Logo weiterlesen.de
JULIA EXTRA BAND 367

SHARON KENDRICK

Nur ein Traum vom Liebesglück?

Lilys sinnliche Unschuld erscheint dem Milliardär Ciro D‘Angelo wie die Verkörperung all seiner Träume. Und ein Mann wie er bekommt, was er will! Auch wenn Lily meint, ihm widerstehen zu können …

LINDSAY ARMSTRONG

Heiße Küsse – kaltes Herz

Reith Richardson weiß: Wenn Kimberley die Wahrheit über ihn erfährt, ist ihre leidenschaftliche Romanze so schnell vorbei, wie sie begann. Warum also sollte er ihr verraten, wer er wirklich ist?

LYNNE GRAHAM

Schenk mir noch eine Nacht!

Rache – und eine allerletzte Liebesnacht: Mehr hat Christophe Donakis nicht im Sinn, als er seine ehemalige Geliebte Erin wiedertrifft. Noch ahnt er allerdings nichts von ihren süßen Geheimnissen …

JESSICA HART

Leidenschaft nicht ausgeschlossen

Die hübsche Frith liebt ihr Singleleben. Nur zur Hochzeitsfeier ihrer Schwester will auch sie nicht allein kommen. Aber ist ausgerechnet ihr sexy Nachbar George Challoner der passende Begleiter?

IMAGE

Nur ein Traum vom Liebesglück?

1. KAPITEL

Jemand beobachtete sie.

Lily verspürte ein unverkennbares Kribbeln im Nacken und irgendwie wusste sie es einfach. Langsam blickte sie von ihrem Kuchenteig auf, blinzelte gegen das helle Tageslicht draußen an und sah am anderen Ende des Gartens einen großen Mann.

Ganz still stand er da, wie eine Statue. Nur sein dichtes schwarzes Haar schien sich zu bewegen, zerzaust von derselben sanften Brise, die jetzt durch die offene Küchentür zu ihr hereinwehte. Eingerahmt von einem früh blühenden Rosenbogen, wirkte der Fremde wie ein dunkler, unauslöschlicher Fleck in der sonnenbeschienenen Landschaft, und Lily durchzuckte es seltsam, als er nun ohne Hast auf das Haus zukam.

Verwundert fragte sie sich, warum sie sich nicht fürchtete. Warum schrie sie nicht das Haus zusammen und griff sich das nächste Telefon, um die Polizei anzurufen, weil sich ein finsterer Fremder in ihrem Garten herumtrieb? Vielleicht, weil sein Anblick eine willkommene Ablenkung von den sorgenvollen Gedanken war, die sie unaufhörlich quälten? Oder vielleicht, weil dieser Fremde irgendetwas an sich hatte, das alle normalen Überlegungen außer Kraft setzte … Er sah einfach so aus, als hätte er jedes Recht, sich dort zu befinden. Als hätte dieser milde Sommertag nur auf ihn gewartet.

Mit heimlicher Bewunderung beobachtete Lily, wie er das makellos gepflegte Grün des Rasens überquerte. Ein eleganter grauer Anzug, kombiniert mit einem blütenweißen Hemd, betonte seinen männlich schönen, athletischen Körper. Ein Gedicht von einem Mann, dachte Lily sehnsüchtig – sie hätte ihn noch ewig anschauen können.

Als er näher kam, fiel ihr als Erstes der atemberaubend sinnliche Ausdruck seines markanten Gesichts auf. Dunkle unergründliche Augen, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern. Eine aristokratische Nase, ein energisches Kinn mit einem Schatten von Bartstoppeln und dazu ein Mund, bei dessen Anblick sich Lily sofort ausmalte, wie es wohl wäre, von ihm geküsst zu werden. In dem Moment blieb er auf der Schwelle zur Küche stehen. Heißes Verlangen durchzuckte sie so unvermittelt, dass ihr schwindlig wurde. Wie lange war es her, dass sie sich derart zu einem Mann hingezogen gefühlt hatte? Sie hatte ganz vergessen, wie mächtig dieses Gefühl war.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie, bevor ihr klar wurde, wie brav und unterwürfig das klang. Trotzig suchte sie ihr Heil im Angriff. „Sie haben mich zu Tode erschreckt … sich so anzuschleichen!“

„Mir war nicht bewusst, dass ich mich angeschlichen habe.“ Sein spöttischer Blick verriet, dass ihm nicht entgangen war, wie sie ihn angesehen hatte. „Allerdings scheinen Sie mir durchaus fähig, sich gegen Eindringlinge zur Wehr zu setzen.“

Bei diesen Worten richtete er den Blick vielsagend auf ihre Hand, und Lily bemerkte, dass sie immer noch das Nudelholz umklammerte. „Ich … backe gerade einen Kuchen.“

„Was Sie nicht sagen!“

Belustigt begutachtete er den mit Mehl bestäubten Küchentisch hinter ihr, auf dem eine mit Obst ausgelegte Kuchenform und eine Zuckerdose bereitstanden. Und plötzlich war es nicht nur ihre sanfte Schönheit, die seine Sinne weckte. Der Duft von selbstgebackenem Kuchen rief Erinnerungen an eine Welt wach, auf die er kaum einen Blick hatte erhaschen dürfen. Eine Welt voll häuslicher Wärme und Gemütlichkeit. Gewohnt schonungslos schob er diese sentimentalen Vorstellungen beiseite, um sich stattdessen auf die Kuchenbäckerin zu konzentrieren.

In gewisser Weise war sie die altmodischste Frau, die er je gesehen hatte. Eine Frau, wie sie außerhalb alter Fernsehfilme eigentlich gar nicht mehr existierte. Ihre Figur war der Inbegriff von Weiblichkeit: Verlockende Rundungen und Kurven, betont durch eine mit Rüschen besetzte Schürze im Retrolook, deren Bänder die zierlichste Taille umschlossen, die man sich vorstellen konnte.

Gemeinhin galt es ja als unhöflich, andere Menschen anzustarren. Aber war es nicht sogar kränkend, wenn ein Mann es beim Anblick einer so schönen Frau nicht tat? Bewundernd schweifte sein Blick über ihr dichtes weizenblondes Haar, das sie sich mit allen möglichen Haarklammern lose hochgesteckt hatte. Feine helle Strähnen umschmeichelten ihren schlanken Nacken und die zart geröteten Wangen. Er fragte sich, ob sie sich bewusst war, was für ein Bild häuslicher Idylle sie darbot. Und was es über ihn besagte, dass er dieses Bild so unerwartet sexy fand.

„Sie wollen mich also nicht hereinbitten?“, fragte er herausfordernd.

Die Arroganz seiner Frage riss Lily aus ihrer Lethargie. Warum ließ sie es sich stumm und tatenlos gefallen, dass er sie so abschätzig begutachtete wie ein Auto bei einer Verkaufsauktion? Nahmen Männer sich nicht gerade deswegen solche Frechheiten heraus, weil die Frauen es zuließen? Hatte sie denn nichts aus der Vergangenheit gelernt?

„Nein, das will ich nicht“, erwiderte sie deshalb entschieden. „Womöglich sind Sie ein Axtmörder.“

„Ich darf Ihnen versichern, dass mir nichts so fern liegt wie Mord.“ Sein spöttischer Blick ließ ihr Herz schneller schlagen. „Und Sie sehen auch überhaupt nicht ängstlich aus“, fügte er vielsagend hinzu.

Lily schluckte. Tatsächlich hatte sie keine Angst, jedenfalls nicht im üblichen Sinn. Dennoch hatte dieser Fremde irgendetwas an sich, das ihr Herz zum Pochen brachte. „Ich bin es gewohnt, dass man sich vorstellt, wenn man unangemeldet in jemandes Küche platzt“, entgegnete sie deshalb pikiert.

Er verkniff sich ein Lächeln, denn normalerweise fühlten sich Frauen fast immer ein wenig von ihm eingeschüchtert, selbst wenn sie nicht wussten, wer er war. Diese offenbar nicht. Was ihn allein schon faszinierte.

Bereitwillig neigte er den Kopf wie bei einer förmlichen Vorstellung. „Ciro D’Angelo.“

Sie hielt dem Blick seiner dunklen Augen stand. „Ein ungewöhnlicher Name.“

„Ich bin ein ungewöhnlicher Mann.“

Sie hielt es für klüger, diese unverschämt arrogante Behauptung zu ignorieren. „Und Sie sind Italiener?“

„Genau genommen Neapolitaner.“ Er zuckte die breiten Schultern, als er ihren fragenden Blick bemerkte. „Das ist … etwas anderes.“

„Inwieweit?“

„Das zu erklären, könnte sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, dolcezza.“

Allein die melodiöse Art, wie er dieses dolcezza aussprach – was immer es auch bedeuten mochte – weckte in ihr den Wunsch, seine lange Erklärung über das Besondere der Neapolitaner zu hören. Aber sie argwöhnte, dass sie sich damit auf ein noch gefährlicheres Terrain begeben würde. Deshalb schaute sie ganz bewusst auf die Wanduhr neben der altmodischen Küchenzeile und sagte schroff: „Zeit, die ich leider nicht habe. Was tun Sie hier, Mr D’Angelo? Sie befinden sich nämlich auf Privatbesitz.“

Ciro nickte zufrieden, denn ihre Frage bedeutete, dass der Kauf noch nicht öffentlich gemacht worden war. Er hasste es, wenn seine Geschäfte schon durch die Presse gezerrt wurden, bevor die Tinte auf den Verträgen getrocknet war.

Allerdings fragte er sich nun auch, wer ihm da gegenüberstand. Die Frau, die ihm das Haus verkauft hatte, war mittleren Alters gewesen. Eine Suzy Scott, viel zu jugendlich gekleidet, viel zu stark geschminkt und viel zu aufdringlich. Konnte die bezaubernde Küchenfee ihre Tochter sein? Wie alt mochte sie sein? Einundzwanzig? Zweiundzwanzig? Ein so zarter makelloser Teint machte es schwer, das zu beurteilen. Aber wenn sie die Tochter des Hauses gewesen wäre, hätte sie doch sicher gewusst, dass das Haus an ihn verkauft worden war.

Sie sah ihn immer noch fragend an. Zerstreut bemerkte er die blonde Locke, die ihre Pfirsichwange streichelte. Vielleicht sollte er ja einfach gehen und zu einem passenderen Zeitpunkt zurückkommen. Doch plötzlich wollte Ciro gar nicht fort. Durch Zufall schien er in eine nostalgische Idylle hineingestolpert zu sein, die sich so sehr von seiner Welt unterschied, dass er neugierig geworden war. Er wollte die unvermeidlichen Makel dieser heilen Welt entdecken, und sich dann, in seinem Zynismus bestätigt, wieder in seine eigene Welt zurückziehen.

Also erwiderte er betont beiläufig: „Ich hatte nicht erwartet, jemanden anzutreffen.“

„Mit anderen Worten, Sie sind davon ausgegangen, dass niemand zu Hause sein würde?“ Lily rollte den ausgewalzten Teig um das Nudelholz, um ihn dann geschickt auf dem vorbereiteten Obstkuchen in der Form auszubreiten. „Sind Sie etwa ein Einbrecher?“

„Sehe ich so aus?“

Sie hielt damit inne, die Teigränder mit geübten Fingerspitzen festzudrücken, und blickte auf. Nein, ein gewöhnlicher Einbrecher wäre wohl kaum so gelassen geblieben, wenn man ihn aufgescheucht hätte. Andererseits wirkte er zweifellos fit genug für einen gewandten Fassadenkletterer, und es war aufregend, sich diesen Luxuskörper in einem hautengen schwarzen Outfit vorzustellen.

„Sie sind nicht gerade passend angezogen. Ihr teurer Maßanzug würde wahrscheinlich ruiniert, wenn Sie versuchen würden, an einer Fassade hochzuklettern“, entgegnete sie spitz. „Und falls Sie tatsächlich mit dem Gedanken gespielt haben, es an der Fassade dieses Hauses zu probieren, kann ich Ihnen die Mühe ersparen. Sie werden hier keine Reichtümer finden.“

Ärgerlich begann sie, den Teigdeckel mit verquirltem Ei einzupinseln. Wie überempfindlich musste sie sein, um so etwas einem völlig Fremden zu erzählen? Aber sie hatte sich in letzter Zeit wirklich sehr verletzlich gefühlt, und das launische Verhalten ihrer Stiefmutter hatte es nicht gerade leichter für sie gemacht. War es sowieso noch nie einfach gewesen, mit Suzy auszukommen, hatte sie in jüngster Zeit auch noch damit angefangen, alles von Wert aus diesem Haus in ihr Londoner Domizil zu schaffen. Wozu sie selbstverständlich das Recht hatte, wie Lily wusste. Denn Suzy hatte den gesamten Besitz ihres verstorbenen Ehemannes geerbt, einschließlich allen Geldes und dieses wunderschönen alten Gutshauses.

