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JULIA EXTRA BAND 366

JANE PORTER

Die Prinzessin und der Scheich

Scheich Makin spürt heißes Verlangen, als er seine Assistentin Hannah überraschend im exklusivsten Nachtclub von South Beach trifft. Sie ist so anders, so sexy in dem engen Kleid und den High Heels …

CAITLIN CREWS

Falsches Spiel – wahre Gefühle

Becca gerät vom ersten Moment an in Theo Markou Garcias sinnlichen Bann. Doch so sehr sie den arroganten Unternehmer begehrt, darf sie nicht vergessen: Die Liebe zwischen ihnen ist nur ein Spiel!

KIM LAWRENCE

Verführt im Schloss des stolzen Spaniers

Schockiert erfährt Santiago Silva, dass sein Bruder sich in die berüchtigte Femme fatale Lucy verliebt hat. Er muss ihn vor ihr retten! Auch wenn er selbst zu diesem Zweck Lucy eiskalt verführen muss …

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Nur einmal – oder für immer?

Der gut aussehende Barbesitzer Dan Halliday soll Sophie nur zu einer Hochzeitsfeier begleiten – mehr nicht! Doch er ist so aufregend männlich, dass Sophie sich immer stärker zu ihm hingezogen fühlt …

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Die Prinzessin und der Scheich

1. KAPITEL

Alejandro musste in der Mynt Lounge sein.

Wenn er sich nämlich nicht im schicksten Club von ganz South Beach aufhielt, konnte das nur bedeuten, dass er bereits abgereist war. Denn alle anderen angesagten Clubs hatte sie schon nach ihm abgesucht, da sie unbedingt mit ihm reden musste.

Prinzessin Emmeline d’Arcy von Brabant stieg aus dem Taxi und strich sich eine lange Haarsträhne hinters Ohr. Alejandro musste endlich Vernunft annehmen und sich ihre Argumente anhören. Er würde sicherlich seine Meinung ändern, wenn er erst einmal begriffen hatte, was auf dem Spiel stand.

Ihr Name.

Ihr Ruf.

Vor allem: die Zukunft ihres gemeinsamen Kindes.

Ihr Magen rebellierte kurz, aber sie unterdrückte die Übelkeit. Ihr durfte jetzt nicht schlecht werden; schließlich hing alles von den nächsten fünf Minuten ab.

Prinzessin Emmeline atmete durch und stolzierte an der langen Warteschlange vor dem Club vorbei zur Eingangstür.

Alejandro würde gewiss das Versprechen halten, das er ihr gegeben hatte.

Als sie am Eingang angekommen war, öffnete der Türsteher die rote Samtkordel, um sie in den exklusiven Club einzulassen. Auch wenn er sie nicht persönlich kannte, begriff er instinktiv, dass sie eine wichtige Persönlichkeit war. Und in der angesagten Mynt Lounge verkehrten nur Promis, Models und andere VIPs.

Im Inneren des dämmerigen Clubs hingen Diskokugeln von der Decke, Go-Go-Girls tanzten in knappen Kleidern und hohen Stiefeln auf dem Tresen. Ein Strahler hinter dem DJ-Pult tauchte die Menge auf der Tanzfläche abwechselnd in lila, weißes und goldenes Licht.

Die Prinzessin blieb stehen und schaute sich nach Alejandro um. Innerlich betete sie, dass er noch nicht nach Greenwich aufgebrochen war, wo morgen das Poloturnier stattfinden sollte.

Eine Kellnerin kam mit einem Tablett Cocktails auf sie zu, doch Emmeline schüttelte den Kopf. Sie war nicht hier, um zu feiern. Sie wollte nur sicherstellen, dass Alejandro das Richtige tat. Er war mit ihr ins Bett gegangen; sie war schwanger geworden. Jetzt sollte er die Verantwortung für sie und das Kind übernehmen.

Sie wollte einen Ring, einen Hochzeitstermin und einen Vater für das Baby.

Das war er ihr schuldig.

Später würden sie auf seinem Anwesen in der Nähe von Buenos Aires leben, weitere Kinder bekommen und Pferde züchten.

Das entsprach natürlich nicht der Zukunft, die ihre Eltern sich für sie vorgestellt hatten. Denn eigentlich hätte sie König Zale Patek heiraten und Königin von Raguva werden sollen. Ihre Familie würde entsetzt reagieren. Alejandro war nicht adlig und hatte zudem noch einen zweifelhaften Ruf. Aber wenn sie einmal verheiratet wären, würden ihre Eltern ihn schon akzeptieren. Alejandro besaß Geld und würde für sie sorgen, wenn er ihre Lage erst einmal begriffen hatte. Eine Prinzessin als alleinerziehende Mutter war schließlich unvorstellbar.

Obwohl sie König Zale Patek niemals hatte heiraten wollen, achtete sie diesen Mann immerhin. Das konnte sie von Alejandro nicht gerade behaupten. Trotzdem hatte sie mit ihm geschlafen.

Wie dumm es war, mit jemanden zu schlafen, den man nicht liebte! Allerdings hatte sie sich ihm nur hingegeben, weil sie gehofft hatte, dieser jemand würde sie lieben, beschützen und vor ihrem Schicksal retten.

Sie schluckte schwer und strich den türkisblauen Satinstoff ihres Cocktailkleides glatt. Unter den zitternden Händen spürte sie deutlich, wie stark sie in der letzten Zeit abgenommen hatte. Noch nie war sie so dünn gewesen, aber seit einigen Tagen konnte sie einfach nichts bei sich behalten. Inständig hoffte sie, dass sich die Übelkeit legen würde, wenn die ersten drei Monate überstanden waren.

Plötzlich hörte sie aus dem VIP-Bereich das vertraute tiefe Lachen – Alejandro. Also war er hier.

Seit Tagen war er ihr aus dem Weg gegangen und hatte ihre Anrufe ignoriert. Wenn er sie jetzt sähe, würde ihm bestimmt wieder einfallen, dass er sie anbetete. Schließlich hatte er das zu ihr gesagt. Fünf Jahre lang hatte er sie unaufhörlich bestürmt und ihr seine ewige Liebe geschworen. All die Jahre hatte sie nicht auf seine Avancen reagiert, bis sie für einen kurzen Moment schwach geworden war und ihm ihre Jungfräulichkeit geschenkt hatte.

Das Erlebnis war ganz und gar nicht so leidenschaftlich gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Alejandro hatte ungeduldig gewirkt, beinahe gereizt. Die Leere, die sie während des Liebesakts empfunden hatte, hatte sie überrascht, aber sie redete sich ein, dass es beim nächsten Mal anders werden würde. Wenn sie erst einmal in ihn verliebt wäre, würde sie lernen, sich zu entspannen. Die Leute sagten doch immer, dass Sex mit einem geliebten Menschen etwas Wundervolles sei.

Aber ein nächstes Mal hatte es nicht gegeben. Und jetzt war sie schwanger.

Dabei war sie mit einem anderen Mann verlobt. Die Ehe war arrangiert worden, als sie noch ein Kind gewesen war. Die Hochzeit sollte in zehn Tagen stattfinden. Natürlich konnte sie König Patek nicht heiraten, da sie bereits das Kind eines anderen unter dem Herzen trug. Alejandro musste Verantwortung zeigen und sich wie ein Ehrenmann benehmen.

Erhobenen Hauptes betrat sie die VIP-Lounge und entdeckte Alejandro sofort. In seinem weißen Hemd, unter dem man die behaarte Brust und die sonnengebräunte Haut sah, war er nicht zu übersehen. Allerdings war er nicht allein. Eine aufsehenerregende Brünette in einem schockierend kurzen roten Minikleid saß auf seinem Schoß.

Das blutjunge Model Penelope Luca, erkannte Emmeline. Penelope saß nicht nur auf Alejandros Schoß. Vielmehr steckte Alejandros Hand unter ihrem kurzen Rock, und sein Mund klebte förmlich an ihrem Hals.

Für eine Sekunde stand Emmeline stocksteif da. Der Anblick der beiden machte sie sprachlos.

Dann empfand sie tiefe Kränkung.

Das war der Mann, der ihr ewige Liebe geschworen hatte? Der Mann, dem sie ihre Zukunft geopfert hatte?

„Alejandro.“ Ihre Stimme schnitt klar und deutlich durch den Lärm. Alle Köpfe drehten sich zu ihr um. Alle Augen waren auf sie gerichtet, aber sie nahm nur Alejandro wahr.

Er sah sie unter schweren Lidern an, die Lippen noch immer auf den Hals des Mädchens gepresst. Ein spöttischer Ausdruck zog über sein Gesicht.

Emmelines Beine zitterten. Der Raum schien sich zu drehen.

Er scherte sich nicht weiter darum, dass sie ihn mit Penelope erwischt hatte. Ihre Gefühle interessierten ihn nicht, weil er sich nie etwas aus ihr gemacht hatte.

Erst jetzt erkannte sie, dass für ihn alles nur ein Spiel gewesen war. Es hatte ihn gereizt, eine Prinzessin zu verführen. Die Herausforderung. Die Jagd. Die Eroberung. Sie war nichts weiter als eine Trophäe, die er sich übers Bett hängte. Und nachdem er sie einmal besessen und ihr die Unschuld genommen hatte, ließ er sie einfach fallen. Als wäre sie ein Niemand.

Wut und Schmerz machten sie beinahe blind. Wut über sich selbst, Schmerz wegen ihres Kindes. Sie hatte dumm gehandelt und trug ganz allein die Schuld. Aber war das nicht schon immer ihr wunder Punkt gewesen, dass sie sich nach Liebe und Anerkennung sehnte?

Ihre Schwäche beschämte sie, Übelkeit stieg in ihr hoch.

„Alejandro“, sagte sie noch einmal. „Wie kannst du es wagen, mich zu ignorieren!“

Aber er würdigte sie keines weiteren Blickes.

Tränen brannten in ihren Augen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu. „Du bist ein Lügner und Betrüger. Ein unverschämter Mensch, der … „

„Aufhören.“ Eine tiefe männliche Stimme unterbrach sie, und sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter.

Vergeblich versuchte sie, die Hand abzuschütteln. Sie war noch nicht fertig mit Alejandro. „Du wirst Verantwortung übernehmen müssen“, sagte sie mit vor Wut zitternder Stimme.

„Es reicht“, sagte Scheich Makin Al-Koury, den Mund ganz nah an Hannahs Ohr. Er war furchtbar wütend. Das lag nur daran, dass seine Assistentin für mehrere Tage spurlos verschwunden gewesen war und er sie wie einen streunenden Hund hatte aufspüren müssen. Zumindest redete er sich das ein. Denn eigentlich gab es noch einen anderen Grund für seine Wut.

Es lag an Hannah selbst. Sie sah so anders aus als sonst … so sexy in dem engen Kleid und den High Heels.

Unmöglich. Hannah war nicht sexy. Und doch schmiegte sich das Cocktailkleid so eng an ihren Körper, als sei es aufgemalt. Der blaue Satinstoff umschmeichelte ihre kleinen, festen Brüste und betonte ihren runden Po.

Die Tatsache, dass er ihren Po wahrnahm, irritierte ihn. Noch nie zuvor hatte er ihren Körper beachtet, ja, ihm war noch nicht einmal aufgefallen, dass sie überhaupt einen besaß. Und doch stand sie jetzt vor ihm, in diesem hautengen Kleid, mit den rauchig geschminkten Augen und dem langen dunklen Haar.

Ihre herrlichen Locken, die sich über ihren Rücken ergossen, lenkten seinen Blick erneut auf ihren Po. Sofort schoss Verlangen durch seinen Körper.

Makin biss sich auf die Unterlippe. So weit kam es noch, dass er auf seine Assistentin reagierte wie ein unreifer Schuljunge. Schließlich arbeitete sie seit fast fünf Jahren für ihn. Was war nur mit ihm los?

Sie versuchte, sich von ihm loszureißen, und seine Hand glitt über die weiche nackte Haut ihrer Schulter. Sie fühlte sich so heiß und sexy an, wie sie aussah. Und sein Körper sprang sofort auf sie an.

Verärgert drehte Emmeline d’Arcy den Kopf, um einen Blick auf ihren Peiniger zu erhaschen. Alles, was sie sah, waren Schultern – unglaublich breite Schultern, die in einem eleganten dunkelgrauen Hemd steckten.

„Lassen Sie mich los“, fauchte sie und warf den Kopf zurück, konnte aber nur sein Kinn sehen. Und was für ein Kinn – hart, kantig, männlich.

„Ihr Auftritt ist peinlich“, sagte er bestimmt. Sein Englisch hatte einen leichten Akzent.

„Lassen Sie mich los“, versuchte sie es erneut.

„Sobald wir draußen sind“, antwortete er und presste die Hand noch fester auf ihre nackte Schulter.

Bei dem Gefühl, seine warme Haut auf der ihren zu spüren, nahm sie ein angenehmes Kribbeln wahr.

„Ich muss mit Mr Ibanez reden, um …“

„Dies ist weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt“, schnitt er ihr das Wort ab. Er ließ ihre Schulter los und ergriff ihre Handgelenke.

Sein fester Griff ließ Emmeline erneut erzittern. „Lassen Sie mich auf der Stelle los“, forderte sie.

„Keine Chance, Hannah“, erwiderte er ruhig, aber bestimmt.

Er hielt sie für Hannah!

Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. Die tiefe Stimme. Die überwältigende Statur. Die immense Kraft. Keine Frage – dies war Scheich Makin Al-Koury, Hannahs Chef. Jetzt steckte sie wirklich in Schwierigkeiten, denn seit fünf Tagen gab sie sich als seine Assistentin aus.

Im nächsten Moment waren sie beim Ausgang des Clubs angekommen, und er zog sie ins Freie. Die schwere Tür fiel hinter ihnen zu, der stampfende Rhythmus verstummte.

Erst jetzt ließ er sie los und drehte sich zu ihr. Sie blickte hoch und schaute Scheich Al-Koury ins Gesicht. Er schien innerlich vor Wut zu kochen.

„Hallo“, sagte sie heiser.

„Hallo?“, wiederholte er ungläubig. „Mehr haben Sie mir nicht zu sagen?“

Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Vor fünf Tagen hatte sie es für eine brillante Idee gehalten, die Amerikanerin Hannah, die ihr so verblüffend ähnlich sah, um einen Rollentausch zu bitten. So hatte Emmeline die Wachleute ihrer Eltern austricksen wollen, um Alejandro zur Rede zu stellen. Hannah hatte sich die Haare blond färben müssen, und Emmelines Haarfarbe war zu brünett gewechselt. Eigentlich hätte nach ein paar Stunden mit der Verkleidung Schluss sein sollen. Doch seitdem waren Tage vergangen. Hannah befand sich an der östlichen Mittelmeerküste im Königreich Raguva und spielte Prinzessin Emmeline, während sich Emmeline in Florida als Hannah ausgab.

„W…was tun Sie hier?“, stotterte sie und starrte ihn an. Seine Augen nahmen sie sofort gefangen. Sie waren hellgrau, fast silbern, und ihr strenger Ausdruck ließ ihre Knie weich werden.

„Ich rette Sie davor, sich komplett lächerlich zu machen“, antwortete er. Seine Gesichtszüge waren zu hart, um als klassisch durchzugehen: das kantige Kinn, die markanten Wangenknochen, die lange, gerade Nase. „Haben Sie völlig den Verstand verloren?“

Verzweiflung ließ Emmelines Stimme schärfer klingen. „Ich muss wieder rein und mit ihm reden …“

„Offenbar hat er kein Interesse daran“, unterbrach er sie.

Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Scheich Al-Koury hatte recht: Alejandro schien das Interesse an ihr verloren zu haben, da ja die unwiderstehliche Penelope auf seinem Schoß saß. Doch dadurch durfte sie sich nicht von ihrem Ziel abbringen lassen, ihn zur Vernunft zu bringen. „Sie wissen doch gar nicht, von wem ich rede.“

„Alejandro Ibanez“, gab er ohne Umschweife zurück. „Und nun steigen Sie bitte in meinen Wagen.“

„Ich kann nicht!“

„Sie müssen.“

„Sie begreifen nicht.“ Panik stieg in ihr auf, Tränen brannten in ihren Augen. Auf gar keinen Fall durfte sie als alleinerziehende Mutter enden. Ihre Familie würde sie verstoßen, und sie würde auf der Straße landen. „Ich muss mit ihm reden. Es ist dringend.“

„Das mag sein, aber hier lauern jede Menge Paparazzi. Und Mr Ibanez schien für eine vernünftige Unterhaltung nicht … zugänglich. Also steigen Sie bitte ein.“

Erst in diesem Moment bemerkte Emmeline die Blitzlichter, die um sie herum aufflackerten. Natürlich nicht ihretwegen – für die Presse war sie ja nur Hannah Smith – sondern wegen Scheich Al-Koury, einem der mächtigsten Männer der Welt. Sein Scheichtum Kadar produzierte mehr Erdöl als jedes andere Land im Mittleren Osten.

„Ich nehme mir ein Taxi zum Hotel“, sagte sie heiser. Übelkeit stieg in ihr hoch.

Scheich Al-Koury lächelte sie an, aber seine silbernen Augen blieben eiskalt. „Ich fürchte, Sie haben mich nicht verstanden. Das war keine Bitte. Steigen Sie ein.“

Unter Aufgebot eines letzten Rests Würde hob sie das Kinn, bahnte sich einen Weg durch die Paparazzi und glitt anmutig auf die Rückbank seiner Limousine.

Makin setzte sich ebenfalls auf die Rückbank und rutschte dicht an sie heran. Viel zu nah! Sie schlug ein Bein über das andere, um sich kleiner zu machen. Seine körperliche Nähe war einfach zu viel. Eine seltsame Energie ging von ihm aus, die ihren Puls beschleunigen ließ.

„Ich wohne im Breakers“, sagte sie zum Chauffeur und strich nervös den Stoff ihres Kleides glatt. „Sie können mich dort absetzen.“

Der Scheich sah sie nicht einmal an. „Wir setzen Sie nirgends ab, sondern fahren direkt zum Flughafen. Ich werde veranlassen, dass das Hotel Ihre Sachen zu meinem Privatjet bringen lässt.“

„Privatjet?“

„Wir fliegen nach Kadar.“

Ihr Puls ging schneller, ihre Hände verkrampften sich zu Fäusten. Nein, sie würde nicht in Panik ausbrechen. „Nach Kadar?“

Ihre Blicke trafen sich. „Ja, zurück in mein Land. In einigen Tagen findet die große Konferenz in Kasbah Raha statt. Wir erwarten zwei Dutzend Würdenträger. Das war Ihre Idee – schon vergessen?“

Es gelang ihr nur schwer, einen Aufschrei zu unterdrücken. Weder wusste sie, wie man eine Konferenz abhielt, noch hatte sie eine Ahnung, welche anderen Aufgaben Hannah für Scheich Al-Koury erledigte. Doch sie würde sich zusammenreißen. Wenn es einer Texanerin wie Hannah Smith gelang, eine europäische Prinzessin zu spielen, dann würde Emmeline bestimmt auch als Sekretärin durchgehen.

„Natürlich nicht“, sagte sie mit gespieltem Selbstbewusstsein. „Wie könnte ich das wohl?“

„Weil Sie sich seit fünf Tagen krankmelden, aber jeden Abend unterwegs sind.“

„Ein Vergnügen war das nicht. Ich kann kaum einen Bissen bei mir behalten. Mein Hotelzimmer habe ich nur verlassen, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.“

„So wie heute?“

„Genau.“

„Weil Sie Mr Ibanez unbedingt sprechen müssen?“

Allein Alejandros Name löste Panik in ihr aus. Er hatte nicht nur sie, sondern auch das Baby zurückgewiesen. Verzweifelt atmete sie aus. „Ja.“

„Warum?“

Übelkeit stieg in ihr hoch. „Das ist privat.“

2. KAPITEL

Das ist privat wiederholte der Prinz von Kadar, Makin Al-Koury, stumm und sah Hannah nachdenklich an. War seine Assistentin tatsächlich auf einen Mann hereingefallen, der in jeder Stadt eine Geliebte und zu Hause eine Frau und fünf Kinder hatte?

„Was hat er Ihnen erzählt?“, fragte er kalt. „Dass er Sie liebt und ohne Sie nicht leben kann? Was musste er tun, um Sie ins Bett zu kriegen?“

Tiefe Röte zog über ihre Wangen. „Das geht Sie nichts an.“

Also hatte Alejandro Ibanez sie verführt.

Makin biss sich auf die Lippen. Er verachtete nicht viele Leute, aber Ibanez gehörte definitiv dazu. Sie kannten sich von den Poloturnieren her, und Makin hatte die Taktik des Argentiniers genau beobachtet. Jeder Frau gab Ibanez das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, und diese fielen scharenweise auf ihn herein.

Offensichtlich war auch Hannah schwach geworden.

Die ganze Woche über hatte Makin geahnt, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Seine Assistentin war immer zuverlässig. Nie kam sie zu spät oder meldete sich krank. Ihr Auftreten war professionell, engagiert, diszipliniert. Keine dieser Eigenschaften traf auf die Frau zu, die neben ihm saß.

Seit fünf Tagen fragte er sich, was mit seiner tüchtigen Sekretärin geschehen war.

Er hatte sie verfolgt, aber erst heute Abend im Club Gewissheit erlangt.

Sie hatte sich in Alejandro verliebt, und der Argentinier hatte sie benutzt, bevor er sich ihrer entledigt und ihr das Herz gebrochen hatte.

Makin kochte innerlich vor Wut. Dabei kümmerte er sich sonst nicht um die Privatangelegenheiten seiner Angestellten. Er war ihr Boss, sie arbeiteten für ihn. Mehr nicht.

„Ihr Privatleben wirkt sich auf Ihr Berufsleben aus und somit auch auf meines“, erklärte er.

„Heißt das, ich darf nicht krank werden?“ Ihre Augen funkelten zornig.

„Doch. Aber wenn Sie nicht wirklich krank sind“, erwiderte er, „nehmen Sie sich gefälligst Urlaub.“

Trotz ihrer unnatürlichen Blässe richtete sie sich kerzengerade auf. Sie strahlte eine Eleganz aus, die er an Hannah so nicht kannte. „Mir war nicht wohl“, sagte sie erhaben. Ihr aufrechter Rücken verlieh ihr fast schon etwas Königliches. „Mir geht es immer noch nicht gut. Denken Sie doch, was Sie wollen.“

Makin zog nur kurz eine Augenbraue hoch, obwohl er gern auf ihre kleine Kampfansage reagiert hätte. Hannah hatte noch nie zuvor so mit ihm gesprochen, und das reizte ihn. Sein Blick fiel auf ihre Beine. Sie waren unendlich lang und fast nackt …

Auf gar keinen Fall durften seine Gedanken eine solche Richtung nehmen. Nicht bei Hannah.

„Ihre Einstellung gefällt mir nicht“, sagte er kurz. „Wenn Sie Ihren Job behalten wollen, reißen Sie sich lieber zusammen.“

Eine leichte Röte zeichnete sich auf ihren Wangen ab. „Ich habe mich lediglich verteidigt.“ Sie musterte ihn unter langen schwarzen Wimpern. „Oder darf ich das etwa nicht?“

„Fangen Sie schon wieder an?“

„Womit?“

„Frech zu werden.“

„Bin ich Ihre Angestellte oder Ihre Sklavin?“

Angesichts dieser Dreistigkeit verstummte er für einen Moment. „Wie bitte?“, sagte er dann, und allein sein Tonfall hätte Hannah zum Schweigen bringen sollen.

Doch wieder begehrte sie auf. „Scheich Al-Koury, ich darf doch wohl meine Meinung sagen.“

„Solange Sie nicht unverschämt werden.“

„Unverschämt?“ Sie lachte auf. „Ich bin kein ungezogenes Kind, sondern fünfundzwanzig Jahre alt und …“

„Benehmen sich völlig unangemessen.“ Er beugte sich zu ihr, aber sie zuckte nicht zurück, sondern hob trotzig das Kinn und sah ihm in die Augen. Wieder loderte ein Gefühl in ihm auf – war es Neugier oder Verlangen? Ganz gleich, er musste dagegen angehen.

„Sie enttäuschen mich“, sagte er knapp.

Für einen Moment konnte man verschiedene Emotionen in ihrem Gesicht ablesen. Sie wirkte wild und stolz, aber auch verletzt.

Etwas regte sich in seiner Brust. Das Gefühl war ihm fremd: so heiß, stechend, aufwühlend. Er musste es in den Griff bekommen. „Ich weiß nicht, was für ein Spielchen sie getrieben haben, aber jetzt ist es vorbei. Entweder richten Sie sich wieder nach meinen Spielregeln, oder Sie können sich gleich morgen einen neuen Job suchen.“

Obwohl sich ihre Brust vor Wut hob und senkte, gab sie keine Antwort. Stattdessen sah sie ihn trotzig an.

Wie hatte er Hannah je für ruhig und beherrscht halten können? Diese Frau war alles andere als beherrscht. Ihre geheimnisvollen lavendelblauen Augen glühten vor wilden Emotionen.

Kannte er sie überhaupt?

Er runzelte die Stirn und ließ seinen Blick über ihren Körper wandern. Bei der Arbeit gab sie sich zugeknöpft und kleidete sich unauffällig. Aber natürlich hatte sie sich an diesem Abend nicht für ihn herausgeputzt, sondern für Alejandro, ihren Liebhaber.

Bei dem Gedanken verkrampfte sich seine Brust, und etwas entglitt seiner Selbstbeherrschung und breitete sich heiß und verlangend in seinem Inneren aus. Aus einem unerklärlichen Grund war ihm die Vorstellung zuwider, dass dieser Ibanez sie berühren könnte.

Sie war zu gut für einen solchen Mann.

Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Das türkisfarbene Satinkleid bildete einen herrlichen Kontrast zu ihrer hellen Haut und dem kastanienbraunen Haar, das sich über ihre Schultern ergoss. Natürlich war ihm schon früher aufgefallen, dass Hannah attraktiv war, aber ihre Schönheit war ihm bislang entgangen.

Eigentlich gehörte Hannah nicht zu den Frauen, die aus ihrem Inneren heraus strahlen. Sie war solide, stand mit beiden Beinen fest im Leben und stellte die Arbeit über alles. Make-up trug sie selten, aus Mode machte sie sich nichts. Doch heute Abend wirkte sie so strahlend schön, dass er sie am liebsten berührt hätte.

Plötzlich fuhr sie mit der Zungenspitze über ihre sinnlich geschwungene Unterlippe. In seinen Lenden regte sich etwas, und für einen Moment war er fast neidisch auf ihre Lippe. Schnell schob er den Gedanken beiseite, doch das Blut pulsierte bereits in seiner Männlichkeit.

„Drohen Sie mir mit Kündigung, Scheich Al-Koury?“ Ihr unverschämter Tonfall war äußerst provokant.

„Sie sollten eigentlich wissen, dass ich meinen Angestellten niemals drohe. Aber ich bin am Ende meiner Geduld angekommen und …“

„Ich möchte nicht unhöflich sein“, unterbrach sie ihn und stöhnte leise. „Wie weit ist es noch bis zum Flughafen? Mir wird nämlich schlecht.“

Wegen der Übelkeit nahm Emmeline den Rest der kurzen Fahrt zum Flughafen kaum wahr. Die Luxuslimousine passierte mehrere Tore und hielt schließlich auf einer Rollbahn, direkt neben einem weißen Privatjet.

Eine Stewardess führte Emmeline hilfsbereit die Stufen der Gangway hinauf und geleitete sie umgehend zu einem kleinen Waschraum im Inneren der Maschine.

Nachdem die Stewardess das Licht angeschaltet und die Tür geschlossen hatte, war Emmeline endlich allein.

Schweißtropfen liefen ihr über die Stirn, als sie vor der Toilette niederkniete. Krampfartig entlud sich der Inhalt ihres Magens.

Das saure Brennen in ihrem Hals war nichts im Vergleich zu der Säure, die in ihrem Herzen brannte. Alles war allein ihre Schuld … Wie dumm sie sich benommen hatte! In einem schwachen Moment hatte sie sich an den falschen Mann geklammert und dazu noch die unschuldige Hannah in die Geschichte hineingezogen.

Ein Anflug von Reue überkam sie. Warum nur war sie nicht stark, sondern so bedürftig? Hatte sie sich nicht ihr Leben lang nur nach Liebe gesehnt?

Aber ihren Eltern konnte sie nicht die Schuld geben. Sie hatten immer versucht, ihr Bestes zu geben. Nein, alles war allein ihre Schuld. Selbst als kleines Kind war sie mehr als anhänglich gewesen, wollte immerzu im Arm gehalten und mit Liebe überschüttet werden. Und schon damals hatte sie sich dafür geschämt, mehr Zuneigung zu brauchen, als ihre Eltern ihr geben konnten.

Eine gute Prinzessin hatte keine Bedürfnisse.

Eine gute Prinzessin bereitete keine Probleme.

Emmeline erfüllte keine dieser Bedingungen.

Wieder drehte sich ihr Magen und sie kniete erneut über der Schüssel.

Tränen brannten in ihren Augen. Warum sprach man von Morgenübelkeit, wenn ihr doch morgens, mittags und abends schlecht war?

Plötzlich klopfte es an der Tür. „Hannah?“

Makin Al-Koury. Ihr Magen machte einen Salto. „Ja?“

„Darf ich reinkommen?“

Nein. Aber das durfte sie als Hannah natürlich nicht sagen. „Ja.“

Langsam ging die Tür auf und ein Schatten fiel auf den Boden.

Sie blinzelte die Tränen weg und schaute hoch. Makins breite Schultern füllten beinahe den Türrahmen aus. Sein Gesichtsausdruck war wie versteinert. In seinen hellgrauen Augen lag kein Mitgefühl, keine Güte. Genau wie vorhin, als er sie aus dem Club auf die Straße gezerrt hatte.

Während der gesamten Fahrt zum Flughafen war er wütend gewesen, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte sich sein Zorn nicht gelegt.

„Kann ich Ihnen etwas bringen lassen?“ Seine tiefe Stimme hallte in dem engen Waschraum wider.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Vielen Dank.“

„Sie sind krank.“

Sie nickte und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. „Ja.“

„Warum haben Sie nichts gesagt?

„Das habe ich.“ Eine Falte zeichnete sich auf ihrer Stirn ab.

„Waren Sie beim Arzt?“

„Nein.“

„Warum nicht? Sie sagten doch, Sie können nichts bei sich behalten. Lassen Sie sich ein Medikament verschreiben.“

„Das würde nichts nützen.“

„Warum nicht?“

Die Ungeduld in seiner Stimme ließ sie zusammenzucken. Fast hatte sie den Eindruck, seine Maske wäre gefallen und dahinter etwas Wildes zum Vorschein gekommen. „Weil …“

Ihre Stimme versagte, als sie in seine hellgrauen Augen blickte und ihr die Erkenntnis kam. Vielleicht war er der reichste Scheich des Nahen Ostens und mit den Gepflogenheiten der modernen westlichen Welt bestens vertraut. Aber unter dem eleganten Maßanzug war er noch immer ein Sohn der Wüste.

Mit Sicherheit würde Scheich Al-Koury keine schwangere Angestellte dulden. Das widersprach seinem Ehrgefühl. Emmeline konnte vielleicht nicht schnell tippen oder Telefonkonferenzen organisieren, aber dafür hatte sie genügend Zeit in den Arabischen Emiraten verbracht, um das dortige Konzept der Schande zu kennen. Denn eine unverheiratete schwangere Frau würde über ihren Arbeitgeber nur Schande bringen.

„Das kommt vom Stress“, sagte sie. „I…ich werde mich zusammenreißen, das verspreche ich.“

„Gut, tun Sie das. Ich zähle auf Sie. Sollten Sie Ihre Arbeit nicht mehr schaffen, lassen Sie es mich wissen. Dann finde ich Ersatz für Sie.“

„Ich werde sie schaffen.“

Er sah sie lange an, dann fragte er unvermittelt: „Wieso Ibanez?“

Sie zuckte die Schultern. „Er hat gesagt, er liebt mich.“

Seine Miene nahm harte Züge an. „Und Sie haben ihm geglaubt?“

„J…ja.“

Ein kehliger Laut entfuhr ihm. „Kaum zu glauben, dass Sie auf ihn hereingefallen sind. Das sagt er doch zu jeder Frau. Aber ich hätte Sie für schlauer gehalten. Ist Ihnen nicht aufgefallen, was für ein aalglatter und falscher Mensch er ist?“

„Leider nein.“ Sie schluckte.

Makin musste seinen Zorn zügeln, als er Hannah betrachtete, die da vor ihm auf dem Boden kniete. Ein anderer Mann hätte vielleicht Mitleid beim Anblick ihrer zerbrechlichen Schönheit empfunden. Er nicht, vor allem nicht, nachdem sich gezeigt hatte, dass sie sich so leicht verführen ließ. Und selbst so verführerisch war. Jetzt stellte sie ein echtes Problem dar.

Privat- und Berufsleben durften sich nicht überschneiden. Sex, Verlangen, Lust hatten an einem Arbeitsplatz nichts zu suchen.

„Ich hatte Achtung vor Ihnen.“ Seine Stimme klang harsch. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich die noch habe.“

Sichtlich getroffen zuckte sie zusammen. Der Anblick tat ihm seltsam weh.

Aber Nachsicht durfte sie von ihm nicht erwarten, das entsprach nicht seinen Glaubenssätzen. Makin war als Einzelkind aufgewachsen. Sein Vater, ein mächtiger Beduinenführer, war fast zwanzig Jahre älter gewesen als seine französische Mutter Yvette.

In seiner Kindheit hatten die Eltern selten über ihre Vergangenheit gesprochen. Aber Makin hatte genügend Details zusammengetragen, um sich ihre Liebesgeschichte auszumalen. Sie hatten sich in Paris kennengelernt. Seine Mutter, eine zwanzigjährige Filmstudentin, hatte den Kopf voller Pläne gehabt. Wenige Wochen, nachdem sie Tahnoon Al-Koury kennengelernt hatte, nahm sie dessen Heiratsantrag an und tauschte die eigenen Träume gegen die seinen. Nach der schlichten Hochzeit in Paris war das Paar nach Kadar gezogen.

Seine Großeltern mütterlicherseits hatte Makin nur ein einziges Mal gesehen – bei der Beerdigung seines Vaters. Seine Mutter hatte sich geweigert, mit ihnen zu sprechen, und so hatte er sich selbst vorstellen müssen. Sie schienen nicht begreifen zu können, warum ihre Tochter sich in einen Araber verliebt hatte, der dazu noch an den Rollstuhl gefesselt war.

Seit seiner Geburt war Makin an den Anblick seines Vaters im Rollstuhl gewöhnt gewesen und hatte das weder als beängstigend noch tragisch empfunden. Sein Vater Tahnoon liebte seine Frau und den Sohn abgöttisch und kämpfte trotz schlimmer Krankheit unablässig um jedes bisschen Bewegungsfreiheit.

Als Tahnoon starb, war Makin zwanzig Jahre alt. Doch in der gemeinsamen Zeit, die ihnen geblieben war, hatte er von seinem Vater weder Klagen noch Ausflüchte gehört, obwohl dieser ständig unter Schmerzen litt. Sein Vater war ein stolzer und entschlossener Mann gewesen und hatte ihm beigebracht, dass man im Leben stark und mutig sein musste.

„Sie haben die Achtung vor mir verloren, weil ich geliebt werden will?“ Hannahs Frage brachte Makin ins Hier und Jetzt zurück.

Er sah ihr in die Augen und spürte wieder diese seltsame Erregung. „Ich habe die Achtung vor Ihnen verloren, weil Sie von ihm geliebt werden wollen. Ibanez ist Ihrer nicht würdig. Er ist arrogant und selbstsüchtig, und die Frauen, die ihm hinterherrennen, sind einfach nur dumm.“

„Das sind harte Worte.“

„Aber leider auch wahr. Ständig verursacht dieser Mann einen Skandal. Er bevorzugt verheiratete oder frisch verlobte Frauen, wie diese lächerliche Prinzessin Emmeline …“

„Diese lächerliche Prinzessin Emmeline?“, unterbrach sie ihn. „Kennen Sie sie?“

„Nicht direkt.“

„Dann dürfen Sie sie nicht verurteilen.“

„Oh doch. Ihre Familie ist mir bekannt, und ich habe am Ball zu Ehren ihres sechzehnten Geburtstags teilgenommen. Sie ist die Verlobte von König Zale Patek, und er tut mir leid. Sie hat ihm Hörner aufgesetzt, indem sie Ibanez hinterhergelaufen ist. Niemand hat vor dieser Frau Achtung.“

„Eine schlimme Behauptung.“

„Ich bin nur ehrlich. Wenn andere es ebenfalls gewesen wären, hätte sich die Prinzessin vielleicht anders entwickelt.“ Er zuckte herablassend mit den Schultern. „Aber diese Frau ist mir egal. Sie hingegen nicht. Ich möchte, dass Sie Ihre Arbeit erledigen. Und ich möchte nicht, dass Sie noch eine Minute Ihrer Zeit an Ibanez verschwenden. Verstanden?“

„Ja“, sagte sie heiser.

„Dann reißen Sie sich zusammen und setzen Sie sich auf Ihren Platz, damit wir starten können.“

In einem kleinen Wandschrank fand Emmeline Kamm und Zahnbürste. Sie wusch sich das Gesicht, putzte die Zähne und kämmte das Haar. Die neue Haarfarbe war noch immer ungewohnt, und sie sehnte sich nach ihren blonden Locken zurück. Außerdem vermisste sie ihre exklusiven Kleider, vermisste ihr altes Leben.

Auch Hannah musste sich so fühlen, seitdem sie in ihre Rolle geschlüpft war. Dabei hatte sie noch nicht einmal etwas davon, wenn sie sich als Prinzessin ausgab. Es war allein Emmeline, die davon hatte profitieren wollen.

Sie schloss die Augen. Ihre Selbstsucht hatte so viele Menschen in Mitleidenschaft gezogen. Hannah. König Patek. Scheich Al-Koury.

Sie musste unbedingt alles wieder ins Lot bringen.

Nachdem sie sich zumindest äußerlich beruhigt hatte, betrat sie die Kabine und ließ sich von der Stewardess zu ihrem Platz führen, in der Nähe von Makin, der allerdings mit seinem Laptop beschäftigt war.

Sie versuchte, nicht in seine Richtung zu schauen, als das Flugzeug sich in Bewegung setzte. Sein Äußeres machte sie unruhig.

Er war so groß, kräftig, muskulös. Während er tippte, spannte er die Arme an, und der kräftige Bizeps zeichnete sich unter dem engen Hemd ab. Selbst seine Hände waren stark, obwohl sich seine Finger mit Leichtigkeit über der Tastatur bewegten.

Wie es wohl wäre, wenn er sie berührte und ihren Körper streichelte, durchfuhr es sie. Wäre die Berührung eher leicht und sanft oder hart und grob?

Solche Dinge hatte sie sich früher nie ausgemalt, aber nach der Nacht mit Alejandro war alles anders geworden. Sie hatte erkennen müssen, dass Sex in Filmen und Büchern immer verklärt wurde.

Sex war weder zärtlich noch lustvoll.

Ihrer Erfahrung nach war es ein seelenloser Akt. Alejandro hatte ihren Körper in Besitz genommen – mehr war es nicht gewesen.

Sie hatte kindische und unreife Erwartungen gehabt. Warum war sie nicht darauf vorbereitet gewesen, dass Alejandro in sie hineinstieß, bis er den Höhepunkt erreichte, und dann aufstand, duschte und verschwand?

Sie hatte gehofft, dass Sex die Leere in ihrem Inneren ausfüllen würde, aber diese war seitdem nur noch unerträglicher geworden.

Als Emmeline an ihren Fehlgriff dachte, zitterte sie vor Scham und zog die Decke bis ans Kinn.

„Sollen wir die Heizung höher stellen?“, fragte Makin.

Langsam öffnete sie die Augen. Er hatte sie beobachtet. „Alles in Ordnung“, sagte sie.

„Wollen Sie eine zweite Decke?“

„Alles in Ordnung“, wiederholte sie.

„Sie zittern ja.“

Emmeline errötete. „Ich denke an unschöne Dinge.“

„Ibanez ist es nicht wert. Er ist ein Lügner und Betrüger. Sie verdienen einen wahren Prinzen.“

Welch’ Ironie in seinen Worten steckte! Hannah verdiente einen wahren Prinzen, während Emmeline nur Hohn und Spott gebührte.

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Zu gern wäre sie die tüchtige Hannah gewesen, die er so bewunderte, und nicht die verzogene Prinzessin, die er so gering schätzte.

Seine Verachtung verletzte sie. Er hatte einen Nerv getroffen, fast so, als hätte er hinter die schöne Fassade geblickt und die wahre Emmeline erkannt. Die Emmeline, die sich so wertlos fühlte.

Ihr Leben lang hatte sie sich gefragt, warum sie sich so unsicher und einsam fühlte. Eine halbe Stunde vor dem großen Ball zu ihrem sechzehnten Geburtstag hatte sie dann erfahren müssen, dass König William und Königin Claire nicht ihre Eltern waren. Ihre Mutter war eine unverheiratete Frau aus Brabant gewesen, der Vater unbekannt.

Völlig verstört war sie auf dem Ball erschienen. Warum König William ihr unbedingt kurz vor der Party die Wahrheit hatte eröffnen müssen, war ihr unbegreiflich. Statt zu tanzen und zu feiern, hatte sie den ganzen Abend lang über ihre wahre Mutter nachgedacht.

Seit der Enthüllung waren neun Jahre vergangen, doch immer noch verwirrte sie der Gedanke. Lag es vielleicht an der Adoption, dass sie solche Angst davor hatte, verlassen zu werden?

„Was wollten Sie eigentlich in der Mynt Lounge bezwecken?“, fragte Makin unvermittelt.

„Er hat gesagt, er liebt mich …“

„Ja, das weiß ich schon“, unterbrach er ungeduldig.

„… und ich dachte, wenn er mich sehen würde, würde ihm wieder einfallen, dass er mir die Ehe versprochen hat“, fuhr sie fort.

„Er hat Sie gebeten, seine Frau zu werden?“, fragte er ungläubig.

Trotzig hob sie das Kinn. „Ja.“

Schweigend sah Makin sie lange an. Dann sagte er: „Alejandro ist bereits verheiratet. Außerdem hat er fünf Kinder.“

„Das kann nicht sein.“

„Habe ich Sie jemals angelogen?“

Sie blieb ihm die Antwort schuldig, und er wandte sich wieder seinem Laptop zu.

Übelkeit stieg erneut in ihr hoch. Alejandro verheiratet? Vater von fünf Kindern? Die Situation wurde immer auswegloser.

3. KAPITEL

Stunden später erwachte Emmeline von dem Geräusch der Landeklappen. Im Halbschlaf spähte sie aus dem Fenster, konnte unter sich aber nichts erkennen außer einem hellen Goldton. Keine Gebäude, keine Lichter, kein Anzeichen von Leben. Sondern nur Sand.

Benommen richtete sie sich auf. In weiter Ferne entdeckte sie einen grünen Fleck. Eine Stadt konnte es nicht sein, auch kein Flughafen, trotzdem befanden sie sich im Sinkflug, als hielten sie geradewegs darauf zu.

Wenige Minuten später berührten sie festen Boden. Die Landung war sanft, dann bremste die Maschine scharf ab. Sie rasten über den schwarzen Asphalt, der zu beiden Seiten von rot-goldener Wüste gesäumt war. In der Ferne sah sie eine zerklüftete Bergkette, die in der Morgensonne wie Kupfer glänzte.

Aus irgendeinem Grund hatte sie eine Stadt erwartet. Die meisten Herrscher, die sie in Dubai oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten kannte, lebten in weltoffenen Städten – mit Modeboutiquen, Luxushotels und Fünf-Sterne-Restaurants. Heutzutage waren Scheiche reicher als die Angehörigen der europäischen Fürstenhäuser. Sie konnten sich jeden erdenklichen Luxus leisten und besaßen Privatjets, Jachten, Sportwagen und einen Stall voller Rassepferde.

So hatte sie sich auch die Welt von Scheich Al-Koury vorgestellt. Stattdessen gab es nur Sand. Buchstäblich ein Sandmeer, das sich bis zu dem Gebirge erstreckte.

Ihre Idee, Hannah einfach einfliegen zu lassen und die Rolle mit ihr zurückzutauschen, war nicht zu verwirklichen. Das wusste Emmeline inzwischen. Jedes Flugzeug würde in dieser Wüste bemerkt werden.

„Sie sehen enttäuscht aus“, sagte Makin.

„Warum sollte ich enttäuscht sein?“, fragte sie möglichst beiläufig.

Seine silbernen Augen blickten sie an. Ein seltsames Leuchten ging von ihnen aus.

„Sie haben die Wüste und Kasbah Raha nie gemocht“, sagte er sanft. „Ihnen gefällt das pulsierende Leben in Nadir besser.“

„Mag sein“, gab sie zurück. „Dennoch gefällt mir, wie die Morgensonne den Sand in goldenes und kupferfarbenes Licht taucht.“

„Das ist neu. Normalerweise liegt Ihnen nicht viel an der Wüste, weil Sie hier immer an die Ranch in Texas denken müssen.“

„Aber ich denke gern an die Ranch, schließlich bin ich dort aufgewachsen“, wagte sie sich vor.

„In Nadir haben Sie Freunde und ein eigenes Apartment, während Sie hier die ganze Zeit mit mir allein verbringen müssen.“

Mit ihm allein. Bei dem Gedanken überkam sie Angst. Sie konnte sich nicht vorstellen, eine weitere Stunde, geschweige denn Tage mit ihm allein zu verbringen. Hannah und sie mussten schleunigst wieder die Rollen tauschen.

Plötzlich flackerte es in seinen Augen, und er grinste spöttisch. Sie hätte schwören können, dass er ihre Gedanken erraten hatte. Dabei konnte er unmöglich wissen, wie sehr er sie irritierte.

Makin stand auf und er schien den ganzen Raum einzunehmen. Alejandro war vielleicht attraktiv, aber dieser Mann strahlte Macht aus.

„Glücklicherweise werden Sie mit meinen Gästen zu beschäftigt sein, um sich einsam zu fühlen“, fügte er hinzu. „Ich verlasse mich darauf, dass alles für ihre Ankunft vorbereitet ist?“

„Selbstverständlich.“ Sie lächelte mit gespieltem Selbstbewusstsein.

„Gut. Gestern Abend habe ich mir nämlich ernsthaft Gedanken gemacht, dass Sie für die Konferenz nicht genügend vorbereitet sein könnten. Aber da Sie während des gesamten Flugs geschlafen haben, dürften Sie jetzt ausgeruht sein. Haben Sie eigentlich ein Schlafmittel genommen?“

„Warum?“

„Weil Sie normalerweise im Flugzeug nicht schlafen können.“

„Wahrscheinlich war ich einfach zu erschöpft“, sagte sie wahrheitsgemäß. In letzter Zeit schlief sie viel, wohl eine Nebenwirkung der Schwangerschaft. „Haben Sie sich auch ein wenig ausruhen können?“

„Ich konnte nicht schlafen“, gab er zurück. „Ich habe mir – ähm – Ihretwegen Sorgen gemacht.“

Ihr Herz machte einen Sprung, weil echte Besorgnis in seiner Stimme lag.

Vielleicht verachtete er Emmeline, aber Hannah bewunderte er.

Sie spürte einen Anflug von Neid. Was hätte sie dafür gegeben, eine Frau wie Hannah zu sein, die Liebe und Achtung verdiente.

Um ihre Aufgewühltheit zu verbergen, schaute sie aus dem Fenster. Das Flugzeug hatte die Parkposition eingenommen, und eine Limousine fuhr herbei. Trotz der frühen Morgenstunde flimmerte die Hitze auf dem Asphalt.

Diese riesige Wüste war die Heimat von Scheich Al-Koury, und Emmeline beschlich eine Vorahnung, dass sich hier ihr Leben für immer ändern würde.

Makin streckte seine Beine auf dem Rücksitz der geräumigen, mit allen erdenklichen Extras ausgestatteten Limousine aus.

In dem glücklichen Gefühl, wieder zu Hause zu sein, entspannte er sich ein wenig.

Seine Familie besaß Paläste in ganz Kadar, aber ihm hatte die ländliche Kasbah Raha schon immer am besten gefallen. Allein der Name Kasbah Raha – ‚Palast der Ruhe‘ – symbolisierte Frieden. Nur hier in der Wüste, ohne den Lärm der Städte, konnte er durchatmen und klar denken.

„Gehen wir die heutigen Termine durch“, sagte er zu Hannah gewandt. Sie saß zu seiner Linken und schien sich einigermaßen gefasst zu haben. „Welche Gäste werden als Erstes eintreffen?“

Er erwartete, dass Hannah nach ihrer Tasche oder nach dem Handy griff. Stattdessen sah sie ihn verwirrt an. „Ich … habe keine Ahnung.“

Zuerst dachte er, sie würde einen Witz machen, obwohl das gar nicht ihrer Art entsprach. Doch nach einem Moment unangenehmer Stille erkannte er, dass sie es ernst meinte.

Er runzelte die Stirn. „Aber das ist schließlich Ihre Aufgabe.“

Ihr Atem ging schneller. „Ich muss meinen Kalender verloren haben.“

„Ihr Kalender ist doch auf Ihrem Laptop. Wo ist er?“

Nervös zuckte sie die Schultern. „Ich weiß es nicht.“

Er schwankte zwischen Unmut und Unverständnis. Was war nur mit seiner Sekretärin los? Er drehte sich irritiert zum Fenster.

„Sie haben Ihren Computer verloren?“, fragte er, den Blick auf die Sanddünen geheftet.

„Ja. Ich muss ihn irgendwo liegen gelassen haben, als es mir nicht gut ging.“

„Wie bitte?“

Abrupt wandte er sich zu ihr um und nahm die Verlorenheit in ihrem Blick wahr.

„Es muss in Palm Beach passiert sein, gleich nach dem Turnier.“

„Warum haben Sie es nicht schon früher gesagt?“

„Das hätte ich wohl. Es tut mir leid.“

Sie sah so verzweifelt aus, dass er sich jeden weiteren Kommentar verkniff. Jemand hatte ihr gerade das Herz gebrochen. Da konnte er zumindest für einen Tag Geduld mit ihr haben.

„Sie haben ja bestimmt eine Sicherungskopie auf Ihrem PC. Sobald wir im Palast sind, gehen Sie in Ihr Büro, drucken den Kalender aus und bringen mich auf den neuesten Stand.“

„Danke“, flüsterte sie.

Aufmerksam betrachtete er sie. Ihr Rücken war kerzengerade, ihr Kopf erhoben. Hannah wirkte wie ein völlig anderer Mensch.

Dann fiel ihm der Flug wieder ein. Seine Miene verfinsterte sich. „Sie haben im Schlaf gesprochen.“

Wortlos starrte sie ihn an.

„Auf Französisch“, fuhr er fort. „Und zwar so akzentfrei, dass ich fast gedacht hätte, es sei Ihre Muttersprache.“

„Sie sprechen Französisch?“

„Natürlich, meine Mutter war Französin.“

Daraufhin errötete sie. „Habe ich irgendetwas gesagt, dass mir peinlich sein müsste?“

„Nur, dass Sie in der Klemme sitzen.“ Er wartete, bis sie den Satz verdaut hatte. „Was haben Sie angestellt, Hannah? Wovor haben Sie Angst?“

„Nichts.“ Die Antwort kam zu schnell, als dass er sie ihr abgenommen hätte.

Makin verärgerte das. Wusste sie nicht, dass er sie womöglich besser kannte als jeder andere Mensch? In den letzten Jahren hatten sie so eng zusammengearbeitet, dass er manchmal den Eindruck hatte, ihre Gedanken lesen zu können.

Dennoch war ihre Beziehung rein beruflicher Natur. Aus ihrem Privatleben hatte er sich bislang herausgehalten. Falls sie in der Klemme saß, würde ihr bestimmt ein Ausweg einfallen. Schließlich war sie stark, selbstbewusst und unabhängig.

Nur, dass sie im Moment gar nicht danach aussah.

Ihr Gesicht war kreidebleich und sie schluckte mehrmals, als müsse sie gegen erneute Übelkeit ankämpfen. „Sollen wir anhalten?“, fragte er.

„Ja! Bitte!“

Makin gab dem Fahrer ein Zeichen, der sofort am Straßenrand hielt. Hannah sprang aus dem Auto und stapfte in ihren High Heels durch den Sand.

Er war sich nicht sicher, ob er ihr folgen sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Dennoch stieg er aus und stellte sich neben den Wagen, falls sie Hilfe benötigte.

Obwohl es noch früh am Morgen war, brannte die Wüstensonne schon heiß. Ihm gefiel das, dies war seine Heimat. Kasbah Raha war nur noch wenige Kilometer entfernt, und er wollte endlich nach Hause.

Hier verbrachte er jedes Jahr ein paar Monate – für ihn die schönste Zeit.

Wenn er in Raha wohnte, arbeitete er meist bis spät in die Nacht, doch die Arbeit war nun einmal sein Leben.

Darüber hinaus hatte er in Nadir eine Geliebte, die er mehrmals die Woche aufsuchte. Natürlich wusste Hannah über Madeline Bescheid, auch wenn sie sich sonst nicht über ihrer beider Liebesleben austauschten.

Plötzlich klingelte sein Handy, das Geräusch schrillte durch die menschenleere Wüste. Er zog das Telefon aus der Hosentasche, sah, dass es der Sicherheitschef seines Palasts in Nadir war und antwortete auf Arabisch.

Geschockt hörte er, was ihm der Mann zu berichten hatte. Hannah ging es bereits schlecht, die Nachricht würde sie am Boden zerstören.

Nachdem er aufgelegt hatte, tauchte Hannah am Horizont auf. Sie strich den Stoff ihres Cocktailkleids glatt und lächelte entschuldigend. „Es tut mir leid.“

Er blickte ernst. „Sie sind immer noch krank.“

„Ich habe weder etwas getrunken noch gegessen und bin lediglich unterzuckert.“

Makin sagte dem Fahrer etwas auf Arabisch, und dieser ging zum Kofferraum und nahm zwei Wasserflaschen aus dem kleinen eingebauten Kühlschrank.

„Vielen Dank“, sagte sie zum Fahrer und nahm die kalte Flasche.

Mit zitternden Händen trank sie ein paar Schlucke. Makin entging weder das Zittern noch die dunklen Ringe unter ihren Augen. Sie brauchte unbedingt Ruhe.

Und keine schlechten Nachrichten.

Hannah würde alles noch früh genug erfahren, also konnte er sie für den Moment verschonen. Es gab sowieso nichts, was einer von ihnen hätte tun können.

Er würde es ihr erzählen, nachdem sie im Palast angekommen waren.

„Sind Sie bereit?“, fragte er und deutete zum Wagen.

4. KAPITEL

Emmeline drehte die kalte Wasserflasche in den Händen und tat so, als würde sie die Landschaft bewundern. Dabei versuchte sie nur, Makins Blick auszuweichen.

Seit dem Zwischenstopp wirkte er noch gereizter.

Offenbar hatte er telefoniert, denn sie hatte das Klingeln des Handys gehört. Und ihr sechster Sinn sagte ihr, dass es in dem Gespräch um sie gegangen war.

Vielleicht litt sie an Verfolgungswahn, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass ihm irgendetwas an ihr aufgefallen war.

Hatte er herausgefunden, dass sie nicht Hannah Smith war?

Plötzlich sah sie am Horizont einen grünen Fleck auftauchen, der sich beim Näherkommen als eine blühende Oase mit einem Dorf aus roten Lehmziegeln erwies.

Der Fahrer bog in eine Straße ein, die von hohen Dattelpalmen gesäumt war.

Als sich der Wagen einem großen Tor näherte, öffnete sich dieses geräuschlos. Dann fuhr die Limousine in das von Mauern umgebene Dorf ein.

„Zu Hause“, sagte Makin zufrieden, als sie eine Allee aus Palmen passierten, deren Palmwedel sich vor dem leuchtend blauen Himmel abzeichneten.

Ein Tor nach dem anderen öffnete sich, bis Emmeline die Palastanlage entdeckte. Das Auto fuhr näher heran und sie erkannte, dass der Gebäudekomplex aus einer ganzen Reihe von wunderschönen Häusern bestand, die durch Innenhöfe und Gärten miteinander verbunden waren. Einige waren mit spitzen Türmen, andere mit Kuppeln verziert, alle mit purpurfarbener Bougainvillea bewachsen.

Der Wagen hielt vor dem größten, drei Stockwerke hohen Gebäude. Die goldene Eingangstür war mit einem fein gearbeiteten Muster verziert, und links und rechts davon standen Säulen, die mit goldener, blauer und weißer Farbe dekoriert waren.

Angestellte in blütenweißen Hosen und Jacken standen vor dem Eingang Spalier und verbeugten sich tief, als Scheich Al-Koury aus dem Wagen stieg.

Makin blieb an der Schwelle der Tür stehen und wartete auf Emmeline. Gemeinsam betraten sie das Haus und ließen das gleißende Sonnenlicht und die sengende Hitze hinter sich.

Das luftige Foyer war von einer Kuppel aus blauen und goldenen Mosaiksteinen überdacht, und die cremefarbenen Wände zierten kunstvolle goldene Muster. „Wunderschön“, entfuhr es Emmeline.

Der Scheich blickte verwundert.

Ihr fiel ein, dass sie ja die Rolle der Hannah spielte und den Palast somit gut hätte kennen müssen. „Ich meine natürlich die angenehme Frische“, erklärte sie errötend.

Einen Moment lang sah er sie fragend an, dann nickte er. „Ich geleite Sie zu Ihrem Zimmer.“

Sie durchquerten das Foyer und betraten einen schmalen Gang. Sonnenlicht ergoss sich durch hohe Fenster. An den elfenbeinfarbenen Wänden befanden sich prächtige Mosaiken, und große Kupferlampen hingen von der hohen Decke.

Als sie einen Rundbogen passierten, tat sich vor ihnen ein rosenbewachsener Laubengang auf. Die Rosen standen in voller Blüte und ihr betörender Duft erinnerte Emmeline an den Garten ihrer Eltern in Brabant. Schmerzlich fiel ihr ein, dass sie ihn vielleicht niemals wiedersehen würde. Wenn ihre Eltern herausfanden, dass sie König Patek nicht heiraten konnte, würden sie sie mit Verachtung strafen und ihr die strengsten Vorhaltungen machen.

Derweil war Makin vor einer herrlichen Mahagonitür stehen geblieben.

Hannahs Zimmer dachte sie und öffnete die Tür zu einem geräumigen Apartment. Das elegante Wohnzimmer verfügte über eine hohe Decke, die Wände waren in einem blassen Goldton und die Möbel allesamt in Schattierungen von Gold, Rot und Elfenbein gehalten. Hinter dem Wohnzimmer erspähte Emmeline ein Schlafzimmer und sogar eine kleine Teeküche.

„Der Koch hat Ihr Lieblingsbrot gebacken“, sagte Makin und nickte zu einem mit Stoff bedeckten Laib auf der Küchenanrichte. „Im Kühlschrank stehen Milch und Joghurt. Versprechen Sie mir, dass Sie sofort etwas essen.“

Sie nickte. „Versprochen.“

„Gut.“ Er blieb leicht befangen im Eingang stehen. „Ich muss Ihnen etwas erzählen. Wollen wir uns setzen?“

Emmeline ging zur hellen Couch und rückte einige bestickte Seidenkissen zur Seite, um Platz zu nehmen. Makin folgte ihr, blieb allerdings vor dem Sofa stehen, die Arme vor der breiten Brust verschränkt.

„Es gab einen Unfall“, sagte er. „Letzte Nacht auf dem Weg zum Flughafen. Alejandro hat die Kontrolle über sein Auto verloren und ist gegen einen Baum gerast. Penelope war sofort tot, Alejandro liegt im Krankenhaus.“

Mit dieser Nachricht hatte Emmeline nicht gerechnet. Fassungslos öffnete sie den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.

„Er wird seit mehreren Stunden operiert“, fuhr er fort. „Er hat innere Blutungen, sein Zustand ist sehr kritisch.“

Emmeline presste eine Hand auf die Brust.

Penelope war tot. Alejandro schwebte in Lebensgefahr.

Tränen brannten in ihren Augen, und sie starrte durch die Glastür in den Garten.

„Ist Alejandro … gefahren?“ Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden.

„Ja. Penelope wurde beim Aufprall aus dem Wagen geschleudert.“

Sie schloss die Augen und sah die Szene im Kopf vor sich. Sie verspürte großes Mitleid mit Penelope. Das Mädchen war noch so jung gewesen.

Eine heiße Träne lief Emmeline über die Wange. Mit einer ruckartigen Bewegung wischte sie sie weg. Sie war wütend: Alejandro ruinierte das Leben jeder Frau.

„Es tut mir leid“, sagte Makin. „Ich weiß, dass Sie in ihn verliebt waren …“

„Bitte.“ Sie hob abwehrend die Hand. „Nicht jetzt.“

Völlig unerwartet kniete sich Makin vor ihr hin, nahm ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und zwang sie, ihn anzusehen. „Ich weiß, was für eine schwere Zeit Sie durchmachen. Aber Sie werden darüber hinwegkommen.“

Dann fuhr er mit dem Daumen über ihre Wange und wischte eine Träne weg. Die Berührung war so zart, dass sie Emmeline beinahe das Herz brach.

Seit Jahren war sie nicht so berührt worden. Und schon gar nicht von einem Mann. „Danke.“

Makin erhob sich. „Sie werden darüber hinwegkommen.“

„Ja“, seufzte sie und wischte sich über die Augen. „Ich werde mich jetzt duschen und dann mit der Arbeit beginnen.“ Sie stand auf und machte ein paar Schritte.

„Ich denke, dass Sie heute nicht mehr arbeiten sollten.“

„Aber es müssen Hunderte von Briefen und E-Mails eingegangen sein …“

„Das hat Zeit“, sagte er mit Nachdruck. „Ich möchte, dass Sie sich den Rest des Tages freinehmen. Ruhen Sie sich aus, damit Sie so bald wie möglich wieder arbeiten können. Im Moment sind Sie viel zu durcheinander.“

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen Schwierigkeiten bereite.“ Röte zeigte sich auf ihrem Gesicht.

Er zuckte nur die breiten Schulter. „Ruhen Sie sich aus.“ Damit ließ er sie allein.

Sobald sich die Tür schloss, dachte Emmeline an Hannah.

Das Apartment, das Essen, die Kleider … das alles gehörte nicht ihr, sondern Hannah. Sie musste unverzüglich Kontakt mit Hannah aufnehmen. Gestern hatte sie es mehrmals auf ihrem Handy versucht, aber nur die Mailbox erreicht. Hannah hatte ihr eine SMS geschickt und gefragt, wann sie nach Raguva käme. Aber das war unmöglich.

Schnell nahm Emmeline das Handy aus der Tasche und wählte Hannahs Nummer. Inständig betete sie, dass diese abnehmen würde.

Nach mehrmaligem Klingeln ertönte Hannahs Stimme. „Hallo?“

Emmeline zog ein rot besticktes Kissen an die Brust. „Ich bin es.“

„Alles in Ordnung?“

„I…ich weiß noch nicht.“

„Wann kommst du?“

„I…ich weiß noch nicht.“ Übelkeit stieg in Emmeline auf. Sie kannte die Antwort nur zu gut. Sie war Tausende von Meilen von Raguva entfernt, in der siebten Woche schwanger, und der Vater ihres Kindes wurde in Miami seit Stunden operiert. Unter gar keinen Umständen würde sie nach Raguva fliegen können. „Ich bin in Kadar“, brachte sie endlich heraus.

„Im Heimatland von Scheich Al-Koury? Was machst du dort?“, fragte Hannah ungläubig.

„Er hält mich für dich.“

„Dann klär ihn auf.“

„Das kann ich nicht.“

„Warum nicht? „

Emmeline hatte den Eindruck, kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen, und sie hatte gehofft, alles zum Guten wenden zu können. Stattdessen schlitterte sie von einer Katastrophe in die nächste. „Es würde alles zerstören.“

„Viel mehr kannst du gar nicht zerstören“, schrie Hannah ins Telefon. „Du machst dir keine Vorstellung, was passiert ist …“

„Es tut mir leid. Mir ist alles außer Kontrolle geraten.“

„Du denkst wirklich, dass es immer nur um dein Leben geht, oder?“

„Nein, ganz bestimmt nicht.“

„Aber du hast mich an deiner Stelle hergeschickt, obwohl du nie die Absicht hattest, sofort nachzukommen. Du hast mich benutzt. Was meinst du wohl, wie ich mir hier vorkomme? Eine Gefangene, die so tut, als …“ Dann wurde abrupt aufgelegt.

Emmeline starrte auf das Handy. Was hatte sie erwartet? Sie hatte Hannahs Leben ruiniert.

Nachdem er Hannahs Apartment verlassen hatte, hatte Makin seine Mitarbeiter zu sich gerufen, um sich über die neuesten Geschäftsentwicklungen unterrichten zu lassen. Danach hatte er sie wieder weggeschickt.

Er konnte sich nicht auf die Geschäfte konzentrieren, denn seine Gedanken kreisten um Hannah.

Es war ihm unerwartet schwergefallen, ihr die schlimme Neuigkeit zu überbringen. Dabei hatte er vorher nie den Eindruck gehabt, Hannah vor irgendetwas schützen zu müssen.

Vielleicht lag es daran, dass sie sich nicht wohlfühlte.

Vielleicht lag es aber auch daran, dass er sie ganz anders wahrnahm.

Nämlich als äußerst attraktive Frau. Und das war ein Problem.

Entschlossen stand er vom Schreibtisch auf, verließ das Büro und schickte nach seinem Sicherheitschef, der mit ihm die Vorsichtsmaßnahmen für die Konferenz durchgehen wollte.

Mitten im Gespräch klingelte das Handy. Alejandro war in die Intensivstation verlegt worden. Die Operation hatte er zwar überstanden, aber die Prognosen waren nicht sonderlich gut.

Nach dem Telefonat betrat er mit seinem Sicherheitschef den Innenhof des Palasts. „Welche Familien werden in diesem Haus untergebracht?“, fragte er, um sich wieder auf seine eigenen Probleme und die bevorstehende Konferenz zu konzentrieren.

„Sultan Malek Nuri und sein Bruder Scheich Kalen Nuri mitsamt ihren Ehefrauen.“

„Und im rechten Gebäude?“

„Die westlichen Würdenträger.“

Makin nickte. „Gut.“ Er war erleichtert, dass nicht nur alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen waren, sondern auch seine geliebte Kasbah makellos aussah.

Der Palast war Hunderte von Jahren alt und wurde seit Generationen liebevoll instandgehalten. Seine Farben spiegelten die Farben der Wüste wider – das Rosa des Sonnenaufgangs, das Rot der majestätischen Gebirgszüge, das Blau des Himmels und das Gold des Sandes.

Hier war der Ort, an dem er am besten arbeiten konnte. Aus diesem Grund hatte er Madeline nie hergebracht. Raha stand für die Reinheit der Gedanken, nicht für Verlangen oder gar Lust. Solche Gefühle gehörten nicht hierher, aber seit heute konnte er nicht mehr an die Arbeit denken, sondern nur noch an sinnliche Freuden.

Hannah.

Allein ihr Name weckte Begehrlichkeiten in ihm.

Deshalb musste eine Entscheidung getroffen werden.

Sie musste sofort von hier verschwinden. Der Zeitpunkt war alles andere als perfekt, aber es stand für ihn einfach zu viel auf dem Spiel.

5. KAPITEL

Nach dem beunruhigenden Telefonat mit Hannah duschte Emmeline und zog den Morgenmantel an, der im Bad hing.

Neugierig sah sie sich in Hannahs Kleiderschrank um. Die Sekretärin schien praktische Kleidung zu bevorzugen. Elegant-konservativ – perfekt für die Arbeit. Doch in einem kleinen Paket entdeckte Emmeline ein offenbar ungetragenes orangefarbenes Cocktailkleid.

Sie legte sich aufs Bett und schloss für einen Moment die Augen – und schlief sofort ein. Stunden später, die Sonne wollte gerade untergehen, klopfte es an der Tür.

Schnell sprang sie auf und öffnete. Ein Angestellter mit einem Servierwagen stand vor ihr.

„Guten Abend, Miss Smith“, grüßte er. „Seine Hoheit sagte, Sie würden heute hier essen.“

Emmeline bat den Mann herein und sah zu, wie er im Garten einen Tisch neben dem kleinen Swimmingpool deckte: weiße Tischdecke, Silberbesteck, Kerzen und Blumen.

Mit einem höflichen Nicken verabschiedete sich der Mann, und Emmeline trat an den Tisch. Er war für zwei Personen gedeckt.

Sie würde nicht allein essen.

In dem Moment, als Hannah die Tür öffnete, wusste Makin, dass er einen Fehler begangen hatte. Er hätte sie in sein Büro bitten sollen, um ihr zu sagen, dass er sie fortschickte.

Aber er hatte gedacht, dass ein Gespräch beim Abendessen die Sache leichter machen würde. Er hatte sich geirrt.

Hannah hatte sich für ihn zurechtgemacht. Das hatte sie noch nie getan.

Sie trug ein orangefarbenes Cocktailkleid, dazu ein paar High Heels, die ihre Beine endlos lang wirken ließen.

Anstatt jedoch wieder zu gehen, ließ sich Makin von Hannah in den Garten führen, wo der gedeckte Tisch stand. Das Blumenarrangement, die Kerzen – sein Chefbutler musste ihn falsch verstanden haben. Nichts lag ihm ferner als ein romantisches Candle-Light-Dinner.

Er hatte in Hannahs Apartment essen wollen, um ungestört mit ihr zu reden. Mit einem intimen Essen bei Kerzenschein hatte er nicht gerechnet!

Bei offiziellen Geschäftsessen hatten sie sich bestimmt Hunderte Male gegenüber gesessen. Aber niemals hatten sie allein gegessen. Dazu noch das Licht der Kerzen und des Mondes, das der Szene etwas … Sinnliches verlieh.

Bislang hatte er sie nur in Rock und zugeknöpfter Bluse gesehen. Heute Abend hatte sie sich so hübsch zurechtgemacht, als handele es sich nicht um ein geschäftliches Essen, sondern um … ein Date.

Allein der Gedanke erregte ihn …

Was für ein Glück, dass er die Entscheidung getroffen hatte, sie in ein anderes Büro zu versetzen. Bislang hatte er immer sorgfältig darauf geachtet, Privat- und Geschäftsleben strikt zu trennen. Doch seit heute spürte er Hannah gegenüber ein … Verlangen. Und das konnte er bei der Arbeit nicht dulden.

„Wir müssen reden“, sagte er und bedeutete ihr, am Tisch Platz zu nehmen. Lieber es gleich hinter sich bringen.

Hannah setzte sich. Eigentlich sah sie aus wie immer, nur dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Angefangen von dem verführerischen Kleid und dem Haar, das sich so herrlich über ihren Schultern lockte.

Wie konnte er ihr verkünden, dass sie in ein anderes Büro versetzt wurde, wenn sie doch so hübsch und attraktiv aussah?

Makin drehte sich um und sah zum Pool, der von kleinen Strahlern in ein romantisches Licht getaucht wurde.

Er umrundete den Pool und kratze sich nachdenklich am Kinn. Nie zuvor war ihm so mulmig zumute gewesen. Die Nacht war zwar ausgesprochen warm, aber an der Hitze lag es nicht. Nein, es lag allein daran, dass dies sein letzter Abend mit Hannah sein würde.

Natürlich war es so am besten, und doch …

„Sie machen mich ganz nervös“, sagte sie leise.

Er drehte sich abrupt zu ihr um. Warum nur hatten sich seine Gefühle für sie geändert?

Seit viereinhalb Jahren arbeiteten sie zusammen, und obwohl er Hannahs Fähigkeiten schätzte, hatte er sich nie zu ihr hingezogen gefühlt. Sie war seine Angestellte. Intelligent und nützlich, mehr nicht.

„Warum?“, fragte er zurück.

Ihr Mund zitterte, dann biss sie sich auf die Unterlippe. Die kleine Geste ließ die Hitze in seinem Körper ansteigen.

Das war absurd. Lächerlich. Woher kamen diese Gefühle? Er war ihr Boss. Sie war von ihm abhängig. Niemals durfte er das ausnutzen.

Und doch spürte er, dass sich seine Männlichkeit regte.

„Irgendetwas läuft offensichtlich schief“, sagte Hannah und faltete die Hände in ihrem Schoß.

Die Nacht schien erotisch aufgeladen zu sein. Sein Körper schmerzte vor Verlangen.

Es musste an den Kerzen und dem Mondlicht liegen, an dem warmen Wind, der mit den Blättern der Palmen spielte, dass seine Sinne so stark reagierten.

Aber in Wahrheit lag es nur an ihr.

Hannah.

Er war sich ganz sicher, dass er richtig handelte. Morgen früh wollte er sie in das Londoner Büro versetzen. Es würde ihr dort sicherlich gefallen.

Dennoch schien jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, ihr die Neuigkeit zu überbringen, da sie so atemberaubend aussah.

„Sie tragen ein neues Kleid.“ Sein Tonfall klang beinahe anklagend.

„Nein, ich habe es schon eine Weile“, sagte sie entschuldigend und fuhr mit der Hand über den seidigen Stoff. „Ich habe es in Ihrer Gegenwart nur noch nicht getragen.“

„Warum dann heute?“

Sie warf ihm einen irritierten Blick zu. „Ich kann mich umziehen, wenn es Sie verwirrt …“

„Es verwirrt mich nicht!“

„Sie sind wütend. Ich kann mich wirklich umziehen …“ Sie wollte aufstehen.

„Bleiben Sie sitzen.“ Seine Stimme hallte durch den kleinen Garten. Es ist nicht ihre Schuld, dachte er. „Bitte“, fügte er etwas leiser hinzu.

Sie sank auf den Stuhl zurück und betrachtete ihn misstrauisch.

Mit wenigen Schritten war er beim Tisch und legte die Hände auf die Rückenlehne eines Stuhls. Er rang nach Worten, da er ihre Gefühle nicht verletzen wollte.

Aber jetzt war sie ihm einfach zu nah, und ihm wurde bewusst, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte.

Das orangefarbene Plisseekleid ließ ihre schmalen Schultern frei. Der Halsausschnitt war mit einem goldenen Band eingefasst. Dazu trug sie das lange kastanienbraune Haar offen und hatte die Augen mit einem rauchigen Grau betont. Wie eine Prinzessin aus einem Märchenbuch, die auf den tapferen Prinzen wartet, um mit ihm glücklich bis ans Ende ihrer Tage zu leben.

Natürlich glaubte er nicht an Märchen. Dafür war er viel zu zielstrebig. Er hatte eine Mission zu erfüllen, die weit über Kadar hinausreichte. Sein Ziel war es, die Zukunft der Welt zu sichern.

Vielleicht klang das hochtrabend. Aber wenn sein Vater trotz schlimmer Krankheit so viel erreicht hatte, dann musste ein gesunder Makin einfach noch mehr erreichen.

Die Umwelt war verschmutzt, überall stiegen die Schulden in schwindelerregende Höhe, und die Armen, Kranken und Hungrigen litten am meisten darunter.

In den letzten fünf Jahren hatte er sich mit mächtigen Vertretern der Musikindustrie und der Computerfirmen getroffen, um gemeinsam die Welt zu retten. Das Ziel hieß, allen Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen, die Kinder der Dritten Welt gegen Krankheiten zu impfen und weltweit Moskitonetze zum Schutz vor Malaria zu verteilen.

Essen. Obdach. Bildung. Sicherheit.

Das wollte er allen Kindern der Welt ermöglichen – sein Lebensziel.

Hannah lenkte ihn von diesem Ziel ab. Das durfte er nicht zulassen.

„Scheich Al-Koury, wollen Sie mich feuern?“

Er wandte ihr den Kopf zu und spürte einen dumpfen Schmerz in seinem Herzen.

Wenn nur dieses Kleid nicht gewesen wäre. Es betonte ihre festen Brüste und ließ ihn an Dinge denken, an die er nicht hätte denken sollen.

„Nein“, sagte er heiser. „Ich will Sie lediglich in unser Londoner Büro versetzen.“

Ihre Blicke trafen sich. Alles, was jetzt noch half, war ein eiserner Wille. „Wenn Sie unter diesen Umständen nicht länger für mich arbeiten wollen, verstehe ich das. Wenn ja, dürfen Sie sich auf eine neue Herausforderung in der Marketingabteilung für internationale Märkte freuen.“

Jetzt war es heraus. Makin atmete auf. Endlich hatte er das Gefühl, wieder die Kontrolle erlangt zu haben.

Hannah hob das Kinn und kniff die Lippen zusammen, erwiderte aber nichts.

„Das ist eine Beförderung“, sagte er steif. „Man wird Ihnen eine Wohnung stellen, bis Sie etwas Passendes gefunden haben …“

„Aber mir gefällt mein Job hier, bei Ihnen.“

„Sie werden aber woanders gebraucht.“

Ihre Lippen bebten, dann sah sie ihn flehentlich an. „Alejandro war ein Fehler, das gebe ich zu …“

„Mit Alejandro hat das nichts zu tun …“

„Es hat nur mit Alejandro zu tun“, rief sie, den Tränen nahe.

„Sie verstehen mich falsch“, erwiderte er. Zu gern hätte er sie getröstet, aber er brauchte endlich ihr Einverständnis, dass sie die neue Stelle akzeptierte.

„Ich bin nicht dumm“, sagte sie. In ihren Augen glitzerte es noch immer, allerdings jetzt vor Wut.

„Nein, das sind Sie nicht.“

„Warum also?“ Röte stieg in ihre Wangen, ihre Brüste hoben und senkten sich. „Viereinhalb Jahre lang habe ich Ihnen alles gegeben, habe Ihre Ziele zu den meinen gemacht und Ihre Interessen vor die meinen gestellt. Ich habe kein Privatleben, ja noch nicht einmal eine anständige Garderobe. In meinem Leben dreht sich alles nur um Sie.“

„Umso besser, dass Sie nach London gehen.“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, der sein Verlangen zum Schweigen hätte bringen müssen. Stattdessen fühlte er sich erregt wie nie zuvor.

Bei seiner Geliebten Madeline hatte er noch nie so empfunden. Sie war schlank, blond und äußerst intelligent. Zu dieser Sorte Frau hatte er sich immer hingezogen gefühlt. Er sorgte nicht nur finanziell für sie, sondern achtete stets darauf, dass sie beim Liebesspiel auf ihre Kosten kam. Natürlich wollte er, dass sie glücklich war, aber Liebe? Nein, die konnte er ihr nicht bieten.

Es lag nicht an Madeline, sondern an ihm. Er war eben kein leidenschaftlicher Mann.

Und doch hatte er in diesem Moment das Gefühl, er würde buchstäblich in Flammen stehen. Sein Körper brannte vor Verlangen. Am liebsten hätte er Hannah hochgehoben und in seine Höhle geschleppt …

So ein Wahnsinn! Was war bloß mit ihm los?

„Sie bekommen eine Gehaltserhöhung und eine Woche zusätzlichen Urlaub“, sagte er.

Sie schmollte. „Was soll ich mit noch mehr Urlaub, wenn ich ihn sowieso nicht nehmen kann.“

„Vielleicht sollten Sie endlich damit anfangen.“

„Vielleicht sollte ich das.“

Ihr scharfer Tonfall ließ ihn innerlich toben. Wie konnte sie es wagen, so mit ihm zu reden? Noch dazu grinste sie ihn unter unverschämt langen Wimpern frech an.

Makin kannte sich selbst kaum wieder. Seine Männlichkeit pochte; am liebsten hätte er Hannah an sich gezogen und geküsst, wie es nie zuvor ein Mann gewagt haben dürfte.

Er ballte die Hände zu Fäusten. Ja, er würde sich zusammenreißen, auch wenn diese Frau nicht vergessen sollte, wen sie vor sich hatte.

Er war Scheich Makin Al-Koury, einer der einflussreichsten Männer der Welt. Er hatte eine Mission zu erfüllen, und niemand konnte ihn davon abhalten.

Ganz bestimmt nicht seine Assistentin. Sie war entbehrlich, ersetzbar.

„Warum werde ich gerade jetzt … befördert?“ Sie sah ihm fest in die Augen.

„Ich denke, ich brauche frischen Wind. Und Sie auch.“

Aus ihren Augen sprühten blaue Funken. „Wie nett, dass Sie für mich mitdenken.“

„Das meinte ich damit nicht.“

„Gut, denn ich würde Sie bei allem Respekt doch bitten, keine Entscheidung zu treffen, nur weil Sie meinen, sie wäre gut für mich. Sie kennen mich nicht. Nein, Sie haben nicht einmal eine Ahnung, wer ich bin …“

„Besonders respektvoll war das nicht gerade. Außerdem kenne ich Sie sehr gut.“

Sie lachte ihm praktisch ins Gesicht!

„Wenn Sie mich kennen würden, Euer Hoheit“, sagte sie gedehnt, „dann wüssten Sie, wer ich bin.“ Ihre Wimpern senkten sich geheimnisvoll. „Und wer ich nicht bin.“

Vielleicht sollte er Hannah wirklich nicht nach London versetzen, sondern an Ort und Stelle feuern. Sie war einfach unverschämt.

„Sie gehen entschieden zu weit.“ Sein bestimmter Tonfall brachte sie zum Schweigen.

Für einen Moment meinte er, einen Anflug von Reue in ihren Augen wahrzunehmen.

„Ich will Ihnen nur helfen“, sagte er ruhig.

„Sie wollen mich loswerden.“

„Vielleicht will ich das.“

Nun war die Wahrheit heraus.

Lange Zeit schwiegen sie, Hannah starrte auf den Pool, und Makin betrachtete ihr schönes Profil. Nie zuvor war ihm ihre Schönheit so bewusst gewesen: die kecken Augenbrauen, die hohen Wangenknochen, der sinnliche Schwung der Lippen.

Er würde sie vermissen.

„Das war’s dann wohl“, sagte sie und sah ihm in die Augen, als wolle sie darin seine Gefühle lesen.

Aber er wusste nur zu genau, dass sie nur das zu sehen bekam, was er zuließ.

Nachdem sein Vater gestorben war und seine Mutter ohne ihren Mann den Lebensmut verlor, hatte er diese Mauer um sein Herz errichtet. Nicht einmal Madeline durfte einen Blick dahinter werfen.

„Sind Sie nur zum Essen gekommen, um mir das zu sagen?“, fragte sie.

„Ja.“

„Gut“, erwiderte sie und stand auf. „Dann darf ich mich jetzt wohl zurückziehen.“

„Aber das Essen ist noch nicht einmal serviert worden.“

„Ich glaube nicht, dass ich momentan auch nur einen Bissen herunterbekomme. Und warum soll ich hier sitzen und Small Talk halten, wenn ich noch packen muss.“

6. KAPITEL

„Das Essen ist noch nicht einmal serviert worden“, wiederholte Makin ruhig und setzte sich auf den Stuhl.

Emmeline starrte ihn an. Hätte sie ihn nicht besser gekannt, sie hätte ihn für einen hinreißenden Mann gehalten. Doch er war nicht hinreißend, sondern wild und einschüchternd.

Da sie jedoch die Rolle der Hannah spielte, musste sie so tun, als würde sie ihn mögen. Auch wenn er sie soeben nach London abgeschoben hatte.

„Die Küche kann Ihnen sicherlich das Essen auf Ihr Zimmer bringen. Ich habe nämlich keinen Hunger“, sagte sie betont hoheitsvoll.

„Ich werde mein Personal ganz bestimmt nicht mit einem Servierwagen hinter mir herlaufen lassen“, gab er zurück. „Ich hatte vor, hier mit Ihnen zu essen, und ich werde hier mit Ihnen essen.“ In seinen Augen glitzerte es bedrohlich.

Bislang hatte sie ihn für einen zurückhaltenden, fast schon unterkühlten Menschen gehalten. Doch jetzt schien er sich kaum noch beherrschen zu können.

Emmelines Beine zitterten und sie musste sich am Tisch abstützen. „Sie können mich nicht zwingen.“

„Nein, zwingen kann ich Sie nicht. Also bitte ich Sie. Würden Sie sich hinsetzen und mit mir zusammen zu Abend essen? Ich weiß genau, dass Sie heute so gut wie nichts gegessen haben.“

„Wenn ich mich Ihrem Wunsch beuge, würden Sie dann noch einmal überdenken, ob Sie mich wirklich nach London schicken müssen?“

„Nein“, sagte er rundheraus. „Meine Entscheidung steht fest.“

„Ich möchte nicht nach London“, sagte sie flehentlich.

„Hannah.“

„Ich werde mir mehr Mühe geben. Es ist nicht fair, dass Sie mich nach über vier Jahren einfach abschieben wollen …“ Ihre Stimme versagte.

„Ich schiebe Sie doch nicht ab!“ Er sprang vom Stuhl auf. „Außerdem haben Sie nichts falsch gemacht.“

„Warum schicken Sie mich dann fort?“

„Es ist Zeit für Veränderungen.“

Emmeline hatte das Gefühl, ihr Herz würde brechen. Wieder einmal hatte sie Hannah gegenüber versagt. Eine Träne löste sich aus ihren Augen und lief ihr über die Wange.

„Bitte hören Sie auf.“

„Wie? Darf ich nicht mal mehr menschliche Gefühle zeigen? Ich soll mich fortschicken lassen und so tun, als würde es mir nichts ausmachen?“

„Würden Sie sich bitte zusammenreißen und sich endlich setzen?“

„Nein.“

„Nein?“ Seine Nasenflügel bebten und er starrte sie fassungslos an. „Habe ich Sie richtig verstanden?“

Ihre Unterlippe zitterte. „Ja.“

Er machte einen Schritt auf sie zu. „Sie wollen sich meiner Bitte widersetzen?“

„Ich lasse mich nicht einschüchtern.“

„Ich bin Ihr Boss. Haben Sie das vergessen?“ Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um sein Gesicht zu sehen.

„Nein, das habe ich nicht“, flüsterte sie. Langsam verließ sie der Mut. Neben ihm kam sie sich so klein und schwach vor.

„Vielleicht möchten Sie sich bei mir entschuldigen?“ Eine tödliche Ruhe lag in seiner Stimme.

Emmeline erkannte, dass sie zu weit gegangen war. „Es tut mir leid.“

„Was tut Ihnen leid?“, fragte er streng.

Plötzlich sah sie winzige goldene Punkte in seinen grauen Augen. Die Farbe war viel wärmer, als sie gedacht hatte, eher wie geschmolzenes Zinn. „Ich habe mal wieder alles vermasselt“, sagte sie leise.

Nach längerem Schweigen schüttelte er den Kopf. „Ich nehme Ihre Entschuldigung an, aber mit Ihnen zusammenarbeiten kann ich nicht mehr.“

Sie schloss die Augen und senkte den Kopf.

„Hannah, schauen Sie mich an.“

„Ich kann nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil Sie dann …“

„Was?“ Er legte einen Zeigefinger unter ihr Kinn und hob es an.

Als sie die Augen öffnete, schimmerten Tränen darin. „Weil Sie mich sehen würden.“

„Was wäre so schlimm daran?“

Die unerwartete Zärtlichkeit in seiner Stimme berührte ihr Herz. „Sie mögen mich ja nicht einmal.“

„Da irren Sie sich.“

„Wirklich?“

„Und ob.“ Dann senkte Makin den Kopf und küsste sie auf den Mund.

Es war das Letzte, womit Emmeline gerechnet hatte. Ihr Körper versteifte sich und für einen Moment vergaß sie sogar zu atmen.

Dann wanderten seine Lippen langsam und sanft über ihren Mund. Emmeline erzitterte und legte eine Hand auf seine Brust, um ihn von sich zu stoßen. Aber die Wärme, die von seiner Haut ausging, tat ihr so gut, dass Emmeline die Hand dort liegen ließ.

Seine Wärme und sein herber Duft zogen sie magisch an, und sie legte den Kopf in den Nacken. Er knabberte sanft an ihrer Unterlippe und ein Schauer der Wonne rann über ihren Rücken.

Makin legte den Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Er war so kräftig gebaut und verströmte eine wohltuende Hitze.

Neckend fuhr seine Zunge den Saum ihrer Lippen entlang. Das Gefühl war elektrisierend. Wieder erzitterte sie, ihre Brüste schmerzten vor Verlangen, die Brustwarzen richteten sich auf. Noch nie war sie so geküsst worden.

Seine Zungenspitze umspielte ihre Lippen, bis Emmeline vor Wonne aufstöhnte. Das Spiel mit der Zunge setzte er in einem leidenschaftlichen Kuss fort, während seine Hand über ihren Rücken hinabwanderte. Das sanfte Streicheln ließ Hitze in Emmeline aufsteigen, als würde Makin ein Feuer unter ihrer Haut entfachen. Schließlich nahm sie sein Gesicht in die Hände und erwiderte seinen Kuss mit wildem Verlangen.

Wie um von ihr zu kosten, drang Makins Zunge tiefer in ihren Mund. Emmeline stöhnte auf, presste sich noch enger an Makin und spürte seine pulsierende Erektion an ihren Schenkeln. Ihr wurden die Knie weich.

Alejandro war der Einzige gewesen, der sie geküsst hatte, in jener Nacht, als sie ihre Unschuld verloren hatte. Sein Kuss war fordernd gewesen und hatte ganz bestimmt kein Feuer in ihr entfacht. Bei Makin war das ganz anders. Sein Kuss ließ sie dahinschmelzen.

Ganz langsam löste sich seine Hand von ihrem Rücken und umfasste eine ihrer Brüste. Zu ihrer eigenen Überraschung hörte Emmeline sich vor Lust aufstöhnen. Das Geräusch war ihr peinlich, und sie versuchte, sich von Makin loszumachen. Doch er hielt sie fest und strich über eine ihrer harten Brustwarzen, sodass sie erzitterte und sich an ihn drängte.

Als er in einem erregenden Rhythmus an ihrer Zungenspitze saugte, wurde Emmeline heiß und feucht. Er hätte alles mit ihr machen können, solange er sie nicht losließ, solange er nicht aufhörte, sie zu küssen. Eine solche sinnliche Wonne, ein solches wildes Verlangen hatte sie noch nie empfunden. Er hätte sie gleich hier nehmen können. Er hätte ihr Kleid heben und seine Finger unter ihren Slip schieben und sie dort berühren können, wo sie vor Lust fast verging.

Er hätte sie ausfüllen können.

Konnte er etwa ihre Gedanken lesen? Er schob ihr Kleid hoch und ließ seine Hand über die nackte Haut ihres Schenkels gleiten. Sie erschauerte und schlang den Arm um seinen Nacken.

Wenn er sie doch endlich ausfüllen würde …

„Nein.“

Es war nur ein Wort, und doch brach es den Zauber. Gleichzeitig ergriff Makin ihre Hände und zog sie von seinem Nacken.

„Nein“, wiederholte er, obwohl sein Atem noch immer heftig ging. „Ich kann das nicht tun.“

Emmeline wusste keine Antwort. Noch immer pochte das Blut in ihren Adern, und zwischen ihren Schenkeln pulsierte ihr Verlangen.

„Das hätte nicht passieren dürfen“, fügte er hinzu. „Entschuldigen Sie. Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Schon gut.“

„Nein, nichts ist gut. Ich habe eine Geliebte. Ich brauche Sie nicht dafür.“

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und ging.

Verwirrt ließ Emmeline sich auf den nächsten Stuhl fallen.

Noch immer spürte sie seine Küsse auf ihrem Mund, die Hitze seines Körpers auf ihrer Haut. Noch immer roch sie seinen betörenden Duft, der sie an Sandelholz und Gewürze erinnerte. An seine Wüstenheimat – so warm und exotisch.

Doch dann hörte sie wieder seine Worte: Ich brauche Sie nicht dafür. Sie hätte vor Scham vergehen mögen.

Seine Worte taten ihr weh.

Emmeline atmete tief durch, stand auf und ging neben dem Pool auf und ab. Die Bewegung tat ihr gut, so konnte sie den Schmerz leichter verarbeiten.

Allmählich kam sie zu dem Schluss, dass der Scheich überreagiert hatte. Es war doch nur ein Kuss gewesen, mehr nicht.

Und doch …

Sie hielt inne und fuhr mit einer Hand zu ihrem Hals. Der Kuss war heiß und sinnlich gewesen. Erst durch diesen Kuss hatte sie begriffen, was sie sich von einem Mann wünschte.

Hunger. Feuer. Leidenschaft. Dabei hatte man ihr von klein auf eingetrichtert, dass nur schlimme Mädchen an solche Dinge dachten. Aber in seinen Armen kam sie sich nicht mehr vor wie ein schlimmes Mädchen.

In seinen Armen hatte sie sich schön, stark und liebenswert gefühlt, als sei sie etwas ganz Besonderes.

Wie konnte etwas, das sich so gut anfühlte, falsch sein?

Emmeline schluckte und strich das Kleid glatt. Allein das Gefühl, den weichen Stoff auf ihrer nackten Haut zu spüren, ließ sie wieder an das sinnliche Erlebnis mit Makin zurückdenken.

Selbst wenn seine harschen Worte sie zutiefst verletzt hatten, so war sein Kuss einfach wundervoll gewesen.

Mit wehmütigem Lächeln blies sie die Kerzen aus und ging ins Apartment zurück.

Sie schob gerade die Glastür zu, als es an der Tür klopfte. Kehrte Makin etwa zurück?

„Guten Abend, Miss Smith“, sagte der Angestellte aus der Küche, als Emmeline die Tür öffnete. „Scheich Al-Koury nimmt das Abendessen heute in seinem Zimmer ein und sagte, dass ich Ihnen Ihr Essen ebenfalls bringen soll.“

Emmelines Lächeln verschwand.

Der bittersüße Kuss war nicht für sie gedacht gewesen. Makin hielt sie ja für Hannah Smith.

Sein Kuss war für Hannah gedacht gewesen. Und wenn er es schon bedauerte, seine perfekte Assistentin geküsst zu haben, wie würde er dann reagieren, wenn er erfuhr, dass er in Wahrheit die verachtenswerte Prinzessin Emmeline d’Arcy geküsst hatte?

Sie unterdrückte ein hysterisches Lachen und tat das, was sie von klein auf gelernt hatte: Sie setzte ein Lächeln auf und bedankte sich für das Essen.

Dieser Kuss, dachte er, dieser Kuss.

Es war halb drei Uhr morgens, und Makin lag wach, weil seine Gedanken um das Erlebnis mit Hannah kreisten. Schließlich gab er die Hoffnung auf Schlaf ganz auf und stieg aus dem Bett.

Er war wütend über sich selbst, weil er die Beherrschung verloren hatte.

Wie bei diesem Kuss hatte er noch nie empfunden, ja, er hatte vorher nicht geglaubt, überhaupt jemals so empfinden zu können. Sie in seinen Armen zu halten, ihren Geschmack zu kosten, war betörend gewesen.

Er hatte etwas gefühlt.

Plötzlich wollte er sie nicht mehr fortschicken, sondern hierbehalten. Nicht als seine Assistentin, sondern als seine Geliebte.

Dabei füllte Madeline diese Rolle aus. Und bis heute hatte sie ihm genügt.

Warum führte Hannah ihn in Versuchung? Reichte ihm Madeline nicht mehr?

Mit einem Mal war ihm unglaublich heiß, er verließ das Zimmer und trat auf den Balkon. Im Mondlicht schimmerte der Garten zu seinen Füßen silbrig-weiß. Ihm war schmerzlich bewusst, dass er sich zu Hannah wesentlich stärker hingezogen fühlte als zu Madeline.

Bislang hatte er sich Frauen ausgesucht, die unterkühlt, ruhig und beherrscht waren. Doch Hannah war das genaue Gegenteil davon.

Er durfte das nicht zulassen Noch nie hatte er eine Frau begehrt, die Feuer und Leidenschaft versprühte. Dafür dachte er viel zu praktisch. Er wollte angenehme Abende in netter Gesellschaft verbringen, mehr nicht. Hielt er sich in Nadir auf, traf er sich an zwei, drei Abenden die Woche mit Madeline. Falls ihr die gemeinsame Zeit nicht reichte, so ließ sie es sich nicht anmerken. Stets empfing sie ihn mit einem Lächeln. Sie aßen zusammen, unterhielten sich und hatten Sex. Danach fuhr er nach Hause; über Nacht war er noch nie geblieben. Das reichte ihm, das reichte ihr.

Was für eine Geliebte würde Hannah abgeben? Er stellte sich vor, er würde ihr ein hübsches Haus mit Blick auf die königlichen Gärten einrichten; er würde den ganzen Tag arbeiten und abends zu ihr kommen; sie würde ihm die Tür öffnen, in einem hauchdünnen orangefarbenen Kleid oder in einem langen schwarzen Samtkleid, das bis oben geschlitzt war. Der Gedanke erregte ihn.

Auf das Abendessen und die Unterhaltung würden sie verzichten. Er würde nur sie wollen. Sofort. Er würde ihr gleich in der Eingangshalle unter das Kleid fassen und ihre samtweiche heiße Weiblichkeit berühren, bis sie laut stöhnte.

Dann würde er sie ins Schlafzimmer tragen und aufs Bett legen. Sie würde die Schenkel für ihn spreizen, ihre Brüste würden sich heben und senken, während er in sie eindrang und sie ausfüllte, bis sie seinen Namen herausschrie.

Makins Körper pochte vor Verlangen. Als er sich umdrehte, starrte er auf das große Bett in seinem Schlafzimmer und wünschte sich, Hannah würde dort auf ihn warten. Er wollte sie so sehr, brauchte sie so sehr.

Was für ein Wahnsinn!

Deshalb musste er sie unbedingt fortschicken. Er durfte sich nicht emotional von einer Frau abhängig machen und dabei sein großes Ziel aus den Augen verlieren. In seinen Zukunftsplänen war kein Platz für schlaflose Nächte und erotische Träume.

Zum Glück wäre Hannah am nächsten Morgen fort.

Die Sonne schien durch das Bürofenster direkt auf den Computerbildschirm. Makins Augen brannten.

Er fühlte sich miserabel.

Die Nacht war kurz gewesen. Er hatte sich erst vor wenigen Stunden wieder hingelegt und sehr schlecht geschlafen. Jetzt war es sieben Uhr morgens, und er trank eine Tasse Kaffee nach der anderen, in der Hoffnung, endlich klar zu werden und seine Schuldgefühle abzuschütteln.

Gestern Abend hatte er Hannah schlecht behandelt, und er war noch immer wütend auf sich selbst. Niemals hätte er sich zu dem Kuss hinreißen lassen dürfen.

Später wollte er sich bei ihr entschuldigen, bevor er sie in den Wagen setzte, der sie zum Flughafen bringen würde. Danach würde er nie wieder an den Abend zurückdenken.

Nach dem Frühstück wäre Hannah verschwunden, am Nachmittag würden die Gäste eintreffen, und er konnte sich wieder seinen Aufgaben widmen.

Während er auf eine frische Kanne Kaffee wartete, ging er im Internet die Schlagzeilen der internationalen Presse durch. Auf der Seite der New York Times fand er eine Nachricht zu Alejandros Unfall.

Neugierig klickte Makin auf den Link, um zu erfahren, ob sich der Zustand des Argentiniers verändert hatte, doch der Artikel enthielt keine Neuigkeiten.

Dann betrachtete er die Fotos, die neben dem Artikel abgebildet waren. Auf dem ersten war Alejandro auf seinem Pferd zu sehen, das zweite zeigte ihn zusammen mit seiner Polomannschaft. Auf dem dritten sah man ihn mit Prinzessin Emmeline von Brabant ins Gespräch vertieft.

Dieses Foto erregte Makins Aufmerksamkeit. Es war erst vor einer Woche in Palm Beach bei dem Turnier, das ...

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