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Die Schöne und der Scheich

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1. KAPITEL

Nicht ohne Grund wurde er „das Biest von Hajar“ genannt, das konnte Katherine jetzt sehen. Zahir S’ad al Din war genauso einschüchternd, wie man es ihm nachsagte. Und er war ein völlig anderer Mann als der, den sie vor Jahren getroffen hatte. Jetzt wirkte er kalt und unnahbar.

Allerdings konnte Katherine sich den Luxus nicht leisten, Angst vor ihm zu haben. Außerdem war sie an kalte und unnahbare Männer gewöhnt.

„Scheich Zahir.“ Sie trat einen Schritt auf den riesigen Schreibtisch zu. „Ich hatte auf Ihre Nachricht gewartet. Die ist jedoch nicht gekommen.“

Er sah sie nicht an, sondern hielt den Kopf über die Unterlagen gebeugt, die vor ihm lagen. „Richtig. Da drängt sich die Frage auf, weshalb Sie hier sind.“

Katherine schluckte. „Um Sie zu heiraten.“

„Ist dem tatsächlich so, Prinzessin Katherine? Ich hatte Gerüchte dieser Art gehört, wollte sie aber nicht glauben.“ Jetzt hob er den Kopf, und zum ersten Mal konnte Katherine sein Gesicht sehen.

Oh ja, er war wirklich Furcht einflößend. Seine ganze linke Gesichtshälfte war entstellt, das linke Auge schien seltsam leblos, ganz anders als das rechte. Und doch hatte Katherine das Gefühl, als könnte er direkt in sie hineinschauen.

Die Legende beschrieb ihn mal als Dämon, mal als eine Art Gott. Während sie ihn jetzt ansah, verstand sie, warum. „Ich hatte angerufen.“ Allerdings hatte sie nur mit Zahirs Berater gesprochen. Und wirklich eingeladen worden war sie auch nicht.

„Ich hätte nicht erwartet, dass Sie Ihr komfortables Schloss verlassen und den weiten Weg auf sich nehmen, nur um eine persönliche Ablehnung Ihres Antrags zu erhalten. Ich war der Ansicht, ich hätte meine Meinung deutlich genug gemacht.“

Sie reckte die Schultern. „Ich denke, Sie schulden mir ein Gespräch. Und ich kam auch nicht her, um abgewiesen zu werden, im Gegenteil. Ich erwarte, dass der Vertrag, der vor sechs Jahren geschlossen wurde, eingehalten wird.“

„Sie sollten Malik heiraten, nicht mich.“

Trauer überkam sie, wie immer, wenn sie an Malik dachte. Aber es war Trauer um ein junges Leben, das so früh ein Ende gefunden hatte, mehr nicht. Es war ihre Pflicht gewesen, Malik zu heiraten, und ja, sie hatte ihn gemocht, aber geliebt hatte sie ihn nicht.

Zuerst hatte sie geglaubt, ihr ständen alle möglichen Wege für die Zukunft offen, doch inzwischen wusste sie, dass sich nichts geändert hatte. Es war noch immer ihr Schicksal, für das Wohl ihres Landes verkauft zu werden. Das hatte sie längst akzeptiert. Welchen Bräutigam sie bekommen würde, war ihr letztendlich gleich. Statt Malik sollte es nun Zahir sein.

Wenn sie ihn allerdings jetzt anschaute, traten diese Gedanken in den Hintergrund. Die Realität sah anders aus als alle Theorie. Zahir war … Er wesentlich mehr, als sie sich vorgestellt hatte.

„Bisher hatte ich auch geglaubt, dass es nur um Ihren Bruder und mich ging. Doch als ich die Dokumente etwas genauer studierte …“ Ihr Vater hatte sich um alles gekümmert. Sie hatte es nicht sonderlich interessiert, war es doch nie um ihre Gefühle gegangen, sondern immer nur um einen Zusammenschluss für die Staatsräson. Sie hatte akzeptiert, dass eine Heirat die eine Pflicht war, die sie für ihr Land erfüllen konnte. Sie hatte sich die Dokumente nie selbst angesehen.

Bis vor Kurzem.

„Die Vereinbarung wurde mit Malik getroffen, das ist richtig. Doch wenn Sie sich den Wortlaut genauer ansehen, steht dort: ‚Für den Fall, dass Malik nicht den Thron von Hajar besteigt, soll die Heirat mit seinem Nachfolger stattfinden.‘ Und das sind Sie.“

Es war geradezu unsinnig: Da bettelte sie praktisch darum, dass er sie heiratete, wenn doch alles in ihr danach schrie, sich umzudrehen und zu gehen. Sie wollte ihn genauso wenig heiraten wie er sie.

Aber ihr Vater hatte nicht mehr lange zu leben, deshalb wurde die Zeit knapp. Nach Maliks Tod war die Hochzeit in eine ferne Zukunft verschoben worden, niemand hatte sie damit behelligt. Eine Zeit lang hatte sie sich auf andere Art nützlich machen können, hatte die Kranken in den Kliniken besucht, hatte Wohltätigkeitsprojekte geleitet. Diese Zeit war nun vorüber.

Ihrem Vater blieben nur noch wenige Monate, und bis Alexander, ihr Bruder, alt genug war, um die Herrschaft übernehmen zu können, würde es noch fünf Jahre dauern. Das hieß, irgendjemand musste diese Spanne als Herrscher überbrücken. Ihr war es aufgrund ihres Geschlechts nicht erlaubt.

Sie war lange darüber hinweg, deswegen verbittert zu sein. Und sie war zum Handeln bereit. Falls sie vor dem Tode ihres Vaters nicht mit einem Ehemann aufwarten konnte, würde der nächste männliche Verwandte die Regentschaft an sich reißen. Und was dieser männliche Verwandte mit der Macht anstellen würde, daran wagte sie gar nicht zu denken.

Sie hatte ihrem Vater versprochen, dass dies nie passieren würde. Genau, wie sie versprochen hatte, Alexander zu schützen. Ein Versagen konnte sie sich nicht erlauben, war sie in den Augen der öffentlichen Würdenträger doch so oder so minderwertig. Selbst in den Augen ihres Vaters … Ihr Vater hatte immer mehr von ihr verlangt als von Alexander, hatte sie seltener gelobt als den Sohn, der offensichtlich nichts falsch machen konnte. Sie hatte sich ständig beweisen müssen, aber es tat ihr nicht leid. Sie hatte ihrem Land, ihrer Familie, ihrem Volk gedient. Es hatte sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute war. Und das war gut so, denn sie war die einzige Hoffnung für ihr Land. Für ihren Vater und für ihren Bruder.

Sie durfte sich jetzt, auf dem letzten Abschnitt vor dem Ziel, keine Steine in den Weg legen lassen.

„Ich will keine Ehefrau.“ Zahir beugte den Kopf wieder über die Akten.

Katherine verschränkte die Arme vor der Brust. „Sagte ich, dass ich mir einen Ehemann wünsche? Hier geht es nicht um Wünsche, sondern um Notwendigkeiten und darum, das Richtige zu tun. Eine Heirat wird unseren beiden Ländern zugutekommen. Ob nun Malik oder Sie, es macht keinen Unterschied.“

Die eigenen Worte drangen ihr eiskalt bis ins Mark. Doch sie musste so handeln … weil es um die Zukunft ihrer Nation und die ihres Volkes ging. Sie sah sich nicht als Opfer an, auch wenn man sie in gewisser Hinsicht sicher als die sprichwörtliche Jungfrau auf dem Opferaltar bezeichnen könnte. Nein, sie tat es aus freien Stücken. Niemand hatte sie gezwungen, zu Zahir zu gehen, niemand würde sie abhalten, in ganz Europa von einer Party zur nächsten zu ziehen. Aber das Pflichtgefühl hatte sie hergebracht … und das Bedürfnis zu beweisen, dass sie etwas wert war.

Zahir hob den Kopf, sein Blick war kalt und desinteressiert. Sein von dem Unglück verunstaltetes Gesicht ließ ihn unmenschlich wirken. „Sie sind entlassen.“ Er nickte knapp.

Ihr stand der Mund offen. „Wie bitte?“ Noch nie in ihrem Leben war sie entlassen worden.

„Seit zehn Minuten versuche ich Ihnen klarzumachen, dass Sie mein Arbeitszimmer verlassen sollen. Gehen Sie endlich.“

„Nein, ich werde nicht gehen.“ Weil es ihr unmöglich war, selbst wenn sie sich wünschte, dass sie es könnte. Sich wünschte, sie könnte dieses düstere Zimmer einfach verlassen und hinaustreten in die Sonne, könnte sich auf den bunten hajarischen Märkten unter die Menge mischen und die exotischen Aromen einatmen. Aber dann würde Alexander ins Abseits gestoßen werden und John würde den Thron besteigen. Vermutlich würde er sofort die Gesetze ändern, damit er auf Lebenszeit den Thron innehalten konnte. Selbst wenn er nur fünf Jahre regieren würde, wäre die Wirtschaft des Landes ruiniert. Zu gehen war also keine Option.

Außerdem würde es bedeuten, dass sie versagt hätte, bei der einzigen Gelegenheit, bei der ihr Vater jemals ihren Nutzen zugeben würde.

Zahir stand hinter seinem Schreibtisch auf. Katherine wich einen Schritt zurück. Es war die instinktive Reaktion des Beutetiers auf ein Raubtier. Er war viel größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, dunkelbraun gebrannt und mit breiten Schultern, das helle Leinenhemd schmiegte sich eng um die Muskeln seiner Brust.

„Haben Sie jetzt lange genug gegafft? Warum gehen Sie nicht endlich, damit Sie die Story von dem Treffen mit mir an den Meistbietenden verkaufen können?“

„Deshalb bin ich nicht hier.“

„Nein, Sie wollen mich nur heiraten. Und mit mir hier im Palast leben.“ Er umrundete den Schreibtisch, kam auf sie zu, und sie bemerkte das leichte Humpeln bei seinen Schritten. Die Arme vor der Brust verschränkt, blieb er vor ihr stehen. „Denn wie könnte Prinzessin Katherine Rauch aus dem kleinen idyllischen Alpenreich einer solch großartigen Möglichkeit widerstehen, nicht wahr? Erträumen Sie sich schillernde Bälle wie aus Tausendundeiner Nacht? Ist es das? Ich bin nicht Malik.“

„Das ist mir klar.“ Ihr wurde die Kehle eng. Sie stand kurz davor, Haltung und Boden zu verlieren. Das durfte nicht passieren. Sie hatte ihrem Vater ihr Wort gegeben. Und mit ihrer Geburt einen Bluteid an ihr Volk geleistet. Sie war eine Rauch, sie musste ihr Land beschützen. Dies war ihre einzige Möglichkeit.

Ihr Puls schlug schneller, als Zahir noch näher kam, die schwarzen Brauen zusammengezogen, ein dunkles Glühen leuchtete in seinen Augen.

„Sie glauben also, es wäre kein Unterschied, ob Sie nun Malik oder mich heiraten? Machen Sie die Augen auf, sehen Sie sich die Realität an.“

Er stand einfach da, und sie wusste, was er meinte: seine Narben. Die Narben, die er bei dem Attentat auf die königliche Familie davongetragen hatte. Seine Eltern und sein Bruder waren ums Leben gekommen genauso wie viele Unschuldige, die dort gewesen waren, um der Parade beizuwohnen. Und das nur, weil ein Nachbarstaat nach der Macht greifen wollte. Die Gier nach Macht und Geld brachte die Menschen dazu, abscheuliche Dinge zu tun. Katherine würde alles geben, um ihrer Nation ein solches Schicksal zu ersparen.

Zahir verzog die Lippen zu einem abfälligen Grinsen. Die papierne Haut auf seiner Wange spannte sich, ein Mundwinkel zog sich nach oben, der andere senkte sich ganz leicht aufgrund der Narben auf seiner Wange, die sich zum Mund hinzogen. „Wollen Sie diesen Mann für den Rest Ihres Lebens jede Nacht neben sich im Bett liegen haben?“

Ihr Blick lag jedoch nicht auf seinem Gesicht, sondern auf seinen Händen. Es waren große Hände, fähige Hände. Auch sie hatten Narben davongetragen. Doch die Bilder in ihrem Kopf zeigten ihr diese starken dunklen Hände plötzlich auf zarter heller Haut … Schlagartig breitete sich Hitze in ihr aus. Seine Worte waren als Drohung gedacht, doch seine tiefe samtene Stimme hatte sie eher wie ein Versprechen klingen lassen. Anstatt Abscheu zu empfinden, war Katherine vielmehr fasziniert, auf eine Weise, die sie nicht verstand. Nein, nicht er ängstigte sie, sondern dieses unbekannte Gefühl, das ihr so völlig fremd war und das sie doch so stark erfasste. Es machte sie stark und schwach zugleich.

Sie wusste nicht, wie das passiert war. Aber sie war nicht gekommen, um sich einschüchtern zu lassen. „Es gibt einen Vertrag.“

„Raus“, knurrte er.

„Ich kann nicht gehen. Ich muss sicherstellen, dass die Heirat stattfindet, zum Wohle unserer beiden Völker. Wenn Sie das nicht verstehen …“

Er machte noch einen Schritt auf sie zu und stand ihr jetzt so nahe, dass sie die Wärme fühlen konnte, die sein Körper ausstrahlte. Nicht nur Wärme ging von ihm aus, sondern auch Wut. Und maßlose Traurigkeit, deren Echo in ihrem Innern widerzuhallen schien. Sie fragte sich, wie er das aushalten und trotzdem so groß und stolz vor ihr stehen konnte.

„Ich wünsche, allein zu sein.“

Seine Worte hallten tonlos durch den stillen Raum. Katherine musterte ihn stumm, sah die eine Gesichtshälfte mit der olivfarbenen Haut, dem hohen Wangenknochen, sah das markante Kinn, die gerade Nase. Sie verrieten die klassische Schönheit des einstigen Gesichts, auch wenn an der anderen Hälfte wenig Schönes zu entdecken war. Die entstellenden Narben zeigten der Welt den Schmerz, den er erleiden musste.

Aber Katherine erinnerte sich an den Mann, den sie vor Jahren getroffen hatte, wenn auch nur kurz. Damals war er kein Biest gewesen, im Gegenteil. Er war ernster als sein Bruder gewesen, mehr in sich zurückgezogen, fast distanziert. Damals war alles an ihm schön gewesen, einnehmend auf eine Art, wie es nur wenigen Menschen gewährt war.

Noch immer war er einnehmend, doch ganz anders als damals.

„Ich betone es noch einmal, Zahir.“ Wenn sie seinen Namen benutzte, zeigte sie damit auf, dass er auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war. „Hier geht es nicht um Wünsche. Es ist eine Frage der Ehre.“

Lange musterte er sie, ohne dass sie etwas aus seinem Blick herauslesen konnte. „Sie unterstellen, dass ich Ehrgefühl besitze, Prinzessin.“

„Ich weiß, dass Sie es besitzen.“ Eigentlich hoffte sie es nur, aber es hörte sich auf jeden Fall gut an.

„Gehen Sie.“ Er sagte es leise, dennoch klang es wie ein harscher Befehl.

Zu versagen war neu für Katherine. Ihr ganzes Leben hatte sie alles darangesetzt, ihre Ziele zu erreichen, damit ihr der Respekt entgegengebracht wurde, der ihrem Bruder mit seiner Geburt von selbst zugefallen war. Erst die besten Schulnoten, dann die höchsten Spendeneinnahmen. Gab man ihr eine Aufgabe, erfüllte sie sie mit den besten Resultaten.

Sie hatte nie daran gedacht, dass sie hier scheitern könnte. Einen Plan, was sie in diesem Falle tun würde, hatte sie nicht gefasst. Als sie heute Morgen in die königliche Privatmaschine gestiegen war, tat sie es mit so viel Zuversicht, dass sie den Piloten mit der Maschine gleich wieder nach Altina zurückgeschickt hatte.

„Nun gut“, sagte sie steif, drehte sich um und verließ das Zimmer. Als er die Tür hinter ihr zuschlug, zuckte sie zusammen.

Dieser unmögliche Mann!

Natürlich hatte die Chance bestanden, dass er ablehnen würde, nur hätte sie niemals damit gerechnet. Sie war eindeutig im Recht, und sie war davon ausgegangen, dass er es einsehen würde. Stattdessen hatte er sie angeknurrt und praktisch hinausgeworfen.

Katherine stand in der riesigen Palasthalle und schlang die Arme um sich. Ihr war kalt, trotz der Wüstenhitze. Was sollte sie nun tun? Wohin sollte sie gehen? Nach Hause auf jeden Fall nicht. Mit diesen schlechten Nachrichten würde man sie nicht willkommen heißen.

Im Korridor hinter ihr erklangen Schritte, Katherine drehte sich um. Eine ältere Frau kam auf sie zu. Katherine erkannte sie. Die Frau war die Leibzofe der Scheicha gewesen und hatte die S’ad al Din-Familie damals nach Altina begleitet.

Die Ältere verbeugte sich mit einem warmen Lächeln vor Katherine. „Prinzessin Katherine, es ist viel zu lange her, seit wir Sie gesehen haben. Haben Sie geschäftlich in Hajar zu tun?“

„Ich …“ Im Grunde genommen ja, auch wenn es keineswegs gut gelaufen war. „Richtig.“ Hastig überschlug sie ihre Möglichkeiten. Zahir wollte sie nicht hier haben, nach Hause zurückkehren konnte sie nicht. „Für die Dauer meines Aufenthalts in Hajar werde ich im Palast wohnen.“

„Wie schön. Wir hatten keine Gäste mehr seit … seit Langem.“

Katherine war sicher, der Älteren hatten die Worte „seit dem Attentat“ auf der Zunge gelegen. Seit ihrem letzten Besuch hier schien sich die Atmosphäre im Palast verändert zu haben. Es war stiller, bedrückender, irgendwie leerer.

„Dann fühle ich mich geehrt, der erste Gast seit Langem zu sein.“ Ihr Gewissen meldete sich, aber sie unterdrückte den Gedanken. Zahir verhielt sich unvernünftig, und sie brauchte Zeit, um sich einen anderen Ansatz zu überlegen. „Könnten Sie veranlassen, dass mein Gepäck aus dem Wagen geholt wird?“ Sie hatte genügend Garderobe für einen längeren Aufenthalt mitgebracht. „Mein Fahrer wartet vor dem Palast. Bereiten Sie bitte die Suite vor, die ich beim letzten Mal bewohnt habe.“

Sie nutzte ihren besten Prinzessinnenton. Sie war schon immer eine schlechte Lügnerin gewesen, ihre Augen verrieten sie jedes Mal. Glücklicherweise schaute Kahlah ihr nicht in die Augen, und sie würde es auch nie wagen, einer Prinzessin Fragen zu stellen. Katherine kam sich wie eine Betrügerin vor, aber hier ging es schließlich um etwas viel Wichtigeres. Es war ihre Chance, den Lauf der Dinge zu ändern.

„Natürlich. Hier entlang, Hoheit.“

Katherine ließ sich von Kahlah durch die Korridore führen und prägte sich den Weg ein. Sie sah überall hin, nur nicht auf die andere Frau.

Der prunkvolle Palast in Kadim, der Hauptstadt von Hajar, zeugte von überwältigendem Reichtum und meisterhafter Handwerkskunst. Überall prangten schimmernder Marmor und Blattgold, die Böden bestanden aus einem scheinbar nie endenden Mosaik aus Jade, Obsidian und Jaspis.

Umso besser, dachte Katherine. Wenn sie schon den Zorn des Biests von Hajar auf sich zog, dann war es angenehmer, es in einer luxuriösen Umgebung zu tun.

„Was geht hier vor?“, knurrte Zahir, als er in die Halle des Palastes trat und die Prozession von Kofferträgern sah – beladen mit mannshohen Koffern, Hutschachteln und Ledertaschen.

Der Hofmeister wandte sich Zahir zu, sah ihn aber nicht an. Das taten sie nie. „Wir bringen Prinzessin Katherines Gepäck, wie angewiesen, Scheich Zahir.“

„Von wem stammt die Anweisung?“ Eine seltsame Kälte erfasste ihn. Jemand brach in seinen persönlichen Bereich ein. Ein inakzeptabler Kontrollverlust.

Der Diener wich unmerklich zurück, seine Nervosität war greifbar. „Von Prinzessin Katherine.“

Zahir hörte nicht weiter zu. Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte zu den Frauenquartieren. Obwohl, es war durchaus denkbar, dass sie direkt in seine Suite eingezogen war!

In sein Bett.

Bei dem Gedanken spannte sich sein Körper an. Es war ein fast vergessenes Gefühl. Nein, das würde sie nicht wagen, nicht einmal sie besaß so viel Kühnheit.

Er sah eines der Dienstmädchen aus einer Tür kommen und hielt darauf zu, während das Mädchen in die andere Richtung davoneilte. Sie tat, als hätte sie ihn nicht bemerkt, obwohl sie ihn mit Sicherheit gesehen hatte. Selbst das Personal ging ihm aus dem Weg, wann immer es möglich war.

Er schob die Tür auf, und da war sie. Das rotgoldene Haar hatte sie heruntergelassen, es fiel ihr duftig über die Schultern. Ihr blaues Kleid wirkte auf den ersten Blick schlicht-klassisch und fast züchtig, dennoch betonte es ihre Kurven auf eine Art, die die Fantasie eines Mannes in Flammen setzen konnte.

Sogar dann, wenn die Fantasie dieses Mannes seit Jahren erloschen war.

„Was genau tun Sie hier, latifa?“ Das Wort „Schönheit“ schlüpfte ihm über die Lippen, bevor er Zeit hatte, genauer darüber nachzudenken. Denn es war die Wahrheit, sie verkörperte Schönheit. In der Wüste jedoch ging zarte Schönheit zugrunde.

Sie drehte sich zu ihm um, ihre grünen Augen glitzerten kalt. Vielleicht war sie gar nicht so zart, auch wenn sie sich sicher so anfühlen würde … Die helle Haut, die üppigen Kurven …

Sein Magen zog sich zusammen. Schon lange hatte keine Frau mehr diese Wirkung auf ihn gehabt, nicht mehr, seit die Qualen in einer Endlosschleife immer und immer wieder vor seinem inneren Auge abliefen.

„Ich bleibe“, erwiderte sie hochmütig.

„Ich hatte Ihnen gesagt, dass Sie gehen sollen.“

„Aus Ihrem Arbeitszimmer.“

„Aus meinem Land.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich fürchte, das kann ich nicht akzeptieren.“

Er ging auf sie zu und bemerkte ihr unmerkliches Zusammenzucken. Nein, sie war nicht immun gegen sein entstelltes Gesicht, so sehr sie sich auch den Anschein von Unempfindlichkeit geben wollte. Ihr Duft erreichte ihn, leicht und blumig. Weiblich. Wie lange war es her, seit er einer Frau so nahe gewesen war?

„Wenn etwas nicht akzeptabel ist, dann, dass Sie Ihren hübschen königlichen Hintern dort parken, wo Sie nicht willkommen sind.“ Er benutzte harsche Worte als Mittel, um einzuschüchtern, wenn sein Aussehen nicht ausreichte.

Doch auch das schien nicht zu funktionieren. Sie hob nur eine Augenbraue. „Komplimente werden mich auch nicht von meiner Meinung abbringen.“

Angst oder Unsicherheit, die sie vielleicht kurz gezeigt haben mochte, waren verschwunden. Sie sah ihn direkt an, mit geradem Rücken und gestrafften Schultern. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann ihn das letzte Mal jemand so angesehen hatte. Seine Diener vermieden es, und sein Volk … Seine Untertanen schien es nicht zu interessieren, ob er öffentlich auftrat, solange er die Staatsgeschäfte führte. Sein Aussehen untermauerte seinen Ruf … oder vielleicht war es auch umgekehrt.

Die Gerüchte über den entstellten, vielleicht sogar verrückten Scheich hielten die Mehrheit davon ab, ihn sehen zu wollen. Die närrische Minderheit, die ihn für einen Unsterblichen hielt und in ihm eine Art Erlöser sah, wagte es nicht, sich ihm zu nähern. Nun, beides passte ihm bestens. Die Gerüchte hielten andere fern und erlaubten es ihm zu regieren, ohne den Palast verlassen zu müssen. Nicht sein Volk wollte er einschüchtern, aber jeden, der daran dachte, sein Land noch einmal zu attackieren. Bisher hatte es funktioniert.

Doch Katharine die Große schien es nicht zu berühren. Sie war halsstarrig, kühl und offenbar sehr von sich überzeugt. Sie stand in seinem Heim, als gehörte es bereits ihr.

Zeit, seinen Ruf als Biest zu nutzen.

„Sie wollen also die Ehe, Katherine? Sie wollen meine Frau werden?“ Er streckte die Hand aus und fuhr ihr über eine Wange. Ihre Haut fühlte sich wie Seide an. Er wollte mehr von ihr berühren. Alles. Unnachgiebig unterdrückte er den Impuls. Fünf Jahre lang hatte er sich jedes Verlangen versagt, es würde ihm nicht wehtun, es weiter zu ignorieren. „Sie wollen mir das Bett wärmen und meine Kinder zur Welt bringen?“

Sie lief purpurrot an. „Nein.“

„Das dachte ich mir.“

„Es ist nicht nötig.“

„Brauchen Sie keinen Erben?“

Ihr Blick wurde hart. „Nicht von Ihnen. Wenn alles nach Plan geht, brauche ich überhaupt keinen Erben.“

Er biss die Zähne zusammen und versuchte, nicht an das zu denken, was nötig war, um Erben hervorzubringen. Seine Selbstbeherrschung war gefordert, er musste sich zusammennehmen, sonst ließ sich nicht abschätzen, was passieren würde. „Wieso?“

„Sollte mein Vater sterben, bevor mein Bruder Alexander volljährig ist, werden Sie als mein Ehemann zum Regenten ernannt und nicht mein Cousin. Ich als Frau kann den Thron nicht besteigen, ich kann auch meinen Bruder nicht beschützen. Wenn Sie mich nicht heiraten, wird mein Cousin John die Macht an sich reißen. Dann steht uns ein Bürgerkrieg bevor. Ein solcher Krieg wird unsere gesamte Ökonomie zum Erliegen bringen und auch die Handelsbeziehungen zu Ihrem Land in Mitleidenschaft ziehen. Ich werde nicht tatenlos dabeistehen und zusehen, wie das passiert.“

„Was genau schlagen Sie also vor?“

„Für mich und mein Volk ist diese Heirat notwendig. Ich werde Ihre Frau sein, entweder nur auf dem Papier oder, wenn Sie wollen, auch in Ihrem Bett. Das entscheiden Sie. Wenn Sie aber der Heirat nicht zustimmen, muss Ihnen klar sein, dass das Blut meines Volkes auch an Ihren Händen klebt.“

Aus Katherines Worten sprühten Feuer und Leidenschaft. Sie setzte sich nicht nur mit Hingabe für ihr Land und ihr Volk ein, sie wäre auch eine mehr als fähige Regentin und könnte die Herrschaft allein übernehmen. So wie Malik es getan hätte. Sie wäre die perfekte Frau für seinen Bruder gewesen.

Wie immer bei dem Gedanken an Malik legte sich ein eiserner Ring um Zahirs Brust und erinnerte ihn daran, dass eigentlich nicht er hier stehen sollte.

Er hielt nichts von festlichen Anlässen, war nicht dafür gemacht, endlos über neue Gesetze zu debattieren, besaß nicht genügend diplomatisches Geschick, um gute Beziehungen zu Nachbarstaaten aufzubauen. Er war ein Mann der Tat. Aber selbst das stimmte nicht mehr. Auch fünf Jahre nach dem Attentat fühlte sich sein Körper noch immer nicht an, als wäre es seiner. Es war, als wäre er in einer Kerkerzelle eingesperrt, zu der es keinen Schlüssel gab, nicht einmal eine Tür.

„Suchen Sie sich einen anderen. Es muss doch genügend Männer mit Titel geben, die bis zum letzten Atemzug für die Ehre kämpfen. Ich gehöre nicht dazu.“

„Der Vertrag besteht bereits, und er ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, bis hin zu dem Passus, welches unserer Kinder was erbt. Letzteres muss uns natürlich nicht interessieren.“

Für einen flüchtigen Moment, so kurz, dass Zahir meinte, es sich nur eingebildet zu haben, erkannte er unglaubliche Verletzlichkeit in ihren grünen Augen. Die Erkenntnis versetzte ihm einen Schlag, sie brachte den Schutzwall, den er um sich herum aufgebaut hatte, ins Wanken. Aber dann riss er sich zusammen. „Die Situation ist bedauerlich … für Sie.“ Er wandte sich zum Gehen, doch sie folgte ihm.

„Für uns beide. John ist ein inkompetenter, egoistischer Narr, der sich nicht an die bestehenden Handelsverträge zwischen unseren Ländern halten wird. Er wird Altina zu Fall bringen und sein Bestes versuchen, das auch mit Hajar zu tun.“

Zahir blieb stehen, sein Puls schlug hart.

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