Logo weiterlesen.de
JULIA EXTRA BAND 363

MARGARET MAYO

Millionär mit goldenem Herzen

Was soll Kristie nur tun? Sie hat sich in den Millionär Radford Smythe verliebt. Gleichzeitig belügt sie ihn: Er ahnt nicht, dass sie den Sohn ihrer verstorbenen Schwester aufzieht – seinen Sohn …

BARBARA MCMAHON

In Spanien kam die Liebe

Wenn Stacey lacht, geht die Sonne auf. Das finden nicht nur die süßen Zwillinge, sondern auch ihr Daddy! Kann Luis die bezaubernde Nanny überzeugen, dass sie für immer bei ihnen in Spanien bleibt?

FIONA MCARTHUR

Emmas süßes Geheimnis

Während eines Urlaubs hat Dr. Gianni Bonmarito die große Liebe gefunden. Die Erinnerung an Emma lässt ihm keine Ruhe. Doch als er zu ihr zurückkehrt, spürt er sofort: Sie verschweigt ihm etwas …

REBECCA WINTERS

Küsse, Kuscheln, Kinderlachen

„Ja“, haucht Catherine, und ihr Schicksal ist besiegelt: Ab sofort sind sie, die kleine Bonnie und Rancher Cole eine Familie. Sie hat Ja zur Liebe gesagt – er zu einer Vernunftehe wegen Bonnie …

IMAGE

Millionär mit goldenem Herzen

PROLOG

„Tarah ist tot? Das … das kann nicht sein!“, protestierte Kristie. Es musste sich um ein Missverständnis handeln! „Natürlich komme ich. Sofort.“ Während sie die Autobahn Richtung London entlangbrauste, hoffte und betete sie, dass hier ein Irrtum vorlag. Es konnte einfach nicht wahr sein. Nicht ihre geliebte Schwester. Tarah war eine Frau mit unbändiger Lebensfreude; es war undenkbar, dass ein so fröhlicher Mensch einfach aufgehört hatte zu existieren.

Fünfundzwanzig war überhaupt kein Alter. Tarahs Leben hatte gerade erst begonnen. Ihre Eltern waren während eines Schiurlaubs in Norwegen von einer Lawine verschüttet worden und dabei umgekommen. Beide waren bereits über fünfzig gewesen, und doch hatte ihr Tod eine unfassbar schmerzliche Lücke hinterlassen. Aber Tarah, ihre über alles geliebte Schwester … „Nein, nein, niemals!“

Bald konnte Kristie ihre eigene Stimme nicht mehr ertragen. Sie musste Ruhe bewahren, während sie das Auto lenkte. Irgendwie gelang es ihr, sich selbst davon zu überzeugen, dass alles nur ein schrecklicher Irrtum war, dass jemand anderes gestorben war, nicht ihre Schwester.

Doch im Krankenhaus konnte sich Kristie nichts mehr vormachen.

„Wir haben unser Bestes getan“, meinte der Chirurg mit trauriger Stimme, „aber es hat nicht gereicht. Der einzige Trost ist, dass ihr Baby wohlauf ist.“

Das Baby. Kristie wollte nichts davon hören. Sie hatte gerade ihre Schwester verloren!

„Wollen Sie den Kleinen sehen?“

Kristie schüttelte den Kopf. Warum war nicht das Baby gestorben, warum Tarah? Wieso war das Leben so ungerecht? Tränen liefen ihre Wangen hinab.

„Ich glaube, Sie sollten ihn sehen.“

„Wie Sie wollen.“ Kristie, die immer noch unter Schock stand, ließ sich vom Bett ihrer Schwester fort und ins Säuglingszimmer führen. Das Neugeborene schlief tief und fest, ein süßer kleiner Engel in blauem Strampelanzug. Seine Ähnlichkeit mit Tarah war derart verblüffend, dass Kristie erneut in Tränen ausbrach. Als man sie fragte, ob sie sich des Kindes annehmen würde, brachte sie es nicht übers Herz abzulehnen. Das Baby konnte ja nichts dafür, dass es ohne Mutter aufwachsen würde – und ohne Vater!

Als Tarah ihr erzählt hatte, dass sie sich von Radford getrennt hätte, war Kristie voller Verständnis gewesen. Doch als Tarah ihr ein oder zwei Wochen später eröffnet hatte, dass sie schwanger war, aber Radford nicht davon in Kenntnis setzen wollte – angeblich, weil er sich schon immer gegen Kinder und eine Familie ausgesprochen hatte –, war Kristie vor Wut explodiert.

„Das kannst du nicht machen“, hatte sie Tarah ins Gewissen geredet. „Er ist der Vater, er trägt die Verantwortung. Du kannst das Kind nicht alleine aufziehen, ganz ohne finanzielle Unterstützung. Das ist er dir zumindest schuldig!“

Doch ihre Schwester hatte nicht mit sich reden lassen. Und jetzt war sie tot. Ihr Exfreund hatte an allem Schuld. Kristie war ihm nie begegnet und heilfroh darüber. Sie wusste, wenn sie ihn träfe, würde sie ihm am liebsten den Hals umdrehen.

Sie hatte Ben adoptiert. Er war jetzt ihr Sohn. Auch wenn es am Anfang hart gewesen war und sie sich als alleinerziehende Mutter ihren Lebensunterhalt hatte erkämpfen müssen – am Ende hatte sie es geschafft.

1. KAPITEL

Das Haus war von der Hauptstraße aus nicht zu erkennen. Das Grundstück lag versteckt hinter efeuumrankten Mauern und dichtem Buschwerk, und Kristie war viele Male hier vorbeigefahren, ohne es zu bemerken.

Es war ein interessantes Gebäude. Nicht allzu hoch, dafür aber ausgedehnt und in einem interessanten Stilmix gebaut. Es machte den Eindruck, als wären über die Jahrhunderte hinweg immer neue Anbauten hinzugekommen. Als sie im Inneren des Hauses angelangt war, wunderte sich Kristie noch mehr. Sie hatte ein richtiges Prunkstück erwartet – jedes Zimmer so fein herausgeputzt, als hätte nie jemand darin gewohnt. Nichts dergleichen. Es gab zwar einige elegante Möbelstücke, doch alles in allem herrschte eine gemütliche Atmosphäre. Hier und dort lag eine Zeitung oder ein Buch herum, und eine Jacke war über eine Stuhllehne gehängt. All die Kleinigkeiten, die verrieten, dass hier ein ganz normaler Alltag stattfand.

„Felicity hätte gerne eine Hochzeit im Sommer. Nicht wahr, Schatz?“

Kristie drehte sich um. Eine auffallend schöne junge Frau im Rollstuhl war im Zimmer aufgetaucht. Sie hatte glänzendes dunkles Haar und wunderschöne graue Augen. Kristie hegte aufrichtiges Mitgefühl für sie. Was für eine Tragödie. Was war nur mit ihr passiert? Doch die Frau machte einen sehr glücklichen Eindruck.

„Anfang Juni, an meinem Geburtstag. Einen besseren Zeitpunkt gibt es nicht.“

„Schatz, das ist Kristie Swift. Die Frau, von der ich dir erzählt habe.“

„Die Hochzeitsplanerin?“ Felicity fuhr mit dem Rollstuhl zu Kristie hinüber und streckte ihr die Hand entgegen. „Wir haben schon so viel Gutes von Ihnen gehört. Sie können sich nicht vorstellen, wie erleichtert meine Mutter ist, dass Sie ihr die ganze Arbeit abnehmen. Sie ist schon sehr aufgeregt.“ Die Frau sprach leise und lächelte schelmisch, wodurch sie wie ein junges Mädchen wirkte. Doch Kristie wusste, dass sie bereits ihren dreißigsten Geburtstag hinter sich hatte.

„Ist mein Bruder noch nicht da?“, fragte Felicity, die zum Fenster hinüberrollte und auf die lange Einfahrt hinausblickte.

„Er wird bald hier sein“, versicherte ihre Mutter. „Genehmigen wir uns doch einen Drink, während wir warten.“ Dann meinte sie zu Kristie: „Felicitys Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Seitdem kümmert sich ihr Bruder um Angelegenheiten wie diese. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn machen würde.“ Mrs Mandervell-Smythe war eine sehr gepflegte ältere Dame mit eisengrauem Haar und scharfen Linien im Gesicht.

„Du solltest dir einen Mann suchen“, schlug Felicity kess vor. „Angebote bekommst du ja zur Genüge.“

„Noch ist mir niemand begegnet, der deinem Vater das Wasser reichen könnte.“

„Das wird so schnell auch niemand schaffen“, erklärte Felicity. „Dad war etwas ganz Besonderes. Aber ich wünsche mir, dass du jemanden findest, Mummy. Ich sehe es nicht gerne, wie allein du bist. Hurra, da ist er ja!“ Aufgeregt drehte sich Felicity in ihrem Rollstuhl um und fuhr aus dem Zimmer.

Mrs Mandervell-Smythe lächelte nachsichtig. „Felicity liebt ihren Bruder innig. Er lebt und arbeitet in London, also können sie sich nicht sehr oft sehen.“

Als Felicitys Bruder ins Zimmer trat, fiel sein Blick sofort auf Kristie. Der Hochzeitsplanerin stockte der Atem, und ihr Herz stand einige Augenblicke still.

Während er sich der Mutter zuwandte, betrachtete Kristie ihn genauer. Ohne Übertreibung, er war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Sein Haar war so schwarz wie das seiner Schwester, die Augen dunkelgrau und durchdringend. Er war einer jener Männer, die sich sofort von der Menge abhoben – nicht nur aufgrund seiner Größe und Attraktivität, sondern vor allem wegen seines angeborenen Charismas. Sein Körper wirkte auf Kristie wie ein Magnet, dem sie sich nicht zu entziehen vermochte. Seine Gegenwart schnürte ihr die Kehle zu und ließ sie wie angewurzelt stehen bleiben.

Nun wandte er sich ihr zu. Mrs Mandervell-Smythe machte sie miteinander bekannt. „Darf ich vorstellen, Kristie Swift. Sie wird Felicitys Hochzeit organisieren. Kristie, das ist mein Sohn, Radford.“

„Eine mutige Frau“, meinte Felicitys Bruder mit einem umwerfenden, strahlenden Lächeln. „Meine Schwester ist bekannt dafür, dass sie gerne ihre Meinung ändert.“

Kristie hörte überhaupt nicht zu. Radford. Radford Mandervell-Smythe … oder Radford Smith, wie ihn ihre Schwester genannt hatte. Er war es bestimmt. Radford war ein ziemlich seltener Name. Sie konnte sich nicht erinnern, jemand anderen mit demselben Namen gekannt zu haben. Ihr Mund zuckte, und ihr Lächeln erstarb. Sie erstarrte und konnte sich nicht einmal dazu überwinden, die Hand zu berühren, die er ihr entgegenstreckte.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte er und warf ihr einen durchdringenden Blick zu.

„Ähm, nein, nichts“, stammelte Kristie.

„Sie sehen sehr blass aus“, bemerkte Mrs Mandervell-Smythe besorgt. „Fühlen Sie sich nicht gut? Bitte setzen Sie sich. Ich lasse Ihnen ein Wasser bringen.“

„Es geht mir gut“, meinte Kristie. Sie musste sich unbedingt zusammenreißen.

„Diese Wirkung hat mein Bruder auf alle Frauen!“, kicherte Felicity.

„Flick!“, wies ihre Mutter sie zurecht.

Kristie war so in Gedanken versunken, dass sie die Bemerkung gar nicht mitbekommen hatte. Sie wollte sich ein Glas Wasser einschenken, doch ihre Hände zitterten so stark, dass sich die Flüssigkeit auf das Tablett ergoss.

„Erlauben Sie?“, vernahm sie Radfords gelassene Stimme. Während er so dicht vor ihr stand und das Wasser einschenkte, wurde ihr erneut bewusst, was für ein maskuliner, unglaublich gut aussehender Mann er war. Sie verstand jetzt, warum sich ihre Schwester in ihn verliebt hatte. Es war unmöglich, seiner magnetischen Anziehungskraft zu widerstehen.

„Trinken Sie“, drängte Radford. Er schloss ihre immer noch zitternde Hand um das Glas und half ihr, es an den Mund zu führen.

