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JULIA EXTRA BAND 365

LYNNE GRAHAM

Der Milliardär und das Zimmermädchen

Zimmermädchen Tawny ist die Lösung für seine Probleme! Vorausgesetzt, Milliardär Navarre Cazier kann der Schönheit mit dem kastanienbraunen Haar den Ehering anstecken – obwohl er sie nicht liebt …

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„Verbringe eine Nacht mit mir.“ Maddie verschlägt es die Sprache. Soll sie auf das unmoralische Angebot ihres sexy Bosses eingehen? In der Hoffnung, dass sie dann endlich aufhört, von ihm zu träumen?

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Küsse, süß wie Schokolade

Pralinen, Schokolade oder Cupcakes? Kate weiß nicht, was der attraktive Mann, der ihren Laden betreten hat, möchte. Aber als er sie schweigend betrachtet, spürt sie plötzlich: Er will etwas anderes von ihr …

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Der Milliardär und das Zimmermädchen

1. KAPITEL

„Hat jemand gesehen, wie du in meine Suite gekommen bist?“, fragte Navarre Cazier auf Italienisch, was ihm genauso leicht über die Lippen ging wie das Französisch seines Heimatlandes.

Tia zog ihren berühmten Schmollmund und sah dabei so erstaunlich jung und naiv aus, wie es sich für einen der bekanntesten Filmstars der Welt gehörte. „Ich bin durch den Seiteneingang geschlüpft …“

Navarres Stirn glättete sich. Er lächelte. Wenn sie ihn mit ihren großen blauen Augen so hilflos und verletzlich anschaute, konnte er einfach nicht anders. „Ich mache mir Sorgen um dich. Die Paparazzi folgen dir auf Schritt und Tritt …“

„Nicht hierher …“, widersprach Tia Castelli und schüttelte dabei den Kopf, sodass sich ihr seidig glattes honigblondes Haar über ihre schmalen Schultern ergoss. Ihr makelloses Gesicht drückte Bedauern aus. „Wir haben allerdings nicht viel Zeit. Luke wird um drei ins Hotel zurückkehren, und dann muss ich dort sein.“

Als sie ihren launischen Rockstar-Ehemann erwähnte, verhärteten sich Navarres attraktive Gesichtszüge. Seine smaragdgrünen Augen wurden dunkler.

„Bitte sei nicht böse, caro mio. So ist nun mal mein Leben. Nimm mich, wie ich bin, oder verlasse mich … wobei ich Letzteres nicht ertragen könnte!“, hauchte sie verzweifelt und offenbarte damit die Unsicherheit, die sie sonst vor aller Welt tunlichst verbarg. „Es tut mir schrecklich leid, dass es so zwischen uns sein muss!“

„Es ist in Ordnung“, tröstete Navarre sie, obwohl das eine glatte Lüge war. Er verabscheute den Umstand, dass er ihr schmutziges kleines Geheimnis war, doch die einzige Alternative bestand darin, ihre Beziehung zu beenden. So willensstark und stur er sonst auch war – dazu sah er sich nicht in der Lage.

„Du kommst doch mit einer Begleiterin zu der Preisverleihung, oder?“, fragte Tia ängstlich. „Luke ist dir gegenüber so wahnsinnig misstrauisch.“

„Ja, mit Angelique Simmonet, zurzeit der Star der Pariser Laufstege“, entgegnete Navarre.

„Und sie weiß nicht von uns?“, hakte die Schauspielerin besorgt nach.

„Natürlich nicht.“

„Ich weiß, ich weiß … Es tut mir leid, aber es steht so viel auf dem Spiel!“, seufzte sie bekümmert. „Ich könnte es nicht ertragen, Luke zu verlieren!“

„Du kannst mir vertrauen.“ Navarre schloss tröstend seine Arme um ihren schlanken Körper.

„Ich hasse es, wenn ich dich so lange nicht sehe. Es fühlt sich so falsch an“, gestand Tia leise. „Aber ich habe so viele Lügen erzählt, dass ich wohl niemals mehr die Wahrheit sagen kann.“

„Das ist nicht wichtig“, erwiderte Navarre mit einer Zärtlichkeit, die einige der Frauen in seinem Leben sehr erstaunt hätte.

Navarre Cazier, der berühmte französische Industrielle und Milliardär, besaß den Ruf, den wunderschönen Frauen, die sein Leben begleiteten, ein großzügiger, aber distanzierter Liebhaber zu sein. Er machte auch gar keinen Hehl daraus, das Single-Leben zu genießen – dennoch meinten die Frauen, ihm reihenweise ihre Liebe gestehen und sich an ihn klammern zu müssen.

Tia nahm allerdings eine Sonderstellung ein – bei ihr ließ er andere Regeln gelten.

Später am Nachmittag, als Tia bereits gegangen war, wollte Navarre gerade duschen, als sein Handy neben dem Bett vibrierte. Tias Parfum hing noch in der Luft. Schon bald würde er sie wiedersehen, aber ihr nächstes Treffen fand in der Öffentlichkeit statt, und sie mussten Vorsicht walten lassen, denn Luke Convery war ein Heißsporn, der mit Argusaugen darüber wachte, ob seine Frau womöglich fremdging.

Der Anruf kam von Angelique. Navarres Stimmung erreichte einen Tiefpunkt, als er erfuhr, dass seine derzeitige Geliebte doch nicht zu ihm nach London kommen würde. Angelique hatte das lukrative Angebot eines Kosmetikkonzerns erhalten, das Gesicht ihrer neuen Fernseh-Werbung zu werden. Navarre konnte es ihr nicht verübeln, dass sie diese Chance nutzen wollte.

Dennoch schien sich das Schicksal derzeit gegen ihn verschworen zu haben. Er brauchte Angelique diese Woche, und zwar nicht nur als Schutzschild gegen die bösen Gerüchte, die seinen Namen in jüngster Vergangenheit immer wieder mit dem von Tia in Verbindung gebracht hatten. Er musste auch einen schwierigen Business-Deal mit dem Ehemann einer ehemaligen Geliebten unter Dach und Fach bringen, die sich in den Kopf gesetzt hatte, ihre Affäre wieder aufleben zu lassen. Mince alors, was sollte er nur ohne Frau an seiner Seite tun? Und wie sollte er auf die Schnelle jemanden finden, der bei einer falschen Verlobung mitspielte und nicht versuchte, die Beziehung weiterzutreiben?

„Dringend – ich muss mit dir reden“, lautete die SMS, die auf Tawnys Handy auftauchte. Sofort eilte sie nach unten, um Pause zu machen, und fragte sich, was in aller Welt mit ihrer Freundin Julie los war.

Julie arbeitete an der Rezeption desselben exklusiven Londoner Hotels, in dem Tawny frisch angefangen hatte, und obwohl die beiden Frauen sich noch nicht lange kannten, hatte sich Julie bereits als unerschütterliche Freundin erwiesen. Julie hatte ihr über die schwierigen ersten Tage hinweggeholfen, in denen Tawny feststellen musste, dass sie als Zimmermädchen zu den Niedersten der Niederen gehörte.

„Ich stecke in Schwierigkeiten“, erklärte Julie, eine sehr hübsche Blondine mit braunen Augen, als Tawny sich in dem schäbigen Mitarbeiterraum zu ihr an den Tisch setzte. Ein Hauch von Drama hing in der Luft.

„Welche Art Schwierigkeiten?“

Julie beugte sich vor und wisperte leise: „Ich habe mit einem der Gäste geschlafen.“

„Aber du wirst gefeuert, wenn das rauskommt!“, rief Tawny entsetzt aus.

Julie verdrehte die Augen. „Es weiß ja niemand davon.“

Tawny errötete und wünschte insgeheim, sie hätte taktvoller reagiert. Sie wollte keinesfalls, dass Julie glaubte, sie verurteile sie.

„Wer war der Typ?“, fragte sie neugierig, denn ihre blonde Freundin hatte niemanden erwähnt, was nur bedeuten konnte, dass die Beziehung extrem kurz gewesen sein musste.

„Navarre Cazier.“ Julie ließ den Namen erwartungsvoll im Raum stehen.

„Navarre Cazier?“ Tawny war schockiert. Sie wusste ganz genau, von wem Julie redete, denn es war Tawnys Aufgabe, die Penthouse-Suiten im obersten Stock peinlich sauber zu halten. Der märchenhaft reiche französische Industrielle wohnte mindestens zweimal im Monat dort und hinterließ ihr immer ein großzügiges Trinkgeld. Sie hatte ihn zwar nur ein einziges Mal persönlich gesehen – und auch das nur aus der Distanz –, aber Tawny verstand sofort, warum ihre Freundin so gefesselt war. Navarre Cazier war groß, dunkelhaarig und wahnsinnig gut aussehend.

„Wie du weißt, habe ich schon seit Langem ein Auge auf Navarre geworfen. Er ist absolut umwerfend“, seufzte Julie.

Navarre und Julie … ein Liebespaar?! Tawny konnte es sich kaum vorstellen, da die beiden so gar nichts gemeinsam hatten. Andererseits war Julie extrem hübsch, und Tawny wusste aus Erfahrung, dass das den meisten Männern reichte.

„Wo ist dann das Problem?“, fragte Tawny in das angespannte Schweigen, das sich ausgebreitet hatte. „Bist du etwa schwanger?“

„Gott, wie kommst du denn darauf?“, entgegnete Julie, als wäre allein die Vorstellung ein schlechter Witz. „Aber ich habe etwas sehr Dummes getan …“

Tawny runzelte die Stirn. „Was denn?“

„Ich habe zugelassen, dass er Nacktfotos von mir macht. Sie sind auf seinem Laptop!“

Tawny war fassungslos. Dem Franzosen gefiel es also, im Schlafzimmer schmutzige Fotos aufzunehmen? Navarre Cazier sank in ihrer Achtung ins Bodenlose. Igitt!

„Warum in aller Welt hast du dabei mitgemacht?“, fragte sie.

Julie zog eine Grimasse. Es war offensichtlich, dass ihr die Sache furchtbar peinlich war. „Kannst du dir das nicht denken?“, versetzte sie mit erstickter Stimme. „Ich wollte nicht prüde wirken … wollte ihm gefallen. Ich dachte, wenn ich nur aufregend genug bin, dann will er mich bestimmt wiedersehen. Reiche Männer langweilen sich so schnell. Aber ich habe nie wieder von ihm gehört, und jetzt macht es mich ganz krank, dass er immer noch diese Fotos von mir hat.“

Auch wenn sie Julies Beweggründe nicht gutheißen konnte, hatte Tawny doch Verständnis für sie. Vor langer Zeit hatte ihre Mutter Susan auf ähnliche Weise versucht, einen reichen Mann zu beeindrucken. In Susans Fall war der Mann ihr Chef gewesen. Mehrere Jahre lang hatte sie heimlich eine Affäre mit ihm, bis die Schwangerschaft, aus der Tawny hervorgegangen war, dem Ganzen ein Ende bereitete. Zugleich hatte Susan die demütigende Entdeckung gemacht, dass sie durchaus nicht das einzige außereheliche Vergnügen ihres Chefs war.

„Bitte ihn, die Fotos zu löschen“, riet Tawny steif, die nicht so recht wusste, wie sie sich verhalten sollte, aber Mitgefühl für ihre Freundin empfand.

„Das habe ich bereits getan – kurz nachdem er gestern ankam. Er hat sich kategorisch geweigert.“

Tawny war überrascht. „Nun, ähm …“

„Aber alles, was ich brauche, sind fünf Minuten mit seinem Laptop, um die Sache selbst zu regeln“, erklärte Julie eindringlich.

Tawny hatte bereits gehört, dass Julie sehr geschickt im Umgang mit dem Computer war und häufig zurate gezogen wurde, wenn es im Hotel IT-Probleme gab. „Er wird dir wohl kaum Zugang zu seinem Laptop gewähren“, wandte sie trocken ein.

„Nein, aber du hast doch einen Schlüssel zu seiner Suite und könntest ihn für mich ausleihen. Ich hatte gehofft, dass du das für mich tun würdest“, entgegnete Julie.

Tawny ließ sich gegen den Stuhl fallen. Fassungslosigkeit stand in ihren hellen blauen Augen. „Das kann nicht dein Ernst sein …“

„Es besteht überhaupt kein Risiko. Ich gebe dir Bescheid, wenn er die Suite verlässt, dann kannst du reingehen, und ich laufe schnell nach oben und warte in dem Lagerraum neben der Suite darauf, dass du mir den Laptop bringst. Fünf Minuten – mehr brauche ich nicht, um die Fotos zu löschen. Du bringst den Laptop in die Suite zurück, und er wird nie wissen, was passiert ist!“, versuchte Julie sie zu überzeugen. „Bitte, Tawny … es würde mir so viel bedeuten. Hast du noch nie etwas getan, was du später bereut hast?“

„Ich würde dir ja gern helfen, aber ich kann doch nichts Illegales tun“, protestierte Tawny. „Dieser Laptop ist sein Privatbesitz. Wenn ich ihn an mich nehme, begehe ich eine Straftat …“

„Er wird niemals erfahren, dass jemand anders ihn angerührt hat! Er wird nicht mal auf die Idee kommen“, wandte Julie heftig ein. „Bitte, Tawny, du bist die Einzige, die mir helfen kann. Und wir haben nicht mehr viel Zeit – übermorgen checkt er aus. Wir reden noch mal in der Mittagspause, bevor du deine Schicht beendest.“

„Ich werde es mir nicht anders überlegen“, entgegnete Tawny fest und presste die Lippen missbilligend zusammen.

„Bitte denk drüber nach – es ist ein todsicherer Plan“, beharrte Julie und stand auf. Sie senkte die Stimme zu einem Wispern. „Außerdem bin ich bereit, dich für dein Risiko zu bezahlen …“

„Mich bezahlen?“ Tawny glaubte, sich verhört zu haben.

„Was kann ich denn sonst tun? Du bist meine einzige Hoffnung in dieser Situation“, klagte Julie. „Wenn du dich mit ein bisschen Geld besser fühlst, dann biete ich dir das natürlich an. Ich weiß doch genau, wie verzweifelt du dich darum bemühst, deiner Großmutter zu helfen.“

„Pass auf, Geld hat mit meiner Einstellung zu dieser Sache nichts zu tun. Also erwähne es nie wieder“, erwiderte Tawny voller Unbehagen. „Wenn ich dir helfen könnte, würde es dich keinen Penny kosten.“

Als Tawny an die Arbeit zurückkehrte, waren ihre Gedanken in Aufruhr. Navarre Cazier, so attraktiv, reich und privilegiert er auch sein mochte, hatte Julie benutzt und ihr Vertrauen missbraucht. Die Reichen dieser Welt lebten nach anderen Regeln. Hatte sie das nicht von ihrem eigenen Vater gelernt? Der hatte ihre Mutter schnöde sitzen lassen und lediglich ein erbärmliches Almosen gezahlt, als diese sich weigerte, das Kind abzutreiben. In Tawnys Kindheit hatte es keinerlei Extras gegeben – und wenig Liebe. Ihre Mutter hatte ihre Entscheidung, das Kind zu behalten, bitter bereut, und ihr Vater hatte nicht mal ansatzweise so getan, als würde er sich für seine illegitime Tochter interessieren.

Rasch schob Tawny diese wenig hilfreichen Gedanken beiseite und dachte stattdessen an Julie. Sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie der Freundin ihre Hilfe verweigert hatte. Aber warum zum Teufel musste Julie ihr auch Geld anbieten, um an den Laptop zu gelangen? Es war ihr schrecklich peinlich, dass Julie genau wusste, in welch verzweifelter finanzieller Lage sie sich befand.

Tawny arbeitete nur in dem Hotel, um genug Geld zu verdienen, damit ihre Großmutter Celestine weiterhin die Miete für ihr kleines Apartment in einer privaten Seniorenresidenz bezahlen konnte. Vor dem finanziellen Engpass der alten Dame hatte Tawny nämlich ihren Lebensunterhalt mit der Illustration von Kinderbüchern und dem Design von Grußkarten verdient, doch leider gab es in wirtschaftlichen Krisenzeiten zu wenig Aufträge, um sowohl Celestines Rente aufzubessern als auch ihre eigenen Kosten abzudecken. Jetzt zeichnete Tawny nur noch abends und an den Wochenenden.

Wieder wanderten ihre Gedanken zu Julie. Tawny konnte es sich absolut nicht vorstellen, einem Mann zu erlauben, Nacktfotos von sich zu machen, aber sie konnte sehr gut nachvollziehen, dass Julie nicht länger als eine Art erotische Trophäensammlung auf dem Laptop dieses Typen existieren wollte. Sie konnte nicht fassen, dass ein Mann, den sie attraktiv gefunden hatte, ein solcher Widerling war.

„Also gut, ich versuche, den Laptop für dich zu beschaffen“, sagte sie in der Mittagspause zu Julie.

Sofort hellte sich das Gesicht ihrer Freundin auf. „Ich werde dafür sorgen, dass du es nicht bereust!“, versprach sie.

Tawny war davon nicht sonderlich überzeugt, verbarg aber ihre Ängste, denn sie hatte das Gefühl, mutiger sein zu müssen. Sie trug farbenfrohe Vintage-Kleidung, hatte feste Ansichten, und ihr größtes Ziel war es, als Karikaturistin eine eigene Serie in einem Magazin oder einer Tageszeitung zu haben. Kurz gesagt, sie hielt sich für unangepasst.

„Wir machen es heute Nachmittag“, sagte Julie. „Sobald sein Zimmer frei ist, rufe ich dich an, und du kannst reingehen. Stell den Laptop einfach in dem Lagerraum ab. Ich werde innerhalb von zwei Minuten dort sein.“

„Bist du dir wirklich sicher, dass du das tun willst?“, hakte Tawny noch einmal nach. „Vielleicht solltest du erst noch einmal mit ihm sprechen. Wenn wir erwischt werden …“

„Das wird nicht passieren!“, unterbrach Julie sie heftig. „Geh jetzt einfach wieder an die Arbeit und verhalte dich ganz normal. Ich werde dich anrufen.“

Tawny stürzte sich sofort auf ihre Arbeit, machte Betten, saugte Teppichböden und schrubbte Bäder. Sie arbeitete ohne Pause, um sich von dem Anruf abzulenken, der kommen würde. Dennoch waren ihre Nerven furchtbar angespannt, und als sie hörte, wie sich die Lifttüren auf dem Gang öffneten, hätte sie beinahe einen Satz gemacht.

Julies Anruf, dass der Assistent verschwunden und die Suite nun leer war, kam kaum eine Minute später. Tawny klopfte das Herz bis zum Hals, als sie mit ihrem Wäschewagen den Korridor hinuntereilte. Sie bewaffnete sich mit ein paar frischen Laken und benutzte ihren Generalschlüssel, um Navarre Caziers großzügige Suite zu betreten. Die Laken legte sie auf der Sofalehne ab, während ihr Blick hektisch durch den Raum wanderte und sich dann an dem Laptop festsog, der auf dem Tisch am Fenster stand. Sie brauchte nur ein paar Sekunden, um das Zimmer zu durchqueren, den Computer aus der Steckdose zu ziehen und unter ihren Arm zu klemmen. Dann drehte sie auf dem Absatz um und wandte sich in Richtung Tür, um den Laptop rasch an Julie zu übergeben. Sie wollte gar nicht daran denken, dass sie ihn später wieder ins Zimmer zurückschmuggeln musste.

Doch ohne die leiseste Vorwarnung wurde die Tür geöffnet. Mit weit aufgerissenen Augen klammerte sich Tawny an den Laptop und erstarrte. Navarre Cazier tauchte auf. Es war vermutlich nicht der beste Augenblick, um festzustellen, dass er aus der Nähe betrachtet noch wesentlich größer wirkte als aus der Distanz. Beklommen begegnete sie dem Blick aus smaragdgrünen Augen, die in dem bronzefarbenen Gesicht hell funkelten. Der Mann war atemberaubend attraktiv.

„Ist das mein Laptop?“, fragte er sofort, wobei sein Blick zu dem leeren Tisch flog. „Hat es einen Unfall gegeben? Was machen Sie damit?“

„Ich … ich … ähm …“ Ihr Herz schlug so schnell, dass ihr schwindlig wurde.

Hinter ihm erklang ein Schwall französischer Worte. Tawny wich ein Stück zurück, um den Bodyguards Platz zu machen, die ihn praktisch überallhin begleiteten.

„Ich werde die Polizei rufen, Navarre“, sagte sein Sicherheitschef, Jacques, ein kräftig gebauter älterer Mann, auf Französisch.

„Nein, nein … es besteht kein Grund, die Polizei zu alarmieren!“, rief Tawny, die sich dafür ohrfeigen könnte, dass sie nicht einfach behauptet hatte, den Laptop beim Putzen hinuntergestoßen zu haben.

„Sie sprechen Französisch?“ Navarre betrachtete sie mit wachsender Besorgnis. Er registrierte ihre blaue Hoteluniform und die flachen Schuhe. Sie war von mittlerer Größe und schlanker Figur. Das zarte Gesicht wurde von blauen Augen dominiert, die die Farbe eines Berggletschers hatten. Ihre makellose Haut schimmerte wie Porzellan und bildete einen herrlichen Kontrast zu den leuchtend kastanienroten Locken, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Navarre mochte rothaarige Frauen seit jeher, und ihr Haar leuchtete wie ein tropischer Sonnenuntergang.

„Meine Großmutter ist Französin“, murmelte Tawny, die in diesem Moment entschied, dass sie nur mit Ehrlichkeit einer Strafanzeige entgehen konnte.

Wenn sie fließend Französisch spricht, kann sie mir noch mehr schaden, dachte Navarre wütend. Wie lange hatte sie seinen Laptop gehabt? Er war eine Stunde weg gewesen. Unglücklicherweise brauchte es nur ein paar Minuten, um seine Festplatte zu kopieren und damit Zugang zu hochvertraulichen Geschäftsinformationen und ebenso gefährlichen privaten E-Mails zu erhalten. Wie viele indiskrete E-Mails von Tia mochte sie gelesen haben? Dass seine Privatsphäre derart verletzt worden war, entsetzte ihn. „Was machen Sie mit meinem Laptop?“

Tawny reckte das Kinn vor. „Julie, die Rezeptionistin, mit der Sie die Nacht verbracht haben, will die Fotos, die Sie von ihr gemacht haben, von Ihrem Computer löschen.“

Navarre betrachtete die Frau vor ihm noch einmal mit kritischem Blick. Abwesend registrierte er die sinnliche Form ihrer vollen Lippen – diese Frau besaß den erotischsten Mund, den er je gesehen hatte. Verärgert über seine unpassenden Gedanken, erklärte er: „Ich habe nie eine Nacht mit einer Rezeptionistin dieses Hotels verbracht. Welche Show versuchen Sie hier abzuziehen?“

„Spar dir doch den Atem, Navarre. Lass mich die Polizei rufen“, drängte Jacques.

„Ihr Name ist Julie Chivers. Sie arbeitet an der Rezeption, und im Moment wartet sie im Lagerraum neben dieser Suite auf den Laptop“, sprudelte Tawny rasch heraus. „Sie will lediglich die Fotos löschen, die Sie von ihr gemacht haben!“

Mit einer beinahe unmerklichen Kopfbewegung wies Navarre seinen Sicherheitschef an, den erwähnten Raum zu überprüfen. Der ältere Mann verließ wortlos die Suite. Tawny holte tief Luft und hob erneut das Kinn. „Warum haben Sie die Fotos nicht gelöscht, als Julie Sie darum gebeten hat?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden“, entgegnete er mit einer Kälte, die sich wie ein eisiges Band um sie legte. „Es gab keine Nacht mit einer Rezeptionistin, und es gibt auch keine Fotos. Hören Sie mit dieser albernen Geschichte auf. Was haben Sie mit meinem Laptop gemacht?“

„Gar nichts. Ich hatte ihn gerade erst angehoben, als Sie hereinkamen“, erwiderte Tawny steif und fragte sich, warum er immer noch log. Sie war sich sicher, dass von der Polizei keine Rede mehr sein würde, sobald er ihre Freundin als seine ehemalige Geliebte erkannte.

„Es ist Pech für Sie, dass ich unerwartet zurückgekommen bin“, schoss Navarre zurück, der ihr kein Wort glaubte.

Natürlich versuchte diese Frau, ihm weiszumachen, dass sie nicht genug Zeit gehabt hatte, einen wirklichen Schaden anzurichten. Aber ihm war durchaus bewusst, dass sie seine Festplatte kopiert haben konnte und diese Kopie vielleicht gerade unter ihrer Kleidung verbarg. Sie hatte eine unglaublich schmale Taille … Unbewusst fragte er sich, ob die Haut ihres Körpers genauso cremig und perfekt war wie die ihres Gesichts. Je ausgiebiger er sie betrachtete, desto klarer erkannte er ihre ungewöhnliche Schönheit, und das Ziehen in seinen Lenden war eine natürliche männliche Reaktion darauf. Diese hellen blauen Augen und der sündhaft sinnliche Mund verliehen ihren zarten Zügen einen unglaublichen Sex-Appeal. Dass sie selbst völlig ohne Make-up so gut aussah, erstaunte ihn. In den richtigen Kleidern und mit offenem Haar wäre sie vermutlich absolut umwerfend. Was für eine Schande, dass sie nur ein kleines Zimmermädchen ist, das kurz vor einer Anzeige wegen Diebstahls steht, dachte er ungeduldig.

Jacques tauchte wieder auf und schüttelte auf den fragenden Blick seines Arbeitgebers hin den Kopf. Panik erfasste Tawny. Bis zu diesem Moment war ihr gar nicht klar gewesen, wie sehr sie darauf vertraut hatte, dass ihre Freundin gleich zur Tür hereinspazieren und das ganze Missverständnis aufklären würde.

„Julie muss gehört haben, wie Sie zurückgekommen sind. Sie wird wieder nach unten an die Rezeption gegangen sein“, erklärte sie verzweifelt.

„Ich rufe die Polizei“, verkündete Navarre und griff nach dem Telefon.

„Nein, lassen Sie mich zuerst die Rezeption anrufen und Julie hierher bitten, damit sie alles erklären kann“, drängte Tawny panisch. „Bitte, Mr Cazier!“

Für den Bruchteil einer Sekunde schaute Navarre in ihre flehenden Augen und bewunderte die ungewöhnliche Farbe, dann drückte er auf den Knopf für die Rezeption und fragte nach ihrer Freundin.

Ganz allmählich kehrte Farbe in Tawnys Wangen zurück. Sie hatte den Atem angehalten, doch jetzt sagte sie: „Ich lüge Sie nicht an, das schwöre ich … Ich hatte nicht mal die Chance, Ihren Laptop zu öffnen …“

„Ist doch klar, dass Sie das behaupten“, entgegnete er. „Es könnte genauso gut sein, dass Sie gerade dabei waren, den Laptop zurückzubringen, als ich Sie überraschte …“

„Aber so war es nicht!“, protestierte Tawny, die entsetzt war, wie tief sein Misstrauen ging. „Ich hatte den Computer gerade erst in die Hand genommen, als Sie kamen. Ich sage die Wahrheit!“

„Dass ich einen perversen One-Night-Stand mit einer Kamera und einer Rezeptionistin hatte?“, schoss Navarre wütend zurück. „Glauben Sie wirklich, dass ich hier in London so verzweifelt nach Unterhaltung suche?“

Zum allerersten Mal kamen Tawny Zweifel an seiner Schuld. Unbehaglich hob sie die Schultern. „Woher soll ich das wissen? Sie sind ein Gast hier. Ich weiß nichts von Ihnen, abgesehen von dem, was meine Freundin mir erzählt hat.“

„Ihre Freundin hat gelogen“, erklärte Navarre fest.

Nach zwei angespannten Minuten völligen Schweigens erklang ein leises Klopfen, und Julie trat ein. Sie wirkte ungewöhnlich unterwürfig. „Wie kann ich Ihnen helfen, Mr Cazier?“

„Julie …“, platzte Tawny dazwischen. „Ich möchte, dass du Mr Cazier erklärst, warum du mich gebeten hast, den Laptop an mich zu nehmen …“

„Welcher Laptop? Von wessen Laptop redest du?“, fragte Julie scharf und riss die Augen weit auf. „Welche Anschuldigungen bringst du hier gegen mich vor?“

Tawny starrte ihre Freundin konsterniert an. Mit einem derart aggressiven Angriff hatte sie nicht gerechnet. Sie spürte, wie das Blut aus ihren Wangen wich und Übelkeit sich in ihrem Magen ausbreitete. „Julie, bitte erklär das alles … ich weiß gar nicht, was hier vor sich geht. Du und Mr Cazier, ihr kennt euch …“

Julie hob eine Augenbraue. „Wenn du damit meinst, dass Mr Cazier ein regelmäßiger und gern gesehener Gast ist …“

„Du hast mir gesagt, dass er Fotos von dir gemacht hat …“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Fotos? Es tut mir leid, Mr Cazier. Vielleicht hat diese Mitarbeiterin getrunken, denn sie redet Unsinn. Ich sollte die Penthouse-Managerin anrufen, damit sie diese Angelegenheit regelt.“

„Vielen Dank, Miss Chivers, aber das wird nicht nötig sein. Sie können gehen“, erklärte Navarre ungeduldig. „Ich habe genug gehört.“

Navarre winkte seinen Sicherheitschef mit dem Finger zu sich und sprach den älteren Mann leise an.

Völlig fassungslos beobachtete Tawny, wie ihre ehemalige Freundin hoch erhobenen Hauptes die Suite verließ. Julie hatte gelogen. Tawny hatte nicht nur Mühe, den Verrat zu verdauen, sie war auch nicht länger überzeugt, dass Julie überhaupt die Nacht mit Navarre Cazier verbracht hatte. Doch wenn es so war, warum hatte Julie ihr dann den ganzen Mist über die angeblichen Nacktfotos erzählt? Wieso wollte sie unbedingt Zugang zum Computer des Industriellen haben? Was hatte sie dort finden wollen und wofür?

Als Tawny ganz weiß wurde und zu taumeln begann, dachte Navarre für einen Moment, sie würde in Ohnmacht fallen. Stattdessen bewies sie eine erstaunliche innere Stärke für so eine junge Frau, indem sie sich gegen die Wand lehnte und langsam und tief einatmete. Dennoch hegte er keinerlei Mitleid mit ihr. Wenn jemand versuchte, ihm zu schaden, schlug er erbarmungslos zurück.

Doch wenn er die Polizei einschaltete, welche Entschädigung bekam er dann für das mögliche Verbrechen, das sie gegen ihn begangen hatte? Es gab keinerlei Garantie, dass das Zimmermädchen überhaupt bestraft wurde, und dann konnte sie eine Kopie seiner Festplatte entweder an einen geschäftlichen Konkurrenten verkaufen oder an irgendwelche Paparazzi, die schon seit Langem nach einem Beweis suchten für seine Beziehung zu Tia. Beide Möglichkeiten waren absolut inakzeptabel. Er war es Tia schuldig, dass er sie beschützte. Insofern wäre es das Vernünftigste, wenn er das Zimmermädchen, das ein Namensschild mit der Aufschrift Tawny Baxter trug, vorläufig isolierte.

Und wenn er diese Frau in seiner Nähe hielt, konnte er ihre Anwesenheit genauso gut nutzen, entschied Navarre nachdenklich. Sie war jung und schön. Außerdem wusste er bereits, dass sie käuflich war. Warum sollte er sie nicht dafür bezahlen, dass sie die Rolle ausfüllte, die zurzeit vakant war?

Mit einer knappen Handbewegung entließ er Jacques und seinen Begleiter. Der ältere Mann verließ die Suite mit sichtlichem Widerwillen.

Tawny warf Navarre Cazier einen angespannten Blick zu. „Ich habe wirklich nicht versucht, Sie zu bestehlen …“

„Die Kameraaufzeichnung in dieser Suite wird den Beweis erbringen“, versetzte er völlig emotionslos.

„Hier gibt es Kameras?“, fragte sie entsetzt, denn ihr war sofort klar, dass er damit unwiderlegbare Beweise gegen sie in der Hand haben würde.

„Mein Sicherheitsteam bringt an jedem Ort, an dem ich übernachte, routinemäßig Kameras an“, entgegnete er glatt. „Das heißt, dass ich für Ihren Diebstahl einen visuellen Beweis habe.“

Ihre Schultern sackten zusammen. Sie schämte sich fürchterlich. Was auch immer ihre Motivation gewesen sein mochte, Diebstahl war immer noch Diebstahl, und weder die Polizei noch den Richter würde es kümmern, warum sie es getan hatte.

„Allerdings bringt es mir nichts, wenn Sie gefeuert und verhaftet werden“, erklärte Navarre Cazier. „Wenn Sie meine Bedingungen in dieser Sache akzeptieren, werde ich die Polizei nicht einschalten und Sie sogar noch für Ihre Zeit bezahlen.“

Vollkommen verblüfft hob Tawny den Kopf und schaute ihn zornig an. „Mich für meine Zeit bezahlen? Ich gehöre nicht zu dieser Art Frau …“

Navarre lachte laut. Grimmige Belustigung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. „Mein Angebot beinhaltet nicht, dass Sie Ihre Kleider ablegen. Genau genommen beinhaltet es keinerlei sexuelle oder illegale Aktivitäten“, fügte er trocken hinzu. „Entscheiden Sie sich. Soll ich die Polizei rufen, oder sind Sie vernünftig und greifen nach dem Rettungsring, den ich Ihnen gerade zuwerfe?“

2. KAPITEL

Tawny straffte die Schultern. Sie schwankte zwischen Panik und irrationaler Hoffnung. „Erst müssen Sie mir sagen, wie dieser Rettungsring aussieht.“

„Oh nein, diese Information kann ich Ihnen erst geben, wenn ich Ihre Zustimmung habe“, entgegnete Navarre Cazier ohne Zögern.

„Ich kann doch nicht einer Sache zustimmen, von der ich gar nicht weiß, was es ist … Das können Sie nicht verlangen.“

Seine faszinierenden Augen funkelten wie kalte Smaragde. „Ich glaube, ich muss Sie daran erinnern, dass ich hier die Fäden in der Hand halte. Ich kann von Ihnen verlangen, was auch immer ich will. Natürlich können Sie mein Angebot ablehnen.“

„Ich möchte nicht des Diebstahls bezichtigt werden. Ein Vorstrafenregister kann ich mir nicht leisten“, gab Tawny widerwillig zu. „Ich bin keine Diebin, Mr Cazier …“

Navarre seufzte erschöpft. Scheinbar war er von ihrer Beteuerung alles andere als überzeugt. Tawny ballte die Hände zu Fäusten. „Dieses Angebot – könnte ich es annehmen und gleichzeitig meinen Job hier im Hotel behalten?“, fragte sie.

„Nur wenn das Hotel Sie mindestens zwei Wochen lang freistellt.“

„Nein, das geht nicht“, erwiderte Tawny schweren Herzens.

„Nun, ich habe ja bereits erwähnt, dass ich Sie für Ihre Zeit bezahlen werde“, bemerkte er trocken.

Die Erinnerung kam zur rechten Zeit, denn Tawny fragte sich gerade, wie sie das Apartment ihrer Großmutter weiter bezahlen sollte, wenn sie ihren Job verlor. „Was genau bieten Sie?“

„Nehmen Sie meinen Vorschlag an?“

Sie biss die Zähne zusammen. „Habe ich eine andere Wahl?“, fauchte sie. „Ja. Solange es nichts Illegales, Sexuelles oder Beleidigendes umfasst.“

„Woher soll ich wissen, was Sie als beleidigend empfinden? Sie verschwenden meine Zeit. Geben Sie mir eine endgültige Antwort.“

Tawny schenkte ihm einen Blick voller Feindseligkeit. Sie betrachtete die markanten Züge seines gebräunten Gesichts. Er war unglaublich gut aussehend – aber auch völlig emotionslos. Wie mochte sein Angebot aussehen? Sie war ein einfaches Zimmermädchen, das er noch dazu für eine Diebin hielt. Wie sollte sie einem wohlhabenden, einflussreichen Mann wie ihm nützlich sein?

„Wie viel würden Sie zahlen?“, fragte sie, wobei ihre Wangen schamrot brannten.

Navarre erkannte, dass sie nun bei den Geschäftsbedingungen angelangt waren. Er schätzte ihren Jahresverdienst als Zimmermädchen und verdoppelte ihn. Tawny wurde blass. Sie riss die Augen weit auf. In diesem Moment wusste er, dass er sie genau dort hatte, wo er sie haben wollte. Jeder Mensch hatte seinen Preis, und er hatte den ihren offensichtlich exakt getroffen.

Mit dieser Summe konnte Tawny jede Arbeitslosigkeit überbrücken und die Miete ihrer Großmutter bis zum Rest des Jahres und darüber hinaus bezahlen. Dennoch war es für sie eine bittere Pille, sein Angebot annehmen zu müssen. „Ich tue, was auch immer Sie verlangen, wenn Sie danach die Kameraaufzeichnung löschen.“

„Und ich akzeptiere dieses Arrangement, wenn Sie eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben, die Ihnen verbietet, Informationen aus meinem Privatleben an die Öffentlichkeit zu geben.“

„Das ist kein Problem. Ich bin keine Klatschtante“, versicherte Tawny. „Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?“

Navarre warf ihr einen ungeduldigen Blick zu. „Ich fürchte nicht. Sie können dieses Hotelzimmer nicht ohne Begleitung verlassen. Ich muss sicherstellen, dass alle Informationen, die Sie meinem Laptop möglicherweise entnommen haben, innerhalb dieser vier Wände bleiben.“

Endlich dämmerte Tawny, dass er einige hochsensible Informationen auf seinem Laptop haben musste, wenn er zu solchen Sicherheitsmaßnahmen bereit war. Ein Klopfen ertönte, worauf Navarre zur Tür ging und sie öffnete. Tawny erbleichte, als sie Lesley Morgan, die Penthouse-Managerin, sah.

„Entschuldigen Sie bitte, Mr Cazier. Die Rezeption erwähnte, dass es vielleicht ein Problem gibt …“

„Nein, es gibt kein Problem.“

„Tawny?“, sagte Lesley ruhig. „Ich bin sicher, Sie haben Arbeit, um die Sie sich kümmern müssen …“

„Tawny reicht ihre sofortige Kündigung ein“, teilte Navarre Cazier ohne Zögern mit.

Tawny versteifte sich, doch weder bestätigte noch protestierte sie gegen seine Aussage. Angesichts des unverhohlen neugierigen Blicks, den die attraktive Managerin ihr zuwarf, errötete sie. Aber wenn sie die Begegnung mit dem französischen Industriellen ohne Rufschädigung überstand, war der Verlust ihres derzeitigen Jobs ein vergleichsweise geringes Opfer.

„Es gibt gewisse Formalitäten, die in solch einem Fall erledigt werden müssen“, erklärte Lesley entschuldigend.

„Meine Mitarbeiter werden sich an Tawnys Stelle darum kümmern“, entschied Navarre mit unmissverständlicher Endgültigkeit.

Daraufhin verabschiedete sich die Penthouse-Managerin. Navarre ließ Tawny in der Mitte des Raums verharren, während er ein knappes Telefonat mit einem Mitarbeiter führte und ihn anwies, verschiedene Termine zu organisieren. Tawny runzelte die Stirn, als sie ihren Namen hörte. Er sprach derart schnelles Französisch, dass sie nicht mitkam. Schließlich beendete er das Gespräch. Wieder klopfte es.

„Öffnen Sie die Tür“, befahl er ihr.

„Sagen Sie bitte“, forderte sie provokativ. „Sie mögen mich bezahlen, aber Sie können trotzdem höflich sein.“

Navarre starrte sie ungläubig an. „Ich habe ausgezeichnete Manieren.“

„Nein, haben Sie nicht … ich habe doch gesehen, wie Sie mit Ihren Mitarbeitern umspringen“, widersprach Tawny. „Immer heißt es: Tun Sie dies … Tun Sie das … Warum haben Sie das nicht schon erledigt? … Bitte und danke scheinen nicht in Ihren Sprachschatz zu …“

„Öffnen Sie die verdammte Tür!“

„Sie sind nicht nur unhöflich, Sie sind ein richtiger Rüpel“, erklärte Tawny, marschierte zur Tür und riss sie mit einer Hand auf.

„Reden Sie nicht so mit mir!“, warnte Navarre sie, während sein Sicherheitschef hereinkam und seinem Arbeitgeber einen neugierigen Blick zuwarf.

„Ist das das Geräusch der Peitsche, die über meinem Kopf knallt?“, versetzte Tawny spöttisch.

„Hören Sie irgendjemanden lachen?“, entgegnete Navarre.

„Ihre Mitarbeiter sind zu verängstigt dazu.“

„Jacques, sorgen Sie dafür, dass Tawny ihre Sachen packt, und dann bringen Sie sie wieder rauf, ohne dass sie mit jemandem reden kann“, wies er seinen Sicherheitschef an.

„Männer haben keinen Zugang zu den weiblichen Spinds“, wandte Tawny sanft ein.

„Ich werde Elise bitten, uns zu begleiten.“ Jacques holte bereits sein Handy hervor.

Navarre musterte Tawny. Er war durchaus nicht unempfänglich für das amüsierte Funkeln in ihren hellen Augen und den sinnlichen Schwung ihrer Lippen. Verlangen erfasste ihn, als er ihrem Blick begegnete und sich vorstellte, wie sie auf seinem Bett lag, nackt und mit weit ausgebreitetem rotem Haar. Er biss die Zähne zusammen, so groß war der leidenschaftliche Hunger, der ihn angesichts dieses erotischen Bilds plagte.

Tawny erwiderte Navarre Caziers Blick und spürte dabei ein aufregendes Kribbeln im Bauch. Errötend registrierte sie ihre unkontrollierte Reaktion auf so viel männliches Testosteron. Es war Verlangen, das er in ihr entzündete, und nicht etwa Angst. Ja, er war wahnsinnig sexy, doch das würde sie unter allen Umständen ignorieren.

Reiche attraktive Männer reizten sie nicht. Die Erfahrungen ihrer Mutter und ihrer Halbschwestern hatten sie gelehrt, nicht nach Geld und Status zu streben, da diese allein nicht glücklich machten. Ihr Vater, ein bekannter Hotelier, war das beste Beispiel dafür. Kein noch so erfolgreicher Geschäftsdeal konnte ihn zufriedenstellen. Für Monty Blake war nichts gut genug. Zwar hatten auch ihre Halbschwestern Bee und Zara extrem reiche Männer geheiratet, aber sie liebten ihre Ehemänner über alles. Und unter dem Strich kam es einzig und allein auf die Liebe an.

Aus diesem Grund ging Tawny auch keine lockeren Affären ein. Sie war mit der Bitterkeit ihrer Mutter aufgewachsen, die eine rein sexuelle Verbindung eingegangen war, die zu nichts geführt hatte. Auch bei Freunden hatte sie oft genug beobachtet, dass Beziehungen, die nur auf Sex basierten, nicht von Dauer waren. Ehe Tawny ihr Herz riskierte, wollte sie deutlich mehr Verbindlichkeit.

„Wollen Sie mir nicht verraten, was dieses Angebot beinhaltet?“, fragte Tawny in das Schweigen hinein.

„Ich möchte, dass Sie meine Verlobte spielen“, antwortete Navarre barsch.

Ihre Augen weiteten sich. Offensichtlich hatte sie mit allem gerechnet, nur nicht damit.

„Aber warum?“, rief sie konsterniert aus.

„Das brauchen Sie nicht zu wissen“, entgegnete er knapp.

„Aber Sie müssen doch unzählige Frauen kennen, die …“

„Vielleicht ist es mir lieber, dafür zu zahlen“, unterbrach er sie. „Betrachten Sie sich als professioneller Escort. Ich kaufe Ihnen eine neue Garderobe, die Sie behalten können, nachdem das alles vorbei ist. Den Schmuck müssen Sie allerdings zurückgeben“, fügte er hinzu.

Scheinbar will er keine Kosten und Mühen scheuen, dachte sie verblüfft. Aus den Zeitungen wusste sie, dass er sich normalerweise mit wunderschönen Supermodels umgab und den Ruf hatte, ein legendärer Liebhaber zu sein. Aber seine Beziehungen waren nie von Dauer. „Niemand wird glauben, dass Sie mit einer derart gewöhnlichen Frau wie mir verlobt sind“, wandte sie ein.

„Wir werden einfach behaupten, es war ein coup de foudre – Liebe auf den ersten Blick. Dann wird es auch niemanden wundern, wenn unsere Beziehung schnell wieder scheitert.“

Nun, Letzterem konnte sie nur zustimmen, aber sie hielt ihn schon für verdammt verzweifelt, wenn er jemanden wie sie für diese Rolle engagierte. In diesem Augenblick kam Jacques zurück und geleitete eine blonde Dame in klassischem Hosenanzug in den Raum. „Elise wird Sie zu Ihrem Spind begleiten“, verkündete er.

„Sie sind also eine Leibwächterin“, sagte Tawny auf Französisch, als die beiden Frauen den Lift betraten.

„Nein, ich bin normalerweise die Fahrerin“, gab Elise zu.

„Wie ist Mr Cazier so als Chef?“

„Hart, aber fair, und ich komme durch ihn zum Reisen“, antwortete Elise zufrieden.

Die Französin hielt sich in ihrer Nähe auf, als Tawny die Hoteluniform aus- und ihre eigenen Kleider anzog und den Spind ausräumte. Als Elises Handy klingelte, kramte diese das Telefon hervor und blickte verlegen zu der immer noch packenden Tawny herüber, ehe sie in die gegenüberliegende Ecke verschwand, um leise zu telefonieren. Dass am anderen Ende der Leitung ein Mann sein musste, der Elise wichtig war, war nicht zu überhören. Tawny dachte, dass sie in dieser Situation einen rosa Elefanten an Elise hätte vorbeischmuggeln können.

„Was geht hier vor?“, ertönte eine andere, angespannte Stimme.

Als Tawny aufblickte, sah sie Julie vor sich, die nur wenige Meter von ihr entfernt stand. „Ich habe gekündigt.“

„Das habe ich gehört, aber warum hat er dich nicht angezeigt?“

Tawny zuckte achtlos die Schultern. „Du hast gar nicht mit ihm geschlafen, oder? Was steckt wirklich dahinter?“

„Ein Reporter hat mir Geld angeboten, wenn ich ein paar persönliche Informationen über ihn ausgrabe. Es war einen Versuch wert, an Caziers Computer heranzukommen. Ich habe eine Menge Kreditkartenrechnungen, die ich begleichen muss“, gab Julie ruhig und völlig ungeniert zu.

„Mademoiselle Baxter?“, rief Elise unruhig, deren Aufmerksamkeit plötzlich auf die beiden Frauen gerichtet war.

Doch Tawny hob nur ihre Tasche hoch und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. So viel zur Freundschaft! Sie war furchtbar wütend über den Betrug ihrer ehemaligen Freundin, aber auch sehr verletzt. Julie hatte genau gewusst, welche Knöpfe sie bei Tawny bedienen musste, und es hätte alles wunderbar funktioniert, wenn Navarre Cazier nicht vorzeitig zurückgekehrt wäre.

„Sie haben einen Termin bei einer Stylistin“, informierte Navarre sie, als sie wieder die Suite betrat und ihre Tasche abstellte.

„Wo?“

Er nannte ein berühmtes Kaufhaus und taxierte die Jeans, das helle T-Shirt und die ausgebleichten Turnschuhe, die sie trug. In diesem Outfit sah sie kaum älter als ein Teenager aus. „Wie alt sind Sie?“

„Dreiundzwanzig … und Sie?“

„Dreißig. Aber sprechen Sie Französisch“, drängte er.

„Ich bin ein bisschen eingerostet – im Moment sehe ich meine Großmutter nur etwa einmal im Monat“, erwiderte sie.

„Geben Sie mir Ihr Handy“, sagte er daraufhin.

„Mein Handy?“, wiederholte sie misstrauisch.

„Ich kann Ihnen kein Telefon lassen, wenn ich sichergehen will, dass Sie keine Informationen weitergeben“, erklärte er ruhig und streckte seine Hand aus. „Ihr Handy, bitte …“

Das Schweigen dehnte sich aus. Tawny kaute auf ihrer Unterlippe herum. Wenn sie ehrlich war, konnte sie ihm seine Bitte nicht verdenken. Widerwillig holte sie ihr Handy aus der Tasche. „Ich erlaube Ihnen aber nicht, mein Telefon zu durchsuchen. Da sind private Dinge gespeichert.“

„Genauso wie auf meinem Laptop“, versetzte Navarre mit hartem Blick. Er sah, wie sie errötete, und wunderte sich, dass ihre Wangen immer noch so schnell Farbe annahmen.

Kurz darauf verließen sie die Suite und durchquerten das Hotelfoyer, wobei Tawny die neugierigen Blicke ignorierte, die ihnen von der Rezeption her folgten. Draußen wartete bereits eine dunkle Limousine auf sie. Als Tawny auf den Rücksitz kletterte, erkannte sie Elises blonden Schopf hinter dem Lenkrad.

„Erzählen Sie mir von sich … eine gekürzte Fassung“, forderte Navarre sie auf.

„Ich bin ein Einzelkind, auch wenn ich aus den beiden Ehen meines Vaters zwei Halbschwestern habe. Meine Mutter hat er allerdings nicht geheiratet, und er war auch nie Bestandteil meines Lebens. Ich habe einen Abschluss an der Kunstakademie gemacht und ein paar Jahre lang meinen Lebensunterhalt damit bestritten, dass ich Kinderbücher illustriert und Grußkarten entworfen habe. Leider kann man damit nicht genug Geld verdienen, um die Rechnungen zu zahlen. Deshalb habe ich den Job als Zimmermädchen angenommen, um ein regelmäßiges Einkommen zu beziehen“, verriet sie widerwillig. „Ich möchte gerne Karikaturistin werden, aber bislang habe ich noch keine einzige Karikatur verkauft.“

„Eine Karikaturistin“, murmelte Navarre widerwillig interessiert.

„Was ist mit Ihnen? Wurden Sie schon reich geboren?“

„Nein, ich bin in einem der schlechtesten Viertel von Paris aufgewachsen, habe aber einen erstklassigen Abschluss an der Sorbonne gemacht. Zuerst habe ich als Investmentbanker gearbeitet, bis ich mich für die Telekommunikationsbranche zu interessieren begann und meine erste Firma gegründet habe.“

„Eltern?“, hakte sie nach.

Er verspannte sich. „Ich war ein Pflegekind, das bei vielen verschiedenen Familien gelebt hat. Ich habe keine Verwandten, die ich anerkenne.“

In dem Kaufhaus angekommen, wurden sie in einen Privatraum geführt, in dem Navarre gemütlich Platz nahm, während man Tawny dazu drängte, mehrere Abendkleider anzuprobieren. Jedes schien aufwendiger gearbeitet als das vorige. Als die Auswahl auf zwei eingegrenzt worden war, wurde sie in den Wartebereich gescheucht, wo Navarre gerade den Börsenteil der Tageszeitung las und eine zweite Meinung abgeben sollte.

„Das ist zu altbacken für sie“, entschied er sofort, als er das rote Ballkleid sah, das Tawnys Ansicht nach auch Marie Antoinette hätte tragen können.

Als sie dann jedoch das graue Spitzenkleid vorführte, das wie eine zweite Haut saß, bis zur Hüfte eng geschnitten war und dann in einen romantisch weiten Rock auslief, da legte er tatsächlich die Zeitung beiseite, um einen besseren Blick auf ihre schlanke Figur zu werfen. „Sensationell!“, erklärte er mit vordergründiger Begeisterung, doch in seinen Augen lag genauso viel Emotion, als würde er eine Holzpuppe betrachten.

Danach wurde Tawny wieder in den Umkleideraum gedrängt, wo zwei Assistentinnen etliche Outfits zur Begutachtung der Stylistin aufhängten. Es gab Hosen, Röcke, Kleider, Tops und Blazer, aber auch Lingerie und eine große Auswahl an Schuhen und Accessoires. Jedes Kleidungsstück stammte von einem bekannten Designer und war weder bunt noch ausgefallen genug, um Tawnys persönlichen Geschmack zu treffen. Erleichtert erinnerte sie sich daran, dass sie lediglich zwei Wochen lang die falsche Verlobte spielen musste.

Navarre telefonierte auf Englisch, als sie wieder an seine Seite trat. Während sie durch das Kaufhaus gingen, setzte er das Gespräch fort. Seine tiefe Stimme klang verdammt sexy, und sie nahm an, dass er mit einer Frau sprach. Schweigend kehrten sie zum Hotel zurück. Tawny wollte nach Hause fahren und ein paar ihrer eigenen Sachen einpacken, doch für diese Bitte musste sie den rechten Moment abpassen.

Navarre verschwand im Schlafzimmer, kehrte zehn Minuten später in einem hellgrauen Anzug zurück und ging an ihr vorbei. „Ich gehe aus. Wir sehen uns morgen“, erklärte er knapp.

Sie runzelte die Stirn. „Muss ich hier bleiben?“

„So lautet unsere Vereinbarung“, entgegnete er mit einer Beiläufigkeit, die Tawny wutschäumend zurückließ.

Erst nach Mitternacht kam Navarre mit Jacques auf den Fersen zurück. Er hatte Tawny ganz vergessen, insofern war es eine Überraschung, die Lounge sanft erhellt vorzufinden. Drei Köpfe drehten sich vom Tisch her in ihre Richtung – drei Mitarbeiter seines Sicherheitsteams, die sich sofort erhoben, um ihn zu begrüßen und die sich unter Jacques’ vorwurfsvollem Blick unbehaglich wanden.

Etliche Pappschachteln deuteten darauf hin, dass sie chinesisches Essen geordert hatten, während die Karten und Münzen auf dem Tisch den Schluss nahelegten, dass hier mehrere Partien Poker gespielt worden waren. Tawny stand nicht auf. Sie blieb, wo sie war – barfuß auf dem Sofa sitzend.

Navarre entließ seine Mitarbeiter mit einer knappen Kopfbewegung. Tawny hatte ihre neue Garderobe noch nicht angezogen, denn sie trug eine ausgebleichte Jeans mit einem Totenkopf-T-Shirt. Ihr Haar ergoss sich in einer wilden Mähne roter Locken halb über ihren Rücken – es war wesentlich länger, als er vermutet hätte und verlieh ihrem Gesicht einen beinahe feenhaften Rahmen.

„Woher haben Sie diese Kleider?“, fragte er sofort.

„Ich habe Elise eine Liste an Dingen gegeben, die ich brauche. Sie war so nett, zu meiner Wohnung zu fahren und eine Tasche für mich zu packen. Ich dachte, dass es keine Rolle spielt, welche Klamotten ich hinter verschlossenen Türen trage.“ Tawny schaute ihn herausfordernd an, streng darauf bedacht, sich nicht anmerken zu lassen, wie umwerfend attraktiv sie ihn fand.

Navarre bückte sich und griff nach einem Zeichenblock, der auf der Sofalehne lag. Das oberste Blatt zeigte eine amüsante Karikatur von Elise, die sofort erkennbar war. Er hob das Papier an und fand weitere Zeichnungen. Tawny hatte all ihre Begleiter gemalt. „Stammen die von Ihnen? Die sind wirklich gut.“

Tawny zuckte kurz die Achseln. „Nicht gut genug, um davon zu leben“, bemerkte sie trocken und dachte daran, wie oft ihre Mutter sie dafür kritisiert hatte, dass sie Kunst studiert hatte, anstatt ein „praktischeres“ Fach zu wählen.

„Trotzdem ist es ein Talent.“

„Wo soll ich heute schlafen?“, wechselte Tawny das Thema.

„Sie können auf dem Sofa schlafen“, erwiderte Navarre ohne Zögern. „Es ist nur für zwei Nächte, dann verlassen wir London.“

„Und fahren wohin?“

„Weiter in den Norden.“ Mehr ließ er sich nicht entlocken, sondern ging in sein Schlafzimmer hinüber. Kurz darauf kehrte er mit einer Decke und einem Kissen unter dem Arm zurück. Er legte beides auf einem Stuhl ab und drehte sich mit einem kurzen Nicken wieder um.

„Wissen Sie … ein wahrer Gentleman würde einer Lady sein Bett anbieten“, rief Tawny ihm hinterher.

Navarre warf ihr einen sarkastischen Blick zu. Seine grünen Augen funkelten wie Edelsteine. „Ich war noch nie ein Gentleman und bezweifle sehr, dass Sie eine Lady im ursprünglichen Sinne des Wortes sind.“

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen betrachtete Navarre die schlafende Tawny. Kupferrote Locken streichelten die cremig-glatte Haut ihrer schmalen Schultern. Die langen schwarzen Wimpern warfen einen Schatten auf ihre Wangen, und ihr sinnlicher Mund sah einfach wahnsinnig sexy aus. Sanft schob er eine leuchtende Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Aufwachen“, drängte er.

Tawny wachte tatsächlich ruckartig auf und rutschte mit weit aufgerissenen Augen in eine sitzende Position. „Was?“

Navarre war mehrere Schritte zurückgewichen, um ihr Raum zu geben. „Zeit, aufzustehen. Sie haben einen anstrengenden Tag vor sich.“

Sie rieb sich die Augen wie ein kleines Kind. „Wieso? Was steht denn an?“

„Heute Nachmittag kommen eine Visagistin und eine Haarstylistin vorbei, die Ihnen bei der Vorbereitung für den heutigen Abend helfen werden. Und schon in einer Stunde erwarte ich den Juwelier. Das Bad ist frei“, bemerkte er kühl. „Was wollen Sie zum Frühstück?“

„Das volle Programm – am Morgen habe ich immer einen Riesenhunger“, sagte sie, stand auf und faltete die Bettdecke sorgfältig zusammen. Sie trug eine Baumwoll-Pyjamahose und ein Top. „Wohin führen Sie mich heute Abend aus?“

„Zu einer Filmpreisverleihung.“

Erneut weiteten sich ihre Augen. „Wow … deshalb also das langweilige graue Kleid…“

„Es ist nicht langweilig …“

„Glauben Sie mir, es ist langweilig genug, dass es meiner Mutter gefallen würde“, entgegnete sie trocken und marschierte in Richtung Bad, wobei ihr knackiger Po sanft wippte.

„Tragen Sie eins der neuen Outfits“, rief er ihr hinterher, ehe sie aus seinem Blickfeld verschwand.

„Aber wenn wir doch erst heute Abend ausgehen …“

„Sie brauchen einen Probelauf. Für den Juwelier“, fügte Navarre hinzu.

Tawny durchforstete den riesigen Berg an Kleiderhüllen, Schachteln und Bügeln, der am Vorabend in die Suite geliefert worden war. Schließlich entschied sie sich für einen schmalen schwarzen Rock und ein Seidentop. Es war ein schrecklich konventionelles Outfit, doch für das, was er ihr zahlte, war sie bereit, Zugeständnisse zu machen. Die Unterwäsche nahm sie mit ins Bad und stellte die Dusche an.

Kurz darauf beobachtete Navarre, wie Tawny durch das Zimmer ging, um sich zu ihm an den Frühstückstisch zu setzen. Die kupferroten Locken umtanzen ihre Schultern. Sein Blick saugte sich an ihren verführerischen Brüsten fest, an der schmalen Taille und den langen Beinen, die unter dem engen Rock hervorlugten. „Vous êtes belle … Sie sind schön!“

Tawny verdrehte die Augen. Sein Kompliment zeugte vom geübten Charme des Frauenhelden. „Ich bin nett zurechtgemacht.“

Navarre gefiel es, dass sie sich nichts auf ihr Aussehen einbildete. Sie war am Spiegel vorbeigegangen, ohne sich auch nur eine Sekunde darin zu bewundern.

Ein Kellner klopfte und schob einen großen Speisewagen in die Suite, von dem Tawny ihre Auswahl traf. Navarre hatte noch nie eine Frau gesehen, die so viel essen konnte. Tawny hatte einen verdammt gesunden Appetit. Nach ihrer zweiten Tasse Kaffee und der letzten Scheibe Toast schob sie den Teller fort, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte. „Jetzt kann ich den Tag in Angriff nehmen.“

„Glauben Sie, dass Sie genug gegessen haben, um es bis zum Lunch zu schaffen?“, konnte er sich eine kleine Neckerei nicht verkneifen.

Entsetzt schaute sie ihn an. „Wollen Sie damit sagen, dass ich bis dahin keinen kleinen Snack haben darf?“

Die Antwort saß. Navarre lachte laut auf.

In diesem Moment wirkte er so charismatisch, dass ihr der Atem stockte und sie einfach nicht anders konnte, als sein attraktives Gesicht anzustarren. Es war unmöglich, wegzuschauen, und als sich seine Augen verengten, breitete sich ein ganz flaues Gefühl in ihrem Magen aus.

Navarre schob seinen Stuhl zurück, stand auf und streckte ihr eine Hand entgegen. Ohne nachzudenken ergriff Tawny sie und ließ sich von ihm hochziehen. Sanft berührte er ihr Gesicht, senkte den Kopf und zeichnete mit der Zungenspitze die Konturen ihres Mundes nach. Instinktiv öffnete sie die Lippen. Ihr ganzer Körper vibrierte, und jedes einzelne Härchen stellte sich auf. Rasch tauchte seine Zunge in ihren Mund. Es war so unglaublich sexy, dass sie heftig erschauerte. Er küsste sie mit genau der Leidenschaft, nach der sie sich sehnte.

Als er urplötzlich damit aufhörte und den Kopf hob, war Tawny völlig benommen.

C’est parfait! Du bist wirklich gut.“ Navarres Augen wirkten so kühl wie Eis. „Jeder, der einen solchen Kuss sieht, wird uns auf jeden Fall für ein Liebespaar halten. Mit dieser vorgetäuschten Intimität werden wir absolut überzeugend wirken.“

Tawny wurde erst blass, dann rot. Scham erfasste sie, doch sie bemühte sich, nichts davon zu zeigen. „Danke“, murmelte sie, so als hätte sie von Anfang an gewusst, worum es ihm ging.

Innerlich hätte sie sich dafür ohrfeigen können, dass sie auf seinen Kuss reagierte, als wäre sie seine neueste Freundin. Was war nur in sie gefahren? Wie hatte sie nur so die Kontrolle verlieren und vergessen können, wer sie war und was sie hier tat? Er zahlte ihr Geld, um seine Verlobte zu spielen, um Himmels willen! Tawny war so wütend über ihre Schwäche, dass sie so weit von ihm entfernt wie möglich Platz nahm.

Es klopfte kurz, ehe Jacques die Tür öffnete und zwei Männer hereinführte, von denen einer einen Koffer trug. Es war der Juwelier, der einen eigenen Bodyguard mitgebracht hatte. Navarre winkte Tawny an seine Seite. Mit falschem Lächeln setzte sie sich neben ihn und beobachtete schweigend, wie der ältere Mann mehrere atemberaubende Ringe präsentierte.

„Was gefällt dir?“, fragte Navarre.

„Heißt es nicht: Diamonds are a girl’s best friend?“, erwiderte Tawny, worauf sofort das Tablett mit den Diamantringen hervorgezogen wurde.

Navarre nahm ihre kleine Hand in seine. „Wähl den aus, der dir am besten gefällt.“

Seine Hand war so viel größer als ihre. Im ersten Moment konnte sie nur daran denken, wie es sich anfühlen würde, wenn er mit seiner Hand ihren Körper liebkosen würde. Gott, was ist nur los mit mir? Rasch senkte Tawny den Kopf über die Ringauswahl und deutete blindlings auf irgendeinen. „Kann ich den anprobieren?“

„Ein pinkfarbener Diamant … eine hervorragende Wahl“, schwärmte der Juwelier und reichte den Ring Navarre, der ihn über Tawnys Finger streifte. Er passte erstaunlich gut.

„Mir gefällt er“, sagte Navarre.

„Er ist einfach atemberaubend!“, schwärmte Tawny und klimperte übertrieben mit den Wimpern.

Navarre warf ihr einen strafenden Blick zu, während er den Kauf tätigte. Ohne sie weiter zu befragen, wählte er noch ein Paar Ohrringe, eine schmale Kette und eine Brosche aus. Tawny nahm an, dass diese Schmuckstücke eine Leihgabe für den Abend waren.

Als sie wieder allein waren, blickte Navarre auf die Uhr und sagte: „Mein englischer Anwalt wird bald mit den Dokumenten hier sein, die du unterschreiben sollst. Ich muss mich um einige geschäftliche Dinge kümmern. Wir sehen uns später.“

„Kann ich ausgehen? Hier drin werde ich noch verrückt“, flehte sie.

„Wenn du ausgehst oder jemanden kontaktierst, ist unsere Vereinbarung null und nichtig“, erklärte er kalt. „Elise wird dir Gesellschaft leisten, während ich weg bin.“

Tatsächlich tauchte Elise kurz darauf auf. Navarre war kaum verschwunden, da hatte Tawny auch schon ihren Zeichenblock zur Hand genommen. Sie fing Navarre mit raschen, kühnen Linien ein und zeichnete die Szene, in der sie ihm die Abendkleider vorgeführt hatte. In der Karikatur stellte sie die Stylistin als kurvenreichen, männermordenden Vamp dar, der hinter ihr stand und das eigentliche Objekt seiner männlichen Bewunderung war. Natürlich handelte es sich um künstlerische Freiheit, aber es drückte Tawnys wachsendes Misstrauen gegenüber Navarre Caziers scharfsinniger Intelligenz aus. Was hätte sie dafür gegeben, zu wissen, warum er die Notwendigkeit verspürte, eine Frau anzuheuern, um seine Verlobte zu spielen!

„Darf ich sehen, was Sie gezeichnet haben?“, fragte Elise.

Tawny zog eine Grimasse.

„Falls es der Chef ist, werde ich es niemandem verraten“, versprach sie, worauf Tawny ihr den Block reichte.

Elise lachte. „Sie haben ihn gut getroffen, aber er ist kein Lustmolch.“

„Eine Karikatur ist ein Scherz, Elise, kein Leumundszeugnis“, erklärte Tawny. „Sie sind ihm gegenüber sehr loyal.“

„Das erste Jahr, das ich für ihn gearbeitet habe, war ich hoffnungslos in ihn verliebt.“ Elise zog die Nase kraus, wenn sie daran dachte. „Ich habe schnell gelernt, dass er sich nur für die schönsten Frauen interessiert, und auch die können ihn nicht länger als ein paar Wochen halten – vor allem, wenn sie zu viel Aufmerksamkeit verlangen. Er würde sich niemals mit einer Mitarbeiterin einlassen. Eigentlich ist er gerne Single, und so soll es wohl auch bleiben, wenn es nach ihm geht.“

„Das kann ich ihm nicht verdenken. Wer ist die aktuelle Frau in seinem Leben?“

Elise zuckte zusammen, so als falle ihr gerade erst wieder ein, wer Tawny war. „Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist vertraulich.“

Tawny errötete. „Kein Problem. Ich verstehe.“

Kurz darauf erschien ein gut gekleideter Anwalt, der die Vertraulichkeitsvereinbarung mitbrachte. Er erklärte ihr die Grundzüge des Dokuments und übergab es ihr dann zum Lesen. Der Vertrag schien fair. Tawny unterzeichnete ihn, worauf der Jurist sich zufrieden verabschiedete.

Elise bestellte Lunch über den Room Service. Als er serviert wurde, bemerkte Tawny, dass der Kellner wiederholt die Serviette auf ihrem Schoß anstarrte. Sie fuhr mit den Fingern durch die Stofffalten und spürte einen steifen Zettel. Rasch schob sie ihn in die Tasche ihrer Jeans, in die sie bequemlichkeitshalber geschlüpft war. Sie wollte ihn erst lesen, wenn sie allein war. Eine Nachricht? Aber von wem? Julie war die einzige Mitarbeiterin, mit der sie sich angefreundet hatte, und warum sollte ausgerechnet sie versuchen, Tawny zu kontaktieren?

Nach dem leichten Mittagessen verschwand Tawny im Badezimmer, um sich den Zettel anzusehen.

„Wenn Sie diese Nummer anrufen“, stand da und dann eine Telefonnummer, „und mir Informationen zu Navarre Cazier geben, zahle ich Ihnen viel Geld.“

Die Nachricht war getippt und ohne Unterschrift. Voller Unbehagen steckte sie den Zettel wieder in ihre Tasche. War das eine direkte Nachricht von dem Journalisten, der versucht hatte, Julie dazu zu bewegen, die Drecksarbeit zu tun, indem sie Navarres Laptop stahl?

Ekel erfüllte sie. Tawny schämte sich sogar, die Nachricht überhaupt gelesen zu haben. Navarre Cazier mochte ja glauben, dass sie keine moralischen Grundsätze hatte, weil sie sich von ihm bezahlen ließ, doch sie hatte nur zugestimmt, seine Verlobte zu spielen, um zu gewährleisten, dass ihre Großmutter weiterhin in ihrer Seniorenresidenz wohnen konnte.

Als sie in die Lounge zurückkehrte, waren die Visagistin und ihre Assistentin eingetroffen. Tawny musste sich in ein Handtuch hüllen, dann fingen die beiden an zu werkeln. Ein Wirbelwind an Aktivität entwickelte sich. Der Nachmittag nahm seinen Lauf, während Tawny rasiert, eingecremt, manikürt, pedikürt und geschminkt wurde.

Vor Langeweile ging sie beinahe die Wände hoch – doch da tauchte auch noch die Haarstylistin auf und brachte ihre wilden Locken in Form. Erst als das erledigt war, konnte sie endlich das graue Abendkleid anziehen. Tawny betrachtete sich im Spiegel und zog eine Grimasse, weil sie fand, dass sie furchtbar altmodisch aussah. Als Elise den Diamantschmuck brachte und Tawny Ring, Kette und Ohrringe anlegte, fiel ihr Blick auf die Brosche. Plötzlich hatte sie eine Idee. Sie bückte sich, raffte den Rock über dem Knie zusammen und steckte den Stoff mit der Brosche fest. Elises erstickten Aufschrei ignorierte sie und schob die langen Ärmel des Kleids hoch und das Oberteil so weit hinunter, dass ihre Schultern nackt waren. Mit diesen Veränderungen bekam das Kleid einen ganz anderen Stil.

Navarre, der ungeduldig in der Lounge darauf wartete, dass er duschen und sich umziehen konnte, schaute auf, als sich die Schlafzimmertür öffnete und Tawny heraustrat. Das Bild klassischer Eleganz, das er erwartet hatte, war nicht zu sehen. Ihr fantastisches Haar umfloss ihre Schultern in wilder Mähne. Ihr Gesicht wurde von den hell funkelnden Augen dominiert, während ihre verführerischen Lippen die Farbe reifer Himbeeren hatten. Sie sah so schön aus, dass es ihm im ersten Moment die Sprache verschlug. Dass das Kleid plötzlich einen sexy Saloon-Girl-Stil bekommen hatte, fiel ihm gar nicht auf, denn er war zu sehr damit beschäftigt, ihre nackten Schultern zu bewundern und die perfekte Form ihrer Beine.

Das Schweigen, in dem Tawny ihn erwartungsvoll anschaute, dehnte sich aus.

„Ist die Dusche jetzt frei?“, fragte Navarre und verkniff sich jede Bemerkung zu ihrem Aussehen. Sie arbeitete für ihn. Er bezahlte sie. Jedes Kompliment wäre überflüssig und unangemessen.

4. KAPITEL

Tawny wusste, dass sie nie zuvor so gut ausgesehen hatte. Während sie darauf wartete, dass Navarre sich fertig machte, versuchte sie, nicht beleidigt zu sein, weil er keinerlei Kommentar abgegeben hatte. Was war nur los mit ihr? Er war nicht verpflichtet, ihr Komplimente zu machen, und zumindest hatte er nicht gegen die Veränderungen protestiert, die sie an dem grauen Kleid vorgenommen hatte. Sollte sie nicht froh sein, dass er eine höfliche Distanz wahrte?

„Lass uns gehen“, drängte Navarre, als er in einem maßgeschneiderten Smoking aus dem Schlafzimmer trat.

Im Lift gelang es Tawny kaum, ihren Blick von seinem unverschämt attraktiven Gesicht zu wenden. „Meinst du nicht, du solltest mir allmählich sagen, wohin du mich ausführst?“

„Zu den Golden Awards und der Aftershow-Party“, antwortete er.

Ihre Augen weiteten sich. Eine große Zahl internationaler Filmstars besuchte jedes Jahr die Verleihung der Golden Movie Awards. „Die ganze Presse wird dort sein“, murmelte Tawny schwach, die schlagartig begriff, warum sie ein extrem teures Designerkleid und funkelnde Diamanten trug. Navarre führte sie zu der wartenden schwarzen Limousine vor dem Hotel.

„Du hast vielleicht Nerven, jemanden wie mich zu den Golden Awards mitzunehmen“, äußerte Tawny, als sich die Limousine in Bewegung setzte.

Navarre betrachtete sie mit unübersehbarer Belustigung. „Mais non. Jeder Mann, der dich anblickt, wird wissen, warum du an meiner Seite bist. Falls dich allerdings jemand fragt, sagst du bitte, wir hätten uns bei einer Kunstausstellung in London kennengelernt.“

„Wenn es sein muss.“

„Muss es. Ich weigere mich zuzugeben, dass ich die Frau, die ich heiraten will, kennengelernt habe, als sie meine Bettwäsche wechselte“, erwiderte er ohne Zögern.

„Snob“, entgegnete Tawny und überschlug ihre Beine. Dabei bemerkte sie, dass sein Blick auf ihrem nackten Schenkel liegen blieb, den sie unabsichtlich entblößt hatte, als der Rock zur Seite rutschte. Urplötzlich hatte sie einen Kloß im Hals.

Navarre war hart wie ein Fels. Es irritierte ihn, dass er die Reaktion seines Körpers einfach nicht unter Kontrolle hatte. Außerdem ärgerte es ihn, dass sie einen falschen Eindruck von ihm hatte. „Ich bin kein Snob. Während meiner Schulzeit habe ich in Hotelküchen gejobbt. In meiner Jugend musste ich ständig ums Überleben kämpfen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es war, hart zu arbeiten und kaum etwas zu verdienen.“

Tawny wich seinem Blick aus und rückte ihren Rock zurecht. Es war ihr furchtbar peinlich, selbst als Diebin zu gelten, während er durchaus wusste, was es hieß, für wenig Geld zu schuften. Sie dachte an die großzügigen Trinkgelder, die er ihr immer hinterlassen hatte, und wurde von abgrundtiefer Scham erfasst. Wie sehr wünschte sie, Julie nie kennengelernt und nie auf ihre Lügen gehört zu haben, denn sie hatte Navarres Vertrauen missbraucht.

Der Wagen schob sich durch den dichten Londoner Stadtverkehr, vorbei an überfüllten Bürgersteigen, und hielt schließlich vor dem hell erleuchteten Theater, in dem die Preisverleihung stattfand. Als Tawny die schaulustige Menge hinter den Absperrungen und die unzähligen Journalisten sah, die auf Interviews lauerten, stand sie kurz vor einer Panik.

„Bleib nicht stehen, um irgendwelche Fragen zu beantworten. Lass mich das Reden übernehmen. Lächle einfach nur“, wies Navarre sie an.

Tawny empfand es schon als Herausforderung, ruhig zu atmen, als sie aus dem Wagen stieg. Unzählige Kameras blitzten auf, sodass sie Sternchen sah und dankbar war für Navarres stützende Hand an ihrem Ellbogen. Geschickt führte er sie durch die Menge in das Gebäude hinein. Kaum hatten sie Platz genommen, kamen schon die ersten Leute auf sie zu, um Navarre zu begrüßen. Jedes Mal stellte er sie als seine Verlobte vor. Und jedes Mal sah Tawny, wie sich Überraschung auf dem Gesicht ihres Gegenübers abzeichnete, so als wäre es unfassbar, dass Navarre sich auf eine Frau festlegen wollte. Es sagte einiges über seinen Ruf als Womanizer aus.

Tawny sah zu, wie weltbekannte Schauspieler und Regisseure auf die Bühne gingen, um Preise entgegenzunehmen und Reden zu halten. Ihre Hände schmerzten vom Klatschen und ihr Mund vom Lächeln. Es war anstrengend, die ganze Zeit unter Beobachtung zu stehen, und so empfand sie es als Erleichterung, als Navarre ihr bedeutete, es wäre Zeit, zu gehen.

Sie durchquerten gerade das Foyer des Theaters, als eine melodische weibliche Stimme „Navarre!“ rief und er abrupt stehen blieb.

Die wunderschöne Tia Castelli in einem atemberaubenden nachtblauen Chiffon-Kleid mit passendem Saphirschmuck eilte die Treppe der Privatlogen hinunter. Tawny konnte den Blick nicht von der Leinwandgöttin wenden.

„Und Sie müssen Tawny sein!“, zwitscherte Tia, senkte den Kopf und küsste Tawny leicht auf beide Wangen, während die Kameras um sie herum wie verrückt blitzten und jeder Reporter versuchte, ein paar Bilder von der weltberühmten Schauspielerin einzufangen.

„Herzlichen Glückwunsch – ich habe mich so gefreut, als ich hörte, dass Sie und Navarre heiraten wollen“, fuhr Tia fort. „Steigen Sie doch zu mir und Luke in die Limousine. Wir haben denselben Weg.“

„Wie in aller Welt hast du die Bekanntschaft von Tia Castelli gemacht?“, wisperte Tawny, als mehrere Sicherheitsleute sie über den roten Teppich nach draußen begleiteten.

„Mein erster Chef bei der Privatbank hat ihre Investments verwaltet. Ich kenne sie schon lange“, entgegnete Navarre ruhig.

Tia blieb stehen, um ihre Fans zu begrüßen und für die Fernseh-Kameras zu posieren. An ihrer Seite befand sich ihr großer, dünner, unrasierter Ehemann, der in eine enge schwarze Jeans, eine zerknitterte blaue Samtjacke und einen schwarzen Filzhut gekleidet war. Er verlangsamte seinen Schritt kein bisschen, sondern marschierte schnurstracks auf die wartende Limousine zu. Navarre drängte Tawny mit einem Seufzen in dieselbe Richtung und wünschte nicht zum ersten Mal, dass Tia weniger impulsiv und dafür vorsichtiger wäre.

„Sie werden also Navarre Cazier heiraten“, bemerkte Luke Convery, als er sich vorstellte und Tawny ungeniert musterte. „Was haben Sie, was all die anderen nicht hatten?“

„Das hier …“ Tawny zeigte den opulenten Diamantring und fragte sich unwillkürlich, um wie viel jünger als seine Frau Luke wohl sein mochte. Sie bezweifelte, dass der Rockstar die Zwanziger bereits hinter sich gelassen hatte, während Tia weit in den Dreißigern sein musste, denn ihre wahnsinnig erfolgreiche Karriere umspannte Tawnys gesamte Lebenszeit.

Wie auch immer, Tia Castelli verdiente ein bisschen Glück, denn in ihrem Leben hatte es gewalttätige und untreue Ehemänner gegeben, eifersüchtige Liebhaber und Nervenzusammenbrüche, die allesamt von der Öffentlichkeit sensationsheischend verfolgt wurden. Der Filmstar hatte Scheidung und Witwentum erleiden müssen, und ihre einzige Schwangerschaft endete mit einer Fehlgeburt.

„Darf ich den Ring sehen?“, fragte Tia und streckte eine Hand aus, an der unzählige Diamanten blitzten. „Oh, der ist ja fantastisch!“

„Du hast keinen Finger mehr frei für einen weiteren Ring“, bemerkte Luke trocken. „Wie lang müssen wir bei dieser Party bleiben?“

„Ein paar Stunden?“ Tia warf ihm einen flehenden Blick zu.

„Diese Partys sind immer dermaßen langweilig“, maulte Luke und schob dabei die Unterlippe vor.

Tawny merkte, wie sich Navarre neben ihr versteifte, und Tia sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Rasch erkundigte sich Navarre bei Luke nach seiner bevorstehenden Europa-Tour, worauf die Anspannung ein wenig nachließ. Es dauerte nicht lang, und sie kamen an dem luxuriösen Hotel an, in dem die Aftershow-Party stattfand.

Tawny war überrascht, als Navarre hinter sie trat, um für ein Foto zu posieren. Er erwähnte ihren Namen und ihre angebliche Verlobung mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der sie bereits seit Jahren kannte und nicht erst seit zwei Tagen. Während er sprach, spürte sie die Wärme seines Körpers an ihrem Rücken. Sofort erinnerte sich Tawny an den atemberaubenden Kuss. Ein verdammter Kuss, dachte sie wütend, und ich verwandle mich in ein Häufchen Espenlaub!

Als sie den Ballsaal betraten, in dem die eigentliche Party stattfand, klagte Tia, dass Luke sich bereits selbstständig gemacht und sie allein gelassen hatte. „Er hasst diese Veranstaltungen“, sagte sie zu Navarre, der es sofort übernahm, sie an ihren prominent besetzten Tisch zu führen.

Tia war ganz das, was Tawny von einem internationalen Filmstar erwartet hätte. Sie musste ständig im Mittelpunkt stehen und war nicht zimperlich in ihren Methoden, dafür zu sorgen. Sie schien Navarre sehr gut zu kennen, denn sie berührte ihn ständig vertraulich am Arm, lächelte ihn verführerisch an und setzte das ganze Arsenal ihrer Waffen ein, um ihn an ihrer Seite zu halten. Wäre ich seine richtige Verlobte, dachte Tawny, müsste ich ihr die Augen auskratzen.

„Sie sollten ihm sagen, dass Ihnen das nicht gefällt“, wisperte Luke spöttisch in Tawnys Ohr, worauf sie zusammenzuckte, denn sie hatte gar nicht bemerkt, dass er an ihre Seite getreten war.

„Ich habe kein Problem damit. Ihre Frau ist der Motor der Party“, versetzte Tawny betont unbekümmert, dabei kam sie sich in Tias Gegenwart geradezu unsichtbar vor.

„Nein, sie mag es einfach, sich mit attraktiven Männern zu umgeben“, widersprach Luke Convery und sah zu, wie seine Frau an ihrem Tisch Hof hielt. Als wolle er diesem Anblick etwas entgegensetzen, legte er plötzlich seinen Arm um Tawnys Schultern, die sich daraufhin überrascht versteifte.

Quer durch den Raum legte sich Navarres Blick auf Tawny. Er beobachtete, wie sie den Kopf hob, um in Luke Converys Augen zu schauen. Sie lachte. Die beiden wirkten erstaunlich intim, bemerkte er überrascht. Wie hatte das so schnell passieren können zwischen zwei völlig Fremden? Zorn erfasste ihn und untergrub Navarres sonst so eiserne Selbstdisziplin. Er stand auf, um sofort etwas zu unternehmen.

„Sie sollten versuchen, an Tias Seite zu bleiben“, sagte Tawny behutsam zu Luke Convery.

„Das habe ich schon oft genug probiert. Es bringt nichts, aber Sie könnten damit mehr Glück haben.“ Der Rockstar schaute sie herausfordernd an. „Wenn Sie mit dem Kerl verlobt sind, warum lassen Sie dann zu, dass Tia Ihnen die Show stiehlt?“

Die Frage saß, denn sie erinnerte Tawny an ihre Rolle. Errötend flüchtete sie auf die Toilette, um dem unangenehmen Gespräch zu entgehen. Wie sollte sie denn reagieren, wenn eine Frau, die die schöne Helena in den Schatten stellte, sich in den Kopf gesetzt hatte, mit ihrem angeblichen Verlobten zu flirten? Als sie in den Saal zurückkehrte, stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass Navarre in der Nähe der Tür bereits auf sie wartete.

„Wo warst du?“, fragte er knapp.

Tawny verdrehte die Augen. „Ich war kurz auf der Toilette, um nicht zwischen dich und das Objekt deiner Begierde zu kommen.“

Er folgte ihrem bedeutungsvollen Blick in Richtung Tia Castelli, worauf er so tat, als hätte Tawny ihn beleidigt. Seine Augen sprühten nur so vor Zorn. „Was für eine lächerliche Entschuldigung! Tia und ich sind alte Freunde, mehr nicht. Aber ich habe dich mit Convery gesehen … Wir sind angeblich frisch verlobt, daran solltest du denken. Bleib an meiner Seite.“

„Solange dir bloß klar ist, dass ich das alles nur für das Geld tue“, schoss Tawny wütend zurück, denn es ärgerte sie unheimlich, dass er sie derart kritisierte.

„Keine Sorge, es ist mehr als unwahrscheinlich, dass ich das vergesse“, gab er beißend zurück, griff nach ihrem Arm und führte sie in den Ballsaal, wo er sie jedem als seine zukünftige Frau vorstellte.

Tawny gab sich entsprechend anhänglich. Sie klammerte sich an seinen Arm, lächelte ihn an und tat ganz so, als wäre er der Mittelpunkt ihrer Welt. Angesichts der Summe, die er ihr zahlte, stand ihm das durchaus zu, wie sie fand.

„Musstest du dich die ganze Zeit wie ein kleines Dummchen verhalten?“, beschwerte sich Navarre, als sie am Ende des Abends in die Limousine stiegen.

„Wieso? Es funktioniert doch. Niemand wird sich wundern, dass unsere Verlobung nur fünf Minuten hält, wo wir doch augenscheinlich überhaupt nicht zusammenpassen“, entgegnete Tawny, die nicht fassen konnte, dass er sie schon wieder kritisierte. Machte sie denn gar nichts richtig in seinen Augen? Was genau wollte er eigentlich von ihr? „Ich persönlich finde, dass ich eine ziemlich gute Vorstellung abgegeben habe.“

Das Schweigen, das auf dem ganzen Weg bis zum Hotel zwischen ihnen herrschte, machte mehr als deutlich, dass er das anders sah. Im Lift drückte er den Knopf für ein unteres Stockwerk. „Elise hat angeboten, ihr Zimmer mit dir zu teilen, damit du diese Nacht nicht wieder auf dem Sofa schlafen musst“, teilte er ihr kühl mit. „Ich schätze, sie hat deine Sachen bereits in ihr Zimmer bringen lassen.“

Erleichterung erfüllte Tawny, als sie aus dem Fahrstuhl trat und die große blonde Frau bereits auf sie wartete. Bei Elise konnte sie all die schicken Kleider ablegen, in ihren Pyjama schlüpfen und sich entspannen, was genau das war, wonach sie sich gerade sehnte.

Navarre registrierte ganz genau, mit welcher Hast Tawny den Lift verließ. Es war ihm noch nie passiert, dass eine Frau ihn ohne ein Wort oder einen Blick stehen ließ, und im ersten Moment blitzten seine Augen verärgert. Er konnte Tawny Baxter keinesfalls vorwerfen, dass sie versuchte, ihn zu umgarnen, aber dann erinnerte er sich an die Art und Weise, wie sie auf seinen Kuss reagiert hatte, und lächelte zufrieden. Es war kein freundliches Lächeln.

5. KAPITEL

„Oh … du … meine Güte!“, kreischte Tawny in Navarres Ohr, während sie sich die Nase an der Scheibe des Helikopters platt drückte, um einen besseren Blick auf die mittelalterliche Burg zu erhaschen, die sie gerade überflogen. Es war später Nachmittag. „Es ist eine Burg, eine echte Burg! Werden wir wirklich dort wohnen?“

„Oui“, bestätigte Navarre trocken.

„Du bist so verwöhnt!“, rief sie laut aus. „Du übernachtest in einer echten Burg und bist kein bisschen aufgeregt! Nicht mal ein klitzekleines bisschen?“

„Du bist aufgeregt genug für uns beide“, konterte er. Gegen seinen Willen konnte er den Blick nicht von ihrem strahlenden herzförmigen Gesicht abwenden. Es war selten, dass Erwachsene eine derartige Begeisterung zeigten, und für einen Mann, der seine Emotionen stets eisern im Zaum hielt, hatte ihre völlige Unbefangenheit etwas lächerlich Anziehendes.

Der Hubschrauber, der sie von Edinburgh nach Norden geflogen hatte, landete auf einem Platz in einiger Entfernung zu der beeindruckenden Burganlage. Navarre sprang als Erster heraus, drehte sich um und hob Tawny galant aus dem Helikopter. „Das hätte ich auch allein geschafft!“, betonte sie.

„Nicht in diesem engen Rock“, widersprach Navarre mit typisch männlicher Überlegenheit.

Sie verbrachten das Wochenende in den schottischen Highlands, doch das hatte Navarre ihr erst am Morgen beim Frühstück in seiner Suite mitgeteilt. Dabei hatte er ihr auch ein paar nützliche Informationen zu ihren Gastgebern gegeben.

Tawny war ein wenig nervös, wenn sie an das bevorstehende Treffen mit Sam und Catrina Coulter dachte. Sam war der extrem reiche Besitzer der Coulter Centax Corporation. Catrina, eine Ex-Geliebte von Navarre, wie dieser zugegeben hatte, war Sams wesentlich jüngere zweite Ehefrau – ein sehr erfolgreiches ehemaliges Model.

„Leben Sam und Catrina hier das ganze Jahr über?“, erkundigte sich Tawny neugierig, während sie zu dem Range Rover gingen, der auf sie wartete. „Im Winter muss es hier ziemlich einsam sein.“

„Nein, sie sind nicht die Besitzer von Strathmore Castle, sondern mieten es nur in der Sommersaison“, entgegnete Navarre. „Sam ist leidenschaftlicher Jäger und Angler.“

Sam Coulter war in den Sechzigern, ein Mann mit ordentlicher Brille, grauen Haaren und wachem Blick. Catrina, eine schöne Brünette mit großen braunen Augen und einem geradezu aggressiv strahlenden Lächeln, überragte ihren erfolgreichen Ehemann um einiges – doch was ihm an Körpergröße fehlte, glich er durch Persönlichkeit aus. Catrina machte ein großes Tamtam um Tawnys Verlobungsring und hakte sich freundschaftlich bei ihr unter, um sie die Treppe hinaufzuführen, doch in ihrem Verhalten lagen weder echte Wärme noch Aufrichtigkeit. Erst als das Ex-Model Tawny und Navarre im selben Zimmer zurückließ, dämmerte Tawny, dass man von ihnen erwartete, ein Bett zu teilen.

„Wir sollen im selben Zimmer schlafen?“, wisperte sie nur wenige Sekunden nachdem sich die Tür geschlossen hatte.

„Was hast du denn erwartet?“

Dummerweise hatte Tawny gar nicht darüber nachgedacht. Jetzt sah sie sich rasch in dem Raum um. Es gab kein Sofa, nur das Doppelbett. Panik erfasste sie. „Du könntest behaupten, dass du schnarchst und mich damit wachhältst und …“

„Nun komm schon, so naiv bist du doch auch wieder nicht. Wir müssen uns das Bett teilen. Es ist ja nur für zwei Nächte“, beschwichtigte er sie.

„Es ist mir unangenehm, ein Bett zu teilen“, gestand sie.

„Aber mir nicht“, erwiderte er ohne Zögern und mit einem amüsierten Lächeln.

Tawny errötete. In seinem Lächeln steckte so viel Charme, dass ihr Herz sogleich Purzelbäume schlug. „Ich will wirklich kein Zimmer mit dir teilen.“

„Du musst doch damit gerechnet haben“, wandte er ein. „Ein verlobtes Paar schläft heutzutage nicht mehr in getrennten Betten.“

Damit hatte er natürlich recht. „Ich habe nicht darüber nachgedacht“, gestand sie kleinlaut.

„Wir können nichts daran ändern“, erklärte Navarre pragmatisch. „Heute Nacht teilen wir dieses Bett, ma petite.“

Resigniert öffnete Tawny ihren Koffer, um das Outfit herauszunehmen, das sie zum Dinner tragen wollte. Navarre würde vermutlich wie ein Löwe kämpfen, um als Sieger aus dieser Diskussion hervorzugehen. Noch dazu könnte ein Streit gehört werden. Sie wollte ihm keinen Grund liefern, sich darüber zu beklagen, dass sie nicht wie ein glücklich verlobtes Paar wirkten.

Navarre saugte den Anblick wohlgeformter Beine in sich auf, die durch den Schlitz von Tawnys Rock lugten. Sie streckte sich, um ihre Cardigan-Jacke abzulegen, und Verlangen erfasste ihn. Jedes Mal, wenn sie seine Begierde weckte, wurden die Auswirkungen schlimmer! Er registrierte die leuchtend roten Locken, die über ihren schmalen Rücken fielen, und bemerkte, dass ihr Top hauchdünn war und den hellen BH durchscheinen ließ, der ihre kleinen Brüste bedeckte. Mince alors, ich benehme mich wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal einen Blick auf nackte weibliche Haut erhascht! dachte er verärgert.

Das ausgewählte Outfit über dem Arm, ging Tawny zum Schrank hinüber, um das Kleid aufzuhängen. Dabei begegnete sie Navarres hungrigem Blick und bekam schlagartig kaum mehr Luft. „Schau mich nicht so an“, sagte sie heiser.

Navarre streckte den Arm nach ihr aus. „Ich kann nicht anders“, gestand er.

„Doch, kannst du“, widersprach sie zitternd und sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers danach, ihm näherzukommen, während ihr Verstand ihr riet, ihm eine Ohrfeige zu verpassen und sich zurückzuziehen. Doch es war etwas ungeheuer Schmeichelhaftes an seinem leidenschaftlichen Blick. Navarre besaß die Fähigkeit, ihr das Gefühl zu vermitteln, sehr weiblich und verführerisch zu sein – zwei Eigenschaften, von denen sie nie geglaubt hätte, sie zu besitzen.

Eine Hand legte er auf ihre Hüfte, mit der anderen streichelte er sanft ihr Gesicht. „Du bist wunderschön, ma petite.“

Tawny hatte sich nie als schön empfunden, insofern übte dieses Wort eine hypnotische Wirkung auf sie aus. Mit schimmernden blauen Augen starrte sie ihn an. Sie wollte sich in seine Hand schmiegen, wollte ihm auf jede nur erdenkliche Weise näherkommen, während sich tief in ihrem Bauch Sehnsucht breitmachte. Dennoch war sie unentschlossen, ob sie zurückweichen oder sich an ihn klammern sollte. Noch während sie diesen inneren Kampf austrug, senkte Navarre den Kopf und küsste sie.

Es war nicht wie dieser erste neckend-zärtliche Kuss in London – es war ein Kuss voller Leidenschaft. Während er stürmisch ihre Lippen eroberte, vergrub sie die Hände in seinem dichten schwarzen Haar. Sofort tauchte seine Zunge in ihren Mund und entfesselte in ihr ein solches Verlangen, dass sie ihre Brüste gegen seinen Oberkörper presste. Er zog sie noch enger an sich, worauf sie seine harte Erektion spürte. Ihre Knie begannen zu zittern.

Navarre hob sie auf seine Arme und legte sie auf dem Bett ab, wobei er sie ununterbrochen hungrig küsste. Es dauerte nicht lang, und Tawny stand lichterloh in Flammen. Plötzlich wusste sie ganz genau, was sie wollte, und es schockierte sie. Sie wollte sein Gewicht auf sich spüren. Sie wollte die Beine öffnen und ihn zwischen ihren Schenkeln wiegen … doch dummerweise war ihr Rock dazu zu eng.

Dieser letzte, lächerliche Gedanke brachte sie zur Vernunft. „Nein, ich will das nicht!“, rief sie und stemmte ihre Hände gegen seine Schultern, um Abstand zu gewinnen.

Navarre ließ sie sofort los. Er stand vom Bett auf und blickte mit funkelnden grünen Augen auf sie herab. „Oh doch, du willst! Du willst mich genauso sehr wie ich dich. Zusammen sind wir wie ein glühend heißes Feuer, das völlig außer Kontrolle geraten ist, und ich weiß wirklich nicht, warum du diese Grenzen setzt, es sei denn…“

„Nein, sag es nicht!“, fuhr Tawny dazwischen, setzte sich rasch auf und strich sich hektisch das Haar aus dem Gesicht. „Wag es ja nicht, das zu sagen!“

Navarre runzelte verwirrt die Stirn. „Was soll ich nicht sagen?“

„Wag es ja nicht, mir Geld anzubieten, um mit dir zu schlafen … wag das ja nicht!“, warnte sie ihn fauchend.

Navarre zog eine Augenbraue hoch, streckte sich und starrte düster auf sie herab. „Mais c’est fou … das ist verrückt! Ich habe bestimmt nicht vor, dir Geld für Sex anzubieten. Ich zahle nie dafür und werde es auch niemals tun. Es mag ja sein, dass du vorher nicht die Beine breitmachst, aber ich fürchte, da hast du dir den falschen Mann ausgesucht!“

Tawny brauchte einen Moment, um seine verächtlichen Worte zu begreifen, doch dann sprang sie mit dem starken Drang, ihn zu schlagen, wutentbrannt vom Bett. Navarre schien ihre Absicht jedoch zu ahnen, denn blitzschnell umklammerte er ihre Handgelenke und hielt sie eisern fest. „Nein“, zischte er leise. „Das lasse ich mir von keiner Frau gefallen.“

Wortlos riss sie sich von ihm ...

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