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JULIA EXTRA BAND 361

MELANIE MILBURNE

Eine Sekunde, tausend Gefühle

Wilder Hass, verzehrende Lust: Kein Mann weckt so extreme Gefühle in Sienna wie der Playboy Andreas Ferrante. Wie soll sie da sechs Monate Ehe mit ihm aushalten? Doch das ist Bedingung für ihr Erbe!

SHARON KENDRICK

Das wankelmütige Herz des Scheichs

Die vernünftige Isobel erkennt sich selbst nicht wieder: Allein mit Scheich Tariq in ihrem romantischen Cottage, schmilzt sie fast dahin vor Verlangen. Vergeblich versucht sie sich zusammenzureißen …

TINA DUNCAN

Geborgen in deinen starken Armen

Das sündhafte Prickeln von Champagner ist nichts gegen die verlockenden Empfindungen, die Sharas neuer sexy Bodyguard Royce in ihr auslöst. Doch sie muss ihm um jeden Preis widerstehen!

JACKIE BRAUN

Gib unserer Liebe eine Chance!

Caro seufzt: Hätte Jake McCabe sie nicht aus dem Schneesturm gerettet, wäre sie bestimmt erfroren! Andererseits würde sie dann auch nicht diese verzehrende Liebe spüren, die so vergeblich scheint …

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Eine Sekunde, tausend Gefühle

1. KAPITEL

Der Anruf seiner jüngeren Schwester Miette kam in den frühen Morgenstunden.

„Papàs ist tot.“

Drei Worte, die unter normalen Umständen eine Flut von Emotionen auslösen würden. Doch für Andreas bedeuteten sie nur, dass er von nun an nie wieder gute Miene zum bösen Spiel machen musste, wenn sich seine Wege mit denen seines Vaters kreuzten – was ohnehin nur noch selten passiert war. „Wann findet die Beerdigung statt?“, fragte er.

„Donnerstag. Kommst du?“

Andreas sah auf die Frau, die neben ihm in dem Hotelbett schlief, und rieb sich über die Bartstoppeln. War das nicht wieder mal typisch? Selbst zum Sterben suchte sein Vater sich den unmöglichsten Zeitpunkt aus. Am Wochenende, nachdem in Washington alles Geschäftliche erledigt war, hatte er vorgehabt, Portia Briscoe einen Antrag zu machen. Er hatte sogar schon den Ring besorgt. Jetzt würde er auf eine andere Gelegenheit warten müssen. Seine Verlobung sollte auf keinen Fall auf ewig mit seinem Vater in Verbindung gebracht werden, nicht einmal mit dessen Ableben.

„Andreas?“ Miettes Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. „Es wäre gut, wenn du kommen würdest. Ich könnte deine Unterstützung brauchen. Du weißt, wie sehr ich Beerdigungen verabscheue – vor allem seit Mamàs.“

Voller Grimm dachte Andreas an ihre wunderschöne Mutter zurück und wie niederträchtig sie betrogen worden war. Er war absolut sicher, dass das für ihren Tod verantwortlich gewesen war, nicht der Krebs. Die Schande, dass ihr Mann eine Affäre mit der Haushälterin hatte, während sie mit endlosen Chemotherapien gegen den Krebs ankämpfte, hatte ihren Lebenswillen gebrochen.

Und um das Fass zum Überlaufen zu bringen, hatten diese Hexe Nell Baker und ihre kleine Schlampe von einer Tochter, Sienna, die Beerdigung seiner Mutter auch noch zu einer billigen Seifenoper gemacht.

„Ich werde da sein“, sagte er.

Aber das hitzköpfige Flittchen Sienna Baker sollte sich besser nicht blicken lassen!

Der Erste, auf den Siennas Blick fiel, als sie in Rom bei der Beerdigung ankam, war Andreas Ferrante. Allerdings hatte ihr Körper seine Gegenwart vorher bereits gespürt. Sobald sie durch das Portal der Kathedrale trat, geriet ihr Herzschlag ins Stolpern. Dabei hatte sie Andreas seit Jahren nicht mehr gesehen.

Er saß ganz vorn in der Bank, und obwohl er also den Rücken zu ihr gekehrt hatte, wusste sie, dass er genauso verboten attraktiv aussah wie früher. Eine aristokratische Aura umgab ihn, die Aura von Reichtum und Macht. Sein rabenschwarzer Schopf ragte mehrere Zentimeter aus der Reihe der anderen Trauergäste heraus, das leicht wellige Haar weder lang noch kurz und perfekt geschnitten.

Er wandte den Kopf und flüsterte der jungen Frau an seiner Seite etwas zu. Sein Gesicht im Profil zu sehen, stellte unmögliche Dinge mit Siennas Puls an. Jahrelang hatte sie sein Bild aus ihrem Kopf verbannt, sie hatte nicht an ihn denken wollen. Er gehörte zu einer Vergangenheit, für die sie sich schämte. Zutiefst. Sie war so jung und dumm gewesen, so unreif und naiv. Sie hatte nie an die Konsequenzen gedacht, die Halb- und Unwahrheiten nach sich zogen. Wer tat das schon mit siebzehn?

Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte er sich um. Seine grünbraunen Augen stießen auf ihre, und Sienna war, als hätte sie ein Blitzschlag getroffen. Mit zusammengekniffenen Lidern funkelte er sie an, spießte sie mit seinem Blick auf wie einen Käfer auf einer Korkplatte.

Sienna setzte ein unverbindliches Lächeln auf, schüttelte das silberblonde Haar zurück und schob sich auf der anderen Seite des Kirchenschiffs in eine der hinteren Bänke.

Sie konnte seine Wut und seinen Ärger bis zu sich herüberpulsieren spüren.

Sie bekam eine Gänsehaut, ihr Puls raste, ihre Knie wurden weich. Sie hatte das Gefühl, als könnte sie jeden Moment wie ein nasser Waschlappen in sich zusammenfallen.

Nichts davon ließ sie sich anmerken. Nein, sie wahrte eine kühl-souveräne Haltung, um die der Teenager, der sie vor acht Jahren noch gewesen war, sie glühend beneidet hätte.

Die Frau neben Andreas war seine aktuelle Begleiterin, das wusste Sienna aus der Presse. Wollte man den Medien glauben, so hatte Portia Briscoe länger durchgehalten als jede andere bisherige Gespielin. Weshalb Sienna sich unwillkürlich fragte, ob an den Gerüchten über eine bevorstehende Verlobung vielleicht tatsächlich etwas dran war.

Nicht, dass Andreas Ferrante der Typ wäre, der sich wahrhaft verliebte. Ihrer Meinung nach war er die Verkörperung eines Playboyprinzen, strotzend vor Reichtum und ausgestattet mit den entsprechenden Privilegien. Sollte er einmal heiraten, dann würde seine Wahl auf eine geeignete Braut aus dem alten Geldadel fallen, genau wie sein Vater und sein Großvater es vor ihm gemacht hatten. Mit Liebe hatte das nichts zu tun.

Vom Äußeren her schien Portia Briscoe die perfekte Kandidatin für die nächste Generation der Ferrante-Bräute zu sein – eine klassische Schönheit mit vollkommener Frisur und sorgfältig aufgetragenem Make-up, die ausschließlich teure Designer-Garderobe trug. Die Art Frau, der es im Traum nicht einfallen würde, spontan bei einer Beerdigung aufzutauchen, noch dazu in verwaschenen Jeans und Turnschuhen.

Andreas Ferrante würde schon darauf achten, dass seine Braut nicht einen ihrer in Designerschuhen steckenden Füße über die Grenze des Anstands setzte. Seine Braut würde nicht auf eine Historie von falschen Entscheidungen und verantwortungslosem Benehmen zurückblicken müssen. Auf ein Benehmen, das so viel Schande und Unglück verursacht hatte, dass Sienna gar nicht daran denken wollte.

Nein, seine Braut musste jemand sein wie Portia Perfekt, nicht wie die skandalöse und beschämende Sienna.

Na dann, viel Glück!

Sobald die Trauermesse ihrem Ende zuging, verließ Sienna die Kathedrale. Eigentlich war ihr noch immer nicht klar, woher der plötzliche Drang gekommen war, einem Mann den letzten Respekt zu erweisen, den sie nie wirklich gemocht hatte. Aber als sie die Todesanzeige in der Zeitung las, hatte sie sofort an ihre Mutter denken müssen.

Nell hatte Guido Ferrante geliebt.

Jahrelang hatte Nell für die Ferrantes gearbeitet, ohne dass Guido sie als mehr als seine Haushälterin anerkannt hätte. Sienna erinnerte sich noch gut an den Skandal, den ihre Mutter auf Evaline Ferrantes Beerdigung ausgelöst hatte. Die Presse war über sie hergefallen wie Hyänen über Aas. Mitzuerleben, wie ihre Mutter als amoralische Hexe dargestellt wurde, war eine der erniedrigendsten Erfahrungen gewesen, die Sienna durchgemacht hatte. Sie hatte sich geschworen, dass sie sich nie, niemals von einem reichen Mann abhängig machen würde. Nein, sie würde diejenige sein, die die Kontrolle behielt und ihr eigenes Schicksal bestimmte. Sie würde sich von niemandem vorschreiben lassen, was sie zu tun hatte, nur weil er mehr Geld besaß.

Sie würde sich nie verlieben.

„Entschuldigung … Miss Baker?“ Ein gut angezogener Endfünfziger kam auf sie zu. „Sienna Louise Baker?“

Sienna drückte den Rücken durch. „Wer will das wissen?“

„Wenn ich mich vorstellen darf …“ Der Mann streckte ihr die Hand hin. „Ich bin Lorenzo Di Salle, Guido Ferrantes Anwalt.“

Sie schüttelte kurz die dargebotene Hand. „Angenehm. Wenn Sie mich dann entschuldigen … ich muss gehen.“ Sie kam nur einen Schritt weit, bevor die Worte des Anwalts sie wie vom Donner gerührt stehen bleiben ließen.

„Sie sind zu der Testamentsverlesung eingeladen.“

Mit offenem Mund drehte sie sich wieder um. „Wie bitte?“

„Als einer der Erben von Guido Ferrante sind Sie …“

„Erben?“ Sie schnappte nach Luft.

„Ja. Signor Ferrante hat Ihnen einen Besitz vermacht.“

„Einen Besitz“, wiederholte sie tonlos. „Welchen Besitz?“

„Das Château de Chalvy in der Provence.“

„Es kann sich nur um ein Missverständnis handeln.“ Siennas Herz setzte einen Schlag lang aus. „Das war Evaline Ferrantes Familiensitz. Der ist doch sicherlich für Miette oder Andreas bestimmt.“

„Signor Ferrante hat verfügt, dass er an Sie geht“, widersprach der Anwalt. „Allerdings ist das Erbe mit Bedingungen verknüpft.“

Sienna kniff die Augen zusammen. „Bedingungen?“

Lorenzo Di Salle lächelte listig. „Die Testamentsverlesung findet morgen Nachmittag um drei Uhr in der Bibliothek der Ferrante-Villa statt. Ich freue mich auf Ihr Kommen.“

Andreas marschierte in der Bibliothek auf und ab wie ein Löwe im Käfig. Seit Jahren hatte er keinen Fuß mehr in dieses Haus gesetzt, nicht mehr, seit Sienna damals praktisch nackt in seinem Schlafzimmer entdeckt wurde, mit gerade mal siebzehn.

Das kleine Biest hatte sich mit Lügen herausgewunden, hatte ihn als lüsternen Widerling dargestellt und sich selbst als unschuldiges Opfer. Eine Rolle, die sie sehr überzeugend gespielt hatte. Warum sonst hätte sein Vater sie in das Testament einschließen sollen? Sie hatte nichts mit der Familie zu tun, war die Tochter der Haushälterin. Eine Betrügerin, die schon einmal des Geldes wegen geheiratet hatte. Ganz offensichtlich hatte sie sich bei seinem Vater angebiedert, um so viel Geld wie möglich in ihre schmutzigen Finger zu bekommen, nun, nachdem ihr Mann gestorben war und sie ohne einen Penny zurückgelassen hatte. Andreas würde alles tun, um das Anwesen seiner Mutter in der Provence vor Sienna Bakers gierigen Klauen zu bewahren.

Und wenn er alles sagte, meinte er auch alles.

Und da kam sie auch schon … kam hereingerauscht, als wäre sie hier zu Hause. Zumindest war sie heute passender angezogen, wenn auch nur geringfügig. Der kurze Jeansrock gewährte einen großzügigen Blick auf schlanke gebräunte Beine, und die weiße Bluse hatte sie um eine unmöglich schmale Taille geknotet. Sie war ungeschminkt, das silberblonde Haar fiel offen auf ihre Schultern, und trotzdem sah sie aus, als käme sie gerade von einer Fotosession.

Alle im Raum schienen plötzlich den Atem anzuhalten. Andreas hatte es oft genug miterlebt. Ihre natürliche Schönheit wirkte wie ein Schlag in den Magen. Jahrelang hatte er daran gearbeitet, seine Reaktion unter Kontrolle zu bekommen, dennoch spürte er auch jetzt ihre Wirkung auf ihn. Genau wie gestern in der Kirche. Er hatte genau gewusst, wann sie die Kathedrale betreten hatte.

Er sah auf seine Armbanduhr und warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Du kommst zu spät.“

Unbeeindruckt schüttelte sie ihr Haar zurück. „Es ist zwei Minuten nach drei. Sei nicht so kleinlich, Playboyprinz.“

Der Anwalt sortierte seine Unterlagen auf dem Schreibtisch. „Können wir dann anfangen? Am besten mit Miette …“

Andreas blieb stehen, während der Anwalt vorlas. Für seine Schwester war gut gesorgt worden, das beruhigte ihn. Obwohl sie es eigentlich nicht nötig hätte. Sie und ihr Mann führten eine erfolgreiche Investmentfirma mit Sitz in London. Sie erhielt die Familienvilla in Rom und einen millionenschweren Trustfund für ihre beiden Kinder. Schön zu wissen, dass das kecke Biest Miette nicht hinausgedrängt hatte. Wie er hatte nämlich auch seine Schwester in den letzten Jahren keinen sehr guten Kontakt zum Vater gehabt.

„Jetzt zu Andreas und Sienna. Ich denke, diesen Teil sollten wir im Privaten verlesen, nur Sie beide.“ Der Anwalt sah in die Runde. „Wenn es den anderen nichts ausmacht …“

Andreas zuckte zusammen. Er wollte seinen Namen nicht in einem Atemzug mit der Wildkatze genannt hören. Es machte ihn nervös – hatte ihn schon immer nervös gemacht. Sie war eine freche Göre, die seine Welt durcheinanderbrachte, und das konnte er nicht gebrauchen.

Ihretwegen war er dem Familiensitz jahrelang ferngeblieben, hatte nicht einmal die letzten kostbaren Wochen mit seiner Mutter verbracht. Siennas unerhörte Lügen hatten es unmöglich gemacht, in den letzten acht Jahren eine normale Beziehung mit seinem Vater zu führen. Dafür gab Andreas allein ihr die Schuld. Sie war ein hinterhältiges kalkulierendes Weibsbild.

Er hasste sie mit Inbrunst!

Der Anwalt wartete, bis die anderen den Raum verlassen hatten, bevor er die zweite Aktenmappe öffnete. „Das Château de Chalvy geht zu gleichen Teilen an Sie beide, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass Sie ein Minimum von sechs Monaten als legal verheiratetes Paar zusammenleben.“

Andreas hörte die Worte, begreifen konnte er sie nicht. „Das muss ein Witz sein!“

„Nein, durchaus nicht“, erwiderte der Anwalt. „Ihr Vater hat das Testament noch vor einem Monat und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte geändert. Er war sehr präzise, was die Bedingungen angeht. Falls Sie nicht innerhalb der gesetzten Frist heiraten, geht der Besitz an einen entfernten Verwandten.“

Andreas wusste, welcher „entfernte Verwandte“ gemeint war. Der Familiensitz seiner Mutter würde sofort verkauft werden, um die Spielsucht seines Cousins zweiten Grades zu finanzieren. Sein Vater hatte die perfekte Falle gebaut, hatte an alles gedacht. Andreas blieb keine andere Wahl, als …“

„Ich werde ihn nicht heiraten!“ Empört sprang Sienna auf, ihre blaugrauen Augen schleuderten Blitze.

Andreas sah sie vernichtend an. „Halt den Mund und setz dich!“

Sie schob ihr Kinn vor. „Ich heirate dich nicht.“

Andreas wandte sich an den Anwalt. „Es muss einen Weg geben, um dieses Testament anzufechten. Ich habe vor, mich zu verloben, aber nicht mit dieser Furie. Lassen Sie sich etwas einfallen.“

Lorenzo Di Salle hob die Hand. „Das Testament ist wasserdicht. Falls einer von Ihnen sich weigert, die Bedingung zu erfüllen, erbt der andere automatisch alles.“

„Alles?“, entfuhr es beiden gleichzeitig.

Lorenzo nickte Andreas zu. „Wenn Sie sich weigern, sie zu heiraten, erhält sie nicht nur das Schloss, sondern auch das restliche Vermögen. Wenn Sie heiraten und einer von Ihnen geht vor Ablauf der sechs Monate, erhält der andere alles. Weigern Sie sich beide, wird der Besitz besagtem Verwandten zugesprochen. Signor Ferrante hat es so formulieren lassen, dass keiner von Ihnen eine andere Wahl hat, als sechs Monate verheiratet zu bleiben.“

„Was passiert nach den sechs Monaten, falls wir es tatsächlich schaffen, ohne uns gegenseitig umzubringen?“, wollte Andreas wissen.

„Dann wird Ihnen das Schloss überschrieben und Sienna erhält eine Abfindung in Höhe von …“ Der Anwalt nannte eine Summe, bei der Andreas die Augenbrauen hochriss.

„Wofür genau erhält sie so viel Geld? Damit sie sechs Monate herumstolziert und die Dame des Hauses spielt? Das ist ungeheuerlich!“

Sienna verzog den Mund. „Das ist das Mindeste, wenn ich sechs Monate mit dir unter einem Dach leben muss.“

Andreas’ Augen wurden zu Schlitzen. „Du hast ihm das eingeredet, stimmt’s?“

Trotzig hielt sie seinem Blick stand. „Seit über fünf Jahren habe ich nichts von deinem Vater gesehen oder gehört. Er besaß nicht einmal genügend Anstand, um eine Trauerkarte zu schicken, als meine Mutter starb.“

Andreas starrte sie hasserfüllt an. „Und warum bist du dann zu seiner Beerdigung gekommen, wenn du ihn so sehr verabscheust?“

Ihr Kinn ruckte noch ein Stückchen höher. „Bilde dir nicht ein, ich wäre extra angereist. Ich war gerade hier zu einer Anprobe für die Hochzeit meiner Schwester nächsten Monat.“

„Ach ja, deine neu entdeckte Zwillingsschwester. Ich las in der Zeitung davon.“ Er verzog den Mund. „Möge der Himmel uns helfen, wenn sie auch nur halb so ist wie du.“

Wütend funkelte Sienna ihn an. „Ich kam zur Beerdigung aus Respekt für meine Mutter. Sie wäre gekommen, wenn sie noch lebte, nichts hätte sie fernhalten können.“

„Richtig. Nicht einmal der Anstand“, spöttelte er.

Sienna sprang auf und holte aus. Andreas verhinderte die schallende Ohrfeige nur, indem er ihr Handgelenk kurz vor seiner Wange abfing. Der Kontakt mit ihrer seidigen Haut lief wie ein Stromstoß durch seinen Körper. Und er sah das Flackern in ihren Augen, so als hätte sie es auch gespürt.

Etwas hing plötzlich zwischen ihnen in der Luft, etwas Ursprüngliches, Gefährliches. Etwas, für das es keinen Namen gab.

Andreas ließ ihr Handgelenk los und trat zurück. Ballte und öffnete die Faust, als würden seine Finger ihm nicht mehr richtig gehorchen. „Sie müssen entschuldigen“, wandte er sich an den Anwalt, „Miss Baker ist bekannt für ihren Hang zur Theatralik.“

„Widerling“, zischelte sie.

Der Anwalt schloss die Mappe und stand auf. „Ihnen bleibt eine Woche für die Entscheidung. Überlegen Sie gründlich. Sie beide haben viel zu verlieren, wenn Sie nicht kooperieren.“

„Meine Entscheidung steht bereits fest.“ Sienna verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich heirate ihn nicht.“

Andreas lachte abfällig. „Großartige Show, Sienna. So viel Geld schlägst du doch niemals aus.“

Sie stand direkt vor ihm, mit blitzenden Augen, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr Busen hob und senkte sich mit jedem heftigen Atemzug. Noch nie hatte Andreas solch intensive sexuelle Energie auf sich einprasseln gespürt. Es war, als würde jemand einen Elektroschocker auf seine Haut setzen. In seinen Lenden begann es schmerzhaft zu ziehen, als Sienna sich vorbeugte.

„Da kennst du mich aber schlecht, Playboyprinz“, fauchte sie, drehte sich auf dem Absatz um und ließ ihn stehen.

2. KAPITEL

„Hier steht, dass Andreas Ferrante sich von seiner Freundin getrennt hat.“ Kate Henley, Siennas Mitbewohnerin, sah über den Rand der Zeitung zu Sienna. „Sagtest du nicht, die beiden wollten sich verloben?“

Sienna beschäftigte sich angelegentlich mit einer bereits gespülten Tasse, die sie noch einmal auswusch. „Andreas Ferrante interessiert mich nicht.“

„Hey, Moment mal …“ Zeitungspapier raschelte, als Kate weiterlas. „Ach du meine Güte! Hier steht, du seist der Grund für die Trennung.“ Mit riesengroßen Augen starrte sie Sienna an. „Stimmt das?“

Sienna stellte die Tasse ins Abtropfgestell. „Zeig her.“ Mit gerunzelter Stirn riss sie Kate die Zeitung aus der Hand und überflog den Artikel.

Andreas Ferrante, megareicher französisch-italienischer Möbeldesigner, offenbart, dass seine bislang geheim gehaltene Beziehung zu Sienna Baker, der Tochter der ehemaligen Haushälterin in der Ferrante-Villa, der Grund für den Bruch mit der Erbin Portia Briscoe ist.

„Das ist eine glatte Lüge!“ Sienna schleuderte die Zeitung auf den Frühstückstisch und warf dabei die Milch um. „Mist!“ Vergeblich versuchte sie, die Milchflut mit dem Küchenhandtuch aufzuhalten.

„Warum sollte er der Presse dann so etwas sagen?“

Sienna wusch das Handtuch hektisch aus und spritzte dabei Wassertropfen über die ganze Anrichte. „Weil er mich heiraten will, deshalb.“

Kate stand der Mund offen. „Äh … hast du gerade gesagt, er will dich heiraten?“

Das nasse Handtuch landete klatschend im Spülbecken. „Ja, du hast richtig gehört. Ich will ihn aber nicht heiraten.“

Kate griff sich theatralisch an den Hals. „Andreas Ferrante, Milliardär aus Florenz … nein, anders – milliardenschwerer Playboy aus Florenz, der bestaussehende Mann auf dem Planeten, vielleicht sogar im ganzen Universum, will dich heiraten … und du sagst Nein?“

Sienna warf ihrer Mitbewohnerin einen irritierten Blick zu. „So gut sieht er auch wieder nicht aus.“

Kate schnappte nach Luft. „Und was ist mit seinem Bankkonto?“

„Interessiert mich nicht. Ich habe schon einmal wegen des Geldes geheiratet. Ein zweites Mal mache ich das nicht.“

„Ich dachte immer, du hättest Brian Littlemore geliebt. Auf seiner Beerdigung hast du dir die Augen aus dem Kopf geheult.“

Sienna dachte an ihren verstorbenen Ehemann und wie nah sie ihm in den wenigen Monaten vor seinem Tod gestanden hatte. Sie hatte ihn nicht aus Liebe geheiratet, sondern weil sie Schutz brauchte. Die Entscheidung war eher ein Reflex gewesen, nachdem ihr Leben nach dem Tod ihrer Mutter völlig aus der Bahn geworfen worden war und sie neben einem Fremden im Bett aufgewacht war. Sie hatte wohl einen Drink zu viel gehabt. Brian Littlemore hatte ihr Sicherheit geboten und ihr Ansehen wiederhergestellt. Auch er hatte sein ganzes Leben lang eine Lüge gelebt, aber zu ihr war er immer absolut ehrlich gewesen. Und dafür hatte sie ihn lieben gelernt. „Brian war ein guter Mann.“

„Schade nur, dass er dich nicht besser versorgt zurückgelassen hat.“ Kate fischte das Handtuch aus dem Spülbecken. „Du könntest natürlich auch deine reiche Schwester um Hilfe mit der Miete bitten, wenn du in den nächsten zwei Wochen keinen Job findest.“

Es war schon ein seltsames Gefühl, plötzlich eine Schwester zu haben, noch dazu eine Zwillingsschwester. Gisele und sie waren bei der Geburt getrennt worden, weil Nell eines der Babys für eine Abfindung dem reichen und verheirateten Australier überlassen hatte, von dem sie schwanger geworden war. So war Gisele als Tochter des kinderlosen Paares Hilary und Richard Carter aufgewachsen. Nell hatte ihr Geheimnis mit ins Grab genommen, nur durch Zufall hatte Sienna von der Existenz ihrer Schwester erfahren. Nach Brians Tod hatte sie kurz entschlossen einen Billigflug nach Australien gebucht, weil sie das Land schon immer hatte sehen wollen, und sie in Ruhe überlegen musste, wie es mit ihr weitergehen sollte. Durch eine Verwechslung in einem Kaufhaus hatte Sienna von ihrer Zwillingsschwester erfahren.

Sienna liebte ihre Schwester von ganzem Herzen, doch ihre Beziehung stand noch am Anfang. Vor allem fühlte Sienna sich schrecklich schuldig. Giseles Beziehung war nämlich an dem Skandal um das erbärmliche Sex-Video im Internet zerbrochen. Emilio, ihr Verlobter, hatte die Frau in dem Video für Gisele gehalten und geglaubt, sie hätte ihn betrogen. Erst als die Wahrheit über die Zwillingsschwestern herauskam, hatte sich alles wieder eingerenkt. Jetzt war die Hochzeit in Rom angesetzt, der Sienna mit gemischten Gefühlen entgegensah. Einerseits freute sie sich riesig darauf, Brautjungfer für ihre Schwester zu sein, andererseits … durch ihr Benehmen hatten die beiden zwei kostbare Jahre miteinander verloren. Wie sollte sie das je wiedergutmachen können?

Aber Kate hatte da einen wichtigen Einwand vorgebracht. Sienna brauchte eine Einkommensquelle, und zwar schnell. Sie hatte das Sekretariat für Brians Antiquitätenhandel geführt, doch nach seinem Tod hatte die Familie sie sofort fristlos entlassen. Der Trustfund, den Brian für sie eingerichtet hatte, war der Wirtschaftskrise zum Opfer gefallen, und mit ihm auch Siennas Traum vom eigenen kleinen Haus. Ein Traum, der sich nun nie realisieren lassen würde.

Oder?

Sienna dachte an das Erbe, das Guido Ferrante in Aussicht gestellt hatte. Das würde reichen, um sogar etwas Größeres zu kaufen. Und mit dem Rest hätte sie für ihr Leben ausgesorgt. Sie würde sich ganz ihrem Hobby, der Fotografie, widmen und sie vielleicht sogar zum Beruf machen können …

Sie kaute an ihrer Lippe. Die Konditionen waren natürlich unerträglich – eine Heirat mit ihrem Erzfeind. Ein hoher Preis, aber … die Prämie nach sechs Monaten war sicherlich nicht zu verachten.

Und es musste ja auch keine echte Ehe sein.

Ein Prickeln überlief sie, als sie sich vorstellte, wie sie in Andreas Umarmung lag, seine Beine mit ihren verschlungen …

Sie nahm Handtasche und Schlüssel auf. „Ich muss weg. Ich kann nicht sagen, wann ich zurückkomme. Das Geld für die Miete überweise ich dir.“

Kate hielt den leeren Milchkarton in der einen und das nasse Handtuch in der anderen Hand. „Weg? Wohin?“

„Nach Florenz. Das werden die längsten sechs Monate meines Lebens.“

„Signor Ferrante sitzt in einem Meeting und kann nicht gestört werden“, teilte die Vorzimmersekretärin Sienna mit.

„Sagen Sie ihm, seine Verlobte ist hier“, flötete Sienna lächelnd.

Verblüfft musterte die Sekretärin Siennas von der Reise ramponierte Erscheinung. „Ich bin mir nicht sicher, ob …“

„Sagen Sie ihm, wenn er nicht sofort herauskommt, kann er die Hochzeit vergessen.“

Mit starrer Miene drückte die Sekretärin den Knopf der Sprechanlage. „Hier ist eine junge Frau, die behauptet, Ihre Verlobte zu sein. Soll ich den Sicherheitsdienst verständigen?“

„Sagen Sie ihr, sie soll warten.“ Andreas’ tiefe Stimme drang durch den kleinen Lautsprecher.

Sienna zog das Gerät zu sich herum. „Beweg dich gefälligst hier raus, Andreas. Wir haben Wichtiges zu besprechen.“

„Im Konferenzzimmer. In zehn Minuten.“

„Jetzt sofort!“, zischelte sie.

Cara, solche Ungeduld“, kam es samten zurück. „Hast du mich so sehr vermisst?“

Für die Sekretärin setzte Sienna ein falsches Lächeln auf. „Darling, du kannst dir nicht vorstellen, wie schrecklich es ist, deine Arme nicht um mich zu spüren. Es ist die reine Qual, ohne deine Küsse auskommen zu müssen, ohne die wundervollen Dinge, die du mit mir anstellst und …“

„Das behalten wir doch besser für uns, meinst du nicht auch?“

Sienna strahlte die Sekretärin an, deren Augen jetzt tellergroß waren. „Wissen Sie, man sieht es ihm nicht an, aber er hat diesen unglaublich großen …“

„Sienna!“ Es klang wie ein Schuss durch den Lautsprecher. „Im Konferenzsaal! Sofort!“

Sienna winkte der Sekretärin verzückt zu. „Ist er nicht absolut goldig?“

Im Konferenzsaal saß niemand mehr, als Sienna dort ankam – nur Andreas, mit einer Miene wie sieben Tage Regenwetter.

„Was sollte das, zum Teufel?“, knurrte er, noch bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Ich musste aus der Zeitung erfahren, dass wir angeblich verlobt sind.“

Sein Mund wurde zu einer schmalen Linie. „Das stammt nicht von mir.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Du weißt, was man über eine verstoßene Frau sagt?“

Sienna hob eine Augenbraue. „Portia Perfekt hat es durchsickern lassen? Wow! Das ist nicht die feine Art.“

Er zog die Brauen zusammen. „Ich stand kurz davor, ihr einen Antrag zu machen. Es ist mehr als verständlich, dass sie wütend ist.“

„Oh, das tut mir aber leid“, flötete sie.

Sein Blick wurde stahlhart. „Biest.“

„Widerling.“

Andreas begann auf und ab zu tigern. „Irgendwie müssen wir einen Weg finden. Sechs Monate, dann sind wir frei. Ich habe nach einer Lösung gesucht, aber es geht nicht anders. Wir müssen die Bedingung erfüllen, dann gewinnen wir beide.“

Sienna zog einen der Sessel hervor und ließ sich darauf nieder. „Und was springt für mich dabei raus?“

Er blieb stehen, drehte sich zu ihr um. „Was soll das heißen? Du bekommst einen Haufen Geld.“

Sie hielt seinem Blick stand. „Ich will mehr.“

Seine Lippen waren nur noch ein Strich. „Wie viel mehr?“

„Wie wär’s mit dem Doppelten?“

„Ein Viertel.“

„Ein Drittel.“

Direkt vor ihr stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch. „Fahr zur Hölle“, knurrte er. „Der Deal steht. Ich verhandle nicht.“

„Fein.“ Sie rollte mit dem Sessel zurück und stand auf. „Das war’s dann. Wenn du mich heiraten willst, wirst du für das Privileg zahlen müssen.“

Sie war schon bei der Tür, bevor er etwas sagte.

„Ich stocke die Summe um ein Drittel auf.“

Sienna sah zu ihm zurück. „Du willst dieses Schloss unbedingt haben, stimmt’s?“

„Es gehörte meiner Mutter. Ich werde alles tun, damit mein labiler Cousin es nicht bekommt.“

„Selbst wenn eine Heirat mit mir nötig ist?“

Er lachte trocken auf. „Ich fasse nicht, dass ich das sage, aber … ich kann mir Schlimmeres vorstellen, als sechs Monate mit dir verheiratet zu sein.“

„Da ist deine Vorstellungskraft der meinen um Meilen voraus.“ Sie kehrte an den Tisch zurück und setzte sich wieder.

Andreas musterte sie durchdringend, sein Blick schien ihre Haut zu verbrennen. Sie fühlte sich plötzlich wie nackt.

Er hatte sie schon nackt gesehen. Zumindest fast nackt.

Bei der Erinnerung krümmte sie sich innerlich. Sie hatte sich gewünscht, dass er ihr „Erster“ sein würde. Hatte davon geträumt, dass er sie aus dem ärmlichen Leben, das sie und ihre Mutter führten, herausholen würde. All die Jahre, ohne zu wissen, wo sie demnächst wohnen würden. Ihre Kindheit war eine Aneinanderreihung von gepackten Koffern und Umzügen. Wieder und wieder musste sie Gewohntes zurücklassen und neue Freunde finden unter Leuten, die längst genügend Freunde hatten. Sie war sich immer wie das fünfte Rad am Wagen vorgekommen.

Das alles änderte sich, als ihre Mutter die Stelle in der Ferrante-Villa übernommen hatte. Das große Haus mit Park und Swimmingpool schien Sienna das Paradies zu sein. Es war auch das erste Mal, dass sie ihre Mutter richtig glücklich sah.

Es sollte niemals enden. Naiv wie sie war, hatte sie sich alles genau zurechtgelegt: Andreas, der Sohn des Hauses und Erbe des Vermögens, würde sich in sie verlieben und sie heiraten, und sie alle würden glücklich bis an ihr Lebensende beieinander sein. Er war der Playboyprinz, sie das arme Aschenputtel, aber die Liebe füreinander würde alle Hindernisse überwinden. Sie war entschlossen, ihn auf sich aufmerksam zu machen, war sie doch für ihn nie etwas anderes als „die Göre der Putzfrau“ gewesen. Er behandelte sie wie ein junges Hündchen, das nicht stubenrein war.

Doch an jenem Abend sollte es anders werden. Monatelang war Andreas nicht mehr zu Hause gewesen, wenn er an diesem Abend kam, würde er erkennen, wie sehr sie sich verändert hatte. Er würde die junge, sexuell reife Frau in ihr sehen, für die sie sich selbst hielt.

Sie hatte doch gemerkt, wie sein Blick ihr ständig gefolgt war, als sie geholfen hatte, das Dinner aufzutragen, hatte das Leuchten in seinen Augen bemerkt, als sie Kaffee und Likör in den Salon gebracht hatte. Seine Nasenflügel hatten gebebt, als sie seine Tasse neben ihn gestellt hatte, so als würde er ihren Duft erschnuppern. Und sie hatte gewusst, dass er sie wollte.

Also hatte sie in seinem Zimmer auf ihn gewartet. Hatte sich nur in Slip und BH auf sein Bett gelegt. Sicher, sie war nervös gewesen, aber auch erregt. Ihr ganzer Körper hatte vor Vorfreude vibriert.

Als Andreas dann die Tür öffnete und im Rahmen stehen blieb, um ihren Anblick in sich aufzunehmen, meinte sie, ihr Ziel erreicht zu haben. Doch dann schüttelte er sich leicht, als müsse er sich zusammenreißen.

„Was, zum Teufel, soll das werden? Zieh dich an und verschwinde“, knurrte er.

Sie war am Boden zerstört. Sie war doch so sicher gewesen, dass er sie wollte. Sie hatte es doch gespürt! Und jetzt konnte sie es deutlich sehen, auch wenn er sich Mühe gab, es zu kaschieren. Sie nahm allen Mut zusammen, stand auf und ging mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. „Ich will, dass du mit mir schläfst, Andreas. Ich weiß, dass du mich willst. Schon ewig.“

Er presste die Lippen zusammen und packte sie beim Arm. „Du irrst, Sienna. Ich habe nicht das geringste Interesse an dir.“

Genau in diesem Moment war die Tür aufgegangen …

Sienna verdrängte die Gedanken und kehrte in die Gegenwart zurück. Sie wollte sich nicht an die fürchterliche Szene zwischen Andreas und seinem Vater erinnern. Sie wollte nicht an die unverzeihlichen Lügen denken, die sie erzählt hatte. Aber sie hatte doch so schreckliche Angst gehabt, dass ihre Mutter die Anstellung verlieren würde, deshalb waren Worte aus ihr hervorgesprudelt, die sie bis zum heutigen Tage bereute …

„Da sind einige praktische Dinge zu klären.“

Sie sah auf und widerstand dem Drang, sich mit der Zunge über die staubtrockenen Lippen zu fahren. „Praktische Dinge?“

„Das Testament verlangt, dass wir als Mann und Frau zusammenleben“, sagte er. „Das heißt, du schläfst da, wo ich schlafe.“

Sienna schoss so abrupt hoch, dass der Stuhl umfiel. „Ich schlafe nicht mit dir!“

Er verdrehte entnervt die Augen. „Nicht im selben Bett, aber unter einem Dach. Wir müssen der Öffentlichkeit eine Show bieten. Wir müssen so tun, als wären wir ineinander verliebt.“

„Bist du verrückt?! Das kann ich nicht. Jeder weiß, dass ich dich hasse.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, erwiderte er trocken. „Es ist nur für sechs Monate und auch nur, wenn wir in der Öffentlichkeit sind. Wenn wir allein sind, können wir ja wieder miteinander ringen.“

Bilder, wie Andreas und sie sich auf dem Boden rollten, blitzten in ihrem Kopf auf und ließen sie rot anlaufen. „Vom Ringen verstehe ich nichts.“

„Ich kann’s dir beibringen.“ Er lächelte spöttisch. „Die wichtigste Regel besagt, dass der, der oben ist, gewonnen hat.“

Sienna wandte sich ab. Er sollte nicht sehen, wie heiß ihr plötzlich war. „Wann müssen wir … du weißt schon … es offiziell machen?“

„So bald wie möglich. Ich hole eine Sondererlaubnis für eine schnelle Hochzeit ein, das sollte nicht länger als ein paar Tage dauern. Du wirst wohl kaum in Weiß heiraten wollen, schließlich warst du schon verheiratet – mit einem Mann, der alt genug war, um dein Großvater zu sein“, fügte er angewidert hinzu.

Ihr Kinn schoss vor. „Zumindest habe ich ihn geliebt.“

Verächtlich verzog er die Lippen. „Sein Geld hast du geliebt. Sag, hat er dich jeden Penny verdienen lassen?“

Sie lächelte ihr berüchtigtes Lächeln, aus dem die Presse das Lächeln eines Flittchens gemacht hatte. „Das würdest du wohl gern wissen, was?“

Abrupt schwang er herum und schob die Hände in die Hosentaschen, um sich davon abzuhalten, sie zu packen und zu schütteln, dass ihr die Zähne aufeinanderschlugen.

Sienna sonnte sich in dem Wissen, dass sie ihn provozieren konnte. Immer gab er sich so kühl und beherrscht, aber sie brachte eine Seite an ihm heraus … eine primitive männliche Seite, die dominieren wollte. Der Gedanke, wie er sie dazu bringen könnte, sich ihm zu ergeben, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Sie würde sich mit Händen und Füßen wehren.

Andreas atmete tief durch. Sie provozierte ihn absichtlich, wollte ihn herausfordern und eine Reaktion hervorrufen. Wollte ihm beweisen, dass sich nichts geändert hatte. Warum hatte diese Frau eine solche Wirkung auf ihn?

Er war immer stolz auf seine Selbstbeherrschung gewesen, er wurde nie zum Sklaven der Lust. Natürlich hatte er Bedürfnisse wie jeder andere Mann, aber er wählte seine Partnerinnen sehr bewusst aus. Die Frauen, mit denen er schlief, hatten alle Klasse. Sie waren keine eigensinnigen Harpyien.

Etwas an Sienna brachte sein Blut zum Kochen, er konnte es nicht kontrollieren. Er wollte sie … auf geradezu animalische Art, wollte sie zähmen und sie sich unterwerfen. Das Verlangen nach ihr verbrannte ihn schier.

Sie war die verbotene Frucht, von der er sich immer gerühmt hatte, ihr widerstehen zu können.

Sein Vater hatte genau gewusst, welche Verlockung Sienna darstellte. Deshalb hatte er das Testament kurz vor seinem Tod noch geändert. Er hätte sich keine schlimmere Strafe ausdenken können, als den Sohn an Sienna zu binden, Tag ein, Tag aus. Hatte sein Vater ihn wirklich so sehr gehasst?

Andreas drehte sich zu ihr um. Sie saß da, in Jeans und T-Shirt, mit übereinandergeschlagenen Beinen und verschränkten Armen – was ihren wunderschönen Busen betonte – und sah aus wie die trotzige Schülerin, die zum Direktor beordert worden war. Sie zeigte einen beklagenswerten Mangel an Respekt für Autorität. Sie änderte ihre Stimmung innerhalb eines Sekundenbruchteils. Im einen Moment war sie die verführerische Sirene, im nächsten das unschuldige Kind.

Er hatte keine Ahnung, wie er dieses lächerliche Arrangement sechs Monate lang durchhalten sollte, aber er würde es schaffen. Selbst wenn er mit ihr schlafen musste, um sie ein für alle Mal aus seinen Gedanken zu verbannen.

„Wo bist du untergebracht?“

„Ich habe noch nichts gefunden“, antwortete sie. „Ich bin gerade erst angekommen.“

„Wo ist dein Gepäck?“

„Ich habe keines mitgebracht. Ich dachte, die Garderobenwahl überlasse ich dir. Die Kleidung, die ich besitze, passt wohl kaum.“

Ungläubig starrte er sie an. „Außer den Sachen, die du trägst, hast du nichts dabei?“

Herausfordernd sah sie ihn an. „Wenn ich die Rolle spielen soll, muss ich auch dafür ausstaffiert werden. Du zahlst.“

„Das soll nicht das Problem sein. Es scheint mir nur etwas … unkonventionell, dass eine Frau in deinem Alter in Jeans und T-Shirt um den Globus fliegt und nicht mehr bei sich hat als ihre Handtasche. Die Frauen, die ich kenne, brauchen schon allein für Kosmetikartikel einen Koffer.“

„Ich bin pflegeleicht.“

„Das bezweifle ich“, murmelte er.

Mit einer graziösen Bewegung stand sie auf. „Ich muss irgendwo unterkommen, bis wir die Sache offiziell machen. Ein Fünf-Sterne-Hotel wäre nett.“

„Du kannst in meiner Villa bleiben.“ Er schrieb die Adresse auf und schob ihr den Zettel über den Tisch zu. „Ich will dich im Auge behalten.“

„Befürchtest du, ich könnte der Presse einen Tipp geben, so wie deine Exverlobte es gemacht hat?“, fragte sie mit einem frechen Grinsen und steckte den zusammengefalteten Zettel in ihren BH.

„Genau genommen war sie nicht meine Verlobte.“ Die Geste hatte ihn aus dem Konzept gebracht, bemüht riss er den Blick von ihrem Dekolleté los. „So weit war ich noch nicht gekommen. Den Ring hatte ich allerdings schon besorgt. Du kannst ihn dir solange leihen.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Vergiss es, Playboyprinz. Ich will meinen eigenen Ring.“

Er kam zu ihr, stellte sich vor sie hin – und hatte sofort das Gefühl, in ein Kraftfeld getreten zu sein. Ihr berauschender Duft stieg ihm in die Nase, verursachte Schwindel. Von so nah konnte er die blassen Sommersprossen auf ihrer Stupsnase sehen. Wie von allein wanderte sein Blick zu ihrem Mund und die Lust schlug mit Wucht in ihn ein, als sie sich mit der Zungenspitze über die vollen Lippen fuhr.

Er hielt sich eisern im Zaum, zwang sich, normal zu atmen. „Das alles ist nur ein Spiel für dich, nicht wahr?“

Ihre graublauen Augen glitzerten. „Du hättest mich fast geküsst“, meinte sie lächelnd.

„Ich habe das Bedürfnis, dir den Hals umzudrehen, nicht dich zu küssen“, sagte Andreas.

„Rühr mich nur einmal an, und du wirst sehen, was du davon hast.“

Er wusste schon jetzt, was dann passieren würde. Er konnte sich nicht erinnern, je solches Verlangen gefühlt zu haben, selbst als Teenager nicht. Dynamit konnte nicht mehr Schaden anrichten als Sienna, wenn sie in den Verführerinnenmodus wechselte. „Geh mir aus den Augen.“ Er zog die Tür auf. „Ich werde meiner Haushälterin Bescheid sagen, dass du kommst.“

„Und was sagst du dem Personal über uns?“

„Ich habe nicht die Angewohnheit, mein Privatleben mit dem Personal zu besprechen. Wie alle anderen werden sie annehmen, es handle sich um eine normale Ehe.“

Eine kleine Falte erschien auf ihrer Stirn. „Selbst wenn wir nicht einem Zimmer schlafen?“

„Bei Leuten, die in Villen leben, ist es durchaus üblich, getrennte Suiten zu bewohnen. Wieso sollte man sich mit einem Zimmer begnügen, wenn man aus dreißig wählen kann?“

Sie riss die Augen auf. „So groß?“

„Größer als die Villa meines Vaters.“ Er zog seine Brieftasche hervor und reichte ihr seine Kreditkarte. „Hier. Geh einkaufen. Mach einen Besuch beim Friseur und lass dir die Nägel maniküren. Trink irgendwo einen Kaffee, iss etwas. Warte nicht auf mich, ich komme erst spät.“

Sie nahm die Karte an und ging an ihm vorbei. Im letzten Moment blieb sie stehen. „Hast du eine Ahnung, warum dein Vater das getan hat?“

„Nein.“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, als sie nachdenklich an ihrer Lippe kaute. „Er muss mich wirklich gehasst haben.“

„Wie kommst du darauf? Hier geht es um mich, nicht um dich. Mein Vater hat mich gehasst, ebenso sehr, wie ich ihn verabscheut habe.“

Eine Weile blieb es still, dann setzte Sienna ein übertrieben strahlendes Lächeln auf. „Tja, ich sollte mich wohl besser auf den Weg machen. So viel einzukaufen und so wenig Zeit.“

Andreas drückte die Tür hinter ihr ins Schloss und stieß die Luft aus. Eine halbe Stunde mit Sienna und er kam sich vor, als hätte er gegen einen Wirbelsturm angekämpft.

Wie sollte er das sechs Monate lang überstehen?

3. KAPITEL

Nach dem Shoppen nahm Sienna sich ein Taxi zu Andreas’ Villa. Das Haus im Renaissance-Stil lag einige Kilometer außerhalb von Florenz inmitten von Olivenhainen und Weinbergen. Die letzten Strahlen der Nachmittagssonne tauchten die Szenerie in goldenes Licht. Es war ein atemberaubend schöner Anblick und eine überdeutliche Erinnerung an den Reichtum, in den Andreas hineingeboren worden war. Sicher, er hatte sein eigenes Vermögen als Möbel-Designer gemacht, aber er hatte sich nie Sorgen machen müssen, wie er seine Rechnungen bezahlen sollte. Da war ein wenig Neid schon verständlich, oder? Wozu brauchte er auch noch das Château, wenn er all das hier hatte?

Vielleicht sollte sie ihm das Zusammenleben mit ihr so unmöglich machen, dass er von allein aufgab. Ein Château in der Provence, ihr eigenes Paradies – eine verlockende Vorstellung. Und es war ja nicht so, als würde Andreas dann auf der Straße stehen.

Die Tür wurde aufgezogen, sobald Sienna aus dem Taxi stieg. Eine mütterliche Frau, die sich mit einem herzlichen Lächeln als Elena vorstellte, bat Sienna ins Haus. „Signor Ferrante hat Sie schon angekündigt. Ich habe die Rosen-Suite für Sie vorbereitet.“ Sie blinzelte wissend. „Die liegt direkt neben seiner.“

Sienna zwang sich zu einem Lächeln. „Das ist sehr nett von Ihnen.“

„Ich war auch mal jung“, meinte Elena verschwörerisch. „Ich lernte meinen Mann kennen, und innerhalb eines Monats waren wir verheiratet. Ich wusste, Signor Ferrante würde es sich bei der da noch mal überlegen.“

Sienna runzelte die Stirn. „Äh … bei der da?“

„Prinzessin Portia.“ Elena schnaubte. „Nichts war gut genug für sie, nie war sie zufrieden. Sie aß dieses nicht und jenes nicht. Keinen Käse, kein Fleisch, nur etwas hiervon und ein klein wenig davon. Sie hat mich wahnsinnig gemacht.“

Sienna gab sich großmütig. „Vielleicht musste sie auf ihre Figur achten.“

Noch ein Schnauben von Elena. „Sie war nicht die Richtige. Signor Ferrante braucht eine Frau, die genauso viel Leidenschaft im Blut hat wie er.“

Sienna fragte sich, was Andreas der Haushälterin wohl erzählt haben mochte. Ging Elena davon aus, dass er und Sienna sich Hals über Kopf verliebt hatten? Oder noch schlimmer … ahnte die mütterliche Frau etwa, was Sienna so verzweifelt zu verheimlichen versuchte? Über die Schwärmerei war sie definitiv hinweg, und lieben tat sie ihn ganz bestimmt nicht, im Gegenteil. Allerdings hieß das nicht, dass es da nicht eine gewisse Körperchemie gab. Viel zu viel davon, um genau zu sein. „Sie scheinen ihn gut zu kennen.“

Elena lächelte. „Er ist ein guter Mann … großzügig, arbeitet hart, hilft in den Weinbergen und im Olivenhain, so oft er kann. Sie kennen sich von früher, si? Ich hab’s in der Zeitung gelesen. Ihre mama hat für seine Familie gearbeitet.“ Die Haushälterin strahlte. „Erst Freunde, dann ein Paar, si?“

„Nun … so ähnlich.“

„Ich sehe das Feuer in Ihren Augen.“ Elena nickte zufrieden. „Sie werden ihn glücklich machen, das weiß ich. Und zusammen werden Sie wunderschöne Babys haben.“

Sienna lief rot an. „Über Kinder haben wir noch nicht geredet. Um ehrlich zu sein, es ging alles ein bisschen schnell.“

„Das sind die besten Ehen“, bekräftigte die Haushälterin im Brustton mütterlicher Autorität. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr neues Heim.“

Sienna ließ sich von der beschwingten Haushälterin eine Tour durch die Villa geben. Das Haus war noch größer, als es von außen aussah. Zimmerflucht folgte auf Zimmerflucht, alle wunderschön und geschmackvoll eingerichtet. Mit etwas Umsicht mussten Andreas und sie sich in diesem Riesenhaus in sechs Monaten gar nicht über den Weg laufen.

„Ich bereite noch das Dinner vor und gehe dann nach Hause“, kündigte Elena an.

„Sie wohnen nicht im Haus?“

„Nein, in dem Bauerhaus neben dem Olivenhain. Mein Mann Franco arbeitet auch für Signor Ferrante. Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie ruhig an. Morgen um zehn bin ich wieder hier. Signor Ferrante schätzt seine Privatsphäre. Kein Wunder, schließlich waren früher ständig Dienstboten um ihn herum.“

Damit hatte Sienna nicht gerechnet – sie würde allein mit Andreas sein. Was nun? Die Chemie zwischen ihnen war unberechenbar, um es vorsichtig auszudrücken. Wenn die kurze Szene im Konferenzsaal ein Anhaltspunkt sein sollte, konnte die Atmosphäre ziemlich schnell ziemlich intensiv werden. Und dem hätte sie nicht viel entgegenzusetzen. Ihre kühle Fassade war zwar nicht schlecht, aber wie lange würde sie die aufrechterhalten können? Er ließ ja allein mit seinem Blick die Lust in ihr aufschießen.

Schon seltsam, denn Sex hatte sie nie besonders interessiert. Sicher, sie hatte gefeiert, nachdem Andreas sie zurückgewiesen hatte, und zwar heftig. Aber es hatte Monate gedauert, bevor sie überhaupt wieder einen Gedanken an das andere Geschlecht verschwendet hatte. Und als sie dann endlich mit ein paar jungen Männern ihres Alters ausgegangen war, hatte die sexuelle Seite sie kalt gelassen. Dann, nach der demütigenden Nacht, in der sie sich mit dem Fremden im Bett wiedergefunden hatte, hatte sie sich in die Sicherheit einer Vernunftehe ohne Sex geflüchtet.

Sienna räumte ihre Einkäufe ein, duschte, zog sich frische Sachen an und ging nach unten. Ohne Elenas munteres Geplauder schien das Haus schrecklich still. Sienna bediente sich am bereitgestellten Essen und schenkte sich ein Glas Wein ein. Plötzlich fühlte sie sich rastlos.

Vielleicht hätte sie vorher genauer überlegen sollen, auf was sie sich einließ. Es war ja nicht das erste Mal, dass ihr impulsives Wesen sie in Schwierigkeiten brachte. Ob es zu spät für einen Rückzieher war?

Aber der Gedanke an das Geld minderte ihre Zweifel. Sie musste das Ganze nur als Job betrachten – ein Sechsmonatsvertrag, nach dessen Auslaufen sie mit einem goldenen Handschlag verabschiedet wurde.

Allerdings hatte sie die dumme Angewohnheit, Probleme anzuziehen. Aber sollte sie sich deshalb auf ewig von Umständen herumschubsen lassen, über die sie keine Kontrolle hatte? Konnte sie denn etwas dafür, dass ihre Mutter Gisele abgegeben und sie behalten hatte? Nein, sie wollte nicht auf ihre Zwillingsschwester neidisch sein, trotzdem meldete sich das Gefühl, den Kürzeren gezogen zu haben. Gisele war immer gut versorgt gewesen, hatte Privatschulen besucht und in exotischen Ländern Urlaub gemacht. Sie war in einem großartigen Haus aufgewachsen, hatte nicht alle paar Monate ihre Sachen packen und weiterziehen müssen, wenn jemand mal wieder die Trägheit oder die vorlaute Art ihrer Mutter nicht länger dulden wollte. Gisele hatte einen Vater gehabt, der sie beschützt und vor allem Übel bewahrt hatte.

Sienna dagegen hatte sehr viel schneller als andere erwachsen werden müssen. Früh hatte sie gelernt, dass man sich auf niemanden verlassen konnte, dass jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht war.

Deshalb war sie genauso geworden.

Sie würde jeden Penny aus dieser Geschichte rausholen, den sie bekommen konnte. Und dann würde sie aus Andreas’ Leben verschwinden. Für immer.

Als Andreas von der Arbeit nach Hause kam, fand er Sienna auf der Ledercouch im Wohnraum. In der einen Hand hielt sie ein Glas Wein, in der anderen die Fernbedienung für den großen Flachbildschirm. Das Haar hatte sie in einem Pferdeschwanz zusammengefasst, sie trug eine schwarze Jogginghose und ein pinkfarbenes T-Shirt mit rundem Ausschnitt, das ihr von einer Schulter gerutscht war und gebräunte Haut freigab. Barfuß und mit rosa Nagellack auf den Zehennägeln sah sie unglaublich jung und absolut zum Anbeißen aus.

„Harter Tag im Büro?“ Sie sah nicht einmal zu ihm hin, zappte weiter durch die Kanäle.

„Könnte man sagen.“ Andreas zog sich die Krawatte herunter, schüttelte das Jackett von den Schultern und warf beides achtlos auf das andere Ende des Sofas. „Du fühlst dich schon richtig wie zu Hause, was?“

Sie nippte an ihrem Wein, bevor sie antwortete. „Und wie! Dein Wein ist wirklich gut. Und deine Haushälterin mag ich auch. Wir sind schon dicke Freunde geworden.“

„Man freundet sich nicht mit dem Personal an.“ Er runzelte die Stirn. „Die Leute machen ihre Arbeit und werden dafür bezahlt. Mehr wird von ihnen nicht verlangt.“

Sienna stand auf und kam mit ihrem schlenkernden Gang auf ihn zu. Die pure Provokation funkelte in ihren Augen, als sie sich vor ihn hinstellte. Das Ziehen in seinen Lenden wurde schmerzhaft, er musste sich zusammennehmen, um sie nicht an sich zu reißen und ihr zu zeigen, wie stark sein Verlangen nach ihr war. Er hatte beschlossen, dass er sie haben würde … aber wenn er es wollte und nicht, weil sie ihn manipulierte.

„Hast du schon gegessen?“

„Was ist das? ‚Pflichten einer Ehefrau, Lektion eins‘?“, spöttelte er.

Sie zuckte mit einer Schulter – der nackten! – und zog einen Schmollmund. „Ich wollte nur freundlich sein. Du siehst irgendwie müde aus.“

„Wahrscheinlich, weil ich seit der Testamentsverlesung nicht mehr richtig geschlafen habe.“ Er fuhr sich über das Kinn, das dringend eine Rasur brauchte, ging zum Barschrank und goss sich ein Glas aus der Weinflasche ein, die Sienna angebrochen hatte. „Die Heiratsgenehmigung liegt vor. Für Freitag.“

Ihre Augen weiteten sich unmerklich, doch ihr Tonfall war Unverschämtheit pur. „Du arbeitest schnell, wenn du etwas willst, was, Playboyprinz?“

„Warum die Dinge unnötig hinauszögern? Je eher wir heiraten, desto schneller können wir uns wieder scheiden lassen.“

„Klingt nach einem guten Plan.“ Sie drehte sich das Ende ihres Pferdeschwanzes um den Finger. „Was hast du Elena über uns erzählt?“

„Nur, dass wir so schnell wie möglich heiraten wollen. Wieso?“

„Sie scheint zu glauben, wir seien hoffnungslos ineinander verliebt.“

Er trank einen Schluck Wein. „Das sind die meisten Leute, wenn sie heiraten.“

Schweigen.

„Warst du in Portia verliebt?“, fragte Sienna in die Stille hinein.

Andreas zog die Brauen zusammen. „Was soll die Frage?“

Mit leicht schief gelegtem Kopf tippte sie sich nachdenklich an die Lippen. „Nein, wohl eher nicht. Du mochtest sie, und sie erfüllte alle deine Bedingungen für eine Ehefrau. Alter Geldadel, jedes Härchen immer am richtigen Platz, immer nur Haute Couture. Sie weiß, welches Besteck man zu welchem Gang benutzt, und sie sagt immer das Richtige, stößt niemals jemanden vor den Kopf. Aber alles verzehrende Liebe?“ Abschätzend musterte sie ihn. „Nein, bestimmt nicht.“

„Da redet die Richtige“, konterte er sofort. „Du warst auch nicht in Brian Littlemore verliebt und hast ihn schon durch das Mittelschiff geschleift, als die Leiche seiner Frau noch nicht richtig kalt war.“

„Um genau zu sein … ich kannte Brian lange, bevor seine Frau starb“, korrigierte sie ihn hoheitsvoll.

Er warf ihr einen angewiderten Blick zu. „Und zweifelsohne hast du ihn da schon heißgemacht. Wie hast du es angestellt? Hast du dem alten Narren eine Kostprobe gegeben, damit er auf den Geschmack kommt und unbedingt mehr haben wollte?“

Ihre Augen schleuderten giftige Pfeile auf ihn ab. „Deine Gedanken sind schmutziger als die eines Seemanns. Du sitzt auf deinem hohen Ross und erlaubst dir über Menschen zu urteilen, die du überhaupt nicht kennst. Brian war ein zutiefst anständiger Mann mit einem riesengroßen Herzen. Während du … Du hast nicht einmal ein Herz. In deiner Brust sitzt nur ein verschrumpelter harter Klumpen.“

Andreas führte das Glas an die Lippen. „Deine Loyalität zu deinem verstorbenen Ehemann ist rührend.,. Ich frage mich nur, ob du noch immer so loyal wärst, wenn du wüsstest, dass er die ganze Zeit über, die er mit dir zusammen war, eine Geliebte hatte.“

Etwas flackerte in ihren Augen auf, bevor sie sich abwandte und sich ihr Weinglas holte. „Wir hatten eine offene Beziehung. Das gab uns beiden Freiheit, solange wir Diskretion wahrten.“

Er fragte sich, ob er so unverblümt hätte sein sollen. Er hatte nur Gerüchte gehört, und dann auch aus keiner sehr verlässlichen Quelle. Wenn Sienna überrascht oder verletzt sein sollte, überspielte sie es zugegebenermaßen sehr gut. Zwar hielt sie sich steif, aber weder ihre Miene noch ihr Ton verrieten etwas.

„Du wusstest von seiner Geliebten?“

„Welche Geliebte?“

„Von der Frau, mit der er sich traf.“

„Oh, die …“ Sie lachte, ein Lachen, das völlig fehl am Platz schien, weil es so … erleichtert klang. „Ich wusste von Anfang an von ihr.“

„Und trotzdem hast du ihn geheiratet?“

Ihr angriffslustiger Blick irritierte ihn. „Ja. Des Geldes wegen. Also aus dem gleichen Grund, weshalb ich dich jetzt heirate.“

Andreas biss die Zähne zusammen. Es machte ihr überhaupt nichts aus, ihre kalkulierenden Motive zuzugeben. Hatte sie keine Scham? Keinen Anstand? Keinen Selbstrespekt? Sie war noch genauso egoistisch, wie sie als Teenager gewesen war. Sie wollte so viel wie möglich aus dieser Situation für sich herausschlagen. Er konnte praktisch die Dollarzeichen in ihren Augen sehen. „Da wir gerade von Geld sprechen … Während unserer Ehe werde ich kein Benehmen von dir hinnehmen, das Grund zu Spekulationen gibt, unsere Beziehung wäre keine echte. Ein solches Verhalten wird Konsequenzen nach sich ziehen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Sie zog ein Gesicht wie ein zurechtgewiesenes Schulmädchen. „Glasklar.“

Still betete er um Geduld. „Zweitens: Ich lasse mich nicht zum Narren machen. Das heißt, keine Fotos aus dem Boudoir und keine Sex-Videos, die im Internet landen. Verstanden?“

Ihre Wangen färbten sich puterrot. Wahrscheinlich aus Wut darüber, dass er sie an den Vorfall von vor gut zwei Jahren erinnerte. Ihre Schwester hatte damals die Konsequenzen tragen müssen. Er hatte den Skandal nicht mitbekommen, er war damals im Ausland gewesen. Doch nachdem er die Berichte über die Versöhnung ihrer Zwillingsschwester mit deren Verlobten in der Presse gelesen hatte, war ihm am meisten aufgestoßen, dass Sienna die Situation nicht eher richtiggestellt hatte. Nun, fairerweise musste man dazusagen, dass Sienna damals noch nichts von ihrer Zwillingsschwester und den Spekulationen der Presse geahnt hatte. Trotzdem, das war typisch für sie. Sie übernahm keine Verantwortung für ihre Handlungen und scherte sich keinen Deut um die Konsequenzen. Sie walzte sich ihren Weg durchs Leben – ohne Rücksicht auf Verluste.

„Es wird keinen solchen Fauxpas geben“, versicherte sie steif.

„Darauf solltest du besser sehr genau achten“, warnte er.

Sie trank ihr Glas aus und stellte es ab. „Wäre das dann alles?“

Dieser unterwürfige Ton war neu, den hatte Andreas bei ihr noch nicht gehört. Wie brachte sie es fertig, dass er sich jetzt fühlte, als hätte er die Grenzen des Anstands überschritten? „Wenn es dir ein Trost ist … ich werde ebenfalls auf mein Benehmen achten und nichts tun, was unser Arrangement kompromittieren könnte.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Es sind nur sechs Monate. Enthaltsamkeit soll angeblich gut für die Seele sein.“

Ein kleines Lächeln zog auf ihre Lippen, das vertraute Funkeln kehrte in ihre Augen zurück. „Glaubst du, du hältst das durch?“

Darauf wetten würde er nicht. Nicht, wenn sie so verdammt sexy und verführerisch aussah, ohne es überhaupt darauf anzulegen. „Wir werden sehen. Ich lasse es einfach auf mich zukommen“, sagte er und ließ den Blick ganz bewusst von Kopf bis Fuß über sie wandern.

Sie wich diesem Blick nicht aus, dennoch bewegte sie unmerklich die Schultern, so als wäre das T-Shirt plötzlich zu eng auf ihrer Haut. „Dann viel Glück.“

Er füllte sein Glas nach. „Außerdem würde ich es zu schätzen wissen, wenn du dir etwas Passendes für die Hochzeit besorgen könntest. Jogginghosen sind für einen solchen Anlass kaum angebracht, ganz gleich, wie gut du darin aussiehst.“

Sienna hob eine Augenbraue. „Wunder über Wunder – ein Kompliment vom großen Signor Ferrante.“

Irritiert rieb er sich den Nacken. „Ich habe dir schon öfter Komplimente gemacht.“

„Tatsächlich? Wann? Kann mich nicht erinnern.“

„Na, zum Beispiel damals, als du zu dieser Schulfeier gingst. Du musst ungefähr sechzehn gewesen sein. Du trugst ein rosa Kleid mit weißen Rüschen. Da habe ich dir gesagt, dass du hübsch aussiehst.“

Vorwurfsvoll verzog sie die Miene. „Du hast gesagt, ich sähe aus wie ein Cupcake.“

Andreas musste sich das Grinsen verkneifen. „Wirklich? Dann muss ich damit wohl gemeint haben, dass du zum Anbeißen aussiehst.“

Die Luft schien plötzlich mit Spannung geladen.

„Du solltest mehr auf deine Ernährung achten“, brach Sienna die lastende Stille. „Zu viel Zucker ist ungesund.“

„Mag sein, aber manchmal muss man sich auch etwas gönnen“, hielt er dagegen.

„Nur, wenn man genügend Selbstdisziplin hat.“ Die hochmütige Würde, mit der sie sich hielt, fand er unglaublich erregend. „Manche Leute begnügen sich nicht mit einem Stückchen Schokolade, sondern müssen direkt die ganze Tafel verschlingen.“

Er musterte sie von oben bis unten. „Damit scheinst du keine Probleme zu haben. Deine Taille könnte ich mit den Händen umspannen.“

„Mein Stoffwechsel funktioniert eben gut, mehr nicht.“

„Was wirst du deiner Schwester über dieses Arrangement sagen?“, fragte er nach einem Moment.

Sie schürzte die Lippen. „Ich möchte sie nicht anlügen, aber ich will auch nicht, dass sie sich Sorgen macht. Es ist wohl am besten, wenn ich mich vorerst an das Drehbuch halte.“

„Dann sollten wir besser ein paar Details abstimmen. Zum Beispiel, wie es kam, dass wir uns verliebt haben.“

Sienna bedachte ihn mit einem ironischen Blick. „Meinst du wirklich, man würde dir abnehmen, du hättest dich in mich verliebt? Ich bin die Tochter der Haushälterin, du hast gleich Hunderte von goldenen Löffeln in die Wiege gelegt bekommen. Wir haben nichts gemein, Männer wie du heiraten keine Gören aus dem gemeinen Pöbel.“

Er runzelte die Stirn. „Das ist eine ziemlich harsche Bezeichnung, eine, die ich nie benutzt habe.“

„Brauchst du auch nicht. Es steht deutlich in deinen Augen zu lesen.“

Sein Gewissen meldete sich. In der Vergangenheit hatte er viele andere Bezeichnungen für sie gehabt, und keine davon war besonders schmeichelhaft gewesen. „Hör zu, Sienna, mir ist klar, dass da ungute Gefühle aus der Vergangenheit übrig geblieben sind. Ich bin bereit, darüber hinwegzusehen, damit wir dieses halbe Jahr hinter uns bringen können.“

Wenn sie so an ihrer Lippe kaute, wirkte sie wie ein hilfloses Kind – ein Eindruck, der in krassem Gegensatz zu dem stand, was er von ihr wusste. „Heißt das, du vergibst mir?“

„So weit würde ich nicht gehen. Was du getan hast, ist unverzeihlich.“

Noch immer biss sie auf ihre Unterlippe. „Ich weiß …“

Andreas riss sich zusammen, erinnerte sich streng an seinen Vorsatz. Sie spielte nur die Harmlose, appellierte an seine nachgiebige Seite, um sich Vorteile zu verschaffen. Diese kindliche Verlegenheitsshow nahm er ihr nicht ab. „In den nächsten Tagen habe ich viel zu tun.“ Er hob Jackett und Krawatte vom Sofa. „Ich erwarte, dass du dich bis Freitag beherrschen kannst und keinen Unsinn anstellst.“

4. KAPITEL

Als Sienna am nächsten Morgen nach unten kam, war keine Spur von Andreas zu entdecken. Elena war offensichtlich auch noch nicht im Haus, daher nutzte Sienna die Zeit zu einer ruhigen Tasse Tee auf der sonnigen Terrasse.

Der Ausblick war einfach fantastisch. Vor ihr lag eine Landschaft mit Hunderten von Grüntönen, tausend verschiedene Düfte drangen zu ihr, und das Summen der Insekten lag in der Luft.

Ein spontaner Entschluss trieb sie wieder ins Haus, um die Kamera aus ihrer Handtasche zu holen. Sie würde einen Spaziergang machen und die landschaftliche Schönheit auf Film bannen.

Sie vergaß völlig die Zeit, während sie selig ein Motiv nach dem anderen aufnahm. Plötzlich sah sie ein Stück weiter vor sich einen Hund. Er schien niemandem zu gehören, und so eingefallen, wie seine Seiten waren, musste er kurz vor dem Verhungern stehen.

„He, du da.“ Langsam und vorsichtig näherte sie sich dem Tier. „Komm her und sag Hallo.“

Der Hund sah argwöhnisch zu ihr hin und stellte das Nackenfell auf.

Davon ließ Sienna sich nicht beeindrucken. Sie ging in die Hocke, streckte den Arm aus, um das Tier an ihrer Hand schnuppern zu lassen, und redete mit sanfter Stimme auf ihn ein. „Ich tue dir nichts. Komm doch mal her.“ Der Hund robbte zögernd näher, das Nackenfell glättete sich, und die Andeutung eines Schwanzwedelns ließ sich erkennen. „Ja, du bist ein guter Hund, nicht wahr? Komm her.“

Fast war der Hund bei ihr angekommen, als hinter ihr laute Schritte erklangen. Das magere Tier schoss auf und rannte mit eingeklemmtem Schwanz davon.

„Närrin.“ Andreas stand hinter ihr. „Du hättest gebissen werden können. Das ist ein räudiger Streuner. Franco sollte ihn schon vor Tagen abschießen.“

Sienna richtete sich auf. „Er trägt ein Halsband, also muss er jemandem gehören. Vielleicht findet er einfach nur den Weg nach Hause nicht.“

„Eine flohverseuchte Töle.“ Andreas blieb unerbittlich.

„Auf deinem Land dürfen sich natürlich nur Rassehunde mit ellenlangem Stammbaum aufhalten, nicht wahr?“ Vernichtend sah sie ihn an. „Was für ein eingebildeter Idiot du doch bist.“

Als sie sich wütend an ihm vorbeischieben wollte, packte er sie beim Handgelenk und zog sie zu sich herum. „Du solltest nicht barfuß auf dem Gelände herumlaufen. Hast du denn überhaupt keinen Verstand?“

Sienna wollte ihre Hand losreißen, doch sein Griff wurde nur fester. Sie spürte seine Schwielen auf ihre Haut, und prompt begann es in ihrem Magen zu flattern. Ihr Blick traf auf seine grünbraunen Augen … die Stimmung schlug jäh um. Er hatte sich nicht rasiert, die Stoppeln an seinem Kinn wirkten unglaublich sexy. Er roch nach Mann und Hitze und harter Arbeit, eine Mischung, die ihre Sinne in einen wirbelnden Strudel stürzten. Ob er merkte, welche Gefühle er in ihr auslöste? „Was sollte dich das kümmern? Für dich wäre es doch besser, wenn ich tot wäre.“

Die Falte auf seiner Stirn vertiefte sich. „Warum sollte ich mir so was Verrücktes wünschen?“

„Weil das Château dann automatisch dir zufiele. Du brauchtest keine Ehe mit einer Frau einzugehen, die du mehr verabscheust als alles andere auf der Welt.“

„He, du verabscheust mich ebenso sehr. Oder hast du vielleicht eine geheime Schwäche für mich?“

Vernichtend schaute sie ihn an. „Davon träumst du vielleicht.“

Mit einem Ruck zog er sie an sich, sie konnte die Hitze seines harten Schafts an ihrem Bauch fühlen. „Du provozierst gerne, nicht wahr, cara? Das gibt dir ein Gefühl von Macht. Es gefällt dir, wenn die Männer dir zu Füßen liegen. Ich sehe es in deinen Augen. Du wartest darauf, dass ich dir erliege und alles für dich tue. Aber das werde ich nicht. Deine Verführungsspielchen wirken bei mir nicht. Wenn ich dich nehme, dann zu meinen Bedingungen.“

Grimmig wollte sie ihn von sich schieben, drückte gegen seine Brust – mit dem Resultat, dass sich zwar ihre Oberkörper voneinander entfernten, die unteren Hälften ihrer Körper sich jedoch noch enger aneinander pressten.

Es raubte Sienna die Luft. Ihr Puls begann zu rasen, in ihrem Unterleib setzte sich ein rhythmisches Pochen in Gang. Sie fragte sich, ob er sie jetzt küssen würde, haftete sein Blick doch wie hypnotisiert auf ihrem Mund. Wie würde sein Kuss wohl schmecken? Würde es ein sanfter oder ein gieriger Kuss werden? Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen …

„Zur Hölle mit dir!“ Grob stieß Andreas sie von sich.

Sienna sah ihm nach, wie er mit ausholenden Schritten den Weg zurückstapfte, den er gekommen war. Ihr war schwindlig, ihr ganzer Körper prickelte, und das rhythmische Pochen wollte einfach nicht nachlassen.

Sie fuhr sich mit der Hand an den Hals. Ja, sie steckte eindeutig in Schwierigkeiten.

Sienna sah Andreas erst am Abend vor der Hochzeit wieder. Elena hatte ihr mitgeteilt, er sei zu einem dringenden Termin nach Mailand gerufen worden. Sienna nahm allerdings an, dass er Abstand wahren wollte, solange es möglich war. Die Tage vergingen viel zu schnell. Sienna telefonierte ausgiebig mit Gisele und Kate. Irgendwie gelang es ihr tatsächlich, ihre Schwester davon zu überzeugen, sie wäre hoffnungslos verliebt in Andreas und könnte es gar nicht mehr abwarten, bis sie endlich heirateten. Da Gisele gerade die eigene Hochzeit plante und die Gästeliste der ursprünglich angedachten „Hochzeit im kleinen Kreis“ längst alle Grenzen sprengte, fand sie an Siennas Entscheidung für eine standesamtliche Trauung nur mit den Trauzeugen überhaupt nichts Seltsames.

Kate ließ sich zwar nicht so leicht von der angeblichen Liebesgeschichte überzeugen, doch als hoffnungslose Romantikerin war sie voller Zuversicht, dass Andreas irgendwann zur Vernunft kommen und Sienna schließlich nicht mehr gehen lassen würde.

Sienna wollte der Freundin nicht die Hoffnung rauben. Also sagte sie nichts davon, dass die peinliche Episode in der Vergangenheit, die er ihr nicht verzeihen konnte, einen solchen Ausgang von vornherein verhinderte. Schon lange hatte sie den Traum aufgegeben, dass er sich in sie verlieben könnte. Und was sie selbst anbetraf … nun, das würde sie sich nie erlauben.

Sie ging einkaufen, begleitet von einem gutmütig-geduldigen Franco, und nahm Termine bei Friseur und Kosmetikerin wahr. Dann war da auch noch ein Termin beim Anwalt, um den Ehevertrag zu unterschreiben. Dafür hatte Sienna vollstes Verständnis, es ergab Sinn, dass Andreas sein Vermögen unter den gegebenen Umständen schützen wollte.

Die restliche Zeit verbrachte sie damit, sich mit dem Hund anzufreunden. Sie hatte ihn Scraps getauft, und inzwischen traute er ihr so weit, dass er Fressen aus ihrer Hand annahm. Streicheln ließ er sich allerdings nicht – noch nicht. Sienna nahm sich fest vor, Geduld zu beweisen. Außerdem hatte sie Franco das Versprechen abgerungen, den Hund auf keinen Fall zu erschießen, ganz gleich, was Andreas auch sagen mochte.

Sie kehrte gerade vom Füttern des Hundes zurück, als sie Andreas’ Wagen die lange Auffahrt hinauffahren hörte. Ihre innere Ruhe war dahin, als sie zusah, wie er die langen Beine aus dem tief liegenden Sportwagen schwang. Die Krawatte hatte er gelockert, die Hemdsärmel aufgerollt. In der einen Hand trug er einen Aktenkoffer, mit der anderen schlang er lässig das Jackett über die Schulter. Er sah absolut fantastisch aus.

Jetzt drehte er sich zu ihr um und ließ den Blick über ihre Erscheinung in Shorts und T-Shirt wandern. „Bringt es nicht Unglück, wenn man die Braut vor der Hochzeit sieht?“

„Das bezieht sich auf den Morgen des Hochzeitstages“, stellte sie klar. „Der Abend vorher zählt nicht.“

Seine Lippen verzogen sich minimal, das war wohl als Lächeln zu werten. „Da bin ich aber froh.“ Seine Schritte knirschten auf dem Kies, als er zu ihr kam. „Elena sagte mir, dass du eine neue Eroberung gemacht hast.“

„Damit meinst du wohl Scraps.“ Sie wippte auf den Fersen. „Ich habe ihn gerade in einer der Scheunen zu Bett gebracht.“

Eine Augenbraue wurde in die Höhe gezogen. „Scraps?“

„Ja, weil er Essensreste mag. Und irgendwie zollt das wohl auch seiner bunt gewürfelten Abstammung Tribut.“

Wieder zuckte es um seinen Mund. „Originell.“

„Dachte ich auch.“

Er deutete zum Haus und ließ sie vorangehen. „Wie war deine Woche?“

„Ich war Shoppen bis zum Umfallen“, behauptete sie. „Danke übrigens, dass ich den Wagen benutzen durfte. Franco spielt gern die Rolle des Chauffeurs. Ich denke, du solltest ihm eine Uniform besorgen.“

Er warf die Autoschlüssel auf das Tischchen in der Halle und ging in den Wohnraum durch. „Ich habe ein Auto für dich bestellt. Irgendwann nächste Woche wird es geliefert.“

„Ich hoffe doch, es ist ein italienischer Sportwagen.“ Das sagte sie nur, um ihn zu ärgern. „Das ultimative Statussymbol. Alle meine Freunde werden grün vor Neid werden.“

Abfällig sah er sie an. „Es ist ein fahrbarer Untersatz und er bringt dich sicher von A nach B – wenn du vernünftig fährst. Obwohl … will man von deinem Privatleben schließen, hege ich da meine Zweifel.“

„Ich bin eine gute Fahrerin“, verkündete sie stolz. „Ich habe noch nie einen Unfall gebaut und auch noch keinen Strafzettel für zu schnelles Fahren bekommen. Mit den Parkknöllchen sieht es allerdings anders aus …“, fügte sie kleinlaut hinzu.

„Aha, bei dir ist es also Gewohnheit, dass du länger bleibst als geplant? Das werde ich mir merken.“ Er ging zur Bar und goss sich einen Drink ein.

Sienna hob hochmütig das Kinn. „Wenn du glaubst, ich würde auch nur eine Minute länger als die unvermeidlichen sechs Monate hier bleiben, täuschst du dich.“

Unverwandt haftete sein Blick auf ihr. Ihr fiel auf, dass seine Augen im schwachen Licht eher braun als grün waren, aber sie hatte bereits gemerkt, dass sich die Farbe mit seiner Stimmung änderte. „Solange wir beide uns klar über die Bedingungen dieses Arrangements sind“, sagte er. „Ich will keine Komplikationen. Du jedoch, cara, scheinst Komplikationen wie ein Magnet anzuziehen.“

Nur Andreas schaffte es, ein Kosewort wie eine Beleidigung klingen zu lassen. Allerdings musste sie zugeben, dass er mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch lag. „Bietest du mir auch einen Drink an, oder muss ich mich selbst bedienen?“

„Entschuldige meine Unhöflichkeit. Was möchtest du?“

„Weißwein. Der aus deiner Kellerei. Das ist mein Lieblingswein.“

Er schenkte ein Glas für sie ein, doch als er es ihr reichte, fielen ihm die Druckstellen an ihrem Handgelenk auf. Eine tiefe Falte erschien auf seiner Stirn. „Was ist das?“

Sienna ließ den Arm sinken. „Nichts.“

Er stellte das Glas ab. „War ich das?“, fragte er schockiert.

„Ich bekomme schnell blaue Flecken.“

Ihr Magen zog sich zusammen, als er mit dem Daumen sacht über die violetten Abdrücke seiner Finger rieb. „Entschuldige“, sagte er mit einer Stimme, die aus den Tiefen seiner Brust zu kommen schien. „Tut es sehr weh?“

Sie schluckte. Diese sanfte fürsorgliche Seite kannte sie nicht an ihm. Ihr Inneres begann zu schmelzen wie Butter in der Sonne. Das war gefährlich, und doch konnte sie es nicht aufhalten. Wärme breitete sich in ihr aus, floss sanft durch ihre Adern, bis sie meinte, völlig aufzuweichen und voller Verlangen zu seinen Füßen niedersinken zu müssen. Sie schnappte leise nach Luft. „Nein …“

Er hob ihre Hand, strich mit den Lippen über die Haut an ihrem Handgelenk, flüchtig nur, und doch löste er damit eine Flutwelle von Emotionen in ihr aus. „Es wird nicht wieder vorkommen, das versichere ich dir.“ Seine Augen waren dunkler, als sie es je bei ihm gesehen hatte. „Solange du unter meinem Schutz stehst, brauchst du dir keine Gedanken um deine Sicherheit zu machen.“

„Danke für die Zusicherung.“ Ihr Lächeln fiel besonders kess aus, weil sie ihre Verletzlichkeit überspielen wollte. „Aber Angst habe ich vor dir noch nie gehabt.“

„Nein, das hast du wirklich nicht.“ Noch immer musterte er sie mit tiefer Konzentration.

Sienna nahm endlich ihr Weinglas auf. „Ich vermute, wir gehen nicht auf Hochzeitsreise?“

„Falsch. Ich schlage vor, wir fahren in die Provence. Die perfekte Gelegenheit, um den Schein zu wahren und mir gleichzeitig anzusehen, in welchem Zustand Château de Chalvy ist. Vor Jahren hat mein Vater ein Verwalterehepaar eingestellt. Ich will mich ihnen wieder in Erinnerung bringen.“

„Warum fährst du nicht allein? Dazu brauchst du mich doch nicht. Ich würde sicher nur von einem Fettnäpfchen ins nächste treten – mit der falschen Bemerkung oder der falschen Garderobe …“

Er verdrehte entnervt die Augen. „Wir heiraten morgen. Es würde schon sehr seltsam aussehen, wenn wir gleich nach der Trauung getrennte Wege gehen, meinst du nicht auch?“

„Was wird dann aus Scraps? Ich kann ihn nicht allein lassen. Er fängt gerade an, mir zu vertrauen. Vielleicht verhungert er, wenn ich ihn nicht füttere … oder rennt wieder weg.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Und wird erschossen.“

Andreas stieß die Luft durch die Zähne. „Ist dir diese struppige Kreatur wirklich so wichtig?“

„Ja. Ich durfte nie ein Haustier haben, wir haben immer nur in kleinen Wohnungen gelebt. Dabei habe ich mir so sehr einen Hund gewünscht. Hunde urteilen nicht, sie lieben dich einfach nur, ganz gleich, ob du reich bist oder arm. Ihnen ist egal, ob du in einer Villa oder einem Wohnwagen lebst. Ich wollte doch immer nur …“ Entsetzt brach sie ab. Gott, wie peinlich! Was dachte sie sich nur, hier ihre Kindheitssehnsüchte herauszuposaunen!

Sie zuckte leicht mit einer Schulter. „Wenn ich es mir genau überlege, wird Elena ihm sicher ein paar Knochen hinwerfen können. Wenn ich in sechs Monaten gehe, kann ich ihn sowieso nicht mitnehmen. Da sollte ich mich nicht zu sehr an ihn gewöhnen.“

Andreas runzelte die Stirn. „Warum solltest du ihn nicht mitnehmen können?“

„Ich will reisen. Das kann man mit einem Tier nicht. In sechs Monaten werde ich genug Geld haben, um zu fahren, wohin ich will, wann ich will. Keine Verantwortung, außer für mich selbst. Das nenne ich das perfekte Leben.“

„Für mich hört sich das eher flach an. Erwartest du nicht mehr vom Leben als eine nie endende Party?“

„Nein. Ich kann jeden Tag feiern, vor allem, wenn ein anderer bezahlt.“

Ein Muskel zuckte in seiner Wange, sein Blick glitzerte eisig. „Du bist wirklich vollkommen verdorben.“

„Ja, so bin ich eben.“ Sie trank ihr Glas in einem Zug leer und hielt es ihm hin. „Füllst du auf?“

„Schenk dir selbst nach.“ Mit einem angewiderten Schnauben ließ er sie stehen und verließ den salon.

Elena kam am nächsten Morgen früher, um Sienna zu helfen, sich für die Trauung fertigzumachen. Aufgeregt wie eine Glucke flatterte sie um Sienna herum und wurde nicht müde zu betonen, wie wunderschön sie doch aussehe. Das cremefarbene Kleid hatte Sienna mit Andreas’ Kreditkarte gekauft, und ehrlich gesagt … wenn sie an den Preis dachte, wurde ihr noch immer leicht übel.

„Signor Ferrante wird überwältigt sein.“ Die Haushälterin strahlte.

Sienna rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin froh, wenn alles vorbei ist.“ Nervös strich sie sich das Kleid glatt. „In meinem Magen summt ein ganzer Bienenschwarm.“

„Das ist völlig normal für eine Braut“, versicherte Elena aufmunternd.

Sienna fühlte sich aber nicht wie eine Braut, sondern wie eine Betrügerin. Als Mädchen hatte sie immer von einer Märchenhochzeit in Weiß geträumt, mit Blumenmädchen und Kutsche und einem Bräutigam, der ihr verliebt in die Augen blickte. Doch ihre Träume und die Realität hatten sich schon immer schwer in Einklang bringen lassen.

„Franco hat den Wagen vorgefahren“, sagte Elena jetzt. „Es ist so weit.“

Andreas wartete am Fuß der Treppe, als die Erscheinung oben auf dem Absatz auftauchte. Er war nicht sicher gewesen, was genau er zu erwarten hatte – ob Sienna vielleicht in verwaschenen Jeans oder unmöglich kurzem Rock und barfuß auftauchen würde. Auf jeden Fall hatte er nicht mit dieser Vision in hellem Satin gerechnet, so aufsehenerregend elegant, dass es ihm den Atem raubte.

Ihr silberblondes Haar hatte sie zu einem klassischen Chignon gesteckt, sodass ihr schlanker Hals vollendet zur Geltung kam, dezentes Make-up betonte ihre Augen und die feinen Gesichtszüge. Das Einzige, was fehlte, war Schmuck.

Das Schuldgefühl traf ihn wie ein Blitz. Daran hätte er denken müssen! Aber er war davon ausgegangen, sie würde es voll ausnutzen, dass er ihr seine Kreditkarte überlassen hatte.

„Du siehst großartig aus“, begrüßte er sie, als sie bei ihm ankam. „So schön habe ich dich noch nie gesehen.“

„Schon erstaunlich, was ein bisschen Geld bewirken kann, was?“, meinte sie schnippisch. „Du willst gar nicht wissen, was dieses Kleid gekostet hat, von den Schuhen ganz zu schweigen.“

Elena und Franco standen wie die stolzen Eltern der Braut im Hintergrund. Innerhalb einer kurzen Woche hatte Sienna die beiden völlig bezaubert, genau wie diesen struppigen Hund. Sienna besaß eine ganz eigene Art, sie hatte nichts gemein mit den Frauen, die er kannte. Sie war eben eine gute Schauspielerin, überzeugte andere von ihrem angeblich heiteren und liebenswürdigen Wesen, obwohl sie in Wahrheit nichts als ein kalt kalkulierendes Biest war.

„Wir brauchen noch ein paar Minuten“, wandte Andreas sich an Franco. „Ich möchte Sienna etwas geben, bevor wir fahren.“

„Si signor.“

Andreas nahm Sienna bei der Hand und führte sie in sein Arbeitszimmer.

„Hast du mir ein Hochzeitsgeschenk gekauft?“ Erwartungsvolle Vorfreude leuchtete in ihren Augen auf.

„Nein.“ Noch ein Stich von Schuld. Andreas öffnete den Safe und nahm ein Etui heraus, in dem ein Collier mit Perlen und Diamanten und die passenden Ohrringe lagen. „Das ist nur geliehen.“

„Sie sind wunderschön.“ Hingerissen starrte Sienna auf den Schmuck, richtete sich abrupt wieder auf. „Wenn diese Teile auch für deine Ex gedacht waren, verzichte ich dankend.“

Andreas hob das Collier vom Samtbett. „Jede Ferrante-Braut trägt den Schmuck an ihrem Hochzeitstag. Er gehört zum Familienerbe.“

„Na dann … ich will ja nicht die Familientradition brechen, was?“

Andreas legte ihr das Collier um, reichte ihr die Ohrringe. Sienna steckte sie ein.

„Na? Wie sehe ich aus?“, fragte sie.

„Atemberaubend.“

„Gut. Es passiert nicht jeden Tag, dass ein Mädchen wie ich einen Milliardär heiratet, nicht wahr? Ich möchte jede Minute genießen und das Beste für mich herausholen.“

Mit grimmiger Miene hielt er ihr Tür auf. Nicht, wenn ich es verhindern kann.

Hatte Sienna die Hochzeit mit Brian Littlemore immer für eher nüchtern gehalten, so war sie im Vergleich zu der klinisch-kalten Zeremonie mit Andreas regelrecht romantisch gewesen. In der Gelübdeformel kam sogar zweimal das Wort „gehorchen“ vor. Bevor die Trauung zu Ende war, schäumte sie innerlich bereits vor Wut.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“

Eine Aufforderung, die Siennas Temperament freisetzte. „Ich glaube nicht …“

Die Hand mit dem Goldreif am Finger an ihrem Rücken, zog Andreas sie an sich. „Ganz ruhig,“, raunte er ihr warnend zu, „das ist nur für die Kameras.“

„Welche Kame…?“

Ein Blitzlichtgewitter brach los, aber nicht von lauernden Reportern, sondern in Siennas Kopf – sobald sie Andreas’ Lippen auf ihren fühlte. Ihre Welt begann jäh zu trudeln.

So fest und doch so weich. So warm und doch nicht feucht. Er schmeckte nach … sie konnte es nicht sagen. Es war ein Geschmack, den sie nicht kannte, sie wusste nur, dass sie mehr davon wollte.

Viel mehr.

Sie legte die Hände auf seine Brust und fühlte seinen Herzschlag – genauso wild und hart wie ihr eigener. Er fühlte sich so warm und männlich und vital an. So stark und fähig und voller Energie … Seine Zunge strich über ihre Lippen, bat nicht um Einlass, sondern verlangte ihn, und mit einem kaum vernehmlichen Seufzen ergab Sienna sich. Schmiegte sich instinktiv näher an ihn, hörte den heiseren Laut aus seiner Kehle steigen, als er den Kuss vertiefte …

Und sie hörte auch das Räuspern des Standesbeamten. „In fünf Minuten findet die nächste Trauung statt.“

Sienna zog sich aus Andreas’ Umarmung. Ihr Herz raste noch immer, jedes Nervenende in ihr vibrierte, ihre Lippen prickelten. In ihrem Magen flatterte es wild, als sie in seine dunkel gewordenen Augen schaute …

Blitze gingen los, dieses Mal tatsächlich von den Paparazzi.

„Showtime“, knurrte Andreas grimmig, nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich auf die Journalisten und Fotografen zu.

Es dauerte eine gute Stunde, bevor sie der Meute entkommen konnten. Siennas Wangenmuskeln schmerzten von dem künstlichen Lächeln, das sie aufgesetzt hatte, hinter ihren Schläfen pochte es, und ihre Füße brachten sie schier um. Dann saßen sie endlich in der Limousine.

Andreas ließ die Trennscheibe hochfahren. „Das lief erstaunlich gut.“

„Meinst du?“ Als Erstes kickte Sienna die hochhackigen Pumps von den Füßen. „Autsch! Ich habe Blasen.“

„Elena wird ein Festessen für uns vorbereitet haben. Sie ist eine hoffnungslose Romantikerin. Mach das Spiel also mit.“

Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. „Sie erinnert mich an Kate, meine Mitbewohnerin in London. Kate ist fest davon überzeugt, dass du dich in mich verliebst, bevor die ganze Geschichte vorbei ist, und mich anflehst, für immer zu bleiben.“

„Du hast sie doch hoffentlich aufgeklärt?“

„Ja. Sie hat nämlich eines nicht in Betracht gezogen: Ich würde nicht bleiben, und wenn ich dafür bezahlt würde.“

Andreas lachte spöttisch. „Wenn der Preis stimmt, würdest du.“

Sie drehte ihm das Gesicht zu. „Selbst du hast nicht genug Geld, um mich zu kaufen, Playboyprinz. Und nur, damit du es weißt: Ich werde dir nicht ‚gehorchen‘.“

Er lächelte süffisant. „Du hast es gerade versprochen – vor Zeugen.“

„Ist mir egal.“

„Und was sollte das mit dem Kuss?“

Sie setzte sich stocksteif auf. „Das warst du, nicht ich. Ich hätte dir die Hand geschüttelt, mehr nicht.“

Sein Blick blieb an ihren Lippen hängen, und prompt setzte das Prickeln wieder ein. „Der Kuss war gut. Jetzt verstehe ich, woher dein Ruf kommt. Ich hatte mich schon länger gefragt, wie es sich anfühlen würde …“

„Herrgott, wirst du wohl damit aufhören?!“, zischelte sie. „Wir hatten vereinbart, dass wir uns nur an die Bedingungen halten.“

Noch immer starrte er auf ihren Mund. „Wir könnten die Abmachung ein wenig ausweiten, sodass sie unseren Bedürfnissen entspricht. Sechs Monate sind eine lange Zeit, um enthaltsam zu leben.“

„Nicht für mich.“

Die Worte hingen zwischen ihnen in der Luft.

„Was wäre denn eine lange Zeit für dich?“, fragte Andreas schließlich.

Sienna erinnerte sich an ihren Vorsatz. „Wie lange dauert ein Wimpernschlag?“, antwortete sie schnippisch mit einer Gegenfrage.

Er schnaubte abfällig. „Kennst du überhaupt die Namen all der Männer, mit denen du geschlafen hast?“

„Nein, nicht von allen.“ Das stimmte sogar. „Manche Kerle halten eine Vorstellung für unnötig.“

Verächtlich stieß Andreas die Luft aus. „Du bist wirklich nichts als ein schamloses, geldgieriges Flittchen. Hast du nicht den geringsten Selbstrespekt?“

„Davon habe ich sogar sehr viel.“ Sienna hob ihr Kinn. „Ich weiß, du zahlst jede Summe, um das zu bekommen, was du willst. Du willst es so sehr, dass du alles unternehmen wirst, damit ich es dir nicht abnehme.“

Andreas ballte die Faust, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Darauf kannst du Gift nehmen. Sag also hinterher nicht, du wärst nicht gewarnt gewesen.“

5. KAPITEL

Der Wagen hielt vor der Villa, und Andreas wollte nichts anderes, als den größtmöglichen Abstand zwischen sich und Sienna bringen. Um Elenas und Francos willen jedoch blieb ihm keine Wahl – er musste den glücklichen Ehemann spielen. Was hieß, dass er seine Braut über die Schwelle tragen musste. Allein bei dem Gedanken, wie er sie an sich gepresst hielt, begann sein Blut zu brodeln.

Sienna schnappte leise nach Luft, als er sie auf seine Arme schwang. „Was soll das?“

„Es bringt Unglück, wenn man seine Braut nicht ins neue Heim trägt“, und damit trug er sie an der strahlend lächelnden Elena vorbei ins Haus.

Seine Haut brannte, dort wo Sienna den Arm um seinen Hals geschlungen hatte. Ihr Busen presste sich an seine Brust, und ihr Parfüm – ein verführerischer Duft – stieg ihm in die Nase. Sie war leichter als vermutet, ihre Formen passten perfekt an seinen Körper. Andreas versuchte, nicht auf ihren Mund zu sehen, nicht an den Kuss zu denken. Noch immer lag ihr Geschmack auf seiner Zunge, berauschend wie eine Droge. Ein Kuss war nicht genug, würde nie reichen. Hatte er das nicht schon immer gewusst? Deshalb hatte er auch so lange dagegen angekämpft. Das ungestüme Verlangen nach ihr saß tief in ihm, war Teil seines Lebens geworden. Er wusste nicht, ob es ihm je gelingen würde, es auszumerzen.

Er wollte sie! Und er würde sie haben!

In der Halle stellte er sie auf die Füße zurück, ließ sie der Länge nach an sich herabgleiten, den Blick in ihre Augen getaucht. Das Blut rauschte durch seine Adern. Die Kleider boten keine wirkliche Barriere, sie beide hätten genauso gut nackt hier stehen können.

Sienna schnappte nach Luft. „War das nötig?“

„Ja“, behauptete er. „Schließlich sehen Elena und Franco uns zu.“

„Jetzt nicht mehr. Wir können also wieder ganz wir selbst sein und uns gegenseitig die Haut in Streifen vom Körper ziehen.“

Leise lachend presste er sie noch enger an sich. „Warum die Eile, ma petite? Die Nähe fängt an, mir zu gefallen. Dir etwa nicht?“

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