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JULIA EXTRA, BAND 359

MELISSA JAMES

Das Juwel des Wüstenprinzen

Amber sehnt sich nach ihrem Mann, doch Harun ist wie die Sterne über der Wüste: schön und unnahbar. Erst in höchster Gefahr gesteht sie ihm ihr Verlangen. Zeigt er ihr nun den Himmel der Liebe?

JACKIE BRAUN

Schenk mir einen Traum aus Gold

Kreativ, romantisch, praktisch – Tony Salerno ist fasziniert von der vielseitigen Schmuckdesignerin Rachel. Nur das Einmaleins der Leidenschaft muss er der schönen Unternehmerin noch beibringen …

MAISEY YATES

Liebe, Lügen und zwei Ringe

Ethan mustert Noelle kühl. Ihre Mutter hat seine Familie ins Unglück gestürzt – bestimmt lauert hinter ihrer engelsgleichen Fassade der gleiche Abgrund. Warum kann er ihr dennoch nicht widerstehen?

LUCY ELLIS

Diamanten am Morgen

Die Figur eines Vamps, doch den Blick voller Unschuld: Sergej weiß nicht, ob er Clementine verführen oder beschützen soll. Sie flirtet, entzieht sich, kommt zurück – bis der starke Hüne schwach wird …

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Das Juwel des Wüstenprinzen

1. KAPITEL

Sar Abbas, Hauptstadt von Abbas al-Din

Vor drei Jahren

„Soll das ein Witz sein?“

Amber al-Qurib, die eben noch entspannt in ihrem Sessel gesessen hatte, versteifte sich und sah ungläubig zu ihrem Vater hoch. „Bitte sag mir, dass du mich zum Lachen bringen willst.“ Eine absurde Vorstellung, wie ihr im selben Moment bewusst wurde.

Scheich Aziz von Ardh al-Numur, dem Land der Tiger, blickte Amber ernst an. Beide trugen Trauerkleidung, doch geweint hatte der Scheich nur am ersten Tag nach der schockierenden Todesnachricht. Danach waren seine Augen trocken geblieben, bis auf ein paar Anstandstränen am Tag von Fadis Beerdigung. „Ich pflege nicht zu scherzen, wenn es um dich oder die Zukunft unseres Landes geht, Amber.“

Nein, natürlich nicht. Ihr Vater machte keine Witze, nie. „Aber … mein Verlobter ist doch erst seit sechs Wochen tot“, protestierte sie schwach. Ihre Stimme klang belegt vom vielen Weinen. Was für ein sinnloser Tod … verunglückt bei einem Autorennen als Beifahrer von Alim, seinem jüngeren Bruder. Ein Rennspektakel, das in Abbas al-Din jede Menge Aufsehen erregt hatte, ebenso wie die bevorstehende Hochzeit zwischen Amber und Fadi.

Und dann war alles vorbei gewesen, von einem Moment auf den anderen. Auch jetzt noch kam es Amber völlig unwirklich vor. Wie konnte ihr Verlobter tot sein? Und sie sollte im nächsten Monat seinen Bruder Alim heiraten, der mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus lag und um sein Leben kämpfte …

„Es … es erscheint mir nicht angemessen.“ Amber versuchte, stark zu klingen, entschlossen. Aber wie immer versagte bei einer Konfrontation mit ihrem Vater ihr Selbstvertrauen.

Wie sehr sie seinen geduldigen, leidgeprüften Blick hasste! Sie kam sich dann immer schrecklich egoistisch vor oder, schlimmer noch, wie ein dummes kleines Mädchen. „Es gibt Wichtigeres als das Gerede der Leute, Amber. Das verstehst du doch sicher.“

Oh ja, sie verstand – natürlich. Scheich Fadis plötzlicher Tod hatte nicht nur sein, sondern auch ihr Land schwer erschüttert. Der von allen verehrte Herrscher von Abbas al-Din war auf tragische Weise ums Leben gekommen, bevor er heiraten und einen Erben zeugen konnte. Ambers Volk betrauerte die gescheiterte Allianz mit einem Land, das so viel stärker und wohlhabender war als das eigene. In dieser kritischen Situation war es überaus wichtig, beiden Völkern Stabilität zu bieten.

Fadi, dieser Dummkopf! Eine Woche vor der geplanten Hochzeit hatte er für dieses lächerliche Autorennen sein Leben riskiert – in dem Bewusstsein, dass er sie nicht wollte und sie ihn auch nicht. Amber strich sich über die rot geschwollenen Augen. Immerhin hatten sie einander respektiert und sich gemocht. Keine schlechte Ausgangsbasis für eine arrangierte Ehe. Tausende von Paaren waren mit weniger angetreten.

Sie hätten es geschafft, dass ihre Ehe funktionierte. Doch jetzt … Es kursierten bereits die ersten Gerüchte. Und sie verursachten Amber quälende Albträume. Hatte Fadi tatsächlich absichtlich sein Leben aufs Spiel gesetzt, um einer Ehe mit ihr zu entkommen?

„Amber?“ Die Stimme ihres Vaters klang erschöpft, sogar verunsichert. „Die Dynastie muss fortgesetzt werden, das weißt du.“

„Dann lass eine andere sie fortsetzen“, konterte sie unwirsch. „Habe ich nicht schon genug getan?“

„Wen schlägst du vor? Deine Schwestern Maya, Nafisah und Amal sind noch zu jung, ebenso wie deine Cousinen. Du bist die Älteste und bereits mit der Familie al-Kanar verbunden. Die Tradition sieht vor, dass sie einen neuen Ehemann innerhalb des Familienclans für dich finden. Und du wirst ihr Angebot annehmen, das bist du der Ehre und dem Wohlergehen unserer Familie schuldig.“

Scham mischte sich mit Zorn, aber Amber presste die Lippen zusammen und schwieg, während es in ihr brodelte. Warum wurde ihr eine so schwere Last auferlegt? Ich bin doch erst neunzehn! wollte sie herausschreien.

Es war so furchtbar ungerecht … Einige hatten den ganzen Spaß, die anderen durften sich mit lebenslangen Verpflichtungen herumplagen. Alim zum Beispiel – er hatte die Verantwortung schon vor Jahren gegen eine Karriere als Rennfahrer eingetauscht. Während seinem jüngsten Bruder – wie hieß er noch gleich? – die ganze Arbeit aufgebürdet worden war. Gut, Alim hatte sich nicht nur als Rennfahrer einen Namen gemacht, sondern auch als Geologe. Er hatte auf diese Weise zum Ruhm und Wohlstand seines Landes beigetragen.

In diesem Moment wurde Amber bewusst, wer der nächste Heiratskandidat sein könnte – ein Gedanke, den sie alles andere als abschreckend fand.

Sie spürte die Hand ihres Vaters schwer auf ihrer Schulter und musste sich beherrschen, nicht zurückzuzucken. Die Geste war nicht tröstlich gemeint, wie Amber sehr wohl wusste, sondern sollte ihr bedeuten, dass es sinnlos war, sich gegen ihr Schicksal aufzulehnen. Frauen ihres Standes fügten sich ohne zu klagen in ihr Los, Tränen waren nicht erlaubt. Höchstens in der Abgeschiedenheit ihrer Privaträume.

„Du weißt doch, Amber, diese Heirat ist unausweichlich. Ein Bruder oder der andere, was macht das schon für einen Unterschied für dich? Du bist erst zwei Monate vor seinem Tod hergekommen und kanntest Fadi ja kaum. Und in den zwei Monaten hat er entweder gearbeitet, oder er ging aus.“

Ihre Wangen brannten, sie senkte den Kopf. Natürlich wusste sie genau, wohin Fadi immer gegangen war: zu seiner Geliebten, mit der er sogar ein Kind hatte. Bei seiner Rückkehr haftete ihm jedes Mal Rafas Geruch an. Jedes Mal hatte er mit schmerzerfülltem Blick beteuert, dass er mit Rafa Schluss machen würde, sobald sie erst verheiratet wären. Rafa, seine wahre Liebe, die unstandesgemäße Rafa, ein ehemaliges Dienstmädchen, das er nie zu seiner rechtmäßigen Ehefrau hätte machen können …

Eine tragische Geschichte … Amber errötete. Auch sie war in einen anderen verliebt, wenn auch nur von Weitem. Fadi hatte das gewusst, sie verstanden und getröstet. Was für einen guten Freund sie mit ihm verloren hatte! Ein unersetzlicher Verlust. Und doch … Ja, und doch erlaubte sich ihr verräterisches Herz einen aufgeregten Hüpfer. Ihre heimliche Liebe war nicht länger verboten …

„Ich bin noch in Trauer. Trotzdem erwartest du, dass ich Fadis Bruder heirate, der zudem mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus liegt? Wirkt das nach außen hin nicht ziemlich … verzweifelt?“ Sie schämte sich ihrer erwartungsvollen Vorfreude, betete, dass ihr Vater ihr ihre wahren Gefühle nicht vom Gesicht ablas. „Kannst du Alim nicht bitten, die Hochzeit um ein paar Monate zu verschieben, bis …“

„Du wirst nicht Alim heiraten“, unterbrach der Scheich sie schroff.

Sie schoss aus ihrem Sessel hoch. „Was?“

„Es tut mir leid“, sagte ihr Vater leise. „Aber Alim ist letzte Nacht aus dem Krankenhaus verschwunden. Offenbar ist er nicht bereit, Fadis Erbe anzutreten. So schnell wird er sich wohl nicht wieder hier blicken lassen.“

Das war der richtige Augenblick für einen hysterischen Schreikrampf, den Amber sich selbstverständlich verkniff. Frauen ihres Standes beherrschten sich stets, auch wenn sie gerade von dem Mann, in den sie heimlich verliebt waren, sitzen gelassen wurden. „Wo ist er hin? Wie hat er es überhaupt geschafft, die Klinik zu verlassen?“

„Wir vermuten ihn in der Schweiz. Er muss seine Flucht während der wenigen Stunden, in denen er bei Bewusstsein war, vorbereitet haben, wahrscheinlich mithilfe des medizinischen Personals seines Rennteams.“

„Wie verzweifelt muss er gewesen sein, in seinem Zustand aus dem Krankenhaus zu fliehen, nur um einer Ehe mit mir zu entkommen.“ Amber verspürte einen Anflug von Übelkeit.

„Ich würde das nicht persönlich nehmen, Liebes. Er kennt dich ja kaum. Nein, ich denke, er hat es aus Prinzip getan. Vielleicht war es auch eine Art Trauerreaktion.“ Der Scheich schauderte, eine Regung, die Amber ihm gar nicht zugetraut hätte. „Man kann es ihm nicht verübeln, wenn man bedenkt, welche Rolle er bei Fadis Tod gespielt hat … Und dann aufzuwachen und überall auf seinem geschundenen Körper die transplantierte Haut seines Bruders zu entdecken … Vielleicht meinte er, ihm genug genommen zu haben. Sein Leben, seine Haut, grauenhaft … Dann auch noch die Braut seines Bruders zu heiraten, muss ihm vorgekommen sein, als hätte er es darauf angelegt.“

„Stimmt.“ Ihre Stimme klang bitter, das hörte sie selbst. Aber war das ein Wunder? Noch schlimmer konnte der Tag wohl nicht werden.

„Da du es vorziehst, nicht zu fragen, sage ich es dir. Harun, der jüngste der drei Brüder, ist an Fadis Stelle in der Erbfolge gerückt und hat sich einverstanden erklärt, dich zu heiraten.“

„Er war sicher hellauf begeistert!“, presste Amber hervor. „Abgewiesen von Bruder Nummer eins und zwei, wird jetzt also von mir erwartet, Bruder Nummer drei mit einem glückseligen Lächeln auf den Lippen zu nehmen. Muss ich denn jede Demütigung akzeptieren, Vater?“

„Du musst akzeptieren, was ich für dich bestimme, Amber.“ Es war keine Spur mehr von Wärme in seiner Stimme zu hören. „Dabei solltest du dankbar sein, dass ich mir so viele Gedanken um deine Verheiratung mache.“

„Oh, entschuldige bitte! Warum verfrachtest du mich nicht einfach ins Prinzessinnen-Asyl, damit ich dir nicht länger zur Last falle? Wie ein Hündchen, das, einmal verschenkt, wieder in deinen Besitz zurückgekehrt ist und für das jetzt ein neues Zuhause gesucht wird.“

„Schluss damit!“, unterbrach ihr Vater sie scharf. „Du bist eine schöne junge Frau. Es gab jede Menge Heiratskandidaten für dich, aber ich habe mich für die Familie al-Kanar entschieden. Es sind gute Männer.“

„Klar sind sie das! So gute, großartige Männer, dass sie wirklich alles tun, um mich nicht zur Frau nehmen zu müssen.“ Sie versuchte, so kalt wie möglich zu klingen. Wollte ihren Vater unter keinen Umständen merken lassen, wie es tatsächlich in ihr aussah. Alim, der attraktive und wilde Rennfahrer-Scheich, hatte seine Genesung, wenn nicht sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt, um ihr zu entfliehen. Eine größere Demütigung war wohl kaum vorstellbar … „Bin ich denn so abscheulich, Vater?“, brach es aus ihr heraus. „Was stimmt bloß nicht mit mir?“

„Ich verstehe, du musst deinen Gefühlen Luft machen.“ Eine äußerst unwürdige Anwandlung in seinen Augen, so wie er das Wort Gefühle betonte. „Ich darf dich aber daran erinnern, dass wir nicht zu Hause sind, Amber. Lautstarke Nervenzusammenbrüche schicken sich nicht für Prinzessinnen.“

„Kaum zu glauben, dass der Dritte im Bunde das Risiko wagt“, fuhr sie bitter fort, ohne auf die Worte ihres Vaters zu achten. „Biete ihm lieber eine meiner Schwestern an, vielleicht sind die al-Kanar-Brüder allergisch gegen mich.“

„Harun heiratet dich aus freien Stücken, Amber, daran besteht nun wirklich kein Zweifel“, wies der Scheich seine aufsässige Tochter zurecht.

„Oh, wie nobel von Bruder Nummer drei, die Bürde auf sich zu nehmen“, höhnte sie.

„Das reicht jetzt, Amber! Dein zukünftiger Mann hat einen Namen. Ich dulde nicht, dass du dich so aufführst und ihm Schande bringst. Er hat genug verloren!“

Natürlich … sie wusste, was von ihr erwartet wurde. „Ich verspreche, mich von nun an zu benehmen“, meinte sie gehorsam. „Meine Reaktion war unangemessen. Ich habe nichts gegen Harun. Es tut mir leid, Vater.“

„Das sollte es auch.“ Trotz ihrer Entschuldigung war der Scheich immer noch verärgert. „Harun war erst acht, als sein Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Keine drei Monate später starb seine Mutter. Jetzt hat er auch noch seinen ältesten Bruder verloren, der wie ein Vater für ihn gewesen ist.“

Er furchte düster die Stirn. „Kannst du dir vorstellen, wie schwer es gewesen sein muss, das plötzliche Machtvakuum auszufüllen, das der Tod des einen und der schwere Unfall des anderen Bruders hat entstehen lassen? Das Land stand kurz vor einem Putsch. Jetzt ist Harun ganz allein mit der Verantwortung und muss an Alims Stelle die Position des Regenten übernehmen. Und das alles im Zustand tiefster Trauer. Er hat seine gesamte Familie verloren, Amber. Ist es wirklich zu viel verlangt, dass du aufhörst, ihn zu verspotten, und dich wie eine erwachsene Frau benimmst? Dass du ihm beistehst in dieser schlimmen Zeit?“

Jetzt schämte Amber sich ehrlich. Ihr Vater hatte recht, Harun war der eigentliche Leidtragende in dieser Geschichte. „Nein, das ist nicht zu viel verlangt. Verzeih mir bitte. Es ist nur … Er kommt mir immer so still, so zurückgezogen vor. Sagt nie ein Wort zu mir außer ‚Guten Morgen‘ und ‚Guten Tag‘. Er schaut mich kaum an und ist mir vollkommen fremd, verstehst du? Und ihn soll ich in einem Monat heiraten? Ist es nicht möglich, ihn erst einmal ein bisschen näher kennenzulernen und die Hochzeit zu verschieben? Sagen wir, um ein paar Monate?“

„Leider nein, es muss jetzt sein.“ Der Scheich klang bekümmert. Diesmal war es nicht, um ihr Schuldgefühle einzuflößen. „Die Haie umkreisen Harun bereits. Du weißt ja, wie instabil die Golfregion seit zwei Jahren ist. Früher wurde das Land von der al-Shabbat-Familie regiert. Bis Murans Verrücktheit dazu führte, dass Aswan vom al-Kanar-Clan die Macht übernahm. Seitdem betrachten die Clanführer der al-Shabbats die al-Kanars als Eindringlinge. Wenn es je eine Chance für sie gab, zu putschen und das letzte lebende Mitglied der Herrscherfamilie zu töten, dann jetzt.“

Amber schauderte. „Sie würden wirklich so weit gehen, Harun zu ermorden?“

Ihr Vater nickte grimmig. „Nicht nur ihn, sondern auch Alim. Im Grunde ist es keine ungünstige Wendung, dass er das Land verlassen hat und niemand seinen genauen Aufenthaltsort kennt. Im Krankenhaus wäre es ein Leichtes gewesen, ihn umzubringen. Einen Arzt oder eine Schwester bestechen, die Injektion eines tödlichen Gifts in den Infusionsbeutel, schon hätten die al-Shabbats die Macht in Abbas al-Din erneut an sich gerissen. Eine Nation, die unter den al-Kanars zu ungeahntem Wohlstand aufgeblüht ist.“

„Ich verstehe“, sagte Amber leise.

„Für uns ist diese Allianz unschätzbar wichtig“, fuhr ihr Vater eindringlich fort. „Es gab genug andere Herrscherfamilien, die über die Verheiratung einer Tochter eine Allianz mit diesem machtvollen Land gesucht haben. Dass die Wahl auf uns fiel, ein vergleichsweise armes Land, ist eine große Ehre. Es hat unser Volk mit Hoffnung erfüllt. Um ganz ehrlich zu sein: Hätte ich die Wahl gehabt, wem der drei Brüder ich dich zur Frau gebe, hätte ich mich immer für Harun entschieden.“

Die plötzliche Sanftheit in der Stimme ihres Vaters entging Amber. Sie war viel zu sehr mit ihrem Kummer beschäftigt. „Mir bleibt also keine Wahl, die Sache ist beschlossen.“ Sie konnte sich entweder dagegen auflehnen – oder die Zukunft in Würde akzeptieren.

„So ist es, mein Kind.“

Amber presste die Lippen zusammen und drängte die Tränen zurück. Wahrscheinlich sollte sie sogar dankbar sein, dass Harun sie vor der öffentlichen Schande bewahrte. Großartig, wirklich. Fadi war wenigstens ein Freund gewesen, und sie hatte ihn gemocht. „Auch ich werde meine Pflicht erfüllen, Vater“, sagte sie schließlich ergeben. „Wer weiß, am Ende entwickelt sich aus unserem gemeinsamen Verlust vielleicht so etwas wie eine Freundschaft zwischen Harun und mir.“

Der Scheich tätschelte ihr gütig die Hand. „Das klingt schon eher nach meiner tapferen Amber. Harun ist ein guter Mensch, auch wenn er ein bisschen still zu sein scheint. Ich weiß …“

An dieser Stelle hielt er kurz inne. Amber wünschte, er würde nicht aussprechen, was ihn so sichtlich zögern ließ. Doch den Gefallen tat er ihr nicht. „Ich weiß, du hast Alim sehr … bewundert. Das ist ja auch nur natürlich bei seinem blendenden Aussehen und seinem sportlichen Auftreten. Macht und Wohlstand seines Landes sind ihm zu verdanken, kein Zweifel.“

„Bitte, hör auf“, bat Amber gequält. „Sprich nicht weiter, Vater.“

Doch der Scheich fuhr unbarmherzig fort: „Amber, mein Kind, du bist noch zu jung … Zu jung, um zu verstehen, dass es nicht immer Männer wie Alim sind, die Geschichte schreiben. Die wahren Helden agieren nur zu oft im Verborgenen. Ich glaube ganz fest, dass Harun das Potenzial zu einem solchen Helden hat. Also rate ich dir, den Mann, den ich für dich ausgewählt habe, noch einmal genau anzuschauen. Wenn ihr nur wollt, könnt ihr ein angenehmes Leben zusammen führen. Gib ihm eine Chance, und du wirst feststellen, dass ihr gut zusammenpasst.“

„Ja, Vater.“ Die Aussicht, gut zusammenzupassen, ein angenehmes Leben zu haben … Wie schal klang das im Vergleich zu diesem winzigen Moment der Hoffnung, einen Mann heiraten zu dürfen, dem ihre Leidenschaft, ihre Liebe gehören könnte!

In diesem Moment erregte eine Bewegung hinter der Tür ihre Aufmerksamkeit. Sicher das verflixte Personal, gierig nach Tratsch und Klatsch. Stolz hob sie das Kinn an und fixierte die Tür mit eisigem Blick. Sie spürte, wie jemand dahinter zurückwich, einen Schritt, zwei Schritte …

Gut so. Sollte die impertinente Dienerschaft nur gleich merken, dass sie sich keine Unverschämtheiten mit der neuen Herrscherin erlauben durfte. Und Herrscherin würde sie sein, das war beschlossen.

„Wenn du nichts dagegen hast, Vater, möchte ich jetzt gern ein bisschen allein sein“, bat sie leise.

„Du bist ein gutes Mädchen, du trauerst aufrichtig um Fadi.“ Noch einmal tätschelte er ihr die Hand, bevor er den Raum durch die Zwischentür verließ, die ihre beiden Zimmer verband.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, sagte Amber laut in den Raum hinein: „Wenn ich irgendwelche Gerüchte höre, was hier heute gesprochen wurde, werde ich dafür sorgen, dass ihr alle ohne Referenzen fristlos entlassen werdet. Ist das klar?“

Die Antwort war ein leises Rascheln und sich hastig entfernende Schritte. Erst als diese verklungen waren, warf Amber sich auf ihr Bett, um ihren Schmerz laut herauszuweinen. Sie weinte um den sanftmütigen Freund, den sie verloren hatte, um das, was hätte sein können, und sie dachte voller Grauen an den Albtraum, der ihr bevorstand.

Hinter der angelehnten Tür zu den Räumen von Prinzessin Amber ließ ein Mann die Hand sinken und trat einen Schritt zurück: Harun al-Kanar, Objekt der hitzigen Diskussion in dem Zimmer, das er gerade hatte betreten wollen.

Natürlich hatte er nicht beabsichtigt, zu lauschen. Doch als er zufällig seinen Namen hörte und durch den Spalt in der Tür Ambers verzweifeltes Gesicht sah, war er wie gelähmt gewesen vor Schreck. So sehr graute seiner Braut also vor der Ehe mit ihm … Nun, jetzt wusste er wenigstens Bescheid.

Abrupt wandte er sich um und floh in die Abgeschiedenheit seiner Räume. Er brauchte Ruhe, Zeit zum Nachdenken, die ihm nicht vergönnt schien. Dringende Staatsgeschäfte warteten auf ihn, unter anderem eine ziemlich überstürzte Vereidigungszeremonie. Nach Meinung seiner Berater duldete diese im Interesse der Stabilität des Landes keinen Aufschub.

Während der folgenden fünf Stunden war Harun also damit beschäftigt, sich dem Protokoll zu fügen und seine Antrittsrede zu halten. Keiner der Anwesenden merkte, wie sehr er in Gedanken mit der Trauer um seinen neun Jahre älteren Bruder beschäftigt war: Fadi, eher Vaterfigur als Bruder.

Seit Alims Verschwinden fühlte Harun sich entsetzlich einsam und allein. Was er natürlich perfekt zu verstecken wusste. Jahrelanges Training hatte ihn gelehrt, sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen. Sie zählten sowieso nicht, denn seine einzige Aufgabe war es, seinem Volk zu dienen. Ein verantwortungsvoller neuer Regent wurde gebraucht, und den würde sein Volk bekommen.

Und doch … Harun ertappte sich dabei, wie seine Gedanken während der Zeremonie ständig abschweiften. Nicht nur zu Fadi …

Dunkle Augen, sanft wie geschmolzener Honig. Samtige Haut im selben Farbton, rosige, volle Lippen und bezaubernde Grübchen, wenn diese Lippen lächelten. Eine Flut seidig schimmernder langer, dunkler Haare und der wiegende Gang: Visionen, die ihn alles um sich herum vergessen ließen, störten seine Konzentration auf die altehrwürdige Zeremonie.

Abends schließlich, als sich die Dunkelheit über die Stadt herabsenkte, saß Harun an seinem Schreibtisch und aß ein schlichtes Sandwich. Das Staatsbankett hatte er wenige Minuten nach Bekanntgabe seiner Verlobung mit Amber verlassen. Er hatte wichtige Geschäftsangelegenheiten vorgeschützt, denn er wollte Amber seine Gesellschaft nicht länger als unbedingt nötig zumuten. Ihr erstaunter, verletzter Blick hatte ihn kurz irritiert, doch dieses Bild verdrängte er entschlossen.

Konzentriert arbeitete er sich durch den Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch, nur unterbrochen von einigen Anrufen anderer gekrönter Häupter und Präsidenten, die ihm gratulieren wollten. In ruhigen Momenten sah er immer wieder Ambers Gesicht vor sich. Doch dann verscheuchte er das verlockende Bild, um sich erneut in die Arbeit zu stürzen.

Ihre Worte hingegen gingen ihm nicht aus dem Kopf. Sie hatte ganz recht, bis jetzt hatte er sie kaum eines Blicks gewürdigt. Aber nicht, weil er sie nicht mochte, sondern weil er es nicht wagte, sie anzuschauen. Zu sehr schämte er sich dafür, dass es ausgerechnet die Verlobte seines Bruders war, nach der er sich in unruhigen Nächten verzehrte. Selbst ihr Name erfüllte ihn mit schmerzlicher Sehnsucht: Amber, Bernstein, kostbar und wunderschön.

Bis gestern hätte er nie zu träumen gewagt, dass er sich einmal mit diesem Juwel würde schmücken können.

Scheich Aziz’ Angebot, Amber zur Frau zu nehmen, hatte den trauernden Harun völlig überrascht. Ohne weiter darüber nachzudenken, hatte er Ja gesagt. Und mit diesem Ja keimte eine Regung in ihm auf, die er schon nicht mehr für möglich gehalten hatte: Hoffnung. Hoffnung, seinen ganz persönlichen Albtraum nicht länger allein durchstehen zu müssen. Hoffnung, dass sie einander Trost schenken könnten. Deshalb war er heute zu Amber gegangen, um ihr das zu sagen.

Eine Hoffnung, die in tausend Scherben zerbarst, als er die Unterhaltung zwischen ihr und ihrem Vater mit angehört hatte. Natürlich wollte Amber Alim, seinen attraktiven, charismatischen Bruder, den Helden der Nation. Welche Frau wollte ihn nicht?

So hatte sich Haruns flüchtiger Traum von Hoffnung und Trost in einen weiteren Albtraum verwandelt. Es gab kein Entkommen, weder für ihn noch für sie.

Dummkopf! Hatte er nicht schon vor langer Zeit lernen müssen, dass ihm solche Träume nicht vergönnt waren? Fadi, dem zukünftigen Herrscher, ja. Auch Alim, dem Helden und Liebling der Nation. Wie stolz seine Eltern auf ihn gewesen wären … Alim, das Goldkind. Natürlich gehörte Ambers Herz ihm – und natürlich legte Alim gar keinen Wert darauf. Er hatte sie kurzerhand zurückgewiesen, hatte Harun die Verantwortung für sie und das Land überlassen und sich einfach in die Schweiz abgesetzt. Ohne Abschied oder Erklärung.

Und doch liebte Harun seinen Bruder. Er würde alles für ihn tun, wie jedermann hier. Das wusste Alim nur zu gut. Er wusste, Harun würde die Regierungsverantwortung klaglos übernehmen und sich für sein Volk aufopfern.

So war er erzogen worden – die Pflichten gegenüber seinem Land zu heiligen.

Also würde er Amber heiraten. Aber er würde sie nicht anrühren, das schwor er sich. Er hatte genug davon, hinter seinem Bruder die Scherben aufzukehren. Wie oft hatten dessen Verflossene verzweifelt im Palast angerufen, sich ihm sogar angeboten, in der vagen Hoffnung, er könnte Alim umstimmen … Genug war genug.

Du bist nur heiß auf sie, mehr ist es nicht, sagte er sich nüchtern. Dieses Verlangen konnte er unterdrücken, das musste möglich sein. Zumindest immer noch besser, als mit ihr zu schlafen, während sie willenlos an die Decke starrte und an Alim dachte …

Sein Magen schmerzte, Harun war der Appetit vergangen. Achtlos warf er den Rest seines Sandwiches in den Papierkorb.

Erst weit nach Mitternacht zog er sich in sein Schlafzimmer zurück. Er scheuchte die wartenden Dienstboten unwirsch weg, ließ sich schwer auf die Brokatdecke seines reich verzierten Bettes sinken, zerrte das Moskitonetz beiseite und streckte sich aus. Zum Schweigen verdammt, denn jedes ungewohnte Geräusch würde seine Bodyguards auf den Plan rufen.

Vielleicht würde sein stummes Flehen erhört.

Fadi, mein Bruder, mein Vater! Oh Allah, ich bitte dich, lass Alim leben und zu mir zurückkehren!

Drei Tage später wurde Sar Abbas von den schwer bewaffneten Rebellen des al-Shabbat-Clans erobert.

Weitere acht Wochen später waren die Rebellen in die Flucht geschlagen und Harun der neue Held seines Volkes. Die Krönung der Siegesfeierlichkeiten war die Hochzeit mit Amber gewesen, ein prunkvolles Fest, das drei Tage dauerte.

Jetzt stand Amber mit wild pochendem Herzen in der Brautsuite, bereit für die Hochzeitsnacht und wie ein Leckerbissen zurechtgemacht für ihren Mann: mit seidig schimmerndem, offenem Haar, verführerisch parfümiert, in einem durchscheinenden cremefarbenen Negligé. Ihre Haut duftete nach kostbaren Cremes und Essenzen, mit denen die Frauen sie massiert hatten. Jedes überflüssige Härchen an ihrem Körper war entfernt worden, die Handflächen und Fußsohlen zierten kunstvolle Henna-Tattoos.

Aufgeregt fragte sie sich, wie es wohl sein würde, mit Harun zu schlafen. Selbstverständlich war sie nie zuvor mit einem Mann zusammen gewesen. In ihrer Kultur war es üblich, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Also hatte sie nur eine theoretische Vorstellung davon, was sie im Ehebett erwartete.

In der westlichen Welt lernten die jungen Frauen bereits vor der Ehe, wie man einen Mann befriedigte … und sich selbst. In Ambers Welt war dieses Thema ein striktes Tabu. Es war Aufgabe des Ehemanns, ihr all das beizubringen, was sie wissen musste, um ihm Lust zu bereiten.

Wenn er ihr wenigstens nicht so völlig fremd gewesen wäre … Zwar hatte sie die paar Monate Aufschub erhalten, die sie sich gewünscht hatte. Doch nicht um ihretwillen, sondern weil Harun persönlich mit seinen Männern in die Schlacht gegen die Rebellen gezogen war. Man munkelte, er sei mehrmals verwundet worden und trüge Narben der Ehre an seinem Körper.

Nicht nur sein Volk sprach voller Bewunderung über ihn. Indem er den al-Shabbat-Rebellen verziehen hatte und niemand unter Strafe gestellt worden war, hatte er sich nicht nur deren Loyalität erworben sowie seinen neuen Ehrentitel, sondern auch Ambers tiefen Respekt.

Wenn Alim „der Löwe“ für sein Volk gewesen war, so nannten sie Harun nun „den Tiger“. Welch gutes Omen, da Amber aus dem Land der Tiger stammte. Dies war zweifellos eine von Allah gesegnete fruchtbare Verbindung – so sah es jedenfalls das Volk.

Doch Harun hatte sich durch die Bescheidenheit, mit der er auf seinen Ruhm reagierte, auch die Bewunderung seiner jungen Braut verdient. Die Erwähnung seines Namens ließ nun ihr Herz schneller schlagen. Sie war bereit, die Mutter seiner Kinder zu werden.

Als die Haupttür geöffnet wurde, huschte auch das letzte Dienstmädchen aus dem Raum.

Nervös drehte Amber sich zu Harun um – und ihr stockte der Atem. Seltsam, aber erst in letzter Zeit war ihr die frappierende Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Bruder Alim aufgefallen. Harun wirkte zwar ruhiger und ernster, aber nicht weniger faszinierend.

Amber musste sich beherrschen, ihn nicht anzustarren. Er sah so stark und gut aus, mit geheimnisvoll blitzenden grünen Augen. Plötzlich war ihr ganz schwindlig vor Aufregung, und sie griff Halt suchend nach dem Bettpfosten. Dies war der Mann, der als Held nach Hause zurückgekehrt war. Ihr Mann.

„Wehe, jemand wagt es, uns zu belauschen oder herumzuspionieren“, rief er streng in Richtung Tür. Schlurfende Schritte entfernten sich eilig, dann war alles still.

Respektvoll neigte Amber den Kopf. „Harun …“ Sie stockte, wusste nicht, was sie sagen sollte. Doch bestimmt verstand er sie auch so, oder?

Gelassen schloss er die Tür hinter sich und lächelte Amber an. „Setz dich doch bitte.“

Dankbar ließ sie sich aufs Bett sinken.

Ein langer, nachdenklicher Blick streifte sie, der sie verlegen machte. Ihr Herz klopfte wild, während sie darauf wartete, dass er zu ihr kam, um sie zu küssen.

„Und?“ Stolz hob sie den Kopf, ganz hoheitsvolle Prinzessin. Harun musste ja nicht merken, dass sie vor Nervosität förmlich verging. „Finde ich Gnade vor deinen Augen?“

Einen Moment lang glaubte sie fast, er würde lachen. Tatsächlich hatte sie ihn seit seiner heldenhaften Rückkehr nicht mehr lachen sehen. Nur manchmal, in einem seltenen entspannten Moment, stahl sich ein verräterisches Blitzen in seine grünen Augen.

„Du weißt sicher selbst, wie schön du bist, Amber. Außerordentlich schön sogar.“

„Danke“, erwiderte sie leise, plötzlich noch mehr verunsichert. Er fand sie schön? Der Eisberg in ihr begann zu schmelzen …

Harun wandte sich ab, zog einen Stapel Papiere aus den Falten seines Gewands und setzte sich an den kleinen Schreibtisch, der in einer Ecke des Raumes stand. „Oh, ich habe meinen Stift vergessen. Hast du vielleicht einen griffbereit?“

Amber stutzte. Er hatte sich für die Hochzeitsnacht Arbeit mitgebracht? „In der mittleren Schublade müsste einer liegen“, erwiderte sie. Was für eine absurde Situation …

„Danke.“ Er klang geistesabwesend, mit den Gedanken schon bei der Arbeit. Dann begann er konzentriert zu lesen, blätterte Seite für Seite durch, wobei er den Rand hin und wieder mit Notizen versah.

Sie blinzelte, unfähig zu begreifen, was sie da sah. „Harun …“

Zehn Sekunden vergingen, mindestens, ehe er den Kopf hob, um sie zerstreut anzusehen. „Was …? Hast du etwas gesagt, Liebes?“ Sein unterkühlter Ton machte deutlich, dass er nicht gestört werden wollte.

„Ja, das habe ich“, fauchte sie wütend. Bittere Worte brannten ihr auf der Zunge:

Das ist unsere Hochzeitsnacht! Wieso arbeitest du?

Was ist los mit euch al-Kanar-Männern?

Willst du mich nicht?

Worte, die sie tapfer herunterschluckte. Ihr Stolz bewahrte sie davor, sich völlig lächerlich zu machen, indem sie vor Harun in Tränen ausbrach. Jener perfekt einstudierte Stolz, ihre einzige Waffe in einem zwar luxuriösen, aber fremdbestimmten Dasein. Frostig brachte sie hervor: „Morgen früh erwarten alle, einen Blutfleck im Laken zu finden, sonst gibt es Gerede. Es wird heißen, ich sei keine Jungfrau mehr gewesen, eine Schande für dein und mein Land. Willst du mir das wirklich antun?“

Er versteifte sich, schien etwas sagen zu wollen, besann sich dann offensichtlich anders und meinte nach einer Weile gelassen: „Du hast recht, das hatte ich nicht bedacht.“ In einer einzigen fließenden Bewegung streifte er sich den Kaftan ab und entblößte seinen nackten Körper vor ihr.

Und was für einen Körper! Wieder fing ihr Herz wild an zu pochen. Selbst die tiefen Narben über seinem Bauch und auf seinem Rücken konnten ihn nicht entstellen. Diesen schlanken, stahlharten Körper, den Körper eines Kriegers, die Haut schimmernd wie geschmolzene Bronze. Atemlos sah sie ihm entgegen, als er jetzt auf sie zukam.

Doch dann ging er um das Bett herum, ohne sie auch nur eines Blicks zu würdigen. Er tat so, als sei sie gar nicht vorhanden, legte etwas auf die Bettdecke und wischte die vielen Rosenblüten beiseite, die den schweren Brokatstoff übersäten. „Ich mag den Geruch nicht. Er widert mich an.“

„Mir gefällt er“, erwiderte sie und kam sich im selben Moment wie eine alberne Gans vor.

Achselzuckend hielt er inne. „Wie du willst, es ist dein Bett.“

Plötzlich bemerkte sie den Dolch in seiner Hand, ein kunstvoll gearbeitetes Stück mit einem fein ziselierten, goldenen Griff. Amber schnappte nach Luft. „Was …“

Schon setzte Harun zu einem kleinen Schnitt tief in seiner Armbeuge an und fing die Blutstropfen mit der hohlen Hand auf. „Ich rette deinen Ruf, meine Liebe.“ Ein spöttisches Lächeln um die Lippen, fügte er hinzu: „Rasch, zieh die Überdecke weg, bevor das Blut auf den kostbaren Brokat tropft. Stell dir vor, das wäre ein gefundenes Fressen für die Klatschsucht der Dienerschaft.“

Sprachlos und schockiert tat sie, was er von ihr verlangte, und er verschmierte das Blut sorgfältig auf dem jungfräulich weißen Laken. „So, das sollte reichen.“ Zufrieden betrachtete er sein Werk, dann verschwand er im Bad, um sich die Hände zu waschen.

Anschließend kehrte er völlig gleichmütig zum Schreibtisch zurück, schlüpfte wieder in seinen Kaftan und setzte sich an seine Arbeit, als hätte er diese nie unterbrochen.

Mit wachsendem Zorn beobachtete Amber ihn, die vor lauter Empörung nicht wusste, wohin mit sich. Das konnte nur ein schlimmer Albtraum sein, unmöglich passierte das wirklich! Verschmäht in ihrer Hochzeitsnacht … das war einfach zu viel.

Nur mit Mühe schaffte sie es, ihre Frustration nicht laut herauszuschreien. Als sie es nicht länger aushielt, stürmte sie ins Bad, riss sich das lächerliche Negligé herunter, wobei der hauchzarte Stoff zerriss, und schleuderte es achtlos in die Ecke. Dann stellte sie sich unter die Dusche, bearbeitete ihre schimmernde Haut mit einem Peelinghandschuh und schrubbte sich all die duftenden Essenzen und das Make-up herunter, bis ihre Haut gerötet und ihre Wut abgeebbt war.

Erschöpft wickelte sie sich in ein flauschiges Badetuch, nicht länger zornig, nur schrecklich traurig und gedemütigt. Was stimmte nicht mit ihr, dass drei Brüder sie abgewiesen hatten? Wobei Haruns Demütigung die schlimmste von allen war. Wenn je bekannt wurde, was sich in ihrer Hochzeitsnacht in dieser Suite abgespielt hatte, würde der Ruf der Unglücksbraut für immer an ihr haften bleiben. So nannten sie schon jetzt manche hinter vorgehaltener Hand.

Na warte, dachte sie, erneut vor Zorn bebend. Eines Tages wirst du auf Knien angekrochen kommen, damit ich dich in mein Bett lasse, und dann …

Wenn sie doch bloß selbst daran glauben könnte.

2. KAPITEL

Drei Jahre später

„Prinzessin Amber, Scheich Harun wünscht Sie zu sehen.“

Verblüfft ließ Amber die Morgenzeitung sinken. Ihre Zofe Halala schien genauso aufgeregt wie sie selbst. Endlich …

Das Palastgetuschel konnte sie sich jetzt schon lebhaft vorstellen: Ist er doch noch zu ihr ins Bett gekommen?

Allein der Gedanke daran, dass jeder hier um den Zustand ihrer Ehe wusste, ließ ihre Wangen brennen. So ruhig wie möglich sagte sie: „Dann führe ihn herein und lass uns allein. Und zu niemandem ein Wort, hast du verstanden?“, fügte sie mit flammendem Blick hinzu.

Nachdem Halala hinausgehuscht war, strich sich Amber mit bebenden Händen über ihr Kleid, dessen einziger Vorzug es war, bequem zu sein. Bliebe ihr doch wenigstens Zeit, sich umzuziehen und ein bisschen herzurichten! Was Harun wohl wollte?

Bevor sie weiter darüber nachgrübeln konnte, stürmte er auch schon herein und füllte den Raum mit seiner männlichen Präsenz. Gut sah er aus, mit blitzenden dunkelgrünen Augen, geheimnisvoll wie die Tiefen der Wälder, und Haut wie geschmolzener Bronze. Besonders entzückend fand Amber die kleine Kerbe in seinem Kinn.

„Guten Morgen, Amber.“ Er kam ihr fast schon aufgewühlt vor, auf jeden Fall lebendiger als sonst. Allerdings sicher nicht wegen ihr, denn er hatte sie kaum angeschaut, seitdem er hereingekommen war. Sie schalt sich eine dumme Gans, weil sie sich um ihr Kleid Gedanken gemacht hatte, das er gar nicht zu registrieren schien. Noch dümmer war, dass es sie nach all den Jahren immer noch schmerzte.

Warum ihr Vater ausgerechnet ihn als perfekten Ehemann ausgewählt hätte … Das würde sie wohl nie begreifen. In ihren Augen war Harun kein menschliches Wesen, sondern ein Roboter. Zumindest, was den Umgang mit ihr betraf. Natürlich gab es Gerüchte … Gerüchte über andere Frauen …

Unwillig verscheuchte sie diesen Gedanken und suchte wie immer Zuflucht in ihrem Stolz. „Welchem Umstand verdanke ich die Ehre?“ Sie konnte sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Es muss wohl wichtig sein, wenn du dich nach drei Jahren endlich einmal freiwillig hier zeigst.“

Mit dieser spitzen Bemerkung handelte sie sich einen kalten Blick ein. „Wenn wir schon dabei sind, meine Liebe … Wir wissen doch beide, dass es überhaupt das erste Mal ist, dass ich freiwillig hier bin. Die Hochzeitsnacht mit eingeschlossen.“

Wieder brannten ihre Wangen vor Wut und Scham, wie immer, wenn sie an diese grauenhafte Nacht zurückdachte. Gleichmütig wandte sie sich ab und brachte beinahe beiläufig hervor: „Dafür bist du mir immer noch eine Erklärung schuldig.“ In ihrem Ton schwang Neugier mit. Zum Glück ließ sie Harun aber nicht jene verzweifelte Besessenheit ahnen, mit der Amber diese Frage seitdem verfolgt hatte.

Schon absurd, dass sie es in drei Jahren nicht geschafft hatte, eine Antwort zu erhalten. Doch Harun hatte eine wahre Meisterschaft darin entwickelt, unter allen Umständen zu vermeiden, mit ihr allein zu sein. Nur ein Mal hatte sie ihren Stolz heruntergeschluckt, war Harun gefolgt und hatte ihn gebeten, zu ihr zu kommen, ihr wenigstens ein Kind zu schenken … um erneut von ihm abgewiesen zu werden.

„Sicher ist dir nicht entgangen, dass ich sehr beschäftigt bin, Liebes. Außerdem sehe ich keinen Sinn darin, mich aufzudrängen, wo ich nicht willkommen bin.“

Das Brennen in ihren Wangen verstärkte sich. „Natürlich bist du willkommen“, stammelte sie. „Schließlich bist du mein Mann.“

„Das hat auch der Imam behauptet, der uns verheiratet hat“, kommentierte er achselzuckend.

Amber wollte etwas darauf erwidern, besann sich dann aber anders. Nein, als Mann und Frau konnte man sie wirklich nicht bezeichnen, das waren sie nie gewesen. Sie konnten sich ja nicht einmal normal unterhalten, ohne verzweifelte Vorwürfe von ihrer Seite und kaltem Schweigen von seiner.

„Ich bin nicht hier, um mit dir zu streiten.“ Endlich sah er sie richtig an, und ihr Herz begann zu klopfen, so ungern sie sich das auch eingestand. „Alim ist wieder aufgetaucht“, erklärte Harun schroff.

Amber erstarrte. Nachdem Alim vor drei Jahren aus der Berner Klinik verschwunden war, hatten weder der Geheimdienst noch Privatdetektive ihn aufspüren können. „Er lebt?“

Harun nickte. „Er ist im Sudan, als Geisel eines sudanesischen Warlords, der einhundert Millionen US-Dollar verlangt.“

„Oh nein! Geht es ihm gut? Sie haben ihm doch nichts angetan, oder?“

Das darauffolgende Schweigen dehnte sich unangenehm lang aus. Haruns kaltem Blick entnahm sie, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Aber was?

Verunsichert nach den richtigen Worten suchend, fuhr sie fort: „Was wirst du unternehmen?“

„Bezahlen natürlich, was sonst? Immerhin ist er der eigentliche Herrscher von Abbas al-Din. Ihm verdankt das Land seinen Wohlstand.“ Harun zögerte einen Moment. „Außerdem ist er mein Bruder. Ich fliege nach Afrika. Ich will dabei sein, wenn sie ihn freilassen. Ich muss wissen, ob er nach Hause zurückkommt.“

Nichts anderes hatte Amber von ihm erwartet. Harun tat immer das Richtige. Was sie nicht erwartet hatte, waren die Tränen, die in seinen Augen schimmerten, die verräterische Heiserkeit seiner Stimme. „Du liebst ihn sehr“, sagte sie beinahe verwundert.

„Selbstverständlich tue ich das“, erwiderte er verärgert. „Er ist mein Bruder, der einzige aus meiner Familie, der mir geblieben ist. Vielleicht kommt er endlich nach Hause zurück.“

Erst jetzt wurde Amber bewusst, wie einsam sich Harun in den Jahren nach Fadis Tod und Alims Verschwinden gefühlt haben musste. Daran hatte sie nie einen Gedanken verschwendet, sie hatte sich nur über ihr eigenes Schicksal gegrämt. Wie schrecklich egoistisch, dachte sie beschämt. Während sie täglich mit ihrer Familie telefonierte oder skypte, hatte er niemanden, mit dem er sich austauschen konnte.

Die plötzliche, fast schmerzliche Sehnsucht, ihn tröstend in die Arme zu ziehen, erschreckte sie, denn er würde sie sowieso nur zurückweisen, wie er es immer tat. „Um deinetwillen hoffe und bete ich, dass er das tut.“

„Danke.“ Offenbar hatte sie wieder das Falsche gesagt, denn sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Macht es einen Unterschied für dich?“

Sie fuhr zurück. „Was hat Alims Rückkehr denn mit mir zu tun?“

Harun zuckte die Achseln, doch unter der kühlen Maske glomm ein Feuer. Ein Feuer, das sie zugleich faszinierte und erschreckte. „Er hat sich dem Warlord als Austausch für eine Krankenschwester angeboten, die ihm das Leben gerettet hat und für eine internationale Hilfsorganisation in Afrika im Einsatz ist. Eine heroische Geste, wie man sie nicht anders von dem draufgängerischen Rennfahrer-Scheich erwartet. Bald kann er sein Erbe und die Regentschaft antreten, die ihm zusteht. Ich werde dann einfach wieder nur Bruder Nummer drei sein.“

Jähe Eifersucht erfasste Amber, eine Regung, die sie zutiefst beschämte. Und doch wünschte sie sich mit der ganzen Kraft ihres Herzens, von einem Mann so sehr geliebt zu werden, dass er sein Leben für sie riskierte und sich freiwillig in die Hand eines zweifellos grausamen Warlords begab, der nicht zögern würde, ihn zu töten.

Plötzlich stutzte sie. Was hatte Harun da gerade gesagt? „Bruder Nummer drei? Wie kommst du auf diese Formulierung?“

„Ah, du erinnerst dich? Na ja, kein Wunder, du warst natürlich zu sehr damit beschäftigt, dich um Alim zu sorgen.“ Er hob spöttisch die Brauen. „Deine roten Wangen verraten dich, meine Liebe. Du musst lernen, deine wahren Gefühle besser zu verstecken.“

Sie funkelte ihn wütend an. „Gerade erfahre ich, dass dein Bruder irgendwo in Afrika als Geisel festgehalten wird. Und da soll ich mir keine Sorgen machen?“ Oh, wie sie Haruns demonstrativ zur Schau gestellte Gleichgültigkeit hasste! In diesem Moment hätte sie ihn am liebsten geschlagen. „Also, wirst du mir jetzt bitte deine geheimnisvolle Andeutung erklären?“

„Du kommst schon noch selbst darauf, Amber. Streng dich ein bisschen an … Oder vielleicht auch nicht. So wichtig war es sicher nicht für dich.“

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“

Wortlos suchte Harun ihren Blick, aber was immer er zu entdecken gehofft hatte, suchte er anscheinend vergeblich. Ein plötzliches Verlustgefühl erfasste sie und erfüllte sie mit einer bittersüßen Schwermut.

Bevor sie weiterfragen konnte, sagte Harun: „Übrigens, heute Nachmittag wirst du für einen Fernsehauftritt gebraucht, halte dich also bitte bereit. Ein kurzes Statement nach dem Motto: Wir sind unendlich erleichtert, dass Alim lebt, und natürlich bereit, das volle Lösegeld zu zahlen.“

Sie neigte leicht den Kopf, entgegnete aber ironisch: „Natürlich stehe ich zu deiner Verfügung. Präsentiere ich mich nicht immer als perfekte Ehefrau, zumindest vor der Kamera? Denn zu irgendetwas muss ich ja zu gebrauchen sein. Sonst hättest du dich wohl kaum so lange mit mir und meiner unfruchtbaren Gegenwart belastet.“

Ein harter Zug erschien um seinen Mund, doch seine Stimme klang sanft, als er erwiderte: „Ja, meine Liebe, du bist perfekt. Vor der Kamera.“

Ohne ein Wort des Abschieds verließ er die Suite. Kaum war er gegangen, da begriff Amber, was er mit seiner rätselhaften Bemerkung gemeint hatte.

Bruder Nummer drei.

Oh nein, war es etwa Harun gewesen, der das unselige Gespräch nach Fadis Tod zwischen ihr und ihrem Vater belauscht hatte? Dann wusste er, wie sehr sie sich gegen eine Heirat mit ihm gesperrt hatte – und er wusste von ihrer Schwärmerei für Alim.

Jetzt verstand sie alles, das Puzzle fügte sich zusammen. Seine Zurückweisung in der Hochzeitsnacht, seine Gleichgültigkeit, die Weigerung, zumindest Freundschaft mit ihr zu schließen.

Es war gar nicht so, wie sie unterstellt hatte – dass er sie um ihrer selbst willen verabscheute. Nein, er war damals zu ihr gekommen, und sie hatte mit ihren bitteren Worten alles verdorben, zerstört, was hätte sein können. Sie hatte Harun in einer Zeit im Stich gelassen, als er sie am meisten gebraucht hätte – eine Frau, eine Freundin an seiner Seite, die die Bitterkeit seiner Trauer milderte und die Last der plötzlichen Verantwortung mit ihm teilte.

Sie hatte auf ganzer Linie versagt.

Kein Wunder, dass er sie nie angerührt, nie versucht hatte, mit ihr zu schlafen. Nicht einmal in jener Nacht, als sie ihren Stolz vergessen und ihn aufgefordert hatte, ihr wenigstens ein Kind zu schenken, damit ihr nicht länger der Makel der Unfruchtbarkeit anhaftete.

Leise stöhnend schlug sie die Hände vors Gesicht. Konnte sie den Schaden jemals wiedergutmachen? Würde Harun ihr je verzeihen?

Am nächsten Tag wollte Harun gerade den Regierungs-Jet besteigen, als er eine leicht atemlose Frauenstimme hinter sich hörte. Er erstarrte. Die Stimme einer Frau, die seinen Puls beschleunigte, sosehr er sich auch dagegen wehrte.

Sie ist deine Frau, aber sie erträgt dich nicht. Sie liebt deinen Bruder, jetzt umso mehr, da sie weiß, dass er am Leben und der Held des Tages ist.

Es war immer wieder derselbe Kampf, dasselbe lächerliche Verlangen. Nichts hatte sich geändert. Wie sehr er sich dafür verachtete, dass er sein Begehren nicht bezwingen konnte.

Doch, du schaffst es. Du hast es die letzten drei Jahre ja auch geschafft!

Fragend drehte Harun sich zu Amber um, die aus der schwarzen Staatslimousine gesprungen war und jetzt die Gangway hinter ihm her hinaufeilte. In ihren großen Augen lag ein Ausdruck, den er noch nie darin gesehen hatte. „Harun, ich würde dich gerne begleiten.“

Amber hasste es, zu fliegen. Warum war sie plötzlich bereit, ihre Angst zu überwinden? Darauf gab es nur eine Antwort: Alim. „Nein.“ Das klang schroff, spiegelte jedoch die Kälte wider, die Harun empfand.

Sie zuckte zurück. „Aber ich möchte …“

Unfähig, ihre Erklärung über sich ergehen zu lassen, unterbrach er sie scharf: „Ich sagte Nein.“

Ihre Augen blitzten. „Nimm mich mit, das ist alles, worum ich dich bitte.“

Endlich zeigte sie die Leidenschaft, die er sich seit Jahren wünschte. Welch Ironie des Schicksals! Leidenschaft für seinen Bruder Alim, nicht für ihn … „Hängst du immer noch so sehr an ihm?“, fragte er leise.

„Ach, Harun, ich bin deine Frau. Bitte gib mir diese eine Chance.“

Eine Bewegung zur Linken erregte seine Aufmerksamkeit. Ihr Gepäck wurde bereits in die Maschine geladen. „Von mir aus, dann komm eben mit“, gab er in einem Anflug von Fatalismus nach. „Alim wird sich bestimmt freuen, dich zu sehen.“

Mit stolz vorgerecktem Kinn und kaltem Blick, wie er es von ihr gewohnt war, schob sie sich an ihm vorbei in den Jet. Als Harun zu seinem Platz kam, saß sie bereits angeschnallt in einem der bequem gepolsterten Sitze, die Hände nervös um die Armlehnen gekrallt. Ihre Flugangst …

Schon wollte er die Hand ausstrecken, um sie tröstend auf ihre zu legen, besann sich dann aber anders. Es war nicht sein Trost, nach dem sie sich sehnte. Also setzte er sich wortlos neben sie. Nie war ihm die Sprachlosigkeit zwischen ihnen so quälend vorgekommen wie in diesem Moment. Da saßen sie nun Seite an Seite, Mann und Frau, und hatten sich nichts zu sagen. Er wünschte, er wäre standhaft geblieben und allein geflogen.

„Du bist nicht Bruder Nummer drei“, unterbrach sie das lastende Schweigen.

Da war sie wieder – diese kaum gezügelte Leidenschaft im Ton seiner sonst so kühlen, stolzen Frau. Erstaunt sah er sie an.

„Ich schäme mich, dass ich das je gesagt habe. Ich war damals ganz durcheinander, in Trauer um Fadi … Ich wusste nicht, was ich sage. Schrecklich, dass du diesen Ausbruch mit anhören musstest und alles wörtlich genommen hast, Harun.“

Das unerwartete Geständnis brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Da ihm keine bessere Reaktion einfiel, sagte er nur: „Ist schon gut.“

„Nein, ist es nicht. Zwischen uns gibt es ein Problem, von Anfang an. Warum hast du nie versucht, mit mir darüber zu sprechen?“ Zaghaft berührte sie seine Wange. „All die Jahre frage ich mich schon, warum du mich so sehr hasst. Jetzt weiß ich es.“

„Ich hasse dich nicht, Amber.“ Das war die Wahrheit. Er wünschte, es wäre anders. Sie zu hassen wäre so viel leichter, als sich nach ihr zu verzehren.

„Wirklich nicht?“ Sie seufzte. „Aber du vertraust mir nicht. Du bist nicht bereit, mich als Freundin zu akzeptieren, geschweige denn als deine Frau.“ Bekümmert schüttelte sie den Kopf. „Als ich in jener Nacht Schritte vor der Tür hörte, dachte ich, es wäre einer der Dienstboten gewesen. Diese schrecklichen Dinge hätte ich doch nie gesagt, hätte ich geahnt, dass du da stehst.“

Wenn sie nur wüsste …

Sie hatte ja keine Ahnung, wie es in ihm aussah. Wenn er jetzt seine Selbstbeherrschung aufgeben würde, dann würde ein Damm brechen und den seit seinem achten Lebensjahr unterdrückten Gefühlen freien Lauf lassen.

Du musst jetzt um meinetwillen stark sein, akhi, mein Bruder.

Fadis Worte auf der Beerdigung ihrer Mutter drei Monate nach dem Tod ihres Vaters, als Alim gleich nach der Beisetzung davongestürmt war.

Ich brauche dich hier zu Hause an meiner Seite. Ich brauche deine Hilfe. Du kannst doch von zu Hause aus lernen, oder? Das macht doch keinen Unterschied für dich.

Fadis Worte an ihn, als Alim siebzehn war und seine Rennfahrerkarriere startete.

Komm bitte nach Hause, Bruder. Ich breche noch unter der Last der Verantwortung zusammen. Ich regle das mit der Uni, keine Sorge. Du wirst deinen Abschluss bestehen, das ist es doch letztlich, was zählt, oder?

Fadis Worte, als der Archäologiestudent Harun auf einer Expedition im Ausland war.

„Sicher hast du mich nicht absichtlich verletzen wollen“, wandte Harun sich jetzt versöhnlich an seine Frau. Alles andere, was ihn bewegte, vergrub er wie üblich tief in seinem Innern.

Ambers Wangen röteten sich. „Du hast bestimmt auch gehört, was mein Vater über meine Gefühle … für Alim sagte.“ Verlegen blickte sie zur Seite.

„Ja, das habe ich.“ Dies war nun wirklich das allerletzte Thema, das er mit seiner Frau diskutieren wollte: ihre Gefühle für seinen Bruder Alim, der Harun sein halbes Leben geraubt hatte.

Sie umfasste sein Kinn und sah ihn eindringlich an. „Hasst du mich dafür?“

„Nein“, erwiderte er und verschanzte sich einmal mehr hinter der Maske aus Gleichmut.

„Hör endlich auf damit, Harun!“, zischte Amber, ihre Augen sprühten jetzt Funken. „Hasse mich, wenn du willst, aber hör auf mit deiner eisigen Gleichgültigkeit. Ich weiß nie, was ich tun oder sagen soll, um zu dir durchzudringen, wenn du mich so auflaufen lässt!“

„Was willst du von mir hören?“

„Sprich mit mir, Harun. Sag mir, was du empfindest.“ Atemlos redete sie weiter: „Das mit Alim damals war doch nie mehr als eine Schulmädchenschwärmerei. Wie junge Mädchen eben aus der Ferne für einen Popstar schwärmen.“

Was sie jetzt von ihm verlangte, war einfach zu viel. Nach drei Jahren Schweigen änderte sich nicht von einer Sekunde auf die andere alles, als legte man einen Schalter um. Selbst wenn Harun gewollt hätte, er konnte es nicht. Also blieb er seiner selbst gewählten Rolle treu. „Nun ja, ich fand es ziemlich demütigend, zu hören, wie meine Braut sich nach meinem Bruder verzehrt.“ So, da hatte sie die Wahrheit, die sie hören wollte, verpackt in wenige, emotionslos klingende Worte.

Das Feuer in ihren Augen erlosch. „Danke für deine Offenheit“, sagte sie dumpf und senkte den Blick.

Zu spät begriff Harun, dass er auch die letzte Chance auf eine Verständigung kaputtgemacht hatte. Ihren Versöhnungsversuch hatte sie vielleicht falsch angefangen, aber sie hatte es zumindest versucht.

Ich weiß nie, was du denkst oder fühlst.

So würde es wohl für immer bleiben. Sie würden einander immer fremd sein, und das zu ändern, war jetzt zu spät.

Wieder seufzte Amber vernehmlich, diesmal eindeutig gereizt. „Sag doch was, Harun, irgendwas!“

„Es tut mir leid, Amber.“

Niedergeschlagen bekannte sie: „Ach, ich wünschte, ich könnte meine dummen Worte von damals zurücknehmen und die albernen Jungmädchengefühle ungeschehen machen. Hätte ich geahnt, dass das der Grund ist, warum es zwischen uns nicht klappt … Wenn ich nur daran denke, was alles hätte sein können …“

Echter Schmerz schwang in ihren Worten mit, ein Schmerz, der Harun erstaunte. „Was hätte denn sein können?“, fragte er leise.

Hilflos zuckte sie die Achseln. „Während der vergangenen drei Jahre hast du Großartiges für dein Land geleistet, dafür bewundere ich dich. Vor den Augen der Öffentlichkeit geben wir das perfekte Herrscherpaar ab. Aber wenn Alim zurück ist und die Regentschaft übernimmt, was bleibt uns dann?“

Uns? Als gäbe es tatsächlich ein „Uns“. Und sie bewunderte ihn für das, was er geleistet hatte? Das bekam er nicht in seinen Kopf.

„Ich habe keine Lust mehr auf dieses Theater vor den Kameras. Ich will nicht mein ganzes restliches Leben allein verbringen, gebunden an einen Mann, der mich nicht anrührt, der mich nicht will.“

„Mir war nicht bewusst, dass du dir das wünschst“, erwiderte er reserviert.

Sag es, Amber, sag mir, dass du mich willst …

Denn er konnte es nicht sagen. Nicht hier, nicht jetzt. So schnell konnte er nicht umschalten.

Plötzlich öffnete Amber ungeduldig ihren Sicherheitsgurt und sprang auf. Mit blitzenden Augen sah sie Harun an. „Kannst du nicht wenigstens ein einziges Mal wie ein ganz normaler Mann mit mir reden, eine normale menschliche Regung zeigen? Kannst du nicht endlich damit aufhören, Worte wie Waffen zu benutzen und Fragen zu stellen, anstatt mir ehrlich zu antworten? Ich bin nicht dein Feind, sondern deine Frau!“

Er rieb sich müde die Stirn. „Amber, sag einfach, was du von mir erwartest, und rede nicht länger darum herum, ja?“ Ihm war bewusst, wie barsch seine Worte klingen mussten, aber das war ihm egal. Begriff sie denn nicht, dass sie den denkbar schlechtesten Zeitpunkt für diese Diskussion gewählt hatte? Dass sie zu viel von ihm verlangte, zu schnell? „Können wir diese Angelegenheit bitte auf später verschieben? In ein paar Stunden treffe ich meinen Bruder wieder, den ich Jahre nicht gesehen habe. Alim ist meine einzige Familie, alles, was mir geblieben ist.“

„Gut.“ Ihr Blick wurde kalt. „Es ist nicht nötig, diese Angelegenheit überhaupt zu besprechen. Danke, Harun. Du hast mir die Entscheidung leicht gemacht.“ Damit wandte sie sich abrupt ab und rauschte mit diesem wiegenden Gang, der ihn so verrückt machte, ins Cockpit, um den Piloten zu informieren, dass sie wieder aussteigen wollte.

Im Ausgang drehte sie sich noch einmal zu Harun um, den Kopf stolz erhoben. „Ich wünsche dir, dass euer Wiedersehen deine Erwartungen erfüllt. Dass Alim zurückkommt, um deine Familie komplett zu machen.“

Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber sie sprach hastig weiter, als wollte sie nicht hören, was er zu sagen hatte. „Sobald Alim die Macht übernommen hat, hast du endlich Gelegenheit herauszufinden, was du vom Leben erwartest. Ich hoffe, du findest dein Glück, das hoffe ich wirklich. Ich jedenfalls werde jetzt mein eigenes Leben leben. Von nun an hat mir keiner mehr zu sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe.“

3. KAPITEL

Fünfzehn Tage später

Im Palast des Scheichs von Sar Abbas

Amber war Haruns Einladung gefolgt, an der privaten Zeremonie der Machtübergabe an seinen Bruder, den rechtmäßigen Regenten von Sar Abbas, teilzunehmen. Inzwischen bereute sie ihren Ausbruch im Flugzeug. Wenn sie nur endlich lernen würde, ihre Zunge und ihr Temperament zu zügeln! Bis jetzt hatten ihr diese Gefühlsausbrüche nie etwas Gutes eingebracht.

„Willkommen zu Hause, Alim“, begrüßte sie den so lange Verschollenen mit einem warmen Lächeln. „Schön, dich wieder hier zu haben.“

Während der vergangenen drei Jahre war ihr Schwager merklich gealtert. Das Leben hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben, doch selbst die Narben, die von seinem Unfall herrührten, konnten seiner maskulinen Attraktivität nichts anhaben.

Alim neigte leicht den Kopf, ein angespanntes Lächeln um die Lippen. „Danke, Amber.“

Schweigen senkte sich auf die kleine Gruppe. Zu viel Unausgesprochenes lag in der Luft, um dieses Wiedersehen zu einem unbelasteten, freudigen Ereignis zu machen.

Schließlich sagte Harun: „Ich bin aus deinen Räumen ausgezogen, Alim, auch dein Büro habe ich geräumt. Du kannst dich also gleich einrichten, sobald du bereit bist.“

Alim wischte die Worte seines Bruders mit einer ungeduldigen Geste beiseite. „Lassen wir dieses Theater. Tu nicht so, als sei ich lediglich ein paar Wochen krank gewesen. Ich war drei Jahre fort. Ich habe dich mit deiner Trauer und der Verantwortung allein gelassen. Harun, ich möchte dir sagen, dass …“

Doch dieser zuckte nur die Achseln und zeigte seine gleichgültige Maske. Interessant, dachte Amber. Er lässt also nicht nur mich auf diese Weise auflaufen. Das hatte sie nicht erwartet.

„Du brauchst mir nichts zu erklären, Alim. Schließlich ist es ja nicht so, als hätte ich in den vergangenen drei Jahren etwas Besseres vorgehabt“, meinte Harun völlig unbeteiligt.

Doch Alim ließ sich nicht so leicht abschrecken. Entschlossen sprach er aus, was er sagen wollte. „Du hast die Wahl, Bruder. Wie ich sehe, hast du großartige Arbeit geleistet. Du bist der Held der Nation, nicht ich. Wenn du gerne die Regentschaft behalten möchtest …“

„Nein.“

Ein Wort, scharf wie ein Peitschenhieb, kam unisono aus Ambers und Haruns Mund.

Alims fragender Blick richtete sich auf Amber, nicht auf seinen Bruder. Sie zögerte und wollte zuerst Harun den Vortritt lassen, doch dann sprudelte es aus ihr heraus:

„Ich bin nicht länger bereit, die Rolle der glücklichen Ehefrau zu spielen. Ich habe es satt, so zu tun, als sei alles in schönster Ordnung. Ich möchte die Scheidung.“

Damit wirbelte sie herum und verließ fluchtartig den Raum, am ganzen Körper zitternd. In ihrer Suite warf sie die Tür hinter sich zu, ließ sich auf den zierlichen Stuhl vor ihrem Schreibtisch fallen und fing an zu zählen. Wenn er diesmal nicht kam …

Keine drei Sekunden später wurde die Tür aufgerissen, und Harun stürmte herein, die aufgeregte Dienerschaft mit einem barschen Befehl verscheuchend.

Ein leises Lächeln legte sich um ihre Lippen. „Er betritt doch tatsächlich freiwillig meine Räume“, sagte sie wie zu sich selbst. „Wenn das nicht die Mauern von Jericho zum Einsturz bringt …“

Harun quittierte die ironische Bemerkung mit einem abweisenden Blick. „Kannst du dir nicht ein Mal deine sarkastischen Kommentare sparen, Amber?“

Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Wenigstens entlocke ich dir so ab und zu eine Gefühlsregung. Das ist es mir wert.“

„Oh, keine Sorge“, erwiderte er grimmig. „An Gefühlsregungen mangelt es mir im Moment nicht.“

„Das freut mich zu hören“, spottete sie. Ihre Methode zeigte tatsächlich Erfolg. Es war der einzige Weg, die Mauern zu durchbrechen, die er um sich herum aufgebaut hatte.

Mit wenigen großen Schritten war er bei ihr und richtete den Blick aus seinen dunklen Augen mit ungeahnter Intensität auf sie. „Wie kannst du es wagen, in Gegenwart meines Bruders eine solche Ankündigung zu machen?“

„Wenn ich versuche, allein mit dir zu reden, hörst du mir ja nie zu.“

„Nur, damit du’s weißt: Er wird die Krankenschwester heiraten, der er sein Leben verdankt. Er liebt sie“, verkündete Harun mit loderndem Blick.

Wütend sprang Amber auf. „Ist das alles, woran du denken kannst? Sogar jetzt noch, wenn ich dir sage, dass ich die Scheidung will? An meine schwärmerische Verliebtheit für ihn?“ Sie wandte sich ab, starrte aus dem filigran verzierten Fenster und drängte mit aller Macht die Tränen zurück. Lieber würde sie sterben, als in Haruns Gegenwart zu weinen. „Ich wusste ja von Anfang an, dass ich dir nichts bedeute. Aber ein bisschen mehr Respekt hatte ich doch erwartet.“

Das Schweigen dehnte sich endlos, sodass sie schon dachte, er wäre gegangen. Zuzutrauen wäre es ihm. Doch dann sagte Harun: „Du hast recht, Amber. Es tut mir leid.“ Als sie zu ihm herumfuhr, legte sich ein melancholisches Lächeln auf seine Lippen. „Glaub mir, ich weiß, wie das ist. Auch ich war einmal verliebt. Aber ich habe dich nicht geheiratet, während ich eigentlich deine Schwester liebte. Verstehst du, was ich meine?“

Ja, sie verstand. Jetzt, wo er endlich mit ihr redete wie ein normaler Mensch, verstand sie. Wie hatte sie das vorher nicht sehen können? Sie hatte ihre Verliebtheit als harmlose Schwärmerei abgetan. Aber es ging dabei um Haruns Bruder, um Alim. „Ich verstehe dich“, brachte sie rau hervor.

Er nickte bedächtig. „Wir wissen doch beide, dass du dich nicht von mir scheiden lassen kannst. Denk nur an die Schande für unsere Familien, wie es unsere Länder erschüttern würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das ist, was du willst.“

„Aber ich will so nicht länger leben, Harun“, rief sie verzweifelt aus.

Sein Gesicht verhärtete sich. „Du willst unsere Probleme also wirklich öffentlich machen, indem du mich verlässt?“

„Um dich verlassen zu können, muss ich überhaupt erst einmal mit dir zusammen gewesen sein, und das war ich nie“, erinnerte sie ihn brüsk. Sofort bereute sie ihre Worte. Wieso musste sie ihn ständig angreifen? Weil es der einzige Weg ist, zu ihm durchzudringen, beantwortete sie sich ihre Frage selbst.

„Hast du etwa vor, uns beide in den Schmutz zu ziehen, indem du vor allen Menschen zugibst, dass unsere Ehe nie vollzogen wurde?“

„Ah, fürchtest du um deinen guten Ruf?“, fauchte sie. „Und was ist mit mir? Mit der jahrelangen Demütigung, die ich ertragen musste? Alle wissen doch, dass du mein Schlafzimmer meidest wie die Pest. Weißt du, wie sie mich hinter vorgehaltener Hand nennen? Die Unglücksbraut. Die das Leben der drei al-Kanar-Brüder ruiniert hat. Selbst meine Eltern beklagen meine Unfähigkeit, dir zu gefallen, ganz abgesehen vom Ausbleiben der heiß ersehnten Enkelkinder!“

Amber war stolz auf sich. Sie hatte ihm ihre Frustration um die Ohren gehauen, ohne dabei in haltlose Tränen auszubrechen wie eine schwache Frau. „Natürlich führen alle dein mangelndes Interesse an mir auf mich zurück. Alle gehen doch davon aus, dass wir die Hochzeitsnacht vollzogen haben. Was dich offenbar so abgeschreckt haben muss, dass du auf Nachschlag verzichtest.“

Dann holte sie zum Todesstoß aus: „Glaubst du, ich bekomme nicht mit, wie die Dienerschaft über deine Geliebte und die Tochter, die du mit ihr hast, tuschelt? Hast du eine Ahnung, wie sich das anfühlt? Dass du einer anderen Frau das schenkst, was ich mir so sehnlich von dir wünsche … Ein Kind?“

Harun schloss die Augen und rieb sich die Stirn. Seine ganze Haltung machte klar, wie unwohl er sich fühlte, und Amber wünschte schon, sie hätte nie mit diesem unseligen Thema angefangen. „Ich dachte, du wüsstest inzwischen, dass das Personal immer nur die halbe Wahrheit kennt. Das Mädchen heißt Naima. Ihre Mutter ist Bahjah, eine gute, anständige Frau.“

Amber starrte ihn ungläubig an. Das war alles, was er darauf zu erwidern hatte? Liebte er diese Bahjah? War sie der Grund, weshalb ihn ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht kümmerten? Genau wie Fadi, der eine andere geliebt hatte …

„Raus hier!“ Ihre Stimme zitterte, und sie atmete heftig. „Geh einfach. Oh, und wenn du verhindern willst, dass dein kostbarer Name in den Dreck gezogen wird, musst du mich wohl leider einsperren.“

„Nein, so gehe ich nicht.“ Seine Stimme klang hart und unnachgiebig. Wahrscheinlich schaffte es nur seine geliebte Bahjah, Zärtlichkeit und Sanftmut in ihm zu wecken. Für Amber war die eisige Zurückweisung reserviert. Aber wie konnte sie auch so albern sein und mehr erwarten? Sie war schließlich nur die verschmähte Ehefrau.

Aufstöhnend schlug sie die Hand vors Gesicht, um ihre Tränen zu verbergen, und wandte sich abrupt ab. „Dann bleib eben hier und koste meine ultimative Demütigung aus. Ich kann dich nicht daran hindern.“ Ihre Stimme klang rau wie Schmirgelpapier, doch es war ihr egal. Sollte er ruhig merken, wie es in ihr aussah.

„Amber, ich kann so nicht weitermachen. Ich will dich nicht verletzen. Aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um dir zu helfen.“

Sekunden später hörte sie, wie die Tür leise geschlossen wurde. Amber stieß einen lauten Seufzer aus – vor Erleichterung oder Schmerz, wusste sie selbst nicht zu sagen. Hatte er jetzt endlich begriffen, was los war? Oder hatte sie ihn mit ihren bitteren Worten nur endgültig vertrieben?

Eine Scheidung würde es nicht geben, das war ihr klar. Ihr Vater würde sie lieber tot sehen, als diese Schande zu akzeptieren. Und sie konnte nicht einfach verschwinden. Das konnte sie ihrer Familie nicht antun. Schon gar nicht ihren kleinen Schwestern, für die sich dann mit Sicherheit keine geeigneten Heiratskandidaten mehr fanden. Außerdem würde dieser Schritt bedeuten, für immer mit ihrer Familie zu brechen. Sie würde sie nie wiedersehen.

Unmöglich. Undenkbar. Ihre Familie bedeutete ihr alles, und sie liebte sie unendlich, trotz ihrer ständigen Konflikte mit ihrem strengen Vater.

Also war sie hier gefangen wie ein Vogel im Käfig, für immer an einen Mann gebunden, der sie nicht liebte. Wenn sie wenigstens ein Kind von ihm haben könnte, ein Kind, das die Trostlosigkeit ihres Alltags mit Leben und Licht erfüllen würde … Doch es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit Harun zu arrangieren. Das erkannte sie mit plötzlicher Klarheit.

Nein, dachte sie im nächsten Moment aufsässig. Er muss den ersten Schritt machen …

Als sie die eisenharte Umklammerung starker Arme von hinten spürte, konnte sie vor Schreck nur aufkeuchen, dann wurde ihr auch schon ein rauer Knebel in den Mund gepresst und hinter ihrem Kopf verknotet. Amber strauchelte, vor Angst fast wie gelähmt, als ihre Arme nach hinten gerissen und ihre Handgelenke gefesselt wurden. In heller Panik versuchte sie, sich zu wehren, doch dann drückte ihr jemand ein mit einer Übelkeit erregenden, süßlichen Flüssigkeit getränktes Tuch auf die Nase, und um sie herum wurde alles schwarz.

Wenige Schritte hinter der Tür blieb Harun abrupt stehen und fuhr herum. Was zum Teufel hatte er getan?

Er hatte die weinende Amber einfach sich selbst überlassen. Dass er sie überhaupt zum Weinen bringen konnte, erstaunte ihn. Aber das Gespräch über Naima und Bahjah …

„Idiot!“, presste er hervor, als er zu begreifen begann. Konnte es sein, dass Amber eifersüchtig war? Sehnte sie sich nicht nur nach einem Kind, sondern … nach ihm? Verdammt, und er hatte ihr die ganze Zeit Bahjahs wahre Identität verschwiegen. Hinter dem Namen verbarg sich Rafa, Fadis Geliebte, nicht seine.

Amber war nun einmal seine Frau, ihr war er in erster Linie Loyalität schuldig. Nicht Bahjah und Naima, so gerne er sich nach Fadis Tod auch um die beiden kümmerte.

Kurz entschlossen öffnete er die Tür zu Ambers Suite, bevor er es sich anders überlegen konnte. Als er die geöffnete Geheimtür sah, blieb er alarmiert stehen. Das war die einzige Tür, die auf seine strikte Anweisung hin nicht überwacht wurde. Sie führte in einen unterirdischen Geheimgang, der außerhalb der Palastmauern endete. Ein Fluchttunnel aus dem siebzehnten Jahrhundert.

Harun erhaschte noch einen Blick auf Ambers Füße, bevor die Tür geräuschlos zuglitt, um sich wieder unsichtbar in die Wand einzufügen.

Jemand hatte Amber gekidnappt! Steckten die al-Shabbats dahinter oder, schlimmer noch, fanatische Anhänger der al-Kanars, die ihn seit einiger Zeit mit anonymen Botschaften bombardierten? Er solle sich von Amber trennen, da sie Unglück bringe, forderten sie.

Alims überraschende Rückkehr könnte der Auslöser für die Entführung sein – ein drastisches Mittel um zu verhindern, dass Alim die Regentschaft übernahm. Der reaktionäre Flügel sah ihn vermutlich lieber tot als lebendig, weil er in ihren Augen viel zu westlich eingestellt war. Sie würden Amber als Druckmittel einsetzen, um Harun als regierenden Scheich zu behalten. Und dann … würden sie Amber trotzdem töten, um den Weg für eine fruchtbare Ehefrau freizumachen.

Nein!

„Amber!“, schrie Harun. Er stürzte auf die Tür zu, bevor sich diese schließen konnte, warf sich mit der Schulter dagegen und stürmte hindurch. Er wandte sich nach links, rannte den Gang entlang. Plötzlich ein süßlicher Geruch – und dann nichts mehr …

Als Harun wieder zu sich kam, wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte. Er fühlte sich schwach und schwindelig, und in seinem Schädel hämmerte ein quälender Schmerz. Seine Augen fühlten sich an wie mit Sand gefüllt, darum musste er zuerst kräftig blinzeln, bevor er in der Lage war, seine Umgebung wahrzunehmen.

Er befand sich in einem unbekannten Raum, auf einem Bett mit einer völlig durchgelegenen Matratze. In der Luft hing der Geruch von Staub.

Blinzelnd blickte Harun sich weiter um. Der Raum war spartanisch möbliert, der einzige Schrank schäbig und zerkratzt, mit Rillen, in denen sich der Schmutz sammelte. Der Teppich auf dem Holzfußboden wirkte mottenzerfressen, die Essgruppe bestand zwar aus geschnitztem Holz, schien aber schon lange nicht mehr poliert worden zu sein. Die Sessel vor dem Fenster sahen durchgesessen und abgewetzt aus, die Vorhänge an den mit Holzschnitzereien umrahmten Fenstern und um das Bett herum waren fadenscheinig.

Harun wollte sich die Augen reiben. Erst da merkte er, dass seine Hände vor seinem Körper mit einem Seidenschal zusammengebunden waren. Würde er es schaffen, die Fessel zu lösen, wenn er nur stark genug daran zerrte? Doch die Seide erwies sich als fester als erwartet. Die Fessel löste sich keinen Millimeter, sosehr er es auch versuchte.

Er stieß einen unterdrückten Fluch aus. Leises Protestgemurmel irgendwo seitlich von ihm ließ ihn stutzen. Eine weibliche Stimme. Es folgten ein tiefer Seufzer und dann die regelmäßigen Atemzüge einer Schlafenden.

Harun warf sich so weit herum, bis sein Nacken schmerzhaft protestierte … und entdeckte auf der anderen Bettseite Amber. Sie war blass und trug nur ein hauchdünnes Negligé in derselben Farbe wie ihre bronzefarbene Haut. Als er an sich hinabblickte, registrierte er seine ebenfalls spärliche Bekleidung – Boxershorts aus hauchzarter Seide.

Ganz offensichtlich hatte man sie beide entführt, aber warum? Ging es um Geld? Um Politik? Was ergab diese Aktion jetzt noch für einen Sinn, wo es ohnehin zu spät war? Wo er die Macht an Alim abgegeben hatte?

Es sei denn … Handelte es sich womöglich um einen raffinierten Plan des al-Shabbat-Clans, um die Machtbasis der al-Kanars in Abbas al-Din zu schwächen? Harun hatte gerade erst einhundert Millionen Dollar für die Freilassung seines Bruders Alim bezahlt. Falls Alim jetzt eine ähnliche Summe für ihn und Amber hinlegen musste, würde es das Land zwar nicht ruinieren, die finanzielle Stabilität jedoch allein durch die Schlagzeilen negativ erschüttern.

Ein plötzlicher Gedanke ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Was, wenn sie auch Alim entführt hatten? Sollten die al-Shabbats dahinterstecken, bedeutete das den sicheren Tod für sie alle drei.

Er musste hier raus, sofort! Hastig setzte er sich auf und blickte sich suchend nach einer Waffe um, nach irgendetwas, womit sich ein Gegner unschädlich machen ließ. Was mit Alim war, wusste er nicht, darum konnte er sich im Moment nicht kümmern. Zuerst galt es, Amber in Sicherheit zu bringen. Allerdings würde sich eine eventuelle Flucht ziemlich würdelos gestalten, da sie beide so gut wie nichts anhatten. Das hatten die Entführer wohl damit beabsichtigt, sie hier so spärlich bekleidet festzuhalten.

Er musste also nicht nur einen Weg hinausfinden, sondern brauchte auch Kleidung. Vorsichtig, um nur ja keinen Lärm zu machen, schwang er die Beine über die Bettkante und stand auf. Aufmerksam erkundete er ihr Gefängnis, spähte aus dem Fenster und erkannte, dass sie sich mindestens im fünften Stock befinden mussten. Vor dem Fenster lag ein Gebetsteppich. Das hatte ihn geweckt, begriff Harun, der Ruf des Muezzin aus einer Moschee in der Nähe.

Behutsam drückte er die Klinke der massiven Doppeltür herunter – und fand sie erwartungsgemäß verschlossen. Es gab nur noch eine weitere Tür, die in ein fensterloses Bad führte. Er kehrte zum Bett zurück. Auf ihren Nachttischen standen Wasserkaraffen, Papiertaschentücher lagen daneben. In der Schublade von Ambers Nachttisch fand er ein Döschen mit Haarnadeln.

Sie wissen sogar, wie sie ihr Haar am liebsten trägt, dachte er grimmig.

Durch die gefesselten Hände behindert, robbte er ungeschickt unter das Bett. Außer Staub war dort nichts zu finden. Er öffnete den Schrank … Und fand nichts außer der Kleiderstange, die jedoch ein gewisses Potenzial barg – wenn er sie nur herausbekam. Doch sosehr er sich auch anstrengte, sie löste sich nicht aus ihrer festen Verankerung.

Er ging zurück ins Bad, vielleicht ließ sich dort etwas als Waffe zweckentfremden. Doch da war nichts, nicht einmal Zahnseide, nur eine Flasche mit parfümiertem Badeöl. Welche verrückten Kidnapper statteten ihre Geiseln mit duftenden Badeessenzen aus?

Seine Gedanken überschlugen sich. Wenn er das Öl mit Zahnpasta und Wasser mischte, konnte er mit ein bisschen Glück eine Flüssigkeit herstellen, die er seinen Entführern in die Augen spritzen konnte.

Er musste an Alim und seine kindlichen Experimente denken. Am liebsten hatte er scheußliche Stinkbomben gebastelt. Jetzt verfluchte Harun sich dafür, dass er damals nicht besser aufgepasst hatte.

Weitere Geheimnisse barg das Bad nicht. Die Handtücher waren fadenscheinige Fetzen, mit denen man sich gerade einmal notdürftig abtrocknen konnte. Sonst waren sie zu nichts zu gebrauchen.

Allmählich gingen Harun die Ideen aus. Außerdem fühlte er sich schrecklich müde, und das Pochen in seinem Schädel hatte so an Intensität zugenommen, dass er das Bedürfnis hatte, die Augen zu schließen. Nur ein Weilchen … bis der Schmerz abebbte. Seufzend ließ Harun sich zurück aufs Bett fallen und atmete tief den Duft ein, der von Amber ausging. Berauschend wie eine frisch erblühte Wüstenblume, süß und mild wie eine Frühlingsnacht. War das Ambers typischer Duft oder ein Parfüm? Er wünschte, er wüsste es. Mit jedem Atemzug sog er diesen Duft in sich auf, trunken von der plötzlichen Intimität der Situation. Dann schlief er ein.

Amber konnte sich nicht erinnern, seit ihren Kindertagen jemals so friedvoll aufgewacht zu sein. Tatsächlich hatte sie sich nie zuvor so geborgen und glücklich gefühlt.

Sie registrierte ein Geräusch neben sich, das sie nicht einordnen konnte, rhythmisch auf- und absteigend, einen Geruch, unbekannt, aber nicht unangenehm. Wo war sie?

Als sie die Augen öffnete, fiel ihr Blick auf eine behaarte männliche Brust zu ihrer Rechten. Sie schnappte erschrocken nach Luft – und atmete wieder diesen irgendwie beruhigenden Duft ein, als sei sie endlich nach Hause gekommen.

Sie wagte kaum, den Kopf zu heben, denn sie wusste, wer da neben ihr lag, weil sein Duft ihr schon so lange vertraut war – vertraut und gleichzeitig fremd. Es war Harun. Ihr stets so eisiger Mann hatte sich in einen warmen, lebendigen Körper verwandelt. Zum ersten Mal nach drei Jahren Ehe lag er neben ihr, in ihrer Reichweite.

Sie hatten so viele Schwierigkeiten zu überwinden und waren einander im Grunde fremd. Doch in diesem Augenblick zählte das alles nicht. Er war hier bei ihr. Ein wohlbekanntes, lange unterdrücktes Verlangen durchströmte sie.

Sollte sie es wagen … endlich?

Sofort fielen ihr wieder all die demütigenden Zurückweisungen ein, angefangen bei der Hochzeitsnacht. Wie war es möglich, dass sie sich trotzdem immer noch nach ihm sehnte, darauf brannte, ihn zu schmecken, seine bronzefarbene Haut zu berühren, die stählernen Muskeln mit ihren Fingerspitzen nachzuzeichnen …

Ihr Puls raste und ihr Herz klopfte so laut, dass sie fast fürchtete, er könne es hören.

Na los, mach schon, küss ihn einfach. Vielleicht bist du dann endlich geheilt. Vielleicht ist es gar nicht so berauschend wie in deiner Fantasie.

Sie hob leicht den Kopf, neigte sich zur Seite, brachte ihre Lippen dicht an seine, die leicht geöffnet waren, wie eine Einladung …

In diesem Moment öffnete Harun die Augen und sah sie an.

Amber schnappte erregt nach Luft. War das Wunschdenken, oder lag in seinen Augen wirklich heißes Begehren? Sein Blick glitt tiefer, seine Augen blitzten. Und in Amber siegte die alte Angst, die Angst vor Zurückweisung. Zu tief war diese Furcht bereits in ihr verwurzelt. Also tat sie das, was sie immer tat: Sie flüchtete sich in ihren Stolz. Raffte hastig den Ausschnitt ihres Negligés zusammen. Erst in diesem Moment merkte sie, dass ihre Hände gefesselt waren, mit einem weichen seidenen Schal fast so durchscheinend wie das Negligé, das ihren nackten Körper höchst unzureichend verhüllte.

Als sie sich wieder Harun zuwandte, bemerkte sie seine offenkundige Erregung. Ihr wurde ganz heiß vor Verlangen, während sie seinen Blick suchte und sein wissendes Lächeln registrierte, in das sich zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit so etwas wie Zärtlichkeit mischte. Und doch rührte er sie nicht an. Er war eben nicht bereit, ihr das zu schenken, was sie sich so sehnlich wünschte: ein Kind, das sie lieben konnte und das sie lieben würde.

Um zu überspielen, wie es in ihr aussah, fragte sie barsch: „Was soll das? Wer hat mich so angezogen? Wo sind wir überhaupt?“

Bedauern huschte über Haruns Gesicht, bevor es sich wieder zu jener undurchdringlichen Maske verschloss, die sie so hasste. „Tut mir leid, das kann ich dir nicht beantworten. Aber ich versichere dir, dass ich dich nicht ausgezogen habe.“ Demonstrativ hob er beide Hände, die wie ihre mit einem Seidenschal zusammengebunden waren. Dann ließ er seinen Blick tiefer wandern, diesmal über ihren ganzen Körper.

Es war wie eine Liebkosung, als striche er mit den Fingerspitzen über ihre erhitzte Haut. Allein die Vorstellung ließ sie vor Erregung erschauern.

„Ich fürchte, im Moment haben wir andere Sorgen, meine Liebe“, sagte er.

Die Worte holten sie aus ihrem wohligen Zustand der Erregung in die Wirklichkeit zurück. „Was geht hier vor, Harun? Ich verstehe das nicht … Warum legt uns jemand fast nackt zusammen in ein Bett?“

Er sah sie ernst an. „Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass ich gerade erst einhundert Millionen US-Dollar für Alims Freilassung bezahlt habe. Was meinst du, wie viel Alim und dein Vater für unsere aufbringen können?“

„Ich … Ich fürchte, der Inhalt unserer Staatskasse ist in den letzten Jahren durch die Unruhen in der Golfregion gewaltig geschrumpft.“ Sie schwieg beklommen. „Meinst du, die al-Shabbats stecken hinter unserer Entführung?“

„Gut möglich, aber es kämen bestimmt noch ein Dutzend anderer hochrangiger Familien in Betracht, die gern die Macht an sich reißen würden. Bleibt nur zu hoffen, dass Alim und dein Vater das bedenken, bevor sie etwas unternehmen.“

„Ich frage mich, ob wir überhaupt schon vermisst werden.“ Sie merkte selbst, wie ängstlich sie klang, und ärgerte sich darüber.

„Ich weiß es nicht. Alim hat im Moment genug mit sich selbst zu tun. Vielleicht denkt er, dass wir uns irgendwohin zurückgezogen haben, um in Ruhe über unsere Probleme zu reden. Um unsere Ehe zu kitten.“

Ich wünschte, das hätten wir. Warum hast du dich all die Jahre dagegen gesträubt?

Aber im Moment gab es dringendere Fragen. Amber blickte an sich hinab. „Warum sind unsere Hände gefesselt, aber nicht unsere Füße? Und weshalb sind wir nicht geknebelt?“

Er wälzte sich halb zu ihr herum und strich mit dem Finger über ihre Hand. „Vielleicht möchte man, dass wir miteinander reden?“

Harun hatte tatsächlich einen Scherz gemacht! Amber konnte es kaum glauben. „Oh, das wäre zu schön“, seufzte sie. „Am Ende bringen sie dich noch dazu, dich endlich ganz normal mit mir zu unterhalten.“

Er grinste jungenhaft. „Es ist den Versuch wert, oder?“

Ein warmes Gefühl durchströmte Amber, und sie musste leise lachen. Doch gleich machte sie wieder eine besorgte Miene. „Sei bitte mal einen Moment ernst, ja? Also, wie kommen wir hier raus?“ Sie begann, nervös auf ihrer Unterlippe zu kauen.

„Knebel sind nicht nötig, unser Gefängnis liegt nämlich mindestens fünf Stockwerke hoch. Die Wände sind dick, und das nächste Gebäude ist mehr als hundert Meter entfernt. Wir können noch so viel schreien, es wird uns nicht helfen. Bestimmt sind vor dem Zimmer Wachen postiert. Ich habe jedenfalls durchs Fenster welche auf den Dächern der umliegenden Gebäude gesehen.“

Seine Worte müssten sie eigentlich zu Tode erschrecken, doch sie fühlte sich im Gegenteil geborgen wie lange nicht mehr – weil er hier bei ihr war und sein sanftes, hypnotisches Streicheln fortsetzte. „Hast du dich vorhin schon umgeguckt?“

Er nickte knapp. „Wir kommen hier nur raus, wenn sie uns freilassen. Die Entführung scheint perfekt geplant zu sein.“

Entführung. Was für ein furchtbares Wort. Plötzlich fühlte sich Amber schrecklich hilflos. „Meinst du, man beobachtet uns?“, wisperte sie.

„Das hängt davon ab, wie clever unsere Entführer sind und was sie vorher aufgeschnappt haben.“

„Was sollten sie aufgeschnappt haben?“, meinte sie irritiert.

Er sah sie nur stumm an, und sie begriff. In ihrer Rage hatte sie die Scheidung verlangt, und das in einer Situation, wo gut eine Handvoll Dienstboten hätten mithören können. Damit nicht genug, sie hatte ihrer Verachtung für Recht und Tradition Luft gemacht. Da wäre sicher jeder Fundamentalist schockiert.

Beschämt schloss sie die Augen. „Es tut mir so leid, Harun“, sagte sie leise. „Das alles ist allein meine Schuld.“

„Jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, das bringt uns nicht weiter“, entgegnete er. „Wir wissen doch gar nicht, was wirklich vorgeht. Wir müssen jetzt zusammenhalten und scharf nachdenken, wie wir uns aus dieser Situation befreien können.“

Ihr Kopf lag an seiner Schulter, bevor ihr überhaupt bewusst wurde, dass sie sich bewegt hatte. Seufzend schmiegte sie sich an ihn und sog genüsslich seinen männlichen Duft ein. „Danke, Harun.“

„Wofür?“

Sie hob lächelnd den Blick. „Ein weniger selbstbewusster Mann würde mir jetzt einen ausführlichen Vortrag über mein unmögliches Benehmen halten. Ein weniger intelligenter Mann würde mir die Schuld für unsere Lage in die Schuhe schieben. Ein Mann, der sich in seiner Männlichkeit bedroht fühlt, würde mich wahrscheinlich sogar schlagen.“

Ein Lächeln – nein, ein belustigtes Grinsen zog über sein Gesicht. „Daran habe ich nicht einmal gedacht. Wie kommst du darauf, dass ich mir eine schwache Frau an meiner Seite wünsche?“

Nie zuvor hatte sie ihn so gelöst lächeln sehen. Vielleicht spielte er ihr etwas vor, um ihr in dieser bedrohlichen Situation die Angst zu nehmen. Aber egal, ob echt oder gespielt: Es tat ihr einfach unglaublich gut.

Waren ihm seine Männer deshalb in blindem Vertrauen in die Schlacht gefolgt? Hatte er ihnen ebenfalls das Gefühl gegeben, alles schaffen – überleben! – zu können?

In ihrer Situation blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich vollkommen aufeinander zu verlassen – wozu sie mehr als bereit war. Plötzlich erschien ihr die Vorstellung, diesen sanften, humorvollen Mann an ihrer Seite zu verlieren, unerträglich. „Tja, hättest du mir früher verraten, welche Art Frau du dir wünschst …“ Sie lächelte wehmütig. „Im Moment bin ich, was das betrifft, leider ziemlich ratlos.“

Er lachte leise in sich hinein. „Weißt du, du bist nicht die Einzige, die behauptet, ich sei viel zu zugeknöpft.“

Fasziniert betrachtete sie seinen Mund. „In all den Jahren habe ich dich nie wirklich lachen hören.“

Statt der Abfuhr, die sie erwartete, wurde sein Lächeln breiter. „Du meinst, es war erst eine Entführung nötig, damit ich mein wahres Gesicht zeige? Wenn du Spaß daran hast, kannst du ja regelmäßig alle paar Monate eine kleine Entführung arrangieren.“

Amber wollte schon laut loslachen, als ihr bewusst wurde, was sein verändertes Wesen mit ihr anstellte. Diese heftige, fast unerträgliche Sehnsucht, das warme Kribbeln im Bauch … „Wie kannst du im normalen Alltag immer so kalt und abweisend sein und ausgerechnet jetzt charmant und lustig?“

„Ich versuche einfach, mich davon abzulenken, dass mein Rücken furchtbar juckt und ich mich nicht kratzen kann“, gab er augenzwinkernd zurück und hob demonstrativ seine gefesselten Hände.

Wieder musste sie lachen. Nach all den Jahren ernster Strenge schien es plötzlich, als könne er nicht eine Sekunde aufhören zu scherzen und albern zu sein. Natürlich wusste sie, dass er das tat, um sie abzulenken – und dafür war sie ihm unendlich dankbar.

„Ich kann dich kratzen“, bot sie an. „Roll dich auf die Seite.“

Das tat er. Bewundernd ließ Amber den Blick über seine breiten Schultern und den muskulösen Rücken gleiten. Seine Haut war seidig und von einem wunderbar warmen Goldbraun. „Wo juckt es denn?“

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