Logo weiterlesen.de
JULIA EXTRA BAND 374

CAROL MARINELLI

Verlier dein Herz nicht in Las Vegas!

Wie gern würde Niklas bei der schönen Meg bleiben, die er gestern so spontan geheiratet hat. Doch ein Notfall ruft den Tycoon nach Sao Paulo. Zu spät merkt er, dass es sich um eine böse Falle handelt ...

SUSANNA CARR

Schicksalhafte Tage in Rom

Sprachlos starrt Isabella in Antonios dunkle Augen. Jede Nacht träumt sie von ihm, seit ein Missverständnis ihre Beziehung zerstörte. Nun steht er plötzlich vor ihr – mit einer Botschaft, die alles ändert …

SHARON KENDRICK

Gefährlicher Flirt mit dem Boss

Hotelbesitzer Zak verdächtigt die hübsche Architektin Emma, sich aus reiner Habgier an seinen kleinen Bruder heranzumachen. Warum fällt es ihm dann bloß selbst so schwer, ihren Reizen zu widerstehen?

CHARLOTTE PHILLIPS

Millionär gesucht, Liebe gefunden

Mit einer Undercover-Reportage aus der Welt der Reichen und Schönen will Jung-Journalistin Jen ihre Karriere beflügeln. Allerdings hat sie nicht mit dem gefährlichen Charme des glamourösen Alex gerechnet …

IMAGE

Verlier dein Herz nicht in Las Vegas!

1. KAPITEL

„Ich muss jetzt auflegen“, sagte Meg zu ihrer Mutter. „Sie sind mit dem Boarding fertig, also sollte ich besser mein Telefon ausschalten.“

„Eine Zeit lang geht es noch.“ Ruth Hamilton redete unbeirrt weiter. „Hast du die Vorarbeiten für den Evans-Vertrag erledigt?“

„Ja.“ Meg wollte einfach das Telefon ausschalten und sich entspannen. Sie hasste das Fliegen. Na ja, eigentlich nur den Start. Deshalb wollte sie die Augen zumachen, Musik hören und schön tief atmen, um sich zu beruhigen, bevor die Maschine vom Flughafen Sydney abhob. Aber natürlich konnte ihre Mutter wieder einmal nicht aufhören über die Arbeit zu sprechen. „Ich habe alles auf den neuesten Stand gebracht, Mum.“

„Gut“, sagte Ruth, doch es war klar, dass sie noch immer keine Ruhe geben würde.

Meg wickelte sich eine Haarsträhne um den Zeigefinger und drehte und drehte. Das tat sie immer, wenn sie nervös war oder sich konzentrieren wollte.

„Sieh zu, dass du im Flugzeug schläfst, Meg, weil du nach der Landung sofort mittendrin bist. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Leute hier sind. Dadurch bieten sich so viele Chancen …“

Als ihre Mutter weiter von dem Kongress schwärmte und dann zum Reiseprogramm überging, unterdrückte Meg ein frustriertes Seufzen. Sie wusste schon, dass ein Fahrer sie am Flughafen Los Angeles abholen und zu dem Hotel bringen würde, in dem die Tagung stattfand. Und ja, sie wusste, dass ihr ungefähr eine halbe Stunde bleiben würde, um zu duschen und sich umzuziehen.

Ihre Eltern spielten eine führende Rolle auf dem Immobilienmarkt Sydneys und versuchten gerade, ihr Geschäft auszubauen und ins Ausland zu expandieren. Sie waren nach Los Angeles vorausgereist, um Geschäftsbeziehungen anzuknüpfen, während Meg vor ihrem Abflug erst noch den Arbeitsrückstand im Büro aufgeholt hatte.

Meg war sich darüber im Klaren, dass sie sich viel mehr auf Los Angeles freuen sollte. Normalerweise besichtigte sie gern fremde Städte, und sie konnte sich wirklich nicht beklagen: Sie flog Businessclass und würde in dem Luxushotel wohnen, in dem der Kongress abgehalten wurde. Ebenso wie ihre Eltern würde sie dort als erfolgreicher Profi auftreten.

Selbst wenn das Familienunternehmen im Moment nicht wirklich gut lief.

Immer wieder ließen sich ihre Eltern auf waghalsige Projekte ein, die schnellen Reichtum versprachen. Meg hatte vernünftigerweise vorgeschlagen, dass nur einer von ihnen nach Los Angeles flog. Oder dass sie ganz darauf verzichteten und sich auf die Immobilien konzentrierten, die sie schon in ihren Verzeichnissen hatten.

Natürlich hatten ihre Eltern nichts davon hören wollen. Jetzt würden sie groß ins Geschäft kommen, hatten sie behauptet.

Meg bezweifelte es.

Aber das war nicht der Grund für ihre innere Unruhe.

Als sie vorgeschlagen hatte, dass nur einer von ihnen zu dem Kongress reisen sollte, hatte sie gehofft, ihre Eltern würden vielleicht sie hinschicken. Schließlich befasste sie sich mit allen rechtlichen Angelegenheiten in der Firma.

Eine Woche weg. Sie hatte es dringend nötig. Und um das schicke Hotel ging es ihr dabei nicht. Meg würde auch in einem Zelt schlafen, Hauptsache, sie hatte einmal Zeit für sich, damit sie richtig nachdenken konnte. Ihr war, als würde sie ersticken, als wären ihre Eltern immer um sie herum und ließen sie einfach nicht denken. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass ihre Eltern das ganze Leben ihrer Tochter im Voraus durchgeplant hatten.

Wahrscheinlich hatten sie das wirklich …

Nicht, dass Meg sich groß beschweren konnte. Schließlich hatte sie ihre eigene hübsche Wohnung in Bondi. Leider kam sie nie dazu, sie zu genießen, weil sie Zwölfstundentage hatte und zusätzlich an den Wochenenden immer irgendetwas zu erledigen war: einer Unterschrift nachjagen, einen Vertrag durchlesen. Es schien nie ein Ende zu nehmen.

„Wir sehen uns heute Nachmittag zwei Grundstücke an …“ Ihre Mutter redete weiter, während im Gang neben Meg Hektik ausbrach.

„Willigt in nichts ein, bis ich da bin, Mum“, warnte Meg. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie ein Steward und eine Flugbegleiterin einem Herrn halfen. Nach dem, was sie sehen konnte, war er groß und wirkte topfit und sehr wohl imstande, seinen Laptop selbst ins Gepäckfach zu legen. Dennoch machten das die Flugbegleiter für ihn, bevor sie ihm sein Jackett abnahmen und sich wiederholt entschuldigten, während er bereits auf Meg zukam.

Sie blickte kurz zu ihm hoch – und wusste überhaupt nicht mehr, worüber ihre Mutter und sie gerade sprachen. Dieser Mann war absolut umwerfend. Sein dichtes schwarzes Haar war einen Tick zu lang, sodass es ihm in die Stirn fiel, er hatte hohe Wangenknochen, ein eckiges Kinn und eine gerade Nase. Er sah einfach unglaublich gut aus! Was Meg jedoch am meisten fesselte, war sein perfekt geformter, sinnlicher Mund … der im Augenblick allerdings mürrisch verzogen war.

Als der Fremde sich neben sie setzte, nickte er nur knapp in ihre Richtung. Offensichtlich war er nicht sehr erfreut!

Meg fing seinen Duft auf, eine Mischung aus teurem Eau de Cologne und Mann, und obwohl sie versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was ihre Mutter sagte, hörte sie immer wieder das Gespräch neben ihr mit. Der Steward und seine Kollegin taten ihr Bestes, um einen Mann zu besänftigen, der anscheinend nicht leicht zu besänftigen war.

„Nein“, widersprach er gerade der Flugbegleiterin. „Dieses Problem wird sofort nach dem Start zu meiner Zufriedenheit geklärt!“

Er hatte eine tiefe, leise Stimme und sprach mit einem Akzent, den Meg nicht so recht unterbringen konnte. Vielleicht spanisch, dachte sie, war sich aber nicht sicher.

Sie war sich allerdings sicher, dass er zu viel von ihrer Aufmerksamkeit beanspruchte. Nicht bewusst natürlich, sie telefonierte ja weiter mit ihrer Mutter. Doch sie konnte es nicht lassen, auf das Gespräch zu horchen, das sie nichts anging.

„Noch einmal“, sagte die Flugbegleiterin zu dem gutaussehenden Fremden, „wir entschuldigen uns für alle Unannehmlichkeiten, Mr Dos Santos.“ Dann wandte sie sich an Meg, und wenn sie auch höflich lächelte, war sie zu ihr doch nicht so überschwänglich freundlich wie zu ihrem Sitznachbarn. „Sie müssen Ihr Telefon jetzt ausschalten, Ms Hamilton. Wir starten gleich.“

„Ich muss wirklich Schluss machen, Mum. Wir sehen uns in Los Angeles.“ Meg schaltete ihr Telefon aus und seufzte erleichtert. „Das Beste am Fliegen.“

„Am Fliegen ist nichts gut“, kam seine schroffe Antwort, als die Maschine zur Startbahn rollte. „Zumindest heute nicht.“

„Tut mir leid.“ Meg lächelte ihn flüchtig an, bevor sie wegsah. Schließlich war es möglich, dass er mitten in einer Familienkrise irgendwohin hetzte. Für seine schlechte Laune konnte es viele Gründe geben, und es ging sie überhaupt nichts an.

Als er nun weitersprach, überraschte sie das wirklich. Sie blickte zu ihm und bemerkte, dass er sie noch immer ansah.

„Normalerweise fliege ich gern, ich bin wahnsinnig viel unterwegs, aber heute ist in der ersten Klasse kein Platz frei.“

Niklas Dos Santos sah, wie seine Sitznachbarin auf seine Bemerkung hin kurz blinzelte, und betrachtete sie eingehender. Ihre grünen Augen waren unverwandt auf ihn gerichtet. Er erwartete, dass sie mitfühlend murmelte oder eine kritische Bemerkung über die Fluggesellschaft machte. Das waren die Reaktionen, die er gewohnt war, deshalb verblüffte ihn ihre.

„Sie Ärmster! Dass Sie hier in der Businessclass auf allen Luxus verzichten müssen.“

„Wie gesagt, ich bin Vielflieger, und ich muss im Flugzeug arbeiten und schlafen, was jetzt schwierig wird. Zugegeben, ich habe meine Pläne erst heute Morgen geändert, aber trotzdem …“ Niklas sprach nicht weiter. Er fand, dass er seine schlechte Laune gut genug erklärt hatte. Damit war das Gespräch ja wohl zu Ende. Er hoffte, dass sie jetzt schweigend nebeneinandersitzen konnten.

„Ja, es ist unglaublich rücksichtslos, dass man Ihnen keinen Platz frei gehalten hat für den Fall, dass sich Ihre Pläne zufällig ändern.“

An ihrem Lächeln erkannte er, dass sie ihn aufzog. Sie war anders als die Menschen, mit denen er sonst zu tun hatte. Normalerweise behandelten ihn die Leute mit dem höchsten Respekt, und wenn er es mit schönen Frauen zu tun hatte – zu denen man seine Sitznachbarin vielleicht hinzuzählen konnte –, machten sie sich meistens gleich an ihn heran.

Er war aus seiner Heimatstadt perfekt geschminkte und frisierte dunkelhaarige Frauen gewohnt. Manchmal ging er aber auch mit einer Blondine aus, und mit ihrem rötlichen Haar konnte auch seine Sitznachbarin fast als Blondine durchgehen. Aber anders als die Frauen, auf die er stand, gab sie sich überhaupt keine Mühe. Sie war zwar sehr geschmackvoll gekleidet. Zu einer marineblauen Hose hatte sie eine elegante cremefarbene Bluse an. Nur war die Bluse bis zum Hals zugeknöpft, und sie trug keinerlei Make-up. Niklas warf einen schnellen Blick auf ihre Fingernägel. Gepflegt, aber nicht lackiert. Und ja, er sah nach einem Ring.

Wenn nicht die Triebwerke auf Touren gekommen wären, dann hätte Meg den Blick vielleicht bemerkt. Und wenn sie nicht in diesem Moment weggeschaut hätte, wäre ihr das Lächeln eines Mannes vergönnt gewesen, der sehr selten lächelte. Weil sie erfrischend unbeeindruckt von ihm zu sein schien und Niklas gerade bei sich dachte, dass sie keineswegs nur vielleicht eine schöne Frau war.

Aber sie redete zu viel.

Wenn sie wieder etwas sagte, würde er sie einfach ignorieren. Er wollte nicht alle fünf Minuten gestört werden.

Niklas war nicht besonders gesprächig, und er war bloß daran interessiert, auf dem Flug nach Los Angeles so viel Arbeit und Schlaf wie möglich hinter sich zu bringen. Er schloss die Augen, als das Flugzeug die Startbahn entlangraste. Bis er seinen Laptop einschalten konnte, würde er ein Nickerchen machen.

