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JULIA EXTRA BAND 372

NATALIE ANDERSON

Kalter Winter, heißes Herz

Wieso hält Imogen ihn bloß für einen herzlosen Investor? Seit Ryan seiner neuen Assistentin begegnet ist, spürt er immerzu, dass er ein Herz hat: Eines, das vor Verlangen nach ihr brennt …

ALISON ROBERTS

Ein Weihnachtsengel für Jack

Traummänner fallen nicht vorm Himmel – bis auf Jack. Jill verarztet den verunglückten Piloten und verbringt aufregende Weihnachtstage mit ihm. Doch warum verschweigt er seine Herkunft?

SHIRLEY JUMP

Schlittenfahrt ins große Glück

Ein Beinahe-Unfall, eine Karussellfahrt, ein Kuss: Der Milliardär J. C. glaubte, der Sturm in seinem Inneren hätte sich gelegt – doch kaum ist Grace zurück, wirbelt sie alles wieder durcheinander!

SUSAN MEIER

Liebesschwur im Lichterglanz

Vier Tage lang fährt Jared sie heim. Und mit jedem wächst Elises Hoffnung, dass ihre Wege sich nie wieder trennen. Will er sie morgen wirklich verlassen – oder finden sie ihr Glück unterm Weihnachtsbaum?

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Kalter Winter, heißes Herz

1. KAPITEL

„Bitte, bitte funktionier doch endlich!“ Imogen schob die Schlüsselkarte langsam in den Schlitz und zog sie dann ebenso langsam wieder heraus. Aber nichts geschah. Das kleine grüne Licht wollte einfach nicht aufleuchten.

Sie versuchte es noch einmal, schob die Karte langsam hinein und riss sie dann schnell wieder heraus. Nichts.

Schnell rein, schnell raus. Wieder nichts.

„Verdammt!“ Verzweifelt versuchte sie es mit Karte schnell hinein, langsam wieder heraus. „Zeig mir endlich das grüne Licht! Ich habe keine Zeit für solche Spiele.“

Für gar nichts hatte sie mehr Zeit. Ein rascher Blick auf die Uhr bestätigte, dass ihr noch genau zehn Minuten bis zum Beginn der Sitzung blieben. Zehn Minuten, in denen sie die Mischung aus Schmutz, Blut und Schneematsch abwaschen und sich umziehen musste. Vor genau acht Minuten hatte sie in dem überteuerten Laden auf der anderen Straßenseite Bluse und Rock neu gekauft.

„Bitte, bitte, bitte!“ Warum musste ihr das ausgerechnet jetzt passieren? Ihr war zum Heulen zumute. Dabei hatte sie alle Unterlagen lange vor der Frist fertiggestellt, hatte nach dem Sturz auf der Straße in einer Boutique etwas zum Anziehen gefunden, und der junge Mann an der Rezeption hatte ihr mitfühlend das Hotelzimmer überlassen. Warum musste sie jetzt an der letzten Hürde scheitern?

Imogen zupfte an ihrer nassen Bluse. Der Stoff war kalt und verdreckt. Sie fror, und das Knie tat ihr weh. Sie fühlte sich schrecklich.

Sie hatte die vereiste Stelle auf dem Fußweg nicht gesehen – und sich plötzlich bäuchlings in einer Pfütze aus schmutzigem Schneematsch wiedergefunden. Imogen verfluchte das Eis, das auf den Straßen von Edinburgh nie zu schmelzen schien. Es war egal, was für Schuhe sie anzog, sie rutschte ständig aus. Ausgerechnet heute, da sie es einmal eilig hatte, war ihr die größte Rutschpartie von allen geglückt, und sie hatte eine Bauchlandung hingelegt.

Wenn sich nur endlich diese Hotelzimmertür öffnen ließe! Der junge Mann am Empfang war sehr hilfsbereit gewesen, als Imogen ihm erklärt hatte, warum und aus welchem Anlass sie hier war und welches Missgeschick ihr auf dem Weg widerfahren war. Er hatte ihr den verschmutzten Mantel abgenommen und versprochen, ihn zur Reinigung bringen zu lassen. Dann hatte er ihr die Schlüsselkarte zu einem Zimmer gegeben. „Sie können gern duschen und sich umziehen. Wir berechnen dafür nichts.“

Den letzten Satz hatte Imogen sehr erleichtert vernommen, denn ihr Noteinkauf war ziemlich teuer gewesen. Das neue Outfit war auch nicht in dem Stil, den sie gewöhnlich zur Arbeit trug. Im Büro uniformierte sie sich meist mit schwarzen Röcken, die bis unter das Knie reichten, und dezenten Jacketts – nichts, was Aufmerksamkeit erregte.

Imogen wollte keine Aufmerksamkeit. Sie wollte nur ihre Arbeit machen, und zwar gut. Aber die einzige Boutique auf dem Weg zum Hotel führte nur elegante, figurbetonte Mode, keine Massenware, wie sie sie gewöhnlich trug. Hastig hatte sie die Kleiderständer nach etwas möglichst Schlichtem durchsucht und nicht einmal die Zeit gehabt, ihre Auswahl anzuprobieren. Sie konnte nur hoffen, dass die schwarze Hose und die grüne Bluse passen würden. Bitte, lieber Himmel, nicht auch noch diese Komplikation!

Aber das spielte alles keine Rolle, solange sie nicht in dieses verdammte Zimmer kam! Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, holte tief Luft und versuchte, die aufsteigende Panik durch langsames Herunterzählen zu kontrollieren.

„Zehn … neun … acht … siebensechsfünfvierdreizweieins.“ Ein letztes Mal schob sie die Schlüsselkarte in den Schlitz. „So ein Mist!“, fluchte sie enttäuscht vor sich hin.

Noch neun Minuten, und die Uhr tickte. Sie würde es nie schaffen. Sie würde dem neuen Chef von Mackenzie Forrest mit nasser Bluse und schmutzigen Händen begegnen. Sie schlug wütend an die Tür. „Geh endlich auf! Verdammt noch mal!“

Die Tür gehorchte. So schnell, dass Imogen ins Stolpern geriet. Ein stechender Schmerz schoss ihr durch das Knie, als sie versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden. Sie richtete sich auf – und erstarrte.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die sonore Stimme klang völlig ungerührt.

Verblüfft sah sie auf. Vor ihr stand ein Mann. Völlig unbekleidet … bis auf ein weißes Handtuch, das er an der Hüfte zusammenhielt.

Imogen war wie vom Donner gerührt. Vor sich hatte sie viel nackte Haut … leicht gebräunt … seidig glänzend … und tropfnass. Sie konnte nicht anders, als mit ihren Blicken den Wassertropfen zu folgen … über hellen Haarflaum … über straffe Muskeln … immer weiter hinunter.

Sie war wie erstarrt. Noch nie hatte sie einen so perfekten Körper gesehen, nicht einmal auf Reklametafeln für Unterwäsche oder Aftershave. Die Muskeln des Mannes waren nicht von Steroiden aufgeblasen wie bei einem Bodybuilder, sondern glatt und wohlgeformt. Es gab nicht ein Gramm Fett, hinter dem sie sich hätten verbergen können. Jeder einzelne spielte gut sichtbar unter der geschmeidigen Haut.

Imogen stand wie versteinert … und ihr Hirn schien die Arbeit zu verweigern. Reglos sah sie zu, wie der Fremde das rutschende Handtuch ein wenig höher zog. Fasziniert verfolgte sie die Bewegung.

„Madam?“ Der breite amerikanische Akzent ließ sie ihren Blick heben, doch an ihrer Lähmung änderte das nichts.

Ein Strahlen aus leuchtend blauen Augen hielt sie gefangen. Nur am Rande registrierte sie auch die gerade Nase, die gleichmäßigen Brauen und ein kraftvolles Kinn. Aber es waren die Augen, die sie in ihren Bann schlugen. Die Farbe war unglaublich, und plötzlich glaubte sie, ein spöttisches Blitzen darin zu sehen.

Sie kam sich vor wie im falschen Film. Dies konnte nicht die Wirklichkeit sein. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Sie rief sich zur Ordnung und unterdrückte die ganz und gar unpassenden Gefühle. Dies war nicht der Moment für sinnliche Fantasien. Sie hatte einen äußerst dringenden Termin!

„Dies ist nicht Ihr Zimmer.“ Verlegenheit und Verwirrung ließen es heftiger klingen als beabsichtigt.

„Ich denke schon.“

Musste er auch noch eine Stimme haben, die zu diesem Körper passte? Selbstsicher, leicht amüsiert und gefährlich für ihre Selbstbeherrschung.

„Ich denke nicht.“ Imogen rang um Fassung. Mochte der Typ auch noch so beeindruckend sein, sie würde sich nicht unterkriegen lassen. „An der Rezeption hat man mir gesagt, dass ich das Zimmer benutzen könnte.“

„Das war ja nett von der Empfangsdame. Aber es ist mein Zimmer.“

„Es war ein junger Mann.“

„Ach so.“ Er nickte, und das Blitzen in seinen Augen wurde herausfordernd. „Ich hätte es Ihnen auch erlaubt. Eine Schönheit in Not.“

Sie war nicht in Not. Sie war nervös, ihr drohte ein Schweißausbruch, und sie näherte sich rasant einem Panikanfall. „Meine Schlüsselkarte funktioniert nicht.“

„Weil es mein Zimmer ist.“

„Das ist es nicht. Es ist …“

Sie verstummte, als er noch einen halben Schritt näher kam. „Welche Zimmernummer haben Sie denn?“

„Siebenundsechzig“, brachte sie hervor, ohne den Blick von seiner breiten Brust zu wenden.

„Aha!“

Der allwissende Tonfall ließ sie aufblicken. Er nickte wieder, diesmal begleitet von einem breiten Lächeln mit strahlend weißen Zähnen. Einfach umwerfend!

„Aha was?“ Schneller konnte ihr Herz nicht mehr schlagen, und heißer konnte ihr nicht mehr werden. Am liebsten würde sie das langweilige Treffen mit ihrem neuen Chef vergessen und stattdessen den ganzen Tag hier stehen und den Fremden an­starren.

„Dies ist mein Zimmer, Nummer neunundsechzig. Ihres ist ein Stück weiter den Flur entlang.“

Sie wandte den Blick von ihm ab und las die Nummer an der Tür. Sie hätte schwören können, dass diese Neun eine … du lieber Himmel, wie hatte sie so dumm sein können? „Neunundsechzig?“

„Neunundsechzig.“ Selbstzufrieden.

„Und ich habe … nicht neunundsechzig.“ Wo hatte sie nur ihren Kopf gehabt? Jetzt konnte sie überhaupt nichts mehr denken. Sie spürte eine Gänsehaut auf ihrem Rücken. Allein die Vorstellung … diese Muskeln, diese Statur, dieses Lächeln … Der Film vor ihrem inneren Auge war nicht jugendfrei.

Der Fremde neigte den Kopf. „Sie können gern hereinkommen.“ Es klang wie eine Verheißung.

Der Film war eindeutig nicht für Familien geeignet. Was hatte er gerade gesagt? Nur langsam drang die Bedeutung seiner Worte zu ihr durch. „Wie bitte? O nein!“

„Auch gut.“ Er schmunzelte amüsiert. „Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, Sie würden mir gern Gesellschaft leisten.“

Na toll! Er hatte ihre lüsterne Fantasie also durchschaut. Schützend hob sie die Hand vor die Brust und hoffte, dass sich ihre Formen nicht allzu deutlich unter dem nassen Stoff der Bluse abzeichneten. „Das Einzige, was ich möchte, ist mein Hotelzimmer.“ Sie sprach die Worte so kühl wie möglich aus, um den Rest ihrer Würde zu retten.

„Nun ja, wie gesagt, das ist ein Stück den Flur entlang.“

Imogen zog die nasse Bluse vor ihrer Brust zusammen. Diesmal ließ er seinen Blick auf Talfahrt gehen. Sein Lächeln wurde noch breiter, während er sie von oben bis unten musterte.

Sie spürte, wie ihr Körper auf seine Blicke reagierte. Was war nur mit ihr los? Sie konnte nicht glauben, dass sie mitten auf einem Hotelflur erregt wurde, nur weil sie einen Fremden ansah … und er sie.

„Ja, gut“, krächzte sie. Sie wandte sich ab … zu schnell für das verletzte Knie. Der Schmerz ließ sie aufstöhnen.

„Sie sind ja verletzt. Sie bluten.“ Er folgte ihr einen Schritt. „Soll ich Ihnen ein Pflaster besorgen?“

Der Übergang vom neckenden Flirt zum besorgten Gentleman kam so schnell und war so bezaubernd. Das aufflammende Gefühl drohte ihren Verstand zu überwältigen … soweit davon noch etwas übrig war.

Peinlich berührt von ihrer lächerlichen Reaktion auf diesen Fremden, murmelte sie: „Nein, es geht schon.“ Dann fügte sie hinzu: „Vielen Dank.“ Sie versuchte, normal zu gehen, aber ihr Knie tat höllisch weh.

„Sind Sie sicher?“ Er folgte ihr auf den Flur. „Ich bin gut in Erster Hilfe.“

Imogen wandte sich um und nickte wortlos. Noch einmal ließ sie ihren Blick über seinen Körper gleiten. Er war bestimmt gut in allem, was er tat. Ob er eine Ahnung hatte, wie verführerisch er jetzt aussah? Die langen Beine, der muskulöse Brustkorb, das feuchte zerzauste Haar, all das ließ ihn wie eine bronzene Statue erscheinen. Viel besser als Michelangelos David in Florenz. Der war aus Marmor. Dies war ein richtiger Mann. Imogen gab keine Antwort, sondern humpelte zu ihrer Zimmertür.

Diesmal funktionierte die Karte sofort. Das kleine grüne Licht leuchtete auf, und sie hörte das Knacken im Schloss. Dem Himmel sei Dank!

Einen letzten Blick gönnte sie sich noch. Der Fremde war zu seinem Zimmer zurückgegangen, aber in der offenen Tür stehen geblieben. Er lächelte noch immer, als wisse er genau, was in ihrem Kopf vorging. Für ihr Seelenheil war er noch immer nicht ausreichend bekleidet.

Sie ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen. Für einen so kalten Wintertag war ihr viel zu heiß. Vorsichtig versuchte sie, ihr verletztes Bein zu entlasten, und humpelte zum Bad. Der erste Blick in den Spiegel ließ sie erstarren.

Oh nein!

Sie blinzelte und sah noch einmal hin.

Oh ja!

Ihr war nicht bewusst gewesen, wie weit ihre Bluse aufgerissen war. Der Ärmel hatte sich fast völlig an der Naht gelöst, und unter dem Arm war der Stoff eingerissen. Und durch das Zusammenziehen vor der Brust war der Riss noch größer geworden. Sie hatte dem Fremden mit dem Handtuch einen erstklassigen Blick auf ihre Brüste in dem scharlachroten Spitzen-BH geboten.

Ihr scharlachroter Spitzen-BH! Sie erinnerte sich an die Hast, mit der sie am Morgen ihre Wohnung verlassen hatte, um zum Treffen mit ihrem neuen Chef pünktlich zu sein.

Gewöhnlich trug sie schwarze BHs oder hautfarbene. Nichts Extravagantes, das womöglich unter ihren schlichten Baumwollblusen auffallen würde. Aber sie hatte so viel Zeit darauf verwandt, die Seminararbeit für ihr Aufbaustudium vor dem Weihnachtsstress abzuschließen, dass sie seit Tagen ihre Wäsche vernachlässigt hatte. Nur noch diese etwas extravaganten Dessous hatte sie am Morgen in der Schublade vorgefunden. Aber es spielte keine Rolle. Niemand würde sie zu sehen bekommen … hatte sie geglaubt. Außerdem war dies ein Tag, an dem ihr der Gedanke an ein bisschen Farbe guttat.

Sie hatte das Set aus einer Laune heraus gekauft, weil ihr die Farbe so gut gefiel. Allein der Anblick gab ihr einen kleinen Schuss Selbstvertrauen, und heute hatte sie ausnahmsweise sogar ihre Zehennägel im selben Farbton lackiert. Sie waren zwar den ganzen Tag in ihren Schuhen versteckt, aber sie konnte jede Aufmunterung gebrauchen. Scharlachrote Unterwäsche und blutrote Zehennägel. Wenigstens im Verborgenen gaben sie ihr Zuversicht – ein wenig künstlich zwar, aber besser als gar nichts.

Jetzt allerdings kam ihr das Rot nicht wie die Farbe einer Siegerin vor. In ihrem Spiegelbild erschien es ihr auf einmal wie die Reizwäsche eines Straßenmädchens.

Kein Wunder, dass der Bursche am Empfang so freundlich gewesen war. Kein Wunder, dass der Fremde mit dem Handtuch sie so frech hereingebeten hatte. Sie hatte der ganzen Welt ihre rot umhüllten Aktivposten gezeigt.

Imogen sah auf die Uhr. Weniger als drei Minuten verblieben. Zum Duschen reichte die Zeit nicht mehr. Nur eine flüchtige Reinigung mit einem Waschlappen, eine noch flüchtigere Korrektur mit dem Mascara-Stift und ein rascher Zug mit der Bürste durchs Haar. Das musste genügen. Schnell mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz gebunden, wirkte es zwar langweilig, aber für mehr Frisur hatte sie keine Zeit.

Die neue Bluse war aus waldgrüner Seide und fühlte sich herrlich kühl an auf ihrem erhitzten Körper. Sie zwang sich, ruhig durchzuatmen, während sie die Knöpfe durch die viel zu kleinen Löcher zwängte. Die neue Hose saß wie angegossen, deutlich enger an Hüften und Po, als sie es gewöhnlich trug. Sie betonte ihre langen Beine und konnte gerade noch als angemessen fürs Büro durchgehen.

Eilig stopfte Imogen die Bluse in den Hosenbund. Und nun noch ein letzter kritischer Blick in den Spiegel. So hatte sie sich in ihrer früheren Stellung gekleidet. Damals wollte sie ihre Kurven zur Geltung bringen, wollte attraktiv wirken und begehrt werden. Wie naiv und dumm sie doch gewesen war! Das hatte ihr mehr als eine schmerzhafte Lehre eingebracht. Eine davon lautete, Arbeit und amouröse Beziehung niemals zu vermischen.

Bei Mackenzie Forrest wollte sie nicht als Frau wahrgenommen werden, sondern als tüchtige Mitarbeiterin. Aber das bevorstehende Treffen war nur die erste Begegnung der Verwaltungsabteilung mit dem neuen Manager. Er würde ihr ohnehin kaum Beachtung schenken, sondern bestimmt eine großartige Rede über die glorreiche Zukunft der Firma halten. Das war ihr recht, solange sie nur in Ruhe ihre Arbeit erledigen konnte.

Die neue Hose saß vielleicht ein bisschen zu eng, aber sie bedeckte wenigstens die hässliche Schürfwunde am Knie. Sie hatte einen provisorischen Verband aus einem Papiertaschentuch und etwas Klebeband gezaubert, um das Blut aufzusaugen. Außerdem konnte die Hose nun nicht bei jedem Schritt auf der Wunde scheuern.

Imogen warf die verschmutzten Kleider in die Einkaufstüte. Ein letzter tiefer Atemzug und noch einmal bis zehn gezählt. Vielleicht half das, diese blauen Augen zu vergessen, in denen sie abwechselnd Besorgnis, Belustigung und Begehrlichkeit gelesen hatte.

Oh ja, Begehrlichkeit war eindeutig mit dabei gewesen!

Vor Schmerz humpelnd, verließ sie das Hotelzimmer. Auf dem Flur warf sie einen Blick auf die Uhr. Sie war jetzt genau drei Minuten zu spät. Die Tür von Zimmer neunundsechzig war geschlossen. Sie wandte sich um und eilte zum Fahrstuhl. Als sie um die Ecke bog, stöhnte sie auf. O nein! Heute blieb ihr aber auch nichts erspart!

Der Handtuchmann stand am Lift und sah ihr entgegen. Diesmal war er allerdings vollständig bekleidet. Der dunkelgraue Anzug musste maßgeschneidert sein, so wie er sich an seinen Körper schmiegte. Die blaue Krawatte auf dem blütenweißen Hemd betonte das tiefe Blau seiner Augen. Jedes Modemagazin würde ihn als Modell engagieren können. Er hatte die Hand bereits an der Tür zum Treppenhaus, aber jetzt hielt er inne und verfolgte, wie sie ihm entgegengehumpelt kam. Dann trat er von der Tür zurück und drückte stattdessen auf den Fahrstuhlknopf. Die ganze Zeit hielt er den Blick auf sie gerichtet.

Imogen näherte sich ihm verlegen. Keine Panik! befahl sie sich. Sollte er ruhig den Fahrstuhl nehmen. Sie würde auf den nächsten warten. Sie wollte ihrem neuen Chef beim ersten Treffen nicht atemlos und mit hochrotem Kopf begegnen. Zu spät kam sie ohnehin. Da kam es auf eine weitere Minute auch nicht mehr an. Schneller laufen konnte sie auch nicht. Das Knie tat zu weh.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Der Fremde stieg ein. Doch statt abzufahren, hielt er die Fahrstuhltür geöffnet, bis Imogen ihn erreicht hatte. Einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, und wieder spürte sie die Hitze in sich aufwallen.

„Welches Stockwerk?“

„Das zweite bitte.“ Imogen blickte angestrengt zu Boden. Sie traute sich nicht, noch einmal in diese verführerischen Augen zu sehen.

Die Fahrstuhltür schloss sich. Imogen konzentrierte sich angestrengt auf den Spalt zwischen den beiden Türhälften.

„Die Farbe steht Ihnen gut.“

Sie zuckte zusammen. Dann blickte sie an sich herunter. Sie mochte den Farbton selbst, aber was war besonderes daran? „Oh …“ Sie atmete tief durch und versuchte, mit normaler Stimme zu sprechen. „Danke …“

„Das Grün ist hübsch“, unterbrach er sie, „aber ich dachte mehr an das Rot.“

Erschrocken sah sie ihn an. In seinen blauen Augen blitzte es. Und dann verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln, das ihr die Knie weich werden ließ. Sie spürte, wie ihr das Blut in das Gesicht schoss. Sie würde ihrem neuen Chef wohl doch mit rotem Kopf entgegentreten müssen. Aber dieser Kerl war unwiderstehlich, und so lächelte sie zurück.

„Das ist mir wirklich peinlich.“ Das war der einzige Gedanke, den sie öffentlich aussprechen konnte.

„Na ja“, scherzte er, „ich hatte noch weniger an.“

„Stimmt.“ Ihre Anspannung wich, und ihr Lächeln wurde breiter. „Das stand Ihnen auch gut“, platzte es wie von selbst aus ihr heraus, während sie aus dem Fahrstuhl trat.

„Ich würde gern …“ Er blickte auf seine Uhr und machte eine abwehrende Geste. „aber ich muss leider …“

„Ich komme auch schon viel zu spät“, beendete Imogen lächelnd das Gespräch. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort hätte sie sich gern mit ihm unterhalten, vielleicht geflirtet, bestimmt ein wenig Spaß gehabt.

Spaß hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr zu Imogens Alltag gehört, aber allein der Gedanke daran reichte, um ein wenig Licht in ihren Tag zu bringen. Doch jetzt musste sie sich um ihr wirkliches Leben kümmern. Sie musste eine voraussichtlich langweilige Sitzung überstehen und sich dabei möglichst aus dem Blickfeld des neuen Chefs halten.

Als sie den Flur entlangging, spürte sie den Fremden nur wenige Schritte hinter sich. Am Eingang der Konferenzräume hielt sie inne. Er blieb direkt neben ihr stehen.

Einen Moment verharrten sie gemeinsam und lasen das Schild an der Tür. „Wir haben offenbar dasselbe Ziel“, stellt er trocken fest.

Im selben Augenblick veränderte sich seine Haltung. Enttäuscht musste Imogen mit ansehen, wie er sich zurückzog. Sein Blick, eben noch blitzend und verheißungsvoll, wurde distanziert. Seine Stimme, gerade noch vergnügt flirtend, wurde geschäftsmäßig.

Er hielt ihr die Tür auf. „Nach Ihnen.“ Sie brachte kein Wort heraus. Mühsam humpelte sie in die hinterste Ecke des Raumes. Oh nein! Er hatte einen amerikanischen Akzent. Er war doch nicht etwa …?

„Bitte entschuldigen Sie alle meine Verspätung. Ich habe noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten von Edinburgh genossen.“

Imogen krümmte sich innerlich. Sehenswürdigkeiten? So konnte man das auch nennen.

„Danach habe ich beim Umziehen ein wenig länger gebraucht als gedacht.“ Sein Lächeln schien den ganzen Raum mit einem Strahlen zu erfüllen. Imogen wusste nur zu gut, was ihn aufgehalten hatte. Eine seiner neuen Angestellten hatte versucht, in sein Zimmer einzudringen, während er unter der Dusche stand.

„Mein Name ist Ryan Taylor. Bitte nennen Sie mich alle Ryan.“

Imogen schloss die Augen, als sich ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigten. Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie, der Boden unter ihren Füßen würde sich auftun und sie verschlingen. Als sie die Augen wieder aufschlug, musste sie feststellen, dass das Unmögliche nicht geschehen war und sie stattdessen in einer der peinlichsten Situationen ihres Lebens steckte.

Sie wünschte, sie hätte sich besser vorbereitet. Dann hätte sie wissen können, wer ihr neuer Chef war. Aber sie hatte in den letzten drei Monaten jede freie Minute damit verbracht, für ihr Weiterbildungsstudium zu lernen. Ihr Studium wurde von Mackenzie Forrest gefördert, und sie war entschlossen, die bestmöglichen Zensuren zu bekommen. Sie wollte der Firma und sich selbst beweisen, dass sie es wert war.

Bisher hatte sie über Ryan Taylor nur gewusst, dass er den Wechsel im Management beaufsichtigen und Mackenzie Forrest in eine leuchtende Zukunft führen sollte. Jetzt wusste sie auch, wie er beinahe nackt aussah.

2. KAPITEL

Imogen verlagerte ihr Gewicht auf das gesunde Bein, um ihr verletztes Knie zu schonen. Blöd, wie ein kleiner Kratzer so wehtun konnte. Wenn sie sich nur bald hinsetzen durfte. Sie hoffte, dass sie nichts würde sagen müssen. Ihre Adern waren noch voll Adrenalin. Erst der Unfall, dann die Angst vor dem Zuspätkommen und schließlich ihr Zusammentreffen mit … Schon die Erinnerung ließ ihr das Blut zu Kopf steigen. Sie musste den fast nackten Mann angestarrt haben wie eine verhungerte alte Jungfer. Nun gut, sie kam sich vor wie eine verhungerte alte Jungfer, aber das brauchte ihr neuer Chef nicht zu wissen.

Sie bemerkte, dass er sie über die anderen Köpfe hinweg stirnrunzelnd ansah. Sie wandte den Blick ab und wünschte erneut, vom Erdboden verschluckt zu werden.

„Bitte nehmen Sie alle Platz“, hörte sie ihn wie aus weiter Ferne sagen. „Dies ist eine ganz informelle Zusammenkunft. Bevor ich morgen offiziell meinen Dienst beginne, möchte ich Sie kennenlernen und Ihnen Gelegenheit geben, alle Fragen loszuwerden, die Ihnen möglicherweise auf der Seele brennen. Danach lade ich Sie zu einem kleinen Imbiss ein.“

Na großartig!

Imogen wählte einen Stuhl in der hintersten Ecke des Raumes. Sie versuchte, Shonas besorgtem Blick auszuweichen, doch ihre Abteilungsleiterin folgte ihr und setzte sich neben sie. Imogen kam gewöhnlich nicht zu spät. Sie war nie schlecht gelaunt. Doch heute war sie zu spät gekommen, wirkte gereizt und erschien völlig neu eingekleidet.

„Was ist passiert? Du bist doch schon vor einer Ewigkeit gegangen?“, flüsterte Shona, während sich die Unruhe im Raum langsam legte.

In der Tat hatte Imogen ihren Arbeitsplatz frühzeitig verlassen, um sich schnell noch ein Sandwich zu holen. Ihr Unfall auf der Victoria Street hatte ihren Plan zunichtegemacht. „Ich bin gestürzt.“

„Ist alles in Ordnung mit dir? Vor einer Minute warst du knallrot, und jetzt bist du bleich wie der Tod.“

Imogen nickte. „Ich komme mir vor wie ein Volltrottel.“

„Und daher die neuen Klamotten?“ Shona lächelte.

„Und nette Verzierungen.“ Imogen zeigte die Schürfwunden an ihren Händen. Wie schön, dass jemand ihr Abenteuer belustigend fand. Dabei kannte Shona noch nicht einmal die Hälfte der Geschichte.

Ihre Mentorin schmunzelte. „Die Farbe steht dir.“

Dasselbe hatte Ryan gesagt. Imogen blickte auf. Er konnte Shonas Bemerkung nicht gehört haben, oder? Das spöttische Funkeln in seinen Augen verriet, dass es ihm nicht entgangen war.

Er war zu jung. Viel zu jung. Ob er schon dreißig war? Selbst dann war er zu jung, um die Verantwortung für Edinburghs führendes Kaufhaus zu übernehmen. Gewiss, Mr Mackenzie war bereits sehr alt, aber dieser Kerl war viel zu jung und sah viel zu gut aus.

Er unterhielt sich jetzt mit einigen ihrer Kolleginnen und fragte nach ihren Namen. Offensichtlich hatte er seine Hausaufgaben gemacht, denn er konnte die Namen der Personen sofort ihren Tätigkeiten zuordnen. So bewegte er sich langsam durch den Raum und lernte dabei die Gesichter zu den Namen kennen.

Wie erstarrt wartete Imogen, dass er auch zu ihr kam. Dann stand er neben Shona und ihr. In seinen Augen blitzte es auf. Vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Auf jeden Fall war es eine so kurze Regung, dass es außer ihr sicher niemand bemerkt hatte.

Er schüttelte Shona die Hand. Er schien sie bereits zu kennen. Dann war die Reihe an Imogen.

Sie holte tief Luft und war entschlossen, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. „Ich bin Imogen Hall.“

„Imogen“, wiederholte er. Er schien im Geiste die Personalbögen durchzugehen. „Und Sie sind …“

„In der Buchhaltung … Mr Taylor.“ Sie konnte ihn unmöglich Ryan nennen. Das klang viel zu intim. Sie musste an seinen von Wassertropfen glänzenden, nackten Körper denken und an die Muskeln unter seiner bronzefarbenen Haut. Nein, es musste ‚Mr Taylor‘ sein.

„Buchhaltung?“ Er lächelte amüsiert. „Die mit den Zahlen tanzt?“

„Genau so.“ Als Shonas Trainee hatte sie bei Mackenzie Forrest eine Chance bekommen, die sie jetzt nicht verlieren wollte.

„Nun ja.“ Er sprach so leise, dass nur sie es hören konnte. „Ich nehme an, Ihre Arbeitsergebnisse sind eine unterhaltsame Lektüre … so wie Sie mit Zahlen auf Kriegsfuß stehen“, fügte er spöttisch hinzu.

Imogen wurde rot. „Normalerweise kann ich gut mit Zahlen umgehen“, verteidigte sie sich. „Aber wenn ich gestresst bin … ich war wohl nicht ganz klar im Kopf.“

„Nun, dann werden wir dafür sorgen müssen, dass wir Sie keinem Stress aussetzen, Imogen.“ Er sah sie durchdringend an.

Imogen war wie erstarrt vor Scham. Gründlicher hätte sie sich kaum blamieren können. Und dann hatte sie sich auch noch erotischen Fantasien über einen Fremden hingegeben, der in Wirklichkeit ihr neuer Chef war. Sie senkte den Kopf.

Er selbst schien sich nichts daraus zu machen, einer Angestellten fast nackt entgegengetreten zu sein und frech mit ihr geflirtet zu haben. Wahrscheinlich hielt er sie für einen hoffnungslosen Fall. Mehr Busen als Hirn. Genau das hatten George und seine Familie auch geglaubt.

„Ich sitze auch immer gern im Hintergrund.“ Ryan trat zur Seite und nahm zwei Stühle weiter Platz. Von dort begann er, die Fragen der Belegschaft zu beantworten.

Imogen schäumte innerlich vor Wut. Dieser Mistkerl. Er musste sich doch denken können, dass sie ihm aus dem Weg gehen wollte.

Natürlich wusste er das. In der Sekunde, bevor er seine kleine Ansprache begann, huschte ein belustigtes Schmunzeln über sein Gesicht. Diese Miene hatte sie schon einmal gesehen … im Hotelflur, als er eingehend ihre Figur gemustert hatte.

Allmählich begann sie sich Sorgen zu machen. Es war bei Mackenzie Forrest so gut für sie gelaufen. Mr Mac hatte ihr erlaubt, während der Arbeitszeit ein Aufbaustudium zu beginnen. Sie konnte nur hoffen, dass das Personalentwicklungsprogramm nicht gestrichen würde, nachdem das berühmte Edinburgher Kaufhaus vom amerikanischen Konzern der Taylors aufgekauft worden war.

Mr Mac hatte Wert darauf gelegt, dass sein Lebenswerk von einem Familienunternehmen übernommen wurde und nicht von anonymen Investoren. Imogen hatte da so ihre Zweifel. Familienbesitz bedeutete nicht zwangsläufig Familienwerte oder hohe moralische Standards. Nach ihrer Erfahrung hieß Familienbesitz, dass erst die Interessen der Familie kamen und dann die der Firma. Blut war dicker als Wasser … selbst wenn es schlechtes Blut war.

Imogen Hall. Gewöhnlich gut mit Zahlen. Gewöhnlich bezaubernd aussehend. Ryan versuchte, seine Gedanken zu zügeln, doch immer wieder tauchte das Bild eines scharlachroten BHs und eines wohlgeformten, darin verborgenen Busens vor seinem inneren Auge auf.

Das war nicht gut. Nicht während seiner ersten Begegnung mit seinen neuen Angestellten, von denen sie eine war. Seine Aufmerksamkeit musste allen gelten. Mackenzie Forrest war eine ehrenwerte Edinburgher Einrichtung. Loyale Kunden, loyale Mitarbeiter. Das Haus war von den Mackenzies gegründet worden, und nun hatte es seine Familie übernommen. Nicht alle waren glücklich damit, dass das Traditionshaus in fremde Hände übergegangen war. Das war ihm sehr bewusst.

„Der Taylor-Konzern wird von der Familie geführt“, beantwortete er die besorgte Frage eines Mitarbeiters. „Wir sind keine Heuschrecken, die über ein gesundes Unternehmen herfallen und es wegwerfen, wenn es ausgesaugt ist.“ Er bemerkte, dass sich Imogens Miene abschätzig verzog. Warum war sie so abwehrend? Zweifelte sie an seinen ehrlichen Absichten oder war es übertriebener Lokalpatriotismus, der nicht ertrug, dass eine schottische Institution von Amerikanern übernommen wurde? Dabei hatte sie nicht einmal mit schottischem Akzent gesprochen.

Er fuhr in seinem Gespräch fort, aber sein Puls hatte sich beschleunigt. Es war ein Jammer, dass sie zu den Angestellten gehörte. Jetzt bedauerte er die Bemerkung, die er im Fahrstuhl über die Farbe ihrer Unterwäsche gemacht hatte. Hätte er gewusst, dass sie zur Firma gehörte, dann hätte er sich eine solche Anzüglichkeit verkniffen.

Es hatte Ryan Jahre harter Arbeit gekostet, sich den Respekt nicht nur seiner Familie, sondern auch Außenstehender zu verdienen. Ein Mitglied der Taylor-Familie zu sein, war sehr angenehm, brachte aber auch Nachteile mit sich. Viele Menschen hatten eine falsche Vorstellung von einem „Kronprinzen“. Deshalb hatte er früh das Familienunternehmen verlassen und sich seine Sporen in Europa verdient. Aber nun hatten ihn seine Geschwister um Hilfe gebeten. Sie wussten so gut wie er selbst, dass er für die hier anstehende Aufgabe mehr als qualifiziert war. Sie brauchten seinen Sachverstand, und ihm passte es gut in die Karriereplanung. Doch nun drohte er den Start seiner Mission schon am ersten Tag durch den unüberlegten Umgang mit einer seiner neuen Angestellten zu verpatzen.

Er hatte nicht die Absicht, sich einen Ruf als Schürzenjäger zu erwerben. Seine kleinen Abenteuer hatte er stets von seiner Arbeit getrennt. Auch außerhalb seines Berufs begegnete er genügend Frauen. Sie aber wirklich kennenzulernen, war schon schwieriger. Die meisten ließen sich von der Aura der Taylors blenden und sahen ihn nicht als Person. Deshalb lieber kleine Abenteuer, keine Beziehungen. Bisher war er damit gut gefahren.

Also musste er sich auf seine Arbeit konzentrieren und seine lüsternen Gedanken im Zaum halten. Die Aufgabe, Mackenzie Forrest umzustrukturieren und in die Gewinnzone zurückzubringen, war schwer genug. Doch trotz aller guten Vorsätze wurde seine Aufmerksamkeit immer wieder abgelenkt. Die Farbe ihrer Augen wurde vom tiefen Grün ihrer Bluse noch betont. Das weiche Gewebe ließ die Kurven ihres Körpers erahnen. Er konnte sie förmlich vor sich sehen, wie sie in ihrer scharlachroten Unterwäsche vor ihm lag, die Augen halb hinter den Lidern verborgen, die weichen Lippen zu einem Lächeln verzogen. Ein Lächeln wie jenes, das sie ihm beim Verlassen des Fahrstuhls geschenkt hatte … plötzlich so selbstbewusst, plötzlich so keck und so verführerisch.

Unwillkürlich schüttelte er den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Er würde hart arbeiten müssen. Sehr, sehr hart.

Imogen wollte die Sitzung so schnell wie möglich verlassen. Es war unerträglich. Sogar Shona, seit mehr als dreißig Jahren Mr Macs rechte Hand, himmelte Ryan an. Eine halbe Stunde in der Gesellschaft dieses Kerls schien die hartnäckigsten Zweifler zu überzeugen. Aber sie brauchte sich nicht zu wundern. Bei ihr selbst hatte es keine Sekunde gedauert, bis sie sich ihm fast vor die Füße geworfen hatte. Doch sie würde sich nicht anbiedern. Nichts Persönliches, nur rein beruflicher Kontakt. Nicht, nachdem sie ihn fast nackt gesehen hatte.

Wieder wurde ihr bei der Erinnerung an dieses Bild unvermittelt heiß. Verärgert riss sie sich zusammen. Er war viel zu jung für diese Position. Die reinste Vetternwirtschaft wahrscheinlich. Ihr Ärger wuchs. Er würde sich hier einmischen und Mackenzie Forrest in den Ruin treiben. So wie George damals ihr Leben in Neuseeland bei Bailey & Co. ruiniert hatte. Mit dem Chef ins Bett zu gehen, war dumm gewesen. Einem Mann zu vertrauen, dem alles wie von selbst zufiel, hatte sich als verheerend erwiesen.

Ryan Taylor blickte zu ihr herüber und sah, dass sie ihn finster anstarrte. Er hob eine Augenbraue, als wolle er fragen: Was ist dein Problem?

Du bist es! schoss sie ihm Geiste zurück. Doch hilflos musste sie erleben, dass ihr Ärger dahinschmolz wie Schnee in der Ostersonne. Diese Augen! Dieses Blau! Elektrisierend. Sein Blick war unverwandt auf sie gerichtet und nahm sie in seinen Bann.

Irgendjemand sprach mit ihm. Er schien zu antworten, denn sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, und hörte ein Geräusch, aber sie nahm nichts von dem Gespräch wahr. Sie war gefangen von seinem Blick. Sie kam sich vor, als wäre sie im freien Fall … und hoffte, dass sich der Fallschirm rechtzeitig öffnete.

Sie blinzelte. Gleich würde sie mit einem lauten Knall auf der Erde aufschlagen. Das Gefühl kannte sie. Es hätte sie damals fast zerbrochen. Entschlossen wandte sie den Blick von ihm. Nein! Sie würde sich nicht noch einmal vom gut aussehenden Erben eines Familienimperiums aus der Bahn werfen lassen. Auf einmal spürte sie wieder, wie sehr ihr Knie schmerzte.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen erschien Imogen frühzeitig zur Arbeit. Sie wollte hinter ihrem Schreibtisch sitzen, bevor die Kolleginnen kamen. Ihr verletztes Knie schmerzte höllisch, aber spöttische Bemerkungen über ihr beklagenswertes Humpeln konnte sie ebenso wenig gebrauchen wie wohlmeinendes Mitleid. Da sie allein im Büro war, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen. Die private Nutzung des Internets war eigentlich nicht erlaubt, aber die Gelegenheit war zu günstig. Sie öffnete den Browser und tippte Ryans Namen in die Suchmaske. Sie fügte noch „Unternehmer“ hinzu, um die Suche einzugrenzen. Die Suchmaschine zeigte noch immer unzählige Treffer. Hastig überflog sie ein paar Überschriften.

„Das Taylor-Quartett …“ Das war die Titelgeschichte in einem glänzenden amerikanischen Society-Magazin. Es ging hauptsächlich um seinen älteren Bruder, aber er und seine Schwestern wurden auch mehrfach erwähnt. Die Fotos zeigten sie bei einer mondän aussehenden Party, um sie herum die Reichen und Schönen.

„Studium in Harvard … aufgewachsen in New York … Ferienhäuser in Colorado, Italien und der Karibik …“

Mehr brauchte sie nicht zu lesen. Sie kannte solche Typen und wusste, dass es besser war, sich von ihnen fernzuhalten. Sie hatte hart für ihren guten Ruf bei Mackenzie Forrest gearbeitet. Sie wusste, wie schnell er ruiniert sein könnte. Vor allem wusste sie, wie unzuverlässig Typen wie dieser Ryan waren. Solche Kerle waren nicht nur mit einem silbernen Löffel im Mund geboren, sondern mit einem ganzen Besteckkasten. Wer in solchem Reichtum aufwuchs, musste verkommene Moralvorstellungen haben. Diese Leute wollten immer nur noch mehr.

Das war eine Welt, in der Imogen niemals leben wollte. Ihre Erlebnisse mit George Bailey-Jones Junior hatten ihr das klargemacht, und seine Familie hatte noch ein Ausrufungszeichen dazu gesetzt. Die Bailey-Jones waren ein einflussreicher Clan in Neuseeland, aber im Vergleich mit Ryan Taylors Familie kamen sie Imogen vor wie namenlose Habenichtse.

An dieser Stelle wurden sie abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Ausgerechnet jetzt erschien ER leibhaftig im Büro. Wieder ein maßgeschneiderter Anzug, wieder das Haar noch feucht von der morgendlichen Dusche. Derselbe atemberaubende Anblick wie am Tag zuvor.

Die Reaktion ihres Körpers war verrückt. Einfach nur verrückt. Ihre Gedanken rasten, und sie konnte sie nicht bremsen … sie sah ihn nackt vor sich … ohne das Handtuch … unter sich … ganz nah.

Hatte sie den Verstand verloren? Sie musste endlich zur Besinnung kommen! Ryan Taylor ging an der Tür zu seinem Büro vorbei und kam langsam auf sie zu. Er wirkte so entspannt, so selbstsicher. Imogen wusste einfach, dass so ein Mann nicht vertrauenswürdig sein konnte.

„Guten Morgen, Mr Taylor“, sagte sie rasch, bevor er sie begrüßen konnte. Sie brachte es nicht fertig, ihn beim Vornamen zu nennen. Shona hatte Mr Mac immer sehr förmlich angeredet. Imogen hatte das für altmodisch gehalten. Nun erschien es ihr wie eine gute Idee. Distanz! Er war der Chef, sie die Angestellte. Dazwischen gab es eine Grenze, die sie zu wahren beabsichtigte.

Er runzelte kaum merklich die Stirn. „Ist es Ihnen möglich, mir die neuesten Umsatzzahlen noch vor der Mittagspause vorzulegen, Ms Hall?“

„Gewiss, Mr Taylor.“ Sie zog sich hinter ihren Bildschirm zurück und hoffte, dahinter ihr Erröten verbergen zu können.

„Wie geht es dem Knie? Besser?“ Er trat um den Schreibtisch herum und machte so ihrem Versteckspiel ein Ende.

„Ja, es geht schon. Vielen Dank.“ Imogen blickte unverwandt auf den Bildschirm. Sie wollte kein persönliches Gespräch zulassen. Er war der Chef, sie nur eine kleine Angestellte.

„Schön, das zu hören.“ Seine freundlichen Worte rüttelten an ihrer Abwehr.

„Möchten Sie nur die aktuellen Zahlen oder auch die vom letzten Monat?“ Nur an Arbeit denken! Nur an Arbeit. Und sich nicht von dieser Stimme mit dem amerikanischen Akzent betören lassen! sagte sie sich.

„Nur von diesem Monat. Die anderen habe ich bereits.“

Damit wandte er sich endlich ab und verließ das Großraumbüro der Kaufhausverwaltung. Als er später zurückkam, blieb er an Shonas Schreibtisch und besprach sich mit ihr fast eine Stunde lang.

Lange vor der Mittagspause klopfte Imogen an den Rahmen seiner offen stehenden Bürotür. Er blickte von seiner Arbeit auf. „Schon fertig?“

„Ja.“ Sie sah ihn nicht an, sondern legte die Mappe mit dem Datenblatt ohne ein weiteres Wort auf seinen Schreibtisch. Dann ging sie hinaus.

„Vielen Dank.“ Sie spürte die Worte wie Kugeln in ihrem Rücken.

Kaum eine Stunde später trat er erneut an ihren Schreibtisch. „Der Bericht war ausgezeichnet. Keine einzige falsche Zahl.“ Er blinzelte ihr vergnügt zu. Ihre Verlegenheit schien ihn zu amüsieren.

„Können Sie mir eine weitere Zusammenstellung mit Projektionen für das nächste Vierteljahr machen?“

„Natürlich, Mr Taylor.“ Sie war entschlossen, ihm zu beweisen, dass sie jeden Penny ihres Gehaltes wert war. „Es gibt nichts, was ich nicht tun könnte.“

Er hielt inne und sah sie unverwandt an. Der Blick aus seinen leuchtend blauen Augen brannte wie Feuer auf ihrer Haut. „Ms Hall, Sie scheinen Herausforderungen zu lieben.“

Drei Tage später gratulierte Ryan sich dazu, bisher alles gut überstanden zu haben. Jeder Tag war eine große Anstrengung gewesen. Eigentlich hätte er sehr zufrieden sein müssen. Sein Einstieg bei Mackenzie Forrest verlief besser als erwartet. Das Weihnachtsgeschäft ließ die Kassen klingeln, die Bilanzen stimmten, und die Belegschaft schien ihn zu akzeptieren, wenn nicht sogar willkommen zu heißen. Alle bis auf eine. Die Gedanken an diese eine quälten ihn jede Minute. Er sah ein, dass es völlig unangebrachte Gedanken waren.

Dabei machte sie es ihm sogar leicht. Nichts war mehr zu sehen von verführerischen Rundungen unter grüner Seide, von langen Beinen in eng geschnittenen Hosen. In ihren formlosen Pullovern und den weit über die Knie reichenden Röcken wirkte sie nur noch hausbacken. Er konnte nicht verstehen, warum eine attraktive junge Frau sich kleidete wie eine alte Jungfer aus den fünfziger Jahren. Während die Kolleginnen in ihrem Büro vorweihnachtlich vergnügt waren, gab sie sich wie auf einer Beerdigung. Schwarz und Grau schienen ihre Lieblingsfarben zu sein. Eigentlich hätte ihn das abschrecken müssen, aber bei ihr sah er nur, wie das Grau die Blässe ihrer Haut betonte und das Grün ihrer Augen hervorhob.

Hinzu kam, dass ihn nicht nur ihr Äußeres anzog. Im Großraumbüro vor seinem Chefzimmer saßen sie und Shona am nächsten zu seiner Tür. So oft es ging, ließ er die Tür offen stehen, um ihre Stimme hören zu können. Die beiden so ungleichen Frauen schienen sich gut zu verstehen. Sie arbeiteten konzentriert an ihren Plätzen, doch immer wieder flogen scherzhafte Bemerkungen und trockene Kommentare hin und her. Mit den anderen Kolleginnen sprach sie nicht viel, aber mit ihrer älteren Mentorin schien sie dieselbe Art von Humor zu teilen. Er wünschte, sie würde auch mit ihm so lachen.

Außerdem war sie sehr gut in ihrem Job. Nachwuchs zwar noch, aber mit Potenzial nach weit oben. Er konnte verstehen, warum Mr Mac ihr Aufbaustudium unterstützt hatte. Sie kam früh und blieb lange. Stets konzentriert, immer gut vorbereitet. Bisher hatte sie recht behalten. Sie konnte alles, was er von ihr verlangte.

Nur hatte er noch nicht um das gebeten, was er wirklich von ihr wollte. Das kam nicht infrage. Sie bot ihm auch keine Gelegenheit. Selten sah sie ihn an, sprach mit ihm nur, wenn es geschäftlich erforderlich war und nannte ihn nicht einmal beim Vornamen. Er wusste nicht recht, wie er mit ihr umgehen sollte. Er ging wie auf Zehenspitzen um sie herum, obwohl er am liebsten über sie hergefallen wäre. Dabei wusste er tief drinnen – war sich ganz sicher –, dass auch sie ihn begehrte.

Das ständige Verlangen war schmerzhaft. Und die Unmöglichkeit, ihm nachzugeben, machte es noch schlimmer.

Daher verbrachte er möglichst viel Zeit in den Verkaufsräumen, weit entfernt von der Versuchung im Verwaltungsbüro. Doch selbst dort spürte er den Instinkt, der ihn unwiderstehlich zu ihr hintrieb. Gewöhnlich vertraute Ryan auf seine Instinkte. Diesen wünschte er jedenfalls zum Teufel.

Tief in Gedanken versunken, ging Imogen frühmorgens zur Arbeit. Es war noch dunkel, und wenn sie Feierabend machte, würde es wieder dunkel sein. Im winterlichen Edinburgh gab die Sonne immer nur kurze Gastspiele. Aber es gab ein anderes Licht an ihrem Horizont. Ryan Taylor bestrahlte die Welt heller als der größte Stern am Himmel … und nicht nur ihre Welt. Sie hatte gesehen, wie die Kolleginnen in den Verkaufsräumen sich aufrichteten, sobald er erschien. Es war nicht die Habachtstellung, weil der Chef erschien, sondern ihre Haltung schien zu sagen: „Zieh den Bauch ein, hier kommt der attraktivste Mann unter der Sonne.“ Es waren auch keineswegs nur die Häschen in der Kosmetikabteilung, sondern auch die älteren Verkäuferinnen bei den Haushaltswaren oder der Damenbekleidung. Sogar die jungen Männer in der Sportabteilung schienen beeindruckt. Wo er auch erschien, wandten sich alle Köpfe zu ihm um, und jeder wollte von ihm gesehen werden.

Es war nicht nur sein gutes Aussehen. Er hatte eine Leichtigkeit an sich, die alle in seinen Bann zog. Seine offene, zugängliche Art ließ die Menschen seine Nähe suchen. Wenn er in Imogens Nähe kam, verriet das Blitzen in seinen Augen, dass seine Gedanken nicht so harmlos waren, wie sie es sein sollten.

Ryan Taylor blendete alle mit seinem Charme. Imogen war entschlossen, ihm zu widerstehen. Und doch spielte sie sich zum millionsten Mal in Gedanken die Szene im Hotelflur vor. Das war eine angenehme Art, sich auf dem kalten Weg zur Arbeit warm zu halten, redete sie sich ein. Sie überquerte die Brücke und war in ihrer Fantasie gerade an der Stelle, an der er nach dem Handtuch griff, als sie auf dem eisigen Boden ins Rutschen kam.

„Vorsicht!“ Sie fühlte sich von einer starken Hand gepackt. „Sie wollen sich doch nicht schon wieder das Knie aufschlagen.“

„Oh!“ Sie schnappte nach Luft. „Vielen Dank.“ Erschrocken tastete sie nach dem Brückengeländer. Erst jetzt erkannte sie ihren Retter. „Danke“, stieß sie noch einmal hervor. Erneut holte sie tief Luft, aber der Sauerstoff half nicht. Ihr Herz raste. „Ich bin für diesen Schnee nicht gemacht.“

Ryan lachte. „Das ist doch noch kein Schnee, nur ein bisschen Raureif.“

„Was es auch ist, für mich ist es zu rutschig.“ Die ganze Welt erschien ihr auf einmal spiegelglatt. Sie packte das Geländer fester und war entschlossen, sich nicht vom Fleck zu rühren, bis er gegangen war.

Er trat neben sie, um den anderen Passanten nicht länger im Weg zu stehen. Auch er atmete heftiger als normal, aber bei ihm passte das zu seinem Laufanzug und dem Schweiß auf der Stirn.

„Sie gehen sehr früh zur Arbeit.“ Er schien nicht zu bemerken, dass sie starr wie eine Statue dastand.

„Ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Und Sie …“ Sie hatte den Faden verloren.

„Ich jogge eine Runde.“ Er lächelte.

Zum ersten Mal seit Tagen sah sie ihm offen ins Gesicht. Selbst im Dämmerlicht des frühen Morgens waren seine Augen leuchtend blau. Widerstrebend wurde sie sich bewusst, dass sie unwillkürlich sein Lächeln erwiderte. Oh, er war so verdammt perfekt. Einer dieser amerikanischen Siegertypen mit den blauen Augen, dem braunen Haar, der bronzefarbenen Haut, den breiten Schultern … Ihre Gedanken drohten abzugleiten.

„Tragen Sie eigentlich Kontaktlinsen?“

„Nein. Warum?“ Er sah sie erstaunt an.

Imogen konnte kaum glauben, dass sie ihm diese Frage laut gestellt hatte. „Ihre Augen sind so blau.“ Sie flüsterte fast. O Hirn, wo bist du? Sie zuckte zurück. „Entschuldigung.“

„Wieso?“

Weil es sich nicht gehörte. Aber sie konnte nicht antworten und wandte stattdessen den Kopf ab, um sich von seiner fast hypnotischen Macht zu befreien. „Es ist sehr kalt, nicht wahr?“ Was war nur in sie gefahren? Jetzt redete sie mit ihm schon über das Wetter, um davon abzulenken, dass sie sich gerade zum Narren gemacht hatte. Er durfte nicht merken, wie heiß ihr in seiner Gegenwart trotz der Kälte war.

„Ich mag es kalt, und anschließend macht es Spaß, sich zu wärmen.“

Nun sah sie ihn wieder an. War er näher gekommen? Tatsächlich machte er noch einen weiteren Schritt auf sie zu.

„Allerdings kann einem leicht zu heiß werden, und dann ist es schwierig, anschließend wieder abzukühlen“, fuhr er fort. Die Anspielung war unmissverständlich.

„Das finde ich nicht“, entgegnete Imogen um des Widerspruchs willen. „Manchmal wird einem einfach nicht warm.“ Sie spürte, wie ihr Denkvermögen litt, wenn er sie so anlächelte. Seine Hand lag weiter auf ihrem Arm, und er kam immer näher.

„Einheizen kann man immer.“ Sie waren sich beide bewusst, dass sie mit dem Feuer spielten.

„Nein.“ Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Etwas in seinem Blick ließ sie die letzte Vorsicht fahren lassen. „Meine Lippen sind fast taub vor Kälte.“ Der Schreck über ihren Beinahe-Sturz musste sie um den Verstand gebracht haben.

„Taub?“ Er sah ihr tief in die Augen und legte ihr die andere Hand auf die Schulter.

Sie nickte. Es kribbelte, als sie seinen Blick auf ihren Mund gerichtet sah.

„Das glaube ich nicht.“ Da war wieder dieses lausbübische Funkeln in seinen Augen.

„Doch“, beharrte sie. „Ich werde aufpassen müssen, dass ich mir nicht am Kaffee den Mund verbrenne.“

Nun stand er direkt vor ihr. Langsam beugte er sich zu ihr herunter. „Das können wir doch nicht zulassen.“

Der Kuss war zart wie die Berührung durch einen Schmetterling. Ein Hauch nur … und bei Weitem nicht lange genug und nicht tief genug, um Imogens aufkeimendes Verlangen zu befriedigen.

„Immer noch taub“, seufzte sie. Seine Lippen hatten sich nur um Millimeter von ihren entfernt. Ihre Einladung war unmissverständlich.

Sein Lächeln wurde breiter, und dann beugte er sich wieder vor. Imogen schloss die Augen und genoss die Berührung seiner warmen, sanften Lippen. Doch wieder löste er sich viel zu früh von ihr. Sie seufzte enttäuscht. „Ich kann gar nichts fühlen.“

Er lachte leise auf. In seinen tiefblauen Augen lag ein wissender Blick. „Dann muss ich mich wohl mehr anstrengen.“

Diesmal erwiderte sie seinen Kuss. Diesmal zog er sie in seine Arme. Diesmal dauerte es lange genug. Imogen stöhnte auf, als Ryans Hand über ihren Rücken glitt. Dann zog er sie an sich. Sie war fest zwischen ihm und dem Brückengeländer eingeschlossen. Dennoch wollte sie ihm noch näher sein.

Sie hatte nicht gelogen. Sie fühlte nichts … alles außer überwältigender Freude. Sie hob die Arme und legte sie ihm um den Hals. Ihre Körper drängten sich aneinander. Das erregende Gefühl war fast schon schmerzhaft. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, bis er sich von ihr löste und sie beide wieder tief Luft holten.

Aber es war nicht ernüchternder Sauerstoff, den sie einatmete, sondern Ryans männlicher Duft. „Bist du sicher, dass du keine Kontaktlinsen trägst?“

„Imogen.“

Sie schloss die Augen und hob den Kopf. Ihre Lippen verlangten nach mehr. Sie konnte sein triumphierendes Lächeln fast hören. Er folgte ihrer Aufforderung. Sie spürte, wie er seine Schenkel gegen sie presste. Seufzend schmiegte sie sich an ihn. Wie würde es sein, wenn sie sein ganzes Gewicht auf sich spürte? Wenn er ihre Schenkel öffnete. Wenn er … Sein kehliges, schweres Atmen war Musik in ihren Ohren.

Er hatte sich von ihren Lippen gelöst und küsste sie jetzt zärtlich in die Halsbeuge. „Das wollte ich schon im ersten Moment tun, als du versucht hast, in mein Hotelzimmer einzudringen“, flüsterte er.

„Mmmm.“ Sie strich mit den Fingern durch sein Haar und genoss stöhnend die Berührung seiner Lippen. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.

Als er sich kurz von ihr löste, wäre es ihr fast gelungen, ihren Verstand wieder einzuschalten, doch dann spürte sie seine Finger an den Knöpfen ihres dicken Mantels.

„Er steht dir gut, aber er ist im Weg.“

Erschauernd erkannte sie das Verlangen in seiner Stimme. Unter dem Mantel kam die grüne Seidenbluse zum Vorschein, die sie am Tag ihres Unfalls gekauft hatte. Gerade heute hatte sie sie ausnahmsweise angezogen. Sie fühlte sich gut darin … und sie wusste, dass sie ihm gefiel. Ihr Widerstand bröckelte.

„Die Farbe sieht so gut an dir aus.“ Er beugte sich vor und ließ die Lippen an ihrem Hals hinabgleiten. Seine Hände befanden sich nun zwischen ihrem Mantel und der Bluse und waren doch noch nicht da, wo sie sie am liebsten hätte. Bloße Haut! Die Vorstellung elektrisierte sie.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, zog er die Bluse aus ihrem Rock und fuhr mit der Hand darunter. Aufstöhnend ergab sie sich seinem erneuten Kuss. Kein Necken mehr, kein geduldiges Spiel. Nun war seine Zunge fordernd … suchend, schmeckend, Besitz ergreifend.

Er ließ seine Hand unter der Bluse über ihren Rücken gleiten, mit der anderen umfasste er ihre Brust. Dann führte er sie langsam über ihren Bauch hinab. Fast wie von selbst presste sich ihr Körper seiner Hand entgegen. Das Verlangen nach mehr, nach intimerer Berührung verbrannte sie fast.

Keuchend löste Ryan seine Lippen von ihren. „Wenn wir nicht sofort aufhören, wird dir mehr als nur warm werden.“

Erschrocken öffnete Imogen die Augen und sah sich um. Menschen gingen an ihnen vorbei, verlegen bemüht, nicht herüberzuschauen. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Sie stand morgens um acht an einem Werktag mitten auf einer belebten Straße eng an ihren Chef geschmiegt und drängte sich in schamlosem Verlangen an die erregende Ausbeulung in seiner Hose.

Oh nein!

Er löste seinen Griff und legte ihr die Hände auf die Hüften … aber von draußen auf den Mantel. Er gab ihr Halt, den sie dringend brauchte.

„Ich will dich, Imogen“, sagte er. „Unbedingt.“ Sie begann, abwehrend den Kopf zu schütteln, doch er sprach weiter. „Ich weiß, dass du noch nicht dafür bereit bist. Sag mir, wenn es so weit ist. Das Wort, auf das ich warte, ist ein Ja.“

Nicht bereit? Gerade hatte sie sich ihm förmlich an den Hals geworfen. Am liebsten wäre sie vor Scham im Boden versunken. Könnte sie doch nur die Zeit fünf Minuten zurückdrehen und alles vergessen!

„Aber …“

Er legte den Finger auf ihre Lippen und brachte sie damit zum Schweigen. „Sprich nicht weiter. Wenn es ein Aber gibt, will ich es nicht hören.“ Es wurde Zeit, die Szene zu beenden. Die Lage war schon kompliziert genug. Für eine Analyse war jetzt nicht der geeignete Moment.

Durch Imogens Kopf rasten tausend Gedanken. War das für ihn ein normales Verhalten? Für sie ganz bestimmt nicht. Es war beängstigend. Wie konnte sie so die Kontrolle verlieren, dass sie sich ihm fast auf der Straße hingegeben hätte?

Den eisigen Wind spürte sie nicht mehr, aber innerlich war sie zu Eis erstarrt vor Entsetzen und gleichzeitig siedend heiß vor Verlegenheit. Verlangen und Panik kamen an dritter und vierter Stelle. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Dies war ihr Chef. Ein verwöhnter Playboy. Sie durfte sich die mühsam erarbeitete Chance nicht mit einem weiteren solchen Schuft verderben.

Ryan spürte ihre Verlegenheit. Ihr ganzer Körper strahlte Unsicherheit aus. Gewöhnlich hätte er die Situation mit einem Lachen entspannt. Aber er war selbst zu enttäuscht und verwirrt. Nicht einmal über sich selbst konnte er lachen. Er hatte sie geküsst … wunderbar und höchst befriedigend … und zugleich höchst unzureichend. Mit jedem Zentimeter Haut, den seine Hände berührt hatten, hatte es ihn nach mehr verlangt. Stattdessen hatte er aufgehört, und sie hatte ihren Verstand wieder eingeschaltet.

Er hatte dagestanden und zugesehen, wie ein Stern nach dem anderen in ihren Augen erloschen war. Jedes Funkeln von Verlangen war verschwunden. Was mochte ihr nur durch den Kopf gehen? Aber wollte er das wirklich wissen?

Besser nicht. Er sollte sich einfach nicht darum kümmern. Er hatte keine Zeit für eine komplizierte Geschichte. Er war nur vorübergehend für einen Job hier. Und auf den musste er sich konzentrieren, ihn nach besten Kräften erledigen und sich dann dem nächsten zuwenden. Eine Affäre mit einer Angestellten würde das Leben sehr kompliziert machen. Auf jeden Fall musste er es langsamer angehen lassen. Sie brauchten beide Zeit, um ihre Leidenschaft abzukühlen und über alles nachzudenken. Er vor allem musste nachdenken! Seit wann war er so scharf auf eine Frau, dass er frühmorgens mitten auf der Straße über sie herfiel?

„Schau nicht so besorgt drein, Imogen. Es war doch nur ein Kuss.“ Das klang abweisender, als es gemeint war. Wem wollte er etwas vormachen … nur ein Kuss?

„Seien wir ehrlich“, fügte er hinzu. „Es war unausweichlich.“ Das war die Wahrheit. Von dem Moment an, als sie versucht hatte, sein Zimmer zu betreten, hatte es ihn nach ihr verlangt. Es war nicht der kurze Anblick ihres BHs und ihrer prachtvollen Brüste gewesen. Schon davor war es um ihn geschehen gewesen. Ein Blick in ihre strahlend grünen Augen hatte ihn erschüttert. Sie war so wunderschön.

„Unvermeidlich?“ Eisiger Frost. Er konnte spüren, wie sie sich von ihm zurückzog. Warum? Weil er die Wahrheit ausgesprochen hatte?

„Absolut.“ Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie ein wenig zu reizen.

Sie versuchte, schneller zu gehen, aber er hielt mühelos mit ihr Schritt. Auf glattem Boden bewegte er sich sicherer als sie.

„Nun …“ Ihre Erwiderung klang so scharf wie das Klackern ihrer Absätze auf dem Pflaster. „Dann haben wir es ja hinter uns gebracht und können uns anderen Dingen zuwenden, nicht wahr?“

„Findest du?“ Sein kurzes Auflachen hatte nichts Fröhliches. Wie sollte er vergessen, wie sie gerade in seinen Armen entflammt war, und wie sollte er sich anderen Dingen zuwenden, wenn er sie so sehr begehrte?

„Absolut.“ Bei der kühlen Wiederholung seines eigenen Wortes hätte er sie am liebsten wieder an sich gezogen und sie erneut geküsst. Aber so verlockend es auch war, das sollte er besser bleiben lassen. Er war ihr Chef, und das war das Problem. Er durfte sich ihr nicht aufdrängen. Wenn mehr passieren sollte als bisher, dann musste es durch ihre Initiative geschehen. Sie musste zu ihm kommen. Außerhalb der Bürozeiten, allein, ungestört, mussten sie einen Weg finden.

Immerhin gefielen ihr seine Augen. Das war schön, denn er mochte auch ihre. Er stellte sich ihr in den Weg und hielt sie mit beiden Händen an den Schultern fest. Dann hob er ihr das Kinn an, sodass sie ihm ins Gesicht sehen musste.

Sie atmete hektisch. In ihrem Blick las er Trotz und gleichzeitig die Reste des Verlangens, das sie so verzweifelt zu unterdrücken versuchte. Sein Blick verriet Entschlossenheit.

Als er sprach, betonte er jedes Wort einzeln. „Absolut nicht.“

4. KAPITEL

Unvermeidlich war es gewesen! Eine Stunde später saß Imogen an ihrem Schreibtisch und kochte innerlich noch immer vor Wut, als Ryan das Büro betrat. Sie versuchte, ihn nicht zu beachten, als er Shona und die anderen begrüßte. Dennoch war sie sich jeder seiner Bewegungen bewusst.

Dann stand er vor ihr. „Guten Morgen, Imogen.“

Einen kurzen Augenblick blickte sie ihn an, dann konzentrierte sie sich wieder auf ihren Bildschirm. „Guten Morgen, Mr Taylor.“

„Sind wir jetzt wieder ganz förmlich?“, fragte er. Ihm schien es egal zu sein, dass Shona in Hörweite saß.

„Ja.“ Sie schrieb hastig weiter. „Gerade jetzt scheint mir Förmlichkeit angemessen.“

Er hatte recht. Es war unvermeidlich gewesen. Aber für ihn war es nur ein Kuss. Ein Typ wie er nahm eben auch Kleinigkeiten mit. Nur keine Verpflichtungen! Auf dieses Spiel wollte sie sich nicht einlassen. Sie hatten wirklich allzu unterschiedliche Vorstellungen.

Einen Moment verharrte Ryan neben ihrem Schreibtisch, während sie angestrengt weiterschrieb. Sie hielt den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, und ihre Finger flogen über die Tasten.

„Also gut, Ms Hall, wenn Sie darauf bestehen.“ Er trat näher an sie heran, beugte sich zu ihr herunter und sprach ganz leise. „Aber ich habe eine Bitte.“

Erstaunt sah sie ihn an. Sein Blick wirkte gequält.

„Dies ist keine dienstliche Anweisung. Ich bitte Sie nur um Gnade für einen einfachen Mann.“

Verwirrt sah sie ihn an.

„Würden Sie bitte nie, nie wieder diese Bluse tragen?“

Damit ging er in sein Büro zurück und schloss zum ersten Mal seit seinem Arbeitsantritt die Tür hinter sich.

Imogen arbeitete wie besessen, bis Shona sie daran erinnerte, dass es Zeit zum Mittagessen war. Sie war überhaupt nicht hungrig. Allerdings hatte sie in der Vorweihnachtszeit eine Lieblingsbeschäftigung für die Mittagspause. Damit konnte sie ihre aufgewühlten Gefühle besänftigen, die ständig zwischen lusterfüllten Fantasien und schierer Verzweiflung pendelten.

Im Kaufhaus gab es während der Adventzeit einen besonderen Stand, an dem die Kunden ihre eben erworbenen Weihnachtsgeschenke hübsch verpackt bekamen. Es machte Imogen Spaß, mit schönem Papier und bunten Schleifen zu arbeiten, und die dankbaren Mienen der Kunden belohnten sie dafür, dass sie ihre Mittagspause opferte. Die ganze Woche war sie nicht dazu gekommen. Heute konnte sie die Ablenkung ganz besonders gut gebrauchen.

Zehn Monate im Jahr drang leise, klassische Instrumentalmusik aus den Lautsprechern des Warenhauses. Im November und Dezember waren es Weihnachtslieder. Imogen liebte Weihnachtslieder. Sie konnte sie gar nicht oft genug hören. Sie kannte alle Texte und summte vergnügt mit. Mit gesenktem Kopf stand sie am Packtisch und faltete eine ihrer besonderen Origamischachteln für ein kleines Geschenk.

„Ms Hall.“ Die Stimme mit dem amerikanischen Akzent unterbrach sie. „Haben Sie einen Moment?“

„Sofort, Mr Taylor. Ich mache dies nur schnell fertig.“ Sie legte das Geschenk für den kleinen Jungen in die Schachtel und wand ein buntes Band darum. Dann schlang sie die Enden zu einer Schleife und zupfte sie sorgfältig zurecht. Der Junge strahlte, als sie ihm das kleine Päckchen überreichte. Erst jetzt trat Imogen zur Seite, wo ihr Chef zwischen beeindruckend dekorierten Weihnachtsbäumen wartete.

Ryan sah sie missmutig an. „Was machen Sie eigentlich hier?“

„Wonach sieht es denn aus?“, gab sie zurück.

„Ich glaube, zum Geschenkeverpacken werden Sie zu gut bezahlt. Das überlassen Sie besser den pickeligen Teenagern, die wir dafür als Aushilfen eingestellt haben.“

„Wollen Sie damit sagen, dass ich meine wertvolle Arbeitszeit verschwende?“

„Genau.“

„Sie irren, Mr Taylor. Außerdem ist kein einziger unserer Teenager pickelig, das sollten Sie wissen.“

„Genau genommen, Ms Hall, habe ich außer Ihnen auch niemanden angesehen.“

„Genau genommen, Mr Taylor …“ Sie überging seine Bemerkung. „… ist dies meine Mittagspause. In dieser Zeit kann ich tun, was ich will. Ich packe eben gern Geschenke ein.“

Er schien seinen Fehler einzusehen. „Wenn ich Ihnen also jetzt etwas von Ihrer wertvollen Freizeit geraubt habe, sollten Sie vielleicht die Mittagspause um fünf Minuten verlängern.“

„Vielen Dank, Mr Taylor“, erwiderte sie. „Genau das werde ich tun.“

Erleichtert atmete sie auf, als er sich entfernte. Als Nächstes verpackte sie das Teeservice, das eine reizende alte Dame vor ihr auf den Tisch gestellt hatte.

Keine zwei Minuten später kehrte Ryan zurück und reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Bedauerlicherweise wollte die Frau hinter der reizenden alten Dame nur ein Buch als Geschenk verpackt haben, und dafür brauchte Imogen weniger als eine Minute. Nun war Ryan an der Reihe. Sie sah ihn böse an.

„Können Sie mir das bitte einpacken?“ Er erwiderte ihr Stirnrunzeln mit einem strahlenden Lächeln aus den leuchtend blauen Augen.

Sie wich seinem Blick aus. Auf dem Tisch lagen zueinander passend Mütze, Handschuhe und Schal in dunklem Grün aus feinster Merinowolle.

„Ich kenne jemanden, der warm gehalten werden möchte“, flüsterte er verschwörerisch.

Nervös hantierte Imogen mit dem Papier.

„Ich hatte erst an eine Wärmflasche gedacht“, fuhr er fort. Ihr Schweigen schien ihn nicht zu stören. „Aber ich fürchte, sie würde das zu gefährlich finden.“

Imogen griff nach der Schere. Am besten spielte sie das Spielchen mit. „Wie wäre es mit einem Körnerkissen?“

„Nicht groß genug. Ich hatte mehr an eine menschliche Wärmflasche gedacht. Groß und warm, jemand, an den sie sich anschmiegen kann.“

Energisch zog Imogen die Schneide der Schere über das Geschenkband. „Das würde ihr vielleicht zu warm.“ Sie würde sich sogar verbrennen. Imogen hatte bereits Narben. Mehr brauchte sie nicht.

„Wenn ihr zu warm wird, könnte sie ja den Pyjama ausziehen …“ Mit dieser Anspielung und einem aufreizenden Lächeln auf den Lippen verließ er den Raum.

Imogen brauchte den ganzen Nachmittag, um sich von der Begegnung mit Ryan zu erholen. Sie stürzte sich in die Arbeit und ging ihm und Shona und allen anderen aus dem Weg. Für den Abend war ein geselliges Beisammensein geplant. Ryan wollte seinen Einstand feiern. Imogen wollte sich auf keinen Fall daran beteiligen. Diese Art von Geselligkeit lag ihr ohnehin nicht, und Ryans Gegenwart war Grund genug, die Einladung abzulehnen. Sein „nur ein Kuss“ am Morgen und der Flirtversuch in der Mittagspause bestärkten sie darin. Es war ja klar, was er von ihr wollte.

Sie entschuldigte sich bei Shona, und während die anderen das Büro verließen, verbarg sie sich in der Weihnachtsabteilung des Kaufhauses. Dann kehrte sie zurück, um vor ihrem eigenen Feierabend noch schnell ein Datenblatt fertigzustellen. Sie war gerade dabei, den Computer auszuschalten, als Ryan hereinkam.

„Kommen Sie nicht wie alle anderen zu unserem Umtrunk?“

„Ich trinke nichts.“

„Aha.“ Er verdrehte die Augen. „Natürlich nicht.“

„Mr Taylor?“ Er sollte sich nicht über sie lustig machen.

„Ryan.“ Er kam um ihren Schreibtisch herum.

„Mr …“

„Ryan.“ Er packte Imogen an den Armen und hob sie aus dem Stuhl.

„Nein. Mr …“

„Alle anderen nennen mich Ryan. Das können Sie auch.“ Er stand vor ihr, viel zu nahe!

„Nicht.“

„Was nicht?“ Er legte ihr die Fingerspitzen unter das Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.

„Ich kann nicht …“

„Was können Sie nicht?“ Der Blick aus seinen blauen Augen hielt sie wie gebannt fest.

„Ich kann nicht denken, wenn Sie das machen.“

„Dies?“ Er strich ihr über das Haar. „Oder das?“ Er fuhr ihr sanft mit den Fingern über den Hals.

„Mmh.“ Seine Berührungen brannten wie Feuer auf ihrer Haut.

Ryan lächelte. „Das ist gut. Nicht darüber nachdenken. Handeln!“

„Wie in der Sportwerbung?“

„Gewiss. Ich denke immer sportlich. Mein Körper braucht dringend Bewegung.“

Imogen löste sich von seiner Berührung und von seinen Blicken. „Ich versuche, mich nicht unüberlegt von Impulsen leiten zu lassen.“ An diesem Morgen war ihr das gründlich misslungen … sonst wäre sie jetzt nicht in dieser Lage.

„Warum folgen Sie dann nicht Ihrem Instinkt? Das ist ein großer Unterschied.“

„Finden Sie?“

„Impulse können einen in die Irre leiten. Aber wenn Sie Ihrer Intuition, Ihren Instinkten vertrauen, können Sie sich nicht täuschen.“

„Mein Verstand sagt mir, dass ich verschwinden sollte.“

„Genau das meine ich. Sie denken so viel, dass Sie Ihre Instinkte nicht einmal mehr wahrnehmen.“ Mit einem kleinen Schritt war er wieder bei ihr. „Ihr Instinkt ist das, was Sie tief da drinnen spüren.“ Er legte den Finger erneut an ihren Hals und fuhr dann langsam über ihr Brustbein hinunter bis in die Magengegend. „Da drinnen ist es. Fühlen Sie es?“

Es war nicht ihr Magen, der es fühlte. „So einfach ist das nicht, Ryan.“

„Aber ja doch.“

„Aber für mich nicht.“

„Also gut.“ Sein Lächeln war warm und verständnisvoll, seine Miene aber blieb entschlossen. „Machen wir die Dinge nicht so kompliziert. Hier sind wir. Hier ist unser Verlangen. Genügt das nicht?“

Nicht kompliziert? Er hatte gut reden. „O nein! Es gibt viel mehr zu bedenken.“

„Was denn?“

„Mein Ruf, meine Arbeit.“

„Das Erste steht nicht in Zweifel. Das Zweite hat hiermit nichts zu tun.“

„Wie können Sie das sagen? Sie sind mein Chef.“

„Stimmt. Aber wir spielen in derselben Mannschaft, Imogen. Wir sind keine Gegner. Außerdem bin ich nur vorübergehend hier.“

„Wie bitte?“ Für ihn ging es also nur um etwas Vorübergehendes.

„Was immer wir außerhalb der Bürozeiten tun, wird Ihre Arbeit und Ihre Karriere nicht beeinträchtigen. Niemand muss etwas erfahren. Ich kann ein Geheimnis bewahren.“

Imogen wusste alles über Geheimnisse … und Lügen. Ihr wäre jemand lieber, der gar nicht erst Geheimnisse hatte. Das würde sie vor unliebsamen Überraschungen bewahren.

„Was genau wollen Sie eigentlich von mir, Ryan? Nur ein schnelles Abenteuer?“

„Im Augenblick will ich nur Sie. Um ehrlich zu sein, weiter kann ich im Moment nicht denken.“ Er runzelte die Stirn. „Ich habe hier einen großen Job zu erledigen. Es ist der Anfang unserer Expansion nach Europa. Ich muss mich darauf konzentrieren. Aber das muss nicht heißen, dass ich nicht auch ein bisschen Vergnügen haben kann.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich kann nichts Schlechtes daran sehen. Im Gegenteil, ich würde das großartig finden.“

Er lächelte wieder. Imogen wünschte, er würde das nicht tun. Das Lächeln war in seinen Augen, in seinen Mundwinkeln – sein ganzer Körper schien es auszustrahlen. Es hatte eine verheerende Wirkung auf sie. Und er schien das genau zu wissen.

„Wann haben Sie sich zuletzt ein wenig Vergnügen gegönnt, Imogen? Sie sitzen den ganzen Tag im Büro und arbeiten angestrengt. Sogar Ihre Mittagspause opfern Sie dem Geschäft. Als Chef weiß ich eine so tüchtige Mitarbeiterin sehr zu schätzen. Aber was machen Sie nach Feierabend? Gehen Sie nur zum Schlafen nach Hause?“

„Na und?“, entgegnete sie trotzig. Es war doch nichts dabei, wenn sie hart arbeitete. Sie hatte schließlich ein Ziel. Sie war entschlossen, ihren guten Ruf wiederherzustellen und beruflich voranzukommen.

„Allein?“

Sie errötete. „Ich muss für mein Studium arbeiten“, erwiderte sie verärgert.

„Das weiß ich. Sehr lobenswert.“ Musste er so herablassend klingen? „Aber für heute sind Sie doch fertig. Kommen Sie mit auf einen Drink!“

Der Blick aus seinen blauen Augen hatte eine fast hypnotische Wirkung. „Es ist Weihnachten“, fügte er leise hinzu.

Ihr Kopf schien wie von allein zu nicken, bevor sie länger nachdenken konnte. Ryan hielt bereits ihren Mantel bereit und ließ sie hineinschlüpfen.

Imogen wunderte sich, dass er sich ihretwegen so viel Zeit nahm. „Werden sich die anderen nicht fragen, wo Sie bleiben?“

„Shona ist mit meiner Kreditkarte vorausgegangen und wird sich um alles kümmern. So schnell wird man mich nicht vermissen. Bestimmt sind alle froh, wenn sie die ersten Drinks ohne den Chef genießen können.“

Während Imogen ihren Mantel zuknöpfte, schaltete Ryan ihren Computer aus und geleitete sie zur Tür.

Die Bar lag in einer Seitengasse unweit des Kaufhauses. Sie war klein, intim und wirkte sehr gemütlich. Es war lange her, dass Imogen eine Bar wie diese betreten hatte.

Kein Nachtleben, keine Geselligkeit. All das hatte sie gemieden, seit sie vor acht Monaten in Schottland angekommen war.

Ryan sah sie lächelnd an. „Was möchten Sie? Wein? Einen Cocktail?“

„Ich sagte doch, dass ich nichts trinke.“

„Niemals, Imogen? Nicht einmal zu Weihnachten?“

Er schien sie durchschaut zu haben. Natürlich würde sie gern ein Glas Wein trinken, aber sie traute sich selbst nicht … und schon gar nicht an diesem Abend.

„Ein Glas Prosecco vielleicht am Weihnachtstag. Aber bis dahin sind es ja noch ein paar Wochen.“

„Wie wäre es dann mit einem Glas Rotwein?“

Sie würde schon nicht gleich betrunken umfallen, doch sie wollte kein Risiko eingehen. Seine Gegenwart war schon verführerisch genug, und das Erlebnis am frühen Morgen war ihr eine Warnung. Mit Alkohol im Blut würde sie womöglich alle Vorsicht fahren lassen.

„Ich nehme lieber ein Bitter Lemon.“

„Bitter?“, wiederholte er. „Wie passend.“

Mit einem giftigen Blick ließ sie ihn stehen und gesellte sich zu den anderen. An der U-förmigen Nische war nur noch ein Platz frei. Ryan würde sich einen Stuhl heranziehen müssen. Doch als er wenig später mit den Drinks in der Hand hinzutrat, grinste er nur vergnügt.

„Rutscht ein bisschen zusammen!“

Es wurde eng. Imogens Blut begann zu wallen, als er sich auf den schmalen, frei gewordenen Platz neben ihr drängte. Er war viel zu nah! Ihre Schenkel waren dicht aneinandergepresst, die Arme lagen fast aufeinander. Das schien sogar ihm zu eng, und so legte er seinen Arm kurzerhand hinter ihrem Rücken auf die Lehne. Nun fehlte nicht mehr viel, und sie würde auf seinem Schoß sitzen.

Imogen nippte an ihrem Glas und versuchte, den Gesprächen am Tisch zu folgen. Weihnachtspläne wurden ausgetauscht. Stumm lauschte sie dem fröhlichen Durcheinander der Stimmen. Sie wollte nicht zugeben, wie ihr Weihnachtsfest aussehen würde.

„Was haben Sie denn über die Feiertage vor, Ryan?“, fragte Shona. Imogen spitzte die Ohren.

„Ich fahre nach Hause.“ Sie saßen so dicht nebeneinander, dass Imogen die Bewegungen seines Brustkorbs beim Sprechen spürte.

„Es wird ein großes Familienfest. Meine Eltern, meine Geschwister. Dazu noch einige Onkel und Tanten und jede Menge Cousins und Cousinen.“

„Haben Sie auch blinkende Lichter überall und einen riesigen Santa Claus auf dem Dach, wie man es in amerikanischen Fernsehshows sieht?“ Der Einwurf kam von Angela aus der Marketing­abteilung, die gewöhnlich kein Fettnäpfchen ausließ.

Ryan lächelte gutmütig. „Im Garten haben wir einen Baum, den wir mit Lichtern schmücken. Der Baum im Haus trägt nur Papierschmuck, den wir selbst herstellen.“

„Den machen Sie selbst?“ Imogens Frage war heraus, bevor sie darüber nachgedacht hatte.

„Gewiss. Meine Großeltern kamen ursprünglich aus Dänemark, und dort nennt man Weihnachten das Fest der Herzen. Wir schneiden Herzen aus und hängen sie in den Baum. Meine Mutter hat sie über die Jahre alle aufgehoben. Auf der Rückseite stehen unsere Namen und das Datum. Inzwischen ist der Baum reich geschmückt. Es sieht sehr hübsch aus.“

Imogen konnte es kaum glauben. Sie hatte erwartet, dass seine Familie ein Vermögen für einen Weihnachtsbaum mit Designerdekoration ausgab. „Machen Sie das immer noch?“

„Jedes Jahr. Am Weihnachtsabend stecken wir echte Kerzen an den Baum, und mein Dad zündet sie an. Es ist immer wieder ein feierlicher Akt.“

Imogen sträubte sich, gerührt zu sein. „Ist das nicht gefährlich, mit all dem Papier und den Nadeln am Baum?“

„Das Leben macht keinen Spaß ohne ein bisschen Gefahr, finden Sie nicht auch?“

Imogen erwiderte darauf nichts, aber sie spürte, wie er seinen Schenkel ein wenig fester an sie drückte, während er unbefangen die anderen anlächelte.

„Anschließend packen wir die Geschenke aus und genießen das Weihnachtsessen.“

„Am Heiligabend?“ Imogen versuchte, sich so schmal wie möglich zu machen, doch der Druck an ihrem Bein blieb unverändert.

Er nickte.

„Sie packen die Geschenke schon am Heiligabend aus?“

„Na klar.“

„Aber das gehört sich doch nicht!“

„Nein?“

„In Neuseeland werden die Geschenke erst am ersten Weihnachtstag ausgepackt.“

„Ach ja?“ Er zuckte mit den Schultern. „Nun ja, wir machen das schon am Heiligabend.“

„Aber damit bringen Sie sich ja um die ganze Vorfreude. Man wacht morgens auf und wird immer ungeduldiger, bis endlich alle Verwandten da sind, sodass man mit dem Auspacken anfangen kann.“ Sie spürte, wie sie Oberwasser bekam, und wartete seine Erwiderung nicht ab. „Abstimmung!“, rief sie den anderen zu. „Macht ihr eure Geschenke am Weihnachtsabend oder am ersten Feiertag auf?“

Der erste Feiertag gewann haushoch.

„Andere Länder, andere Sitten“, murmelte Ryan.

Wie recht du hast! dachte Imogen im Stillen. Seine Welt war Lichtjahre von ihrer entfernt. Seine Familie traf sich mit Präsidenten und Popstars. Sie mochte wetten, dass sie einen sündhaft teuren Baum mit sündhaft teurem Schmuck im Salon hatten und den hausbackenen, selbst geschmückten in der Küche versteckten.

Während die anderen weiter über ihre Weihnachtspläne plauderten, erlag Imogen der Versuchung, ihn weiter zu befragen. „Und was machen Sie dann am ersten Weihnachtstag?“

Er lächelte sie vergnügt an. „Wir schlafen aus. Wer aufsteht, holt sich in der Küche etwas zu essen und schaut nach, was in seinem Strumpf steckt. Abends gibt es dann für alle zusammen ein großes Festmahl.“

„Sie bekommen immer noch einen Strumpf?“

„Ich bin ein sehr braver Junge.“

Fast hätte Imogen laut aufgelacht. Das wusste sie besser! „Sie meinen, Ihre Mutter drückt ein Auge zu?“

„Tun das nicht alle Mütter?“

Imogen erstarrte innerlich. Eine Mutter wie seine bestimmt. Eine Mutter mit genügend Geld, um die Schäden zu beseitigen, die ihr Sohn angerichtet hatte. Genau das hatte Georges Mutter gemacht. Sie hatte sich geweigert, die wahre Natur ihres Sohnes zu erkennen und stattdessen Imogen beschuldigt. War es nicht immer die Schuld der Frau? Vor allem wenn sie nicht im richtigen Viertel aufgewachsen und nicht in die richtige Schule gegangen war. Dann war es die Frau, der man die Schuld in die Schuhe schob.

Obwohl das kaum möglich schien, rückte Ryan noch ein wenig näher heran. „Bringt Ihnen Santa Claus auch noch einen Strumpf?“

„Jedes Jahr.“

„Tatsächlich?“

„Weil ich wirklich ein braves Mädchen bin.“

„Ja, das stimmt wohl leider.“ Er schmunzelte. „Und womit füllt er Ihren Strumpf?“

„Seit einigen Jahren ist es immer dasselbe.“ Sie tippte rhythmisch mit den Fingern auf die Tischplatte, während sie die Gegenstände aufzählte. „Eine Orange, ein Lippenstift, Pfefferminztaler mit Schokoladenüberzug und …“ Sie drehte den Kopf und sah ihm ins Gesicht. „Spitzenhöschen.“

„Wirklich?“ Er ließ den Arm von der Lehne auf ihre Schulter rutschen. „Nur eins oder mehrere?“

„Mehrere.“

Er hob sein Glas wie zu einem Toast. „Ich habe immer gewusst, dass der Weihnachtsmann ein guter Kerl ist.“

Bald darauf entfloh Imogen. Sie leerte ihr Glas und verließ die Bar, bevor sie in Versuchung geriet, den Flirt weiter auszudehnen.

Während des ganzen nächsten Vormittags vermied Imogen jeden Blickkontakt mit Ryan. Aber in der Mittagspause, als gerade „Rudolph the Red Nosed Raindeer“ zum vierten Mal besungen wurde, stand er plötzlich am Packtisch. Er hielt eine große Daunenjacke in der Hand.

„Können Sie das bitte für mich einpacken?“ In seinen Augen blitzte es teuflisch.

„Gewiss, Mr Taylor.“ Er warf die Jacke auf den Tisch zwischen ihnen. Größe XXXL! Und das Ding schien lebendig zu sein. Sie faltete es zusammen, und es sprang von allein wieder auf. Sie versuchte, die Ärmel hineinzustopfen, sie quollen wieder hervor. Wütend sah sie zu Ryan auf. Er schmunzelte vergnügt.

„Das ist doch kein Problem für Sie, oder?“

„Natürlich nicht.“ Ihr Lächeln war mehr ein wütendes Zähnefletschen.

Sie versuchte, sich einzureden, dass er ein Kunde wie jeder andere war und die gleiche freundliche Behandlung verdiente. Höflich begann sie ein wenig Smalltalk. In Wirklichkeit war sie nur neugierig. „Ist es für einen Angehörigen?“

Ihre Frage schien ihn zu überraschen. „Die Jacke ist für meine Cousine“, stieß er nach kurzem Zögern hervor. „Jodie. Sie wird ihr bestimmt gefallen.“

Imogen zog ein Band in den grünen und goldenen Farben von Mackenzie Forrest von der Spule. Sie hatte seine kleine Verlegenheit bemerkt. Seine Cousine? Sie hatte ihre Zweifel.

„Jodie ist auch immer kalt. Muss sich auch immer aufwärmen.“

Imogens Zweifel verstärkten sich. „Na, in der Jacke bestimmt nicht mehr.“ Sie lächelte in gespieltem Diensteifer. „Und Sie haben bestimmt die richtige Größte ausgewählt?“

Jetzt fühlte er sich ertappt. „Oh ja, sie trägt gern weite Sachen. Damit verbirgt sie ihre Oberweite.“

Das war ein guter Versuch, aber sie glaubte kein einziges Wort mehr.

Ryan ließ nicht locker. „Sollte das Band nicht außen um das Paket geschlungen werden?“

„Eigentlich schon. Aber so lässt es sich besser verpacken.“

Sie hatte in der Zwischenzeit die Jacke mit dem Geschenkband gebändigt und sie zu einem kompakten Paket zusammengeschnürt. Nun ließ sie sich mühelos einpacken. Sie riss ein großes Stück Papier von der Rolle und schnitt weiteres Band ab, das diesmal wirklich außen herumgewickelt wurde.

„Das ist sehr hübsch geworden.“ Es schien ihm nicht leichtzufallen, ihren kleinen Sieg einzugestehen.

„Ich hoffe, die Jacke gefällt Ihrer Cousine“, sagte Imogen spöttisch lächelnd. „Selbst wenn sie sie zwölf Stunden zu früh auspackt.“

Er beugte sich über den Tisch. „Heiligabend ist genau der richtige Augenblick.“

„Der Rest der Welt wartet auf den ersten Feiertag.“

„Sind wir uns wenigstens einig, dass wir nicht übereinstimmen?“

„Nicht einmal darin.“

Es wurde zum guten Brauch, jeden Tag zur Mittagszeit.

„Stille Nacht“ – ein großer Spielzeugabakus für seine Nichte Donna, die noch Schwierigkeiten mit dem Rechnen hatte.

„White Christmas“ – ein riesiger Koffer für seine Cousine Clara, die offenbar immer zu viel Gepäck hatte.

„Santa Claus is Coming to Town“ – eine Magnum-Flasche Champagner für seine Großtante Hillary, die zu Weihnachten gern mal einen über den Durst trank. Dazu ein dicker Strohhalm, damit sie direkt aus der Flasche trinken konnte.

Die Geschenke wurden immer ausgefallener und immer schwieriger zu verpacken. Während Imogen das Unmögliche versuchte, grinste Ryan vergnügt und neckte sie. Sosehr sie das auch leugnete … sie freute sich jeden Tag darauf.

Tag für Tag lebte sie für diese Momente in seiner Nähe. Sie sehnte sein Erscheinen herbei, und wenn sie ihn in der Schlange vor ihrem Packtisch entdeckte, begann ihr Herz höher zu schlagen. Das Wochenende in ihrer kleinen Wohnung verlief zäh und freudlos. Dafür war die erste Begegnung am Montag fast schmerzhaft schön.

Ryan irrte. Es ging nicht um Instinkte … es war normale, frivole Lust. Es war das Verlangen des Weibchens, sich mit einem gesunden, kräftigen Männchen zu paaren. Und wie kräftig er war! Sie konnte ihn jeden Tag zur Mittagszeit bewundern.

Er wollte sie ebenfalls, aber „weiter konnte er im Moment nicht denken“. Sie meinte zu wissen, warum er sich nicht festlegen wollte. Wenn er sie erst vernascht hatte, würde sein „Instinkt“ ihn weitertreiben. Frei lebende Männchen folgten dem Trieb, ihren Samen so breit wie möglich zu verbreiten.

Er hatte gesagt, es brauche nicht kompliziert zu werden. Das wollte sie ganz bestimmt auch nicht. Aber ihr Verlangen nach ihm machte schon jetzt alles sehr schwierig. Wäre es besser, ihm nachzugeben? Ein einziges Mal? Danach würde sie ihn vergessen können. Man wünscht sich ja immer, was man nicht haben kann. Wenn sie sich also einmal mit ihm vergnügt hatte, würde ihr Verlangen gestillt sein. Oder?

Sie wälzte den Gedanken hin und her. Wenn sie die Kontrolle behielt, wenn sie bestimmen konnte, wann Schluss war … könnte sie es dann nicht wagen?

Vor und nach George hatte es nie einen anderen gegeben, und George war schon mehr als ein Jahr Vergangenheit. Vermutlich war ihr Sehnen nach Ryan deshalb so intensiv.

Er hatte gesagt, was auch immer zwischen ihnen passierte, würde nicht ihre Stellung bei Mackenzie Forrest beeinflussen. Konnte sie ihm vertrauen? Aber er würde ja nicht lange bleiben. In ein paar Monaten wäre er verschwunden, und sie würde sich wieder auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Eines Morgens hielt sie es nicht mehr aus. Sie zog ihre grüne Bluse an und darunter den scharlachroten BH mit einem dazu passenden Slip. Als Ryan das Büro betrat, hielt sie die Luft an. Er warf einen kurzen Blick auf ihre Bluse und konzentrierte sich dann auf ihren Computer.

„Ich brauche einige Daten aus der letzten Woche.“ Seine Stirn war gerunzelt.

„Ja.“

„Ich brauche die, bevor Sie heute Abend Feierabend machen.“

„Ja, Ryan“, erwiderte sie. Ihre Botschaft war klar und deutlich. „Ganz bestimmt.“

5. KAPITEL

Den ganzen Tag über ließ Ryan sich nicht blicken, nicht einmal während Imogens Mittagspause am Packtisch. Während sie über ihren Zahlen und Datenblättern brütete, wurde sie innerlich immer kälter. Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt. Um zehn nach sechs, als die anderen das Büro bereits verlassen hatten, klopfte sie an seine Tür und trat ein. Mit Schwung warf sie einen Stapel Papier auf seinen Tisch.

„Was ist das?“

„Der Bericht. Auf Ihrem Tisch.“

In seinen blauen Augen blitzte es auf. „Es war nicht der Bericht, den ich auf meinem Tisch wollte.“ Er erhob sich von seinem Stuhl.

Instinktiv trat sie einen Schritt zurück, aber er folgte ihr.

„Ja“, sagte er scharf. „Das ist doch das Wort, das Sie mir gesagt haben, Ms Hall? Oder habe ich mich verhört.“

„Ich …“

„Haben Sie Ja gesagt oder nicht?“

Das betörende Leuchten in seinen Augen verstärkte sich.

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