Immer noch traf der Schmerz Lily mit brutaler Macht, wenn sie daran dachte. Kaum neun Monate nach seiner zweiten Heirat war ihr Vater plötzlich und unerwartet verstorben und hatte sie in völliger Unsicherheit zurückgelassen. Überwältigt von Trauer und der herzzerreißenden Aufgabe, ihren kleinen Bruder trösten zu müssen, hatte sie versucht, sich einzureden, dass ihr Vater natürlich vorgehabt hatte, sein Testament neu zu fassen. Kein Vater würde seine beiden Kinder bewusst ohne jegliche finanzielle Sicherheit zurücklassen! Nur leider war er nicht mehr dazu gekommen, sodass sein ganzes Vermögen an seine viel jüngere Frau gegangen war, die beunruhigend gut mit ihrem frühen Witwendasein zurechtkam.

Sogar die Perlenkette, die Lily von ihrer geliebten Mutter versprochen worden war, war längst in Suzys Londoner Domizil verschwunden, und Lily hatte das bedrückende Gefühl, dass sie das Collier nie wiedersehen würde. Befürchtete ihre Stiefmutter vielleicht, dass Lily einige der Preziosen hinter ihrem Rücken verpfänden könnte? Zu allem Unglück hätte ein kleiner Geldsegen tatsächlich einige von Lilys dringendsten Problemen gelöst. Denn sie wünschte sich nichts mehr, als ihrem Bruder die verdiente Sicherheit zu geben.

Ciro fragte sich, was der Grund für das verräterische Zittern in der Stimme der schönen Bäckerin war. Aber er wurde abgelenkt, als sie sich vorbeugte, um den Kuchen in den Ofen zu schieben, und sich ihr Sommerkleid verführerisch an ihren sexy Po schmiegte.

„Nein, ich bin kein Einbrecher und auch nicht hinter Ihren Juwelen oder sonstigen Reichtümern her“, sagte er rau.

Der Klang seiner Stimme veranlasste Lily sich umzudrehen. Wider besseres Wissen war es ein tolles Gefühl, dass ein Traummann wie dieser Ciro D’Angelo sie so unverhohlen bewundernd ansah. Sich zur Abwechslung einmal begehrenswert zu fühlen und nicht wie ein Niemand, der sich in seinen Zukunftsängsten verlor.

„Und was suchen Sie dann hier?“

„Das ist mir seltsamerweise komplett entfallen“, antwortete er sanft. „Ich kann mich nicht erinnern.“

Sie blickten sich an. Lily pochte das Herz im Hals. Es war sehr lange her, dass sie mit einem Mann geflirtet hatte, und sie ahnte … Gefahr. Denn die überwältigende erotische Ausstrahlung dieses Mannes weckte in ihr zu viele ungute Erinnerungen. An Fassungslosigkeit, Herzeleid und Nächte, in denen sie sich in den Schlaf geweint hatte.

„Dann geben Sie sich etwas Mühe“, sagte sie deshalb abweisend. „Bevor ich den letzten Rest an Geduld verliere.“

Was sollte er ihr antworten? Schließlich war es nicht seine Aufgabe, sie darüber aufzuklären, dass er schon bald der Eigentümer dieses Hauses sein würde. Wenn sie allerdings eine Angestellte war, konnte er sich durchaus vorstellen, sie zu übernehmen, sobald der Verkauf vollzogen war. „Ich … habe mich nur ein wenig umgesehen nach … interessanten Objekten, die sich vielleicht zu kaufen lohnen.“

„Aber dieses Haus steht nicht zum Verkauf“, erwiderte Lily sichtlich verwirrt.

Ciro unterdrückte energisch die aufsteigenden Schuldgefühle. „Das ist mir bewusst“, sagte er wahrheitsgemäß. „Aber Sie wissen ja, wie das ist, wenn man auf der Suche ist. Das Beste entdeckt man immer, wenn man ganz ohne Zeitdruck spontan einem Pfad folgt und einfach sieht, wohin er führt. Sobald erst ein Makler die Quadratmeterzahl vorrechnet, betrachtet man ein Haus nicht mehr mit unbefangenen Augen, und es ist nur noch eine Immobilie.“

„Mit anderen Worten, Sie schleichen um Privathäuser herum, wenn Sie glauben, dass niemand zu Hause ist, um festzustellen, ob Sie ihnen gefallen könnten? Kein Wunder, dass ich das Gefühl hatte, Sie würden nichts Gutes im Schilde führen!“

Er hörte ihr nur mit halbem Ohr zu. Zu sehr war er mit dem Wunsch beschäftigt, die zahlreichen Klammern aus ihrem Haar zu ziehen, sodass die blonden Locken ihr in seidigen Kaskaden über die Schultern fallen würden. Es kribbelte ihm in den Fingern, ihre wohlgerundeten Hüften zu umfassen und die Lippen auf ihren schlanken Hals zu pressen.

Kein Zweifel, er sollte wohl besser auf der Stelle gehen und erst zurückkommen, wenn er die Schlüssel zu dem alten Gutshaus in Händen hielt. Aber die Wohnlichkeit der Küche weckte in ihm nostalgische Gefühle, die die weiblichen Reize der Köchin für ihn geradezu unwiderstehlich machten. Er ertappte sich dabei, sich auszumalen, wie sie mit all ihren aufregenden Rundungen wohl nackt aussehen würde. Und wenn er ihr auf einer Party begegnet wäre, hätte er nicht lange gezögert, diese Fantasie in die Tat umzusetzen. Aber er hatte noch nie eine Frau in der Küche kennen gelernt!

„Was duftet hier eigentlich so?“, erkundigte er sich neugierig.

„Sie meinen den Essensduft?“

„Nun, Sie haben mich ganz bestimmt nicht nahe genug kommen lassen, um Ihr Parfüm zu riechen“, entgegnete er spöttisch.

Lily schluckte nervös. „Tatsächlich ist es ein Gemisch aus verschiedenen Düften. Zum einen köchelt auf dem Herd eine Suppe vor sich hin. Spinat und Linsen mit einem Hauch von Koriander. Vor dem Servieren gibt man noch einen Klecks Crème Fraîche hinein und reicht dann eine dicke Scheibe frisch gebackenes Brot dazu.“

In Ciros Ohren klang das wie ein essbarer Orgasmus, was sein Verlangen nach der Köchin weiter anheizte. „Klingt … köstlich“, sagte er rau.

„Man hat mir glaubhaft versichert, dass es tatsächlich köstlich schmeckt. Das hier nun wieder …“, sie deutete auf ein klebrig-süßes Backwerk, das auf einem Rost abkühlte, „… ist ein stinknormaler Zitronenkuchen.“

„Wow“, meinte Ciro ehrfürchtig.

Vergeblich suchte Lily nach Anzeichen von Sarkasmus in seinem Gesicht. Im Gegenteil, sein Blick war so sehnsüchtig, dass sie alle Vorsicht vergaß. „Wenn Sie möchten, können Sie ein Stück probieren. So frisch aus dem Ofen schmeckt er am besten. Setzen Sie sich, dann schneide ich ihn für Sie an. Wenn Sie schon den weiten Weg von Neapel gekommen sind, kann ich Ihnen ja wenigstens zeigen, was englische Gastfreundschaft ist.“

Erneut schob er seine Gewissensbisse beiseite, setzte sich auf einen der rustikalen Holzstühle und sah zu, wie sie den Kuchen anschnitt. „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wie Sie heißen.“

„Sie haben mich nicht gefragt.“

„Dann tue ich es jetzt.“

„Lily.“

Sein Blick glitt über ihr zartes Gesicht und verweilte auf ihren rosigen Lippen. „Ein hübscher Name.“

Errötend wandte sie sich ab, um den Milchkrug aus dem Kühlschrank zu nehmen. „Vielen Dank.“

„Ich nehme aber an, Sie haben auch einen Nachnamen. Oder ist der ein Staatsgeheimnis?“

„Sehr witzig.“ Sie hielt seinem spöttischen Blick stand. „Lily Scott.“

„Scott?“

„Ja, wie Robert Falcon Scott, der große Forscher. Den kennen Sie doch sicher?“

„Ja, ja, natürlich.“ Sie musste also doch mit der ehemaligen Hauseigentümerin verwandt sein. Aber warum hatte sie dann keine Ahnung, dass das Haus gerade an ihn verkauft worden war? Sie schien ja nicht einmal zu wissen, dass es überhaupt zum Verkauf gestanden hatte. Und er hatte spätestens jetzt den Zeitpunkt verpasst, da er sie noch hätte aufklären können.

Was natürlich nicht ganz stimmte. Wenn sie mittleren Alters oder ein Mann gewesen wäre und ohne Zweifel zum Personal gehört hätte, hätte er kein Problem damit gehabt, es ihr zu sagen. Allein ihre betörende Schönheit ließ ihn zögern. Und andererseits war es ja nun wirklich nicht seine Sache, sie einzuweihen!

Er wartete, bis sie den Tee eingeschenkt und ihm ein Stück des köstlich duftenden Kuchens hingestellt hatte, bevor er vorsichtig weiterfragte: „Sie wohnen also hier?“

Lily war so damit beschäftigt, ihn verträumt zu beobachten, dass sie nicht eine Sekunde über seine Frage nachdachte. „Natürlich wohne ich hier! Was haben Sie denn geglaubt, wo …“ Ein seltsamer Ausdruck in seinen Augen veranlasste sie, die schon erhobene Teetasse wieder hinzustellen. „Oh, ich verstehe. Sie haben gedacht, ich wäre eine Angestellte. Vielleicht die Köchin? Oder sogar die Haushälterin, ja?“

„Aber nein, ich habe keineswegs …“

„Bitte, fühlen Sie sich nicht verpflichtet, es abzustreiten, geschweige denn, sich dafür zu entschuldigen.“ Sie hätte sich für ihre Naivität selbst ohrfeigen können. Da schwebte sie auf Wolken in irgendeiner rosaroten Traumwelt und bildete sich ein, er hätte ein Auge auf sie geworfen … und dabei gehörte sie für ihn nur zum Dienstpersonal! Na toll, Lily! dachte sie wütend. Du hast immer noch nichts dazugelernt, was Männer betrifft! Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. „Ich meine, jemand wie ich würde ja auch normalerweise nicht in einem so vornehmen und großen Haus wie diesem wohnen!“

Ciro zuckte schuldbewusst zusammen. „Das habe ich nicht gesagt.“

War auch nicht nötig, dachte Lily. Und außerdem, warum sollte sie leugnen, was im Wesentlichen zutraf? Sie verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit ihren Kuchen und Torten. Und sie kleidete sich preiswert, weil sie jeden Cent, der übrig blieb, ihrem Bruder Jonny ins Internat schickte, damit er nicht als der arme Junge auffiel, der sich nur aufgrund eines Stipendiums leisten konnte, eine solche Schule zu besuchen.

Aber vielleicht hatte Ciro D’Angelo ihr sogar einen Gefallen getan. Womöglich war es höchste Zeit, sich einzugestehen, dass nichts mehr so wie früher war. Sie war nicht länger die geliebte, behütete Tochter des Hauses, weil nun ihre beiden Eltern tot waren, ganz einfach. Ihre Stiefmutter war zwar nicht die sprichwörtliche „böse Stiefmutter“ aus dem Märchen, aber sie liebte Lily auch nicht – sie duldete sie lediglich. Und seit dem Tod ihres Vaters hatte Lily zunehmend empfunden, dass sie für Suzy nur eine Belastung war. Deshalb, um ihren Stolz zu wahren, zwang sie sich, jetzt die Worte auszusprechen: „Dies ist das Haus meiner Stiefmutter. Sie ist momentan nicht hier, wird aber bald zurück sein. Sehr bald sogar, weshalb Sie jetzt wirklich gehen sollten.“

Ciro erhob sich ärgerlich. Warum, zum Teufel, hatte ihre Stiefmutter ihr nicht gesagt, dass das Haus verkauft worden war? Die Verträge waren bereits unterschrieben. Schon Ende nächster Woche würde das Haus ihm gehören und er würde damit beginnen, es von einem etwas vernachlässigten alten Gutshaus mit morbidem englischem Charme in ein hochmodernes kleines, aber feines Hotel im Landhausstil zu verwandeln. Und was würde dann mit dieser blonden Schönheit sein?

Er machte einen letzten Versuch, ihr ein Lächeln zu entlocken und ihre schönen blauen Augen zum Strahlen zu bringen. „Aber ich habe meinen Kuchen ja noch gar nicht gegessen“, protestierte er zerknirscht und zwinkerte ihr übermütig zu.