Und dann hörte er sie atmen.

Laut.

Als die Maschine abhob, stöhnte sie auf. Niklas warf ihr einen wütenden Blick zu, doch sie hatte die Augen geschlossen. Sie war wirklich faszinierend anzusehen mit ihrer Stupsnase, dem breiten Mund und den rötlich blonden Wimpern. Nur war sie furchtbar nervös, und dieses tiefe Einatmen und langsame Ausatmen war einfach lästig. Das konnte er nicht für die nächsten zwölf Stunden ertragen. Er würde noch einmal mit der Flugbegleiterin sprechen. Irgendjemand musste seinen Platz in der ersten Klasse für ihn räumen.

Meg atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus und versuchte, ihre Atmung so zu kontrollieren, wie sie es in ihrem Kurs gegen Flugangst gelernt hatte. Sie zwirbelte immer wieder ihr Haar, und als das nicht half, umklammerte sie die Armlehnen. Über ihrem Kopf klapperte es beim Steigflug ganz schrecklich. Das war wirklich ein unruhiger Start.

Das Flugzeug neigte sich ein wenig nach links, und Meg kniff die Augen fester zu.

Sie stöhnte wieder, und Niklas bemerkte, dass sie schneeweiß im Gesicht war und sogar ihre Lippen die Farbe verloren hatten. Sobald die Zeichen ausgingen, würde er mit der Flugbegleiterin sprechen. Es war ihm egal, dass sie eine königliche Familie in die erste Klasse gesetzt hatten, jemand musste für ihn Platz machen! Und da er immer seinen Willen bekam und bald umziehen würde, konnte er wohl für ein oder zwei Minuten nett sein.

„Sie wissen doch, dass dies das sicherste Beförderungsmittel ist?“

„Ja“, erwiderte Meg, „im Moment fühlt es sich nur nicht besonders sicher an.“

„Ist es aber.“

„Sie haben gesagt, Sie fliegen viel?“ Er sollte ihr erzählen, dass er jeden Tag flog und der Lärm völlig normal war.

„Ständig.“

„Und dieses Geräusch?“

„Was für ein Geräusch?“ Er horchte einen Moment lang. „Das Fahrwerk wird eingezogen.“

„Nein, das jetzt gerade.“

Für ihn klang alles völlig normal, aber ihm war klar, dass es für sie wahrscheinlich nicht ganz normal klang, weshalb er weiter mit ihr sprach. „Heute fliege ich nach Los Angeles, und in zwei Tagen bin ich schon unterwegs nach New York …“

„Und dann?“, fragte Meg. Ihm zuzuhören war besser als darüber nachzudenken, was mit dem Flugzeug nicht in Ordnung war.

„Dann fliege ich heim nach Brasilien, wo ich mir hoffentlich zwei Wochen freinehmen kann.“

„Sie sind aus Brasilien?“ Jetzt öffnete sie die Augen und wandte ihm das Gesicht zu. Zum ersten Mal sah sie ihm wirklich in die Augen, die sehr dunkel waren, und es lenkte sie himmlisch gut von ihrer Angst ab. „Also sprechen Sie Portugiesisch?“

„Ja.“ Und als wäre er dazu da, ihr die Zeit zu vertreiben, bot Niklas ihr eine Auswahl an. „Ich kann Französisch oder auch Spanisch sprechen, wenn Ihnen das lieber ist.“

„Nein, Englisch ist gut.“

Er brauchte nicht noch länger mit ihr zu reden. Sie bekam wieder Farbe. „Wir sind oben“, sagte er, und im selben Moment ertönte bereits das leise Klingeln, mit dem das Ende der Startphase verkündet wurde.

Meg stieß den Atem aus. „Tut mir leid.“ Sie lächelte ihn verlegen an. „So schlimm bin ich sonst nicht, aber das war wirklich ein unruhiger Start.“

Der Start war keineswegs unruhig gewesen, doch Niklas wollte nicht mit ihr streiten und sich auch nicht in ein weiteres Gespräch ziehen lassen.

„Übrigens, ich bin Meg.“

Ihren Namen wollte er eigentlich auch nicht wissen.

„Meg Hamilton.“

„Niklas“, gab er widerwillig preis.

„Tut mir ehrlich leid. Mir geht es jetzt gut. Ich habe kein Problem mit dem Fliegen, ich hasse nur den Start.“

„Das Landen nicht?“

„Oh, das ist in Ordnung.“

„Dann sind Sie noch nie nach São Paulo geflogen.“

„Sind Sie von dort?“

Er nickte und begann die Speisekarte zu lesen, bevor ihm einfiel, dass er ja den Platz wechseln würde. Er drückte die Taste, damit die Stewardess kam. Offenbar hatte sie gedacht, er wolle einen Drink, denn sie näherte sich mit einer Flasche Champagner. Als er sich wieder über seinen Platz beschweren wollte, sah er jedoch ein, dass es vielleicht ein bisschen unhöflich war, vor Meg zu verlangen, umgesetzt zu werden.

Na schön, er würde ein Glas Champagner trinken und dann zur Flugbegleiterin gehen und mit ihr sprechen. Während sie ihm einschenkte, spürte er Megs Blick. Gereizt wandte sich Niklas ihr zu. „Möchten Sie auch etwas trinken?“

„Bitte.“ Sie lächelte.

„Dazu ist Ihre Ruftaste da.“ Anscheinend verstand sie nicht, dass es sarkastisch gemeint war. Er verdrehte die Augen, gab nach und bestellte ein zweites Glas.

Bald darauf nippte Meg an ihrem Champagner und hoffte, dass der Alkohol ihrem nervösen Geplapper ein Ende machte. Nur tat er es nicht. Zum einen war sie aufgeregt wegen des Flugs, zum anderen hatte sie noch nie neben einem so umwerfend attraktiven Mann gesessen. Beides zusammen schien zur Folge zu haben, dass sie zu viel redete.

„Um zehn Uhr morgens Alkohol zu trinken kommt mir irgendwie falsch vor“, hörte sie sich sagen und hätte sich ohrfeigen können. Was war bloß mit ihr los?

Niklas antwortete nicht. Er dachte schon wieder an die Arbeit, an all die Dinge, die er erledigen musste, bevor er einmal richtig Urlaub machen konnte.

Er würde Urlaub machen. In den vergangenen sechs Monaten hatte er keinen Tag Pause gehabt, und er freute sich wirklich darauf, zurück in Brasilien zu sein, in dem Land, das er liebte. Er freute sich auf das Essen, das er so gern mochte, und auf seine letzte Eroberung…

Ja, er würde sich zwei oder drei Wochen freinehmen und jede Minute nutzen, sich schöne Frauen und wunderbares Essen gönnen und danach dasselbe noch einmal.

Bei dem Gedanken atmete er langsam aus, und es klang sehr nach einem Seufzen. Sogar nach einem gelangweilten Seufzen. Aber wie ist das möglich? fragte sich Niklas. Er hatte alles, was sich ein Mann nur wünschen konnte. Und er hatte hart dafür gearbeitet, arbeitete noch immer hart, um sicherzustellen, dass er niemals dorthin zurückkehren würde, wo er hergekommen war.

Ich habe alles abgesichert, sagte sich Niklas. Jetzt durfte er eine Weile Pause machen. In Brasilien endlich einmal richtig ausspannen, dann würde er diese nervöse Unruhe los sein. Er dachte an den Flug nach Hause, an die Landung in São Paulo, und was er dann tat, überraschte ihn selbst. Er hatte seinen Champagner ausgetrunken. Jetzt konnte er aufstehen und kurz mit der Flugbegleiterin sprechen. Stattdessen sprach er mit Meg.

2. KAPITEL

„São Paulo ist sehr dicht besiedelt.“

Sie waren inzwischen schon weit draußen über dem Meer, und Meg blickte aus dem Fenster, aber beim Klang seiner Stimme wandte sie ihm das Gesicht zu. Und Niklas versuchte, ihr zu erklären, wie es war, in diese endlos große Stadt einzufliegen.

„Im Sinkflug fliegt man für lange Zeit über die Stadt. Der Flughafen Congonhas liegt nur ein paar Meilen vom Zentrum entfernt.“

Er erzählte Meg von der kurzen Landebahn und dem schwierigen Anflug, und sie sah ihn entsetzt an.

„Wenn schlechtes Wetter ist, halten wahrscheinlich sogar die meisten der Passagiere, die den Flughafen kennen, bei der Landung den Atem an. Es hat schon viele Beinaheunfälle gegeben.“

Ihr so etwas gerade jetzt zu erzählen, war wirklich unmöglich von ihm! Und sie hatte ihn so nett gefunden. „Damit helfen Sie mir überhaupt nicht!“

„Doch. Ich habe so viele Flüge von und nach Congonhas hinter mir, dass ich sie schon nicht mehr zählen kann, und ich lebe immer noch. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

„Jetzt habe ich vor der Landung auch Angst!“

„Ängste sind Zeitverschwendung.“ Niklas stand auf und holte seinen Computer heraus. Normalerweise hatte er für sinnloses Geplauder nichts übrig, und ganz bestimmt nicht auf einem Flug. Aber der Start hatte Meg so nervös gemacht, und eigentlich war es recht angenehm gewesen, beruhigend mit ihr zu reden. Nun saß sie still da und blickte wieder aus dem Fenster. Vielleicht musste er doch nicht den Platz wechseln.

Der Steward servierte die Vorspeise, und Meg ahnte, dass Mr Dos Santos mit einem Gericht von der Erste-Klasse-Speisekarte bewirtet wurde, denn was ihm serviert wurde, stand eindeutig nicht auf der Karte der Businessclass. Und da sie neben ihm saß, bekam sie es auch.

„Iranischer Wildkaviar auf Buchweizenblinis mit Sauerrahm und Dill“, säuselte der Steward, aber Niklas war zu beschäftigt, um darauf zu achten, was ihm hingestellt wurde. Meg hörte ihn frustriert seufzen, als er seinen Computer beiseiteschieben musste. Offensichtlich vermisste er den Schreibtisch in der ersten Klasse!

„Hier ist nicht genug Platz für …“ Niklas bremste sich. Er hörte sich an wie jemand, der sich ständig beschwerte. Sonst tat er das nicht. Weil er es nicht brauchte. Seine persönliche Assistentin Carla sorgte dafür, dass alles reibungslos lief. Heute hatte Carla jedoch keine Wunder wirken können, und er hatte bis Los Angeles viel zu erledigen. „Ich muss noch arbeiten. Ich habe eine Stunde nach der Landung ein Meeting und wollte die Zeit nutzen, um mich vorzubereiten. Es ist wirklich ungünstig.“

„Sie sollten sich ein eigenes Flugzeug kaufen“, neckte Meg ihn.

„Das habe ich gemacht, und ungefähr zwei Monate war es großartig. Dann …“ Er zuckte die Schultern. Mit der einen Hand tippte er Zahlen in seinen Laptop, zwischendurch pflückte er mit der anderen die kleinen Stücke Dill von den Blinis, bevor er sie aß.

„Und dann?“, fragte Meg, weil der Mann so interessant war und sie mehr über ihn erfahren wollte. Er war reserviert und dennoch freundlich, lebhaft und dennoch ruhig. Und sehr pedantisch, wenn es um Dill geht, dachte Meg. Lächelnd beobachtete sie, wie er ihn abzupfte. Als er schließlich aß, schloss er kurz die Augen, während er den köstlichen Geschmack in seinem Mund genoss.

„Dann habe ich angefangen, mich zu langweilen“, erwiderte Niklas. „Derselbe Pilot, dieselben Flugbegleiterinnen, derselbe Koch, derselbe Seifenduft im Badezimmer. Verstehen Sie?“

„Nicht wirklich.“

„Sosehr ihr Geplapper auch nervt …“, er wandte sich von seinem Bildschirm ab und lächelte sie richtig nett an, „… es freut mich tatsächlich, Sie kennenzulernen.“

Meg erwiderte sein Lächeln. „Gleichfalls.“

„Und wenn ich noch meinen Privatjet hätte, wären wir uns nicht begegnet.“

„Oder wenn Sie in der ersten Klasse den feinen Herrn spielen würden.“

Er überlegte einen Moment. „Stimmt. Aber jetzt muss ich weiterarbeiten.“ Bevor er loslegte, erklärte er ihr jedoch, was er meinte. „Deshalb fliege ich lieber mit Fluggesellschaften – es passiert leicht, dass man die eigene Welt zu klein werden lässt.“

Also das verstand Meg. „Wem erzählen Sie das!“ Sie seufzte.

Niklas spannte sich an. Seine Finger verharrten über der Tastatur, während er darauf wartete, dass Meg weitersprach.

Wenn sie es tat, würde er nochmals betonen, dass er zu arbeiten versuchte.

Er biss die Zähne zusammen und machte sich auf ihre Stimme gefasst. Würde sie etwa den ganzen Weg bis Los Angeles reden?

Doch sie sprach nicht weiter.

Als sie still blieb, wurde ihm bewusst, dass er sich den Klang ihrer Stimme sogar herbeiwünschte. An diesem Punkt klappte er den Laptop zu. Er würde später auf den Bericht zurückkommen.

„Wollten Sie mir nicht etwas erzählen?“

Sie hatte keine Ahnung, was für ein Vorrecht er ihr einräumte, wie viele Leute alles darum geben würden, dass er ihnen nur zehn Minuten lang seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

„Ach, es ist nichts …“ Meg zuckte die Schultern. „Ich tue mir bloß selbst leid.“

„Was schwierig sein muss, während man gerade Kaviar isst.“

Niklas brachte sie zum Lachen. Er war überhaupt nicht redselig, aber wenn er mit ihr sprach, wenn er sie neckte, wenn sich ihre Blicke trafen, spürte sie ein kleines Beben im Bauch. Sie mochte, wie es sich anfühlte. Ein wohliges Erschauern, das neu für sie war.

„Auf die Businessclass!“, sagte Niklas. Sie stießen an, er sah ihr in die Augen, und – nicht, dass sie sich dessen bewusst war – er ließ sie an sich heran.

Er war verschlossen, ein Mann, der immer auf der Hut war. Niklas hatte so sein müssen, um zu überleben. Aber zum ersten Mal seit Langem zog er es vor, sich zu entspannen, sich Zeit zu nehmen, die Arbeit zu vergessen und einfach mit Meg zusammenzusein.

Während sie plauderten, erlaubte er dem Steward, seinen Laptop wegzupacken. Sie saßen, schön für sich, ganz hinten in der Businessclass und genossen ihre eigene Welt.

Die Bestellungen für den Hauptgang wurden entgegengenommen. Für Meg war Essen eine Leidenschaft in Wartestellung. Sie hatte selten Zeit zu kochen und aß oft außer Haus, aber es war meistens im selben italienischen Restaurant, in das ihre Eltern und sie auch ihre Klienten ausführten.

Niklas und Meg hatten verschiedene Gerichte gewählt, und er lächelte im Stillen über ihren Gesichtsausdruck, als serviert wurde und sie feststellte, dass Beefsteak-Tatar tatsächlich roh war.

„Es schmeckt wunderbar“, versicherte er ihr. „Oder möchten Sie mein Steak haben?“

Sie hätte sich denken können, dass es roh war, wenn sie da­rauf geachtet hätte, was sie bestellte. Aber mit Niklas neben sich war es schwer gewesen, sich auf die Speisekarte zu konzentrieren. Deshalb hatte sie aufs Geratewohl etwas gewählt.

„Nein, ist schon in Ordnung“, erwiderte Meg, während sie das seltsame Essen auf ihrem Teller ansah. In der Mitte war ein Berg rohes Hackfleisch mit einem rohen Eigelb in seiner Schale obendrauf, drum herum waren kleine Hügel aus Zwiebeln, Kapern und anderen Sachen. „Ich habe es immer probieren wollen, nur neige ich dazu, auf Nummer sicher zu gehen und bei dem zu bleiben, was ich kenne. Etwas anderes zu probieren, ist gut …“

„Ist es“, sagte Niklas. „Ich mag es so.“

Ihr stockte der Atem, weil es klang, als würde er über Sex sprechen. Er kippte das Eigelb auf das Fleisch, nahm ihr Messer und ihre Gabel, stapelte die Zwiebeln und Kapern obenauf, hackte alles klein und schob die Mischung durch die Worcestersoße. Einen Moment lang dachte Meg wirklich, dass er einen Mundvoll auf die Gabel laden und sie füttern würde, doch er legte ihr Besteck hin und widmete sich wieder seinem Essen. Meg wurde rot. Auf was für Gedanken kam sie bloß!

„Gut?“, fragte Niklas, nachdem sie das erste Mal gekostet hatte.

„Fantastisch.“ Es schmeckte lecker, nicht großartig, aber von ihm für sie gemacht, war es tatsächlich fantastisch. „Wie ist Ihr Steak?“

Er schnitt ein Stück ab und hielt ihr seine Gabel hin. Und das von dem Mann, der ihr widerstrebend ein Glas Champagner angeboten und sie etliche Male ignoriert hatte. Jetzt ließ er sie sein Essen probieren. Er will gerade nett sein, sagte sich Meg. Sie las viel zu viel in diese kleine Geste hinein.

Aber als sie nach der Gabel griff, hob er sie an ihren Mund und beobachtete, wie sie ihn öffnete. Plötzlich fragte sich Meg, ob sie recht gehabt hatte.

Vielleicht redete er von Sex.

Falls er überhaupt geflirtet hatte, war damit jedoch Schluss, sobald das Dessert abgeräumt war. Er las eine Weile, und Meg blickte aus dem Fenster, bis die Flugbegleiterin kam und die Rollos hinunterzog. Das Licht in der Kabine wurde gedämpft, und Meg mühte sich mit ihrer Fernbedienung ab, um den Sessel in ein Bett zu verwandeln.

Niklas stand auf. „Holen Sie jetzt Ihren goldenen Pyjama?“, neckte sie ihn.

„Ja, und ich lasse mich massieren.“

Als er zurückkehrte und seine Krawatte abnahm, eilte natürlich die Flugbegleiterin herbei, um sie zu halten, während der Steward sein Bett machte. Niklas zog seine Schuhe aus und legte sich hin.

Obwohl sie sein schönes Gesicht nicht mehr sehen konnte, war es immer noch da, vor ihrem geistigen Auge. Meg hörte, dass er sich ein paarmal rastlos von einer Seite auf die andere drehte.

Vielleicht war etwas dran an dem, was er gesagt hatte. Sie konnte sich bequem ausstrecken, aber er war bestimmt dreißig Zentimeter größer als sie. Für ihn war das Bett schlicht zu klein, und er würde darin zweifellos nicht gut schlafen.

Meg lag da und versuchte, nicht an ihn zu denken. Schließlich konzentrierte sie sich auf den Evans-Vertrag. Das würde sie doch sicher einschlafen lassen.

Gerade als sie zu hoffen begann, dass sie vielleicht selbst mit Niklas neben sich jetzt eindösen würde, hörte sie ihn wieder herumrühren. Sie öffnete die Augen und blinzelte, als sein Gesicht plötzlich über ihrem auftauchte.

Ihre Blicke begegneten sich, sie hörte seine volltönende Stimme, und wie könnte eine Frau da nicht lächeln?

„Sie haben mir noch immer nicht erzählt, warum Ihre Welt zu klein ist.“

3. KAPITEL

Sie zogen den Platzteiler zurück, der sie trennte, lagen beide auf der Seite und sahen sich an. Meg wusste, dass sie wahrscheinlich nie wieder neben einem so umwerfend attraktiven Mann im Bett liegen würde, deshalb verzichtete sie liebend gern auf ihren Schlaf.

„Ich arbeite in einem Familienunternehmen“, erklärte Meg.

„Was für eins?“

„Meine Eltern sind Immobilienmakler. Ich bin Rechtsanwältin …“

Beeindruckt nickte Niklas, aber dann runzelte er die Stirn, weil sie auf ihn nicht wie eine Anwältin wirkte.

„Nur nutze ich meine Ausbildung kaum. Ich erledige den ganzen Bürokram und die Verträge.“ Meg verdrehte die Augen. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie langweilig das ist.“

„Warum tun Sie es dann?“

„Gute Frage. Ich glaube, meine Eltern haben schon vor meiner Geburt entschieden, dass ich Anwältin werde.“

„Sie wollen keine sein?“

Es fiel ihr schwer, es zuzugeben. „Wohl eher nicht. Ich denke, ich sollte keine sein. Ich meine, ich habe in der Schule die Noten geschafft, die ich brauchte, ich habe mit Ach und Krach das Studium durchgehalten …“

„So etwas dürfen Sie bei einem Bewerbungsgespräch niemals sagen“, unterbrach Niklas sie.

„Nein, natürlich nicht.“ Meg lächelte. „Wir unterhalten uns doch nur.“

„Gut. Also haben Sie als kleines Mädchen nicht davon geträumt, Rechtsanwältin zu werden?“, hakte er nach. „Sie haben Ihre Puppen nicht ins Kreuzverhör genommen?“

„Nein.“

„Und wie sind Sie schließlich eine geworden?“

„Ich weiß wirklich nicht, wo ich anfangen soll.“

Niklas sah auf seine Armbanduhr. „Ich habe neun Stunden Zeit.“ Er traf die Entscheidung in diesem Moment: Er würde sich in diesen Stunden ihr widmen.

„Okay …“ Meg überlegte, wie sie es ihm am besten erklären konnte. „In meiner Familie bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Von klein auf hatte ich Klavierunterricht, Geigenunterricht, Ballettstunden und Nachhilfelehrer. Meine Eltern haben ständig meine Hausaufgaben kontrolliert. Alles war darauf ausgerichtet, mich auf die beste Schule zu schicken, damit ich die besten Noten bekommen und auf die beste Universität gehen konnte. Was ich getan habe. Aber der Druck ist bloß immer noch größer geworden. Ich habe mich einfach geduckt und weitergearbeitet. Jetzt bin ich vierundzwanzig Jahre alt und nicht sicher, dass ich so lebe, wie ich es will …“

Es verständlich zu machen war schwierig, weil sie nach außen hin ein sehr schönes Leben hatte.

„Ihre Eltern verlangen zu viel.“

„Das wissen Sie nicht.“

„Sie hören Ihnen nicht zu.“

„Das wissen Sie auch nicht.“

„Doch. Mindestens fünfmal haben Sie am Telefon gesagt ‚Mum, ich muss auflegen‘ oder ‚Mum, ich muss jetzt wirklich Schluss machen‘.“

Meg lächelte. Nicht, weil Niklas sie nachahmte, sondern weil er mitgehört hatte. Zwar war er schlecht gelaunt gewesen und hatte sie absichtlich nicht beachtet, aber aufgefallen war sie ihm trotzdem.

So müssen Sie das machen.“ Niklas hielt ein unsichtbares Telefon hoch und schaltete es aus.

„Ich kann nicht“, gab sie zu. „Tun Sie das?“

„Natürlich.“

Er ließ es so einfach klingen.

„Und das allein ist es nicht. Meine Eltern wollen immer alles über mein Leben erfahren.“

„Wenn sie Fragen stellen, die Ihnen nicht passen, dann sagen Sie es ihnen einfach. Sagen Sie: ‚Ich möchte nicht darüber sprechen‘“, schlug er vor.

„Ich will sie ja nicht kränken. Wie schwierig es mit den Eltern manchmal sein kann, wissen Sie doch.“

„Nein. Vollwaise zu sein hat gewisse Vorteile.“

Sein Ton forderte nicht zu Mitgefühl auf. Niklas lächelte sogar, als hätte sie keinen Grund, verlegen zu sein, als würde er ihr die Bemerkung nicht übel nehmen.

„Es tut mir leid.“

„Braucht es nicht.“

„Aber …“

„Darüber möchte ich nicht sprechen.“

Im Gegensatz zu ihr fiel es ihm leicht, das zu sagen. Er lenkte das Gespräch zurück auf sie, und fertig.

„Was würden Sie denn gern beruflich machen?“

„Sie sind der Erste, der mich das fragt.“

„Der Zweite“, verbesserte Niklas. „Ich glaube, Sie haben sich das selbst schon oft gefragt.“

„In letzter Zeit, ja.“

„Und? Was möchten Sie werden?“

„Küchenchefin.“

Weder lachte er noch spottete er, dass sie dann ja wohl wissen sollte, was Beefsteak-Tatar war.

„Warum?“

„Weil ich gern koche.“

„Warum?“, fragte Niklas.

Nicht, als wäre es ihm unbegreiflich, wie man dazu Lust haben konnte. Es schien ihn wirklich zu interessieren.

„Wenn jemand etwas isst, was ich gekocht habe, und eine Sekunde lang die Augen schließt …“ Meg hatte Schwierigkeiten, es richtig zu erklären. „Als Sie sich den ersten Bissen von den Blinis in den Mund geschoben haben, da gab es diesen Moment …“ Sie sah ihn flüchtig lächeln. „Die Blinis haben fantastisch geschmeckt?“

„Ja.“

„Ich habe mir gewünscht, ich hätte sie zubereitet. Ich liebe es, Lebensmittel zu kaufen, ein Essen zu planen, es zu kochen und zu servieren.“

„Für diesen einen Moment?“

„Ja.“ Meg nickte. „Und ich weiß, dass ich es gut kann. Ganz gleich, wie unzufrieden meine Eltern mit meinen Schulnoten oder Entscheidungen waren, wenn ich sonntags für die Familie gekocht habe, waren sie jedes Mal begeistert. Und dennoch war das der eine Beruf, von dem sie mir immer abgeraten haben.“

„Warum?“ Diesmal fragte Niklas, weil er es nicht verstand.

„‚Warum willst du denn in einer Küche arbeiten?‘“, ahmte Meg ihre Mutter nach. „‚Nach all den Möglichkeiten, die wir dir geboten haben.‘ Vielleicht hätte ich mich gegen meine Eltern behaupten sollen, aber mit vierzehn ist das schwer. Mit vierundzwanzig ist es noch immer schwer.“

„Wenn Kochen Ihre Leidenschaft ist, dann wären Sie bestimmt eine hervorragende Küchenchefin. Sie sollten es machen.“

„Ich weiß nicht …“ Ihr war klar, dass sie willensschwach klang, aber die andere Seite des Problems hatte sie bisher nicht erklärt. „Ich liebe meine Eltern. Sie sind unerträglich herrschsüchtig, aber ich liebe sie und möchte ihnen nicht wehtun. Obwohl ich es wahrscheinlich muss.“ Sie lächelte. „Ich werde mir überlegen, ob es möglich ist, ihnen schonend wehzutun.“

Nach ein oder zwei Sekunden lächelte Niklas auch. Es war ein nachdenkliches Lächeln. Weil er sie wegen ihrer Schwäche bemitleidete? Dabei hielt sie sich gar nicht für schwach.

„Kochen Sie oft?“

„Fast nie. Mir fehlt einfach die Zeit. Aber an meinem nächsten freien Wochenende werde ich das Gericht zubereiten, das ich eben gegessen habe. Auch wenn ich meistens auf Nummer sicher gehe und im Restaurant etwas bestelle, was ich kenne, möchte ich so viele Gerichte einmal ausprobieren.“

Sie lagen da, sahen sich an und redeten über Essen. Das mochte für manche langweilig klingen, für Meg war es das beste Gespräch ihres Lebens.

Niklas erzählte ihr von einem Restaurant in der Innenstadt von São Paulo, das er häufig besuchte. Es war berühmt für seine Meeresfrüchte, aber er bestellte immer die feijoada, einen Eintopf aus schwarzen Bohnen und Fleisch. Der schmecke, als hätten ihn Engel zubereitet, sagte er.

In diesem Moment erkannte Meg, dass sich zu ihrer einen vernachlässigten Leidenschaft gerade eine zweite gesellte. Weil Niklas’ Blick so intensiv und seine Worte so interessant waren und sie wünschte, dieser Flug würde niemals enden …

„Wie kommt es, dass Sie drei Fremdsprachen sprechen?“

„Es ist gut, dass ich es tue. Dadurch kann ich in vielen Ländern Geschäfte machen.“ Niklas erzählte ihr, dass er auf dem internationalen Finanzmarkt tätig war. Und dann, sehr ungewöhnlich für ihn, erzählte er ihr noch ein kleines bisschen mehr. Etwas, worüber er sonst mit niemandem redete. „Eine der Nonnen, die mich betreut haben, als ich noch ein Baby war, sprach nur Spanisch. Mit drei oder vier Jahren bin ich in ein anderes Waisenhaus verlegt worden. Damals war ich schon zweisprachig. Englisch habe ich mir später selbst beigebracht, und viel später noch Französisch.“

„Wie?“

„Ich hatte einen Freund, der Engländer war. Ich habe ihn gebeten, nur Englisch mit mir zu sprechen. Und ich habe englische Zeitungen …“ Er wollte sagen, dass er sie aus dem Müll gefischt hatte, änderte den Satz jedoch um. „… gelesen.“

„In welcher Sprache träumen Sie?“

Er lächelte über Megs Frage. „Je nachdem, wo ich gerade bin – wo ich mit meinen Gedanken bin.“ Er verbringe viel Zeit in Frankreich, besonders im Süden, erklärte er Meg. Sie fragte ihn, wo er am liebsten war. Natürlich in São Paulo. Die Antwort lag ihm auf der Zunge, schließlich freute er sich darauf, in die Stadt zurückzukehren, zu dem pulsierenden Leben und den schönen Frauen. Aber dann gab er eine Antwort, die ihn selbst überraschte. Er beschrieb ihr das Gebirge weit weg von der Stadt, den Regenwald, die Flüsse und Quellen dort. „Vielleicht sollte ich mir in der Gegend ein Haus kaufen“, sagte er.

Und dann dankte er ihr.

„Wofür?“

„Dafür, dass Sie mich zum Nachdenken gebracht haben. Ich hatte vor, mir freizunehmen. Nur wäre im Urlaub alles so wie immer gewesen …“ Die Frauen erwähnte Niklas nicht, auch nicht die Nachtklubs und die Reporter, die auf der Jagd nach dem neuesten Skandal ständig hinter ihm her waren.

Meg verriet ihm, dass sie auch die Berge dem Strand vorzog, obwohl sie in Bondi wohnte. Gemeinsam änderten sie ihren Zukunftstraum um: Jetzt wollte sie nicht mehr Küchenchefin in einem großen Hotel werden. Stattdessen würde sie eine kleine Ferienpension in den Bergen betreiben.

Danach fragte Meg ihn nach seinem Leben. Und Niklas, der sehr selten irgendetwas von sich preisgab, erzählte ihr davon in dieser unwirklichen Nacht. Nicht alles, aber ein wenig. Schließlich würde er die junge Frau nie wiedersehen.

Er erzählte ihr, wie er sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht, wie er sich durch Zeitungslesen gebildet hatte. Dass ihn der Wirtschaftsteil immer fasziniert hatte und es ihm leicht gefallen war, die Zahlen zu deuten, die auf andere einschüchternd zu wirken schienen.

„Haben Sie noch einen Wunsch, Mr Dos Santos?“ Der Steward sah nach ihm, offensichtlich machte er sich Sorgen, dass der hoch geschätzte Passagier von Meg gestört wurde.

„Nein.“ Niklas blickte weiter Meg an, während er antwortete. „Würden Sie uns bitte allein lassen?“

„Dos Santos?“, wiederholte sie, nachdem der Steward gegangen war.

„Es ist ein Nachname, den man oft Waisenkindern gibt. Das heißt auf Portugiesisch ‚von den Heiligen‘.“

„Wie sind Sie zur Waise geworden?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht wurde ich ausgesetzt, einfach vor dem Waisenhaus abgelegt. Ich weiß es wirklich nicht.“

„Haben Sie jemals nach Ihrer Familie gesucht?“

Niklas wollte sagen, dass er lieber nicht darüber sprechen würde, doch stattdessen verriet er noch mehr von sich. „Ja. Leider hat es sich als unmöglich erwiesen. Ich habe meinen Anwalt Miguel darauf angesetzt, aber er hat nichts erreicht.“

Mit der Frage, wie es war, so aufzuwachsen, kam ihm Meg zu nahe. Das war etwas, was er für sich behielt.

„Darüber möchte ich nicht sprechen.“

Also redeten sie wieder über sie, nur kam jetzt Niklas ihr zu nahe, als er fragte, ob sie eine Beziehung habe.

„Nein.“

„War es Ihnen schon einmal ernst mit einem Mann?“

„Nicht wirklich“, erwiderte sie. Was nicht ganz stimmte. „Ich war kurz davor, mich zu verloben. Ich habe es abgeblasen.“

„Warum?“

„Er hat sich ein bisschen zu gut mit meinen Eltern verstanden. Ein Kollege. Mir ist klar geworden, dass ich meine Welt noch kleiner machen würde.“

„Hat er sich aufgeregt?“

„Nicht richtig.“ Meg war ehrlich. „Es war nicht gerade eine leidenschaftliche …“ Sie schluckte. Darüber wollte sie nicht mit Niklas sprechen!

Anstatt es ihm einfach zu sagen, behauptete sie, sie brauche ihren Schlaf. Sie beendeten das Gespräch, und schließlich schliefen sie beide.

Meg wusste nicht, wie lange. Aber als sie aufwachte, bereute sie, dass sie eingeschlafen war, dass sie sich nicht länger mit Niklas unterhalten und die wenige Zeit, die sie hatten, nicht genutzt hatte.

Sie sah zu ihm hinüber. Er schlief noch. Auch mit geschlossenen Augen sah er schön aus. Einen so umwerfend attraktiven Mann in aller Ruhe mustern zu können, empfand sie fast als Privileg. Sie betrachtete das dichte schwarze Haar, den sinnlichen Mund, entspannt und weich im Schlaf, die schwarzen Wimpern. In welcher Sprache er wohl gerade träumt? fragte sie sich, dann beobachtete sie, wie sich seine Lider hoben.

Für Niklas war es ein Vergnügen, die Augen zu öffnen und Meg zu sehen. Er hatte ihren Blick wie eine Liebkosung gespürt, jetzt erwiderte er ihn und hielt ihn fest.

„Englisch“, beantwortete er die Frage, die sie nicht gestellt hatte.

Aber sie verstand. Er hatte auf Englisch geträumt, vielleicht von ihr.

Und dann beschloss Niklas, das zu tun, was er immer tat, wenn er neben einer schönen Frau aufwachte.

Es war ein bisschen schwieriger als sonst, wegen der Lücke zwischen ihnen, weil er Meg nicht in die Arme nehmen und zu sich herüberziehen konnte, zweifellos würde sich die Anstrengung jedoch lohnen. Er stützte sich auf den Ellbogen und beugte sich vor, bis sein Gesicht direkt über ihr war.

„Was wollten Sie damit sagen, es sei nicht leidenschaftlich gewesen?“

Sie hätte das Gespräch sofort abbrechen können. Seine Frage war wirklich unangebracht. Nur kam ihr bei Niklas nichts unangebracht vor. Nicht, wenn sein sinnlicher Mund so nah war.

„Ich war diejenige, die nicht leidenschaftlich war.“

„Das kann ich nicht glauben.“

„Tja, ich war es nicht.“

„Weil du ihn nicht so begehrt hast, wie du mich begehrst?“

Meg wusste, was Niklas tun würde. Sie wollte hundertprozentig, dass er es tat.

Und er tat es.

Es war nicht, als würde sie einen Fremden küssen. Es war einfach wunderbar.

Für einen Moment bewegte er seinen Mund überraschend sanft auf ihrem, wiegte sie flüchtig in Sicherheit. Denn als sein Kuss leidenschaftlicher wurde, war er plötzlich schockierend eindeutig und zielbewusst.

Dies war kein Kuss, um die Lage zu peilen. Und nun wusste Meg, was von Anfang an mit ihr los gewesen war, warum sie zu viel geredet hatte. Sie hatten sich augenblicklich zueinander hingezogen gefühlt, und Niklas hätte sie so küssen können, sobald er sich neben sie gesetzt hatte. Sie hätte seinen Kuss sofort erwidert.

Und deshalb erwiderte sie ihn jetzt.

Solch eine Leidenschaft hatte Meg noch nie erlebt. Sie entdeckte, dass ein Kuss viel mehr sein konnte als ein Zusammentreffen von Lippen. Mit dem Spiel seiner Zunge sagte Niklas ihr genau, was er sonst noch gern tun würde. Dann schob er die Hand unter die Wolldecke und streichelte ihr durch den Blusenstoff so gekonnt eine Brust, dass sich Meg nach mehr sehnte.

Ihre Finger waren in seinem Haar, sein unrasiertes Kinn kratzte an ihrer Haut, und sein Mund forderte ihren ein bisschen härter. Während sie mit sich kämpfte, damit sie sich ihm nicht entgegenbog, ließ Niklas die Hand unter ihre Bluse gleiten und strich mit der Handfläche zart über eine Brustspitze.

Für einen Beobachter wären sie einfach ein Liebespaar, das sich küsste, er würde nichts sehen von der Leidenschaft, die sich unter der Decke abspielte. Niklas schob sich ein wenig weiter über sie, sodass Meg nur noch ihn atmete, seinen Duft, und mit jedem geschickten Streicheln wünschte sie sich mehr.

Plötzlich wusste sie, dass sie sich zurückziehen musste, weil sie so stark auf seinen Kuss reagierte. Sie hatte das Gefühl, dass sie vielleicht allein dadurch zum Höhepunkt kommen würde.

„Komm“, sprach Niklas aus, was sie gerade dachte.

„Hör auf“, sagte sie, auch wenn es nicht das war, was sie von ihm wollte.

„Warum?“

„Weil es falsch ist.“

„Aber so schön.“

Er küsste sie wieder, doch sie ließ ihren Mund zu, weil die Empfindungen zu viel waren, weil Niklas sie an die äußerste Grenze brachte. Doch er machte weiter, bis sie nachgab. Er atmete schwerer, streichelte noch immer ihre Brust, und Meg mühte sich damit ab, nicht zu stöhnen, nicht zu vergessen, wo sie waren.

Sie zwang sich, seine Hand nicht tiefer zu schieben, wie es ihr Körper von ihr verlangte.

Und hatte keine Chance, zu gewinnen.

Jetzt führte er ihre Hand unter seine Wolldecke, legte ihre Handfläche auf sich und hielt sie dort. Meg sehnte sich danach, ihn zu erforschen, ihn zu streicheln, aber er erlaubte es nicht. Noch immer küsste er sie, dämpfte ihr Stöhnen mit seinem Mund, küsste sie weiter, als wollte er ihren Lustschrei in sich aufnehmen. Erst dann löste er seinen Griff und akzeptierte, dass Meg die Finger um ihn schloss.

Er blickte auf und beobachtete, wie sie nach Atem rang, wie sie sich auf die Lippe biss, und kämpfte dabei selbst darum, nicht zu kommen. Und er wünschte, das Licht wäre an, sodass er sie in Farbe sehen könnte. Er wünschte, sie wären in seinem großen Bett und könnten, sobald sie fertig war, gleich wieder anfangen.

„Das“, sagte Niklas, als er in die Wirklichkeit zurückkehrte, „war die Vorspeise.“

Ich habe recht gehabt, dachte Meg.

Er hatte über Sex gesprochen.

Das Licht ging an. Meg zog eine Strickjacke über und entschuldigte sich.

In der kleinen Kabine hakte sie ihren BH zu, bevor sie prüfend ihr Gesicht ansah. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen funkelten. Sie kannte die Frau im Spiegel nicht.

Sie war überhaupt nicht wie die Frau, die Niklas kennengelernt hatte.

Kein einziges Mal in ihrem Leben hatte sie rebelliert. Niemals war sie aus ihrem Schlafzimmerfenster gesprungen und zu Partys gegangen. An der Universität hatte sie fleißig studiert und nebenbei Teilzeit gearbeitet. Sie hatte die Noten bekommen, die ihre Eltern von ihr erwartet hatten. Nach dem Studium war sie ins Familienunternehmen eingetreten. Sie hatte immer das Richtige getan, selbst wenn es um ihre privaten Beziehungen ging.

Niklas hatte recht gehabt. Sie hatte ihren Freund nicht begehrt, wie sie ihn begehrte. So lange wie möglich hatte sie die Entscheidung hinausgezögert, bevor sie eingesehen hatte, dass sie sich nicht mit einem Mann verloben konnte, den sie einfach nur gernhatte wie einen guten Freund. Dass sie nicht mit ihm schlafen würde, bis sie sich sicher war, dass es ernst zwischen ihnen war, hatte sie ihm gleich gesagt. Aber dann hatte er über Ringe und eine gemeinsame Zukunft gesprochen. Und sie hatte gewusst, dass es Zeit war, aus dieser Beziehung herauszukommen.

Und eben das beunruhigte Meg.

Sie war nicht die leidenschaftliche Frau, die Niklas gerade geküsst hatte – sie war noch Jungfrau und hatte keine blasse Ahnung. Ein paar Stunden nicht unter Aufsicht ihrer Eltern, und schon lag sie auf dem Rücken und ließ sich von einem Fremden erregen. Voller Scham schloss Meg die Augen, dann öffnete sie sie wieder, sah das Funkeln und schämte sich ein bisschen weniger. Es gab kein Zurück mehr. Sie konnte nicht wieder die Frau werden, die sie gewesen war. Und selbst wenn es ein Zurück gäbe, sie würde die Zeit mit Niklas wieder genauso verbringen.

Nachdem sie sich die Zähne geputzt und sich an dem kleinen Waschbecken gewaschen hatte, nahm Meg ihren Mut zusammen und ging zurück zu ihrem Platz.

Die Decken und Kopfkissen waren weggeräumt und die Sitze senkrecht gestellt worden. Das Frühstück wurde serviert, und sie versuchte, höflich Konversation zu machen. Niklas antwortete nur einsilbig. Er las weiter seine Zeitung, aß sein Croissant und trank starken schwarzen Kaffee, als wäre zwischen ihnen überhaupt nichts passiert, als hätte er nicht ihre Welt erschüttert.

Das Geschirr wurde abgeräumt, und Niklas las weiter. Als der Sinkflug begann, stellte Meg fest, dass sie das Landen jetzt auch hasste. Weil sie nicht wieder in ihrem alten Leben ankommen wollte.

Natürlich konnte man nicht ewig fliegen. Sie wusste das. Und ein Mann wie Niklas würde nach der Landung weiterziehen. Dass es mehr als ein netter Zeitvertreib gewesen war, daran glaubte sie nicht. So naiv war sie nicht.

Sie akzeptierte, dass es nur um Sex ging.

Und dennoch war sie Niklas nicht nur deswegen völlig verfallen.

Er streckte die Beine aus. Aus irgendeinem Grund war seine Anzughose noch immer nicht zerknittert. Meg wandte den Blick ab und versuchte, nicht daran zu denken, was unter dem Stoff war, was sie unter ihren Fingern gespürt hatte, versuchte, nicht an seine Küsse zu denken, an die Leidenschaft, die sie kennengelernt hatte.

Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht den Platz neben ihm zu haben. Weil sie von jetzt an bloß vergleichen würde. Trotz ihrer Unerfahrenheit war ihr sehr wohl klar, dass es nicht viele Männer wie Niklas gab.

Scheinbar las Niklas noch immer Zeitung. In Wirklichkeit plante er schon, seine Termine an diesem Tag abzusagen. Er nahm an, dass Meg am Flughafen von einem Fahrer abgeholt wurde, der sie zu ihrem Hotel und ihren Eltern bringen sollte. Aber er würde sich etwas einfallen lassen, um dieses Hindernis zu umgehen.

Er hatte nicht die Absicht zu warten.

Oder er würde doch warten und sich für heute Abend mit ihr verabreden. Er dachte an ihre kontrollierenden Eltern und genoss den Gedanken, direkt vor ihrer Nase mit Meg zu schlafen.

Sie war wunderschön.

Ihr Anblick, als sie unter ihm gekommen war. Bei der Erinnerung daran bewegte er sich kaum merklich auf seinem Sitz.

„Meine Damen und Herren …“

Niklas und Meg sahen auf, als die Stimme des Kapitäns ertönte.

„Aufgrund eines Zwischenfalls auf dem Los Angeles International Airport werden alle Flugzeuge umgeleitet. Wir landen in knapp einer Stunde in Las Vegas.“

Der Kapitän entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, und Meg und Niklas hörten die anderen Passagiere stöhnen und murren. Das Flugzeug begann zu steigen, und wenn sie neben jemand anderem gesessen hätte, dann hätte sich Meg vielleicht auch beklagt. Oder sie wäre wegen des längeren Flugs in Panik geraten. Oder sie hätte sich Sorgen gemacht, was in Los Angeles vorging …

Stattdessen lächelte sie, als Niklas ihr das Gesicht zuwandte.

„Viva Las Vegas!“, sagte er, nahm ihre Fernbedienung, brachte Megs Sessel wieder in die Waagerechte und fing da wieder an, wo er aufgehört hatte.

4. KAPITEL

„Es war falscher Alarm.“

Sie saßen noch im Flugzeug auf der Rollbahn. In der Sekunde, in der sie in Las Vegas gelandet waren, hatte Niklas sein Telefon eingeschaltet und jemanden angerufen. Er unterbrach das Gespräch kurz, um Meg zu informieren, dass die Sache in Los Angeles falscher Alarm gewesen war, dann redete er weiter.

„Aguarde, por favor“, sagte er und sah wieder Meg an. „Ich spreche mit meiner persönlichen Assistentin Carla. Ich kann sie bitten, dir auch einen Flug nach Los Angeles zu buchen. Sie wird das schnell erledigen.“

Und dafür sorgen, dass er neben Meg sitzen würde.

„Also? Wann willst du da sein?“

So bald wie möglich. Das wäre die normale Reaktion. Aber an ihrer Reaktion auf Niklas war nichts normal. Ohne Zweifel blickte er sie auffordernd an, doch sie musste ihm erst erklären, dass das, was zwischen ihnen passiert war, nicht gerade typisch für sie war.

Gelinde gesagt.

Nur war sie ganz verrückt nach ihm, und er wartete auf ihre Antwort, und sein Mund war so schön, und sie wollte nicht, dass es mit einem Kuss an einem Gate endete.

„Auf dem Flughafen wird die Hölle los sein, bis der Rückstand abgebaut ist. Ich kann Carla sagen, sie soll uns Plätze für morgen buchen.“ Niklas hatte die Entscheidung schon getroffen. Er hatte monatelang keine vierundzwanzig Stunden für sich gehabt, und im Moment konnte er sich nichts Schöneres vorstellen, als mit Meg zusammen dem Alltag zu entfliehen.

„Ich sollte eigentlich …“ Sie dachte an ihre Eltern, die darauf warteten, dass sie im Kongresshotel ankam, dass sie etwas leistete, zwölf Stunden am Tag arbeitete, sich jedes Wochenende auf Abruf bereithielt. Sie musste ihren Eltern über jede Minute ihres Lebens Rechenschaft ablegen, und eine kurze Zeit lang wollte Meg atmen können.

Oder vielmehr unter ihm nach Atem ringen, während er ihr mit seinen Küssen den Atem raubte.

Niklas blickte auf ihren Mund, beobachtete, wie sie sich die Lippen befeuchtete, bevor sie ihm ihre Antwort gab.

„Morgen.“

Er sprach wieder mit Carla, vergewisserte sich noch einmal, dass sie Megs Nachnamen, Geburtsdatum und Reisepassnummer richtig notiert hatte, und schaltete sein Telefon aus.

„Erledigt.“

Meg wusste nicht, wie sein Leben war. Sie verstand nicht wirklich, was das Wort „erledigt“ in Niklas Dos Santos’ Welt bedeutete.

Noch nicht.

Während sie auf ihre Koffer warteten, konnte Meg ihn zum ersten Mal im Stehen küssen und seinen ganzen Körper an ihrem spüren. Niklas lud das Gepäck auf einen Kofferkuli, und dann tat er etwas sehr Nettes: Er ging in einen der Läden und kaufte ihr Blumen.

Sie lächelte, als er sie ihr überreichte.

„Abendessen, Frühstück, Champagner, Küsse, Vorspiel … Habe ich alles abgedeckt?“

„Du hast mich nicht ins Kino ausgeführt.“

Niklas schüttelte den Kopf. „Im Flugzeug lief ein Film. Du hast ihn dir nicht angesehen. Dafür kannst du mich nicht verantwortlich machen.“

Oh, aber er war es.

„Betrachte dich als umworben.“

In einer langen Schlange stehen und warten, so etwas gab es für Niklas nicht. In seiner Welt kam man ganz anders durch den Zoll, und da er ihre Hand hielt, war Meg auch schnell fertig.

Plötzlich waren sie draußen, und sie begann zu ahnen, was „erledigt“ in Niklas’ Kreisen bedeutete.

Offensichtlich war Carla fleißig gewesen, denn ein Fahrer wartete schon auf sie beide, er hielt ein Schild hoch, auf dem „Niklas Dos Santos“ stand. Er nahm ihnen die Koffer ab, und sie folgten ihm zu einer Limousine. Auf der Fahrt zum Hotel sah Meg von Las Vegas überhaupt nichts.

Sie saß auf Niklas’ Schoß.

„Du wirst furchtbar enttäuscht von mir sein …“

„Werde ich nicht“, stöhnte er.

„Ich bin …“ Allein bei dem Versuch, klar zu denken, bekam sie Kopfschmerzen. „Weil ich meine Mutter anrufen muss.“

Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer. Ihr war schwindlig vor Nervosität, weil sie ihm unbedingt sagen musste, dass sie noch Jungfrau war. Sie würde wirklich eine einzige Enttäuschung sein!

Während sie telefonierte, öffnete er die oberen Knöpfe ihrer Bluse, schob die Hand hinein und streichelte ihre Brust. Weshalb Meg ihrer Mutter gar nicht richtig zuhörte.

„Ja, ich weiß, dass es ein Fehlalarm war. Aber alle Flüge sind durcheinandergeraten, und der morgen war der früheste, den ich kriegen konnte …“ Nein, es sei schlicht nicht möglich, schneller in Los Angeles zu sein, beteuerte Meg dreimal. „Ich rufe dich an, wenn ich ein Hotel gefunden habe. Mein Akku ist gleich leer, Mum, ich lege jetzt auf.“

Sie schaltete das Telefon aus, und Niklas setzte sie rittlings auf seinen Schoß, hielt sie an den Hüften und drückte Meg nach unten, sodass sie spürte, was auf sie wartete. Und zum ersten Mal hatte sie ein kleines bisschen Angst.

„Niklas …“

„Los.“ Er machte ihr die Bluse zu. „Wir sind fast da.“

Wieder entdeckte Meg, wie anders seine Welt war. Das Einchecken ging wie der Blitz, und trotzdem war ihr Gepäck vor ihnen in der riesigen Suite. Der Meg jedoch keine Beachtung schenkte, weil sie nun endlich allein waren. Sobald die Tür zu war, schob Niklas sie aufs Bett. Er streifte sein Jackett ab, holte Kondome aus der Hosentasche und legte sie in Reichweite auf den Nachttisch, dann zog er Meg aus, Hose und Slip gleichzeitig.

Stöhnend barg er das Gesicht an ihrer geheimsten Stelle. Meg spürte das Vibrieren seiner Stimme, und nicht nur diese neue Erfahrung erschreckte sie, sondern auch ihre eigene Erregung.

„Niklas …“, bat sie.

Er begann, sie mit der Zunge zu erforschen.

„Als ich gesagt habe, meine Beziehung sei nicht leidenschaftlich gewesen …“

„Wir haben schon bewiesen, dass es nicht an dir lag.“ Seine Worte klangen gedämpft, aber er merkte, dass sie starr wurde, und blickte auf.

„Ich habe es noch nicht getan.“ Meg sah ihn die Stirn runzeln. „Ich habe es … noch nie getan.“

Sein Schweigen dauerte ziemlich lange. „Gut. Ich werde mich um alles kümmern.“

„Das weiß ich.“

„Ich werde mich um alles kümmern.“

Und dann fing er von Neuem an, und Meg fühlte seinen Mund an Stellen, an denen sie noch nie jemand mit dem Mund berührt hatte. Es erregte sie, aber Nervosität und Angst blieben. Was Niklas zu spüren schien, denn er stützte sich auf die Ellbogen und sah Meg an.

Er war ein völlig ungehemmter Liebhaber. Sex war seine Freizeitbeschäftigung, bei der er sich entspannen konnte. Und sonst brauchte er seine Geliebten nicht erst zu überreden, er musste sich nicht zurückhalten oder sich Zeit lassen.

Jetzt schaute er auf Meg hinunter und erinnerte sich an ihre langen Gespräche im Flugzeug. Daran, wie schön es gewesen war, wirklich einmal Zeit mit einem anderen Menschen zu verbringen. Er dachte an all die Dinge, die er ihr erzählt hatte, über die er sonst mit niemandem sprach. Und ihm wurde bewusst, dass er nicht nur sie gern mochte, sondern auch das, was sie sagte.

Er küsste sie auf den Mund, als wäre es das erste Mal. Dabei überlegte er, was er tun sollte. Ursprünglich hatte er vorgehabt, sie aufs Bett zu schubsen und schnell zu nehmen, einfach damit sie wieder von vorn anfangen konnten. Aber er mochte sie und wollte dies gut machen.

Richtig gut.

„Ich habe eine Idee …“ Er lächelte Meg an, rollte sich von ihr weg und griff nach dem Telefon. Ein Bad würde ihr helfen, sich zu entspannen, erklärte er ihr. Während sie darauf warteten, dass ein Zimmermädchen kam und das Wasser einließ, hüllte er sie in einen riesengroßen weißen Bademantel.

Meg lag auf dem Bett und beobachtete, wie Niklas in seinem Koffer kramte. Mit einem Schriftstück setzte er sich neben sie und zeigte auf die Zeilen, die sie lesen sollte. Stirnrunzelnd las sie. „Ich verstehe das nicht.“

„Ich musste mich für meine Versicherung durchchecken lassen, während ich in Sydney war.“

„Und?“

„Vor den Untersuchungsergebnissen hatte ich keine Angst. Ich benutze immer ein Kondom …“

„Ich nehme aber nicht die Pille“, sagte Meg, die plötzlich begriff, was er meinte. Seine Augen weiteten sich, als sie seinen Plänen einen Dämpfer versetzte.

„Trotzdem …“ Kopfschüttelnd verstummte Niklas. Was hatte er da bloß gerade gedacht? Verglichen mit dem, was sie vielleicht verpassten, war ihm ein Baby für einen Moment wie ein geringfügiges Problem vorgekommen.

„Niklas? Mache ich einen großen Fehler?“

Er war zu Meg so ehrlich wie zu allen Frauen, weil sein Herz verschlossen bleiben würde. „Wenn du Liebe suchst, dann ja. Ich liebe nicht.“

„Niemals?“

„Nie und nimmer!“ Er ertrug nicht einmal den Gedanken daran, dass jemand von ihm abhängig war. Durfte sich nicht darauf verlassen, dass er in der Lage war, für einen anderen Menschen zu sorgen. Jemanden gernzuhaben konnte er sich einfach nicht vorstellen – nur hatte er das Gefühl, dass er sie bereits sehr gernhatte.

„Dann will ich so viel Zeit, wie wir haben“, sagte Meg.

Als das Zimmermädchen hinausging, führte er sie ins Badezimmer. Während sie in die in den Boden eingelassene Wanne stieg, zog sich Niklas aus. Meg blickte zu ihm hoch, und er versicherte ihr, dass nichts passieren würde, bis sie bereit war. Dass er den Wunsch hatte, sie zu beruhigen, war eine neue Erfahrung für ihn. Und er beschloss, sich in den nächsten vierundzwanzig Stunden einfach zu erlauben, Meg gernzuhaben.

Niklas stieg zu ihr ins Wasser und wusch sie, langsam und sinnlich. „Hat dein letzter Freund es … versucht?“, fragte er, während er ihr die Arme einseifte. Er wollte wissen, wie ein Mann dieser schönen Frau widerstehen konnte.

„Ein bisschen. Ich habe …“

„Was?“ Niklas mochte es, wenn sie rot wurde. Lächelnd beobachtete er, wie sich ihre Haut rötete.

„Ich habe ihm gesagt, ich will das nicht, bis wir es wirklich ernst meinen.“

Ungläubig sah Niklas sie an. „Bis ihr verheiratet seid?“

„Verlobt“, verbesserte Meg.

Er ließ die Hände tiefer gleiten, über ihre Brüste zu ihrer Taille. „Woher weißt du, dass du einen Mann heiraten willst, wenn du nicht mit ihm …?“

„Das hatte nichts damit zu tun. Ich habe keinen Ring verlangt. Mir ist klar geworden, dass ich bloß Ausflüchte gemacht habe.“

„Weil?“

Jetzt schob er die Hände zwischen ihre Beine, und Meg wusste nicht, wie sie antworten sollte. „Weil mir überhaupt nicht danach war, mit ihm in einer Badewanne zu sitzen und mich da von ihm waschen zu lassen …“ Erwartete Niklas allen Ernstes, dass sie redete, während er das tat? „Dann hat er angefangen, von Heirat zu sprechen.“

„Klar!“ Nackt so mit ihr zusammen sein – welcher Mann würde ihr nicht seinen Ring an den Finger stecken wollen?

Plötzlich dachte er an etwas, woran er nicht denken sollte, und Niklas verdrängte den Gedanken energisch. Sie würden nur miteinander schlafen, dabei musste es bleiben. Er zog sie näher, sodass sie rittlings auf seinen Beinen saß, und küsste sie auf die Schulter.

„Ich bin gern mit dir geflogen.“ Er sagte es wie eine Liebkosung, während er ihr Haar anhob, um leidenschaftlich an ihrem Hals zu saugen.

Meg schloss die Augen, spürte seine Hand an ihrem Schenkel, spürte seine Finger in sie hineingleiten. Es war ihr erstes Mal, und sie hatte gesehen, dass er groß war. Die Art, wie er sie berührte, so vorsichtig und sanft, rührte sie.

Als er ihre Brüste küsste und eine Brustwarze in den Mund nahm, durchflutete sie solche Lust, dass sie sich seinen Fingern stöhnend entgegenhob. Niklas hatte nicht geplant, dass es so schnell ging, nun wollte er Meg auf dem Bett haben. Oder, besser gesagt, sie mussten zu den Kondomen zurück.

„Los, wir …“ Aber sie berührte ihn, bevor er aufstehen konnte. Und ja, sie durfte auch ein bisschen spielen.

Er ließ sich gern von einer Frau anfassen. Nur hatte er nicht damit gerechnet, dass er es mit Meg so sehr genießen würde. Wie heftig ihn die nackte Lust in ihrem Blick, ihre zögernde Erforschung und ihre Freude an ihm erregen würden.

Denn Meg erfreute sich an ihm. Es war die reinste Wonne, ihn in ihren Händen zu halten, groß und prachtvoll. Und jetzt erwartete sie eher aufgeregt als ängstlich, ihn in sich zu haben.

„So?“, fragte sie, und Niklas schloss die Augen und lehnte den Kopf an die Marmorwand.

„Genau so“, sagte er, dann überlegte er es sich anders. „Fester.“ Er legte die Hand über ihre und zeigte es ihr, zeigte es ihr ein bisschen zu gut. „Komm her.“ Er zog sie über sich, rieb sich an ihr, war kurz davor, musste das Tempo drosseln, aber er musste sie haben.

Er wollte sie sofort, und er wusste, dass er sie jetzt haben konnte. Aber er wusste auch, dass er keine Chance hatte, sich rechtzeitig zurückzuziehen.

Die Hände auf seinen Schultern, schwebte Meg über ihm, er hielt ihren Po umfasst und kämpfte mit sich, damit er sie nicht nach unten drückte. Er wollte nachgeben, er hätte es getan, wenn ihr Telefon nicht geklingelt hätte.

Niklas fluchte. „Hör nicht hin“, sagte er. Doch es klingelte wieder, und für einen Moment kehrte sein gesunder Menschenverstand zurück. Er stand auf, half Meg heraus und führte sie zum Bett. Nachdem er ihr Telefon ausgeschaltet hatte, überprüfte er seins, weil er es satt hatte, dauernd gestört zu werden. Dann wurde er sich bewusst, dass er kein Kondom wollte, wenn er mit Meg schlief.

„Ich will dich spüren. Ich will, dass du mich spürst.“ Und er dachte an etwas, was er sich niemals zu denken erlaubte.

Ihm war von vielen Leuten gesagt worden, dass er einen Schaden erlitten hatte, dass ein Mann mit seiner Vergangenheit zu einer stabilen Beziehung nicht fähig war. Dennoch wünschte er sich für eine Weile Stabilität. Er hatte die Skandale und die vielen Frauen satt. Kein einziges Mal hatte er erwogen, sich zu binden, und er tat es auch jetzt nicht wirklich, aber er konnte sich doch sicherlich noch ein wenig länger um Meg kümmern? Er hatte so viel Geld angehäuft, dass er zumindest eine Zeit lang für einen anderen Menschen sorgen konnte. Und falls seine leichtsinnige Entscheidung Folgen hatte, dann konnte er sich darum auch kümmern.

In diesem Moment glaubte Niklas tatsächlich, dass er es konnte.

Er blickte Meg an, rosig und warm und noch unschuldig auf dem Bett, und er beschloss, dass er dies richtig machen würde.

„Heirate mich.“

Sie lachte.

„Ich meine es ernst“, sagte er. „Das tun Leute hier in Las Vegas.“

„Normalerweise lernen sie sich wohl erst kennen.“

„Ich kenne dich.“

„Nein.“

„Ich weiß genug über dich. Du kennst nur mich nicht. Ich will das.“

Und was Niklas Dos Santos wollte, das bekam er für gewöhnlich.

„Von für immer rede ich nicht. Ich könnte niemals für immer mit einem Menschen zusammenleben oder an einem Ort bleiben. Aber ich helfe dir, die Probleme mit deinen Eltern zu lösen. Ich werde mich einmischen, sodass du aus der Schusslinie bist.“

„Warum?“ Meg verstand es nicht. „Warum solltest du das tun?“

Niklas sah sie lange an, bevor er antwortete. Weil sie recht hatte. Warum sollte er das tun?

Er hatte schon viele Beziehungen gehabt, einige alles andere als emotionale und zwei lange und kostenintensive. Kein einziges Mal hatte er an Heirat gedacht. Niemals hatte er einem anderen Menschen nahestehen wollen. Er hatte Angst davor gehabt, dass jemand auf ihn angewiesen sein könnte, auf einen Mann, der sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatte. Doch als er Meg ansah, erschreckte ihn die Aussicht zum ersten Mal nicht.

Wenn er mit ihr zusammen war, glaubte er an sich.

„Ich mag dich gern.“

„Aber was hast du davon?“

„Dich.“ Und plötzlich musste er sie unbedingt heiraten, musste sie unbedingt die Seine werden, wenn auch nur für kurze Zeit. „Ich mag es, Problemlösungen zu finden. Ich mag dich. Und …“, er zeigte auf die Kondome, „… die mag ich nicht. Also?“ Er griff nach dem Hoteltelefon. „Willst du mich heiraten?“

Meg verstand ihn nicht, und sie verstand sich selbst nicht mehr, weil ihr sein Heiratsantrag nämlich ziemlich logisch vorkam.

Das war in der Tat eine Lösung.

„Ja.“

Niklas sprach nur wenige Minuten am Telefon, dann drehte er sich um und lächelte seine Braut an.

„Erledigt.“

5. KAPITEL

Es war die schnellste Trauung aller Zeiten.

Oder vielleicht auch nicht. Sie waren schließlich in Las Vegas.

Niklas rief die Rezeption an und teilte dem Empfangschef mit, was sie vorhatten und wie sie die Zeremonie haben wollten.

„Sollen sie dir eine Auswahl an Kleidern nach oben schicken?“, fragte er Meg. „Es ist dein großer Tag, du kannst alles haben, was du willst.“

„Kein Kleid.“ Sie lächelte.

Aber er bestellte viele Blumen, und sie wurden zusammen mit Champagner und einer Hochzeitstorte in die Suite gebracht. Meg saß am Tisch und probierte Ringe an, während der Mann, der sie trauen würde, die Papiere überprüfte. Er hatte auch die Musik organisiert, doch Niklas suchte etwas aus, was er auf seinem Telefon hatte. Und so ging Meg zu Musik, die sie nicht kannte, zu einem Mann, den sie so gern kennen würde.

Braut und Bräutigam trugen weiße Bademäntel, und sie stand da und beobachtete, wie er ihr den mit Diamanten besetzten Platinring an den Finger steckte. Seltsamerweise flackerte nicht der geringste Zweifel in ihr auf, als sie Ja sagte.

Auch Niklas kamen keine Zweifel, als er seine Braut küsste und ihr versicherte, wie glücklich er sei, mit einer Frau verheiratet zu sein, deren Bekanntschaft er erst gestern gemacht hatte.

„Heute“, verbesserte Meg. Wegen des Zeitunterschieds zwischen Las Vegas und Australien war noch immer der Tag, an dem sie sich das erste Mal begegnet waren.

„Entschuldige die Eile.“ Niklas grinste.

Nervös und erleichtert zugleich sah Meg alle hinausgehen.

Er öffnete ihren Bademantel und schob ihn ihr über die Schultern, legte seinen ab und zog Meg aufs Bett. „Bald“, versprach er, während er sie überall streichelte, „wirst du dich fragen, wie du ohne dies durchs Leben gekommen bist.“

„Ich frage es mich schon jetzt“, gab sie zu, und sie sprach nicht nur von Sex, sondern auch von ihm. Noch nie hatte sie sich einem anderen Menschen so völlig geöffnet, noch nie war sie mehr sie selbst gewesen.

Sein Kuss war unglaublich zärtlich, und er wartete, bis sie sich entspannte, bevor er sie verzehrender küsste. Er musste sich rasieren, doch sie mochte die Rauheit an ihrer Haut, mochte es, wie sich sein nackter Körper an ihrem anfühlte.

Meg lag auf dem Rücken, und Niklas lag auf ihr, wie er es so sehr schon im Flugzeug gewollt hatte. Er konnte nicht einen Moment länger warten.

Und jetzt war nichts zwischen ihnen.

Er warnte sie, dass es wehtun würde, und küsste sie wieder leidenschaftlich auf den Mund.

Als er in sie glitt, versuchte er, sanft zu sein, aber er war zu groß dafür. Sie spürte, wie er sie ausfüllte, er bewegte sich in ihr, er hörte nicht auf, sie zu küssen, bis sie sich an die neuen Empfindungen gewöhnte. Und noch immer bewegte er sich tief in ihr, er machte sie wild vor Lust, und nun küsste er sie nicht mehr. Sie spürte ihn schneller werden, hob sich ihm entgegen, wollte jetzt alles, und er gab es ihr.

Rasend vor Leidenschaft folgte sie ihm, war überwältigt von dem, was Niklas ihr gezeigt hatte, was sie mit ihm zusammen empfunden hatte. Obwohl es ihr wie ein Traum vorkam, war es real. Meg erkannte, dass er recht gehabt hatte: Sie hatte keine Ahnung, wie sie ohne dies durchs Leben gekommen war.

Ohne ihn.

„Müssten wir es nicht inzwischen bereuen?“, fragte Meg.

Es war Morgen, und sie lagen in einem völlig zerwühlten Bett.

„Was gibt es da zu bereuen?“ Niklas rollte sich herum und sah sie an. Er konnte mit dem Begriff „Glück“ nichts anfangen, aber heute empfand er zum ersten Mal so etwas wie Glück. Es gefiel ihm, neben ihr aufzuwachen, und der Rest war Nebensache. Dafür würde er bald eine Lösung finden.

„Du lebst in Brasilien, und ich lebe in Australien …“

„Es gibt Flugzeuge. Machst du dir ständig um alles Sorgen?“

„Nein.“

„Ich meine doch.“

„Tue ich nicht.“

„Und? Wie wollen wir es deinen Eltern sagen?“, fragte Niklas und sah sie das Gesicht verziehen. „Vielleicht freuen sie sich für dich.“

„Ich bezweifle es. Sie werden völlig schockiert sein.“ Meg überlegte einen Moment. „Wenn sie sich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, freuen sie sich.“ Sie schluckte nervös. „Glaube ich.“

Er lächelte über ihre besorgte Miene. „Zuerst musst du dich an den Gedanken gewöhnen.“

„Ich weiß nicht viel über dich.“

„Da ist nicht viel zu wissen.“

Also das hielt sie für unwahrscheinlich.

„Wie gesagt, ich habe keine Eltern, deshalb bleibt dir eine Schwiegermutter erspart. Ich habe von Freunden gehört, dass sie ein Problem sein kann. Das ist doch ein unverhoffter zusätzlicher Vorteil für dich!“

Manchmal war er so flapsig bei Dingen, die wichtig waren. Und sie wollte so vieles über ihn erfahren. Wie er ohne Familie überlebt hatte. Wie er aus dem Nichts derart reich geworden war – denn das war er offensichtlich. Nur konnte sie sich nicht aufsetzen und ihn mit tausend Fragen bombardieren. Und sie hatte ja schon gemerkt, dass er über seine Vergangenheit nicht gern sprach. Trotzdem probierte sie es. „Wie war es, in einem Waisenhaus aufzuwachsen?“

„Es waren mehrere“, erwiderte Niklas. „Ich wurde viel herumgeschoben.“ Vielleicht sah er ein, dass er damit nicht ihre Frage beantwortete, weil er hinzufügte: „Ich versuche, nicht daran zu denken.“

„Aber …“

„Wir sind verheiratet, Meg“, unterbrach er sie. „Das bedeutet nicht, dass wir alles voneinander wissen müssen. Lass uns einfach genießen, was wir haben, ja?“

Dann würde sie eben mit den leichteren Sachen anfangen. „Du lebst in São Paulo?“

„Ich habe eine Wohnung dort. Wenn ich in Europa arbeite, wohne ich in meinem Haus in Villefranche-sur-Mer. Und jetzt muss ich mir wohl etwas in Sydney suchen.“ Niklas lächelte frech. „Falls dein Vater wirklich wütend ist, kann ich ihn ja fragen, ob er ein schönes Haus für mich weiß. Meinst du, er wird helfen?“

Meg lachte, weil es klang, als würde Niklas verstehen, woher sie kam. Er hatte recht. Eine hohe Maklerprovision würde ihren Vater sicher besänftigen. Der Schock würde nachlassen, und ihre ziemlich oberflächlichen Eltern würden mit größtem Vergnügen eine Immobilie für ihren reichen Schwiegersohn suchen.

Während sie neben Niklas im Bett lag und die ersten Sonnenstrahlen durch einen Spalt zwischen den Vorhängen schien, wurde sich Meg bewusst, dass sie noch nie in ihrem Leben so glücklich gewesen war. Trotzdem war etwas an der vergangenen Nacht unverzeihlich leichtsinnig gewesen. „Ich werde die Pille nehmen. Wenn es nicht schon zu spät ist.“

Niklas hatte gesagt, es sei nicht für immer. Und der Ehering, der gestern die Lösung zu sein schien, war jetzt keine mehr.

„Falls die Nacht Folgen hat, sorge ich für euch beide.“

„Eine Zeit lang?“, fragte Meg.

Anders als die meisten Frauen redete sie nicht von Geld, das wusste er. Aber sein Bankkonto war das Einzige, was nicht mit seiner Vergangenheit behaftet war. „Eine Zeit lang. Wir werden uns nach wenigen Wochen streiten, das kann ich dir versichern. Wir werden uns gegenseitig wahnsinnig machen, und nicht vor Lust.“ Niklas lächelte, und er brachte Meg dazu, sein Lächeln zu erwidern. „Du wirst froh sein, mich los zu sein.“

Sie bezweifelte das.

„Ich bin schwierig“, warnte er.

Er war die Mühe wert. Dennoch würde sie die Pille nehmen. Und dann blickte er sie wieder an, und solange es so zwischen ihnen war, konnte sie ihn anbeten.

„Gleich rufe ich erst einmal Carla an und lasse sie meine Termine neu planen. Heute Abend treffen wir uns mit deinen Eltern in Los Angeles, und ich sage es ihnen.“

„Ich spreche mit ihnen!“

„Nein. Du fängst garantiert an, dich zu entschuldigen und Bedenken zu haben. Ich bin ein besserer Unterhändler.“

„Unterhändler?“

„Wie lange willst du für unsere Flitterwochen freihaben?“, fragte Niklas. „Natürlich wirst du vorher kündigen und deine Eltern nicht einfach im Stich lassen, aber fürs Erste sollten wir Zeit für uns haben. Vielleicht nehme ich dich mit in die Berge …“ Er zog Meg zu sich herüber. „Und ich sage ihnen auch, dass wir in ein paar Wochen eine große Hochzeit feiern.“

„Ich bin zufrieden mit der, die wir hatten.“

„Möchtest du nichts Großes?“

Meg ließ die Hand unters Laken gleiten und freute sich sehr über sein Lachen, ohne zu wissen, dass er tatsächlich nur selten lachte. Sie schlug das Laken zurück, und Niklas lag da, während sie, obwohl unerfahren darin, mit dem Mund seine Leidenschaft weckte.

„Wünschst du dir keine richtige Hochzeit mit Verwandten und Tanzen?“

„Ich hasse Tanzen …“ Meg küsste sich den ganzen Weg an ihm entlang und spürte seine Hand in ihrem Haar, als Niklas sie sanft dorthin lenkte, wo er sich nach mehr Aufmerksamkeit sehnte.

„Ich auch.“

„Können nicht alle Brasilianer tanzen?“

„Hör auf zu reden. Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht kann. Ich tue es einfach nicht.“

Meg blickte auf, betrachtete ihren umwerfend gut aussehenden, komplizierten Ehemann und erinnerte sich an sein überragendes Können und an seine Bewegungen. Sie erschauerte, als sie an weitere Tage und Nächte dachte, daran, noch mehr von ihm kennenzulernen. Schon wollte sie ihn für immer, aber darum ging es hierbei nicht.

Sie küsste ihn wieder, und Niklas sagte ihr, was sie machen sollte. Ganz versunken darin, wie er sich in ihrem Mund anfühlte, war sie völlig überrascht, als er sehr schnell kam.

Für Niklas war es auch eine Überraschung, aber Meg erregte ihn ebenso stark. Er wollte nicht aufstehen, wollte nicht zurück in die Welt. Nur warteten inzwischen zweifellos viele Leute auf seinen Rückruf. Noch nie hatte er sein Telefon so lange ausgeschaltet.

Er verließ das Bett, und Meg lag da, blickte an die Zimmerdecke und dachte an die Zeit, die sie sich nehmen würden, um sich richtig kennenzulernen.

Genau daran dachte Niklas auch. Er hatte sich auf eine Pause gefreut, war sich bewusst gewesen, dass er eine brauchte. Jetzt brannte er darauf, mit Meg Urlaub zu machen. Er duschte schnell, dann schaltete er sein Telefon ein und runzelte die Stirn, als er sah, wie viele Anrufe und Textnachrichten er hatte. Es waren Hunderte. Von Carla, von Miguel, von so ziemlich jedem, den er kannte.

Irgendetwas war nicht in Ordnung. Er hatte keine Familie, und der einzige Mensch, der ihm jemals wirklich etwas bedeutet hatte, lag im Nebenzimmer im Bett, deshalb geriet er nicht Panik. Aber es gab offensichtlich ein Problem. An Probleme war er gewöhnt und sehr gut darin, sie zu lösen.

Es würde ihn ein bisschen Zeit kosten, das war alles. Er wählte Carlas Nummer und überlegte, ob er Meg bitten sollte, Frühstück zu bestellen. Gleich nach diesem Gespräch würde er es tun.

Meg hörte ihn im Wohnzimmer auf Portugiesisch telefonieren. Während sie eine halbe Ewigkeit dalag und ihren neuen Ring am Finger drehte, wurde ihr klar, dass sie eigentlich gar keine Angst davor hatte, es ihren Eltern zu sagen. Und selbst wenn es nicht gerade eine normale Ehe war, selbst wenn Niklas sie gewarnt hatte, dass sie irgendwann enden würde, war Meg völlig im Reinen mit dem, was sich ereignet hatte.

