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… und plötzlich Prinzessin!

1. KAPITEL

Raul blickte gedankenverloren aus dem Hubschrauber, der von Sydney in südlicher Richtung der Küstenlinie folgte. In Anbetracht der prekären Situation zu Hause sollte er überhaupt nicht hier sein. Aber er hatte keine andere Wahl.

Was für ein Schlamassel!

Rastlos streckte er die langen Beine aus. Das Schicksal seiner Nation und das Wohl seiner Untertanen standen auf dem Spiel. Seine Krönung, sein Recht, den Thron des Fürstentums zu besteigen, hingen am seidenen Faden. Noch immer konnte er es kaum glauben. Geradezu verzweifelt hatten seine Anwälte alle Möglichkeiten geprüft, aber die Erbschaftsgesetze ließen sich nicht ändern. Jedenfalls nicht, bevor er Fürst war. Und um Fürst zu werden …

Die Alternative war, fortzugehen und das Land den rivalisierenden Mächten zu überlassen, die sich unter dem letzten Fürsten, Rauls Vater, gefährlich breitgemacht hatten. Erst zwei Generationen zuvor hatte ein Bürgerkrieg das Land fast zerrissen. Raul betrachtete es als seine Pflicht, sein Volk vor einer ähnlichen Katastrophe zu bewahren, egal, was er persönlich dafür opfern musste. Diese tief empfundene Verantwortung hatte ihm durch die trostlose Zeit der Ernüchterung geholfen, als seine heile Welt auf einmal aus den Fugen geraten war. Als die Medien nicht mit Schmutz und Unterstellungen sparten, hatte das Volk von Monteregio zu ihm gestanden. Deshalb würde er jetzt zu seinem Volk stehen, da es ihn am dringendsten brauchte.

Davon abgesehen stand ihm die Fürstenkrone rechtmäßig zu. Er würde nicht auf sein Erbe verzichten. Es war ihm bestimmt.

Zorn wallte in ihm auf. Ungeachtet der Tatsache, dass er sein ganzes Leben seinem Land gewidmet hatte und die nötige Ausbildung und Erfahrung für dieses Amt besaß, hing nun alles von der Entscheidung einer fremden Person ab. Es kränkte seinen Stolz, dass seine Zukunft, ja, die Zukunft seines Landes von diesem Besuch abhängen sollte.

Zum x-ten Mal schlug er den Bericht seines Ermittlers auf und überflog die Angaben, die er längst in- und auswendig kannte.

Luisa Katarin Alexandra Hardwicke. Vierundzwanzig. Alleinstehend. Selbstständig.

Erneut beruhigte er sich mit dem Gedanken, dass es keine Probleme geben würde. Sie würde hocherfreut einwilligen. Dennoch wünschte er, die Akte enthielte ein Foto der Frau, die eine so entscheidende Rolle in seinem Leben spielen sollte.

Entschlossen klappte er den Bericht zu. Es war egal, wie sie aussah. Schließlich war er nicht so schwach wie sein Vater. Raul hatte auf die harte Tour gelernt, wie verlogen Schönheit sein konnte. Ein Mann machte sich nur lächerlich, wenn er zum Spielball seiner Gefühle wurde. Nein, Raul herrschte mit dem Verstand über sein Leben wie über sein Land.

Luisa Hardwicke war der Schlüssel, um sein Fürstentum gegen Chaos und Unruhen abzusichern. Deshalb stand sein Entschluss fest, mochte sie auch hässlich wie die Nacht sein.

Verdammt! Die Kuh strampelte und hätte Luisa fast umgestoßen. Müde kämpfte sie in dem tiefen Morast am Bachufer um sicheren Halt.

Ein langer, anstrengender Vormittag lag hinter ihr. Nach dem Melken in aller Herrgottsfrühe hatte der Generator gestreikt, und als wäre dies nicht genug, hatte der Bankmanager anrufen und eine Betriebsprüfung angekündigt, die bedrohlich nach einem ersten Schritt zur Pfändung klang.

Ein schrecklicher Gedanke. Sie hatten mit ihrer kleinen Farmgenossenschaft so lange Dürren, Seuchen und Überschwemmungen getrotzt. Ausgerechnet jetzt, wo sie eine Chance hatten, alles zum Erfolg zu wenden, würde die Bank ihnen doch nicht den Geldhahn zudrehen!

Der Rotorenlärm eines Hubschraubers machte die Kuh noch unruhiger.

„Touristen?“, rief Sam. „Oder hast du uns ein paar gut betuchte Freunde verschwiegen?“

„Schön wär’s!“ Luisa kannte außer dem Bankmenschen niemanden, der so viel Geld hatte. Und der Gedanke an Ersteren erfüllte sie unweigerlich mit Besorgnis. Wenn kein Wunder geschah, drohte der Genossenschaft bald das Aus.

Unwillkürlich dachte sie an diese andere Welt, die sie für kurze Zeit kennengelernt hatte. Eine Welt, in der Geld kein Thema war und Reichtum ganz selbstverständlich. Wenn sie sich anders entschieden hätte, wäre sie jetzt eine reiche Frau ohne finanzielle Sorgen. Wenn sie Liebe und Integrität zugunsten von Luxus und Überfluss verraten und ihre Seele verkauft hätte.

Allein bei dem Gedanken daran wurde ihr übel. Nein, da stand sie lieber mit beiden Füßen hier im Morast und kämpfte mit den Menschen, die sie liebte, gegen den drohenden Bankrott an.

„Bist du bereit, Sam?“ Entschlossen stemmte sie die Schulter gegen die Kuh. „Jetzt! Langsam und stetig.“

Gemeinsam schafften sie es endlich, das Tier aus dem Morast zu befreien und Stück für Stück in die richtige Richtung zu be­wegen.

„Prima!“, keuchte Luisa. „Nur noch ein kleines Stück …“ Die weiteren Worte gingen im Rattern des Hubschraubers unter, der plötzlich fast über ihnen hinter der Hügelkuppe auftauchte.

Die Kuh bäumte sich erschrocken auf und stieß Luisa um. Wild mit den Armen rudernd, landete sie bäuchlings im Morast, von Kopf bis Fuß mit Matsch bedeckt.

„Luisa! Alles okay?“ Trotz aller Besorgnis musste ihr Onkel lachen.

Sie blickte hoch und sah, wie die Kuh schwankend davontrottete. Mühsam rappelte Luisa sich ebenfalls auf.

„Toll.“ So gut es ging, wischte sie sich den Schmutz aus dem Gesicht und lächelte Sam an. „Matsch soll doch gut für den Teint sein, oder? Vielleicht sollten wir das Zeug hier in Flaschen füllen und als Schönheitsmittel verkaufen.“

„Mach keine Witze darüber, Mädchen. Vielleicht kommt es noch so weit.“

Zehn Minuten später ließ Luisa Sam auf der Weide allein zurück und ging zum Haus. Overall und Gesicht fühlten sich ganz steif an von dem trocknenden Matsch, aber in Gedanken war sie bei dem Anruf der Bank. Ihre finanzielle Situation sah wirklich trostlos aus.

Doch jetzt würde sie erst mal duschen und sich eine schöne Tasse Tee gönnen.

Unwillkürlich verlangsamte sie ihre Schritte, als sie die Hügelkuppe erreichte. Auf der Wiese hinter dem Haus stand der Hubschrauber. Metall und Glas funkelten in der Sonne, ein kostspieliges Hightech-Spielzeug, das in krassem Kontrast zu dem verwitterten Holzhaus und dem alten, windschiefen Schuppen stand, der kaum dem Traktor und ihrem klapprigen Auto Schutz bot.

Luisa wurde von kalter Angst gepackt. War das vielleicht die angekündigte Betriebsprüfung? So bald und ohne weitere Vorwarnung? Im nächsten Moment schaltete sich ihr Verstand wieder ein. Keine Bank würde wegen einer Betriebsprüfung Geld für einen Hubschrauber verschwenden.

Jemand kam um den Hubschrauber herum, und Luisa blieb wie angewurzelt stehen. Im Gegenlicht der Sonne sah sie die Silhouette eines großen, schlanken Mannes, Inbegriff städtischer Eleganz und Männlichkeit. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie dunkles Haar und einen maßgeschneiderten Anzug, der vermutlich mehr gekostet hatte als ihr Traktor und Auto zusammen. Der Fremde wandte sich ab und ging ein paar Schritte, um mit jemandem hinter dem Hubschrauber zu sprechen. Seine Bewegungen verrieten die unterdrückte Kraft eines Panthers, die seine zivilisierte Erscheinung Lügen strafte.

Jetzt kehrte er ihr sein Profil zu. Luisa sah eine hohe Stirn, eine gerade, aristokratische Nase und ein markantes Kinn, das ebenso viel Entschlossenheit verriet wie seine sparsamen Gesten. Entschlusskraft und eine atemberaubend männliche Ausstrahlung.

Unerwartet durchzuckte es sie heiß. Verblüfft hielt sie den Atem an. Noch nie hatte sie sich derart zu einem Mann hingezogen gefühlt. Ja, sie hatte sich schon gefragt, ob sie das je erleben würde. Es war überwältigend und beunruhigend zugleich.

Denn trotz seiner eleganten Kleidung wirkte dieser Mann … gefährlich.

Sie lachte verächtlich. Gefährlich? Wahrscheinlich würde er in Ohnmacht fallen, wenn etwas Matsch seine handgefertigten Lederschuhe beschmutzte. Auf der Wäscheleine hinter dem Haus hingen ausgeblichene Jeans, abgetragene Hemden und dicke Socken. Ein spöttisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Der Typ war hier so fehl am Platz wie nur möglich. Entschlossen ging sie auf ihn zu. Wer, in aller Welt, mochte er sein?

Als hätte er gespürt, dass sie näher kam, drehte er sich um.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Ihre Stimme klang ungewohnt heiser.

„Hallo.“ Er lächelte sie an.

Luisa schluckte und bemühte sich, sein Lächeln zu erwidern. Er war tatsächlich umwerfend sexy, wenn man auf den Chauvi-Typ stand, mit unergründlichen, faszinierenden Augen und der Andeutung eines Grübchens im Kinn. „Haben Sie sich verflogen?“ Sie blieb wenige Schritte entfernt von ihm stehen und musste hochblicken, um ihm in die Augen zu sehen.

„Nein, das haben wir nicht“, antwortete er mit dem Anflug eines Akzents. „Ich suche Ms Hardwicke. Bin ich hier richtig?“

Überrascht zog Luisa die Brauen hoch. Die Frage war rhetorisch, denn seine selbstbewusste Haltung verriet, dass er nicht eine Sekunde an sich zweifelte. Mit einer lässigen Geste bedeutete er dem bulligen Mann, der gerade um das Haus herumkam, stehenzubleiben, während sein Blick nach einer weiteren Person Ausschau zu halten schien.

„Ja, Sie sind hier richtig.“

Luisa blickte von dem Mann am Haus, der unverkennbar ein Leibwächter war, zu dem Piloten, der seinen Hubschrauber checkte. Nicht weit davon bemerkte sie einen dritten Mann, der anscheinend telefonierte. Alle drei schienen sie wachsam zu beobachten.

Wer waren diese Männer? Und warum waren sie gekommen? Zum ersten Mal in ihrem Leben war Luisa nicht wohl dabei, so einsam hier draußen zu wohnen.

„Sind Sie in einer bestimmten Angelegenheit hier?“, erkundigte sie sich scharf.

„Ja, ich muss unbedingt Ms Hardwicke sprechen.“ Der sexy Unbekannte warf ihr einen flüchtigen Blick zu. „Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“

Luisa schoss das Blut heiß in die Wangen. Denn etwas in seinem Blick gab ihr das Gefühl, dass sie auch in sauberer Kleidung und ohne den Schmutz im Gesicht seinen Ansprüchen nicht genügt hätte. Stolz richtete sie sich auf. „Sie haben sie gefunden.“

Diesmal sah er sie wirklich an – so intensiv und prüfend, dass sie erst recht errötete. Seine grünen Augen blitzten auf. Augen, so klar und grün wie Smaragde. Und der Ausdruck darin war ehrlich überrascht und … bestürzt. Im nächsten Moment jedoch hatte er seine Reaktion schon wieder im Griff und zeigte Luisa eine unergründliche Miene. „Ms Luisa Hardwicke?“

Er sprach ihren Namen so aus, wie es ihre Mutter getan hatte, mit einem weichen „s“ und einem Tonfall, der ihn zu etwas Besonderem machte. Wieder beschlich Luisa eine Vorahnung, doch sie schob sie beiseite. Der Akzent musste Zufall sein, denn jene Welt war längst unerreichbar für sie. Kurz entschlossen wischte sie sich, so gut es ging, den Schmutz von den Händen und ging mit ausgestreckter Hand auf den Fremden zu. Es war Zeit, selbst die Initiative zu ergreifen. „Und wer sind Sie?“

Nach nur kurzem Zögern nahm er ihre dargebotene Rechte … und deutete eine Verbeugung an, als wolle er ihr die Hand küssen. Eine Geste, die ebenso charmant wie fremdländisch anmutete. Als er sich wieder aufrichtete, gab sie sich alle Mühe, die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu ignorieren, und hielt seinem forschenden Blick stand.

„Ich bin Raul von Monteregio“, sagte er schlicht, aber mit einem so selbstverständlichen Stolz, dass sie sich einbildete, im Hintergrund das Schmettern von Fanfaren zu hören. „Kronprinz Raul.“

Da Raul immer noch ihre Hand hielt, fühlte er buchstäblich, wie sie erstarrte. Im nächsten Moment riss sie sich von ihm los, wich einen Schritt zurück und verschränkte schützend die Arme vor der Brust.

Sofort war sein Interesse geweckt. Dies war nicht gerade die Art, wie man ihn gewöhnlich willkommen hieß. Die meisten Menschen zeigten freudige Begeisterung oder heuchelten sie zumindest.

„Warum sind Sie hier?“, fragte sie heiser. Es klang verletzlich und feminin.

Feminin! Bislang hatte er nicht mal registriert, dass sie eine Frau war. Von den matschverkrusteten Stiefeln über den groben Overall bis hin zu dem alten Schlapphut, unter dessen Krempe sich ihr schmutzverschmiertes Gesicht verbarg, besaß sie so viel Sexappeal wie ein Kohlkopf!

Entsetzt versuchte er, sie sich in der monteregianischen Gesellschaft vorzustellen, wo höfisches Protokoll und makellose Manieren alles waren. Die Sache war schlimmer, als er befürchtet hatte. Aber es gab keinen Ausweg, wenn er sein Anrecht auf den Fürstenthron geltend machen und seinem Land Sicherheit bringen wollte.

Nicht zum ersten Mal verwünschte er die archaischen Gesetzesvorschriften, die ihm die Hände banden. Wenn er erst Fürst war, würde sich einiges ändern.

„Ich habe Sie gefragt, was Sie auf meinem Land suchen.“ Diesmal war der feindselige Unterton nicht zu überhören.

Faszinierend. „Verzeihen Sie“, bat er mit einem gewinnenden Lächeln. „Wir müssen wichtige Dinge besprechen.“

Vergeblich wartete er darauf, dass sie sein Lächeln erwiderte. Ihre Miene wie ihre Haltung blieben starr und unnachgiebig.

„Wir müssen gar nichts besprechen“, entgegnete sie unbeirrt.

Sie wies ihn einfach so ab? Das war absurd! „Aber doch, es ist so“, versicherte Raul, äußerlich gefasst, während er insgeheim mit dem Schicksal haderte, das ihn dazu verdonnert hatte, ausgerechnet auf diese Frau angewiesen zu sein. Er hätte sich wirklich keine ungeeignetere Person vorstellen können, um …

„Ich möchte, dass Sie verschwinden.“

Er erstarrte empört, während seine Neugier gleichzeitig wuchs. Wenn er sie nur ohne diese Maske aus Schmutz sehen könnte!

„Ich habe den ganzen Weg aus meiner Heimat in Europa auf mich genommen, um mit Ihnen zu sprechen.“

„Unmöglich. Ich …“

„Tatsächlich habe ich die weite Reise nur aus diesem Grund gemacht.“ Raul richtete sich zu seiner ganzen beeindruckenden Größe auf und trat einen Schritt näher. „Und ich werde nicht eher gehen, bis wir unsere Angelegenheit zu einem Abschluss gebracht haben“, fügte er in einem Ton hinzu, der keinen Widerspruch duldete.

Mit einem unguten Gefühl eilte Luisa nervös durchs Haus nach draußen auf die Veranda, wo sie ihren Besucher zurückgelassen hatte.

Der Kronprinz von Monteregio, dem Heimatland ihrer Mutter, hier in ihrem Haus! Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Sie hatte ihr Möglichstes versucht, ihn fortzuschicken, um sich den schmerzlichen Erinnerungen nicht stellen zu müssen. Aber er hatte sich als erschreckend hartnäckig erwiesen.

Außerdem wollte sie natürlich wissen, warum er gekommen war. Nach einer gründlichen Dusche und in sauberer Kleidung glaubte sie sich der Konfrontation einigermaßen gewachsen und unterdrückte die aufsteigende Panik, so gut es ging.

Doch als sie Raul auf ihrer kleinen Veranda gegenübertrat, fühlte sie sich sofort hilflos und unbedeutend. Seine aristokratischen Züge erinnerten sie an die Jugendbilder des alten Fürsten … atemberaubend attraktiv und stolz. Sein ganzes Auftreten strahlte Selbstbewusstsein und Autorität aus.

Aber eine fürstliche Hoheit kam nicht einfach so auf einen Besuch vorbei. Wieder beschlich Luisa eine beunruhigende Vorahnung. Schatten einer stürmischen Vergangenheit zogen herauf.

Als er sich zu ihr umdrehte und sie intensiv betrachtete, setzte ihr Herz für einen Schlag aus, um im nächsten Moment wie wild zu pochen. Bestürzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht nur der Status ihres Besuchers, sondern vor allem auch der Mann selbst nervös machten. Sie unterdrückte das Bedürfnis, glättend über ihre schlichte Bluse zu streichen, denn insgeheim wünschte sie sich, sie hätte diesem Mann auf Augenhöhe begegnen können, piekfein herausgeputzt und perfekt gestylt. Doch ihr mageres Budget ließ nicht mal Raum für einen neuen Fön.

Trotzig strich sie sich die feuchten Locken aus dem Gesicht und hielt Rauls Blick stolz stand. In ihrem eigenen Haus würde sie sich nicht einschüchtern lassen.

„Ich habe gerade Ihre Aussicht bewundert“, sagte er höflich. „Wirklich eine wunderschöne Landschaft.“

Luisa blickte über die ihr so vertrauten, sanft geschwungenen Hügel. Natürlich wusste auch sie die Schönheiten der Natur zu schätzen, aber sie hatte schon lange keine Zeit mehr gefunden, sie zu genießen.

„Noch vor zwei Monaten wären Sie nicht so beeindruckt gewesen. Wir hatten zwei Jahre Dürre.“ Obwohl sie ahnte, dass der Besuch dieses Mannes nichts Gutes bedeutete, gab sie sich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. „Möchten Sie nicht hereinkommen?“

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hielt Raul ihr die Tür auf. Als sie an ihm vorbei ins Haus trat und den dezenten Duft seines teuren Aftershaves einatmete, durchzuckte es sie heiß. Keiner der Männer, die sie kannte, duftete so gut oder sprach so gewählt wie Raul von Monteregio.

„Nehmen Sie doch Platz.“ Sie deutete auf die Stühle rund um den massiven alten Küchentisch. Auch wenn er Aristokrat war, konnte er ruhig mit dem Platz vorlieb nehmen, an dem sie sich gewöhnlich mit Freunden und Geschäftspartnern zusammensetzte.

„Natürlich.“ Ohne zu zögern nahm er einen Stuhl und setzte sich.

„Kaffee oder Tee?“

„Nein, danke“, wehrte er höflich ab.

Angespannt setzte sie sich ihm gegenüber. „Also schön, Eure Hoheit, was kann ich für Sie tun?“, erkundigte sie sich mit einem spöttischen Unterton.

Er betrachtete sie einen Moment lang schweigend. „Es geht nicht darum, was Sie für mich tun können“, sagte er dann langsam, „sondern darum, was ich für Sie tun kann.“

Hüte dich vor Fremden, die dir etwas versprechen, schoss es ihr beunruhigt durch den Kopf. Jahre zuvor hatte man ihr das Blaue vom Himmel versprochen und ihr die Zukunft in den schönsten Farben ausgemalt. Doch es hatte sich als leerer Schein entpuppt. Sie hatte auf die harte Tour gelernt, misstrauisch zu sein … nicht nur einmal, sondern gleich zweimal. „Ach ja?“, erwiderte sie deshalb argwöhnisch.

Raul nickte. „Aber zuerst muss ich mich vergewissern, dass Sie das einzige Kind von Thomas Bevan Hardwicke und Margarite Luisa Carlotta Hardwicke sind.“

Sie erstarrte, denn er klang wie ein Anwalt, der gekommen war, um schlechte Nachrichten zu überbringen. Aber waren ihre Verbindungen nach Monteregio nicht vor Jahren endgültig gekappt worden? „Ja, das ist richtig“, bestätigte sie zögernd. „Aber ich verstehe nicht …“

„Es zahlt sich immer aus, ganz sicherzugehen“, unterbrach er sie unbeirrt. „Sagen Sie, wie viel wissen Sie über mein Land? Über die Regierung und die Provinzen?“

Luisa bezwang ihre Ungeduld, denn sie spürte zu genau, dass ihr Gegenüber sich in seinem Vorgehen nicht beirren lassen würde. „Genug“, antwortete sie deshalb schroff. „Es ist ein Fürstentum in den europäischen Alpen. Eine konstitutionelle Monarchie mit einem Parlament und einem Fürsten als Staatsoberhaupt.“

„Richtig. Mein Vater, der Fürst, ist vor Kurzem gestorben. In wenigen Monaten werde ich zum neuen Fürsten gekrönt.“

„Mein Beileid zu Ihrem Verlust“, erwiderte Luisa verwirrt. Was wollte er von ihr?

„Danke.“ Er schwieg einen Moment, bevor er unvermittelt fragte: „Und was wissen Sie über Ardissia?“

Luisa presste die Lippen zusammen. Bei allem Charme besaß er die Hartnäckigkeit eines Bulldozers, der sich durch nichts von seinem Weg abbringen ließ. „Es ist eine der Provinzen von Monteregio, die zum Herrschaftsgebiet des Fürsten zählt. Meine Mutter stammte von dort, wie Sie ganz sicher wissen“, fügte sie bitter hinzu, von schmerzlichen Erinnerungen bestürmt. „Und jetzt bin ich an der Reihe, eine Frage zu stellen.“ Sie beugte sich herausfordernd vor. „Warum sind Sie hier?“

Mit klopfendem Herzen wartete sie auf seine Antwort.

„Ich bin gekommen, um Sie ausfindig zu machen.“

„Warum?“, fragte sie ahnungsvoll.

„Der Prinz von Ardissia ist tot. Hiermit überbringe ich Ihnen die Nachricht, dass Sie seine Erbin sind, Prinzessin Luisa von Ardissia.“

2. KAPITEL

Raul sah, wie sie unter ihrer Sonnenbräune kreidebleich wurde. Würde sie etwa ohnmächtig werden?

Na toll!

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“

„Selbstverständlich“, erwiderte Luisa stolz, obwohl ihr Blick etwas anderes sagte.

Tatsächlich hatte sie faszinierende Augen, wenn sie nicht unter der breiten Krempe des Hutes verborgen waren. Eben noch blaugrau, leuchteten sie jetzt in klarstem Blau. Wie der Sommerhimmel in den monteregianischen Alpen, dachte Raul unwillkürlich. Augen, in denen man sich verlieren konnte.

Überhaupt … jetzt, da all der Schmutz abgewaschen war, zeigte sich, dass sie sehr ebenmäßige Gesichtszüge mit überraschend vollen, sinnlichen Lippen hatte und durchaus attraktiv war.

Wenn man kompromisslose Schlichtheit und Natürlichkeit mochte.

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