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JULIA EXTRA BAND 373

Lynne Graham, Sarah Morgan, Carol Marinelli, Carole Mortimer, Shirley Jump

JULIA EXTRA BAND 373

LYNNE GRAHAM

Zweite Chance für die Liebe

Vito Barbieris Leben ist leer, seit Ava ihm den geliebten Bruder geraubt hat. Als er die schöne Unfallfahrerin wiedersieht, sinnt er auf Rache – und entbrennt in verbotenem Verlangen …

SARAH MORGAN

Wenn Nächte wie Champagner prickeln

Kerzen, die betörend duften, will Selene verkaufen. Und der sündhaft attraktive Stefan Ziakas ist bereit, ihre Geschäftsidee zu unterstützen – nachdem er sie alles über Verführung gelehrt hat …

CAROL MARINELLI

Das Herz des Wüstenprinzen

Scheich Emir ist überwältigt von Amys ungestümer Leidenschaft. Wie gerne würde er sie zu seiner Braut machen! Doch sein Land verlangt nach einem Thronfolger – und den kann Amy ihm nicht schenken …

CAROLE MORTIMER

Weihnachten mit dem Milliardär

Dunkle Locken, markantes Gesicht – und diese muskulöse Gestalt … Wenn man vor so einen Mann fällt, lohnt es sich, auf Glatteis auszurutschen, findet Beth. Bis sie den Namen des Womanizers erfährt …

SHIRLEY JUMP

Eingeschneit im Glück

Weihnachten im trauten Heim als Mann und Frau … Reed malt Marietta seinen Wunschtraum aus, als sie zusammen eingeschneit sind. Wird die Weltenbummlerin ihn erfüllen – oder wird er sie abermals verlieren?

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Zweite Chance für die Liebe

1. KAPITEL

Schon wieder Weihnachten. Unwillig verzog Vito Barbieri das markante Gesicht. Jedes Jahr das gleiche Spiel: Es wurde zu viel gefeiert, zu viel getrunken, die Konzentration litt, ganz zu schweigen von der Produktivität seiner vielen Tausend Angestellten. An den daraus resultierenden Gewinneinbruch im Januar mochte er gar nicht denken.

Am liebsten hätte er das Weihnachtsfest aber auch aus einem anderen, sehr tragischen Grund vergessen. Vor drei Jahren hatte er seinen geliebten kleinen Bruder Olly durch einen Autounfall verloren. Ausgerechnet nach Vitos eigener Weihnachtsparty hatte sich jemand betrunken ans Steuer gesetzt und den Wagen, in dem Olly gesessen hatte, gegen einen Baum gefahren. Kurz vor dem Unfall hatten Olly und Vito sich noch gestritten.

Er hatte ihn so sehr geliebt. Aber leider hatte Vito schon früh lernen müssen, dass Liebe schmerzt. Als er noch ein Kind war, hatte seine Mutter ihn und seinen Vater wegen eines noch reicheren Mannes verlassen. Er hatte sie nie wieder gesehen. Sein Vater hatte sich danach kaum noch um ihn gekümmert, weil er sich von einer Affäre in die nächste gestürzt hatte. Olly war aus einer dieser Affären hervorgegangen. Er war gerade neun Jahre alt gewesen, als seine Mutter, eine Engländerin, starb. Vito hatte den Kleinen bei sich aufgenommen. Olly mit seinem sonnigen Gemüt hatte sein Leben bereichert, das sonst nur aus Arbeit bestand.

Nur Olly zuliebe hatte er Bolderwood Castle erworben, dieses gotisch angehauchte Monstrum mit den vielen Türmchen. Ohne Olly fühlte er sich dort nicht mehr zu Hause. Natürlich könnte er heiraten, doch er misstraute Frauen. Zu oft hatte er im Freundeskreis mit ansehen müssen, wie geldgierige, ehrgeizige Frauen seine Freunde bei der unvermeidlichen Scheidung um die Hälfte ihres Vermögens erleichtert und die gemeinsamen Kinder mitgenommen hatten.

Wenn jemand so reich war wie Vito, warfen sich die Frauen ihm buchstäblich vor die Füße. Er war aber nur an Sex interessiert, ganz sicher nicht an einer festen Bindung. Und selbst der Sex verlor langsam an Attraktivität.

Mit seinen inzwischen einunddreißig Jahren hatten sich Vitos Ansprüche gewandelt. Dummchen irritierten ihn, denn er wurde schnell ungeduldig. Intellektuelle Snobs, Partygirls und Emporkömmlinge langweilten ihn. Kichernde, flirtende Mädchen erinnerten ihn zu sehr an seine vergeudete Jugend, und taffe Karrierefrauen hatten meistens keine Ahnung, wie man sich nach einem harten Arbeitstag entspannte. Oder sie wollten von vornherein die Eckpunkte einer möglichen Beziehung festklopfen und bombardierten ihn mit Fragen wie: Wünschst du dir Kinder? Bist du zeugungsfähig? Willst du mal heiraten? Nein, das wollte er ganz bestimmt nicht. Die unweigerlich auf eine Heirat folgende Enttäuschung wollte er sich ersparen. Insbesondere da er seit Ollys Tod nur zu gut wusste, wie schnell das Leben zu Ende sein konnte. Da nahm Vito lieber das Risiko in Kauf, als mürrischer alter Kauz zu sterben.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine trüben Gedanken. Eine Frau betrat das Büro. Karen Harper, seine Büromanagerin, wie er sich dunkel erinnerte. AeroCarlton, ein Hersteller von Flugzeugteilen, war ein Neuzugang in seinem Konzern. Vito konnte noch gar nicht alle Mitarbeiter kennen.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Mr Barbieri. Ich wollte nur kurz fragen, ob Sie als neuer Eigentümer auch bereit sind, an dem Projekt zur Wiedereingliederung Straffälliger teilzunehmen? Unsere Firma hat sich im vergangenen Jahr diesem Projekt angeschlossen. Es ist vorgesehen, dass morgen eine Praktikantin im Büro anfängt. Sie heißt …“

„Keine Details, bitte. Ich habe keine Einwände gegen die weitere Teilnahme an dem Projekt, erwarte aber, dass Sie die Praktikantin im Auge behalten.“

„Selbstverständlich.“ Die attraktive Brünette lächelte verbindlich. „Besonders in der Weihnachtszeit fühlt es sich gut an, Menschen eine zweite Chance zu geben. Und es ist ja auch nur für drei Monate.“

Noch so ein Gutmensch, dachte Vito frustriert. Vermutlich hatte die zukünftige Praktikantin ihre Strafe abgesessen. Trotzdem: Die Aussicht, eine Vorbestrafte unter den Mitarbeitern zu wissen, behagte ihm ganz und gar nicht. „Hatte das Verbrechen, das die Praktikantin begangen hat, etwas mit Unehrlichkeit oder Diebstahl zu tun?“, fragte Vito plötzlich.

„Nein, dann wäre sie für uns inakzeptabel, das haben wir der Vermittlungsagentur unmissverständlich klargemacht. Wahrscheinlich werden Sie der Praktikantin nicht einmal begegnen, Mr Barbieri. Wir setzen sie als Laufmädchen ein. Sie wird Botengänge erledigen und auch mal am Empfang sitzen. In der Weihnachtszeit wird es genug für sie zu tun geben.“

Plötzlich bekam Vito Mitleid mit der Praktikantin. Obwohl er das Unternehmen gerade erst kennenlernte, war ihm schon aufgefallen, dass die Büromanagerin nicht gerade zimperlich mit ihren Untergebenen umsprang. Erst gestern hatte sie den Hausmeister wegen einer Lappalie heruntergeputzt. Karen spielte ihre Machtposition nur zu gern aus. Aber als frisch entlassene Strafgefangene würde die neue Praktikantin wohl damit umzugehen wissen.

Ava hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, mindestens zweimal täglich in den Briefkasten zu sehen. Wieder nichts. Langsam musste sie wohl die Hoffnung begraben, dass ihre Familie je auf die Briefe reagieren würde, die Ava geschrieben hatte. Tränen der Enttäuschung schimmerten in ihren strahlend blauen Augen. Entschlossen blinzelte Ava sie fort und hob trotzig den Kopf. Die kupferroten Locken schwangen um das ausdrucksvolle Gesicht. Sie hatte gelernt, im Gefängnis allein zurechtzukommen, da würde sie es in der Freiheit wohl auch schaffen – auch wenn es am Anfang schwierig war, sich in dem Wirrwarr aus Angeboten, Enttäuschungen und Möglichkeiten zurechtzufinden.

„Lass es langsam angehen“, sagte ihre Bewährungshelferin Sally immer.

Harvey, der Schäferhund-Pudel-Mischling, wedelte aufmunternd mit dem Schwanz. Ava beugte sich vor, um ihm den schwarzen Lockenkopf zu kraulen.

„Wird Zeit, dich nach Hause zu bringen, alter Junge“, sagte Ava leise. In der Tierpension konnte Harvey allerdings nicht mehr lange bleiben. Während der letzten Monate ihrer Gefängnisstrafe hatte sie als Freigängerin in der Tierpension gearbeitet und hatte sich mit Harvey angefreundet. Sie liebte die treue Seele von ganzem Herzen. Wenn sie Harvey sah, ging es ihr sofort besser. Er war das einzige Wesen, das sie noch zu lieben wagte. Leider hatte Marge, die nette Leiterin der Tierpension, die sich auch herrenloser Tiere annahm, wenig Platz, und Harvey hatte schon mehrere Monate dort verbracht. Jedes Mal, wenn sich jemand für ihn interessierte, machte er den Leuten Angst mit seinem Gebell. So konnte es mit einem neuen Zuhause natürlich nichts werden. Harvey gab niemandem eine Chance herauszufinden, wie sanftmütig, treu und sauber er in Wirklichkeit war.

Ava wusste, wie sehr das Erscheinungsbild täuschen konnte. Sie selbst hatte sich jahrelang kühl, arrogant und abweisend gegeben, damit niemand auf die Idee kam, sie würde darunter leiden, immer die Außenseiterin zu sein. Zu Hause, in der Schule, eigentlich überall war Ava einsam und allein gewesen.

Nur Olly hatte zu ihr gehalten. Ein heftiger Schmerz durchzuckte sie. Oliver Barbieri war ihr bester Freund gewesen. Nun musste sie mit dem Wissen leben, dass sie seinen Tod verschuldet hatte. Das Gericht hatte sie wegen fahrlässiger Tötung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. An das Verfahren hatte sie nur eine vage Erinnerung, denn schon vor der Gerichtsverhandlung hatte sie sich in einem seelischen Ausnahmezustand befunden. Sie hatte ihren besten Freund verloren. Das war sowieso die Höchststrafe. Da spielte es kaum noch eine Rolle, dass ihr Vater sie aus dem Haus geworfen und man ihr die Teilnahme an Ollys Trauerfeier verweigert hatte. Ava wusste, dass sie kein Mitleid, keine Vergebung verdient hatte. Obwohl sie keine Erinnerung an den Autounfall besaß. Infolge einer Kopfverletzung hatte sie eine Amnesie erlitten. Weder erinnerte sie sich daran, sich alkoholisiert ans Steuer gesetzt zu haben, noch wusste sie, wie es zu dem Unfall gekommen war.

Olly und sie hatten sich in einem Eliteinternat kennengelernt. Ihrem Vater war kein Preis zu hoch gewesen, das ungeliebte Kind abzuschieben. Schon immer hatte Ava sich wie ein Kuckuckskind gefühlt. Ihre beiden älteren Schwestern Gina und Bella durften zu Hause wohnen und eine nahegelegene Schule besuchen. Natürlich hatte die räumliche Trennung auch dazu beigetragen, einen Keil zwischen Ava und die beiden anderen Mädchen zu treiben. Inzwischen sah sie sich tatsächlich in der Rolle der verlorenen Tochter, die man ganz sicher nicht einladen würde, in den Schoß der Familie zurückzukehren. Zumal ihre Mutter inzwischen gestorben war. Sie wäre wohl die Einzige gewesen, die zwischen Ava und dem Rest der Familie hätte vermitteln können. Gina und Bella hatten ihre eigenen Familien und machten Karriere. Eine vorbestrafte Schwester beschmutzte nur den guten Namen der Familie Fitzgerald.

Ava ärgerte sich über die negativen Gedanken und versuchte energisch, ihrem Leben etwas Positives abzugewinnen. Immerhin war sie wieder in Freiheit, und sie hatte sogar einen Job. Einen richtigen Job! Noch immer konnte sie es kaum glauben. Als man sie für das Projekt zur Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft vorgeschlagen hatte, war sie zunächst skeptisch gewesen. Okay, sie hatte zwar einen ausgezeichneten Schulabschluss, aber keinerlei Erfahrung mit Büroarbeiten. Trotzdem gab man ihr bei AeroCarlton eine Chance, im Berufsleben Fuß zu fassen. Mit diesem renommierten Arbeitgeber in ihrem Lebenslauf dürfte es wesentlich aussichtsreicher sein, eine Festanstellung zu ergattern.

Harvey ließ den Schwanz hängen, als es durch die Tür zurück in die Tierpension ging. Marge stellte Teewasser auf und scheuchte ihn hinaus in den Garten, weil in der kleinen Küche zu wenig Platz für einen so großen Hund war. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Schnauze an die Terrassentür zu drücken und Ava keine Sekunde lang aus den Augen zu lassen.

Marge drückte Ava einen Katalog in die Hand. „Leg den bitte gleich morgen in der Firma aus. Je mehr Bestellungen eingehen, desto besser. Ich muss wirklich sagen: Die Frauen haben sich mal wieder selbst übertroffen!“

Interessiert blätterte Ava in dem Handarbeitskatalog. Strick- und Stickkissen, Lesezeichen, Mützen und Schals, Brillenetuis, Spielzeug, sogar Lavendelduftsäckchen mit Darstellungen von Katzen- und Hunderassen fanden sich darin. Der Erlös ging an die Tierpension, um die herrenlosen Tiere, die Marge aufgenommen hatte, zu versorgen. Offenbar beteiligte sich die gesamte Nachbarschaft an dieser Initiative. Gerade zu Weihnachten müssten die Handarbeiten sich eigentlich gut verkaufen, dachte Ava.

„Hast du auch etwas Vernünftiges anzuziehen für morgen?“, erkundigte Marge sich fürsorglich. Sie wusste, dass Ava – wie sie selbst – kaum Geld besaß. „In einer so großen Firma musst du auf dein Äußeres achten.“

„Ich habe in der Kleiderkammer einen Hosenanzug gefunden.“ Nicht im Traum dachte Ava daran, Marge zu verraten, dass die Hose etwas zu eng war und das Jackett über ihrem üppigen Busen nicht zuging. Doch wenn sie darunter eine blaue Bluse trug, würde es schon annehmbar aussehen. Die flachen schwarzen Schuhe, die sie dazu tragen wollte, waren ihr mindestens eine Nummer zu groß, doch das würde schon niemand bemerken. Hochhackige Pumps wären ihr lieber gewesen, aber wenn man kein Geld hatte, durfte man nicht wählerisch sein. Mit etwas Glück fand sie bald eine Festanstellung, und dann konnte sie sich nach und nach eine vernünftige Garderobe fürs Büro zulegen. Früher hatte sie sich sehr für Mode interessiert, doch die Zeiten waren vorbei. Nun musste sie sich aufs Überleben konzentrieren. Dazu gehörte ein bezahlbares Dach über dem Kopf, etwas zu essen und ein paar saubere Kleider.

Das abenteuerlustige, trotzige Mädchen im Gothic Look und mit schwarz gefärbtem Kurzhaarschnitt war gemeinsam mit Olly bei dem Autounfall gestorben. Mit der misstrauischen, vernünftigen jungen Frau, zu der sie sich entwickelt hatte, war sie noch nicht ganz eins. Die Zeit im Gefängnis hatte sie gelehrt, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Es war ihr äußerst unangenehm, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden zu sein. Da Ava aus gutem Hause kam und eine Eliteschule besucht hatte, hatten sich die Medien natürlich auf den Fall gestürzt. Im Gefängnis war sie mit Frauen zusammen gewesen, die praktisch Analphabeten waren. Sie waren straffällig geworden, weil sie überleben wollten und sich nicht anders zu helfen gewusst hatten. Diese Entschuldigung konnte Ava nicht anführen.

Auch wenn sie einen Vater hatte, der sie nicht leiden konnte und immer ihre älteren Schwestern vorzog, auch wenn ihre Mutter Alkoholikerin war und nie für sie Partei ergriff oder sie mal in den Arm nahm – nichts davon rechtfertigte, was sie Olly angetan hatte. Olly, den sie wie einen Bruder geliebt hatte. Bedrückt senkte Ava auf dem Rückweg zu ihrer Einzimmerwohnung den Kopf. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um die Ereignisse dieses tragischen Abends. Irgendwann musste sie doch mal einen Schlussstrich ziehen können, oder? Das Leben ging weiter. Natürlich würde sie ihren besten Freund niemals vergessen. Olly wäre aber der Erste gewesen, der ihr geraten hätte, nach vorn zu schauen. Er war immer so wunderbar pragmatisch gewesen, hatte schnell den Kern eines Problems erfasst. Er wäre ein hervorragender Arzt geworden.

„Du kannst nichts dafür, dass deine Mutter trinkt und die Ehe deiner Eltern zerbricht oder dass deine Schwestern verzogene, hochnäsige Ungeheuer sind. Warum gibst du dir die Schuld an allen Problemen, die in deiner Familie auftauchen?“ Manchmal hatte Olly fast die Geduld mit ihr verloren.

Zuhause legte Ava die Sachen bereit, die sie an ihrem ersten Arbeitstag tragen wollte. Die Agentur hatte ihr versichert, dass man ihren Gefängnisaufenthalt in der Firma vertraulich behandeln würde. Ava konnte also darauf bauen, wie eine ganz normale Praktikantin behandelt zu werden. Sie freute sich, endlich mal wieder etwas zu leisten, statt ständig von Schuldgefühlen übermannt zu werden.

„Sie können den Kaffee für das Meeting machen. Es werden zwanzig Teilnehmer erwartet.“ Karen Harper lächelte eisig. „Sie wissen doch, wie man Kaffee macht?“

Ava nickte eifrig. Sie wollte einen guten Job machen, aber schon jetzt hatte sie den Eindruck, es Miss Harper niemals recht machen zu können.

In der kleinen Teeküche fand sie alles, was sie brauchte, und machte sich an die Arbeit.

Um Viertel vor elf schob Ava den Teewagen in den Konferenzraum. Dort hielt ein großer, überwältigend gut aussehender Mann gerade eine Ansprache an die Mitarbeiter, die um den langen Konferenztisch herum Platz genommen hatten. Die Spannung im Raum war deutlich spürbar. Es herrschte gebannte Stille. Der Mann sprach über unausweichliche Veränderungen, die jedoch nicht übers Knie gebrochen werden sollten. Entlassungen waren vorerst nicht vorgesehen. Erleichtertes Aufatmen ging durch den Raum, aber Avas Hände bebten, als sie den Kaffee für den Chef eingoss. Der leichte Akzent seiner wohlklingenden Stimme war Ava vertraut: italienisch. Das kann doch nicht Vito sein, dachte Ava benommen. So grausam konnte das Schicksal nicht sein, dass sie ausgerechnet bei der Firma einen Job bekam, deren Inhaber sie zutiefst verletzt hatte! Aber sie wusste es bereits. Sie hatte Vitos tiefe Stimme gleich wiedererkannt und hatte das Gefühl, ihr Magen flatterte, als säße sie in der Achterbahn.

Ava wagte nicht aufzublicken, als sie zum Kopfende des Tisches ging, um dem Boss seinen Kaffee zu servieren. Unterwegs passierte es: Nacheinander rutschten ihr die zu großen Schuhe von den Füßen, und als sie schließlich vor ihm stand, war sie barfuß.

Vito hatte dem Mädchen einen flüchtigen Blick zugeworfen, als es den Teewagen hereingeschoben hatte. Das kupferrote Haar war zu einem Dutt gedreht und festgesteckt. Auch das fein ziselierte Profil war Vito aufgefallen, ebenso die schmalen weißen Hände. Die zu enge Hose spannte über dem runden Po und den langen schlanken Beinen. Seltsam, die Kleine kam ihm irgendwie bekannt vor. Aber woher? Erst als sie aufsah und er in das elfenhafte Gesicht mit den blauen Augen blickte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Vito stockte der Atem. Das konnte doch nicht wahr sein! Als er ihr zuletzt begegnet war, hatte sie streichholzkurzes schwarzes Haar gehabt und war völlig traumatisiert gewesen. Er erstarrte.

Grundgütiger Himmel! dachte Ava. Es war tatsächlich Vito Barbieri. Schockiert sah sie ihn an, die Kaffeetasse in der zitternden Hand.

„Danke.“ Vito hatte sich wieder gefangen und nahm ihr geistesgegenwärtig die volle Tasse ab, während er mit seinen goldbraunen Augen ihr bleiches Gesicht fixierte.

„Das ist Ava Fitzgerald, Mr Barbieri. Unsere neue Praktikantin.“ Beflissen eilte Karen Harper herbei.

„Wir kennen uns bereits“, stieß Vito frostig hervor. „Komm nach der Konferenz zu mir, Ava! Ich möchte dich sprechen.“

Unauffällig schlüpfte sie auf dem Rückweg zum Teewagen in ihre Schuhe. Mit bewundernswerter, eiserner Selbstbeherrschung, die sie sich im Gefängnis antrainiert hatte, servierte sie den restlichen Teilnehmern des Meetings ihren Kaffee, ohne dass etwas schiefging.

Das Schicksal war wirklich grausam. Musste ausgerechnet Vito Barbieri ihr Arbeitgeber sein? Wieso gehörte AeroCarlton denn plötzlich zu seinem Konzern?

Auf der Website der Firma, die sie natürlich durchgelesen hatte, tauchte sein Name jedenfalls nicht auf. Trotzdem musste er der Boss sein. Ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft fing ja gut an! Vito hasste sie und würde sie nachher sofort an die Luft setzen. Davon war Ava überzeugt. Warum sollte er ausgerechnet die Frau beschäftigen, die seinen Bruder auf dem Gewissen hatte? Vito schien genauso schockiert über das unvermutete Wiedersehen gewesen zu sein wie sie selbst.

Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr war Vito ihr Fluch. Unbewusst strich sie sich über das Tattoo auf der linken Hüfte. Plötzlich brannte es wie Feuer, wie ein Brandmal. Aus einer Laune heraus hatte sie es sich als Teenager stechen lassen. Mit den Jungen an ihrer Schule konnte sie damals nichts anfangen. Doch als Olly sie eines Tages übers Wochenende zu sich nach Hause eingeladen hatte, war es passiert. Sie hatte sich Hals über Kopf in Vito verliebt. Er war zehn Jahre älter als sie, erwachsen und ein Geschäftsmann mit Killerinstinkt. Leider nahm ihr Traummann keinerlei Notiz von ihr. Jedenfalls nicht so, wie sie es sich erhoffte. Zweifellos fragte er sich, was sein Bruder an diesem Gothic Girl fand. Cool versuchte sie zu verbergen, dass sie schwer beeindruckt von dem pompösen Schloss war, in das Olly sie eingeladen hatte und das Vito gehörte.

„Ava?“

Erschrocken wirbelte sie herum und begegnete Karen Harpers forschendem Blick. „Sie haben gar nicht erwähnt, dass Sie Mr Barbieri kennen“, sagte die Büromanagerin vorwurfsvoll.

„Mein Vater arbeitet für sein Unternehmen, und wir waren praktisch Nachbarn“, erklärte Ava unsicher.

Die Brünette verzog den Mund. „Versprechen Sie sich davon bloß keine bevorzugte Behandlung! Mr Barbieri erwartet Sie. Und wenn Sie schon mal da sind, können Sie auch gleich die Tassen abräumen.“

„Ja. Ich wusste nicht, dass er hier … arbeitet.“

„Mr Barbieri hat AeroCarlton letzte Woche übernommen. Er ist Ihr Arbeitgeber.“

„Ach so.“ Ava rang sich ein höfliches Lächeln ab (reine Verschwendung an die Frau, die sie ärgerlich anstarrte) und machte sich auf den Weg. Ihr war elend zumute. Ganz offensichtlich wurde sie noch immer vom Pech verfolgt. Wie sonst war es zu erklären, dass ausgerechnet der Mann ihr Boss sein musste, der sie viel lieber bis zum Ende ihrer Tage hinter Gittern gesehen hätte?

Als Ava in die Höhle des Löwen zurückkehrte, lehnte Vito am Tisch, hielt ein Handy ans Ohr und erteilte in schnellem Italienisch Anweisungen.

Sie nutzte die Zeit, um den Teewagen zu beladen, wurde jedoch abgelenkt durch Vitos blendende Erscheinung. Sein maßgeschneiderter Anzug brachte die breiten Schultern und die schmalen Hüften ausgezeichnet zur Geltung. Das blütenweiße Hemd betonte den mediterranen Teint, die goldfarbene Seidenkrawatte nahm die Farbe seiner faszinierenden Augen auf. Vito sah wirklich atemberaubend gut aus mit den hohen Wangenknochen, der prägnanten Nase, den dichten dunklen Brauen und den sinnlichen Lippen. Noch immer trat er sehr selbstbewusst auf und strotzte nur so vor Energie.

Ollys großer Bruder, dachte Ava wehmütig. Hätte sie damals doch nur auf Olly gehört, dann wäre ihr bester Freund vielleicht noch am Leben.

„Hör auf, mit Vito zu flirten und dich ihm an den Hals zu werfen!“ Das waren Ollys warnende Worte an dem schicksalhaften Abend gewesen. „Du bist nicht sein Typ und viel zu jung für ihn. Vito würde dich zum Frühstück verspeisen. Er hat einen ziemlichen Frauenverschleiß.“

Damals stand Vito auf schlanke, elegante, weltgewandte Blondinen. Es hatte sie fast zerrissen, dass sie diesem Typus nicht entsprach und Vito unerreichbar für sie war. Nur als Teenager konnte man derart besessen von seinem Traummann sein wie sie von Vito Barbieri.

Jede Information über ihn hatte sie förmlich aufgesogen. Vito liebte Schokolade und unterstützte medizinische Hilfsprojekte für Kinder in der Dritten Welt. Er hatte eine schwierige Kindheit hinter sich, denn seine Eltern hatten sich getrennt, und danach war sein Vater zum Trinker geworden und hatte sich in eine Affäre nach der anderen gestürzt. Vito liebte und sammelte schnelle Autos. Ach ja, und er hasste es, zum Zahnarzt zu gehen. Dabei hatte er perfekte Zähne.

„Wir unterhalten uns nebenan in meinem Büro“, sagte Vito nun, nachdem er das Telefongespräch beendet hatte, und öffnete die Tür. „Jetzt lass doch den verfluchten Teewagen!“

Ava zuckte zusammen und errötete verlegen, was Vito mit Verwunderung feststellte. Beim Anblick der rosigen Wangen und der vollen, unglaublich einladenden Lippen wurde ihm plötzlich heiß.

Lange verdrängte Erinnerungen tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Ava in einem silbrig schimmernden Minikleid, das ihre endlos langen Beine fantastisch zur Geltung brachte. Vito atmete einige Male tief durch. Der Geschmack von Avas Mund. Ihre Hände auf seinem Oberkörper. Die personifizierte Versuchung. Und strengstens verboten. Aber er hatte sich über das Verbot hinweggesetzt, obwohl er sich sonst immer an die Regeln hielt. Okay, es war nur ein Kuss gewesen, doch der hätte nie geschehen dürfen, denn die dramatischen Folgen hatten Vitos Familie zerstört.

Er blinzelte die unwillkommenen Bilder weg und stand stocksteif da. Ich werde sie feuern müssen, dachte er. Unmöglich, mit ihr unter einem Dach zu arbeiten. Und für die Dauer der Umstrukturierungsmaßnahmen musste er wohl oder übel in der Firma bleiben. Niemand konnte von ihm verlangen, die Frau zu beschäftigen, die für den Tod seines Bruders verantwortlich war. Doch, Olly! Der fürsorgliche Olly hätte darauf bestanden. Olly, der Vitos Gewissen immer eine Stimme verliehen hatte.

Auf unsicheren Beinen ging Ava an ihm vorbei in sein Büro. Den Kopf hoch erhoben, ihre Gesichtszüge behielt sie mit Mühe unter Kontrolle, um sich ihre wahren Gefühle nicht anmerken zu lassen. Sie wusste, dass der taffe Vito ein unerbittlicher Geschäftsmann sein konnte, für seine Familie aber immer ein offenes Ohr hatte. Der Macho Vito hatte nicht mit der Wimper gezuckt, als er von Ollys Homosexualität erfahren hatte. Im Gegenteil. Er hatte seinen kleinen Bruder unterstützt. Vielleicht hatte er auch schon geahnt, dass Olly schwul war. Wie Ava war auch er ein Außenseiter in der Schule gewesen. Vielleicht waren sie deshalb ein Herz und eine Seele geworden. Sie dachte an Ollys unglaubliche Erleichterung, dass Vito ihn so akzeptierte, wie er war.

Ava kamen die Tränen, als sie sich an die Szene erinnerte, an Ollys herzliches Lachen. Nie wieder würde sie die melodische Stimme ihres besten Freundes hören.

2. KAPITEL

Schließlich gelang es ihr, die Tränen zurückzudrängen. Als Ava sich wieder gefasst hatte, sah sie sich um. Das mit edlem Parkett ausgelegte Büro war riesig. In einer Ecke stand ein moderner Schreibtisch, in einer anderen eine gemütliche Sitzgruppe mit Couchtisch. Es herrschte die für Vito typische tadellose Ordnung. Auf dem Schreibtisch befanden sich lediglich ein Laptop und ein einziger Papierstapel.

„Dich hier zu sehen, hat mich fast umgehauen“, bemerkte Vito ausdruckslos.

„Für mich war es auch ein Schock. Ich wusste nicht, dass dir diese Firma gehört.“ Bei seinem unwiderstehlichen Anblick wurden ihr die Knie weich.

„Was tust du überhaupt hier?“, fragte er süffisant. „Ich dachte, du würdest nach deiner Entlassung dein Medizinstudium beginnen.“

Ava erstarrte. „Nein …“

„Wieso nicht? Du hast eine ausgezeichnete Schule besucht, du hast deine Strafe verbüßt. Die Welt steht dir offen.“

Ohne seinem Blick auszuweichen, erklärte sie: „Ich bin hier, weil ich Geld verdienen muss.“ Wie hatten Olly und sie damals gejubelt, als sie beide einen Studienplatz an derselben Universität ergattert hatten! Für sie war es ein Ding der Unmöglichkeit, ohne den Freund zu studieren, der durch ihr Verschulden ums Leben gekommen war.

Erstaunt zog Vito eine Augenbraue hoch. „Wirst du nicht von deiner Familie unterstützt?“

Ava hob herausfordernd das Kinn. „Die will nichts mehr mit mir zu tun haben. Seit der Urteilsverkündung hat sich niemand aus meiner Familie bei mir gemeldet.“

„Das ist aber sehr hartherzig.“ Fast hatte er Mitleid mit Ava.

„Sie können mir nicht verzeihen, den Ruf der Familie beschmutzt zu haben.“

„Menschen verzeihen weitaus Schlimmeres. Du warst doch noch ein Teenager.“

Sie atmete tief durch und ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. „Hast du mir verziehen?“

Sein ganzer Körper spannte sich an. Vito musterte sie mit seinen goldbraunen Augen wie ein Adler seine Beute. „Das kann ich nicht.“

Was hatte sie denn von Ollys Bruder erwartet? Trotzdem zuckte sie bei seinen Worten zusammen, als hätte er sie in den Magen geboxt.

„Er war mein einziger Verwandter“, stieß Vito leise hervor und presste die Lippen zusammen.

Ava zitterte. „Für mich ist er auch unersetzlich. Und was jetzt?“ Verzweifelt versuchte sie, das Thema zu wechseln, bevor der Schmerz sie überrollte. „Sicher möchtest du nicht, dass ich hier arbeite.“

„Du hast recht.“ Bei jeder Begegnung würde er unweigerlich an Olly denken. Das könnte er nicht ertragen. Vito wandte sich ab und verschanzte sich hinter seinem Schreibtisch. Natürlich brauchte Ava einen Job, aber bitte nicht hier. Sie hatte Ollys Leben ausgelöscht und war selbst imstande, ihr eigenes wieder aufzubauen. Oder nicht? Sie hatte nicht nur ihren besten Freund, sondern auch ihre Familie verloren. Sie hatte ihren Traum begraben, Ärztin zu werden. War es nicht unfair, wenn er sie nun auch noch um ihren Job brachte? Ava war sichtlich am Boden zerstört. Olly hätte gewollt, dass ich ihr eine Chance gebe, dachte Vito. Sein kleiner Bruder hatte fest an das Gute im Menschen geglaubt, im Gegensatz zu ihm selbst.

„Möchtest du, dass ich die Firma sofort verlasse?“, fragte Ava leise und versuchte, das Beben in der Stimme zu unterdrücken.

Vito überlegte. Dann würde er sich wie ein Schuft vorkommen. Das konnte er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Verzweifelt suchte er nach einer Lösung. Dabei fiel sein Blick auf die Weihnachtsliste. Perfekt! Ava wäre den ganzen Tag unterwegs, wenn er sie mit den Besorgungen beauftragte. Er erinnerte sich, dass sie Weihnachten und alles, was mit dem Fest zusammenhing, liebte. Es würde also keine Strafe für sie bedeuten. Sie ist schließlich schon bestraft worden und hat eine Chance verdient, dachte Vito und sah auf.

„Nein, du kannst erst mal bleiben.“ Im neuen Jahr würde er sie dann woanders unterbringen. Das würde weit weniger Aufsehen erregen, als wenn er sie jetzt feuerte. „Ich habe eine Aufgabe für dich.“

Damit hatte Ava nicht gerechnet. Gar nicht schnell genug konnte sie zum Schreibtisch kommen. Dabei verlor sie schon wieder ihre viel zu großen Schuhe. Barfuß eilte sie weiter. „Was kann ich tun?“

„Warum ziehst du die Schuhe aus?“, fragte Vito verblüfft.

Ungeduldig schlüpfte Ava wieder hinein und kehrte zurück. „Sie passen nicht.“

„Wieso nicht?“

Verlegen senkte sie den Blick. „Weil ich sie gebraucht gekauft habe. Wie alle meine Sachen.“

Eine schreckliche Vorstellung, die Kleidung anderer Leute zu tragen. Vito schüttelte sich innerlich.

Ava hatte seinen angewiderten Gesichtsausdruck bemerkt und wurde blass. „Ich war achtzehn und stand auf Gothic-Klamotten, als ich ins Gefängnis musste. Die Phase ist vorbei. Und ich konnte hier ja schlecht in einer alten Jeans aufkreuzen.“

Vito zog einige Geldscheine aus der Brieftasche. „Hier, kauf dir Schuhe, die dir passen!“

„Das kann ich nicht annehmen“, sagte sie entgeistert.

„Willst du etwa auch auf dein Gehalt verzichten?“, konterte Vito.

„Nein, das ist ja nichts Persönliches.“

„Das Geld hier auch nicht. Möglicherweise verklagst du uns, wenn du während der Arbeitszeit stolperst und dir ein Bein brichst, weil du keinen Halt in diesen Schuhen hast. Außerdem bist du keinem hier eine große Hilfe, wenn du nicht richtig gehen kannst.“ Vito griff nach der Liste. Er wollte Ava endlich loswerden. „Und um diese Liste abzuarbeiten, wirst du viel unterwegs sein.“

„Worum geht es denn eigentlich?“

Wortlos reichte er ihr Liste und Geld.

Er war ihr so nahe, dass sie seinen würzigen Duft einatmete und das Muskelspiel unter dem Hemd beobachten konnte. Wieder einmal wurde ihr bewusst, dass er sie um mindestens zwanzig Zentimeter überragte. Und sie erinnerte sich, wie es sich angefühlt hatte, die Hände über seinen Oberkörper gleiten zu lassen. Die Anziehungskraft war noch genauso stark wie damals – wie an dem Tag, als sie ihre Gefühle nicht mehr im Griff gehabt hatte.

„Um die Weihnachtsgeschäfte für meine Geschäftspartner. Karen Harper soll dir eine Firmenkreditkarte geben, damit du die entsprechenden Einkäufe erledigen kannst. Bitte halte dich an die Vorgaben. Sonst noch Fragen?“ Vitos Blick blieb an Avas sinnlichen rosa Lippen haften.

Frustriert begann Vito sich zu fragen, was ihn an Ava so faszinierte. Er ärgerte sich über seine unmissverständliche körperliche Reaktion. Wohingegen Ava sich ihrer erotischen Anziehungskraft offenbar gar nicht bewusst war. War sie wirklich so naiv? Er jedenfalls fand sie so anziehend, dass er am liebsten sofort mit ihr geschlafen hätte. Dabei wusste er doch nur zu genau, dass er sie niemals haben konnte. Allein die Vorstellung war schockierend. Es war lange her, seit er so verrückt nach einer Frau gewesen war. Und die beschämende Wahrheit war: Auch damals hatte es sich um Ava gehandelt. Schon allein aus diesem Grund musste er sie so schnell wie möglich loswerden.

Verwundert sah Ava auf und traf auf einen so heißen Blick, dass ein erregendes Prickeln durch ihren Körper lief. Ihre Brustknospen wurden hart, eine Hitzewelle erfasste ihren Schoß.

„Du möchtest, dass ich für dich einkaufe?“, fragte sie schließlich verblüfft, als sie sich wieder gefangen hatte. „Ich bin aber kein shoppingerfahrenes It-Girl.“

„Du wirst ja wohl eine Einkaufsliste abarbeiten können“, meinte er trocken. „Wenn dir dein Job lieb ist.“

Ava biss sich auf die Lippe und befeuchtete sie mit der Zungenspitze. Vitos dominantes, selbstbewusstes Verhalten hatte sie schon immer irritiert. Doch was sollte sie machen? Entweder tat sie, was er verlangte, oder sie war ihren Job auf der Stelle wieder los. Inzwischen hatte sie ja genug Gelegenheit gehabt zu lernen, sich an Regeln zu halten.

„Lass deine Lippe in Ruhe, und sieh mich nicht so an!“, sagte Vito warnend.

Wie hatte sie ihn denn angesehen? Sie war sich keiner Schuld bewusst. Trotzig hob sie das Kinn. „Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“

Betont unbeeindruckt musterte er sie. „Die Rolle der Verführerin brauchst du mir nicht vorzuspielen. Ich bin immer noch nicht interessiert.“

Wütend über diese erniedrigende Anspielung funkelte Ava ihn an. „Um mal eine Sache von vornherein klarzustellen, Vito: Ich bin nicht mehr das alberne, verknallte Mädchen, das du mal als Landplage bezeichnet hast. Und du bist wie alle anderen Männer, die nicht zu ihren Fehlern stehen.“

„Was soll denn das heißen?“, fuhr er sie impulsiv an. Mit einer Gegenattacke hatte er nicht gerechnet.

„Ich bin keine verführerische Eva, der kein Mann widerstehen kann. Was damals geschehen ist, war nicht ausschließlich meine Schuld. Du hast mich geküsst, weil du es wolltest und nicht, weil ich dich dazu gezwungen habe.“ Verächtlich blitzte sie ihn mit ihren strahlend blauen Augen an. „Sei ehrlich zu dir selbst, und wälze die Schuld nicht auf mich ab!“

Blinde Wut tobte in ihm. Wenigstens überlagerte sie Vitos heißes Begehren, das er noch immer für Ava empfand. Damals hatte er sich seiner Gefühle geschämt, denn er war ein erwachsener Mann mit Prinzipien gewesen, und der fing ganz sicher nichts mit einem Teenager an! Das hätte unweigerlich zu einem Desaster geführt. Vito hatte sich bemüht, die Situation zu entschärfen, und es wäre sicher alles gut gegangen, hätte Ava mit ihrem Temperamentsausbruch nicht das genaue Gegenteil erreicht und Vitos Leben zerstört. Und das von Olly.

„Ich denke nicht daran, mit dir über die Vergangenheit zu diskutieren“, teilte er ihr in scharfem Tonfall mit. „Kauf dir neue Schuhe, und arbeite die Liste ab, Ava!“

Am liebsten hätte sie die Anordnung ignoriert und sich gegen Vitos Beschuldigungen verteidigt, denn dazu hatte sie bisher nie Gelegenheit gehabt. Olly war damals dazwischengegangen. Doch jetzt war wohl der falsche Zeitpunkt. Im Gegensatz zu dem emotionalen Teenager sah die erwachsen gewordene Ava das ein. Sie atmete einige Male tief durch, bedachte Vito mit einem vernichtenden Blick und marschierte zur Tür.

„Du bist tatsächlich erwachsen geworden“, bemerkte Vito aalglatt und behielt damit das letzte Wort.

Karen Harper legte gerade den Telefonhörer auf, als Ava ihr Büro betrat. Sauertöpfisch fragte die Bürovorsteherin: „Sie wollen die Firmenkreditkarte abholen?“

Ava nickte wortlos und zeigte ihr die Geschenkliste.

Karen überflog das Papier. „Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich Ihre Einkäufe genauestens überprüfen werde. Ich rate Ihnen außerdem, im finanziellen Rahmen zu bleiben. Versuchen Sie, so wenig wie möglich auszugeben!“

„Selbstverständlich.“

„Offensichtlich traut Mr Barbieri Ihnen diese schwierige Aufgabe zu, weil er Ihre Familie kennt“, fuhr Karen kühl fort und zeigte deutlich, was sie von dieser Entscheidung hielt. „Aber leider ist Einkaufen keine Arbeit.“

„Ich erledige lediglich, was mir aufgetragen wurde“, gab Ava zurück, drehte sich um und verließ das Büro. Sie war froh, dieser Karen Harper in den nächsten zwei Tagen aus dem Weg gehen zu können.

Ava setzte sich an ihren Schreibtisch und ging die Liste durch. Ich soll also Geld sparen, dachte sie. Darin bin ich Weltmeisterin. Ihre Familie hatte sie immer so knapp gehalten, dass Ava schon früh gezwungen gewesen war, sich etwas dazuzuverdienen und ihre Ausgaben klug zu kalkulieren. Vielleicht fand sie einige Geschenke in dem Katalog, den Marge ihr mitgegeben hatte. In Zeiten der Geldknappheit war es doch wohl durchaus angemessen, karitative Organisationen zu unterstützen. Im Internet recherchierte sie, ob sie etwas über die Interessen der zu Beschenkenden herausfinden konnte. Die Suche erwies sich als überaus erfolgreich. Eifrig machte Ava sich Notizen zu den jeweiligen Namen auf der Liste. Anschließend legte sie eine kurze Pause ein, um ein Foto von Harvey ans Schwarze Brett zu hängen. Vielleicht fand sich unter den Mitarbeitern jemand, der den Hund bei sich aufnehmen wollte. Einen Versuch war es jedenfalls wert. Bei Marge konnte Harvey höchstens zwei weitere Wochen bleiben, dann erwartete sie den nach Weihnachten üblichen Zustrom ausgesetzter Tiere. Hoffentlich bekam Harvey bald ein neues Zuhause. Sonst musste die treue Seele eingeschläfert werden. Traurig ließ Ava bei dieser Vorstellung den Kopf hängen. Wie gern hätte sie den Hund selbst behalten, doch das war ja leider nicht möglich.

Schließlich hatte sie genug Informationen gesammelt, um mit dem Einkauf zu beginnen, und verließ das Firmengelände. Zualler­erst erstand sie ein Paar Schuhe, die sie nicht bei jedem Schritt zu verlieren drohte. Ava nahm sich vor, Vito das Geld so bald wie möglich zurückzuzahlen.

Es fiel ihr schwer, sich auf die Einkaufsliste zu konzentrieren, weil sie immer wieder an die Weihnachtsparty zurückdenken musste, die ein so tragisches Ende gefunden hatte.

Jedes Jahr veranstaltete Vito für seine engsten Mitarbeiter, die Angestellten auf Bolderwood Castle, Pächter und Nachbarn eine Weihnachtsparty, wie es schon zu viktorianischen Zeiten Brauch gewesen war. Ava war so sehr in Vito verknallt gewesen, dass sie ohne Begleitung auf der Party erschienen war.

„Du hast dich da in etwas verrannt“, hatte Olly frustriert geschimpft, weil sie so vollkommen fixiert auf Vito gewesen war. „Er steht nicht auf Teenager. Für ihn bist du sowieso noch ein halbes Kind. Je eher du ihn dir aus dem Kopf schlägst, desto besser.“

„Ich werde im April neunzehn und bin ziemlich reif für mein Alter“, hatte Ava protestiert.

„Wer sagt das?“ Der blonde blauäugige, sonst so sanftmütige Olly lachte nur höhnisch. Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte er nicht das mediterrane Aussehen des Vaters, sondern den hellen Teint der englischen Mutter geerbt. „Wenn du so erwachsen wärst, wie du behauptest, hättest du dir wohl kaum diese alberne Tätowierung auf die Hüfte stechen lassen.“

Natürlich hatte Olly recht gehabt. Wäre sie auf der Auslandsklassenfahrt nicht so betrunken gewesen und nicht so unglücklich verliebt, wäre es niemals dazu gekommen. Jetzt war sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Inzwischen konnte sie selbst nicht mehr nachvollziehen, welcher Teufel sie damals geritten hatte. Sollte sie sich einem Mann wirklich mal nackt zeigen, würde sie wahrscheinlich vor Scham im Boden versinken.

Wieder kreisten ihre Gedanken um die Party damals. Sie hatte auf den Gothic Look verzichtet und sich richtig schick gemacht. Obwohl sie auch in ihrem üblichen schwarzen Lederminirock und Stiefeln durchaus Vitos Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Sich dessen bewusst zu sein, machte sie aber nicht gleich zum verführerischen Vamp, oder? Da Vitos Freundinnen ausnahmslos elegant gekleidet waren, hatte Ava es aber auch mal mit diesem Look versuchen wollen, zumal Vito gerade Single gewesen war.

Ava hatte sich mit sechzehn Jahren auf den ersten Blick in Vito Barbieri verknallt und gespürt, dass er auch nicht unbeeindruckt geblieben war, als sie einander angeschaut hatten. Ein gutes Jahr später war sie zu dem Schluss gelangt, Vito kämpfe gegen seine Gefühle für sie an. Wenn möglich ging er ihr aus dem Weg, und wenn sie doch mal in seiner Nähe auftauchte, behandelte er sie wie ein kleines Mädchen. Allerdings hatte sie immer mal wieder seine Blicke auf sich gespürt, triumphierend vor sich hingelächelt und sich vorgenommen, auch weiterhin ins Schloss zu kommen, wenn Vito sich dort aufhielt. Vielleicht gelang es ihr ja eines Tages, ihn aus der Reserve zu locken. Ollys Warnung, sie verschwende nur ihre Zeit, wenn sie weiterhin von Vito träumte, hatte sie in den Wind geschlagen.

Rückblickend schämte Ava sich für ihr damaliges Verhalten. Wie hatte sie sich nur einbilden können, dass ausgerechnet sie Vitos Freundin werden könnte? Schließlich war sie nur die Tochter eines seiner Angestellten, der mit seiner Familie in der Nahbarschaft wohnte. Und die beste Freundin seines kleinen Bruders Olly. Eine achtzehnjährige Abiturientin, die sich nicht einmal anständig zu kleiden wusste. Leider setzte der gesunde Menschenverstand bei Ava aus, sobald Vito in der Nähe war.

Die gesamte Familie Fitzgerald hatte die Weihnachtsparty besucht. Ava in einem silbrig schimmernden Minikleid. Ursprünglich war es ein bodenlanges Abendkleid gewesen und hatte Gina gehört, die es in die Altkleidersammlung gegeben hatte. Ava hatte es wieder herausgefischt und umgeändert. Sie war es gewohnt, die abgelegten Sachen ihrer Schwestern zu tragen, denn für Ava war nie Geld da, wenn sie mal etwas Neues brauchte.

Das Kleid war nicht zu kurz, ihr Make-up dezent, die Frisur schlicht. Ava hatte sich sehr viel Mühe gegeben. Die schien sich gelohnt zu haben, denn als Ava mit den Kindern tanzte, die sie beaufsichtigte, bemerkte sie, dass Vito an der Tür stand und sie beobachtete. Sie hatte Champagner getrunken, um sich Mut zu machen. Normalerweise rührte sie keinen Alkohol an, weil sie Angst hatte, sie könnte die Schwäche ihrer Mutter geerbt haben.

Ava konnte sich nicht erinnern, wann sie zum ersten Mal bemerkt hatte, dass ihre Mutter anders war als andere Mütter. Wenn sie aus der Grundschule nach Hause gekommen war, hatte ihre Mutter oft sternhagelvoll im Bett gelegen. Außerdem stritten ihre Eltern ständig, und ihre Mutter verhielt sich seltsam distanziert ihr gegenüber. Von ihrem Vater ganz zu schweigen. Von Anfang an fühlte Ava sich ungeliebt und ungewollt. Sie war zehn Jahre nach ihrer ältesten Schwester Bella auf die Welt gekommen. Vermutlich ungeplant und tatsächlich ungewollt. Jedenfalls hatten ihre Eltern nie Zeit für sie.

Trotzdem hatte sie ihre Mutter geliebt. Gemma Fitzgerald war plötzlich und unerwartet gestorben, als Ava ihre Gefängnisstrafe absaß. Dieser Schicksalsschlag setzte ihr sehr zu, zumal sie gehofft hatte, mit den Jahren doch noch eine engere Beziehung zu ihrer Mutter aufbauen zu können. Als Teenager hatte sie erkannt, dass ihre Mutter ein schweres Alkoholproblem hatte. Überall im Haus hatte sie ihre Alkoholverstecke. Im Laufe des Tages wurde sie immer betrunkener. Am frühen Abend lag sie dann reglos auf dem Sofa. Avas Vater und ihre Schwestern hatten Gemmas Alkoholismus ignoriert und das Problem unter den Teppich gekehrt. Von Scheidung wurde gesprochen, aber nie von einem Entzug. Bis ihre Mutter alkoholisiert Auto gefahren und von der Polizei erwischt worden war. Ihr Vater hatte getobt und um seinen guten Ruf gefürchtet, als darüber in der Lokalzeitung berichtet wurde. Fortan gab es kein Pardon mehr: Gemma musste den Führerschein abgeben und eine Entziehungskur machen. Blass, in sich gekehrt und – endlich – nüchtern kehrte sie schließlich aus der Klinik zurück.

Als Ava bei der Weihnachtsparty Vitos Blicke auf sich spürte, beschloss sie, den Stier bei den Hörnern zu packen. Diesen Entschluss würde sie bis ans Ende ihrer Tage bereuen. Vito hatte sich in die Bibliothek zurückgezogen, wo er mit einem Glas in der Hand am Kamin stand, als Ava ihn schließlich aufgespürt hatte. Bei dem unwiderstehlichen Anblick war sie hingerissen gewesen.

„Was willst du?“, hatte er nervös und abweisend zugleich gefragt.

Ava hatte sich auf eine Tischkante gesetzt, wobei ihre langen Beine prachtvoll zur Geltung gekommen waren. Sorgfältig zog sie den Kleidersaum einige Zentimeter nach unten, sah dann auf und begegnete Vitos feurigem Blick. Das gab den Ausschlag. „Ich will dich“, gestand sie unverblümt.

Vito musterte sie abfällig, was ihrer Hochstimmung sofort einen Dämpfer verpasste. „Du wärst mir nicht gewachsen. Such dir einen Jungen in deinem Alter. Den kannst du vielleicht mit deinen Reizen beeindrucken.“

„Du willst mich doch auch. Meinst du, das hätte ich nicht gemerkt?“ So schnell gab sie nicht auf. Vito sollte wenigstens zugeben, dass er sie begehrte.

„Es wird Zeit für dich, nach Hause zu gehen und wieder nüchtern zu werden“, entgegnete er verächtlich. „Morgen schämst du dich wahrscheinlich für deinen Auftritt hier.“

Ava himmelte ihn weiter an und zog einen Schmollmund. „Mir ist so leicht nichts peinlich. Außerdem bin ich volljährig.“

„Physisch vielleicht, geistig sicher nicht“, konterte er und kam näher. „Geh nach Hause, Ava! Ich habe keine Lust auf diesen Unsinn.“

„Mit mir könntest du mehr Spaß haben, als mit all den Frauen, die du hier anschleppst.“

„Mir ist aber nicht nach Spaß.“ Vito blieb direkt vor ihr stehen. „Du interessierst mich nicht, Ava. Ein kleiner Tipp am Rande: Die meisten Männer gefallen sich in der Rolle des Eroberers. Dein Direktangriff ist ein echter Lustkiller.“

Das wollen wir doch mal sehen, dachte Ava wütend, rutschte vom Tisch und legte Vito die Arme um den Nacken. „Ich glaube dir nicht, Vito.“ Seine weit geöffneten Pupillen bewiesen das Gegenteil. „Du lügst. Warum kannst du nicht ein einziges Mal ehrlich sein?“

„Ava“, stöhnte er frustriert und wollte ihre Hände wegziehen.

Doch Ava stellte sich blitzschnell auf die Zehenspitzen und küsste Vito sehnsüchtig. Im ersten Moment erstarrte er, doch dann verlor er die Kontrolle, presste seine Lippen auf Avas, drang mit der Zunge in ihren Mund ein und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie vor Erregung erbebte und das wundervolle Gefühl hatte, endlich angekommen zu sein. Sehnsüchtig schmiegte sie sich an Vito, heißes Verlangen durchströmte ihren Schoß. Sie hörte nicht einmal, wie die Tür geöffnet wurde, nur, dass sie gleich darauf zugeschlagen wurde.

„Vito! Was um alles in der Welt ist in dich gefahren?“, rief Olly entsetzt. „Lass sie sofort los!“

Heftig stieß Vito Ava von sich und musterte sie voller Abscheu. „Was bist du nur für ein berechnendes kleines Biest! Das Wort ‚nein‘ existiert wohl nicht in deinem Wortschatz.“

„Ich bin kein Biest und …“

Olly zog sie am Arm mit sich. „Ich fahre dich jetzt nach Hause, Ava.“

Sie war wütend und enttäuscht, weil ihr letzter verzweifelter Versuch gescheitert war, Vito das Geständnis abzuringen, dass auch er dieses erregende Knistern zwischen ihnen spürte.

War dieses Gefühl etwa doch einseitig? Sollte sie sich so getäuscht haben? Konnte ein Mann eine Frau attraktiv finden, ohne sie haben zu wollen? Tief verletzt und voller Verzweiflung brach sie in Tränen aus und flüchtete aus dem Schloss. Olly war ihr dicht auf den Fersen und versuchte, sie zu beruhigen. Das war ihre letzte Erinnerung an diesen Abend. Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich im Krankenhaus wieder und konnte sich zunächst an nichts erinnern. Während der nächsten Tage kehrte die Erinnerung bruchstückartig zurück. Doch noch immer wusste sie nicht, wie sie ins Auto gekommen und wie der Unfall passiert war. Ihr Verteidiger hatte während des Prozesses immer wieder auf diese Gedächtnislücke hingewiesen.

Doch Unwissenheit hatte sie nicht vor ihren eigenen quälenden Fragen geschützt. Wie hatte sie sich in ihrem völlig hysterischen Zustand ans Steuer setzen können? Bisher hatte sie keine plausible Antwort gefunden. Außerdem war es Ollys Wagen gewesen. Olly hatte keinen Alkohol getrunken. Wieso war er also nicht selbst gefahren?

Gramgebeugt, mit Tränen in den Augen, konzentrierte sie sich wieder auf die Einkaufsliste. Sich immer wieder die Vergangenheit vor Augen zu führen, war zu schmerzvoll und außerdem sinnlos, denn es ließ sich nichts ungeschehen machen.

3. KAPITEL

„Alles Ramsch!“ Triumphierend legte Karen Harper ein Kissen mit dem eingewebten Bild eines Hundes auf Vitos Schreibtisch. „Avas Einkäufe sind schlicht und ergreifend indiskutabel. Sie muss den Schund zurückgeben, und jemand anders wird sich um die Liste kümmern.“

Unwillig verzog Vito das Gesicht. Er war sehr beschäftigt an diesem Morgen und konnte Störungen wegen Nichtigkeiten wirklich nicht gebrauchen. Nur weil er Ava nicht in der Firma begegnen wollte, hatte er sie mit den Besorgungen beauftragt. Sollte sich dieser Entschluss wirklich als falsch erweisen? Ungeduldig griff er nach dem Telefon. „Ava Fitzgerald soll in mein Büro kommen“, teilte er seiner Assistentin mit.

Ava hatte sich in den Waschraum geflüchtet, nachdem die Büromanagerin sie in aller Öffentlichkeit heruntergeputzt hatte. Dabei hatte Ava sich doch exakt an die Vorgaben gehalten! Was fiel dieser Karen Harper überhaupt ein, in diesem verächtlichen Tonfall über die sorgfältig ausgewählten Geschenke herzuziehen und Ava vor den Kollegen als ‚unfähige Idiotin‘ zu bezeichnen? Man konnte doch wohl auch als einfache Hilfskraft erwarten, mit Respekt behandelt zu werden. Nach einem Blick auf ihr blasses Gesicht im Spiegel legte sie neuen Lipgloss auf.

„Mr Barbieri erwartet Sie sofort in seinem Büro“, teilte seine Assistentin, eine glamouröse Blondine, ihr auf dem Flur vor dem Waschraum mit.

Also machte Ava sich auf den Weg, jedoch ohne sich sonderlich zu beeilen. Seit der letzten Begegnung mit Vito waren erst vierundzwanzig Stunden vergangen. Dazwischen lagen ein hektischer Einkaufstag und eine schlaflose Nacht. Dementsprechend zerschlagen fühlte Ava sich.

Kühl blickte Vito ihr entgegen und zeigte auf das Kissen auf dem Schreibtisch. „Könntest du mir das bitte erklären, Ava?“

„Sicher. Matt Aiken und seine Frau züchten Labradorhunde, die sie auch bei bedeutenden Hundeschauen präsentieren. Meiner Meinung nach sind die Kissen das perfekte Geschenk.“

„Und was ist mit der hässlichen Keramikvase?“, warf Karen Harper ein.

„Die kommt von einem karitativen Verein in Mumbai, der obdachlose Witwen unterstützt“, erklärte Ava. „Ruhina Dutta setzt sich sehr für Minderheiten in Indien ein. Wahrscheinlich ist ihr die Vase, deren Erlös einem guten Zweck zukommt, lieber als Parfüm.“

Leider war Vitos verschlossener Miene nicht anzusehen, was er von ihren Begründungen hielt. Doch der Blick, den er auf sie gerichtet hielt, löste ein elektrisierendes Prickeln bei ihr aus.

„Und was soll diese alberne Kette von Tiffany?“ Karen dachte gar nicht daran, klein beizugeben. „Sie hat nicht einmal einen richtigen Verschluss.“

„Es handelt sich um eine Brillenkette. Mrs Fox hat kürzlich in einem Interview beklagt, dass sie ständig ihre Brille verlegt.“

Vito lachte harsch und wurde sichtlich ungeduldig. Er wollte sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens widmen: seiner Arbeit.

Im Gegensatz zu Ava hatte Karen die sicheren Zeichen nicht erkannt und verschwendete durch ihre Nörgelei weiter Vitos kostbare Zeit. „Wieso haben Sie überhaupt so viele Sachen mit Tierthemen besorgt? Es ist völlig inakzeptabel, dass Sie fast alle Geschenke in Ihrem karitativen Lieblingsladen gekauft haben.“

„Die meisten Leute auf der Liste haben ein Haustier. Und Sie haben selbst gesagt, ich soll möglichst wenig Geld ausgeben“, rechtfertigte Ava sich.

„Aber ich habe Sie ganz sicher nicht gebeten, diesen Ramsch zu kaufen“, entgegnete Karen aufgebracht.

„Die Geschenkvorschläge auf der Liste waren teilweise ausgesprochen teuer. In Zeiten von Sparmaßnahmen hielt ich das für übertrieben“, erklärte Ava betreten. „Aber ich kann natürlich alles wieder umtauschen.“

„Das ist nicht nötig. Erledige die restlichen Einkäufe, Ava! Offensichtlich hast du dich eingehend über die Vorlieben der Empfänger informiert.“ Vito warf ihr einen flüchtigen Blick zu. „Bitte nimm die Sachen wieder mit, ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr für diese Belanglosigkeiten!“

„Selbstverständlich, Mr Barbieri.“ Die Büromanagerin riss sich zusammen. „Bitte entschuldigen Sie die Störung.“

Karen bestand aber darauf, die Liste mit Ava durchzugehen, bevor weitere Einkäufe getätigt wurden – ausgerechnet als einige Kollegen mit Marges Katalog in Avas Büro auftauchten, um Bestellungen aufzugeben und im Voraus zu bezahlen.

„Sie sind zum Arbeiten hier, nicht um Sachen für karitative Zwecke zu verkaufen“, herrschte Karen sie an. „Wenn Sie heute Nachmittag wiederkommen, melden Sie sich sofort bei mir! Auf Sie wartet hier viel Arbeit. Beeilen Sie sich also etwas.“

Als Ava mit schmerzenden Füßen und bepackt mit etlichen Einkaufstüten in ihr Büro zurückkehrte, wurde sie sofort von Karen abgepasst und in den Keller verfrachtet. Mit der Ablage im Archiv würde sie mindestens bis zur Mitte der nächsten Woche beschäftigt sein. Natürlich war Ava sich darüber im Klaren, dass es sich um eine reine Strafmaßnahme handelte, weil sie Karen praktisch bei Vito vorgeführt hatte. Doch sie nahm es widerspruchslos hin. Wenigstens hätte sie in dem verlassenen, spärlich beleuchteten Raum Ruhe vor Vito.

Eine Woche später betrachtete Vito beim Mittagessen in einem bekannten Restaurant sein Gegenüber. Laura, mit ihrem langen blonden Haar und den mandelförmigen braunen Augen, war eine Schönheit, ließ ihn aber völlig kalt. Ihre Lippen waren zu schmal, die Stimme zu durchdringend. Außerdem zog Laura mit Vorliebe über die Models her, mit denen sie zusammenarbeitete. Vito langweilte sich, war mit seinen Gedanken ständig woanders und sehnte das Ende der Mahlzeit herbei. Seit Tagen spürte er schon diese innere Unruhe.

Der Vormittag hatte schon mit Ärger angefangen. Vitos Gutsverwalter Damien Skeel rief an, um zu fragen, ob Vito in diesem Jahr eine Weihnachtsparty veranstalten wollte. Seit Ollys Tod hatte niemand gewagt, diese Frage zu stellen. Aber Damien hatte seine Stelle erst kürzlich angetreten und wusste nichts von dem tragischen Unglück, das drei Jahre zuvor geschehen war. Vito hatte den Brauch seitdem stillschweigend ignoriert. Doch jetzt plagte ihn fast das schlechte Gewissen, weil er mit der Tradition gebrochen hatte. Seine Mitarbeiter hatten sich ein Fest verdient. Und eine dreijährige Trauerzeit erschien ihm lange genug. Also hatte er beschlossen, die Tradition wieder aufleben zu lassen. Laura langweilte ihn gerade mit einer weiteren Anekdote über eine ihrer Kolleginnen. Ich werde sie schnellstmöglich abservieren, dachte Vito ungeduldig.

Wenig später betrat er das Bürogebäude von AeroCarlton und wunderte sich, wo Ava steckte. Er fand sie weder am Empfang noch im Großraumbüro. Dafür, dass sie hier praktisch als Mädchen für alles angestellt war, sah man ausgesprochen wenig von ihr. Nicht, dass er sie unbedingt sehen wollte – aber langsam wunderte er sich, wo sie sich versteckt hielt. Ihre letzte Begegnung musste mindestens eine Woche zurückliegen.

„Arbeitet Ava Fitzgerald eigentlich noch hier?“, erkundigte er sich bei seiner Assistentin.

„Da bin ich überfragt.“

„Finden Sie es heraus!“

Ava kannte sich im Keller inzwischen gut aus. Eine Woche lang hatte sie kartonweise Dokumente abgelegt. Als sie fertig war, hatte Karen sie in ein brandneues, kompliziertes Ablagesystem eingeführt, und für Ava ging die Arbeit von vorn los.

Beim Geräusch der Fahrstuhltür überkam Ava eine Ahnung. Lange ließ der Besucher nicht auf sich warten.

„Da du nicht zum Mittagessen gehst, habe ich dir etwas mitgebracht“, sagte eine vertraute Stimme.

Ava stöhnte unterdrückt, ordnete das Dokument ein, das sie gerade in der Hand hielt, drehte sich um und strich sich automatisch den Rock glatt. Vor ihr stand Pete Langford. Er war mittelgroß, schlank und musterte sie mit einem Blick, bei dem sie sich instinktiv beschmutzt fühlte. Seit einigen Tagen tauchte er hier unten auf, um sich mit ihr zu unterhalten. Avas deutliches Desinteresse konnte ihn offensichtlich nicht abschrecken. Jetzt legte er ein Panini auf einen leeren Tisch, stellte einen Softdrink dazu und lehnte sich an die Tischkante.

„Mach mal Pause, Ava!“

„Du hättest mir die Sachen nicht kaufen sollen.“ Leider knurrte ihr in diesem Moment der Magen. Ihre kargen Mittel reichten nicht fürs Mittagessen. „Ich kann sie nicht annehmen. Außerdem muss ich jetzt Einkäufe erledigen.“

„Darum kannst du dich nach Feierabend kümmern. Jetzt bin ich ja hier.“

Sollte sie seinetwegen etwa alles stehen und liegen lassen? Das könnte ihm so passen. Ava dachte gar nicht daran, sich vorschreiben zu lassen, was sie in der Mittagspause machte. Schon gar nicht von diesem Pete, der sich für unwiderstehlich hielt und vermutlich bald zudringlich wurde. Eine Kollegin hatte sie bereits gewarnt, dass er sich immer an neue Mitarbeiterinnen heranmachte. „Ich mache oben Pause“, entgegnete sie schroff.

Pete seufzte ungeduldig. „Wieso denn?“

„Weil ich lieber meine Ruhe haben möchte.“

„Bist du etwa lesbisch?“ Er musterte sie misstrauisch. „Immerhin warst du länger im Gefängnis. Da hattest du ja keine Wahl.“

Ava wurde blass. „Wer hat dir erzählt, dass ich im Gefängnis war?“

„Sollte das geheim bleiben? Alle hier wissen Bescheid.“

„Ich rede nicht darüber“, antwortete Ava kühl. Sie war schockiert, dass ihre Vergangenheit offensichtlich ein offenes Geheimnis war. Jetzt wurde ihr auch klar, warum einige Kollegen sie schnitten. Es verletzte Ava zutiefst, im Mittelpunkt gehässiger Spekulationen zu stehen. Wieder einmal war sie die Außenseiterin.

„Woher haben Sie das?“, fragte eine zweite Männerstimme barsch. „Das sollte doch vertraulich behandelt werden.“

Erstaunt blickte Ava Vito an. Sie hatte den Lift gar nicht gehört. Vito musste die Kellertreppe benutzt haben. Jedenfalls stand er jetzt an der Tür und wartete ungeduldig auf Petes Antwort.

Er hatte seine Bemerkung über Avas mögliche sexuelle Neigung gehört und konnte seinen Zorn kaum zügeln. Vito wunderte sich selbst über diese heftige Reaktion. Machte es ihn etwa eifersüchtig, Ava mit einem anderen Mann zu sehen? Oder mischte er sich als Arbeitgeber ein, der seine Angestellte vor sexueller Belästigung schützen wollte? Allerdings machte Ava durchaus den Eindruck, als könnte sie sich selbst wehren. Ihre Augen blitzten zornig, ihr schlanker, aber kurviger Körper kam im schwarzen Bleistiftrock und roter Bluse wunderbar zur Geltung. Unwillkürlich tauchte ein anderes Bild vor Vitos geistigem Auge auf: die elfengleiche Ava in Spitzenkorsage, schwarzem Ledermini und klobigen Stiefeln. Verblüfft blinzelte er und riss sich zusammen. Zu spät. Die erotische Fantasie hatte ihn heftig erregt.

Pete Langford hatte sich erschrocken zu seinem Boss umgedreht und behauptete kleinlaut: „Ich weiß nicht, wer zuerst von Avas Vergangenheit angefangen hat. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss wieder an die Arbeit.“

„Gute Idee.“ Bedrohlich musterte er den Angestellten.

Als der Fahrstuhl Pete wieder nach oben beförderte, runzelte Ava fragend die Stirn. „Was sollte das denn?“

„Wie lange arbeitest du schon hier unten?“ Vito überging ihre Frage einfach.

„Seit ich in deinem Büro war und die Weihnachtseinkäufe erledigt habe.“

„Also seit einer Woche? Jeden Tag? Die ganze Zeit über?“

Ava nickte wortlos. Sie war völlig überwältigt von Vitos unwiderstehlich erotischer Ausstrahlung. Kein Wunder, dass sie sich schon im Alter von sechzehn Jahren in diesen sexy Mann verliebt hatte! Schließlich zog er alle Frauenblicke auf sich.

„Du musst dich ja fühlen, als wärst du wieder in deiner Gefängniszelle“, stieß er mürrisch hervor.

„Die Arbeit muss gemacht werden, und ich bin dankbar, überhaupt einen Job gefunden zu haben“, erklärte Ava ruhig. „Keine Sorge, Vito, hier erinnert mich nichts ans Gefängnis.“

„Es war nicht meine Idee, dich hier unten zu beschäftigen, Ava.“

„Das glaube ich dir sogar. Aber du wolltest mir ja nach Möglichkeit nicht begegnen, und normalerweise hätte dich ja wohl nichts in den Keller verschlagen.“ Bei ihrem frechen Lächeln bildeten sich Grübchen in ihren Wangen.

Das Lächeln erhellte ihr herzförmiges Gesicht. Sie ist wunderschön, dachte Vito. Fast zerbrechlich wirkte sie mit diesem fein ziselierten Gesicht und dem durchscheinenden Porzellanteint, der einen faszinierenden Kontrast zu der flammendroten Haarmähne bildete. Ich hatte noch nie einen Rotschopf im Bett. Und das wird auch so bleiben, ermahnte er sich gleich darauf streng und versuchte verzweifelt, seinem Verlangen einen Dämpfer zu verpassen. Ich will sie nicht, habe sie nie gewollt, und das wird auch so bleiben! Der Kuss damals? Er hatte keine andere Wahl gehabt. Vitos Blick fiel auf die vollen rosa Lippen und er erinnerte sich, wie erregend der Kuss gewesen war. Süß, berauschend und unglaublich erotisch.

Avas blaue Augen hatten sich verdunkelt. Die Atmosphäre im Keller knisterte. Ava hatte das Gefühl, in einen Strudel zu geraten. Unbewusst reagierte sie auf die erotische Spannung: Die Brustwarzen wurden hart und zeichneten sich bestimmt unter der Bluse ab. Im Schoß pulsierte es so sehr, dass Ava impulsiv die Beine zusammenpresste.

Vito konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Wie in Trance bewegte er sich langsam auf sie zu, umfasste ihr schmales Handgelenk und zog Ava an sich, wobei er sie keine Sekunde aus den Augen ließ. Heißes Verlangen durchflutete ihn. Langsam hob er die andere Hand und zeichnete behutsam die Konturen der unwiderstehlich sinnlichen Lippen nach.

Ava stöhnte leise vor Lust. Küss mich, küss mich, küss mich, flehte sie insgeheim. Ihre Sehnsucht war so überwältigend, dass kein anderer Gedanke möglich war. Und dann neigte Vito tatsächlich den Kopf, beugte sich noch weiter zu ihr herab und berührte ihre Lippen mit seinen. Sein Kuss war so leidenschaftlich, dass sie hingerissen den Mund öffnete. Vito reagierte sofort und küsste sie noch verlangender. Die lang aufgestaute Lust in Avas Innerem brach sich Bahn und drohte, sie zu überfluten. Wie lange hatte sie davon geträumt? Genau so hatte sie es sich vorgestellt. Ihr Körper stand in heißen Flammen. Wild und ungezügelt erforschte Vito ihren Mund. Ava drängte sich an seinen harten Körper und glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ungeduldig erwiderte sie den erregenden Kuss, wollte mehr, so viel mehr. Sie sehnte sich nach Erfüllung. Vito schob sie etwas von sich, um ihre Brüste zu streicheln, die harten Knospen erregend zu stimulieren, bis Ava erneut lustvoll stöhnte. Dann schob er sie weiter von sich, wich einen Schritt zurück und schaute ihr tief in die Augen.

„Nicht hier, belleza mia.“

Ava holte tief Luft, um das heiße Verlangen abzukühlen. Vitos Rückzug war enttäuschend, aber sie verstand seine Besorgnis, und schließlich war nicht zu übersehen, wie schwer ihm dieser Entschluss fiel. Sie hatte seine heftige Erregung gespürt und triumphierte innerlich. Dieses Mal war das Verlangen nicht einseitig gewesen!

„Ich werde dafür sorgen, dass dir umgehend ein anderer Arbeitsplatz zugewiesen wird“, versprach Vito ausdruckslos. Offensichtlich hatte er seine Gefühle schnell wieder im Griff.

„Das ist nicht nötig“, antwortete Ava abwehrend.

„Doch! Ich bestehe darauf, dass alle meine Mitarbeiter fair behandelt werden. Es ist inakzeptabel, dich hier unten zu isolieren, noch dazu mit so einer eintönigen Aufgabe.“

Ein kleiner Teufel ritt sie. „Bestehst du auch darauf, sie alle zu küssen?“

Vito blieb an der Tür stehen und wandte sich langsam um. „Du bist die Erste.“

„Jetzt erklärst du mir sicher, dass es nie wieder vorkommen wird, oder?“ Leicht beunruhigt wartete sie auf seine Reaktion.

Er warf ihr einen stürmischen Blick zu und lief ohne ein weiteres Wort die Treppe hinauf. Beschämt gestand Ava sich ein, dass sie ihn provoziert hatte.

Währenddessen kämpfte Vito darum, seine heftige Erregung zu zügeln. Unglaublich, aber Ava hatte ihn mit einem einzigen Blick aus der Reserve gelockt und ein loderndes Feuer in ihm entfacht. Es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte sie auf den Tisch gesetzt und wäre in sie eingedrungen, um das heiße Verlangen zu befriedigen. Doch Vito war nun mal misstrauisch gegenüber allem Neuen. Im letzten Moment siegte immer die Selbstbeherrschung. Vermutlich würde er die aber bald aufgeben, denn er begehrte Ava Fitzgerald. Und zwar mehr als jede andere Frau. Vielleicht lag es daran, dass sie für ihn mal absolut tabu gewesen war. Inzwischen hatten sich die Zeiten geändert. Ava und er waren erwachsen und ungebunden. So einfach war das.

Sie hat Olly auf dem Gewissen.

Schnell verbannte er diesen Gedanken. Hier ging es ja nur um Sex. Ava war bildhübsch, und sie erregte ihn. Das passierte ihm heute nicht mehr so oft. Deshalb wollte er dieses Gefühl auskosten. Was sprach dagegen?

Eine Stunde später rief Karen Harper Ava zu sich und setzte sie am Empfang ein. Anschließend bereitete Ava Kaffee für ein Meeting vor, räumte den Schrank mit Büromaterialien auf und machte einige Besorgungen. So verging der Arbeitstag wie im Flug. Nach Feierabend holte sie Harvey bei Marge ab. Marge war so dankbar für die vielen Bestellungen, die die Mitarbeiter von AeroCarlton bei Ava aufgegeben hatten, dass sie Ava zum Abendessen einlud. Anschließend brauchte Harvey seinen Auslauf. Irgendwann setzte Ava sich auf eine Parkbank und kraulte dem großen Hund nachdenklich den Kopf. Sie war so froh, endlich wieder in Freiheit zu sein und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Als plötzlich ein Handy klingelte, schaute sie erstaunt um sich, bevor ihr bewusst wurde, dass es ihr eigenes war. Das Klingeln war noch ungewohnt. Hastig zog sie das Handy aus der Tasche und nahm den Anruf an. Vielleicht meldete sich endlich jemand aus ihrer Familie! „Hallo?“

„Hier ist Vito. Ich brauche deine Adresse. Ich möchte mit dir reden.“

Überrascht sprang Ava auf und nannte ihm widerstrebend die Anschrift ihrer bescheidenen Behausung. Doch Vito würde wohl kaum erwarten, dass sie in einem luxuriösen Penthouse wohnte.

Da es zu spät war, Harvey zurück zu Marge zu bringen, wenn sie Vito nicht verpassen wollte, nahm sie das Tier kurzentschlossen mit in ihre kleine Wohnung. Auf dem Heimweg überlegte sie, was Vito wohl von ihr wollte. Vermutlich bereute er den Kuss und wollte ihr mitteilen, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde. Als wüsste sie das nicht selbst! Arbeitssüchtige Milliardäre gaben sich nun mal nicht mit Laufmädchen ab – schon gar nicht, wenn das Laufmädchen eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte, weil es für schuldig befunden worden war, den kleinen Bruder auf dem Gewissen zu haben. Vito hatte einen Moment lang sein plötzliches Lustgefühl nicht unter Kontrolle gehabt. Das passierte schon mal. Aber das war doch nicht ihre Schuld, oder? Hatte ihr heißes Begehren plötzlich auf ihn abgefärbt? Musste er sie deshalb küssen? Wehe, wenn er mich wieder für sein Verhalten verantwortlich macht, dachte Ava und hob herausfordernd das Kinn.

4. KAPITEL

Schon von Weitem entdeckte Ava die elegante, silbern lackierte Limousine vor dem Mehrfamilienhaus. Als sie den Wagen fast erreicht hatte, stieg Vito aus. Ungeduldig hatte er auf dem Rücksitz gewartet. Mit seinem dunklen Kaschmirmantel wirkte er in dieser heruntergekommenen Gegend ebenso fehl am Platz wie die Limousine mit Chauffeur. Ava redete sich ein, es mache ihr nichts aus, ihm in abgetragenen Jeans und Fleece-Jacke gegenüberzutreten. Mit Vitos Modelfreundinnen würde sie sowieso niemals mithalten können.

„Ava …“

„Das ist Harvey.“ Als der Hund knurrte, ermahnte sie ihn sofort: „Benimm dich, Harvey! Gib Pfötchen!“

Verblüfft beobachtete Vito, wie das große Tier sich setzte und eine Pfote hob, während es den Fremden misstrauisch beäugte. „Ist das dein Hund?“, erkundigte er sich erstaunt.

„Nein, Harvey wurde ausgesetzt und sucht ein neues Zuhause. Ich darf hier keine Tiere halten. Komm, gehen wir hoch in meine Wohnung.“

„Keine passende Gegend für eine alleinstehende Frau“, bemerkte Vito auf dem Weg in den dritten Stock.

„Ist mir auch schon aufgefallen.“ Ava schloss die Wohnungstür auf, ging hinein und bückte sich, um Harvey die Leine abzunehmen.

Unwillkürlich blieb Vitos Blick an Avas knackigem Po hängen. Je öfter er ihren sexy Körper betrachtete, desto mehr begehrte er sie. Nicht jetzt, dachte Vito energisch und ballte die Hände zu Fäusten. „Wenigstens hast du einen Wachhund.“

„Harvey darf hier nicht übernachten. Ich muss ihn nachher zurück zu Marge bringen.“

„Wer ist Marge?“

„Die Leiterin einer privaten Tierpension, die auch herrenlose Hunde aufnimmt. Dort habe ich gearbeitet, als ich im offenen Vollzug war. Wenn ich Zeit habe, helfe ich Marge immer noch aus. Sie wird von vielen Leuten ehrenamtlich unterstützt, die vorübergehend herrenlose Tiere aufnehmen und helfen, ein gutes Zuhause für sie zu finden. Diese Leute haben auch die Sofakissen gefertigt. Der Erlös kommt der Tierpension zugute.“

Vito hörte nur mit halbem Ohr zu und blickte sich in dem schäbigen, aber tadellos aufgeräumten und sauberen Zimmer um. Harvey hatte sich inzwischen auf dem Läufer vor dem schmalen Bett ausgestreckt. „Mir ist unbegreiflich, wie deine Familie es zulassen kann, dass du hier haust.“

„Immerhin ist es besser als ein Wohnheim. Darf ich dir einen Kaffee anbieten?“

„Danke, ich habe gerade zu Abend gegessen.“ Vito ging zum Fenster und bemerkte, dass seine Atemluft wie weißer Nebel waberte. So kalt war es in der Wohnung! Konnte Ava sich nicht einmal leisten zu heizen?

„Du kannst gern deinen Mantel ausziehen. Ich verspreche, ihn nicht zu stehlen“, witzelte sie.

„Es ist viel zu kalt hier drinnen.“

Ava bückte sich, um die Heizung anzustellen. Die ließ sie eigentlich nur vor dem Zubettgehen laufen. Vito tat immer so taff, aber Kälte konnte er nicht vertragen. Ava lächelte verstohlen. Schon Olly hatte sich darüber immer lustig gemacht. Olly … Das Lächeln verflog sofort, als sie an den toten Freund dachte. Ob sie in Vitos Gesellschaft wohl immer an den schrecklichen Verlust erinnert würde, den sie ihm zugefügt hatte?

Sie atmete tief durch und fragte: „Du wolltest mich sprechen?“

„Ja. Ich wollte dir einen Vorschlag machen.“

Abwartend legte sie den Kopf schief. Dabei fiel das schimmernde kupferrote Haar über die schwarze Jacke.

„Jetzt siehst du aus wie ein Rotkehlchen.“

Da Ava nicht mit einem Vogel verglichen werden wollte (irgendwie fand sie das nicht besonders sexy), hob sie den Kopf wieder. Insgeheim freute es sie allerdings, dass Vito ihr Erscheinungsbild überhaupt kommentierte. Meine Güte, sie klammerte sich aber auch an jeden Strohhalm!

„Ich möchte die Tradition der Weihnachtsparty wieder aufleben lassen“, erzählte er. „Also, ich reiße mich nicht darum, aber ich glaube, es ist an der Zeit“, fügte er erklärend hinzu.

„Willst du damit sagen, es hätte keine gegeben seit … damals?“ Ihre Stimme bebte leicht, als Ava das letzte Wort aussprach.

Ein schmerzvoller Ausdruck huschte über Vitos markantes Gesicht. Ava zerriss es fast das Herz. „Nein. Es wäre die erste Party seit drei Jahren“, antwortete er leise.

„Aha.“ Energisch drückte sie die aufsteigenden Tränen zurück. „Und weshalb bist du hergekommen?“

„Ich möchte, dass du alles organisierst: die Party, die Weihnachtsdekoration im Haus, eben einfach alles, was dazugehört.“

„Ich? Du willst, dass ich deine Weihnachtsparty organisiere?“, fragte Ava verblüfft.

„Du und Olly habt das immer für mich übernommen“, erinnerte er sie und bemerkte, wie kreidebleich sie plötzlich geworden war. Offensichtlich war das Thema für sie ebenso schmerzvoll wie für ihn. „Du planst alles, beauftragst den Partyservice, sorgst für die festliche Dekoration und verschickst die Einladungskarten. Ich halte mich völlig raus, aber ich glaube, Personal und Nachbarn würden sich freuen, wenn der Brauch wieder auflebt.“

Er meint es tatsächlich ernst, stellte Ava fest, noch immer skeptisch. „Vielleicht solltest du dir das noch mal überlegen, Vito. Hast du eine Vorstellung, was die Leute denken werden, wenn ausgerechnet ich wieder die Organisation deiner Weihnachtsparty übernehme?“

Vito musterte sie. „Mich hat noch nie interessiert, was andere Leute denken“, behauptete er selbstbewusst. Ich finde, es ist die perfekte Lösung, weil du dich mit allem bestens auskennst und die Party ganz in Ollys Sinn ausrichten kannst. Ihr habt euch doch förmlich überschlagen, wenn es um Weihnachten ging.“

Ja, Vito hatte recht. Olly und sie waren mit großer Begeisterung bei der Sache gewesen, wohingegen Vito mit Weihnachten nie viel am Hut gehabt hatte, aber Olly und ihr nicht den harmlosen Spaß verderben wollte.

„Ich schlage vor, du arbeitest bis zum Ende dieser Woche noch bei AeroCarlton und ziehst am Wochenende um ins Schloss.“

„Wie meinst du das?“, fragte Ava schockiert.

„Von hier aus kannst du wohl kaum alles organisieren“, erklärte er trocken.

Weihnachten auf Bolderwood – ein Traum! Ava fing schon an zu planen: Sie brauchte Stechpalmenzweige und Efeuranken aus dem Wald. Und natürlich einen Tannenbaum. Der musste festlich geschmückt werden. Am großen Kamin in der Halle würden sie Früchtekuchen essen. Wie früher. Nein, nichts war wie früher! Ihr wurde schwindlig. Weihnachten ohne Olly war unvorstellbar. Insbesondere auf Bolderwood, wo er immer so glücklich gewesen war. Sie konnte doch nicht einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen, wenn sie es gewesen war, die für Vito das Weihnachtsfest für alle Zeiten kaputtgemacht hatte!

„Ich kann das nicht, Vito. Es wäre ein schrecklicher Fehler, mich mit dieser Aufgabe zu betrauen. Die Leute würden das nicht verstehen. Sie wären wie vor den Kopf gestoßen.“

„Ich bin auch nicht wie vor den Kopf gestoßen. Warum sollten andere Leute es sein? Du bist zu sensibel, Ava. Langsam musst du anfangen, die Vergangenheit hinter dir zu lassen.“

„Wie denn? Wenn du mir nicht vergeben kannst“, rief sie verzweifelt. „Wie soll ich mir denn selbst verzeihen, was geschehen ist?“

Vito fluchte unterdrückt. Sie sprach aus, was er energisch verdrängte. Aber gerade das bestärkte ihn in seinem Entschluss. Ich bin auf dem richtigen Weg, dachte er. „Drei Jahre sind vergangen, Ava. Vielleicht kommt es dir vor, als wäre es gestern gewesen, doch es ist jetzt drei Jahre her“, sagte er harsch. „Das Leben geht weiter. Wir veranstalten die Weihnachtsparty Olly zu Ehren.“

Ava war so aufgewühlt, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte und sich auf eine Stuhllehne stützen musste. Tränen brannten ihr in den Augen. Ein Fest zu Ollys Ehren. Wie sollte sie diesen emotionalen Stress aushalten? Sie würde gezwungen sein zu akzeptieren, dass ihr bester Freund tatsächlich tot war.

„Glaubst du vielleicht, mein Bruder hätte gewollt, dass du in dieser Bruchbude lebst?“, fragte Vito verächtlich.

Das half. Ava riss sich zusammen und drückte das Kreuz durch. „Nein, sicher nicht. Aber ich kann es nicht ändern.“

„So ein Unsinn! Natürlich kannst du es ändern“, widersprach Vito heftig. „Wo ist denn dein Kampfgeist geblieben?“ Den hatte er insgeheim damals an ihr bewundert. Neben anderen Eigenschaften – wenn er ehrlich war. Dieser Mund, dieser unglaublich verführerische Mund. Vito stöhnte unterdrückt, als er spürte, wie sein empfindlichster Körperteil hart wurde vor Erregung.

„Ja, ich bin eine Kämpferin“, bestätigte Ava schließlich mit bebender Stimme und spürte, wie die Atmosphäre in dem kleinen Zimmer plötzlich knisterte. Wieder pulsierte es heftig in ihrem Schoß. Entschlossen wandte sie sich um. Vito sollte nicht merken, was sie für ihn empfand.

Sie räusperte sich. „Also gut, Vito. Wenn du unbedingt willst, organisiere ich die Weihnachtsparty für dich. Aber wenn die Leute dich deswegen für verrückt halten, gib bitte nicht mir die Schuld!“

Vito hielt den Blick auf Harvey gerichtet, der einen völlig entspannten Eindruck machte. „Du weißt doch, was ich auf die Meinung anderer Leute gebe.“

„Ja, aber …“

„Mir gefällt es besser, wenn eine Frau meiner Meinung ist.“

„Unsinn!“, entgegnete Ava schnippisch. „Es hat dich schon immer gelangweilt, leichtes Spiel zu haben.“

Vito spielte mit dem Gedanken auszuprobieren, wie leicht oder schwer Ava es ihm machen würde. Er war wirklich ganz seltsamer Stimmung. Lag das am bevorstehenden Weihnachtsfest oder daran, dass sie gerade über Olly gesprochen hatten? „Wenn du im Schloss wohnst, hättest du es auch nicht so weit zu deiner Familie. Vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, sie wiederzusehen.“

„Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben“, erklärte Ava bedrückt. „Das muss ich wohl akzeptieren.“

Vito enthielt sich jeden Kommentars. Sein impulsiver Entschluss befeuerte ihn, weitere Änderungen vorzunehmen. Ava mit der Organisation der Weihnachtsparty zu betrauen half auch ihm. Beispielsweise hoffte er, nun endlich die Tatsachen zu akzeptieren, die sich nun mal nicht ändern ließen. Sein kleiner Bruder war tot, damit musste er sich leider abfinden, so schwer es ihm auch fiel. Langsam wurde es Zeit, die tiefe Trauer zu bewältigen und sich wieder dem Leben zuzuwenden. Das konnte er auch allein schaffen, ohne Therapie, zu der man ihm wiederholt geraten hatte. Wenn Weihnachten erst mal vorbei und Ava Fitzgerald wieder aus seinem Leben verschwunden war, konnte er einen Strich unter diese Lebensphase ziehen und einen Neubeginn wagen. Ava die ganze Zeit aus dem Weg zu gehen, war der falsche Ansatz. Viel besser wäre, sich mit ihr auseinanderzusetzen, mit der Vergangenheit abzuschließen und dann endlich Ruhe zu haben.

„Darf ich Harvey mit ins Schloss bringen?“, fragte Ava unvermittelt. Dann käme das Tier wenigstens endlich heraus aus der überfüllten Tierpension.

Vito zog die dunklen Brauen zusammen. Wegen seiner Abneigung gegen Haustiere hatte er Olly lediglich ein Meerschweinchen und einen Goldfisch gestattet.

„Er ist auch ganz brav“, versprach Ava. „Wenn ich kein neues Zuhause für ihn finde, wird er eingeschläfert, weil Marge eigentlich gar keinen Platz für ihn hat. Wenn ich mehr Zeit habe, finde ich bestimmt ein Herrchen oder Frauchen für ihn“, fügte Ava optimistisch hinzu. „Vielleicht möchte einer deiner Angestellten auf dem Gut ihn haben.“

Nachdenklich betrachtete Vito den großen Hund, der völlig entspannt auf dem Läufer lag und laut schnarchte. Er wollte ganz sicher nicht schuld sein, dass ein Tier ohne Not eingeschläfert wurde. Sehr einnehmend wirkte Harvey allerdings nicht. „Ist das eine besondere Rasse?“, erkundigte er sich.

„Nein, er ist eine Promenadenmischung und wurde ausgesetzt. Aber er ist jung und gesund.“ Ava lächelte hoffnungsvoll. „Er liebt Kinder. Zur Party könnte ich ihm eine rote Mütze aufsetzen oder ihn als Rentier verkleiden.“

Typisch Ava, auf eine so absurde Idee zu kommen! Vito stöhnte unterdrückt. „Von mir aus kannst du ihn mitbringen. Aber bilde dir ja nicht ein, ich könnte ihn behalten.“

„Auf so eine abstruse Idee würde nicht einmal ich kommen.“ Ava lachte erleichtert. Wie schön, dass Harvey wenigstens vorübergehend eine feste Bleibe hatte. „Du wirst seine Anwesenheit gar nicht bemerken. Ich weiß ja, was du von Hunden hältst. Olly hat mir erzählt, du wärst als Kind mal gebissen worden.“

Vito ärgerte sich über diese Indiskretion und fragte sich, was Olly ihr noch alles über seinen großen Bruder verraten hatte. Vito legte allergrößten Wert auf seine Privatsphäre. Je eher Ava aus der Firma verschwand, desto besser.

„Ich brauche die Erlaubnis meiner Bewährungshelferin, um London zu verlassen“, sagte Ava, plötzlich beunruhigt. „Ich muss mich jeden Monat bei ihr melden.“

„Du bist ja nur zwei Wochen fort. Muss sie es überhaupt erfahren?“

„Ich bin auf Bewährung draußen, Vito. Wenn ich mich nicht an die Regeln halte, sitze ich ganz schnell wieder hinter Gittern.“

„Gut, dann rede mit ihr. Ich schicke dir Sonntag einen Wagen. Am späten Nachmittag.“ Er nickte ihr zu und war verschwunden, bevor sie sich bedanken konnte.

„Wie ich höre, bleiben Sie uns nur noch bis Freitag erhalten“, flötete Karen Harper am nächsten Morgen zuckersüß, als sie einen Brief überflog, den Ava getippt hatte. „In der Mittagspause machen Sie bitte Vertretung am Empfang“, fügte sie hinzu. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie gut sie mit dem Boss befreundet sind.“

„Befreundet sind wir nicht gerade“, widersprach Ava. „Vito ist immer noch mein Boss.“

In den verbleibenden Tagen wurde Ava immer wieder mit neugierigen Fragen bombardiert und war froh, am Freitag schon früh Feierabend machen zu können, weil sie einen Termin bei ihrer Bewährungshelferin Sally hatte.

„Sie ziehen in ein richtiges altes Schloss?“, fragte Sally verblüfft, als Ava ihr die neue Anschrift mitteilte.

„Ja, aber so alt ist es auch wieder nicht, es wurde erst zur Zeit Königin Viktorias erbaut“, erklärte Ava.

„Und befindet sich im Besitz von Oliver Barbieris Bruder.“ Sally strahlte. „Es ist sehr großherzig von ihm, Ihnen zu vergeben.“

„Er wird mir niemals vergeben, was mit seinem Bruder passiert ist“, widersprach Ava. „Und dafür habe ich vollstes Verständnis“, fügte sie hinzu, als sie den neugierigen Blick der Bewährungshelferin auffing. „Er ist wohl der Meinung, dass wir beide versuchen müssen, wieder ein normales Leben zu führen, und glaubt, dies wäre die beste Methode.“

„Trotzdem ist es eine bemerkenswert großzügige Geste.“

Als sich Ava zwei Tage später in einer Luxuslimousine auf der Fahrt zu Bolderwood Castle befand – mit dem schlafenden Harvey zu ihren Füßen und einer Reisetasche im Kofferraum – überlegte Ava, ob Vito schon immer so großherzig gewesen war. Vermutlich, denn er hatte Olly ein Zuhause gegeben, als der als Kind plötzlich Vollwaise geworden war. Dabei hatte er seinen kleinen Halbbruder zuvor erst zweimal getroffen. Ein anderer Mann hätte den Jungen vielleicht seinem Schicksal überlassen. Vito gab sich immer so taff und unnahbar, war bei Mitbewerbern und Mitarbeitern gleichermaßen gefürchtet und geschätzt, doch er hatte offensichtlich ein weiches Herz.

Ava wurde immer nervöser, je näher sie dem Schloss kamen. In dieser Gegend war sie aufgewachsen und kannte praktisch jeden Baum. Sollte sie es wagen, ihren Vater oder ihre Schwestern zu besuchen?“

Besser nicht. Sie wollte sich nicht aufdrängen. Womöglich würde man sie an der Tür abweisen, wie eine Hausiererin! Ava wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie war auf sich allein gestellt, aber wenigstens hatte sie ihre Freiheit wieder. Doch was mochte sie im Schloss erwarten? Am liebsten wäre Ava ausgestiegen und hätte die Flucht ergriffen, als die Limousine vor dem riesigen, elektronisch betriebenen Tor warten musste. Die Leute hielten sie bestimmt für schamlos, weil sie sich hier wieder blicken ließ – nach allem, was sie verschuldet hatte.

Im Scheinwerferlicht erhob sich in einiger Entfernung das mächtige Schloss mit seinen vier Türmen und unzähligen, elisabethanisch anmutenden Schornsteinen. Der ursprüngliche Architekt hatte sich wohl bei jeder vor-viktorianischen Epoche bedient, um diesen Look zu kreieren, den Ava schon immer wildromantisch gefunden hatte. Das Schloss war in einer Zeit erbaut worden, als die Besitzer sich noch unzählige Bedienstete leisten konnten und ständig Feste feierten. Auch Vito beschäftigte viele Angestellte hier, nur mit dem Feiern hatte er es nicht so. Es musste einen Mann, der so viel Wert auf den Schutz seiner Privatsphäre legte, große Überwindung kosten, eine Weihnachtsparty zu geben, zu der nicht nur das gesamte Personal, sondern auch alle Nachbarn eingeladen waren.

Eleanor Dobbs, die schlanke brünette Haushälterin, begrüßte Ava an der imposanten Eingangstür. „Miss Fitzgerald“, sagte sie, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, Ava im Schloss willkommen zu heißen. „Kommen Sie herein! Ich bringe Sie gleich zu Ihrem Zimmer, damit Sie schon mal Ihre Sachen auspacken können.“

„Bitte sagen Sie Ava“, bat Ava und errötete verlegen. „Wie ist es Ihnen denn so ergangen?“

„Es ist sehr ruhig hier gewesen seit Ihrem letzten Besuch.“ Die Haushälterin eilte die elegante Treppe hinauf. „Wir freuen uns alle sehr, dass es in diesem Jahr wieder eine Weihnachtsparty gibt.“

Ava lächelte freundlich. Sie war so bemüht gewesen, Smalltalk mit Eleanor zu machen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wohin diese sie führte. Nun fand Ava sich plötzlich im größten Gästezimmer des Schlosses wieder. Es handelte sich um ein romantisches Turmzimmer mit antiken Mahagonimöbeln und angrenzendem Badezimmer. Das munter im Marmorkamin brennende Feuer warf lebhafte Schatten auf die Brokattapeten. Verblüfft betrachtete Ava das imposante Himmelbett mit den bestickten goldfarbenen Seidenvorhängen.

„Warum haben Sie mich hierhergeführt, Eleanor?“, fragte Ava leise.

„Weil Mr Barbieri mich gebeten hat, dieses Zimmer für Sie herzurichten.“

Fassungslos sah Ava sie an. „Wo ist Mr Barbieri?“, erkundigte sie sich schließlich angespannt.

„In seinem Schlafzimmer, soweit ich weiß.“

Die Haushälterin zog sich zurück. Ava atmete erleichtert auf und ließ den Blick über das luxuriös eingerichtete Zimmer gleiten.

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