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Sommerhimmel für zwei

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1. KAPITEL

„Haben Sie schon gepackt?“

Kimber Karlton blickte vom Schreibtisch auf und lächelte ihre Sekretärin an, die zu ihr ins Büro trat. „Soll das ein Scherz sein, Anna? Mein letzter Urlaub war vor zwei Jahren. Ich kann es kaum erwarten, endlich im Flieger zu sitzen, und meinen Koffer habe ich schon vor Tagen gepackt.“

„Oh, ich beneide Sie – eine Woche mit einem attraktiven Mann auf den Malediven. Die traumhaften Strände genießen … abends gemeinsam den Sonnenuntergang bewundern.“ Anna seufzte. „Das ist so romantisch, ich könnte sterben.“

„Bitte nicht. Ohne Sie wäre ich hier aufgeschmissen.“

„Genau.“ Die junge Sekretärin lächelte verschmitzt. „Dann würde Ihnen niemand verraten, worüber in dieser Kanzlei getuschelt wird. Möchten Sie hören, was ich eben erfahren habe?“

„Nein. Der Büroklatsch interessiert mich nicht.“

„Ich weiß. Aber diesmal betrifft es Sie.“

„Mich?“ Nun wurde Kimber doch neugierig. „Wieso?“

„Jemand hat mir erzählt … und Sie wissen es nicht von mir, okay?“ Anna beugte sich vor, um zu flüstern: „Gil wird auf den Malediven um Ihre Hand anhalten.“

Vor Überraschung war Kimber einen Moment lang sprachlos. Obwohl sie insgeheim mit Gils Antrag gerechnet hatte. Sie beide waren seit drei Jahren ein Paar und verstanden sich gut.

Allerdings blieb ihnen wenig Zeit füreinander. Gil Trapp war ebenfalls Anwalt in dieser Kanzlei, und sein Büro lag auf derselben Etage, doch genau wie Kimber war er oft von morgens bis abends mit Gerichtsterminen, Mandanten und dem Studium der Akten beschäftigt.

Sie hatten schon mit dem Gedanken gespielt, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen – weil es bequemer wäre. Aber reichte das als Grund?

Für Kimber nicht. Ihre geschiedene Mutter hatte ihr eingebläut – eine Frau sollte ihren eigenen Namen, ihr eigenes Apartment und ihre Unabhängigkeit behalten, bis ein Mann ihr ein Angebot machte, das zu verlockend war, um ihm zu widerstehen. Und Kimber hoffte seit Monaten, dass Gil ihr endlich einen Verlobungsring schenkte, damit sie nicht länger grübeln musste, ob er wirklich ihr „Mr Perfect“ war.

Dann könnten sie ihr gemeinsames Leben beginnen. Mit Trauschein und natürlich einem soliden Ehevertrag.

Ihr Herz raste vor Aufregung, doch sie blieb skeptisch. Vielleicht war es nur ein Gerücht? „Wer hat es Ihnen erzählt?“

„Bertie.“

Roberta, Gils Sekretärin. Also stimmte es! Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte Kimber, und sie lächelte versonnen. Da sie nicht allein war, wurde sie jedoch schnell wieder ernst. „Aber Sie und Bertie dürfen es niemandem verraten. Denn Gil könnte es sich noch mal anders überlegen.“

„Das wird er nicht.“ Anna schnaubte. „Sehen Sie sich doch an – Sie sind jung, hübsch und erfolgreich. Wenn Sie mich fragen, ist Gil ein Idiot, weil er Sie nicht schon längst geködert hat.“

Tja … oder wollte er gar nicht heiraten? In Kimber regten sich erneute Zweifel. Und ihre Freunde, Tanten und Cousinen stellten ihr oft die gleiche Frage – warum bat Gil sie nicht, seine Frau zu werden? Gab’s irgendwelche Probleme? Waren sie nicht glücklich miteinander? Oder warum zögerte er?

„Ich schätze, er wollte nur auf den perfekten Moment warten“, meinte Anna, als könnte sie die Gedanken ihrer Chefin lesen.

„Ja.“ Kimber nickte beruhigt. „Das glaube ich auch.“

Morgen um diese Zeit würden sie in Hängematten unter Palmen liegen … an eisgekühlten Cocktails nippen und beobachten, wie das türkisfarbene Wasser sanft auf den weißen Strand rollte. Weit entfernt von jeder Zivilisation. Dafür lohnte sich ein Flug um die halbe Welt.

Die im Indischen Ozean gelegenen Malediven bestanden aus Hunderten kleiner – meist unbewohnter – Inseln, und nur einige davon beherbergten Touristen in exklusiven Ferienanlagen. Es war ein traumhaftes Reiseziel – und eine wirklich romantische Kulisse für einen Heiratsantrag.

„Wann verlassen Sie das Büro?“, fragte Anna.

„Gil hatte ein Meeting in Alpharetta. Er holt mich in einer Stunde ab. Also drücken Sie mir bitte die Daumen, dass bis dahin keine schwierigen Mandanten oder andere Probleme auftauchen. Zum Glück ist die Pennington-Scheidung geregelt.“

In den vergangenen Monaten hatte sie mehr Zeit mit Della Pennington verbracht als mit ihrer eigenen Mutter. Della war verzweifelt gewesen, weil ihr Mann sie um die Scheidung gebeten hatte. Ehrlich gesagt, hielt Kimber die Frau für etwas verrückt – es war nicht gesund, sich so an einen Mann zu klammern.

Zugegeben, ihr Ehemann Gerald hatte seinen Wunsch nie begründet. Aber wie jeder Anwalt wusste, wies das meistens darauf hin, dass der Kerl schon längst eine Geliebte hatte. Della war jedoch stur bei ihrer Meinung geblieben – sie behauptete, Gerald wolle sich gar nicht scheiden lassen.

„Was für ein nervtötender Fall.“ Anna seufzte. „Jetzt ist hoffentlich Ruhe. Heute Morgen habe ich den Scheidungsvertrag per Courier an Mrs Pennington geschickt.“

„Gut.“ Mitsamt der Rechnung für etliche teure Beratungsstunden, in denen Kimber sich oft wie eine Psychologin gefühlt hatte, die versuchen musste, eine Frau behutsam davon zu überzeugen, dass die Scheidung unumgänglich war. Und leider hatte sie kläglich versagt – Della glaubte noch immer, dass Gerald sie liebte. Hoffentlich war es nicht zu traumatisch für sie gewesen, den Vertrag in den Händen zu halten. Doch früher oder später würde sie ja der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen.

Kimber verscheuchte den Gedanken an Della. „Um pünktlich aus dem Büro zu kommen, habe ich für heute Nachmittag keine Termine vereinbart“, erklärte sie. „Aber diese Akten wollte ich noch erledigen.“

„Verstehe.“ Anna grinste. „Ich werde persönlich die Tür blockieren, falls irgendjemand zu Ihnen möchte.“

„Danke, Anna.“ Kimber wartete, bis ihre Assistentin verschwunden war, dann stieß sie die Faust in die Luft und juchzte. Gil würde sie bitten, seine Frau zu werden! Wenn sie von den Malediven zurückkam, würde sie einen Verlobungsring am Finger tragen und beginnen, die Hochzeit zu planen.

Da gab es so viel zu bedenken. Natürlich wollte sie ein großes Fest sowie ein wunderschönes weißes Brautkleid. Und was ihr gemeinsames Leben betraf, wäre es sinnvoller, wenn sie ihr Apartment verkaufte und zu Gil in sein Haus zog. Doch plötzlich wirbelten ihr etliche Fragen durch den Kopf. Sollte sie Gils Namen annehmen? Würde einer von ihnen die Kanzlei verlassen müssen? Und Kinder? Er hatte betont, dass er keine Kinder wollte – würde sich das ändern?

Du hast noch Arbeit zu erledigen, ermahnte sie sich und starrte auf die Akte, die vor ihr lag. Nachdem sie dreimal denselben Absatz gelesen hatte, gab sie es jedoch auf, griff zum Telefon und wählte eine Nummer.

„Tinsel Travel. Sie sprechen mit Elaina.“

„Hi, ich bin’s.“

„Wie kann ich dir helfen?“

Kimber zog die Stirn kraus. „Wie kommst du darauf, dass ich ein Problem haben könnte?“

„Schwestern spüren so etwas. Erzähl mir nicht, dass du krank bist. Du darfst diese Reise nicht absagen, Kimber. Die Malediven sind das exklusivste Urlaubsziel, das meine Agentur anbietet.“

„Ich bin nicht krank, und ich werde die Reise nicht absagen. Entspann dich. Die Katze ist aus dem Sack.“

„Welche Katze und welcher Sack?“

„Ha, ha. Die Tatsache, dass Gil vorhat, mir auf den Malediven einen Heiratsantrag zu machen.“

Elaina schwieg einen Moment lang. „Wirklich?“

„Als wüsstest du es nicht.“

„Ich hatte keine Ahnung.“

„Ja, tu nur so.“ Kimber war sich sicher, dass ihre ältere Schwester sich nur dumm stellte, um Gil nicht die Show zu stehlen. In ihrem Reisebüro hatte Elaina schon vielen Kunden geholfen, eine Überraschung für ihre Liebsten zu organisieren.

„Hat er denn etwas angedeutet?“, fragte Elaina mit misstrauischer Stimme.

Um herauszufinden, wie viel Kimber wusste – ein sicheres Indiz dafür, dass sie eingeweiht war. „Nein. Seine Sekretärin hat es meiner erzählt.“

„Oh. Und … was wirst du sagen, falls er dich bittet, seine Frau zu werden?“

„Ja!“ Kimber lachte. „Da gibt es doch nichts zu überlegen.“

„So? Ist es wirklich dein Wunsch, Gil zu heiraten?“

Also … wüsste sie es nicht besser, würde sie jetzt denken, dass ihre Schwester versuchte, sie ins Zweifeln zu bringen. Elaina und Gil hatten ja ein eher distanziertes Verhältnis zueinander. Aber nein, sie bemühte sich nur, ihrem zukünftigen Schwager nicht die Überraschung zu verderben. Vermutlich hatte sie ihm sogar dabei geholfen, den Verlobungsring auszuwählen. „Warum hätte ich Gil drei Jahre lang treu bleiben sollen, wenn ich ihn nicht heiraten wollte?“

„Ja, warum?“, murmelte Elaina.

„Ein kleiner Tipp von dir wäre nett gewesen, doch glücklicherweise habe ich all meine schönen Dessous eingepackt. Trotzdem … vielleicht sollte ich schnell nach Hause fahren, um ein weiteres Cocktailkleid mitzunehmen.“

„Bloß nicht. Die Malediven sind so weit entfernt, schon die Reise wird dich ziemlich anstrengen. Wenn du da bist, möchtest du dich nur noch entspannen. Und auf der Insel brauchst du kein Cocktailkleid. Ja, du wirst kaum Schuhe benötigen.“

„Oje.“ Kimber zog eine Grimasse, als sie an ihren Koffer dachte – in dem viele elegante Outfits lagen. „Dann werde ich wohl etwas overdressed sein.“

„Mach dir keine Sorgen. Kauf dir ein Strandkleid, wenn du in Male ankommst, und dann leb einfach in den Tag hinein. Dieser Urlaub ist die beste Gelegenheit für dich, um mal zu relaxen, Schwesterherz. Nutze die Chance.“

Elaina bat sie ständig, lockerer und unbeschwerter zu sein. Doch wer hatte dazu beigetragen, dass sie die korrekte Anwältin geworden war? Kimber musste sich auf die Zunge beißen, um ihre Schwester nicht daran zu erinnern.

Die freche, abenteuerlustige Elaina hatte ihrer Mutter als Kind so viele schlaflose Nächte bereitet, dass Kimber in die Rolle der braven Tochter geschlüpft war – um ihrer Mom weiteren Kummer zu ersparen. Und ja, sie achtete stets darauf, tadellos gekleidet zu sein, sich gut zu benehmen. Vielleicht war sie auch etwas verklemmt, aber sie fühlte sich wohl.

Elaina lebte inzwischen mit ihrem langjährigen Freund Mike zusammen, den man nur als Träumer … oder Lebenskünstler bezeichnen konnte. Er half ihr viel zu selten im Reisebüro. Also, das fand Kimber jedenfalls, obwohl sie es nie aussprach, um nicht mit ihrer Schwester zu streiten.

„Dir zuliebe werde ich versuchen, mich zu entspannen“, sagte sie fröhlich. „Unter Palmen in der Hängematte liegen, aufs Meer schauen …“

„Und du hast reichlich Sonnencreme eingepackt? Jemand mit deinem Teint ist nicht für ein Leben am Äquator gedacht.“

Kimber lächelte. „Natürlich.“ Sie war es gewohnt, ihre helle Haut zu schützen. Blieb nur zu hoffen, dass sich ihr welliges braunes Haar in der feuchten Luft auf den Inseln nicht in Krissellocken verwandelte. „Wolltest du mir noch weitere Ratschläge erteilen?“, fragte sie amüsiert. „Oder darf ich mich jetzt verabschieden?“

„Ja, meine Süße. Ich wünsche dir viel Spaß.“

Elainas Stimme klang besorgt. Weil der Heiratsantrag nun doch nicht die große Überraschung sein würde? Um sie zu beruhigen, meinte Kimber: „Gil und ich werden jede einzelne Stunde genießen. Dank deiner perfekten Planung.“

„Das hoffe ich. Ruf mich an, sobald es ein Problem gibt.“

Kimber lachte. „Dann rechne nicht damit, von mir zu hören. Denn es wird der schönste Urlaub meines Lebens – auf dieser Reise wird nichts schiefgehen.“

Da es klopfte, blickte sie zur Tür und sah Anna, die recht verzweifelt wirkte. Neben ihr stand die elegante Della Pennington mit einem weißen Umschlag in den Händen, an denen Diamantringe funkelten.

Oje! Dieser Anblick verhieß nichts Gutes. Zumal Kimber nur noch vierzig Minuten blieben. „Ich muss Schluss machen“, murmelte sie, legte den Hörer auf und zwang sich zu lächeln. „Mrs Pennington, wie schön, Sie zu sehen. Gibt es ein Problem?“

Della brach in Tränen aus. „Ich brauche Ihre Hilfe.“

„Tut mir leid“, sagte Anna. „Ich habe schon versucht, ihr zu erklären, dass Sie in Urlaub fahren und keine Zeit haben.“

Ja, richtig. Es beunruhigte Kimber jedoch, dass ihre Mandantin weinte – die Frau verlor sonst nie die Fassung. „Ach, es passt noch. Bitte kommen Sie herein, Mrs Pennington.“ Sie stand auf, griff nach einer Box Taschentücher und bedeutete Anna, die Tür hinter sich zu schließen.

Dann führte sie Della zum Sofa. „Wie ich sehe, haben Sie den Scheidungsvertrag erhalten. Es tut mir leid, ich hätte Sie anrufen und warnen sollen.“

„Nein, meine Liebe.“ Della tupfte sich die Augen. „Es ist alles in Ordnung.

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