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Gefährliches Spiel mit dem Playboy

1. KAPITEL

„Miss Alice Benton?“

Der italienische Psychiater nahm Ally zur Seite und fragte mit seinem starken italienischen Akzent ernst: „Wissen Sie, wann Ihre Schwester aufgehört hat, ihre Medikamente zu nehmen?“

Angsterfüllt sah sie den Arzt an. „Leider nicht. Ich lebe ja in Australien, nicht hier in Italien bei meiner Schwester.“

„Wie gut, dass Sie so schnell herkommen konnten.“ Er warf einen Blick auf seine Notizen und fügte hinzu: „Sie wurde gestern Morgen von einem Nachbarn eingeliefert.“

„Ich hatte geschäftlich in Prag zu tun“, erklärte Ally, „und habe die erste Maschine genommen. Mir ist rätselhaft, wie es zu einem so schweren Rückfall kommen konnte. Sie ist doch seit Jahren stabil gewesen. Als ich vor meinem Abflug aus Sydney mit ihr telefoniert habe, klang sie völlig normal. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie so etwas tun könnte.“ Verzweifelt schüttelte Ally den Kopf.

„Der Selbstmordversuch wäre fast gelungen, wenn der Nachbar sie nicht rechtzeitig gefunden hätte“, erklärte Dr. Bassano. „Ich schlage vor, sie in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Dort sollte Ihre Schwester bleiben, bis sie medikamentös richtig eingestellt ist und eine Therapie gemacht hat. Das kann eine Weile dauern. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass sie die Psychopharmaka regelmäßig einnimmt.“

Ally nickte traurig. Sie hatte so sehr gehofft, die manisch-depressiven Schübe ihrer Schwester, die diagnostiziert worden waren, als sie fünfzehn Jahre alt war, gehörten der Vergangenheit an. Was hatte diesen schweren Rückfall ausgelöst?

„Ich empfehle eine Privatklinik in der Schweiz, die einen ausgezeichneten Ruf genießt.“

Die völlig am Boden zerstörte Ally befeuchtete sich die trockenen Lippen. „Kann ich meine Schwester nicht mit zurück nach Sydney nehmen, Dr. Bassano? Sie war jetzt fast ein Jahr im Ausland. Vielleicht hat sie aus Heimweh versucht, sich das Leben zu nehmen.“

„Ich fürchte, Ihre Schwester würde in ihrem momentanen Zustand einen so langen Flug nicht gut überstehen, Miss Benton. Vermutlich ist sie bereits seit einiger Zeit instabil. Die Schweizer Klinik ist mit dem Zug in wenigen Stunden zu erreichen. Eine Krankenschwester wird Sie und Ihre Schwester begleiten. Dafür will ich gern sorgen.“

Ally presste die Lippen zusammen, um die aufsteigende Panik zu bezwingen. „Wie lange wird der Klinikaufenthalt denn voraussichtlich dauern?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

„Es kann Wochen dauern, bevor sie medikamentös wieder richtig eingestellt ist. Bei schwierigen Fällen sogar Monate“, erklärte der Arzt ernst. Inzwischen sind neue Psychopharmaka auf dem Markt, die sehr gute Erfolge bei manisch-depressiven Patienten zeigen. Allerdings muss man ausprobieren, welches Medikament am besten anschlägt. Erfahrungsgemäß dauert das einige Wochen.“

Ach, du liebe Zeit, dachte Ally entsetzt. Sie hatte ja nur zwei Wochen Urlaub. Den hatte sie mit ihrer Schwester verbringen wollen und sich schon so darauf gefreut. Aber jetzt kam dieser Albtraum dazwischen – aus heiterem Himmel. Okay, ihre Schwester hatte am Telefon ungewöhnlich aufgekratzt geklungen, doch das hatte Ally als Vorfreude auf den gemeinsamen Urlaub gewertet. Auf die Idee, Alex könnte einen Rückfall in die alte Krankheit erleiden, war sie gar nicht gekommen.

Als Teenager hatte Alex unglaublich impulsiv gehandelt, wenn sie eine manische Phase hatte. Bis heute stotterte Ally die Schulden ab, die ihre Schwester damals in ihrer Einkaufssucht gemacht hatte. Und dann die fürchterliche Ehe mit Darren Sharpe. Das war der absolute Tiefpunkt gewesen. Monate hatte Ally gebraucht, ihre Zwillingsschwester zu überreden, ihren gewalttätigen Ehemann zu verlassen. Ebenso lange hatte es gedauert, nach der Scheidung Alex’ zerstörtes Selbstbewusstsein wieder aufzubauen.

„Ich bin zuversichtlich, dass Alex sich wieder vollkommen erholen wird, vorausgesetzt, dass sie in den nächsten Wochen keinerlei Stress ausgesetzt ist. Sonst könnte es zu einem erneuten Rückfall kommen. Ich habe mich mit dem behandelnden Arzt Ihrer Schwester in Sydney in Verbindung gesetzt und mir die Krankenakte mailen lassen. Daraus ist zu ersehen, dass Alex als Teenager drei Nervenzusammenbrüche erlitten hat. Einen weiteren möchte ich unbedingt vermeiden.“

Ja, natürlich.“ Ally kämpfte mit den Tränen.

Tröstend tätschelte der Psychiater ihr die Hand. „Ich kann verstehen, wie schwer das für Sie ist, Miss Benton. Mir ist bekannt, dass Sie seit dem Tod Ihrer Mutter die Verantwortung für Alex übernommen und Ihre Sache bis jetzt ausgezeichnet gemacht haben. Sie dürfen sich nicht die Schuld an dem Selbstmordversuch Ihrer Schwester geben. Schließlich können Sie nicht vierundzwanzig Stunden am Tag für sie da sein. Sie haben ja auch noch Ihr eigenes Leben.“

„Danke, Herr Doktor.“ Sie lächelte unter Tränen. „Ich will Alex nicht verlieren. Sie ist alles, was ich habe.“

„Passen Sie auf sich auf!“ Dr. Bassano drückte ihr die Hand. „Ihre Schwester schläft noch, sollte aber bald aufwachen. Sie können mich jederzeit anrufen, falls Sie weitere Fragen haben.“

Ally setzte sich wieder ans Bett ihrer Schwester und betrachtete das blasse, schmale Gesicht, das ihrem eigenen fast vollkommen glich. Wie ein hilfloses Kind lag Alex zusammengerollt auf dem schmalen Bett.

Wie können eineiige Zwillinge charakterlich so verschieden sein? überlegte sie. Alex war immer die extrovertiertere gewesen, die ohne Punkt und Komma redete und sich vor Verehrern kaum retten konnte.

Ally hingegen hatte am liebsten ihre Ruhe. Da sie das Ebenbild ihrer hübschen Schwester war, interessierten die Männer sich auch für sie. Doch bisher hatte keiner ihr Herz erobert. Die Ereignisse in ihrer Kindheit hatten ihren Gefühlen zu sehr zugesetzt. Das Zusammenleben mit einer unberechenbaren Mutter hatte Ally sehr vorsichtig gemacht. Es fiel ihr schwer, anderen Menschen zu vertrauen. Sie blieb stets distanziert und wachsam. Alex dagegen ähnelte ihrer Mutter und stürzte sich Hals über Kopf in Abenteuer, ohne über mögliche Folgen nachzudenken.

Unter der Decke bewegte sich etwas und Alex fragte mit krächzender Stimme: „Bist du das, Ally?“

Ally beugte sich vor und umfasste behutsam die Hände ihres Zwillings. „Ja, Liebes, ich bin so schnell wie möglich herge­kommen.“

„Es tut mir leid.“ Alex’ Gesicht verzog sich, weil sie im Begriff war zu weinen. „Ich habe alles kaputt gemacht. Du hasst mich jetzt sicher.“

„Nein, Schwesterchen, sag doch so was nicht!“ Selbst den Tränen nahe, versuchte Ally, ihre Schwester zu trösten. „Ich könnte dich niemals hassen. Du weißt doch, dass ich alles für dich tun würde, damit es dir bald wieder besser geht.“

„Er hat gesagt, er liebt mich“, flüsterte Alex.

Ally beugte sich noch weiter vor, um Alex besser zu hören. „Wer hat das gesagt?“

Alex schloss die Augen und schluchzte. „Es tut so weh. Ich kann nicht darüber reden.“

Tröstend streichelte Ally ihr die Hand. „Reg dich nicht auf, Schatz! Wir können uns später unterhalten. Jetzt musst du erst mal wieder gesund werden. Alles andere ist unwichtig.“

„Ich muss in eine Klinik, hat der Arzt gesagt.“ Verängstigt wie ein kleines Kind sah Alex ihre Schwester an.

„Ja, das wird das Beste sein. Mach dir keine Sorgen um die Kosten. Die übernehme ich.“

Wieder flossen Tränen. „Ich wollte sterben. Ohne ihn hatte das Leben für mich keinen Sinn mehr.“

Ally schluckte einen Anflug von Panik hinunter. Der Arzt hatte extra betont, Alex dürfte sich nicht aufregen. Und nun? Offensichtlich hatte ihre Schwester während ihres Auslandjahrs in Europa einen Mann kennengelernt. „Warum hast du denn nichts gesagt, Süße? Ich dachte, alles wäre in Ordnung, seit du nach London gegangen bist.“

Alex senkte den Blick. „Ich habe dir nichts erzählt, weil du sowieso dagegen gewesen wärst.“

„Wie kommst du nur darauf, Schwesterherz?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.

„Er ist verheiratet.“

Genau das hatte Ally sich schon gedacht!

„Das habe ich aber erst erfahren, als ich meine Stelle in London gekündigt und ihm nach Rom nachgereist bin. Er hat doch gesagt, er liebt mich! Und dann hat er versprochen, seine Frau zu verlassen. Aber das war gelogen.“

Ally seufzte unterdrückt. Irgendwann hatte sie aufgehört zu zählen, wie viele Affären mit verheirateten Männern Alex in den vergangenen Jahren gehabt hatte. Immer wieder war sie auf ein charmantes Lächeln hereingefallen und bald wieder enttäuscht worden. Normalerweise kam sie schnell darüber hinweg, doch dieses Mal schien es sie sehr hart getroffen zu haben. Natürlich hätte Ally gern Näheres erfahren, doch sie musste sich gedulden. Alex durfte sich nicht noch mehr aufregen.

„Sag mal, Liebes, wann hast du denn deine Tabletten abgesetzt?“, erkundigte sie sich vorsichtig.

Alex kniff die Augen zu. „Weiß ich nicht mehr. Vor einigen Wochen, glaube ich. Er sollte nicht wissen, dass ich was einnehmen muss. Ich hatte Angst, er liebt mich nicht mehr, wenn er erfährt, warum ich die Tabletten schlucke und ich nicht … normal bin.“

„Du bist völlig normal, Alex“, widersprach Ally. „Wenn du an Asthma oder Diabetes leiden würdest, müsstest du auch regelmäßig etwas einnehmen. Wo ist da der Unterschied?“

„Aber ich spüre doch, dass ich verrückt bin. Durch meinen Kopf spuken irre Gedanken. Irgendwie bin ich außer Kontrolle geraten. Deshalb …“ Sie seufzte verzweifelt. „Was soll’s? Es ist nun mal passiert.“

„Ach, Schatz, die Ärzte zu Hause in Sydney haben dir doch eingeschärft, wie wichtig es ist, dass du deine Tabletten regelmäßig nimmst.“ Ally versuchte, ruhig und geduldig zu bleiben, auch wenn es ihr schwerfiel. „Der Klinikaufenthalt in der Schweiz wird gut für dich sein. Dr. Bassano hat mir erzählt, du sollst ganz neu eingestellt werden. Du wirst sehen, bald fühlst du dich wie neugeboren.“

Alex schlug die Augen wieder auf und sah ihre Schwester bittend an. „Hast du mich wirklich noch lieb, Ally?

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