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Eiskalte Tage, feurige Nächte

1. KAPITEL

„Mom! Hast du mein Geschichtsbuch irgendwo gesehen?“

Liz Strauss seufzte genervt. Sie war sich sicher, dass man den Bariton ihres Sohnes noch im Haus nebenan hören konnte. „Wo hast du es zuletzt gesehen?“

„Wenn ich das wüsste, würde ich dich ja nicht fragen.“

Und ob! Schließlich ist es doch viel einfacher, erst mich zu fragen. „Schau mal neben dem Computer nach!“ Wir sollten endlich anfangen, wie normale Menschen miteinander zu reden und uns nicht permanent von verschiedenen Zimmern aus anbrüllen.

„Ich hab es gefunden“, rief er kurz darauf. „Es lag auf dem Küchenschrank.“

Zwischen den Lebensmitteln. Natürlich. Die Gefahr war gebannt, vorerst zumindest, und somit konnte sie sich wieder der kleinen Rede zuwenden, die sie gerade einstudierte.

„Wie Sie wissen, Mr Bishop, ist das von mir zu bewältigende Arbeitspensum gestiegen, seit Sie bei uns sind …“

Zu weinerlich. Liz wollte wenigstens intelligent und gebildet klingen, wenn sie schon nicht so aussah. Ihr kinnlanger Pagenschnitt klebte wie ein unförmiger brauner Helm an ihrem Kopf. Bei dem Versuch, ihr elektrisch aufgeladenes Haar zu bändigen, hatte sie es mit dem Conditioner wieder einmal etwas zu gut gemeint.

Seufzend setzte sie die Vorbereitungen für das Gespräch mit ihrem Boss fort. „Angesichts der Tatsache, dass es zu einer Ausweitung meines Verantwortungsbereichs gekommen ist, hatte ich gehofft … Nein, bin ich der Meinung …“ Das klingt viel besser. „Ich bin der Meinung, ich verdiene …“

Warum fällt es mir nur so schwer, die richtigen Worte zu finden?

Wenn Ron Bishop noch ihr Chef wäre, hätte sie einfach gesagt: „Hey Ron, Andrew hat die Möglichkeit, auf die Trenton Academy zu gehen. Um die Schulgebühren bezahlen zu können, bräuchte ich eine Gehaltserhöhung.“

Doch leider arbeite ich nicht mehr für Ron, Gott hab ihn selig. Inzwischen arbeitete sie für seinen Sohn Charles, von dem sie noch vor drei Monaten nicht einmal gewusst hatte, dass es ihn gibt. Diesen Mann interessierten die Gebühren einer Privatschule oder einmalige Gelegenheiten im Leben eines Teenagers nicht im Geringsten. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, alles zunichtezumachen, was sein Vater aufgebaut hatte.

Andererseits verdiente sie tatsächlich eine Gehaltserhöhung, schließlich hatte Charles Bishop sie von Anfang an unablässig auf Trab gehalten. Und dann war da noch der anhaltende Strom von Beschwerden über seine neuen Maßnahmen. Also wenn man mich fragt, müsste ich eigentlich allein dafür eine Gefahrenzulage bekommen, weil ich hier die Tür bewache.

Es war schon spät. Die Vorbereitungen für ihre kleine Ansprache würden noch warten müssen.

Also ging sie die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und erblickte wieder den alten Saftfleck auf der letzten Stufe. Sie versuchte die Frustration nicht hochkommen zu lassen. Eigentlich hatte sie in diesem Frühjahr den alten Berberteppich austauschen wollen. Doch damit würde sie noch warten müssen. Ich kann nicht gleichzeitig das Haus auf Vordermann bringen und die Schulgebühren bezahlen. Ohne diese verdammte Gehaltserhöhung kann ich ja nicht einmal das.

Ihr Sohn Andrew war in der Küche gerade dabei, einige Schulbücher in den Rucksack und gleichzeitig einen halben Bagel in seinen Mund zu stopfen. Mit seinen breiten Schultern, den zwei Metern Körpergröße und den langen Armen füllte er den Raum fast vollständig aus. Liz musste sich ducken, um nicht von einem seiner Arme oder einer Hand getroffen zu werden. Seine schlaksige Größe hatte er von ihr. Dass sie beide mit ihren zusammen genommen fast vier Metern Körpergröße tatsächlich in das enge Zimmer passten, grenzte an ein Wunder.

„Wenn du so weitermachst, wirst du mal an deinem Frühstück ersticken“, sagte sie und holte sich einen Kaffeebecher aus dem Küchenschrank.

„Dann müsste ich wenigstens keine Matheklausur mehr ­schreiben“, konterte er.

Unter den Mathestunden hatte er schon das ganze Jahr über gelitten. „Du bist doch vorbereitet, oder etwa nicht?“

Obwohl ihm die Haarsträhnen tief ins Gesicht hingen, sah Liz, wie er die Augen verdrehte. „Als würde das irgendetwas ändern. Mr Rueben hasst unsere ganze Klasse. Er will, dass wir alle durchfallen.“

Warum müssen Teenager eigentlich immer so übertreiben? Liz hätte beinahe selbst die Augen verdreht. „Ich bin mir sicher, dass er euch nicht hasst. Wenn du dich vorbereiten würdest, wären auch deine Noten okay.“

Andrew nahm ihr die Tasse aus der Hand und spülte mit dem Kaffee den restlichen Bagel hinunter. „Das sagst du jedes Mal.“

„Und du sagst jedes Mal, dass du durchfallen wirst.“ Sie holte sich ihre Tasse zurück. „Soll ich dir einen eigenen Kaffee einschenken?“

„Keine Zeit. Vic holt mich heute zeitiger ab, damit wir vor der Schule noch ein bisschen büffeln können.“

„Büffeln, hm?“ Sie spürte ein vertrautes Stechen in der Magengegend. Victoria ist ein intelligentes und sehr nettes Mädchen, sagte sie sich.

Ein sympathisches Mädchen mit einem eigenen Auto, und Andrew ist bis über beide Ohren in sie verliebt. Aus Liz’ Jugend stiegen Erinnerungen an Rücksitze und enttäuschte Gefühle auf.

Er ist nicht wie du, Liz. Und weil er nicht so verhungert nach Zuneigung ist, würde er niemals all seine Zukunftschancen schon bei den ersten süßen Liebesworten in den Wind schlagen.

Vor dem Haus hupte ein Auto.

„Das ist Vic“, erklärte Andrew überflüssigerweise, während er nach seinem Rucksack griff. „Ich komme heute erst nach dem Training nach Hause.“

„Sag Victoria, dass sie vorsichtig fahren soll.“

„Wird gemacht.“ Noch einmal verdrehte er die Augen.

„Und viel Glück bei der Klau…“

Er war schon zur Tür hinaus, bevor sie den Satz beenden konnte.

Liz hielt den Kaffeebecher in den Händen und unterdrückte das Bedürfnis, aus dem Fenster zu schauen. Nur allzu gern hätte sie sich davon überzeugt, dass die beiden sicher aus der Einfahrt bogen. Andrew ist kein kleiner Junge mehr. Ich muss nicht mehr jeden seiner Schritte überwachen.

Aus dem Augenwinkel sah sie in der Mikrowelle ihr Spiegelbild. Ich habe meine Haare doch eben erst geföhnt. Wieso sieht meine Frisur jetzt schon wieder so schlaff aus?

Zum Glück hatte Liz nicht auf ihr Aussehen, sondern auf ihre effiziente Arbeitsweise gesetzt, um ihren Boss zu überzeugen. Als ob man diesen Mann überhaupt mit irgendetwas anderem als mit Kalkulationstabellen beeindrucken konnte.

Vielleicht sollte ich ihm meine Argumente einfach in einer Tabelle zusammenfassen und auf den Schreibtisch legen. Dann bräuchte ich mir auch keine Gedanken mehr über meine Frisur zu machen.

Liz kicherte in sich hinein und trank einen Schluck vom Kaffee. Ich sollte mir endlich überlegen, was ich Bishop sage, damit er mir die Gehaltserhöhung gibt. Andrew würde im nächsten Jahr auf jeden Fall auf die Trenton Academy gehen – koste es, was es wolle! Selbst wenn sie dafür betteln, borgen oder stehlen musste. Heute würde sie betteln.

Hoffentlich ist Charles Bishop in Geberlaune.

Liz hatte sich vorgenommen, heute besonders zeitig im Büro zu sein. Doch daraus wurde nichts. Auf dem Weg zur Arbeit war es ihr leider nicht gelungen, den Bus von der Mittelschule zu überholen, der in der Innenstadt von Gilmore alle fünf Minuten hielt. Sie kam gerade noch pünktlich im Büro an. Liz wollte gleich früh mit Bishop sprechen, bevor er sich allzu sehr in seine heiß geliebten Tabellen vertiefte.

Vielleicht hatte sie ja Glück und er war auch irgendwo aufgehalten worden.

„Guten Morgen, Elizabeth.“

Verdammt. Er war pünktlich.

Sie setzte ihr professionellstes Lächeln auf. „Guten Morgen, ich wollte Ihnen gerade Ihre heutigen Termine vorlegen.“

Wie immer sah der Geschäftsführer von Bishop Paper umwerfend aus. Mit seinem Cashmeremantel, dem Designer-Wollanzug und dem maßgeschneiderten Hemd machte er einen so wohlhabenden Eindruck, dass man ihn ohne Weiteres für einen Millionär halten konnte. Doch auf seinen markanten Gesichtszügen lag ein Schatten.

„Sind die Umsatzprognosen von der Buchhaltung schon da?“, fragte er und überflog seine Termine.

Noch mehr Kalkulationstabellen. Der Mann ist definitiv besessen. „Noch nicht“, antwortete Liz.

Er schaute auf und sah ihr direkt in die Augen. Obgleich sie sich selbst dafür hasste, stockte ihr der Atem. Die schwarzen Wimpern waren unerhört elegant geschwungen und umrahmten perfekt seine kobaltblauen Augen. Das ist nicht fair! Es ist einfach nicht fair, dass ein Mann, der so kalt und in jeglicher Hinsicht unausstehlich ist, solche Augen hat.

„Sagen Sie ihnen, dass sie mir die Zahlen bis spätestens zehn Uhr zumailen sollen“, wies er Liz an.

„Selbstverständlich.“ Sie würde warten, bis er wieder in seinem Büro verschwunden war, um diese schlechte Nachricht zu überbringen. Die Sekretärin des stellvertretenden Geschäftsführers Leanne Kenny bekam mit Sicherheit einen Anfall und würde vielleicht sogar laut werden. Ein weiterer Grund für eine Gehaltserhöhung: die Kompensation möglicher Hörschäden.

„Ich erwarte zudem eine Expresslieferung von Xinhua Paper“, fuhr Bishop fort. „Sobald das Paket da ist, bringen Sie es mir herein.“

Da alles besprochen war, ging er zurück zu seiner Bürotür. Liz’ Handflächen wurden feucht. Jetzt oder nie. „Ich wollte Sie fragen …“

Er hatte die Hand bereits auf die Klinke gelegt und hielt inne. „Ja?“

„Hätten Sie einen kurzen Moment Zeit für mich? Ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen.“

Charles Bishop runzelte die Stirn. „Stimmt irgendetwas nicht?“

„Nein, es ist alles in bester Ordnung.“ Alles außer meinem Gehalt. „Ich möchte Sie nur etwas fragen – etwas Berufliches“, beeilte sie sich hinzuzufügen.

„Gut, kommen Sie in mein Büro.“

Sein Büro. Auch nach drei Monaten klang es in ihren Ohren noch immer eigenartig, wenn er das ehemalige Büro seines Vaters so nannte. Doch wenn sie den Raum betrat, wurde ihr jedes Mal nur allzu bewusst, dass Ron Bishop nie zurückkehren würde. Als der frühere Geschäftsführer noch am Leben war, standen überall Fotos von Firmenevents und Benefizveranstaltungen.

Von seinem Sohn hatte es allerdings kein einziges Bild gegeben.

Charles hatte alle Fotos noch am Tag seiner Ankunft entfernt. Der einzige persönliche Gegenstand des Büros war ein sündhaft teurer Kaffeeautomat. Wenn der Mann morgen verschwinden würde, wüsste niemand, dass er jemals hier war.

Sie wartete, bis er seinen Mantel aufgehängt hatte. „Worüber möchten Sie mit mir sprechen?“

„Wie Sie wissen, ist mein Arbeitspensum gestiegen, seit Sie bei uns sind. Nicht, dass ich mich darüber beschweren wollte“, fügte sie schnell hinzu.

Er war inzwischen zur Anrichte hinübergegangen und füllte Kaffeebohnen in den Kaffeeautomat. „Das freut mich zu hören.“ Ein kurzes Surren, dann setzte sich die Maschine in Gang. Liz musste lauter sprechen.

„Mir ist aufgefallen, dass bei einem Führungswechsel in einem Unternehmen viel zusätzliche Arbeit anfällt und dass ich, da ich bereits seit zehn Jahren als Rons Verwaltungsassistentin für die Firma arbeite, das wichtigste Bindeglied zwischen Ihnen und der Belegschaft bin.“

Um Gottes willen, kann er überhaupt nachvollziehen, wovon ich spreche?

Nachdem das Mahlwerk gestoppt hatte, wurde es wieder still. Charles drückte auf den Knopf mit der Aufschrift Aufbrühen. „Und?“

Sie wartete kurz und holte tief Luft. Geh aufs Ganze oder geh nach Hause. Ist das nicht, was Andrew und seine Kumpels vom Eishockey immer sagen? „Ich hatte gehofft, dass Sie mein Gehalt dem gestiegenen Arbeitspensum anpassen würden.“

„Sie wollen eine Gehaltserhöhung?“

„Ja, so ist es.“

In dem Zimmer war nur das Gurgeln und Tropfen der Kaffeemaschine zu hören. Charles ging zu seinem Schreibtisch. Mit methodischer Präzision holte er sein Smartphone aus der Brusttasche, zog dann das Jackett aus und legte es über die Lehne seines Stuhls. Zum Schluss krempelte er noch seine Hemdsärmel nach oben, wobei er nach jedem Umschlag die Oberfläche fein säuberlich glatt strich. Liz’ Magen zog sich zusammen.

„Sie beziehen bereits ein recht gutes Gehalt“, entgegnete er schließlich und setzte sich. „Sie verdienen besser als die anderen Sekretärinnen.“

„Das ist richtig, aber ich arbeite auch mehr als die anderen“, gab sie zurück. „Ich mache Überstunden, bleibe länger, nehme mir Arbeit mit nach Hause und bin zum Teil sogar an den Wochenenden hier.“

„Niemand stellt Ihren Einsatz für Bishop Paper in Abrede, Elizabeth.“

Sehr gut. Obwohl eine leise Stimme in ihrem Kopf weiterhin zur Vorsicht mahnte, begann Liz Hoffnung zu schöpfen. Sie beobachtete, wie Charles sich in seinem Stuhl nach hinten lehnte und seine Fingerkuppen aufeinanderpresste. „Da ich derzeit jedoch versuche, sämtliche Ausgaben zu minimieren, sind alle Gehaltsanhebungen vorerst auf Eis gelegt.“

„Ich weiß. Ich hatte nur gehofft, Sie würden unter den gegebenen Umständen eventuell eine Ausnahme machen.“

„Wenn ich für Sie eine Ausnahme mache, muss ich das bei allen anderen ebenfalls tun.“

Ihre Hoffnung schwand. „Ich möchte ja keine große Erhöhung. Es ist nur so, dass mein Sohn …“

„Momentan nicht, Elizabeth“, fiel ihr Charles ins Wort. „Bei Ihrer nächsten Beurteilung können Sie die Angelegenheit gerne noch einmal vorbringen. Bis dahin kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Es tut mir leid.“

Von wegen es tut ihm leid! Es tut ihm überhaupt nicht leid, außer vielleicht um seine kostbare Zeit, die er an mich verschwendet hat.

Bishop griff zum Telefon. Für ihn war das Gespräch beendet. „Stellen Sie sicher, dass ich bis zehn die Zahlen von der Buchhaltung habe“, sagte er ohne aufzuschauen.

Liz entgegnete nichts. Wozu auch? Er würde ihr ja doch nicht zuhören. Dieser arrogante, zahlenversessene, herzlose, geizige, arrogante …

Sie verließ das Büro und marschierte direkt zur Damentoilette. Auf halbem Weg gingen ihr die Beschimpfungen aus. Wütend stieß sie mit dem Fuß die Tür auf. Der Schmerz fuhr ihr von den Zehen bis zum Knie.

Ausgezeichnet! Da habe ich gleich eine Ausrede, wenn jemand fragt, warum ich so verweint aussehe. Sie wollte ihrem Boss auf keinen Fall die Genugtuung verschaffen, sie gekränkt zu sehen.

Keiner stellt Ihren Einsatz oder Ihr Arbeitspensum infrage. Höhnisch hallte der Satz in ihrem Kopf wider. Es war mein Fehler, sagte sie sich und wischte die Spuren des Mascaras unter ihren Augen weg. Nur wegen eines Kompliments gleich zu glauben, dass alles gut wird. Wann werde ich es endlich lernen? Komplimente, Schmeicheleien, Versprechen – das ist alles nichts wert.

Was sollte sie nun tun? Andrew die schlechte Nachricht überbringen, dass er doch nicht auf die Trenton Academy gehen würde? Er hatte sich so gefreut. Einige Spieler von Trenton sind von Unis aus der I. Division angeworben worden, Mom. Wär es nicht cool, wenn ich für die Boston University oder für Harvard spielen würde? Auf eine Schule wie Trenton zu gehen, könnte Andrew so viele Türen öffnen. Sie sollte verdammt sein, wenn Andrew nicht all diese Möglichkeiten haben würde.

Ihrem Boss hatte sie es zu verdanken, dass sie nun einen anderen Weg finden musste, um diese Türen zu öffnen. Vielleicht Bill … Liz verwarf die Idee sofort wieder. Andrews Vater hatte siebzehn Jahre lang nichts für seinen Sohn getan.

Wie immer war sie auf sich selbst gestellt gewesen.

Dieser verdammte Charles Bishop und sein Sparzwang!

„Gleich morgen früh, James. Ich zahle eurer Firma keinen Vorschuss, damit ihr euch darauf ausruht.“ Charles legte auf und drehte sich mit dem Stuhl zum Fenster. Draußen fielen inzwischen ein paar vereinzelte Flocken und verschwanden in der weißen Schneedecke, die alles überzog. In einiger Entfernung sah man schemenhaft die White Mountains. Die grauweißen Bergkuppen waren von Skipisten und Geröllfeldern durchzogen.

Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich wieder hier bin. Er hatte gedacht, diese Gegend für immer hinter sich gelassen zu haben. Als eine unangenehme, aber weit zurückliegende Erinnerung. Und doch war er zurück in Gilmore und noch dazu als der Geschäftsführer des geliebten Unternehmens seines Vaters. Die Anwälte waren der Meinung, die Erbschaft sei als eine letzte Versöhnungsgeste zu verstehen, als der Versuch seines Vaters, im Tod zu richten, was er zu Lebzeiten nicht wiedergutmachen konnte. „Vielleicht wollte Ron dir damit sagen, dass es ihm leidtut“, hatte einer der Anwälte gesagt.

Es kümmerte ihn nicht im Geringsten, warum er das Unternehmen geerbt hatte. Sein Vater hatte ihn nicht gewollt, und genauso wenig wollte Charles jetzt diese verdammte Firma. Da hatte Ron Bishop eindeutig auf den falschen Erben gesetzt. Für Charles war das Unternehmen nichts als eine weitere Betriebsübernahme. Er hatte in der Vergangenheit bereits unzählige Unternehmen erworben, die er anschließend so schnell und gewinnbringend wie möglich weiterverkauft hatte.

Ein vorsichtiges Klopfen an seiner Tür ließ ihn aufhorchen. Charles drehte sich um und sah Elizabeth im Türrahmen stehen. Sie räusperte sich, und sofort fielen ihm die roten Ränder unter ihren Augen auf. Sie hasst mich. Jetzt wahrscheinlich noch mehr als vorher. Er war sich ziemlich sicher, dass ihn die gesamte Belegschaft vom ersten Tag an verabscheut hatte. Eiskönig, so nennen sie mich doch hinter meinem Rücken. Ziemlich gut getroffen, wenn man ihn fragte.

Charles musste seiner Assistentin zugutehalten, dass die geröteten Augen das einzig erkennbare Anzeichen ihres Missmuts waren.

„Ihr Paket von Xinhua“, sagte sie kurz. Als sie ihm den dicken Umschlag reichte, lag ein Anflug von Verachtung in ihrem Blick. Sie hasst mich definitiv. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte sie.

„Momentan nicht.“

Liz machte auf dem Absatz kehrt und schritt aufrechten Ganges aus dem Zimmer. Charles schaute ihr kurz hinterher und bemerkte, dass die neue Beherrschtheit ihrem Rücken eine interessante Rundung gab. Wenn sie wüsste, was ich gerade denke, würde sie mich vermutlich noch mehr verachten. Um seine Mundwinkel zuckte es amüsiert.

Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, wendete er seine Aufmerksamkeit dem Päckchen zu. Huang Bin hatte mehr als schnell reagiert.

Von Anfang an war sich Charles Bishop darüber im Klaren gewesen, dass Asien der Schlüssel zum Verkauf dieser lästigen Erbschaft war. Die goldenen Zeiten der Papierherstellung in New England waren vorbei.

Da traf es sich gut, dass Xinhua Paper derzeit plante, in den USA Fuß zu fassen. So schnell es auf legalem Wege irgendwie möglich war, würde er verkaufen und damit das Thema Bishop Paper ein für alle Mal abschließen.

Zur Mittagszeit hatte sich ihre Stimmung etwas gebessert. Liz sagte sich, dass noch längst nicht alles verloren war. Sie konnte sich zum Beispiel einen zweiten Job suchen oder einen längerfristigen Kredit aufnehmen.

„Ist jemand gestorben?“, fragte Leanne Kenny, die gerade in die Kantine gehastet kam.

„Meine Kreditwürdigkeit“, antwortete Liz. „Was denkst du? Würde mir irgendeine Bank die Schulgebühren für ein ganzes Jahr vorschießen?“

„Versuchst wohl immer noch, deinen Sohn auf die Trenton Academy zu schicken, was?“

Leanne öffnete den Kühlschrank und holte einige Plastikgefäße mit verschiedenen Zutaten für einen Salat heraus. „Du weißt schon, dass es nicht das Ende der Welt ist, auf eine öffentliche Schule zu gehen.“

„Ich weiß.“ Liz wusste auch, dass Leanne sie wegen dieser Sache für elitär hielt. Wie die meisten ihrer Kollegen schickte sie ihre Kinder auf die Gilmore High und verstand nicht recht, warum Liz unbedingt wollte, dass Andrew auf eine Privatschule ging.

Wenn sie Leanne jedoch ihre Gründe erklären wollte, musste Liz unangenehme Einzelheiten ihrer verpfuschten Jugend preisgeben. Das kam nicht infrage. Es war schon schlimm genug, dass man allein mit ein paar einfachen Berechnungen einen Teil ihrer Geschichte erahnen konnte.

Liz lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. „Danke, dass du mir die Berichte heute früh noch geschickt hast. Mr Bishop wollte sie unbedingt haben.“

„Er hat es immer schrecklich eilig“, knurrte Leanne und verteilte Dressing über ihren Salat. „Der Mann kommt definitiv nicht nach seinem Vater. Ron hat uns immer rechtzeitig Bescheid gegeben.“

Das stimmt, dachte Liz bei sich und biss von ihrem Peanutbutter-Sandwich ab.

„Und was findet er eigentlich an Kalkulationstabellen so faszinierend?“, fragte Leanne.

„Der Mann liebt seine Zahlen.“

Leanne beugte sich zu ihr hinüber und ihre Augen leuchteten, als hätte sie ein Geheimnis, das sie nicht länger für sich behalten konnte. „Paul aus der Personalabteilung hat mir gesagt, dass Bishop das Firmen-Barbecue gestrichen hat. Unverschämt, was?“

Absolut! Offensichtlich war Charles Bishop fest entschlossen, jeden Cent aus dem Unternehmen zu schlagen. Die Zufriedenheit der Angestellten spielte für ihn keine Rolle. Wie kann sich jemand so grundlegend von seinem Vater unterscheiden?

Ein Geräusch am Eingang ließ die beide aufschrecken. Seitdem Charles die Firma übernommen hatte, waren alle äußerst angespannt.

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