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JULIA EXTRA, BAND 360

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Nach Rom – der Liebe wegen

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Nach Rom – der Liebe wegen

1. KAPITEL

Emilio saß in einem Café nicht weit entfernt von seinem Büro in Rom, als er die Wahrheit herausfand. Der Druck auf seiner Brust raubte ihm die Luft. Er las den Artikel über die Zwillingsschwestern, die bei der Geburt getrennt worden waren. Es war Sensationsjournalismus par excellence: eine anrührende Story, wie die eineiigen Zwillinge sich durch Zufall wiederfanden, nachdem eine Verkäuferin in einem Kaufhaus in Sydney die beiden verwechselt hatte.

Die beiden verwechselt hatte …

Emilio lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete das bunte Treiben der Stadt. Touristen und Berufstätige, Alte und Junge, Paare und Singles, jeder ging seinen Erledigungen nach, ohne etwas von Emilios Schock zu ahnen.

Das war nicht Gisele in dem Sex-Video im Internet gewesen!

Er war so felsenfest überzeugt gewesen, war so unnachgiebig geblieben. Er hatte ihre Unschuldsbeteuerungen nicht hören wollen. Sie hatte ihn angefleht, ihr zu glauben, doch nicht ein Wort von dem, was sie sagte, hatte er wahrhaben wollen.

Er hatte sich völlig verrannt.

Sie hatte geweint. Geschrien. Mit den Fäusten auf ihn eingetrommelt, während ihr Tränen über das Gesicht strömten. Und er hatte sich einfach umgedreht und war gegangen. Hatte den Kontakt zu ihr komplett abgebrochen und sich geschworen, nie wieder etwas mit ihr zu tun zu haben.

Er hatte sich so geirrt.

Der Skandal hätte seine Firma fast in den Ruin getrieben. Etliche Überstunden waren nötig gewesen, unzählige schlaflose Nächte, ständiges Reisen von Projekt zu Projekt, um wieder da anzukommen, wo er heute war. Jetzt waren die Schulden endlich abbezahlt und sein Ehrgeiz, die Millionen einzufahren, kannte keine Grenzen.

Und die ganze Zeit über hatte er Gisele dafür die Schuld gegeben. Sein Hass auf sie war wie eine eiternde Wunde gewesen, die nicht heilen wollte. Jedes Mal, wenn er an sie gedacht hatte, war die Wut in ihm übergeschäumt. An manchen Tagen war ihm der Zorn wie lodernde Flammen durch die Adern gefahren. Ein Fieber, das nicht zu kontrollieren war.

Das plötzliche Schuldbewusstsein sorgte dafür, dass ihm ein wenig schlecht wurde. Er rühmte sich, nie falsch zu urteilen. Er strebte nach Perfektion – auf jedem Gebiet seines Lebens. „Versagen“ gehörte nicht zu seinem Wortschatz.

Bei Gisele hatte er versagt.

Emilio holte sein Handy hervor. Giseles Nummer war noch eingespeichert – als Erinnerung, niemandem mehr zu trauen. Er hatte sich nie für den sentimentalen Typ gehalten, aber als er ihre Daten aufrief, verharrte sein Daumen zitternd über dem Knopf. Irgendwie schien es ihm nicht die richtige Art, sich telefonisch zu entschuldigen. Das sollte er persönlich machen, das war wohl das Mindeste. Er wollte diesen Fehler aus der Welt schaffen, einen Schlussstrich ziehen und sein Leben weiterleben.

Statt Gisele rief er seine Sekretärin an. „Carla, sagen Sie alle Termine für nächste Woche ab und buchen Sie mir den ersten Flug nach Sydney, den Sie bekommen können. Ich habe etwas Dringendes zu erledigen.“

Gisele zeigte der jungen Mutter gerade ein Taufkleidchen, als Emilio Andreoni ihre Baby-Boutique betrat.

Sie hatte sich immer wieder ausgemalt, wie die Situation ablaufen würde, nur für den Fall, dass er sich tatsächlich eines Tages zu einer Entschuldigung durchringen sollte. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie ihn ansehen und nichts fühlen würde, nichts außer dem tief sitzenden Hass auf ihn, weil er ihr nicht vertraut und sie unbarmherzig abgewiesen hatte.

Doch ein Blick auf ihn, wie er dastand – so groß und völlig fehl am Platz –, und sie hatte das Gefühl, der Boden würde sich vor ihr auftun. Emotionen, die sie bisher eisern unter Kontrolle gehalten hatte, stiegen an die Oberfläche. Wie konnte es physische Schmerzen bereiten, jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen? Wieso zog sich alles in ihr zusammen, als sie auf den Blick aus seinen schwarzen Augen traf?

Er war noch immer tief gebräunt. Es war die gleiche gerade römische Nase, die gleichen durchdringenden Augen, das gleiche markante Kinn, das allerdings im Moment aussah, als hätte es in den letzten sechsunddreißig Stunden keinen Rasierer mehr gesehen. Das leicht wellige Haar war etwas länger, als sie es in Erinnerung hatte, und die Augen, umrahmt von verboten dichten Wimpern, waren rot unterlaufen – zweifelsohne von einer durchgemachten Nacht mit irgendeinem seiner Betthäschen.

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment“, sagte sie zu der jungen Mutter und ging zu ihm.

Er stand bei der Auslage mit den Frühchen-Sachen, eine Hand neben einem winzigen Jäckchen mit aufgestickten Rosenblüten. Seine Hand wirkte riesig im Vergleich zu der Weste, und Gisele musste unmittelbar daran denken, dass Lily bei der Geburt selbst dafür zu klein gewesen wäre.

Sie musste sich zusammennehmen. „Kann ich dir helfen?“

„Du weißt, warum ich hier bin, Gisele“, sagte er mit dieser tiefen dunklen Stimme, die sie so sehr vermisst hatte. Sie löste einen Schauer auf ihrer Haut aus wie eine Liebkosung.

Angestrengt kämpfte Gisele um Beherrschung. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, dass er noch immer auf sie wirkte, selbst wenn es nur eine rein körperliche Reaktion war. Sie musste stark sein, würde ihm zeigen, dass sein Mangel an Vertrauen ihr Leben nicht zerstört hatte. Sie war unabhängig und selbstständig, er bedeutete ihr nichts mehr.

„Sicher.“ Ihre Lippen verzogen sich kurz, ohne einem Lächeln auch nur nahezukommen. „Unser ‚Zwei-zum-Preis-von-einem‘-Angebot. Du kannst zwischen Blau, Rosa und Gelb wählen. Die weißen Strampler sind leider schon alle weg.“

Sein Blick lag beharrlich auf ihrem Gesicht, dunkel und hypnotisierend wie früher. „Können wir irgendwo unter vier Augen reden?“

„Wie du siehst, habe ich Kundschaft.“ Sie deutete auf die junge Frau, die jetzt die Regale durchsah.

„Bist du in der Mittagspause frei?“

Gisele fragte sich, ob er in ihrem Gesicht nach Fehlern suchte. War ihm aufgefallen, dass ihr Teint lange nicht mehr so strahlte wie früher? Sah er die dunklen Augenringe, die sich von keinem Make-up abdecken ließen? Er hatte immer großen Wert auf Perfektion gelegt, nicht nur bei seiner Arbeit. Vermutlich entsprach sie heute nicht mehr seinem Standard, selbst wenn ihr Ruf wieder hergestellt war. „Ich besitze ein Geschäft“, erwiderte sie stolz. „Ich nehme mir keine Mittagspause.“

Kritisch sah er sich in der Baby-Boutique um, die sie wenige Wochen nach der Trennung, nur Tage vor dem abgesagten Hochzeitstermin, gekauft hatte. Das kleine Geschäft zu der erfolgreichen exklusiven Boutique aufzubauen war das Einzige, was ihr in den letzten beiden Jahren über den Kummer hinweggeholfen hatte.

Freunde und ihre Mutter hatten immer wieder zu bedenken gegeben, ob es nicht besser wäre, das Geschäft zu verkaufen, nachdem Lily nicht überlebt hatte. Doch für sie war dieser Laden eine Verbindung zu ihrer fragilen kleinen Tochter. Hier, umgeben von handgemachten Babydecken, gehäkelten Mützchen und kleinen Söckchen, fühlte sie sich Lily näher. Niemand wusste, wie schwer es ihr fiel, nicht in die Kinderwagen zu sehen, die durch die Ladentür kamen, und die rosigen kleinen Bündel zu streicheln, die dort sicher und wohlbehütet schliefen. Niemand ahnte, wie oft sie sich in den Nächten an die Decke klammerte, in die Lily für die wenigen Stunden ihres Lebens eingewickelt gewesen war.

Emilios Blick kehrte zu ihr zurück. „Dann treffen wir uns zum Dinner. Der Laden schließt doch um sechs, oder?“

Gisele sah der jungen Mutter nach, die den Laden verließ – vermutlich vertrieben durch Emilios düstere Anwesenheit. „Dinner ist ausgeschlossen. Ich habe andere Pläne.“

„Bist du mit jemandem zusammen?“

Glaubte er wirklich, nach dem, was er ihr angetan hatte, würde sie sich gleich in die nächste Beziehung stürzen? Manchmal fragte sie sich, ob sie sich überhaupt je wieder auf einen Mann einlassen würde.

Langsam bekam sie das Gefühl, dass er nicht nur gekommen war, um sich zu entschuldigen. Die Atmosphäre schien mit jedem Atemzug dichter zu werden. Verdammt, sie konnte sogar fühlen, wie ihr Körper auf seine Präsenz reagierte, genau wie damals. Alle ihre Sinne waren in Alarmbereitschaft, Erinnerungen stürzten auf sie ein – wie er ihr alles über die körperlichen Freuden beigebracht hatte. Wie er ihr gezeigt hatte, wie viel sie geben und nehmen konnte.

Sie hob das Kinn. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“

Ein Muskel zuckte in seiner Wange. „Ich weiß, wie schwer es für dich ist, Gisele. Für mich auch.“

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Du meinst, du hättest nie damit gerechnet, dass du dich mal entschuldigen müsstest?“

Seine Miene verschloss sich sofort. „Ich bin nicht stolz darauf, wie ich die Sache beendet habe. Aber an meiner Stelle hättest du genauso reagiert.“

„Falsch. Ich hätte nach einer anderen Erklärung gesucht, als das Video im Internet auftauchte.“

„Herrgott, Gisele, meinst du, das hätte ich nicht getan? Du sagtest, du seist ein Einzelkind. Selbst du wusstest nicht, dass du eine Zwillingsschwester hast. Ich habe mir das Video angesehen und sah dich, das gleiche silberblonde Haar, die gleichen blaugrauen Augen, sogar die gleiche Gestik. Was hätte ich denn glauben sollen?“

„Du hättest mir glauben sollen“, gab sie schneidend zurück. „Aber du hast mich nicht genug geliebt, um mir zu vertrauen. Du hast mich überhaupt nicht geliebt, du brauchtest nur die perfekte Vorzeigefrau. Und die gab es durch dieses erbärmliche Video nicht mehr. Es hätte keinen Unterschied gemacht, selbst wenn die Wahrheit nach zwei Minuten ans Licht gekommen wäre statt nach zwei Jahren. Für dich hatte dein Geschäft immer Vorrang.“

„Ich habe alle geschäftlichen Termine verschoben, um herzukommen und dich persönlich zu sehen“, warf er ein, die Stirn unwillig gerunzelt.

„Nun, du hast mich gesehen. Du kannst also wieder in deine Privatmaschine steigen und zurückfliegen.“ Mit einem hochmütigen Blick drehte sie sich auf dem Absatz um.

„Verdammt, Gisele.“ Er packte sie beim Handgelenk und zog sie mit einem Ruck wieder zu sich herum.

Der Griff seiner Finger brannte sich in ihre Haut. Ihr Magen zog sich zusammen, als ihr Blick auf seinen stieß. Sie wollte sich nicht in diesen dunkel glitzernden Augen verlieren. Ein Mal reichte. Es war ihr Untergang gewesen, sich in einen Mann zu verlieben, der weder lieben noch vertrauen konnte.

Und sie wollte nicht so nah bei ihm sein. Sein Duft stieg ihr in die Nase, eine Mischung seines ganz persönlichen männlichen Duftes und eines frisch-herben Aftershaves. Es juckte sie in den Fingern, über seine Bartstoppeln zu fahren und das sexy Kratzen an den Fingerspitzen zu spüren. Ihr Blick kam auf seinem wunderschön geschwungenen Mund zu liegen – dem Mund, der ihre Sinne beim ersten Kuss in völliges Chaos gestürzt hatte. Noch heute wusste sie, wie es sich anfühlte, wenn diese festen Lippen sich fordernd auf ihre pressten …

Sie riss sich aus ihren Träumen. Derselbe Mund hatte sie aufs Gemeinste beschimpft. Seine unverzeihlichen Worte hallten ihr noch immer in den Ohren. Von einem Tag auf den anderen waren ihr Leben und ihre glückliche Zukunft ohne jede Vorwarnung zerstört worden. Sie war plötzlich ganz allein gewesen, von einem Schmerz erfüllt, der es ihr kaum möglich machte, sich durch die einsamen Tage zu quälen.

Nach ihrer Rückkehr nach Sydney fand sie heraus, dass sie schwanger war. Es war ein Hoffnungsfunke in der Dunkelheit, in der sie lebte – der jedoch wenige Wochen später bei der zweiten Ultraschalluntersuchung erstickt wurde. Manchmal fragte sie sich, ob das die Strafe war, weil sie Emilio nichts von der Schwangerschaft gesagt hatte. Nach dem Bruch hatte er sich jede Kontaktaufnahme verbeten, allerdings war sie auch zu unglücklich und verletzt gewesen, um es überhaupt zu versuchen.

Und zu wütend.

Sie hatte ihn bestrafen wollen, weil er ihr nicht glaubte. Sie wollte ihn noch immer bestrafen. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, waren ihre Wut und ihre Verachtung für ihn. Diese Gefühle würden sich nie legen.

„Glaubst du wirklich, du kannst hier mit einer halbherzigen Entschuldigung unangemeldet reinrauschen, und alles ist wieder in Ordnung? Ich werde dir niemals vergeben. Hörst du? Niemals!“

Ein grimmiger Zug legte sich um seinen Mund. „Das erwarte ich auch nicht. Allerdings erwarte ich, dass du dich wie eine Erwachsene verhältst und mich ausreden lässt.“

„Sobald du aufhörst, mich wie ein ungehorsames Kind zu behandeln und meinen Arm loslässt!“

Sein Griff ließ nach, doch er gab sie nicht frei. Gisele spürte, wie ihr Herz zu pochen begann, als er mit dem Daumen über ihr Handgelenk strich. Ob er ihren rasenden Puls fühlen konnte? Nervös leckte sie sich über die Lippen, zog seinen Blick damit unwillkürlich zu ihrem Mund. Sie sah, wie seine Pupillen größer wurden – eine viel zu vertraute Reaktion, die prompt einen zweiten Puls tief in ihrem Unterleib in Gang setzte. Jeder erotische Moment, den sie beide miteinander geteilt hatten, blitzte vor ihren Augen auf, verspottete jeglichen Versuch, nicht auf seine Nähe zu reagieren. Wie groß war die Aussicht, sich immun zu geben, wenn ein Blick ausreichte, um ihr Blut schneller und heißer durch ihre Adern strömen zu lassen?

„Geh heute Abend mit mir essen“, sagte er jetzt.

„Ich erwähnte bereits, dass ich andere Pläne habe.“

Emilio hob ihr Kinn an und musterte sie durchdringend. „Du lügst.“

„Zu schade, dass du nicht schon vor zwei Jahren diese detektivischen Fähigkeiten besessen hast“, zischelte sie und riss Kinn und Hand zurück.

„Ich hole dich um sieben ab“, meinte er nur. „Wo wohnst du?“

Panik durchzuckte sie. Sie wollte ihn nicht in ihrer Wohnung haben, die war ihr Zufluchtsort, der einzige Ort, an dem sie ihre Trauer ausleben konnte. Und wie sollte sie ihm die vielen Fotos von Lily erklären? Es war besser, wenn er nichts von dem Baby erfuhr, so kurz Lilys Leben auch gewesen sein mochte. Gisele fühlte sich nicht in der Lage, ihm davon zu erzählen. Würde sich nie in der Lage dazu fühlen. Sie könnte es nicht ertragen, auch von ihm zu hören, dass sie einen Abbruch hätte vornehmen lassen sollen, wie es ihr geraten worden war. Emilio hätte kein Kind gewollt, das nicht perfekt war, es hätte nicht in sein wohlgeordnetes Leben gepasst.

„Du verstehst es einfach nicht, Emilio. Ich will nichts mit dir zu tun haben. Nicht heute, nicht morgen. Nie. Du hast dich entschuldigt … fein. Und jetzt geh bitte, bevor ich den Sicherheitsdienst rufe.“

Ein spöttischer Ausdruck legte sich auf seine Miene. „Welcher Sicherheitsdienst? Jeder kann hier reinmarschieren und die Ladenkasse ausräumen, ohne dass du ihn aufhalten könntest. Du hast nicht einmal Überwachungskameras installiert.“

Gisele presste die Lippen zusammen. Offensichtlich sah er ihre mangelnde Vorsicht als Charakterfehler an. Ihre Mutter – ihre Adoptivmutter, sollte sie wohl besser sagen – hatte gerade vor ein paar Tagen eine ähnliche Bemerkung fallen lassen: Sie sei viel zu vertrauensselig mit den Kunden. Und ja, Gisele war generell kein misstrauischer Mensch. War das nicht auch genau der Grund, weshalb ihr Leben diese Wendung genommen hatte? Naiverweise hatte sie Emilio völlig vertraut, nur war der Schuss mit voller Wucht nach hinten losgegangen.

Emilio musterte sie noch immer durchdringend. „Stimmt etwas nicht mit dir? Warst du krank? Du siehst blass aus, und du hast auch abgenommen.“

Den ersten Schock hatte sie schnell unter Kontrolle, ihre Miene wurde hart. „Entspreche ich nicht mehr deinem Schönheitsideal? Da bist du ja noch einmal glimpflich davongekommen, was? Wie dein Ruf leiden würde, wenn du eine solche Vogelscheuche zur Frau hättest, nicht wahr?“

Eine tiefe Falte erschien auf seiner Stirn. „Ich habe lediglich eine Bemerkung über deine Blässe gemacht. Du bist noch immer die schönste Frau, die ich kenne.“

Schon erstaunlich, wie leicht der Zynismus Gisele heute fiel. Früher wäre sie bei einem solchen Kompliment tiefrot angelaufen. Jetzt fühlte sie nur Wut aufschäumen, weil er sich mit seinem Charme bei ihr einschmeicheln wollte, damit sie ihm vergab. Doch er verschwendete Zeit, seine und ihre.

Sie stellte sich hinter die Ladentheke. „Spar dir deine banalen Komplimente für jemanden auf, bei dem sie wirken. Andere Frauen bekommst du damit bestimmt ins Bett. Aber bei mir zieht das nicht.“

„Glaubst du, ich wäre deshalb hier?“

Gisele fühlte sich von seinem undurchdringlichen Blick verschlungen. Die Luft schien sich mit einer erotischen Energie aufgeladen zu haben, über die sie keine Kontrolle hatte. Ihr Puls pochte viel zu schnell und zu hart, sie hielt den Atem an, als sein Blick zu ihrem Mund wanderte.

Es kam einer Liebkosung gleich. Ihre Lippen begannen zu prickeln, als hätte er tatsächlich seinen Mund auf ihren gepresst …

Der Zynismus, ihr bester Freund, kam gerade noch rechtzeitig zu ihrer Rettung. „Ich glaube, du bist hier, um dein Gewissen zu beruhigen. Also keineswegs meinetwegen, sondern um deiner selbst willen.“

Aus seiner Miene ließ sich nicht im Geringsten ablesen, was hinter seiner Stirn vorgehen mochte. Nur ein Mundwinkel zuckte unmerklich.

„Ich bin um unser beider willen hier“, sagte er schließlich. „Ich möchte die Sache bereinigen. Damit wir beide mit unserem Leben weitermachen können.“

Hochmütig hob Gisele das Kinn. „Ich habe längst weitergemacht“, behauptete sie.

Sekundenlang schaute er sie herausfordernd an, dann: „Hast du das wirklich, cara?“

Lag es an dem unerwartet sanften Ton oder an dem Kosewort, dass ihr plötzlich die Kehle eng wurde? Entschlossen blinzelte sie die aufsteigenden Tränen fort. Ein-, zwei-, dreimal, dann war sie sicher, sich unter Kontrolle zu haben. „Ja, wirklich“, erwiderte sie kalt. „Oder möchtest du hören, dass ich mich vor Sehnsucht nach dir verzehre?“

„Nein, das wäre eine Strafe, die ich mir nicht antun will.“ Er verzog den Mund. „Das würde die Schuld, die ich fühle, nur verschlimmern.“

Gisele taxierte ihn, wie er dastand, groß und selbstsicher, ganz Herr über sich und die Situation. Sollte er sich wirklich schuldig fühlen? Oder war er nur verärgert, weil er sich geirrt hatte? Er war ein stolzer Mann, stolz und unnachgiebig.

„Du kannst beruhigt schlafen, Emilio“, behauptete sie. „So wie du mich behandelt hast, habe ich dich aus meinem Kopf und meinem Leben verbannt, sobald ich aus dem Flugzeug gestiegen bin. Ich denke kaum noch an dich.“

Er hielt ihren Blick länger gefangen, als es ihr lieb war. Dann reichte er ihr eine Visitenkarte. „Ich bleibe die ganze Woche in der Stadt. Solltest du deine Meinung ändern, ruf mich an.“

Erst als er den Laden verlassen hatte, atmete Gisele wieder aus. Sie sah auf die Karte in ihrer Hand. Sie hatte sie völlig zerknüllt und sich einen feinen Papierschnitt in der Handfläche zugezogen.

Eine passende Ermahnung, dass sie nur verletzt werden würde, sollte sie Emilio Andreoni noch einmal zu nah an sich heranlassen.

2. KAPITEL

Zwei Tage später kam Giseles Vermieter in den Laden. Im ersten Moment dachte Gisele erschreckt, sie hätte vielleicht vergessen, die Miete zu bezahlen. Doch nein, auf ihrem Konto war der Abgang schon vor einer Woche verbucht worden.

„Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, Miss Carter“, kam Keith Patterson nach der höflichen Begrüßung sofort zum Punkt, „aber ich habe mich entschieden, das Gebäude an einen Projektentwickler zu verkaufen. Ich habe ein Angebot bekommen, das zu gut ist, um es abzulehnen. Die globale Wirtschaftskrise ist auch an mir nicht spurlos vorübergegangen, und meine Frau und ich müssen unsere Altersvorsorge refinanzieren. Das Angebot hätte zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können.“

Gisele blinzelte alarmiert. Das Geschäft lief recht gut, finanzielle Sorgen hatte sie nicht, aber ein Laden in einer anderen Gegend würde mit Sicherheit eine höhere Miete bedeuten. Sie wollte sich nicht übernehmen, vor allem da sie erst kürzlich eine Mitarbeiterin eingestellt hatte. Viele Kleinbetriebe gingen zugrunde, weil sie sich zu viele Fixkosten aufhalsten und dann nicht genug Einkommen verbuchen konnten. Sie wollte nicht als weitere Zahl in dieser Statistik enden.

„Heißt das, ich muss ausziehen?“

„Das hängt vom neuen Besitzer ab“, antwortete Keith. „Er wird eine Genehmigung einholen müssen, bevor er irgendwelche Veränderungen vornehmen kann. Das wird wohl ein paar Wochen, vielleicht sogar Monate dauern. Er hat mir seine Karte für Sie dagelassen, damit Sie den Mietvertrag mit ihm besprechen können.“ Er schob ihr eine Visitenkarte über den Ladentresen zu.

Gisele blieb das Herz stehen. „Emilio Andreoni hat das Gebäude gekauft?“

„Sie haben von ihm gehört?“

Sie spürte Hitze in ihre Wangen steigen. „Ja, ich kenne den Namen. Aber er ist Architekt, kein Projektentwickler.“

„Vielleicht weitet er ja sein Arbeitsfeld aus“, vermutete Keith. „Soviel ich weiß, hat er mehrere Designpreise gewonnen. Er schien sich sehr für das Gebäude zu interessieren.“

„Hat er auch einen Grund für sein Interesse genannt?“ In Gisele begann es zu brodeln.

„Er meinte, es hätte sentimentalen Wert für ihn. Vielleicht gehörte es irgendwann mal einem Verwandten von ihm. In den Fünfzigerjahren führte eine italienische Familie hier einen Gemüseladen. Ich kann mich aber nicht mehr an den Namen erinnern.“

Gisele mahlte mit den Zähnen. Von wegen sentimentaler Wert! Sie wusste, dass Emilio keine lebenden Verwandten hatte, zumindest niemanden, mit dem er Kontakt pflegte. Eigentlich hatte er ihr nur wenig von seinem familiären Hintergrund erzählt. Sie hatte sich oft gefragt, ob das vielleicht ein Grund gewesen sein mochte, weshalb er sie hatte heiraten wollen – weil ihr blaublütiger Stammbaum ihn gereizt hatte. Ironie des Schicksals, dass sie und ihre Zwillingsschwester das Resultat einer Affäre zwischen ihrem Vater und der Haushälterin waren, während er und seine Frau in London gelebt hatten.

Nachdem Keith Patterson gegangen war, starrte Gisele lange auf die Visitenkarte, die auf dem Tresen lag. Sie trommelte mit den Fingern auf die Theke und überlegte, was sie nun tun sollte. Sie konnte die Karte zerreißen, wie sie es mit der ersten getan hatte. Doch dann würde Emilio mit Sicherheit zu ihr kommen. Nein, dieses Mal würde sie sich nicht wieder überrumpeln lassen. Also nahm sie das Telefon und wählte seine Mobilnummer.

„Emilio Andreoni.“

„Mistkerl!“, entfuhr es ihr, bevor sie sich zurückhalten konnte. Sie hörte das Knarzen von Leder und konnte sich das Bild genau vorstellen, wie er dort saß: die Füße auf den Tisch gelegt, den Kopf zurückgelehnt, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht.

„Hallo, Gisele. Nett, dass du anrufst. Hast du es dir mit unserem Treffen doch noch überlegt?“

Sie umklammerte das Telefon so fest, dass es eigentlich durchbrechen müsste. „Ich fasse nicht, wie skrupellos du bist, nur um deinen Kopf durchzusetzen“, zischelte sie. „Meinst du, du machst dich bei mir beliebter, wenn du demnächst eine horrende Miete von mir verlangst?“

„Du gehst also davon aus, dass ich Miete von dir haben will? Vielleicht spiele ich ja mit dem Gedanken, dir die Räumlichkeiten unentgeltlich zu überlassen. Ich möchte dir ein Geschäft anbieten. Lass uns ein Treffen vereinbaren, dann reden wir darüber.“

Gisele lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Lieber verdiene ich mein Geld auf dem nächsten Straßenstrich, als mit dir Geschäfte zu machen“, konterte sie.

„Ein Angebot sollte man sich immer erst anhören, bevor man es ablehnt. Es könnten sich überraschende Vorteile ergeben.“

„Die Vorteile kann ich mir vorstellen“, meinte sie verächtlich. „Mietfreie Räumlichkeiten im Tausch gegen meinen Körper und meinen Selbstrespekt. Nein danke.“

„Du solltest es dir wirklich überlegen, Gisele. Du willst doch sicherlich nicht alles aufs Spiel setzen, wofür du so hart gearbeitet hast, oder?“

„Ich habe schon einmal alles verloren und trotzdem überlebt.“ Sie wusste, dass ihre Herausforderung angekommen war, als sie ihn scharf die Luft einziehen hörte.

„Bring mich nicht dazu, mit harten Bandagen zu kämpfen, Gisele“, warnte er grimmig.

Sie wusste, wie skrupellos er sein konnte. Er kannte Mittel und Wege, ihr das Leben schwer zu machen, noch schwerer als damals, als er sie wenige Wochen vor der Hochzeit einfach hinausgeworfen hatte. Noch heute konnte sie nicht einmal ein Brautkleid im Schaufenster ansehen, ohne sofort wieder diese schreckliche Verzweiflung zu durchleben. Aber das hieß nicht, dass sie nach seiner Pfeife tanzen musste.

„Weder brauche noch will ich deine Hilfe. Da gehe ich doch lieber betteln, bevor ich etwas von dir annehme.“

„Vor Kurzem habe ich ein Projekt für eine große Kaufhauskette fertiggestellt. Mit einem einzigen Mausklick könnte ich deinen Laden von dem kleinen lokalen Unternehmen zu einer überall bekannten Marke machen.“

Gisele dachte an ihre Pläne für die nächsten Jahre. Wie sie sich vorgenommen hatte, ihre Waren auch in anderen Boutiquen anzubieten und schließlich die großen Kaufhäuser zu beliefern. Bisher konnte sie weder eine solide Finanzierung noch die richtigen Kontakte vorweisen.

Sie kämpfte mit sich. Sie wollte Nein sagen und einfach auflegen. Wenn sie das tat, ließ sie sich jedoch eine Chance entgehen, von der die meisten Leute nur träumten. Tat sie es nicht, würde sie Kontakt mit Emilio haben müssen.

Kontakt, den sie nicht haben wollte.

Vielleicht sogar intimen Kontakt …

„Denk darüber nach, Gisele. Du kannst nur gewinnen, wenn du mir erlaubst, wieder für eine Weile an deinem Leben teilzuhaben.“

„Für eine Weile an meinem Leben teilhaben?“, hakte sie misstrauisch nach.

„Ich möchte, dass du für einen Monat mit mir nach Italien kommst“, sagte er, „um herauszufinden, ob sich die Dinge zwischen uns richten lassen. Für die Zeit, die wir zusammen verbringen, werde ich dich natürlich entschädigen.“

„Ich verbringe nicht eine einzige Minute mit dir.“ Ihre Entschiedenheit erhielt neuen Auftrieb. „Ich lege jetzt auf. Ruf mich nicht wieder an.“

„Es wäre auch die perfekte Gelegenheit, dich mit meinen Kontakten bekannt zu machen“, fuhr er fort, als hätte sie nichts gesagt. „Wie hört sich eine Million Dollar als Entgelt für einen Monat an?“

Eine Million?!

Konnte sie das? Würde sie einen Monat mit Emilio überstehen? Früher hatte sie aus Liebe das Bett mit ihm geteilt. Ob sie sich heute aus Hass in sein Bett legen konnte?

Wer sagte denn, dass er sie in seinem Bett haben wollte?

Natürlich wollte er das! Sie hatte doch das Glühen in seinen dunklen Augen gesehen, als er in den Laden gekommen war. Und jetzt hörte sie die vertraute Heiserkeit in seiner Stimme, die ihr noch immer ein Prickeln über den Rücken jagte. „Ich … ich muss darüber nachdenken“, sagte sie.

„Was gibt es da nachzudenken? Für dich kommen dabei nur Vorteile heraus. Wenn wir nach einem Monat feststellen, dass es keinen Sinn hat, nimmst du das Geld und gehst.“

Sie kaute an ihrer Lippe. „Und du willst mich in deinem Leben haben, obwohl du genau weißt, wie sehr ich dich verabscheue?“

„Ich verstehe, warum du besorgt bist. Aber ich will sicher sein können, dass wir beide nicht den größten Fehler unseres Lebens machen, wenn wir die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft von vornherein ausschließen.“

Gisele runzelte die Stirn. „Warum tust du das? Warum belassen wir nicht alles, wie es ist?“

„Sobald ich dich sah, wusste ich, dass da noch etwas zwischen uns ist. Ich fühlte es, und ich weiß, dass es dir genauso ging. Du magst mich vielleicht verabscheuen, aber dein Körper hat auf mich reagiert. Du willst mich noch immer, so wie ich dich noch immer will.“

Sie hasste es, dass er ihren Körper so gut kannte. Bestand überhaupt Hoffnung, dass sie aus dieser Abmachung herauskam, ohne ihren Stolz komplett zu zerstören? „Ich brauche ein paar Tage Zeit zum Nachdenken. Und sollte ich mich darauf einlassen, dann nur für zwei Millionen.“

„Jetzt ist mir klar, weshalb du solchen Erfolg mit deinem Geschäft hast“, sinnierte er. „Zwei Millionen sind viel Geld.“

„In mir lebt auch viel Hass.“

„Ich freue mich schon darauf, ihn abzubauen.“

Gisele unterdrückte das unangebrachte Verlangen, das in ihr aufschießen wollte. „Keine Chance, Emilio. Für meinen Körper kannst du bezahlen, so viel du willst. Mein Herz wirst du nie wieder bekommen.“

„Dein Körper reicht mir für den Moment“, erwiderte er mit rauer Sinnlichkeit. „Freitagabend schicke ich dir einen Wagen. Sollte deine Antwort positiv ausfallen, halte einen gepackten Koffer und deinen Pass bereit.“ Damit unterbrach er die Verbindung.

Als Emilios Fahrer am Freitagabend vor dem Mietsgebäude vorfuhr, sagte Gisele sich, dass sie dieser Abmachung nur aus einem einzigen Grund zugestimmt hatte: Einen Monat lang würde sie Emilio das Leben zur Hölle machen und jede Minute auskosten. Sie war nicht mehr die süße unschuldige Jungfrau von damals, die er im Sturm erobert hatte. Sie war älter geworden … härter, klüger und zynischer. Und sie war gefährlich wütend.

Hinzu kam, dass ein Monat in Europa ihr die Gelegenheit bot, die Schwester, von deren Existenz sie vor zwei Wochen zum ersten Mal gehört hatte, vielleicht wiederzusehen. Sienna lebte in London, und Rom lag erheblich näher an London als Sydney.

Gisele hatte die Wahrheit noch keineswegs verarbeitet. Es ging nicht nur um die Verwechslung auf dem Internetvideo, auch wenn die genügend Leid heraufbeschworen hatte. Ihr ganzes Leben hatte sie eine Lüge gelebt, sie wusste nicht mehr, wer sie war. So, als hätte es Gisele Carter, einziges Kind von Richard und Hilary Carter, nie gegeben.

Sie war nicht die Tochter der Frau, die sie für ihre Mutter gehalten hatte, aber sie war auch nicht die Tochter ihrer leiblichen Mutter. Wie hatte Nell Baker entschieden, welches Baby sie behalten und welches sie abgeben wollte? Hatte sie es für Geld getan?

Das schlechte Gewissen meldete sich in Gisele, als sie daran dachte, welche Zusage sie Emilio für sein Geld gegeben hatte. Er glaubte, mit einer bestimmten Summe könnte er sie in sein Bett holen. Na, der würde sich wundern!

Mit einem grimmigen Lächeln schloss sie den Koffer. Wenn der Monat vorüber war, wäre Emilio froh und glücklich, sie gehen zu sehen und nie wieder mit ihr zu tun zu haben.

Dafür würde sie sorgen!

Emilio wartete in der Hotelbar auf Gisele. Sobald sie im Eingang erschien, fühlte er sich, als hätte ihm jemand mit der Faust in den Magen geschlagen. Er kannte Hunderte von schönen Frauen, aber keine wirkte derart auf ihn, einfach, indem sie einen Raum betrat.

Das schlichte helle Kleid mit Gürtel wirkte sehr elegant an ihr und betonte, wie schlank sie war. Vermutlich könnte er ihre Taille mit seinen Händen umfassen. Das silberblonde Haar hatte sie zu einem Knoten im Nacken gesteckt, was ihren feinen Schwanenhals betonte. Dezentes Make-up akzentuierte ihre blaugrauen Augen und die vollen Lippen. Sofort drängte es Emilio, zu kosten, ob ihre Lippen noch immer den gleichen Geschmack hatten wie früher. Er konnte ihr Parfum riechen – der Duft von Geißblatt, der so typisch für sie war. Ein Duft, der ihm gefehlt hatte.

Er erhob sich, um sie zu begrüßen, und obwohl sie schwarze Stilettos trug, überragte er sie um Haupteslänge. „Hast du deinen Pass mitgebracht?“

Unter langen Wimpern hervor schaute sie ihn an. „Fast hätte ich es nicht getan, aber dann fielen mir zwei Millionen Gründe ein, die mich zur Vernunft gebracht haben.“

Er erlaubte sich ein Lächeln. Sie war hier unter Zwang, aber sie war hier, das allein zählte. Eine Hand an ihrem Ellbogen, führte er sie zu einer ruhigen Nische. Ihre Haut fühlte sich wie Seide an. „Was möchtest du trinken? Champagner?“

„Zum Feiern besteht kein Grund. Weißwein reicht völlig“, lautete ihre Antwort.

Emilio gab die Bestellung auf, und als die Drinks serviert wurden, lehnte er sich in den Sessel zurück, um Gisele ausgiebig zu studieren. Ja, er verdiente ihre eiskalte Verachtung. Er hatte sie aus seinem Leben hinausgeworfen, ohne auch nur eine Sekunde an ihre Gefühle zu denken. Er war felsenfest überzeugt gewesen, dass sie ihn mit einem anderen betrogen hatte. Heiße Rage hatte ihn für alles blind und taub gemacht … bis er die Meldung über die Zwillingsschwestern gelesen hatte und ihm all die Gründe wieder eingefallen waren, weshalb er Gisele hatte heiraten wollen. Nicht nur wegen ihrer Schönheit und ihrer sanften Stimme. Oder der Art, wie sie an ihrer Unterlippe knabberte, wenn sie unsicher war oder sich eine Haarsträhne um den Finger wickelte, wenn sie sich konzentrierte. Nein, es war dieser Ausdruck in den unglaublichen blaugrauen Augen gewesen, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, etwas so Warmes und Sehnsüchtiges. Welcher Mann würde sich nicht wünschen, von einer Frau so angesehen zu werden?

Seiner Meinung nach war Gisele die perfekte Ehefrau gewesen, süß und liebreizend, nachgiebig und formbar. Unwichtig, dass er nicht in sie verliebt war. Liebe war ein unzuverlässiges Gefühl. Seiner Erfahrung nach nutzten viele das Wort zu leichtfertig, ohne Taten folgen zu lassen. Das Internetvideo hatte seine Überzeugung noch gefestigt: Es war unsinnig, jemanden zu lieben, letztendlich wurde man doch nur betrogen. Nun aber verstand er, dass er es gewesen war, der sie im Stich gelassen hatte. Sein mangelndes Vertrauen hatte ihre Liebe zerstört. Aber er war entschlossen, sie zurückzugewinnen. Er hatte einen Fehler gemacht, und den würde er nicht wie einen schwarzen Flecken auf seiner Seele sitzen lassen. Er würde alles tun, was nötig war, um ihn wiedergutzumachen.

Sie wollte ihn noch immer, das hatte er sofort gemerkt, als er ihren Laden betrat. Die Reaktion ihres Körpers hatte sie verraten. Allerdings verwunderte es ihn, wie heftig sein Körper auf ihren Anblick reagiert hatte. Er hatte geglaubt, sein Verlangen nach ihr sei längst gestorben … nun war es mit Wucht zu neuem Leben erwacht. Er würde ihr beweisen, dass sie eine gemeinsame Zukunft hatten! Im Moment spielte sie die Unnahbare, aber er war sicher, sobald er sie küsste, würde sie dahinschmelzen. So wie früher.

Etwas anderes würde er nicht zulassen.

„Unser Flug geht morgen früh um zehn“, sagte er.

Gisele riss die Augenbrauen hoch. „Warst du dir so sicher, dass ich mitkommen würde?“

Er hielt ihrem Blick stand. „Sagen wir, ich kenne dich gut genug, um es anzunehmen.“

„Du kennst mich nicht, Emilio. Nicht mehr.“

„Wir alle verändern uns mit der Zeit, aber unser Wesen bleibt gleich.“

Sie zuckte nur mit einer Schulter. „Vielleicht denkst du in einem Monat anders darüber.“

„Ist deine Schwester noch in Sydney?“, fragte Emilio.

„Nein, sie ist vor zehn Tagen nach London zurückgeflogen.“ Sie nippte an ihrem Wein. „Der Presserummel wurde ihr zu viel. Ehrlich gesagt, mir war es auch unheimlich.“ Sie trank noch einen Schluck, so, als hätte sie schon zu viel gesagt.

„Es muss schwer für euch beide gewesen sein.“

Ihr Blick war eiskalt, als sie ihn jetzt wieder ansah. „Ich möchte lieber nicht darüber reden. Ich versuche es noch immer zu begreifen. Sienna auch.“

„Vielleicht kannst du sie ja für ein paar Tage in die Villa einladen. Ich würde sie gern kennenlernen.“

Wieder ein Schulterzucken. „Ja, vielleicht.“

„Erzähl mir von deinem Laden“, wechselte er geschickt das Thema. „Wie bist du dazu gekommen, das Geschäft zu kaufen? Das ist ein ziemlich großer Schritt für eine junge Frau von fünfundzwanzig. Haben deine Eltern dir geholfen?“

Gisele starrte in ihr Glas. „Ich war dreiundzwanzig, als ich … als ich wieder zurückkam. Ich wollte mir eine eigene Existenz aufbauen. Und ja, meine Eltern halfen anfangs, doch dann erkrankte mein Vater. Er hatte Schulden gemacht … schlechte Geschäftsentscheidungen, Börsenspekulationen, die nicht so profitabel ausgingen wie erhofft … Das fanden wir aber erst nach seinem Tod heraus. Ich musste meiner Mutter … ich meine Hilary … unter die Arme greifen.“

Emilio stellte seinen Drink ab. „Ich hörte, dass er unheilbar krank war. Ich hätte zumindest eine Beileidskarte schicken sollen, tut mir leid. Es muss eine schwierige Zeit für deine Mutter und dich gewesen sein.“

Ihre Finger umklammerten das Glas so fest, es war ein Wunder, dass es nicht zerbrach. „Fast neun Monate ist er einen qualvollen Tod gestorben, und in der ganzen Zeit hat er nicht ein Wort über meine Zwillingsschwester gesagt.“ Wut stand in ihren Augen, als sie den Blick hob. „Meine Eltern wussten beide, weshalb meine Beziehung mit dir in die Brüche gegangen ist, aber keiner hielt es für nötig, einen Ton zu sagen. Das kann ich ihnen nicht vergeben.“

Behutsam nahm er ihr das Glas aus der Hand. „Dein Ärger ist verständlich, aber mein mangelndes Vertrauen ist der Grund für den Bruch unserer Beziehung“, widersprach er. „Wenn jemand Schuld trägt, dann ich.“

Gisele sah ihm direkt in die Augen. „Weißt du, welche Frage mich am meisten beschäftigt? Wie haben sie gewählt?“

„Du meinst, wer welchen Zwilling bekommt?“

Zischend stieß sie die Luft durch die Zähne. „Es geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Wie konnte meine leibliche Mutter mich aufgeben? Wie konnte mein Vater das von ihr verlangen? Und wie konnte Hilary das Kind einer anderen annehmen? Hat sie denn überhaupt keine Selbstachtung?“

Emilio nahm Giseles Hände. „Hast du sie gefragt?“

„Natürlich habe ich sie gefragt.“ Ihre Augen blitzten auf. „Sie hat ihn glücklich machen wollen. Dafür hat sie immer alles getan, nur hat es nie funktioniert.“

„Du hast nie etwas davon erwähnt, dass deine Eltern nicht glücklich miteinander waren.“

Gisele sah auf ihre verschlungenen Finger hinunter. Dann zog sie hastig ihre Hände zurück. Mit steifem Rücken setzte sie sich auf. „Man gibt eben nicht gern zu, wenn man sich vorkommt, als wäre man nicht gut genug für die Eltern, ganz gleich was man auch anfängt. Meine Mutter hat nie mit mir geschmust oder gespielt, das überließ sie der Kinderfrau. Jetzt verstehe ich, warum. Ich war ja nicht ihr Kind.“ Sie sog scharf die Luft ein. „Mein Vater war nicht anders. Ich glaube, er hatte sich einen Sohn gewünscht, den meine Mutter ihm nicht geben konnte. Und von seiner Geliebten hatte er plötzlich zwei Töchter, von der er dann eine wählte. Vielleicht hat er ja immer gedacht, dass er die Falsche gewählt hat. Oder vielleicht hat er sich auch gewünscht, er hätte beide Töchter ignoriert. Es war vermutlich die Schuld, die ihn bis zum bitteren Ende in einer lieblosen Ehe festhielt. Plötzlich ergibt auch das jahrelange drückende Schweigen zwischen meinen Eltern Sinn.“

Emilio hatte ihr mit gerunzelter Stirn zugehört. Nie zuvor hatte sie so offen über ihre Kindheit gesprochen. Er hatte immer geglaubt, sie wäre in einem relativ glücklichen und stabilen Elternhaus aufgewachsen, und er hatte sie darum beneidet. Jetzt wurde ihm klar, wie wenig er sie gekannt hatte, obwohl er sie hatte heiraten wollen. Weil er von ihrer Schönheit überwältigt gewesen war. Gedanken, wer sie wirklich war, hatte er sich kaum gemacht. Ihm war, als würde er sie jetzt zum ersten Mal richtig ansehen. Sie war so schön wie früher, doch er erkannte auch eine Zerbrechlichkeit in ihr, die er damals nicht gesehen hatte. Er war es, der sie so verletzt hatte. Er hatte keine Ahnung, wie er das wiedergutmachen sollte, aber er würde alles versuchen, so viel stand fest.

„Wie kommt deine Schwester damit zurecht?“, fragte er.

Gisele entspannte sich ein wenig. „Sie nimmt es sehr viel gelassener. Nur mit einer Mutter aufzuwachsen hat sie wohl abgehärtet. Ihren Erzählungen entnahm ich, dass sie viel öfter auf ihre Mutter aufgepasst hat als umgekehrt. Sie hat auch erzählt, dass die Männer im Leben ihrer Mutter ständig gekommen und gegangen sind.“

„Ist sie enttäuscht, dass sie euren Vater nie kennengelernt hat?“

„Ja und nein.“ Gisele runzelte die Stirn. „Ich glaube, sie hätte ihm anständig die Meinung gesagt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Wahrscheinlich kann ich viel von ihr lernen. Es wird Zeit, dass ich öfter den Mund aufmache.“

„Also ich finde, du machst das schon ziemlich gut.“ Er lächelte schief. „Vielleicht irre ich mich ja schon wieder. Vielleicht hast du dich tatsächlich verändert.“

Ihre Augen blitzten. „Glaube es ruhig.“

Emilio schwieg eine Weile. „Hast du dem Fahrer die Schlüssel zu deinem Laden gegeben?“

„Ja.“

„Gut. Deine Assistentin wird die Stellung halten, bis du entschieden hast, wie der nächste Schritt aussehen soll. Ich habe schon mit ihr darüber gesprochen.“

Sie sah ihn fragend an. „Was meinst du?“

„Vielleicht möchtest du deinen Italienaufenthalt ja verlängern“, sagte er. „Für den Fall ist dann alles vorbereitet.“

Sie warf ihm einen abfälligen Blick zu. „Ist es nicht anstrengend, ständig ein so riesiges Ego mit sich herumzuschleppen? Du zahlst für einen Monat –, mehr als den bekommst du nicht.“

Emilio beherrschte sich. So widerspenstig hatte er sie nicht in Erinnerung, im Gegenteil. Wo war die süße junge Frau geblieben, die so eifrig jedem seiner Vorschläge zugestimmt hatte? „Ich hatte mir vorgestellt, dass wir in meiner Suite essen“, sagte er schließlich. „Das ist privater als in einem Restaurant.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Spar dir die große Verführungsszene, Emilio. Es wird nicht funktionieren.“

Eine Herausforderung, die ihm direkt in die Lenden fuhr. „Meinst du?“

„Ich weiß es.“ Sie schob ihr Kinn vor.

Brennend heiße Flammen loderten in seinem Körper. Diese neue forsche Gisele reizte ihn über alle Maßen. Mehr als alles andere liebte er die Herausforderung. Nur so hatte er schließlich die Armutsverhältnisse, aus denen er stammte, hinter sich lassen können. Sein Vermögen hatte er damit gemacht, das Unmögliche für anspruchsvolle Klienten möglich zu machen. Durch den Skandal hätte er fast alles verloren, aber er hatte sich wieder aufgerappelt.

Und Gisele war ein weiteres unmögliches Projekt. Doch wie bei allen seinen Projekten plante er, auch dieses erfolgreich zu Ende zu bringen.

Nichts und niemand würde ihn davon abhalten.

3. KAPITEL

Gisele hielt sich steif wie eine Statue, als Emilio sie in seine Suite geleitete. Sie hatte das Gefühl, in der Zeit zurückversetzt zu sein. Wie oft waren sie in Hotels in ganz Europa gemeinsam in seine Suite hinaufgefahren? Erotische Bilder stürzten auf sie ein, sie biss sich auf die Lippe, um sie zurückzudrängen.

Damals war sie so eifrig bemüht gewesen, ihm zu gefallen. Hatte nichts infrage gestellt, hatte ihn einfach nur bedingungslos geliebt. Wie hatte sie sich so angreifbar und verletzlich machen können? Die Gewichtung in ihrer Beziehung war von Anfang an komplett falsch gewesen – sie hatte ihn zu stark geliebt, er sie überhaupt nicht.

Es war lediglich sein Stolz, der ihn zurückgebracht hatte. Er wollte der Welt zeigen, dass er ein fairer Mann war und die Angelegenheit bereinigte. Das verlangten seine Stellung und sein Image. Die Presse hatte sich überschlagen mit den Berichten über die Wiedervereinigung der Zwillinge. Eigentlich erstaunte es Gisele, dass Emilio noch nichts von einer angeblichen Versöhnung mit ihr hatte durchsickern lassen.

Der Lift hielt an, die Türen glitten auf. Gisele trat auf den Korridor, fest entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, wie nervös sie war. Emilio schien so viel mehr zu sehen, als sie ihn sehen lassen wollte. Wie lange würde es dauern, bis er merkte, dass der Schmerz in ihren Augen sich nicht nur seinetwegen dort eingebrannt hatte, sondern weil sie ihr Kind verloren hatte? Das Kind, dessen weiche Babydecke ordentlich zusammengefaltet in ihrem Koffer lag. Sie hatte es nicht über sich gebracht, diese letzte Verbindung zu Lily zurückzulassen.

„Entspann dich, cara.“ Emilio schloss die Tür zu seiner Suite auf. „Du siehst aus, als würdest du in die Höhle des Löwen treten.“

„Ich habe Kopfschmerzen.“ Es war nicht einmal gelogen. Das dumpfe Pochen hinter ihren Schläfen hatte sich inzwischen zu einem Stakkatohämmern entwickelt.

„Wann hast du zuletzt etwas gegessen?“

Dass sie tatsächlich nachdenken musste, entging ihm nicht, sie konnte es an seiner gerunzelten Stirn sehen. „Ich weiß es nicht. Ich hatte zu viel zu erledigen, Essen gehörte nicht zu meinen Prioritäten. Du hast mir nicht gerade viel Zeit gelassen“, hielt sie ihm vor.

„Tut mir leid, aber ich muss nach Rom zurück. Ich arbeite für einen wichtigen Kunden – ein Projekt von mehreren Millionen.“

Gisele dachte an all das Geld, das er mit seinen Projekten verdiente. In den Schoß gefallen war es ihm bestimmt nicht. Emilio war das lebende Beispiel dafür, dass man alles erreichen konnte, wenn man entschlossen vorging. Und Entschlossenheit besaß er definitiv genug. In den Wochen, die vor ihr lagen, würde sie sich gegen seine überwältigend starke Persönlichkeit behaupten müssen. Ein beunruhigender Gedanke. Wer würde letztendlich wohl als Sieger hervorgehen?

„Ich lasse das Dinner sofort kommen“, sagte er jetzt. „Der Page hat dein Gepäck bereits heraufgebracht. Soll ein Zimmermädchen für dich auspacken?“

„Nein!“ Das kam viel zu schnell, viel zu heftig. Es wurde ihr bewusst, als sie seine Augenbrauen in die Höhe schießen sah. „Wir … wir reisen doch morgen ab.“

Für einen Moment hielt er ihren Blick gefangen. „Würdest du heute lieber im Gästezimmer schlafen?“

„Wo sonst?“, erwiderte sie eisig.

Er kam zu ihr und strich ihr mit den Fingerknöcheln über die Wange. „Glaubst du wirklich, du schläfst einen Monat lang in einem separaten Zimmer?“

Sie wischte seine Hand weg wie eine lästige Fliege. „Ich habe nichts unterschrieben, das mich verpflichtet, mit dir zu schlafen.“

„Apropos …“ Er trat von ihr weg, öffnete den Aktenkoffer, der auf dem Tisch beim Fenster lag, holte ein Dokument hervor und reichte es ihr. „Das solltest du dir durchlesen, bevor du unterschreibst.“ Seine Miene war nicht zu deuten. „Die vereinbarte Summe wird dir nach Ablauf deines Aufenthalts überwiesen.“

Gisele starrte auf die Papiere und wünschte, sie könnte sich umdrehen und gehen. Doch zwei Millionen Dollar ließen sich nicht so leicht ausschlagen. Sie war stolz auf ihren Erfolg, und was außer ihrem Geschäft hatte sie denn sonst noch im Leben? Der Traum von einer eigenen Familie war längst zerstört.

Mit dem Vertrag in der Hand ließ sie sich auf den nächsten Stuhl sinken, las die Paragrafen sorgfältig durch, doch der Text war genauso unverschnörkelt und klar, wie Emilio bereits angedeutet hatte. Nach Ablauf eines Monats wäre sie um zwei Millionen Dollar reicher, ohne weitere Verpflichtungen einzugehen. Trotzdem zitterten ihre Finger, als sie ihren Namen auf die gestrichelte Linie setzte.

„So. Jetzt haben wir also eine Abmachung.“ Emilio nahm die Papiere entgegen und legte sie beiseite.

Gisele hob das Kinn. „Genau. Du hast soeben zwei Millionen Dollar aufgegeben.“ Für nichts und wieder nichts.

Spöttisch verzog er die Lippen. „Wie lange, meinst du, hältst du durch? Eine Woche? Zwei?“

Sie funkelte ihn ärgerlich an. „Wenn du eine Bettgespielin brauchst, wirst du dich woanders umsehen müssen.“

„Ah, du planst also deinen eigenen kleinen Rachefeldzug?“ Noch immer stand das spöttische Lächeln auf seinem Mund. „Glaub nicht, ich wüsste nicht genau, was in deinem Kopf vorgeht. Du hast vor, mich jede einzelne Minute leiden zu lassen. Aber meinst du wirklich, nur weil du mich anfauchst, würde ich dich weniger begehren? Du wirst wieder mit mir schlafen, Gisele. Nicht, weil ich dich bezahle, sondern weil du dich einfach nicht zurückhalten kannst.“

Sie hätte nicht gedacht, dass sie ihn noch mehr hassen könnte. Am liebsten hätte sie ihm die Arroganz aus dem Gesicht geschlagen. Er unterstellte ihr, dass sie weder Selbstbeherrschung noch Selbstachtung hatte. „Ich hasse dich mit jeder Faser meines Seins!“, herrschte sie ihn an. „Ist dir das nicht klar?“

Seine Gelassenheit rieb sie nur weiter auf.

„Immerhin fühlst du etwas für mich. Das ist gut. Wut ist besser als Gleichgültigkeit.“

Oh, sie würde ihm schon zeigen, wie gleichgültig sie sein konnte! „Na schön.“ Sie kickte die Schuhe von den Füßen und griff an den Reißverschluss ihres Kleides. „Willst du jetzt gleich mit mir schlafen? Bringen wir es hinter uns.“

Er beobachtete sie stumm, ohne dass sich ein einziger Muskel an ihm regte. Nur seine Pupillen weiteten sich, als sie das Kleid von ihren Schultern rutschen ließ – ein eindeutiges Anzeichen für sein Interesse.

Gisele stand in BH und Slip vor ihm, und noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so nackt und bloß gefühlt. Ein Schauer überkam sie, ihr Magen zog sich zusammen. Sie wusste nicht, ob sie die Kraft hatte, tatsächlich weiterzugehen. Trotzdem griff sie hinter sich an den BH-Verschluss. Sie hatte das Gefühl, gleich in Tränen auszubrechen, in ihr tobte ein Tumult. Der Druck wuchs, in ihrer Brust brannte es wie Feuer …

„Zieh dich wieder an“, befahl Emilio knapp und wandte sich ab.

Sie kam sich vor, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Sie hatte ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen wollen, doch jetzt hatte er den Spieß umgedreht. Er wollte sie, aber zu seinen Bedingungen.

Sie kam sich dumm und albern vor. Und zurückgewiesen.

Er ging zum Barschrank und goss sich einen Drink ein, trank das Glas in einem Zug aus, setzte es dann mit einem dumpfen Knall auf dem Holz ab. Seine breiten Schultern wirkten angespannt. Gisele konnte sich genau erinnern, wie sich diese harten Muskeln unter ihren Fingern angefühlt hatten. Wie oft hatte sie die Lippen auf die heiße Haut gedrückt und den Geschmack nach Salz und Mann genossen …

Ihr Mund wurde jäh staubtrocken. Sie raffte zusammen, was von ihrer angeblichen Gleichgültigkeit zusammenzuraffen war. „Heißt das, du benötigst meine Dienste heute Abend nicht?“

Er drehte sich zu ihr um, seine Miene völlig ausdruckslos. „Ich schicke dir dein Dinner hoch. Mach es dir ruhig bequem. Ich gehe noch aus.“

„Wohin?“ Die Frage war heraus, bevor sie sich zurückhalten konnte. Erbärmlich, aber sie klang wie eine eifersüchtige Ehefrau.

An der Tür hielt er nur kurz inne. „Du brauchst nicht auf mich zu warten“, sagte er, dann war er verschwunden.

Bis zwei Uhr morgens wanderte Emilio ziellos durch Sydney, entschlossen, erst dann in die Suite zurückzukehren, wenn Gisele längst schlief. Sein Körper hatte gierig danach verlangt, das zu nehmen, was sie ihm so trotzig anbot, doch er würde nichts tun, was sie nur noch mehr gegen ihn aufbrachte. Er konnte warten. Warten, bis sie aus freien Stücken zu ihm kam. Denn er war sicher, dass sie kommen würde. Sie war verbittert und wütend, doch sie würde darüber hinwegkommen. Die Zeit heilte alle Wunden, und ein Monat war eine lange Zeit. Genug Zeit, um Gisele erkennen zu lassen, dass das, was sie einst gehabt hatten, wieder aufleben konnte.

Das Dinner, das er hinaufgeschickt hatte, war kaum angerührt, das Weinglas noch immer randvoll. Vielleicht hatten die Kopfschmerzen ihr den Appetit genommen, aber er vermutete eher, dass sie ihm etwas beweisen wollte.

Er bewunderte sie dafür. Nicht viele Leute wagten es, sich ihm entgegenzustellen. In den dunklen Seitenstraßen Roms hatte er gelernt, wie man andere einschüchterte, eine Erfahrung, die ihm in seinem Berufsleben oft zugutegekommen war. Die Leute diskutierten nicht mit ihm. Wenn er eine Anweisung gab, wurde sie befolgt. Die Frauen in seinem Leben – und davon hatte es viele gegeben – stritten sich nicht mit ihm, sondern hielten sich an seine Spielregeln. Gisele war damals nicht anders gewesen – die perfekte Begleiterin, die perfekte Gastgeberin, die perfekte Frau für ihn.

Er stellte sich ans Fenster und sah mit gerunzelter Stirn über den Hafen hinaus. Manche würden wohl behaupten, er hätte nur nach einer Vorzeigefrau gesucht, doch das stimmte so nicht. Er war gern mit ihr zusammen gewesen, sie war eine angenehme Gesellschaft. Und ja, er hatte sich auch gern mit ihr gezeigt. Sie bewegte sich mit angeborener Eleganz, besaß eine natürliche Würde. Sie hätten schon den zweiten Hochzeitstag feiern können, vielleicht hätten sie ja schon Kinder gehabt … Sie hatten über Kinder gesprochen. Noch ein Grund, warum er Gisele hatte heiraten wollen: Sie hatte sich eine große Familie gewünscht …

Licht flammte auf, er drehte sich um. Gisele stand in der Tür, eine Hand am Hals, die Augen aufgerissen.

„Du hast mich zu Tode erschreckt! Warum hast du das Licht nicht eingeschaltet?“

„Vielleicht ziehe ich ja das Dunkel vor.“ Er nickte mit dem Kopf zu dem gedeckten Tisch. „Du hast dein Dinner kaum angerührt.“

„Vielleicht hatte ich ja keinen Hunger“, ahmte sie ihn nach.

„Du solltest mehr essen. Du bist zu dünn.“

„Und du solltest deine Meinung für dich behalten“, fauchte sie zurück.

Er kam zu ihr. „Kannst du nicht schlafen?“

Sie strich sich das Haar zurück und schaute ihn herausfordernd an. „Was interessiert dich das?“

„Ich mache mir Sorgen um dich. Du siehst aus, als hättest du seit Monaten nicht mehr richtig geschlafen.“

„Sorgen also, ja? Du hättest dir Sorgen um mich machen sollen, als du mich auf die Straße gesetzt hast.“

Emilio biss sich auf die Zunge. Er wollte nichts sagen, was er hinterher bereuen würde. „Möchtest du vielleicht ein Glas warme Milch?“

Sie lachte trocken auf. „Sicher, warum nicht. Mit einem Schuss Whisky. Am besten gleich einen doppelten. Das müsste mich umhauen.“

Emilio gab Milch in eine große Tasse und stellte sie in die Mikrowelle. An die Anrichte gelehnt, musterte er Gisele. „Ich weiß aus Erfahrung, wie viel Stress es sein kann, sein eigenes Geschäft zu führen. Ich selbst habe viele schlaflose Nächte hinter mir.“

Sie schürzte die Lippen. „Du hast wahrscheinlich genügend weibliche Ablenkung gefunden, um darüber hinwegzukommen.“

„Nicht so viel, wie du zu denken scheinst.“

„Nur zu deiner Information: Ich mache nicht bereitwillig die Beine breit wie eine deiner billigen Goldgräberinnen.“

„Nein, billig bist du mit zwei Millionen ganz bestimmt nicht, cara.“

Entrüstet holte Gisele aus, doch er fing ihre Hand ab.

„Das würde ich dir nicht raten“, warnte er. „Die Konsequenzen werden dir nicht gefallen.“

Sie wollte ihr Handgelenk aus seinem eisernen Griff befreien, doch es war, als würde ein Kätzchen gegen einen Panther kämpfen. Er war zu stark. Er war zu nah. Er war zu … alles. „Ich hasse dich!“, spie sie aus.

„Das sagtest du schon. Aber Beleidigungen helfen auch nicht weiter.“

Sie spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging, sein Atem strich leicht und weich wie eine Feder über ihr Gesicht. Und sie fühlte, wie ihr Körper automatisch auf seine Nähe reagierte. Ihre Brüste begannen zu spannen, ihr Blick wurde von seinem Mund magnetisch angezogen. Dieser Mund hatte sie so oft geküsst, dass sie es nicht mehr zählen konnte, mit Lippen, die gleichzeitig so zärtlich und so fordernd sein konnten, die nahmen und zur gleichen Zeit gaben.

„Ich hasse dich“, wisperte sie noch einmal. Weil Wut das Einzige war, was sie zusammenhielt. Es war die Rüstung, auf die sie sich verlassen konnte.

Er legte eine Hand an ihre Wange und strich mit dem Daumen sacht über ihre Unterlippe. „Hör auf, gegen mich zu kämpfen, Gisele. Gib uns nicht auf, bevor wir nicht versucht haben, die Dinge zu richten.“

„Manche Dinge lassen sich nicht richten. Es ist zu spät.“

„Glaubst du das wirklich?“

Gisele wusste nicht mehr, was sie noch glauben sollte, wenn er sie so hielt. Es war, als hätte es die Trennung nie gegeben. Sie konnte den harten Beweis seiner Erregung an ihrem Schoß fühlen, und sie reagierte prompt. Sie mochte behaupten, dass sie ihn hasste, doch ihr Körper hatte eigene Bedürfnisse, die jeden vernünftigen Gedanken, an den sie sich zu klammern versuchte, ausschalteten.

„Ich glaube, das ist alles nur Show. Du hast Angst, dass die Presse und deine geschätzten Klienten es dir vorhalten werden, wenn du dir nicht den Anschein gibst, das Richtige zu tun. Es wird so aussehen, als wolltest du die Dinge wieder ins Lot bringen und als sei ich diejenige, die dich nach einem Monat wieder verlässt. Denn kein Geld der Welt wird mich davon abhalten.“

Er zog sie noch fester an sich, seine Miene hart und bitter. „Dann sollte ich wohl besser einfordern, wofür ich bezahlt habe, nicht wahr?“, sagte er noch, dann presste er den Mund gierig auf ihre Lippen.

Der fordernde Kuss ließ einen Damm in Gisele brechen. Sie küsste Emilio zurück mit all der Wut, die sie in sich spürte. Sie wollte ihn. Wollte ihn, bis sie beide atemlos waren, wollte ihn schmecken und seinen köstlichen männlichen Geschmack bis zum Letzten auskosten.

Und sie wollte ihn verletzen. Wollte ihm in Erinnerung rufen, was er so achtlos fortgeworfen hatte. Sie biss ihn in die Lippe, fest, und er biss zurück. Seine Bartstoppeln rieben über ihr Gesicht, jagten einen heißen Speer der Lust durch sie hindurch. Das Verlangen brannte schmerzhaft in ihr.

Sie wollte ihn, obwohl sie ihn hasste. Wollte von ihm in Besitz genommen werden, damit sie sich wieder lebendig fühlen konnte …

Emilio zog sich abrupt von ihr zurück, als hätte sie eine ansteckende Krankheit, und fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Ist das dein Blut oder meins?“

„Ist das wichtig?“ Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah sie ihn an.

„Ja.“ Er runzelte die Stirn. „Ich wollte dir nicht wehtun.“

Sie fuhr sich mit den Fingerspitzen über die vom Kuss geschwollenen Lippen. „Wirklich nicht?“, fragte sie herausfordernd.

Mit einem sauberen Taschentuch in der Hand trat er wieder näher, hob ihr Kinn und tupfte sanft den Blutstropfen von ihrer Unterlippe. „So muss es nicht zwischen uns sein, Gisele“, raunte er heiser.

„Es wird nicht funktionieren.“ Sie nahm ihm das Taschentuch ab und drehte ihm den Rücken zu. „Nichts wird meine Meinung ändern. Ich werde dir nie verzeihen.“

Erschauernd schloss sie die Augen, als er von hinten die Hände auf ihre Schultern legte. Wo war ihr fester Vorsatz geblieben? Wieso wollte sie nichts anderes, als sich umdrehen und sich an seine breite Brust schmiegen? „Nicht …“, murmelte sie und kniff die Augen noch fester zusammen.

„Nicht – was?“

„Du weißt, was.“ Sie musste einen genüsslichen Seufzer unterdrücken, als er leicht ihren Nacken und ihre Schultern massierte. Sollte er jetzt die Lippen über ihren Hals wandern lassen, wäre sie verloren. Sie würde keine Kraft mehr haben, ihm zu widerstehen.

„Du willst mich, Gisele.“ Er rieb sich leicht an ihrem Po.

„Das hättest du wohl gern.“

„Ich weiß es.“

Sie schwang herum und funkelte ihn wild an. „Ich will, dass dieser Monat so schnell wie möglich vorübergeht, damit ich dich endlich wieder los bin.“

Er ließ den Blick suchend über ihr Gesicht wandern – wonach er suchte, konnte Gisele nicht sagen. Sie setzte eine gleichgültige Miene auf … zumindest glaubte sie, dass ihr das gelang.

„Du solltest zu Bett gehen.“ Leicht strich er mit dem Daumen über ihre Lippen. „Der Flug morgen wird lang werden, selbst wenn wir erster Klasse reisen.“

„Was denn, keine Privatmaschine mehr?“, spöttelte sie.

Seine Züge blieben absolut reglos. „Ein eigener Jet ist nicht unbedingt Zeichen für Erfolg. Es gibt andere Dinge, für die ich mein Geld lieber ausgebe.“ Er ließ die Hand sinken und machte einen Schritt von ihr weg. „Gute Nacht. Bis morgen früh.“

4. KAPITEL

Natürlich machte sie kein Auge zu. Nicht einmal die Tabletten, die der Arzt ihr verschrieben hatte, um die Albträume von Lily ertragen zu können, halfen.

Gisele drehte und wälzte sich und sah dem Uhrzeiger zu, wie er schleichend vorwärtsrückte. Ihre Gedanken kreisten unablässig um Emilio und den Monat, der vor ihr lag. Wie sollte sie das überstehen?

Irgendwann gab sie auf und holte Lilys Babydecke hervor, wiegte sie an ihrer Brust, als wäre ihr kleiner Liebling noch darin eingewickelt. Stumme Tränen liefen ihr über die Wangen. Wie viele Nächte hatte sie so verbracht? Wann würde dieser brennende Schmerz endlich nachlassen?

Sie musste wohl eingedöst sein, denn ein hartes Klopfen an der Tür schreckte sie auf.

„Es ist sieben Uhr“, hörte sie Emilios Stimme. „Zeit zum Aufstehen, Gisele.“

„Bin schon wach“, rief sie zurück, rappelte sich aus dem Bett auf, legte die Decke gefaltet in den Koffer zurück und ging duschen.

Emilio goss sich gerade Kaffee ein, als Gisele ins Zimmer kam. Ihre Miene war stolz, als würde sie zum Schafott geführt und verböte es sich, um Gnade zu bitten. „Gut geschlafen?“

„Ja, sehr gut.“

Das bezweifelte er. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, sie war leichenblass. „Du solltest etwas essen.“ Er deutete auf das Frühstück, das er bestellt hatte.

„Ich habe keinen Hunger.“

Er holte zischend Luft. „Meinst du, ein Hungerstreik hilft in dieser Situation?“

„Ich bin nicht im Hungerstreik, ich habe einfach nur keinen Appetit.“

„Du hast nie Appetit“, sagte er verärgert. „Das ist nicht normal. Wenn du so weitermachst, wird dich irgendwann der leiseste Windhauch umwehen.“

„Interessiert dich das? Deine letzte Freundin war wesentlich dünner als ich. Sie war doch dieses Bikini-Model, nicht wahr? Oder verwechsle ich die vielleicht mit dem Londoner Partygirl mit der ausladenden Oberweite?“ Sie tat, als würde sie nachdenken. „Wie hieß sie noch? Arabella? Amanda?“

Emilio rückte zähneknirschend den Stuhl für sie zurecht. „Setz dich.“

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Weißt du, du hättest eine Menge Geld sparen können, wenn du dir einfach einen Hund gekauft hättest, den du herumkommandieren kannst.“

„Ich finde, dich abzurichten macht mehr Spaß. Jetzt setz dich hin und iss.“

Sie tat wie geheißen und schüttelte das Haar zurück. „Zumindest mache ich kein Häufchen auf den Teppich.“

„Dir würde ich das zutrauen.“

Sie legte sich eine Scheibe Frühstücksspeck auf den Teller. „Hast du geschlafen? Ehrlich gesagt, du siehst nicht so aus. Eigentlich siehst du miserabel aus.“

„Vielen Dank auch.“ Er sah ihr zu, wie sie an dem Speck knabberte. Das Bild ihrer schimmernden Lippen hatte ihn die restliche Nacht wachgehalten. Mit Mühe riss er den Blick von ihr los. „Kaffee oder Tee?“

„Tee.“ Sie seufzte übertrieben. „Entschuldige, dass ich so unitalienisch bin.“

„Es tut dir überhaupt nicht leid.“ Er stellte die Tasse vor sie hin. „Milch oder Zucker?“

„Du weißt nicht mehr, wie ich meinen Tee trinke? Oder fällt es dir bei den vielen Frauen schwer, solche Einzelheiten im Kopf zu behalten?“

Emilios Lippen wurden schmal. Er war nicht unbedingt stolz darauf, wie viele Frauen es seit ihr gegeben hatte, aber sie genoss es offensichtlich, das Messer bis zum Heft hineinzutreiben. „Keine Milch, ein Löffel Zucker“, sagte er.

„Falsche Antwort. Kein Zucker.“

„Nicht? Seit wann nimmst du keinen Zucker mehr?“

„Seit ich …“ Abrupt brach sie ab und starrte auf ihren Teller.

„Seit du was?“, hakte er nach.

Sie stieß sich vom Tisch ab. „Ich muss noch packen und mich zurechtmachen.“

„Sagtest du nicht, dass du gar nicht auspacken wolltest?“

Sie kaute an ihrer Lippe und zuckte zusammen. Unwillkürlich legte sie die Finger an die Unterlippe.

Emilios Magen zog sich zusammen. „Tut es sehr weh?“

Sie sah ihn nicht an. „Ich habe Schlimmeres überlebt.“

Schweigen breitete sich aus.

„Tut mir leid“, murmelte er.

„Was?“ Ihr Ton wurde schneidend. „Dass du mich wieder in dein Leben zurückgekauft hast? Oder dass du mich damals überhaupt erst hinausgeworfen hast?“

Lange hielt er ihren Blick fest, bevor er sprach. „Ich sagte schon, dass ich auf mein damaliges Verhalten nicht stolz bin. Aber ich versuche, es wiedergutzumachen.“ Er seufzte schwer. „Jener Abend muss schlimm für dich gewesen sein.“

„Nun, es war nicht gerade der Höhepunkt meiner Zeit in Italien.“ Sie sagte es, als könnte es sie nicht weniger interessieren. „Aber wie sagt man so schön? Was uns nicht umbringt, macht uns härter.“

Er musterte sie durchdringend. „Du siehst nicht aus, als wärst du härter geworden, cara, auch wenn du dich so gibst.“

Sie mied bewusst seinen Blick. „Mir wäre es lieber, wenn du mich nicht so nennen würdest.“

„Früher habe ich dich immer so genannt.“

„Das war früher. Jetzt ist es etwas anders.“

„Nein, nicht anders. Weil wir wieder zusammen sind.“

„Für einen Monat.“

Er nippte an seinem Kaffee. „Vielleicht änderst du ja deine Meinung und bleibst länger.“

„Wozu?“, fragte sie herausfordernd. „Damit ich an deinem Arm hänge wie ein völliges Dummchen und hingerissen an deinen Lippen hänge? Nein, danke. Ich bin erwachsen geworden. Ich erwarte mehr vom Leben, als das Spielzeug für einen reichen Mann zu sein.“

Emilio hatte Mühe, seinen Ärger im Zaum zu halten. „Du wolltest meine Frau werden, von einem Spielzeug war nie die Rede.“

Sie hielt seinem Blick stand. „Wieso wolltest du ausgerechnet mich heiraten, Emilio? Wieso nicht eine von den vielen anderen?“

Er stellte seine Tasse heftiger ab als nötig. „Ich denke, die Antwort kennst du bereits.“

„Weil ich noch Jungfrau war, nicht wahr? Das muss heutzutage ja etwas Besonderes sein, eine Frau zu haben, die vorher noch kein anderer gehabt hat. Ich war die perfekte Ehefrau für dich … bis zu dem Skandal. Damit wurde ich wertlos. Schließlich verabscheust du nichts mehr als Unvollkommenheit.“

Ein grimmiger Zug lag um seinen Mund, als er sich von der Anrichte abstieß. „In einer Stunde müssen wir los. Ich erwarte von dir, dass du das kindische Benehmen in der Öffentlichkeit ablegst und dich mit deinen Beleidigungen zurückhältst. Wenn du auf einen Showdown mit mir aus bist, warte, bis wir allein sind.“

Alarmiert starrte Gisele ihn an. „Ich muss doch wohl nicht so tun, als wäre ich noch immer verliebt in dich?“

„Genau das erwarte ich.“ Der Blick, mit dem er sie ansah, hätte Stahl schneiden können. „Schließlich soll es wie der Versuch aussehen, unsere Beziehung wieder aufleben zu lassen.“

Ihr Magen zog sich zusammen. „Das kann ich nicht. Ich kann keine Gefühle heucheln, die ich nicht empfinde.“

„Das wirst du wohl müssen“, konterte er unbeeindruckt. „Ich zahle keine zwei Millionen Dollar, damit du der Presse ein Bild bietest, als wolltest du mich bei der nächsten Gelegenheit ermorden. Wenn du die Bedingungen nicht einhalten kannst, sag es gleich, und ich zerreiße unseren Vertrag hier und jetzt.“

Gisele zögerte. Einerseits wollte sie auf dem Absatz kehrtmachen, andererseits wollte sie ihm und sich selbst etwas beweisen. Konnte sie die Rolle spielen, die sie in der Vergangenheit mit einer Begeisterung übernommen hatte, für die sie sich nun schämte? Es war ja nur für einen Monat. Vier Wochen schauspielen für die Presse. Sobald sie aus der Öffentlichkeit heraus war, konnte sie wieder sie selbst sein.

„Also gut.“ Sie konnte nur hoffen, dass sie sich richtig entschied. „Ich mache es.“

Glücklicherweise war die australische Presse nicht vor Ort, als Gisele und Emilio das Hotel verließen und zum Flughafen fuhren. Nach der Landung in Rom sah es jedoch anders aus. Die Paparazzi fielen wie ein wild gewordener Bienenschwarm über sie her, sobald sie durch den Zoll kamen. Gisele fühlte sich auf schreckliche Weise an die Zeit erinnert, als der Skandal sämtliche Medien gefüllt hatte. Unter dem Blitzlichtgewitter zuckte sie zusammen, ihr Puls raste, als könnte sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.

Während des Fluges hatte sie vorgegeben zu schlafen. Das war ihr lieber gewesen, als höfliche Konversation mit Emilio machen zu müssen. Sie war müde, und ihr war übel, sie hatte gar nicht die Kraft, um auf die Fragen zu reagieren, die wie Maschinengewehrfeuer auf sie eintrommelten. Schon damals, während der Zeit mit Emilio, war das Medieninteresse für sie schwer zu ertragen gewesen … die ständigen Berichte über ihre Garderobe, ihre Frisur, ob sie lächelte oder die Stirn runzelte. Emilio hatte es lachend abgetan, doch ihr hatte der Mangel an Privatsphäre zugesetzt, auch wenn sie es meist gut kaschierte.

Emilio legte jetzt beschützend den Arm um sie und forderte die Reporter auf, Gisele Raum zu lassen. Hätten sie nicht diesen unschönen Wortwechsel im Hotel gehabt, könnte Gisele fast glauben, dass ihm ihr Wohlergehen tatsächlich mehr am Herzen lag als sein Ruf.

„Signor Andreoni, werden Sie und Signorina Carter jetzt so schnell wie möglich heiraten?“

„Wir genießen erst einmal unsere gemeinsame Zeit, bevor wir langfristig planen“, beantwortete er diese Frage.

„Signorina Carter“, der Reporter hielt Gisele das Mikrofon vor den Mund, „wie ist es für Sie, wieder mit Signor Andreoni zusammen zu sein?“

Fast wäre sie über die Antwort gestolpert. „Ich … ich bin sehr glücklich …“

„Es ist zwei Jahre her seit Ihrer aufsehenerregenden Trennung“, fuhr der Reporter fort. „Sie müssen doch sehr erleichtert sein, dass die Wahrheit über das Sex-Video endlich ans Tageslicht gekommen ist, oder?“

Was sollte Gisele darauf antworten? Sienna hatte sich mit Details zurückgehalten, hatte nur gemeint, die Presse hätte die ganze Sache unnötig aufgebauscht. Gisele vermutete, dass die schmähliche Angelegenheit ihre Schwester zutiefst aufgewühlt hatte, auch wenn Sienna sich den Anschein von Gleichgültigkeit gab. „Ich bin froh, dass ich meine Schwester gefunden habe. So ist etwas Gutes und Schönes aus dieser schwierigen Zeit hervorgegangen.“

„Wird Ihre Zwillingsschwester zu Ihnen nach Italien kommen, wenn Sie jetzt hier leben?“

„Ich habe nicht vor …“

Emilio fiel ihr ins Wort. „Wir beide freuen uns darauf, mehr Zeit mit Sienna Baker zu verbringen. Jetzt werden Sie uns entschuldigen müssen …“

Die Journalisten folgten ihnen mit Fragen und Zurufen, bis sie in der bereitstehenden Limousine saßen.

„Denk daran, was ich von deinem Verhalten in der Öffentlichkeit erwarte“, warnte Emilio.

Gisele sah den Blick des Chauffeurs im Rückspiegel. Eine Glasscheibe trennte den vorderen vom hinteren Wagenteil, aber Privatsphäre konnte man das wohl nicht nennen. Also zwang sie sich, so lässig wie möglich neben Emilio zu sitzen, auch wenn sie liebend gern die Tür aufgestoßen hätte und hinausgerannt wäre. Sie drehte das Gesicht zum Fenster und konzentrierte sich auf die vorbeifliegende Szenerie der Ewigen Stadt.

„Ich habe übrigens eine neue Haushälterin – Marietta“, brach Emilio schließlich das Schweigen.

Mit gerunzelter Stirn drehte sie ihm das Gesicht zu. „Was ist aus Concetta geworden?“

„Am nächsten Tag, nachdem du weg warst, habe ich sie entlassen.“

„Hast du nicht immer gesagt, sie sei die beste Haushälterin, die man sich vorstellen kann?“

„Ja. Aber sie überschritt ihre Grenzen, als sie mich einen Narren nannte, weil ich dich hinausgeworfen habe. Ich habe sie fristlos gefeuert.“

„Ein Punkt für Concetta!“ Gisele biss sich von innen auf die Wange. „Und du hast sie nicht gebeten, zusammen mit mir zurückzukommen?“

Er zog düster die Brauen zusammen. „Sie würde nicht zurückkommen.“

Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln. „Vielleicht doch … für zwei Millionen.“

Ein Muskel begann in seiner Wange zu zucken, bevor er wortlos den Kopf zum Fenster drehte.

Der Wagen hielt schließlich vor Emilios Villa in der exklusiven Wohngegend um die Villa Borghese an. Gisele verspürte einen heftigen Stich, als Emilio ihr beim Aussteigen half. Damals war sie völlig hingerissen von dem fantastischen Gebäude gewesen, und selbst heute ging es ihr nicht anders. Eine kreisförmige Auffahrt, gesäumt von gepflegten Blumenrabatten und niedrigen Hecken, in deren Mitte ein beeindruckender Springbrunnen plätscherte, lag vor dem dreistöckigen Haus – Symbol dafür, dass der Besitzer es eindeutig zu etwas gebracht hatte.

Der Fahrer kümmerte sich um das Gepäck, während Emilio Gisele ins Haus geleitete. An der Tür wurden sie von einer adrett gekleideten Mittfünfzigerin mit einem ehrerbietigen Lächeln willkommen geheißen. „Bentornata, Signorina Carter, willkommen zurück. Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung.“

„Grazie“, bedankte Gisele sich. Zu dem Lächeln musste sie sich allerdings zwingen. Verlobung?! Ärger brodelte in ihr auf. Was dachte Emilio sich? Aber vor dem Personal konnte sie ihm keine Szene machen. Also stand sie da mit einem eingefrorenen Lächeln, wütend auf Emilio, der sie in eine derart unmögliche Position gebracht hatte.

Emilio sagte etwas auf Italienisch zu der Haushälterin, bevor er sich wieder an Gisele wandte. „Marietta wird deinen Koffer auspacken. Du solltest dich eine Weile ausruhen.“

Gisele dachte an Lilys Decke. Niemand sollte sie anfassen, sie sollte den Duft ihres Babys nicht verlieren. „Danke, aber das Auspacken übernehme ich selbst. Ich bin nicht daran gewöhnt, bedient zu werden. Außerdem habe ich ja nicht viel mitgebracht. Es ist mir ein wenig peinlich, aber ich brauche ein paar neue Sachen. Für solche Extras ist kein Geld übrig geblieben …“

Für einen Moment musterte er ihre rot angelaufenen Wangen, der Ausdruck in seinen Augen nicht zu deuten. „Es muss dir nicht peinlich sein. Du wirst die Garderobe bekommen, die du brauchst. Und wenn es dir lieber ist, kannst du natürlich selbst auspacken.“

Gisele ließ unmerklich den Atem aus den Lungen entweichen, während Emilio mit Marietta redete. Dann drehte er sich wieder zu ihr um und nahm ihre Hand.

„Wir haben noch etwas zu erledigen, ?“ Er schaute ihr tief in die Augen und strich über ihre Fingerknöchel. „Dein Verlobungsring liegt im Safe in meinem Arbeitszimmer.“

„Du hast ihn also aus dem Springbrunnen gefischt?“, fragte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue.

„Drei Klempner waren dafür nötig, aber ja, ich habe ihn wiedergefunden.“

Gisele wartete, bis sie allein in Emilios Arbeitszimmer waren, bevor sie ihrem Ärger Luft machte.

„Wie konntest du der Haushälterin den Eindruck vermitteln, wir wären verlobt? Ich habe zugestimmt, für einen Monat herzukommen, aber nicht als deine Verlobte!“, explodierte sie.

Emilio blieb völlig gelassen, zeigte eine Miene wie jemand, der sich einem störrischen Kind gegenübersah. „Nur die Ruhe, cara. Es gibt keinen Grund, hysterisch zu werden.“

„Ich bin nicht hysterisch!“, kreischte sie und stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuß auf.

Seine Brauen zogen sich zusammen. „Sprich gefälligst leiser.“

Sie ballte die Fäuste an den Seiten. „Das hast du bewusst geplant, nicht wahr? Wenn ich erst diesen dummen Verlobungsring trage, kann ich eine offizielle Beziehung zu dir nicht mehr abstreiten!“

Cara, du bist übermüdet und gereizt … und unvernünftig. Natürlich wirst du den Ring tragen müssen, solange du hier bist. Es wird nicht nach einer echten Versöhnung aussehen, wenn wir nicht da ansetzen, wo wir aufgehört haben.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Du glaubst, wenn du mir den Ring an den Finger steckst, gibt dir das automatisch das Recht, mit mir zu schlafen.“

„Du wirst mit mir schlafen, mit oder ohne Ring. In einem Zimmer. Ich werde keine Spekulationen beim Personal aufkommen lassen.“

„Ich schlafe lieber auf dem Boden, bevor ich mich mit dir in ein Bett lege.“

„Mir scheint, dass du nirgendwo schläfst“, erwiderte er trocken. „Auch wenn du während des gesamten Fluges die Augen geschlossen gehalten hast … mich kannst du nicht täuschen, cara. Deswegen bist du auch so ungenießbar. Du benimmst dich wie ein übermüdetes Kind, das längst ins Bett gehört.“

Unwirsch drehte sie sich um. Er sah viel zu viel. Sie befürchtete, dass sie sich mitten in der Nacht an ihn schmiegen könnte, wenn sie mit ihm in einem Bett schlief. Als wären die Albträume von Lily nicht schlimm genug, hatte sie im unruhigen Halbschlaf oft nach ihm gegriffen. Zwar hatte er die Beziehung mit ihr beendet, aber das hieß nicht, dass damit auch ihr Verlangen nach ihm automatisch ausgeschaltet worden war. Es hatte stets unter der Oberfläche geschwelt.

Sie hörte, wie er den Safe öffnete – die nächste Hürde, die sie zu überwinden hatte. Sie wollte nicht daran denken, wie übereifrig sie damals seinen Antrag angenommen hatte. Wie naiv und tölpelhaft, wie hoffnungslos romantisch sie gewesen war. Sie hatte sich tatsächlich eingebildet, er würde sie lieben, dabei hatte sie lediglich genau in sein Raster einer idealen Ehefrau gepasst. Mit Liebe hatte das nie zu tun gehabt.

„Gib mir deine Hand“, forderte er sie auf.

Gisele drehte sich steif um. „Ich nehme an, du wirst mir nicht noch einmal einen Antrag machen, oder?“

Seine Augen glühten, als er ihre Hand fasste. „Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, mich dann aber dagegen entschieden.“

„Warum? Befürchtest du, ich könnte annehmen?“

Er steckte den Ring an ihren Finger, hielt ihre Hand fest und sah ihr in die Augen. „Das Problem ist wohl eher, dass du ablehnen könntest.“

„Probier’s aus und lass dich überraschen“, meinte sie provozierend.

Er lachte leise. „Du würdest Ja sagen, wenn der Preis stimmt.“ Er zog ihre Hand an seine Lippen und setzte einen Kuss in ihre Handfläche.

In ihrem Magen flatterte es wild auf. Unmerklich schluckte sie, als er mit dem Mund zu ihrem Handgelenk wanderte. Sie schloss die Augen und überließ sich für einen Moment der Magie seiner Liebkosung. „Hör auf“, murmelte sie und meinte es nicht ernst.

Seine Zungenspitze schnellte über die Stelle, an der ihr Puls hämmerte. Lust durchzuckte sie. Gisele unterdrückte ein Seufzen, entschlossen, ihm nicht zu zeigen, wie stark er auf sie wirkte. Ihre Knie wollten nachgeben, sie war sicher, jeden Moment zu seinen Füßen hinabzusinken. Wo war ihr Wille, wo ihr fester Vorsatz geblieben? Wo die Wut, wenn sie sie am nötigsten brauchte?

„Du schmeckst wie der Sommer. Nach Geißblatt und Frangipani“, murmelte er und knabberte an ihrer Haut.

Gisele erschauerte. Ihre Brustwarzen richteten sich auf, Verlangen züngelte in ihrem Schoß. Wie sollte sie ihm widerstehen können? Es war die pure Folter, ihm so nahe zu sein und nicht zu tun, was sie tun wollte. „Ich muss duschen …“, versuchte sie abzulenken.

„Lass uns zusammen duschen.“

Bilder stürzten auf sie ein, Bilder, gegen die sie ankämpfte. Erinnerungen… wie sie zusammen unter dem prasselnden heißen Wasserstrahl standen und sich gegenseitig mit Händen und Lippen erregten. Ihre Haut begann zu brennen. „Lieber nicht.“ Sie versuchte, sich ihm zu entziehen.

Er hielt ihren Blick gefangen. „Wir beide wissen, dass es nicht lange dauern wird, bevor du deine Meinung änderst, cara.

„Lass. Mich. Los.“ Sie spie jedes Wort einzeln aus.

Er zog sie an sich, drückte einen harten Kuss auf ihre Lippen. „Ruh dich eine Weile aus. Wir sehen uns dann beim Dinner.“

Gisele fühlte sich aufgewühlt, und ihr war schwindlig, als er von ihr abließ. Und seltsam leer, weil seine Hände sie nicht mehr hielten. Dieser kurze Kuss hatte ihr Appetit auf mehr gemacht. Mit der Zungenspitze fuhr sie sich über die Lippen, schmeckte dort seinen Geschmack. Ihr war nicht klar, dass sie reglos dastand, bis das leise Klicken der Tür sie aus ihrer Benommenheit riss.

Emilio hatte den Raum verlassen.

Gisele hatte sich die ganze Zeit davor gefürchtet, welche Erinnerungen es wachrufen würde, wenn sie Emilios Schlafzimmer wieder betrat. Doch als sie die Tür aufstieß, bot sich ihr ein unerwarteter Anblick. Die Einrichtung war völlig neu. Sie fragte sich, ob er alles verändert hatte, um jede Erinnerung an sie auszumerzen.

Alles war in Schwarz und Gold gehalten, in dem dicken Teppich versanken die Füße fast bis zu den Knöcheln. Im angrenzenden Bad setzten sich die Farben fort, mit viel schwarzem Marmor und goldenen Armaturen. Es war das Bild purer Dekadenz. Die perfekte Verführungsszenerie, dachte sie, als sie ins Schlafzimmer zurückkam und die hohen Balkontüren öffnete, die zum Garten hinauszeigten. Immerhin sah der Garten hinter dem Haus noch aus wie früher, Lavendel und Rosen blühten, die Hecken waren akkurat geschnitten. Auch hier stand ein Springbrunnen, noch größer als der vor dem Haus. Wie oft hatte Gisele früher in Emilios Armen gelegen und von der Zukunft geträumt, bis sie zum beruhigenden Plätschern des Wassers eingeschlafen war.

Sie riss sich aus den Erinnerungen, zog die Türen wieder zu und drehte den Schlüssel im Schloss – als Ermahnung, dass die Vergangenheit endgültig vorüber war.

Sie ging zu einem Schlafzimmer weiter hinten im Gang. Helle Beigetöne und viel Weiß dominierten den Raum, große Fenster zeigten auf den Garten hinaus. Hier packte sie ihren Koffer aus und hängte ihre Sachen in den Schrank. Lilys Decke und einige Fotos legte sie sorgfältig in eine Schublade.

Die Müdigkeit, die ihr die ganze Zeit über in den Knochen gesteckt hatte, wollte sie plötzlich überwältigen. Fast ohne sich dessen bewusst zu werden, streifte sie die Schuhe von den Füßen, rollte sich auf dem Bett zusammen und schloss die Augen …

Emilio fand Gisele erst, nachdem er in mehrere Räume geschaut hatte. Und natürlich fand er sie in dem Zimmer, das am weitesten von seinem entfernt lag.

Im Schlaf sah sie aus wie ein Engel. Ihr Haar war auf dem Kissen ausgebreitet, das Gewicht ihres schlanken Körpers reichte nicht einmal aus, um eine Vertiefung in der Matratze zu schaffen. Ihre Züge waren perfekt, und doch war sie so unglaublich blass, dass sie geradezu ätherisch schien. Wie sollte es ihm gelingen, durch ihre Wand aus Wut und Verbitterung zu dringen? Er würde Stein für Stein abtragen müssen, würde sie Schritt für Schritt wieder für sich zugänglich machen müssen.

Wenn er jetzt zurückblickte, ahnte er, wie völlig am Boden zerstört sie gewesen sein musste, als er sie hinausgeworfen hatte. Damals hatte er ihre Reaktion als die einer geldgierigen Betrügerin interpretiert, deren Plan, sich einen reichen Mann zu angeln, fehlgeschlagen war. Heute jedoch war ihm klar, was ihr Entsetzen bedeutet hatte: Es war das Entsetzen einer jungen Frau gewesen, die tief und wahrhaftig geliebt hatte und deren Leben ohne eigene Schuld von einer Minute auf die andere zerstört worden war.

Wo mochte sie wohl hingegangen sein? An wen hatte sie sich wenden können? Wie schrecklich musste sie sich gefühlt haben, nachdem ihr der Boden ohne jegliche Vorwarnung unter den Füßen weggerissen worden war?

Er hatte sich so fürchterlich geirrt.

Ihre Lider begannen zu flattern, ihr Gesicht verzerrte sich plötzlich, sie wälzte sich, als würde sie in einem Albtraum feststecken, dem sie nicht entfliehen konnte. Ihr gequältes Stöhnen klang herzzerreißend. „Nein … nein, bitte nicht …“

„Gisele, schhh, es ist alles in Ordnung.“ Emilio eilte zu ihr und hielt ihre um sich schlagenden Arme fest.

Erschreckt öffnete sie die Augen und setzte sich abrupt auf. Für einen Moment sah sie verwirrt aus, dann wurde ihre Miene abweisend. „Was hast du hier verloren?“, fragte sie feindselig und zog ihre Hände zurück.

„Ich stelle nur ungern das Offensichtliche heraus, aber das hier ist mein Haus, und du liegst in einem meiner Zimmer.“

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und sah ihn vorwurfsvoll an. „Du solltest dich nicht so anschleichen.“

„Ich habe mich nicht angeschlichen. Du hast im Schlaf aufgeschrien, ich wollte nach dir sehen.“ Er fasste ihr leicht unter das Kinn. „Hast du öfter Albträume?“

Sie konnte ihm nicht in die Augen schauen. „Manchmal …“

Er strich ihr mit dem Daumen über die Wange. „Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und die letzten beiden Jahre ungeschehen machen. Ich wünschte, ich könnte jedes Wort, das ich dir vorgeworfen habe, ungesagt machen.“

Sie erwiderte nichts, sah ihn nur stumm mit diesem anklagenden Blick an.

„Wo hast du damals eigentlich die Nacht verbracht?“

„In einem kleinen Hotel, nachdem es mir gelungen war, die Reporter abzuschütteln. Am nächsten Tag flog ich nach Sydney zurück.“

„Du hast mich kein einziges Mal kontaktiert.“ Noch immer streichelte er ihre Wange.

„Du hattest es mir ausdrücklich verboten, erinnerst du dich nicht?“

Lange studierte er ihr Gesicht, bevor er die Hand sinken ließ. „Dinner wird in einer halben Stunde serviert.“ Er stand von der Bettkante auf. „Ich sehe dich dann unten.“

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