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JULIA EXTRA BAND 370

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Eine Braut wider Willen

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Eine Braut wider Willen

1. KAPITEL

„Du musst unbedingt zu ihm gehen.“

Die verzweifelt flehende Stimme ihrer Mutter Isla noch immer im Ohr, wartete Natalie nervös auf den Aufzug, der sie hinauf zu Angelo Bellandinis Londoner Büro befördern sollte. Seit achtundvierzig Stunden kreisten diese Worte unaufhörlich in ihrem Kopf und raubten ihr den Schlaf. Auf der Bahnfahrt von ihrer Heimatstadt Edinburgh hatte sie der Satz im Takt zum Rattern des Zuges verfolgt.

Persönlich hatte sie Angelo zuletzt vor fünf Jahren gesehen, aus Zeitschriften und Online-Blogs lächelte der Playboy und Erbe des Bellandini-Vermögens ihr ständig entgegen. Gerechterweise musste man dazusagen, dass Angelo die Hälfte seines sagenhaften Reichtums durch harte Arbeit selbst verdient hatte.

Nur wegen ihres jüngeren Bruders, der mal wieder erheblich über die Stränge geschlagen hatte, musste sie sich nun in die Höhle des Löwen wagen. Auf unsicheren Beinen stakste sie in den gläsernen Fahrstuhl und wählte die Etage. Lautlos setzte sich der Aufzug in Bewegung.

Vielleicht würde Angelo sie gar nicht empfangen. Immerhin hatte sie ihn vor fünf Jahren verlassen. Möglichweise hasste er sie jetzt so sehr, wie er sie damals geliebt hatte.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie oben am Empfang ankam. Das ausgesprochen vornehme und elegante Ambiente überwältigte sie, obwohl sie selbst aus sehr wohlhabendem Haus stammte. Als sie und Angelo sich kennengelernt hatten, hatte er mit keiner Silbe erwähnt, wie unglaublich reich seine Familie war. Für sie war er ein hart arbeitender, gutaussehender Italiener gewesen, der für seinen Magister in Betriebswirtschaft paukte. Er hatte sich sehr darum bemüht, seinen privilegierten Hintergrund zu verbergen – und sie selbst hatte ihm in nichts nachgestanden.

„Ich fürchte, Signore Bellandini ist nicht zu sprechen“, flötete die Empfangsdame. „Möchten Sie einen Termin vereinbaren?“

Natalie sah die hübsche Frau mit den Modelmaßen, dem perfekt gestylten blonden Haar und den klaren graublauen Augen an und verlor auch noch den letzten Rest an Selbstsicherheit. Sie selbst war furchtbar übernächtigt. Ihr sonst so frischer Teint wirkte eher grau, das lange braune Haar glanzlos. Wenigstens hatte sie im Fahrstuhl noch daran gedacht, etwas Lipgloss aufzulegen. Gegen die dunklen Schatten unter den Augen und die hohlen Wangen hatte sie nichts unternommen. Seit ihrem siebten Lebensjahr ging es ihr zu dieser Zeit des Jahres immer besonders schlecht.

Mit eiserner Selbstdisziplin straffte sie jetzt jedoch die Schultern. Es kam gar nicht infrage, das Gebäude unverrichteter Dinge wieder zu verlassen! „Richten Sie Signore Bellandini aus, ich sei nur bis morgen um diese Zeit in London.“ Sie reichte der Empfangsdame eine Visitenkarte und eine Karte des Hotels, in dem sie eine Übernachtung gebucht hatte. „Ich bin unter der Handynummer oder im Hotel zu erreichen.“

Nach einem kurzen Blick auf die Visitenkarte sah die Empfangsdame neugierig auf. „Sie sind Natalie Armitage? Die Innenarchitektin?“

„Genau die.“

„Ich liebe Ihre Bettwäsche und Handtücher aus der letzten Frühlingskollektion. Durch mich sind meine Freundinnen auch darauf aufmerksam geworden. Ihr Stil ist so feminin und dabei modern und originell“, schwärmte sie.

Natalie lächelte höflich. „Freut mich, dass Ihnen meine Kollektion gefällt.“

Die Empfangsdame zwinkerte ihr vergnügt zu und beugte sich über die Gegensprechanlage. „Signore Bellandini? Miss Natalie Armitage ist hier und würde Sie gern sprechen. Möchten Sie sie vor dem nächsten Kundengespräch empfangen, oder soll ich für heute Nachmittag einen Termin machen?“

Natalie hielt kurz den Atem an. Wie würde Angelo reagieren? Erstaunt? Verärgert? Wütend?

„Nein“, antwortete Angelo mit seiner tiefen sexy Stimme, die Natalie immer wie eine Liebkosung empfunden hatte. „Sie kann gleich reinkommen.“

Die Empfangsdame führte Natalie den langen Korridor entlang und blieb vor einer Tür mit einem Messingschild stehen, das Angelos Namen trug. „Sie haben wirklich Glück, Miss Armitage. Eigentlich empfängt er niemanden ohne Termin. Aber vielleicht will er ja auch unter Ihre Bettwäsche schlüpfen“, fügte sie mit anzüglichem Lächeln hinzu, bevor sie klopfte und der Besucherin die Tür aufhielt.

Natalie lächelte gequält und betrat die Höhle des Löwen. Angelo saß an einem Mahagonischreibtisch und sah ihr entgegen. Hinter ihr schloss sich die Tür mit leisem Klicken. Nun gab es kein Zurück mehr! Vor Nervosität war ihre Kehle ganz trocken.

Angelo sah noch fantastischer aus als vor fünf Jahren. Sein schönes Gesicht hatte markantere Züge angenommen, das Haar trug er kürzer, aber nicht zu kurz. Die schwarzen Locken ringelten sich um den Kragen eines hellblauen Oberhemdes. Auf dem glattrasierten Gesicht lag ein bläulicher Schatten, der den starken Bartwuchs verriet. Das Kinn war energisch wie eh und je, die Wimpern dicht und lang, die Augen kaffeebraun.

Angelo erhob sich. Aus Höflichkeit oder wollte er Natalie mit seiner beeindruckenden Körperlänge von über einem Meter neunzig einschüchtern? Trotz ihrer High Heels musste sie zu ihm aufblicken.

Nervös befeuchtete sie sich die trockenen Lippen und bemühte sich um Gelassenheit. Eigentlich hatte sie ihre Gefühle immer gut im Griff. Und jetzt war bestimmt nicht der Zeitpunkt zu zeigen, wie besorgt sie um ihren Bruder war. Angelo würde das sofort ausnutzen. Sie war hier, um für den Schaden zu zahlen, den Lachlan angerichtet hatte. Und dann würde sie auf der Stelle wieder verschwinden! „Danke, dass du dir so kurzfristig Zeit genommen hast“, sagte sie. „Ich weiß, wie beschäftigt du bist, und werde es kurzmachen.“

Mit seinen unergründlichen braunen Augen sah er sie an, während er die Gegensprechanlage betätigte. „Fiona? Ich möchte während der nächsten Stunde unter keinen Umständen gestört werden. Verschieben Sie alle Termine!“

„Wird erledigt, Chef.“

Natalie blinzelte, als er sich wieder aufrichtete. „Das ist wirklich nicht nötig, Angelo.“

„Oh doch! Was dein Bruder in Rom im Zimmer eines meiner Hotels angerichtet hat, ist ein Straftatbestand.“

„Ich weiß“, antwortete sie verlegen. „Aber er macht gerade eine schwierige Phase durch, und ich …“

Sarkastisch zog er eine schwarze Augenbraue hoch. „Hat Daddy ihm etwa den Porsche weggenommen? Oder das Taschengeld gekürzt?“

Natalie presste die Lippen zusammen, um ihre Emotionen im Zaum zu halten. Was fiel Angelo ein, sich über ihren Bruder lustig zu machen? Lachlan war eine tickende Zeitbombe. Nun war es an ihr, Natalie, ihn vor der Selbstzerstörung zu bewahren. Ihren anderen kleinen Bruder hatte sie damals nicht retten können, aber sie wollte alles in ihrer Macht Stehende tun, um Lachlan zu helfen. „Er ist doch noch ein Kind“, sagte sie leise. „Gerade erst hat er die Schule abgeschlossen und …“

„Er ist achtzehn Jahre alt, Natalie.“ Angelo unterbrach sie harsch. „Alt genug, um zu wählen, und meiner Ansicht nach auch alt genug, um die Konsequenzen seines Handelns selbst zu tragen. Er und seine betrunkenen Freunde haben in einem meiner renommiertesten Hotels einen Schaden von über hunderttausend Pfund angerichtet.“

Schockiert starrte sie ihn an. Er übertrieb maßlos, oder? Nach der Schilderung ihrer Mutter hatte Natalie damit gerechnet, dass der Teppich im Hotelzimmer eine gründliche Reinigung nötig hatte und eventuell die Wände neu gestrichen werden mussten. Mit einer so enormen Schadenssumme hatte sie nicht gerechnet.

Was war nur in Lachlan gefahren, ein Hotelzimmer derart zu verwüsten?

„Ich bin selbstverständlich bereit, dir den Schaden zu ersetzen, Angelo. Vorher würde ich mir allerdings gern selbst ein Bild davon machen.“

Herausfordernd sah er sie an. „Du kommst also persönlich dafür auf?“

Sie ließ sich nicht anmerken, dass ihr flau im Magen wurde, und hielt Angelos Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ja. Vorausgesetzt deine Forderung ist angemessen.“

„Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich einlässt. Oder weißt du, wie dein Bruder und seine Kumpels sich aufführen, wenn sie zu viel getrunken haben?“

Leider wusste Natalie das nur zu gut, und es raubte ihr seit Monaten den Schlaf. Sie kannte den Grund für Lachlans Verhalten, konnte jedoch nichts daran ändern: Lachlan war sozusagen als „Ersatz“ für den kleinen Liam zur Welt gekommen, der im Kleinkindalter gestorben war. Seit seiner Geburt lebte Lachlan nicht sein eigenes Leben, sondern das seines toten Bruders. Die Hoffnungen und Träume, die seine Eltern für Liam gehabt hatten, waren wie selbstverständlich auf Lachlan übergegangen. Irgendwann war er diesem Druck nicht mehr gewachsen gewesen. Natalie befürchtete seit Monaten das Schlimmste.

Sie war schon für Liams Tod verantwortlich. Die Vorstellung, auch noch Lachlan zu verlieren, war unerträglich.

„Bist du sicher, dass Lachlan für den Schaden verantwortlich ist und nicht einer seiner Freunde?“

Angelo musterte sie scharf. „Das Zimmer war auf seinen Namen gebucht. Beim Einchecken hat Lachlan seine Kreditkarte vorgelegt. Auch wenn er nicht einmal ein Sofakissen verrückt hat, ist er – rechtlich gesehen – für alle Schäden verantwortlich.“

Leider wusste Natalie, dass ihr Bruder nicht gerade ein Unschuldslamm war. Sie selbst hatte mehr als einmal seine Zerstörungswut erlebt, nachdem er zu viel getrunken hatte. Wenn er wieder nüchtern war, konnte er sich meist an nichts mehr erinnern.

Bisher war er immer mit einem blauen Auge davongekommen – aber nur, weil ihr einflussreicher, wohlhabender Vater seine guten Beziehungen zur britischen Staatsanwaltschaft hatte spielen lassen.

Doch Lachlans jüngster Anfall blinder Zerstörungswut hatte sich in Italien abgespielt. Deshalb wollte sie jetzt an Angelos Verständnis appellieren. Dass ihr Bruder sich aber auch ausgerechnet in einem Hotel von Angelo Bellandini hatte austoben müssen!

Resigniert zog sie ihr Scheckheft aus der Handtasche und suchte nach einem Kugelschreiber. „Also gut, ich glaube dir und werde den Schaden begleichen.“

Angelo lachte höhnisch. „Und du denkst allen Ernstes, damit wäre die Sache erledigt?“

Sie behielt die Nerven. „Forderst du mehr als hunderttausend Pfund?“, fragte sie mit unnatürlich hoher Stimme.

Das blieb ihm natürlich nicht verborgen. Intensiv blickte er Natalie in die Augen. Langsam wurde die Spannung unerträglich. Sie kroch förmlich über Natalies Körper und machte auch zwischen ihren Schenkeln nicht Halt – als hätte er sie dort mit seinen schönen, kundigen Händen berührt …

Angelo sagte kein Wort. Das musste er auch nicht, sein zufriedenes Lächeln verriet alles. Natürlich. Ihm ging es gar nicht ums Geld. Davon hatte er selbst mehr als genug. Hier ging es einzig und allein um sie.

Er wollte sie!

„Mach damit, was du willst“, sagte sie wütend und knallte den Scheck auf den Tisch.

Angelo nahm ihn auf und riss ihn betont langsam in kleine Schnipsel, die wie Konfetti auf den Schreibtisch regneten, während er Natalie unentwegt in die Augen sah. „Sobald du mein Büro verlässt, wende ich mich an die Behörden in Rom, um Anzeige zu erstatten. Ich werde dafür sorgen, dass dein Bruder im Gefängnis landet.“

Natalie blieb fast das Herz stehen. Wie lange würde Lachlan in einem ausländischen Gefängnis überleben? Unter all den Mördern, Dieben, Vergewaltigern. Bis zur Gerichtsverhandlung konnten Monate vergehen. Lachlan war doch fast noch ein Kind! Okay, er hatte eine Dummheit gemacht, aber eigentlich war das gar nicht seine Schuld. Was er brauchte, war Hilfe, keine Gefängnisstrafe.

„Was willst du damit bezwecken?“, fragte sie leise.

Angelo lächelte humorlos. „Kannst du dir das nicht denken, piccola mia?“

Sie atmete tief durch. „Findest du es nicht unfair, dich an meinem Bruder zu rächen, weil ich dich verlassen habe?“

Seine Augen glitzerten gefährlich. „Ich weiß bis heute nicht, warum eigentlich“, stieß er schließlich hervor. „Warum hast du mich wegen eines Mannes verlassen, den du in einer Bar angemacht hast wie eine Hure?“

Natalie wich seinem Blick aus. Auf diese Notlüge war sie nicht besonders stolz. Doch damals war ihr keine andere Lösung eingefallen. Hätte sie Angelo nicht diese Geschichte aufgetischt, hätte er sie niemals gehen lassen. Er hatte sich in sie verliebt, von Heirat und Kindern gesprochen. Sogar einen Verlobungsring hatte er schon gekauft. Sie hatte ihn zufällig gefunden, als sie Angelos Socken in die Schublade gelegt hatte. Der Brillant hatte sie angefunkelt und sie an ihre Träume erinnert, die sich niemals erfüllen würden.

Da war sie in Panik geraten.

„Ich war nicht in dich verliebt“, behauptete sie. Wenigstens war das nicht gelogen, denn sie hatte sich derartige Emotionen verboten. Sie wollte sich nicht auf Gefühle einlassen, über die sie keine Kontrolle hatte.

Wenn man liebt, erleidet man Verluste.

Wenn man jemandem Gefühle entgegenbringt, wird man von ihm verletzt.

Und wenn du jemandem dein Herz öffnest, wird derjenige es dir brechen!

Die körperliche Liebe stand auf einem anderen Blatt. Der hatte sie sich hingegeben. Angelo hatte ihr gar keine andere Wahl gelassen. Seit dem ersten Kuss war sie ihm praktisch verfallen gewesen. Er war ein wunderbarer Liebhaber. Sie brauchte nur an Sex mit ihm zu denken, schon wurde ihr heiß. Dagegen war sie machtlos.

„Es war also nur Sex?“, fragte Angelo.

Widerstrebend sah sie zu ihm auf und wünschte sofort, sie hätte es nicht getan, denn in Angelos dunklen Augen spiegelte sich Hass. „Ich war damals erst einundzwanzig“, rechtfertigte sie sich. „Ich wusste noch nicht, was ich wollte.“

„Weißt du es jetzt?“

Sie biss sich auf die Lippe. „Immerhin weiß ich, was ich nicht will.“

„Und was ist das?“

„Könnten wir bitte wieder zum Grund meines Besuchs zurückkommen, Angelo? Ich bin hier, um für den Schaden aufzukommen, den mein Bruder angeblich verursacht hat. Eine finanzielle Entschädigung lehnst du offensichtlich ab. Was willst du dann?“

Natürlich war das eine gefährliche Frage. Am liebsten hätte Natalie sie sofort zurückgezogen. Gegen Angelo und seine enorme Anziehungskraft war sie noch nie immun gewesen.

Sie hatte nur so getan als ob, um zu verbergen, wie sehr sie sich gewünscht hätte, ihn lieben zu können. Doch die Fesseln der Vergangenheit hatten sie fest im Griff, damals wie heute. Sie durfte niemanden lieben, weder Angelo noch irgendeinen anderen Menschen.

Angelos harter Blick war unerbittlich. „Komm, setz dich, dann können wir alles in Ruhe besprechen.“ Auffordernd zeigte Angelo auf einen Sessel.

Natalie nahm Platz. Wahrscheinlich hätten ihre Beine sowieso gleich nachgegeben. Beklommen sah sie zu, wie Angelo sich wieder an den Schreibtisch setzte. Für einen Mann seiner Größe bewegte er sich ausgesprochen geschmeidig. Er war schlank und durchtrainiert. Unter dem eisblauen Hemd, das seinen mediterranen Teint gut zur Geltung brachte, zeichneten sich muskulöse Oberarme ab. Auch im edlen Businessanzug machte Angelo, den sie damals nur in legerer Kleidung gesehen hatte, eine ausgezeichnete Figur und strahlte die Unnahbarkeit eines erfolgreichen Hoteliers und Investors aus. Mit Mund und Händen hatte sie jeden Zentimeter dieses sexy Körpers erforscht. Sie erinnerte sich noch genau an den salzigen Geschmack auf der Zunge, an Angelos ganz eigenen, mit Moschus und Zitrusnote vermischten Duft, der ihren Körper auch noch Stunden nach dem Liebesspiel umhüllt hatte. Sie erinnerte sich, wie kraftvoll er in sie eingedrungen war. Es war magisch gewesen, wie er sie geschickt in die höchsten Höhen katapultiert hatte.

Energisch rief Natalie sich zur Ordnung und sah Angelo mit einer ablehnenden Entschlossenheit an, die sie nun wirklich nicht empfand.

Gelassen erwiderte er ihren Blick und bemerkte dann anzüglich: „Ich habe gehört, dass alle Leute, die es sich leisten können, in deiner Bettwäsche schlafen.“

Ohne mit der Wimper zu zucken, entgegnete sie: „Zu denen zählst du wohl nicht.“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Noch nicht.“

Heißes Verlangen durchzuckte Natalie bei der Erinnerung an die leidenschaftlichen Nächte mit Angelo. Der Versuch, es sofort zu unterdrücken, misslang. Seit sie das Büro betreten hatte, schien ihr Körper verrücktzuspielen – wie immer, wenn sie in Angelos Nähe war. Ein Blick, ein Wort, eine Berührung – schon schmolz sie förmlich dahin.

Sie konnte es sich aber nicht leisten, ihrer Sehnsucht nachzugeben. Hier ging es einzig und allein um Lachlan. Seine Zukunft lag in ihren Händen. Wenn die Presse Wind von seiner letzten Eskapade bekäme, wäre Lachlan geliefert. Sein Traum von einem Studium in Harvard würde wie eine Seifenblase zerplatzen. Als Vorbestrafter hätte er nirgends eine Chance.

Ihr Vater würde toben und sie und Lachlan fertigmachen.

Natalie machte sich Vorwürfe, nicht eher erkannt zu haben, wie ihr Bruder immer mehr auf die schiefe Bahn geraten war. Warum hatte sich sein Zorn gegen Angelo gerichtet? Gab Lachlan ihm die Schuld an ihrem unglücklichen Liebesleben? Wahrscheinlich hatte er zwei und zwei zusammengezählt. Dabei hatte sie sich doch nie etwas anmerken lassen, sondern sich voll und ganz auf ihre Karriere konzentriert. Zwei kurze Affären hatten sie völlig kaltgelassen. Die Leidenschaft, die Angelo in ihr entfacht hatte, war einzigartig gewesen. Aber sie hatte einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Noch einmal würde sie das nicht überstehen.

Also blieb sie lieber allein.

„Ich kann verstehen, dass du dich sehr über meinen Bruder geärgert hast“, sagte sie. „Trotzdem möchte ich dich herzlich bitten, von einer Anzeige abzusehen.“

Angelo blinzelte spöttisch. „Du bittest mich herzlich?“

Natalie presste die Lippen zusammen, um die Fassung zu wahren. Typisch Angelo, sie so zu provozieren! Er hatte sie in der Hand und würde erst ruhen, wenn er sie da hatte, wo er sie haben wollte. „Ich bitte dich lediglich um Nachsicht.“

„Du kriechst zu Kreuze.“

Natalie straffte sich. „Ich möchte, dass du von einer Anzeige absiehst, Angelo. Ich komme für den Schaden auf. Wenn du darauf bestehst, bezahle ich sogar die doppelte Summe.“

Er sah sie scharf an. „Du willst die Geschichte aus der Welt schaffen, bevor die Presse davon Wind bekommt, oder?“

Verzweifelt versuchte Natalie, die aufsteigende Panik in Schach zu halten. Das jahrelange Training zahlte sich auch jetzt aus: Sie verstand es meisterhaft, ihre wahren Gefühle hinter einer ausdruckslosen Miene zu verbergen. Nur so hatte sie sich als Kind vor den Wutausbrüchen ihres Vaters schützen können. Angelo hatte allerdings schon immer einen sechsten Sinn dafür gehabt, was sich hinter der Maske abspielte.

„Selbstverständlich möchte ich die Presse heraushalten. Das muss doch auch in deinem Interesse sein, oder? Schließlich spricht es ja nicht gerade für dein Sicherheitspersonal, wenn ein Gast sich so austoben kann, wie mein Bruder es angeblich getan haben soll. Gerade die Zielgruppe deiner Hotels legt ja sehr hohen Wert auf Sicherheit. Auch du hast also einen Ruf zu verlieren.“ Herausfordernd musterte sie ihn.

Ein leichtes Zucken neben Angelos Mund verriet, dass sie einen Nerv getroffen hatte. „Ich habe Grund zu der Annahme, dass dein Bruder es speziell auf mein Hotel abgesehen hatte.“

„Wie kommst du darauf?“

Angelo zog ein Blatt Papier aus einer Schreibtischschublade und schob es Natalie wortlos zu.

Entsetzt erkannte sie Lachlans Handschrift. Das Schreiben war an Angelo adressiert und lautete: ‚Für das, was du meiner Schwester angetan hast.‘

Mit bebender Hand gab sie Angelo das Blatt zurück. „Mir fehlen die Worte“, gestand sie. „Ich habe Lachlan nie von uns erzählt. Als wir uns die Wohnung in Notting Hill geteilt haben, war er dreizehn und im Internat. Er hat dich nie kennengelernt.“

Gleiches galt für den Rest ihrer Familie. Natalie war sorgfältig darauf bedacht gewesen, Angelo vor der Bigotterie ihres Vaters und der beschämenden Untertänigkeit ihrer Mutter zu bewahren.

„Irgendwas musst du ja zu ihm gesagt haben“, meinte Angelo. „Wie wäre er sonst dazu gekommen, mir das zu schreiben?“

Natalie dachte nach. Sie hatte niemandem die ganze Wahrheit gesagt, sondern lediglich erwähnt, dass sie die kurze Affäre mit Angelo beendet hatte, um sich voll und ganz ihrer Karriere zu widmen. Nicht einmal ihrer besten Freundin Isabel Astonberry hatte sie anvertraut, wie sehr sie unter der Trennung von Angelo litt. Sie hatte behauptet, von Angstzuständen geplagt zu sein. Selbst ihr Arzt hatte den Gewichtsverlust und die Schlaflosigkeit darauf geschoben. Irgendwann hatte Natalie es fast selbst geglaubt und sogar die vom Arzt verschriebenen Medikamente eingenommen. Das Zeug hatte dazu geführt, dass sie ihre Umgebung wie durch Watte wahrgenommen und sich wie ein Zombie gefühlt hatte.

Irgendwann hatte sie sich selbst aus dem Tief befreit und ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Harte Arbeit war noch immer die beste Therapie. Gleich nach dem Examen als Innenarchitektin hatte der Erfolg sich eingestellt. Ihr Onlineshop boomte. Sie plante sogar, Filialen in ganz Europa zu eröffnen. Inzwischen hatte sie genug Personal einstellen können, um sich ganz auf ihre Lieblingsbeschäftigung zu konzentrieren: das Entwerfen von Bettwäsche, Handtüchern und anderen Accessoires aus Stoff.

Sie hatte es ganz allein geschafft, ohne das Geld ihres Vaters und ohne ihre gesellschaftliche Stellung auszunutzen. Genau wie Angelo, der auch von dem Ehrgeiz getrieben war, sich ohne Hilfe ein Imperium aufzubauen.

„Natalie?“ Angelos tiefe Stimme schreckte sie aus dem Tagtraum. „Hast du eine Erklärung für dieses Schreiben?“

Sie senkte den Blick und schob sich eine Strähne hinters Ohr. „Nein, ich bin völlig ratlos.“

„Dein Bruder muss gewusst haben, dass er dich damit in Schwierigkeiten bringt.“

Natalie sah wieder auf. „Hunderttausend Pfund sind viel Geld. Aber nicht, wenn es um die Freiheit eines Menschen geht.“

Angelo lächelte rätselhaft. „Fragt sich nur, um wessen Freiheit es hier geht.“

Neue Panik durchzuckte sie. „Könntest du bitte aufhören mit deinen Spielchen? Warum sagst du nicht einfach, was du wirklich willst.“

Seine dunklen Augen glitzerten hart. „Du weißt genau, was ich will, Natalie: dasselbe wie vor fünf Jahren.“

Ihr stockte der Atem. „So kaltblütig bist du nicht, Angelo, auf eine Affäre aus zu sein mit einer Frau, die du hasst.“

Er lächelte kühl. „Wer hat was von einer Affäre gesagt?“

Ihr brach der Angstschweiß aus. „Du machst Witze“, stieß sie schließlich heiser hervor und konnte den Blick nicht von Angelos dunklen Augen abwenden. Ein erotisches Prickeln überlief sie. Das Knistern zwischen Angelo und ihr war deutlich spürbar. Wieder hatte nur ein Blick genügt, heißes Verlangen in ihr zu entfesseln. Doch das musste sie vor Angelo verbergen.

„Ich wünsche mir eine Ehefrau“, erklärte er so beiläufig, als würde er eine Tasse Kaffee bestellen.

„Viel Glück bei der Suche“, sagte Natalie betont kühl.

„Ich habe sie bereits gefunden.“

„Was soll das, Angelo? Willst du mich erpressen?“

Lässig zuckte er die Schultern. „Bis zur Gerichtsverhandlung wird dein Bruder vermutlich Monate in Untersuchungshaft schmoren, vielleicht ein Jahr. In Italien dauert das nun mal so lange. Und glaub ja nicht, er käme ungeschoren davon. Ich habe genug Beweismaterial, um ihn für Jahre hinter Gitter zu bringen.“

Aufgebracht sprang Natalie auf. „Du Mistkerl!“, rief sie wütend. „Das tust du nur, um dich an mir zu rächen, weil ich die einzige Frau bin, die dich je verlassen hat. Dein Stolz ist verletzt, das ist alles!“

Zornig musterte er sie und zischte: „Setz dich wieder hin!“

„Fahr zur Hölle!“

Angelo stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und stand ganz langsam auf. Es hatte etwas Bedrohliches.

„Wir heiraten, sobald ich den erforderlichen Papierkram erledigt habe“, sagte er gefährlich leise. „Wenn du dich weigerst, wird dein Bruder die Konsequenzen seines Wutausbruchs tragen müssen.“

Wutentbrannt griff Natalie nach ihrer Handtasche, drückte sie so fest an sich, dass sich der Metallverschluss schmerzhaft in ihre Haut bohrte, und fauchte: „Ich hoffe, du stirbst langsam und qualvoll und verrottest in der Hölle.“

„Ich liebe dich auch, Tatty“, antwortete er ungerührt.

Die Erwähnung ihres Kosenamens nahm Natalie den Wind aus den Segeln. Von einer Sekunde auf die nächste hatte sie völlig die Fassung verloren. Tränen stiegen in ihr auf und ließen sich nicht zurückdrängen. Den Triumph gönnte sie Angelo nicht! Mit letzter Kraft wirbelte sie herum, fand den Weg zum Ausgang und ließ die Tür hinter sich sperrangelweit offen.

Wie von Furien, gejagt hastete sie die Treppe hinunter.

2. KAPITEL

Natalie hatte keine Ahnung, wie sie ins Hotel zurückgekommen war. Doch schließlich zog sie völlig erschöpft und atemlos die Tür zu ihrer Suite hinter sich zu und erschrak, als in diesem Moment ihr Handy klingelte. Mit letzter Kraft drückte sie auf die Taste.

„Hallo?“

„Natalie? Ich bin’s … Lachlan.“

Aufgebracht schob sie sich das Haar aus der Stirn und raunzte ihren Bruder an. „Ich versuche seit vierundzwanzig Stunden, dich zu erreichen. Wo steckst du? Was ist los? Bist du denn völlig verrückt geworden, Lachlan?“

„Tut mir leid“, sagte er. „Hör zu, man hat mir nur diesen einen Anruf erlaubt. Ich muss mich kurzfassen.“

Entschlossen verbannte Natalie das vor ihrem inneren Auge auftauchende Bild ihres Bruders in einer kargen Zelle. „Dann sag mir, was ich tun kann.“ Sie ging zum Fenster und blickte hinaus auf die Themse und das Millennium Wheel. „Was brauchst du? Ich komme, so schnell ich kann.“

„Es reicht, wenn du tust, was Angelo sagt. Er hat alles unter Kontrolle und kann den Vorfall praktisch ungeschehen machen.“

Natalie wandte sich vom Fenster ab. „Hast du den Verstand verloren?“

Lachlan seufzte leise. „Tu einfach, was er sagt, Nat! Er will dir nichts Böses.“

„Er will mich heiraten, Lachlan!“ Sie lachte freudlos.

„Es gibt Schlimmeres, Nat.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Der Mann hasst mich“, rief sie empört.

„Es ist meine einzige Chance, nicht hinter Gitter zu kommen. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Angelo hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder du heiratest ihn, oder ich gehe in den Bau.“

„Wie es aussieht, hat Angelo mich vor die Wahl gestellt: Ich soll meine Freiheit für deine opfern.“ Sie schnaubte verächtlich.

„Es muss ja nicht für immer sein“, gab Lachlan kleinlaut zu bedenken. „Nach ein paar Monaten lässt du dich wieder scheiden. Er kann dich nicht zwingen, mit ihm verheiratet zu bleiben.“

Da war Natalie sich nicht so sicher. Reiche einflussreiche Männer erreichten meist, was sie wollten. Ihr Vater war das beste Beispiel. Noch immer hielt er ihre Mutter an sich gefesselt. Trotz seiner ständigen Affären und seelischer Grausamkeiten blieb sie bei diesem Tyrannen. Sollte sie etwa selbst so enden wie ihre Mutter? Diese Vorstellung war unerträglich. Eine hübsche Ehefrau und Gespielin, derer man sich nach Belieben bediente. Doch Schönheit war vergänglich, und eines Tages würde ihr Ehemann das Interesse an ihr verlieren. Dann blieben nur Brillanten, Designerklamotten und Alkohol, um die Einsamkeit zu versüßen.

„Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, alles kurz und klein zu schlagen? Ausgerechnet in einem Hotel, das Angelo gehört?“

„Erinnerst du dich an unser letztes Treffen?“, fragte Lachlan.

Natalie erinnerte sich nur zu gut. Sie hatten vor einigen Wochen gemeinsam ein Wochenende in Paris verbracht, wo sie eine Stoffmesse besucht hatte und Lachlan zur Feier des achtzehnten Geburtstages eines Freundes eingeladen gewesen war. Dort hatte er sich im Alkoholrausch völlig danebenbenommen, sodass die Eltern des Freundes ihn kurzerhand vors Schlosstor gesetzt hatten.

„Ja“, antwortete sie ungehalten. „Ich habe Tage gebraucht, um den Gestank von Alkohol und Erbrochenem aus meinem Mantel zu bekommen.“

„Auf dem Beifahrersitz lag ein aufgeschlagenes Boulevardblatt mit einem Bericht über Angelo und seine neueste Freundin. Diese einundzwanzigjährige Millionenerbin aus Texas.“

Eifersucht flackerte sofort auf, als Lachlan den Artikel erwähnte, doch sie gab sich unbeteiligt. „Und? Es war ja nicht das erste Mal, dass er ein vollbusiges Dummchen im Arm hatte.“

„Sicher nicht“, antwortete Lachlan. „Aber es war das erste Mal, dass ich gesehen habe, wie sehr du darunter leidest.“

„So ein Unsinn! Ich war lediglich angeekelt.“

„Das ist das Gleiche.“

Wütend begann Natalie, hin und her zu tigern. „Und weil du dachtest, ich wäre etwas ungehalten über den Artikel, nimmst du eines der exklusivsten Hotelzimmer in Europa auseinander?“

„Im Nachhinein betrachtet war das natürlich eine Schnapsidee“, gab Lachlan zerknirscht zu. „Aber ich war einfach wütend, dass er glücklich zu sein schien, während du todunglücklich bist.“

Verblüfft runzelte Natalie die Stirn. „Wie meinst du das? Ich bin eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau und zufrieden mit meinem Leben.“

„Wirklich, Nat?“

Das Schweigen sprach für sich.

„Du arbeitest fast rund um die Uhr und machst nie Urlaub.“

„Weil ich das Fliegen hasse. Das ist der einzige Grund.“

„Dann solltest du etwas gegen deine Flugangst unternehmen.“

„Dazu fehlt mir die Zeit.“

„Es hat mit Liams Tod zu tun, oder?“, fragte Lachlan leise. „Seit er damals in Spanien ertrunken ist, bist du nie mehr geflogen.“

Die Schuldgefühle erfassten sie sofort. Sie sah den kleinen weißen Sarg vor sich, in dem ihr totes Brüderchen gelegen hatte. Sie hatte zusehen müssen, wie der Sarg aus der Maschine geladen wurde. Wie versteinert war sie gewesen.

Es war ihre Schuld gewesen, dass man Liam mit dem Gesicht nach unten im Pool gefunden hatte.

„Ich muss Schluss machen. Ich werde verlegt.“

Sofort war Natalie wieder in der Gegenwart. Wenigstens Lachlan musste sie retten. „Wohin?“

Er überging ihre Frage. „Bitte tu, was Angelo verlangt, Nat. Er hat versprochen, die Sache dann unter den Teppich zu kehren. Die Presse wird niemals Wind davon bekommen. Wenn du dich weigerst, bin ich erledigt.“

Verzweifelt kniff Natalie die Augen zu. Sie saß in der Falle.

Angelo war gerade dabei, die letzten Einzelheiten eines Projekts in Malaysia zu planen, als Fiona eine Besucherin meldete.

„Natalie Armitage möchte Sie sprechen.“

Er lehnte sich zurück und lächelte siegesgewiss. Wie lange hatte er auf diese Gelegenheit gewartet! Natalie sollte ihn auf Knien anflehen und dafür bezahlen, dass sie ihm das Herz gebrochen hatte, als sie ihn von einem Tag auf den anderen einfach verlassen hatte.

„Sie soll warten. Ich habe noch eine halbe Stunde mit dringenden Unterlagen zu tun.“

Fiona gab die Nachricht weiter und sprach dann wieder in die Gegensprechanlage. „Miss Armitage sagt, sie kann nicht warten. Wenn sie Sie nicht gleich sprechen kann, fährt sie zurück nach Edinburgh, und Sie sehen sie nie wieder.“

Angelo trommelte nachdenklich mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Er kannte Natalies Sturheit nur zu gut. Sie wusste genau, was sie wollte, und war ausgesprochen selbstständig und unabhängig. Gerade diese Eigenschaften hatte er so an ihr bewundert. Am Ende hatten sie ihn jedoch maßlos geärgert, denn Natalie war einfach nicht bereit gewesen, sich seinem Willen zu beugen. Dabei war er es gewohnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzten. Schließlich war er der Boss.

Aber seine kleine Tatty hatte nun mal ihren eigenen Kopf.

Er beugte sich vor und sagte: „Teilen Sie ihr mit, dass ich in einer Viertelstunde zu sprechen bin.“

Bevor er sich aufrichten konnte, wurde die Tür aufgerissen und Natalie stürmte herein. Ihr Haar wirkte zerzaust, das Gesicht rot vor Zorn. Die Hände hatte sie zu Fäusten geballt, ihre graublauen Augen glitzerten gefährlich. Die wunderschönen Brüste hoben und senkten sich unter der Bluse so erregend, dass sein Körper sofort lustvoll reagierte.

„Du … du Mistkerl!“, rief sie zornig.

Angelo lehnte sich wieder zurück. „Ich freue mich auch, dich so schnell wiederzusehen, cara. Hattest du Sehnsucht?“

Wütend funkelte sie ihn an. „Wohin hast du ihn bringen lassen?“

„Wen?“ Fragend zog er eine Augenbraue hoch.

Natalie kniff die Augen zusammen. „Meinen Bruder. Ich kann ihn nicht erreichen. Woher soll ich wissen, dass es ihm gut geht?“

„Dein Bruder ist in guten Händen. Jedenfalls solange du tust, was erforderlich ist.“

„Und woher weiß ich, dass du dich an deinen Teil der Abmachung hältst?“

„Du kannst mir vertrauen, Natalie.“

„Ebenso gut könnte ich einer Giftschlange vertrauen“, zischte sie.

Angelo rang sich ein Lächeln ab. „Die wird dich bei der italienischen Justiz aber nicht weiterbringen“, gab er zu bedenken. „Ich hingegen kann mit einer Unterschrift über das Schicksal deines Bruders entscheiden.“ Um seine Worte zu unterstreichen, zückte er seinen Füllfederhalter. „Die Entscheidung liegt bei dir, cara.“

Ihr war deutlich anzusehen, wie sehr sie mit sich kämpfte. Er spürte förmlich die Energie ihrer Wut.

„Du kannst mich zwingen, deinen blöden Ring zu tragen, aber zum Sex kannst du mich nicht zwingen“, stieß Natalie mit vor Zorn bebender Stimme hervor.

„Du wirst meine Frau werden, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn dir das nicht passt, ist der Deal geplatzt.“

Voller Abscheu musterte sie ihn. „Ich hätte nie gedacht, dass du so tief sinken würdest, Angelo. Wieso ausgerechnet ich? Du könntest jede Frau haben. Aber du suchst dir ausgerechnet eine aus, die dich nicht will. Das ist doch krank!“

Angelo drehte sich mit dem Chefsessel hin und her und ließ Natalie dabei nicht aus den Augen. In ihrer Wut war sie noch schöner und reizvoller. „Mir gefällt die Vorstellung, dich zu zähmen. Du gebärdest dich wie ein wildes Fohlen, das sich aufbäumt und zornig um sich tritt, damit ihm niemand zu nahe kommt.“

Diese Bemerkung entfachte ihre Wut erneut. „Und da dachtest du, du könntest mich mit dem Lasso einfangen und mich dir mit der Peitsche unterwerfen, oder?“ Sie lachte abfällig. „Viel Glück!“

Er grinste lässig. „Du weißt ja, dass ich Herausforderungen liebe, Tatty. Je größer, desto besser.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Nenn mich nicht so!“

„Warum nicht? So habe ich dich doch immer genannt.“

Sie entfernte sich möglichst weit von ihm und verschränkte abweisend die Arme. „Ich möchte es aber nicht mehr hören.“

„Ich nenne dich, wie es mir gefällt“, polterte er. „Und sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“

Natalie dachte gar nicht daran. Stur betrachtete sie ein Gemälde an der Wand. „Fahr zur Hölle!“

Angelo sprang auf, kam zu ihr herüber und wollte ihr eine Hand auf die Schulter legen. Doch Natalie wich geschickt aus und schlug nach der Hand wie nach einem lästigen Insekt.

„Untersteh dich, mich anzufassen!“, fuhr sie ihn an.

Das erregte ihn erst recht. Verlangend betrachtete er die sinnlichen Lippen, mit denen sie ihn früher so heiß und leidenschaftlich geküsst hatte. Sie hatte ihn mit den Lippen umschlossen und bis zur Ekstase getrieben. Mit ihrer heißen Zunge hatte sie seinen Körper entflammt und mit den Händen erregend liebkost. Der Sex mit ihr war einfach unvergesslich.

Seit sie ihn vor fünf Jahren Knall auf Fall verlassen hatte, hatte er auf diesen Moment gewartet – auf die Gelegenheit, ihr vor Augen zu führen, wie sehr sie ihn begehrte, obwohl sie das Gegenteil behauptete. Der wütende Schmerz darüber, aus ihrem Leben ausgeschlossen zu sein, hatte die ganze Zeit an ihm genagt. Dadurch war jede andere Beziehung von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Einige hatten nur zwei Verabredungen überdauert, andere waren spätestens nach vier Wochen zerbrochen. Keine Frau konnte ihm geben, was er bei Natalie gefunden hatte. Sie war wie für ihn gemacht, und er war wie für sie gemacht. Er spürte ganz deutlich, dass sie ihn genauso begehrte wie er sie. Dabei hatte er in letzter Zeit schon befürchtet, sich das alles nur eingebildet zu haben.

Noch einmal verlässt sie mich nicht, schwor er sich. Dieses Mal würde er entscheiden, wann er genug von ihr hatte. Vielleicht nach einem Monat, vielleicht nach einem Jahr. Jedenfalls würde er nicht zulassen, dass sie ihm das Herz ein zweites Mal brach. So nah würde er sie nicht wieder an sich heranlassen. Damals hatte er sich Hals über Kopf in sie verliebt und sich die Zukunft mit ihr in den schönsten Farben ausgemalt. Mit ihr an seiner Seite hatte er das Imperium vergrößern wollen, das seine Großeltern und Eltern aufgebaut hatten.

Doch dann hatte sie ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

Es war ihm egal, ob sie ihn hasste, weil er sie zwang, ihn zu heiraten. Er begehrte sie, und er würde sie sich nehmen. Natürlich würde er dafür sorgen, dass sie es auch wollte. Gewalt würde er ihr ganz sicher nicht antun. Hinter der unnahbaren Fassade versteckte sich eine leidenschaftliche junge Frau. Vor fünf Jahren hatte er ihre Leidenschaft entfesselt, und er würde es wieder tun.

„Du wirst mich förmlich anflehen, dich zu berühren, cara“, sagte er rau. „So wie du es früher getan hast.“

Sie musterte ihn verächtlich. „Siehst du denn nicht, wie sehr ich dich hasse?“

„Ich sehe Leidenschaft, keinen Hass.“

Natalie atmete tief durch und wich zurück. „Und wann willst du deinen lächerlichen Plan umsetzen?“

„Wir heiraten Ende nächster Woche“, teilte er ihr mit. „Warum länger warten?“

„Nächste Woche?“, fragte sie verblüfft. „Wozu die Eile?“

Angelo hielt ihren Blick fest. „Weil ich weiß, wie du tickst, Natalie. Ich will kein Risiko eingehen. Je eher wir verheiratet sind, desto besser für deinen Bruder.“

„Darf ich zu ihm?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Er darf keinen Besuch empfangen.“

„Wie bitte? Das verstößt gegen die Menschenrechte.“

„Es ist besser für ihn. Du wirst ihn noch früh genug sehen. In der Zwischenzeit sollte ich wohl deine Eltern kennenlernen.“

Das schien sie zu beunruhigen. Doch sie hatte ihre Gefühle gleich wieder im Griff. „Wozu?“

„Das gehört sich doch so, oder? Meine Eltern wollen dich auch kennenlernen. Und meine Großeltern, Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen.“

Natalie warf ihm einen besorgten Blick zu. „Kommen die etwa auch alle zur Trauung?“

„Selbstverständlich. Am kommenden Dienstag fliegen wir nach Rom. Die Hochzeit findet am Sonnabend statt, und zwar in der Villa meiner Großeltern. Die Privatkapelle wurde eigens zu ihrer Trauung vor sechzig Jahren erbaut.“

„Sagtest du ‚fliegen‘?“, fragte sie entsetzt.

„Ja. Im firmeneigenen Jet.“

„Ich fliege nicht“, erklärte sie knapp.

„Was soll das heißen?“ Angelo sah sie forschend an.

Sie wich seinem Blick aus und umklammerte schützend ihren Körper. „Dass ich nicht fliege.“

Angelo stutzte. Er erinnerte sich an zurückliegende Reaktionen von Natalie, die er merkwürdig gefunden, jedoch nicht weiter beachtet hatte. Jetzt wurde ihm einiges klar. „Deshalb hast du gestern auch den Zug nach London genommen. Und als ich vor fünf Jahren im Billigflieger mit dir nach Malta wollte, hast du behauptet, du könntest dir das Ticket nicht leisten. Und einladen durfte ich dich auch nicht. Ich weiß noch genau, wie heftig wir uns damals gestritten haben. Du hast tagelang nicht mit mir geredet. Es ging dir gar nicht um deine Unabhängigkeit. Du hast Angst vorm Fliegen, cara.“

Angespannt sah Natalie aus dem Fenster. „Jetzt sag schon, dass du mich für durchgeknallt hältst. Du wärst nicht der Erste.“

Angelo atmete tief durch. „Ach, Natalie, warum hast du mir das nicht eher gesagt?“

„Hallo, ich bin Natalie Armitage und habe Angst vorm Fliegen. Ungefähr so? Das hätte dich damals in der Bar ganz sicher vom Hocker gehauen“, spöttelte sie.

„Deine unwiderstehlichen Augen haben mich vom Hocker gehauen, wenn du es genau wissen willst. Und wie du den schmierigen Typ, der dich abschleppen wollte, hast abblitzen lassen.“

Bei der Erinnerung an ihre erste Begegnung schien sie sich etwas zu entspannen. „Du hättest dich gar nicht als Macho aufspielen müssen, um den Kerl zu vertreiben. Ich hätte das auch allein geschafft“, sagte sie leise.

„Der Typ war betrunken. Es hat mir richtig Spaß gemacht, ihn auf die Straße zu befördern“, erzählte Angelo.

Natalie wandte sich zu ihm um. „Ich möchte nicht fliegen, Angelo. Mit dem Auto bin ich innerhalb von zwei Tagen in Rom. Du kannst ja fliegen, wenn du nicht so viel Zeit hast.“

Hinter ihrem kühlen Blick verbarg sie ihre Angst, das spürte Angelo. Langsam fragte er sich, ob er Natalie vor fünf Jahren überhaupt richtig gekannt hatte. Offenbar nicht, denn sonst wären ihm ihre Ängste schon damals aufgefallen. Dabei bildete er sich doch so viel auf seine Menschenkenntnis ein! Allerdings war es auch besonders schwierig, aus Natalie schlau zu werden. Sie hatte einen so vielschichtigen Charakter. Wahrscheinlich würde es viele Jahre dauern, sie richtig kennenzulernen.

„Ich werde die ganze Zeit bei dir sein“, versprach er. „Ich würde niemals zulassen, dass dir etwas passiert.“

„Und das soll mich beruhigen? Immerhin bist du der Mann, der mich aus Rache zur Heirat zwingt.“

„Aber ich würde dir niemals wehtun.“

„Bist du sicher?“ Herausfordernd funkelte sie ihn an.

Wortlos kehrte Angelo zum Schreibtisch zurück und umklammerte die Rückenlehne seines Chefsessels. „Musst du mir ständig niedere Beweggründe unterstellen?“

Sie lachte freudlos. „Gesundes Misstrauen wird ja wohl erlaubt sein, oder? Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass ich dir nach all den Jahren noch immer etwas bedeute?“

Angelo umklammerte die Lehne so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ich liebe sie nicht, redete er sich ein. Ich will sie nicht lieben! Sie hatte ihn betrogen. Das konnte er ihr nicht so schnell verzeihen. Trotzdem begehrte er sie. Aber das eine hatte ja mit dem anderen nichts zu tun.

Energisch lockerte er den Griff und setzte sich. „Das mit uns ist noch nicht beendet“, sagte er. „Das wurde mir sofort klar, als du gestern in mein Büro geschneit bist.“

„Das bildest du dir ein.“

„Tatsächlich?“ Fragend zog er eine Augenbraue hoch.

Sie hielt seinem Blick stand, betrachtete dann jedoch einen Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch. „Was meinst du, wie lange diese Ehe halten wird, Angelo?“

„So lange wir wollen.“

Natalie sah auf. „Du meinst, so lange du willst.“

Fast unmerklich zuckte er die Schultern. „Letztes Mal hast du Schluss gemacht. Es ist also nur fair, wenn ich es dieses Mal tue.“

Sie presste die Lippen zusammen. „Ich habe unsere Beziehung beendet, weil wir uns nur noch gestritten haben“, behauptete sie.

„So ein Unsinn!“, widersprach Angelo empört. „In jeder Beziehung gibt es mal Meinungsverschiedenheiten. Kleine Machtkämpfe gehören dazu. Sonst wäre es langweilig.“

„Das gilt vielleicht für dich, aber ich wurde anders erzogen.“

Fasziniert beobachtete Angelo ihren inneren Kampf. Sie wollte abweisend wirken, schaute ihn aber immer wieder verstohlen an, wenn sie glaubte, er bemerke es nicht. „Okay, und wie werden in deiner Familie Konflikte gelöst?“

Dieser Frage wich sie aus, indem sie zur Tür ging und sagte: „Ich muss los, Angelo. In Edinburgh wartet viel Arbeit auf mich.“

„Warum bist du eigentlich nicht mit dem Auto hergekommen?“, erkundigte er sich. „Hast du jetzt auch Angst, wenn du im Wagen unterwegs bist?“

„Nein. Aber ich sitze lieber im Zug, weil ich dann lesen oder arbeiten kann. Außerdem schont es die Umwelt.“

Angelo erhob sich, kam zur Tür und umfasste die Klinke. „Ich benötige vor der Hochzeit noch einige Unterschriften von dir, cara.“

„Soll ich einen Ehevertrag unterschreiben?“, fragte sie wissend.

Sein Blick hing an ihren Lippen. Er sehnte sich so sehr danach, sie endlich wieder zu küssen. Heiße Lust pulsierte in seinen Lenden. Er riss sich zusammen. „Ja.“ Er sah ihr in die Augen. „Es macht dir doch nichts aus, oder?“

„Nein. Ich lasse selbst auch einen aufsetzen, um zu verhindern, dass du mir alles nimmst, was ich mir so hart erarbeitet habe.“

Er versetzte ihr einen zärtlichen Nasenstüber. „Eins zu null für dich.“

Sie blinzelte verwirrt. „Ich … ich muss jetzt wirklich los“, sagte sie leise und griff nach der Türklinke.

Schnell umschloss Angelo Natalies schmale Hand und beobachtete, wie sich ihre Pupillen vergrößerten, als er ihre Finger an seinen Mund zog. Er stoppte jedoch, kurz bevor seine Lippen die zarte Haut berührten, und sah, wie Natalies Blick sehnsüchtig auf seinem Mund zu liegen kam und sie sich die Lippen mit der Zunge befeuchtete.

„Ich melde mich“, sagte Angelo beherrscht, ließ ihre Hand los und zog die Tür auf. „Ciao.“

Wortlos schob Natalie sich an ihm vorbei und eilte zum Lift.

3. KAPITEL

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Linda am nächsten Morgen statt einer Begrüßung.

Natalie, die bereits am Schreibtisch saß, sah geistesabwesend auf. „Wie bitte?“

Linda schwenkte eine Zeitung. „Du bist wirklich eine Geheimniskrämerin. Ich wusste ja nicht einmal, dass du jemanden kennengelernt hast.“

Natalie griff nach der Zeitung und überflog den Artikel über ihre und Angelos bevorstehende Hochzeit. Angelo wurde mit den Worten zitiert, er freue sich riesig, dass Natalie und er wieder zusammengefunden hätten, und könne die Hochzeit in der kommenden Woche kaum erwarten.

„Stimmt das, oder ist es eine Ente?“, fragte Linda.

Natalie ließ das Blatt sinken. „Es stimmt.“ Nervös biss sie sich auf die Lippe.

„Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber wie eine glückliche Braut wirkst du nicht gerade.“

„Tut mir leid.“ Natalie rang sich ein Lächeln ab. „Aber es hat mich große Mühe gekostet, es so lange geheim zu halten“, improvisierte sie. „Wir wollten uns erst ganz sicher sein, bevor wir es öffentlich machen.“

„Eine heimliche Beziehung. Wie romantisch!“ Linda verdrehte verzückt die Augen.

„Mit der Heimlichkeit ist es ja nun vorbei“, sagte Natalie verhalten. Es passte ihr gar nicht, derart im Fokus des Medieninteresses zu stehen. Bisher war es ihr gelungen, ihr Privatleben vor der Öffentlichkeit zu schützen. Nun würden die Paparazzi wohl nicht nur Angelo auf Schritt und Tritt verfolgen, sondern auch sie. Und für ihre Kollektion würde sich niemand mehr interessieren. Für die Medien war es lukrativer, darüber zu berichten, mit wem sie schlief.

Nicht dass sie tatsächlich mit Angelo schlafen würde. Dieser Versuchung wollte sie unter gar keinen Umständen nachgeben. Selbst wenn ihr Körper noch so verräterisch reagierte, sobald Angelo in der Nähe war.

Aber dieses Mal würde er sich die Zähne an ihr ausbeißen. So leicht wie damals wollte sie sich nicht noch einmal von ihm verführen lassen. Sie war nicht in ihn verliebt gewesen, und daran würde sich auch jetzt nichts ändern. Nach spätestens zwei Monaten würde er ernüchtert über ihre Unnachgiebigkeit die Flinte ins Korn werfen und die Scheidung einreichen. Angelo Bellandini erwartete eine willige Frau, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablas.

Darauf kann er lange warten! dachte Natalie entschlossen.

„Die sind für dich abgegeben worden, als du beim Notar warst“, sagte Linda, als Natalie zwei Stunden später wieder ins Atelier kam.

Ein großer Strauß dunkelroter Rosen verströmte seinen betörenden Duft.

„Willst du die Karte nicht lesen?“, fragte Linda neugierig.

„Ach so, ja.“ Behutsam zog Natalie die Karte aus der Zellophanhülle und klappte sie auf. ‚Bis heute Abend. Angelo‘, las sie.

„Von Angelo?“ Linda platzte fast vor Neugierde.

„Ja.“ Natalie runzelte die Stirn.

„Was ist denn los?“

„Gar nichts.“

„Und wieso ziehst du dann so ein Gesicht?“

Natalie riss sich schnell zusammen. „Ich muss zu Hause noch einige Sachen erledigen. Kommst du heute Nachmittag ohne mich klar, Linda?“

„Aber sicher. Wenn ihr auf Hochzeitsreise seid, muss ich hier ja auch die Stellung halten, oder?“

„Lange werde ich sowieso nicht fort sein“, meinte Natalie, griff nach ihrer Handtasche und wandte sich zum Gehen.

„Vergiss die Rosen nicht!“, rief Linda ihr nach.

„Ach ja.“ Natalie lächelte flüchtig, griff nach dem Strauß und eilte hinaus.

Interessiert betrachtete Angelo das dreigeschossige Haus in Edinburghs noblem Stadtteil Morningside. Die elegante Villa passte zu Natalie. Auch der bezaubernde Garten mit akkurat geschnittenen Hecken, gepflegtem Rasen und Blumen in geschmackvollen Farben spiegelte die Persönlichkeit einer jungen Frau wider, die es ordentlich mochte und gern bestimmte, wo es langging.

Es musste ihr zuwider sein, das Zepter nicht mehr in der Hand zu halten. Schadenfroh lächelte Angelo vor sich hin. Jetzt hatte er die Oberhand und so sollte es auch bleiben. Natalie sollte für die fünf Jahre voller Verbitterung büßen. Fünf lange Jahre hatte ihn die Erinnerung an sie gequält. Immer wieder war er nachts aufgewacht, weil er geglaubt hatte, sie in den Armen zu halten. Fünf Jahre lang hatte er vergeblich versucht, Ersatz für sie zu finden.

Er drückte auf den bronzefarbenen Klingelknopf und lauschte dem glockenähnlichen Ton. Innerhalb von Sekunden vernahm er das Geklapper hoher Absätze, die sich näherten. Wenn er sich nicht täuschte, war Natalie wütend. Auf ihn? Vorsichtshalber machte er sich zur Verteidigung bereit.

„Was fällt dir eigentlich ein, ohne Absprache mit mir die Presse zu informieren?“, fauchte sie zur Begrüßung.

„Hallo cara. Danke, mir geht’s gut. Und dir?“

Wütend funkelte sie ihn an, ließ ihn aber ins Haus, statt ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen. „Konntest du nicht einfach den Mund halten? Die Paparazzi haben mir vor dem Atelier aufgelauert und mich bis hierher verfolgt“, empörte sie sich. „Und einer hat mir mit seinem Mikrofon fast die Zähne ausgeschlagen.“

„Das tut mir leid“, sagte Angelo zerknirscht. „Ich habe mich inzwischen an die Pressemeute gewöhnt und nehme sie gar nicht mehr wahr. Soll ich einen Bodyguard für dich organisieren? Verflixt, daran hätte ich viel eher denken sollen.“

„Ich will keinen Bodyguard. Ich will einfach, dass dieser Albtraum aufhört.“

„Du wirst dich daran gewöhnen, Natalie.“

„Niemals! Was willst du eigentlich hier?“

„Dich zum Abendessen abholen.“

„Und wenn ich keinen Hunger habe?“

„Dann kannst du mir wenigstens Gesellschaft leisten.“

„Vielleicht habe ich dazu aber keine Lust.“

„Hast du dich über die Rosen gefreut?“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging den breiten Flur entlang. „Ich kann Treibhausblumen nicht leiden. Sie duften nicht einmal.“

„Ich habe dir keine Treibhausblumen geschickt. Sie kommen direkt aus einem Privatgarten.“

Sie murmelte etwas Unverständliches und öffnete die Tür zu einem großen Wohnzimmer. Die geschmackvolle Einrichtung beeindruckte Angelo. Die Farben waren sorgfältig aufeinander abgestimmt. Von der Decke hingen edle Kristalllüster. Zeitlose Antiquitäten harmonierten mit modernen Möbeln.

„Willst du was trinken?“, fragte Natalie herablassend.

„Was trinkst du denn?“

Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. „Blausäure wäre nicht schlecht.“

Angelo lachte amüsiert. „Das ist nicht ganz nach meinem Geschmack, piccola mia. Hast du Soda und Limettensaft?“

Natalie öffnete einen kleinen Kühlschrank, der sich hinter einer Art-déco-Anrichte verbarg, und füllte Eiswürfel, Sodawasser und Limettensaft in ein Glas. Dann schenkte sie sich Weißwein ein und reichte Angelo angriffslustig sein Glas. „Hoffentlich erstickst du daran!“

Er hob das Glas und brachte einen Toast aus: „Auf eine lange glückliche Ehe.“

„Darauf trinke ich nicht“, sagte Natalie abweisend.

„Worauf dann?“

„Auf die Freiheit.“ Sie stieß mit ihm an und trank einen Schluck, bevor sie sich abwandte und einige Schritte entfernte.

Ihrer angespannten Körperhaltung war anzusehen, wie wütend sie war. „Ich bin auf dem Weg hierher an deinem Atelier vorbeigefahren“, sagte Angelo beiläufig. „Sehr beeindruckend.“

Immerhin wurde er dafür mit einem kurzen Blick über die Schulter belohnt. „Danke.“

„Es gibt da ein Projekt, das dich vielleicht interessiert.“

Nun wandte sie sich doch zu ihm um. „Was für ein Projekt?“

„Ein großes, mit dem sich viel Geld verdienen lässt und das dir viele neue Kunden aus ganz Europa einbringen dürfte.“

„Jetzt hast du mich neugierig gemacht“, gab sie widerstrebend zu.

„Ich besitze ein Ferienhaus in Sorrent an der Amalfiküste. Vor einigen Monaten konnte ich günstig eine Immobilie ganz in der Nähe erwerben, die ich zu einem Luxushotel umbauen lasse. Die Baumaßnahmen sind so gut wie abgeschlossen, jetzt geht es um die Inneneinrichtung. Das wäre doch ein interessantes Projekt für dich.“

„Warum willst du mich damit beauftragen, Angelo?“

„Weil mir deine Arbeit gefällt.“

Natalie lächelte sarkastisch. „Soll das so eine Art Lockmittel sein, falls ich im letzten Moment doch noch einen Rückzieher mache?“

„Du wirst keinen Rückzieher machen. Und wenn du ein braves Mädchen bist, wäre ich sogar bereit, alle meine Hotels exklusiv mit deiner Bettwäsche auszustatten. Aber nur, wenn du dich anständig benimmst.“

Sie bedachte ihn mit einem hasserfüllten Blick. „Das Talent zum Erpressen scheint dir im Blut zu liegen. Vor fünf Jahren ist mir diese Skrupellosigkeit gar nicht aufgefallen.“

„Die ist auch neu“, sagte er ausdruckslos und trank noch einen Schluck.

„Oh.“ Sie presste die Lippen zusammen. „Wie auch immer, ich muss erst darüber nachdenken. Ich habe momentan ziemlich viel zu tun.“

„Wie tüchtig ist eigentlich deine Assistentin?“, wollte Angelo wissen.

„Ausgesprochen tüchtig. Über kurz oder lang werde ich ihr das internationale Geschäft anvertrauen.“

„Deine Flugangst schränkt dich ganz schön ein, oder?“

„Ich komme schon klar“, meinte Natalie ausweichend.

Interessiert hob Angelo ein kleines gerahmtes Bild von einem antiken Beistelltisch. „Ist das ein Kinderfoto von Lachlan?“

Ein Anflug von Trauer und Schmerz huschte über ihr Gesicht, als sie einen Blick auf das Foto warf. „Nein“, antwortete sie einsilbig.

Behutsam stellte Angelo das Bild zurück, ohne weiter nachzufragen, und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Ich habe für acht Uhr einen Tisch reserviert.“

„Ich habe doch gesagt, dass ich nicht mitkomme.“

„Und ich habe dir geraten, dich zu benehmen, cara. Du wirst mich begleiten und vor Glück strahlen, wie es sich für eine verliebte Braut gehört, oder dein Bruder wird die Zeche zahlen.“

Vor Zorn bebend schleuderte Natalie ihm ins Gesicht: „Ich war noch nie verliebt! Wie soll ich Gefühle vorspielen, die ich nicht kenne?“

Angelo musterte sie unnachgiebig. „Dir wird schon was einfallen.“ Er stellte sein Glas neben dem kleinen Bilderrahmen ab. „Ich warte im Wagen auf dich.“

Erst als er das Haus verlassen hatte, nahm sie sein Glas und wischte die Feuchtigkeit fort, die es auf der Oberfläche des Beistelltischs hinterlassen hatte. Dabei fiel ihr Blick auf Liams Foto, das am Strand aufgenommen worden war. Der Kleine hielt Eimer und Schaufel in den Patschhändchen und lächelte fröhlich in die Kamera. Wenige Stunden später war er tot. Natalie erinnerte sich noch genau, wie aufgeregt Liam gewesen war, als er zum ersten Mal Muscheln am Strand gefunden hatte. Mit denen hatten sie die Sandburg dekoriert, die sie gemeinsam gebaut hatten. Anschließend waren sie zu ihren Eltern an den Pool gegangen, um sich den Sand abzuspülen. Ihre Mutter war ins Haus gegangen, um sich hinzulegen, ihr Vater hatte Liam in ihrer Obhut gelassen, um einen wichtigen Anruf zu erledigen.

Mit bebenden Händen schob sie den Bilderrahmen an den richtigen Platz zurück. Dann seufzte sie tief und zog sich fürs Abendessen um.

Angelo hatte ein Restaurant gewählt, das sich großer Beliebtheit bei den Reichen und Schönen erfreute. Bei Natalies zurückliegenden Besuchen hatte niemand besondere Notiz von ihr genommen. Doch dieses Mal ging ein Raunen durchs Restaurant, als sie mit Angelo auftauchte. Einige Gäste schossen sogar Handyfotos.

Vergeblich versuchte Natalie, Angelos stützende Hand im Rücken zu ignorieren. Die Berührung löste ein Prickeln in ihrem ganzen Körper aus. Noch immer war sie Angelos sinnlicher Ausstrahlung machtlos ausgeliefert.

Der Ober führte sie zu ihrem Tisch, reichte ihnen die Speisekarten und eilte davon, um die gewünschten Getränke zu holen.

Natalie vertiefte sich in die Lektüre der Karte, obwohl sie keinen Appetit hatte. Die Schrift verschwamm vor ihren Augen. Sie konnte noch immer nicht recht fassen, dass sie tatsächlich mit Angelo zusammen an einem Tisch saß. Nach Beendigung der Beziehung hatte sie sich sehr bemüht, die räumliche und seelische Distanz zu Angelo zu wahren. Nun befand sie sich erneut in seiner Welt und hatte keine Ahnung, wie sie wieder herauskommen sollte. Wie lange würde die Ehe bestehen? Angelo hatte sie einmal geliebt, doch aus Liebe heiratete er jetzt bestimmt nicht. Eher aus Rache.

Fünf Jahre hatte er auf diese Chance gewartet. Nun bot Lachlan ihm die perfekte Gelegenheit, sich an ihr zu rächen, weil sie ihn verlassen und dadurch seinen Stolz verletzt hatte. Wie lange wollte er seine Rache auskosten? Irgendwann musste er diese lieblose Ehe doch beenden, nicht zuletzt weil er Einzelkind war und seine Eltern auf einen Erben hofften. Mit seinen knapp vierunddreißig Jahren wurde es langsam Zeit, für Nachkommen zu sorgen. Sie war als Mutter seiner Kinder völlig ungeeignet, weil sie nicht das liebende gehorsame Weibchen war, das er sich offenbar vorstellte.

„Ernährst du dich noch immer streng vegetarisch?“, fragte Angelo.

Natalie sah ihn über die Speisekarte hinweg an. „Gelegentlich esse ich auch mal Fisch oder Hähnchen“, gestand sie, leicht schuldbewusst. „Inzwischen bin ich nicht mehr so radikal. Ich habe eingesehen, dass man ab und an Kompromisse eingehen muss.“

„Tatsächlich? In welcher Hinsicht?“, fragte er neugierig.

Sie klappte die Speisekarte zu. „Spontan fällt mir kein Beispiel ein. Aber mach dir keine falschen Hoffnungen. So sehr habe ich mich nicht geändert.“

„Mit anderen Worten, du willst noch immer keine Kinder.“

Ein heftiger Schmerz durchzuckte sie. Als sie vor einigen Wochen Isabels neugeborene Tochter im Arm gehalten hatte, war ihr Mutterinstinkt erwacht. Gleichzeitig hatten die alten Schuldgefühle sich sofort wieder Bahn gebrochen. „Nein, will ich nicht“, antwortete sie leise.

„Deine Karriere geht dir wohl über alles“, vermutete er.

„Ja, das kann man so sagen.“ Sie trank einen Schluck, denn inzwischen hatte der Ober die Getränke serviert.

Angelo hielt ihren Blick fest. „Und später? Wenn du älter bist und deine biologische Uhr zu ticken beginnt?“

„Ich gehöre zu den Frauen, die nicht für die Mutterrolle geeignet sind“, behauptete Natalie.

„Das glaube ich nicht. Allein die Tatsache, wie du dich für deinen Bruder einsetzt, spricht eine andere Sprache.“

„Eine Schwangerschaft würde meine Figur ruinieren. Darauf habe ich keine Lust.“

„So oberflächlich bist du nicht, Natalie. Also versuch bitte nicht, mir das einzureden.“

„Stimmt. Im Gegensatz zu einigen deiner Verflossenen.“

Zufrieden lächelnd lehnte Angelo sich zurück. „Du hast also verfolgt, was ich so treibe, cara?“

Sie wich seinem fragenden Blick aus. „Natürlich nicht absichtlich! Mir ist völlig egal, mit wem du schläfst. Wir waren mal zusammen, haben uns dann getrennt, das war’s.“

„Wir haben immerhin fünfeinhalb Monate zusammengelebt“, gab er zu bedenken.

Natalie drehte das Glas in ihren Händen. „Ich bin nur zu dir gezogen, weil der Freund meiner Mitbewohnerin sich bei uns eingenistet hatte und ich mir vorgekommen bin wie das fünfte Rad am Wagen“, behauptete sie. „Und was sind schon fünf Monate?“

„Für mich war das eine lange Zeit, cara.“

„Aber nur, weil du vorher die Frauen gewechselt hast wie andere Männer die Hemden.“

„Das sagst gerade du.“ Angelo hielt ihren Blick fest.

Zugegeben, sie hatte auch öfter mal Sex gehabt, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Aber der hatte ihr nie etwas bedeutet, bevor sie Angelo kennengelernt hatte. Zum Glück hatte sie ihm das nie verraten. Physisch hatte sie sich ihm vollkommen anvertraut, emotional jedoch nicht. Vielleicht hatte ihn das Geheimnisvolle, leicht Distanzierte an ihr besonders angezogen. Die anderen Frauen hatten es ihm wohl immer zu leicht gemacht. „Vorsicht, Angelo: Deine Doppelmoral kommt mal wieder zum Vorschein.“

„Ach ja? Und wie lange warst du mit dem Typ zusammen, dessentwegen du mich verlassen hast?“

„Nicht lange.“

„Wie lange genau?“

„Müssen wir das jetzt wirklich erörtern, Angelo?“

„Ich will es wissen.“

Sie seufzte ergeben. „Zwei Wochen, dann habe ich Schluss gemacht.“

„Und mit wem warst du seitdem zusammen?“

„Kennst du nicht. Ich versuche, mein Privatleben vor den Medien zu schützen.“

„Offensichtlich erfolgreicher als ich. Es ist unglaublich, wo die überall herumschnüffeln.“

„Wie erträgst du das nur?“, fragte sie.

„Man gewöhnt sich daran. Meine Familie stand ja wegen ihres Reichtums schon immer im öffentlichen Interesse. Eigentlich hatte ich nur während meines Studiums in London Ruhe. Es war herrlich, mal unerkannt durch die Straßen zu gehen. Leider haben sie mich irgendwann doch aufgespürt.“

„Du hast mich belogen, Angelo.“

„Das stimmt nicht! Ich habe dir lediglich verschwiegen, dass ich aus reichem Hause komme. Mir war wichtig, es allein zu schaffen, ohne das Geld und den Namen meiner Familie.“

„Bewundernswert, wie dir das gelungen ist. Inzwischen bist du doppelt so reich wie dein Vater, wenn man den Gazetten glauben darf.“

„Dafür, dass ich dir gleichgültig bin, weißt du bemerkenswert gut über mich Bescheid“, meinte Angelo und lächelte höhnisch.

Natalie überging die Bemerkung und trank einen Schluck. „Was hast du deiner Familie eigentlich über mich erzählt?“

„Die halbe Wahrheit.“

„Dass du mich hasst und dich an mir rächen willst?“

„Wohl kaum, cara.“

„Was dann?“

„Dass ich nie aufgehört habe, dich zu lieben.“

Sie befeuchtete sich die Lippen. „Und das haben sie dir geglaubt?“

„Ich denke schon. Aber meine Mutter ist misstrauisch. Du musst also sehr überzeugend sein, wenn sie uns zusammen sieht.“

Bei der Vorstellung wurde Natalie jetzt schon nervös. Unsicher sah sie Angelo in die Augen. „Wieso müssen wir eigentlich unbedingt heiraten? Wir könnten es doch bei einer … Affäre belassen.“

Angelos Blick war undurchdringlich. „Willst du denn eine Affäre mit mir?“

Erneut leckte sie sich die Lippen. „Ebenso wenig wie ich dich heiraten will. Die Scheidung ist ja schon vorprogrammiert.“

„Bist du dir da so sicher?“

Natalies Herz flatterte aufgeregt. „Du willst dich doch wohl kaum bis an dein Lebensende an mich binden, oder?“

„Wer weiß? Und vielleicht gefällt es dir ja, mit mir verheiratet zu sein. Du wirst unglaublich davon profitieren, meinen Ring und meinen Namen zu tragen.“

Sie ging hoch wie eine Rakete. „Ich denke gar nicht daran, meinen Namen abzulegen!“

Angelos Blick wurde unerbittlich hart. „Du wirst meinen Namen tragen, und zwar mit Stolz.“

„Nein!“ Sie bebte vor Zorn.

„Du wirst tun, was ich dir sage, Natalie“, verlangte er mit bedrohlich leiser Stimme.

Natalie sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl gegen den dahinter stehenden stieß. Es war ihr gleichgültig, dass sie damit alle Blicke auf sich zu zog. Wütend griff sie nach ihrer Handtasche und herrschte ihn an: „Such dir eine andere Dumme!“ Dann stürmte sie hinaus.

Ein Blitzlichtgewitter ging vor dem Restaurant auf sie nieder, ein Journalist hielt ihr ein Mikrofon vors Gesicht. „Miss Armitage, wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Angelo Bellandini?“

Natalie drängte sich an dem Mann vorbei. Doch schon wurde sie vom nächsten Paparazzo bestürmt. „Sie tragen keinen Verlobungsring. Ist die Hochzeit geplatzt?“

„Ich …“

Bevor sie reagieren konnte, legte Angelo ihr beschützend einen Arm um die Schultern und führte Natalie aus dem Gedränge. „Bitte lassen Sie meine Verlobte in Ruhe“, wies er die Reporter streng an.

„Können wir ein Statement zu Ihrer Verlobung haben, Mr Bellandini?“

Angelos Griff verstärkte sich. „Die Hochzeit findet wie geplant statt. Den Verlobungsring werde ich Natalie nachher anstecken, wenn wir zu Hause sind. Und nun würden wir unsere Verlobung gern ungestört feiern.“ Angelo hielt Natalie die Beifahrertür auf. Ohne weitere Störungen fuhren sie los.

Völlig verkrampft sah Natalie vor sich hin.

„So etwas leistest du dir kein zweites Mal“, zischte Angelo unterwegs.

„Du hast mir gar nichts zu sagen.“

„Dann benimm dich nicht wie ein verzogenes Gör! Die Szene eben war ein gefundenes Fressen für die Paparazzi und wird morgen in allen Zeitungen stehen. Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragte Angelo wütend.

„Jedenfalls werde ich meinen Namen behalten“, beharrte sie.

„Also gut. Ich hätte bedenken sollen, dass dein Name eine Marke ist. Entschuldige bitte.“

Langsam entspannte sich Natalie. „Sind die Paparazzi immer so aufdringlich?“

„Leider ja. Aber wenn wir erst mal verheiratet sind, wird sich ihr Interesse sicher legen.“

„Hoffentlich denken die Leute nicht, ich heirate dich wegen deines Geldes“, murmelte Natalie.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Nein, cara, sie denken, du hast es auf meinen sexy Körper abgesehen.“

Die Bemerkung löste ein heftiges Pulsieren in Natalies Schoß aus. Verlegen presste sie die Schenkel zusammen. „Ich werde nicht mit dir schlafen, Angelo.“

„Wem willst du das weismachen? Dir oder mir?“, fragte er sarkastisch.

Gute Frage, dachte sie und wechselte schnell das Thema. „Hast du wirklich einen Verlobungsring für mich?“

„Ja.“

„Vielleicht hätte ich mir lieber selbst einen ausgesucht.“

Langsam riss ihm der Geduldsfaden. „In meiner Familie ist es Tradition, dass der Mann den Ring auswählt.“

„Es ist aber nicht der, den du vor fünf Jahren gekauft hast, oder?“, fragte sie leise.

„Nein.“

Seine Miene war undurchdringlich, wie Natalie bei einem schnellen Seitenblick feststellte. „Hast du ihn verschenkt?“

Angelo parkte den Wagen vor ihrem Haus, bevor er antwortete. „Ich habe ihn für die Auktion eines Wohltätigkeitsballs gestiftet. Irgendwo läuft jetzt eine Frau mit einem Ring am Finger durch die Gegend, der mehr wert ist, als so manches Einfamilienhaus.“

Betreten ließ Natalie den Kopf hängen. „Ich hätte dich nie gebeten, so viel Geld für mich auszugeben.“

„Ich weiß.“ Angelo wandte sich ihr zu. „Du wolltest ja auch etwas anderes von mir als Geld.“

„Ja“, gab sie zögernd zu.

Behutsam schob Angelo ihr eine Strähne aus dem Gesicht und ließ den Blick auf ihren bebenden Lippen ruhen. „Bittest du mich herein, cara?“

„Wirst du auch mitkommen, wenn ich es nicht tue?“, fragte sie leise.

„Wenn du mich nicht willst, musst du es nur sagen.“ Er lächelte sexy.

Diesem Lächeln hatte sie noch nie widerstehen können. Ich will dich! Schnell versuchte Natalie, die verräterische Stimme in ihrem Inneren zu ersticken. „Bleibst du über Nacht in Edinburgh?“

„Na ja, ich hatte gehofft, du würdest mir ein Bett anbieten.“

Ihr blieb fast das Herz stehen. „Das halte ich für keine gute Idee.“

„Wieso nicht?“

„Weil … weil …“

„Die Paparazzi würden misstrauisch werden, wenn ich nicht bei dir übernachte“, gab er zu bedenken. „Sie haben uns verfolgt. Der Wagen parkt hinter dem roten Auto.“

Natalie warf einen Blick in den Seitenspiegel. Tatsächlich! In dem Wagen lauerte ein Fotograf mit Teleobjektiv. Panik stieg in ihr auf. Würden diese Typen sie von nun an etwa auf Schritt und Tritt verfolgen?

Angelo stieg aus und öffnete die Beifahrertür. „Komm, steig aus“, sagte er zu der wie erstarrt dasitzenden Natalie. „Die verschwinden, sobald wir im Haus sind. Tu einfach so, als wären wir unter uns.“

Unsicher stieg sie aus, fühlte sich aber sofort geborgen, als Angelo den Arm um ihre Taille legte.

„Gib mir den Haustürschlüssel“, raunte er.

„Hier. Es ist der große Messingschlüssel.“

Gemeinsam verschwanden sie im Haus. „Wie lange wohnst du schon hier?“, fragte Angelo.

„Dreieinhalb Jahre.“

„Bist du nicht in Gloucestershire aufgewachsen? Wieso hast du dich ausgerechnet in Schottland niedergelassen?“

„Meine Mutter stammt aus Crail, einem ehemaligen Fischerdorf auf der schottischen Halbinsel Fife. Als Kind habe ich hier viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht.“

„Das höre ich zum ersten Mal.“

„Es erschien mir damals nicht so wichtig.“ Sie legte die Handtasche ab. „Möchtest du was trinken?“

„Erst möchte ich wissen, was du mir sonst noch verheimlicht hast.“

„Gar nichts.“

„Komm schon, Tatty.“

Wie er sie ansah! Ein lustvoller Schauer lief ihr über den Rücken. Doch sie ließ sich nichts anmerken. „Ich hatte dich doch gebeten, mich nicht so zu nennen.“

Zärtlich begann er, ihren Arm zu streicheln. „Ich erhöre nun mal nicht alle Bitten“, sagte er leise.

Als Natalie versuchte, sich wegzudrehen, hielt er sie fest. Er weiß, dass ich ihm ausgeliefert bin, dachte sie. Wenn sie sich nicht an die Spielregeln hielt, würde Lachlan darunter leiden. „Warum tust du das? Du weißt doch, wie es enden wird.“

„Ich denke nicht an das Ende, sondern konzentriere mich auf das Hier und Jetzt, cara.“

Unwillkürlich fiel ihr Blick auf seinen schön geschwungenen Mund. Wie sehr sie sich danach sehnte, seine Lippen auf ihren zu spüren! Die Hitze, die Lust, die Leidenschaft, die Angelos Küsse entfesselten. Es war unglaublich erotisch, wenn seine Zunge sich mit ihrer zu einem temperamentvollen Tanz zusammenfand. Jetzt spürte Natalie seinen Atem auf ihren Lippen. Nervös ließ sie die Zunge darübergleiten. Ihr Verlangen wurde immer heftiger. Trotzdem wartete sie darauf, dass Angelo den ersten Schritt machte.

„Komm schon“, flüsterte er rau. „Ich weiß, dass du es willst.“

Sie zuckte zusammen. Konnte er etwa ihre Gedanken lesen? Verzweifelt riss sie sich zusammen. „Du irrst dich. Ich will gar nichts“, behauptete sie heiser.

Zärtlich strich er mit dem Daumen über ihre bebenden Lippen. „Schwindlerin.“

Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft wich sie zurück und suchte Zuflucht hinter einem Sofa in der Mitte des Zimmers. „Du solltest jetzt lieber gehen, Angelo.“

„Warum? Hast du Angst, ich könnte dir gefährlich werden?“

Ihr Blick war eisig. „Ich denke nicht daran, Sklavin deiner Begierde zu sein.“

Angelo lachte über ihre Ausdrucksweise. „Und was ist mit deiner Begierde? Du bist noch immer scharf auf mich. Das spüre ich deutlich, wenn ich dich berühre.“

„Das bildest du dir ein“, behauptete sie wider besseres Wissen.

„Nein, cara, ganz sicher nicht. Ich glaube, du hast nie aufgehört, mich zu begehren. Du hast mich nur verlassen, weil du Angst vor dem nächsten Schritt hattest. Auch jetzt wehrst du dich gegen die Ehe. Ich würde zu gern wissen, warum.“

„Verschwinde endlich, Angelo!“

„Nicht bevor ich dir das hier gegeben habe.“ Er zog ein Schmuckkästchen aus der Jacketttasche und legte es auf einen Beistelltisch, als wäre es ein Fehdehandschuh. „Ich schicke dir Dienstag einen Wagen. Pack genug Sachen für eine Woche ein. Es wird von uns erwartet, dass wir eine Hochzeitsreise machen. Am besten schickst du mir deine Gästeliste per E-Mail. Meine Sekretärin kümmert sich dann um die Unterbringung.“

„In welcher Aufmachung soll ich zur Trauung erscheinen? In Sack und Asche?“, fragte sie sarkastisch.

„Tu, was du nicht lassen kannst. Denk aber dran, dass überall Fotografen lauern.“

„Erwartest du eigentlich von mir, dass ich meine Zelte hier abbreche und dir um den Globus folge?“

„Jetzt dramatisierst du aber. Wir werden zwischen Edinburgh und London pendeln. Außerdem werde ich immer wieder Zeit in Sorrent verbringen, bis das Hotel dort eröffnet wird. Du kannst dich selbstverständlich auch weiterhin um deine Firma kümmern. Es spricht überhaupt nichts dagegen.“

Immerhin etwas, dachte sie erleichtert. Und gab sich im nächsten Moment wieder kratzbürstig. „Und wenn ich mein Haus nicht mit dir teilen will?“

„Du wirst viel mehr mit mir teilen als dein Haus, Natalie, sobald die Tinte auf unserer Heiratsurkunde getrocknet ist. Gewöhn dich schon mal an den Gedanken!“ Angelo ging zur Tür. „Dann bis Dienstag.“

Natalie ließ sich viel Zeit, bevor sie das Schmuckkästchen öffnete. Schließlich überwog die Neugier aber doch. Staunend betrachtete sie den wunderschönen Art-déco-Ring mit drei Brillanten. Behutsam nahm sie ihn heraus und streifte ihn über den linken Ringfinger. Perfekt! Eine bessere Wahl hätte sie selbst auch nicht treffen können. Ein perfekter Ring für eine alles andere als perfekte Beziehung.

Wie viel Zeit würde wohl vergehen, bis sie den Ring zurückgab?

4. KAPITEL

Natalie wurde immer nervöser, je näher der Dienstag rückte. Gegessen hatte sie schon seit drei Tagen kaum etwas. Auch an Schlaf war nicht zu denken. Der Gedanke, in ein Flugzeug zu steigen, schnürte ihr Kehle und Magen zu.

Angelo, der jeden Tag anrief, hatte sie verheimlicht, wie schlecht es ihr ging. Tröstlich war nur, dass er ihr versichert hatte, Lachlan ginge es gut und ihm könne nichts mehr passieren. Ihre Eltern hatten sich auch gemeldet, froh, dass Lachlan ihren guten Namen nicht besudelt hatte. Welches Opfer Natalie dafür bringen musste, spielte keine Rolle. Doch das hatte sie, insbesondere von ihrem Vater, auch nicht anders erwartet.

Ihre Freundin Isabel hatte die Nachricht von Natalies bevorstehender Hochzeit mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit aufgenommen. Angeblich hatte sie schon immer gewusst, dass Natalie noch an Angelo hing.

Als am Dienstag dann schließlich ein Wagen vor dem Haus hielt, schlotterten Natalie die Knie so sehr, dass sie kaum zur Haustür kam. Draußen wartete nicht etwa ein livrierter Chauffeur, sondern Angelo höchstpersönlich!

„Ich … ich muss noch meine Tasche holen“, stammelte Natalie zur Begrüßung.

Angelo musterte sie besorgt. „Alles in Ordnung mit dir?“

„Sicher.“ Sie mied seinen Blick.

Angelo kam näher. „Du siehst kreidebleich aus. Bist du krank?“

Verzweifelt kämpfte sie gegen die aufsteigende Panik. „Ich muss nur schnell etwas einnehmen.“ In ihrer Handtasche suchte sie nach den Tabletten, die ihr der Arzt gegen die Panikattacken verschrieben hatte. „Bin gleich wieder da.“

Angelo folgte ihr in die Küche, wo sie sich ein Glas Wasser einschenkte. Er nahm ihr die Schachtel aus der Hand, las die Bezeichnung und runzelte die Stirn. „Musst du das Zeug wirklich nehmen?“

„Gib mir sofort die Schachtel zurück! Ich hätte die Tabletten schon vor einer Stunde nehmen müssen.“

Widerstrebend reichte Angelo ihr die Packung. „Nimmst du die regelmäßig ein?“

Natalie schüttelte den Kopf und schluckte zwei Tabletten hinunter. „Nur im Notfall.“

Besorgt führte er sie zum Wagen. „Seit wann leidest du unter Flugangst?“

„Schon ewig.“

„Wodurch wurde sie verursacht? Turbulenzen?“

„Weiß ich nicht.“

Forschend sah er sie an. „Wann bist du zuletzt geflogen?“

„Können wir jetzt bitte losfahren, Angelo? Sonst schlafe ich noch im Wagen ein, und du musst mich ins Flugzeug tragen.“

Auf der Fahrt zum Flughafen warf Angelo ihr immer wieder besorgte Blicke zu. Sie hatte wieder etwas Farbe im Gesicht, wirkte aber noch sehr elend. Offensichtlich hatte sie kaum gegessen und geschlafen.

Neben der Flugangst quälte sie wahrscheinlich auch die Sorge um ihren Bruder. Die war durchaus begründet. Bereits jetzt versuchte Lachlan, die mit ihm geschlossene Vereinbarung zu ändern. In den vergangenen Tagen hatte das Personal der renommierten Entzugsklinik, in der er Lachlan untergebracht hatte, wiederholt angerufen, um ihn über das unkontrollierte Verhalten des Patienten zu informieren. Angelo hatte einen Therapeuten organisiert, der praktisch nur für Lachlan da war. Doch bisher war auch der offenbar nicht zu ihm durchgedrungen. Offenbar wusste der junge Armitage nicht wohin mit seiner grenzenlosen Wut und hatte einen Hang zur Selbstzerstörung.

Nach einem Gespräch mit Natalies Vater konnte Angelo nachvollziehen, wie frustrierend es sein musste, ein Kind zu haben, das trotz aller Liebe und Fürsorge jede Zusammenarbeit verweigerte. Adrian Armitage hatte angedeutet, ähnliche Probleme auch mit Natalie zu haben. Ihre Sturheit musste wohl immer wieder zu Auseinandersetzungen mit ihren Eltern geführt haben. Besonders ihrem Vater gegenüber hatte sie sich angeblich quergestellt, wann immer ihr das möglich war. Angelo fragte sich, ob das wohl kulturelle Hintergründe hatte. Er selbst war streng, aber fair erzogen worden. Seine Eltern forderten Respekt, den sie aber auch verdient hatten, denn sie hatten ihm seit jeher viel Zeit und Liebe gewidmet. Genauso wollte er seine eigenen Kinder erziehen.

Angelo parkte den Wagen, stellte den Motor aus und schüttelte Natalie sanft an der Schulter. „Aufwachen, du kleine Schlafmütze!“

Benommen richtete sie sich auf. Kurz darauf saßen sie in der Kabine des firmeneigenen Jets. Natalie war schrecklich nervös. Mit bebenden Händen legte sie den Sicherheitsgurt an.

„Kann ich was zu trinken haben?“, fragte sie heiser.

„Was hättest du denn gern?“

„Weißwein.“

„Meinst du, der Alkohol verträgt sich mit den Tabletten, die du eingenommen hast?“, erkundigte Angelo sich besorgt.

„Keine Ahnung“, antwortete sie mürrisch und begann, an ihren Nägel zu kauen, als das Flugzeug zur Startbahn rollte.

Angelo zog die Hand weg und umfasste sie. „Entspann dich, cara. Im Flugzeug bist du viel sicherer als im Auto.“

Sie blickte panisch um sich und wollte aufstehen. „Ich will hier raus! Bitte, Angelo, sag dem Piloten, er soll umkehren. Ich will aussteigen.“

Er zog sie ganz fest an sich und flüsterte beruhigend auf sie ein. „Ganz ruhig, piccola mia. Dir geschieht nichts. Konzentrier dich auf deine Atmung: ein, aus, ein, aus. So ist’s gut.“

Natalie kniff die Augen zu und schmiegte sich an Angelos Brust. Es dauerte länger, als er gedacht hatte, aber das zärtliche Streicheln und die beruhigenden Worte wirkten schließlich und Natalie schlief erschöpft ein. Erst kurz vor der Landung in Rom wachte sie wieder auf.

„Du hast es überstanden. War doch gar nicht so schlimm, oder?“

„Nein.“ Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht. „Kann ich noch schnell den Waschraum benutzen?“

„Sicher. Soll ich mitkommen?“

Sie errötete verlegen. „Nein, danke.“

Er lächelte anzüglich. „Vielleicht beim nächsten Mal.“

Eine Pressemeute erwartete sie bereits vor Angelos Elternhaus in Rom. Natalie stöhnte verzweifelt, doch Angelo fertigte die Paparazzi innerhalb kürzester Zeit ab.

Ein älterer Mann öffnete die Haustür und begrüßte Angelo strahlend. „Ihre Eltern erwarten Sie im Salon, Signore Bellandini.“

„Grazie, Pasquale. Natalie? Das ist Pasquale. Er arbeitet schon seit vielen Jahren für meine Familie.“

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen“, sagte Natalie höflich.

„Herzlich willkommen. Es ist eine große Freude, Signore Bellandini endlich glücklich zu sehen.“

Lächelnd zog Angelo sie mit sich. „Komm, meine Eltern brennen darauf, dich endlich zu treffen.“

Die Statur hat Angelo eindeutig von seinem Vater, dachte Natalie, als sie zu Sandro und Francesca Bellandini geführt wurde. Sandro war nur wenige Zentimeter kleiner als sein Sohn, dem er auch die dunkelbraunen Augen und das volle lockige Haar vererbt hatte. Mit den grauen Schläfen wirkte er sehr distinguiert und einschüchternd.

Francesca dagegen war klein und zierlich und gab sich betont zurückhaltend. Doch ihren klugen haselnussbraunen Augen entging nichts. Natalie bemerkte den schnellen taxierenden Blick, mit dem Francesca sie von Kopf bis Fuß musterte.

„Ich möchte euch Natalie vorstellen, meine Verlobte“, sagte Angelo. „Natalie, das sind meine Eltern Sandro und Francesca.“

„Willkommen in unserer Familie.“ Francesca lächelte freundlich. „Angelo hat uns schon so viel von dir erzählt. Wie schade, dass wir uns nicht schon vor Jahren kennengelernt haben. Wir hätten ihm gesagt, wie dumm es war, dich gehen zu lassen. Nicht wahr, Sandro?“

Sandro nickte bekräftigend und schüttelte seiner zukünftigen Schwiegertochter herzlich die Hand. „Du bist uns sehr willkommen, Natalie.“

Beschützend schlang Angelo wieder den Arm um ihre Taille. „Ich zeige Natalie nur schnell ihr Zimmer, dann stoßen wir mit euch an.“

„Maria hat das venezianische Zimmer für euch hergerichtet, Angelo. Nach der langen Trennung wollt ihr sicher jede freie Minute miteinander verbringen.“ Francesca zwinkerte ihrem Sohn zu.

Natalie zuckte leicht zusammen, doch Angelo ließ sich nichts anmerken. „Danke, Mamma, das war sehr aufmerksam von dir.“

Erst als sie oben unter sich waren, konnte Natalie ihrem Ärger Luft machen. „Das hast du mit Absicht getan.“

„Was?“

„Tu nicht so unschuldig! Du wusstest genau, dass deine Mutter uns im selben Zimmer unterbringen würde.“

„Ganz im Gegenteil! Ich hatte eher damit gerechnet, dass sie uns streng auf Distanz halten würde. Eigentlich ist sie nämlich sehr altmodisch in dieser Beziehung. Aber man kann ihr ja nichts vormachen. Sie muss gespürt haben, wie heiß du auf mich bist.“

Diese Bemerkung trug ihm einen zornigen Blick ein. „Ich werde ganz sicher nicht das Bett mit dir teilen.“

„Auch gut, dann kannst du auf dem Fußboden schlafen.“ Ungerührt knöpfte Angelo sein Hemd auf.

„Was tust du da?“

„Ich ziehe mich um, cara.“

Es verlangte ihr große Beherrschung ab, sich nicht an die verführerische Männerbrust zu schmiegen. Abrupt wandte Natalie sich um und starrte blicklos hinaus in den Garten. „Warum glauben deine Eltern, du hättest damals mit mir Schluss gemacht?“

„Um dich zu schützen. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern. Hätten sie die Wahrheit gewusst, wäre der Empfang wohl eher frostig ausgefallen.“

Natalie wandte sich wieder um und betrachtete fasziniert, was sich unter Angelos schwarzem Slip abzeichnete. Heißes Verlangen durchflutete sie. Wie oft hatte sie ihn dort so lange mit Mund und Zunge liebkost, bis er zum Höhepunkt gekommen war. Wie oft hatte sie ihn in sich gespürt, bevor er sich in ihr verströmt hatte. Und wie oft hatte er sie zu überwältigenden Orgasmen gebracht. Ihr wurde schwindlig vor Lust, sie atmete tief durch und fing Angelos herausfordernd tiefen Blick auf. Dachte er auch gerade an die heißen Nächte, die sie miteinander verbracht hatten?

„Ich erwarte nicht, dass du die Schuld für unsere gescheiterte Beziehung übernimmst, Angelo“, sagte sie leise. „Ich war damals einfach zu jung für die Ehe.“

„Dafür hätte meine Mutter aber kein Verständnis. Sie war sechzehn, als sie sich in meinen Vater verliebt hat. Seitdem hat sie keinen anderen Mann angeschaut.“

„Ist dein Vater ihr treu?“

„Wieso fragst du?“ Angelo musterte sie verblüfft.

„Na ja, sie sind schon lange zusammen. Da ist es für einen Mann nicht ungewöhnlich fremdzugehen.“

„Die Ehe ist meinem Vater heilig. Meinem Großvater übrigens auch.“

„Wirst du ihrem Beispiel folgen, Angelo? Oder hast du vor, dir dein Vergnügen woanders zu suchen, wenn ich nicht mitspiele?“

Er kam auf sie zu und blieb so dicht vor ihr stehen, dass ihr Körper unwillkürlich reagierte. Verzweifelt versuchte sie, stark zu bleiben.

Behutsam streichelte Angelo ihren Nacken. „Warum kämpfst du so sehr mit dir?“, fragte er leise.

„Ich kämpfe nicht mit mir, sondern gegen dich.“

Zärtlich schob er die Hand durch ihr seidiges Haar. „Wir wollen doch das Gleiche, cara: Intimität und Befriedigung.“

Warum nur war er so unwiderstehlich? Am liebsten hätte sie sich ihm auf der Stelle hingegeben.

Nimm mich doch endlich, schien ihr Körper ihn anzuflehen.

Es war schwer zu sagen, wer schließlich den ersten Schritt getan hatte. Plötzlich spürte sie Angelos mächtige Erektion an ihrem Schoß und stand sofort lichterloh in Flammen.

Ihre Lippen fanden sich zu einem fordernden Kuss, der mit Romantik nichts zu tun hatte. Hier ging es um Lust. Urwüchsige Lust, die Natalie viel zu lange unterdrückt hatte und die sie nun vollkommen überrollte. Immer leidenschaftlicher wurden ihre Küsse. Natalies Zunge lieferte sich einen wilden Kampf mit Angelos. Sie stöhnte auf, als Angelo ungeduldig ihre Bluse aufknöpfte, um die Brüste zu umfassen. Als er dann begann, die vor Erregung harten Brustwarzen zu umkreisen, zu reiben und spielerisch zu necken, wurde das Pulsieren in Natalies Schoß übermächtig. Sie wollte Angelo haben. Jetzt! Sofort! Sie war nur zu bereit für ihn. Aufreizend rieb sie sich an ihm.

Doch er ließ sich nicht hetzen, küsste sie stattdessen tief und langsam, bis sie glaubte, den Verstand zu verlieren. Ihre Lippen waren schon geschwollen, doch das war Natalie egal. Sie erwiderte Angelos Küsse mit der gleichen Intensität. Er schmeckte wie damals: frisch und unwiderstehlich männlich.

Schließlich beendete er den Kuss, um sich Natalies Brüsten mit Lippen und Zunge zu widmen. Immer wieder umspielte er die harten Knospen mit der Zunge, bis Natalie sich ihm auffordernd entgegenbog. Sie fieberte dem Höhepunkt entgegen, war fast so weit, spürte das innere Beben, die Anspannung vor dem großen Finale.

Angelo nahm sich wieder ihren Mund und ließ sich viel Zeit mit dem Kuss. Natalie schmolz förmlich dahin. Fordernd schmiegte sie sich immer enger an ihn. Seine Erektion war noch größer geworden.

Außer Atem beendete er schließlich den Kuss. „Sag, dass du mich willst“, forderte er und sah sie mit seinen vor Verlangen schwarzen Augen an.

Das wirkte wie eine kalte Dusche. Stolz hob Natalie den Kopf und behauptete: „Ich will dich nicht.“

Angelo lachte leise. „Ich könnte meine Hand zwischen deine Schenkel schieben und wüsste sofort, dass du lügst.“

Natalie versuchte zurückzuweichen, doch er hielt sie fest. „Lass mich sofort los!“, zischte sie.

Langsam ließ er die Hände über Natalies Arme gleiten und umschloss ihre Handgelenke wie mit Handschellen. „Du wirst zu mir kommen, cara, wie du es früher auch immer getan hast. So gut kenne ich dich inzwischen.“

„Du kennst mich überhaupt nicht“, widersprach sie vehement. „Vielleicht meinen Körper, aber nicht mein Herz.“

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