Kristie hätte ihn am liebsten weggestoßen.

„Trinken Sie! Was zum Teufel ist los mit Ihnen?“, sagte Radford barsch.

„Radford!“, rief seine Mutter. „Rede nicht so mit …“

„Aber sie ist doch total fertig“, erwiderte er. „Wo hast du sie eigentlich her?“ Der Blick, mit dem er auf Kristie herabsah, war kalt und missbilligend.

„Sie ist uns empfohlen worden“, meinte Felicity. „Kristie Swift hat auch Michelles Hochzeit organisiert.“

Radford schnaufte verächtlich. „Ich kann nur sagen, Michelle hat keinen Geschmack.“

„Jetzt lass doch die arme Frau in Ruhe“, meinte seine Mutter. „Komm und setz dich, Radford. Wahrscheinlich bist du es, der ihr zusetzt. Mit deiner gebieterischen Art, genau wie dein Vater.“

„Ich bitte dich, ich habe nichts gemacht“, brauste er auf.

„Trotzdem, lass Kristie etwas Luft zum Atmen.“

Kristie, der die ganze Situation peinlich wurde, zwang sich dazu, sich zu beruhigen. Sie trank einige Schlucke von dem Wasser. „Entschuldigung. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“ Eine glatte Lüge, aber was sollte sie Mrs Mandervell-Smythe auch sagen? Was für ein Mistkerl ihr Sohn in Wahrheit war?

„Schon in Ordnung“, antwortete die ältere Frau. „Fühlen Sie sich imstande, mit den Hochzeitsvorbereitungen fortzufahren?“

„Sie sieht mir eher so aus, als sollte sie nach Hause gehen und sich hinlegen“, knurrte Radford.

Kristie starrte ihn wütend an, schwieg jedoch. „Mir geht es wieder besser“, meinte sie leise. Insgeheim wusste sie jedoch, dass sie sich auf kein einziges Wort konzentrieren konnte, solange sie sich mit Radford Smythe in einem Raum befand.

Sie hörte im Geiste die Stimme ihrer Schwester. „Er sieht einfach unglaublich gut aus und ist atemberaubend sexy. Kristie, dich würde er auch um den kleinen Finger wickeln, glaub mir!“

Nun, ihre Schwester hatte nicht übertrieben. Radford war einer jener Männer, die einen in ihren Bann zogen – ob man wollte oder nicht. Seine Anziehungskraft war enorm, und Kristie vermutete, dass ihm kaum eine Frau widerstehen konnte.

Tarah war nach ihrer gescheiterten Ehe nach London gezogen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Der Männerwelt hatte sie abgeschworen – so lange, bis sie Radford Smythe getroffen hatte. „Ich necke ihn immer, indem ich ihn Smith nenne“, hatte sie Kristie verraten. „Er kann das überhaupt nicht ausstehen. Eigentlich hat er einen Doppelnamen, den er aber nie verwendet. Er kümmert sich um das Verlagsgeschäft seiner Familie. Sein Vater ist tot, und seine Mutter lebt irgendwo in der Nähe von Stratford. Die Welt ist klein, nicht wahr?“

Zu klein, um genau zu sein. Das Haus war nur wenige Kilometer von Kristies Zuhause entfernt. Plötzlich dämmerte ihr, dass Mrs Mandervell-Smythe mit ihr sprach. Und sie hatte kein Wort mitbekommen!

Von da an konzentrierte sich Kristie ganz auf die Vorschläge und Wünsche der drei Mandervell-Smythes, brachte eigene Ideen ein und notierte sich alles in ihrem Notizbuch, um es später in ihren Computer einzutippen. Irgendwann würde sie sich einen Laptop kaufen, schwor sie sich. Damit würde sie eine Menge Zeit sparen.

Nach einiger Zeit wurden Kaffee und Kekse serviert. Als Radford Kristie den Teller reichte und ihr dabei mit einem fragenden Blick direkt in die Augen sah, fühlte sie erneut Nervosität in sich aufsteigen. Und dann lächelte er auch noch – genau die Art von Lächeln, die die Herzen der meisten Frauen zum Schmelzen brachte. Kristie schaffte es gerade noch, das Gesicht zu verziehen – zu einem richtigen Lächeln reichte es nicht –, und nahm sich ein paar Shortbread-Kekse.

„Sie sehen besser aus“, meinte Radford leise. „Reden wir später. Dann können Sie mir genau sagen, was los war.“

„Dazu wird es nicht kommen“, erwiderte Kristie schnell. „Ich habe nachher noch einen dringenden Termin.“

„Vielleicht arbeiten Sie zu viel?“

„Und geht Sie das irgendetwas an?“ Gleich darauf bereute Kristie ihre Worte. Mrs Mandervell-Smythe warf ihr einen scharfen Blick zu, und auch Felicity musterte sie mit einem Mal interessiert. Aber am unangenehmsten war Radfords Gesichtsausdruck – seine Miene erschien mit einem Mal hart wie Granit, und als er sich aufsetzte, überragte er Kristie wie ein drohender Racheengel.

Kristie nippte an ihrem Kaffee, wohl wissend, dass sie nun im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Am liebsten wäre sie auf der Stelle gegangen. Aber es gab noch viel zu klären, und Radford bestand darauf, seine Meinung zu jeder Einzelheit kundzutun.

Als sie in den Garten gingen, wo die Hochzeit stattfinden würde, war es wieder Radford, der das Gespräch dominierte.

„Die Zeremonie selbst könnte man hier abhalten“, meinte Kristie. Sie stand etwa zwanzig Meter vom Haus entfernt auf dem Rasen, gleich gegenüber des Salons, von dem aus sich drei deckenhohe Rundbogenfenster zum Garten öffneten. „Mit einem überdachten Gang – falls es regnen sollte.“ Regen im Juni war hier in England alles andere als selten. „Und dort …“, sie streckte die Hände aus, „könnte es ein großes flaches Podium geben, vielleicht mit griechischen oder dorischen Säulen und einem Überzug aus Seide, mit Schleifen bedeckt – passend zu den Kleidern der Brautjungfern und den Blumen. Und ganz viel Grün.“

Kristie war sich Radfords Blick bewusst, der ständig auf ihr ruhte. Bis sie alles besprochen hatten, waren einige Stunden vergangen. Als sie endlich aufstehen konnte, war Kristie unheimlich erleichtert.

„Ich begleite Sie hinaus“, schlug Radford vor.

Kristie hätte gerne protestiert, wollte jedoch nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zugegeben, sie hatte Radford treffen wollen, aber nicht auf diese Weise – nicht vor seiner Mutter und vor einer Kundin. Was sie ihm zu sagen hatte, war strikt privat.

Als sie zu ihrem Wagen ging, folgte ihr Radford immer noch. „Wollen Sie mir nicht sagen, was das vorhin sollte?“

„Wie bitte?“, fragte sie scharf.

„Dieses kleine hysterische Schauspiel.“

„Ich bin keine Brüder von Kundinnen gewohnt, die zu allem ihren Senf dazugeben müssen“, wich sie aus.

„Ach nein?“ Er hob seine dunklen Augenbrauen. „Und das hat Sie so aufgeregt? Wohl kaum. Ich glaube, da ist noch mehr.“

„Sie können glauben, was Sie wollen“, gab Kristie zurück. „Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig. Können Sie mich jetzt bitte fahren lassen? Ich komme sonst zu spät zum nächsten Termin.“

„Wie wär’s mit Lunch?“

„Niemals!“

„Das war keine Einladung. Ich meine, Sie können nicht von einem Termin zum anderen hetzen, ohne etwas zu essen. Wenn Sie das immer tun, ist es kein Wunder, dass Sie sich krank fühlen.“

Kristie stöhnte innerlich auf. Sie machte sich hier total zum Narren. Kopfschüttelnd stieg sie in ihren Wagen und startete den Motor.

Doch ganz war sie Radford immer noch nicht los. „Auf Wiedersehen, Kristie Swift. Ich hoffe, wenn wir uns das nächste Mal treffen, sind Sie in einer besseren Verfassung.“

Niemals! Das hätte sie ihm gerne gesagt, besann sich jedoch rechtzeitig. Stattdessen zeigte sie ein halbherziges Lächeln. „Auf Wiedersehen, Mr Mandervell-Smythe.“

Kristie konnte erst wieder aufatmen, als ihr Wagen außer Sichtweite war. Sie zog ihr Handy hervor, um den nächsten Termin abzusagen, und fuhr direkt nach Hause. Sich jetzt noch auf die Arbeit zu konzentrieren war ein Ding der Unmöglichkeit.

Kristie wohnte in einem adretten Reihenhaus in einem Vorort von Warwick. Hier war ihr Refugium, bestehend aus drei Schlafzimmern, einem recht großen Wohnzimmer, einer Küche und einem großen Garten. Gleich nach ihrer Ankunft machte sie sich einen starken Kaffee, setzte sich damit an ihre Frühstückstheke und sah auf den Rasen hinaus, der dringend gemäht werden musste. Das würde sie gleich als Nächstes in Angriff nehmen. Die körperliche Anstrengung würde ihr dabei helfen, mit ihrer aufsteigenden Wut fertigzuwerden.

Sie hätte nie gedacht, einmal Radford Smythe zu treffen. Wie Tarah immer von ihm geschwärmt hatte!

Tarah war zwei Jahre älter als Kristie gewesen, eine eigenwillige und beinahe fanatische junge Frau, die sich rückhaltlos in jedes neue Hobby oder auch in eine neue Beziehung gestürzt hatte. Wenn sie verletzt oder enttäuscht worden war, hatte Kristie ihr immer beigestanden. So war es schon immer gewesen, selbst als sie noch zur Schule gingen.

Als Tarah ihren zukünftigen Ehemann Bryan Broderick getroffen hatte, war sie ein halbes Jahr lang Hals über Kopf verliebt gewesen – bis sie herausgefunden hatte, dass er eine Affäre mit einer anderen Frau unterhielt. Wieder war es Kristie gewesen, die das gebrochene Herz ihrer Schwester gekittet hatte. Tarahs Entscheidung, nach London zu ziehen und dort ein neues Leben zu beginnen, war sowohl Kristie als auch ihren Eltern ein Dorn im Auge gewesen, aber ihre Schwester hatte sich einfach nicht davon abbringen lassen.

Und jetzt war sie tot!

Und an alldem war nur einer schuld: Radford Mandervell-Smythe.

2. KAPITEL

„Was, glaubst du, war mit Miss Swift los?“, fragte Radford seine Schwester.

„Du hast sie total umgehauen“, kicherte Felicity. „Sie war okay, bis du aufgetaucht bist. Wär ja nicht die Erste, die vor dir zusammenklappt!“

„Das ist doch lächerlich“, widersprach Radford. „Es hatte überhaupt nichts mit mir zu tun.“

„Ich denke, das arme Mädchen ist überarbeitet“, wandte seine Mutter ein. „Sie ist ganz dünn und blass.“

Radford nickte zustimmend. „Ich glaube nicht, dass wir ihr den Job überlassen sollten. Ich werde ihr sagen …“

„Nein!“, widersprach Mrs Mandervell-Smythe. „Sie ist voller Enthusiasmus und hat sicher jede Menge hervorragende Ideen. Es wäre schade, sie jetzt wegzuschicken.“

Radford hatte insgeheim seine Zweifel. Immerhin war es seine Aufgabe sicherzustellen, dass die Hochzeit seiner Schwester absolut reibungslos verlief. Er wusste, dass seine Mutter Kristie Swift für diese Aufgabe bezahlte, doch er traute ihr einfach nicht über den Weg. Sie hatte ein vollkommen unprofessionelles Verhalten an den Tag gelegt. Zu allem Überfluss hegte sie irgendeine Abneigung gegen ihn. Das war ungewöhnlich – üblicherweise hatte Radford alle Hände voll zu tun, sich die Frauen vom Hals zu halten –, doch er fand Kristie schließlich genauso wenig attraktiv wie sie ihn.

Wie kann es dann sein, dachte er, dass das Bild ihres blassen, doch interessanten Gesichts, eingerahmt von flammendrotem Haar, immer wieder in meinem Kopf auftauchte? Ihre Augen waren von einem höchst ungewöhnlichen Hellgrün, groß und wunderschön, und er fragte sich, welche Farbe sie wohl annahmen, wenn sie sich leidenschaftlich einem Mann hingab.

Er schüttelte den Kopf und verwarf den Gedanken. Es war auch vollkommen ohne Belang.

Kristie trank ihren Kaffee in großen Schlucken und drückte dabei die Tasse so stark, dass sie beinahe zerbrach. Fünf Jahre lang hatte sie in ihrem Herzen eine tiefe Abneigung gegen einen ihr unbekannten Mann gehegt. Sie hatte versucht, ihre Gefühle zu unterdrücken, sich einzureden, dass es sinnlos war, solche unheilvollen Gedanken ständig mit sich herumzutragen, da sie ihn vermutlich ohnehin niemals zu Gesicht bekommen würde. Bis zu einem gewissen Grad war ihr das auch gelungen.

Doch nun hatte sich ihr Schmerz wieder mit aller Kraft emporgedrängt, und sie wusste, dass ihre Situation schlicht unerträglich werden würde, sollte Radford in Zukunft bei jedem Gespräch anwesend sein. Vielleicht war es besser, den Job sofort abzulehnen? Normalerweise war es jedoch nicht Kristies Art, aufzugeben. Sie stellte sich den Problemen. Und nichts anderes war Radford – ein Problem. Allerdings ein riesiges – doch nun, da sie die Umstände kannte, war sie davon überzeugt, eine Lösung zu finden.

Sie würde es sich nicht mehr anmerken lassen, dass sein bloßer Anblick sie auf die Palme brachte, aber sie würde dafür sorgen, dass er seine verdiente Strafe bekam.

Das Telefon läutete. Sie ignorierte es; ihr Kopf schmerzte, und sie wollte mit niemandem reden. Doch dann hörte sie eine tiefe, raue Männerstimme auf dem Anrufbeantworter. „Miss Swift, hier ist Radford Smythe.“

Als ob sie ihn nicht erkannt hätte!

„Ich habe eine Nachricht für Sie, von meiner Mutter. Sie würde gern noch einmal mit Ihnen sprechen. Heute Abend.“

Das war’s. Die Verbindung war beendet. Das Ganze hatte mehr wie ein Befehl geklungen. Kristie sprang ungehalten auf. Sie würde diesen unverschämten Menschen jetzt zurückrufen und ihm ihre Meinung sagen. Doch bevor sie dazu kam, läutete es schon wieder. Verärgert schnappte sie sich den Hörer. „Falls das schon wieder Sie sind, Smythe …“

„Kristie?“

„Oh, Paul. Tut mir leid.“

„Wen hast du denn erwartet?“

„Nicht wichtig. Jemanden, den ich heute getroffen habe.“

„Jemanden, den du allem Anschein nach nicht leiden kannst. Soll ich kommen und dich auf andere Gedanken bringen?“

Kristie lächelte. „Ist halb so schlimm. Er hat mich einfach auf dem falschen Fuß erwischt.“

„Ich habe dich schon ewig nicht mehr gesehen.“

„Ich habe viel zu tun.“

„Das ist immer deine Ausrede“, murrte Paul. „Ich glaube langsam, deine Arbeit bedeutet dir mehr als ich.“

„Meine Arbeit sorgt für ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch.“

„Das könnte ich auch, wenn du mich lassen würdest“, erwiderte er nachdrücklich.

„Paul“, stöhnte Kristie, „Diese Diskussion hatten wir schon. Wir sind Freunde, belassen wir es dabei.“ Sie kannte Paul jetzt schon ein Jahr, und obwohl sie ihn sehr gut leiden konnte, wollte sie das Ganze lieber langsam angehen. Für eine feste Beziehung fühlte sie sich noch nicht bereit.

„Ich würde trotzdem gerne kommen.“

„Ich habe wirklich keine Zeit“, meinte sie mit Bedauern. Paul hatte ja keine Ahnung, was es bedeutete, ein Einzelunternehmen zu betreiben. Als sie als Hochzeitskoordinatorin angefangen hatte, hatte sie noch keine Ahnung davon gehabt, was für harte Arbeit auf sie zukommen würde. Doch sie liebte ihren Job und würde ihn gegen nichts auf der Welt eintauschen.

„Also bis bald, ja?“

„Bis bald“, versicherte sie. „Ich werde dich anrufen.“

Kaum hatte Kristie den Hörer aufgelegt, flog die Tür auf, und Ben stürmte herein. „Mummy, Mummy, schau, was ich gemalt habe für dich!“ Hinter ihm trat Chloe ins Zimmer, ganz außer Atem.

„Deine Lehrerin?“, versuchte Kristie zu raten. Das Strichmännchen mit dem zerzausten orangefarbenen Haar konnte so gut wie jeden darstellen.

„Natürlich nicht! Das bist du.“

„Ich weiß, Liebling. War nur ein Scherz.“ Sie hob Benny hoch und umarmte ihn. Dann wirbelte sie ihn herum, während er vor Vergnügen kreischte. „Es ist wunderschön, ich mag es sehr!“

Den restlichen Tag verbrachte Kristie mit ihrem kleinen Sohn. Chloe, ihre Babysitterin und Freundin, wohnte im selben Haus und beschäftigte Ben für gewöhnlich, bis Kristie Feierabend hatte. Aber heute war der Kleine genau die richtige Ablenkung für Kristie. Sie hegte keinesfalls die Absicht, Radford Smythes Mutter zu treffen, jedenfalls nicht heute Abend.

Wofür hielt er sich eigentlich, einfach so Befehle auszusprechen? Ihre Schwester hatte Radford offenbar durch die rosarote Brille gesehen, bloß sein teuflisch gutes Aussehen und seinen attraktiven Körper wahrgenommen und die Tatsache ignoriert, dass es ihm an den grundlegendsten Umgangsformen fehlte.

Erst am nächsten Morgen rief Kristie Mrs Mandervell-Smythe an, worauf man ihr sogleich ausrichtete, dass diese außer Haus sei.

Sie war gerade dabei, der Person am Telefon zu erklären, dass sie eine Nachricht hinterlassen wollte, als eine wohlbekannte Stimme aus dem Hörer drang.

„Kristie Swift?“

Sie schluckte schwer. „Am Apparat.“ Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Radford noch hier war.

„Wo waren Sie gestern Abend?“, fragte er schroff.

„Wie bitte?“

„Ich habe Sie für eine weitere Beratung hergebeten.“

„Sie haben mich nicht hergebeten, Sie haben mich herzitiert, und das kann ich nicht leiden. Aber, um die Wahrheit zu sagen“, fuhr sie fort, „hatte ich etwas weit Wichtigeres zu tun.“ Der kleine Ben war der Mittelpunkt ihres Lebens und wichtiger als alles andere. „Aber Sie wollten ja nicht zuhören.“

„Wann käme Ihnen ein Besuch denn gelegen?“, fragte Radford voller Sarkasmus.

„Vielleicht heute Nachmittag, gegen halb vier“, schlug Kristie vor.

„Ich richte es meiner Mutter aus.“

„Verraten Sie mir doch“, meinte Kristie, bevor sie sich zurückhalten konnte, „wer hier das Sagen hat – Ihre Mutter oder Sie? Ich würde wirklich gerne wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

Es folgte längeres Schweigen. Kristie fühlte sich zusehends unwohl. So hätte sie nicht mit ihm reden dürfen. Er hatte bereits zuvor daran gezweifelt, dass sie dem Job gewachsen war, nun musste er sich sicher sein.

„Entschuldigung“, sagte sie schnell. „Das war sehr unhöflich von mir. Ich sehe Ihre Mutter also um 15 Uhr 30.“ Damit legte sie den Hörer auf und atmete tief durch.

Sie sollte ihre Abneigung für Radford Smythe besser nicht derart zur Schau stellen. Sie konnte es sich einfach nicht leisten, den Auftrag zu verlieren. Nach Bens Geburt hatte sie ihre Wohnung aufgegeben und war in ein mit einer enormen Hypothek belastetes Haus gezogen. Chloes Anteil an den Haushaltskosten half ihr ein bisschen, doch sie musste immer noch hart arbeiten, um sich und ihr Kind über Wasser zu halten.

Die nächsten Stunden verrannen allzu schnell, und gegen halb vier fuhr sie mit klopfendem Herzen zum Anwesen der Mandervell-Smythes.

Das gut vier Meter hohe Tor schwang auf, als sich Kristie näherte, und gleich am Eingang traf sie niemand Geringeres als Radford. Er hatte ganz offensichtlich auf ihre Ankunft gewartet. „Danke fürs Kommen“, begrüßte er sie trocken und bedachte sie mit einem bohrenden Blick, der ihr das Gefühl gab, er könne direkt in ihre Seele blicken.

Er trug ein offenes weißes Hemd zu einer dunkelgrünen Freizeithose und machte einen absolut entspannten Eindruck. Zudem umspielte ein leichtes Lächeln seine Mundwinkel. Kristie fühlte sich äußerst unwohl in seiner Gegenwart. Nicht zuletzt aufgrund seiner durchdringenden Augen. Es waren schöne Augen, zugegeben, mit langen dichten Wimpern, doch sie sahen einfach zu viel.

Radford trat zurück und ließ sie eintreten. Sie betrat die große Eingangshalle und folgte ihm in den Raum, in dem sie am Vortag mit seiner Mutter gesprochen hatte.

„Meine Mutter ist leider noch nicht zurück“, meinte er und zeigte immer noch dieses nervtötende kleine Lächeln.

Das Ganze schien ihm sichtlich Vergnügen zu bereiten. Kristie war so empört, dass sie ihre guten Vorsätze vergaß. „Und Sie haben mir nichts davon gesagt? Sie lassen mich hier meine Zeit verschwenden?“ Ihre grünen Augen funkelten vor Wut. Sie wäre am liebsten umgekehrt und aus dem Haus gestürmt.

„Ich glaube nicht, dass es Zeitverschwendung ist“, erwiderte er ruhig. „Ich wollte Sie wiedersehen.“

„Wieso?“, fragte sie hitzig. „Um Sie in der Meinung zu bestätigen, dass ich für den Job nicht geeignet bin?“

„Ihr Benehmen hat mir nicht gerade Vertrauen eingeflößt“, antwortete Radford.

„Um wie viel Uhr erwarten Sie Ihre Mutter?“

Er zuckte nur mit den breiten Schultern.

„Was mache ich dann hier?“ Und wieso wurde sie plötzlich so nervös? Das seltsame Gefühl beschlich sie, dass er ein Auge auf sie geworfen hatte. Als ob sie jemals, jemals mit ihm ausgehen würde! Er hatte noch viel zu lernen.

„Keine Sorge, meine Schwester wird bald vorbeikommen“, verkündete Radford. „Wir werden die Hochzeitspläne besprechen. Wollen Sie nicht Platz nehmen?“

In Wahrheit wollte Kristie lieber verschwinden. Doch ein solches Benehmen hätte nur unangenehme Fragen mit sich gebracht. Also hockte sie sich auf einen Stuhl – so weit entfernt von ihm wie möglich, aber doch so dicht, dass sie nicht den Verdacht erregte, ihm aus dem Weg gehen zu wollen.

Radford hatte sich gegen einen massiven Eichentisch gelehnt, auf dem eine Vase mit Rosen stand, deren üppiger Duft sich im Zimmer verströmte. Seine Beine waren überkreuzt, die Arme hatte er vor der muskulösen Brust gefaltet und seinen Kopf auf eine Seite geneigt. „Haben Sie allgemein etwas gegen Männer oder nur gegen mich?“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich etwas gegen Sie habe?“, antwortete Kristie mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?“

„Könnte man so sagen.“

„Das heißt nicht, dass alle Männer gleich sind.“

„Nein?“

„Vielleicht möchten Sie darüber reden?“

„Darauf können Sie lange warten!“, warf sie ihm entgegen. Oh, ja, es gab eine ganze Menge, worüber sie mit Radford sprechen wollte, aber nicht hier – nicht in diesem Moment. Nicht, wenn sie jede Sekunde unterbrochen werden konnten. Was sie ihm zu sagen hatte, war zutiefst persönlich – und höflich würde sie dabei bestimmt nicht bleiben!

Dennoch, sie stellte es sich interessant vor herauszufinden, zu welcher Sorte Mann er gehörte. Ein sexy Frauenheld, zweifellos, aber wie sah es tief in seinem Inneren aus? Wieso hatte er Tarah sitzen lassen? Vielleicht konnte er sich auf keine Frau festlegen, war eher der Typ für lockere Beziehungen? Möglicherweise könnte sie mit ihm ins Gespräch kommen und herausfinden, wie viele Frauen es in seinem Leben gegeben hatte und ob es ihm mit irgendeiner davon ernst gewesen war.

„Eine Frage haben Sie mir immer noch nicht beantwortet“, warf er scheinbar beiläufig ein. „Wieso hat es Sie so fertiggemacht, mich gestern zu sehen?“

Kristie Swift war die faszinierendste Frau, die Radford je getroffen hatte. Sie war temperamentvoll, attraktiv, und überdies hegte sie von Anfang an eine klare Abneigung gegen ihn. Vielleicht erinnerte er sie an jemanden, der sie einmal sehr enttäuscht hatte. Doch warum wollte sie es dann nicht zugeben? Auch jetzt wich sie ihm wieder aus!

„Sie glauben, dass ich mich Ihretwegen so unwohl gefühlt habe?“, fragte sie und riss ihre hübschen grünen Augen auf.

„Hat ganz danach ausgesehen.“

„Dann sind Sie aber sehr eingebildet“, erwiderte Kristie. „Warum sollte mich ein Wildfremder derart umhauen?“

„Sagen Sie es mir. Ich weiß nur, was ich gesehen habe. Sobald mein Name erwähnt wurde, sind Sie ganz blass geworden.“

„Das bilden Sie sich bloß ein“, meinte Kristie. Radford hatte jedoch nicht vor, aufzugeben. Er wusste genau, was er gesehen hatte. Als er näher trat und sich setzte, hatte er das Gefühl, dass sie unmerklich vor ihm zurückwich. Das ärgerte Radford – eine solche Reaktion war er vom anderen Geschlecht einfach nicht gewohnt. Es kratzte dezent an seinem Ego.

„Möchten Sie eine Tasse Tee?“, bot er ihr an. „Oder Kaffee?“

„Nichts, danke“, antwortete Kristie. „Weiß Ihre Schwester, dass ich hier bin?“

„Sie ist informiert. Wie lange organisieren Sie schon Hochzeiten?“ Er wollte alles über sie herausfinden – wie sie tickte, wo sie wohnte, mit wem sie liiert war. Dass sie keinen Ehering trug, hatte er schon bemerkt. Es interessierte ihn, ob es einen Mann in ihrem Leben gab.

„Beinahe fünf Jahre. Wieso?“, fragte sie gereizt. „Ich bin voll qualifiziert, das versichere ich Ihnen, auch kann ich Ihnen gerne die Namen meiner früheren Kunden geben.“

Du liebe Zeit, war diese Kristie kratzbürstig! Vielleicht sollte er sie doch überprüfen. Die Hochzeit seiner Schwester bedeutete ihm sehr viel. Sie hatte nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden, und er war überaus dankbar, dass sie Daniel Fielding kennen und lieben gelernt hatte. Die Hochzeit der beiden sollte perfekt werden und absolut störungsfrei verlaufen. Doch wenn diese nervöse Organisatorin bei jedem kleinsten Hindernis ausrastete, war sie bestimmt nicht die Richtige für diesen Job.

„Das ist eine gute Idee“, meinte er. „Die eine Empfehlung von Felicitys Freundin ist wohl kaum eine ausreichende Referenz. Ich schaue in Ihrem Büro vorbei. Dann können Sie mir die Liste geben.“

„Ich schicke sie Ihnen, wenn es so wichtig ist“, schnauzte Kristie ihn an. „Haben Sie persönlich mit Michelle gesprochen?“

„Ich kenne sie nicht“, erwiderte er scharf. Langsam riss ihm der Geduldsfaden. „Sie ist nicht meine Freundin, sondern die meiner Schwester.“

„Glauben Sie nicht, dass Felicity hier die Hauptperson ist?“, wollte Kristie ärgerlich wissen. „Hat sie kein Mitspracherecht? Und wenn sie zufrieden mit mir ist, sollten Sie sich da raushalten!“

Oh, Gott, hatte sie das gerade wirklich so gesagt? Heiß schoss Kristie das Blut durch die Adern, und sie wünschte sich augenblicklich fort von hier. Doch bevor Radford antworten konnte, kam ein Klatschen von Richtung Tür. „Bravo, Kristie! Wurde ja auch Zeit, dass mein hochnäsiger Bruder mal mit seinen eigenen Waffen geschlagen wird.“

Radfords finsterer Blick verwandelte sich sogleich in ein Lächeln, und als seine Schwester im Rollstuhl auf ihn zusteuerte, sprach er ganz sanft mit ihr. „Das war nicht für deine Ohren bestimmt, Engelchen.“

„Ich glaube, das ganze Haus hat es gehört. Ihr habt ja kein Blatt vor den Mund genommen, hm? Was ist los, mein Lieblingsbruder, entspricht Miss Swift etwa nicht den Erwartungen, die du an das weibliche Geschlecht stellst?“

„Ich wollte nur ihre Referenzen prüfen“, rechtfertigte sich Radford. „So macht man üblicherweise Geschäfte.“

„Und es ist auch üblich, dass man dir sagt, du sollst dich ‚hier raushalten‘? Großartig, Kristie!“

Kristie lächelte unsicher und fragte sich, wie viel Felicity von dem Gespräch mitbekommen hatte.

Radford strich leicht über das rabenschwarze Haar seiner Schwester. „Ich bin froh, dass dich unsere kleine Auseinandersetzung so amüsiert hat.“

Felicity ließ ihr ansteckendes Lachen hören. „Ich sehe schon, es wird lustig mit Kristie. Lassen Sie sich nicht schikanieren von ihm“, meinte sie. „Michelle hat Sie in höchsten Tönen gelobt. Wir brauchen sonst keine Referenzen.“

„Vielleicht sollten wir mit der Arbeit fortfahren“, schlug Kristie vor. Je eher sie aus diesem Haus kam, desto besser.

Doch Mrs Mandervell-Smythe kam erst eine Stunde später an, sodass Kristie gezwungen war, noch einmal alles von vorne durchzugehen. Radford war mit einem Mal wie ausgewechselt – charmant und zuvorkommend hörte er ihren Vorschlägen genau zu, nickte zustimmend und fragte nur gelegentlich nach. Genau so musste er gewesen sein, als ihn ihre Schwester das erste Mal getroffen hatte. Ein britischer Gentleman par excellence. Nirgends ein Hinweis auf seine dunklere Seite. Kein Wunder, dass sich Tarah Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Doch wie leicht reizbar er war, wie schnell er verurteilte …

Endlich war der Vertrag unterschrieben, und Kristie freute sich auf die Fahrt nach Hause. Leider bestand Radford wieder darauf, sie zu ihrem Wagen zu begleiten. „Das ist nicht nötig“, entgegnete sie etwas unwirsch, doch er ließ sich nicht abwimmeln.

„Glauben Sie jetzt, dass ich meinen Job beherrsche?“, fragte sie und sperrte ihren roten Ford auf. Der alte Wagen machte sich etwas schlecht zwischen seinem schwarzen Mercedes und dem Jaguar seiner Mutter.

„Das muss ich wohl“, meinte er kurz. „Aber ein Ausrutscher reicht, und Sie gehen. Das bin ich Felicity schuldig.“

„Keine Sorge. Es wird alles reibungslos über die Bühne gehen“, versicherte Kristie. „Sie können vollkommen beruhigt nach London zurückfahren.“

„Schön wär’s“, meinte er kaum vernehmbar. Kristie stieg in ihr Auto und preschte so eilig davon, dass der Kies unter den Reifen spritzte. Durch ihren Rückspiegel konnte sie Radfords indignierten Gesichtsausdruck erkennen.

Kristie kehrte in ein leeres Haus zurück. Chloe war mit Ben auf eine Geburtstagsparty gegangen. Sie wechselte in ein Paar alte Jeans und ein T-Shirt und schob ärgerlich den Rasenmäher die Wiese entlang, ständig vor sich hin murmelnd im vergeblichen Versuch, Radford aus ihren Gedanken zu verbannen.

Sie war völlig verschwitzt und wollte gerade duschen gehen, als die Klingel läutete. Missmutig riss Kristie die Tür auf, bereit, den lästigen Hausierer fortzuschicken. Die harschen Worte blieben ihr in der Kehle stecken, als sie Radford Smythe erblickte. Zum Teufel, was hatte er denn hier verloren? Ging es etwa um die Liste früherer Kunden? War er immer noch nicht davon überzeugt, dass sie gute Arbeit leistete?

„Was wollen Sie?“

„Ist es gerade ungünstig?“

Jeder Zeitpunkt war ungünstig, wenn es um Radford ging. „Ich wollte gerade duschen“, erklärte sie in eisigem Ton.

„Lassen Sie sich nicht stören. Ich werde warten.“

Mit grenzenloser Unverfrorenheit musterte er sie langsam von oben bis unten. Dabei ließ er seinen Blick von ihren abgetragenen Turnschuhen über ihre schlanken Hüften und ihren flachen Bauch gleiten. Kristie verspannte sich, besonders als seine Augen länger, als ihr lieb war, auf ihren Brüsten verweilten, die durch das zu enge T-Shirt allzu deutlich zur Geltung kamen. Dabei trug sie dieses alte Shirt nur bei der Gartenarbeit!

Auch ihr Haar, das sie flüchtig zurückgebunden hatte, wurde von Radford einer gründlichen Prüfung unterzogen. Schließlich blickte er ihr wieder ins Gesicht.

Seine Miene war absolut nicht zu deuten. Wahrscheinlich war er zu dem Schluss gekommen, dass sie als Organisatorin der Hochzeit ungeeignet war.

Kristie sah sich selbst unter dem dampfenden Duschstrahl stehen, splitternackt, während er in ihrem Garten ungeduldig hin- und herstapfte. Allein dieser Gedanke sandte einen ungewollten Schauer der Lust durch ihren Körper.

„Besser, wir erledigen das gleich – was immer Sie wollen.“

„Kann ich reinkommen?“, fragte Radford.

Zögerlich machte Kristie einen Schritt zurück. Als er in ihren Flur trat, bemerkte sie erst, wie groß er eigentlich war. In den großzügigen Räumlichkeiten seiner Mutter war ihr das nicht so stark aufgefallen. Es kam ihr vor, als dominiere er den kleinen Raum völlig und lasse ihr keine Luft zum Atmen. Schnell trat sie ins Wohnzimmer, in die Ecke, die ihr als Büro diente.

„Also, warum sind Sie hier?“, wollte sie wissen. Radford sah sich interessiert im Zimmer um. Es war ein recht minimalistischer, in natürlichen Farben gehaltener Wohnraum. Kristie konnte Unordnung nicht ausstehen – was nicht immer zu vermeiden war, wenn Ben sein Spielzeug auspackte – und hielt dieses Zimmer stets aufgeräumt. Worüber sie jetzt sehr froh war.

„Ich war neugierig.“

Kristie runzelte die Stirn. „Worauf?“

„Auf Sie.“

„Tatsächlich … Und das gibt Ihnen das Recht, in meine Privatsphäre einzudringen? Mr Smythe, wenn Sie nicht geschäftlich hier sind, möchte ich Sie bitten, mein Haus zu verlassen.“ Er hatte vielleicht Nerven! Es ging hier nicht mehr um die Interessen seiner Schwester, nur um die Befriedigung seiner eigenen Neugier.

So verärgert sie auch war, Kristie war sich immer noch seiner starken sexuellen Aura bewusst. Wie ein intensives Parfum strömte sie von ihm aus, füllte die Luft um ihn herum. Sie fluchte leise. Bitte, lieber Gott, betete sie, lass mich nicht in dieselbe Falle tappen wie Tarah.

Unbewusst wich sie vor ihm zurück. „Ich beiße nicht“, zischte Radford. „Und ich denke auch nicht daran zu gehen. Entweder Sie duschen jetzt, und ich warte, oder wir reden gleich.“

„Jetzt gleich, wenn es nicht zu viel verlangt ist“, feuerte sie zurück. „Was wollen Sie wissen?“

„Ich hätte gern ein bisschen mehr über Sie erfahren.“

„Wieso?“, fragte Kristie skeptisch. „Was tut das zur Sache?“

„Ich bin neugierig, das ist alles.“

„Aufdringlich und penetrant würde ich das nennen!“

In seinen Augen funkelte es kalt. „Höflichkeit kostet nichts.“

Kristie schämte sich ein wenig. Das Bild, das sie hier abgab, entsprach so gar nicht ihrer üblichen professionellen Gelassenheit.

„Sagen Sie“, fragte Radford scharf, „was genau haben Sie eigentlich gegen mich?“

Kristie schloss kurz die Augen. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, um seine Beziehung mit Tarah zu diskutieren. Chloe und Ben konnten jeden Augenblick nach Hause kommen. Ihn hier hereinzulassen war purer Wahnsinn gewesen.

„Streiten Sie es nicht ab“, warnte Radford sie.

„Es gibt einfach gewisse Sorten von Männern, die ich leiden kann, und solche, die ich nicht ausstehen kann“, erwiderte Kristie. Sie schluckte und riskierte einen direkten Blick in seine Augen.

„Und ich gehöre zur letzteren Sorte?“

Sie nickte.

„Und Sie denken, es ist in Ordnung, jemanden einfach in eine Kategorie einzuordnen, ohne ihn zu kennen?“

„Das war ein Fehler“, gab Kristie zu. „Es tut mir leid. Gehen Sie jetzt?“ Sie wollte sich bei Radford nicht entschuldigen, aber wenn sie ihn dadurch loswurde …

„So leicht kommen Sie mir nicht davon“, fauchte er. „Ich möchte gerne wissen, was Ihnen dieser Typ angetan hat, dass …“

„Woher wollen Sie wissen, dass es ein bestimmter Typ war?“, unterbrach sie ihn. „Wie auch immer, es geht Sie nichts an.“

„Vielleicht nicht“, stimmte er ihr zu, „aber was immer es war, es muss Sie tief getroffen haben. Haben Sie derzeit einen Freund?“

Kristie starrte ihn wütend an. „Ich beantworte keine weiteren Fragen mehr. Bitte gehen Sie.“

„Und hier arbeiten Sie?“, fragte Radford, der seinen Blick über ihren Schreibtisch, den Aktenschrank und das Bücherregal gleiten ließ.

„Ja.“

„Sieht nicht besonders professionell aus“, meinte er stirnrunzelnd. „Haben Sie keinen separaten Raum, den Sie als Arbeitszimmer verwenden können?“

„Das brauche ich nicht“, erwiderte sie gepresst. „Das hier genügt mir völlig.“

„Ich …“

Radford wurde vom Geräusch eines Schlüssels unterbrochen, und im nächsten Moment erschien Chloe im Zimmer. „Ich habe mir schon gedacht, dass du Besuch hast. Ich gehe jetzt Ben baden, er hat sich blendend amüsiert.“ Auch der kleine Ben warf einen Blick ins Zimmer, kam jedoch nicht wie üblich auf Kristie zugerannt. In der Gegenwart von Fremden war er unglaublich schüchtern, worüber Kristie unter diesen Umständen sogar froh war.

Doch Radfords Neugier war schon entfacht. „Sie wohnen im selben Haus?“

Kristie nickte.

„Wem gehört das Haus – Ihnen oder Ihrer … ähm … Freundin?“

„Mir“, meinte sie mit rauer Stimme. „Kredite gibt’s nicht im Sonderangebot.“

„Also läuft Ihr Geschäft nicht gerade prächtig?“

Das ist genau, was er hören will, vermutete Kristie. Jeder Vorwand kam ihm gelegen, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken. „Es läuft gut, vielen Dank, aber ich kann es mir nicht leisten, mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Es dauert eine Weile, sich vollständig zu etablieren und eine Reputation aufzubauen, wie Sie vielleicht wissen. Ich denke, Sie sind auch Geschäftsmann, Mr Smythe?“

„Ich führe den Familienbetrieb“, bestätigte Radford.

Das bedeutete wohl, dass er sich nicht nach oben gearbeitet hatte wie die meisten Leute. Kein Wunder, dass er so anmaßend und wichtigtuerisch war: Die Welt lag ihm regelrecht zu Füßen, und er war offensichtlich der Meinung, er könne mit den Menschen umgehen, wie er wollte.

„Ich muss jetzt wirklich duschen gehen, Mr Smythe. Ich begleite Sie hinaus.“

Radford konnte Kristies Verhalten nur schwer verstehen. Eine Frau wie sie hatte er noch nie getroffen. Je mehr sie ihn ihre Abneigung spüren ließ, umso faszinierender fand er sie.

„Ich bin nicht sicher, ob ich schon bereit bin zu gehen“, erwiderte er knapp.

„Was gibt es noch zu besprechen?“, fragte sie und funkelte ihn aus bezaubernden grünen Augen ungehalten an. Noch nie hatte er Augen von einer solch fesselnden Schönheit gesehen. Sie waren von einem außergewöhnlich blassen Grün, und rund um die Iris befand sich eine dunkle Linie, die das Grün umschloss. Groß und rund und mit ungewöhnlich langen Wimpern bedacht, konnten diese Augen das Herz eines jeden Mannes höherschlagen lassen. Vorausgesetzt, die Besitzerin war bereit, ihre Reize einzusetzen.

Ob sie jedem Mann so feindselig begegnete? Oder war nur er es, der diese Sonderbehandlung genoss? Radford wurde einfach nicht schlau aus ihr. Sie hatte noch nicht einmal die Frage beantwortet, ob es einen Mann in ihrem Leben gab. Fotos waren ihm im Zimmer keine aufgefallen. Es war ein so nüchternes Zimmer, dass Radford sich fragte, wie sie sich darin wohlfühlen konnte. Der einzige Farbtupfer war Kristie selbst.

Während der Besprechung im Haus seiner Mutter hatte sie ein lindgrünes, elegant geschnittenes Kostüm mit einer cremefarbenen Bluse getragen. Sie hatte wie die Verkörperung einer erfolgreichen Frau ausgesehen – selbstbewusst, sehr feminin und überaus begehrenswert.

Er war ein wenig erschrocken, als er sie in Jeans gesehen hatte. Nicht dass sie schlecht darin aussah, im Gegenteil. Die enge Hose umschmeichelte ihre Figur perfekt, brachte ihre Hüften und ihren Po aufregend zur Geltung. Er spürte ein schmerzhaftes Ziehen, sobald er daran dachte, was sich unter diesen Jeans verbarg. Und dieses T-Shirt! Es verhüllte gar nichts. Ihre Brüste hatten sich ihm darin einladend entgegengereckt, wie geschaffen für seine Berührung.

Radford gab sich mental einen Ruck; er sollte solche Gedanken nicht zulassen. Nicht, wenn sie ihm so unmissverständlich klarmachte, wie sehr sie allein seinen Anblick verabscheute. Er sollte lieber gehen, ihrer Bitte endlich nachkommen – und trotzdem: Irgendetwas hielt ihn zurück, drängte ihn, mehr über diese rätselhafte Frau herauszufinden.

„Ich glaube wirklich, dass …“

„Es gibt nichts mehr zu sagen, Mr Smythe“, fiel Kristie ihm ins Wort.

„Sie sind ganz schön hart, Miss Swift.“

„Das muss ich auch sein.“

„Hätten Sie Zeit, heute Abend mit mir essen zu gehen?“ Es war ihm einfach so herausgerutscht.

„Wieso?“

„Muss es einen Grund geben, dass ein Mann eine schöne Frau einlädt?“

„Ja – wenn Sie es sind!“

„Und was soll das wieder heißen? Wollen Sie etwa behaupten, dass ich Hintergedanken habe?“

„Ehrlich gesagt, ja“, erwiderte sie. „Sie wollen mich nur wieder mit Ihren Fragen bearbeiten …“

Sie war scharfsinnig, das musste er zugeben. „Sie reden nicht gerne mit mir?“

„Ich denke einfach, mein Privatleben geht Sie überhaupt nichts an.“

Radford verspürte den plötzlichen Drang, ihr zusammengebundenes Haar zu lösen, sodass es einer feurigen Kaskade gleich um ihr Gesicht floss. Er wollte sie berühren, ihren schlanken Körper gegen den seinen drücken. Er sehnte sich danach, sie zu küssen. Und jeder dieser Gedanken verwunderte ihn. Kristie hatte ganz offensichtlich keine Zeit für ihn, und dennoch begehrte er sie wie keine Frau zuvor. „Ich lasse ein Nein als Antwort nicht so leicht gelten“, ließ er sie wissen.

„Sie verschwenden nur Ihre Zeit.“ Mit diesen Worten öffnete Kristie die Haustür. „Auf Wiedersehen, Mr Smythe.“

„Bis zum nächsten Mal“, erwiderte er lächelnd. Als sie sich an ihm vorbeischob, verspürte er ein derart übermächtiges Verlangen, sie zu küssen, dass er sich kaum noch unter Kontrolle hatte. Sie war auf aufregende Weise sexy, und er konnte immer noch den Duft ihres Parfums wahrnehmen, das ihn vorhin so berauscht hatte. Zu ihr durchzudringen würde harte Arbeit und viel Taktgefühl erfordern.

Radford blieb einen Moment dicht vor Kristie stehen und blickte ihr direkt in die Augen. „Ich bin schon gespannt, Sie kennenzulernen, Miss Swift.“ Mit diesen Worten ging er hinaus.

Kristie knallte die Tür hinter ihm zu. Radfords Auftauchen konnte einfach nichts Gutes bedeuten. Und sie war wirklich nicht besonders höflich gewesen. Verdammt! Sie konnte es sich schlecht leisten, einen Auftrag zu verlieren. Wieso hatte sie ihre persönlichen Gefühle nicht einfach zur Seite schieben können?

„Mummy! Mummy!“ Ben kam die Treppe hinuntergelaufen, und alle Gedanken an Radford Smythe lösten sich in Luft auf – bis sie spätabends in ihrem Bett lag.

Dort konnte ihn nichts mehr aus Kristies Gedanken vertreiben. Radford war ein derart attraktiver Mann, dass er Gefühle in ihr weckte, die sie schon lange Zeit nicht mehr erlebt hatte. Wenn überhaupt. Gefühle, von denen sie wusste, wie gefährlich sie waren, und die sie besser für immer vergessen sollte. Denn sie hasste ihn mit jeder Faser ihres Herzens.

Sie brauchte dringend Abstand von ihm. Wenn er doch nur nach London zurückkehren und am besten bis zur Hochzeit nicht mehr auftauchen würde! Doch insgeheim ahnte sie, dass er das nicht tun würde. Er würde jedes kleinste Detail überwachen.

Radford hatte ihre tief sitzende Abneigung sofort gespürt. Und sie war so unvorsichtig gewesen, ihre Gefühle offen zur Schau zu stellen, sodass er jetzt alles daransetzen würde, ihre Beweggründe herauszufinden. Deshalb auch die Einladung zum Dinner.

Vielleicht würde sie gut daran tun, ihn gleich mit den Fakten zu konfrontieren und es hinter sich zu bringen. Andererseits könnte sie ein solches Verhalten den Auftrag kosten. Die beste Lösung war wohl, Ruhe zu bewahren, ihm immer höflich zu begegnen und ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen.

Ganz einfach …

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen deckte sich Kristie vollständig mit Arbeit ein. Sie zerstreute absichtlich alle Gedanken an einen gewissen Radford Smythe – bis das Telefon läutete. Seine Mutter war am Apparat.

„Kristie, ich würde Sie gern treffen. Gerade eben kam mir eine großartige Idee.“

Kristie stöhnte innerlich auf. „Mrs Mandervell-Smythe, ich bin ziemlich im Stress. Im Moment kann ich leider nicht vorbeikommen.“

„Sie müssen nicht sofort kommen, meine Liebe. Vielleicht darf ich Sie zum Dinner einladen?“ Als die Frau Kristies Zögern bemerkte, meinte sie rasch: „Ein Nein lasse ich nicht gelten. Ich glaube, Sie werden von der Idee begeistert sein …“

Wie hätte sie ablehnen können? Zumal dies eine der größten Hochzeiten war, die sie jemals hatte organisieren dürfen. Die Mandervell-Smythes waren einflussreiche Leute und scheuten keine Kosten. Der Auftrag könnte ihr eine stattliche Summe einbringen. Außerdem würde Ben schon im Bett sein, wenn sie abends ausging.

„Wann möchten Sie, dass ich vorbeikomme?“

„Sie sind ein Schatz! Nun, sagen wir um halb acht? Ich schicke Ihnen meinen Chauffeur vorbei.“

Kristie fragte sich, weshalb Mrs Mandervell-Smythe so aufgeregt war. Doch schon bald war sie wieder in ihre Arbeit vertieft.

Sie liebte es, Hochzeiten ganz individuell auszurichten. Jedes einzelne Fest war eine Herausforderung. Kristies Job erforderte, sich in die zukünftige Braut hineinzuversetzen, um herauszufinden, was es alles brauchte, damit deren Hochzeit ein unvergessliches Ereignis würde. An Felicity gefiel ihr, dass sie voller eigener Ideen steckte, genau wusste, was sie wollte, und das auch klar und präzise artikulieren konnte. Sie war eine überaus intelligente junge Frau. Erneut fragte sich Kristie, welches Schicksal dazu geführt haben mochte, dass sie im Rollstuhl saß.

Sobald Ben im Bett war, nahm Kristie eine Dusche und machte sich für das Dinner fertig. Sie hoffte inständig, dass Radford heute Abend nicht anwesend sein würde. Allerdings wusste sie genau, dass die Chancen dafür äußerst gering waren.

Sie schlüpfte in ein himmelblaues Seidenkleid und eine Jacke in derselben Farbe – das Outfit hatte sie zuletzt bei der Hochzeit ihrer Cousine getragen – und wählte dazu passende elegante High Heels. Außerdem steckte sie ihr Haar zu einer lässigen Fülle von Locken hoch und entschied sich für lange Silberohrringe.

„Du siehst fantastisch aus“, meinte Chloe bewundernd. Ihre Mitbewohnerin, von kleiner und etwas plumper Statur, beschwerte sich immer darüber, dass an ihr kein Kleidungsstück richtig saß.

„Du glaubst nicht, dass es übertrieben ist?“, fragte Kristie etwas verunsichert. Radford sollte nicht glauben, sie hätte sich seinetwegen so zurechtgemacht.

„Es wird ihn umhauen“, grinste ihre Freundin.

„Ich treffe mich nicht mit Radford, sondern mit seiner Mutter“, protestierte Kristie etwas zu heftig.

Chloe zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst.“ Aber es war offensichtlich, dass sie ihr kein Wort glaubte. Radfords gestriges Auftauchen hatte bei ihr offenbar mächtig Eindruck hinterlassen. Im Anschluss hatte sie Kristie mit Fragen nur so bombardiert.

Als um Viertel nach sieben die Klingel läutete, war Chloe sofort zur Stelle. „Ich mache auf. Ich möchte noch einen Blick auf Mr Sexy werfen! Bitte!“

„Er ist es doch nicht. Es ist nur der Chauffeur“, klärte Kristie sie auf. Es stellte sich jedoch heraus, dass es keiner von beiden war.

„Paul!“, rief Kristie überrascht aus. „Was machst du denn hier?“

„Ich wurde auch schon freundlicher begrüßt“, erwiderte der Mann, lächelte jedoch. „Ich wollte dich eigentlich ausführen, aber es sieht ganz so aus, als käme ich zu spät.“

Paul war ein großgewachsener, schlaksiger Mann mit mausbraunem Haar und haselnussbraunen Augen. Außerdem war er der liebenswürdigste und aufrichtigste Kerl, den man sich vorstellen konnte, und verstand sich auch prächtig mit Kristies Sohn. Ben liebte ihn heiß und innig.

„Es tut mir leid“, sagte sie mit ehrlichem Bedauern.

„Wo gehst du hin? Du siehst so schick aus. Wirklich bezaubernd, Kristie.“ In seiner Stimme lag eine leichte Besorgtheit.

„Dinner bei einer Kundin, mehr nicht“, erklärte sie so beiläufig wie möglich.

Es klingelte erneut, und Chloe hastete zur Tür. Kristie konnte es nicht fassen, als sie die tiefe Männerstimme erkannte. Radford … Wieso? Was war mit dem Chauffeur passiert?

Es dauerte nicht lange, und Radford trat ins Zimmer. Als er Paul erblickte, blieb er wie angewurzelt stehen und musterte ihn stirnrunzelnd. „Radford“, meinte Kristie schnell, „darf ich vorstellen – Paul Derring, ein guter Freund von mir. Paul, das ist Radford Smythe. Ich organisiere die Hochzeit seiner Schwester.“

Die beiden Männer schüttelten einander die Hände und sahen sich dabei argwöhnisch an. Es war Paul, der sich als Erstes wegdrehte. „Wird Zeit, dass ich gehe. Ich rufe dich noch gegen Ende der Woche an, Kristie.“

Sie nickte. „Ich begleite dich zur Tür.“ Während sie den Raum verließen, spürte sie Radfords Blick.

„Habe ich mir jetzt eine gebrochene Nase eingefangen?“, fragte Paul.

„Ach was“, meinte Kristie. „Ich habe ihn gar nicht erwartet. Seine Mutter wollte eigentlich einen Chauffeur vorbeischicken.“

„Er war gar nicht begeistert, mich zu sehen. Ich glaube, der hat ein Auge auf dich geworfen.“

„Unsinn! Und selbst wenn, er ist nicht mein Typ. Mach dir keine Sorgen, Paul.“ Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und küsste ihn wesentlich bedeutungsvoller als sonst. Er tat ihr leid – er war hier aufgetaucht, um sie auszuführen, und sie wurde von einem anderen Mann abgeholt.

Überrascht zögerte Paul einen Augenblick, erwiderte ihren Kuss dann aber mit einer Leidenschaft, die ebenfalls ungewöhnlich für ihn war. Es war ja nicht so, dass es ihm nicht gefiel – aber er hatte immer Kristies Gefühle respektiert.

Nachdem Paul gegangen war, schloss Kristie die Tür und drehte sich um. Dabei bemerkte sie, dass Radford sie beobachtete. „Sie erstaunen mich, Kristie Swift. Ich hätte nie gedacht, dass Sie die Sorte von Männern bevorzugen, die Sie um den kleinen Finger wickeln können. Ich dachte, Sie hätten mehr Esprit. Mit einem Mann wie Paul Derring wird Ihr Leben wenig aufregend verlaufen.“

„Wer sagt, dass ich das will?“, protestierte Kristie aufgebracht. Es war ihr sehr unangenehm, dass er ihren Kuss mit Paul mitbekommen hatte. Aber vielleicht hatte es ja auch sein Gutes: Wenn Radford glaubte, dass sie und Paul fest zusammen waren, hätte sie ihn vom Hals. Keine Einladungen zum Dinner, keine aufdringlichen Fragen …

„Sie brauchen auf jeden Fall mehr, als er zu bieten hat“, kommentierte Radford draufgängerisch.

„Sie kennen ihn doch gar nicht“, gab Kristie gereizt zurück.

„Ich habe eine ziemlich gute Menschenkenntnis.“

„Das können Sie sagen, ohne mit ihm gesprochen zu haben?“

„Ja“, erwiderte er selbstbewusst. „Wäre ich an seiner Stelle, und ein anderer Kerl wäre einfach bei meiner Freundin aufgetaucht, um sie abzuholen, hätte ich ihm ganz sicher nicht das Feld überlassen. Was für ein Schlappschwanz.“

„Wie können Sie es wagen?“, zischte Kristie wutentbrannt. „Sie führen mich doch gar nicht zum Dinner aus, und Paul wusste das.“

Er lächelte unbeeindruckt. „Wir sind sehr wohl zum Dinner verabredet – im Haus meiner Mutter. Nicht, dass ich Sie nicht lieber selbst ausgeführt hätte, aber …“

„Träumen Sie weiter“, fauchte ihn Kristie an und stürmte an ihm vorbei. Doch sie hatte nicht mit Radfords Reaktion gerechnet. Er streckte die Arme aus, und sie war in seiner stählernen Umarmung gefangen. „Ich zeige Ihnen, wie es ist, von einem echten Mann geküsst zu werden.“ Seine vorhin noch so harte Stimme war mit einem Mal tief und rauchig.

Als sein Mund den ihren fand, durchzuckte es Kristie wie ein Erdbeben. Radford hatte einen Arm um ihre Hüfte geschlungen und umfasste mit der rechten Hand ihr Kinn mit so einem harten Griff, dass sie am liebsten aufgeschrien hätte.

All das geschah innerhalb weniger Sekunden.

Sein sinnlich-maskulines Aftershave verwirrte ihre Sinne noch mehr. Sie reagierte mit jeder Faser ihres Körpers auf seinen stürmischen Übergriff und wusste gleichzeitig, dass sie dringend die Flucht ergreifen sollte.

Doch sie musste sich gar nicht wehren: Mit einem Mal hatte er sie losgelassen, und ihr wurde umso drastischer bewusst, was für ein Gefühlschaos er innerhalb so kurzer Zeit in ihr angerichtet hatte.

„Das war absolut unerhört von Ihnen. Was würde Ihre Mutter denken, wenn sie wüsste, dass Sie mich belästigt haben?“

Er musterte sie aufgebracht. „Sie nennen einen kurzen Kuss eine Belästigung? Der war übrigens viel kürzer als der, den Sie Ihrem Freund gegeben haben. Und Sie können nicht leugnen, dass es Ihnen gefallen hat.“

Er hatte recht, verdammt – sie konnte die Auswirkungen des Kusses noch lebhaft spüren, ihr ganzer Körper fühlte sich mit einem Mal unglaublich lebendig an. So etwas hatte sie nie gefühlt, wenn Paul sie geküsst hatte. „Tun Sie das nie wieder!“

„Das meinen Sie nicht so, Kristie. Sie ärgern sich nur, weil Sie gegen Ihren Willen auf meinen Kuss reagiert haben.“ Seine Mundwinkel zuckten leicht, und er wirkte betont entspannt, als er sich gegen den Türpfosten lehnte, die Daumen in den Hosentaschen vergraben.

„Reagiert? Auf Sie? Sie scherzen wohl. Sie sind der letzte Mensch auf Erden, mit dem ich etwas zu tun haben will.“ Ihre Schwester war seinetwegen gestorben. Kristie hasste ihn mit jedem Atemzug. Ihr war jetzt klar, dass sie den Job sofort hätte ablehnen müssen, als sie erfuhr, mit wem sie es zu tun hatte.

„Wieso?“

Die direkte Frage überraschte Kristie. Das kalte Blitzen in Radfords Augen kam jedoch nicht unerwartet – er war ein Mann, der sich nicht gerne zurückweisen ließ. „Weil Sie sich als Beglücker aller Frauen fühlen“, fuhr sie ihn an. „Sie mögen allen anderen den Kopf verdrehen, aber nicht mir! Ich habe einen besseren Geschmack.“

Radford zog die Luft scharf zwischen den Zähnen ein. „Wir sollten gehen“, meinte er steif.

Sie wusste, dass sie ihn bald mit der Wahrheit konfrontieren musste – doch vorher wollte sie ihn noch besser kennenlernen. Auch wenn sie nicht so recht wusste, wie sie das anstellen sollte. Dieser Abend würde eine einzige Qual werden.

Radfords schwarzer Mercedes war geräumig und luxuriös, doch Kristie wünschte sich, sie könnte auf der Stelle in dem weichen Ledersitz versinken. Radfords sexuelle Aura füllte den Raum, und sie hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Sie fühlte sich wie die Fliege im Spinnennetz. Der kurze Kuss hatte ihr vor Augen geführt, wie leicht es wäre, ihm zu verfallen. Sie musste jede Sekunde auf der Hut sein.

„Ich beiße nicht“, knurrte Radford, als er sah, wie sie sich gegen die Wagentür drängte.

„Das ist mir klar“, gab Kristie wütend zurück.

„Warum weichen Sie dann vor mir zurück? Mein Kuss hat Sie verunsichert, nicht wahr? Wenn Sie Angst haben, ich könnte es noch einmal versuchen – keine Sorge! Mir ist es lieber, wenn meine Frauen willig sind.“

Seine Frauen! Das bestätigte Kristie in ihrer Meinung, dass er ein Playboy war. Wieso dachten alle Männer, die über Geld und Macht verfügten, dass sie jede Frau haben konnten? Der Gedanke machte sie rasend.

Sie würde ihm keine Antwort geben. Stattdessen richtete sie ihren Blick geradeaus auf die Straße. Den Rest der Fahrt über herrschte gedrücktes Schweigen.

Radford konnte einfach nicht verstehen, weshalb ihn Kristie so sehr hasste. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie Paul Derring geküsst hatte, war er davon ausgegangen, dass sie Männer generell nicht leiden konnte. Was sie an diesem anderen Mann fand, konnte er allerdings überhaupt nicht nachvollziehen. Paul war kein Mann, er war eine Memme – hatte sich einfach kleinlaut fortgeschlichen, als er aufgetaucht war.

Vielleicht mochte Paul ja dominante Frauen. Wollte lieber geführt werden, als selbst den Ton anzugeben. Und möglicherweise bevorzugte Kristie diese Rollenverteilung ebenfalls. Das könnte der Grund sein, warum sie ihn derart massiv ablehnte. Es gefiel ihr einfach nicht, dass er immer und überall die Führung übernehmen wollte.

Radford lächelte grimmig in sich hinein. Kristie Swift würde eine echte Herausforderung werden. Noch wusste sie es wahrscheinlich nicht, aber er war fest entschlossen, sie für sich zu gewinnen. Zurückweisung stand ihm nicht gut.

Aber was für ein Kuss! Er hatte zwar nur einen flüchtigen Moment gedauert, seinen Testosteronspiegel jedoch in schwindelerregende Höhen schnellen lassen. Ihr Geschmack war sündhaft gut gewesen, ihr Körper weich und feminin und unglaublich begehrenswert, ihre Berührung elektrisch … Es hatte ihn nach mehr verlangt, viel mehr.

Angesichts der Tatsache, dass er sie anfangs für eine recht unausgeglichene Frau gehalten hatte, kam dieser Gefühlswechsel ziemlich überraschend. Er konnte es selbst kaum glauben. Sogar jetzt im Wagen hätte er am liebsten seine Hand ausgestreckt und auf die ihre gelegt, sie davon überzeugt, dass er keine Bedrohung darstellte. Andererseits hatte er noch nie jemanden getroffen, der ihn derart zur Weißglut brachte, und war sich nicht sicher, wie er mit der Situation umgehen sollte.

Kristie sah absolut hinreißend aus in ihrem himmelblauen Kostüm. Wenn sie sich endlich einmal locker machen würde, könnte es ein sehr schöner Abend werden. Er fragte sich, wie sie wohl auf den Vorschlag seiner Mutter reagieren würde.

„Nun, was meinen Sie?“

Erstaunt blickte Kristie Mrs Mandervell-Smythe einige Sekunden lang an, bevor sie antwortete. „Das kommt sehr überraschend. Es ist sehr großzügig von Ihnen, aber …“

„Radford hat mir erzählt, dass Sie in einer Ecke Ihres Wohnzimmers arbeiten. Das ist nicht ideal, meine Liebe, noch dazu, da eine Frau und ein Kind im selben Haus wohnen. Wie schaffen Sie das nur? Nehmen Sie das Angebot an. Es ist doch die perfekte Lösung.“

Doch Mrs Mandervell-Smythe wusste nicht, was sie Kristie da vorschlug. Wie könnte sie jemals in dem Haus arbeiten, in dem Radford ein- und ausging?

„Kommen Sie, ich zeige es Ihnen“, meinte die ältere Dame entschlossen.

Während sie hinter seiner Mutter das Zimmer verließ, warf Kristie einen Blick auf Radford. Ein geheimnisvolles Lächeln lag auf seinen Lippen – ein Lächeln, das ihr verriet, dass das Ganze wohl doch eher sein Werk war.

„Laufen Sie“, meinte er. „Sie wollen doch nicht, dass meine Mutter Sie für undankbar hält?“

„Das war Ihre Idee, nicht wahr?“, fauchte sie leise. „Was für eine Frechheit, sich so in mein Leben einzumischen!“

„Wie können Sie denn arbeiten, mit so einem Bengel, der ständig um Sie herumwuselt? Ich handle nur in Ihrem Interesse“, erwiderte Radford, immer noch lächelnd.

„Darauf kann ich verzichten“, zischte Kristie und eilte davon, um seine Mutter einzuholen. Sie durchquerten mehrere Korridore, bis sie zu einem Raum gelangten, der Kristies Schätzung nach auf der Westseite liegen musste – ziemlich weit weg vom Wohnbereich.

„Das hier war das Arbeitszimmer meines Gatten“, erklärte Mrs Mandervell-Smythe und öffnete die Tür. „Es wird nicht mehr genutzt. Radford hat sein eigenes Arbeitszimmer, aber die meiste Zeit arbeitet er in London. Merkwürdig, dieser Tage hat er es gar nicht eilig, zurückzufahren. Ich nehme an, es ist wegen Felicitys Hochzeit – er weiß, dass ich es ohne ihn nie schaffen könnte. Natürlich auch nicht ohne Sie, meine Liebe. Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich bin, dass Sie mir all die Arbeit abnehmen.“

Kristie lächelte schwach.

„Was sagen Sie?“, fragte die ältere Dame, während Kristie ihren Blick durch den eichengetäfelten Raum schweifen ließ. „Können Sie hier arbeiten?“

Es war ein weitläufiger Raum mit einem riesigen Schreibtisch und endlosen Regalen. Vor den beiden hohen Fenstern, die einen Ausblick auf den Garten hinter dem Haus boten, standen zwei tiefe schwere Ledersessel. Verglichen mit ihrem beengten Arbeitsplatz daheim würde es ein Traum sein, hier zu arbeiten. Es gab nur einen Haken.

„Es ist sehr großzügig von Ihnen, Mrs Mandervell-Smythe …“

„Bitte, nennen Sie mich doch Peggy!“

Kristie brachte nur mit Mühe ein Lächeln heraus. „Peggy. Ich glaube nicht, dass ich Ihr Angebot annehmen kann. Es ist …“

„Unsinn. Sie würden mir damit einen Gefallen tun. Ansonsten müssten wir ständig telefonieren. Felicity ist bekannt dafür, ihre Meinung zu ändern.“

Die Dame hatte durchaus recht. Kristie musste zugeben, dass sich so eine Chance wohl nie wieder bieten würde. Kostenloser Zugang zu einem solch prächtigen Arbeitszimmer! Doch wenn sie Radford die ganze Zeit am Hals hatte, würde sie nicht viel Freude daran haben. „Wessen Idee war das eigentlich, Ihre oder die von Radford?“

„Es war meine Idee“, antwortete Peggy sofort. „Es ist jammerschade, dass Edwards Arbeitszimmer nicht mehr genutzt wird. Bitten sagen Sie Ja. Es kostet Sie keinen Penny.“ Peggy zeigte durch eines der französischen Fenster nach draußen. „Sie können dieses Tor benutzen und kommen und gehen, wie Sie wollen. Hinten gibt es reichlich Parkplätze.“

„Was ist mit dem Haupteingang?“

„Sie bekommen von mir eine Fernbedienung. Es gibt absolut keinen Grund, weshalb Sie mein Angebot nicht annehmen sollten. Warum zögern Sie?“

„Vielleicht glaubt sie, dass wir sie behindern?“

Kristie drehte sich sofort um, als sie Radfords Stimme vernahm. Doch bevor sie etwas Verärgertes erwidern konnte, ergriff seine Mutter das Wort.

„Darum müssen Sie sich keine Sorgen machen. Sie genießen hier absolute Ruhe und verfügen über ausreichend Privatsphäre. Sprich du mit ihr, Radford.“

Kristie versuchte sich einzureden, dass Radford wohl nicht die ganzen zwölf Monate bis zur Hochzeit hier verbringen würde. Warum also so ein großzügiges Angebot ausschlagen?

„Das wird nicht viel nützen“, erklärte Radford. „Ich glaube, ich bin hier das größte Hindernis.“

„Wovon sprichst du?“, fragte seine Mutter missbilligend.

„Aus irgendeinem Grund hegt Kristie Swift eine Abneigung gegen mich.“

Kristie konnte nicht fassen, was er da gesagt hatte. Was sie von ihm hielt, war Privatsache und hatte absolut nichts mit seiner Mutter zu tun.

„Ach was! Wieso sollte sie das tun?“

„Da fragst du sie am besten selbst.“

„Ihr Sohn ist nicht der Grund, weshalb ich zögere“, wandte Kristie mit fester Stimme ein. „Eigentlich möchte ich Ihr Angebot auch annehmen. Es würde mir sehr helfen. Ich würde zu normalen Bürozeiten arbeiten, und Sie werden kaum merken, dass ich hier bin.“

Peggy lächelte erfreut. „Wunderbar! Ich bin sicher, Sie werden es nicht bereuen. Niemand wird Sie stören, das versichere ich Ihnen. Dieses Arbeitszimmer ist Ihr privater Bereich. Ich gebe Ihnen gleich die Schlüssel.“

Kristie ignorierte sowohl Radfords Blick, der auf ihr ruhte, als auch ein aufsteigendes Schwindelgefühl. „Ich zahle natürlich für Telefonate und Strom.“

„Nein, das übernehmen selbstverständlich wir“, insistierte die ältere Dame. „Sie tun mir einen großen Gefallen, indem sie den Raum nützen. Radford, hol bitte die Schlüssel.“

Kristie war sich sicher, dass Radford das Ganze eingefädelt hatte. Leider war sie so blöd gewesen, in die Falle zu tappen. Sie ahnte, dass er sie hier nicht in Ruhe lassen würde. Daher beschloss sie auf der Stelle, dass die Tür zum Arbeitszimmer immer verriegelt bleiben würde, und kehrte mit den anderen ins Haupthaus zurück.

Felicitys zukünftiger Ehemann war bereits anwesend, und Kristies Sorge, sie könnte wieder mit Radford alleine gelassen werden, zerstreute sich.

Kristie plauderte eine Weile mit Daniel, und selbst dabei spürte sie Radfords Blick im Nacken, obwohl dieser sich gerade mit seiner Mutter und Schwester unterhielt. Es war wirklich nervenaufreibend.

Als das Dinner angekündigt wurde, trat Radford auf Kristie zu, nahm sie am Ellbogen und führte sie ins Speisezimmer. Seine Berührung versetzte Kristie ein merkwürdiges Prickeln, und sie war froh darüber, nicht neben ihm sitzen zu müssen. Bald musste sie jedoch feststellen, dass der Platz ihm gegenüber kaum vorteilhafter war …

„Erzählen Sie mal, Kristie“, begann Radford, als der erste Gang serviert worden war, „was hat Sie dazu veranlasst, Hochzeitsplanerin zu werden? Waren Sie schon einmal verheiratet? Wissen Sie deshalb so gut, wie anstrengend Hochzeiten sind, und wollen den Leuten die Mühe ersparen?“

Seine Frage erregte allgemeines Interesse, doch Kristie richtete ihren Blick nur auf Radford. Er spürte, dass sie ihm diese persönlichen Fragen übel nahm.

„Ehrlich gesagt, nein. Ich war nie verheiratet. Ich bin Hochzeitsplanerin geworden, weil … Nun, weil ich gerne organisiere. Ich mag meinen Job und bin auch recht gut darin, denke ich.“

„Ob Sie wohl noch genauso denken, wenn meine liebe Schwester mit Ihnen fertig ist?“

„Radford!“, rief Felicity empört aus. „Werde hier nicht beleidigend!“

Er grinste. „Ich kenne dich doch, Engelchen. Du änderst deine Meinung von einer Minute zur anderen.“

„Glauben Sie ihm kein Wort“, sagte Felicity zu Kristie. „Er will uns beide nur aufziehen. Ich denke, Sie sind perfekt für den Job, und ich freue mich total, dass Sie Daddys Büro benutzen wollen. Dann kann ich jederzeit zu Ihnen kommen …“

„Liebling“, meldete sich Peggy zu Wort. „Kristie möchte nicht, dass wir sie stören. Keine Sorge, Kristie, ich werde eine separate Telefonleitung installieren lassen. Radford, du regelst das für mich, ja?“

„Ganz wie du willst, Mutter.“ Sein trockener Tonfall war Kristie nicht entgangen. Und an Radford war es nicht vorbeigegangen, wie unwohl sich Kristie hier im Kreise seiner Familie fühlte. Eigentlich hatte er angenommen, dass sie angesichts eines solchen Angebots sofort Feuer und Flamme wäre. Er war etwas überrascht gewesen, als sie so lange mit ihrer Entscheidung gezögert hatte. Allerdings hatte er dann schnell erkannt, dass er selbst der entscheidende Faktor war. Doch Kristies Sorgen waren unbegründet. Obwohl er nichts lieber täte, als hierzubleiben und sie besser kennenzulernen, warteten dringende geschäftliche Angelegenheiten auf ihn.

Kristie versuchte angestrengt, sich auf ihren Teller mit Meeresfrüchten zu konzentrieren. Ihre Wangen waren gerötet. Radford hingegen behagte es sichtlich, dass seine Mutter sie beide vis-à-vis gesetzt hatte.

Peggy fürchtete schon, dass ihr Sohn nie die richtige Frau fürs Leben finden würde. Wenn sie seine Gedanken lesen könnte, täte sie alles dafür, die beiden zu verkuppeln. Es würde ein ganz unverhohlener Versuch werden, den Kristie sofort durchschauen würde und der bereits mehrere Frauen vor ihr in die Flucht geschlagen hatte.

Radford spürte Kristies Erleichterung, als die Mahlzeit schließlich beendet war. Sie hatte eher mit ihrem Essen gespielt als etwas zu sich zu nehmen, und sie hatte ihn durch ihre langen Wimpern beäugt, wann immer sie sich sicher wähnte. Zwar hatte sie sich an der Konversation beteiligt und durchweg interessante Antworten gegeben, doch sobald sie dazu gezwungen worden war, mit Radford zu sprechen, hatte sie ihre Scheuklappen ausgefahren.

Nun, er würde schon noch herausfinden, warum sie ihn so verachtete – hoffentlich schon heute Abend, wenn er sie nach Hause führte.

Mit einer Rothaarigen war Radford noch nie ausgegangen. Je länger er Kristie betrachtete, umso dringender brannte in ihm das Verlangen nach ihr. Er konnte es nicht mehr leugnen. Seine Hormone standen in Alarmbereitschaft. Er gestattete sich, unter dem Tisch ihren Fuß zu berühren, und wurde mit einem lodernden Blick belohnt. Außerdem errötete Kristie noch ein wenig mehr. Offenbar war sie nicht gerade immun gegen seine Berührung.

Er konnte ein Lächeln darüber nicht verbergen, was ihm einen weiteren scharfen Blick einbrachte. Erstaunlich, wie sehr er genießen konnte, dass sie wütend auf ihn war. Kristie stand abrupt auf. „Ich sollte jetzt wirklich fahren, Mrs Mandervell … Peggy. Ich möchte nicht länger bleiben als erwünscht. Noch einmal vielen Dank für das liebenswürdige Angebot. Ich werde mich Anfang nächster Woche einrichten, wenn das in Ordnung ist?“

Peggy strahlte. „Mehr als in Ordnung. Radford, hast du die Schlüssel gefunden?“

Radford hatte gehofft, dass seine Mutter das vergessen würde – somit hätte er einen Vorwand gehabt, Kristie an ihrem neuen Arbeitsplatz aufzusuchen. Er fischte die Schlüssel aus seiner Hosentasche und ließ sie vor Kristies Nase baumeln. „Bitte sehr.“ Er wusste nur allzu gut, dass sie die Tür ihres Arbeitszimmers fest verschlossen halten würde. Und zwar nur gegen ihn – niemand sonst. Der Gedanke ließ ihn bitter aufstoßen. Nun, er würde morgen nach London zurückkehren und sie schnellstens vergessen.

Als er sich erhob, meinte Kristie schnell: „Machen Sie sich keine Umstände. Ich rufe ein Taxi.“

Doch seine Mutter protestierte. „Radford wird Sie fahren.“

„Meine Mutter hat ihrem Fahrer heute Abend freigegeben“, erklärte Radford gepresst. Der Ausdruck in Kristies Gesicht gefiel ihm gar nicht.

Er beschloss, während der Fahrt kein Wort zu sagen. Doch es klappte nicht ganz so, wie er sich das vorstellte – ihre Gegenwart allein schärfte und alarmierte seine Sinne, und der Geruch ihres Körpers wirkte auf ihn wie ein aggressives Aphrodisiakum.

Immerhin drängte sich Kristie nicht gegen die Wagentür wie vorhin – also vielleicht bestand ja doch noch ein Fünkchen Hoffnung. Er hätte alles gegeben, zu wissen, welche Gedanken durch ihren Kopf schwirrten.

„Warum wollten Sie so früh gehen?“, fragte Radford, während er den Wagen aus der Einfahrt manövrierte.

„Es ist bereits halb elf“, erwiderte Kristie stirnrunzelnd. „Nicht, dass ich mich rechtfertigen müsste, aber ich war bereits um fünf Uhr früh auf den Beinen.“

Radford blickte sie mit hochgezogenen Brauen an. „Ich dachte, Sie wollten vielleicht vor mir davonrennen?“

Kristie wandte sich ihm zu. Das Licht des beinahe vollen Mondes verlieh ihrem Gesicht eine eisige Schönheit. „Bilden Sie sich ja nichts ein!“

„Wieso? Ihre Abneigung gegen mich haben Sie ja ziemlich unverblümt zum Ausdruck gebracht. Obwohl es Momente gegeben hat, in denen Ihre Maske etwas verrutscht ist und ich eine Frau voller Leidenschaft erblickt habe.“

„Bevor ich so etwas wie Leidenschaft für Sie empfinde, geht die Welt unter“, gab Kristie zurück.

„Sie bestreiten also, dass Sie auf meine Berührung unter dem Tisch reagiert haben? Vergessen Sie nicht, ich habe Sie genau beobachtet …“ In der Tat so genau, dass ihm ihr leicht begehrlicher Blick nicht entgangen war, der allerdings schnell von einem Ausdruck der Wut abgelöst worden war.

„Und wenn schon?“

„Ein Schritt in die richtige Richtung …“, behauptete Radford.

Kristie zog scharf die Luft ein. „Vergessen Sie’s. Ich werde keinen einzigen Schritt auf Sie zu machen.“

Er lächelte. „Sie hätten keine Chance, schöne Lady, gegen meine Überzeugungskraft …“ Er hatte zwar versichert, dass er nichts gegen ihren Willen unternehmen würde, doch Kristie Swift war einfach anders … Sie stellte eine echte Herausforderung dar. Ihr Anblick allein erregte Radford derart, dass er nicht eher ruhen wollte, bis er sie ins Bett gebracht hatte. Doch es war nicht nur erotisches Verlangen. Sie war in so vielerlei Hinsicht interessant: Kristie war gebildet, intelligent, charmant, besaß Humor … Er hatte mitbekommen, wie sie Daniel und Felicity zum Lachen brachte, und es hatte ihn geärgert, dass er nicht wusste, worüber sie sich amüsierten.

„Ich glaube, Sie überschätzen sich, Mr Smythe“, schleuderte ihm Kristie entgegen. „Sie können alles Mögliche mit mir versuchen, ich werde sicher nicht schwach werden.“

„Ist das eine Aufforderung?“

Ihre Augen funkelten eisig. „Nein, Mr Smythe. Ich erwarte, dass Sie sich wie ein Gentleman verhalten.“

„Und Sie denken, ich könnte jemandem widerstehen, der so aufregend sexy ist wie Sie?“

„So sehen Sie mich, ja?“, erwiderte Kristie aufgebracht. „Als Lustobjekt? Warum überrascht mich das nicht? Sie sind mit dem goldenen Löffel im Mund groß geworden. Sie haben alles bekommen, was Sie wollten. Und wahrscheinlich ist es dasselbe mit dem weiblichen Geschlecht. Ein Lächeln hier, ein Fingerschnippen dort … Nun, ich weiß es Gott sei Dank besser.“

Das waren deutliche Worte! Radford hätte sie gern darüber aufgeklärt, dass sie sich irrte – in Wahrheit hatte er sich selbst seinen Weg nach oben gekämpft. Doch er wusste genau, dass sie ihm jetzt nicht glauben würde.

„Sie streiten es ja nicht einmal ab“, meinte sie geringschätzig.

„Würden Sie mir denn glauben?“

„Natürlich nicht.“

„Eben. Ich denke, wir sollten einander erst langsam kennenlernen. Auf diese Weise werden Sie selbst herausfinden, dass ich kein solcher Unhold bin, wie Sie glauben.“ Er schaltete einen Gang zurück, als sie sich einer roten Ampel näherten, und blickte Kristie fragend an.

„Um ehrlich zu sein, möchte ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben“, verkündete diese.

„Wie zur Hölle können Sie so reden, wenn Sie mich gar nicht kennen?“

„Ich will Sie gar nicht kennen“, konterte sie schlagfertig.

Er schnaufte ärgerlich. „Nun, dann haben Sie Pech gehabt, denn Sie werden einiges von mir zu sehen bekommen, während Sie bei meiner Mutter arbeiten.“ Nun ja, zunächst würde er nach London fahren müssen. Aber er würde zurückkommen, das wusste Radford genau.

„Wenn das so ist“, erwiderte Kristie, „werde ich das Angebot nicht annehmen. Ich erwarte einen friedlichen Arbeitsplatz, nicht die Hölle auf Erden. Und Sie können Ihrer Mutter ruhig den Grund nennen …“

Wütend trat Radford aufs Gaspedal. Die ganze Situation lief schlecht für ihn, was ihm nicht ähnlich sah. Er war bekannt für sein Taktgefühl und seine Diplomatie. Aber anscheinend half das bei Kristie alles nichts. Sie drehte ihm bei jeder Gelegenheit das Wort im Mund um.

„Es gibt keinen Grund, meine Mutter zu verstimmen“, meinte er leise.

„Also halten Sie sich von mir fern?“

„Morgen kehre ich nach London zurück.“

Kristies Erleichterung war förmlich greifbar. Nun, sie sollte ruhig glauben, dass er für lange Zeit fort sein würde.

Als sie an Kristies Haus angelangt waren, schaltete er den Motor ab und stieg aus dem Wagen.

„Sie müssen mich nicht hineinbegleiten“, meinte Kristie hastig.

„Oh, doch, ganz wie ein echter Gentleman.“ Er wartete auf ihre Retourkutsche und war überrascht, als nichts kam.

Kristie stieß eilig ihren Schlüssel ins Schloss, bevor sie sich umdrehte. „Danke fürs Heimfahren.“ Dann ließ sie vor seiner Nase die Haustür zufallen.

4. KAPITEL

Montag früh fuhr Kristie angespannt zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Das ganze Wochenende hatte sie ständig darüber grübeln müssen, ob sie nicht einen Riesenfehler beging, und ein- oder zweimal hatte sie schon den Telefonhörer in die Hand genommen, um die ganze Sache abzublasen.

Doch ein solch sensationelles Angebot bekam man nur einmal im Leben. Und Radford würde ja nach London zurückkehren – also weshalb machte sie sich dann solche Sorgen?

Sie drückte die Fernbedienung, als sie sich den gewaltigen Eisentoren näherte, und die Tore schoben sich langsam auf. Kristie parkte ihren Wagen so nahe wie möglich bei den hohen Fenstern ihres Arbeitszimmers. Wenn sie sich auf diese Weise hereinschlich, war die Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer, dass Radford sie entdecken würde, sofern er noch hier war.

Kristies Schreck war groß, als sie einen ganzen Haufen brandneuer Büroausstattung erblickte. Computer, Laserdrucker, Scanner, Kopierer – sogar ein Laptop war hier. Dazu nagelneues Briefpapier, Kugelschreiber, Bleistifte, ein Zeichenbrett … Sie konnte es kaum glauben!

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Extra Band 363" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen