dem Farbgeruch übel wird.“

Und im Auto zu fahren bekommt ihr auch nicht, dachte Topsy, die gern zusätzliche Aufgaben übernahm, um Dantes Mutter zu entlasten.

Dante lief bereits die Treppe hinunter – Topsy hatte Mühe, ihm zu folgen – und verließ das Schloss durch den Hinterausgang. Einer der Bediensteten hatte bereits einen von Dantes Sportwagen aus der Garage gefahren. Ein Pagani Zonda, wie Topsy feststellte. Ihr Schwager Zahir besaß auch so einen Flitzer, hatte aber als König eines arabischen Golfstaats selten Gelegenheit, sich selbst ans Steuer zu setzen. Männer und ihre Spielzeuge, dachte Topsy und verdrehte die Augen. Statussymbole ließen sie kalt. Vielleicht, weil es ihr selbst noch nie an etwas gefehlt hatte. Dafür hatten ihre älteren Schwestern und deren Ehemänner gesorgt. Auch aus diesem Grund hatte sie die Flucht ergriffen. Wenn man ständig verwöhnt wurde, lief man Gefahr, nie auf eigenen Beinen zu stehen.

„Vittore kutschiert Sie wohl viel herum“, bemerkte Dante, als sie sich auf den Beifahrersitz schob.

„Ja, ich habe keinen Führerschein, und leider lässt sich von hier aus nicht alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen“, erklärte sie.

Erstaunt zog Dante die dunklen Brauen hoch. „Das erleichtert Ihnen den Job ja nicht gerade.“

„Stimmt.“ Sie beobachtete, wie Dante das Lenkrad umfasste und den Flitzer geschickt vom Hof auf die alte Dorfstraße steuerte. „Leider hat Ihre Mutter bei meinem Vorstellungsgespräch vergessen zu erwähnen, dass ich auf ein Auto angewiesen bin.“

„Sie könnten Fahrstunden nehmen. Um den Papierkram kümmere ich mich“, schlug Dante vor.

„Ich bin zuhause mehrmals durch die Prüfung gefallen“, gestand sie zerknirscht. „Einen weiteren Versuch möchte ich mir ersparen.“

„Wie oft?“

Topsy räusperte sich verlegen. „Sechsmal. Irgendwas stimmt nicht mit meiner Koordination und meinem räumlichen Vorstellungsvermögen. Damit muss ich mich eben abfinden.“

„Unsinn! Jeder Idiot kann ein Auto fahren. Ich bringe es Ihnen bei, solange ich hier bin.“ Das war schon mal eine Möglichkeit, die Zeit zu reduzieren, die sie mit Vittore verbrachte.

„Danke, aber ich verzichte.“ Allein bei der Vorstellung wurde es Topsy mulmig.

„Ich bestehe aber darauf“, entgegnete er unnachgiebig. „Sie müssen in Ihrem Job mobil sein.“

Wortlos blickte Topsy hinaus auf die Straße, die ins Tal hinunterführte, vorbei an Zypressen und Weinhängen. „Aber ich arbeite ja für Ihre Mutter und nicht für Sie. Ich muss nicht tun, was Sie mir sagen“, antwortete sie schließlich. Sein wütender Seitenblick machte sie neugierig. Widerspruch schien er nicht gewohnt zu sein.

Schweigend blickte sie vor sich hin.

„Was qualifiziert Sie eigentlich für den Job?“, erkundigte Dante sich im nächsten Moment.

Seine Selbstbeherrschung nötigte ihr Respekt ab. Jeder andere Mann hätte sie vermutlich wütend angeraunzt. „Meine Erfahrung mit wohltätigen Stiftungen, ehrenamtlicher Tätigkeit und der Organisation von Charity Events“, antwortete sie wahrheitsgemäß, denn tatsächlich hatte sie ihre Schwester Saffy während der langen Sommerferien in Maraban oft bei ihrer Wohltätigkeitsarbeit unterstützt. Auch Kat hatte sie hin und wieder geholfen, Spenden für weniger privilegierte Mitbürger einzusammeln. „Außerdem spreche ich fließend Italienisch und bin mir für keine Arbeit zu schade. Mit anderen Worten: Ich bin das Laufmädchen Ihrer Mutter. Um die Einrichtung des neuen Zuhauses kümmere ich mich auch. Ihre Mutter hat eine sehr genaue Vorstellung, wie jeder Raum aussehen soll. Ach ja, mit der Organisation des Maskenballs hat sie mich auch betraut.“

Dante verzog keine Miene. „Ihre Anstellung hier hat mich sehr überrascht. Meine Mutter ist bisher sehr gut ohne Assistentin ausgekommen.“

„Bisher hat sie sich ja auch ausschließlich um ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten und den großen Schlossgarten gekümmert. Jetzt ist sie aber wieder verheiratet und möchte mehr Zeit mit ihrem Ehemann verbringen“, erklärte Topsy trocken. „Einen Gärtner hat sie übrigens auch eingestellt.“

Feindselig blickte Dante vor sich hin. „Ich kenne doch meine Mutter.“

Offensichtlich nicht, dachte Topsy. Sonst hätte Sofia ihm längst anvertraut, was ihr Leben völlig durcheinandergebracht hatte. Ich werde mich hüten, ihm reinen Wein einzuschenken, beschloss Topsy. Sofia hatte sie mit offenen Armen aufgenommen und verdiente Loyalität und hundertprozentige Diskretion.

Die Casa di Fortuna, ein rechteckiges Gebäude, tauchte hinter der nächsten Kurve hoch oben auf der Anhöhe thronend auf, umgeben von einem Garten. Ursprünglich war hier der Gutsverwalter untergebracht gewesen. Doch der derzeitige Verwalter hatte es vorgezogen, sein eigenes Haus zu bauen, und Sofia hatte die Gelegenheit ergriffen, es für sich und Vittorio umbauen zu lassen.

Baufahrzeuge und Lieferwagen blockierten die Auffahrt. Dante parkte dahinter und sprang aus dem Sportflitzer. Topsy stieg aus und eilte ihm nach. Wieder staunte sie über seine beeindruckende Körpergröße. Sie hatten kaum das Haus betreten, da lief auch schon Gaetano Massaro die Treppe herunter, um sie zu begrüßen. Er war der Inhaber der Baufirma, die Sofia mit dem Umbau beauftragt hatte.

„Hallo Topsy.“ Lächelnd neigte er den schwarzen Lockenkopf, bevor er sich Dante zuwandte und anbot, ihn herumzuführen. In der Küche zückte Topsy ihr Smartphone und machte Fotos für Sofia. Die hatte viel Wert auf neue Kacheln gelegt, deren Farbe und Design sie selbst ausgesucht hatte. Nun musste sie entscheiden, ob ihr die Arbeit der Handwerker gefiel.

Topsy konnte nachvollziehen, warum Sofia auf jedes Detail achtete. Als sie blutjung geheiratet und bereits mit siebzehn Jahren Mutter geworden war, war ihr von ihrem despotischen Ehemann jede Gelegenheit verwehrt worden, die Innenrichtung des Schlosses nach ihrem eigenen Geschmack umzugestalten. Natürlich wollte sie in ihrem eigenen Haus nun alles selbst bestimmen.

Der Raumausstatter bat Topsy, einen Blick auf den beleuchteten Spiegel zu werfen, den er in der Garderobe angebracht hatte. Sicherheitshalber knipste Topsy ein weiteres Foto und sah dann hinüber zu Dante und Gaetano. Neben Dante wirkte der Bauleiter klein und jungenhaft. Dabei hatte sie ihn vor drei Tagen noch so attraktiv gefunden, dass sie im Restaurant seiner Familie spontan mit ihm zu Abend gegessen hatte. Sie hatten sich sehr angeregt unterhalten. Das genügte Topsy bei einem Mann. Sie kam sehr gut ohne die Hitzewallungen aus, die Dantes Nähe bei ihr auslösten!

Dante kam jetzt auf sie zu. „Zeigen Sie mir den Empfangsbereich!“, kommandierte er und entließ Gaetano mit einer knappen Geste.

Hinter seinem Rücken grinste der so Abgefertigte Topsy nur amüsiert zu. Die atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Mehrere Wände waren eingerissen worden, um den Eindruck von Weite zu vermitteln. Am anderen Ende des großzügigen Empfangsbereichs führten bis zur Decke reichende Fenstertüren hinaus auf die hinter dem Haus gelegene Terrasse.

„So ein modernes Design hatte ich nicht erwartet“, bemerkte Dante mit seiner sonoren Stimme, deren Klang erneut ein Prickeln bei Topsy auslöste. „Ich hatte eher mit dem Look der achtziger Jahre gerechnet.“

„Ich glaube, Ihre Mutter ist eher zukunftsorientiert“, antwortete Topsy und betätigte einen Schalter. Lautlos glitten die Türen auf. „Sie hat alles genauestens durchgeplant.“

„Hat Vittore auch etwas dazu beigetragen?“, erkundigte er sich.

„Wenig.“ Topsy betrat die vom Dach beschattete Terrasse und lachte leise. „Erstens interessiert er sich nicht sonderlich für Innenarchitektur und zweitens wollte er Sofia den Spaß nicht verderben, ihr Traumhaus zu gestalten.“

„Offenbar haben Sie eine hohe Meinung von Vittore“, bemerkte Dante abfällig.

Sie wunderte sich über seine offenkundige Feindseligkeit dem neuen Ehemann seiner Mutter gegenüber. „Bisher hatte ich keinen Grund, meine Meinung zu revidieren“, antwortete sie gelassen und hielt tapfer dem herausfordernden Blick seiner faszinierenden grünen Augen stand. Dann wurde ihr das zu heikel, doch als sie sich abwenden wollte, zog Dante sie blitzschnell an sich.

„Was soll das?“, keuchte sie atemlos. Heißes Verlangen überwältigte sie.

„Seit unserer ersten Begegnung vorhin sehne ich mich danach, dich zu küssen“, erklärte er heiser und drängte sie an die Mauer.

„Kommt nicht infrage!“, protestierte sie schwach, obwohl sie sich am liebsten an seinen harten Körper geschmiegt und alles um sich her vergessen hätte.

Dante lächelte spöttisch. „Dein Blick verrät, was du wirklich willst, Topsy.“

Schockiert darüber, dass er offensichtlich ihre Gedanken lesen konnte, zögerte sie einen Sekundenbruchteil. Für Dante war die Sache damit entschieden. Er neigte den Kopf und begann, Topsy so hart und fordernd zu küssen, dass ihr schwindlig wurde. Wildes, ungestümes Verlangen durchströmte ihren Körper. Ein heftiges Ziehen durchfuhr ihre Brüste und das Pulsieren zwischen ihren Schenkeln war von einer Intensität, die ihr bisher fremd gewesen war. Sehnsüchtig schmiegte sie sich an Dantes Körper und spürte sofort das Zeichen seiner heftigen Erregung.

Stöhnend umfasste er ihren Po und hob sie hoch, um ihren Schoss an seiner Erektion zu betten. Erregt drängte Topsy sich an ihn und schob selbstvergessen die Hände durch das seidige schwarze Haar. Dantes betörender Duft stieg ihr in die Nase. Fast gierig sog sie ihn ein.

„Du bist zu klein, um es im Stehen zu tun“, murrte Dante an ihren sinnlichen Lippen.

Diese Bemerkung drang durch den Nebel der Lust, der Topsy umgab. Um was zu tun? überlegte sie und bemerkte schlagartig, dass sie die Beine um Dantes Hüften geschlungen hatte und der Rock bis zur Taille hochgerutscht war. Entsetzt fing sie an zu zappeln. „Lass mich sofort runter! Das ist ja … unfassbar.“

Widerstrebend gehorchte Dante. Völlig aufgelöst zog Topsy den Rock wieder zurecht. Hatte sie denn völlig den Verstand verloren? Wie hatte sie sich zu so etwas hinreißen lassen können? Offensichtlich hatte sie Dante unbewusst signalisiert, dass sie ihn sexuell anziehend fand. So etwas war ihr noch nie passiert. Sie war nicht der Typ, der die Männer aufreizte. Aber Dante war unübersehbar erregt!

Eigentlich war es ja nur ein Kuss gewesen. Aber was für einer! Noch immer pulsierte die Lust durch ihren Körper. Am liebsten hätte Topsy sich wieder in Dantes Arme geschmiegt, um das erregende Spiel fortzusetzen. Es kostete sie große Willenskraft, diesem Impuls zu widerstehen. Mit bebenden Händen hob sie die Tasche auf, die auf dem Terrassenboden gelandet war und schob sich den Henkel über die Schulter.

Dante schob die Hände in die Hosentaschen. „Ist das ein kategorisches Nein? Oder willst du mir damit sagen, dass du es nur nicht hier und jetzt willst?“

„Ersteres. Tut mir leid. Das hätte niemals passieren dürfen. Ich arbeite für deine Mutter. Sie wäre alles andere als entzückt, wenn ich …“

„Meine Mutter hat schon vor Jahren aufgehört, sich dafür zu interessieren, mit wem ich ins Bett gehe“, versicherte Dante ihr trocken.

Verlegen und noch immer verwirrt von diesem aufwühlenden Zwischenfall zog Topsy sich ans andere Ende der Terrasse zurück und versuchte, wieder klar zu denken. „Trotzdem ist es keine gute Idee“, sagte sie schließlich leise. „Ich denke nicht daran, mit dir ins Bett zu gehen. Weitere Versuche kannst du dir also sparen.“

„Wir fahren heute Abend nach Florenz und gehen essen“, entgegnete Dante unbeirrt.

Und dann? Topsy reagierte blitzschnell. „Ich bin bereits verabredet“, behauptete sie.

„Dann sagst du die Verabredung eben ab. Ich teile mit niemandem.“ Schon gar nicht mit Vittore, fügte er in Gedanken hinzu. Ob sie wirklich ein Auge auf den Mann seiner Mutter geworfen hatte?

„Nein, das werde ich nicht tun. Es ist nämlich meine erste Verabredung. Deswegen bin ich eben auch niemandem untreu geworden.“ Das war ihr sehr wichtig. Dante sollte wissen, dass sie so etwas niemals tun würde.

Der zuckte nur die Schultern. „Wir sind also beide ungebunden“, stellte er fest. „Ich will dich. Und du willst mich …“

„Nein, ich bin nur kurz schwach geworden“, widersprach Topsy. „Ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist.“

„Schwindlerin.“

Das trug ihm einen so zornigen Blick ein, dass er unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

Topsy war nicht nur auf ihn wütend, sondern auch auf sich selbst. Sie war aus einem ganz bestimmten Grund nach Italien gekommen. Natürlich sprach nichts dagegen, sich zu amüsieren und die Freiheit zu genießen, sich ohne die Aufpasser ihrer Schwager bewegen zu können. Aber eine Affäre mit dem Sohn ihrer Arbeitgeberin kam nun wirklich nicht infrage! Herausfordernd hob sie das Kinn und wollte Dante genau dies mitteilen, als Gaetano auf der Terrasse auftauchte und neugierig zwischen Dante und ihr hin- und herschaute, als spürte er die angespannte Atmosphäre.

„Kann ich etwas für euch tun? Möchtest du dir die erste Etage ansehen, Dante?“

„Ein anderes Mal“, lehnte Dante ausdruckslos ab. Er kannte Gaetano gut genug, um zu wissen, dass er der raffinierten Topsy ganz sicher nicht gewachsen war. Benutzte sie ihn nur als Ablenkung, um ihr Interesse an Vittore zu verschleiern? Sollte Vittores Ehe scheitern, wäre er nach der Scheidung ein reicher Mann. Vielleicht hatte Topsy es deshalb auf ihn abgesehen. Andererseits … wenn es ihr nur ums Geld ging, wieso wies sie ihn dann ab? Er war wesentlich reicher als Vittore.

Möglicherweise stand sie auf ältere Männer. Ärgerlich verzog Dante das Gesicht. Er fühlte sich in seinem männlichen Stolz verletzt. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte eine Frau ihn abgewiesen. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen …

Topsy saß wieder auf dem Beifahrersitz des Sportflitzers und versuchte, die aufgeheizte Atmosphäre im Wagen zu ignorieren. Natürlich passte Dante die Abfuhr nicht, aber das ließ sich nun nicht ändern. Topsy war sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster, als plötzlich ihr Handy klingelte. Nervös zog sie es aus der Handtasche.

„Hier ist Mikhail. Ich bin in Mailand, und du nicht“, sagte er vorwurfsvoll.

Topsy wurde kreidebleich. Ausgerechnet jetzt flog ihre Notlüge auf! Verzweifelt riss sie sich zusammen, um ihren Schwager nicht noch misstrauischer zu machen. „Ich wusste gar nicht, dass du in Italien zu tun hast“, antwortete sie ausweichend.

„Pech für dich. Deine Schulfreundin Gabrielle, bei der du ja angeblich wohnst, hat mir verraten, dass du dich tatsächlich in der Toskana aufhältst. Wir treffen uns morgen zum Mittagessen in Florenz, Topsy. Dann wirst du mir genau erklären, was das alles zu bedeuten hat“, bestimmte Mikhail. Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Ich bin doch nicht eine seiner Angestellten, dachte Topsy empört und wehrte sich. „Tut mir leid, aber das ist unmöglich.“

„Dann machst du es eben möglich. Ich schicke dir einen Wagen.“

„Nicht nötig“, entgegnete Topsy schnell. „Sag mir einfach, wo du zu Mittag essen wirst.“

„Was nötig ist, bestimme ich. Und untersteh dich, deinen Schwestern weitere Lügengeschichten aufzutischen oder Kat in irgendeiner Weise aufzuregen“, fügte er barsch hinzu.

Topsy schluckte ihren Ärger hinunter. „Das würde ich niemals tun.“

„Ach? Sie wird sich aber aufregen, wenn sie erfährt, dass du sie nach Strich und Faden belogen hast.“ Wütend beendete Mikhail das Gespräch.

Bedrückt klappte Topsy das Handy zu und verstaute es wieder in der Tasche. Mikhails Beschützerinstinkt war wohl wieder mal mit ihm durchgegangen. Wenn es um Kat ging, kannte er kein Pardon. Trotzdem kam es nicht infrage, ihren Aufenthalt in der Toskana abzubrechen und nach London zurückzukehren, nur weil ihr Schwager das verlangte. Er hatte ihr gar nichts vorzuschreiben!

Energisch hob sie das Kinn. Irgendwann musste ihre Familie doch begreifen, dass inzwischen auch das Nesthäkchen erwachsen geworden war und ein freies, selbstbestimmtes Leben führen wollte. Selbst wenn sie dabei auch mal einen Fehler machte. Na und? Ihren Schwestern hatte ja auch niemand dareingeredet. Warum konnte sie nicht auch endlich tun und lassen, was sie wollte?

„Was ist los?“, fragte Dante behutsam. „Gibt es Ärger?“

„Nein, nicht direkt“, antwortete sie ausweichend.

„Familienangelegenheiten?“ Dante bog auf einen Feldweg und hielt an.

„Ärger mit einem Ex“, behauptete sie. Dante musste ja nicht unbedingt wissen, dass sie drei immens reiche Schwager hatte, die ihr mit ihrer übertriebenen Sorge das Leben schwer machten.

Wahrscheinlich würde er es sowieso bald erfahren, denn wie sie Mikhail Kusnirovich kannte, würde der bald ihren Aufenthaltsort herausfinden und früher oder später hier auftauchen. Ob er auch erraten würde, was Vittore mit der Sache zu tun hatte? Verflixt! Warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Sie hatte so gehofft, der Umklammerung der Familie endlich entkommen zu sein.

„Hast du Angst vor dem Typ?“ Besorgt wandte Dante sich ihr zu.

„Ach wo.“ Topsy lachte verächtlich. Sie hatte nur Angst vor dem, was sie als emotionale Erpressung durch ihre Familie empfand. Immer wieder wurde ihr vor Augen geführt, dass sie ihre glückliche Kindheit ihren drei älteren Schwestern zu verdanken hatte. Kat, Saffy und Emmie waren stets an ihrer Seite gewesen und hatten sie liebevoll umsorgt und unterstützt. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Natürlich war Topsy ihnen unendlich dankbar für ihre Fürsorge, doch inzwischen war sie erwachsen und wollte auf eigenen Beinen stehen. Die Liebe ihrer Schwestern erdrückte sie fast. Hatte sie irgendetwas an sich, das bei Kat, Saffy und Emmie Mutterinstinkte auslöste? Ratlos biss sie sich auf die Lippe.

Fasziniert betrachtete Dante ihr ausdrucksvolles Gesicht, in dem er lesen konnte wie in einem Buch. Seidiges schwarzes Haar umrahmte das herzförmige Gesicht. Dichte schwarze Wimpern umkränzten die wunderschönen bernsteinfarbenen Augen. Ein rosiger Schimmer betonte die hohen Wangenknochen. Topsys Schönheit erschloss sich erst auf den zweiten Blick. Die Kleine hatte etwas Mädchenhaftes, Verletzliches an sich, das ganz offensichtlich seinen Beschützerinstinkt geweckt hatte. Dante erkannte sich kaum wieder. Und ein anderer Instinkt machte sich auch deutlich bemerkbar …

„Okay, Angst hast du vielleicht nicht, aber irgendwas bedrückt dich.“ Er konzentrierte sich auf das Gespräch, denn hätte er seinen Gefühlen freien Lauf gelassen, läge Topsy jetzt in seinen Armen.

„Nein, ich habe mich nur über den Anruf geärgert. Das ist alles.“ Sein eindringlicher Blick nahm ihr den Atem. In den grünen Tiefen dieser magischen Augen hätte sie versinken können. Ihr wurde wieder heiß vor Verlangen.

Dante hob eine Hand und schob langsam die Finger durch ihr seidiges Haar. Er hatte keine Ahnung, was ihn dazu bewog, am helllichten Tag auf einem Feldweg, der von allen Seiten einzusehen war, zu parken und seinem leidenschaftlichen Begehren nachzugeben. Er wusste nur, dass er nicht anders konnte.

Stöhnend zog er Topsy an sich und küsste sie heiß und wild. Ihre instinktive Reaktion erregte ihn noch mehr. Er löste die Sitzgurte und hob Topsy auf seine gespreizten Schenkel. Noch nie zuvor hatte er eine Frau so sehr begehrt – er konnte es kaum erwarten, mit ihr zu schlafen.

Der leidenschaftliche Kuss hatte Topsy vollkommen überwältigt. „Was tust du?“, wisperte sie schließlich an seinem Mund, als sie kurz Luft holen musste. Bebend vor Lust schmiegte sie sich wieder an diesen unglaublich erotischen Mann. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen.

„Ich glaube, die Frage kannst du dir selbst beantworten, cara mia“, raunte er heiser und streichelte ihre nackten Schenkel.

Ich muss ihn stoppen, dachte Topsy benommen, stöhnte aber lustvoll und gab sich ganz den erregenden Liebkosungen hin. Als er einen Finger unter den Slip gleiten ließ, stockte ihr der Atem. Spätestens jetzt hätte sie dem erotischen Spiel ein Ende setzen müssen, doch sie war viel zu erwartungsvoll, wie es weitergehen würde. Sie konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. Bebend vor Lust fing sie seinen glitzernden Blick auf. Dante hatte den Ort höchsten Lustempfindens zwischen ihren Schenkeln gefunden und stimulierte ihn hingerissen, streichelte, neckte, massierte … Verzweifelt versuchte Topsy, sich nicht völlig in seinen hingebungsvollen Zärtlichkeiten zu verlieren, doch ihr Körper wollte sich einfach nicht kontrollieren lassen.

„D…Dante …“, stammelte sie, als sie die Sprache wiedergefunden hatte.

„Si“, erwiderte er und küsste sie mit wilder Leidenschaft. „Gib Gaetano einen Korb. Aber ganz behutsam. Er ist ein netter Junge“, flüsterte er an ihrem Mund. „Ich will dich in meinem Bett haben und dir heute Nacht jeden erotischen Wunsch erfüllen. Jetzt möchte ich, dass du für mich kommst.“ Wieder widmete er sich ihrem intimsten Ort, bis sie sich nicht weiter widersetzen konnte. Eine gewaltige Woge ungezähmter Erregung erschütterte ihren angespannten Körper und bescherte ihr Welle um Welle voll sinnlicher Freude, bis sie ekstatisch aufschrie und sich erschöpft an Dante klammerte.

Obwohl sein Körper noch ganz starr war vor unerfülltem Begehren, spürte Dante eine seltsame Zufriedenheit. Er lehnte seinen zerzausten Kopf gegen die Kopfstütze und schloss kurz die Augen. Dann zog er Topsys Höschen wieder zurecht, richtete ihren Minirock und lächelte. Jetzt gehörte sie ihm. Die aufregendste Frau, die er seit langer Zeit in den Armen gehalten hatte. Ihre Sinnlichkeit hatte ihm fast den Verstand geraubt. Undenkbar, dass dieser kleine Wirbelwind etwas mit Vittore hatte.

Als das Beben in ihrem Körper langsam abebbte, schaltete sich Topsys Verstand wieder ein. Entsetzt, dass sie sich so vergessen hatte, schob sie sich von Dantes Schoß. Am liebsten wäre sie vor Scham im Erdboden versunken. Als sie kurz aufsah, entdeckte sie einen Wagen, der ganz in der Nähe parkte und stöhnte verzweifelt. „O nein! Jemand hat uns auch noch dabei beobachtet.“

Dante folgte ihrem Blick und verzog keine Miene. „Das sind meine Sicherheitsleute. Keine Panik.“

„Deine Sicherheitsleute?“ Von denen konnte sie selbst ein Lied singen.

„Ja. Die Bank besteht darauf, dass sie mich auf Schritt und Tritt begleiten“, erklärte Dante. „Ich nehme sie gar nicht mehr wahr.“

Topsy biss sich auf die Lippe, ließ den Sicherheitsgurt einrasten und blickte starr geradeaus. Auch Sicherheitsleute waren nicht immun gegen Klatsch und Tratsch – von nun an konnte sie keinem von Dantes Bodyguards mehr in die Augen sehen!

3. KAPITEL

Dante beobachtete, wie Topsy die Schlosstreppe hinunterlief und Gaetano in seinem Porsche begrüßte. In ihrem fuchsienrosa Kleid und den halsbrecherisch hohen Pumps sah sie unglaublich jung und bildhübsch aus. Heftige Eifersucht durchzuckte ihn, als Topsy in den Wagen stieg. Hatte er ihr nicht befohlen, die Verabredung abzusagen? Die Vorstellung, Gaetano könnte die Situation ausnutzen, machte ihn rasend. Dabei war Dante gar nicht der besitzergreifende Typ. Vielleicht reagierte er so heftig, weil er noch nicht mit Topsy geschlafen hatte.

„Holt Gaetano unsere Topsy ab?“, fragte seine Mutter. Sie saß mit Vittore noch am Esstisch, wohingegen Dante aufgesprungen und zum Fenster geeilt war, als er den Porsche gehört hatte. „Hoffentlich benimmt er sich anständig. Wenn ich an diesen Siccardi denke …“

Abrupt wandte Dante sich um. „Meinst du Bruno Siccardi?“ Das war ein junger berüchtigter Playboy aus der Nachbarschaft. „Mit dem ist sie auch schon losgezogen? Sie kommt ja ganz schön herum.“

„Warum auch nicht? Sie ist ja den ganzen Tag hier mit Vittore und mir zusammen, da will sie ihre Freizeit mit Leuten in ihrem Alter verbringen“, meinte Sofia verständnisvoll.

„Ach, ich fühle mich auch nicht älter als Siccardi“, flachste Vittore.

„Was war denn nun mit ihm?“, erkundigte Dante sich ungeduldig.

„Sie hat ihn schnell abserviert, weil er offenbar mehr Hände als ein Tintenfisch hat. So hat sie sich ausgedrückt“, erzählte Sofia amüsiert. „Topsy weiß sich durchaus zu wehren.“

Mich hat sie nicht abgewehrt, stellte Dante zufrieden fest. Ganz im Gegenteil! Diese Tatsache tröstete ihn etwas darüber hinweg, dass sie die Verabredung mit Gaetano nicht abgesagt hatte. Trotzdem passte es ihm nicht. Die Frauen, mit denen er bisher zusammen gewesen war, hätten nicht im Traum daran gedacht, ihm eine Bitte abzuschlagen. Sicher würde auch Topsy sich bald anders verhalten!

Die wohlwollenden, hoffnungsvollen Blicke, die Gaetanos Familie ihr immer wieder zuwarf, waren Topsy unangenehm. Seine Eltern, eine Schwester und zwei jüngere Brüder hatten sie herzlich im von der ganzen Familie geführten Restaurant begrüßt. Sie alle waren froh, dass Gaetano sich wieder für eine Frau interessierte, nachdem seine große Liebe Daria ihn kurz nach der Verlobung sitzen gelassen hatte. Dabei war das Haus, das Gaetano für seine zukünftige Familie entworfen hatte, bereits halb fertig gewesen.

„Dein Temperament erinnert mich an Daria“, hatte Gaetano ihr kürzlich gestanden. Das sollte wohl ein Kompliment sein, doch Topsy hatte ihm schnell geraten, sich lieber nach einer Frau umzusehen, die überhaupt keine Ähnlichkeit mit seiner Ex hatte. Es war ihnen beiden schnell klargeworden, dass es zwischen ihnen nie mehr als Freundschaft geben würde.

„Dante schien sehr … aufmerksam zu sein, als er dich vorhin zum Haus gefahren hat“, bemerkte Gaetano amüsiert.

Topsy errötete verlegen. „Ich glaube aber nicht, dass wir viel gemeinsam haben.“

„Weil er reich und adlig ist?“ Gaetano wiegte nachdenklich den Kopf. „Das heißt aber nicht, dass Dante es im Leben immer leicht gehabt hat.“

„Nein?“ Topsys Neugierde war geweckt.

„Als er sechzehn war, hat mein Vater ihn mal mitten in der Nacht am Straßenrand gefunden. Die Nase und mehrere Rippen und alle Finger einer Hand waren gebrochen. Dante hat nie verraten, wer ihn so zugerichtet hat, aber mein Vater hatte Dantes Vater Aldo in Verdacht. Der alte Conte neigte zu Wutausbrüchen.“

Schockiert sah Topsy ihr Gegenüber an. Allein bei der Vorstellung, jemand könnte Dante so schwer verletzt haben, wurde ihr elend.

Als sie später am Abend die Schlosstreppe erklomm, beschäftigte Topsy sich noch immer mit dem Vorfall von damals. Man darf sich nie vom äußeren Erscheinungsbild täuschen lassen, dachte sie gerade, als sie dem Mann, der ihr den ganzen Abend lang nicht aus dem Sinn gegangen war, unvermutet oben auf dem Flur gegenüber stand.

„Dante! Was tust du denn hier?“

Er ließ forschend den Blick über sie gleiten. „Dein Lippenstift sitzt perfekt“, stellte er zufrieden fest.

„Was willst du mir damit sagen?“ Ärgerlich sah sie ihm in die Augen.

„Gaetano durfte dir offenbar nicht zu nahe kommen.“

„Und was geht dich das an?“, fragte sie herausfordernd.

„Du gehörst heute Nacht mir. Mir ganz allein.“ Bevor sie sich von dieser schockierenden Behauptung erholen konnte, hob er Topsy auf und hielt sie fest in den Armen.

„Hast du den Verstand verloren?“, zischte sie leise, um Sofia und Vittore nicht zu stören.

„Ganz im Gegenteil. Ich war noch nie so klar“, behauptete er ungerührt und trug sie in sein Schlafzimmer.

„Was fällt dir ein?“, keuchte Topsy, als Dante sie aufs Himmelbett gleiten ließ.

„Ich habe dich deine Verabredung wahrnehmen lassen, jetzt bin ich dran“, erklärte er.

„Das könnte dir so passen“, zischte Topsy empört. „Du nimmst dir Rechte heraus, die dir nicht zustehen.“

„Mag sein, aber ich möchte, dass du die Nacht mit mir verbringst.“

„Dann hättest du mich wenigstens fragen können“, wütete sie. „Wie auch immer, die Antwort lautet Nein.“ Das beschämende Intermezzo in seinem Sportwagen hatte Dante offensichtlich in seinem Glauben bestärkt, sie wäre leicht zu haben.

Ungläubig sah er sie an. „Nein?“, fragte er konsterniert.

Topsy stand auf, schlüpfte in den Schuh, den sie bei dem Gerangel verloren hatte und zupfte ihr Kleid zurecht. „Nein! Tut mir leid, dass du heute Nachmittag offensichtlich einen falschen Eindruck von mir gewonnen hast, aber ich werde nicht mit dir schlafen“, erklärte sie unmissverständlich.

Begehrlich ließ er den Blick über sie gleiten. So aufgebracht war sie noch schöner. „Aber du willst mich doch.“ Statt sich seiner Arbeit zu widmen, hatte er den ganzen Abend davon geträumt, sich mit Topsy in seinem Bett zu vergnügen.

„Heute Nachmittag … äh … das war ein Irrtum. Was passiert ist, ist ganz allein deine Schuld.“ Wütend funkelte sie ihn an, weil er sie in eine so beschämende Situation gebracht hatte. Dabei konnte sie Dante nicht mal einen Vorwurf machen, dass er dachte, sie wäre scharf auf ihn. Insgeheim musste sie ihm sogar recht geben.

„Wieso ist es meine Schuld?“

„Weil du ein brillanter Verführer bist und mir keine Chance gegeben hast, einen klaren Gedanken zu fassen. Sonst wäre vorhin nämlich nichts passiert und wir würden uns jetzt nicht streiten.“

Ungläubig musterte er sie. Sie schien wirklich überzeugt zu sein von ihrer Behauptung. Es war fast zum Lachen. „Vielleicht sollten wir noch einmal ganz von vorn anfangen“, schlug er vor. Eine weitere Premiere für ihn, wie er amüsiert feststellte.

„Auf gar keinen Fall!“ Topsy bückte sich, um ein Blatt Papier aufzuheben, das sich unter ihren Absatz verirrt hatte und warf einen kurzen Blick auf die darauf gedruckten Zahlenkolonnen. „Hier ist ein Fehler drin.“

Dante nahm ihr die Seite, die aus seinem Ordner gerutscht sein musste, aus der Hand und runzelte die Stirn. „Wo?“

Topsy zeigte mit dem Finger auf eine Spalte. „Hier. Die Summe stimmt nicht.“

„Völlig ausgeschlossen.“ Ungeduldig legte er das Blatt neben seinen Laptop.

„Es ist aber so. Zufällig habe ich meinen Doktor in Mathematik gemacht und kann dir versichern, dass die Gesamtsumme falsch ist.“

„Du hast einen Doktortitel?“ Dante staunte. Gleichzeitig fragte er sich, wie jemand mit solch einem Hintergrund als Assistentin seiner Mutter arbeiten konnte.

Topsy nickte. Sie ärgerte sich, dass ihr diese Information entschlüpft war und wich unauffällig Richtung Tür zurück.

Dante folgte ihr. „Bitte bleib, Topsy. Gib uns eine zweite Chance.“

Sie stöhnte frustriert, weil sie bereits Erfahrung mit solchen Gesprächen hatte. Die Männer konnten einfach nicht verstehen, warum sie nicht mit ihnen ins Bett gehen wollte. „Nein, dir geht es nur um Sex, und das reicht mir nicht“, erklärte sie ungeduldig.

„Sind wir nicht alle scharf auf Sex?“, konterte er, als sie bereits an der Tür stand.

„Ich will aber mehr als Sex. Okay, auf Liebe und Heirat bin ich auch nicht aus, aber Sex allein kann es doch auch nicht sein.“ Dante erfüllte nicht eine der Voraussetzungen, die sie von einem Mann erwartete.

„Geht es vielleicht etwas genauer?“, fragte Dante.

„Für einen One-Night-Stand bin ich nicht zu haben. Du kennst mich überhaupt nicht. Eigentlich bin ich dir völlig gleichgültig. Außerdem sind wir viel zu unterschiedlich. Wir passen überhaupt nicht zueinander. Oder wann hast du beispielsweise zuletzt eine Jeans getragen?“

Während meines Studiums, dachte Dante und fragte sich, ob er plötzlich in einer Parallelwelt gelandet war. „Jeans?“, fragte er verständnislos.

„Genau. Du bist vorhin in einem Anzug von Armani und mit goldenen Manschettenknöpfen auf einer Baustelle herumgeturnt. Ich kleide mich eher unauffällig. Nur so als Beispiel. Worüber sollen wir uns denn unterhalten? Was können wir zusammen unternehmen, wenn wir so verschieden sind?“

Dante stützte die Hände rechts und links von Topsys Kopf gegen die Tür. „Da würde mir schon was einfallen“, raunte er heiser und sah ihr tief in die Augen. „Ich hätte nicht gedacht, dass dir so etwas Oberflächliches wie Kleidung wichtig ist“, fügte er hinzu.

Sein erregender Duft drohte erneut, ihr die Sinne zu vernebeln. „Du bist derjenige, der oberflächlich, rücksichtslos und sexsüchtig ist“, stieß sie hastig hervor.

„Wir könnten uns über Mathematik unterhalten“, schlug Dante lächelnd vor, um zu überspielen, dass ihm langsam die Argumente ausgingen.

„Vielleicht.“ Außerdem musste man Dantes wohltätiges Engagement anerkennen. Davon abgesehen erfüllte er jedoch keins der Kriterien, auf die Topsy bei einem Mann Wert legte. Bescheidenheit? Fehlanzeige. Mitgefühl? Eher nicht. Kochen und Saubermachen konnte er sicher auch nicht. Dafür hatte er Unmengen von Sexappeal …

Zärtlich strich er ihr über die sinnlichen Lippen. „Ich möchte Liebe mit dir machen.“

„Liebe machen? Du weißt doch gar nicht, was Liebe ist.“ Topsy lachte verächtlich. „Für dich ist es ganz ordinärer Sex. Und dafür bin ich mir zu schade.“

„Was müsste ich tun, um dich umzustimmen?“ So schnell gab er nicht auf.

Ihre Lippen prickelten von seiner letzten Liebkosung. Seine Hartnäckigkeit beeindruckte Topsy, wie sie widerstrebend zugeben musste. „Wir verschwenden doch nur unsere Zeit“, behauptete sie in einem letzten Versuch, ihn abzuwimmeln.

„Ich stehe nicht auf ordinären Sex, cara mia. Und ich möchte, dass du meine Zeit verschwendest“, flüsterte er an ihrem Mund.

Topsy drehte den Kopf zur Seite, hielt sich die Hand vor den Mund und tat, als müsste sie gähnen. „Ich bin schrecklich müde und kann kaum noch die Augen offenhalten“, behauptete sie.

„Müde?“ Dante sah sie forschend an und wich einen Schritt zurück.

Genau darauf hatte Topsy gewartet. Blitzschnell zog sie die Tür auf und verschwand aus dem Zimmer. „Gute Nacht, Dante“, rief sie ihm noch über die Schulter zu und eilte in ihr eigenes Zimmer.

Dante fluchte laut. Dieses kleine Biest! Hielt sie ihn hin, um ihn richtig scharf zu machen? Er konnte sich kaum daran erinnern, wann eine Frau das letzte Mal einen derartigen Jagdinstinkt in ihm ausgelöst hatte.

Doch für den Augenblick konnte er wohl nur eines tun – duschen. Und zwar eiskalt!

Nachdenklich streckte Topsy sich unter der Bettdecke aus. Nein, sie wollte sich nicht von Dante verführen lassen. Sie würde sich weiter geduldig für den Mann aufheben, den sie als Seelenverwandten erkennen würde. Irgendwo da draußen musste er sein. Irgendwann würden sie einander begegnen. Andererseits war Dante vermutlich ein ausgezeichneter Liebhaber. Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, sich von ihm die Unschuld rauben zu lassen. Schließlich konnte es noch Jahre dauern, bevor sie sich richtig verliebte.

Morgen musste sie mit ihrem Schwager Mikhail zu Mittag essen und auf der Hut sein. Deshalb brauchte sie jetzt ihren Schlaf. Anschließend konnte sie wieder über Dante nachdenken …

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen kehrte Dante nach einem anstrengenden Work-out im Fitnessraum über die Hintertreppe zurück in sein Zimmer. Eine schlaflose Nacht, eine eiskalte Dusche und die Überzeugung, irgendwie manipuliert worden zu sein, trugen zu seiner schlechten Laune bei. Die verschlimmerte sich noch, als er sich an die Arbeit machte und feststellen musste, dass Topsy recht hatte: Die Zahlen in der Tabelle waren tatsächlich falsch addiert worden. Allerdings war ihm schleierhaft, wie sie das nach einem flüchtigen Blick festgestellt haben konnte.

Jetzt wollte er frühstücken, blieb aber vor der angelehnten Tür stehen, weil er von drinnen Stimmen hörte.

„Heute geht es leider nicht“, sagte Topsy gerade bedauernd. „Ich wollte es dir gestern schon sagen, aber Sofia war ja die ganze Zeit dabei.“

„Kein Problem. Dann fahren wir eben ein andres Mal nach Florenz“, antwortete Vittore. „Solange Sofia nicht erfährt, was wir vorhaben, ist alles in Ordnung.“

„Meinst du, sie hätte etwas dagegen?“

„Machst du Witze? Sie hat beim letzten Mal schon damit gedroht, mich umzubringen.“ Vittore stöhnte. „Dieses Mal muss ich es richtig machen.“

Dante runzelte die Stirn. Er konnte sich keinen Reim auf das belauschte Gespräch machen. Eigentlich hatte er den Verdacht, Topsy könnte etwas mit seinem Stiefvater haben, schon abgehakt, doch jetzt stellten sich wieder Zweifel ein. Wieso wollten sie sich hinter dem Rücken seiner Mutter in Florenz treffen? Und was hatte Vittore sich beim letzten Mal zuschulden kommen lassen? Hatte er seine Frau betrogen? Hatte sie ihn erwischt? Ihm verziehen?

Eigentlich war es unvorstellbar. Andrerseits hatte sein Vater seine Mutter jahrelang dazu gezwungen, seine Seitensprünge stillschweigend zu erdulden!

Kurz vor zwölf Uhr war Topsy bereit für das Mittagessen mit Mikhail in Florenz. Sie trug ein schlichtes grünes Sommerkleid mit Spaghettiträgern und lächelte vor sich hin, als sie an Vittore dachte. Er gab einfach nicht auf! Seit geraumer Zeit versuchte er, für seine Frau ein Schmuckstück zu erwerben, das ihr gefiel und das sie oft und gerne tragen würde. Vittore hatte an etwas Glitzerndes, Barockes gedacht und war damit auf wenig Gegenliebe bei Sofia gestoßen, die es eher schlicht und elegant liebte. Sie hatte schon mehrere Geschenke von Vittore abgewiesen. In seiner Verzweiflung hatte Vittore Topsy gebeten, ihn zum Juwelier zu begleiten, um endlich etwas Passendes als Geburtstagsgeschenk für Sofia auszusuchen.

Topsy hatte mit Sofia noch kurz den Blumenschmuck für den Maskenball besprochen und war auf dem Weg nach unten, als die antike Türglocke über der massiven gotischen Haustür läutete. Es war fünf vor zwölf, wie Topsy bei einem schnellen Blick auf ihre Armbanduhr feststellte.

Draußen wartete Danilo, ein massiger Leibwächter in Mikhails Diensten. Offensichtlich hatte Mikhail seinen fähigsten Mann geschickt, um Topsy abzuholen. „Wo ist Ihr Gepäck?“ Suchend sah Danilo an ihr vorbei.

Topsy erschrak. Hatte sie Mikhail falsch verstanden? Erwartete er etwa, dass sie ihn nach dem Mittagessen mit Sack und Pack zurück nach London begleitete? Kommt nicht infrage, dachte sie entschlossen und erklärte: „Ich reise nicht ab. Nach dem Mittagessen kehre ich hierher zurück.“

Kommentarlos zückte Danilo sein Handy und sprach Russisch mit dem anderen Teilnehmer. Vermutlich Mikhail.

Währenddessen griff Topsy nach ihrer Handtasche, die sie auf einem Stuhl in der Eingangshalle platziert hatte und fing dabei einen Blick von Dante auf, der lässig an seiner Bürotür lehnte. Bei seinem Anblick schlug ihr Herz sofort schneller. Unwillkürlich musste sie an Dantes erregende Liebkosungen denken und errötete verräterisch. Es fiel ihr schwer, ihr Verlangen nach diesem aufregenden Mann zu verbergen.

„Kann’s dann losgehen?“, erkundigte Danilo sich ungeduldig.

Blitzschnell wandte Topsy sich dem älteren Bodyguard zu und folgte ihm zum Wagen. Ihr war heiß.

Kaum hatte die Limousine sich in Bewegung gesetzt, stürmte Dante hinaus, um seinem eigenen Sicherheitsmann Anweisungen zu geben, der soeben vorgefahren war. Er sollte Topsy folgen und herausfinden, mit wem sie sich in Florenz traf und wieso die Einladung zum Mittagessen sie so aufgewühlt hatte. Vielleicht erfahre ich dann, was hier im Schloss vor sich geht, dachte Dante. Denn dass hier irgendetwas nicht stimmte, war nicht zu übersehen. Seine Mutter lag stundenlang auf einer Chaiselongue, als wäre sie eine zarte viktorianische Lady, die bereits die geringste Bewegung erschöpfte, während Vittore Geheimnisse mit einer jungen Assistentin hatte!

Grimmig begrüßte Mikhail seine junge Schwägerin an der Tür zu seiner Hotelsuite. Ein Ober stand bereit, um das Mittagessen zu servieren. Ungeduldig schickte Mikhail ihn hinaus und wies Topsy an, sich zu setzen.

„Was hast du nun eigentlich in Italien verloren?“, fragte er, bevor sie auch nur Zeit hatte, am Tisch Platz zu nehmen.

„Das geht dich nichts an.“ Ungerührt machte sie sich über die Vorspeise her.

„Doch, wenn es meine Frau aufregen könnte, geht es mich sehr wohl etwas an“, entgegnete er. „Übrigens, Kat ist wieder schwanger.“

Überrascht sah Topsy auf. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ihre Schwester hatte erst nach mehreren gescheiterten künstlichen Befruchtungen gesunde Zwillinge zur Welt gebracht. Es war ein Wunder, dass sie wieder ein Baby erwartete. „Das ist ja fantastisch!“ Topsy strahlte. Kat hatte sich so sehnlich ein weiteres Kind gewünscht. „Hat sie sich denn wieder künstlich befruchten lassen? Davon wusste ich gar nichts.“

„Nein, dieses Mal hat es auf natürlichem Weg geklappt. Du kannst sicher verstehen, dass Kat jetzt überhaupt keine Aufregung gebrauchen kann.“ Mikhail musterte seine Schwägerin ernst. „So, nun mal die Karten auf den Tisch. Wenn du Dante Leonettis wegen im Schloss wohnst, dann musst du dir darüber klar sein, welchen Lebenswandel er führt.“

„Es geht nicht um Dante. Okay, ich bin aus privaten Gründen hier, aber die gehen meine Schwestern nichts an und dich auch nicht. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, Mikhail, ich muss nicht mehr über alles, was ich tue und lasse, Rechenschaft ablegen.“

„Ich sehe dich noch in deiner Schuluniform vor mir.“

Topsy lachte. „Das ist sehr lange her. Inzwischen bin ich ein großes Mädchen.“

„Nein, du bist eher klein und zierlich und noch immer ziemlich naiv“, widersprach Mikhail. „Aber mir musst du nichts beweisen. Deine Schwestern können einfach noch nicht akzeptieren, dass ihr kleiner Liebling inzwischen flügge geworden ist.“

Das klang fast, als hätte ihr Schwager Verständnis für ihre Situation. Topsy entspannte sich etwas. „Ist es nicht lächerlich, dass ich in meinem Alter lügen muss, um mein eigenes Leben zu führen?“

Diese Frage überging Mikhail. „Und was hat deine Privatangelegenheit mit Dante Leonetti zu tun?“

„Nichts.“ Topsy spürte, wie sie errötete und senkte schnell den Blick. Es ließ sich wohl nicht verheimlichen, dass sie Dante unglaublich attraktiv fand.

„Er ist ein Spieler, Topsy. Du bist ihm nicht gewachsen“, sagte ihr Schwager warnend. „In Bankerkreisen kursierte vor zwei Jahren das Gerücht, er habe zeitweise drei Geliebte gleichzeitig gehabt, eine in New York, eine in Mailand und eine in Tokio.“

Schockiert sah Topsy auf. „Im Ernst?“

„Ja. So ein Mann ist ganz sicher kein Umgang für eine behütet aufgewachsene junge Frau.“

„Ich habe nichts mit ihm, Mikhail. Seine Mutter ist meine Arbeitgeberin. Ich genieße es einfach, den Sommer in einer so bezaubernden Umgebung zu verbringen. Das ist alles“, behauptete sie.

Drei Geliebte gleichzeitig! Immer wieder ging ihr Mikhails Behauptung durch den Sinn, als Danilo sie schließlich zurückfuhr. Topsy fühlte sich elend bei der Vorstellung, wie austauschbar Frauen für Dante sein mussten. Dabei ging es sie doch gar nichts an. Schließlich hatte sie nicht vor, eine Affäre mit ihm anzufangen. Trotzdem wurde sie von Eifersucht geplagt. Und das, obwohl sie ihn doch nur flüchtig kannte. Am Wahrheitsgehalt von Mikhails Behauptung zweifelte sie keine Sekunde lang, denn ihr Schwager verfügte über ein Netzwerk von Informanten, die ihn stets über alle möglichen Entwicklungen in der Geschäftswelt auf dem Laufenden hielten. Auch über mögliche Bedrohungen seiner Familie wurde Mikhail sofort informiert.

Während Topsy in Florenz mit Mikhail beim Mittagessen saß, erhielt Dante im Schloss unangekündigten Besuch.

Jerome St. Charles, Mitglied des House of Lords, Witwer und Eigentümers eines Hauses in der Nachbarschaft, verbrachte den Sommer meist mit seinen erwachsenen Kindern und deren Familien in der Toskana. Dante hatte gehofft, seine Mutter würde auf Jeromes deutliche Avancen eingehen, als sie beide verwitwet waren, doch leider wurde nichts daraus. Sofia hatte sich nicht für andere Männer interessiert, bevor Vittore aufgetaucht war.

„Bitte entschuldige meinen Überfall“, bat Jerome zerknirscht. „Aber ich wollte nicht am Telefon über mein Anliegen sprechen.“ Nervös fuhr er sich durchs volle graue Haar, bevor er in Dantes Arbeitszimmer Platz nahm. „Es ist eine etwas delikate Angelegenheit, Dante. Es geht um deine Mutter. Ich fühle mich verpflichtet, dich zu informieren.“

Ratlos sah Dante den älteren Herrn an. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Jerome.“

„Nun ja …“ Jerome St. Charles reichte ihm eine gefaltete Lokalzeitung.

Dante breitete sie vor sich aus und betrachtete das Foto seiner Mutter, mit Topsy im Hintergrund. In dem Artikel darunter ging es um eine Stiftung, die sich um Frauen kümmerte, die Fehlgeburten erlitten hatten. Sofia hatte sie vor etwas zehn Jahren gegründet. „Und?“

„Die hübsche Brünette, die für deine Mutter arbeitet. Ich … äh … kenne sie aus London. Dort habe ich mal einen Abend mit ihr verbracht und …“ Er räusperte sich verlegen. „… dafür bezahlt.“

Dantes Blick wurde eisig. „Du hast Topsy bezahlt?“, fragte er ungläubig.

Beschämt ließ der ältere Herr den Kopf hängen, sah aber gleich wieder auf. „So anrüchig wie du denkst ist es nicht. Sie ist keine Prostituierte, aber man konnte sie als Begleiterin buchen. Ich habe sie zum Abendessen ausgeführt. Gelegentlich genieße ich die Gesellschaft junger attraktiver Damen. Der Abend mit Topsy war sehr angenehm. Alles streng platonisch. Ich verstehe nur nicht, wieso sie jetzt für deine Mutter arbeitet.“

Diese Informationen musste Dante erst mal verdauen. Ihm wurde übel. Topsy war ein Escortgirl! Und ihm spielte sie die Unschuld vom Lande vor. Was noch schlimmer war: Er war ihr auf den Leim gegangen!

Er sah auf. Dem armen Jerome war es sicher schwergefallen, das Thema zur Sprache zu bringen. Doch er war ein Ehrenmann und hielt es offensichtlich für seine Pflicht, Sofia vor möglichem Schaden zu bewahren. Das rechnete Dante ihm hoch an und bedankte sich herzlich für seinen Besuch.

Kaum hatte Jerome das Schloss verlassen, da erhielt Dante einen Anruf des Sicherheitsmannes, den er mit Topsys Beschattung beauftragt hatte, und erfuhr, dass Topsy sich in Florenz mit dem russischen Oligarchen Mikhail Kusnirovich getroffen hatte. War er ihr Ex? Vermutlich. Da brauchte er sich ja nicht zu wundern, wieso sie von einer Limousine abgeholt wurde. Auch die Herkunft des angeblich so teuren Brillantcolliers war ihm nun klar. Doch wie passte Vittore ins Bild? Vermögend war der Mann ja nicht gerade. Hoffte Topsy etwa auf seine Scheidung von Sofia? Dadurch würde Vittore allerdings tatsächlich zu Geld kommen.

Hatte der Russe in seiner Hotelsuite Sex mit Topsy gehabt? Wütend ballte Dante die Hände zu Fäusten, als er in seinem Arbeitszimmer rastlos hin- und hertigerte. Natürlich! Warum hätte sie sonst zu ihm eilen sollen?

Aber wieso hatte Mikhail Kusnirovichs Anruf sie so aufgewühlt? Sie war ja regelrecht beunruhigt gewesen. Fast verängstigt. Trotzdem änderte das nichts an der Tatsache, dass Topsy eine Hure war. Verdammt! Wie hatte er sich nur so in ihr täuschen können? Dante wurde immer wütender. Und wie war es dieser Frau gelungen, sich das Vertrauen seiner Mutter zu erschleichen? Was für ein Chaos!

Nachdenklich erklomm Topsy die Schlosstreppe. Ihre Schwester Kat erwartete also ein Baby. War Mikhail deshalb so nachsichtig gewesen? Sie hatte sich das Treffen mit ihrem Schwager weitaus schlimmer vorgestellt.

Bevor Topsy in der Halle die zur ersten Etage führende Treppe erreicht hatte, streckte Dante den Kopf aus seinem Arbeitszimmer.

„Ich möchte dich kurz sprechen“, sagte er herrisch.

„Vielleicht später. Erst muss ich einige Dinge für deine Mutter erledigen“, entgegnete Topsy. Durch Mikhails Enthüllungen hätte ihr Verlangen nach Dante eigentlich im Keim erstickt werden müssen, doch das war nicht der Fall.

„Sofort.“ Unnachgiebig sah er sie mit eisigem Blick an.

Was hat er denn plötzlich? dachte Topsy und hob herausfordernd das Kinn. „Aber …“

Sofort, Topsy!“, brüllte er wütend.

Erschrocken zuckte sie zusammen und setzte sich in Bewegung. „Was ist denn los?“, fragte sie besorgt.

5. KAPITEL

Dante wartete, bis sie sein Arbeitszimmer betreten hatte und schloss dann die Tür, bevor er ohne Umschweife zur Sache kam. „Mir sind Informationen über dich zu Ohren gekommen, die mich beunruhigen.“

Topsy suchte Halt an der Fensterbank. „Über mich? Was denn für Informationen?“

„Ich habe sie von Jerome St. Charles. Er ist ein alter Freund der Familie und wohnt in der Nachbarschaft.“

Topsy zuckte zusammen, als sie den Namen hörte. Nur zu genau erinnerte sie sich an den Abend mit dem alten Herrn. Ihre Mutter hatte sie gezwungen, mit ihm zu Abend zu essen. Erst danach war sie bereit gewesen, die Information herauszurücken, um die Topsy sie seit einer halben Ewigkeit gebeten hatte. Das Leben kann so ungerecht sein, dachte Topsy jetzt. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet dieser Mann ein alter Freund und Nachbar der Leonettis war? Sie hatte aber auch immer ein Pech! Andererseits musste sie sich ja wohl kaum dafür schämen, mit einem alten Herrn diniert zu haben. Er hatte ja wohl nichts Pikantes hinzugedichtet, oder?

Dante kam näher und betrachtete forschend ihre besorgte Miene. „Der Name sagt dir also etwas. Würdest du mir die Sache bitte erklären?“

„Ich muss dir gar nichts erklären“, konterte sie. „Ich bin bei deiner Mutter angestellt, nicht bei dir.“

„Ich möchte nicht, dass meine Mutter etwas von diesem Gespräch erfährt, Topsy. Du wirst jetzt deine Sachen packen und meiner Mutter erklären, du müsstest wegen einer dringenden Familienangelegenheit zurück nach London.“

Verblüfft riss sie die bernsteinfarbenen Augen auf. „Du verlangst, dass ich fristlos kündige und verschwinde?“

„Du hast es erfasst. Ein Escortgirl ist wohl kaum der richtige Umgang für meine Mutter“, fügte er harsch hinzu.

„Meine Güte! Für so spießig hätte ich dich wirklich nicht gehalten“, schleuderte sie ihm wütend entgegen. „Ausgerechnet du spielst dich als Moralapostel auf. Wer hat denn drei Geliebte gleichzeitig gehabt?“ Herausfordernd funkelte sie ihn an.

Dante erstarrte und presste die Lippen zusammen. „Woher hast du das?“, stieß er hervor.

Verlegen wich sie seinem Blick aus. Vielleicht hätte sie die Information lieber für sich behalten sollen, statt es Dante heimzuzahlen. Allerdings hatte er die Behauptung nicht abgestritten. Das sprach Bände. „Du bist so ein Heuchler“, sagte sie verächtlich.

„Mikhail Kusnirovich hat dir das gesteckt“, vermutete Dante, dem es unendlich schwerfiel, seine unbändige Wut zu zügeln.

„Du hast mir also nachspioniert. Was fällt dir eigentlich ein, meine Privatsphäre so eklatant zu verletzen?“, fragte Topsy empört.

„Ich bin berechtigt, meine Mutter vor einer Person zu schützen, die Unglück über sie bringen und peinlich für sie sein könnte. Eine Frau, die als Escortgirl arbeitet und sich von Mikhail Kusnirovich aushalten lässt, ist als Angestellte meiner Mutter völlig inakzeptabel.“

Außer sich vor Zorn erhob Topsy die Hand gegen ihn. „Das nimmst du sofort zurück! Ich bin keine Hure, und Mikhails Namen ziehst du gefälligst auch nicht in den Schmutz!“

Dante fing die Hand ab und umklammerte sie mit eisernem Griff. „Wage es ja nicht, mich anzurühren! Sonst erlebst du dein blaues Wunder“, stieß er drohend hervor, bevor er ihre Hand wieder losließ.

Seine tiefe vibrierende Stimme ließ Topsy erbeben. Schockiert hielt sie Dantes Blick fest. Tief im Innern spürte sie eine Erregung, die sie zu überwältigen drohte. Ihre Brüste wurden schwer, zwischen ihren Beinen pulsierte es heftig. Es war beschämend, wie ihr Körper auf diesen Mann reagierte, der sie eben noch tödlich beleidigt hatte. „Das hat sich gestern Abend aber noch ganz anders angehört“, murmelte sie vorwurfsvoll.

„Da wusste ich auch noch nicht, dass ich es mit einem gerissenen Flittchen zu tun habe“, erklärte er verächtlich.

„So denkst du also von mir?“ Sie atmete tief durch. Die Spannung zwischen ihnen wurde langsam unerträglich. „Nur zu deiner Information: Ich kenne Mikhails Frau und Kinder und habe mir beim Mittagessen alle Neuigkeiten erzählen lassen. Das war alles.“

„Ich glaube dir kein Wort.“

Topsy ging zur Tür. „Das ist dein Problem.“

„Du bleibst gefälligst hier, bis ich mit dir fertig bin“, herrschte er sie an.

„Irrtum, Dante. Ich gehe jetzt, weil ich nämlich fertig mit dir bin.“ Energisch riss sie die Tür auf.

Blitzschnell schlug Dante die wieder zu. Schockiert fuhr Topsy herum, lehnte sich an die Tür und fing Dantes vor Zorn glühenden Blick auf. „So cool wie du immer tust, bist du gar nicht“, stellte sie fasziniert fest.

„Jedenfalls nicht, wenn es darum geht, meine Familie zu schützen.“

„Bedräng mich nicht!“, beschwerte sie sich. Dante stand so dicht vor ihr, dass sie seine Körperwärme fühlen konnte. Sein vertrauter männlicher Duft war eine Ablenkung, die Topsy jetzt überhaupt nicht gebrauchen konnte.

„Damit wirst du schon klarkommen!“, knurrte Dante.

„Nein, du musst mit deiner Unbeherrschtheit klarkommen!“, konterte sie schlagfertig. „Was genau hat Jerome dir über mich erzählt?“

„Dass er dich dafür bezahlt hat, ihn zum Abendessen zu begleiten. Er hat dich auf dem Zeitungsfoto erkannt, das dich mit meiner Mutter zeigt und fühlte sich verpflichtet, mich aufzuklären.“

Spöttisch verzog sie das Gesicht. Insgeheim wünschte sie sich wieder einmal, zwanzig Zentimeter größer zu sein. Wenn man so klein war wie sie, bestand ständig die Gefahr, nicht ernst genommen und herumgeschubst zu werden.

„Du reagierst ja sehr gelassen auf Jeromes Behauptung“, stellte Dante fest. „Aber meine Mutter wäre schockiert.“

„Sofia wäre schockiert, wenn ich mit ihm geschlafen hätte. Ich habe aber lediglich in einem Restaurant mit ihm zu Abend gegessen“, entgegnete Topsy trocken.

Frustriert musterte er sie. „Und hast dich dafür bezahlen lassen“, gab er zu bedenken. „Genau darum geht es.“

„So wie du drauf bist, wirst du mir wahrscheinlich nicht glauben, aber ich habe nur dieses eine Mal als Escortgirl gearbeitet.“

Endlich wich Dante einen Schritt zurück. Jetzt konnte sie wenigstens wieder atmen, war jedoch völlig verspannt und versuchte, ihre Schultern zu lockern.

„Natürlich nehme ich dir das nicht ab“, fuhr Dante sie an.

„Ich habe keine Ahnung, warum du so eine schlechte Meinung von mir hast. Das ist ziemlich unfair“, beschwerte sie sich, ging an ihm vorbei zur Fensterfront und blickte hinaus. „Ich bin mit Jerome ausgegangen, um jemandem einen Gefallen zu tun. Die Begleiterin, die er sonst immer buchte, war krank. Ich bin für sie eingesprungen. Es war alles ganz harmlos und über jeden Verdacht erhaben.“

„Tatsache ist, dass du als Escortgirl gearbeitet hast“, beharrte Dante. „Bei anderen Kunden ging es sicher nicht so harmlos zu.“

Topsy stöhnte frustriert. „Hast du mir nicht zugehört? Jerome war mein einziger Kunde, weil ich nur an diesem einen Abend als Escortgirl eingesprungen bin.“

„Erwartest du wirklich, dass ich dir das glaube?“

„Noch einmal, Dante: Ich bin mit Jerome ausgegangen, um meiner Mutter einen Gefallen zu tun.“

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