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JULIA EXTRA BAND 375

SHARON KENDRICK

Im goldenen Käfig des Italieners

Der süße Duft ihres Parfüms weckt in Dante Erinnerungen – und Verlangen. Damals hat er die Affäre mit Justina beendet, weil er keine Zukunft mit ihr sah. Aber damals war damals – und heute ist heute … Nacht!

LYNNE GRAHAM

Auf der Jacht des Milliardärs

Illusionen hat der Milliardär Mikhail keine, Geld dagegen viel. Weshalb er Kat ein unmoralisches Angebot macht: Einen Monat lang soll sie seine bezahlte Geliebte werden! Erfolgsgewohnt erwartet er ihr Ja …

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Entscheide dich für die Liebe!

Normalerweise machen die Frauen es ihm leicht. Bis Drake der Kellnerin Layla begegnet: bildschön – aber kühl! Eine nie gekannte, aber sehr verführerische Herausforderung für den berühmten Architekten …

BARBARA WALLACE

Eiskalte Tage, feurige Nächte

Sich in den Boss verlieben? Nein! Liz‘ Leben ist auch ohne romantische Verwicklungen kompliziert genug. Da braucht sie nicht einen umschwärmten, arroganten Anzugträger! Aber Charles Bishop sieht das anders …

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Im goldenen Käfig des Italieners

1. KAPITEL

Dante D’Arezzo konnte den exakten Zeitpunkt bestimmen, zu dem seine Exverlobte die Kathedrale betrat. Zuerst wurde es schlagartig still, und danach erhob sich ein aufgeregtes Raunen.

„Oh, das ist doch Justina Perry!“

„Wow!“

Dantes Herz hämmerte wild, während sich die Hochzeitsgäste nach Justina umdrehten. Sie wollten wissen, ob ihr Gesicht schon die ersten Altersspuren aufwies, und falls ja, ob sie diese kaschiert oder auch nicht kaschiert hatte. Ob sie zu- oder abgenommen hatte. Was für ein Kleid sie trug und so weiter und so fort. Die Leute wollten schlicht alles über Justina Perry wissen, die vor zehn Jahren eine Weile prominent gewesen war. Sobald jemand berühmt war, leitete die Öffentlichkeit daraus sofort eine Art Besitzanspruch ab.

Das alles wusste Dante. Immerhin hatte er Justina lange genug vom Spielfeldrand aus beobachtet, um die Schattenseiten des Ruhms zu kennen. Um zu wissen, dass Berühmtheit die Menschen korrumpieren, ihre Persönlichkeit zerstören und sich wie ein schleichendes Gift in ihrem Alltagsleben ausbreiten konnte.

Das rabenschwarze lange Haar kunstvoll hochgesteckt, bewegte Justina sich geschmeidig wie eine Raubkatze den breiten Mittelgang der Kathedrale von Norwich hinunter in Richtung Altar, wo gleich die Sängerin ihrer ehemaligen Band getraut werden sollte. Sie trug ein orientalisch anmutendes, mit Drachen und Blumen besticktes Kleid aus elfenbeinfarbenem Satin, das auf den ersten Blick fast züchtig wirkte. Doch dann sah Dante den langen Schlitz an der Seite, der bei jedem Schritt auf ihren High Heels für einen quälenden Sekundenbruchteil ein langes nacktes Bein enthüllte.

Dante wurde von unerwünschtem Verlangen überschwemmt, dicht gefolgt von wütender Empörung. Sie machte sich also immer noch wie eine puttana zurecht. Und genoss die begehrlichen Blicke fremder Männer, die sich irgendetwas über diese Frau mit dem sündigen Körper und dem seelenvollen Gesicht eines dunklen Engels zusammenfantasierten …

Doch sein Verlangen war stärker als seine Wut. Er ließ Justina nicht aus den Augen, bis sie in einer der vorderen Bankreihen Platz nahm. Plötzlich konnte er nur noch daran denken, wie lange es her war. Fünf endlose Jahre hatte er sie nicht mehr gesehen. Eigentlich lange genug, um gegen ihre raubtierhafte Ausstrahlung immun zu werden, sollte man meinen. Aber warum dann jetzt dieses irre Herzklopfen? Und – weit katastrophaler noch – warum wurde er so hart, dass er sich das Blatt mit den Liedertexten sorgsam auf dem Schoß drapieren musste?

Als die Zeremonie begann, versuchte er an etwas anderes zu denken, doch weit kam er nicht. Vor allem, weil das ganze Ritual auch noch viel länger zu dauern schien als üblich. Was wahrscheinlich daran lag, dass der Bräutigam erst vor Kurzem in den Stand eines Dukes erhoben worden war. Und so purzelten in Dantes Kopf längst vergessen geglaubte Bilder wild durcheinander.

Justina, die sich zwischen zerwühlten weißen Laken unter ihm wand.

Justina mit ihrem pechschwarzen Haar, der blassen Magnolienhaut und den aufregenden bernsteinfarbenen Augen.

Er konnte fast die süße Enge ihres Körpers wieder spüren. Und sah diese betörenden kleinen Nippel vor sich, wie geschaffen dafür, um vom Mund eines Mannes verwöhnt zu werden. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Konnte er nicht endlich den einzigen schwerwiegenden Fehler seines Lebens ein für allemal hinter sich lassen, den einzigen Makel in seinem ansonsten makellosen Leben? Er hatte Vorfahren, auf die er stolz sein konnte. Darunter waren Gelehrte, Generäle und Diplomaten gewesen, alter Adel mit viel Land und wenig Geld.

Doch seit Dante die Familiengeschäfte übernommen hatte, entwickelten sich auch die Finanzen ausgesprochen positiv.

Heute besaß die Familie D’Arezzo außer einem großen Weingut bei Florenz fast überall auf der Welt ausgedehnte Ländereien. Dante hatte alles, was sich ein Mann nur wünschen konnte, dennoch war sein Herz seltsam leer.

Jetzt läuteten die Kirchenglocken triumphierend das Ende der Zeremonie ein. Und dann schwebte Roxy Carmichael, eingehüllt in eine weiße Wolke aus Tüll und perlenbestickter Seide, am Arm ihres frischgebackenen Ehemanns den Mittelgang hinunter. Dante schüttelte ungläubig den Kopf. Wer hätte das gedacht? Als er Roxy zum letzten Mal gesehen hatte, war sie, nur mit einem handbreitem Stück Glitzerstoff bekleidet, über eine riesige Bühne gewirbelt.

Roxy, Justina und Lexi hatten sich die „Lollipops“ genannt, die aufregendste Girl-Band der Welt. Und er war eine ganze Weile mehr als nur ein ganz normaler Fan gewesen.

Dante blieb noch sitzen, wartete, während sich die Kathedrale langsam leerte. Wie würde Justina reagieren, wenn sie ihn hier sah? Ob sie ihre Entscheidung jemals bereut hatte? Diese Entscheidung, die schließlich zum Bruch ihrer Verlobung geführt hatte? Gestern Abend hatte er nicht widerstehen können, eine Internetsuche nach ihr zu starten. Da hatte er erfahren, dass sie immer noch unverheiratet und kinderlos war. Mit fast dreißig. Wurde es da nicht langsam Zeit für ein Kind? Ein hartes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Justina doch nicht! Was sollte Justina mit einem Kind? Ihre Karriere bedeutete ihr alles. Absolut alles.

Sein Blick scannte ihr blasses Gesicht ab, während sie auf ihn zukam. Als sie ihn entdeckte, erstarrte sie. Er schaute ihr in die ungläubig aufgerissenen bernsteinfarbenen Augen, die jetzt fast golden wirkten, weil sie noch blasser geworden war. Sah in den Tiefen dieser Augen etwas aufblitzen, das er nicht einordnen konnte. Und auch nicht einordnen wollte, weil es ihm schlicht egal war, was Justina Perry fühlte oder dachte. Trotzdem verspürte er eine Art Genugtuung, als er sah, dass sie bei seinem Anblick plötzlich nervös schluckte.

Sie war jetzt auf selber Höhe mit ihm. So nah, dass ihm ihr Duft in die Nase wehte, eine Mischung aus Honig und Jasmin. Und dann war sie auch schon vorbei, und er wurde auf eine hübsche Blondine in der Reihe vor ihm aufmerksam, die sich lächelnd zu ihm umdrehte.

Aber Dante erwiderte ihr Lächeln nur sehr flüchtig. Er war nicht hier, um Frauenbekanntschaften zu machen. Obwohl er eigentlich gar nicht so genau wusste, warum er dieser gänzlich unerwarteten Einladung überhaupt gefolgt war. Um endlich ein Gespenst ein für alle Mal zur Ruhe zu betten? Um sich selbst zu beweisen, dass ihn die einzige Frau, die ihm jemals unter die Haut gegangen war, inzwischen völlig kaltließ?

Er trat aus der dämmrigen Kathedrale hinaus in das kühle Licht des Tages, wo ihm der Duft der Blüten in die Nase stieg, mit denen das Kirchenportal geschmückt war. Prompt fiel sein Blick auf Justina. Sie stand auf der anderen Seite des Innenhofs inmitten einer Ansammlung von Leuten, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten. Aber sie sah sich suchend um, und als sie ihn entdeckte, und sie sich ansahen, durchzuckte es ihn heiß, auch wenn ihm schleierhaft war, warum.

Wie magisch angezogen begann Dante auf sie zuzugehen. Beim Näherkommen sah er, wie sich ihre Schneidezähne in ihre volle weiche Unterlippe gruben. Dabei musste er daran denken, wozu diese schönen Lippen imstande waren. Und wurde jäh ein weiteres Mal von einer Welle der Lust überschwemmt.

Nachdem ihn die Leute, die sich um Justina scharten, einen Moment lang neugierig angestarrt hatten, wichen sie zur Seite, um ihn durchzulassen.

„Na, so was“, sagte er, als er bei ihr angelangt war. „Wen haben wir denn da?“

Justinas Herz klopfte zum Zerspringen. All ihre Sinne waren schlagartig zum Leben erwacht; es war, als ob sie einen Stromschlag erhalten hätte. Ihre Brustwarzen kribbelten, und zwischen ihren Beinen entwickelte sich eine feuchte Hitze. Verdammt, was war das denn? Sie wollte diesen betrügerischen Bastard nicht begehren! Sie musste unbedingt nach außen hin cool bleiben! Auch wenn das gar nicht so leicht war. Wie auch, wo sein Gesicht plötzlich wieder so nah war … das schönste, beeindruckendste Gesicht, das sie je gesehen hatte. Sein dunkler Blick bohrte sich in ihre Augen, sein kraftvoller Körper brannte sich in ihr Bewusstsein ein. Plötzlich fühlte sie sich so kraftlos und schwach, als ob man ihr alles Blut aus dem Körper gepumpt und durch Wasser ersetzt hätte.

Reiß dich zusammen! befahl sie sich. Lass dir bloß keine Schwäche anmerken! Das hier ist Dante D’Arezzo. Der Mann, der Liebe mit Kontrolle verwechselt. Der dir kalt lächelnd den Laufpass gegeben hat, nur weil du es abgelehnt hast, dich von ihm wie eine Marionette behandeln zu lassen. Und der ohne mit der Wimper zu zucken gleich darauf mit einer anderen ins Bett gegangen ist, und …

Sie sah vor ihrem geistigen Auge ein Bett mit zerknüllten Laken, einen zerzausten langen blonden Haarschopf, einen runden knackigen Po. Und den auf dem Rücken liegenden Dante, der sich mit einem ekstatischen Lächeln auf den verräterischen Lippen von seiner nackten Gespielin jeden Wunsch erfüllen ließ …

Die lebhaften Bilder seines Verrats hatten sich so unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie auch nach fünf langen Jahren nicht verblasst waren. Sie durfte nicht daran denken. Das konnte sie sich einfach nicht leisten. Sie musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war, und das war im Moment, ihn so schnell wie möglich loszuwerden.

Also strafte Justina ihn mit einem verächtlichen Blick und sagte: „Danke, dass du mir den Tag versaut hast. Wer hat dich eingeladen?“

Eine so unverhüllt feindselige Reaktion hatte Dante nicht erwartet, aber eigentlich konnte es ihm nur recht sein. „Na, wer wohl? Die Braut natürlich. Oder denkst du, ich schleiche mich ein?“

Justina erschauerte unwillkürlich, als er noch näher kam und der Schatten seines kraftvollen durchtrainierten Körpers über sie fiel wie ein böses Omen. Als ob Dante es jemals nötig gehabt hätte, sich irgendwo einzuschleichen.

„Wirklich?“, fragte sie, und wünschte, sie könnte anders auf ihn reagieren. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er plötzlich wieder auftauen, nachdem er zuvor jahrelang unter arktischem Eis begraben gewesen war. Sie meinte, auf der Stelle vergehen zu müssen, wenn sie Dante nicht sofort berührte, wenn sie nicht jetzt gleich seine harten Lippen auf ihren spürte. Plötzlich erinnerte sie sich daran, wie er früher seinen Kopf zwischen ihre Beine geschoben und sie dort liebkost hatte. Sofort erschauerte sie heftig in einer Mischung aus Scham und Verlangen. Wie machte er das bloß? Wie konnte es sein, dass sie ihn immer noch begehrte, obwohl sie ihn so hasste?

„Ich wusste gar nicht, dass du noch Kontakt mit Roxy hast.“

„Ich auch nicht.“ In seinen dunklen Augen tanzten spöttische Fünkchen. „War wahrscheinlich ein Anfall von Großmut, jetzt, wo sie ihren Duke gefunden hat.“

Gespielt gelassen musterte sie ihn, während sie ihren Schöpfer um Gleichmut anflehte, um einen Gleichmut, den sie diesem toskanischen Aristokraten noch nie entgegengebracht hatte. Er trug – ebenso wie alle anderen männlichen Gäste – einen dunklen Anzug, aber die Grandezza, die er ausstrahlte, machte ihn zu etwas Besonderem. Der teure schwarze Stoff schmiegte sich an seinen großgewachsenen muskulösen Körper, betonte die schmalen Hüften und langen Beine. Doch unter dieser eleganten Oberfläche brodelte bei Dante D’Arezzo eine Wildheit fast primitiven Ursprungs. Er gehörte zu jener Sorte Mann, die sich bedenkenlos nahm, was ihr gefiel. Die Frauen dazu brachte, vor Glück und Lust laut zu schluchzen. Und vor Schmerz, erinnerte sich Justina. Besonders vor Schmerz. Ein Schmerz, der einfach nicht vergehen wollte.

„Vielleicht brauchte Roxy ja noch ein bisschen Füllmaterial“, sagte sie schulterzuckend mit Blick auf die Kathedrale. „So eine riesige Kirche muss man erst mal vollkriegen. Außerdem schmückt ein italienischer Aristokrat jede Gästeliste.“

Er parierte ihre spitze Bemerkung mit einem gönnerhaften Lächeln. „Es ist lange her, Justina“, sagte er leise.

„Fünf Jahre.“ Sie lächelte angestrengt. „Wenn man Spaß hat, vergeht die Zeit wie im Flug … was ich von der Zeit mit dir nicht gerade behaupten kann.“

Aber er schien gar nicht richtig zuzuhören. Er taxierte sie eingehend … als ob sie sein Eigentum wäre.

„Du bist dünn geworden“, stellte er schließlich fest.

Sie spürte, dass ihr Herz ins Stolpern kam, wobei sie nicht wusste, ob es vor Wut war oder vor Enttäuschung. Das war wieder mal typisch Dante! Er erwähnte etwas, worauf sie stolz war, aber aus seinem Mund klang es, als ob sie etwas verbrochen hätte. Für diesen Körper brachte sie große Opfer. Jeden Morgen quälte sie sich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, um zu laufen, bei Wind und Wetter. Und in sämtlichen Hotels, in denen sie abstieg, besuchte sie zu den abenteuerlichsten Tages- und Nachtzeiten die Fitnessräume, immer mit Stöpseln im Ohr, über die sie laute Musik hörte. Aber immerhin bewahrte dieses strenge Regiment sie davor, in ein tiefes Loch zu fallen, was bei ständigen einsamen Hotelaufenthalten eine große Gefahr war.

Nach fünf Uhr nachmittags gestattete sie sich keine Kohlehydrate mehr, Alkohol war nur ausnahmsweise erlaubt. Sie war unheimlich diszipliniert, weil es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wurde, sich fit zu halten.

Ihre körperliche Fitness half ihr, das Leben zu meistern. Ihre körperliche Fitness war ihre Erfolgsgarantie in einer Industrie, in der Jugendlichkeit alles bedeutete und diejenigen, die den irrsinnig hohen Anforderungen nicht gewachsen waren, auf der Strecke blieben, manchmal sogar ihr Leben ließen. Justina hatte ihrer Karriere zu viel geopfert, um sie durch Unachtsamkeit oder Leichtsinn zu gefährden.

„Ja, zum Glück. Weil ich es so wollte“, betonte sie, während ihr Blick über seinen dunklen Anzug wanderte, unter dem sich sein muskulöser Körper abzeichnete „Du solltest dir auch mal ein bisschen Bewegung gönnen, Dante. Derzeit ist der hagere Typ angesagt.“

„Danke für den Rat, aber ich habe genug Bewegung.“ Er beugte sich leicht vor und sah, dass sich ihre Pupillen geweitet hatten. Und spürte wieder, dass er sie wollte. Er wollte sie so sehr, dass er sie am liebsten an sich gerissen und seinen Mund auf ihre samtweichen Lippen gepresst hätte. Seine Augen glitzerten. „Und mein Körper ist überall an den richtigen Stellen hart.“

Justina spürte ihr Gesicht heiß werden und trat nervös einen Schritt zurück. „Du bist abscheulich.“

„Ach ja? Wenn ich mich recht erinnere, wusstest du diese besondere Art von Abscheulichkeit früher durchaus zu schätzen.“

„Das ist lange her. Zum Glück bin ich seitdem erwachsen geworden, mein Geschmack hat sich verfeinert. Neandertaler lassen mich kalt.“

„Dann musst du dich aber wirklich sehr verändert haben. Ich habe nie wieder eine Frau kennengelernt, die so von männlicher Dominanz angetörnt war wie du“, zog er sie mit seidenweicher Stimme auf.

Bei seinen Worten wurde Justina von lange verdrängten Erinnerungen überschwemmt. Daran, wie Dante sie küsste. Wie Dante in sie stieß.

Wie Dante es auch mit anderen Frauen machte …

Sie hätte am liebsten laut geschrien. Sie wollte auf ihn einschlagen, fragen, warum er das getan hatte … warum? Aber sie würde sich hüten. Weil es völlig sinnlos war, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Das alles lag hinter ihr, sie lebte jetzt. Sie hatte ihre Zukunft noch vor sich, eine Zukunft, in der er keine Rolle mehr spielte.

Und jetzt musste sie sofort weg von hier.

Justina fixierte einen unsichtbaren Punkt über seiner Schulter und verzog den Mund zu einem Lächeln, als ob sie hinter ihm gerade einen Bekannten entdeckt hätte. Um Zeit zu schinden, die sie benötigte, um ihre Fassung wiederzufinden. Und als sie ihm wieder in die dunklen Augen schaute, gelang es ihr tatsächlich, so etwas wie Gleichmut vorzutäuschen.

„Du darfst es wirklich nicht zulassen, dass ich dich noch länger mit Beschlag belege, Dante. Wo es hier doch bestimmt jede Menge Leute gibt, die es gar nicht erwarten können, in den Genuss deiner Aufmerksamkeit zu kommen. Wie zum Beispiel die junge Dame da drüben, die schon die ganze Zeit verzweifelt versucht, irgendwie aufzufallen. Ich wette, dass es mit ihr heute noch zum Vollzug kommt.“

Damit wandte sie sich ab, wobei sie betete, dass er nicht versuchen würde, sie aufzuhalten. Und der Himmel hatte ein Einsehen. Sie registrierte, wie Dante kurz die Augen zusammenkniff, als sie auf dem Absatz kehrtmachte und sich in Sicherheit brachte. Ihr war, als würde sich sein Blick wie ein glühender Pfeil in ihren Rücken bohrte. Ihre Hände zitterten, ihr Herz raste, und einen Moment lang überlegte sie, ob sie nicht besser sofort von hier verschwinden sollte.

Aber das konnte sie Roxy unmöglich antun, nachdem sie sich jahrelang aus den Augen verloren hatten. Sie drehte das Gesicht weg, als ihr ein Paparazzo mit Kamera im Anschlag entgegenkam, und stieß einen zitternden Seufzer aus. Sie musste sich einfach nur wie ein erwachsener Mensch benehmen, dann würde sie den Tag schon heil überstehen. So schwierig konnte es schließlich nicht sein, Dante aus dem Weg zu gehen, außerdem würde er bestimmt nicht lange bleiben.

Sie bestieg einen der roten Doppeldeckerbusse, die bereitstanden, um die Hochzeitsgäste zum Familiensitz des Bräutigams zu transportieren, und suchte sich einen Platz. Der Bus holperte über die engen Landstraßen Norfolks, bevor er das schwere Tor passierte, hinter dem sich am Ende einer langen, mit Kies bestreuten Auffahrt das Anwesen des Dukes erhob. Als das Fahrzeug vor dem Eingang anhielt, blickte Justina mit vor Ehrfurcht angehaltenem Atem auf das beeindruckende palastartige Gebäude, das sie bereits aus Roxys lebhaften Schilderungen kannte.

Die inmitten einer grünen Parklandschaft gelegene Valeo Hall wurde von zwei zähnefletschenden Bronzelöwen auf hohen Steinsockeln bewacht. Ein von mächtigen Säulen flankierter Treppenaufgang führte zu einem wuchtigen Eichenportal, das mit denselben duftenden weißen Blüten geschmückt war wie die Tür der Kathedrale. Nachdem Justina aus dem Bus gestiegen war, nahm sie den Blütenduft tief in sich auf. Glückliche Roxy, dachte sie. Für Roxy begann jetzt ein neues Leben. Justina verspürte einen kleinen Stich von Neid, aber das war doch nur menschlich, oder?

Sie reihte sich in die Schlange der Gratulanten ein und wartete geduldig, bis sie an der Reihe war. Nachdem sie den beeindruckend gut aussehenden Duke kurz umarmt hatte, fühlte sie sich eine Sekunde später in eine duftige Wolke aus Tüll und weißer Spitze eingehüllt.

„Oh, Jus!“ Roxy strahlte übers ganze Gesicht. „Wie schön, dass du gekommen bist. Und wie fandest du die Trauung?“

„Wunderschön. Und du siehst wunderschön aus. Du bist die schönste Braut, die ich je gesehen habe. Aber du hast mir gar nicht erzählt, dass Dante auch kommt“, fügte Justina flüsternd hinzu.

„Hätte ich?“ Roxy lächelte verschwörerisch, fast so, als wären sie beide wieder neunzehn. „Ich dachte mir einfach, dass das alles schon so ewig her ist, dass es kein Hinderungsgrund sein sollte, ihn einzuladen, meinst du nicht?“

Justina lächelte trocken. Was sollte sie sagen? Roxy hatte ja recht. Es war schließlich ihre eigene Schuld, wenn sie nach so langer Zeit immer noch nicht damit klarkam. Deshalb blieb ihr jetzt gar nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das war sie Roxy einfach schuldig.

„Nein, nein, kein Problem“, versicherte sie eilig. „Außerdem kann es nie schaden, alte Erinnerungen aufzufrischen.“

Nach diesen Worten machte Justina dem nachfolgenden Gratulanten Platz und nahm dabei von einer vorbeikommenden Serviererin ein Glas Champagner entgegen. Sie trank schnell einen großen Schluck, mit der angenehmen Folge, dass sich der Aufruhr in ihrem Innern etwas zu legen begann. Warum sollte sie sich auch von Dante D’Arezzo einschüchtern lassen? Sie war schließlich eine gestandene Frau und kein Mäuschen. Sollte er ihr heute noch einmal in die Quere kommen, würde sie ihn einfach auflaufen lassen.

Justina schaute sich um. Die Gäste strömten in einen großen, festlich geschmückten, in Weiß und Gold gehaltenen Saal. Glitzernde Kronleuchter warfen in allen Regenbogenfarben schillernde Strahlen auf das antike Kristall und Silber, das sich bereits seit Generationen im Familienbesitz befinden musste.

Beim Studieren der Sitzordnung stellte Justina erleichtert fest, dass man sie zwischen einem alten Brigadegeneral und einem gewissen Lord Aston platziert hatte. Das war die Gewähr dafür, dass ihr Dantes Gesellschaft erspart bleiben würde. Allem Anschein nach war Roxy zumindest diplomatisch genug gewesen, sie und Dante möglichst weit auseinander zu setzen.

Weil der Boden glatt, ihre Absätze hoch und ihr Kleid eng war, benötigte sie ihre volle Konzentration, um den Weg zu ihrem Tisch unfallfrei zurückzulegen. Dabei versäumte sie es, auf ihre Umgebung zu achten, sodass sie alarmiert zusammenzuckte, als sie sah, wie eine bronzefarbene Hand höflich einen Stuhl für sie unter dem Tisch herauszog.

Es war eine Hand, die ihr nur allzu vertraut vorkam. Von einem Gefühl des Unvermeidlichen überschwemmt, hob Justina den Blick und schaute in die glitzernden Augen des Mannes, von dem sie einst geglaubt hatte, er würde ihr Ehemann werden.

2. KAPITEL

Justinas Herz raste vor Wut und unerwünschter Erregung, während sie Dante anstarrte und sich wünschte, sie könnte ihm dieses überhebliche Grinsen aus dem Gesicht wischen. „Was zum Teufel willst du hier?“, fauchte sie ihn an, woraufhin eine aufgedonnerte, mit Smaragd-Klunkern behängte Rothaarige auf der anderen Seite des Tisches überrascht den Kopf hob.

„Reiß dich zusammen, Justina“, ermahnte er sie. „Du bist hier nicht in einem Bierzelt, sondern auf einer Aristokratenhochzeit.“

Justina hätte ihn am liebsten erwürgt. Doch da das keine Option war, blieb ihr nichts anderes übrig, als wütend den Mund zusammenzupressen und sich auf den Stuhl zu setzen, den er für sie herausgezogen hatte.

Er blieb noch einen Moment hinter ihr stehen und fuhr ihr mit den Fingerspitzen leicht über die nackten Schultern, bevor er sich neben ihr niederließ. Sie wandte sich ihm zu und fragte, diesmal mit gesenkter Stimme: „Wieso bist du schon hier, obwohl ich den ersten Bus genommen habe?“

„Ich bin mit dem eigenen Wagen da.“

Justina nickte erschöpft. Natürlich, was sonst? Dante D’Arezzo ließ sich doch nicht mit einem Haufen fremder Leute durch die Gegend kutschieren!

Sie atmete tief durch. „Aha. Und warum sitzt du jetzt hier?“

„Aus demselben Grund wie du, nehme ich an. Ich warte darauf, dass es etwas zu essen gibt und ich eine Gelegenheit bekomme, dem Brautpaar viele glückliche Jahre zu wünschen.“

„Hör auf damit, Dante, du weißt genau, was ich meine.“ Sie schaute ihm forschend ins Gesicht, dessen Härte nur durch die sinnlichen Konturen seiner Lippen gemildert wurde. Auf Kinn und Wangen schimmerte ein dunkler Bartschatten, der immer da war, egal wie oft er sich rasierte.

Warum musste er bloß so unverschämt sexy sein? Und warum reagierte ihr verräterischer Körper so hungrig auf ihn, wenn sie seinen warmen erdigen Duft einatmete?

„Laut Sitzordnung sitzt jemand anders neben mir. Wie erklärst du dir das?“

„Ganz einfach. Ich habe die Namensschilder vertauscht“, erwiderte er ungerührt.

Justina wäre ihm am liebsten ins Gesicht gesprungen. Das war wieder mal typisch. Einmal Macho, immer Macho. Er gebärdete sich, als ob ihm die Welt gehörte. „Wer gibt dir das Recht dazu? Du kannst doch nicht einfach hier ankommen und die Sitzordnung ändern!“

„Warum nicht? Bis jetzt hat sich noch niemand beschwert.“ Er lehnte sich zurück und warf ihr ein träges Lächeln zu. „Also schalt mal einen Gang runter und amüsier dich einfach.“

„Ich soll mich amüsieren? Vielleicht mit dir? Machst du Witze?“

Als Dante ihren rebellischen Gesichtsausdruck sah, musste er sich ein Grinsen verkneifen. Wie hatte er bloß auch nur eine Sekunde lang vergessen können, was für ein unerträglicher Dickkopf sie war? Es war doch schon damals nicht auszuhalten gewesen.

Obwohl ihm dieser Kampf am Anfang sogar Spaß gemacht hatte. Das war Leidenschaft pur gewesen, der helle Wahnsinn! Bis er kapiert hatte, dass Justina das, was sie da sagte, auch tatsächlich so meinte. Dass sie keine neckischen Spielchen trieb, sondern fest entschlossen war, ihren Lebensstil auch nach der Heirat nicht zu ändern. Allein die Vorstellung brachte ihn heute noch fast um. Und damals war er nicht nur auf hundertachtzig gewesen, sondern auch … verletzt. Aber wahrscheinlich sollte er ihr dankbar sein, dass er den Absprung gerade noch rechtzeitig geschafft hatte.

Nachdem sich der rote Nebel in seinem Kopf wieder gelichtet hatte, merkte er, dass er noch immer Justina ansah. Er schwieg, bis ihre Weingläser gefüllt waren, dann schaute er auf ihre unberingte linke Hand.

„Ah, immer noch frei wie ein Vogel im Wind, wie ich sehe. Da wird’s aber langsam Zeit, die biologische Uhr tickt. Wie alt bist du jetzt? Einunddreißig … oder schon zweiunddreißig?“

„Noch nicht mal dreißig!“, gab sie verschnupft zurück, und erst als sie das Glitzern in seinen Augen sah, wurde ihr bewusst, dass sie in seine Falle getappt war.

Warum sollte sie sich verteidigen, nur weil sie mit knapp dreißig noch nicht verheiratet war? Dafür gab es nicht den geringsten Grund, aber Dante hatte es wieder einmal geschafft, dass sie sich schlecht fühlte.

Sie warf ihm einen feindseligen Blick zu. „Nicht jede Frau hat es nötig, sich über einen Mann zu definieren.“

„Dein aggressiver feministischer Standpunkt hat sich also immer noch nicht verändert.“

„Oh je, du Ärmster! Du hast doch nicht etwa Angst vor mir?“

„Glaub mir, Justina, was ich fühle, ist etwas viel Ursprünglicheres als Angst.“

Er schaute spöttisch in seinen Schritt, und Justina spürte, wie ihr die Röte in die Wangen kroch. Was für eine bodenlose Frechheit! Wütend spießte sie mit der Gabel eine unschuldige Spargelstange auf, obwohl sie nicht die Absicht hatte, diese zu essen. Was war los mit ihr? Er wollte sie doch bloß provozieren. Warum zum Teufel fiel sie darauf rein?

Sie legte ihre Gabel hin. Vielleicht lag es ja an ihrem nicht existenten Sexleben? Obwohl sie für Dante keinerlei freundschaftliche Gefühle hegte, brannte sie plötzlich vor sexuellem Verlangen. Ein Verlangen, das sie längst hinter sich gelassen zu haben glaubte … Aber das schien wohl ein Irrtum gewesen zu sein.

„Hast du die Namensschilder nur vertauscht, damit du dich das ganze Essen über unerwünscht fühlen kannst?“

„Ich bitte dich, Justina, du weißt genau, warum, also tu nicht so. Dabei solltest du meinen Anflug von Neugier zu schätzen wissen; immerhin wollten wir früher mal unser ganzes Leben teilen.“

„Bis du beschlossen hast, mit dieser … dieser …“ Sie wollte ihm das Wort Nutte oder Hure ins Gesicht schleudern, aber das hätte wahrscheinlich so ausgesehen, als ob es ihr immer noch etwas ausmachte, und das stimmte nicht. Sie griff sich ihr Weinglas und gönnte sich einen großen Schluck. „Frau zu schlafen“, beendete sie klirrend ihren Satz.

„Würdest du bitte aufhören, Geschichtsklitterung zu betreiben? Du weißt sehr gut, dass wir damals schon getrennt waren.“

Sie wollte widersprechen, doch dann überlegte sie es sich anders, denn worum ging es hier eigentlich? Er wollte partout nicht einsehen, dass er alles falsch gemacht hatte, und daran würde sich auch nie etwas ändern. Deshalb war es besser, einfach den Mund zu halten. Außerdem würde ihn das ärgern.

Aber es war die Hölle, ihm so nah zu sein und beharrlich zu schweigen. Und dann auch noch völlig ungerührt zu tun, obwohl ihr Herz so laut klopfte, dass sie sich wunderte, warum sich noch niemand über den Lärm beschwert hatte.

Sie stocherte noch eine Weile in ihrem Essen herum, bevor sie sich zwang, ihm ins Gesicht zu schauen. „Na schön, dann machen wir eben ein bisschen Konversation. Also, was treibst du so? Lebst du immer noch in Rom?“

„Derzeit habe ich meinen Lebensmittelpunkt in New York.“

„Ach ja?“

„Du klingst überrascht.“

„Wohl kaum. Weil Überraschung zumindest ein gewisses Maß an Interesse voraussetzt, was bei mir in Bezug auf dich definitiv nicht gegeben ist.“ Sie schob ihren Teller weg und schnappte sich ein Stück Brot, an dem sie – unter Vernachlässigung ihrer Null-Kohlehydrat-Regel – zu knabbern begann. „Es erstaunt mich nur, weil du früher immer so getan hast, als ob dieses Fleckchen italienischer Erde das Paradies wäre.“

„Ich liebe meine Heimat immer noch genauso wie früher, Justina“, gab er mit samtiger Stimme zurück. „Auch wenn ich im Moment seltener zu Hause bin, aber ich hoffe, das ändert sich wieder.“

„Laufen die Geschäfte nicht so gut?“, fragte sie betont desinteressiert.

„Ganz im Gegenteil, sie laufen sogar so hervorragend, dass wir nach USA expandieren konnten. In New York tobt das Leben, ich liebe die Stadt, doch die Toskana liebe ich noch mehr.“ Er zuckte nonchalant die Schultern. „Aber was soll’s, man kann eben nicht alles haben.

Justina knabberte noch mehr Brot, als ob ihr das helfen könnte, die emotionale Leere zu füllen, die Dantes Worte in ihr hervorgerufen hatten. Sie wollte nicht an die Toskana denken … oder an den Palazzo, in dem die Familie D’Arezzo seit vielen Generationen lebte. Die dramatische Schönheit der Landschaft hatte sie tief beeindruckt, aber ihr Besuch dort war kein Erfolg gewesen, gelinde ausgedrückt.

Dantes aristokratische Familie war mit seiner englischen Popstar-Verlobten alles andere als einverstanden gewesen. Es war allerdings auch nicht hilfreich gewesen, dass ihr Besuch mit der Erstveröffentlichung eines Werbeclips ihrer Band zusammenfiel. Es war das Video gewesen, in dem sie – obenrum nur mit einem winzigen Hemdchen bekleidet und ohne BH – einen wilden Tanz hingelegt hatte. Am Ende war es ihr selbst peinlich gewesen, wie schlüpfrig das fertige Video gewirkt hatte. Aber das hatte sie damals natürlich unmöglich zugeben können.

Und so war sie bei der Familie D’Arezzo – mit Ausnahme seiner Schwester – in Ungnade gefallen, und als Folge davon hatten sie und Dante sich gezwungen gesehen, ihren Besuch abzukürzen. Damals hatte Justina dieses in ihren Augen sehr harte Urteil über ihre Person zähneknirschend hingenommen, weil sie keine andere Wahl gehabt hatte. Aber es war ein weiterer Sargnagel für ihre Beziehung gewesen.

„Man kann eben nicht alles haben?“, äffte sie ihn höhnisch nach. „Das sind ja ganz neue Töne! Wo du doch früher nie den leisesten Zweifel hattest, dass dir das volle Programm zusteht.“

„Warum so gereizt, Justina?“, fragte er. „Hoffen wir, dass das nicht der blanke Neid ist. Heißt das, bei dir läuft es nicht so gut?“

Sie hätte ihm gern gesagt, dass er sich zum Teufel scheren sollte, aber ein letztes Fünkchen Stolz hinderte sie. Erinnere ihn daran, dass du dir ganz aus eigener Kraft ein respektables Leben aufgebaut hast. Und vergiss nicht, dass sich die Opfer, die du gebracht hast, gelohnt haben. Sie konnte allein für sich sorgen, und darauf war sie stolz. Auf jeden Fall würde sie nie wie ihre Mutter werden.

„Oh, ganz im Gegenteil, ich lebe in London und schreibe immer noch Songs“, erwiderte sie. „Jetzt aber für andere Leute.“

„Und bist du erfolgreich?“

„Na ja, es läuft ganz gut.“ Justina lächelte dünn. Sie hätte ihm jetzt von dem Hit erzählen können, der ihr erst kürzlich das Angebot eingebracht hatte, den Score für ein geplantes Musical zu schreiben, aber er würde sich davon nicht beeindrucken lassen. Für Dante zählte nur männlicher Erfolg. „Auf jeden Fall kann ich mir meine Schuhe immer noch selbst kaufen.“

„Und zwar ziemlich teure, wie man sieht.“ Er schaute kurz unter den Tisch auf ihre wolkenkratzerhohen High Heels, bevor er den Kopf wieder hob und seinen Blick langsam über ihr Gesicht wandern ließ. Und es war immer noch das schönste Gesicht, das er je gesehen hatte. Sie presste die weichen rosa Lippen zusammen. Bei dem Anblick wurde Dante von einer Welle purer Lust überschwemmt. Sein Blut kam in Wallung, als er sich vorstellte, sie wieder zu küssen.

Und in diesem Moment wurde ihm klar, dass er sie sie unbedingt wenigstens noch ein allerletztes Mal haben musste. Dass sich dieses Fieber, das da in ihm wütete, erst dann legen würde. Er erkannte, dass dieses Verlangen nach ihr wie eine Krankheit war, die all die Jahre über in ihm geschlummert hatte und jetzt wieder ausgebrochen war.

Er verspürte ein heftiges Ziehen in der Lendengegend und beugte sich etwas vor. „Und was macht das Liebesleben?“, erkundigte er sich mit gesenkter Stimme.

„Das Liebesleben?“

Sein Blick war ruhig, aber seine Stimme schwankte minimal. „Gibt es niemand in deinem Leben, den du heute gern an deiner Seite hättest?“

Justina schaute ihm in die glitzernden Augen, wild entschlossen, die Wahrheit für sich zu behalten. Weil er es sowieso nicht verstehen würde, dass sie es nach der Geschichte mit ihm nie mehr geschafft hatte, sich auf einen Mann einzulassen … selbst wenn da einer gewesen wäre, den sie anziehend genug gefunden hätte, um wenigstens den Versuch zu wagen.

Warum also nicht so tun, als ob sie sich für Männer ebenso interessierte wie diese sich für sie? Bestimmt verlangte es doch ihr Stolz, dass sie irgendetwas in dieser Richtung zumindest andeutete? Immerhin war Dante konservativ und altmodisch genug, um in ihrem Single-Dasein so eine Art von persönlichem Versagen zu sehen.

Sie trank noch einen Schluck von ihrem Wein. „Oh, das läuft auch ziemlich gut.“ Als sie sah, wie sich sein Gesicht verdüsterte, verspürte sie für einen kurzen Moment eine Art Triumph. Weil sie da bei ihm möglicherweise Eifersucht aufflackern sah, auch wenn das gar nichts war im Vergleich zu dem, was sie gefühlt hatte, als sie an jenem Tag in seine Hotelsuite gekommen war. Als sie gesehen hatte, wie ihm diese nackte Blondine zu Diensten gewesen war. Von plötzlicher Übelkeit überschwemmt, hob sie fragend die Augenbrauen, wie um ihn zu ermuntern, sein Verhör fortzusetzen.

„Aber nichts Festes?“, bohrte er weiter.

„Nein, nein.“ Ihr Ton sollte nahelegen, dass es sich um eine bewusste Entscheidung handelte, was natürlich keineswegs stimmte. Sie hatte nicht geahnt, dass sie jeden anderen Mann mit dem arroganten Toskaner vergleichen würde. „Ich will nichts Festes. Aber ich schätze mal, dass wir jetzt alles erschöpfend geklärt haben.“

Abrupt wandte sie sich ab, um den Brigadegeneral zu ihrer Linken in ein Gespräch zu verwickeln, obwohl es eine ganze Weile dauerte, bis sie sich auf den Mann eingestellt hatte. Aber der alte Haudegen war ein guter Alleinunterhalter. Er kannte viele lokale Anekdoten über die Vorfahren des Bräutigams, die er mit großer Begeisterung zum Besten gab. Zu dumm nur, dass es Justina trotz alledem nicht gelingen wollte, Dantes Stimme zu überhören. Er unterhielt die aufgedonnerte Rothaarige, deren schrilles Lachen ihr in den Ohren gellte. Wenn sie Dantes Anwesenheit doch einfach ausblenden könnte! Justina glaubte fast, die Hitze zu spüren, die sein Körper neben ihr abstrahlte.

Irgendwann klopfte jemand mit einem Löffel gegen ein Glas. Als sich der Vater der Braut erhob, um seine Rede zu halten, beugte sich Dante vor und flüsterte ihr ins Ohr: „Du drehst mir ständig den Rücken zu, Justina. Ist dir eigentlich bewusst, wie unhöflich das ist?“

„Psst. Ich weiß ja, dass du dich nur für dich selbst interessierst, aber jetzt musst du wirklich mal kurz still sein.“ Sie sah, dass ein Ausdruck von Frustration über sein Gesicht huschte, bevor sie sich zurücklehnte und zu dem vordersten Tisch schaute, wo der für sein Alter viel zu jugendlich gestylte Brautvater darauf wartete, dass es still wurde. Er klopfte ein paar ziemlich peinliche Sprüche, die eigentlich ein kollektives Aufstöhnen erfordert hätten, aber die Stimmung war so gut, dass alle anfingen zu kichern. Als Justina sich umschaute und nur fröhliche Gesichter sah, spürte sie, wie sie in ein tiefes Loch fiel. Es war plötzlich, als ob alle im Kreis um ein Lagerfeuer säßen. Nur sie war irgendwo außerhalb in Kälte und Dunkelheit gefangen. Die Außenseiterin, die nirgends wirklich dazugehörte. Und war das überhaupt jemals anders gewesen?

Sie ließ die restlichen Reden auch noch über sich ergehen und lachte sogar an den richtigen Stellen, doch kaum war der Hochzeitskuchen angeschnitten, schnappte sie sich ihre Satin-Clutch und blickte sich um. Dante war immer noch mit der Rothaarigen beschäftigt, und der Brigadegeneral würde sie bestimmt nicht allzu sehr vermissen. Eine günstige Gelegenheit, sich unauffällig zu verdrücken. Und morgen war ein neuer Tag, an dem sie anfangen konnte, Dante zu vergessen.

Sie schaffte es, unbemerkt aus dem Saal zu schlüpfen, aber sie kam nur bis in die Eingangshalle. „Gehst du schon?“, fragte eine unangenehm vertraute tiefe Stimme.

Justina war stehengeblieben, um in ihrer Clutch nach ihrem Handy zu kramen, und als sie jetzt ruckartig den Kopf hob, schaute sie auf Dante, der ihr den Weg verstellte. Angewidert von sich selbst registrierte sie, dass ihr ein leiser Schauer der Erregung über den Rücken rieselte. Und kaum weniger angewidert bemerkte sie, dass sie von dem sardonischen Zug, der um seine Mundwinkel spielte, irgendwie gebannt zu sein schien. „Ich versuche es“, sagte sie. „Wenn du mich freundlicherweise durchlassen würdest.“

„Hier sind die Festlichkeiten doch noch voll im Gange.“

„Ich weiß. Aber ich habe genug.“ Von dir. Das brauchte sie nicht laut zu sagen.

Er runzelte die Stirn. „Fährst du zurück nach London?“

„Heute Abend nicht mehr. Ich übernachte in Burnham Market.“ Sie stieß einen ungeduldigen Seufzer aus, als sie seine fragend hochgezogenen Augenbrauen sah. „Das ist hier ganz in der Nähe.“

Er nickte, während er bereits nach seinen Autoschlüsseln kramte. „Ich kann dich fahren.“

Das fehlte noch. „Danke, aber ich nehme lieber ein Taxi.“

„Jetzt werd bloß nicht zickig, Justina. Das ist doch lächerlich. Bis ein Taxi hier ist, dauert es ewig, und mein Auto steht gleich da drüben bei den Stallungen.“

Sie sah das Glitzern in seinen Augen.

„Wovor hast du Angst?“, fragte er.

„Vor gar nichts. Ich will dir einfach nur nicht den Tag verderben.“

„Das tust du nicht. Ich wollte sowieso heute noch nach London zurück. Ich muss morgen in New York sein.“

Unter diesen Umständen schien weiterer Widerstand irrational zu sein … oder vielleicht war auch nur ihre Widerstandskraft erlahmt. Justina folgte ihm nach draußen, wo er einem Servicemann seine Wagenschlüssel in die Hand drückte. Um die Wartezeit zu überbrücken, erkundigte er sich: „Was macht eigentlich Lexi?“

Justina warf ihm einen erstaunten Blick zu. Es war lange her, seit irgendjemand Alexi Gibson erwähnt hatte, die Dritte im Bunde der Lollipops – oder „Sexy Lexi“ wie die Klatschpresse sie getauft hatte.

„Du weißt, dass sie eine Solokarriere starten wollte?“, fragte sie. „Dass sie bei uns ausgestiegen ist, was zur Auflösung der Band geführt hat?“

„Nein, das ist mir neu.“ Bis zu dem Tag, an dem ihm die Einladung zur Hochzeit ins Haus geflattert war, hatte er es ganz bewusst vermieden, irgendwelche Geschichten über die Lollipops zur Kenntnis zu nehmen. „Ist sie auch hier?“

„Nein. Sie hat einen der größten Frauenhelden Hollywoods geheiratet, und seitdem hat niemand mehr etwas von ihr gehört.“ Flüchtig überlegte Justina, ob Lexi glücklich war … und zum ersten Mal seit langer Zeit fragte sie sich, ob sie selbst glücklich war. Die Antwort versetzte ihr einen Stich. Nein, glücklich war sie nicht. Erfolgreich und irgendwie zufrieden, das schon. Aber glücklich war etwas anderes. Jedenfalls verglichen mit dem Glück, das sie kennengelernt hatte, als sie mit Dante zusammen gewesen war.

Der Mann vom Parkservice war inzwischen mit Dantes Auto zurückgekommen, einem flachen glänzenden Sportwagen, der für Justina das Einsteigen zu einer Herausforderung machte.

„Welches Hotel?“, fragte Dante scheinbar ungerührt, obwohl der Anblick ihres nackten Schenkels seinen Blutdruck schlagartig in gefährliche Höhen katapultiert hatte.

„Smithsonian.“

Sie beobachtete, wie er die Daten in sein Navi eingab, bevor er sich in seinen Sitz zurücklehnte und so kräftig aufs Gaspedal drückte, dass die Kiesel unter den Reifen aufspritzten. Während der Fahrt breitete sich ein dumpfes Schweigen zwischen ihnen aus, das mit dem, was nicht ausgesprochen wurde, den Raum füllte, bis Justina fast Platzangst bekam.

Auf einem adretten georgianischen Marktplatz vor einem hell­erleuchteten Hotel hielt er an. Justinas Finger zitterten, als sie ihren Sicherheitsgurt aufschnappen ließ. Obwohl sie erleichtert war, dass sie ihr Ziel endlich erreicht hatten, widerstrebte es ihr aus einem unerfindlichen Grund auszusteigen und einfach wegzugehen.

„Justina?“

Der sanfte Unterton in seiner Stimme wirkte ebenso fehl am Platz wie der Eindruck von Intimität, der ja nur dem engen Innenraum des Wagens geschuldet war. Im gedämpften Licht sah sie das Glitzern in seinen Augen, wodurch ihr erst bewusst wurde, wie nah er war. „Was ist?“

Pause. „Du weißt, dass ich dich immer noch will.“

Das war wieder mal typisch Dante. „Dein Pech, dass dieses Gefühl leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht.“

„Erzähl mir nichts. Du ziehst mich mit Blicken aus, seit du mich in der Kirche entdeckt hast.“

„Oho, da scheint wohl jemand etwas gehörig missverstanden zu haben! Männer, die so schnell die Pferde wechseln wie du, interessieren mich nicht.“

Es blieb einen Moment still, und als er schließlich das Wort ergriff, war seine Stimme heiser. „Du weißt ganz genau, dass es damals schon aus war zwischen uns! Wie oft muss ich das noch sagen?“

Justina schaute in ihren Schoß. Ja, es war aus gewesen … für ihn zumindest. Ihr Entschluss, mit den Lollipops auf Tournee zu gehen, hatte dazu geführt, dass Dante ihr ohne Vorwarnung den Laufpass gegeben hatte. Aber sie hatte ihn vermisst. Sie hatte ihn mehr vermisst, als sie sich je hätte vorstellen können. Sie war in ein tiefes schwarzes Loch gefallen. Deshalb war sie unangekündigt zurückgeflogen nach England, um zu retten, was noch zu retten war. Weil sie überzeugt gewesen war, dass ihre Liebe stark genug war, um ihre fundamentalen Meinungsverschiedenheiten zu überwinden.

Sie wusste nur noch, dass sie zu Dante ins Hotel gegangen war und ihn im Bett vorgefunden hatte. Aber nicht allein. Er hatte mit geschlossenen Augen auf dem Rücken gelegen, und unter dem Laken hatte sich etwas bewegt. Auf Justinas entsetztes Keuchen hin hatte sich das Laken noch heftiger bewegt und gleich darauf war erst eine verstrubbelte blonde Mähne zum Vorschein gekommen, dann ein runder weiblicher Po. Er würde nie erfahren, wie unsagbar weh ihr das getan hatte. Als ob er Klischee auf Klischee hatte häufen wollen. Nicht genug damit, dass er sich prompt Ersatz für sie gesucht hatte, es hatte ausgerechnet auch noch eine Blondine sein müssen!

Justina hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und war aus dem Hotel geflohen. Ihr Herz hatte geblutet, als ob man es ihr aus der Brust gerissen hätte. Von diesem Moment an hatte sie alles getan, um ihn zu vergessen. Niemand hätte eifriger alle Erinnerungen an Dante ausmerzen können als Justina. Sie hatte sämtliche Fotos von ihm vernichtet, den ganzen Schmuck, den er ihr geschenkt hatte, verkauft, und den Erlös für wohltätige Zwecke gespendet.

Sie merkte, dass er sie immer noch fragend anschaute, aber sie war wild entschlossen, ihm nie zu erzählen, wie sehr sie unter dieser Geschichte gelitten hatte. „Es hat mich einfach nur ziemlich erstaunt, wie schnell du zur Tagesordnung übergegangen bist.“

„Dann hätte ich also eine Schamfrist wahren sollen, ja?“, fragte er gedehnt. „Obwohl du nie auch nur im Traum daran gedacht hast, Rücksicht auf mich zu nehmen? Ständig war irgendetwas wichtiger war als ich. Die Welttournee, irgendwelche Fernsehauftritte und dauernd diese idiotischen Interviews. Ich kam immer erst ganz zuletzt. Aber du wusstest von Anfang an, dass Warten nicht unbedingt zu meinen Stärken gehört. Und irgendwann hatte ich einfach die Nase voll, ich wollte das nicht mehr. Ich hatte mir das Leben mit der Frau, die ich liebte, anders vorgestellt.“

„Das ist alles lange her“, sagte sie ausdruckslos „Es ist Vergangenheit, Dante. Und am Ende war es so wahrscheinlich das Beste für alle Beteiligten.“

Als er ihr jetzt forschend ins Gesicht blickte, verspürte er einen heißen Stich des Bedauerns. Und heftige Gewissensbisse. „Du weißt, dass ich das nicht wollte. Dass du das mit ansehen musstest, meine ich“, sagte er. „Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe.“

Justina zuckte mit gespieltem Gleichmut die Schultern. „Schon gut. Das gehört zum Erwachsenwerden eben dazu“, erklärte sie. „Du warst ein notwendiger Teil meines sexuellen Erfahrungshintergrunds, Dante.“

Für einen Moment herrschte verblüfftes Schweigen, und als er schließlich sprach, schwang in seiner Stimme Empörung mit. „Also, ich habe ja schon viel gehört, aber so funktional hat mich noch niemand beschrieben.“ Seine Zungenspitze zeichnete den geschwungenen Rand seiner vollen Unterlippe nach. „Und war dieser sexuelle Erfahrungshintergrund für dein weiteres Leben wenigstens hilfreich?“

Justinas Herz setzte einen Schlag lang aus, ihr Puls beschleunigte sich. Sie befahl sich, aus dem Auto auszusteigen, bevor es zu spät war, aber sie saß wie versteinert da. „Ich … ich kann mich nicht erinnern.“

„Du kannst dich nicht erinnern? Wie schade. Dann sollte man vielleicht ein bisschen nachhelfen.“

Sie sah die Herausforderung in seinen Augen, die dunkler geworden waren, registrierte seine leicht geöffneten Lippen. Hatte sie durch irgendetwas Interesse erkennen lassen, was er als Einladung auffasste, unauffällig näher an sie heranzurücken?

Und plötzlich küssten sie einander. Küssten einander … genauso wie früher. Er umspannte mit den Händen ihre Taille, während sie ihre Finger in seine Schultern krallte. Er strich ihr mit den Fingerspitzen ganz sacht über ihre Brüste, und sie stöhnte leise. Jetzt ließ er erst seinen und dann ihren Sicherheitsgurt aufschnappen, aber in dem kleinen Sportwagen herrschte so eine Enge, dass die Scheiben bereits zu beschlagen begannen. Es war nahezu unmöglich, sich zu bewegen, und ihr im asiatischen Stil geschnittenes Kleid machte alles noch schwieriger. Erst als Dante ungehalten irgendetwas auf Italienisch knurrte, wurde ihr wieder bewusst, dass er mitten auf der Straße vor ihrem Hotel parkte. Nachdem er sich von ihr gelöst hatte, sah sie die Frustration in seinen Augen.

„Nicht hier“, stieß er, den dunklen Kopf schüttelnd, hervor. „Nicht so. Nimm mich mit auf dein Zimmer, Justina.“ Er beugte sich vor und seine Lippen streiften ihre. „Bitte. Ich vergehe vor Verlangen.“

3. KAPITEL

Ihr Hotelzimmer war tipptopp aufgeräumt, nicht mal die kleinste Kleinigkeit lag herum. Typisch Justina, dachte Dante und erinnerte sich an früher. Während ihre beiden Bandkolleginnen in einem kreativen Chaos aus angebissener Pizza, umherliegenden Klamotten, halb geleerten Wasserflaschen und benutzten Kaffeetassen existierten, hatte Justina in ihrer eigenen, penibel aufgeräumten Blase gelebt und mit unerschütterlicher Ruhe an ihren Songs gebastelt, ohne dem ganzen Tohuwabohu um sich herum auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Dazu hatte sie ihm irgendwann einmal erklärt, dass ihr ausgeprägter Ordnungssinn ihr schon in ihrer Kindheit geholfen hätte, chaotische Zustände zu überstehen.

Doch diese Erinnerung verflog, sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatten. Weil er sie gleich wieder an sich ziehen musste, um sie erneut hungrig zu küssen. Sie presste sich mit dem Unterleib an ihn und begann sich instinktiv an ihm zu reiben, obwohl Dante den Verdacht hatte, dass ihr Verstand immer noch vehement Widerstand leistete.

Es wurde ein langer, sinnlicher Kuss. „Ich will dich“, stieß er schließlich hervor. „Ich kann mich nicht erinnern, eine Frau jemals so begehrt zu haben wie dich.“

Justina, deren Finger sich im weichen Dickicht seiner schwarzen Nackenhaare verfangen hatten, schloss die Augen. „Dante“, flüsterte sie, immer noch leise widerstrebend, aber wie hätte sie sich wehren sollen, wo er doch gerade anfing, so aufregend ihre Brüste zu streicheln?

„Was ist das denn für ein Ding?“, brummte er, an ihrem Kleid ungeduldig nach einem Reißverschluss fahndend.

„Das ist … ein Cheongsam. Ich … es stammt aus Singapur, es ist …“

„Egal“, unterbrach er sie grob. „Ich will einfach nur wissen, wie es aufgeht.“

„Da sind Knöpfe an der Seite …“

„Das sind ja tausend!“ Fieberhaft machte er sich ans Werk.

Als sie einen kühlen Luftzug auf ihrer Haut verspürte, ermahnte sie sich, diesem Wahnsinn sofort ein Ende zu machen. Doch vergebens. Sie schaffte es einfach nicht. Ihr Körper war zu ausgehungert, ihr Verlangen zu stark, um Widerstand zu leisten. Was kein Wunder war, nachdem sie die letzten fünf Jahre damit verbracht hatte, sich zu fragen, wann sie wohl jemals so etwas wieder spüren würde! Ob sie je wieder von diesem atemlosen Taumel des Begehrens mitgerissen werden würde. Und plötzlich wusste Justina, dass sie alles wollte. Dass sie – falls dies hier ihr Schwanengesang werden sollte – mit ihm auf Augenhöhe agieren wollte, was früher nie der Fall gewesen war. Wenigstens das. Heute war sie nicht mehr das unerfahrene Mädchen von einst, das seiner Anleitung bedurfte. Sie war längst erwachsen, und vielleicht wurde es ja Zeit, sich daran zu erinnern, wie gern sie mit diesem Mann Sex gehabt hatte.

Sie schüttelte sich die High Heels so schwungvoll von den Füßen, dass sie durch den halben Raum flogen, bevor sie anfing, an seiner Krawatte zu zerren.

„Hast du es eilig, tesoro?“, fragte er, während er daran dachte, dass sie ihm früher als Erstes sehr ordentlich die Schuhe ausgezogen hatte.

„Du nicht?“, flüsterte sie und begann, ihm das Hemd aufzuknöpfen. Dabei legte sie Zug um Zug seinen harten Brustkorb frei und beugte dann den Kopf, um mit Zähnen und Zunge über die wohldefinierte seidig straffe Oberfläche zu fahren.

„Dio.“ Er erschauerte, immer noch mit ihren Knöpfen beschäftigt. Schließlich zog er das Kleid weg, ohne verbergen zu wollen, dass seine Hände zitterten. Gleich darauf musste ihr BH seiner Begierde weichen, und auch ihr zartes Spitzenhöschen überstand die Attacke seiner Finger nicht. Als er über ihre honigsüße Hitze strich, keuchte sie leise.

„Du liebst es doch bestimmt immer noch leidenschaftlich, oder, tesoro?“, fragte er, während er sich selbst die restlichen Kleider vom Leib riss. Doch sie überraschte ihn damit, dass sie ihn ungestüm aufs Bett warf.

Und dann setzte sie sich auch schon mit gespreizten Beinen auf ihn, mit einem Ausdruck im Gesicht, den er noch nie bei ihr gesehen hatte. Ihre Augen waren so schmal, dass es ihm unmöglich war, darin zu lesen, außerdem biss sie sich auf die Lippen, als ob sie verhindern wollte, dass sie zitterten.

„Also los“, befahl er.

Aber Justina schüttelte den Kopf. Heute Abend war sie diejenige, die die Ansagen machte. Als Therapie sozusagen, in der Hoffnung auf die lang ersehnte Genesung. Sie würde sich an seinem Körper ergötzen, bis sie ein für alle Mal genug hatte von ihm. Sie würde diesen Halbgott ihrer Fantasie einem unerbittlichen Realitätscheck unterziehen, und im heraufziehenden Licht des neuen Tages würde sie erkennen, dass auch er ein ganz normaler Sterblicher war. Es geht hier nur um Sex, erinnerte sie sich nachdrücklich. Und ganz bestimmt würde sie nicht so naiv sein und Sex mit Liebe verwechseln.

Ich bestimme, wo es langgeht.“

Dante stöhnte, als sie ihre Hüften so kreisen ließ, dass sie mit dem innersten Kern ihrer Weiblichkeit immer wieder ganz leicht die überempfindliche Spitze seiner stahlharten Erektion streifte und ihn damit fast um den Verstand brachte. Er konnte sie spüren, wenn auch nur annähernd. Sie war nah genug, dass er problemlos in sie eindringen könnte, aber es blieb nur ein Wunsch, weil sie sich sofort wieder entzog wie eine Fata Morgana und darauf achtete, dass die momentan verlockendste Region ihres Körpers außerhalb seiner Reichweite blieb. Sein Kopf sank in die Kissen, und einen Moment lang fühlte er sich unerträglich hilflos. Das war es nicht, wonach er sich gesehnt hatte – zumindest nicht mit Justina. Er sonnte sich gern in dem Gefühl, dass er jederzeit die Zügel in der Hand hielt, und doch saß sie jetzt mit gespreizten Beinen auf ihm wie eine Domina, die ihn weit mehr beherrschte, als ihm lieb sein konnte. Und er? Er fand es – bei Gott – unfassbar aufregend!

„Per favore“, stöhnte er. „Bitte.“

Seine flehentliche Bitte bewirkte bei ihr den Umschwung. Obwohl sie ihre herrliche weibliche Macht gern noch etwas länger ausgekostet hätte, spürte Justina, dass sie nicht mehr warten konnte. Sie kniete sich über ihn, um seine heiße harte Männlichkeit ganz langsam in sich aufzunehmen. Sie hörte sein befreites Aufstöhnen, als er in sie hineinglitt, und einen Moment lang war sie unfähig, sich zu bewegen. Am liebsten hätte sie sich einfach nach vorn auf seine Brust sinken lassen. Um ihn zu umarmen und nie wieder loszulassen. Um ihm zu sagen, dass sich nichts jemals so gut angefühlt hatte und sich auch nie wieder etwas so gut anfühlen würde. Aber sie wollte doch jetzt nicht alles ruinieren, oder? Sie würde den Sex mit ihm genießen und aus dieser Situation, von der sie nie geglaubt hätte, dass sie eintreten könnte, das Beste herausholen.

Und die auch nie hätte eintreten dürfen, mahnte eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf, aber sie weigerte sich hinzuhören, während sie anfing, sich auf Dante zu bewegen. Ihre warmen Körper entdeckten sich neu und gewöhnten sich ganz schnell wieder aneinander, als Justina ihren Rhythmus beschleunigte. Die Zärtlichkeiten, mit denen er ihre Brüste überschüttete, entlockten ihr ein leises Aufstöhnen, und als er begann, mit dem Finger das Zentrum ihrer Lust zu stimulieren, warf sie den Kopf in den Nacken und stieß einen leisen, zitternden Schrei aus. Es fühlte sich so umwerfend an, dass sie sich wünschte, es möge bis in alle Ewigkeit so weitergehen. Aber wie sollte es, bei diesem atemberaubenden Tanz auf dem Vulkan? Sie versuchte, das Ende möglichst lange hinauszuzögern, doch bald gab es kein Halten mehr. Dunkle Impulse tanzten über ihre Haut, als sie ihn mit beiden Händen an den Schultern packte und sich ihm entgegenwölbte, um ihn noch tiefer in sich aufzunehmen.

„Justina!“, keuchte er.

„Dante!“, stöhnte sie, während sie auch schon spürte, wie die ersten schimmernden Zuckungen über die Ränder ihres Bewusstseins huschten. In dem Moment, in dem sie dabei war loszulassen, schüttelte er sie ab und warf sich mit seinem kraftvollen Körper über sie, wobei er erneut in sie eindrang und begann, sich noch schneller in ihr zu bewegen. Gleich darauf explodierte in ihr ein riesiger Feuerball der Lust, und nur einen Sekundenbruchteil später hörte sie seinen heiseren Schrei, bevor sein Kopf an ihren Hals sank.

Justina hielt ihre Augen fest geschlossen, während ihr Orgasmus langsam verebbte. Dabei spürte sie, wie sie von einer Welle der Traurigkeit erfasst wurde, aber sie war fest entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen. Ebenso wenig wollte sie – weder sich selbst noch ihm – eingestehen, wie atemberaubend es gewesen war. Und vor allem durfte sie sich nicht wünschen, dass sie beide noch einmal von vorn anfangen könnten. Weil das unmöglich war. Niemand konnte jemals wieder von vorn anfangen.

Selbst wenn sie es könnten, würde sie es nicht wollen – nicht mit Dante. Besonders nicht mit Dante. Weil er nicht gut für sie war. Oder hatte sie das vergessen? Hatte ihr gieriger Körper sie diese unbequeme Wahrheit vergessen lassen? Wo sie doch aus bitterer Erfahrung wusste, dass er sie mehr verletzen konnte als jeder andere Mensch. Und wenn sie es zuließ, würde er es wieder tun, so viel war sicher. Sie kannte ihn. Sie wusste, dass sie ihn in seinem männlichen Stolz gekränkt hatte, aber vielleicht hatte er ja jetzt das Gefühl, es ihr endlich noch einmal richtig gezeigt zu haben.

Sie wand sich ein bisschen, weil sie immer noch intim miteinander verwoben dalagen. Er schlief, oder jedenfalls schien es so, weil seine Augen immer noch geschlossen waren. Früher wäre ihr ganz warm ums Herz geworden, wenn sie ihn so betrachtet hätte, während sie jetzt eher eine Mischung aus Verärgerung und Reue verspürte. War sie verrückt geworden? Wie hatte sie das bloß tun können? Sie hatte ihn mit in ihr Hotelzimmer genommen und einfach nur Sex mit ihm gehabt – ohne Flirt, ohne Vorspiel, ohne besondere Raffinesse. Und es war atemberaubend gewesen. Aber warum ausgerechnet mit ihm? Warum musste sie das alles ausgerechnet bei dem Mann empfinden, der sie zutiefst verletzt hatte? Der ihr Vertrauen total zerstört hatte?

Sie spürte, wie er in ihr schon wieder wuchs. Seine aufkeimende Erektion erinnerte sie daran, wie unersättlich er früher gewesen war. Aber noch einmal durfte sie das nicht zulassen. Bitte gib mir die Kraft, diesmal Nein zu sagen, betete sie, doch Dante war schneller.

Dass er sich stumm aus ihr zurückzog, wirkte symbolträchtig, wie ein dunkles Vorzeichen. Zwischen ihnen war noch kein einziges Wort gefallen, und das Schweigen im Raum wurde von Sekunde zu Sekunde drückender. Er stützte sich auf einen Ellbogen auf und musterte sie so leidenschaftslos wie einen Einzeller unterm Mikroskop.

„Guter Sex“, sagte er, und Justina sah den kalten Ausdruck in seinen Augen.

Sie zwang sich, einen leichten Tonfall anzuschlagen, und schaffte es sogar, ihre Lippen zu einem matten Lächeln zu verziehen. „Ja? War es gut?“

„Nicht es, sondern du! Aber das brauche ich dir nicht zu sagen.“ Er schwieg einen Moment, und als er weitersprach, klang seine Stimme eigentümlich hohl. „Ich hatte es fast vergessen.“

Doch genau betrachtet hatte er es gar nicht vergessen können, weil er sie noch nie zuvor so erlebt hatte, wie er nur zu gut wusste.

„Du hast in der Zwischenzeit noch eine ganze Menge dazugelernt, wie man sieht.“

Justina zuckte die Schultern. „Ich rede nie über andere Männer, und schon gar nicht im Bett. Es käme mir ziemlich geschmacklos vor.“

Er presste die Lippen zusammen und schob mit dem Fuß die zerwühlten Laken beiseite, bevor er aufstand. Sie schaute ihm nach, wie er ins Bad ging. Er hatte einen atemberaubenden Körper! Seine samtige Haut schimmerte golden und der hellere knackige Hintern hob sich verführerisch ab von seinem dunkleren Torso und den muskulösen Oberschenkeln. Nicht lange danach kam er zurück, schnappte sich wortlos seine Kleider und begann sich anzuziehen.

„Gehst du?“, fragte sie, immer noch in demselben beiläufigen Ton.

Er wollte eben in sein Hemd schlüpfen und hielt jetzt inne, während er sie in einer kruden Mischung aus Abscheu und Begehren musterte. „Ich werde morgen in New York erwartet. Ich glaube, ich sagte es bereits.“

„Ja, natürlich.“ Damit er bloß nicht auf die Idee kam, es könnte ihr etwas ausmachen, dass er schon gehen wollte, streckte sie die Hand nach ihrem seidenen Morgenmantel aus, der ordentlich zusammengefaltet auf dem Sessel neben dem Bett lag. „Wenn du willst, lasse ich dir noch einen Kaffee kommen. Es ist eine lange Fahrt bis nach London.“

Ein dunkler Speer der Eifersucht durchbohrte sein Herz. Wie routiniert sie klang! Er beobachtete, wie sie die fließende Seide um ihren weichen Körper wickelte, und wandte eilig den Blick ab. Wahrscheinlich klang sie nicht nur so, sondern war es auch.

„Nein, danke.“

Justina begann, sich die Haarnadeln aus dem zerzausten Haar zu ziehen, und schüttelte den Kopf, bis ihr die langen schwarzen Strähnen über die Schultern fielen. „Hast du einen wichtigen Termin in New York?“

Er rollte seine Krawatte fein säuberlich zusammen und steckte sie in die Jackentasche. „Eine große Party, die ich nicht versäumen will.“

„Oh. Irgendwas Besonderes?“, fragte sie beiläufig.

Dante schaute sie an. Sie hatte begonnen, sich ihr schwarzes Haar zu bürsten. Es war nicht mehr ganz so lang wie früher, aber immer noch voll und rabenschwarz. Ein schwarzer Engel, schoss es ihm durch den Kopf, und sofort wollte er sie wieder küssen – und mehr. Er wollte sie aufs Bett werfen und alles noch mal von vorn machen. Aber er verbot es sich. Weil einmal schon zu viel gewesen war. Ein zweites Mal wäre Wahnsinn. Sie sollten die Finger voneinander lassen. Sie waren einfach zu verschieden. Und das war nie anders gewesen.

Er zuckte die Schultern. „Nur eine ganz normale Party.“

„Ach ja?“ Obwohl ihr Instinkt sie warnte, bohrte Justina weiter. „Bei wem?“

„Bei einer Bekannten.“

Justina spürte, wie sie erstarrte, als sich ein böser Verdacht in ihr Herz schlängelte. Hatte Dante mit ihr geschlafen, obwohl er gerade eine Beziehung hatte? Ihr wurde ganz kalt, aber irgendwie schaffte sie es, sich ein schwaches Lächeln abzuringen.

„Na dann, gute Fahrt. Und guten Flug morgen.“

Dante spürte, wie sich sein Mund verzog. Was für ein gönnerhafter Ton. Als ob ihr das alles eben gar nichts bedeutet hatte. Was ja wahrscheinlich auch so war. Sie hatte sich schließlich immer nur für sich selbst interessiert, das wussten sie beide.

Allerdings war seine Abneigung nicht groß genug, um ihn daran zu hindern, sie wieder an sich zu ziehen und seine Lippen auf einen Mund zu pressen, der jetzt fest geschlossen und widerstrebend war. Aber nach kaum zwei Sekunden gab sie ihren Widerstand auf, ihr Mund wurde weich, öffnete sich. Und dann erwiderte sie seinen Kuss auch schon und wühlte ihre Finger in sein Haar, so wie sie es schon immer getan hatte, wenn sie erregt war. Mit etwas Nachdruck hätte er sie bestimmt noch einmal nehmen können, gleich hier, auf dem Fußboden. Angenommen, er streichelte sie so im Stehen zwischen den Beinen, würde sie wahrscheinlich sofort kommen, wie früher auch. Und war er nicht schon dabei, genau das zu tun?

Aber Justina schlug ihm mit den Fäusten gegen die Brust und riss sich von ihm los. Nachdem sie einen Schritt zurückgewichen war, sah er, dass ihre Augen vor Wut ganz dunkel geworden waren. Sie atmete so schnell, dass sie fast keuchte.

„Du hast bekommen, was du wolltest, und jetzt verschwinde“, fuhr sie ihn an, wobei sie plötzlich das Gefühl hatte, noch nie im Leben so benutzt worden zu sein. „Schwirr endlich nach New York ab und lass mich zufrieden.“

Einen Moment lang starrten sie sich gegenseitig an, während die Atmosphäre um sie herum vor Aggression und Begierde brodelte und zischte. Dann griff sich Dante sein Sakko und warf es sich über die Schulter.

„Mach’s gut, Justina“, sagte er, während um seine Mundwinkel ein bitteres Lächeln zuckte. „Und danke für die Erinnerung.“

4. KAPITEL

Es war der reinste Albtraum.

Als der Himmel abrupt seine Schleusen öffnete, versuchte Justina auf der belebten Straße in Singapur so schnell wie möglich in einem der Geschäfte Unterschlupf zu finden, was allerdings nicht ganz einfach war. Weil sie mit ihrem dicken Bauch inzwischen doch schon ziemlich unbeweglich war, besonders bei dieser Schwüle, die für diese Stadt so typisch war. Nach kaum einer Minute war sie klatschnass, bevor sie im Eingangsbereich eines Geschäfts, wo ihr die Klimaanlage eisige Luft ins Gesicht pustete, Schutz vor dem Wolkenbruch fand.

Vor Kälte bibbernd ging sie weiter in den Laden hinein und spähte hinter einem Regal mit Designerkleidung durch den Regenvorhang nach draußen. Immer noch mühten sich einige Leute verzweifelt mit ihren Regenschirmen ab, während andere unter einer überdachten Bushaltestelle vor dem täglichen Spektakel des Tropensturms Zuflucht gesucht hatten. Auf Justina schien niemand zu achten. Absolut niemand.

Justina schluckte. Ihr Mund fühlte sich plötzlich wie ausgedörrt an. War sie paranoid, oder warum sonst bildete sie sich ein, dass sie verfolgt wurde? Dass gleich wieder irgendein auf der Lauer liegender Fotograf aus seiner Deckung hervorspringen könnte, um von ihr ein Foto zu schießen … Von ihr mit Babybauch.

Sie hatte es so satt, ständig in diesem Belagerungszustand zu leben. Obwohl der aktuelle Hype um ihre Schwangerschaft natürlich nicht von ungefähr kam, nachdem kurz vor Roxys Hochzeit die Sweetest Hits der Lollipops neu herausgekommen und sofort in die Top Ten der internationalen Albumcharts aufgestiegen waren. Justina war eben immer noch irgendwie berühmt, und jetzt war das Interesse an ihr neu entflammt, mitsamt den Spekulationen, wer wohl der Vater ihres Kindes sein mochte. Von daher konnte Justina nur hoffen, dass niemand sie bei Roxys Hochzeit mit Dante D’Arezzo gesehen hatte. Weil das genau die Art von Schlagzeile war, nach der sich die Klatschpresse die Finger lecken würde.

„Darf ich Ihnen einen Stuhl bringen, Ma’am?“

Als Justina sich umdrehte, sah sie sich einer Verkäuferin gegenüber, die sie besorgt musterte. Vielleicht befürchtete die Frau ja, dass diese erschöpft wirkende Engländerin hier in ihrem eleganten Laden eine Sturzgeburt erleiden könnte.

„Nein, danke. Mir geht es gut. Ich nehme ein Taxi und fahre in mein Hotel. Der Regen scheint ja langsam etwas nachzulassen.“

„Sind Sie sicher, Ma’am?“

„Ja, danke.“ Justina bewerkstelligte sogar ein Lächeln. „Absolut.“

Doch während der Fahrt ins Raffles, in dem sie immer abstieg, wenn sie in der Stadt war, gelang es ihr nicht, ihre wild durcheinanderwirbelnden Gedanken zu bändigen. Sie war schrecklich nervös, weil der Geburtstermin unaufhaltsam näher rückte und … Weil sie von Dante schwanger war und Angst hatte, dass er es irgendwie herausfinden könnte.

Wie hatte sie bloß so leichtsinnig sein und ihn an Roxys Hochzeit mit auf ihr Hotelzimmer nehmen können? Was war da in sie gefahren? Sie war ein weiteres Mal auf ihn hereingefallen, und deshalb war sie jetzt in dieser Situation. Aber sie war von Anfang an entschlossen gewesen, ihm nicht zu sagen, dass er Vater werden würde. Weil es ihn sowieso nicht interessierte.

Und weil er nicht gut für sie war.

Justina war bewusst, dass sie ganz auf sich allein gestellt war. Nicht einmal auf die Unterstützung ihrer Mutter konnte sie zählen, deren Reaktion sehr vorhersehbar, aber darum nicht weniger deprimierend ausgefallen war.

„Ich fühle mich noch viel zu jung, um Großmutter zu werden!“, hatte Elaine Perry erklärt, ohne zu bemerken, dass ihre Tochter ganz bleich geworden war.

Justina hatte die Frau, zu der sie so ein zwiespältiges Verhältnis hatte, fassungslos angestarrt. „Aber Mum …“

„Du sollst mich nicht immer ‚Mum‘ nennen! Wenn du glaubst, dass ich ab jetzt meine Zeit damit verbringe, Babyschuhe zu häkeln oder Babysitter zu spielen, dann muss ich dich leider enttäuschen, mein Kind.“ Um ihren Mund war ein neckisches Lächeln gehuscht, bevor sie weitergesprochen hatte. „Ich habe nämlich auch noch ein eigenes Leben, weißt du.“

Justina, der plötzlich aus allen möglichen Gründen schlecht geworden war, hatte keine Miene verzogen. Elaine Perry hatte schon immer zuerst an sich gedacht … und natürlich an ihre wechselnden reichen Geliebten, deren Geld sie mit vollen Händen ausgab. Was konnte man da schon erwarten?

Justina hatte sich immer noch nicht ganz erholt, als sie vor ihrem Hotel aus dem Taxi stieg, die Hotelhalle durchquerte und sich an der Rezeption ihren Zimmerschlüssel geben ließ. Das kultige Raffles strahlte etwas ungemein Beruhigendes aus. Der verblasste Charme der Brokatsessel inmitten großer Topfpalmen erinnerte an elegantere Zeiten, und immer wenn Justina hier abstieg, tauchte sie in die magische Atmosphäre ein. Nur heute schien aus irgendeinem unerfindlichen Grund der Zauber des Hotels nicht zu wirken. Sie fühlte sich wie in einem Beiboot auf stürmischer See, und weit und breit war kein rettendes Land in Sicht.

Vielleicht sollte sie ja erst einmal ein schönes heißes Bad nehmen und hinterher eine Tasse Tee trinken, dann …

„Justina.“

Sie erstarrte, als sie hinter sich die Stimme hörte, die sie seit siebeneinhalb Monaten bis in ihre Träume verfolgte. Sie schüttelte den Kopf. Unmöglich! Das bildete sie sich nur ein. Sie musste es sich einbilden!

Als sie sich langsam umdrehte, fiel ihr Blick auf die dunkle, bedrohliche Gestalt von Dante D’Arrezzo. Ihr Herz flatterte wild in ihrer Brust. Nein. Das war kein Traum, sondern Wirklichkeit. Das war unverkennbar Dante, vibrierend vor Leben. Er trug einen makellosen hellen Leinenanzug, aber auf seinem Gesicht spiegelte sich nackte Wut.

Seine hohen Wangenknochen traten noch deutlicher hervor als normalerweise, der Mund war zu einem grimmigen Strich zusammengepresst. Justina konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so gesehen zu haben. Er stand reglos da, bis auf eine kleine Ader, die an seiner Schläfe pochte. Einen Moment lang befürchtete sie fast, ohnmächtig zu werden, so schockiert war sie über sein unerwartetes Auftauchen. Er bekam es mit und streckte in weiser Voraussicht die Hand nach ihrem Unterarm aus, was sich fast anfühlte, als würden seine heißen Finger ihre Haut versengen. Viel schlimmer jedoch war, dass ihr Körper schlagartig Erregung signalisierte, obwohl es eher die Berührung eines Kidnappers war als die eines Geliebten.

„Was … was machst du hier?“, stieß sie hervor.

Dantes Herz klopfte schneller vor Wut, als er ihr in das wachsbleiche Gesicht starrte. Was glaubte sie wohl, was er hier machte? Urlaub in Fernost vielleicht, um ihr dabei rein zufällig über den Weg zu laufen? Und sie gut gelaunt auf einen Singapore Sling an die Bar einzuladen?

„Wir müssen reden“, knurrte er.

Justina biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht sollte sie einfach laut schreien und behaupten, dass er sie, eine Hochschwangere, belästigt hätte? Wäre das nicht schockierend? Und dann? Würde man ihm Hausverbot erteilen oder vielleicht sogar die Polizei holen?

Schwer zu sagen. Dante war äußerst redegewandt und hatte immer eine gute Ausrede parat. Wahrscheinlich schaffte er es im Handumdrehen, den Sicherheitsdienst des Hotels von sich zu überzeugen und sie als Hysterikerin hinzustellen.

„Nicht hier“, sagte sie gepresst. „Wir können in der Writers’ Bar einen Kaffee trinken und …“

„Nein“, unterbrach er sie schroff. „Ich habe nicht die Absicht, diese Diskussion in der Öffentlichkeit zu führen, Justina. Ich bestehe darauf, dass wir auf dein Zimmer gehen.“ Als er den Ausdruck sah, der über ihr Gesicht huschte, verzog er verächtlich den Mund. „Keine Sorge, ich will nichts von dir, das kannst du mir ruhig glauben, du kleines Miststück.“

Justina schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund. Hasste er sie wirklich so sehr? Doch selbst wenn, hatte er noch lange kein Recht, in diesem Ton mit ihr zu reden.

Aber reden musste sie mit ihm, das war sie ihm schuldig. Das war ihr bewusst, auch wenn das jetzt genau die Situation war, vor der sie sich seit Monaten fürchtete. Und der Grund dafür, dass sie so viele mit Reisen verbundene Verpflichtungen übernommen hatte, seit sie von ihrer Schwangerschaft wusste. Genau betrachtet, war sie seit Monaten vor ihm auf der Flucht gewesen. Sie war vor dem Unvermeidlichen davongelaufen, das sie jetzt eingeholt hatte.

Sie zuckte die Schultern. „Na schön, reden wir. Aber es wäre nett, wenn du mich vorher loslassen würdest.“ Dabei schaute sie betont erst auf seine Hand, die immer noch ihren Unterarm umschloss, dann in seine harten glitzernden Augen. Schrecklich war nur, dass sie es mochte, von ihm angefasst zu werden, ja, sie kostete seine Berührung richtiggehend aus. Und zwar so sehr, dass sie, als er sie losließ, ein Gefühl von Verlust verspürte, wie sie sich zu ihrer eigenen Schande eingestehen musste. Als sie sich umdrehte und auf die Treppe zuging, waren ihre Schritte leicht unsicher.

Justina war sich der Blicke bewusst, die ihnen folgten, als sie die Eingangshalle durchquerten. Wahrscheinlich gab es im ganzen Foyer keine einzige Frau, die dem hochgewachsenen attraktiven Mann, der im Gegensatz zu der jämmerlich durchnässten Gestalt an seiner Seite in seinem hellen Leinenanzug so elegant und makellos wirkte, nicht wenigstens einen flüchtigen zweiten Blick schenkte.

Den Weg zu ihrer Suite legten sie schweigend zurück. Weder die dunkel glänzenden Holzveranden mit den eleganten Schilfrohrmöbeln noch der aus dem Innenhof aufsteigende Blumenduft konnten Justinas Angst eindämmen. Als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, lagen ihre Nerven blank.

Sie musste sich dringend beruhigen und durfte keine Sekunde vergessen, dass sie es mit einem Mann zu tun hatte, für den Kontrolle alles war. Kurzzeitig erwog sie sogar, die Tür offen zu lassen, aber sie wollte nicht riskieren, dass das ganze Hotel mithörte. Also machte sie die Tür mit einem resignierten Aufseufzen hinter sich zu.

„Ich bin gleich da“, verkündete sie.

Dann ging Justina rasch ins Bad, wo sie sich mit der Bürste durchs Haar fuhr, das ihr in nassen Strähnen über die Schultern fiel, und etwas Lippenstift auflegte, damit sie nicht ganz so katastrophal aussah.

Und dann nur noch schnell einmal tief durchatmen, bevor sie wieder zu ihm zurückging. Sie war so nervös, dass ihr richtig übel war, so wie früher vor einem Auftritt. Nur dass das hier alles noch viel schlimmer war, weil sie nicht wusste, worauf es am Ende hinauslaufen würde.

Dante stand mit dem Rücken zur Fensterfront, die sich über eine ganze Wand zog und zur Veranda hin öffnete. Mit hartem Gesichtsausdruck starrte er auf ihren Bauch, als könnte er immer noch nicht fassen, was er da sah.

„Vielleicht solltest du dich setzen“, schlug er schroff vor.

Sie schüttelte den Kopf. „Danke, ich stehe lieber.“

Dante wurde von Frustration überschwemmt. Typisch! Justina war schon immer die Unvernunft in Person gewesen. Selber schuld, wenn sie umkippte.

„Mach, was du willst.“

„Sehr großzügig, vielen Dank. Wie hast du mich gefunden, Dante?“

„Das war nicht schwer. Als ich von deinem … Zustand erfuhr, war mein erster Gedanke, dass das Kind womöglich von mir sein könnte. Doch nachdem ich dann monatelang nichts von dir hörte, dachte ich …“ Er unterbrach sich und musterte sie durchdringend.

Damals war ihm klar geworden, dass er sich wahrscheinlich geirrt hatte und das Kind gar nicht von ihm war. Und war das nicht der Moment gewesen, in dem sich diese tödliche Eifersucht in ihm eingenistet hatte? Die niederschmetternde Erkenntnis, dass er nur einer von mehreren Männern gewesen sein könnte, die für die Vaterschaft in Frage kamen? Dieser Gedanke hatte ihn gequält, bis er beschlossen hatte, sich Gewissheit zu verschaffen. Deshalb hatte er nach ihr suchen lassen und war ihr gefolgt.

Er starrte sie durchdringend an, während er den harten Schlag seines Herzens spürte. Das Verrückteste war, dass er zu ihr gehen und seine Hand auf ihren Bauch legen wollte, um sich davon zu überzeugen, dass das alles wirklich war.

„Gibt es irgendetwas, was du mir erzählen möchtest?“

Justina nickte, während sie spürte, wie eine Welle aus Gefühlen auf sie zurollte, aber irgendwie gelang es ihr, ruhig zu bleiben. Sei ganz normal, schärfte sie sich ein. Halt dich einfach an die Tatsachen. Was jedoch alles andere als einfach war, weil in dem Moment, in dem sie den Vorwurf in seinen Augen sah, eine schreckliche Sehnsucht in ihr aufzusteigen begann. Plötzlich wünschte sie sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Sie wünschte sich, dass sie immer noch dieselben wie damals wären, zwei junge Menschen, die entdeckt hatten, dass sie sich liebten, und entschlossen waren, für den Rest ihres Lebens zusammenzubleiben.

Aber das war nicht so. Ganz und gar nicht. Und es war sinnlos, sich etwas anderes zu wünschen.

Ihre Stimme war fast sanft, so sehr versuchte sie ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, um jede Eskalation zu vermeiden. „Ist das eine indirekte Art, mich zu fragen, ob du der Vater bist, Dante?“

5. KAPITEL

Dante starrte sie an, aus Augen, die nie kälter gewesen waren als in diesem Moment. „Und? Bin ich der Vater deines Kindes, Justina?“

Sie zögerte. Würde es nicht alles leichter machen, wenn sie jetzt einfach log? Dann konnte er beruhigt nach New York und in sein dortiges Leben zurückkehren. Und sie würde ihn nie mehr wiedersehen müssen. Niemals. Finanziell – und hoffentlich auch emotional – würde sie es bestimmt schaffen, eine gute alleinerziehende Mutter zu sein. Sie war schließlich nicht die erste Frau, die ihr Kind ohne Vater großzog, und sie würde ganz gewiss auch nicht die letzte sein.

Aber dann dachte sie an das neue Leben, das sie in sich trug. Das Baby, das in ihrem Bauch so fleißig strampelte, als würde es bereits im Mutterleib für ein Fußballmatch trainieren. Durfte sie ihrem Kind wirklich den Vater vorenthalten, nur weil dieser Vater sie nicht liebte? Wäre das nicht das Egoistischste, was sie tun könnte, vor allem, weil sie aus eigener Erfahrung wusste, wie schmerzlich es war, vaterlos aufwachsen zu müssen? Sie wusste, dass das eine Leerstelle zu hinterlassen drohte, die durch nichts jemals gefüllt werden konnte. Plötzlich verspürte sie ein leidenschaftliches Verantwortungsgefühl gegenüber diesem neuen Leben, das da in ihr heranwuchs. Sie durfte jetzt nicht nur an sich denken! Ungeachtet dessen, was für sie selbst gut war, war es doch bestimmt nicht gut für das Kind, keinen Kontakt zu seinem Vater zu haben.

„Ja“, sagte sie leise, und dann wiederholte sie es noch einmal, damit es kein Zurück mehr gab. „Ja. Du bist der Vater.“

Einen Moment lang war es totenstill. Dante hörte das laute Ticken einer Uhr, während sein Körper von Adrenalin überschwemmt wurde – in einer instinktiven Reaktion auf eine bevorstehende Kampf- oder Fluchtsituation. Er starrte auf den eleganten Tisch neben sich, wo eine Schale mit Obst stand, die einzelnen Früchte so perfekt, dass sie aussahen wie aus Wachs. Für einen Sekundenbruchteil juckte es ihn in den Fingerspitzen, die Äpfel und Orangen mit einem einzigen Faustschlag in Matsch zu verwandeln, zuzuschauen, wie aus den Orangen der Saft spritzte. Der Wunsch wurde fast übermächtig, während er seine großen Hände zu Fäusten ballte. Aber dann zwang er sich, den Tatsachen ins Auge zu blicken und die Kontrolle über seinen Körper wieder zu übernehmen.

Vergiss nicht, wie eigensinnig sie ist, ermahnte er sich, während er ihr in die großen bernsteinfarbenen Augen schaute. Sie ist eine Frau, die alles aus ihrem Leben herausholen will. Er kannte ihren stählernen Ehrgeiz aus eigener leidvoller Erfahrung. Ihre Karriere war ihr immer wichtiger gewesen als er. Deshalb musste er jetzt alles wissen, nicht nur das, was sie ihm freiwillig erzählte.

„Woher weißt du, dass es von mir ist?“

Die Frage tat weh, besonders, weil sie offensichtlich nicht provozierend gemeint war. Sie überlegte, wie er wohl reagieren mochte, wenn er wüsste, dass er der einzige Mann war, mit dem sie jemals eine intime Beziehung eingegangen war. Würde er sie auslachen oder bemitleiden, weil sie es in fünf langen Jahren nicht geschafft hatte, sich neu zu orientieren?

„Ich weiß es einfach.“

Er schüttelte den Kopf. „Das reicht mir nicht.“

„Wovon redest du?“

Sein Mund verzerrte sich. „Vielleicht erinnerst du dich, dass du mir erzählt hast, dass es bei dir mit Männern ‚ziemlich gut läuft‘.“ Er hatte noch genau den flapsigen Ton im Ohr, in dem sie das gesagt hatte … und konnte immer noch den heftigen Stich von Eifersucht spüren. Und wie niedergeschmettert er gewesen war bei der Vorstellung, dass sie mit anderen Männern dasselbe machte wie mit ihm. „Also muss es da ja auch noch andere geben oder zumindest gegeben haben. Es ist also eine durchaus berechtigte Frage, oder nicht?“

Justina versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie weh ihr seine Worte taten. Er sah in ihr offenbar so etwas wie ein Flittchen, denn genau das hatte er eben mit seinen Worten gesagt. „Und warum bist du dann hier, wenn du so von mir denkst?“, fragte sie.

„Weil ich die Wahrheit wissen will.“

„Du hättest mich anrufen können. Das wäre für einen vielbeschäftigten Mann wie dich doch bestimmt effektiver gewesen, oder?“

Er schaute sie unverwandt an. „Hättest du den Anruf denn entgegengenommen?“

Justina zuckte die Schultern. Jetzt wollte sie ihn genauso verletzen, wie er sie eben verletzt hatte. Sie brauchte ihn nicht, und das sollte er auch wissen. „Wahrscheinlich nicht“, bekannte sie.

Um nicht ständig mit der fruchtbaren Wölbung ihres Bauchs konfrontiert zu werden, schaute er aus dem Fenster, allerdings ohne die großen weißen Frangipani-Blüten an den Bäumen wirklich wahrzunehmen. Aber das kurze Schweigen reichte ihm, um sich so weit in den Griff zu bekommen, sodass er sich wieder zu ihr umdrehen konnte.

„Dann stimmt es also“, stellte er gefährlich sanft fest. „So viel eiskalte Berechnung hätte selbst ein Zyniker wie ich dir nicht zugetraut.“ Nach seinen Worten begann er sie scharf von oben bis unten zu mustern. Ärgerlich war nur dieses verräterische Ziehen in der Leistengegend, das er dabei verspürte. „Du brauchtest einfach nur einen Deckhengst, richtig, Justina?“

„Einen Deckhengst?“, wiederholte sie verständnislos. „Was … wovon redest du?“

Er verzog verächtlich den Mund. „Ich rede von dem Interview, das du kurz vor Roxys Hochzeit gegeben hast. In dem du betont hast, wie schade es ist, dass du kein Kind hast, und wie sehr du dir eins wünscht.“

Sie hörte die böse Unterstellung in seinem Ton mitschwingen, und einen Moment lang fühlte sie sich extrem verletzlich. Richtig, das hatte sie gesagt, aber manchmal war das, was man sagte, eben nur die halbe Wahrheit. Besonders, wenn man von einem Reporter auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Das wusste er, und eigentlich müsste er auch wissen, warum sie so reagiert hatte,

„Das war doch nur, weil ich das Gefühl hatte, dass man es von mir erwartet“, verteidigte sie sich. „Weil eine Frau gleich als Monster dargestellt wird, wenn sie nicht unbedingt Kinder will.“

„Aber es stimmt doch, oder? Du wolltest ja wirklich kein Kind. Wie auch, wo deine verdammte Karriere immer Vorrang hatte?“

Frustriert schüttelte sie den Kopf. Dante war einfach ein hoffnungsloser Fall. Er hatte nie verstanden, wie wichtig es für sie war, von niemandem abhängig zu sein. Obwohl sie ihm erklärt hatte, dass diese tief sitzende Angst vor Abhängigkeiten mit schlimmen Erfahrungen in ihrer Kindheit zusammenhing. Und als sie vorgeschlagen hatte, mit dem Kinderkriegen lieber noch etwas zu warten, war er stur geblieben. Frauen heirateten und bekamen möglichst schnell Kinder, das war für Dante das Normalste von der Welt.

„Du verstehst mich nicht, Dante.“

Er schüttelte mit einem harten Auflachen den Kopf. „Oh, ich verstehe dich sogar sehr gut, Justina. Du hattest Sex mit mir, nachdem wir uns fünf Jahre lang nicht gesehen haben. Die meisten anderen Frauen hätten mir allein für den Versuch eine gescheuert. Aber du nicht. Oh nein, du natürlich nicht! Du wolltest mich vom ersten Moment an, das konnte sogar ein Blinder sehen.“

„Bedaure, aber mit einem Heiligenschein kann ich leider nicht dienen.“

„Wir hatten ungeschützten Sex!“

„Ich wusste gar nicht, dass Verhütung allein Sache der Frau ist.“

„Ich bin natürlich davon ausgegangen, dass du immer noch die Pille nimmst“, schlug er erbittert zurück, obwohl er wusste, dass er hätte nachfragen müssen. Hatte er aber nicht. Weil er nur an das eine gedacht hatte. Und hatte es sich nicht irrsinnig gut angefühlt? Es war der totale Wahnsinn gewesen! Er schluckte, während er versuchte, die Erinnerungen, von denen er überschwemmt wurde, wegzuschieben … aber es klappte nicht.

„Wie konntest du so ein Risiko eingehen mit einem Mann, von dem du wusstest, dass du ihn aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen würdest?“

Justina sah die kalte Verachtung, die sich auf seinem Gesicht spiegelte. Weil ich völlig den Kopf verloren hatte, darum. Oh, warum hatte es bloß ausgerechnet er sein müssen, der sie all dies fühlen ließ? Und warum hatte sich bis zum heutigen Tag daran nichts geändert? Wenn er jetzt versuchen würde, sie zu küssen, wäre sie wieder genauso hin und hergerissen.

„Keine Ahnung“, antwortete sie tonlos.

„Schön, dann sage ich es dir.“ In seine Augen trat ein harter Glanz. „Du wolltest offenbar zwar ein Kind, aber keinen Mann, einfach, weil es die bequemere Lösung ist. Das ist doch bei euch Karrierefrauen heutzutage so üblich, oder nicht, Justina? Sich bloß nicht mit einem Kerl rumärgern müssen, aber ein zu dem straff organisierten Designerleben passendes Designerbaby würde sich trotzdem gut machen, richtig?“

Justina zuckte zusammen. Hielt er sie wirklich für so gefühllos? „So ein Blödsinn.“

„Und als wir uns auf der Hochzeit wiedertrafen, war dir auf Anhieb klar, dass ich der geeignete Erzeuger für dein Kind bin“, fuhr er fort, als ob sie nichts gesagt hätte.

„Du?“

„Ja, ich.“ Er straffte die breiten Schultern, während seine Worte wie Pfeile durch die Luft zischten. „Stark und männlich, ein Anführertyp. Frauen sind darauf programmiert, nach einem Mann wie mir als Vater für ihre Kinder Ausschau zu halten. Deshalb sind sie ja auch alle so hinter mir her.“

Einen Moment lang war sie versucht, ihn daran zu erinnern, dass in ihrem Fall er hinter ihr her gewesen war, aber dann wurde ihr klar, dass dies kein geeigneter Zeitpunkt war, um Sinn für Humor zu beweisen. Nicht solange er sie allen Ernstes beschuldigte, ihn ohne sein Wissen als eine Art Samenspender benutzt zu haben.

„Ich bin nicht bereit, diese groteske Debatte noch länger fortzusetzen“, sagte sie. „Also verschon mich mit deinen idiotischen Verschwörungstheorien. Außerdem bin ich müde und muss packen. In ein paar Stunden geht mein Flug.“

Er beobachtete, wie sie sich erschöpft die Stirn massierte. „Du fliegst nach Hause?“

„Richtig, Dante. Und zwar schon morgen, weil ich in meinem Zustand nicht mehr lange fliegen darf.“

„Warum zum Teufel fliegst du in deinem Zustand überhaupt noch? Warum bleibst du nicht zu Hause und legst die Beine hoch, so wie das jede normale Frau in deiner Situation machen würde?“

„Weil ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen muss.“

„Natürlich. Da hätte ich auch selbst draufkommen können.“

„Ich weiß, dass solche Worte aus dem Mund einer Frau in deinen Ohren schmutzig klingen, aber so ist es nun einmal.

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