Aber sie kam fast um vor Hunger.

„Ich bestelle uns Frühstück“, sagte sie, als Niklas das Schlafzimmer betrat. Überrascht sah sie, dass er fertig angezogen war.

„Ich muss zurück nach Brasilien.“

„Oh.“ Sie setzte sich auf. „Sofort?“

„Sofort.“

Dass er sie nicht anblickte, bemerkte sie. Dass er ihr genau zwei Sekunden später das Herz brechen würde, konnte sie nicht erahnen.

„Wir haben einen Fehler gemacht.“

„Wie bitte?“

„Die Party ist vorbei.“

„Warte mal …“ Meg war wie vor den Kopf geschlagen. „Was ist zwischen hier und da passiert?“ Sie zeigte ins Wohnzimmer. „Wer hat dich umgestimmt?“

„Ich.“

„Hast du dich plötzlich daran erinnert, dass du eine Verlobte hast?“, schrie Meg. „Oder eine feste Freundin?“ Sie fing an zu weinen. „Oder eine Ehefrau und fünf Kinder?“ Ihr ging auf, wie wenig sie über Niklas wusste.

„Es gibt keine Ehefrau …“, er zuckte die Schultern, „… abgesehen von dir. Sobald ich zurück in Brasilien bin, frage ich meine Anwälte, ob wir die Ehe für ungültig erklären lassen können. Aber ich bezweifle das.“

Er setzte sich nicht einmal aufs Bett, um ihr zu sagen, dass es vorbei war. Ihr wurde klar, wie dumm sie gewesen war. Wie mühelos er sie hereingelegt hatte.

„Wenn sie nicht annulliert werden kann, werden sich meine Anwälte wegen der Scheidung bei dir melden. Ich zahle eine einmalige Abfindung.“

„Abfindung?“

„Meine Leute werden das klären. Wenn du willst, verklag mich auf mehr, aber ich empfehle dir nachdrücklich, schnell zu akzeptieren. Natürlich, falls du schwanger bist …“

Niklas stand mit der durch den Vorhang scheinenden Sonne im Rücken da, und Meg sah nur die Silhouette eines Mannes, den sie nicht kannte.

„Die Pille danach wäre vielleicht gut.“

Es klopfte. Ein Hotelpage kam herein, um Niklas’ Koffer zu holen.

„Ich habe um ein spätes Auschecken für dich gebeten. Bestell dir ein Frühstück“, bot er an, bevor er dem Pagen ein Trinkgeld gab. Der junge Mann ging mit Niklas’ Gepäck hinaus.

„Ich verstehe nicht …“

„So etwas tut man in Las Vegas. Wir hatten Spaß.“

„Spaß!“ Meg traute ihren Ohren nicht.

„Das ist doch keine große Sache.“

„Für mich schon.“

„Dann ist es Zeit, dass du erwachsen wirst“, sagte Niklas kühl.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er grausam war. Andererseits hatte sie keine Ahnung, womit sie es zu tun hatte. Wenn nötig, konnte er grausam sein. Und heute war es sehr nötig.

In Tränen aufgelöst, saß sie auf dem Bett, und gleichzeitig wurde sie immer wütender, wie er bemerkte. Jeden Moment jetzt würde sie aufstehen und auf ihn losgehen. Er wollte ihre Verzweiflung wegküssen, er wollte sie an sich ziehen und beruhigen. Nur hatte er nichts, womit er sie beruhigen könnte. Er wusste, wie schlimm in Kürze alles aussehen würde, deshalb musste er grausam sein, um nett zu sein.

„Wozu musstest du mich heiraten“, schrie Meg. „Ich wollte sowieso schon mit dir schlafen.“

Niklas war sicher, dass sie sich auf ihn stürzen würde. Sie kniete auf dem Bett und hielt sich noch immer das Laken vor, aber gleich würde sie es loslassen. Ihre grünen Augen funkelten vor Wut. Und mit seinen nächsten Worten würde er dem Ganzen ein Ende machen.

„Ich habe es dir gestern gesagt. Ich mag keine Kondome.“ Er stand da und nahm hin, dass sie ihm die Wange zerkratzte. Dann hielt er sie einen Moment lang an den Armen fest, bevor er Meg zurück aufs Bett stieß.

Und einfach verschwand.

Eben noch hatte Meg nur daran gedacht, zu frühstücken und mit ihrem Ehemann Liebe zu machen.

Jetzt redeten sie von Annullierung und Abfindung.

Oder vielmehr, sie redeten nicht.

Niklas war weg.

Und Meg lag da, ihr war schwindlig, ihre Wut wie ein Gewicht, das sie niederdrückte. Tatsächlich war es eine bemerkenswerte Leistung, dass sie überhaupt noch atmete.

Ein paar Minuten später wurde ihr bewusst, dass sie durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmete, wie sie es im Flugzeug während des Starts getan hatte. Ihr Körper holte sie von selbst aus der Panik heraus, in die sie jetzt geraten war. Sie versuchte, etwas zu begreifen, was unbegreiflich war.

Niklas hatte mit ihr gespielt. Von Anfang an war für ihn alles nur ein Zeitvertreib gewesen.

Vielleicht hatte er recht. Vielleicht musste sie erwachsen werden. Wenn ein Mann wie Niklas sie so leicht manipulieren, sie dazu veranlassen konnte, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben, dann sollte sie wohl ihr Leben auf die Reihe bringen. Einen Moment lang rollte sich Meg zusammen und weinte, dann stand sie auf.

Sie frühstückte nicht, sondern bestellte nur Kaffee und trank ihn hastig in der Hoffnung, dass er ihre Lebensgeister weckte. Tat er nicht.

Weil es ihr unerträglich war, in die Wanne zu steigen, in der sie sich beinahe geliebt hätten, duschte Meg. In der sie beinahe Sex gehabt hätten. Denn Liebe auf den ersten Blick hatte nichts damit zu tun gehabt. Sie zog sich in aller Eile an, warf einen Blick auf das zerwühlte Bett und dachte, sie würde einen Weinkrampf bekommen. Innerhalb einer Stunde war sie auf dem Flughafen.

Kurze Zeit später saß sie in der Maschine nach Los Angeles. Ihr tat das Herz genauso weh wie die intimsten Stellen ihres Körpers und ihre vom Weinen geschwollenen Augen.

Meg bat die Flugbegleiterin um eine kühlende Augenmaske. Bevor sie sie aufsetzte, streifte sie ihren Ehering ab und zog ihn auf ihre Halskette. Dabei mühte sie sich ab, zu ergründen, was passiert war.

Es gelang ihr nicht.

Kurz vor der Landung tat sie in der Toilettenkabine ihr Bestes, um mit Make-up zu verdecken, wie schlecht es ihr ging. Als sie ihr Haar anhob und den Knutschfleck sah, der von seinem leidenschaftlichen Kuss zurückgeblieben war, wollte sie schreien. Sie verbarg ihre Augen hinter ihrer Sonnenbrille und fragte sich, wie sie die nächsten Stunden, Tage, Wochen durchstehen sollte.

Ihre Mutter empfing sie am Gepäckkreisel. „Das Auto wartet. Ich informiere dich unterwegs über alles.“ Sie sah ihre Tochter genauer an. „Bist du okay?“

Meg wusste, dass sie es ihr auf keinen Fall erzählen konnte. Deshalb zwang sie sich zu einem Lächeln. „Ich bin müde, sonst ist alles in Ordnung.“

„Schön“, sagte ihre Mutter, als sie Megs Koffer hatten und zum Auto gingen. „Wie war Vegas?“

6. KAPITEL

Meg stand in ihrem Büro am Fenster und drehte den Ring, den sie fast ein Jahr später noch immer an ihrer Halskette trug.

In Anbetracht dessen, was sie ihren Eltern sagen musste, freute sie sich nicht auf heute Abend. Es hatte nichts mit Niklas zu tun. Sie hatten jetzt elf Monate keinen Kontakt gehabt. Elf Monate Zeit, um darüber hinwegzukommen. Aber noch immer war Meg nicht imstande, überhaupt damit anzufangen.

Sie konnte es nicht ertragen, an ihn zu denken, und schon gar nicht konnte sie mit jemandem darüber sprechen, was passiert war.

Und obwohl sie es kaum ertragen konnte, an ihn zu denken, dachte sie natürlich allzu oft an ihn.

Es tat weh, sich an die schönen Momente zu erinnern.

Die bösen Momente brachten sie fast um.

Erstaunlicherweise war sie sich nicht ganz sicher, ob sie es bereute.

Niklas Dos Santos hatte ihr Leben verändert. Ihn kennenzulernen, hatte sie verändert. Es war ihr Leben, und sie musste es leben. Sie hatte beschlossen, ihren Traum zu verwirklichen und Köchin zu werden. Jetzt musste sie es nur noch ihren Eltern sagen. In gewisser Hinsicht hatte der heutige Abend also doch etwas mit Niklas zu tun.

Das Seltsame war, dass sie es ihm erzählen wollte, und mit sich zu kämpfen hatte, damit sie sich nicht mit ihm in Verbindung setzte.

So schmerzlich es auch war, sich zu erinnern, so gefühllos er sie auch verlassen hatte, war Meg teilweise dankbar für den größten Fehler ihres Lebens. Und während sie, wie sie es oft tat, mit dem Ring spielte, stiegen ihr Tränen in die Augen.

Das war das Einzige, was heute anders war als sonst.

Seit jenem Morgen hatte sie seinetwegen nicht mehr geweint. Oder doch, ein Mal, an dem Morgen zwei Wochen danach, als sie ihre Periode bekommen hatte. Nicht vor Erleichterung hatte sie damals geweint, sondern weil ihr von ihrer Kurzehe nichts geblieben war.

Es gab nichts, was sie ihm mitteilen könnte. Sie hatte keinen Grund, Niklas anzurufen.

Abgesehen vom Papierkram war es vorbei.

Jeden Tag wartete sie auf einen dicken Umschlag mit brasilianischen Briefmarken, doch bisher war keiner gekommen.

Jede Nacht war ein Kampf gegen das Nachdenken.

Manchmal war Meg in Versuchung, ihn im Internet nachzuschlagen und mehr über den Mann herauszufinden, den sie nicht vergessen konnte. Aber sie hatte Angst davor, das zu tun. Selbst wenn sie dabei nur flüchtig ein Foto von ihm auf ihrem Computerbildschirm sah, würde sie vielleicht sofort nach dem Telefon greifen.

So sehr vermisste sie ihn noch immer.

Manchmal wurde sie wütend und wollte Kontakt zu ihm aufnehmen, damit sie die Scheidung einleiten konnte. Natürlich wäre das nichts als ein Vorwand, um Niklas anzurufen. Sie musste nicht mit ihm sprechen, um sich von ihm scheiden zu lassen. Trotzdem hatte sie nicht einmal das in Gang gebracht. Weil es aufhören würde, ein Traum zu sein, wenn sie diesen Weg einschlug. Denn im Grunde hatte die ganze Episode mehr von einem Traum als von der Wirklichkeit …

Dann fingerte sie immer an seinem Ring und stellte wieder fest, dass es real war.

Meg sah hoch zur Wanduhr. Es war Zeit fürs Mittagessen. Sie war froh, an die frische Luft zu kommen, während sie überlegte, wie sie ihren Eltern beibringen sollte, dass sie das Familienunternehmen verließ. Deshalb wollte sie das Klingeln des Telefons zuerst einfach ignorieren.

Sie wünschte, sie hätte es getan, als sie sich meldete. Neue Kunden waren erschienen und verlangten, sofort empfangen zu werden.

„Nicht ohne Termin.“ Sie hatte es satt, ständig für Kunden verfügbar zu sein.

„Ich habe ihnen erklärt, dass Sie jetzt essen gehen.“ Helen klang nervös. „Sie haben gesagt, dann warten sie, bis Sie zurück sind. Die Leute bestehen darauf, Sie heute noch zu sprechen.“

Meg konnte es nicht mehr hören! Jeder bestand heutzutage auf irgendetwas. Und weil es in der Firma zurzeit nicht viel zu tun gab, drangen ihre Eltern darauf, selbst unzumutbare Forderungen möglicher Kunden sofort zu erfüllen.

„Sie sollen einen Termin abmachen.“ Meg wollte gerade auflegen, als ein bestimmter Name fiel. Ein Name, bei dem ihr gleichzeitig heiß und kalt wurde.

Kalt, weil sie sich vor diesem Tag gefürchtet hatte. Davor, dass der eine Fehler in ihrem Leben sie verfolgen würde. Heiß wegen der Erinnerungen, die der Name Dos Santos auslöste.

„Er ist hier?“, flüsterte sie.

„Nein“, antwortete Helen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 374" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen