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JULIA EXTRA BAND 369

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Wie ein Stern in der Wüstennacht

1. KAPITEL

„Du siehst aus, als würdest du gleich vor ein Erschießungskommando treten.“

Die Worte ihres Assistenten veranlassten Iris, oben auf der Palasttreppe stehen zu bleiben. Sie drehte sich zu ihm um und rang sich ein Lächeln ab. „Und du siehst hungrig aus.“

„Jetzt mal im Ernst. Es ist nur ein Abendessen, richtig?“

„Ja, natürlich.“

Und dabei sollten sie hier in Kadar ihre Kontaktperson treffen – Asad, einen Cousin zweiten Grades von Scheich Hakim, ebenfalls Scheich eines in dieser Gegend ansässigen Beduinenstammes, den Sha’b Al’najid. Asad war ein weit verbreiteter arabischer Name und bedeutete Löwe. Es gab keinen Grund zu der Annahme, dass dieser Mann ihr Asad war.

Und dennoch wurde sie das ungute Gefühl nicht los, das sie beschlichen hatte, als Scheich Hakim den Namen ihrer Kontaktperson erwähnte. Seit sie diesen Auftrag im Mittleren Osten angenommen hatte, hatte sie eine dunkle Vorahnung, die sie zunehmend schlechter verdrängen konnte.

„Bist du sicher, dass wir nicht gekidnappt und an irgendwelche Sklavenhändler verkauft werden sollen?“, scherzte Russell wenig überzeugend, als er ebenfalls die Treppe betrat.

Nun musste Iris lachen. „Du bist ein Idiot.“ Trotzdem konnte sie nicht weitergehen.

„Aber ein charmanter, das musst du zugeben. Und wer würde eine Frau wie dich nicht kidnappen wollen?“, meinte er augenzwinkernd.

Mit dem dichten roten Haar und der hellen Haut hätte er ihr kleiner Bruder sein können. Ja, mit einem Bruder oder einer Schwester wäre ihre Kindheit weniger einsam gewesen. Ihre Eltern hatten einander genügt und sich nie wirklich für sie interessiert. Die beiden arbeiteten zusammen, sie reisten zusammen, und sie hatte nie dazugehört. Vermutlich war sie ein Unfall gewesen, auch wenn die beiden es nie ausgesprochen hatten.

Anders als sie war Russell jedoch nicht angepasst und hätte daher noch stärker wie ein Kuckuck im Nest gewirkt als sie. Dennoch ähnelten sie sich äußerlich sehr. Er hatte zwar Sommersprossen und sie nicht und keine blauen, sondern grüne Augen, aber sie hatten beide lockiges rotes Haar wie ihre Mutter, ein leicht eckiges Kinn wie ihr Vater und helle Haut. Mit seinen einsachtzig überragte Russell sie um gut fünfzehn Zentimeter.

Sie neigten beide dazu, sich wie typische Wissenschaftler zu kleiden. An diesem Abend trug Iris allerdings ein leuchtend blaues Etuikleid und einen schwarzen Paschminaschal. Und entgegen ihrer Gewohnheit hatte sie das Haar nicht zu einem Pferdeschwanz gebunden, sondern locker hochgesteckt und sich sogar die Wimpern getuscht und Lippenstift aufgetragen. Schließlich aß sie mit einem Scheich und dessen Familie zu Abend.

Mit zwei Scheichs, wie sie sich beunruhigt ins Gedächtnis rief.

Russell hatte statt des obligatorischen T-Shirts und der Cargohose ein Hemd und eine Khakihose gewählt.

Nun stöhnte Iris. „Kein vernünftiger Mensch würde dich entführen.“

Er lachte, wirkte allerdings immer noch besorgt.

Es wird gut laufen, sagte sie sich energisch. Schließlich war sie keine naive Studentin mehr, sondern eine Geologin, die für eine renommierte Firma arbeitete.

„Und warum machst du dann so ein Gesicht?“ Russell ging eine Stufe hinunter, als wollte er sie auch dazu bewegen. „Ich weiß, dass du diesen Auftrag eigentlich nicht wolltest.“

Das stimmte, doch dann war ihr klar geworden, wie albern es war. Sie konnte keine lukrativen Aufträge im Mittleren Osten ausschlagen, nur weil sie einmal einen Mann geliebt hatte, der daher stammte. Außerdem hatte ihr Chef ihr zu verstehen gegeben, dass sie diesmal keine andere Wahl hatte.

„Alles okay. Mir macht nur der Jetlag zu schaffen.“ Sie zwang sich, die Treppe hinunterzugehen, und hakte sich bei Russell unter, als er ihr den Arm hinhielt.

Nein, bei diesem Mann handelte es sich bestimmt nicht um ihren Asad.

Wie standen die Chancen, dass dies derselbe Mann war, der ihr vor sechs Jahren das Herz gebrochen hatte? Der Mann, den sie niemals wiederzusehen gehofft hatte?

Gleich null, wie sie sich sagte.

Sicher, ihr Asad hatte einem Beduinenstamm angehört und eines Tages Scheich werden sollen, wie sie zum Schluss erfahren hatte.

Sie hoffte, dass er es nicht war.

Wenn doch, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Da sie bei Coal, Carrington & Boughton befördert werden wollte, konnte sie diesen Auftrag nicht aus persönlichen Gründen ablehnen. Nein, sie durfte sich ihre Karriere nicht verbauen. Asad hatte ihr schon genug weggenommen. Ihren Glauben an die Liebe. Ihre Träume von einer rosigen Zukunft.

Als Russell ihr im nächsten Moment einen Geologenwitz erzählte, verdrehte Iris die Augen, musste aber trotzdem lachen.

„Schön, dass du immer noch Sinn für Humor hast.“ Die tiefe Stimme in der Eingangshalle klang jedoch alles andere als erfreut.

Dieser Widerspruch fiel Iris allerdings kaum auf, denn der Klang der vertrauten Männerstimme ließ ihr Herz noch immer schneller schlagen und jagte ihr prickelnde Schauer über den Rücken.

Unvermittelt blieb sie stehen. Unter seinem durchdringenden Blick stockte ihr der Atem.

Asad hatte sich verändert. Ja, er sah immer noch fantastisch aus. Doch er trug das dunkelbraune, fast schwarze Haar jetzt fast schulterlang. Es hätte ihn eigentlich lässiger erscheinen lassen müssen, aber trotz des Designeranzugs und der luxuriösen Umgebung erinnerte er sie an einen Krieger. Ja, er wirkte gefährlich.

Forschend betrachtete er sie aus seinen dunkelbraunen Augen.

Sein kurzer Kinnbart verstärkte seinen Sexappeal, und Asad war noch kräftiger und muskulöser als damals, was ihm eine Aura der Macht verlieh. Mit seinen einsneunzig war er schon früher kaum zu übersehen gewesen, aber jetzt war er jeder Zoll ein Scheich.

Nicht zum ersten Mal wünschte Iris, sie könnte diesen Mann ignorieren. Sie nickte. „Scheich Asad.“

„Das ist unsere Kontaktperson?“, erkundigte Russell sich heiser und brachte sich damit wieder in Erinnerung.

Asad würdigte ihn keines Blickes und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich begleite euch zu den anderen.“

Nun erwachte Iris aus ihrer Starre und schaffte es, die restlichen Stufen hinunterzugehen. Ohne seine Hand zu ergreifen, steuerte sie auf den Raum zu, in dem sie vor Kurzem schon die Bekanntschaft von Scheich Hakim und dessen Familie gemacht hatte. Wenn sie Glück hatte, befand sich der Speisesaal im selben Teil des Palasts.

„Weißt du, wohin du gehst?“, fragte Russell hinter ihr irritiert.

Asad stieß einen beinah amüsierten Laut aus. „Ich glaube, Iris hat sich noch nie beirren lassen.“

In diesem Moment brachen ihr aufgestauter Zorn und ihr Schmerz sich Bahn, und sie wirbelte wütend zu ihm herum. „Selbst der beste Wissenschaftler kann mal etwas falsch deuten.“ Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, fügte sie kühl hinzu: „Vielleicht möchtest du vorgehen.“

Wieder bot er ihr seinen Arm, und wieder ignorierte sie ihn.

„Genauso stur wie eh und je.“

Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst, was sie sehr schockierte. Sie hatte noch nie zu Gewalt geneigt. Selbst damals, als er sie zutiefst verletzt hatte, hatte sie nie das Bedürfnis verspürt, ihm körperlich wehzutun.

„Das ist unsere Iris, so unerschütterlich wie ein Fels.“

Diesmal ignorierte Asad Russell nicht, sondern warf ihm einen vernichtenden Blick zu, aber Russell grinste nur und streckte ihm die Hand entgegen.

„Russell Green, furchtloser Assistent und zukünftiger Geologe mit eigenem Labor.“

Während er ihm die Hand schüttelte, neigte Asad leicht den Kopf. „Scheich Asad bin Hanif Al’najid. Während Ihres Aufenthalts in Kadar werde ich als Reiseführer und Beschützer für Ihr Team fungieren.“

„Persönlich?“, erkundigte Iris sich beunruhigt. „Bestimmt nicht. Du bist ein Scheich.“

„Ich tue meinem Cousin einen Gefallen. Für mich kommt es nicht infrage, einen anderen damit zu beauftragen.“

„Aber das ist unnötig.“ Sie würde die nächsten Wochen nicht überleben, wenn sie sie in seiner Nähe verbringen musste.

Obwohl sie diesen Mann vor sechs Jahren das letzte Mal gesehen hatte, waren der Schmerz und das Gefühl, verraten worden zu sein, genauso intensiv wie damals. Angeblich heilte die Zeit alle Wunden, doch ihre waren noch immer frisch.

Noch immer träumte sie von ihm, auch wenn es eher Albträume waren.

Sie hatte ihn über alles geliebt, ihm rückhaltlos vertraut und geglaubt, sie hätte nach ihrer einsamen Kindheit und Jugend eine Chance auf eine Familie. Doch er hatte ihre Gefühle und Hoffnungen unwiderruflich zerstört.

„Das steht nicht zur Debatte.“

Iris schüttelte den Kopf. „Ich …“

„Ist alles in Ordnung, Iris?“, erkundigte Russell sich.

„Ja“, versicherte sie schnell, weil es hier um ihren Job, ihre Karriere ging, das Einzige, was in ihrem Leben noch zählte. „Wir sollten Scheich Hakim nicht warten lassen.“

In Asads dunkelbraune Augen trat so etwas wie ein besorgter Ausdruck. Doch sie musste sich täuschen, denn auch damals war er nicht um sie besorgt gewesen.

Nun wandte Asad sich ab und ging in die Richtung, die sie eben eingeschlagen hatte. Sie hatte also richtiggelegen. Manchmal konnte sie sich auf ihre Intuition verlassen, zumindest wenn es nicht um Menschen ging.

„Asad hat uns erzählt, dass Sie beide an derselben Universität studiert haben.“ Catherine lächelte liebenswert, und der Ausdruck in ihren blauen Augen verriet echtes Interesse.

Iris rang sich ein Lächeln ab. „Ja.“

Für sie war es damals Schicksal gewesen. Sie hatte Arabisch gelernt, was für Geologiestudenten nicht ungewöhnlich war. Ihm nach neunzehn einsamen Jahren zu begegnen war für sie wie eine Offenbarung gewesen, und sie hatte geglaubt, Asad und sie würden zusammengehören.

Aber sie hatte sich getäuscht. Er hatte sie nicht gewollt, zumindest nicht für mehr als ein paar Monate, und er hatte ihr in keiner Hinsicht gehört.

„Wir haben uns über das Studium kennengelernt …“ Asad war auf sie zugekommen und hatte mit ihr geflirtet. Als er sie gefragt hatte, ob sie mit ihm ausgehen wolle, hatte sie sofort zugesagt. Damals war er für sie nur Asad Hanif gewesen. Ein ausländischer Student von vielen. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass er Scheich war.

Asad warf Iris einen Blick zu. „Obwohl ich wenig Ahnung von Geologie hatte und Iris sich nicht für Betriebswirtschaft interessierte.“

„Unsere Freundschaft hat nicht lange bestanden. Also hatten wir offenbar doch weniger Gemeinsamkeiten, als es zuerst schien.“ Erleichtert stellte Iris fest, dass sie weder bitter noch vorwurfsvoll klang.

Obwohl sie nie eine gute Schauspielerin gewesen war, übertraf sie sich an diesem Abend selbst. Bisher war es ihr gelungen, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgewühlt sie innerlich war.

Nun legte Asad seine Gabel auf seinen leeren Salatteller. „Als junger Mensch hat man eben wenig Lebenserfahrung.“

„Du warst fünf Jahre älter als ich.“

Er zuckte die Schultern, eine Geste, die Iris nur zu gut kannte.

„Jedenfalls hoffe ich, es hat sich nicht so angehört, als würde ich alte Freundschaften erneuern wollen.“ Ein eisiger Schauer lief ihr bei der Vorstellung über den Rücken. „Ich bin hier, um zu arbeiten.“ Dann zuckte sie die Schultern, was vermutlich ziemlich verkrampft wirkte.

In seiner Nähe hatte sie noch nie locker sein können, doch das spielte keine Rolle. In absehbarer Zeit würde sie wieder aus seinem Leben verschwinden, was er sicher genauso wünschte.

Und sie würde niemals wieder nach Kadar zurückkehren, egal, wie förderlich es ihrer beruflichen Laufbahn wäre.

„Es wäre schade, wenn du eine so weite Reise machst, ohne unsere Kultur kennenzulernen.“ Forschend blickte Asad sie an.

Sie kannte diesen Gesichtsausdruck, und ihr Herz krampfte sich zusammen.

„Bei deinem Stamm zu leben ist für Iris und Russell bestimmt die ideale Gelegenheit, einen Einblick in unsere Kultur zu bekommen“, sagte Catherine und lächelte dabei erst Asad und dann Iris an. „Ich wohne gerne bei den Beduinen. Es ist eine ganz andere Art zu leben. Allerdings weiß ich nicht, warum es unseren Kindern immer schwerer fällt als uns, sich für die Zeltstadt zu begeistern.“

Sie zwinkerte ihrem Mann zu, und dieser blickte sie daraufhin so liebevoll an, dass Iris sich einerseits für die beiden freute, aber andererseits auch traurig wurde. Dieses Paar liebte sich genauso wie ihre Eltern, empfand jedoch genauso viel für seine Kinder.

Erst im nächsten Moment wurde ihr die Bedeutung von Catherines Worten bewusst. „Wir sollen bei Scheich Asads Stamm wohnen?“, hakte sie schockiert nach. „Ich dachte, wir würden hierbleiben.“

Damit meinte sie den prachtvollen Palast, in dem sie sich schon jetzt wie zu Hause fühlte.

„Unser derzeitiges Lager liegt viel dichter an der Bergkette, wo ihr eure Untersuchungen durchführt“, erklärte Asad mit einem ihr unerklärlichen zufriedenen Unterton.

2. KAPITEL

„Wenn Sie bei den Sha’b Al’najid wohnen, sparen Sie viel Zeit“, ergänzte Scheich Hakim.

„Aber …“

„Es wird eine einmalige Erfahrung, glauben Sie mir“, sagte Catherine. „Asad hat den Stamm zwar in eine andere Richtung gebracht als Hakims Vater, aber ihr Lebensstil hat viel mit dem von früher gemeinsam.“

Für sie wäre es die reinste Tortur, aber wenigstens wäre das Lager nur der Ausgangspunkt für sie, wie Iris sich einzureden versuchte. „Ja, sicher“, erwiderte sie. „Zumindest in der Zeit, die wir dort verbringen.“

Fragend sah Catherine sie an. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Wenn wir im Gelände sind und die Untersuchungen durchführen, mit denen Kadar unsere Firma beauftragt hat, verbringt das Team den größten Teil der Zeit in einem Camp“, sagte Iris. „Es wäre also kaum ein Unterschied, wenn unser Ausgangspunkt hier oder in dem Beduinenlager wäre.“

„Du wohnst nicht allein in einem Lager, solange du nur diesen Jüngling als Beschützer hast.“ Asads Ton duldete keinen Widerspruch.

Und erschütterte Iris zutiefst. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum es für ihn eine Rolle spielte. Und auch ein derart besitzergreifendes Verhalten passte nicht zu ihm. Sie musste es sich eingebildet haben.

Dennoch erschauderte sie.

„Wir teilen ja kein Feldbett miteinander, sondern nur ein Zelt“, verkündete Russell, offenbar aus Rücksicht auf den anderen Kulturkreis.

Allerdings erreichte er damit genau das Gegenteil. Mit versteinerter Miene warf Asad ihm einen Furcht einflößenden Blick zu.

„Inakzeptabel.“ Es war nur ein Wort, aber es klang so autoritär, wie sie bisher nur ihn erlebt hatte – und zwar als er ihr zu verstehen gegeben hatte, dass es keine gemeinsame Zukunft für sie gab.

Russell sank förmlich auf seinem Stuhl zusammen, während Catherines Blick sich umwölkte. Iris versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, während ihr Herz sich zusammenkrampfte.

Scheich Hakim runzelte die Stirn. „Mein Cousin hat recht. Es wäre weder sicher noch schicklich, wenn Sie beide so ein Lager aufschlagen würden.“

Iris sah ihre Felle davonschwimmen, während ihre Angst wuchs. Trotzdem wollte sie sich nicht so leicht geschlagen geben. „Ich habe schon viele solcher Aufträge erledigt und hatte noch nie ein Problem damit.“

Allerdings nicht im Mittleren Osten.

„Aber ich bin für die Sicherheit derer verantwortlich, die sich in meinem Gebiet aufhalten“, sagte der Scheich und schüttelte den Kopf. „Ein solches Lager in den Bergen kommt nicht infrage.“

Asad betrachtete sie nur mit unbeweglicher Miene. Genauso hatte er ausgesehen, als er sich damals von ihr verabschiedet hatte. „Wie ich schon sagte, kümmere ich mich um euch.“

„Du bist nicht für meine Sicherheit verantwortlich.“

„Doch. Das habe ich entschieden.“ Scheich Hakim wirkte nun ausgesprochen arrogant.

Und er war ein sehr wichtiger Kunde. Sein Land zahlte ihrer Firma viel Geld für diese Untersuchung. Deswegen musste sie seine Bedingungen akzeptieren. Entweder lehnte sie den Auftrag ab, oder sie fand sich mit den Einschränkungen ab.

„Wenn wir kein mobiles Lager haben, könnte das Entnehmen und Auswerten der Proben viel länger dauern“, versuchte Iris es ein letztes Mal.

„Das macht nichts“, beharrte der Scheich. „Ihre Sicherheit muss an erster Stelle stehen.“

„Wäre Ihnen ein männlicher Teamleiter lieber?“, fragte sie. Wenn der Scheich danach verlangte, würde es sich nicht negativ auf ihre berufliche Laufbahn auswirken. Schließlich wusste ihr Chef, dass man in bestimmten Kulturkreisen nicht gern mit weiblichen Geologen zusammenarbeitete. „Mein Chef könnte sofort einen Kollegen herschicken.“

„Überhaupt nicht. Sie werden sicher hervorragende Arbeit leisten“, erwiderte Scheich Hakim gewandt.

Russell betrachtete sie völlig entgeistert. Unter anderen Umständen hätte sie sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, wegen ihres Geschlechts benachteiligt zu werden.

„Dein Angebot überrascht mich“, mischte Asad sich ein. „Früher hast du dich vehement gegen die Vorstellung gewehrt, dass Männer die besseren Geologen sind.“

„Ich habe ja auch nicht behauptet, ein Kollege wäre ein besserer Geologe.“

„Natürlich nicht. Du hast mit Prädikatsexamen bestanden, stimmt’s?“

„Mich wundert, dass du das weißt.“ Aber vermutlich hatte es in ihren Referenzen gestanden.

Wieder zuckte Asad die Schultern. „Ich bin auf dem Laufenden geblieben, was dich betrifft.“

Das stimmte nicht. Nachdem er gegangen war, hatte sie nie wieder von ihm gehört. Ein gemeinsamer Freund hatte ihr allerdings von seiner Hochzeit erzählt, die ein Jahr nach seiner Rückkehr in seinem Heimatland stattgefunden hatte. Daraufhin hatte sie sich die Augen ausgeweint.

Dann hatte sie sich allerdings in ihre Arbeit gekniet, entschlossen, sich von nichts und niemandem den einzigen Traum zerstören zu lassen, an den sie sich noch klammerte. Sie hatte sogar weiter Arabisch studiert, es allerdings bis zu diesem Auftrag kaum anwenden können.

„Mich wundert, dass deine Frau nicht bei dir ist“, wechselte sie schnell das Thema, um sich ins Gedächtnis zu rufen, warum sie bei diesem Mann nicht schwach werden durfte.

Ja, wo war seine Frau eigentlich? Und was sagte sie dazu, dass Asad seiner Exfreundin Schutz und Geleit versprach?

Zumindest diese Frage war idiotisch. Natürlich wusste die Prinzessin nicht von ihr.

Sie hatte jedenfalls nicht von Prinzessin Badra gewusst, als sie sich mit Asad traf und mit ihm schlief.

Er hingegen hatte gewusst, dass er sein Leben nicht mit ihr verbringen wollte. Dass er die unberührte Prinzessin heiraten würde und nicht die amerikanische Geologiestudentin, die zehn Monate lang jede Nacht in seinem Bett verbracht hatte.

Trotzdem hatte er sie verführt und sie wie seine Freundin behandelt, obwohl sie nur seine Geliebte gewesen war.

Ein altmodisches Wort für eine undankbare Position, die sie niemals freiwillig eingenommen hätte. Jedenfalls hatte sie sich das eingeredet.

Die unangenehmste Wahrheit war allerdings, dass sie sich nicht sicher war, ob sie ihn tatsächlich hätte verlassen können, wenn sie all das auch nur geahnt hätte.

„Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben“, riss der Klang seiner Stimme sie im nächsten Moment aus ihren Gedanken.

Entsetzt blickte sie zu ihm auf. „Das tut mir leid.“

Er antwortete nicht, sondern betrachtete sie mit unversöhnlicher Miene.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen und alles andere in den Hintergrund zu treten. Wie erstarrt und mit klopfendem Herzen saß Iris da, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

Ein verheirateter Asad wäre schlimm genug gewesen, aber ein Witwer? Angst überkam sie bei dieser Vorstellung.

Sie saßen im Hubschrauber, und der Lärm der Rotoren machte eine Unterhaltung unmöglich. Und nach dem vergangenen Abend, an dem er Iris am liebsten aus dem Speisesaal geführt hätte, um mit ihr allein zu sein, stand Asad ohnehin nicht der Sinn nach einer Unterhaltung mit Fremden.

Er hatte sich wirklich zusammenreißen müssen, um sie nicht in ihrem Zimmer aufzusuchen, aber er musste sich an seinen Plan halten. Und dieser hatte größere Erfolgschancen, wenn sie in seinem Lager wohnte und nicht im Palast.

Ihre Feindseligkeit ihm gegenüber überraschte ihn. Seine Rückkehr nach Kadar lag inzwischen sechs Jahre zurück. Iris konnte doch unmöglich immer noch wütend über das zugegebenermaßen abrupte Ende ihrer Verbindung sein.

Wäre er noch einmal in einer solchen Situation gewesen, hätte er sich anders verhalten. Aber damals war ihm nicht bewusst gewesen, dass ihr eine gemeinsame Zukunft vorgeschwebt hatte. In seiner Überheblichkeit hatte er geglaubt, alle wüssten, dass er ein zukünftiger Scheich war. Schließlich war es kein Geheimnis gewesen. Iris tratschte jedoch nicht und hatte so gut wie nichts über ihre Kommilitonen gewusst, wie er später erfahren hatte.

Als sie ihm ihre Liebe gestanden hatte, hatte er es nicht ernst genommen. Und noch immer war er sich nicht sicher, ob er überhaupt an die ewige Liebe glaubte. Allerdings war selbst ihm klar, dass die Ehe seines Cousins mit Catherine etwas Besonderes war.

Im Gegensatz zu seiner, die nur auf Lügen gegründet hatte.

Nun wusste er jedoch, dass er sensibler hätte sein können, als er damals ihre Beziehung beendet hatte.

Er hatte sich Iris tiefer verbunden gefühlt, als er erwartet hatte. Und zu seiner Bestürzung war ihm zum Schluss klar geworden, dass sie seine sorgfältig ausgearbeiteten Pläne hätte durchkreuzen können.

Also war er gegangen. Und hatte sich nicht mehr mit ihr in Verbindung gesetzt.

Und er hatte sich bemüht, jeden Gedanken an sie zu verdrängen, bis zu seiner unglückseligen Hochzeitsnacht, als er zwangsläufig Vergleiche und Schlüsse hatte ziehen müssen.

Iris war keine Jungfrau mehr gewesen, aber ehrlich, loyal und überraschend unschuldig. Er hatte geglaubt, Badra wäre unberührt, aber das war eine dreiste Lüge gewesen, wie so vieles. Die Frau, die glaubte, sie wäre zu gut für einen Beduinenscheich, hatte gelogen und betrogen. Und bis zu seiner Hochzeitsnacht hatte er davon nichts geahnt.

Dennoch war sein Zorn irgendwann Gleichgültigkeit gewichen. So hatte er bei ihrem Tod nur Erleichterung empfunden und leises Bedauern um ihrer gemeinsamen Tochter willen, die ihre Mutter viel seltener zu Gesicht bekommen hatte als die Pariser Modeschöpfer.

Nach der Hochzeit hatte er die Gedanken an Iris nicht mehr völlig verdrängen können. Er hatte es darauf zurückgeführt, dass sie sogar bessere Freunde als Geliebte gewesen waren. Er hatte ihre berufliche Laufbahn verfolgt, sich aber von ihr ferngehalten.

Als er ihr einen verstohlenen Blick zuwarf, stellte er fest, dass sie aus dem Fenster sah, offenbar ohne die Wüstenlandschaft unten wahrzunehmen.

Allerdings würde sie sich nicht mehr lange von ihm abwenden. Es war sechs Jahre her. Der Tod seiner Frau lag zwei Jahre zurück. Nun würde er nicht mehr warten.

Der Hubschrauber landete in der Nähe einer Bergkette.

„Wo sind denn die Kamele?“, fragte Russell, als er nach dem Piloten ausstieg.

Asad antwortete nicht. Obwohl die beiden vermutlich nicht mehr als eine kollegiale Freundschaft verband, gefiel ihm dessen besitzergreifende, vertrauliche Art Iris gegenüber nicht.

Als er ihr die Hand entgegenstreckte, betrachtete sie diese einen Moment angewidert, bevor sie sie zögernd ergriff.

Lächelnd blickte er ihr in die strahlend blauen Augen. „Willkommen bei den Beduinen des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“

Sie blickte sich auf dem Landeplatz um, an dessen Rand zwei Geländewagen standen. „Ich weiß ja, dass Kamele nicht mehr das Transportmittel der Wahl sind.“ Als sie ihn wieder ansah, verkniff sie sich ein Lachen. „Aber riesige Geländewagen?“

Lässig zuckte Asad die Schultern. „Unser Stamm ist wohlhabender als die meisten.“

„Und warum?“

„Mein Urgroßvater hat Land in drei Staaten erworben, die an unsere übliche Reiseroute angrenzen, damit unser Stamm immer einen Lagerplatz hat. Damals haben politische Unruhen die Bewegungen bestimmt, aber jetzt halten wir uns eigentlich nur noch in Kadar auf.“

„Und das Land in den anderen Staaten bringt Geld ein?“

„Genau. Dort wird jetzt Öl gefördert.“

„Da kannst du dich ja glücklich schätzen.“

„Manch einer denkt wohl so.“

„Ich schätze, alle denken so.“

Asad antwortete nicht, sondern wandte sich ab, um seine Männer zu instruieren, die darauf warteten, das Gepäck und die Ausrüstung der beiden zu verstauen. Er sorgte dafür, dass Russell in den zweiten Wagen stieg.

Das Lager der Sha’b Al’najid war ganz anders, als Iris es sich vorgestellt hatte. Im Schatten der niedrigen Bergkette im südlichsten Teil von Kadar errichtet, sah es wirklich wie die Zeltstadt aus, von der Catherine gesprochen hatte.

„Eure Ölquellen müssen sehr ergiebig sein.“

„Die Einkünfte decken unsere Grundbedürfnisse.“

„Grundbedürfnisse?“

„Mein Großvater hat geschickt, aber im kleinen Rahmen für unser Volk investiert. Ich habe diese Tradition fortgeführt, allerdings in einem etwas größeren Rahmen.“ Asads dunkle Augen funkelten triumphierend. „Außerdem praktizieren wir das, was wir am besten können.“

„Und das wäre?“, erkundigte Iris sich neugierig, obwohl sie sich eigentlich nicht mit ihm unterhalten wollte.

„Die Beduinen sind für ihre Gastfreundschaft bekannt. Unser Stamm bietet einheimischen und ausländischen Touristen die Gelegenheit, das Beduinenleben kennenzulernen. Wir betreiben immer noch traditionelle Handelskarawanen, und gegen eine entsprechende Summe kann man daran teilnehmen. Andere Stämme machen das auch. Es gibt unserem Volk die Gelegenheit, eine jahrtausendealte Tradition fortzuführen, und die Touristen können einen Eindruck von diesem einzigartigen Lebensstil gewinnen.“

„Du klingst wie ein Reiseführer.“

„Ich habe einige geschrieben.“

Sie lachte. „Es kann nicht mehr so traditionell sein, wenn Geländewagen die Kamele ersetzen.“

„Wir halten immer noch Kamele.“

„Und zieht ihr immer noch weiter?“

„Zweimal im Jahr.“

„Bleibt ihr dann in Kadar?“

„Ja. Andere Stämme hingegen haben Land von der Regierung bekommen und sind dort sesshaft geworden.“

„Ach so.“

„Du wirst bald sehen, dass wir über viele moderne Errungenschaften verfügen, während wir jahrtausendealte Traditionen fortführen.“ Stolz schwang in seinen Worten mit.

„Sind das Stromleitungen?“, erkundigte Iris sich, als sie die dicken Kabel im Sand bemerkte.

„Ja. Dahinten steht eine Solaranlage.“ Asad deutete auf eine Stelle in der prallen Sonne. „Es gibt zwar nicht immer Strom, aber im Gemeinschaftszelt steht sogar ein Fernseher.“

„Ich wusste gar nicht, dass es so etwas in einem Beduinenlager gibt. Ich dachte, die Bewohner treffen sich eher in ihren Zelten.“ Das hatte sie zumindest bei ihren Recherchen gelesen.

„Wir haben es ursprünglich für die Touristen eingerichtet, aber es wird auch von meinen Leuten gern genutzt. Einige britische und amerikanische Fernsehprogramme sind sehr beliebt. Als ich vor sechs Jahren zurückgekommen bin, habe ich keine Folge von Law & Order verpasst.“

Sie hatten die Serie immer zusammen gesehen.

„Schaust du es dir immer noch an?“, fragte Asad.

„Nein.“

„Du hast es nie besonders gemocht. Aber mir zuliebe hast du mitgeschaut.“

Iris fühlte sich zunehmend unbehaglicher. „Ich muss gestehen, dass ich mir das Lager ganz anders vorgestellt habe“, wechselte sie deshalb schnell das Thema und deutete auf die Zelte.

„Hattest du denn bestimmte Erwartungen?“

„Natürlich. Ein guter Geologe informiert sich vorher über das Gebiet, in das er reist.“

„Aber du hattest keine Ahnung, dass du in ein Beduinenlager kommen würdest.“

„Man kann nie wissen“, erwiderte sie ausweichend.

„Stimmt. Vor sechs Jahren hätte keiner von uns vermutet, dass du einmal hierherkommen würdest.“

Sie schon … bis er mit ihr Schluss gemacht hatte. Doch sie wollte diese Erinnerungen nicht wieder aufleben lassen. „Und welche Traditionen pflegt ihr noch?“

„Viele.“

Iris sah, was Asad meinte, als er sie in ein großes Zelt in der Mitte des Lagers führte. Ein prachtvoller, mit zwei großen Pfauen in schillernden Farben bestickter Vorhang teilte den für Beduinenzelte typischen Empfangsbereich ab, der hier jedoch ungewöhnlich lang anmutete. Da sie nirgends einen Fernseher entdecken konnte, nahm sie an, dass es sich hier nicht um das Gemeinschaftszelt handelte.

Exquisite Perserteppiche lagen im Hauptteil, und statt Sitzmöbeln gab es prachtvolle Samt- und Damastkissen in leuchtenden, von Goldfäden durchwirkten Blau-, Rot- und Grüntönen. Dazwischen standen niedrige Tische, und während die Außenwände traditionell aus gewebter Ziegenwolle bestanden, fungierten bunte Seidenvorhänge als Raumteiler.

„Hier sollen Russell und ich wohnen?“, erkundigte Iris sich mit einem unguten Gefühl.

Das hier war kein normales Beduinenzelt. Seine Lage und die luxuriöse Ausstattung ließen erahnen, wem es gehörte: Scheich Asad bin Hanif Al’najid.

Du wirst hier wohnen. Russell nimmt euer Zelt.“

„Ist es ein Harem oder so etwas?“, erkundigte sie sich.

„Es ist mein Zuhause.“

3. KAPITEL

„Ich werde nicht in deinem Zelt schlafen.“

„Es ist schon alles arrangiert. Dein Bereich ist dahinten.“ Asad deutete auf einen blauen Seidenvorhang. „Meine verstorbene Frau wollte entgegen der Tradition einen abgeteilten Frauenbereich. Du hast also dein eigenes Reich und musst nicht das ganze Zelt mit den anderen alleinstehenden Frauen aus meiner Familie teilen.“

„Mit den anderen alleinstehenden Frauen?“, wiederholte Iris matt.

„Meine Tochter und eine entfernte Cousine.“

„Ich kann nicht hier bei dir schlafen. Ich teile mir ein Zelt mit Russell.“

Dieser Vorschlag gefiel Asad offenbar überhaupt nicht, denn sofort verfinsterte sich seine Miene. „Kommt nicht infrage.“

„Es wäre aber das Sinnvollste.“ Und das Beste für sie.

„Es ist völlig inakzeptabel“, erklärte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Du wirst hier wohnen.“

„Und warum ist es etwas anderes, wenn ich hier bei dir wohne, als wenn ich mir mit Russell ein Zelt teile?“

„Wie ich schon sagte, leben meine Tochter und meine Cousine auch hier, genau wie meine Großeltern.“

„Dein Großvater lebt noch?“, fragte Iris verblüfft.

„Natürlich.“

„Aber du bist der Scheich.“

„Dachtest du etwa, ich hätte meinen Vorgänger töten müssen, um das Amt zu übernehmen? Er ist in den Ruhestand getreten und genießt jetzt seine wohlverdiente Freizeit.“

„In den Ruhestand?“, wiederholte sie entgeistert. Das klang so … modern. „Das ist …“

„Der Lauf der Dinge“, ließ sich im nächsten Moment eine ältere Frau vernehmen, die mit einem Tablett in Händen hinter dem blauen Seidenvorhang hervorkam.

Sie trug die traditionelle Kleidung der Beduinen, unter anderem ein reich besticktes und mit Perlen verziertes Kopftuch, unter dem einzelne Strähnen ihres weißen Haars hervorschauten. Ihr sonnengegerbtes, faltiges Gesicht war noch immer schön, allerdings heller als Asads und auf europäische Vorfahren hindeutend.

„Darf ich dir Miss Iris Carpenter vorstellen, Großmutter?“ Asad verneigte sich vor ihr, während er mit der Rechten auf Iris deutete. „Iris, meine Großmutter, Lady bin Hanif.“

„Bitte nennen Sie mich Genevieve.“

„Danke. Sie sind gebürtige Französin, stimmt’s?“, erkundigte Iris sich, die sofort den Akzent hatte zuordnen können.

„Stimmt. Allerdings sind meine Vorfahren vor fast zweihundert Jahren in die Schweiz ausgewandert. Ich habe meinen Mann in Paris an der Universität kennengelernt, und er hat mich überredet, meinen Kulturkreis zu verlassen und hier mit ihm bei seinem Stamm zu leben.“ Lächelnd stellte die alte Dame das Tablett auf einen der Tische. „Und ich habe es nie bereut. Die Sha’b Al’najid sind bald zu meinem Volk geworden.“

„Und sie haben Großmutter ins Herz geschlossen.“

Iris lächelte ebenfalls. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Genevieve.“

„Kommen Sie, setzen Sie sich.“ Mit einer eleganten Handbewegung deutete Genevieve auf eines der prachtvollen Kissen. „Für mich ist es auch immer eine besondere Freude, alte Freunde meines Enkels kennenzulernen.“

Iris wollte erst leugnen, dass sie eine alte Freundin von Asad war, überlegte es sich dann jedoch anders. Die alte Dame gehörte sicher zu den Frauen, die sofort eine Erklärung verlangen würden.

„Wir haben nur einige Monate zusammen studiert“, erwiderte Iris deshalb.

Genevieve schenkte dampfenden Tee in zarte Porzellantassen mit arabischem Dekor. „Und trotzdem hat diese Zeit bleibenden Eindruck bei meinem Enkel hinterlassen, soweit ich weiß.“

Schockiert wandte Iris sich zu Asad um und warf ihm einen strafenden Blick zu. Er hatte seinen Großeltern von ihrer Affäre erzählt?

Asad schien ihre Gedanken zu erraten und schüttelte unmerklich den Kopf.

„Ja, unser Junge hat kaum über seine damaligen Kommilitonen gesprochen. Aber er hat viel von Iris, der angehenden Geologin, und ihrer beruflichen Laufbahn erzählt.“ Mit ernster Miene trank Genevieve einen Schluck Tee. „Ich glaube, seine verstorbene Frau mochte es nicht, wenn er von seiner Studienzeit gesprochen hat. Sie hatte nur ein Jahr in einem Mädcheninternat in Europa verbracht.“

Asad hatte also tatsächlich verfolgt, wie es ihr ergangen war. Iris war so verblüfft, dass sie nur nicken konnte, bevor sie erneut einen Schluck Tee trank. Dieser war heiß, stark und süß und hatte ein leicht rauchiges Aroma.

„Lecker“, lobte sie. „Jetzt verstehe ich, warum der Beduinentee so berühmt ist.“

„Ja. Der Trick ist, dass man ihn über dem Holzfeuer zubereiten muss und nicht auf der Kochplatte.“

Iris ließ den Blick zu dem Seidenvorhang schweifen. Hier im Zelt brannte ein Feuer?

„Keine Angst, das Kochfeuer befindet sich unter dem Vordach hinter dem Zelt“, beruhigte Asad sie.

Dass er ihre Gedanken offenbar noch immer lesen konnte, machte sie nervös. Damals hatte er sie besser gekannt als irgendjemand anders. Allerdings hatte sie ihm nie von ihrem gespannten Verhältnis zu ihren Eltern erzählt.

Lächelnd tätschelte Genevieve ihr den Arm. „Keine Sorge, Iris. Sie werden sich bald an unsere Lebensweise gewöhnen.“

„Mein Lieblingsmentor pflegte zu sagen, ein guter Geologe würde sich unter anderem durch die Fähigkeit auszeichnen, sich seiner Umgebung anpassen zu können.“

„Ja, Professor Lester war ein kluger Mann“, pflichtete Asad ihr bei.

„Woher wusstest du, dass ich von ihm…?“ Iris verstummte, als Genevieve leise lachte.

„Oh, mein Enkel erinnert sich an alles, stimmt’s?“

„Ja.“

Sein fotografisches Gedächtnis war einer der Gründe, warum sie damals so viel Zeit miteinander verbracht hatten. Asad hatte nicht viel lernen müssen und ihr sogar bei den Vorbereitungen auf ihre Prüfungen helfen können.

Sichtlich stolz betrachtete Genevieve ihn nun. „Das macht ihn zu einem sehr guten Scheich und Berater meines Großneffen Hakim, der Herrscher von Kadar ist.“

„Du gehörst zu den offiziellen Beratern des Scheichs?“, wandte Iris sich daraufhin an ihn.

Er nickte nur, bevor er einen Schluck Tee trank.

Seine Großmutter hingegen war mitteilsamer. „Natürlich, sie sind ja miteinander verwandt. Asad versteht es, die Bedürfnisse unseres Volkes mit den Einflüssen der Moderne zu verbinden. Hakim legt großen Wert auf seine Meinung. Schließlich war es seine Idee, Ihre Firma mit der Untersuchung des Gesteins zu beauftragen und darum zu bitten, dass man Sie hierherschickt.“

Sofort verspannten sich seine Züge, und er warf ihr einen verzweifelten Blick zu.

„Dir habe ich es also zu verdanken, dass ich diesen Auftrag nicht ablehnen konnte?“, hakte Iris nach, was er mit einem Schulterzucken quittierte.

Doch bevor sie eine Erklärung verlangen konnte, fragte seine Großmutter: „Warum hätten Sie ihn denn ablehnen sollen?“

Iris rief sich ins Gedächtnis, wo sie sich befand und warum sie hierhergekommen war. „Ich habe noch nicht im Mittleren Osten gearbeitet. Deswegen hätten alle anderen Kollegen sich besser dafür geeignet.“

„Unsinn. Wenn Asad glaubt, Sie würden die beste Arbeit leisten, denke ich es auch. Und Ihrer Karriere ist es bestimmt förderlich.“

Das konnte Iris nicht leugnen. Ohne praktische Erfahrung im Mittleren Osten würde sie man sie nicht befördern. Das hatte ihr Chef auch betont, als er sie mit dieser Aufgabe betraut hatte.

Allerdings fühlte sie sich dadurch nicht besser. Asad tat nichts ohne Hintergedanken. Hätte sie das damals nur geahnt! Dann hätte die Erkenntnis, dass er praktisch mit Prinzessin Badra verlobt war, sie nicht so aus der Bahn geworfen.

Was mochte er jetzt vorhaben?

Da er damals lediglich ihren Körper gewollt hatte, hielt sie es für möglich, dass er ihre Affäre wieder aufleben lassen wollte.

Zumindest für eine Weile.

Warum auch nicht? Immerhin war sie schon bei ihrer ersten Verabredung mit ihm ins Bett gegangen und hatte ihm erlaubt, sie zu lieben … oder vielmehr Sex mit ihr zu haben. Ihre Reaktion auf ihn hatte sie überwältigt, und sie hatte geglaubt, er würde genauso empfinden. Nun wusste sie es besser, war sich allerdings nicht sicher, ob es einen Unterschied machte.

„Wo ist dein Vater?“, wechselte sie das Thema, weil sie sich fragte, warum dieser nicht die Nachfolge angetreten hatte.

Dann fiel ihr jedoch ein, dass er möglicherweise verstorben war, und sie hätte ihre Worte am liebsten zurückgenommen. Schließlich hatte sie am Vorabend schon einen Fauxpas begangen, als sie sich nach Asads Frau erkundigte.

Zum Glück wirkte Asad aber nicht so, als würde er sich an einen traumatischen Verlust erinnern. „Er lebt nicht hier, sondern in Genf. Von dort aus leitet er unsere Geschäfte in Europa.“

„Dein Vater wohnt in der Schweiz?“ Nach den Erzählungen seiner Großmutter hätte es sie eigentlich nicht überraschen dürfen. Trotzdem fand sie es seltsam, dass Asad hier als Scheich bei den Beduinen lebte und sein Vater in einer modernen europäischen Großstadt.

„Ja, genau wie Asads Mutter, seine Schwester und seine beiden Brüder.“ Genevieve klang nicht sonderlich erfreut.

Erschrocken blickte Iris Asad an. „Du hast Geschwister?“

Das hatte er nie erwähnt, doch er hatte ihr damals einiges verschwiegen. Aber dass seine engsten Verwandten nicht hier lebten, überraschte sie noch mehr.

„Ja.“

„Aber …“

Seine Großmutter schenkte ihnen Tee nach. Offenbar war es ein heikles Thema für sie, wie ihre angespannte Miene verriet.

Lässig lehnte Asad sich auf seinem Sitzkissen zurück. „Du fragst dich bestimmt, warum sie nicht hier leben.“

„Vermutlich weil deine Eltern in Genf wohnen.“

„Sie sind alle alt genug, um selbst über ihr Leben zu bestimmen.“

Iris wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sicher war das Nomadenleben nicht jedermanns Fall, andererseits erschien es ihr falsch, dass seine Familie der jahrtausendealten Tradition den Rücken kehrte.

„Um seinen Stamm verlassen zu können, musste mein Vater meinem Großvater erlauben, mich hier wie seinen eigenen Sohn großzuziehen, damit ich irgendwann seine Nachfolge antrete“, informierte Asad sie im Plauderton. „Deshalb heiße ich auch bin Hanif und nicht bin Marghub. Und mein Vater benutzt seinen arabischen Namen nicht, sondern nennt sich Jean Hanif.“

Obwohl die Nachnamen für westliche Ohren sehr ähnlich klangen, trug Asad nicht wirklich den Namen seines Vaters. In seinem Kulturkreis bedeutete es, dass er sich praktisch von ihm losgesagt hatte. Allerdings hörte es sich so an, als hätte er dies nicht selbst entschieden.

„Das ist barbarisch!“ Entsetzt schlug Iris sich die Hand vor den Mund, weil sie nicht glauben konnte, dass sie das gerade gesagt hatte.

Aber Genevieve war offenbar nicht gekränkt, denn sie lächelte beruhigend. „Jean fand vieles am Beduinenleben barbarisch. Er wollte eigentlich nie nach Kadar zurückkehren, wenn wir meine Familie in Genf besuchten. Er hat darauf bestanden, an einer amerikanischen Universität zu studieren, und hat genau wie sein Vater eine Europäerin geheiratet.“

Iris vermutete, dass ihre europäischen Wurzeln das Einzige waren, was Asads Mutter mit Genevieve verband.

„Nach der Hochzeit sind Celeste und Jean hierhergezogen, aber sie waren hier nicht glücklich. Schließlich hat Jean uns gesagt, er würde die Nachfolge seines Vaters nicht antreten. Mein Mann hätte durchaus einen seiner Cousins oder Neffen zum Nachfolger bestimmen können, aber er hat schon früh gemerkt, dass unser Enkel im Herzen ein Beduine ist, und seinem Sohn daher angeboten, ihn großzuziehen.“

„Wie alt warst du, als deine Eltern das Land verlassen haben?“, wandte Iris sich an Asad.

„Vier.“

Und seine Großeltern hatten das bei einem so kleinen Jungen erkannt? Ja, vielleicht, aber sie fand es trotzdem barbarisch. „Und wie alt waren deine Geschwister?“

„Meine Schwester war zwei, und mein kleiner Bruder war gerade unterwegs.“

„Sie wollte das Kind nicht im Lager zur Welt bringen.“ Genevieve zuckte die schmalen Schultern. „Asads Geschwister sind beide in einem Krankenhaus in Genf geboren worden.“

Trotz allem, was damals geschehen war, empfand Iris in diesem Moment Mitgefühl für Asad. Schließlich konnte sie am besten nachvollziehen, wie es war, wenn man seinen Eltern nicht viel zu bedeuten schien.

Doch er schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was du jetzt denkst. Aber meine Eltern haben mich nicht im Stich gelassen. Wir haben uns oft gesehen, und ich hatte ja meine Großeltern. Und unseren Stamm. Mein Vater hat das einfache Leben der Beduinen abgelehnt, und mein Großvater wusste, dass ich eines Tages einen sehr guten Scheich abgeben würde.“

Seine letzten Worte klangen nicht überheblich, sondern sachlich, und fast hätte sie gelächelt. „Mir erscheint es gar nicht so einfach.“

„Wir haben immer nur nachmittags für vier Stunden eine Satellitenverbindung. Und wir besitzen keine modernen Küchen oder Sanitäranlagen.“

Iris zuckte die Schultern. „Aber wahrscheinlich ist eure Ausstattung immer noch besser als meine, wenn ich unterwegs bin.“

„Bestimmt.“ Asad lächelte flüchtig. „Mein Vater hat damals natürlich noch ein ganz anderes Leben kennengelernt. Trotzdem findet meine Familie es hier sehr primitiv, wenn sie zu Besuch kommt.“

„Alle?“

„Alle außer meinem jüngsten Bruder. Er kam vier Monate nach dem Umzug nach Genf zur Welt.“ Ironisch verzog er die Lippen. „Eigentlich war er gar nicht geplant. Nach seinem Studium möchte er hierherziehen.“

„Und eure Eltern sind damit einverstanden?“

„Natürlich. Mein Vater bezieht sein Einkommen aus den Investitionen des Stammes. Deswegen lehnt er unseren Lebensstil nicht völlig ab.“

Sie spürte, dass die Haltung seines Vaters ihn nicht ganz so kaltließ, wie er vorgab.

„Er hat seinen ältesten Sohn dem Stamm anvertraut“, sagte seine Großmutter mit einem tadelnden Unterton. „Alle Eltern hätten das Gefühl, dass sie damit genug Opfer gebracht haben.“

Iris war anderer Ansicht, behielt es allerdings für sich. Ihre Eltern hätten sie gern abgegeben, wenn sie dafür noch mehr Freiheiten gehabt hätten. Aus Scham hatte sie Asad nie erzählt, dass sie schon mit sechs in ein Internat gesteckt worden war.

Damals hatte sie geglaubt, irgendetwas würde mit ihr nicht stimmen, weil sie nur die Ferien mit ihren Eltern verbringen durfte. Und selbst dann hatten diese sie oft allein gelassen.

„Vielleicht“, sagte Asad nun zu seiner Großmutter, klang jedoch nicht besonders überzeugt. „Ich weiß nicht, wie schwer die Entscheidung ihnen gefallen ist. Ich weiß nur, dass sie sich für ein Leben im Ausland und ohne mich entschieden haben.“

Daraufhin schnalzte diese zweimal mit der Zunge, als wollte sie ihn wortlos tadeln.

„Das hast du mir nie erzählt“, bemerkte Iris.

Sie war wahnsinnig in ihn verliebt gewesen. Aber wie schwer wäre es für sie gewesen, wenn sie sich in der Hinsicht mit ihm identifiziert hätte?

„Vieles ist damals zwischen uns nicht zur Sprache gekommen.“

„Stimmt. Ich wusste ja nicht einmal, dass du eines Tages Scheich sein würdest.“ So hatte sie ihm auch nie erzählt, wie sie ihre Unschuld verloren hatte. „Wahrscheinlich hätte ich es anhand deines Verhaltens erraten müssen.“

„Ich wollte es nicht vor dir verbergen.“

Das glaubte sie. Er war davon überzeugt gewesen, dass sie Bescheid wusste. Offenbar hatten sie beide damals vieles falsch gedeutet, wie Iris sich zum ersten Mal eingestehen musste.

Anmutig erhob seine Großmutter sich nun. „Ich setze neuen Tee auf.“

Iris stand ebenfalls auf, um ihr zu helfen, aber die alte Dame legte ihr die Hand auf die Schulter. „Nein. Ich bringe es Ihnen ein andermal bei. Bleiben Sie hier, und erneuern Sie Ihre Freundschaft mit meinem Enkel. Er hat sich so darauf gefreut, Sie wiederzusehen.“

Iris war so verblüfft, dass sie nur nicken konnte. Aus Loyalität ihrer Firma gegenüber behielt sie für sich, dass sie lieber die Freundschaft mit der Klapperschlange erneuert hätte, die ihr bei ihrer letzten Exkursion begegnet war.

Erst als seine Großmutter gegangen war, sagte Asad: „Ich habe dich nie belogen. Ich dachte, du wüsstest, dass ich eines Tages Scheich sein würde.“

„Ja, das habe ich verstanden.“ Aufgebracht funkelte Iris ihn an. Was erwartete er eigentlich von ihr?

„Und, glaubst du mir?“, hakte er mit einem frustrierten Unterton nach.

„Ja.“

„Und warum siehst du mich dann so an?“

„Wie kommst du darauf, dass es für mich einen Unterschied gemacht hätte, wenn ich es gewusst hätte? Ich wäre genauso wenig darauf gefasst gewesen, dass du mich sitzen lässt.“

„Ich habe dich nicht sitzen lassen. Ich hatte gewisse Verpflichtungen und einen Lebensplan, den ich umsetzen musste.“

„Du hast mich nicht deswegen verlassen, sondern weil du nie eine Beziehung gewollt hast. Und ich war naiv genug, zu glauben, es wäre der Fall.“ Außerdem war er auch ihr bester Freund gewesen – und den zu verlieren hatte ebenfalls sehr wehgetan.

„Es tut mir leid.“

Das hatte er damals auch gesagt – mit einem mitleidigen Ausdruck in den Augen. Aber nicht bedauernd. Falls er es jetzt bedauerte, ließ er es sich nicht anmerken.

„Das alles gehört jetzt der Vergangenheit an.“

„Aber ich sehe den Schmerz in deinen Augen, wenn du darüber redest.“

Das konnte sie nicht leugnen, aber sie würde es niemals zugeben. Auf keinen Fall wollte sie wieder sein Mitleid. Außerdem hatte sie jetzt ein anderes Problem.

„Ich fasse es einfach nicht, dass du mich hierhergebracht hast.“

Ihr unverhohlener Zorn schien Asad zu schockieren. „Es sollte eine Art Wiedergutmachung sein, weil ich damals so plötzlich aus deinem Leben verschwunden bin.“

„Du machst wohl Witze! Meinst du, es gefällt mir, in deiner Nähe arbeiten zu müssen?“

„Damals warst du gern mit mir zusammen, nicht nur im Bett.“

„Da waren wir Freunde. Aber das sind wir nicht mehr!“ Iris riss sich zusammen. Auf keinen Fall sollte Genevieve hören, dass sie Asad anschrie.

„Das könnten wir wieder sein.“

War er wirklich so begriffsstutzig? „Und warum?“

„Ich habe dich vermisst. Und du mich auch.“

So einfach war das also für ihn. Als er damals ging, hatte sie das Gefühl gehabt, als hätte man ihr das Herz aus dem Leib gerissen. „Du hättest mich ja anrufen können.“

„Du brauchst die praktische Erfahrung im Mittleren Osten, um befördert zu werden.“

„Wie genau hast du eigentlich meine berufliche Laufbahn verfolgt?“, hakte Iris nach.

„Ziemlich genau.“

„Du dachtest also, du würdest mir einen Gefallen tun?“ Das nahm sie ihm nicht ab. „Ist dir gar nicht in den Sinn gekommen, dass ich es vielleicht nicht will?“

„Nein.“

Plötzlich verrauchte ihr Zorn, und sie barg das Gesicht in den Händen und stöhnte. Asad hatte wirklich überhaupt nichts begriffen. Und sie sah keinen Sinn darin, dieses Gespräch fortzuführen.

„Du teilst dieses Zelt also mit deiner Familie“, wechselte sie deshalb das Thema.

„Stimmt.“

„Und wo sind die anderen?“ Bisher hatte sie kein Geräusch gehört, auch nicht von draußen.

„Mein Großvater verbringt seine Zeit immer mit den anderen alten Männern. Sie trinken zusammen Kaffee und erzählen sich Geschichten. Er hätte dich sicher gern begrüßt, aber meine Großmutter wollte dich zuerst kennenlernen“, erwiderte Asad.

„Und wo ist deine Tochter?“

„Ich vermute, sie spielt mit den anderen kleinen Kindern unter Aufsicht meiner Cousine.“

„Geht sie noch nicht zur Schule?“

„Eine Schule im eigentlichen Sinn gibt es hier nicht. Aber wir bringen unseren Kindern alles Nötige bei, auch Lesen, Schreiben und Rechnen. Einige werden später bestimmt studieren.“ Als wollte er sie berühren, streckte er die Hand aus, ließ sie dann jedoch wieder sinken, einen unergründlichen Ausdruck in den Augen.

„Hat deine Großmutter denn Unterstützung bei der Erziehung von …?“

„Nawar. Das ist ihr Name, und sie ist vier Jahre alt. Meine Großmutter und meine Cousine unterstützen mich, aber sie ist meine Tochter.“

„Das ist eine löbliche Einstellung“, räumte Iris ein. „Aber ich dachte, als Scheich hättest du nicht so viel Zeit für sie.“

„Ist es denn so ungewöhnlich, wenn ein Vater berufstätig ist? Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit Nawar.“

Das glaubte sie ihm, doch sie wünschte, sie würde es nicht tun. Es wäre viel einfacher für sie gewesen, wenn sie ihn als Mistkerl hätte betrachten können. Hätten sie beide keine gemeinsame Vergangenheit gehabt, würde sie Asad vermutlich nicht nur respektieren, sondern auch mögen.

Das konnte sie sich allerdings nicht erlauben.

4. KAPITEL

„Es wäre mir lieber, wenn ich in einem anderen Zelt schlafen würde“, sagte Iris.

„Du möchtest bei Fremden wohnen?“, erkundigte Asad sich skeptisch.

„Das habe ich nicht gemeint.“

„Es ist aber die einzige Alternative.“

„Dann ist es vielleicht die beste Lösung.“ Sosehr es ihr auch widerstrebte, es war immer noch besser, als mit ihm in einem Zelt zu schlafen.

„Nein“, entgegnete er.

„Du bist noch herrischer als damals“, warf sie ihm vor.

Damals hatte es ihr allerdings nichts ausgemacht. Er hatte sie dazu überredet, Dinge zu tun, die sie sich sonst niemals zugetraut hätte. So hatten sie zum Beispiel zusammen einen Tanzkurs besucht oder Partys, zu denen man sie allein niemals eingeladen hätte.

„Schon möglich“, räumte Asad ungerührt ein. „Überrascht es dich, Iris? Schließlich bin ich ein Scheich.“ Für ihren Geschmack klang er viel zu belustigt.

„Sei doch vernünftig, Asad.“

„Das bin ich. Du bleibst hier.“

Iris wollte gerade widersprechen, als ein Geräusch am Eingang ihre Aufmerksamkeit erregte. Eine Sekunde später kam ein kleines Mädchen mit langen schwarzen Haaren ins Zelt gerannt und umarmte Asads Beine. „Papa!“

Er hob sie hoch, drückte sie liebevoll und küsste sie auf die Wange. „Na, mein Schatz, hattest du einen schönen Vormittag?“

Abgesehen von den schwarzen Haaren und dem dunklen Teint, konnte Iris keine Familienähnlichkeit entdecken. Offenbar kam die Kleine nach ihrer Mutter. Bei dieser Erkenntnis krampfte Iris’ Herz sich zusammen.

„Ich hab dich so vermisst, Papa. Ich hab sogar geweint.“

„Wirklich?“

Das Mädchen nickte ernst. „Großmutter hat gesagt, ich muss stark sein, aber das wollte ich nicht. Warum hast du mich nicht mitgenommen?“

Asad zuckte zusammen, als würde er bereuen, seine Tochter im Lager gelassen zu haben. „Ich hätte es tun sollen.“

„Ja. Ich spiel so gern mit meinen Cousinen im Palast. Nächstes Mal komm ich mit.“

„Ich denke darüber nach.“

„Papa!“

„Lass das, Nawar, das ist unhöflich. Ich möchte dir jemanden vorstellen, und du belagerst mich die ganze Zeit.“

Die beiden zusammen zu beobachten weckte dieselben Gefühle in Iris wie bei Catherine und Scheich Hakim. Asads Liebe zu seiner Tochter war offensichtlich, und das freute sie, denn es bedeutete, dass sie sich damals nicht völlig in ihm getäuscht hatte. Sie hatte geglaubt, er würde einen wundervollen Vater abgeben, und sie hatte richtiggelegen. Die Erkenntnis, dass er dieses Kind mit einer anderen Frau bekommen hatte, tat jedoch weh.

„Oh, tut mir leid.“ Als die Kleine sich umdrehte und sie bemerkte, machte sie große Augen. „Wer bist du?“

„Nawar!“, rief Genevieve mahnend, die in diesem Moment mit einem anderen Tablett und in Begleitung einer jüngeren Frau den Raum betrat.

Diese, offenbar Asads Cousine, war ungefähr fünfzehn Jahre älter als er und hatte sanfte braune Augen.

Nawar wirkte zerknirscht. „Entschuldigung“, sagte sie und streckte Iris die Hand entgegen. „Ich bin Nawar bin Asad Al’najid.“

Sie wirkte sehr altklug, und Iris ging das Herz auf. Lächelnd schüttelte sie ihr die Hand. „Ich bin Iris Carpenter. Freut mich, dich kennenzulernen.“ Obwohl sie noch nicht viel mit kleinen Kindern zu tun gehabt hatte, fand sie Nawar außergewöhnlich. „Und du darfst gern Iris zu mir sagen.“

„Wirklich?“ Die Kleine blickte ihre Großmutter an. „Darf ich?“

„Wenn sie es dir erlaubt, ja“, erklärte diese energisch.

„Das ist ein hübscher Name“, sagte Nawar.

„Danke. Es ist die Lieblingsblume meiner Mutter. Aber deiner ist auch sehr schön. Weißt du, was er bedeutet?“

„Ja, Blume. Papa hat ihn mir gegeben.“

Iris hatte keine Ahnung, warum Asad den Namen für seine Tochter ausgesucht hatte. Vielleicht war es Tradition bei den Beduinen, auch wenn es dem widersprach, was sie über diese gelesen hatte.

„Das hat dein Papa sehr gut gemacht.“

„Finde ich auch.“ Das Mädchen lächelte schüchtern. „Was bedeutet eigentlich belagern?“

Asad stieß ein Geräusch aus, das wie ein unterdrücktes Lachen klang.

Auch Iris musste sich das Lachen verkneifen. „So etwas wie nerven.“

Wütend funkelte Nawar daraufhin ihren Vater an. „Ich nerve nicht, Papa.“

„Manchmal schon, mein Schatz.“

Als die Kleine schniefte, musste Iris an sich halten, um nicht zu lachen. Und so ging es ihr noch einige Male in der nächsten Stunde, als sie mit Asads Familie zusammensaß, aß und Tee trank. Sein Großvater hatte sich auch zu ihnen gesellt und zeigte sich genauso erfreut über ihre Anwesenheit wie seine Frau.

Eigentlich hatte Iris damit gerechnet, dass Russell auch kommen würde. Als er nicht erschien und sie sich nach dem Grund erkundigte, teilte Asad ihr mit, dass einer seiner Männer ihn gerade durch das Lager führe.

Sie konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. „Ach, ich wäre gern mitgegangen.“

„Das freut mich zu hören. Ich möchte dich nämlich nachher herumführen“, erklärte er zufrieden.

„Ich möchte deine kostbare Zeit nicht übermäßig beanspruchen.“

Er war wirklich hartnäckig. Er wollte ihre Freundschaft erneuern und würde es auch tun. Vielleicht bereute er tatsächlich, was damals zwischen ihnen vorgefallen war, und wollte es auf diese Art wiedergutmachen. Aber dennoch … Sie hatte sich den verlangenden Ausdruck in seinen Augen bestimmt nicht eingebildet.

Wahrscheinlich fand er nichts dabei, wenn auch Sex ins Spiel kommen würde, genau wie damals.

„Unsinn, Sie sind unser Gast. Es würde Asad nicht im Traum einfallen, Sie zu vernachlässigen“, verkündete sein Großvater energisch.

Nun wusste sie, von wem Asad seine Arroganz geerbt hatte. Doch sie musste dem alten Mann recht geben, denn Gastfreundschaft wurde bei den Beduinen großgeschrieben. Ihrer Lektüre zufolge war es eine Frage der Ehre.

„Darf ich gehen, Papa?“, fragte Nawar im nächsten Moment.

Iris lächelte sie aufmunternd an, doch Asad schüttelte den Kopf. „Du musst jetzt leider ein wenig schlafen.“

„Ich bin aber nicht müde“, erklärte Nawar, rieb sich dabei allerdings die Augen. „Ich will spielen.“

Kurzerhand zog er sie auf seinen Schoß und küsste sie auf die Schläfe. „Du musst dich jetzt ausruhen, aber Iris ist noch da, wenn du aufstehst. Stimmt’s, Iris?“

Iris blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Asad und sein Cousin hatten sie in eine Lage gebracht, aus der sie keinen Ausweg wusste, wenn sie sich nicht ihre Karriere verbauen wollte.

Während Asad seine Tochter ins Bett brachte, zeigte Genevieve Iris ihren Bereich.

„Es ist wunderschön hier. Vielen Dank.“ Dieser war sehr luxuriös und viel größer, als sie erwartet hatte.

Das Einzelbett, auf dem eine Decke und Seidenkissen in wunderschönen Blau- und Grüntönen lagen, wirkte bequem und so einladend, dass sie sich am liebsten hingelegt und auch einen Mittagsschlaf gehalten hätte.

Genevieve lächelte. „Nach Badras Tod hat Asad hier viel verändern lassen, damit das Dekor besser zu den übrigen Räumen passt.“

„Dies war also der Bereich der Prinzessin?“, erkundigte Iris sich matt.

„Ja.“ Genevieve deutete auf die Trennwand hinter dem Bett. „Asads Zimmer befindet sich genau dahinter.“

„Aber ist das nicht …? Ich meine, sind die Bereiche der Männer und Frauen nicht streng voneinander getrennt?“

„In einem traditionellen Zelt schon. Aber ich habe nach meiner Hochzeit einige Änderungen vorgenommen und Badra noch mehr. Der Empfangsbereich ist traditionell, der Frauenbereich nicht.“

„Verstehe“, sagte Iris, obwohl sie es sich nicht richtig vorstellen konnte.

„Hakim und ich bewohnen den hinteren Raum, und zwischen unserem und der Küche wohnen Fadwa und Nawar. Und Sie haben recht. In unserem Kulturkreis würde eine alleinstehende Frau normalerweise bei ihnen schlafen. Asad ist aber der Meinung, dass Badras ehemalige Gemächer sich besser für Sie eignen.“

Da die alte Dame sie erwartungsvoll anblickte, erwiderte Iris nach kurzem Zögern: „Ja, damit hat er wohl recht.“

Sie fragte sich, warum Asad und seine verstorbene Frau nicht im selben Raum geschlafen hatten. Ob die tugendhafte Badra davor zurückgeschreckt war?

Nein, sie konnte sich nicht vorstellen, dass irgendeine Frau sich seinem Bann entziehen konnte. Damals hatte sie sich geradezu verzweifelt nach seinen Berührungen gesehnt, und die Leidenschaft ihrer Begegnungen hatte sie bis ins Innerste berührt.

Um auf andere Gedanken zu kommen, strich Iris vorsichtig über einen kunstvoll verzierten Messingkrug, der neben einer Messingschüssel auf einer Kommode stand. „Wie hübsch.“

„Sie können das Wasser trinken oder zum Waschen benutzen“, informierte Genevieve sie. „Es wird regelmäßig erneuert. Und da das benutzte Wasser für meinen Garten auf der Rückseite verwendet wird, dürfen Sie nur diese Seife hier verwenden.“

Iris nahm das handgefertigte Stück Seife in die Hand und roch daran. Es duftete herrlich nach Jasmin. „Gern. Sie ist wunderschön.“

„Schön, dass Sie so denken.“ Genevieves Tonfall ließ erahnen, dass die ach so perfekte Prinzessin Badra anderer Meinung gewesen war. „Wir machen sie hier im Lager.“

Iris stellte fest, dass ihr Koffer neben der Kommode stand, doch sie hatte niemanden hereinkommen sehen. „Gibt es noch einen zweiten Eingang?“, fragte sie deshalb.

Lächelnd nickte Genevieve. „Ja, durch die Küche. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen den Rest unserer bescheidenen Behausung.“

„O ja, bitte.“

Das Zelt war jedoch alles andere als bescheiden, denn alle Gemächer waren genauso luxuriös ausgestattet wie das von Iris, auch wenn es aus praktischen Gründen nicht viele Möbelstücke gab. Den Bereich von Nawar und Fadwa betrat sie allerdings nicht, weil die Kleine bereits schlief.

Ihr fiel aber auf, dass dieser viel kleiner war als der, den Asads verstorbene Frau beansprucht hatte und den sie nun benutzte.

Als sie es Genevieve sagte, zuckte diese die Schultern. „Wenn Asad wieder heiratet, teilt seine neue Frau vielleicht alles neu auf. Solange sie meinen und Hanifs Raum nicht verändert, soll es mir recht sein.“

„Spielt er denn mit dem Gedanken, wieder zu heiraten?“ Schockiert stellte Iris fest, dass ihr Herz sich bei dieser Vorstellung schmerzhaft zusammenkrampfte.

„Natürlich. Er hat allerdings noch keine bestimmte Frau im Auge.“ Genevieve führte sie durch die Küche und dann nach draußen. „Aber ich glaube, seit Badras Tod ist genug Zeit vergangen.“

„Woran ist sie gestorben?“

„Sie ist zusammen mit ihrem Liebhaber bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen“, ließ Asad sich plötzlich schroff hinter ihnen vernehmen.

Erschrocken wirbelte Iris herum. Er wirkte überheblich wie immer, und seine Züge waren angespannt.

Missbilligend schnalzte seine Großmutter mit der Zunge. „Also wirklich, Asad, so drastisch hättest du es nicht formulieren müssen.“

„Soll ich etwa so tun, als wäre sie mit Freunden verreist gewesen, so wie es in den Zeitungen stand?“

„Ja, um deiner Tochter willen.“

Daraufhin neigte er den Kopf, aber seine Miene war unergründlich.

„Wie findest du mein Zuhause?“, wechselte er dann zu Iris’ Bestürzung ungerührt das Thema.

Der Asad, den sie damals gekannt hatte, hätte einen solchen Verrat nie so nüchtern betrachtet.

Dann entspannten seine Züge sich ein wenig. „Gefällt dir dein Zimmer?“

„Ja“, erwiderte Iris. „Es ist nur … ein bisschen groß für mich, oder? Ich meine, es ist toll, aber ich könnte meine ganze Ausrüstung darin aufbauen und hätte immer noch genug Platz.“ Sie wusste nicht, warum, aber sie fühlte sich deswegen schuldig.

Ganz zu schweigen davon, dass es direkt neben seinem Zimmer lag. Das allein machte ihr Sorgen und würde ihr vermutlich schlaflose Nächte bereiten.

„Ich werde alles tun, um dir deinen Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen.“ Der Blick, den er ihr dabei zuwarf, ließ sie erschauern.

Um sich abzulenken, betrachtete sie den Platz zwischen den umstehenden Zelten. Wunderschöne, mit Mosaiken verzierte und mit Jasmin und verschiedenen Kräutern bepflanzte Tontöpfe ließen sie vergessen, dass sie hier in der Wüste waren. Mehrere Frauen kochten gerade über offenen Feuern und beaufsichtigten dabei die spielenden Kinder. Ab und zu warfen sie dem Gast ihres Scheichs verstohlene Blicke zu.

„Vor meiner Abreise habe ich gelesen, dass die Anordnung der Zelte bei den Beduinen durch die familiären Beziehungen bestimmt ist. Trifft das auch auf deinen Stamm zu?“, fragte Iris.

„Ja“, erwiderte Asad, während seine Großmutter sich mit einer Frau beriet, die vermutlich gerade ihr Abendessen zubereitete. „Die Zelte in unmittelbarer Nähe gehören den Familienmitgliedern, die dem Vorgänger meines Großvaters am nächsten stehen. Hätten meine Großeltern mehr Kinder gehabt, würden deren Zelte hier stehen.“

Sicher war das ältere Ehepaar traurig gewesen, weil es nur ein Kind bekommen hatte, aber Iris behielt die Vermutung für sich.

„Komm mit.“ Asad nahm ihre Hand und legte sie auf seinen Arm. „Ich zeige dir den Rest unserer Zeltstadt.“

„Hast du denn wirklich so viel Zeit?“ Als sie die Hand zurückziehen wollte, legte er seine andere darauf.

„Ich nehme sie mir. Gastfreundschaft ist bei den Beduinen sehr wichtig. Es wäre inakzeptabel, einem Gast nicht die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.“

Inakzeptabel scheint eins deiner Lieblingswörter zu sein.“

Ein Lächeln schien seine Lippen zu umspielen, doch sie war sich nicht sicher. Asad war so viel ernster als damals.

„Unser Lebensstil hat eine jahrtausendealte Tradition. Manche Dinge sind unumstößlich.“

„Aber dein Zuhause ist anscheinend nicht so traditionell.“

„Nein.“

„Du hast keine Angst vor Veränderungen.“

„Stimmt. Aber ich suche sie nicht um ihrer selbst willen.“

„Du möchtest eure Traditionen für die nächsten Generationen bewahren.“

Asad verstärkte seinen Griff. „Du verstehst mich. Das hast du schon immer getan.“

„Nein“, wehrte Iris ab. Wäre es damals der Fall gewesen, hätte sie nie geglaubt, ihre Beziehung könne von Dauer sein.

„Vielleicht hast du mich besser verstanden als ich mich selbst.“

„O nein. Das Thema ist tabu.“ Wieder versuchte sie, ihre Hand zurückzuziehen, doch er hielt sie fest.

„Keine Angst, habibti. Wir vertagen das Thema Freundschaft auf später.“

Wenn er doch nur von Freundschaft gesprochen hätte! Sie hatte sich mit Russell angefreundet, gleich nachdem er sein Praktikum begonnen hatte. Doch wenn er an die Universität zurückkehrte und der Kontakt zwischen ihnen einschlief, wäre sie nicht am Boden zerstört.

Es würde ihr nicht so gehen wie nach der Trennung von Asad.

„Benutz das Wort mir gegenüber bitte nie wieder. Für dich ist es vielleicht nur ein beiläufiges Kosewort, aber für mich nicht. Und du wirst nie begreifen, wie verletzt ich war, als ich erfahren habe, dass es dir überhaupt nichts bedeutet.“

„Wie bitte?“, meinte er verständnislos und blieb stehen. „Was hat dich so aufgebracht?“

Dass er es nicht wusste, sagte eigentlich alles.

Habibti. Nenn mich gefälligst nicht so. Wenn du es wieder tust, reise ich ab. Das verspreche ich dir.“ Ihr war klar, wie seltsam es klingen musste, doch sie würde standhaft bleiben.

Ein schockierter Ausdruck huschte über sein Gesicht, bevor Asad sich wieder im Griff hatte. „Du würdest deine Karriere wegen eines einzigen Wortes aufs Spiel setzen?“

„Allerdings.“

Dieses eine Wort symbolisierte den ganzen Schmerz, der sie damals förmlich zerrissen hatte. Es bedeutete Geliebte, aber Asad hatte es überhaupt nicht so gemeint. Jedes Mal, wenn er sie so genannt hatte, hatte sie geglaubt, er würde damit seine Liebe offenbaren.

Asad und sie standen mitten auf einem Weg, der zwischen den Zelten hindurchführte. Zahlreiche Menschen gingen an ihnen vorbei, doch niemand blieb stehen, um mit dem Scheich zu plaudern. Offenbar nahmen alle die unterschwellige Spannung zwischen ihnen wahr.

„Ich soll dich also nicht habibti nennen, aber sicher …“

„Nein. Versprich es mir, oder ich gehe jetzt und packe meine Sachen.“

„Deine Vorgesetzten wären darüber nicht besonders erfreut.“

„Wahrscheinlich würden sie mich feuern.“

„Und trotzdem würdest du das Land verlassen?“

„Ja.“ Es kümmerte sie nicht, ob er sie verstand. „Sind wir uns da einig?“

Nach einigen spannungsgeladenen Sekunden erwiderte er: „Ich werde das Kosewort nicht mehr benutzen, bis du es mir erlaubst.“

„Das wird nie der Fall sein.“ Davon war sie fest überzeugt.

„Wir werden sehen.“

„Asad …“

„Nein. Wir hatten heute genug Aufregung. Ich werde dir mein Zuhause in der Wüste zeigen, und du wirst dich in die Sha’b Al’najid verlieben, wie es so viele vor dir getan haben.“

Und dann würde es ihr das Herz brechen, die Menschen zu verlassen. Aber das war bei diesem Mann ja nicht anders zu erwarten.

Iris nickte. „Gut.“

Dann zeigte er ihr das Gemeinschaftszelt, auf das er so stolz war. Selbst jetzt, um die Mittagszeit, hielten sich viele Bewohner dort auf. Einige sahen sich ein Tennismatch auf dem großen Bildschirm an, während andere traditionelleren Tätigkeiten wie zum Beispiel Brettspielen nachgingen.

„Hier treffen sich also die Touristen?“ Iris versuchte die Wirkung zu ignorieren, die seine Nähe auf ihren Körper ausübte.

Es war nicht fair, dass sie selbst nach all den Jahren immer noch genauso stark auf ihn reagierte. Aber Asad hatte recht. Sie hatten an diesem Tag genug Aufregung gehabt, und deshalb verdrängte sie diese Gefühle.

„Normalerweise schon. Momentan haben wir allerdings keine Gäste.“

„Warum nicht?“

„Die letzte Gruppe ist schon abgereist, und die nächste kommt erst in ein paar Tagen.“

„Du hast das alles so geplant, stimmt’s?“ Sie wusste nicht, wie er es geschafft hatte, den Zeitpunkt ihrer Ankunft zu bestimmen, doch es musste so gewesen sein.

Asad machte sich nicht einmal die Mühe, mit den Schultern zu zucken, sondern warf ihr nur einen unergründlichen Blick zu.

5. KAPITEL

Nachdem Iris den größten Teil des Lagers gesehen hatte, schwirrte ihr der Kopf von den vielfältigen Eindrücken.

Sie hatte Frauen kennengelernt, die farbenprächtige Stoffe und Läufer webten, andere, die Perlen zu Ketten und Armbändern auffädelten, oder solche, die die herrlich duftende Seife herstellten. Schon übertraf das Leben hier all ihre Erwartungen.

„Aber wo sind die Herden?“, fragte sie, als Asad sie zu einem etwas abseits stehenden Zelt führte.

Es befand sich in der Nähe seines Zeltes, und sie wusste, dass die Besichtigungstour sich nun dem Ende zuneigte. Aus irgendeinem ihr unerklärlichen Grund wollte sie sich jedoch noch nicht von ihm trennen. Weil sie mehr über die Beduinen erfahren wollte, wie sie sich einzureden versuchte, aber sie hatte sich noch nie etwas vormachen können.

Scheich Asad bin Hanif Al’najid war genauso faszinierend für sie, wie es Asad Hanif damals gewesen war – nein, noch mehr, wie sie sich eingestehen musste. Sie musste so schnell wie möglich mit ihrer Arbeit anfangen, um sich abzulenken.

„Herden?“, wiederholte er seltsam ausdruckslos, nachdem er in den letzten zwei Stunden so lebhaft erzählt hatte.

„Die Ziegen und so. Ich habe gelesen, dass die Beduinen große Herden haben.“ Und abgesehen von einigen Pfauen, die man wohl für die Touristen hielt, hatte sie im Lager keine Tiere gesehen.

„Und du dachtest, alle Beduinen wären Ziegenhirten?“, hakte Asad gereizt nach.

„Sei nicht albern. Aber gehört das nicht zum traditionellen Beduinenleben dazu?“ Da die Sha’b Al’najid eigenständig und unabhängig waren, hätte es wenig Sinn gehabt, wenn sie ihr Fleisch und ihre Felle von woanders bezogen hätten. Außerdem erwarteten die Touristen es bestimmt.

„Wir besitzen tatsächlich viele Herden, aber die Tiere weiden am Fuß der Berge. Ansonsten wäre die Geruchsbelästigung für unsere Gäste zu stark.“

„Aha, verstehe.“ Allerdings wusste Iris nicht so recht, was sie davon halten sollte, dass sein Stamm derartige Zugeständnisse machte.

Spöttisch zog Asad eine Augenbraue hoch. „Freut mich, dass du so denkst.“

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

Nun schüttelte er den Kopf. „Das bist du nicht. Es war nur ein Streitpunkt zwischen Badra und mir.“

Wieder einmal überrascht, dass er so offen über seine verstorbene Frau sprach, hakte sie nach: „War sie nicht damit einverstanden, dass ihr für die Touristen solche Kompromisse eingeht?“

Sein Lachen klang schroff. „Ganz im Gegenteil. Sie konnte den Geruch nicht ausstehen und hätte die Tiere am liebsten alle abgeschafft.“

Er hatte schon darauf angespielt, dass seine Frau untreu gewesen war. Iris fragte sich, welche Frau einen anderen Mann begehren konnte, wenn sie Asad im Bett hatte. Sein neuestes Geständnis ließ allerdings nur einen Schluss zu – die perfekte Prinzessin war eine ausgemachte Idiotin gewesen.

Sonst hätte ihr klar sein müssen, dass es völlig absurd war, wenn ein Beduinenstamm seine Herden aufgab.

„Die Heirat mit der jungfräulichen Prinzessin war anscheinend nicht das, was du erwartet hattest.“

„Stimmt. Und? Freut es dich?“, fragte Asad düster.

„Nein, auch wenn es dir schwerfällt, es zu glauben. Dich zu verlieren war schlimm für mich, aber ich habe dir nie etwas Schlechtes gewünscht.“ Ihre Ehrlichkeit überraschte Iris selbst. Allerdings war es ihr bis auf wenige Ausnahmen immer viel zu leichtgefallen, Asad ihre geheimsten Gedanken und Gefühle anzuvertrauen.

Bevor er das abseits stehende Zelt betrat, blieb er stehen und blickte auf sie herab. „Du bist ganz anders, kleine Blume.“

So hatte er sie früher in Anspielung auf ihren Vornamen immer genannt. Dass er es jetzt tat, verletzte sie allerdings nicht so, wie es bei habibti der Fall gewesen war.

„Ich glaube nicht. Wenn man jemanden liebt, möchte man, dass er glücklich ist, auch wenn er nicht bei einem ist.“ Diese Erkenntnis hatte ihr durch die dunkelsten Stunden geholfen.

Asad zuckte zusammen, als hätte sie ihm einen Peitschenhieb versetzt. „Du liebst mich?“

„Ich habe dich geliebt“, verbesserte Iris ihn.

„Und deshalb hast du mich nicht gehasst?“, hakte er in einem seltsamen Tonfall nach. „Auch wenn du dich verraten gefühlt hast, weil ich dich verlassen habe?“

„Du hast meine Liebe verraten. Und nein, ich hasse dich nicht.“

Das hatte sie nie getan. Eine so tiefe Liebe wie ihre zu ihm hatte es nicht zugelassen, so schlecht es ihr auch gegangen war.

Asad hob die Hand, als wolle er ihr Gesicht berühren, ließ sie dann jedoch wieder sinken. Sie waren nicht allein, auch wenn niemand verstehen konnte, worüber sie sprachen. Es wäre nicht gut für ihn gewesen, wenn jemand beobachtet hätte, wie er sich bei einer alleinstehenden Frau, noch dazu einer aus der westlichen Welt, derartige Freiheiten herausnahm.

Auch wenn sein Stamm zu den wenigen gehörte, die im siebten Jahrhundert nicht zum Islam konvertiert waren, hätte sich ein solches Verhalten hier nicht geschickt.

„Es war also wahre Liebe“, stellte Asad fest, als würde es ihm erst jetzt bewusst werden.

„Und du hast mich nicht geliebt. So ist nun mal das Leben.“ Ironisch verzog Iris den Mund.

Sie war richtig stolz auf ihren unbekümmerten Tonfall. Vielleicht war es gut so, dass sie Asad wiedergesehen hatte. Vielleicht würde sie endlich zuversichtlich in die Zukunft blicken können, wenn dieser Auftrag erledigt war … und sich vielleicht sogar in einen Mann verlieben können, der ihre Gefühle erwiderte.

Allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie je wieder einem Mann rückhaltlos vertrauen konnte.

„Und? Was ist das hier?“ Sie deutete auf das Zelt.

„Komm, ich zeige es dir“, erwiderte Asad, bevor er sie hineinführte.

Sobald sie das Zelt betraten, stieß Iris einen erschrockenen Laut aus.

Im Inneren sah es aus wie in einem modernen Büro. Auf jeder Seite standen sich zwei Schreibtische gegenüber, und an jedem saß jemand und arbeitete, genau wie in der Mitte, wo eine Sekretärin und Empfangsdame saßen, wobei Letztere in ein Headset sprach und dabei etwas in einen Laptop tippte.

Anders als in den anderen Zelten gab es keine Sitzkissen, sondern nur Bürostühle und vor dem Schreibtisch der Empfangsdame sogar eine kleine Sitzgruppe. Zwei kleine Palmen in Tontöpfen und die dunklen Hölzer verliehen dem Ambiente eine orientalische Note, ansonsten hätte es sich um ein typisch amerikanisches oder europäisches Büro handeln können.

Als die Empfangsdame sie bemerkte, nickte sie Asad zu und schenkte Iris ein flüchtiges Lächeln, telefonierte jedoch weiter, was ihn nicht weiter zu stören schien.

„Ist das hier die Kommandozentrale?“, erkundigte Iris sich, was er mit einem Lachen quittierte.

„Ja, so könnte man es nennen. Komm.“ Er führte sie durch den Raum zu einem Vorhang, hinter dem sich ein Flur befand.

Auf der rechten Seite war ein weiterer Raum mit zahlreichen Monitoren an einer Wand. Zwei Männer und eine Frau blickten darauf, machten sich Notizen und sprachen entweder in ihr Headset oder miteinander.

„Hier überwachen wir unsere Karawanen, das Lager und unsere anderen Geschäftsinteressen.“

Bei dem Raum auf der linken Seite musste es sich um Asads Büro handeln, denn er war durch einen dicken Vorhang abgetrennt und außerdem wie sein Zuhause in leuchtenden Farben gehalten. Außerdem spürte Iris hier seine Gegenwart.

„Ich dachte, Beduinenscheichs würden ihre Geschäfte am Lagerfeuer abwickeln“, meinte sie.

„So rückständig sind wir nicht. Aber die meisten Streitigkeiten unter meinen Leuten regele ich immer noch bei einer traditionellen Tasse Tee.“

„Das ist schön zu wissen. Ich hätte die Vorstellung nicht so gut gefunden, dass du nicht an euren Traditionen festhältst.“

„Das tue ich. Ich vereinbare sie nur mit den Neuerungen der Moderne, wie du ja selbst festgestellt hast.“

„Du bist ein sehr kluger Mann“, lobte Iris.

Mehr als dieses Kompliment bekam er allerdings nicht von ihr – trotz der glutvollen Blicke, die er ihr zuwarf, nun, da sie allein waren. Auch die Tatsache, dass hier ein Diwan stand, entging Iris nicht.

„Du bist ein noch schlimmerer Workaholic als damals, stimmt’s?“

Asad zuckte die Schultern. „Ich bin für das Wohlergehen vieler Menschen verantwortlich. Da bekomme ich nicht viel Schlaf.“

„Wenn ich mich recht entsinne, hast du schon als Student nicht besonders viel Schlaf gebraucht.“

„Aber aus ganz anderen Gründen.“ Seine dunklen Augen funkelten verlangend.

„Sieh mich gefälligst nicht so an. Ich bin hier, um geologische Untersuchungen für Scheich Hakim durchzuführen, mehr nicht. Und diese Besichtigungstour hat uns großen Spaß gemacht. Also verdirb es bitte nicht.“

„Das ist nicht meine Absicht, glaub mir.“ Da Asad näher kam, wich sie schnell einen Schritt zurück. Als sie dabei gegen den Schreibtisch stieß, hob sie abwehrend die Hände. „Lass das. Hast du nicht selbst gesagt, wir hätten für diesen Tag genug Aufregung gehabt?“

„Ja. Aber ich habe etwas ganz anderes im Sinn.“

Iris schüttelte den Kopf und bemühte sich um eine energische Miene, während ihr Körper sich geradezu beängstigend nach Asads Berührungen sehnte. „Ich will das nicht.“

„Bist du sicher?“ Seine muskulösen Beine berührten ihre fast.

„Ja. Ich meine es ernst, Asad. Ich bin nicht hier, um mit dir anzubandeln, sondern um zu arbeiten.“

„Anzubandeln.“ Asad streckte die Hand aus und strich ihr zärtlich mit dem Finger übers Ohr. „Ein ziemlich altmodisches Wort für eine moderne Geologin.“

„Vielleicht bin ich ein bisschen altmodisch.“

„Die Frau, die bei unserem ersten Rendezvous mit mir geschlafen hat? Die vor mir schon andere Männer hatte? Ich glaube nicht.“

Energisch schob sie ihn weg. „Du kennst mich überhaupt nicht.“

Als Asad einen Schritt zurückwich, eilte sie zum Vorhang, um den Raum schnell verlassen zu können, falls nötig.

„In mancher Hinsicht kenne ich dich ziemlich gut.“

„Das war vor sechs Jahren. Die Dinge ändern sich. Menschen ändern sich.“ Und hoffentlich hatte sie sich genug geändert!

„Wenn es so wäre, hättest du keine Angst vor dem, was du in meiner Nähe preisgibst.“

„Vielleicht mag ich es nur nicht, wenn man mich bei der Arbeit sexuell belästigt.“

„Du arbeitest aber nicht für mich. Deine Tätigkeit für Hakim hat nichts mit dem zu tun, was zwischen uns beiden geschieht.“

„Oder nicht geschieht?“, zog Iris ihn auf.

Doch Asad nickte energisch. „Stimmt. Du willst mich, Iris. Meine Nähe macht dich ganz nervös.“

Leider musste sie ihm recht geben. „Ich lasse mich nicht von den Bedürfnissen meines Körpers leiten.“

„Du gibst also zu, dass du mich begehrst? Dann ist das schon mal ein Anfang.“

„Du bist ein fantastischer Liebhaber, Asad, aber du eignest dich überhaupt nicht für eine Beziehung. Und ich bin nicht an einer Affäre interessiert.“

„Wenn wir uns lieben, wird es alles andere als flüchtig sein.“

„Und alles andere als Liebe. Es wird nicht passieren.“

„Du belügst dich selbst.“

„Ja. Rede es dir nur ein. Und lass mich gefälligst in Ruhe.“ Iris eilte aus dem Büro nach draußen und auf das Zelt zu, in dem Russell und ihre Ausrüstung untergebracht waren.

Als Asad es ihr gezeigt hatte, hatte er gesagt, sie könne später hineingehen. Und genau das hatte sie jetzt vor. Dass er ihr nicht folgte, überraschte sie, aber vermutlich wollte er sich vor den anderen keine Blöße geben.

Russell, der sich offenbar nicht über ihr Erscheinen wunderte, erzählte ihr fröhlich von seiner Besichtigungstour, als sie zusammen die Ausrüstung aufbauten. Während sie die meisten Ge­steinsproben im Labor untersuchen würden, ließen einige Arbeitsschritte sich am besten vor Ort durchführen. Und sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie für eine Firma arbeitete, die über die modernsten Ausrüstungen verfügte.

„Und? Was ist mit dem Scheich und dir?“, erkundigte Russell sich schließlich.

„Mit Scheich Hakim?“

„Komm schon, Iris, ich bin doch nicht blind. Du kennst Scheich Asad von früher.“

„Wir haben an derselben Uni studiert.“

„Und?“

„Asad und ich waren Freunde.“

„Eine Menge mehr als das, schätze ich, sonst würde der Typ nicht so eine starke Wirkung auf dich ausüben.“

„Das gehört der Vergangenheit an, und wir sind hier, um zu …“

„Arbeiten. Ja, ich weiß.“ Russell machte sich an einem Mikroskop zu schaffen. „Du kannst mir meine Neugier nicht verdenken. Alle unsere Kollegen glauben, du würdest dich mehr für Steine als für Menschen interessieren.“ Forschend betrachtete er sie.

Iris versuchte den Stich zu ignorieren, den seine Worte ihr versetzt hatten. Er hatte recht, sie hatte sich keine besondere Mühe gegeben, Freunde zu finden. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie sich nicht für andere interessierte.

„Ich gehe schon mit Männern aus.“

„Wirklich?“, hakte Russell ungläubig nach.

Das einzige Abendessen mit einem Kollegen im vergangenen Jahr zählte vermutlich nicht, zumal sie nur über Steine gesprochen hatten. „Ach, egal“, wehrte Iris ab.

„Nein, das ist es nicht, wenn du dich wie eine Frau und nicht wie eine Wissenschaftlerin verhältst.“

„Das ist lächerlich. Ich bin immer erst Wissenschaftlerin.“

„Sicher – bis wir hierhergekommen sind. Du hast Scheich Hakim angeboten, einen männlichen Kollegen kommen zu lassen, wenn es ihm lieber wäre. Dieser Scheich Asad hat dich in Panik versetzt, obwohl er nur wenige Worte mit dir gewechselt hat.“

„Du nervst, Russell.“

„Das kann ich gut. Nur normalerweise macht es dir nichts aus.“ Nun wandte Russell sich zu ihr um und widmete ihr seine volle Aufmerksamkeit. „Also, raus mit der Sprache.“

Bisher hatte sie sich nie jemandem anvertraut, aber deshalb war sie auch so einsam. Vielleicht war es Zeit, Freunde zu gewinnen, echte Freunde …

Als Russell vor drei Monaten sein Praktikum bei CC&B begann, hatte sie sich auf Anhieb mit ihm verstanden. So hatte sie sich gefreut, als ihr Chef ihr den Studenten für diese Reise als Assistenten zur Verfügung stellte.

„Asad und ich waren in meinem zweiten Studienjahr für ein paar Monate zusammen“, räumte Iris deshalb ein.

„Wow!“

„Überrascht dich das?“

„Allerdings. Du bist nicht gerade der Typ Frau, der zu einem Scheich ins Bett hüpft.“

Sie spürte, wie sie errötete. „Damals war er noch kein Scheich.“

„Aber ich wette, in jeder anderen Hinsicht war er genauso wie jetzt.“

„Nein. Er hat damals viel öfter gelächelt.“

„Aha.“

„Was soll das heißen?“

„Du bist traurig, weil er nicht mehr so glücklich ist wie damals.“

„Sei nicht albern“, schimpfte Iris. „Ich habe nicht gesagt, dass er unglücklich war.“ Allerdings hatte sie das gemeint, und es war ihr erst klar geworden, als Russell es ansprach.

„Aber er ist es, stimmt’s?“

„Seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Wahrscheinlich trauert er noch um sie.“

„Bestimmt nicht, so, wie er dich ansieht. Er verschlingt dich förmlich mit Blicken“, fuhr er fort. „Wenn eine Frau mich so ansehen würde, müsste ich mich sehr beherrschen, um nicht mit ihr ins Bett zu gehen.“

„Aha“, sagte Iris skeptisch. Soweit sie es beurteilen konnte, hatte er ebenso wenig Kontakte wie sie. „Du bist genauso ein Workaholic wie ich.“

„Aber für etwas so Intensives könnte ich mich von meinen Steinen losreißen.“

„Deswegen ziehst du also jeden Samstagabend um die Häuser.“

„Das tue ich nie … Vielleicht sollte ich es. Aber an deiner Stelle würde ich die Gelegenheit ergreifen.“

„Das würdest du nicht. Du bist genauso schüchtern wie ich.“

Eigentlich hätte er wissen müssen, was das für sie bedeutet hätte. Auch er litt an einem gebrochenen Herzen, wie er ihr während ihres ersten gemeinsamen Auftrags bei einer Flasche Wein anvertraut hatte.

„Das hast du schon mal gesagt. Zum Glück bin ich intelligent.“

Iris stieß einen verächtlichen Laut aus. „Intelligenz hat nichts mit gesundem Menschenverstand zu tun.“

„Willst du etwa behaupten, den hätte ich nicht?“

„Wie weit ist es von hier bis zu unserem ersten Untersuchungsort?“, wechselte sie dann schnell das Thema.

„Mein GPS sagt, ungefähr eine Stunde mit dem Jeep, wenn wir keine Umwege fahren müssen.“

Sie nickte.

„Wir sollten Scheich Asad fragen. Schließlich ist er unser Führer.“

„Er ist ein Scheich. Bestimmt hat er einen Mitarbeiter, an den wir uns wenden können.“

„Träum weiter. Das wird er keinem anderen überlassen, und das weißt du. Er möchte sich persönlich um dich … um uns kümmern.“

6. KAPITEL

Iris verdrehte die Augen, ging jedoch nicht auf seine Anspielung ein.

Wieder einmal hatte Russell recht. Asad hatte nicht nur darauf beharrt, dass sie sich mit allen Fragen an ihn wenden sollten, sondern würde sie sicher auch auf ihrer ersten Exkursion begleiten wollen. Sie hoffte nur, es würde dabei bleiben.

Ihr Instinkt sagte Iris jedoch, dass er ihr auf Schritt und Tritt folgen würde, egal, wie beschäftigt er sein mochte.

Ihre erste Annahme bestätigte Asad an diesem Abend, als sie alle zusammen in seinem Zelt aßen.

„Das ist nicht nötig“, versuchte Iris es ihm auszureden. „Ich mache das schon seit fast vier Jahren, Asad. Ich weiß, was ich tue, und Russell kann mit dem Kompass umgehen.“

„Nawar freut sich schon auf den Ausflug. Willst du ihr den Spaß verderben?“

Mit einem flehenden Ausdruck in den braunen Augen blickte die Kleine sie daraufhin an.

Das war nicht fair! Iris schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht.“

„Aber können wir nicht übermorgen fahren? Großmutter möchte ein Willkommensfest geben.“

„Was? Warum?“

„Sie sind unsere Gäste“, sagte Genevieve, als würde das alles erklären. „Es wäre unhöflich, es nicht zu tun.“

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