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JULIA EXTRA, BAND 358

PENNY JORDAN

Zwischen Lüge und Verlangen

Der mächtige Vasilii Demidov sieht keine andere Möglichkeit, als seine schöne Assistentin Laura vor einem Feind zu beschützen: Er muss sie zu seiner Geliebten machen. Ob sie will oder nicht! Sie will …

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Zwischen Lüge und Verlangen

1. KAPITEL

Sie sollte das wirklich nicht tun. Auf keinen Fall.

Andererseits war es ein Job, mehr nicht. Ein Job, den sie im Augenblick dringend brauchte – nach allem, was geschehen war.

Der Haken: Sie würde eng mit Vasilii Demidov zusammenarbeiten. Sehr eng, und zwar als seine persönliche Assistentin. Wenn auch nur vorübergehend.

Abrupt blieb Laura Westcotte mitten auf der Londoner Sloane Street stehen. Meine Güte noch mal! Sie war doch keine vierzehn Jahre mehr alt. Die alles verzehrende Schwärmerei für den um einiges älteren, umwerfend attraktiven Halbbruder ihrer alten Schulkameradin war doch längst überwunden, oder etwa nicht? Damals hatte sie gemeinsam mit seiner jüngeren Halbschwester das renommierte Mädchenpensionat besucht, deren Direktorin Lauras strenge Tante war.

Laura fühlte sich nicht länger wie das alberne kleine Mädchen, das heimlich im Internet nach Informationen über ihren Traummann Vasilii Demidov geforscht hatte. Zum Glück steckten die großen sozialen Netzwerke zu dem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen, sonst hätte sich Laura bestimmt vor aller Welt lächerlich gemacht. Schlimm genug, dass sie sich später ein Foto von ihm besorgt hatte, um still und heimlich vor sich hin zu träumen.

Vasilii war ihr vor die Linse gelaufen, als er an einem Freitagnachmittag seine Halbschwester in der Schule besuchte. Mit zitternden Fingern hatte sich Laura an ihre Kamera geklammert und heimlich ihr Foto geschossen, während er mit langen Schritten auf seine Schwester zuging, die bereits auf ihn wartete.

Sein Körper war kraftvoll und muskulös gewesen, genau wie seine Bewegungen. In seiner dunklen Jeans und dem schwarzen T-Shirt hatte Vasilii unglaublich lässig gewirkt, und Laura war unwillkürlich auf ziemlich verwegene Gedanken gekommen. Ein echtes Wunder, dass sie das Bild nicht bis zur Unkenntlichkeit verwackelt hatte.

Sorgfältig verwahrt am heiligsten Ort ihrer Jugend, dem Geheimfach in der Schmuckschatulle ihrer Mutter, blieb das Foto stets vor neugierigen Blicken verborgen. Die Schatulle, der der schwache Duft ihrer Mutter anhaftete, besaß Laura immer noch. Und das Foto?

Nun benahm sie sich aber wirklich lächerlich. Damals war das noch verzeihlich gewesen, denn in dem Alter gehörte unrealistische Schwärmerei aus der Ferne für Mädchen zum Alltag.

Laura hatte Hunderte Male darüber fantasiert, wie sie sich begegneten, hatte im Geiste romantische Situationen mit ihm erlebt – und noch so einiges mehr, das dem hormonüberladenen Verstand einer Halbwüchsigen entsprang. In ihrer Vorstellung war es sogar ein Zeichen des Schicksals gewesen, dass sie beide ihre Mütter verloren hatten. Diese Erfahrung hatte ein unsichtbares Band zwischen ihnen gewoben …

Dabei waren sie einander nie richtig vorgestellt worden, geschweige denn hatten sie jemals persönlich miteinander geredet. So blieben nur die endlosen Tagträume und das Verlangen nach dem Unbekannten, die ihr von Zeit zu Zeit sogar ein wenig Angst machten.

Das war mittlerweile alles längst vorbei, nur die Gegenwart zählte. Sie hatte sich gerade mehrmals seinen Namen durch den Kopf gehen lassen, ohne dabei Herzklopfen zu bekommen oder an ihrem eigenen Atem zu ersticken – das war doch der Beweis, oder?

Nein, ich bin keine vierzehn mehr, sagte sie sich. Wie um sich dessen zu versichern, warf sie einen Blick in die nächstbeste Schaufensterscheibe, aus der sie das Antlitz einer selbstbewussten vierundzwanzigjährigen Frau anblickte. Das brünette Haar fiel ordentlich frisiert über ihre Schultern, und die blauen Augen leuchteten in dem keltisch blassen Gesicht wie blaue Edelsteine. Die vollen Lippen waren nur dezent geschminkt. Insgesamt wirkte sie wie eine Karrierefrau auf dem Weg zu einem vielversprechenden Vorstellungsgespräch.

Vasilii Demidov konnte es wohl kaum gelungen sein, in wenigen Minuten das naive Mädchen in ihr erneut zum Leben zu erwecken? Anstatt über die Vergangenheit zu grübeln, sollte sie sich besser auf ihre Zukunftspläne konzentrieren. Ihr war bereits ein guter Job durch die Lappen gegangen, sollte sich das wiederholen, wäre das ihrer Karriere nicht gerade zuträglich.

Laura machte sich keine Illusionen. Sie wusste genau, warum sie den letzten Vertrag nicht bekommen hatte, der ihr mündlich zugesichert worden war. Der neue Geschäftsführer jener Firma hatte keine Zweifel daran aufkommen lassen. Wenn sie daran zurückdachte, befiel sie sofort wieder ein schmerzhaftes Gefühl der Demütigung.

Oh ja, sie brauchte diese Stelle unbedingt! Sechs Wochen als Aushilfssekretärin für Vasilii Demidov und zudem mit einer atemberaubenden Bezahlung – mehr als das Doppelte ihres letzten Gehalts. Obendrein würde diese Anstellung Lauras Lebenslauf entschieden aufwerten und endlich die berufliche Talfahrt für sie beenden.

Wieder hatte Laura im Internet alles Mögliche über Vasilii recherchiert. Dieses Mal, um sich optimal auf ihr Bewerbungsgespräch vorzubereiten, wie es sich für eine ernst zu nehmende Bewerberin gehörte. Nach dem Tod seines Vaters hatte Vasilii dessen bescheidene Firma zu einem multinationalen Konzern ausgebaut. Zwar war der Hauptsitz seiner Firma in Zürich angesiedelt, doch Vasilii selbst hielt es nie lange an einem Ort. Er lebte als sprichwörtlicher Nomade ganz in der Tradition seiner Vorfahren mütterlicherseits, die einst mit Kamelen durch die Wüste gezogen waren.

Im Gegensatz zu so vielen anderen russischen Großindustriellen unterhielt Vasilii allerdings nicht mehrere Wohnsitze über den Globus verteilt. Stattdessen mietete er sich in Hotels oder möblierten Apartments ein, je nachdem, wo ihn seine Geschäfte gerade hinführten.

Früher hatte Laura es hinreißend exotisch gefunden, dass Vasilii – dessen Vater Russe gewesen war – seine Herkunft mütterlicherseits angeblich bis zu einem hellhäutigen, blauäugigen Kriegerstamm zurückverfolgen konnte, der sich einst mit einer verirrten römischen Legion vereinigt hatte. Man sagte Vasilii aufgrund dieser Geschichte eine besondere strategische Kämpfernatur nach. Im Internet fanden sich jede Menge Mutmaßungen und Hypothesen über diesen alten Nomadenstamm, der für seinen unerbittlichen Stolz und für seinen besonderen Ehrenkodex gerühmt wurde. Wie unzählige andere alte Volksstämme war auch dieser durch Kriege und Krankheiten beinahe ausgelöscht worden, lange bevor Vasiliis Mutter das Licht der Welt erblickt hatte.

Heute machte es den Anschein, als wäre Vasilii immun gegen alle Verletzungen, die ihm durch andere Menschen zugefügt werden könnten. Er galt als mächtiger, hartherziger Mann, der sich kompromisslos dem geschäftlichen Erfolg verschrieben hatte. Und es war ihm bestimmt völlig gleichgültig, ob Laura in ihrer Jugend eine Schwäche für ihn empfunden …

Warum denke ich jetzt schon wieder daran? ärgerte sie sich und warf einen Blick auf die Uhr. Dann beschleunigte sie ihre Schritte. Zu diesem wichtigen Termin durfte sie keinesfalls zu spät kommen, nur weil sie sich in hirnlosen Tagträumereien verlor!

Von seiner exklusiven Suite im obersten Stockwerk eines der teuersten Londoner Hotels konnte Vasilii die gesamte Sloane Street überblicken. Die Julisonne fiel zum Fenster herein und schien ihm direkt ins Gesicht, sodass sein Gesicht im Profil noch kantiger wirkte als sonst. Seine Haut hatte von Natur aus einen warmen goldenen Ton, in seinen Zügen spiegelte sich der arabische Einfluss seiner Mutter wider.

Sein Leben lang hatte Vasilii sich als Außenseiter gefühlt, da er sich weder ganz zur Familie seiner Mutter, noch zu der seines Vaters gehörig fühlte. Von beiden Seiten war er nie vollends akzeptiert worden, vielleicht, weil er äußerlich nach seiner Mutter kam, dazu aber den messerscharfen Verstand und Geschäftssinn seines Vaters besaß. Also hatte Vasilii gelernt, allein zurechtzukommen und niemandem außer sich selbst zu trauen. Dieser Zug hatte sich noch verstärkt, nachdem seine Mutter verschleppt und bei einem missglückten Befreiungsversuch von ihren Kidnappern getötet worden war.

Er selbst war noch ein Kind gewesen und hatte es nur schwer verkraftet, den Menschen zu verlieren, der ihm am nächsten stand. Seither war Vasilii entschlossen, sich niemals wieder so verletzbar zu machen. Er hielt seine Mitmenschen auf Distanz und schwor sich, nie wieder den Verlust eines geliebten Menschen zu riskieren.

Im Augenblick war es allerdings nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart, die ihm zu schaffen machte. Die und eine gewisse Miss Laura Westcotte.

Bedauerlicherweise fiel sein Privatsekretär für ein halbes Jahr aus, weil er sich um seine kranke Ehefrau kümmern musste. Zu allem Überfluss hatte sich der umgehend engagierte Ersatzmann eine böse Magen-Darm-Grippe eingefangen, gerade als Vasiliis Verhandlungen mit den Chinesen die heiße Phase erreicht hatten. Nun brauchte er dringend einen Assistenten, der nicht nur fließend Mandarin, sondern auch Russisch und Englisch beherrschte und sich mit internationalem Protokoll und der entsprechenden Etikette auskannte – also in der Lage war, sich chinesischen Würdenträgern und Bürokraten gegenüber korrekt zu verhalten.

Zwar sprach Vasilii alle drei Sprachen fließend, aber als internationaler Unternehmer durfte man sich nicht die Blöße geben, bei Verhandlungen als sein eigener Übersetzer aufzutreten. Für chinesische Unternehmer, mit denen er es momentan zu tun hatte, war ein eigener Personalstab eine Art Statussymbol, wie Vasilii schnell feststellen musste. Deshalb war jetzt auch ein Vorstellungsgespräch mit Laura Westcotte fällig, die sein Headhunter ihm empfohlen hatte.

Allerdings gab es ein paar Dinge, die deutlich gegen sie sprachen. Zu allererst einmal war sie eine Frau, und Vasilii arbeitete nie eng mit Frauen im eigenen Team zusammen. Ihm war klar geworden, dass Mitarbeiterinnen ihn – schwerreich und unverheiratet – allzu gern als potenziellen Ehemann einstuften. Doch er hatte nicht die Absicht, jemals vor den Traualtar zu treten.

Sein Kiefer verkrampfte sich bei diesem Gedanken. Eine Ehe oder überhaupt eine engere Beziehung zu einem anderen Menschen bedeutete, ein Stück von sich selbst wegzugeben. Es bedeutete daher auch, dieses Stück von sich irgendwann auf schmerzhafte Weise verlieren zu können.

Doch eigentlich war die Sache nicht so eindeutig, denn in seiner Brust wohnten zwei Seelen, was wohl seiner multikulturellen Herkunft zu verdanken war. Neben dem modernen, ehrgeizigen Russen lebte in ihm der Wüstenkrieger, dessen althergebrachter Moralkodex und archaischer Glaube in der heutigen Welt fehl am Platze waren.

Aber wozu sollte er auch heiraten? Das war völlig überflüssig. Nachdem seine Halbschwester Alena neuerdings mit einem russischen Geschäftsmann verheiratet war, konnte man davon ausgehen, dass die beiden ihre Beziehung irgendwann mit gemeinsamen Kindern krönten. Damit wäre für den Nachwuchs gesorgt, der zukünftig im Familienunternehmen arbeiten und dieses schließlich übernehmen konnte.

Es gab neben ihrem Geschlecht noch einen weiteren Grund, warum Vasilii sich sträubte, Laura Westcotte einzustellen. Gewiss, ihr Lebenslauf war eindrucksvoll. Doch seine eigene Recherche und einige Gespräche mit seiner Halbschwester Alena hatten ihn davon überzeugt, dass es Laura an Verantwortungsbewusstsein und Gradlinigkeit mangelte. Man konnte ihr nicht vertrauen. Kurz gesagt, ihre Vorstellung von Moral ließ deutlich zu wünschen übrig. Unglücklicherweise gab es zurzeit keinen anderen Bewerber für die Stelle, und Vasilii lief die Zeit davon. Laura erfüllte alle Kriterien und kannte sich bestens mit den Gepflogenheiten der Geschäftswelt und der chinesischen Kultur aus. Es blieb ihm also kaum eine andere Wahl, als ihr den Job anzubieten.

Bestimmt ist der rasante Fahrstuhl schuld am flauen Gefühl in meinem Magen, überlegte Laura und zählte die Stockwerke, bis sie endlich auf Vasiliis Etage aussteigen konnte.

Sie sollte sich wirklich ausschließlich auf diesen wichtigen Job konzentrieren und alle Gedanken an alte Schwärmereien beiseitelassen. Nach allem, was Laura über Vasilii und seine sachliche Art, Geschäfte zu machen, wusste, hatte er sicherlich wenig Verständnis für Nervosität oder Aufregung bei seinen Mitmenschen.

Laura wurde durch zwei gesicherte Türen geführt, bevor ein tonloses, britisch akzentuiertes „Herein!“ durch die geöffnete Flügeltür drang, hinter der sich Vasiliis Arbeitszimmer verbarg.

Welch warmherziger Empfang, dachte sie sarkastisch und betrat das großräumige Zimmer. Sofort galt ihre gesamte Aufmerksamkeit dem Mann, der mit verschränkten Armen am Fenster stand.

Wie sie selbst trug er Businesskleidung, einen dunklen Anzug. Sein ebenfalls dunkles Haar berührte nur leicht den Kragen seines strahlend weißen Hemds. Auf den gebräunten Händen war kein einziger Ring zu erkennen. Den Kopf hatte er leicht zur Seite geneigt, sodass das Tageslicht von hinten seine scharfen Gesichtszüge betonte.

Das Flattern in ihrem Magen verwandelte sich in prickelnde Erregung. Das Bild, das sie sich damals zurechtgelegt und seither gepflegt hatte, erschien ihr mit einem Mal in neuem Licht. Damals war Vasilii aufregend und toll gewesen, aber heute war er absolut atemberaubend!

In ihrem Inneren schrillte eine Alarmglocke. Sie sollte am besten sofort die Flucht ergreifen. Doch da gab es einen entschlossenen Teil in Laura, der ihre zuflüsterte, sich nicht einschüchtern zu lassen. Vasilii mochte ein Mann sein, der ihre Fantasie und ihre Nerven anregte, aber das war noch lange kein Grund, klein beizugeben. Vermutlich handelte es sich lediglich um einen Rest Teenagerschwärmerei, der sich schon bald verflüchtigen würde.

Das Bewerbungsfoto wurde Laura ganz und gar nicht gerecht, wie Vasilii widerwillig eingestand. Ihr herzförmiges Gesicht kam nicht richtig zur Geltung, genauso wenig ihre geschmeidige Figur. Leider hatte er im Internet nicht viel über sie herausfinden können. Keine peinlichen Partyfotos und keine despektierlichen Berichte. Aber darauf war er auch nicht angewiesen. Man hatte ihm schließlich längst offenbart, mit was für einer Person er es zu tun hatte. Nämlich mit der Art von Mensch, die er normalerweise tunlichst mied.

Äußerlich mochte sie sehr attraktiv sein, und ganz sicher wusste sie sich vorteilhaft zu kleiden, aber ihm war klar, wie sie tickte. Und falls er sich durch ihre Erscheinung sogar sexuell erregt fühlte, dann wirklich nur, weil es so lange her war, dass er …

Irritiert wandte Vasilii sich ab und sortierte ein paar lose Blätter auf seinem Schreibtisch, bevor er wieder den Kopf hob. „Ich sehe, Sie sprechen neben Chinesisch auch noch Russisch? Warum Russisch, wo doch die meisten russischen Geschäftsleute keine englische Übersetzung benötigen, weil sie die Sprache selbst beherrschen?“

Seine Frage kam für Laura völlig unerwartet, und sie verunsicherte sie. Natürlich gab es einen ganz speziellen Grund, warum sie sich für diese Sprache interessiert hatte. Aber sie konnte Vasilii wohl kaum verraten, dass sie sich früher zu gern mal in seiner Landessprache mit ihm unterhalten hätte.

„Meine Eltern waren Linguisten“, erklärte sie, „und haben beide Russisch gesprochen. Ich habe schon früh einiges von ihnen gelernt, und da schien es mit ganz natürlich, die Sprache zu perfektionieren.“ Das war zumindest teilweise die Wahrheit.

„Sie wollten also in ihre Fußstapfen treten, anstatt sich einen eigenen beruflichen Weg auszusuchen? Wollen Sie das damit sagen? Lässt das nicht auf mangelnden Ehrgeiz und fehlende Entscheidungskraft schließen?“

„So würde ich das nicht bezeichnen“, erwiderte sie defensiv. Sie würde nicht zulassen, dass er sie argumentativ in die Ecke drängte. „Gewisse Fähigkeiten und Talente werden von einer Generation an die nächste weitervererbt, und es wäre ziemlich unklug, diese Anlagen nicht zu nutzen. Sie kommen doch auch nach Ihrem Vater und feiern damit beruflich Erfolge. Ich habe eben eine Begabung für Fremdsprachen. Nach dem Verlust meiner Eltern hat es mir sogar sehr geholfen, mich für diesen Weg entschieden zu haben. Es gab mir das Gefühl, als wären sie immer noch ein lebendiger Teil meines Lebens. Ich liebe Sprachen, sie sind wie eine Verbindung zu den Menschen, die ich liebe.“

Etwas, woran man sich festhalten konnte, wenn einen das Leben zu überwältigen drohte. Vor Vasiliis Augen entstand das flüchtige Bild seiner Mutter, so wie er sie das letzte Mal gesehen hatte. Er hasste Laura sofort dafür, dass sie schmerzhafte Erinnerungen in ihm wachrief. Wieso war sie überhaupt dazu in der Lage? Mit dem Gerede über ihre Eltern und mit ihrer albernen Sentimentalität überschritt sie eine Grenze bei ihm. Aber wie machte sie das?

Das war doch absurd. Ausgerechnet eine Frau, von der er genau wusste, dass man ihr nicht über den Weg trauen durfte, fand einen Zugang zu ihm? Riss einfach die Barriere ein, die bisher nur seine geliebte verstorbene Stiefmutter übertreten durfte? Das war nicht nur absurd, das konnte richtig gefährlich werden. Aber der Tag, an dem ihm eine Frau wie Laura Westcotte irgendwie gefährlich werden konnte, den würde es niemals geben. Das schwor sich Vasilii.

„Ich habe Sie um eine Erklärung gebeten, warum Sie sich für die russische Sprache entschieden haben. Darauf erwarte ich eine beruflich relevante Begründung, keine Ausführung zu den Gefühlen Ihrer Kindheit.“

Sein barscher Tonfall verletzte sie. Als sie als kleines Mädchen erfahren hatte, dass Vasiliis Stiefmutter gestorben war, hatte sie großes Mitleid mit ihm empfunden. Es war Laura, als sei damals ein zartes Band gemeinsamen Schicksals zwischen ihnen gesponnen worden, das bis heute im Verborgenen fortbestand. Vielleicht hatte sie auch deshalb gerade von ihren eigenen Eltern gesprochen. Dabei war es doch offensichtlich, dass Vasilii keinen Wert auf Mitgefühl oder eine irgendwie geartete emotionale Verbindung legte.

Seine Kritik traf sie schwer, und unter anderen Umständen wäre Laura sicherlich zu dem Schluss gekommen, mit einem so rabiaten Chef nicht zusammenarbeiten zu wollen. Aber sie brauchte diese Stelle dringend! Trotzdem würde sie derartige Bemerkungen nicht kommentarlos hinnehmen.

Mit gestrafften Schultern trat sie vor. „Meine Beweggründe, Russisch zu studieren, mögen persönlicher Natur gewesen sein. Aber die Entscheidung für Mandarin – das kein Fachgebiet meiner Eltern war – geschah aus rein beruflichen Erwägungen und zeigt, wie genau ich mich mit der weltwirtschaftlichen Zukunft beschäftigt habe. Das Sprachtalent wurde mir zwar vererbt, aber ich allein habe meiner Karriere schon früh darauf gegründet, dass China sich auf dem internationalen Markt durchsetzen würde.“

Wagte sie etwa, ihn herauszufordern? Dieses energische Auftreten war Vasilii von Frauen nicht gewohnt, denn meistens überschlugen sie sich förmlich im Versuch, ihm zu schmeicheln und zu gefallen.

„Sie haben die gleiche Schule besucht wie meine Halbschwester. Und soweit ich informiert bin, stand Mandarin dort nicht auf dem Stundenplan.“

Er wusste, dass sie mit Alena zur Schule gegangen war? Laura fiel ein, wie sie damals über ihre Tante unauffällig herauszufinden versuchte, wann Vasilii vorbeikam, um seine Schwester abzuholen. Dann positionierte sie sich an dem Fenster, von dem aus man den besten Blick auf das Eingangsportal hatte, und wartete mit klopfendem Herzen ab.

Nur davon konnte Vasilii unmöglich wissen. Auch nicht davon, wie sie sich mühsam einen verführerischen Gang angewöhnt hatte, in der Absicht, unauffällig an seinem Auto vorbeizuschlendern, während er auf Alena wartete. Allerdings hatte sie sich genau das nie wirklich getraut, und so war es bei den heimlichen Proben in geschlossenen Räumen geblieben.

Wahrscheinlich wusste er von der gemeinsamen Schulzeit, weil er Lauras Lebenslauf kannte. Und außerdem war ihre Tante damals ja Direktorin des Pensionats gewesen. Ihre Vermutung sollte sich im nächsten Moment bestätigen.

„Da Mandarin nicht auf dem Stundenplan stand, hat Ihre Tante Ihnen wohl kostspieligen Privatunterricht bezahlt?“

Er kann mich wirklich nicht ausstehen, stellte Laura fest. „Ich habe selbst dafür bezahlt“, informierte sie ihn kühl. „Das Geld dafür habe ich mir in den Pferdeställen verdient, in denen einige der Privatschüler ihre Tiere untergebracht hatten. Dafür konnten die morgens eine Stunde länger in ihren Betten liegen bleiben.“

Vasilii sah unwillkürlich vor seinem geistigen Auge, wie eine jüngere Ausgabe von Laura Westcotte sich mit roten Wangen, Pferdeschwanz und Arbeitsjacke aufs Fahrrad schwang und bei Wind und Wetter zu den Ställen radelte, um sich ihr mickriges Taschengeld aufzubessern. Sein eigener Vater hatte ebenfalls die Meinung vertreten, man müsse sich sein Geld von Anfang an selbst verdienen, und selbst seine reichlich verwöhnte Schwester Alena hatte ihre eigenen Aufgaben zugewiesen bekommen.

Es gefiel Vasilii nicht, dass er sich plötzlich Gedanken über die Gefühle anderer Leute machte. Unwirsch griff er nach einem Informationsblatt und reichte es Laura. „Ich möchte Sie bitten, mir das hier in Mandarin zu übersetzen“, sagte er und wartete ab, während sie einen Blick auf den Zettel warf.

Diese Aufgabe bereitete ihr keine Probleme, und sie fragte sich, warum ihre Hand und im Grunde ihr ganzer Körper zu zittern begannen. Konnte es daran liegen, dass Vasilii ihr gerade eben ziemlich nahe gekommen war?

Sie atmete durch, räusperte sich kurz und übersetzte dann recht flüssig die erste Seite des Informationstextes.

Vasilii war beeindruckt, und er musste zugeben, dass sein Privatsekretär trotz langjähriger Erfahrung für diesen Text länger gebraucht hätte.

„Wenn Sie jetzt bitte ins Russische übersetzen könnten?“

Laura nickte und überzeugte mit einer fehlerfreien Leistung. Nicht dass er weniger erwartet oder gar akzeptiert hätte!

„Gut, Ihre sprachlichen Fähigkeiten sind demnach … adäquat. Aber falls Sie wirklich etwas über die chinesische Mentalität wissen, dürfte Ihnen klar sein, dass für den Erfolg geschäftlicher Verhandlungen wesentlich mehr nötig ist als das Beherrschen der Landessprache.“

„Ja, natürlich“, stimmte Laura zu. „Selbst wenn Unternehmer denselben Dialekt sprechen, verhandeln sie im Kreise eigener Übersetzer und persönlicher Assistenten, weil es ihren jeweiligen Status erhöht. Auf diese Weise werden in China Geschäftstermine ausgeschmückt. Da mir bekannt ist, dass Sie selbst mehrsprachig sind, bin ich gleich davon ausgegangen, dass eine persönliche Assistentin für Sie in erster Linie eine repräsentative Funktion haben soll.“

„Korrekt“, erwiderte er und starrte sie aus seinen grauen Augen an.

Alles könnte einfacher sein, wenn ich nicht mal in ihn verliebt gewesen wäre, dachte Laura. Sogar mit Blicken schafft er es schon, mich einzuschüchtern.

Es dauerte eine ganze Weile, bevor Vasilii ihr die nächste Frage stellte. „Wie ich den Unterlagen entnehme, haben Sie Ihre letzte Stelle gekündigt, ohne den nächsten Job sicher in der Tasche zu haben. Ist das in der heutigen Zeit nicht etwas riskant?“

2. KAPITEL

Die Furcht vor der Wahrheit legte sich wie eine kalte Klammer um Lauras Herz.

Er konnte es nicht wissen, das war einfach nicht möglich. Sie nahm all ihren Mut zusammen. „Ich wollte eigentlich eine Auszeit nehmen“, gestand sie.

„Tatsächlich?“

Sein höhnischer Blick verriet, dass er Laura kein Wort glaubte. Aber es sollte noch schlimmer werden.

„Meines Wissens zahlen Sie gerade einen Hauskredit ab und kommen obendrein auch noch für die Pflegeeinrichtung Ihrer Tante auf.“

„Ja.“ Leugnen war zwecklos. „Meine Tante hat mich nach dem Tod meiner Eltern bei sich aufgenommen. In letzter Zeit ging es ihr nicht so gut, und mit ihrer schmalen Rente konnte sie sich keine vernünftige Hilfe leisten. Da habe ich ihr natürlich meine Unterstützung angeboten.“

„Es scheint Ihnen ziemlich wichtig zu sein, sich als Wohltäterin zu präsentieren, die ihre Pflichten und Verantwortung ausgesprochen ernst nimmt. Aber der Umstand, dass Sie ohne irgendwelche Sicherheiten Ihren Arbeitsplatz aufgeben, steht im Widerspruch dazu. Ich würde sogar so weit gehen anzuzweifeln, dass jemand mit Ihren finanziellen Verpflichtungen sich einfach so eine Auszeit von der Karriere nehmen kann. Was ich noch schwerer glauben kann: Sie reichen just in jenem Moment die Kündigung ein, in dem Ihnen Ihr Mentor eine Beförderung zugesichert hat? Ein Mentor, mit dem Sie seit Jahren zusammenarbeiten?“

Zu gern hätte Vasilii ihr mitgeteilt, er habe einen anderen, besser geeigneten Bewerber für die Stelle, aber das konnte er leider nicht. Ihre Übersetzungen waren fehlerlos und versiert, und ihre Referenzen bescheinigten ihr nicht nur eine außerordentliche fachliche Qualifikation, sondern auch ausgezeichnete Teamfähigkeit und soziale Kompetenz. Letzteres war unabdinglich für das Projekt, das Vasilii mit ihr in Angriff nehmen wollte. Sie mussten diesen Vertrag unter Dach und Fach bringen. Allerdings würde Vasilii seiner neuen Mitarbeiterin unmissverständlich klarmachen, dass sie sich besser nicht mit ihm anlegen sollte.

Sie rang immer noch nach einer Erklärung, hinter der sie die Wahrheit verstecken konnte. „Mit der Beförderung wäre ein Umzug nach New York einhergegangen, und dazu war ich nicht bereit.“

„Haben Sie etwas gegen das Reisen? Als meine Assistentin werden Sie auch viel reisen müssen, und zwar viel weiter als bis nach New York. Laura, wenn ich eines von meinen Angestellten erwarte, dann ist es Ehrlichkeit und Verlässlichkeit“, fuhr er in strengem Ton fort.

Bei seinen Worten krampfte sich Lauras Herz angstvoll zusammen.

Nach einer kurzen Pause fuhr Vasilii fort. „Stimmt es, dass man Ihnen wegen einer Affäre mit Ihrem Vorgesetzten eine Kündigung nahegelegt hat?“

„Nein!“, widersprach sie heftig.

Aus ihr brachen wieder der Schreck und die Verzweiflung hervor, genau wie in dem Moment, als Harold und Nancy damals in Johns Hotelzimmer gestürzt waren. Kurz darauf war sie in Harolds Büro zitiert worden, wo man ihr vorwarf, eine Affäre mit John zu haben. Ausgerechnet mit John, ihrem Chef und Mentor, den sie sehr mochte – geradezu verehrte. Sie sah zu ihm auf wie zu einem Ersatzvater, immerhin war er gut zwanzig Jahre älter als sie.

Als sie ihn kennenlernte, war er gerade frisch geschieden. John hatte zwei Söhne, die er über alles liebte. Und Laura freute sich für ihn, als er sich schließlich mit einer Amerikanerin in seinem Alter verlobte, der er in New York begegnet war. Auch wenn sie selbst nie einen Draht zu Nancy fand.

Vasilii quittierte Lauras hastiges Dementi mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Man hat mir die Wahl gelassen, mich zu entlassen oder selbst zu kündigen“, räumte sie ein. „Aber ich hatte kein Verhältnis mit John. In vielerlei Hinsicht war er wie ein Vater für mich, vor allem beruflich habe ich unglaublich viel von ihm gelernt. Aber sonst war da nichts zwischen uns“, versicherte sie noch einmal.

„Ihr Arbeitgeber dachte anders darüber. Er hätte Sie sogar gefeuert und die Sache öffentlich gemacht, wenn Sie nicht freiwillig gegangen wären. Das hätte Ihrer Karriere empfindlich geschadet. Harold Johnson hat sehr klare Prinzipien in Bezug auf seine Angestellten. Er ist ein korrekter Mensch und würde eine solche Behauptung nicht einfach haltlos in den Raum stellen. War er von Ihrer Schuld überzeugt?“

Sie stöhnte leise. „Ja, das war er leider.“

„Und er war deshalb überzeugt, weil er und Metcalfes Verlobte Sie in Metcalfes Bett vorgefunden haben, richtig?“

„Genau.“

Die Szene lief noch einmal in ihrer Erinnerung ab, und ihre Hoffnung, von Vasilii eingestellt zu werden, schwand allmählich. Hilflos startete sie einen letzten Versuch, sich zu verteidigen. „Es war gar nicht so, wie es ausgesehen hat. John und ich mussten bis spät abends für einen Kunden arbeiten, der uns erst zum Essen und anschließend in einen Nachtclub einlud. Wir waren hundemüde, und es war sehr spät geworden. Am nächsten Morgen sollte die Arbeit weitergehen, daher schlug John vor, ich könnte der Einfachheit halber in seiner Hotelsuite übernachten. Das hatten wir auch früher schon gemacht.“

„Früher? Bevor er verlobt war?“

„Ja, aber …“

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass John Metcalfe zu diesem Zeitpunkt eine Krise mit seiner Verlobten hatte. Sie glaubt jedenfalls, Ihre Gefühle für ihn seien nicht rein freundschaftlicher oder kollegialer Natur.“

„Davon wusste ich nichts. John ist ein extrem loyaler Mensch. Er hätte niemals mit mir über seine Beziehungsprobleme mit Nancy gesprochen. Von ihrer möglichen Eifersucht hatte ich überhaupt keine Ahnung. Davon erfuhr ich erst später, als John mir erklärte, wie sehr ihr seine Überstunden gegen den Strich gegangen sind.“

„Und diese Überstunden hat er nicht mit Ihnen im Bett verbracht?“

„Nein, das sagte ich doch schon! Sicher, John und ich standen uns nahe, aber er war nicht mehr als ein Mentor für mich.“

„Immerhin hat man Sie in seinem Bett gefunden!“

„Weil er darauf bestanden hat, es mir zu überlassen. John selbst hat im Wohnzimmer der Suite auf dem Sofa geschlafen.“

„Klingt nach einer bequemen Ausrede, die niemand nachprüfen kann. Allerdings ist Ihr Verhalten sehr verräterisch. Schließlich sind Sie ohne Widerstand gegangen.“

Entnervt schloss Laura die Augen. Ja, sie war geflohen. Aber nur, um ihrer kränkelnden Tante den öffentlichen Skandal zu ersparen. Denn in einem Punkt hatte Vasilii recht: Niemand konnte beweisen, dass sie keine Affäre mit John gehabt hatte. Einzig die Tatsache, dass sie noch Jungfrau war, könnte im doppelten Sinn ihre Unschuld beweisen.

Allerdings hatte Laura nicht vor, das irgendjemandem anzuvertrauen, am wenigsten dem Mann, der gerade vor ihr stand. Es war ihr ganz persönliches, etwas peinliches Geheimnis. Eine junge Frau in den Zwanzigern, die kaum sexuelle Erfahrungen gemacht hatte, nur weil …

Weil sie zu sehr mit ihrer Ausbildung beschäftigt gewesen war. Weil sie einfach nie den richtigen Partner zum richtigen Zeitpunkt getroffen hatte. Und immer wieder hatte ihr diese unverarbeitete Schwärmerei für einen unerreichbaren Traummann im Weg gestanden!

Eben dieser betrachtete sie nun mit unverhohlener Abneigung in den Augen. Nein, nie im Leben könnte sie zugeben, seinetwegen Jungfrau geblieben zu sein. Was für ein verrückter Gedanke!

„Glauben Sie doch, was Sie wollen“, sagte sie resigniert.

Eigentlich war es nicht angebracht, so mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber zu sprechen, aber Laura rechnete sich ohnehin keine großen Chancen mehr aus.

„Soll heißen?“

„Das soll heißen, Sie wollen unbedingt schlecht von mir denken“, antwortete sie. „Harolds und Nancys Interpretation der Geschehnisse war falsch. John und ich haben beide versucht, es ihnen zu erklären, aber sie wollten nicht zuhören. Genau wie Sie jetzt. Ihr Urteil über mich ist gefällt, Sie lassen sich von der Einschätzung anderer leiten. Dabei habe ich gedacht, Sie gehörten zu den Leuten, die sich selbst ein Bild von ihren Mitmenschen machen – ohne Vorurteile.“

Es fiel Vasilii schwer, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Schon wieder wagte sie es, ihn zu provozieren. Ein solches Selbstbewusstsein war zwar bewundernswert, das musste er zugestehen, jedoch als Charaktereigenschaft für eine Privatsekretärin durchaus von Nachteil.

„Natürlich ziehe ich die Meinung anderer in Betracht. Wer tut das nicht? Unterm Strich gefällt mir der Gedanke nicht, Sie als meine Assistentin einzustellen, trotz Ihres beeindruckenden Lebenslaufs. Ich brauche jemanden, dem ich zweihundertprozentig vertrauen, und auf den ich mich vollkommen verlassen kann. Bei Ihnen trifft beides nicht zu. Der Grund Ihrer letzten Kündigung lässt vermuten, wie wenig man Ihnen vertrauen kann. Und was Ihre Verlässlichkeit angeht, habe ich ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass Ihnen Ihr eigenes Vergnügen wichtiger ist als eine verantwortungsvolle Aufgabe.“

Das sollte sie jetzt endgültig in ihre Schranken verweisen. Zufrieden streckte Vasilii seine Schultern und sah Laura durchdringend an. Er redete sich ein, dass sein wachsendes Interesse an ihrem Körper auf den Wunsch gegründet war, sich ein möglichst genaues Bild von ihr zu machen.

„Was für eine eigene Erfahrung?“, hakte sie verwundert nach. „Wir begegnen uns doch heute zum ersten Mal.“

„Persönlich schon. Aber ich weiß Bescheid, wie Sie sich verhalten haben, als Sie damals für Ihre Tante einspringen sollten. Sie wollte sich um meine Schwester kümmern und sie in London beaufsichtigen, musste dann aber unerwartet ins Krankenhaus. Und als meine Schwester bei Ihnen angerufen hat, damit Sie aushelfen, habe Sie sich zu Freunden nach New York abgesetzt – obwohl Sie wussten, dass Ihre Tante auf Sie zählte. Wer nicht einmal seine familiären Pflichten erfüllt, ist auch als Angestellter nicht zu gebrauchen.“

In Lauras Kopf entstand ein undurchdringlicher Nebel, als sie versuchte, sich einen Reim auf diese Informationen zu machen. All das hörte sie zum ersten Mal. Niemals wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihre Tante im Stich zu lassen, und im ersten Augenblick wollte sie das auch laut sagen. Doch dann kam sie ins Grübeln. Sie hatte gar keinen Anruf von Vasiliis Schwester bekommen. Alena hatte ihren Halbbruder möglicherweise angelogen.

Was war damals geschehen, als ihre Tante ins Krankenhaus gekommen war? Laura überlegte weiter, und ihr fiel ein, dass sie zu Schulzeiten einmal zufällig mit angehörte hatte, wie Alena, die einige Klassen unter ihr war, sich über Vasilii beschwerte. Er wollte ihr nicht erlauben, das Wochenende mit einer Freundin zu verbringen, da er deren Bruder für einen schlechten Einfluss hielt.

Obwohl Laura Mitgefühl mit Alena gehabt hatte, war sie gleichzeitig neidisch gewesen, dass diese einen so fürsorglichen Halbbruder hatte. In Lauras Augen hatte Vasilii zu jener Zeit sowieso nichts falsch machen können. Heute war sie dagegen alt genug, um zu vermuten, dass Alena ihn aus gutem Grund hintergangen hatte. Und da empfand sie fast schon schwesterliche Solidarität. Es wäre äußerst unfair, sie so brutal auffliegen zu lassen.

Warum sollte Laura sich auch rechtfertigen, wenn Vasilii sich ohnehin schon eine Meinung gebildet hatte? Er hielt sie für unmoralisch und unzuverlässig, so oder so.

„Haben Sie nichts zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“, erkundigte sich Vasilii.

„Wozu? Offensichtlich steht Ihr Urteil über mich bereits fest.“ Auf keinen Fall wollte sie sich anmerken lassen, wie verzweifelt sie war. „Es ist zwecklos, wenn wir hier unser beider Zeit verschwenden. Sie wollen mich nicht als Ihre Assistentin einstellen.“

„Nein, will ich nicht“, stimmte er ohne zu zögern zu und ließ eine Pause folgen. „Unglücklicherweise habe ich aber keine Wahl. Mein Headhunter hat mir versichert, dass Ihre Referenzen einwandfrei sind, und einen besseren Kandidaten konnte er mir in der Kürze der Zeit nicht präsentieren. Mir bleibt nichts anderes übrig, als meine Zweifel für den Moment beiseitezulassen und Ihnen einen Sechsmonatsvertrag anzubieten. Wenn wir bis dahin die Verhandlungen mit den Chinesen zu meiner Zufriedenheit abgeschlossen haben, erhalten Sie neben Ihrem Lohn noch eine nicht unerhebliche Bonuszahlung.“

Sie hätte viel dafür gegeben, in der Lage zu sein, dieses Angebot jetzt einfach auszuschlagen. Aber natürlich ging das nicht. Vasilii war deutlich anzumerken, wie widerwillig er ihr einen Arbeitsvertrag anbot, und dieser Umstand war zutiefst verletzend. Er hatte kein Recht, sie so herablassend zu behandeln. Ganz sicher würde sie keine überschwängliche Dankbarkeit zeigen.

Kühl hob sie ihr Kinn. „Unglücklicherweise bleibt auch mir keine andere Wahl, als Ihr Angebot anzunehmen, obwohl ich mich nicht darum reiße, ausgerechnet für Sie zu arbeiten.“

Die Feindseligkeit hing knisternd zwischen ihnen in der Luft.

„Um noch eines klarzustellen“, begann Vasilii. „Was immer in Ihrem letzten Arbeitsverhältnis vorgefallen sein mag, unsere Beziehung wird sich auf den rein beruflichen Aspekt beschränken. Eine Frau, die für mich arbeitet, sollte nicht denken, das sei ein Sprungbrett in mein Bett und vor den Altar.“

Zuerst war Laura entsetzt. Wusste er etwa von ihren jugendlichen Gefühlen für ihn? Der Gedanke war grauenhaft! Nein, das konnte er nicht wissen. Niemand konnte das!

„Sie und Ihr Bett sind völlig sicher vor mir“, beruhigte sie ihn trocken, doch dann ging ihr Temperament mit ihr durch. „Offenbar halten Sie sich für einen richtig guten Fang, ich bin da anderer Meinung. Falls ich jemals heiraten sollte, dann nur aus Liebe zu einem Mann, der diese Liebe erwidert. Dann werden wir uns nämlich für das ganze Leben versprechen, füreinander da zu sein.“

„Ein Versprechen fürs ganze Leben? Das kann einem niemand geben!“

In seiner Stimme klang Wut mit – und noch etwas anderes?

Ohne es zu merken, hatte Vasilii beim Sprechen ein paar Schritte auf Laura zugemacht. Jetzt blieb er verwirrt stehen. Sonst passierte es ihm nie, dass ihm eine Frau so unter die Haut ging. Und dann noch eine, die er eigentlich verabscheute.

Es traf seinen Stolz empfindlich, als er den abweisenden, beinahe angewiderten Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte. Sie wich vor ihm zurück und hielt ihm sogar abwehrend die Handflächen entgegen.

Wie konnte sie es wagen, sich hier als Moralapostel aufzuführen, so als würde er sich ihr irgendwie nähern wollen? Was bildete sie sich ein?

Mit wenigen Worten hatte sie sein Ego empfindlich verletzt. Niemand wagte es, so mit ihm zu sprechen. Und es störte ihn gewaltig, dass sich Laura Westcotte abweisend und feindselig gab, weil dieses Verhalten seinen Jagdinstinkt anstachelte. Er wollte ihr liebend gern zeigen, wie schnell er ihr Feuer entfachen konnte, wenn er es nur darauf anlegte. Das würde ihr eine Lehre sein!

Er wollte sie dafür bestrafen, dass sie sein Verlangen erregte. Zu gern hätte er in diesem Moment alle Konventionen und Prinzipien über Bord geworfen, sie an sich gezogen, seine Hände in ihrem vollen Haar vergraben und sie heiß und gierig geküsst. Er stellte sich vor, wie sie dabei den Kopf in den Nacken warf, sich ihm ganz darbot …

Vasilii bemerkte erschrocken, dass sich seine Erregung deutlich bemerkbar zu machen drohte und zwang sich auf den Boden der Tatsachen zurück. „Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte er nüchtern. „Meine Verhandlungen stecken in einer höchst kritischen Phase. Ich habe hier einen Arbeitsvertrag, den Sie unterschreiben müssten. Danach bekommen Sie von mir ein Protokoll der bisherigen Kontakte und Besprechungen, damit Sie auf dem letzten Stand sind und eine Vorstellung von der bisherigen Entwicklung des Projekts bekommen.“

„Ich müsste darüber hinaus auch etwas über Ihre zukünftigen Pläne erfahren“, gab Laura zu bedenken.

Sie war immer noch ziemlich erschrocken über den Ausdruck, den sie soeben in seinen Augen entdeckt hatte. War er etwa drauf und dran gewesen, sich ihr körperlich zu nähern? Was für eine absurde Vorstellung. Vermutlich war eher ihr Wunsch Vater des Gedankens, aber wünschte sie sich das überhaupt noch? Das war doch alles längst vorbei!

Sie holte tief Luft, um ihre Anspannung zu vertreiben. „Sie wissen selbst, Verhandlungen mit chinesischen Geschäftspartnern können recht knifflig werden. Eine falsch gesetzte Pause zwischen zwei Wörtern, ein falscher Blick oder ein schlecht gewählter Begriff – das alles kann einen weiter zurückwerfen, als sich das ein Westeuropäer vorstellen mag. Mir ist bewusst, dass man jemand Neuen im Team erst mal ein wenig außen vor lässt, bis er sich wirklich bewährt hat. Aber in diesem Fall …“

„Ich werde Sie persönlich einweisen und über alle Aspekte der Planung aufklären. Morgen Nachmittag, wenn wir losfliegen, um die Chinesen zu treffen.“

Laura nickte und war nicht überrascht, dass die Reise schon am nächsten Tag beginnen sollte. Sie war professionell genug, sich jetzt absolut auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. „Welchen Teil von China steuern wir an? Ich frage nur, damit ich das Richtige packen kann.“

„Wir fliegen nicht nach China, sondern nach Montenegro. Wei Wong Zhang hat diesen Ort ausdrücklich vorgeschlagen. Er leitet die Firma, mit der gemeinsam ich moderne Containerhäfen entwickeln möchte. Seine geschäftlichen Interessen erstrecken sich noch auf den Tourismusbereich an Chinas Küste. An den offiziellen Gesprächen werden neben seiner Frau Wu Ying noch die üblichen Regierungsmitarbeiter und Übersetzer teilnehmen. Außerdem ist noch Wei Wong Zhangs Neffe Gang Li mit dabei. Gang Lis Mutter war Halbamerikanerin, er hat seine Ausbildung in Amerika absolviert. Alles deutet darauf hin, dass er einmal das Unternehmen seines Onkels übernehmen soll. Es kursiert sogar das Gerücht, er sei eigentlich Wei Wong Zhangs Sohn, obwohl das selbstverständlich niemals offen erwähnt werden darf.“

Er atmete tief durch und sah Laura prüfend an. „Der Erfolg dieser Gespräche hat Konsequenzen für mein Unternehmen, die wesentlich weiter reichen als nur bis zum Abschluss dieses Vertrags mit den Chinesen. Der ist nur Sinnbild für meinen Status und mein geschäftliches Ansehen in China und damit auch für meine berufliche Zukunft. Er wird mir hoffentlich viele Türen öffnen und mir weitere Investitionen im chinesischen Raum ermöglichen. Ich habe eine Liste mit den Verhandlungsteilnehmern, die in Montenegro dabei sein werden. Wenn ich seinem Neffen Glauben schenken darf, plant Wei Wong Zhang, auf einen Großteil seiner üblichen Entourage zu verzichten, um die Gespräche etwas informeller und damit produktiver zu gestalten. Davon verspreche ich mir sehr viel.“

„Chinesen sind wahre Meister der Höflichkeiten und der bewusst eingesetzten Verzögerungstaktik“, bemerkte Laura nachdenklich.

„Genau, das habe ich auch gedacht. Teil Ihrer Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sie es mit dieser Taktik nicht übertreiben. Und was die Kleidung angeht, beschränken Sie sich bitte auf ein paar Basics. Ich habe schon eine neue Garderobe für Sie bestellt, die an unserem Zielort bereitliegen wird. Mir wäre recht, wenn wir uns morgen gegen halb zwölf hier treffen.“

Vasilii hatte sich schon zum Arbeitstisch umgedreht, bevor Laura überhaupt verstand, was er da sagte. Ihre berufliche Garderobe war also bereits von ihm ausgesucht und bestellt worden? Normalerweise würde Laura sich einen derartigen Übergriff verbitten, aber in diesem Fall musste sie ihren Stolz hinunterschlucken. Es war wichtiger, ihre Tante finanziell zu unterstützen. Sie musste sich nur vor Augen halten, welche Opfer diese gebracht hatte, um sie großzuziehen.

Außerdem war ihr nicht neu, dass ein Arbeitgeber darauf bestand, seine Assistentin für einen Job neu einzukleiden. Üblicherweise bekam man dafür einen Scheck und eine genaue Anweisung, was man sich anschaffen solle. Es war ungewöhnlich, dass ein Mann sich persönlich um die Auswahl kümmerte – und dann ausgerechnet Vasilii! Dieser Gedanke ließ ihre Haut aufregend prickeln.

Ob er sich auch die Mühe gemacht hat, sexy Unterwäsche zu besorgen? überlegte sie verwegen.

Solche Überlegungen waren höchst unangebracht, das musste sie zugeben. Hier ging es ausschließlich um Arbeitsbekleidung! Wahrscheinlich musste sie an Reizwäsche denken, weil sie kürzlich an ein paar erotisch dekorierten Schaufenstern vorbeigegangen war. Einen anderen Grund gab es nicht. Ganz sicher nicht!

„In diesem Ordner finden Sie Informationen über das laufende Projekt, und hier ist Ihr Arbeitsvertrag.“ Vasilii legte die Dokumente vor ihr auf einem Beistelltisch ab.

Es versetzte Laura einen kleinen Stich, dass er direkten Kontakt mit ihr vermied, und sie ärgerte sich zugleich über ihre empfindliche Reaktion. Immerhin wusste sie doch, was er von ihr hielt. Er war nicht der liebestolle weiße Ritter, den sie damals aus ihm gemacht hatte. Und jetzt deswegen enttäuscht zu sein, war wirklich kindisch!

Eilig lenkte sie sich ab, indem sie den Arbeitsvertrag überflog. Wie erwartet, waren die Entlohnung und vor allem die in Aussicht gestellte Bonuszahlung äußerst großzügig und würden ihr nach Ablauf des halben Jahres den benötigten finanziellen Spielraum verschaffen.

Dafür zahle ich auch einen hohen Preis, dachte Laura missmutig. Leider kann ich mir nicht leisten, wählerisch zu sein. Also, Augen zu und durch!

Sie griff in ihre Handtasche und holte den kostbaren Füller hervor, den John ihr nach dem ersten gemeinsamen Arbeitsjahr geschenkt hatte. Der Stift trug eine Gravur mit ihrem Namen, und für Laura war er Sinnbild ihrer fachlichen Kompetenz.

Der gute alte John! Trotz allem war er ein wunderbarer Mann. Er fand ganz schrecklich, was geschehen war. Obwohl Laura den Eindruck hatte, dass er sich durch die maßlose Eifersucht seiner Verlobten auch geschmeichelt gefühlt hatte.

Nachdem der Vertrag unterschrieben war, legte Laura ihn zurück auf den Beistelltisch und nahm die übrigen Unterlagen an sich.

„Ich bin dann also morgen um halb zwölf hier im Hotel?“

„Genau. Wir fliegen mit einem Privatjet. Während des Flugs können wir dann die letzten Fragen bezüglich der anstehenden Verhandlungen klären.“

Mehr gab es nicht zu sagen. Laura verstaute den schmalen Ordner in ihrer Umhängetasche und wandte sich zum Gehen.

Sie hatte einiges zu tun, bevor sie sich morgen auf dem Flug Vasiliis Fragen stellen konnte. Trotzdem machte ihr auf dem Heimweg nicht die bevorstehende berufliche Aufgabe zu schaffen, sondern ihr eigenes Verhalten in Vasiliis Hotel. Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als wollte er sie berühren, und da waren plötzlich ihre Gefühle mit ihr durchgegangen. Vollkommen unerwartet und vor allem extrem beängstigend.

Ihr wurde heiß und kalt bei dem Gedanken, dass es ihr eventuell nicht gelingen würde, ihre längst verschüttet geglaubten Gefühle unter Kontrolle zu halten. Sie fühlte sich zu Vasilii hingezogen, als sei es das Natürlichste auf der Welt, aber das durfte einfach nicht sein. Irgendwie ignorierte ihr Körper, was ihr Verstand längst begriffen hatte, nämlich dass Vasilii eine regelrechte Abneigung gegen sie hegte. Er war kein Prinz, den man erobern konnte, er war ein zynischer und überheblicher Autokrat, mit dem sie es nun einige Monate aushalten musste.

Nachdenklich betrachtete Vasilii die Unterschrift, die Laura unter den Arbeitsvertrag gesetzt hatte. Sie war großzügig geschwungen, elegant und hübsch anzusehen. Egal, er musste fortan verhindern, dass irgendwelche Gedanken über Laura Westcotte in sein Innerstes vordrangen. Leider war er zurzeit beruflich auf diese Frau angewiesen, aber darüber hinaus wollte er nichts mit ihr zu tun haben. Ganz egal, was alles an ihr reizvoll sein mochte …

Sein Blick fiel auf die gerahmten Familienfotos, die seine Halbschwester auf der Anrichte platziert hatte, als sie vor ihrer Hochzeit noch gemeinsam in dieser Hotelsuite gewohnt hatten.

Ohne Eile schlenderte er hinüber und nahm eines von ihnen zur Hand. Es stand ganz hinten, eine Aufnahme seiner Eltern an ihrem Hochzeitstag. Seine Stiefmutter hatte es ihm an seinem achtzehnten Geburtstag geschenkt, und es war für sie nicht einfach gewesen, daran zu kommen. Denn nach dem Tod seiner Mutter hatte Vasilii alle Bilder von ihr, die er finden konnte, verbrannt. Er hatte ihren Anblick nicht länger ertragen, nun, da er sie mehr lebendig im Arm halten konnte. Zu dem Zeitpunkt war er noch ein Einzelkind, und später bereute er sein unbedachtes Handeln natürlich.

Seine Stiefmutter ahnte wohl, was in ihm vorging, obwohl sie ihn niemals direkt darauf ansprach. Ihr Geschenk sagte mehr als tausend Worte. Unbewusst konnte sie seinen Verlustschmerz nachempfinden und versucht, ihm Linderung zu verschaffen. Die Gewissheit, von einer Frau derart durchschaut worden zu sein, erschütterte Vasilii in seinen Grundfesten. Er wollte doch seine Schwächen verbergen, auf niemanden angewiesen sein, sich nicht verletzbar machen …

Seine Mutter hatte er mehr als jeden anderen gebraucht, aber sie war ihm genommen worden. Daraufhin musste er versuchen, ohne sie zurechtzukommen, und diese Erfahrung lehrte ihn, sich nie wieder von einem anderen Menschen abhängig zu machen.

Mit der zweiten Ehe seines Vaters hatte Vasilii kein Problem. Ihm war klar, dass seine Mutter von ihrer Familie traditionell verheiratet worden war. Doch sie hatte oft behauptet, sehr stolz auf ihren Ehemann zu sein, und er wertschätzte sie ebenfalls. Sie waren glücklich miteinander gewesen und hatten beide ihren gemeinsamen Sohn über alle Maßen geliebt. Sein Vater war nach der verhängnisvollen Entführung mit tödlichem Ausgang am Boden zerstört gewesen, und erst viel später verliebte er sich in Alenas Mutter.

Vasilii freute sich über die zweite Hochzeit seines Vaters. Doch die intensive brüderliche Liebe, die er für seine Halbschwester empfand, erschreckte ihn. Nun war er wieder emotional an einen Menschen gebunden, obwohl er sich stets bemühte, das Alena nicht so sehr merken zu lassen. Es reichte schon, dass sie ihren Vater mühelos um den kleinen Finger wickelte.

Seine fürsorglichen Gefühle gegenüber Alena wurden noch erheblich stärker, nachdem sein Vater und seine Stiefmutter bei einem Unfall verunglückt waren. Gleichzeitig errichtete er aber eine unsichtbare Mauer zwischen sich und seiner Halbschwester. Um ihretwillen. Es hätte ihr geschadet, ihn so verloren und hilflos zu erleben, wie er sich fühlte. Für sie musste er stark bleiben – oder wenigstens so wirken.

Und wenn er sich ihr gegenüber streng und unnachgiebig verhielt, dann nur, um ihr damit eine Stütze zu sein. Mittlerweile war sie mit dem Mann verheiratet, den sie liebte, und führte ein eigenes, unabhängiges Leben. Sie würden Kinder bekommen, und Vasilii konnte wieder für sich sein.

Wenigstens hatte er dafür gesorgt, dass seine kleine Schwester keine zu intensive emotionale Bindung zu ihm aufbaute. Manche Menschen suchten nach einem Verlust, wie er ihn beim Tod seiner Mutter erlitten hatte, möglicherweise erst recht nach Liebe. Vasilii dagegen wollte alles in seiner Macht Stehende dafür tun, sich niemals wieder ernsthaft verletzbar zu machen. Weder durch eine Frau, der er seine Liebe schenkte, noch durch Kinder, die er mit ihr bekommen könnte. Er würde es nicht ertragen, weitere Angehörige zu verlieren …

Laura Westcotte und er hatten tatsächlich etwas gemeinsam, sie hatte ihre Eltern verloren. Und das in einem ähnlichen Alter wie er. Ihm war zumindest noch der Vater geblieben, sie dagegen hatte nur ihre alte Tante. Und für die wollte sie nach Kräften sorgen. Steckte da etwa ein guter Kern in ihr? Ein Funken guter Absichten?

Er stellte das Foto wieder ab und drehte sich zum Arbeitstisch um. Energisch verdrängte er die Frau aus seinen privaten Gedanken – dort hatte sie absolut nichts zu suchen. Es gab gute Gründe, ihr zu misstrauen und sie abzulehnen, auch wenn es ihm merkwürdigerweise ziemlich schwerfiel.

3. KAPITEL

Nachdem sie sich im Internet über Wetter und Klima in Montenegro informiert hatte, entschied sich Laura für ein bequemes knitterfreies Jerseykleid in Schwarz und Grün, das zugleich raffiniert und elegant aussah. Dazu trug sie eine leichte Jacke und halbhohe Schnürstiefel.

Vasilii hatte ihr am Telefon kurz mitgeteilt, dass sie in einem exklusiven Resort absteigen würden, und sie wollte angemessen gekleidet sein. Nicht zu förmlich, aber auch auf keinen Fall zu lässig.

Sorgfältig verstaute sie die Unterlagen, die er ihr überlassen hatte, in ihrer Laptoptasche. Dann holte sie aus der hintersten Ecke ihres Schranks ihren kostbarsten Besitz hervor: eine antike Schmuckschatulle aus Hongkong, üppig verziert und überaus wertvoll. Der eigentliche Wert bestand für Laura allerdings in der Tatsache, dass sie ein Geschenk ihres Vaters an ihre Mutter gewesen war. Die Hände ihrer Eltern hatten sie berührt, die beiden hatten einander ganz sicher dabei angelächelt, und für Laura war sie ein Andenken, das sie wie einen Schatz hütete.

Im Boden der Schatulle war das Geheimfach eingearbeitet, das sie seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet hatte. Mit zitternden Händen zog Laura das alte, fast vergessene Foto von Vasilii heraus. Eigentlich hätte sie es längst wegwerfen müssen.

Spontan riss sie es in der Mitte durch, doch anstatt beide Hälften im Papierkorb zu entsorgen, schob sie die Schnipsel zögernd zurück in das versteckte Fach. Vielleicht als zukünftige Warnung vor weiteren Fantasien, in denen Vasilii die Hauptrolle spielte!

Mit einem Seufzer nahm sie die goldenen Ohrstecker ihrer Mutter an sich. Die teuren Stücke sollten Laura Selbstvertrauen für die schwierigen Tage schenken, die vor ihr lagen …

Als Laura zwei Stunden später neben Vasilii in dem Wagen saß, der sie zum Londoner City Airport fuhr, lag ihr die Enttäuschung wie ein schwerer Stein in der Magengrube. Vasilii schenkte ihr keinerlei Aufmerksamkeit, sondern beschäftigte sich fast ununterbrochen mit seinem Handy.

Sie selbst spürte seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers. Doch das musste ja nicht viel heißen. Es gab eben Männer, die das gewisse Etwas hatten und deren Erscheinung Frauen förmlich dazu zwang, sie als Männer wahrzunehmen.

Was Laura wohl gesagt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass Vasilii sich absichtlich mit seinem Handy ablenkte, um sie nicht permanent anzustarren?

Von der Luxuslimousine stiegen sie in einen ebenso luxuriösen Helikopter um, der sie zum Flughafen Luton bringen sollte. Laura war schon früher mit wohlhabenden Kunden verreist, und ein Flug im Hubschrauber war nicht unbedingt etwas Besonderes für sie. Trotzdem war sie unheimlich nervös, und das konnte nur an ihrem speziellen Begleiter liegen.

In Luton wartete bereits der startklare Privatjet auf sie, der Laura von innen eher wie ein großes mobiles Büro vorkam, mit dem man in die Lüfte steigen konnte. Sie kannte Jets mit allen möglichen komfortablen Ausstattungen, aber so modern und effizient eingerichtet war noch keiner gewesen. Glas, Chrom und schwarze Ledersitze.

Vasilii verlor keine Zeit und machte sich sofort an die Arbeit, indem er seinen Laptop hervorholte. Ein uniformierter Steward war ständig präsent, erkundigte sich nach ihren Wünschen und versorgte die beiden mit Kaffee.

Stumm vertiefte sich Vasilii in seine Unterlagen, während Laura sich ihrerseits mit dem Projektordner beschäftigte, den er ihr am Vortag ausgehändigt hatte.

Es gibt keinen Grund, meine Aufgaben zu vernachlässigen, dachte sie. Auch wenn es ihr verflixt schwerfiel, ihn nicht dauernd von der Seite anzustarren. Warum machte er bloß so dicht?

Sie wusste nicht so recht, was ihr lieber wäre: Wenn Vasilii sie den gesamten Flug über ignorierte, oder wenn er sie mit Nachfragen traktierte, inwieweit sie sich bisher in die Materie eingearbeitet hatte? Noch blieb ihr eine Schonfrist, in der sie sich präziser auf das vorbereiten konnte, was nun vor ihr lag.

Laura fühlte sich der Arbeit gewachsen, trotzdem spielten ihre Nerven verrückt. Der Grund war wohl Vasiliis unwiderstehliche Ausstrahlung. Auf die Verhandlungen mit den Chinesen freute Laura sich regelrecht. Sie genoss einen produktiven geschäftlichen Schlagabtausch, bei dem beide Parteien erpicht darauf waren, jeweils das Beste für sich herauszuholen.

Heimlich beobachtete Vasilii, wie Laura sich tiefer über ihre Papiere beugte. Das warme Licht des Kabineninneren ließ die Haut an ihrem schlanken Hals glatter und seidiger schimmern, als er sie in Erinnerung hatte. An den Ohrläppchen funkelten goldene Ohrringe, und die Haare hatte sie zurückgebunden. Eine einzige gelockte Strähne kringelte sich in Lauras Nacken, so als wollte sie Vasilii provozieren, sie sich um den Finger zu wickeln.

Seine Bauchmuskeln verkrampften sich plötzlich, so unerwartet und fremd war dieser Impuls für ihn. Er atmete tief durch, bis sich der unangebrachte Gedanke verflüchtigt hatte, und widmete sich weiter seiner Arbeit.

Während Laura in den Notizen blätterte, die sie sich am Vorabend gemacht hatte, dachte sie darüber nach, ob John und Nancy wohl ihre Beziehungsprobleme gelöst hatten. John liebte seine Verlobte zweifellos, und es wäre schrecklich für ihn, sie zu verlieren.

Wie es sich anfühlte, so geliebt zu werden? Laura hing einige Zeit diesem Gedanken nach. Sie würde es wohl nie erfahren. Sie gehörte nicht zu der Sorte Frauen, die diese Art von Liebe in einem Mann hervorrufen konnte. John hatte sie oft damit aufgezogen, dass sie mit ihrem beruflichen Ehrgeiz jeden Mann vergraulen würde.

Zugegeben, sie war wirklich sehr ambitioniert. In ihrer Kindheit als Vollwaise war das Geld häufig knapp gewesen. Deshalb hatte Laura sehr früh gelernt, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen und für ihr Einkommen zu sorgen.

Sie beschloss, das Schweigen zu brechen, um endlich mit der gemeinsamen Planung zu beginnen. „Hätten Sie ein paar Minuten für mich?“, sagte sie zu Vasilii. „Da gibt es einige Dinge, die ich gern mit Ihnen klären möchte.“

Ruhig stellte er seine Kaffeetasse ab und wies auf den freien Sitz neben sich.

Ihr war zwar etwas unwohl zumute, ihm derart nahe zu kommen, aber das ließ sich nun einmal nicht ändern. Sie nahm es ihm immer noch übel, wie schlecht er von ihr dachte. Und sie fand es äußerst unpassend, dass sie Jahre zuvor buchstäblich verrückt nach ihm gewesen war – wenn auch auf eine ausgesprochen unschuldige Art und Weise.

Nun ja, als junges Mädchen hatte sie sich einfach kein realistisches Bild von seinem Charakter machen können. Heute erkannte sie in ihm den starrsinnigen Egoisten, der er war. Trotzdem gelang es ihr nicht, die Faszination, die er auf sie ausübte, gänzlich abzuschütteln.

Kerzengerade ließ sie sich auf dem breiten Ledersessel nieder. „Das Hotel, in dem wir wohnen werden …“

„Es gehört einem befreundeten Russen“, unterbrach er sie. „Was seine Luxusausstattung betrifft, mischt es in der vordersten Liga mit. Wei Wong Zhang hat es explizit vorgeschlagen. Ich habe zwei Etagen gemietet. Die untere für seine Entourage und die obere für ihn selbst, seine Familie und für uns. Dort gibt es zwei Suiten …“

„Die Royal Suite und die Empire Suite“, vervollständigte Laura hilfsbereit. „Ich habe mir den Grundriss der Etagen bereits angesehen. Die beiden Suiten sind in ihrer Flächenaufteilung identisch. Ich weiß nicht, ob Sie sich schon Gedanken darüber gemacht haben, in welcher Sie Wei Wong Zhang einquartieren wollen. Falls nicht, würde ich als diplomatischen Schachzug die Empire Suite vorschlagen.“

„Warum meinen Sie das?“, wollte er wissen.

„Wegen des Namens. Wei Wong Zhang hat die Geschichte chinesischer Herrscher und ihrer Dynastien studiert. Es wäre ein subtiler Weg, sein Wissen auf diesem Gebiet zu honorieren.“

Vasilii nickte zufrieden. „Na, schön. Am besten geben Sie gleich mal im Hotel Bescheid. Wir sollten aber ohnehin einige Stunden vor den Chinesen dort eintreffen. Damit bleibt uns genügend Zeit, ihnen einen angemessenen Empfang zu bereiten.“

„Ich dachte da an ein formelles Bankett, zu dem auch die Hoteleigner eingeladen werden. Sie haben erwähnt, dass Wei Wong Zhang auch in die chinesische Tourismusbranche einzusteigen gedenkt.“

„Noch etwas?“

„Seine Frau heißt Wu Ying, wie Sie ja wissen. Ying bedeutet im Chinesischen Wasserblume. Mit diesem Wissen im Hinterkopf würde ich gern entsprechende Blumen für die Suite bestellen. Es sollte als Kompliment verstanden werden und …“

„… und es ist eine weitere subtile Möglichkeit, ihnen zu zeigen, dass wir uns auf chinesische Verhandlungsmodalitäten verstehen“, schloss Vasilii.

„Genau. Gestern habe ich im Internet noch ein wenig über die Familie recherchiert. Wei Wong Zhang beispielsweise ist für seinen höchst kultivierten Geschmack bekannt. Seine Ausbildung ist erstklassig, und er ist viel in Amerika herumgereist, wobei Wu Ying zu Hause blieb und die gemeinsame Tochter großzog. Falls an den Gerüchten was dran sein sollte, hat er Wu Ying schließlich dazu gezwungen, seinen Sohn Gang Li – den er mit einer amerikanisch-chinesischen Geliebten gezeugt hatte – im Kreis der Familie zu akzeptieren. Man gab ihm den Status eines Neffen.“

Sie runzelte die Stirn. „Oberflächlich betrachtet hat Wu Yin in dieser Ehe wenig zu sagen. Und Gang Li wird nicht nur als Nachfolger für die Firma gehandelt, wie Sie ja schon sagten, er hat auch jetzt schon großen Einfluss. Wu Ying ist ihrerseits mit Mitgliedern aus höchsten Regierungskreisen verwandt, die äußerst mächtig sind. Deshalb dürfte sie für Wei Wong Zhangs Geschäfte ebenso wichtig und unentbehrlich sein wie Gang Li. Meiner Meinung nach sollte man ihr und ihrer Rolle den nötigen Respekt zollen. Wenn Sie allerdings noch andere Informationen haben, die dem widersprechen und die ich bisher …“

„Nein, habe ich nicht.“ Sein Tonfall verriet nicht, wie sehr ihn Lauras Einschätzung und Interpretation der Sachlage beeindruckte. Sie hatte zweifellos ein gutes Gespür für Menschen.

Gerade wollte er eine möglichst beiläufige Bemerkung darüber machen, als plötzlich Turbulenzen den Jet ruckartig absacken ließen. Die Unterlagen rutschten Laura vom Schoß, und als sie sich vorbeugte, um sie aufzuheben, kam auch schon das nächste Luftloch. Durch die Erschütterung wurde Laura in Vasiliis Richtung geworfen.

Instinktiv griff sie nach irgendetwas, an dem sie sich festhalten konnte, und erwischte dabei seinen Arm und seinen Oberschenkel. Der nächste Ruck beförderte sie quer auf seinen Schoß, wobei ihr Gesicht hart an seine Schulter gepresst wurde.

Die Erregung traf ihn wie ein Blitz und nahm ganz und gar Besitz von ihm. Entsetzt stellte er fest, wie korrupt sein männlicher Körper auf die unerwartete Nähe zu dieser Frau reagierte. Ausgerechnet Laura Westcotte! Aber es nützte nichts, das Verlangen durchflutete ihn wie heiße Lava, und er konnte absolut nichts dagegen tun. Er war im Sturm erobert worden!

Seine Sinne waren plötzlich geschärft. Er spürte Lauras heißen Atem durch den dünnen Stoff seines Hemds, wie er seine Haut wärmte und an den feinen Härchen kitzelte. Ihre weichen Locken streiften sein Kinn, und er hatte das Bedürfnis, eine Hand auf ihren Kopf zu legen und ihr weiches Haar zu streicheln. Dann wollte er ihr Gesicht zu sich drehen, damit er ihren weichen Mund küssen konnte.

Diese Vorstellung löste eine neue Welle der Erregung in Vasilii aus, dieses Mal um einiges ungezügelter und archaischer. Seine ungehemmte Gier hatte nichts mehr mit zivilisiertem Benehmen zu tun, sondern war rein instinktgesteuert.

Manchmal passierten Dinge im Leben, unerwartete Dinge, die alles veränderten. Sie stellten die Welt auf den Kopf und zerstörten mit einem Schlag alles, was man zuvor für selbstverständlich gehalten hatte.

Der Tod seiner Mutter war so ein Ereignis gewesen. Der Unfall seines Vaters und seiner Stiefmutter ein weiteres. Und heute passierte wieder etwas Einschneidendes, nämlich der unerwartete Verlust seiner Selbstkontrolle. Das war ein Schock für Vasilii, denn er spürte, dass es kein Zurück mehr geben würde. Er war schlichtweg nicht so kühl und unnahbar, wie er geglaubt hatte.

Sein Verstand und sein Körper standen in einem heftigen Konflikt. Vasilii begehrte Laura mehr, als er jemals für möglich gehalten hätte. Er versuchte, dagegen anzukämpfen, und trotzdem geschah es. Und Vasilii begriff nicht, warum es geschah. Warum ausgerechnet Laura?

Körperliche Liebe und Leidenschaft waren ihm nicht fremd, schließlich war er ein Mann. Auch wenn seine jugendliche Lust sich mittlerweile auf ein beherrschbares Maß abgekühlt hatte, hatte er gelegentlich diskrete Affären gehabt. Beruflich war er zuletzt derart eingespannt gewesen, dass das Ende der letzten Beziehung auch schon wieder einige Monate zurücklag. Er vermisste diese Frau nicht, aber vielleicht waren die vergangenen Monate der Abstinenz mitverantwortlich für seine heftige Reaktion auf Laura.

Das konnte er nur hoffen. Vasilii war nicht bereit, sich einer alternativen Erklärung für sein Verhalten zu stellen. Sein Körper hatte offenbar entschieden, dass er eine Frau brauchte. Aber nicht ausgerechnet diese Frau! Die Frau, über die er eine schlechte Meinung hatte und von der nicht unwesentlich der Ausgang der bevorstehenden Verhandlungen abhing.

Laura lag schräg über Vasiliis Brust und atmete seinen frischen männlichen Duft ein. Es fühlte sich warm an, dort, wo sich ihre Körper berührten. Sie wollte noch näher heranrücken, sich noch enger an ihn kuscheln.

Ihr Gesicht war gegen seine Schulter gepresst, und sie spürte seine kräftigen Muskeln nur Millimeter vor ihren Lippen. Sie musste sich auf die Unterlippe beißen, um ihn nicht instinktiv zu küssen. Mit verkrampften Fingern hielt sie seinen Unterarm immer noch fest umklammert. Die Hand auf seinem Oberschenkel war zwischen ihnen eingeklemmt, und Laura hatte keine Chance, sich zu befreien.

Ein Teil von ihr wollte sich auch gar nicht befreien, sondern die Hand etwas weiter in Richtung Körpermitte schieben, mehr von der aufregenden Hitze suchen, von der prickelnden Erregung …

Eine animalische weibliche Kettenreaktion durchfuhr ihren Körper, und sie sah plötzlich glasklar vor sich, dass sie beide als Mann und Frau zusammen sein mussten. Sie begehrte Vasilii, und sie musste ihn einfach haben. Einmal, mehrmals, so oft es eben ging.

Der Gedanke ließ sie nicht mehr los, obwohl er völlig unrealistisch und im höchsten Maße unanständig war. Sie musste sich unbedingt zusammenreißen.

Vasilii hatte die Regeln ihres Umgangs miteinander unmissverständlich klargemacht. Und Laura akzeptierte sie. Ganz und gar. Dieses unglückliche Missgeschick mit den Turbulenzen hatte zwar ihr Innenleben durcheinandergebracht, aber das konnte sie schnell wieder in den Griff bekommen. Sie musste einfach!

Der Jet flog inzwischen wieder ruhig und gleichmäßig, und der Himmel um sie herum war strahlend blau. Die Ruhe nach dem Sturm …

Wie viel Zeit war vergangen? Mehrere Minuten? Oder nur ein Herzschlag? Eine kurze Unterbrechung der Wirklichkeit, unbedeutend, und trotzdem veränderte sie alles. Weil sie Vasilii zwang, eine Wahrheit über sich selbst zu akzeptieren.

Regungslos wartete er ab, während Laura sich von ihm losmachte und wieder aufrichtete. Es war ein furchtbares Gefühl, plötzlich nicht mehr ihre Wärme zu spüren, ihren süßen, betörenden Duft nicht mehr einatmen zu können, ihre Haare nicht länger …

Waren das wirklich seine eigenen Gedanken? Stellte er sich tatsächlich vor, nackt neben ihr zu liegen und ihr zu zeigen, wie unvergleichlich gut sie zusammenpassten? Das konnte nicht sein!

Laura erschrak regelrecht, als Vasilii seinerseits von ihr abrückte. Und als sie wieder auf ihrem eigenen Sitz saß, wagte sie nicht, ihm in die Augen zu sehen. Sonst hätte er in ihnen womöglich lesen können, was in ihr vorging.

Dabei wusste Laura es selbst nicht so richtig. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die den Reiz des Verbotenen liebten. Außerdem nahm sie Vasiliis Warnung, sich keine Hoffnungen in Bezug auf ihn zu machen, sehr ernst. Der Tod ihrer Eltern hatte Laura eine grundsätzliche Unsicherheit eingepflanzt, die sie einfach nicht wieder loswurde. Sie ließ sich nur auf Herausforderungen ein, die sie auch meistern konnte, und blieb auf der sicheren Seite des Lebens. Man hatte sie dazu erzogen, stets Erwartungen zu erfüllen und sich verantwortungsbewusst zu verhalten. Sich selbst und anderen gegenüber. Gerade deshalb war es auch so hart gewesen, die Vorwürfe wegen der angeblichen Liaison mit John zu ertragen.

Und jetzt durfte sie nicht zulassen, dass ihre Teenagerschwärmerei sich neu entzündete und die Gegenwart belastete. Das konnte sie weder ihrer Tante noch sich selbst zumuten.

Die Stille zwischen ihr und Vasilii wog tonnenschwer, als sie jede ihrer Unterlagen einzeln vom Boden aufhob. Das Schweigen war vermutlich seine Art, sie für diese Ungeschicklichkeit abzustrafen. Zumindest konnte er ihr nicht vorwerfen, Schuld an den Turbulenzen zu sein!

Allerdings könnte er mir vorwerfen, die Situation bewusst ausgenutzt zu haben, überlegte Laura.

Zum Glück hatte sie ihm den Rücken zugewandt, sodass er ihre brandroten Wangen nicht sehen konnte. Ab sofort musste sie körperlich Distanz zu Vasilii wahren und ihre Gespräche auf rein berufliche Inhalte beschränken.

Er durfte nicht merken, wie leicht er sie aus der Fassung bringen konnte.

4. KAPITEL

„Vasilii, mein alter Freund!“

Die warmherzige Begrüßung des Hotelbesitzers am Hubschrauberlandeplatz gab Laura die Möglichkeit, sich unbeobachtet auf dem exklusiven Hotelgelände umzuschauen. Ein Helikopter hatte sie vom Flughafen zum Resort gebracht, und nun nahm der Besitzer Vasilii in Beschlag.

In der Eingangshalle war an nichts gespart worden. Europäischer Renaissancestil mischte sich mit Rokokoelementen und Byzantinischem Prunk, geschmackvoll kombiniert mit kräftigen Farben aus Fernost. Es fanden sich Schnitzereien anstelle von glatten Rahmen und Profilen, Seide und Satin statt Baumwolle, und mitten im Atrium stand sogar ein Springbrunnen mit hoher Wasserfontäne, die durch raffinierte Beleuchtung in zahlreichen Pastelltönen funkelte. An den Wänden und auf dem Fußboden waren aufwendige Mosaike eingearbeitet, und auf den eleganten Möbeln der zahlreichen Sitzgruppen saßen zierliche, braun gebrannte Damen in teurer Garderobe.

Laura konnte sich gar nicht sattsehen. Lächelnd nahm sie das heiße Handtuch zum Frischmachen entgegen, das ihr von einem dezent gekleideten Mitarbeiter gereicht wurde, und anschließend ein kühles Glas Champagner.

Soweit Laura wusste, gehörte das Spa dieses Hotels zu den besten der Welt, weil man sich dort sowohl an östlichen als auch an westlichen Bedürfnisstandards orientierte. Das Essen wurde von Sterneköchen zubereitet, es gab einen riesigen Golfplatz, mehrere Tennisplätze und ein eigenes Beautycenter. Man konnte sich hier sicher ausgesprochen wohlfühlen, auch wenn Laura kleinere und ruhigere Unterkünfte bevorzugte.

Während der Hotelchef darauf bestand, seinen Freund Vasilii persönlich durch die Suiten zu führen, kam eine elegant gekleidete Frau mit mörderisch hohen Absätzen auf Laura zu. „Herzlich willkommen! Ich bin Katinka von der PR-Abteilung des Hotels“, stellte sie sich vor. „Hatten wir beide E-Mail-Kontakt?“

„Ja, sicher“, bestätigte Laura eilig. „Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren Einsatz in letzter Minute. Toll, dass wir die Suite noch mit den richtigen Blumen bestücken konnten!“

„Man hat die Pflanzen geliefert, und zur Stunde werden sie noch gekühlt. Ich kann Ihnen zeigen, wie die Dekorateure sie arrangieren wollen.“ Ihr perfekt geschminktes Gesicht hellte sich auf. „Mir gefiel Ihr Vorschlag sehr gut, uns von der chinesischen Kunst der Ming-Dynastie inspirieren zu lassen. Hoffentlich gefällt Ihnen unsere florale Interpretation. Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“

Gemeinsam steuerten sie den Lift an, und Katinka reichte Laura ein ledernes Etui. „Sie brauchen diese Schlüssel, um in Ihre Privatetage zu gelangen. Ich habe ein Zimmermädchen angewiesen, Ihre Garderobe in die Schränke zu sortieren. Sie ist gestern geliefert worden. Und ich gebe zu, ich beneide Sie um diese moderne Kollektion. Hoffentlich nehmen Sie mir meine Offenheit nicht übel?“

„Nein, natürlich nicht“, versicherte Laura wahrheitsgemäß. Die Kleider waren nichts weiter als ein Statussymbol, das mit ihrem Job einherging.

Auf dem Weg nach oben plauderte Katinka weiter. „Dieses neue Hotel ist in der Tat höchst extravagant. Es hat unzählige Millionen gekostet.“ Höflich bedeutete sie Laura, als Erste den Lift zu verlassen. „Einer der kleineren Speisesäle steht Ihnen rund um die Uhr zu Ihrer persönlichen Verfügung. Dazu haben wir für morgen Abend ein Bankett in unserem Sternerestaurant vorbereitet – Ihren chinesischen Gästen zu Ehren.“

„Das klingt wunderbar. Stehen die Tische auch zentral? Reiche Chinesen fühlen sich oft beleidigt, wenn man sie an die Seite eines Raumes verbannt. Auch wenn wir Westeuropäer uns dort in der Regel wohler fühlen.“

„All Ihren Vorschlägen wurde entsprochen, und der Raum ist nach Feng-Shui-Maßgabe eingerichtet worden.“

„Wunderbar.“ Ihr gefiel Katinka, die in ihrer Persönlichkeit eine natürliche Wärme mit einer fast perfektionistischen Professionalität vereinte. Laura freute sich auf die Zusammenarbeit mit ihr.

Inzwischen hatten sie einen cremefarbenen Flur erreicht, dessen Wände mit schwarzen Malereien verziert waren. Auch hier waren westliches und östliches Dekor gelungen miteinander kombiniert worden.

„Die Doppeltür vor uns führt in die Empire Suite“, erklärte Katinka. „Und die Tür zu unserer Rechten in einen kleinen Korridor, der die beiden Suiten miteinander verbindet. Man kann ihn auch verschlossen lassen. Es ist so eingerichtet worden, dass der Privatfahrstuhl Ihrer Gäste auch in der Etage unter uns hält.“

„Wäre es möglich, dieses Privileg auch für die Royal Suite einzurichten?“, erkundigte sich Laura. Sie würde mit Vasilii darüber sprechen. Auf diesem Wege wären informelle Gespräche mit dem chinesischen Clan möglich.

„Selbstverständlich.“

Eine halbe Stunde lang ließ Laura sich von Katinka in die Lagepläne des Hotels einweisen, in die geplante Dekoration und vor allem in die Ausstattung der Suiten.

„Ich lasse Sie jetzt allein, damit Sie sich einrichten können“, sagte Katinka zum Abschied.

Es gab in den Suiten jeweils drei große Schlafräume mit dazugehörigen Ankleide- und Badezimmern, ein technisch mit allem Komfort ausgestattetes Arbeitszimmer und zwei kleinere Gästezimmer für zusätzliches Privatpersonal.

Lauras eigener Raum war in hellem Taubenblau und Beige gehalten, was ausgesprochen frisch und beruhigend wirkte. Durch die großen Fenster hatte sie einen unverstellten Blick aufs Meer und in den wolkenlosen Himmel.

Es tat gut, allein zu sein und tief durchatmen zu können, bevor sie sich Vasilii wieder stellen musste. Mit gemischten Gefühlen inspizierte sie ihre neue Arbeitsgarderobe und kam zu dem Schluss, dass Vasilii sie sicherlich nicht selbst ausgewählt hatte.

Irgendwie wäre es ihr aber lieber, es wäre so gewesen. Warum eigentlich? Weil sie einfach nicht vergessen konnte, dass sie für einen schwachen Augenblick am liebsten mit ihm im Bett gelandet wäre? Weil sie sich unbewusst mehr emotionale Nähe zu ihm wünschte?

Ihr Verstand schlug eine gefährliche Denkrichtung ein, fand sie. Und auch ihr Körper zeigte erneut Anzeichen von Schwäche – einer Schwäche für Vasilii!

Es waren überraschend viele Accessoires vorhanden: Taschen, Schuhe, Sonnenbrillen. Und die Kleidungstücke waren extrem geschmackvoll und hatten alle die richtige Größe. Weniger hatte Laura auch nicht erwartet.

Zum Dinner an diesem Abend entschied sie sich für ein jadegrünes Jerseykleid, das sie mit ihrem eigenen Schmuck etwas aufwerten wollte.

Eine halbe Stunde später war sie mit Vasilii am Lift verabredet. Er wollte die Blumenarrangements in der Empire Suite überprüfen, die inzwischen aufgestellt worden waren.

Als Laura mit klopfendem Herzen darauf wartete, dass sich die Fahrstuhltüren öffneten, wunderte sie sich darüber, wie sehr sie sich auf das Wiedersehen mit Vasilii freute. Dabei sollte ihr seine Anwesenheit doch unangenehm sein, weil er sie durcheinanderbrachte, weil er sie ständig anstarrte und mit seiner Erwartungshaltung unter Druck setzte … oder nicht?

Endlich glitten die Türen auf, und Laura richtete ihren Blick unwillkürlich an Vasilii vorbei auf die verspiegelte Wand hinter ihm. Sie erstarrte, als sie bemerkte, dass sie nur noch einen der goldenen Ohrstecker ihrer Mutter trug.

Nicht einmal Vasiliis finsterer Gesichtsausdruck und sein scharfer Tonfall konnten zu ihr durchdringen. „Was ist denn los?“, fragte er ungeduldig.

Die Antwort blieb ihr zuerst im Hals stecken, und sie tastete mit zitternden Fingern nach ihrem nackten Ohrläppchen. „Ich habe einen von meinen Ohrringen verloren.“

Verwirrt zog er die Augenbrauen hoch.

„Sie gehörten meiner Mutter“, fuhr Laura leise fort. „Wenn ich sie trage …“ Kopfschüttelnd brach sie ab und schluckte. Der Gedanke, etwas so Kostbares zu verlieren, war unerträglich. Dieser Schmuck bedeutete ihr alles!

Vasilii bemerkte, wie aufgelöst Laura war. Und er konnte den ideellen Wert, den die Ohrringe für sie hatten, gut nachvollziehen. Aber ihre Aufgewühltheit berührte einen Teil in ihm, den er lieber verdrängt hätte. Einen verborgenen Winkel, in den er seinen eigenen Verlustschmerz verbannt hatte. „Erinnern Sie sich, wann Sie ihn zuletzt hatten?“

Angestrengt dachte sie nach. Sie hatte sich im Bad des Privatjets noch die Lippen nachgezogen und dabei die Ohrringe im Spiegel betrachtet.

„Im Flugzeug waren sie noch da“, überlegte sie laut und kam ins Stocken, als ihr einfiel, dass sie kurze Zeit später quer auf Vasiliis Schoß gelandet war.

„Im Flieger …“, begann er, und dann holten auch ihn die Bilder dieses kleinen Missgeschicks ein. Und sofort war die Erotik des Augenblicks wieder zu spüren: die Erregung, das verbotene Verlangen. Es tat regelrecht weh, und Vasilii räusperte sich nervös.

Ein Anruf bei Alexei würde genügen, um eine Frau ins Hotel zu bestellen, die sich mit dem Bedürfnis nach Sexualität auskannte. Doch Vasiliis Stolz würde niemals zulassen, dass er sich auf diese billige Weise Erleichterung verschaffte. Er bevorzugte es, sich gegen diese unerwünschten Gefühle zur Wehr zu setzen und dabei seine Charakterstärke unter Beweis zu stellen.

„Sieh mich mal an!“ Als sie zögerte, erklärte er ruhig: „Ich werde ein Foto von deinem Ohrring machen und es dem Piloten schicken, damit er im Jet nachsieht.“

„Danke.“

Nachdem die E-Mail abgeschickt war und Vasilii sein Handy wieder in die Tasche gesteckt hatte, fühlte Laura sich schon etwas besser.

Die Dekoration der Suite gefiel Vasilii außerordentlich gut, und er kam nicht umhin, Laura ein Lob für ihre Einfälle auszusprechen. Doch dann meldete sich die Hotelleitung und kündigte an, dass die chinesische Delegation in etwa einer Stunde erwartet wurde.

„Uns bleibt noch eine Stunde, ehe wir unten die Chinesen begrüßen“, sagte er leicht nervös zu Laura. „Können Sie mir versichern, dass in dieser Suite alles bis ins kleinste Detail für ihre Ankunft vorbereitet ist? Oder muss ich mich selbst davon überzeugen?“

„Alles war einwandfrei, als ich vorhin einen Rundgang mit Katinka gemacht habe, und die Blumenarrangements haben wir beide ja nun gesehen. Ich brauche kaum eine halbe Stunde, um mich für den Empfang fertig zu machen, ich kann also gern einen letzten Check machen, nur um sicherzugehen.“

Eine Frau, die ihr Aussehen für ihre beruflichen Verpflichtungen hintanstellte? Vasilii war tief beeindruckt. Andererseits, vielleicht hatte sie es genau darauf abgesehen und zog vor ihm eine Show ab?

Er nickte grimmig. „Dann treffen wir uns pünktlich um zehn vor sechs unten in der Lounge. Bis nachher!“

Zurück in seiner eigenen Suite beschloss Vasilii, sich eine ausgiebige Dusche zu gönnen. In dem Moment erreichte ihn eine SMS seines Piloten, dass der vermisste Ohrring unauffindbar sei.

Nachdenklich knöpfte Vasilii sich das Hemd auf und griff dann erneut zum Telefon. Einer spontanen Eingebung folgend wies er seine Halbschwester an, einen exklusiven Londoner Juwelier aufzusuchen und einen Auftrag zu erteilen. Er sollte einen Ohrring anfertigen, identisch mit dem auf dem Foto. Alena klang zwar ziemlich überrascht, aber sie kannte Vasilii gut genug, um keine unnötigen Fragen zu stellen.

Vasilii wusste allerdings nicht mehr, ob er sich überhaupt selbst noch kannte. Impulsives Verhalten war ihm eigentlich fremd, vor allem, wenn es darum ging, anderen Leuten eine Freude zu machen. Wahrscheinlich war es schlicht und ergreifend Mitgefühl, schließlich kannte er selbst das Gefühl, die Mutter zu verlieren.

In Windeseile begann Laura, sich für den Abend umzuziehen, und schrie verzückt auf, als der fehlende Ohrring aus einer Stofffalte ihres Kleids fiel. Erleichtert verstaute sie ihn zusammen mit seinem Gegenstück in einer kleinen Schachtel, damit sie ihn nicht gleich wieder verlor. Laura hatte nicht die Nerven, die Ohrringe heute Abend gleich wieder anzulegen.

Sie trug ein schwarzes Businesskostüm, das hervorragend zu Vasiliis dunklem Anzug passte, wie Laura eine halbe Stunde später zufrieden feststellte. Er wartete bereits auf sie, obwohl es erst Viertel vor sechs war.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, wie immer, wenn sie sich wieder in Vasiliis Nähe begab. Allmählich gewöhnte sich Laura an diesen Effekt, der ständig stärker zu werden schien. Wer konnte es ihr verdenken? Ein so durch und durch maskulines Geschöpf mit einzigartigem Charisma konnte jeder Frau leicht den Kopf verdrehen. Vasilii gehörte zu den Männern, denen man auch durch geschlossene Kleidung ansehen konnte, wie durchtrainiert und gut gebaut sie waren.

Dank der Turbulenzen beim Flug hatte Laura sich sogar eigenhändig davon überzeugen können, wie muskulös Vasilii war. Ihre Hand hatte praktisch ein Eigenleben geführt, als sie zwischen ihrer beider Körper eingeklemmt gewesen war. Nur für einen kurzen Augenblick, aber es hatte gereicht, um sich einen bleibenden Eindruck zu verschaffen.

„Fertig?“ Mit diesem einen Wort riss Vasilii Laura aus ihren Gedanken.

Dabei ging ihm seinerseits einiges im Kopf herum. Zum Beispiel wollte er unbedingt wissen, was für ein Parfum Laura benutzte. Es war mild und wirkte wie ein Aphrodisiakum auf ihn. Vasilii tat vielleicht gut daran, es irgendwann einmal an eine seiner zukünftigen Begleiterinnen zu verschenken.

Laura Westcotte war eine clevere Frau. Wahrscheinlich wusste sie genau, was sie einem Mann mit diesem Duft antat! Und ihr Kostüm saß wie angegossen und brachte ihre aufregende Figur fantastisch zur Geltung.

Vasilii zwang sich, ihr wieder ins Gesicht zu blicken. Lauras Selbstsicherheit war ebenso subtil wie ihr Duft und ihr Sex-Appeal. Eine ungewöhnliche Mischung – ungewöhnlich und unwiderstehlich.

„Es wird Zeit“, brummte er, und Laura folgte ihm lächelnd ins Foyer, um die Chinesen zu begrüßen.

Zwischen den einzelnen Gängen des Menus beschloss Laura, ihre Gäste einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Vasilii thronte als Gastgeber am Kopf der Tafel, und sein Ehrengast Wei Wong Zhang saß zu seiner Rechten. Links von Vasilii war sie selbst als Übersetzerin platziert worden, an ihrer Seite Wu Ying und deren junge Assistentin. Neben Wei Wong Zhang saßen sein angeblicher Neffe Gang Li und der Hoteleigentümer Alexei.

Die meisten anderen Tische im Raum wurden von der chinesischen Entourage belegt, und darüber hinaus gab es noch ein paar neugierige Hotelgäste. Die Frauen unter ihnen waren üppig mit Juwelen behängt, aber keine konnte es mit dem echt antiken Jadeschmuck von Wu Ying aufnehmen, der schon als Replik ein Vermögen gekostet hätte.

Laura hatte sich vom ersten Moment an mit der sympathischen Chinesin angefreundet, mit Gang Li dagegen hatte sie ihre Schwierigkeiten. Laura war die Art unangenehm, wie er sie musterte und mit ihr redete. In ihrem Beruf war sie es gewohnt, sich immer wieder gegen mehr oder weniger offensichtliche Annäherungsversuche zur Wehr zu setzen.

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