Kaum eine Frau konnte dem widerstehen, und auch Lily musste all ihre Willenskraft aufbieten, um sich dagegen zu wappnen. Was für ein Schauspieler er doch war! Fast hätte er sie mit seinem Charme eingewickelt. „Oh, wenn Sie wollen, bekommen Sie ganz sicher noch eine Gelegenheit, ihn zu probieren. Im Dorf ist ein Teeladen, der genauso so einen verkauft. Sie können ihn dort jederzeit kaufen“, erwiderte sie ungerührt. „Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen … ich muss mich um den Kuchen im Ofen kümmern und kann es mir nicht leisten, die ganze Zeit mit Ihnen zu verplaudern. Einen schönen Tag noch, Mr D’Angelo.“

Kühl lächelnd bugsierte sie ihn hinaus und schloss die Tür energisch hinter ihm zu. Ehe Ciro begriff, wie ihm geschah, stand er wieder allein im Garten.

Frustriert und einigermaßen verwirrt blickte er auf das üppig blühende Geißblatt, das die massive Eichentür umrankte. Noch nie hatte eine Frau ihn vor die Tür gesetzt! Geschweige denn, ihm das Gefühl gegeben, er müsse sterben, wenn es ihm nicht gelänge, ihre rosigen Lippen zu küssen … Und keine Frau hatte ihn je so angesehen, als wäre es ihr völlig egal, ob sie ihn jemals wieder­sehen würde!

Allmählich wich sein ebenso unerklärliches wie unbändiges Verlangen nach dieser fremden Schönen einem ganzen Cocktail unterschiedlichster Gefühle, die er gar nicht genauer unter die Lupe nehmen wollte.

Weil ihm plötzlich bewusst wurde, dass er gar nicht an Eugenia gedacht hatte. Nicht eine Sekunde.

2. KAPITEL

„Ich verstehe es nicht.“ Lily war kreidebleich geworden und sah ihre Stiefmutter ungläubig an.

„Was gibt es da nicht zu verstehen?“ Suzy Scott stand neben den großen, bleiverglasten Fenstern im Salon und zeigte keinerlei Mitgefühl für ihre Stieftochter. „Es ist doch ganz einfach, Lily. Ich habe das Haus verkauft.“

Lily schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber das kannst du doch nicht tun!“

„Meinst du?“ Suzy zog die schmal gezupften schwarzen Brauen spöttisch hoch. „Nun, ich denke doch, und ich habe es getan. Es ist eine vollendete Tatsache. Die Verträge sind unterschrieben und ausgetauscht. Tut mir leid, Lily, aber ich hatte wirklich keine Wahl.“

„Aber warum? Dieses Haus ist im Besitz meiner Familie seit …“

„Ja, ich weiß“, fiel Suzy ihr gelangweilt ins Wort, „seit Hunderten von Jahren. Dein Vater hat es mir oft genug gesagt. Aber davon kann ich mir ganz ehrlich auch nichts kaufen, oder? Er hat mir schließlich keinerlei Pension hinterlassen, Lily.“

„Er wusste doch nicht, dass er so bald sterben würde!“

„Und ich brauche das Geld“, fuhr Suzy ungerührt fort. „Ich muss von irgendetwas leben.“

Es lag Lily auf der Zunge, ihrer Stiefmutter vorzuschlagen, sich zur Abwechslung einmal eine Arbeit zu suchen. Aber sie wusste, dass dies so sinnlos wäre, wie Suzy vorzuschlagen, sich nicht mehr in teuerste Designer-Roben zu kleiden. „Aber was ist mit mir?“, fragte sie deshalb nur. „Und noch wichtiger, was ist mit Jonny?“

Suzy lächelte gekünstelt. „Du weißt genau, dass ihr in meinem Haus in London willkommen seid … gelegentlich. Wie du ja auch weißt, ist es leider ziemlich beengt.“

Ja, das wusste Lily. Doch ihre Sorge galt weniger ihrer eigenen Person als ihrem Bruder. Ihr kleiner Bruder, der mit seinen sechzehn Jahren schon so viel hatte durchstehen müssen. „Nein, Jonny könnte nicht bei dir in London wohnen“, räumte sie ein und versuchte erst gar nicht, sich den schlaksigen Teenager zwischen all den zerbrechlichen Antiquitäten vorzustellen, die Suzy in ihrem Stadthaus hortete.

Suzy spielte an dem Brillantanhänger, den sie an einer filigranen Goldkette um den Hals trug. „In meinem hübschen kleinen Kutscherhäuschen ist ganz bestimmt kein Platz für seine Riesenturnschuhe. Deshalb habe ich mich auch darum gekümmert, dass du hier wohnen bleiben kannst.“

Lily blickte hoffnungsvoll auf. „Hier? Du meinst in diesem Haus?“

„Nein, natürlich nicht“, widersprach Suzy rasch. „Das würde der neue Eigentümer wohl kaum dulden. Aber ich habe mit Fiona Weston gesprochen …“

„Du hast mit meiner Chefin gesprochen?“, fiel Lily ihr ins Wort. Fiona gehörte das „Crumpets“, die Teestube, für die Lily ihre Kuchen und Torten backte und wo sie seit dem Schulabschluss auch als Kellnerin arbeitete. Soweit sie wusste, hatte ihre Stiefmutter mit der eher behäbigen, mütterlichen Fiona nie mehr als „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ ausgetauscht. „Worüber genau?“

„Nun ja, ich habe ihr eben die Situation erklärt … dass ich gezwungen war, das Haus zu verkaufen und du deswegen ein Wohnungsproblem hast.“

„So kann man es auch ausdrücken“, warf Lily ein wenig bitter ein.

„Und sie ist gern bereit, dir und Jonny die Wohnung über der Teestube zu vermieten“, fuhr Suzy ungerührt fort. „Du hast es nicht weit zur Arbeit … und sie steht schon ewig leer, als hätte sie nur auf dich gewartet! Was hältst du davon?“

Lily sah ihre Stiefmutter entgeistert an. Wem wollte sie etwas vormachen? Ja, die Wohnung stand schon ewig leer, wofür es natürlich gute Gründe gab. Keiner wollte freiwillig neben der Dorfkneipe wohnen, zumal diese seit der letzten Renovierung auch tagsüber geöffnet hatte und sich bestimmte Einheimische hier fast rund um die Uhr zum geselligen Trinken trafen.

„Also, was meinst du?“, drängte Suzy.

Lily meinte, dass es ein weiteres Beispiel dafür war, wie das Leben einen vor den Kopf stoßen konnte. Aber was hatte es für einen Sinn, ihrer Stiefmutter etwas zu sagen, was diese gar nicht hören wollte? „Ich gehe nachher zu Fiona und rede mit ihr“, sagte sie deshalb nur.

„Gut.“

Unwillkürlich überlegte Lily, ob sie in Zukunft überhaupt noch viel von ihrer Stiefmutter sehen würde. „Warum hast du es mir nicht gesagt?“, fragte sie unvermittelt.

Suzy drehte erneut nervös den Brillantanhänger zwischen den sorgfältig manikürten Fingern. „Was nicht gesagt?“

„Dass du dich zum Verkauf entschlossen hast. Wenn ich früher von deinen Plänen gewusst hätte, hätte ich mich innerlich vorbereiten und vielleicht eigene Pläne für mich entwickeln können, anstatt vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Warum hast du mich so überrumpelt?“

Suzy zuckte sichtlich unbehaglich mit den Schultern. „Das war nicht meine Entscheidung. Der Käufer hat es zur Bedingung gemacht, dass ich seine Identität geheim halte.“

„Sehr merkwürdig. Aber jetzt darf ich doch wohl erfahren, wer er ist?“

„Nun, genau genommen, nicht.“ Suzy räusperte sich befangen. „Ich darf nichts verlautbaren lassen.“

„Liebe Güte!“, meinte Lily ärgerlich. „Gibt es allen Ernstes irgendeinen Grund …“ Sie verstummte, weil draußen ein Sportwagen vorfuhr und ihre Stiefmutter nervös schluckte. „Was ist los?“

„Er ist da“, flüsterte Suzy.

„Wer ist da?“

„Der neue Eigentümer.“

Das tiefe Dröhnen des Motors erstarb, eine Wagentür wurde zugeschlagen. Sekunden später hallte das Läuten der Türglocke durch das große Haus. Eine ganz seltsame Vorahnung beschlich Lily, noch verstärkt durch die Art, wie Suzy sich automatisch glättend über das dunkelrote Haar strich … die typische Geste einer Frau, die weiß, dass gleich ein attraktiver Mann den Raum betreten wird.

„Willst du nicht öffnen, Suzy?“, fragte Lily, der das Herz plötzlich bis zum Hals schlug.

„Ja. Ja, natürlich.“

Suzy trippelte auf ihren High Heels in die Eingangshalle, und Lily hörte, wie sie die Tür öffnete und in gedämpftem Ton etwas sagte. Als Antwort drang der Klang einer tiefen Männerstimme an ihr Ohr, die mit einem so unverkennbaren Akzent sprach, dass kein Verleugnen mehr möglich war. Am liebsten hätte Lily sich die Hände vors Gesicht geschlagen, um sich den Anblick zu ersparen, als Ciro D’Angelo im nächsten Moment, dicht gefolgt von ihrer Stiefmutter, in den Salon kam.

Das Schlimmste war, dass sie es nicht schaffte, einfach nur wütend zu sein. Nein, sobald er sie mit seinen dunklen Augen ansah, durchzuckte es sie heiß und sie fühlte sich erneut unwiderstehlich zu ihm hingezogen.

„Hallo Lily“, begrüßte er sie sanft.

Suzy trat vor und blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her. „Heißt das, Sie kennen meine Stief…, äh, Sie kennen Lily schon?“

„Ja, wir sind uns bereits begegnet“, bestätigte Lily rasch, um sich von dem Neapolitaner, der so gefährlich sexy war, nicht gänzlich die Kontrolle aus der Hand nehmen zu lassen. Er hatte ihr Zuhause gekauft, und Suzy hatte ihr soeben als Ersatz eine schäbige kleine Wohnung über einer Teestube angeboten, aber um nichts in der Welt würde Lily ausgerechnet Ciro D’Angelo etwas von ihrer inneren Bedrängnis merken lassen. Und wurde ein Teil dieser Bedrängnis nicht durch etwas ganz anderes verursacht als durch ihre Zukunftsängste? Lag der Grund nicht vielmehr in dem sexuellen Verlangen, das Ciro D’Angelo in ihr weckte? Was wiederum ein weiterer Beweis für ihr mangelndes Urteilsvermögen in Bezug auf Männer war.

Sie atmete tief ein, bevor sie mit ihrer Erklärung fortfuhr: „Mr D’Angelo ist vor einigen Tagen im Garten herumgeschlichen und hat mich halb zu Tode erschreckt. Aber anstatt vernünftigerweise die Polizei anzurufen, war ich so dumm, ihn hereinzubitten und mir sein Märchen anzuhören. Er wollte mir nämlich weismachen, dass er einfach spontan dem Pfad gefolgt sei, um festzustellen, wohin er ihn führe.“

„Ich fühle mich geschmeichelt, wie genau Sie sich noch an meine Worte erinnern“, warf Ciro ein.

„Nun, es war ganz bestimmt nicht meine Absicht, Ihnen zu schmeicheln, Mr D’Angelo“, widersprach Lily sofort, weil es sie maßlos ärgerte, wie leicht sie sich hatte beeindrucken lassen. „Sie sind draußen herumgeschlichen …“

„Wie ein Einbrecher?“, ergänzte er vielsagend.

Lily begegnete seinem Blick und schluckte, denn seine Worte erinnerten sie daran, wie sie sich ihn im hautengen schwarzen Outfit eines Fassadenkletterers ausgemalt und sich in dem aufregenden Gefühl gesonnt hatte, dass ein so attraktiver Mann mit ihr flirtete. „Ja, wie ein Dieb!“, stieß sie heftig aus.

„Lily! Wie kannst du so unhöflich zu Mr D’Angelo sein“, mischte sich Suzy ein.

„Ich kann sein, wie ich will“, entgegnete Lily ärgerlich. „Denn ich habe ja keine heimlichen Geschäfte mit ihm laufen.“

„Ich muss mich für meine Stieftochter entschuldigen“, wandte sich Suzy nun an Ciro und fügte kokett lächelnd hinzu: „Aber es liegt wohl daran, dass wir uns altersmäßig so nahe stehen, dass ich es nie geschafft habe, sie zu disziplinieren … auch schon nicht zu Lebzeiten meines verstorbenen Mannes.“

„Altersmäßig so nahe?“, wiederholte Lily aufgebracht.

Ciro verspürte das dringende Bedürfnis, ihr gegen ihre unsägliche Stiefmutter beizustehen. „Mrs Scott“, wandte er sich deshalb betont höflich an Suzy, „wären Sie wohl so freundlich, mir eine Erfrischung anzubieten? Ich bin direkt von New York hierher geflogen und …“

„Aber natürlich. Sie müssen erschöpft sein. Mich wirft der Jetlag auch jedes Mal um“, flötete Suzy sofort mitfühlend. „Wie wär’s mit einem Kaffee?“

„Perfekt.“

Unwillkürlich sah Suzy ihre Stieftochter an. Und normalerweise hätte sie wohl auch Lily gebeten, sich um den Kaffee zu kümmern, aber irgendetwas in Lilys Gesicht veranlasste sie, es sich besser anders zu überlegen. Also fragte sie nur mit einem erzwungenen Lächeln: „Für dich auch, Lily?“

„Nein, danke. Ich brauche etwas Stärkeres.“ Entschlossen ging Lily zum Barschrank, nahm sich einen Cognacschwenker von der Größe eines kleinen Goldfischglases und schenkte sich von dem teuersten Brandy, den sie finden konnte, einen großen Drink ein. Trotzig trank sie einen gehörigen Schluck, und obwohl ihr der Alkohol schrecklich in der Kehle brannte und ihr die Tränen in die Augen trieb, trank sie gleich einen zweiten Schluck hinterher.

„Sachte“, warnte Ciro besorgt.

Empört wandte sie sich ihm zu. „Wagen Sie ja nicht, mir irgendeinen Rat zu erteilen!“, flüchtete sie sich in ihren Zorn, weil der allemal besser zu ertragen war als das brennende Gefühl von Demütigung. „Ich kann gar nicht glauben, dass Sie es sich in meiner Küche – Verzeihung, in Ihrer Küche – gemütlich gemacht und mir dieses nostalgische Gesülze von hausgemachter Suppe und selbstgebackenem Kuchen aufgetischt haben und wie Sie dabei insgeheim ….“, sie atmete bebend ein, „… insgeheim über mich gelacht haben müssen, weil Sie ja ganz genau wussten, dass das Haus jetzt Ihnen gehört, wovon ich allerdings keine Ahnung hatte.“

„Ich habe nicht über Sie gelacht“, widersprach er sofort.

„Ach nein? Und warum waren Sie dann nicht so anständig, mir offen und ehrlich zu sagen, dass Sie der neue Eigentümer sind?“

„Tatsächlich hatte ich daran gedacht“, gestand er widerwillig. „Aber eigentlich … war es nicht meine Sache.“

„Und warum nicht?“, hakte sie vorwurfsvoll nach. „Weil Sie zu sehr damit beschäftigt waren, mit mir zu flirten?“

Er zuckte die breiten Schultern. „Das spielte auch eine Rolle“, räumte er ein.

„Mit anderen Worten? Wollten Sie vielleicht herausfinden, wie weit sie bei mir kommen konnten, bevor Sie mit der Wahrheit herausrücken würden?“

„Lily!“, protestierte er, ehrlich erschrocken über das Ausmaß ihrer Empörung. Und außerdem musste er sich eingestehen, dass ihre heftige Reaktion ihn ziemlich anmachte, weil er es überhaupt nicht gewohnt war, dass eine Frau ihm irgendeinen Widerstand entgegenbrachte. „Ich hatte wirklich nicht erwartet, jemand hier im Haus vorzufinden. Das war nicht gelogen. Und als ich dann über Sie stolperte, nun ja …“ Ciro verstummte, denn er war es auch nicht gewohnt, einer Frau zu erklären, was er fühlte und dachte. Hatte Eugenia ihm nicht gerade das ständig vorgehalten, vor allem am Anfang ihrer Beziehung, als sie noch versucht hatte, die Frau zu werden, von der sie glaubte, dass sie seinem Wunschbild entsprach?

Doch Ciro konnte sich nicht entsinnen, dass ihn eine andere Frau je so bezaubert hätte wie Lily Scott. Sie schien all jene altmodischen Eigenschaften zu verkörpern, die er bislang vergeblich bei anderen Frauen gesucht hatte. Hatte nicht die Erinnerung an ihre klaren blauen Augen und ihre sexy Rundungen seit jener ersten Begegnung unaufhörlich in seinem Kopf herumgespukt?

„Was?“, drängte sie, als er immer noch schwieg. „Sie haben keine vernünftige Erklärung für Ihr Verhalten, stimmt’s?“

Unwillig schüttelte er den Kopf. „Wenn überhaupt, dann wäre es die Sache Ihrer Stiefmutter gewesen, Sie über den Verkauf aufzuklären.“

Wie auf ein Stichwort kam Suzy mit einem Tablett mit zwei Kaffeetassen und einem Teller mit Lilys köstlichen Ingwerkeksen zurück in den Salon. Anscheinend hatte sie die letzten Worte noch gehört, denn sie wandte sich Ciro vorwurfsvoll zu, als sie das Tablett auf den Tisch stellte. „Das ist nicht fair, Ciro. Es war schließlich eine Ihrer Bedingungen für den Kauf, dass ich Ihre Identität geheim halte.“

„Meine Identität, ja“, bestätigte er gereizt, denn er konnte sich nicht erinnern, ihr angeboten zu haben, ihn beim Vornamen zu nennen. „Aber ich habe Sie bestimmt nicht gebeten, über den Verkauf an sich zu schweigen. Kein Wunder, dass Lily gekränkt ist, wenn sie gerade erst erfahren hat, dass sie in wenigen Wochen kein Dach mehr über dem Kopf haben wird.“

Suzy zog einen Schmollmund. „Du meine Güte, das klingt fast, als wäre sie ein obdachloses Straßenkind aus einem Charles Dickens-Roman! Tatsächlich habe ich ihr sogar eine Unterkunft in meinem Stadthaus in London angeboten, aber das war ihr zu beengt.“

Jetzt hatte Lily wirklich genug. Angewidert stellte sie den Cognac­schwenker mit ihrem nur halb getrunkenen Drink auf den Tisch. „Ich bin doch kein Gegenstand, den man einfach hin- und herschieben kann!“

„Der Gedanke, dass Sie aus Ihrem Zuhause vertrieben werden, gefällt mir gar nicht“, warf Ciro mitfühlend ein, denn er fand, dass Lily plötzlich beunruhigend zart und zerbrechlich aussah. „Und ich bin bereit, Ihnen in jeder Weise zu helfen.“

Stolz hielt Lily seinem Blick stand, auch wenn ihr das Herz bis zu Hals schlug. „Danke, Mr D’Angelo, aber ich will und brauche Ihre Hilfe nicht“, sagte sie so würdevoll wie möglich, obwohl ihr der hastig getrunkene Brandy spürbar zu Kopf stieg.

Ciro, der sah, wie sie kaum merklich schwankte, trat unwillkürlich vor und ergriff ihre Hand.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Lily fühlte ein elektrisierendes Kribbeln dort, wo seine Finger warm ihre Haut berührten und nahm nichts anderes mehr wahr als ihn. Wie gebannt blickte sie in seine dunklen Augen, verlor sich in den samtenen, unergründlichen Tiefen und malte sich aus, wie er sie küssen würde. Wie er sie in seine Arme nehmen und an sich pressen würde … und zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie ihre Brustwarzen vor Erregung hart wurden.

„Lassen Sie mich los!“, stieß sie hervor. Konnte er ihren rasenden Puls fühlen?

Sichtlich widerstrebend gab er ihre Hand frei. „Wo wollen Sie hin?“

Ihre blauen Augen funkelten wütend. „Nicht, dass es Sie etwas anginge, aber ich gehe jetzt arbeiten.“

„Sie können doch nicht …“

„O doch, ich kann! Ich kann alles tun, was ich will“, fiel sie ihm ins Wort. „Soweit ich informiert bin, findet die Hausübergabe am dritten des kommenden Monats statt, richtig? Ich werde also dafür sorgen, dass bis dahin all meine Habseligkeiten von hier verschwunden sind. Adieu, Mr D’Angelo … und diesmal bleibt es wirklich dabei.“

Sie spürte seinen Blick auf ihrem Rücken, als sie mit raschen Schritten den Salon verließ. Irgendwie schaffte sie es hinauf in ihr Schlafzimmer, das ihres war, seit sie denken konnte. Erst hier, in der so tröstlichen, vertrauten Umgebung, derer sie bald beraubt sein würde, ließ Lily ihren Tränen freien Lauf.

3. KAPITEL

„Na, was meinst du, Lily? Ich weiß ja, dass es etwas klein ist.“

Fiona Westons sanfte Stimme drang wie aus weiter Ferne in Lilys Bewusstsein vor, als sie durch das staubige Fenster der Wohnung auf die Straße hinunterblickte. Obwohl das Leben im Dorf sicherlich keine pulsierende Großstadtatmosphäre hatte, kam Lily der Lärm doch unglaublich vor im Vergleich zu der Ruhe und dem Frieden, die sie gewohnt war. Gerade jetzt hatte sich wie üblich vor dem „Duchess of Cambridge“ Pub eine Gruppe Männer mit ihrem Bier draußen zum Rauchen eingefunden, wobei man sich lautstark unterhielt. Ein junger Mann fuhr auf einem knatternden Motorroller vorbei, und die Fehlzündungen ließen Lily bei jedem Knall sichtlich zusammenzucken.

Nun, sie würde sich einfach daran gewöhnen müssen. Keine Rosen mehr unter ihrem Fenster, deren Duft eine sanfte Brise hereintrug, kein idyllischer Blick auf den Wald und die grünen Hügel in der Ferne. Stattdessen der Lärm der Menschen und der Autos, denn der Parkplatz des Dorfes lag direkt gegenüber.

„Es ist … wirklich nett“, sagte sie tapfer, obwohl es ihr nicht leicht fiel, Begeisterung zu heucheln. Denn die Wirkung des Brandys hatte sich längst verflüchtigt, und außerdem schlich sich Ciro D’Angelo immer wieder in ihre Gedanken.

Schlimm genug, dass er durch seinen Kauf so dramatisch in ihr Leben eingegriffen hatte, machte die Art, wie sie sich von ihm angezogen fühlte, die Sache nur noch schwieriger für sie. Sie fühlte sich sehr verletzlich und gleichzeitig auch frustriert. Denn obwohl sie sich einerseits maßlos über ihre Schwäche ärgerte, war da auch etwas in ihr, das diese unerwartete sexuelle Erregung genossen hatte, als Ciro sie berührte.

Lily rang sich ein Lächeln ab. „Wirklich sehr nett“, wiederholte sie energisch.

„Na ja, wenn du meinst“, sagte Fiona zweifelnd. „Du kannst jederzeit einziehen.“

„Ich kann es gar nicht erwarten“, behauptete Lily, entschlossen, die Dinge mehr von ihrer positiven Seite zu betrachten. „Die Wohnung ist wirklich in vieler Hinsicht praktisch für mich und so ungeheuer … kompakt! Mit ein bisschen Farbe und einigen Pflanzen wird man sie nicht wiedererkennen.“

„Sie könnte tatsächlich etwas Auffrischung gebrauchen“, meinte Fiona. „Obwohl ich mich frage, wo dein Bruder schlafen soll, wenn er in den Schulferien bei dir ist.“

Genau das hatte Lily sich auch schon gefragt. Mit seinen sechzehn Jahren schien Jonny nicht vorzuhaben, jemals aufzuhören zu wachsen. „Ach, er ist sehr unkompliziert“, wiegelte sie dennoch ab. „Und ich habe vor, etwas Geld in ein nagelneues Bettsofa zu investieren.“

„Klingt gut.“ Fiona lächelte. „Und ich verspreche, dass ich dir nicht zu viel Miete abknöpfe.“

Tatsächlich nannte sie eine Summe, die wirklich mehr als bescheiden war. „Das kann ich nicht annehmen, es ist viel zu wenig!“, protestierte Lily sofort.

„Natürlich kannst du“, widersprach ihre Chefin entschieden. „Du arbeitest so fleißig für mich, und es sind nicht zuletzt deine Kuchen und Torten, die die Kunden veranlassen, immer wieder in meine Teestube zurückzukommen.“

Impulsiv nahm Lily ihre Chefin in den Arm und drückte sie fest. Fiona war eine wunderbare Frau mit einem großen Herzen. In der schweren Zeit während der Krankheit ihrer Mutter bis zu deren Tod und auch nach der viel zu schnellen Wiederheirat ihres Vaters war die Arbeit in der Teestube für Lily wie eine Zuflucht gewesen. Hatte sie zunächst nur an den Samstagen und während der Schulferien ausgeholfen, so war daraus mit achtzehn nach dem Schulabschluss ganz selbstverständlich eine Vollanstellung geworden. Zunächst als Kellnerin … aber als ihre Chefin Lilys Talent fürs Backen entdeckte, entstand rasch die Idee, die köstlichen Kuchen und Torten in der Teestube anzubieten. Seitdem sorgte Lily auch für den Kuchennachschub. Für ein Mädchen ohne Berufsausbildung, das sich vor allem um das Wohlergehen des eigenen Bruders sorgte, war dieser Job ein Geschenk des Himmels!

„Na gut“, bekräftigte sie nun lächelnd. „Dann ist es abgemacht, und ich gehe jetzt besser wieder an die Arbeit. Wir wollen doch nicht, dass unsere Kunden ungeduldig werden, oder?“

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ Lachend folgte Fiona ihr hinunter in die Teestube.

Zufrieden zog Lily sich die pinkfarbene Uniform und flache Schuhe an. Die Entscheidung, die sie soeben getroffen hatte, schien momentan der einzige Lichtstreif am Horizont zu sein. Als sie sich aber vor dem Spiegel die Frisur richtete, bemerkte sie irritiert, dass ihre Augen geradezu leuchteten und ihre Wangen gerötet waren. Eine Veränderung, die allerdings nicht allein in dem Umbruch in ihren Lebensumständen begründet war, sondern auch im Wiedererwachen ihrer sexuellen Wünsche. Und ihr war natürlich klar, wer dafür verantwortlich war.

Während der Nachmittagsschicht herrschte wie meist hektischer Betrieb in der Teestube, aber Lily teilte sich die Arbeit mit Danielle, mit der sie seit sie denken konnte befreundet war. Da sich die Teestube in unmittelbarer Nähe einer alten, weithin bekannten Kirche befand, die der Überlieferung zufolge Geburtsort eines berühmten Heiligen war, kamen immer viele Touristen und Besucher in den Ort, und an einem strahlend sonnigen Tag wie diesem war das Lokal fast durchgängig brechend voll. Doch Lily war nur froh, so viel zu tun zu haben, weil es sie davon ablenkte, über ihre plötzlich so unsichere Zukunft nachzugrübeln.

Kurz vor Ladenschluss war endlich auch der letzte Gast gegangen. Danielle war gerade in der Küche verschwunden, um sich um den Abwasch zu kümmern, als das Läuten der Türglocke doch noch einen weiteren Kunden ankündigte. Lily wandte sich von dem Regal um, wo sie gerade die Tüten mit Tees sortiert hatte, und blickte direkt in die dunklen Augen von Ciro D’Angelo.

Das freundliche Lächeln gefror ihr im Gesicht, während ihr Herz gleichzeitig rasend zu pochen begann. Anscheinend war es egal, wie wütend sie auf ihn war, allein sein Anblick genügte, um in ihr die heißesten Wünsche zu wecken.

„Wir schließen in zehn Minuten“, sagte sie heiser.

„Dann warte ich.“

Erstaunt zog sie die Brauen hoch. „Warten? Worauf?“

„Dass Sie Feierabend haben.“

„Verzeihen Sie, aber ich glaube, Sie verwechseln mich mit jemandem.“

„Ich glaube nicht, dass Sie so leicht zu verwechseln sind, Lily“, widersprach er sanft, wobei sein Blick unverhohlen bewundernd über die reizvollen Rundungen ihrer schlanken Figur glitt. „Mir ist jedenfalls noch niemand wie Sie begegnet.“

Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Wie mühelos ihm diese Komplimente über die Lippen kamen! Wie viele Frauen hatten sich davon schon einwickeln lassen? Unwillkürlich dämpfte sie ihre Stimme, obwohl das Klappern aus der Küche verriet, dass Danielle außer Hörweite war. „Hatten wir zuletzt nicht einen heftigen Streit? Habe ich nicht deutlich gemacht, dass ich Sie nicht wiedersehen will?“

Ciro zuckte die breiten Schultern. „Man sagt so manches in der Hitze des Gefechts.“

Man vielleicht, aber ich habe jedes einzelne Wort ernst gemeint.“

„Nun gut, aber jetzt bin ich hier, und das Schild an der Tür besagt, dass Sie immer noch geöffnet haben.“ Völlig ungeniert zog er sich einen Stuhl zurück und setzte sich. „Sie werden mich also bedienen müssen.“

Besorgt blickte Lily zur Tür. Fiona war nämlich noch einmal losgefahren, um Nachschub an Erdbeermarmelade zu besorgen, und nun wünschte sich Lily halb, dass ihre mütterliche Chefin zurückkommen würde, und halb fürchtete sie sich davor. Sie wollte, dass der sexy Neapolitaner sofort verschwand … und konnte andererseits doch den Blick nicht von ihm lassen. Inmitten all des zarten Teeporzellans und der Kuchenplatten mit Tortenspitzen wirkte er wie ein Riese, der sich in eine Puppenstube verirrt hatte. „Ich möchte, dass Sie jetzt gehen“, sagte sie atemlos.

Seine dunklen Augen blitzten spöttisch. „Nein, das wollen Sie nicht.“

Die erotische Botschaft war so unmissverständlich, dass Lily schluckte. „Nun, ganz offensichtlich kann ich Sie nicht handgreiflich vor die Tür setzen.“

„Da könnten Sie Schwierigkeiten haben“, räumte er unver­froren ein.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Es sind noch genau sieben Minuten bis zum Ladenschluss, also rate ich Ihnen, schnell zu bestellen.“

„Kein Problem. Ich hätte gern ein Stück Zitronenkuchen. Letzte Woche bin ich ja leider nicht mehr dazu gekommen, ihn zu probieren.“

„Tut mir leid, aber Zitronenkuchen ist keiner mehr da.“

Er lächelte. „Können Sie mir denn etwas anderes empfehlen?“

„Nun ja, da ich alle Torten und Kuchen, die wir hier verkaufen, herstelle, kann ich sie auch alle empfehlen.“

„Ist das wirklich so?“, fragte Ciro aufhorchend.

„Ja.“ Lily zückte Block und Stift. „Und wir haben nur noch Kaffee oder heiße Schokolade im Ausschank. Also, was soll es sein?“

„Vergessen Sie es.“

„Was soll ich vergessen?“

„Meine Bestellung.“

„Sie haben es sich anders überlegt?“, fragte sie seltsam enttäuscht, als er aufstand.

Si, ho cambiato idea. Ich habe es mir anders überlegt.“

Er wechselte so unvermittelt ins Italienische, dass ihr ganz schwindelig wurde. Oder lag es daran, dass er ihr plötzlich viel zu nahe kam, sodass sie den Duft seines exklusiven Aftershaves riechen und den dunklen Schatten von Bartstoppeln auf seinem markanten Kinn sehen konnte? Es kribbelte ihr in den Fingerspitzen, ihn zu berühren und sich zu vergewissern, ob er sich so gut anfühlte wie er aussah. „Was soll das heißen?“, fragte sie aber argwöhnisch.

„Ich bin einer Meinung mit Ihnen. Ich möchte nicht hier sitzen, während Sie mich unwillig bedienen.“

„Gut, dass Sie den Wink verstanden haben und mich in Ruhe lassen.“

„Aber nein, das werde ich keineswegs“, widersprach er selbstbewusst lächelnd. „Jedenfalls nicht, bevor Sie nicht eingewilligt haben, mit mir zu Abend zu essen.“

Lily blickte wie gebannt in seine dunklen Augen und fühlte, wie sie errötete. Er war sich seiner selbst so sicher! „Sind Sie verrückt?“

Si, ich glaube tatsächlich. Ja, ein wenig“, gestand er unerwartet. „Denn ich konnte Sie einfach nicht vergessen, habe Sie immer vor mir gesehen, wie Sie in der Küche standen mit Ihren bemehlten Händen und der Rüschenschürze eng um die zierliche Taille gebunden … wie eine bezaubernd altmodische Küchenfee. Und glauben Sie mir, gewöhnlich denke ich nicht so viel über eine Frau nach.“

„Nein, ich nehme an, meist ist es umgekehrt, nicht wahr?“, meinte sie spitz. „Die Frauen sind völlig verrückt nach Ihnen, sobald sie Sie nur sehen, stimmt’s?“

„Können Sie es ihnen verübeln?“, erwiderte er ungeniert. „Aber meine unbestrittene Wirkung auf Frauen ist nicht der Grund, warum ich heute hier bin. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich wegen der Sache ein schlechtes Gewissen habe.“

„Anscheinend gibt es doch noch Gerechtigkeit in der Welt.“

Ciro verkniff sich ein Lächeln. „Es war nicht richtig von mir, Ihnen zu verschweigen, dass ich der neue Eigentümer des Gutshauses bin. Sie müssen aber zugeben, dass ich mich in einer schwierigen Lage befand.“

Sie spürte, wie ihr Widerstand erlahmte. Las sie nicht ehrliche Reue in seinen Augen? Und es war ja auch wirklich nicht seine Sache gewesen, sie darüber aufzuklären, was mit dem Haus geschah, oder? „Suzy hätte mich früher einweihen müssen“, räumte sie ein.

„Ja, allerdings.“ Ciro lächelte entwaffnend. „Wenn es also gar keinen Streit zwischen uns gibt, wie wär’s, wenn Sie sich dann von mir zum Essen einladen lassen?“

Lily atmete tief ein. Vielleicht sollte sie einfach ehrlich mit ihm sein. Denn Ciro D’Angelo war ganz offensichtlich ein Draufgänger, und sie war nicht für ein flüchtiges erotisches Abenteuer zu haben, egal wie reich oder sexy der Mann auch sein mochte. „Ich … gehe nicht sehr oft mit Männern aus.“

„Das kann ich kaum glauben.“

„Es ist aber wahr.“

„Dann sollten Sie in meinem Fall eine Ausnahme machen“, schlug er vor.

Der sanfte Klang seiner tiefen Stimme war wie eine zärtliche Liebkosung. Lily wusste, dass sie nein sagen sollte. Natürlich, denn er weckte in ihr Wünsche, an die sie gar nicht denken wollte. Sehnsüchte, die sie längst vergessen zu haben glaubte. Oder genauer, die Person, die solche Wünsche einmal gehegt hatte. Die Frau, die sie gewesen war, bevor ihr Verlobter sie sitzen gelassen hatte. Wie damals weckte nun Ciro plötzlich wieder den Wunsch in ihr, Seidenstrümpfe und erotische Spitzendessous zu tragen. Sie wollte seine Hände auf ihrem ganzen Körper spüren, wollte dieses süße, wilde Verlangen fühlen, das sie aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu haben glaubte. Und ihr war klar, wie gefährlich der aufregende Italiener ihr werden konnte. „Ich weiß wirklich nicht“, antwortete sie ausweichend.

Ciro spürte ihr Zögern. Liebte es. „Bitte“, sagte er lächelnd.

„Ich frage mich“, überlegte Lily, „warum ein Kosmopolit und offensichtlich so erfolgreicher Geschäftsmann wie Sie sich überhaupt so ein großes altes Haus mitten auf dem Land in England kauft.“

„Ich habe vor, es zu einem Hotel umzubauen.“

Lily sah ihn entsetzt an. „Sie wollen aus dem Gutshaus ein Hotel machen?“

„Ein sehr geschmackvolles, exklusives Luxushotel wie alle meine Hotels“, verteidigte er seine Pläne. „Erkundigen Sie sich ruhig, wenn Sie mir nicht glauben.“

Aber Geschmack war immer noch Ansichtssache. Lily jedenfalls wollte sich nicht ausmalen, wie aus ihrem vertrauten Heim eine unpersönliche Luxusherberge für Gutbetuchte wurde. „Und damit wollen Sie mich beschwichtigen?“

Es lag ihm auf der Zunge, zu antworten, dass er das gar nicht nötig hatte. Tatsächlich aber war er so verrückt nach ihr, dass er sogar bereit war, ihre Anmaßung zu übergehen. „Wenn es bedeutet, dass Sie mit mir zu Abend essen, ja … dann möchte ich Sie damit beschwichtigen. Kommen Sie, Lily. Es ist nur ein Abendessen. Wovor haben Sie Angst?“

Vor allem, hätte sie ihm am liebsten geantwortet. Die ganze Welt kam ihr augenblicklich beängstigend vor. Sie sorgte sich um die Zukunft ihres Bruders und fragte sich, wie sie beide in der winzigen Wohnung über der Teestube zurechtkommen würden. Andererseits spürte sie auch, dass sie auf dem besten Weg war, sich zu einer Einsiedlerin zu entwickeln. Sie konnte sich gar nicht erinnern, wann sie zuletzt versucht gewesen war, die Einladung eines Mannes anzunehmen. Ihre zerbrochene Beziehung mit Tom hatte sie tief verletzt, ja, aber stand sie nicht längst in der Gefahr, sich ihr ganzes Leben von dieser einen schlimmen Erfahrung ruinieren zu lassen? Warum sollte sie nicht den Abend mit Ciro D’Angelo verbringen – es sei denn, sie hielt sich für so schwach, seinen erotischen Avancen nicht widerstehen zu können?

„Es darf aber nicht so spät werden.“

Ciro lächelte triumphierend. „Wie ist Ihre Telefonnummer?“ Er nahm die Zahlen mit einem Nicken zur Kenntnis, ohne sie sich zu notieren, und reichte Lily im Gegenzug seine Visitenkarte. „Ich rufe Sie an.“

Im Hinausgehen hielt Ciro automatisch einer älteren Frau die Tür auf, die gerade im Begriff stand, die Teestube mit einem Arm voll Marmeladengläsern zu betreten und ihm neugierig nachblickte.

Ciro war in Hochstimmung. Minuten zuvor hatte er tatsächlich für einen Moment geglaubt, Lily Scott würde ihm einen Korb geben. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er Verunsicherung verspürt, ein für ihn gänzlich ungewohntes Gefühl.

Andererseits, war es nicht viel besser, viel aufregender so? Wenn der Mann die Frau umwerben und sich Mühe geben musste, um sie ins Bett zu bekommen, anstatt dass sie sich ihm sofort an den Hals warf? Nur, dass er es zum ersten Mal erlebte. Durch das Schaufenster warf Ciro einen Blick zurück in die Teestube auf die bezaubernde Lily mit ihren reizvollen Rundungen, ganz in zartes Rosa gekleidet. Ob ihr bewusst war, dass er völlig verrückt nach ihr war?

Entschlossen presste er die Lippen zusammen. Wer ihn kannte, wusste, was dieser Ausdruck bedeutete. Ciro D’Angelo hatte den Entschluss gefasst, sich zu nehmen, was er haben wollte. Egal, wie sehr Lily Scott versuchen würde, sich ihm zu widersetzen, sie würde schon bald in seinem Bett liegen. Sie war schließlich auch nur ein Mensch …

4. KAPITEL

Kaum zu Hause angekommen, fragte Lily sich, wie sie so dumm hatte sein können, die Einladung anzunehmen. Eigentlich hätte sie sofort Ciro D’Angelo anrufen und ihm sagen müssen, dass sie es sich anders überlegt hätte. Aber welchen vernünftigen Grund hätte sie dafür anführen können? Wie hätte sie vor ihm dagestanden?

Tut mir leid, Ciro, aber Sie wecken in mir Gefühle, die ich mir für immer verboten habe. Wenn ich Sie nur ansehe, vergehe ich vor Verlangen – und so dumm bin ich nicht, dieser Schwäche zu erliegen. Nicht mehr.

Selbst wenn sie sich dazu überwunden hätte, blieb ihr gar keine Zeit für einen solchen Anruf, weil zunächst Suzy in ihr Zimmer kam und sie ärgerlich mit Fragen löcherte, warum Ciro D’Angelo überhaupt mit ihr ausgehen wollte. Und kaum war sie ihre Stiefmutter losgeworden und stand unter der Dusche, musste sie sich hastig ein Badetuch umwickeln und tropfnass ans Telefon eilen, weil ihr Bruder aus dem Internat anrief. Jonny liebte das alte Gutshaus noch mehr als sie, weshalb Lily sich alle Mühe gab, ihm einzureden, dass er sich auch in ihrer neuen kleinen Wohnung sehr wohlfühlen würde. Auf keinen Fall wollte sie ihn ihre eigenen Sorgen spüren lassen, denn er hat mit seinen sechzehn Jahren schon genug ertragen müssen.

Als sie endlich auflegte, war es nicht mehr weit bis acht Uhr und ihr blieb gerade noch Zeit, einen Hauch von Lippenstift aufzutragen und sich die noch feuchten Locken hochzustecken. Nach kurzem Zögern entschied sie sich für ein dunkelblaues Kleid, das ihr bislang noch immer zu guter Laune verholfen hatte. Sie hatte es sich nach einem nostalgischen Schnittmuster im Stil der femininen Mode der fünfziger Jahre selbst geschneidert, ein Stil, der besonders gut zu ihren weiblichen Rundungen und ihrer Wespentaille passte. Trotz des eng anliegenden Oberteils mit dem reizvollen Herzdekolleté wirkte es mit seinem weiten, fast knöchellangen Rock eher dezent, worauf sie an diesem Abend besonderen Wert legte. Denn sie hatte nicht die Absicht, bei Ciro D’Angelo womöglich den völlig falschen Eindruck zu erwecken, dass sie, wie vermutlich alle anderen Frauen, auf den kleinsten Wink in seine Arme – und in sein Bett – sinken würde.

Sobald sie seinen Sportwagen vorfahren hörte, nahm sie rasch ihre Handtasche und eilte an ihrer Stiefmutter vorbei, die wie ein übelgelaunter Wachhund neben der Haustür wartete.

„Weißt du eigentlich, was das für ein Mann ist?“, fragte Suzy scharf.

„Sicher wirst du es mir gleich sagen.“

„Ein Milliardär, der rund um den Globus berühmt ist für seine Eroberungen! Ein Mann, der sich nur mit Topmodels und reichen Erbinnen umgibt! Kannst du mir mal verraten, wie du in solche Kreise passt?“ Suzy ließ die Hand über ihren kurzen Rock gleiten, der ihre zweifellos wohlgeformten Beine vorteilhaft zur Geltung brachte, und fügte kokett hinzu: „Liebe Güte, er steht ja mir altersmäßig näher als dir!“

Lily öffnete die Haustür. Ist es so? Vermutlich … Wie alt mochte Ciro D’Angelo sein? Mitte dreißig? Und Suzy war gerade vierzig. Plötzlich stand Lily in beunruhigender Klarheit ein erschreckendes Bild vor Augen: ihre schöne Stiefmutter, die sich Ciro in die Arme warf und die Finger mit den langen, makellos manikürten feuerroten Nägeln in sein dichtes schwarzes Haar krallte. Eine Vorstellung, bei der es Lily ganz schlecht wurde. „Was willst du damit sagen?“

„Er ist einige Nummern zu groß für dich!“ Suzy lächelte gekünstelt. „Ich will dich ja nur schützen, Lily, denn ich möchte auf keinen Fall, dass man dir wehtut.“

„Natürlich nicht“, erwiderte Lily leise und zog dir Tür hinter sich zu.

Mit zittrigen Knien ging sie über die mit Kies bedeckte Auffahrt auf Ciro zu, der gerade aus seinem Cabrio stieg. Und obwohl sie den Motiven ihrer Stiefmutter tief misstraute, begriff Lily in diesem Moment, was Suzy gemeint hatte. Einige Nummern zu groß für sie? Liebe Güte, im goldenen Licht der Abendsonne, bekleidet mit einem teuren Maßanzug schien er geradewegs von einem anderen Planeten zu stammen!

Und dennoch glich er auch nicht dem erfahrenen Verführer, den Suzy beschrieben hatte, sondern blickte ihr mit einem so gewinnenden Lächeln entgegen, dass es ihr buchstäblich den Atem verschlug.

„Dio, quanto sei incantevole“, sagte er sanft, als er ihr die Beifahrertür aufhielt.

Lily ließ sich in den niedrigen Sitz des Sportwagens sinken. „Ihnen ist schon klar, dass ich im Nachteil bin, weil ich kein Italienisch spreche und deshalb keine Ahnung habe, was Sie da gerade gesagt haben?“

Er zögerte nur kurz. „Es bedeutet, dass Sie sehr … hübsch aussehen.“

Lily argwöhnte, dass das Wort „hübsch“ normalerweise nicht in Ciro D’Angelos Wortschatz auftauchte, und sein unverhohlen bewundernder Blick gab ihr auch weniger das Gefühl „hübsch“ zu sein als vielmehr sündhaft sexy. Bewusst sittsam strich sie sich den Rock über die Knie. „Danke.“

Er schlug die Wagentür zu und kam um das Auto herum, um sich hinter das Steuer zu setzen. „Macht es Ihnen etwas aus, mit offenem Verdeck zu fahren? Frauen haben da manchmal ein Problem wegen ihrer Frisur.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe so viele Haarklammern hineingesteckt, dass ich schon in einen Windkanal geraten müsste, um sie durcheinanderzubringen.“

„Tragen Sie es nie offen?“

„Selten. Es ist so lang und dicht, dass es eigentlich immer im Weg ist.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Tatsächlich malte Ciro sich plötzlich aus, wie das blonde Haar ihr in seidigen goldenen Kaskaden über die nackten Brüste fiel, und wurde von unbändigem Verlangen gepackt. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Gedanken wieder auf etwas anderes zu lenken. „Haben Sie sich inzwischen entschieden, wo Sie wohnen werden?“

Sie lächelte ironisch. Aus seinem Mund klang das, als hätte sie Hunderte Möglichkeiten zur Auswahl. „Ich werde in die Wohnung über der Teestube, in der ich arbeite, ziehen.“

„Wie ist sie?“

Sie fragte sich, wie Ciro wohl reagieren würde, wenn sie antwortete: „Etwa so groß wie ein Schuhkarton“. Stattdessen sagte sie, ohne eine Miene zu verziehen: „Ach, es ist sehr praktisch, weil ich es so nahe zur Arbeit habe. Die Wohnung stand wohl einige Jahre leer und braucht etwas Farbe. Es soll ja wie ein gemütliches Zuhause aussehen, wenn Jonny nächste Woche kommt.“

Ciro verspürte einen merkwürdigen Stich. „Jonny?“

„Ja, mein Bruder.“

Ihr Bruder. Seine Erleichterung war unbeschreiblich. „Ihr Bruder?“

„Ja, augenblicklich ist er im Internat, aber nächstes Wochenende kommt er nach Hause. Er kennt die neue Wohnung noch nicht, und ich will, dass alles so schön wie möglich für ihn ist.“

„Wie alt ist er denn?“

„Sechzehn.“

„Und was ist mit … Ihren Eltern?“

Lily hatte diese Frage in genau diesem zögernden Ton schon unzählige Male gehört. Was sie überhaupt nicht ertragen konnte, war Mitleid. „Sie sind beide tot.“

„Das tut mir leid.“

„So ist das Leben.“ Lily blickte starr geradeaus auf die Straße. „Und was ist mit Ihrer Familie?“

„Meine Mutter lebt noch … in Neapel. Was meinen Vater betrifft … nun ja, er ist schon vor langer Zeit gestorben.“

Sie glaubte einen verbitterten Unterton herauszuhören, aber Ciros versteinerte Miene riet ihr, sich weitere Fragen zu verkneifen. „Jeder von uns hat sein eigenes Päckchen zu tragen“, sagte sie stattdessen.

„Anscheinend“, meinte Ciro ein wenig unbehaglich, denn er war es nicht gewohnt, eine so vertrauliche Unterhaltung mit einer Frau zu führen, mit der er noch nicht einmal geschlafen hatte. Im nächsten Moment durchzuckte ihn allein bei dem Gedanken an Sex mit ihr erneut heißes Verlangen. „Warum lehnen Sie sich jetzt nicht einfach zurück und genießen die Fahrt?“, schlug er rau vor.

Lily gab sich Mühe, aber es war nicht so leicht … weder die Sorgen um ihre und Jonnys Zukunft zu vergessen noch die gefährlich erotische Wirkung, die der aufregende Neapolitaner neben ihr auf sie ausübte! „Wohin fahren wir eigentlich?“

„Es heißt ‚The Meadow House‘ … ist Ihnen das ein Begriff?“

„Sie meinen das Hotel?“

„Genau“, bestätigte er, ohne mit der Wimper zu zucken.

Lily zupfte am Rock ihres Kleides. „Sie wohnen da?“

„Ja. Ich wollte nach dem Essen nicht noch nach London zurückfahren … und außerdem ist es eine gute Gelegenheit die örtliche Konkurrenz unter die Lupe zu nehmen. Ich habe mir sagen lassen, dass man im ‚Meadow‘ gerade einen Sternekoch aus Paris als Küchenchef angestellt hat, und bin gespannt auf die Karte.“

Lily interessierte sich nicht die Bohne für irgendwelche Speisekarten oder fremde Sterneköche, und sie hätte darauf gewettet, dass es Ciro genauso wenig tat. Denn egal, wie er es ihr zu verkaufen versuchte, unter dem Strich kam es auf dasselbe heraus: Ciro D’Angelo nahm sie mit in sein Hotel, was eine unmissverständliche Botschaft in sich barg. Ganz offensichtlich erwartete er, dass sie die Nacht mit ihm verbrachte.

Verstohlen betrachtete sie ihn von der Seite. Natürlich erwartete er, dass sie mit ihm schlief! Er war ein heißblütiger Italiener, und zwischen ihnen beiden war vom ersten Moment an eine knisternde erotische Spannung gewesen. Nein, er fuhr mit ihr wohl kaum in sein Hotel, um sich gepflegt mit ihr zu unterhalten!

Trotzdem enttäuschte es sie, wie plump er zu Werke ging. Bei allen Vorbehalten hatte sie zumindest erwartet, dass er wenigstens versuchen würde, den Gentleman zu spielen. Bildete er sich wirklich ein, dass sie mit ihm ins Bett gehen würde, nur weil sie seine Einladung zum Abendessen angenommen hatte? Nun, in dem Fall stand ihm eine gewaltige Enttäuschung bevor.

Ganz in Gedanken versunken, bekam Lily vom Rest der Fahrt nichts mehr mit, bis sie neben einer ganzen Reihe von teuren Luxuslimousinen auf dem Parkplatz des „The Meadow House“ vorfuhren. Lily folgte Ciro in die Hotellobby an die Rezeption, wo ihn jeder zu kennen schien und man sie sofort zuvorkommend in das Gartenrestaurant auf der Rückseite geleitete.

Hier waren die Tische wie für ein stilvolles romantisches Picknick gedeckt, mit farbigen Weingläsern und altem Silberbesteck. Der Duft der ringsum blühenden Jasminsträucher erfüllte die Luft, und unzählige Kerzen in Windlichtern tauchten die Terrasse in ein gedämpftes, fast unwirklich anmutendes flackerndes Licht.

„Wie wunderschön!“, hauchte Lily hingerissen und vergaß sogar die neugierigen Blicke der übrigen Gäste.

Ciro registrierte verzaubert, wie ihr Haar im sanften Kerzenlicht golden schimmerte. „Sie sind noch nie hier gewesen?“

„Nein, noch nie.“

Es klang so wehmütig, dass er sich nicht zum ersten Mal fragte, warum sie manchmal so verloren wirkte. Als stünde sie plötzlich ganz allein in der großen weiten Welt mit einer zu schweren Last auf ihren zarten Schultern. Was war geschehen, dass sie so geworden war?

Nachdem ihre Bestellung aufgenommen und der Champagner eingeschenkt worden war, lehnte Ciro sich zurück und betrachtete Lily aufmerksam. Unwillkürlich verweilte sein Blick einen Moment auf ihrem reizvollen Dekolleté.

„Ein hübsches Kleid“, sagte er spontan.

„Meinen Sie wirklich?“

„Ja, wirklich. Haben Sie es gekauft, weil die Farbe so gut zu Ihren blauen Augen passt?“

Sie lächelte. Tatsächlich hatte sie den Stoff gekauft, weil sie ihn als Rest zu einem absoluten Sonderpreis bekommen hatte. „Nun, ehrlich gesagt, habe ich es überhaupt nicht gekauft, sondern selbst geschneidert.“

„Sie schneidern sich Ihre Kleider selbst?“ Er sah sie an wie das achte Weltwunder.

„Erstaunt Sie das so?“

„Allerdings.“ Ciro trank einen großen Schluck Wasser. „Die Frauen, die ich normalerweise treffe, sind weder so vielseitig begabt … noch so fleißig.“

„Ach nein?“ Lily konnte sich nicht verkneifen, nachzuhaken. „Was für Frauen treffen Sie denn so … normalerweise?“

Ciro schwieg nachdenklich. Er dachte an enge Röcke und Killer High Heels. An rot geschminkte Lippen und Stringtangas. An Frauen, die das genaue Gegenteil dieses sanften, bezaubernden Geschöpfs waren, das da vor ihm saß. Er dachte an Eugenia mit ihrer makellosen Abstammung und ihrem ebenmäßigen Gesicht, ebenso schön wie berechnend. Und dann blickte er in Lilys klare blaue Augen, und plötzlich schien es keine andere mehr zu geben. „Niemand Wichtiges“, sagte er entschieden. „Hier kommt unser Essen.“

Lily betrachtete bewundernd die kunstvoll angerichteten Kürbisspalten mit würzigem Ziegenkäse. War es nicht gemein, dass ihr Appetit sie genau in diesem Moment verließ, da ihr solche Köstlichkeiten aufgetischt wurden? Allerdings, danach zu urteilen, wie Ciro in seiner Vorspeise herumstocherte, schien es ihm ähnlich zu gehen.

So hatten sie beide kaum etwas angerührt, als der Ober die Teller abräumte und den Hauptgang servierte. Lily zwang sich, den auf den Punkt gegarten Fisch und das knackige Gemüse zu kosten und stellte, als sie aufblickte, fest, dass Ciro sie intensiv beobachtete.

„Habe ich mich bekleckert?“

Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Nein, nein, Sie interessieren mich einfach nur.“

Sie legte ihr Besteck beiseite und trank einen Schluck Champagner. „In wieweit?

„Nun, ich wüsste zum Beispiel gern, warum Sie jetzt das Gutshaus verlassen müssen, um mit Ihrem Bruder in eine Wohnung über der Teestube zu ziehen.“

„Weil mein Vater kein Testament hinterlassen hat.“

„Und warum nicht?“

Sie spielte mit dem Stiel ihres Glases. „Weil er nach dem Tod meiner Mutter wieder geheiratet hat, eine viel jüngere Frau. Vermutlich war er … zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um seine persönlichen Angelegenheiten neu zu ordnen. Und ihm blieb ja auch nicht viel Zeit dafür.“ Lily presste die Lippen zusammen. „Sie waren erst zehn Monate verheiratet, als er völlig unerwartet an einem Herzinfarkt starb.“

„Das tut mir leid.“

In seinen schlichten Worten schwang aufrichtiges Mitgefühl. Von Erinnerungen bestürmt, kämpfte Lily für einen Moment mit den Tränen. Der schreckliche Anblick, als ihr Vater bleich am Tisch zusammensackte, das hysterische Schluchzen ihrer Stiefmutter, ihre eigenen vergeblichen Wiederbelebungsversuche bis zum Eintreffen des Notarztes, der Tony Scott schließlich für tot erklärte.

Rasch hob Lily ihr Champagnerglas und trank einen großen Schluck. „So etwas passiert eben und lässt sich nicht mehr ändern. Suzy hat alles geerbt, und ich musste das akzeptieren.“

Ciro fand es bemerkenswert, wie stoisch sie ihr Schicksal hinnahm, zumal ihre junge Stiefmutter keinerlei Gewissensbisse zu haben schien, sie und ihren jüngeren Bruder mittellos vor die Tür zu setzen. „Sie haben kein Einkommen?“

„Doch“, widersprach sie ein wenig trotzig. „Es lässt sich vielleicht nicht mit Ihrem vergleichen, aber ich verdiene durchaus Geld mit meinen Kuchen und Torten und als Kellnerin in der Teestube, falls Sie das vergessen haben.“ Was für seine Begriffe kaum mehr als ein Taschengeld sein konnte …

„Ich kann es nur bewundern, wenn eine Frau so hart arbeitet“, sagte er ehrlich.

„Schon gut“, winkte sie ab und wechselte ganz bewusst das Thema, weil sie nicht wusste, was sie von seinen Komplimenten halten sollte. „Genug von mir. Sie sind ein Mann voller Geheimnisse, und bisher weiß ich nur sehr wenig über Sie.“

„Ich bin überrascht, dass Sie sich nicht im Internet über mich informiert haben.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Passiert Ihnen das oft?“

„Ständig.“ Er zuckte die breiten Schultern. „Heutzutage ist es doch kein Problem, sich Informationen über jemanden einzuholen. Nur leider stimmt nicht alles, was in der Presse oder im Netz über einen verbreitet wird.“

Sein zynischer Unterton verriet, dass er vermutlich in dieser Hinsicht schon einige schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Wahrscheinlich zählte das zu den Nachteilen, wenn man reich und bekannt war. „Ich besitze nicht einmal einen Computer“, gestand sie zögernd.

„Das glaube ich nicht!“, meinte er amüsiert.

„Aber es ist wahr. Ich habe mich immer mehr fürs Praktische interessiert. Und warum sollte ich meine Zeit damit vergeuden, auf einen Bildschirm zu starren und in einer virtuellen Welt herumzusurfen, wenn es in der wirklichen Welt so viele schöne Sachen zu sehen und zu tun gibt?“

Er lachte so herzlich, dass das Paar am Nachbartisch fast ein wenig neidisch zu ihnen herüberblickte. „Sind Sie wirklich echt, Lily Scott?“, fragte er leise.

Ihr war plötzlich ganz schwindelig. Der sanfte Blick seiner samtbraunen Augen machte sie schwach und verletzlich. Wider alle Warnungen ihrer Vernunft fühlte sie, wie ihre Brustwarzen unter dem weichen Stoff ihres blauen Kleides hart wurden und ein sehnsüchtiges Verlangen ihren Körper durchflutete. Er ist wirklich gefährlich, schoss es ihr durch den Kopf. Laut sagte sie: „O doch, ich bin sogar sehr echt. Aber Sie sind es für mich noch nicht. Was sollte ich also über Sie wissen, bevor Sie hier mit Ihren Bulldozern anrollen?“

„Warum stehen wir Bauunternehmer immer in dem Ruf, nur zu zerstören?“

„Wo Sie doch eigentlich idealistische Umweltschützer sind?“

„He, ich habe nicht vor, das Haus dem Erdboden gleichzumachen, Lily.“

„Wirklich nicht?“

Er blickte ihr direkt in die Augen. „Wirklich nicht. Ich plane, im Gegenteil, den Umbau zu einem Hotel im Einklang mit der alten Bausubstanz. Mit anderen Worten, ich werde Ihr schönes Haus restaurieren, dass es wieder in seiner alten Pracht erstrahlt, und in ein kleines, aber feines Luxushotel in ländlicher Idylle umwandeln.“

Sie hielt seinem Blick nachdenklich stand. Zwar fand sie es immer noch nicht schön, dass ihr Zuhause, die Zimmer, in denen sie aufgewachsen war, in Zukunft an fremde Leute vermietet werden würden … aber wenn das alte Gutshaus nun schon einmal an einen Hotelier verkauft werden musste, war es bei Ciro D’Angelo vielleicht nicht in den schlechtesten Händen. „Das klingt nicht zu schlecht“, meinte sie vorsichtig.

„Freut mich, dass meine Pläne Ihre Zustimmung finden“, erwiderte er, ohne eine Miene zu verziehen.

„So weit würde ich vielleicht nicht gehen. Und Sie haben mir immer noch nichts von sich erzählt.“

„Was genau möchten Sie denn wissen, dolcezza?“

Sie wollte gerne wissen, wie es war, von ihm geküsst zu werden! „Haben Sie auch Geschwister?“

„Nein.“

Energisch schob Lily ihre verräterischen Gedanken beiseite. „Und hatten Sie eine glückliche Kindheit?“

Ciro betrachtete sie schweigend. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Dass es in gewisser Weise die Hölle gewesen war? Wie er im Dunkeln ganz still dagelegen und gelauscht hatte, bis er das Klacken der hochhackigen Pumps seiner Mutter auf der Marmortreppe hörte. Wie er den Atem angehalten hatte, um zu hören, ob sie allein war oder wieder einmal einen Mann mitgebracht hatte. Er zuckte die Schultern. „Es war ganz okay.“

Das eisige Funkeln in seinen dunklen Augen entging ihr nicht. „Nur ‚ganz okay‘?“

„Ist dies ein Dinner Date oder eine Therapiesitzung?“

Im flackernden Kerzenlicht bemerkte Lily seine versteinerte Miene und verspürte plötzlich keine Lust, diesen Abend zu ruinieren. „Ich wollte nicht neugierig sein“, sagte sie entschuldigend.

Es tat ihm leid, sie so unnötig vor den Kopf gestoßen zu haben, wo ihr Interesse zweifellos ehrlich gemeint gewesen war. „Das alles liegt so lange zurück, und ich rede lieber nicht darüber“, meinte er versöhnlich. „Eigentlich müssen Sie auch nur eines über mich wissen: dass ich im Grund ein ganz einfacher Junge aus Neapel bin.“

Er machte dabei ein so betont treuherziges Gesicht, dass Lily lachte. „Natürlich.“

Ciro beugte sich vor. „Der ganz verrückt danach ist, die Frau, die ihm gegenübersitzt, zu küssen.“

Lily stellte ihr Glas auf den Tisch, weil ihre Hand plötzlich zitterte. „Hören Sie auf“, flüsterte sie.

„Warum? Ist es so falsch, auszusprechen, woran wir beide den ganzen Abend gedacht haben?“

„Sie wissen doch gar nicht, woran ich denke!“

„O doch, ich glaube, das weiß ich sehr genau. Denn ich habe Sie aufmerksam beobachtet, und Ihre Blicke und Ihr Körper verraten Sie. Sie wollen mich genauso sehr, wie ich Sie will, Lily. Ich begehre Sie, seit ich Sie, bekleidet mit dieser niedlichen Rüschenschürze, beim Kuchenbacken in der Küche gesehen habe.“

Ihr Herz klopfte wie wild. Ciros glühender Blick weckte ihre heißesten Träume. Sie sehnte sich danach, endlich wieder in den Armen eines Mannes Erfüllung zu finden. In den Armen dieses Mannes … und plötzlich hatte sie Angst. Mochten die Motive ihrer Stiefmutter auch egoistisch gewesen sein, so war doch alles wahr, was sie über Ciro gesagt hatte. Er war fast ausschließlich mit Topmodels und schönen Schauspielerinnen liiert. Er war reich und mächtig. Er kam aus einer ganz anderen Welt.

Deshalb lächelte sie betont freundlich, aber unverbindlich. „Es war ein langer Tag, Ciro, und ich bin ziemlich müde. Ich denke, ich sollte jetzt besser nach Hause fahren.“

„Natürlich“, erwiderte er scheinbar gelassen, und war zufrieden, als sie sich sichtlich entspannte. Doch er verspürte keinerlei Gewissensbisse, weil er seine Zustimmung nicht ernst meinte. Schließlich hatte er nicht vor, sie gewaltsam in seine Suite zu verschleppen und an das große Bett zu ketten! Nein, er wollte sie lediglich küssen. Ihr Widerstand würde einfach dahinschmelzen … das war so unausweichlich wie der Aufgang des Mondes, der am samtenen Nachthimmel silbern über ihnen leuchtete.

Diesmal führte er sie nicht durch die Hotellobby zum Parkplatz zurück, sondern außen herum über das duftende, frisch gemähte Gras. Die Bäume und der Pfad waren so dezent beleuchtet, dass Lily das Gefühl hatte, in eine geradezu unwirklich schöne romantische Zauberwelt vorzudringen. Sie konnte kaum atmen, so stark wirkte Ciros Nähe auf sie. Alles in ihr schrie danach, von ihm berührt zu werden und die hemmungslose Erfüllung seiner erotischen Versprechen einzufordern.

Als sie schließlich den Parkplatz erreichten und vor Ciros Cabrio stehen blieben, war Lily hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Frustration.

Unvermittelt wandte Ciro sich ihr zu. „Lily“, sagte er nur.

Nicht mehr. Wie gebannt begegnete sie dem Blick seiner samtbraunen Augen und war hoffnungslos verloren.

Ciro D’Angelo musste es gespürt haben. Ohne ein weiteres Wort zog er sie in seine Arme und küsste sie.

5. KAPITEL

Noch nie war Lily so geküsst worden, und sie vergaß sofort alles um sie herum. Sobald seine Lippen ihre berührten, durchzuckte sie ein so elektrisierendes Gefühl, dass sie sich nach mehr sehnte. Ganz zarte, erregende Küsse weckten ihr Verlangen, und als sie ihm sehnsüchtig entgegenkam, vertiefte er sofort seinen Kuss und schob ihr fordernd die Zungenspitze zwischen die halbgeöffneten Lippen.

Überwältigt vom Ansturm ihrer Gefühle, lehnte Lily sich an ihn, und als hätte er nur auf dieses Zeichen gewartet, umfing Ciro ihre Taille und presste sie an sich, ohne von ihren Lippen zu lassen. Atemlos ließ sie es geschehen, dass er sie zurück gegen den Wagen drückte, sodass sie ihm nicht mehr ausweichen konnte. Aber welche Frau hätte sich das nicht gern gefallen lassen?

Im Rücken fühlte sie das kalte Blech des Wagens und vorn die Hitze dieses aufregenden und sehr erregten Mannes. Sie genoss es, wie er sich verlangend an sie presste und konnte gar nicht genug davon bekommen. Kein Zweifel, er war lichterloh entflammt und konnte seine Leidenschaft nur noch mit Mühe zügeln.

Lily wiederum war ihren Gefühlen machtlos ausgeliefert. Es war einfach zu lange her, dass ein Mann sie geküsst hatte. Gab es etwas Schöneres auf der Welt? Sie hatte ganz vergessen, wie unvergleichlich und wundervoll es war, sich vom Strudel der Leidenschaft mitreißen zu lassen. All ihre Ängste und Sorgen verblassten, es gab nur noch sie und Ciro und dieses unbändige Verlangen, das unaufhaltsam nach Erfüllung drängte.

Immer weiter öffnete sie ihre Lippen seinem Kuss, und hörte triumphierend, wie Ciro lustvoll stöhnte. Ich sollte das nicht tun, schoss es ihr durch den Kopf, als er mit einer Hand eine ihrer vollen Brüste umfasste. Und schon gar nicht mit ihm! Es kostete sie all ihre Willenskraft, aber irgendwie schaffte sie es, sich von seinen Lippen zu lösen. Benommen blickte sie zu ihm auf.

Schwer atmend sah Ciro sie an. Sein Blick glitt von ihren einladend geöffneten Lippen hinunter zu ihren hohen, straffen Brüsten, die sie ihm entgegenreckte. Die Vernunft drängte ihn, so schnell wie möglich mit ihr ins Hotel zu gehen, bevor sie sich völlig vergaßen und er sie hier und jetzt im Schatten des Autos nahm. Verlangend schob er eine Hand in ihren Ausschnitt und tastete nach der Knospe, die sich hart durch ihren zarten Spitzen-BH drückte. Überwältigt schloss er die Augen, denn er befürchtete für einen Moment, auf der Stelle zu kommen.

„Lass uns hoch in meine Suite gehen“, sagte er rau. Er spürte, wie sie erschauerte, als sein Daumen sacht über ihre Brustspitze glitt. „Bevor jemand kommt und wir wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet werden.“

Lily fühlte sich buchstäblich hin- und hergerissen. Einerseits erfüllte es sie mit unvorstellbarer Lust, wie Ciro ihre Brust liebkoste, andererseits … Sie schluckte. Ciro drängte sich ganz bewusst so an sie, dass sie fühlte musste, wie erregt er war! Dabei redete er sanft und verführerisch auf sie ein, mit ihm in seine Suite zu kommen. Kaum noch eines klaren Gedankens fähig, malte Lily sich plötzlich aus, wie sie unter den wissenden Blicken des Hotelpersonals mit Ciro zum Aufzug gehen würde. Und am nächsten Morgen würde sich der Spießrutenlauf wiederholen. War sie noch ganz bei Verstand?

Entschlossen richtete sie sich auf und schob Ciro mit beiden Händen fort. „Ich glaube, du vergisst dich!“

Im ersten Moment hielt er es für einen Spaß. Denn sie konnte ihn doch unmöglich wegstoßen, nach dem, was gerade zwischen ihnen gewesen war? Dann bemerkt er jedoch ihre störrische Miene und ahnte, dass sie es vielleicht wirklich ernst meinte.

„Du willst nicht, dass wir uns lieben?“, fragte er fassungslos.

„Lieben?“, entgegnete sie heftig. „Nennst du das so, wenn man es draußen auf der Motorhaube eines Autos treibt?“

Tatsächlich fand er ihren vorwurfsvollen Ton etwas unfair, wenn man bedachte, wie bereitwillig sie mitgemacht hatte. Doch seine Empörung verflüchtigte sich rasch, weil ihn erneut ein geradezu übermächtiges Verlangen nach ihr packte. Er wollte nicht, dass sie zornig auf ihn losging, sondern dass sie sich wieder heiß und willig an ihn schmiegte. Er wollte sie mit in seine Suite nehmen und ganz langsam und genüsslich ausziehen. Dann würde er sie auf das große Bett legen und ihren hinreißenden Körper mit Blicken, Händen und Lippen auf ungemein erotische Weise erkunden. Und schließlich wollte er, dass sie ihn mit ihren Beinen umfing und er sich ganz in ihr verlor.

„Du hast recht, wir haben uns … etwas vergessen“, räumte er schwer atmend ein.

„Das ist wohl die Untertreibung des Jahres“, entgegnete sie heiser, wobei sie einige Haarklammern, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten, wieder feststeckte. „Würdest du mich jetzt bitte nach Hause fahren, Ciro? Falls nicht, gehe ich auf der Stelle ins Hotel und rufe mir ein Taxi.“

Bei allem Frust war Ciro tief beeindruckt. War ihr nicht klar, dass sie einem Mann einen Korb gab, der im Ruf stand, ein sensationeller Liebhaber zu sein? Ciro dachte daran, wie viele Frauen ganz verrückt danach waren, eine Nacht mit ihm zu verbringen, und schüttelte verwundert den Kopf. Lily Scott schien auch in puncto Moral überraschend altmodische … und kompromisslose Vorstellungen zu haben.

„Selbstverständlich fahre ich dich nach Hause“, sagte er und hielt ihr die Beifahrertür auf. „Keine Sorge“, fügte er ein wenig gekränkt hinzu, als er ihren argwöhnischen Blick bemerkte, „so dringend brauche ich keine Frau, dass ich mich ihr aufdränge, nachdem sie nein gesagt hat.“

Lily nickte, froh darüber, nicht im Hotel auf ein Taxi warten zu müssen. Was das Personal an der Rezeption wohl von ihr gedacht hätte?

„Danke“, sagte sie förmlich und stieg ein. Auch wenn es dumm von ihr sein mochte, so war es ihr doch ziemlich wichtig, was die Leute dachten. Vielleicht war es eine Folge jener schrecklichen Erfahrung, als Tom sie sitzen gelassen und sie ständig das Gefühl gehabt hatte, dass die Leute hinter ihrem Rücken über sie tuschelten. Dieses schmerzliche Erlebnis, so zurückgestoßen zu werden, hatte sie damals in ihrem Verhalten tief beeinflusst und tat es immer noch. Ohne Ciro anzusehen, legte sie den Gurt an und blickte starr geradeaus.

Ciro setzte sich hinters Steuer und schloss das Cabrioverdeck, während es in seinem Kopf rotierte. Er war ratlos, was Ciro D’Angelo eigentlich nie passierte. Noch nie war er bei einer Frau in eine Situation geraten, in der er nicht mehr weiterwusste. Und als Liebhaber hatte er bislang noch jede glücklich gemacht.

Ein arroganter Gedanke, der ihn einerseits zwar wieder an seinen augenblicklichen Frust erinnerte, andererseits aber zur Besinnung brachte. Besagte es nicht viel über sein bisheriges Leben, dass er sich vor den Kopf gestoßen fühlte, wenn eine Frau sich ausnahmsweise einmal wie eine Lady verhielt? Bewunderte er nicht insgeheim, wie standhaft Lily seine sexuellen Avancen zurückwies?

Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du vielleicht eine Entschuldigung von mir für das erwartest, was gerade geschehen ist.“

„Es war ein bedauerlicher Fehler“, sagte sie ruhig, ohne ihn anzusehen. „Mehr nicht.“

Ciro fasste das Lenkrad fester. Wenn er nicht so frustriert gewesen wäre, hätte er laut gelacht. Ein bedauerlicher Fehler? Meinte sie das wirklich ernst? Anscheinend, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Aber war das nicht ziemlich scheinheilig? Schließlich hatte sie sich auch nicht gerade wie eine Heilige benommen, oder?

„Bist du immer mit solcher Begeisterung dabei, wenn du einen ‚bedauernswerten Fehler‘ machst?“, erkundigte er sich kühl.

„Möglicherweise wurde ich von jemandem verleitet, der in diesen Dingen erheblich erfahrener ist als ich es bin.“

Ciro nickte unwillkürlich, bevor er sich klarmachte, was ihre Worte wirklich bedeuteten. Natürlich war er viel erfahrener als sie! Nur eine Unschuld entflammte in derartiger Leidenschaft und reagierte dann so empört … oder eine sehr erfahrene Frau. Und Letzteres war Lily ganz bestimmt nicht.

Plötzlich drängten seine Gedanken in eine ganz andere Richtung. Abgesehen von dem frustrierenden Abschluss hatte er den Abend in Lilys Gesellschaft sehr genossen. Was war so falsch daran, dass sie die Dinge nicht überstürzen wollte? Er versuchte sich auszumalen, wie es sein würde, ausnahmsweise einmal darauf zu warten, bis eine Frau bereit war, mit ihm ins Bett zu gehen. Seine sexuellen Begierden zu zügeln und im Griff zu halten. Würde die Liebesnacht, die ihn als Belohnung schließlich erwartete, nicht sensationeller sein als alles, was er bisher erlebt hatte?

Als der Wagen in die lange Auffahrt zum Gutshaus einbog, registrierte Ciro, wie Lily angespannt zu einem Fenster im oberen Stock hochblickte, wo noch Licht brannte. War die raffgierige Stiefmutter aufgeblieben und wartete auf sie? In dem Fall war es vielleicht wirklich das Beste gewesen, dass er sie nach Hause gebracht hatte. Nicht auszudenken der Klatsch, wenn er Lily erst am nächsten Morgen, bekleidet mit dem Kleid vom Vorabend, zurückgebracht hätte!

„Lass mich einfach hier raus“, sagte sie, als er den Wagen anhielt. Sie hatte schon den Gurt gelöst und tastete nach dem Türgriff.

„Keine Sorge, ich beiße nicht“, meinte Ciro spöttisch.

Das war ihre geringste Sorge. Sie dachte an den heißen Kuss und daran, wie sehr sie sich danach gesehnt hatte, seinen Mund auf ihren Brüsten zu spüren. „Vielen Dank für das schöne Abendessen“, sagte sie betont förmlich. „Es war sehr nett.“

Er lachte. Diese Frau war wirklich einmalig!

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 367" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen