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JULIA EXTRA, Band 357

LYNNE GRAHAM

Küss mich, wunderbarer Scheich!

Was nur als Scheinehe mit Prinz Raja al-Somari gedacht war, wird plötzlich gefährlich für Ruby. Denn nach einem ungeahnt leidenschaftlichen Kuss kommt überraschend ihr Herz ins Spiel …

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Wenn aus Freundschaft plötzlich Liebe wird

Der Milliardär Neo Stamos versteht die Welt nicht mehr: Seine Klavierlehrerin Cassandra ist eigentlich gar nicht sein Typ! Doch ausgerechnet sie geht ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf …

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Eine Million für eine Nacht in Rio

Wieso steht ihr sexy Exboss Gabriel Santos plötzlich bei ihr vor der Tür? Laura stockt der Atem. Er kann ja unmöglich entdeckt haben, dass sie ein Kind von ihm hat! Oder etwa doch?

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Gefährliches Spiel mit dem Feuer

Die hübsche Elizabeth spielt doch bloß seine Freundin, um seine geliebte Großmutter glücklich zu machen! Warum nur spürt Thomas Waverly dann dieses sinnliche Prickeln in ihrer Nähe?

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Küss mich, wunderbarer Scheich!

1. KAPITEL

Die schöne Brünette lag in dem zerwühlten Bett und beobachtete, wie ihr Geliebter sich anzog. Mit dem schwarzen Haar, den dunklen Augen und dem durchtrainierten Körper war Prinz Raja al-Somari außergewöhnlich attraktiv. Und außerdem war er ein leidenschaftlicher Liebhaber.

Chloe konnte sich also nicht beschweren. Als Topmodel begegnete sie allerdings tagtäglich reichen Männern. Auch ihr Prinz aus dem Ölstaat Najar am Persischen Golf hatte viel Geld und verwöhnte sie über alle Maßen. Deshalb war sie erleichtert gewesen, als die junge Frau, die ihn heiraten sollte, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Und selbst wenn man bald wieder eine Ehe für ihn arrangierte, war sie fest entschlossen, die Beziehung weiterzuführen.

Raja beobachtete, wie Chloe mit ihrem neuen Diamantarmband spielte, und musste lächeln. Sie hatte ihm nie eine Szene gemacht, obwohl er in den vergangenen Monaten nur wenig Zeit für sie gehabt hatte. Wie die meisten europäischen oder amerikanischen Frauen, denen er seit seinem Studium in England begegnet war, konnte er sie mit einem Geschenk besänftigen. Er verlangte von seinen Geliebten absolute Diskretion und gab sich dafür äußerst großzügig, verschwendete jedoch keinen Gedanken an sie, wenn er nicht mit ihnen zusammen war. Er brauchte Sex, aber für ihn war es nur ein Zeitvertreib und eine Art Flucht vor der Verantwortung, die seine Position mit sich brachte. Als Herrscher über das konservative Najar musste er sein Liebesleben vor der Öffentlichkeit geheim halten.

Außerdem war das tragische Flugzeugunglück ein großer Schock für sein Volk und das des ehemals verfeindeten Nachbarlands Ashur gewesen. Sieben Jahre lang hatte Krieg zwischen dem reichen Najar und dem armen Ashur geherrscht, bis es durch die Vermittlung eines skandinavischen Staatsoberhaupts endlich zu Friedensverhandlungen gekommen war. Man hatte das Ende der Auseinandersetzungen durch die arrangierte Ehe zwischen den beiden königlichen Familien besiegeln wollen, mit der beide Staaten verbunden worden wären. Raja war bereit gewesen, seine Pflicht gegenüber seinem Land zu erfüllen und Prinzessin Bariah zu heiraten, eine Witwe, die bereits über dreißig und somit um einiges älter als er gewesen war.

Vor zwei Wochen waren Bariah und ihre Eltern jedoch bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, und Ashur befand sich in einer tiefen Krise. Verzweifelt suchte man in der Familie nach einer geeigneten Nachfolgerin für Bariah.

Das Klingeln seines Mobiltelefons riss Raja aus seinen Gedanken, und er nahm das Gespräch entgegen.

„Du musst sofort nach Hause kommen“, informierte ihn sein jüngerer Bruder Haroun. „Wajid Suleiman, der Berater der Königsfamilie, ist auf dem Weg hierher. Anscheinend hat er eine neue Braut für dich gefunden.“

Obwohl er mit dieser Neuigkeit gerechnet hatte, fiel Raja das Atmen plötzlich schwer. „Wir müssen auf das Beste hoffen …“

„Warum willst du dich schon wieder zu einer Ehe zwingen lassen?“, fiel ihm sein Bruder ins Wort, direkt wie eh und je. „Leben wir denn immer noch im Mittelalter?“

Raja legte sich seine nächsten Worte sorgfältig zurecht. Sein Vater, der an den Rollstuhl gefesselt war, hatte ihm alles vermittelt, was ein Staatsmann brauchte. „Ich muss es tun.“

„Gibt es Ärger?“, fragte Chloe, einen neugierigen Ausdruck in den blauen Augen, als Raja das Telefon weglegte und sein Hemd aufhob.

„Ich muss sofort los.“

Daraufhin sprang sie aus dem Bett und schmiegte sich an ihn. „Wir wollten doch heute Abend ausgehen“, protestierte sie, allerdings ohne verletzt oder enttäuscht zu klingen, denn sie wusste, wie man einen Mann auf Dauer glücklich machte.

„Ich mache es bei meinem nächsten Besuch wieder gut“, versprach er, während er sie sanft wegschob.

Beim Anziehen versuchte er nicht daran zu denken, wen die Vertreter von Ashuri für ihn ausgesucht hatten. Er hoffte nur, die Frau wäre halbwegs attraktiv. Dass er durch seine Herkunft so vielen Zwängen unterworfen war, verdrängte er geflissentlich, denn solche Überlegungen führten zu nichts.

Sein Privatjet brachte ihn in wenigen Stunden nach Najar, wo sein Bruder ihn am Flughafen abholte.

„Ich würde niemals eine Fremde heiraten!“, verkündete dieser.

„Das brauchst du ja auch nicht.“ Zum Glück hatte sein kleiner Bruder nichts Derartiges zu befürchten. „Nach diesen Krisenzeiten sehnen sich die Menschen in beiden Ländern nach Stabilität und …“

„Die Ashuris sind bankrott. Das Land liegt in Trümmern. Warum bietest du ihnen stattdessen nicht einen Teil unserer Erdöleinnahmen?“

„Pass auf, was du sagst, Haroun!“, tadelte Raja ihn. „Wir müssen alle sehr diplomatisch vorgehen, bis wir realistische Rahmenbedingungen für unser Friedensabkommen geschaffen haben.“

„Wir haben den Krieg gewonnen, und trotzdem lässt du dich auf einen Tauschhandel mit einem Haufen Grenzdieben ein, die noch Schafe gehütet haben, als unser Ururgroßvater schon König war“, wandte Haroun ein.

Obwohl er sich der tiefen Feindseligkeit bewusst war, die immer noch zwischen beiden Völkern herrschte, erwiderte Raja: „Von einem gebildeten jungen Mann wie dir erwarte ich eigentlich eine objektivere Sichtweise.“

Im königlichen Palast wurde er bereits von dem grauhaarigen Hofberater und dessen Referenten erwartet, die ihn beide strahlend anlächelten.

„Vielen Dank, dass Sie uns so kurzfristig empfangen, Königliche Hoheit“, begann Wajid nach einer tiefen Verbeugung. Dann öffnete er die Akte, die zwischen ihnen auf dem Tisch lag. „Wir haben herausgefunden, dass die einzige rechtmäßige und unverheiratete Thronerbin die Tochter des verstorbenen Königs Anwar ist. Sie ist britische Staatsbürgerin …“

„Britische Staatsbürgerin?“, wiederholte Haroun fasziniert. „Anwar hat vor Prinzessin Bariahs Vater, König Tamim, geherrscht, richtig?“

„Er war Tamims älterer Bruder. König Anwar war mehr als einmal verheiratet“, bemerkte Raja. „Und wer ist die Mutter dieser Frau?“

Der ältere Mann presste die Lippen zusammen. „Seine erste Frau war Engländerin. Die Ehe wurde nach kurzer Zeit geschieden, und sie ist dann mit der gemeinsamen Tochter nach England zurückgekehrt. Die Tochter ist jetzt einundzwanzig.“

„Halbengländerin“, meinte Prinz Raja versonnen. „Hat sie einen guten Charakter?“

Wajid verspannte sich merklich. „Natürlich.“

„Und warum hat König Anwar sich von ihrer Mutter scheiden lassen?“, hakte Raja nach.

„Weil sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Es war eine Liebesheirat, aber die Ehe war nicht von Dauer.“ Spöttisch verzog der ältere Mann den Mund. „Mit seiner zweiten Frau hatte der König zwei Söhne, die beide im Krieg gefallen sind.“

Obwohl Raja das wusste, neigte er den Kopf, um den beiden Verstorbenen Respekt zu zollen. Er musste an die vielen Beisetzungen denken, denen er beigewohnt hatte. Wenn er mit dieser Verbindung Frieden zwischen den beiden verfeindeten Staaten schaffen konnte, war es ein vergleichsweise geringes Opfer.

„Und wie heißt Anwars Tochter?“

„Ihr Name ist Ruby. Und da die königliche Familie nie Kontakt zu ihrer Mutter und ihr gepflegt hat, ist Prinzessin Ruby natürlich nicht auf ihre Rolle vorbereitet.“

Nun runzelte Raja die Stirn. „Das Leben am Hof wäre also eine große Herausforderung für sie.“

„Sie ist jung genug, um sich alles schnell anzueignen.“ Sichtlich begeistert rieb der Berater sich die Hände.

„Haben Sie ein Foto von ihr für meinen Bruder?“, erkundigte Haroun sich interessiert.

Wajid blätterte in der Akte und förderte dann eine Aufnahme zutage. „Es ist leider schon einige Jahre alt, aber das Neueste, das wir haben.“

Raja betrachtete die schlanke Blondine in T-Shirt und Minirock, die vor der Moschee in der Hauptstadt von Ashuri stand. Sie war ein typischer Teenager, und ihr heller Teint und ihr langes blondes Haar muteten in seinem Land besonders exotisch an. Bei dieser Überlegung verspürte er sofort Gewissensbisse, weil er gerade erst seine Verlobte beerdigt hatte. Allerdings war er dieser vorher nur einmal begegnet und hatte sie im Grunde gar nicht gekannt.

Nachdem sein jüngerer Bruder den Schnappschuss betrachtet hatte, pfiff er anerkennend.

„Das reicht jetzt“, tadelte Raja ihn entnervt. „Wann darf ich sie kennenlernen?“

„Sobald wir es arrangieren können, Königliche Hoheit.“ Wajid strahlte, sichtlich erleichtert, dass er, Raja, sich auf eine weitere arrangierte Ehe einlassen wollte.

„Ruby, bitte.“ Besitzergreifend umfasste Steve ihre Taille, doch Ruby schob seine Hände weg.

„Nein!“ Ihr war nicht wohl dabei, mit ihm bei Tageslicht auf dem Parkplatz des Pubs auf Tuchfühlung zu gehen.

Gekränkt löste er sich von ihr und lehnte sich wieder auf dem Fahrersitz zurück. Mit dem langen blonden Haar, den großen braunen Augen und der tollen Figur stellte Ruby eine Trophäe dar, um die ihn all seine Freunde beneideten, aber sie konnte unglaublich stur sein. „Kann ich heute Abend vorbeikommen?“

„Ich bin müde“, schwindelte Ruby. „So, ich muss jetzt zurück zur Arbeit. Ich möchte mich nicht verspäten.“

Steve fuhr los und setzte sie vor der Anwaltskanzlei ab, in der sie als Empfangsdame tätig war. Sie wohnten beide in der Kleinstadt in Yorkshire. Steve arbeitete als Makler in der Immobilienfirma gegenüber, und zuerst hatte Ruby ihn sehr attraktiv gefunden. Mit dem blonden Haar und den blauen Augen war er genau ihr Typ, aber er küsste schlecht, und sie empfand seine Berührungen als unangenehm.

„Sie kommen zehn Minuten zu spät, Ruby“, bemerkte die Büroleiterin missbilligend. „In Zukunft müssen Sie pünktlicher sein.“

Nachdem Ruby sich bei ihr entschuldigt hatte, machte sie sich wieder an die langweiligen Routineaufgaben, die ihren Arbeitstag bestimmten. Mit achtzehn hatte sie bei Collins, Jones & Fowler angefangen, weil sie nach dem Tod ihrer Mutter dringend einen Job brauchte. Sie hatte nur Kolleginnen, die sie genauso wenig interessierten wie die drei Anwälte, alle Männer mittleren Alters. Alle Gespräche im Büro drehten sich nur um Familie und alltägliche Dinge. Und obwohl sie die Plaudereien mit den Klienten schätzte, sehnte Ruby sich nach mehr Abwechslung.

Ihre verstorbene Mutter Vanessa hatte als junge Frau ein viel aufregenderes Leben geführt. Sie hatte als Model in London gearbeitet und war dort einem arabischen Prinzen aufgefallen, der sie kurz und heftig umworben und dann geheiratet hatte. So war sie, Ruby, in dem Land Ashur am Persischen Golf zur Welt gekommen. Ihr Vater Anwar hatte noch während der Ehe mit ihrer Mutter ein zweites Mal geheiratet, und das war das Ende einer Verbindung gewesen, die Vanessa immer als ihre „königliche Affäre“ bezeichnet hatte. Sie hatte die Scheidung eingereicht und war dann mit ihrer Tochter nach Großbritannien zurückgekehrt. Und da Töchter in Ashur weitaus geringer geschätzt wurden als Söhne, hatte Anwar nie den Kontakt zu ihr gesucht.

Vanessa, die eine hohe Abfindung erhalten hatte, hatte ein Jahr später Curtis Sommerton, einen Geschäftsmann aus Yorkshire, geheiratet, auch um sich über die gescheiterte Ehe hinwegzutrösten. In der Hoffnung, sie, Ruby, würde ihre Familie väterlicherseits so schneller vergessen, hatte Vanessa sie mit Curtis’ Nachnamen angesprochen. Dieser hatte sie in kurzer Zeit um ihr Vermögen gebracht und dann verlassen. Sie war über diese zweite Enttäuschung nie hinweggekommen und bald darauf einem Herzinfarkt erlegen.

„Ich habe den Fehler gemacht, mich von meinen Gefühlen mitreißen zu lassen“, hatte sie ihr oft gesagt. „Anwar hat mir den Himmel auf Erden versprochen und seiner zweiten Frau vermutlich auch. Also pass auf, dass du nicht auch auf solche Frauenhelden hereinfällst, mein Schatz!“

Ruby war allerdings intelligent und erfahren genug, um schnell zu merken, wann jemand sie ausnutzen wollte. Sie hatte ihre Mutter über alles geliebt und wollte sie als warmherzige, liebenswerte Frau in Erinnerung behalten, die Männern gegenüber etwas zu gutgläubig gewesen war. Ihr Stiefvater hingegen war ein Mistkerl gewesen, den sie gleichermaßen gehasst und gefürchtet hatte. Während ihre Mutter eine hoffnungslose Romantikerin gewesen war, hatte Ruby die Erfahrung gemacht, dass Männer in erster Linie Sex wollten. Genau wie viele andere vor ihm hatte Steve es geschafft, dass sie sich beschmutzt gefühlt hatte. Sie war fest entschlossen, sich nicht mehr mit ihm zu treffen.

Nach Dienstschluss ging sie zu Fuß zu dem kleinen Reihenhaus, das sie gemietet hatte. Auch in den Mittagspausen eilte sie immer dorthin, um schnell mit Hermione, ihrer Jack-Russell-Hündin, Gassi zu gehen. Diese war ihr Augapfel und mochte keine Männer. Mehr als einmal hatte sie sie vor ihrem Stiefvater beschützt, der sich nachts manchmal in ihr Zimmer geschlichen hatte.

Ruby wohnte mit ihrer Freundin Stella Carter zusammen, die als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitete. Als Ruby vor dem Haus eintraf, sah sie überrascht eine dunkle Limousine mit Chauffeur davor parken. Kaum hatte sie den Schlüssel ins Schloss gesteckt, wurde die Tür aufgerissen.

„Endlich bist du da!“, rief Stella, die Wangen gerötet. „Drei Leute erwarten dich im Wohnzimmer“, fügte sie im Flüsterton hinzu.

Ruby krauste die Stirn. „Und wer sind Sie?“

„Sie haben etwas mit der Familie deines leiblichen Vaters zu tun“, erwiderte Stella leise.

Verwirrt betrat Ruby das Wohnzimmer, das mit den drei Gästen noch beengter wirkte. Ein kleiner, grauhaariger Mann lächelte sie strahlend an und machte eine tiefe Verbeugung. Die Frau mittleren Alters und der jüngere Mann, die ihn begleiteten, taten es ihm nach, und Ruby verfolgte das Ganze verblüfft.

„Königliche Hoheit“, sagte der ältere Mann dann beinah ehrfürchtig mit einem starken Akzent. „Es ist mir eine große Ehre, Sie endlich kennenzulernen.“

„Er redet die ganze Zeit davon, dass du eine Prinzessin bist“, raunte Stella ihr zu.

„Ich bin weder eine Prinzessin noch sonst irgendetwas Königliches“, verkündete Ruby amüsiert und verwundert zugleich. „Was soll das alles? Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Wajid Sulieman, und das sind meine Frau Haniyah und mein Referent“, stellte der ältere Mann sich und seine beiden Begleiter vor. „Ich vertrete die Interessen der königlichen Familie von Ashuri und habe leider schlechte Neuigkeiten für Sie.“

Ruby besann sich auf ihre guten Manieren und bat die drei, Platz zu nehmen. Dann informierte Wajid sie, dass ihr Onkel Tamim, seine Frau und ihre Cousine Bariah vor drei Wochen bei einem Flugzeugabsturz über der Wüste ums Leben gekommen waren. Dunkel erinnerte sie sich an die drei, denn mit vierzehn hatte sie das Land zum ersten und letzten Mal besucht. „Mein Onkel war der König …“, begann sie zögernd, weil sie sich nicht ganz sicher war.

„Und bis vor einem Jahr war Ihr ältester Bruder sein Erbe“, ergänzte Wajid.

Verblüfft blickte Ruby ihn an. „Ich habe einen Bruder?“

Dass sie offenbar nichts über ihre Familie wusste, machte ihn verlegen. „Ihr verstorbener Vater hatte zwei Söhne mit seiner zweiten Frau.“

Nun lachte sie bitter. „Ich habe also zwei Halbbrüder, von denen ich nichts wusste. Wissen die beiden denn von mir?“

Er machte eine ernste Miene. „Wieder einmal ist es meine traurige Pflicht, Sie zu informieren, dass Ihre Brüder in dem Krieg zwischen Ashur und Najar als tapfere Soldaten gefallen sind.“

Es dauerte einen Moment, bis Ruby die Sprache wiederfand. „Oh … Stimmt, ich habe in den Zeitungen von dem Krieg gelesen. Das mit meinen Brüdern ist sehr traurig. Sie müssen noch jung gewesen sein.“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

Da sie weder ihrem Vater noch ihren übrigen Verwandten je begegnet war, wusste sie gar nichts über sie. Bei ihrem bisher einzigen Besuch in Ashur hatte ihre Mutter versucht, Kontakt zur königlichen Familie aufzunehmen, doch man hatte sie abgewiesen. Auch auf den Brief, den Vanessa vor ihrem Besuch an sie gerichtet hatte, hatte man nicht geantwortet. Von da an hatte Ruby ihre Neugier unterdrückt.

„Ihre Brüder waren tapfere junge Männer“, teilte Wajid ihr nun mit. „Sie sind bei der Ausübung ihrer Pflicht ums Leben gekommen.“

Sie nickte respektvoll und dachte traurig an ihre jüngeren Halbbrüder, die sie nie kennengelernt hatte. Ob die beiden sich je gefragt hatten, wie sie wohl sein mochte? Aber selbst wenn sie den Kontakt zu ihr gesucht hätten, hätte das Hofprotokoll es ihnen vermutlich verboten.

„Ich fühle mit Ihnen, Königliche Hoheit. Jetzt sind Sie die Thronfolgerin von Ashur.“

„Wie kann das sein?“ Ungläubig lachte sie. „Schließlich bin ich eine Frau! Und warum nennen Sie mich ständig Königliche Hoheit?“

„Den Titel tragen Sie seit dem Tag Ihrer Geburt“, verkündete Wajid. „Da Sie die Tochter des Königs sind, ist es Ihr Geburtsrecht.“

Das klang alles sehr beeindruckend, doch sie wusste aus den Zeitungen, dass das Land noch unter den Folgen des Krieges litt. Und dass es überhaupt wegen der Ölvorkommen und Grenzstreitigkeiten Krieg mit seinem Nachbarn geführt hatte, bewies, wie entschlossen die Einwohner waren. Sie erinnerte sich noch, wie erleichtert sie gewesen war, als die Medien über das Ende der Auseinandersetzungen berichteten.

Während Ruby nun die Erkenntnis zu verarbeiten suchte, dass sie eine echte Prinzessin war, meldete sich ihr gesunder Menschenverstand. Konnte eine einfache Empfangsdame, die kaum über die Runden kam, wirklich eine Prinzessin sein? Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, jobbte sie am Wochenende oft in dem Supermarkt, in dem ihre Freundin arbeitete.

„In meinem Leben ist kein Platz für Adelstitel und ähnliche Dinge“, erwiderte sie freundlich, um niemandem zu nahe zu treten. „Ich bin eine ganz normale junge Frau.“

„Aber das ist genau das, was Ihr Volk am meisten an Ihnen schätzen würde. Wir sind alle ganz normale, hart arbeitende Menschen“, erklärte Wajid stolz. „Sie sind die einzige Thronerbin, und Sie müssen Ihren rechtmäßigen Platz einnehmen.“

Erstaunt blickte sie ihn an. „Verstehe ich Sie richtig? Ich soll nach Ashur gehen und dort als Prinzessin leben?“

„Genau. Deswegen sind wir hier – um Sie über Ihre Position zu informieren und Sie nach Hause zu holen.“ Mit einer entsprechenden Geste untermalte Wajid seine Begeisterung für seine Mission.

Ruby hingegen verspannte sich und schüttelte den Kopf. „Ashur ist nicht meine Heimat. Seit ich das Land als Baby verlassen habe, hatte ich keinen Kontakt mehr zur königlichen Familie. Es hat sich nie jemand für mich interessiert.“

Wieder wurde der ältere Mann ernst. „Das stimmt, aber die Tragödien, die die Familie Shakarian fast völlig ausgelöscht haben, haben alles verändert. Sie sind jetzt eine sehr wichtige Person in Ashur, eine Prinzessin, die Tochter des verstorbenen Königs und Thronanwärterin …“

„Ich möchte den Thron aber nicht beanspruchen, und ich weiß, dass noch nie eine Frau das Land regiert hat“, unterbrach sie ihn zunehmend ungeduldiger. „Bestimmt gibt es irgendwo einen Mann, der es gar nicht erwarten kann, den Job zu übernehmen.“

Der Berater hätte vermutlich bestürzt reagiert, wäre er nicht darin geschult gewesen, seine Gefühle zu verbergen. Allerdings wirkte er jetzt noch angespannter. „Sie haben natürlich recht mit der Aussage, dass keine Frauen in Ashur regieren. Traditionsgemäß ist der Thronfolger immer der erstgeborene Sohn …“

„Dann bin ich also nicht so wichtig, wie Sie es mir weismachen wollen?“ Hatte dieser Mann wirklich geglaubt, sie wüsste nichts über die Gegebenheiten in seinem Land? Schließlich hatte die Ehe ihrer Mutter deswegen so geendet. Ihr Vater hatte sich eine neue Frau gesucht, um einen Thronfolger zeugen zu können.

Und tatsächlich wurde Wajid noch verlegener. „Ich widerspreche Ihnen nur ungern, aber in den Augen unseres Volkes sind Sie zweifellos eine sehr wichtige junge Frau. Ohne Sie kann es keinen König geben“, gestand er.

„Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.“

Nach kurzem Zögern antwortete er: „Die beiden Länder sollen durch eine Verbindung zwischen den beiden königlichen Familien vereint und gemeinsam regiert werden. Das war ein wesentlicher Bestandteil des Friedensvertrags, der nach dem Ende des Krieges ausgehandelt wurde.“

Ruby erstarrte und widerstand dem Drang, wieder ungläubig zu lachen, denn plötzlich begriff sie, welche Bedeutung sie für diesen strengen kleinen Mann hatte. Sie brauchten eine Prinzessin, die sie verheiraten konnten, eine rechtmäßige Anwärterin auf den Thron von Ashur. Und sie war jung und alleinstehend. Man erkannte sie nur als Mitglied der königlichen Familie an, weil es offenbar niemand anderen gab, der infrage kam.

„Ich hatte keine Ahnung, dass arrangierte Ehen in Ashur immer noch üblich sind“, bemerkte sie.

„Vorwiegend bei Hofe“, räumte Wajid widerstrebend ein. „Manchmal kennen Eltern ihre Kinder besser als die Kinder sich selbst.“

„Ich habe jedenfalls keine Eltern mehr, die das für mich entscheiden können. Mein Vater hat nicht einmal Interesse an mir gezeigt. Sie vergeuden also nur Ihre Zeit, Mr Sulieman. Ich möchte keine Prinzessin sein und auch keinen Fremden heiraten. Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist.“ Um das Gespräch zu beenden, stand sie auf, bedachte den älteren Mann jedoch mit einem mitfühlenden Blick, weil er seinem Wertesystem so verhaftet war. „Es gibt sicher nicht viele junge Frauen, die ein solches Arrangement befürworten würden.“

Noch lange nachdem die drei gegangen waren, saßen die beiden Freundinnen da und sprachen über den unerwarteten Besuch.

„Und du wusstest wirklich nicht, dass du eine Prinzessin bist?“, meinte Stella zum wiederholten Mal, während sie Ruby, die sie schon seit der Grundschulzeit kannte, zunehmend faszinierter betrachtete.

„Bestimmt wollten sie nicht, dass Mum davon erfährt“, erwiderte diese ruhig. „Nachdem wir das Land verlassen hatten, haben sie so getan, als würden wir beide gar nicht existieren.“

„Ich frage mich, wie der Typ, den du heiraten sollst, wohl ist.“ Verträumt spielte Stella mit einer Strähne ihres schwarzen Haars.

„Wenn er auch nur annähernd so herzlos ist wie mein Vater, verpasse ich nichts. Mein Vater war bereit, meiner Mum das Herz zu brechen, um einen Sohn zu zeugen. Und der Mann, den ich heiraten soll, würde sicher alles tun, um König von Ashur zu werden …“

„Er kommt aus dem anderen Land, stimmt’s?“

„Aus Najar? Bestimmt. Wahrscheinlich handelt es sich um irgendeinen armen Verwandten der königlichen Familie, der nach oben will“, spottete Ruby.

„Ich glaube, ich hätte die drei nicht so schnell weggeschickt. Ich meine, wenn man von der Heirat absieht, wäre es sicher aufregend gewesen, Prinzessin zu sein.“

„Ich fand an dem Land überhaupt nichts aufregend.“ Ruby fühlte sich ein wenig schuldig, weil sie immer noch verbittert über die Zurückweisung war. Sie hatte Wajid Sulieman angemerkt, wie sehr er sein Land liebte. Außerdem hatten die Neuigkeiten über den Tod der Familienmitglieder sie traurig gestimmt.

Nach einem ganz normalen Wochenende, an dem der Eindruck über den unerwarteten Besuch schließlich ein wenig verblasst war, arbeitete Ruby am Montag wieder. Am Samstagnachmittag hatte sie sich kurz mit Steve getroffen, um mit ihm Schluss zu machen. Er hatte sich allerdings nicht damit abfinden wollen und sie seitdem mit unzähligen SMS bombardiert, in denen er erst sie um eine zweite Chance gebeten, sie dann kritisiert hatte und schließlich hatte wissen wollen, was sie an ihm stören würde. Aber sie ignorierte die Nachrichten und wünschte, sie hätte sich nie mit ihm eingelassen.

„Du machst wirklich alle Männer verrückt“, hatte Stella beim gemeinsamen Frühstück neidisch bemerkt. „Er ist zwar eine Nervensäge, aber ich würde mich freuen, wenn jemand sich so für mich interessiert.“

„Wir können gern tauschen“, hatte Ruby gekontert, und genauso dachte sie auch, als sie kurz vor der Mittagspause feststellte, dass weitere Nachrichten von Steve eingegangen waren.

Plötzlich kam ein großer, schwarzhaariger Mann in die Kanzlei. Er gehörte zu den Menschen, die allein durch ihre Anwesenheit alle Blicke auf sich zogen, und sie ertappte sich dabei, wie sie ihn fasziniert betrachtete. Vielleicht lag es an seinem dunklen, perfekt sitzenden Designeranzug, der seinen durchtrainierten Körper betonte. Oder an seinen markanten Zügen oder an den dunklen, glutvollen Augen. Wow, dachte Ruby zum ersten Mal in ihrem Leben beim Anblick eines Mannes …

2. KAPITEL

Als Prinz Raja die Anwaltskanzlei betrat, war Ruby die Erste, die er sah – und trotz der vielen Leute im Empfangsbereich auch die Einzige. Das hübsche Schulmädchen auf dem Urlaubsfoto hatte sich zu einer wunderschönen Frau mit langem blonden Haar, funkelnden Augen und vollen, sinnlichen Lippen entwickelt.

„Sie sind Ruby Shakarian?“, fragte der Prinz, während ein weiterer großer, noch muskulöserer Mann hereinkam und etwa einen Meter hinter ihm stehen blieb.

„Den Nachnamen benutze ich nicht.“ Ruby überlegte, wie viele königliche Würdenträger sie noch abweisen musste, bis diese begriffen, dass sie keine Prinzessin war. „Woher haben Sie ihn?“

„Von Wajid Sulieman. Er hat mich gebeten, mit Ihnen zu sprechen. ‚Shakarian‘ ist Ihr Familienname.“

„Ich arbeite und habe jetzt keine Zeit für Sie.“ Doch sie betrachtete ihn weiterhin verstohlen – seine von dichten Wimpern gesäumten faszinierenden Augen, die ausdrucksvollen Brauen, seinen dunklen Teint und den Dreitagebart, der sein markantes Kinn und die sinnlichen Lippen betonte. Er war wirklich atemberaubend attraktiv. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, was sie wütend machte, denn sie hatte noch nie so auf einen Mann reagiert.

„Machst du noch keine Mittagspause?“, erkundigte sich eine Kollegin, die an ihrem Schreibtisch vorbeikam.

Erleichtert ergriff Raja die Gelegenheit. „Wir könnten zusammen essen gehen“, schlug er vor.

Seit er an diesem Morgen in Yorkshire aus seinem Privatjet gestiegen und ihm die kühle Frühlingsluft entgegengeschlagen war, fühlte er sich wie auf einem fremden Planeten. Er war Kleinstädte nicht gewohnt, und in einem einfachen Hotel einzuchecken hatte seine Laune nicht gerade gebessert. Er fror und war nervös, weil man ihm diese Aufgabe auferlegt hatte.

„Wenn Sie mit diesem Wajid zu tun haben, nein, danke.“ Ruby stand auf und nahm ihre Handtasche, um nach Hause zu gehen.

Raja stellte fest, dass sie kleiner war, als er erwartet hatte, und ihm nur bis zur Brust reichte. „Zu tun haben?“, wiederholte er verwirrt.

„Falls Sie über dasselbe Thema sprechen wollen, können Sie es sich sparen. Ich meine … sehe ich etwa wie eine Prinzessin aus?“

„Nein, wie eine Göttin“, sprach er seine Gedanken aus, was er überhaupt nicht von sich kannte. Schnell presste er die Lippen zusammen.

„Wie eine Göttin?“ Ruby, die offenbar genauso schockiert war wie er, lächelte jetzt, und er bemerkte ihre Grübchen. „Das hat mir noch kein Mann gesagt.“

Angesichts ihres strahlenden Lächelns verließen seine Sprachkenntnisse ihn nun vollends. „Mittagessen?“, wiederholte er.

Ruby, die gerade ablehnen wollte, entdeckte in dem Moment Steve, der vor der Tür wartete. Sie wusste, dass man einen Mann am ehesten loswurde, wenn man sich ihm in Begleitung eines anderen zeigte. „Einverstanden“, willigte sie deshalb ein und legte Raja die Hand auf den Arm. „Aber erst muss ich schnell nach Hause und mit meinem Hund Gassi gehen.“

Raja atmete scharf ein, weil er es nicht kannte, dass Fremde ihn berührten. „Ich habe nichts dagegen.“

„Wer ist eigentlich der Typ dahinten?“, erkundigte Ruby sich leise, wobei ihr langes blondes Haar seine Schulter streifte und ihm der Duft ihres Parfüms in die Nase stieg.

„Einer meiner Bodyguards.“ Mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der es gewohnt war, immer von Leibwächtern umgeben zu sein, verließ Raja die Kanzlei. „Mein Wagen wartet draußen.“

Nachdem der Bodyguard vorangegangen war und dabei fast mit Steve zusammengestoßen wäre, hielt er ihnen die Tür auf.

„Ruby?“ Finster betrachtete Steve den exotisch wirkenden Mann. „Wer ist dieser Typ? Wohin willst du mit ihm?“

„Ich habe dir nichts mehr zu sagen, Steve“, erklärte Ruby.

„Es ist mein gutes Recht, zu fragen, wer er ist!“ Sein Gesicht rötete sich vor Zorn.

„Du hast überhaupt keine Rechte, was mich betrifft“, entgegnete sie verärgert.

Als er einen Schritt auf sie zu machte, gab der Prinz seinem Bodyguard unauffällig ein Zeichen, woraufhin dieser sich Steve in den Weg stellte. Unterdessen öffnete ein weiterer Leibwächter die Tür der langen Limousine.

„Ich steige auf keinen Fall zu einem Fremden in den Wagen“, verkündete Ruby.

Dass jemand ihm so argwöhnisch begegnete, brachte Raja aus der Fassung. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass Ruby sofort einsteigen und sich wie die Frauen, mit denen er normalerweise ausging, sofort an der Bar bedienen würde. Aber wenn sie immer mit Männern wie diesem verkehrte, konnte er ihr wohl kaum verdenken, dass sie dem anderen Geschlecht misstraute.

„Ich wohne ganz in der Nähe. Ich gehe zu Fuß nach Hause und treffe Sie dort.“ Nachdem sie ihm ihre Adresse genannt hatte, eilte sie davon und drehte sich auch nicht um, als besagter Steve ihren Namen rief.

Fasziniert beobachtete Raja, wie ihr langes blondes Haar in der sanften Brise wehte. Sie hatte große braune, von dichten Wimpern gesäumte Augen und eine tolle Figur. Unwillkürlich fragte er sich, wie gut dieser Steve ihren Körper kannte. Schockiert über diesen Gedanken, betrachtete Raja sie ein letztes Mal, als die Limousine an ihr vorbeifuhr. Mit einer Frau wie ihr wäre eine arrangierte Ehe für jeden normalen Mann verlockend. Schon jetzt spürte Raja, wie heißes Verlangen in ihm aufflammte.

Als Ruby von ihrem Spaziergang mit Hermione zurückkehrte und die Tür aufschloss, stand die Limousine schon vor ihrem Haus. Diesmal stellte sie fest, dass nicht nur ein Bodyguard auf dem Beifahrersitz saß, sondern ein weiterer Wagen mit Leibwächtern dahinter stand. Warum waren diese Sicherheitsvorkehrungen nötig? Wer war dieser Mann? Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass dieser Besucher wichtiger war als Wajid Sulieman und dessen Frau. Auf jeden Fall reiste er mit einem großen Tross. Ruby warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und runzelte die Stirn. Sie hatte keine Zeit mehr, essen zu gehen. Deswegen nahm sie ihr Handy heraus, um in der Kanzlei anzurufen und zu fragen, ob sie die Mittagspause verlängern dürfe. Die Büroleiterin erklärte sich widerstrebend damit einverstanden, nachdem Ruby ihr versichert hatte, dafür am Nachmittag eine Stunde länger zu bleiben.

Hermione zog sich in ihr Körbchen im Wohnzimmer zurück. Als Ruby auf der Türschwelle stand, öffnete einer der Leibwächter die hintere Tür der Limousine. Verwirrt schloss sie die Haustür ab und ging darauf zu.

„Ich möchte jetzt wissen, wer Sie sind“, sagte sie angespannt.

Zum ersten Mal, seit er sich entsinnen konnte, musste Raja sich jemandem vorstellen.

„Raja …“ Seinen komplizierten Nachnamen konnte Ruby nicht wiederholen. „Und Sie sind ein Prinz? Wer sind Sie?“

Ein sinnliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich bin derjenige, den Wajid Sulieman als Ehemann für Sie ausgesucht hat.“

Sie war so verblüfft, dass sie nun doch in den Wagen stieg und sich schweigend zurücklehnte. Dieser Wahnsinnstyp sollte ihr zukünftiger Ehemann sein?

„Offenbar kommen Sie aus dem anderen Land, Najar“, meinte sie, sobald sie die Sprache wiedergefunden hatte. „Sind Sie ein Mitglied der königlichen Familie?“

„Ich bin der amtierende Regent von Najar. Mein Vater, König Ahmed, hat vor einigen Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten und sitzt seitdem im Rollstuhl. Ich vertrete ihn in der Öffentlichkeit, weil er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann.“

Der feine Unterschied war ihr durchaus bewusst. Sein Vater war immer noch der Monarch und zog im Hintergrund die Fäden. War Raja deshalb bereit, eine Fremde zu heiraten? Wollte er über Ashur herrschen, wo sein Vater nichts zu sagen hatte? Dass sie so wenig über die politischen Verhältnisse in den beiden Ländern wusste, ärgerte sie.

Eins war allerdings sicher: Anders als sie es sich vorgestellt hatte, war Raja nicht der arme Verwandte, der an die Macht wollte. Verstohlen betrachtete Ruby sein markantes Profil. Er konnte nicht älter als dreißig sein. Er war jung, äußerst attraktiv und – der Luxuslimousine und den Bodyguards nach zu urteilen – reich. Umso weniger konnte sie nachvollziehen, warum er bereit sein sollte, über eine arrangierte Ehe auch nur nachzudenken.

„Jemand macht eine Fremde ausfindig, die zufällig eine verloren geglaubte Verwandte der Familie Shakarian ist, und Sie sind sofort bereit, sie zu heiraten?“, spottete Ruby.

„Ich habe gute Gründe dafür. Und deswegen bin ich hier hergekommen, um mit Ihnen zu reden“, erwiderte er kühl und unterstrich seine Worte mit einer Geste. Seine Bewegungen waren geschmeidig und maskulin zugleich. Noch nie hatte ein Mann sie derart fasziniert.

Verlegen errötete sie, denn eigentlich mochte sie keine ausgesprochen maskulinen Männer. Ihr Stiefvater war das beste Beispiel dafür. Er hatte sich nur für Sport interessiert, viel getrunken und ständig abfällige Bemerkungen über Frauen gemacht, während er ihr insgeheim nachgestellt hatte. „Nichts, was Sie sagen, könnte mich umstimmen“, warnte sie Raja.

Da sie sich zunehmend wie ein unsicherer Teenager fühlte, senkte sie die Lider. Dabei fiel ihr Blick auf seinen muskulösen Oberschenkel, und unwillkürlich ließ sie ihn zu seinem Schritt schweifen … Sie spürte, wie ihr die Wangen brannten, als ihr klar wurde, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Mann betrachtet hatte, als wäre er nur ein Lustobjekt.

Der Prinz lud sie in das beste Hotel der Stadt zum Mittagessen ein. Natürlich erregte er dort viel Aufmerksamkeit, besonders bei den Frauen, wie Ruby zunehmend irritierter feststellte. Sein selbstsicheres Auftreten und seine weltmännische Art verliehen ihm eine ganz besondere Aura, die ihn von allen Normalsterblichen unterschied. In ihrem schlichten Outfit fühlte Ruby sich neben ihm völlig unpassend gekleidet. Sie atmete erleichtert auf, als der Ober sie in eine etwas abgelegene Nische führte.

Das Essen schmeckte hervorragend, und Raja erzählte ihr von dem Krieg zwischen den beiden Ländern und den Folgen für Ashur. Während er sprach, konnte Ruby den Blick nicht von ihm abwenden, und es schien ihr, als wäre sie ganz allein mit ihm auf der Welt. Als er lebhaft gestikulierte, malte sie sich aus, wie es wäre, von ihm berührt zu werden. Sofort stieg ihr wieder das Blut ins Gesicht. Der Klang seiner Stimme war ausgesprochen sinnlich, und wenn sie Raja in die funkelnden Augen sah, schlug ihr Herz sofort schneller.

„Die gesamte Infrastruktur in Ashur wurde zerstört, und deshalb gibt es immer mehr Arbeitslose und Menschen, die unter dem Existenzminimum leben“, informierte er sie. „Man muss viel investieren, um die Straßen, Krankenhäuser und Schulen, die zerstört wurden, zu erneuern und wieder aufzubauen. Mein Land wird das Geld zur Verfügung stellen, aber nur, wenn wir beide heiraten. Der Vertrag sieht vor, dass es nur zum Frieden kommt, wenn die beiden Länder durch eine Heirat vereint werden.“

Ruby trank einen Schluck Mineralwasser. Es kostete sie große Mühe, den Blick von Raja abzuwenden. „Das ist völlig verrückt“, erklärte sie beinahe trotzig, woraufhin er den Kopf neigte.

„Überhaupt nicht. Es ist momentan der einzige Weg zur Wiedervereinigung, ohne dass eines der Länder sein Gesicht verliert.“ Plötzlich wirkten seine Züge angespannt.

„Mir ist klar, dass kein vernünftiger Mensch wieder Krieg möchte“, meinte sie bedauernd. Dass die Lage so ernst war, hätte sie nicht für möglich gehalten. Und obwohl die Herrscherfamilie sich immer geweigert hatte, ihre Existenz anzuerkennen, schämte Ruby sich, weil sie sich so wenig für das Land interessiert hatte.

„Richtig. Und genau darin besteht unsere Rolle“, warf Raja lässig ein. „Ashur wird die Hilfe meines Landes nur annehmen, wenn diese durch eine traditionelle königliche Hochzeit gewährt wird.“

Sie nickte. „Und was passiert, wenn es nicht zu dieser Hochzeit kommt?“

Er schwieg einen Moment und kniff dabei die Augen zusammen, was ihn ein wenig furchteinflößend erscheinen ließ. „Da diese Eheschließung Bestandteil des Friedensvertrags ist, würden viele in dem Fall von Vertragsbruch sprechen, und die Feindseligkeiten könnten leicht wieder ausbrechen. Unsere Familien genießen großen Respekt. Wenn wir es richtig angehen, könnten wir als vereinende Kraft agieren, und unser Volk würde uns auf dem Weg zu langfristigem Frieden unterstützen.“

„Und Sie sind bereit, Ihre eigene Freiheit dafür zu opfern?“, erkundigte sich Ruby mit skeptischer Miene.

„Ich habe gar keine Wahl. Es ist meine Pflicht“, erklärte Raja mit einer beredten Geste.

Seine Hände sind noch ausdrucksvoller als seine Worte, ging es ihr durch den Kopf. Nachdem sie ihn einen Moment betrachtet hatte, sagte sie spontan: „Was für ein Unsinn! Wie können Sie sich so einfach fügen?“

Er atmete tief durch, bevor er antwortete. „Als Mitglied der königlichen Familie führe ich ein sehr privilegiertes Leben. Meine Eltern haben mir immer vermittelt, dass das Wohl meines Landes für mich an erster Stelle stehen muss.“

Spöttisch verdrehte sie die Augen. „Also, ich führe kein privilegiertes Leben und bin auch nicht mit solchen Wertvorstellungen aufgewachsen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich Ihnen das abnehmen soll.“

Raja, der es nicht gewohnt war, wegen seiner konservativen Haltung und seiner ehrbaren Absichten angegriffen zu werden, straffte die Schultern und presste die Lippen zusammen. Er war verletzt, aber entschlossen, es nicht zu zeigen. Das eigentliche Problem war vermutlich, dass Ruby selten nachdachte, bevor sie sprach, und man ihn nur selten kritisierte oder herausforderte. „Das heißt?“

„Haben Sie auch an der Front gekämpft?“, erkundigte sie sich unvermittelt.

„Ja.“

Nun legte sie ihr Besteck weg und lehnte sich zurück. In ihren Augen lag ein verächtlicher Ausdruck.

„So ist es im Krieg nun mal.“

„Und nun glauben Sie, Sie könnten sich freikaufen, indem Sie mich heiraten und als Retter auftreten, wo Sie einmal der Aggressor waren?“ Energisch schob sie ihren Teller weg. „Tut mir leid, aber ich möchte nicht die Schachfigur in einem Machtkampf sein oder für Sie das Mittel zum Zweck, damit Sie Ihr Gewissen erleichtern können. Ich möchte jetzt gehen.“

Seine Augen funkelten feindselig, als Raja sie betrachtete. „Sie haben mir gar nicht richtig zugehört …“

Ruby hob das Kinn. „Oh doch, und ich habe Sie verstanden. Ich kann nicht so sein, wie Sie es sich vorstellen. Ich bin keine Prinzessin, und ich will mich nicht für das Volk oder das Land opfern, das meiner Mutter das Herz gebrochen hat.“

Ihre Worte klangen so melodramatisch, dass Raja beinah laut gestöhnt hätte. „Sie reden wie ein kleines Kind.“

Nun errötete sie tief. „Wie können Sie es wagen?“, stieß sie hervor.

„Sie müssen dieses Dilemma ganz nüchtern betrachten. Vielleicht sind Sie Ihrem Geburtsland gegenüber voreingenommen, aber Sie dürfen keine alten Geschichten aufwärmen als Entschuldigung …“

„Von wegen ‚alte Geschichten‘!“, ereiferte sie sich und machte dabei Anstalten aufzustehen. „Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Und er hat eine andere Frau geheiratet, während er noch mit meiner Mutter verheiratet war! Und wenn Sie das als voreingenommen bezeichnen, bekenne ich mich gern dazu!“

„Schreien Sie nicht so, und setzen Sie sich!“, ermahnte der Prinz sie scharf.

Ruby war so verblüfft, dass sie sich instinktiv wieder setzte und ihn entgeistert ansah. Woher nahm er eigentlich das Recht, sie herumzukommandieren? „Reden Sie gefälligst nicht in diesem Ton mit mir!“

„Dann beruhigen Sie sich, und denken Sie an die Menschen, denen es nicht so gut geht wie Ihnen.“

„Ich werde trotzdem nicht bereit sein, einen Fremden zu heiraten“, konterte sie wütend, während sie ihre Serviette auf den Tisch warf. „Dachten Sie etwa, ich wäre so dumm und würde Sie nicht durchschauen? Sie wollen den Thron von Ashur, und den können Sie nur mit meiner Hilfe bekommen!“

Erstaunt beobachtete Raja, wie Ruby aufsprang und hocherhobenen Hauptes davonschritt. Hatte sie etwa keine Manieren? Wie konnte sie ihm in der Öffentlichkeit eine solche Szene machen? Glaubte sie wirklich, er würde den Thron von Ashur wollen? Sie musste völlig weltfremd sein. Er war der zukünftige Herrscher eines der reichsten Staaten am Persischen Golf – er brauchte nicht auch noch dessen armes Nachbarland zu regieren.

Nach einem zwanzigminütigen Marsch traf Ruby wieder in der Kanzlei ein. Nun, da sie Gelegenheit gehabt hatte, über ihren hitzigen Wortwechsel mit Prinz Raja nachzudenken, überlegte sie immer noch, ob sie ihn falsch einschätzte oder nicht. Da sich während ihrer Abwesenheit jedoch einiges angesammelt hatte, stürzte sie sich erst einmal in die Arbeit.

Wann immer sie an diesem Nachmittag eine Atempause hatte, ließ sie sich noch einmal durch den Kopf gehen, was sie über die Situation in ihrem Geburtsland erfahren hatte. Der Krieg zwischen den beiden Ländern war nicht ihre Schuld, oder? Aber wenn Raja recht hatte und es nicht zu einer Eheschließung und somit auch nicht zum Frieden kam, wie würde sie dann darüber denken? Sie beschloss, am Abend im Internet zu recherchieren, um Antworten auf einige Fragen zu bekommen.

Während Stella an diesem Abend das Essen zubereitete, klappte Ruby den Laptop auf, den sie gemeinsam nutzten, und suchte im Internet nach Informationen, die schlafende Hermione zu ihren Füßen. Das Meiste, was sie erfuhr, war leider alles andere als erfreulich. Wie ihr schnell klar wurde, brauchte das Land ihres verstorbenen Vaters dringend Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen, und das Volk hoffte verzweifelt, der Frieden möge anhalten. Als sie den Blog eines Mitarbeiters einer ausländischen Hilfsorganisation las, in dem dieser über die steigende Anzahl der Obdachlosen und Waisen berichtete, kämpfte sie mit den Tränen. Später beim Abendessen hatte sie keinen Appetit. Sie konnte sich einreden, dass das alles sie nichts anging, aber ihre Gefühle sprachen eine andere Sprache. Hing die Zukunft eines Landes und seines ganzen Volkes wirklich von ihrer Entscheidung ab?

Ernüchtert von dieser Vorstellung, begann Ruby, die Möglichkeiten abzuwägen. Während Stella sich nach dem Essen verabschiedete, weil sie eine Verabredung hatte, spülte Ruby tief in Gedanken das Geschirr und räumte die Küche auf. Als es diesmal an der Tür klingelte und sie sich wieder Najars Prinzen und hochdekoriertem Kampfpiloten gegenübersah, war sie nicht überrascht, denn sie hatte einiges mit ihm zu klären.

Sein Anblick verschlug ihr jedoch die Sprache. Seine glutvollen, von dichten Wimpern gesäumten Augen und seine maskulinen Züge übten eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Ihr Herz krampfte sich zusammen, und ein heißes Prickeln überlief sie. Wieder einmal kostete es sie große Mühe, woanders hinzusehen.

„Kommen Sie rein – wir müssen uns unterhalten“, sagte sie ein wenig atemlos, verunsichert durch den Ausdruck in seinen Augen. Als sie sich abwandte, spürte sie, wie ihr die Wangen brannten.

„In meiner Kultur ist es unhöflich, einem Gast oder einem Mitglied der königlichen Familie den Rücken zuzukehren“, informierte Raja sie beinah lässig.

Ruby stieß einen ärgerlichen Laut aus, während sie zu ihm herumwirbelte. „Ich glaube, wir haben dringendere Probleme als meine Missachtung der Etikette!“

Als der große, muskulöse Mann hinter Ruby das Wohnzimmer betrat, hob Hermione den Kopf und blickte ihn aus ihrem Korb argwöhnisch an. Dann knurrte sie leise.

„Nein!“, wies Ruby sie streng zurecht.

„Sie hatten mich erwartet“, stellte Raja fest, bevor er sich setzte. Ruby trug ein enges T-Shirt, das ihre Kurven betonte, und schwarze Leggings, und er versuchte, sie nicht anzustarren. Beim Anblick ihrer pinkfarbenen Plüschhausschuhe mit den Hasenköpfen presste er die Lippen zusammen. Er wollte nicht daran erinnert werden, wie jung und unerfahren sie war angesichts der Rolle, die man ihr anbot.

Ruby atmete tief durch, bemüht, ihre Anspannung nicht sichtbar werden zu lassen, als sie gegenüber von Raja Platz nahm. Selbst wenn er saß, war sie sich seines muskulösen Körpers überdeutlich bewusst, und sie spürte zu ihrem Leidwesen, wie ihre Brustwarzen sich aufrichteten. „Stimmt“, bestätigte sie.

Als sie verstummte, wartete Raja geduldig und legte dabei eine Gelassenheit an den Tag, die sie ungemein sexy fand.

„Es ist das Beste, wenn ich diesmal die Karten auf dem Tisch lege“, begann sie dann. „Eine normale Ehe steht für mich überhaupt nicht zur Debatte, weil ich niemals bereit wäre, einen Fremden zu heiraten. Aber wenn Sie wirklich glauben, dass es nur so Frieden für Ashur geben kann, werde ich mir eine Lösung einfallen lassen müssen, mit der wir beide leben können.“

Anerkennend betrachtete Raja sie, weil er davon überzeugt war, dass Ruby endlich zur Vernunft kam. Und es würde vermutlich kein Problem für ihn darstellen, mit ihr zusammenzuleben. Er richtete den Blick auf ihr attraktives Gesicht, war sich dabei allerdings schmerzlich ihrer vollen Brüste bewusst, deren Brustwarzen sich unter der dünnen Bluse abzeichneten. Verärgert presste er die Lippen zusammen, während er sein Verlangen zu unterdrücken versuchte.

„Ja, ich glaube, unsere Heirat könnte den Frieden zwischen den beiden Ländern sichern“, gestand er. „Aber wenn Sie keine normale Ehe in Erwägung ziehen, was dann?“

„Eine Scheinehe“, antwortete Ruby, ohne zu zögern, ein amüsiertes Funkeln in den Augen. „Ich heirate Sie, und wir treten gelegentlich zusammen in der Öffentlichkeit auf. Hinter verschlossenen Türen tun wir nur allerdings so, als wären wir ein ganz normales Paar.“

Er ließ sich seine Verblüffung nicht anmerken, denn sie sollte nicht wissen, dass es seinen Prinzipien widersprach, den Menschen etwas vorzuspielen. „Eine rein platonische Beziehung also?“

Lebhaft nickte sie. „Es ist nicht böse gemeint, aber Sex interessiert mich nicht …“

„Haben Sie nur keine Lust auf Sex mit mir, oder sind Sie generell nicht an Sex interessiert?“, konnte er nicht umhin zu fragen.

„Generell nicht. Es ist nichts Persönliches“, sagte sie schnell. „So haben Sie auch einen guten Grund, sich irgendwann von mir scheiden zu lassen.“

Warum schreckte sie nur so vor einer intimen Beziehung zurück? Verwirrt runzelte Raja die Stirn. „Und warum?“

„Weil wir keine Kinder bekommen werden. Natürlich werden alle darauf hoffen, dass wir einen Sohn und Erben bekommen“, meinte Ruby ironisch. „Aber wenn ich nicht schwanger werde, können Sie sich von mir trennen und eine andere heiraten.“

„So einfach ist das nicht. Aber mir ist klar, warum Sie so denken“, erwiderte er trocken. „In meiner Familie hat sich allerdings noch nie jemand scheiden lassen, und es wäre ein großer Schock für mein und Ihr Volk.“

Gleichgültig zuckte sie die Schultern. „Es gibt keine perfekte Lösung für unser Dilemma“, erklärte sie ungeduldig. „Also entweder eine Scheinehe oder gar nichts.“

Fast hätte er laut gelacht. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Menschen in Ashur es aufnehmen würden, wenn er sich von ihrer Prinzessin scheiden ließ.

„Das ist ein Standpunkt, aber nicht der einzige“, fuhr Ruby nun fort. „Ich möchte ganz offen sein …“

„Nur zu.“ Raja lächelte. Das war sie die ganze Zeit gewesen.

„Ich möchte in der Politik mitbestimmen“, eröffnete sie ihm dann. „Da Sie aus Najar kommen, werden Sie in erster Linie die Interessen Ihres Landes vertreten. Ich heirate Sie nur, wenn wir alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam treffen.“

„Das ist eine revolutionäre Idee, die etwas für sich hat.“ Er malte sich aus, wie Wajid Sulieman reagieren würde, wenn dieser erfuhr, dass die zukünftige Prinzessin keine Marionette sein wollte. „Es wird allerdings nicht einfach sein, den Ältestenrat zu überzeugen, der in beiden Ländern die Regierung bildet. Außerdem wissen Sie sicher nicht viel über unsere Kultur …“

„Aber ich kann mir alle erforderlichen Kenntnisse aneignen“, unterbrach Ruby ihn. „Das sind also meine Bedingungen.“

„Und die sind nicht verhandelbar?“

„Nein.“

Ihre kompromisslose Haltung ärgerte und amüsierte ihn gleichermaßen. In vieler Hinsicht unterstrich sie nur ihre Naivität. Ruby glaubte, alle Regeln brechen zu können, ohne mit irgendwelchen Folgen rechnen zu müssen, doch sie hatte keine Ahnung, wie das Leben in ihrem Geburtsland war. Und so konnte sie gar nicht wissen, wie viel auf dem Spiel stand.

Er musste sie davon überzeugen, ihre offizielle Rolle in Ashur anzunehmen, und sie heiraten, und dafür konnte er jedes Mittel einsetzen. Sein Vater hatte unmissverständlich klargestellt, dass langfristiger Frieden das vornehmliche Ziel war.

Sex interessiert mich nicht, hatte sie gesagt, und das faszinierte ihn. Er vermutete, dass sie mindestens einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben musste. Mit einem sinnlichen Funkeln in den Augen betrachtete Raja sie. Und da er ein guter Liebhaber war, würde er sie sicher umstimmen können, sobald sich die Gelegenheit bot.

„Und, was denken Sie?“, hakte Ruby nervös nach, als sie wieder aufstand.

„Ich werde über Ihren Vorschlag nachdenken“, erwiderte der Prinz unverbindlich, während er sich ebenfalls erhob.

In seinen Augen lag ein unergründlicher Ausdruck. Dass Raja seine Gefühle so gut verbergen konnte, machte Ruby wütend, zumal sie die Männer sonst immer schnell durchschaute. Aber genau wie sein atemberaubendes Äußeres war seine Zurückhaltung eine seiner herausragenden Eigenschaften. Er war der geborene Diplomat, denn er behandelte heikle politische Themen mit der nötigen Sensibilität.

„Ich dachte, Sie hätten es eilig“, sagte Ruby, weil sein Schweigen sie irritierte.

Das Lächeln, das nun seine Lippen umspielte, zog sie in seinen Bann. „Wenn Sie mir Ihre Telefonnummer geben, rufe ich Sie heute Abend an und teile Ihnen meine Antwort mit.“

Nachdem sie ihre Nummer für ihn notiert hatte, ging sie in den Flur. Als sie die Haustür öffnen wollte, spürte sie eine seiner Hände auf der Schulter und blickte fragend zu ihm auf. Hermione, die ihnen gefolgt war, knurrte wieder, doch Raja ignorierte es. Langsam ließ er die Hand über Rubys Arm gleiten und sah sie dabei mit funkelnden Augen an. Ihr stockte der Atem, und regungslos stand sie da, während nie gekannte Empfindungen sie durchfluteten.

Sein Atem streifte ihre Wange, und wie gebannt betrachtete sie seine sinnlichen Lippen, während heiße Wellen der Erregung ihren Schoß durchfluteten und sich in ihrem ganzen Körper ausbreiteten. Sie verstand es nicht und konnte es auch nicht kontrollieren, genauso wenig wie sie der Versuchung zu widerstehen vermochte, Raja die Hände auf die Brust zu legen und sich an ihn zu schmiegen. Bebend blickte sie zu ihm auf, und er enttäuschte sie nicht. Bevor er die Lippen auf ihre presste, streifte er ihren Hals, worauf es sie heiß durchzuckte. Während er mit einer Hand ihre Taille umfasste, küsste er sie so verlangend, dass die Flammen der Lust hell aufloderten.

Raja löste sich erst wieder von ihr, als Hermione sich bellend auf ihn stürzte. „Ruf deinen Hund zurück“, drängte er rau.

Sofort schnappte Ruby sich die knurrende Hündin und brachte sie in deren Korb im Wohnzimmer zurück. Ihre Hände zitterten. Noch nie hatte ein Mann derartige Empfindungen in ihr geweckt, und es schockierte und berauschte sie gleichermaßen. Als sie Raja jedoch im nächsten Moment dabei ertappte, wie er sie forschend betrachtete, wurde sie wütend. Hoffentlich merkte er nicht, dass sie am ganzen Körper bebte! „Sie hatten kein Recht, mich anzufassen!“, fuhr sie ihn deshalb an.

„Stimmt, aber ich war sehr neugierig“, konterte er so unverfroren, dass sie errötete. „Und Sie waren das Risiko wert.“

Im nächsten Moment hatte er das Haus verlassen, und es kostete sie große Überwindung, die Tür nicht zuzuknallen. Noch immer waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Normalerweise sprachen Männer nicht so herablassend mit ihr und provozierten sie auch nicht derart. Im Gegenteil, sie überschlugen sich förmlich, um ihre Gunst zu erlangen. Raja hingegen hatte sie kühl und sichtlich unbeeindruckt gemustert, während sie völlig die Kontrolle über sich verloren hatte. Und dafür hasste sie ihn – sie war schwach geworden, er nicht.

Als Ruby gegen elf ins Bett gehen wollte, klingelte das Telefon.

„Ich bin’s, Raja“, meldete Raja sich in geschäftsmäßigem Tonfall. „Ich hoffe, Sie sind bereit, schnell zu handeln, weil die Zeit drängt.“

Da sie sich immer noch in ihrem Stolz verletzt fühlte, fiel es ihr schwer, höflich zu ihm zu sein. „Das hängt davon ab, ob Sie mit meinen Bedingungen einverstanden sind“, erwiderte sie steif.

„Das bin ich. Während ich die Vorbereitungen für die Hochzeit hier in England treffe …“

„Was … so schnell? Und wir heiraten hier?“, fiel sie ihm entgeistert ins Wort.

„Wir sollten es über die Bühne bringen, bevor Sie in Ashur einreisen, damit unsere Familien nicht monatelang darüber debattieren, wo und wann und in welchem Rahmen die Hochzeit stattfinden soll“, informierte er sie trocken. „Deshalb halte ich es für sinnvoll, in aller Stille hier in England zu heiraten.“

Ohne auf ihre scharfen Bemerkungen zu achten, riet er ihr anschließend, ihren Job fristlos zu kündigen und mit dem Packen anzufangen. Ruby wartete auf Stella, um ihr von der geplanten Hochzeit zu erzählen. Diese reagierte verblüfft, nahm ihre Ausführungen über die Lage in Ashur allerdings leichter auf, als sie es getan hatte.

„Du hast dich von diesem Prinzen breitschlagen lassen“, verkündete sie mit besorgter Miene. „Er hat dir ein schlechtes Gewissen gemacht, aber dein Leben ist hier. Was hast du mit dem Land deines Vaters zu tun?“

Noch vor achtundvierzig Stunden hätte Ruby ihr recht gegeben. Inzwischen sah sie die Dinge jedoch anders. Wenn sie an die Situation in dem Land dachte, stellte sie sich die Menschen vor, die unter dem langen Krieg gelitten hatten.

Nun presste sie die Lippen zusammen. „Ich finde, wenn ich den Menschen irgendwie helfen kann, dann sollte ich es tun. Schließlich wird es keine richtige Ehe sein.“

Spöttisch verzog ihre Freundin den Mund. „Womöglich kommst du dort an und findest heraus, dass der Prinz schon eine Frau hat.“

„Das glaube ich nicht. Er wäre nicht hier, wenn man mich nicht brauchen würde.“

Stella, die so viel Ernsthaftigkeit von ihr offenbar nicht gewohnt war, schnitt eine Grimasse. „Vergiss nicht, wie es deiner Mutter ergangen ist, als sie einen Mann aus einem anderen Kulturkreis geheiratet hat.“

„Aber Mum war verliebt, während ich nur eine Rolle spiele. Deshalb kann er mir auch nicht das Herz brechen.“ Energisch hob Ruby das Kinn. „Ich bin nicht so romantisch veranlagt und kann auf mich selbst aufpassen.“

„Wahrscheinlich kennst du dich selbst am besten“, räumte Stella daraufhin ein.

In dieser Nacht fand Ruby keinen Schlaf. Noch immer konnte sie sich nicht vorstellen, den Prinzen von Najar zu heiraten. Und obwohl sie sich überhaupt nicht für ihn interessierte und deshalb immun gegen ihn war, musste sie daran denken, wie ihre Mutter in dem anderen Kulturkreis gelitten hatte.

Gleichzeitig verfolgten sie die schrecklichen Bilder, die sie im Internet gesehen hatte. Die Misere des Volkes ihres Vaters war der einzige Grund, warum sie sich überhaupt auf die Ehe eingelassen hatte. Und dennoch erfüllte die Vorstellung, einen Prinzen zu heiraten und in einem fremden Land zu leben, sie mit Ängsten und Zweifeln.

Besonders in letzter Zeit hatte sie sich mehr Abwechslung in ihrem Leben gewünscht, aber hatte sie all das wirklich gewollt?

3. KAPITEL

Die Verkäuferin zeigte ihr ein formloses dunkelviolettes Kostüm, das Ruby normalerweise keines Blickes gewürdigt hätte. Es ist ja nicht ihre Schuld, sagte sie sich zunehmend frustrierter. Raja bestand darauf, dass sie bei der Trauung etwas „Schlichtes und Konservatives“ trug, und dies hatte zu dem Missverständnis geführt.

„Das bin ich nicht. Das ist überhaupt nicht mein Stil!“, verkündete sie und verzog das Gesicht.

„Dann such etwas anderes aus, und zwar schnell“, wies er sie leise an. Sie waren übereingekommen, sich von jetzt an zu duzen. „Zeig doch etwas Initiative!“

Raja konnte nicht nachvollziehen, warum ihr Outfit ihr so wichtig war. Schließlich sah Ruby selbst jetzt, in dem blauen Pullover und den verwaschenen Jeans, einfach umwerfend aus. Das seidige blonde Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Der enge Pullover betonte ihre wohlgeformten Brüste und ihre schmale Taille, die engen Jeans ihren knackigen Po. Selbst wenn sie nicht zurechtgemacht war, besaß sie einen ganz natürlichen Sexappeal. Als er merkte, wie Verlangen in ihm aufflammte, verhärteten sich seine Züge, und er wandte den Blick ab.

Sie sollte Initiative zeigen? Ruby spürte, wie sie errötete, und presste die Lippen zusammen. Wie konnte jemand, der bisher all ihre Vorschläge abgeschmettert hatte, ihr so etwas sagen? Erst vor anderthalb Stunden hatte sie sich mit ihrem zukünftigen Ehemann in dessen Hotel getroffen, um die nötigen Unterlagen zu unterzeichnen, und er ging ihr so auf die Nerven, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte! Oder ihm zumindest einen Tritt verpasst hätte! Ein hochrangiger Diplomat aus London war auch dabei gewesen und hatte ihnen versprochen, eine Sondergenehmigung zu besorgen, damit sie schnell heiraten konnten. Raja genoss diplomatische Immunität, wie sie erfahren hatte. Und genauso immun war er gegen jegliches Modebewusstsein und gegen Emanzipation, wie ihr nun klar wurde.

Nachdem sie einen weiteren Ständer in der teuersten Boutique am Ort durchsucht hatte, nahm sie schließlich ein rotes Kostüm herunter. „Ich probiere das hier an.“

Spöttisch verzog der Prinz den Mund. „Die Farbe ist ziemlich knallig.“

„Du sagtest ja, man würde ein offizielles Foto machen, und ich möchte darauf nicht unscheinbar aussehen“, erklärte sie zuckersüß und schaute ihn dabei betont unschuldig an. Dabei fiel ihr wieder einmal auf, wie attraktiv er war. Sein Anblick raubte ihr jedes Mal den Atem.

Während die Verkäuferin ihr das Kostüm abnahm, um es in eine Umkleidekabine zu hängen, hob Raja die Hand, um Ruby mit dem Daumen über die Lippen zu streichen. Sie verspürte ein heißes Prickeln und verspannte sich. Als er die Hand dann sinken ließ, ging sie noch näher zu ihm und warnte ihn leise: „Das zwischen uns ist rein geschäftlich.“

„Rein geschäftlich“, wiederholte Raja. Dann beobachtete er, wie Ruby Shakarian in der Umkleidekabine verschwand. Beinah hätte er gelacht, aber er war zu taktvoll. Geschäftlich? Nein, er wollte Sex mit ihr. Sehr sogar. Schließlich war er ein ganz normaler Mann, der auf eine schöne Frau reagierte. Und das war einer der Vorteile bei einer königlichen Hochzeit. Sex war nicht mehr als ein nettes Mittel zum Zweck, wenn Kinder gezeugt werden mussten. Tiefere Gefühle waren weder nötig noch ratsam, wie er aus leidvoller Erfahrung wusste. Man hatte ihm einmal das Herz gebrochen, und das würde ihm nie wieder passieren.

Doch sobald Ruby seine Frau wäre, würde er dafür sorgen, dass sie eine ganz normale Ehe führten. Er wollte keine Scheidung, weil es bedeuten würde, dass er seine Pflicht nicht erfüllt und seine Familie und sein Land im Stich gelassen hatte. Angesichts dieser Vorstellung atmete er tief durch. Es war alles, was er tun konnte. Dass so viel Verantwortung auf seinen Schultern lastete, empfand er als unfair. Aber das Leben war selten fair, wie er, Raja al-Somari, längst begriffen hatte. Und er konnte seine Aufgaben nur erfüllen, wenn er eine richtige Ehe führte.

In den folgenden drei Tagen hatte Ruby zu viel um die Ohren, um sich Gedanken über den Umbruch in ihrem Leben zu machen. Nachdem sie leichten Herzens ihren Job gekündigt hatte, begann sie, zu packen und alles auszusortieren, was sie nicht mehr brauchte. Stella, die traurig über ihre bevorstehende Abreise war, gab unterdessen eine Anzeige in der Lokalzeitung auf, um eine neue Mitbewohnerin zu finden. Am Tag vor der Hochzeit wurde Hermione abgeholt, um in einer Transportbox nach Ashur zu fliegen. Da Ruby sich große Sorgen machte, ob diese unversehrt dort ankommen würde, tat sie in der Nacht kein Auge zu.

Die Eheschließung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit und im Beisein zweier Diplomaten, die als Trauzeugen fungierten, in einem Raum in Rajas Hotel statt. Ruby wurde nur von Stella begleitet und nahm gleich nach ihrer Ankunft neben Raja Platz. Im künstlichen Licht schimmerte sein schwarzes Haar bläulich, und seine dunklen Augen funkelten. Er trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug, in dem er noch maskuliner wirkte. Da seine Miene ernst war, fragte Ruby sich, was wohl in ihm vorgehen mochte. Ihr Herz pochte wie wild, als der Standesbeamte mit der Trauzeremonie begann. Raja steckte ihr den Ring an, der ihr viel zu groß war und das Ganze noch absurder erscheinen ließ.

Es ist vollbracht, bafand Raja zufrieden. Seine Braut hatte es sich nicht in letzter Minute anders überlegt, wie er befürchtet hatte. Anerkennend betrachtete er ihr zartes Profil. Sie mochte zerbrechlich wirken, war jedoch ausgesprochen tough, denn sie hatte Wort gehalten. Natürlich hatte er ihre wachsende Anspannung und Unsicherheit bemerkt.

Einer der Diplomaten schüttelte ihr die Hand und sprach sie mit „Königliche Hoheit“ an, was Ruby sehr seltsam anmutete.

„Ich werde nie eine Prinzessin in dir sehen können“, vertraute Stella ihr kichernd an.

„Geben Sie ihr etwas Zeit“, meinte Raja lässig.

Verlegen errötete Ruby. „Ich werde mich nicht verändern, Stella.“

„Natürlich wirst du das“, widersprach er energisch, während er sie zu einem blumengeschmückten Tisch führte, wo der Fotograf sie bereits erwartete. „Du wirst ein ganz anderes Leben führen, und ich glaube, du wirst die Regeln schnell lernen. Lächeln!“

„Raja“, erwiderte sie zuckersüß. Und als er den Kopf neigte, fügte sie scharf hinzu: „Mach mir gefälligst keine Vorschriften!“

„Sei nicht so kleinkariert“, flüsterte er, während er für den Fotografen lächelte.

Der Schlagabtausch ärgerte sie maßlos, obwohl sie wusste, dass es albern war. Aber sie fühlte sich verunsichert und hasste es, herumkommandiert zu werden. Sicher würde sie Fehler machen, aber sie war fest entschlossen, um ihrer beider willen schneller zu lernen, als er erwartete.

Nachdem sie ihre Freundin zum Abschied umarmt und ihr versprochen hatte, sie anzurufen, stieg Ruby in die Limousine, die sie zum Flughafen bringen sollte. Am liebsten hätte sie vor der Reise noch etwas Bequemeres angezogen, doch Raja hatte sie daran erinnert, dass sie als seine Frau in der Öffentlichkeit in konservativen Outfits auftreten musste. Seine Frau, dachte sie ungläubig und erinnerte sich an die vergangene Woche, als sie Steve in dessen Wagen geküsst hatte. Wie hatte ihr Leben sich in so kurzer Zeit derart verändern können?

Sie tröstete sich allerdings mit dem Gedanken, dass sie nur eine Rolle spielte. Und als sie wenig später in den luxuriösen Privatjet stieg und sie die unverhohlene Neugier in den Augen der Crew bemerkte, wurde ihr endgültig klar, dass diese Rolle wirklich enormes schauspielerisches Talent erforderte. Statt ihre hochhackigen Pumps abzustreifen und es sich in einem der cremefarbenen Ledersessel bequem zu machen, setzte sie sich aufrecht hin und bemühte sich zum ersten Mal in ihrem Leben, Haltung zu bewahren.

Kurz nach dem Start stand ihr frisch gebackener Ehemann auf und legte eine Akte vor ihr auf den Tisch. „Ich habe meine Mitarbeiter gebeten, das hier für dich zusammenzustellen.“ Er schlug sie auf. „Du findest darin alle Fotos und Namen der wichtigsten Mitglieder beider Königshäuser und anderer bedeutender Personen in beiden Ländern sowie weitere wichtige Informationen …“

„Hausaufgaben“, bemerkte Ruby zuckersüß. „Und ich dachte, das hätte ich hinter mir, seit ich nicht mehr zur Schule gehe.“

„Der Neubeginn dürfte leichter für dich sein, wenn du gut vorbereitet bist.“

Sie konnte sich die vielen Namen und Gesichter kaum merken, und die Ausführungen über die Geschichte, Geografie und Kultur in beiden Ländern waren keine einfache Lektüre. Nach dem Mittagessen machte Ruby eine Pause und beobachtete, wie Raja am Laptop arbeitete. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass er jetzt ihr Ehemann war. Er hatte unglaublich lange Wimpern, und wenn er sie mit seinen glutvollen Augen anblickte, fiel ihr das Atmen schwer. Er sah so fantastisch aus, dass sie ihn einfach anstarren musste. Aber das hätte jede normale Frau getan. Dabei war er eigentlich gar nicht ihr Typ.

Nach einer Weile verließ er die Kabine, um sich umzuziehen, und kehrte in einem altweißen Kaftan zurück. Um den Kopf trug er ein Tuch mit einer schwarzen und goldfarbenen Kordel.

„Du siehst wie ein Schauspieler aus einem alten Schwarz-Weiß-Film aus, der in der Wüste spielt“, gestand Ruby, fasziniert von seiner Verwandlung.

„So etwas solltest du in Najar nicht sagen, denn es ist dort die traditionelle Kleidung der Männer“, riet er ihr trocken. „Zu Hause pflege ich keinen westlichen Lebensstil.“

Verlegen errötete sie und strafte ihn mit einem wütenden Blick. „Und du hast auch keinen Sinn für Humor.“

Sein Aufzug hatte allerdings auch nichts Lustiges. Raja wirkte nicht nur würdevoll und königlich, sondern war darin noch attraktiver. Seine Aussage, dass er zu Hause keinen westlichen Lebensstil pflegte, machte ihr jedoch Angst, und Ruby fragte sich, welche Überraschungen noch auf sie warteten.

Wenige Minuten später teilte er ihr mit, dass sie in einer halben Stunde in Najar landen würden. Als Ruby aus dem Bad zurückkehrte, wo sie sich frisch gemacht hatte, informierte er sie lässig, dass sie sich gleich nach der Ankunft trennen würden. Sie sollte nach Ashur weiterfliegen, und er würde in einigen Tagen nachkommen.

Ruby war schockiert. „Ich soll ganz allein nach Ashur weiterreisen?“, fragte sie entsetzt.

„Wir sehen uns spätestens in sechsunddreißig Stunden. Leider kann ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.“

„Selbst in unserer Hochzeitsnacht?“, konterte sie.

Daraufhin klappte er seinen Laptop zu und warf ihr einen Blick zu, unter dem ihr ganz heiß wurde. „Soll das ein Angebot sein?“

Einen Moment lang herrschte spannungsgeladenes Schweigen. Ihr brannten die Wangen, als sie aufstand. „Natürlich nicht!“

„Das dachte ich mir. Also, wo ist das Problem? Wir werden das Datum unserer Hochzeit nicht öffentlich bekannt geben. Also weiß kaum jemand, dass dies unsere Hochzeitsnacht ist.“

Beinah hätte sie geschrien, denn seine gleichgültige Reaktion auf ihre Kritik brachte sie auf die Palme. Ruby atmete tief durch, um sich zu beruhigen. „Du fragst mich, wo das Problem ist? Soll das ein Witz sein?“

Geschmeidig erhob Raja sich von seinem Sitz und betrachtete sie kühl. „Selbstverständlich nicht.“

„Und du findest nichts dabei, wenn du mich einem Haufen Fremder in einem anderen Land überlässt? Ich kenne dort niemanden, spreche die Sprache nicht und weiß nicht einmal, wie ich mich verhalten soll“, fuhr sie ihn so laut an, dass der Steward, der gerade die Kabine betrat, sich schnell wieder zurückzog. „Wie kannst du mich so im Stich lassen?“

Fassungslos über ihre Ignoranz, betrachtete er Ruby stirnrunzelnd. Offenbar ahnte sie nicht, dass jedem seiner Schritte sorgfältige Planung und schärfste Sicherheitsvorkehrungen vorausgingen und das auch bald auf sie zutreffen würde. Da er wusste, dass der Terminplan eines Herrschers Monate im Voraus feststand, sah er keinen Spielraum für Änderungen. „Inwiefern sollte ich dich im Stich lassen?“

Er vermittelte ihr das Gefühl, dass sie melodramatisch war. Wieder errötete Ruby und verzog den Mund. „Du bist schließlich mein Ehemann.“

Verwundert über ihre Worte, zog Raja eine Braue hoch. „Aber deinen Worten zufolge tun wir nur so, als ob.“

In ihren Augen lag ein vorwurfsvoller Ausdruck. „Ein Ehemann sollte seiner Frau gegenüber loyal sein und sie unterstützen“, erklärte sie aufgebracht. „Ich weiß noch nicht, wie eine Prinzessin sich verhalten muss, und wenn ich etwas falsch mache, brüskiere ich die Leute womöglich. Ist dir der Gedanke noch gar nicht gekommen? Du kannst mich nicht einfach an einem fremden Ort allein lassen. Ich bin auf deine Hilfe angewiesen!“

Raja, der nicht damit gerechnet hatte, dass seine couragierte Braut in Panik geraten könnte, setzte eine strenge Miene auf. „Leider ist vorgesehen, dass wir heute Nachmittag getrennte Wege gehen. Ich kann es jetzt nicht mehr umstoßen. Wir landen gleich in Najar, ich werde zu Hause erwartet, und du fliegst allein nach Ashur.“

Dass sie die Nerven verloren hatte, war ihr plötzlich peinlich. Entschlossen setzte Ruby sich wieder und sagte steif: „Also gut. Mach dir keine Gedanken – ich komme schon zurecht. Schließlich bin ich es gewohnt, allein zu sein.“

Dann verfiel sie in Schweigen. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie Raja gezeigt hatte, wie unsicher sie war. Was hatte sie denn von ihm erwartet? Dass er sie unterstützte? Wann hatte sie das bei einem Mann je erlebt? Er hatte andere Prioritäten als sie, und ihre Ehe, ihre Beziehung, war eine Farce. Traurig verzog Ruby den Mund. Wenn sie nicht mit ihm schlief, war sie auf sich allein gestellt, und das war nicht Neues für sie …

4. KAPITEL

Als Ruby die Gangway betrat, schlug ihr feuchte Hitze entgegen, und es schien ihr, als würden ihre Sachen am Körper kleben. In einiger Entfernung schimmerte das Flughafengebäude, eine architektonische Meisterleistung, in der Sonne. Unten wurde sie von einem Mann empfangen, der sich tief verneigte und dann auf ein kleineres, etwa fünfzig Meter entferntes Flugzeug deutete. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, folgte sie ihm.

Plötzlich unentschlossen, was völlig untypisch für ihn war, blieb Raja oben auf der Gangway stehen und presste die Lippen zusammen. Er durfte Ruby nicht enttäuschen. Hätte er von ihr nicht auch Rücksichtnahme erwartet? Da ihre Rolle neu für sie war, war selbst eine vorübergehende Trennung keine gute Idee. Natürlich war Ruby verunsichert, und ihm war klar, dass man sie sofort kritisieren würde, wenn sie etwas falsch machte.

Er ging die Treppe hinunter und wandte sich an den Hofbeamten, um diesem mitzuteilen, dass er seine Pläne geändert habe. Ohne dessen bestürzte Reaktion zu beachten, eilte er zu der anderen Maschine, die gleich starten würde. Sein Sicherheitschef lief hinter ihm her, ihm wurde jedoch bedeutet, dass in dem kleinen Flugzeug kein Platz für ihn sei.

Panik überkam sie, als Ruby in der Kabine den Gurt anlegte. Sie war noch nie in einer so kleinen Maschine geflogen und war furchtbar nervös. Als ein junger Mann mit einem Tablett erschien, nahm sie das Glas darauf dankbar entgegen und leerte es mit wenigen Schlucken. Der Inhalt schmeckte wie aromatisiertes Mineralwasser, das allerdings einen bitteren Nachgeschmack hatte. Sie rang sich ein Lächeln ab, als sie das Glas aufs Tablett zurückstellte, und der Steward zog sich wieder zurück.

Wenige Sekunden später hörte sie noch jemanden an Bord gehen, und im nächsten Moment sank Raja auf den Sitz neben ihr. Verblüfft drehte sie sich zu ihm. „Hast du es dir anders überlegt? Kommst du mit?“

Raja nickte. Ihr strahlendes Lächeln wärmte ihm das Herz.

Ruby musste an die bevorstehende Hochzeitsnacht und seine Frage denken, ob ihre Worte ein Angebot seien. Aber war das nicht albern? Ein attraktiver Mann wie er wäre kaum so verzweifelt, eine Frau zu begehren, die ihn nicht wollte.

Derselbe junge Mann erschien wieder mit einem neuen Glas. Als er Raja sah, fiel er jedoch auf die Knie und verbeugte sich, wobei er fast das Tablett fallen gelassen hätte.

„Was hatte er denn?“, flüsterte Ruby, nachdem Raja das Glas genommen und der Steward die Maschine wieder verlassen hatte.

„Er hat mich erst im letzten Moment erkannt. Als ich an Bord ging, dachte er anscheinend, ich wäre einer deiner Leibwächter.“

Inzwischen liefen die Motoren, und das Flugzeug wendete.

„Ich habe jetzt Leibwächter?“

„Ja, natürlich. Ich schätze, sie sitzen vorn beim Piloten.“ Auch Raja leerte das Glas in wenigen Schlucken und verzog bei dem bitteren Nachgeschmack das Gesicht.

Plötzlich wurde ihr schwindelig, und Ruby blinzelte und atmete tief durch, um einen klaren Kopf zu bekommen. „Ich bin furchtbar nervös. Ich mag keine kleinen Flugzeuge.“

„Es wird nichts passieren“, versicherte er.

Sobald die Maschine abhob, umklammerte Ruby krampfhaft die Armlehnen und schloss die Augen.

„Steht dir der Sinn nicht nach einer Hochzeitsnacht?“, zog Raja sie auf, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

Daraufhin öffnete sie die Lider und wandte sich zu ihm um. Erst jetzt stellte er fest, dass ihre Pupillen geweitet waren. „Hast du irgendwelche Tabletten genommen?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte sie mit schwerer Zunge. „Warum?“

Jetzt merkte Raja, wie ihm auch schwindlig wurde. „Sie müssen uns etwas in das Getränk gemischt haben!“, rief er und sprang auf.

„Was … meinst … du?“ Ihr Kopf sank nach vorn.

Im Gang hätte Raja beinah das Gleichgewicht verloren. Er wollte die Tür zum Cockpit öffnen, doch diese war verschlossen. Wütend hämmerte er dagegen und ließ den Arm dann sinken. Im nächsten Moment gaben seine Beine unter ihm nach, und er sank auf die Knie. Mit einem Blick in ihre Richtung stellte er fest, dass Ruby bewusstlos auf ihrem Sitz zusammengesunken war. Und er war nicht in der Lage, sie zu beschützen.

Als Ruby das Bewusstsein wiedererlangte, war es dunkel, und fremde Geräusche drangen an ihr Ohr. Der Geruch von Leder und der schwache Duft von Kaffee stiegen ihr in die Nase. Sie war völlig durcheinander und fühlte sich entsetzlich, weil sie starke Kopfschmerzen hatte und fror. Langsam setzte sie sich auf. Alles tat ihr weh. Sie trug noch immer das Kostüm, aber keine Schuhe mehr, und der Boden unter ihr war hart.

„Wo bin ich?“, brachte sie hervor.

„Ruby?“ Das war Rajas Stimme, und Ruby verspannte sich nervös, als sie eine Bewegung und ein Rascheln vernahm.

Im nächsten Moment wurde ein Streichholz entzündet, und eine Öllampe verbreitete schwaches Licht. Verblüfft stellte Ruby fest, dass sie sich in einem Zelt befand und ein Mann vor ihr stand. Sie war unendlich erleichtert, als sie Raja erkannte. Anders als sie war er fast nackt und trug lediglich Boxershorts.

„Was ist passiert?“, fragte sie in einem Anflug von Panik und schauderte vor Kälte. „Was machen wir in einem Zelt?“

Raja hockte sich vor sie. Der Anblick seiner markanten, perfekten Züge zog sie für eine Weile völlig in seinen Bann.

„Man hat uns gekidnappt und mitten in der Wüste von Ashuri ausgesetzt. Wir haben weder ein Telefon noch sonst etwas, womit wir Kontakt zur Außenwelt aufnehmen können …“

„Gekidnappt?“, brachte sie hervor. „Warum, in aller Welt, sollte uns jemand entführen?“

„Um unsere Hochzeit zu verhindern.“

„Aber wir sind schon …“

„Verheiratet“, ergänzte er ausdruckslos und presste dann die Lippen zusammen, als hätte ihm nichts Schlimmeres passieren können als das. „Offenbar sind die Entführer davon ausgegangen, dass die Hochzeit übermorgen in der Moschee von Simis stattfinden würde. Ich glaube, man hat für den Nachmittag eine Trauzeremonie und Friedensfeier geplant.“

„Oh nein!“ Verzweifelt versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen. „Aber wenn wir in der Wüste sind, warum ist es dann so kalt?“

„Nachts sinken die Temperaturen in der Wüste sehr stark ab.“ Raja hob die Decke auf, die zu ihren Füßen lag, und hängte sie ihr um die Schultern.

„Du frierst nicht“, bemerkte Ruby beinah trotzig, während sie sich in die Decke wickelte.

„Nein“, bestätigte er.

„Mit einer Entführung hatte ich nicht gerechnet“, sagte sie mit bebender Stimme.

„Es ist vielleicht kein Trost, aber ich bin mir sicher, dass niemand dir Schaden zufügen wollte. Eigentlich sollte ich nicht bei dir sein“, meinte er spöttisch. „Die Kidnapper wollten nur verhindern, dass du zur Hochzeit erscheinst und es zu Protesten kommt.“

„Dann befürworten also nicht alle die Eheschließung.“ Vorwurfsvoll blickte sie ihn an. „Das hast du mir leider verschwiegen.“

„Du hättest es dir eigentlich denken können. Aber die Leute, die gegen die Verbindung sind, stellen in beiden Ländern eine Minderheit dar.“

„Woher weißt du das alles?“

„Die Entführer haben mir alles erzählt. Die Droge in dem Getränk hat mich fast genauso lange bewusstlos gemacht wie dich. Ich bin gerade wieder zu mir gekommen, als zwei maskierte Männer uns in dieses Zelt geschleift haben. Leider war ich noch so benommen, dass ich mich nicht rühren konnte, und außerdem haben sie mich mit einem Gewehr bedroht. Vermutlich hätten sie es nur benutzt, wenn ich sie daran gehindert hätte zu fliehen“, erklärte er, und sie merkte ihm an, wie schwer es ihm gefallen war, vernünftig zu bleiben. „Ich schätze, irgendeine Widerstandsgruppe hat die Männer engagiert, denn es müssen Ausländer gewesen sein. Und da beide Königshäuser über unsere Reisepläne informiert waren, wird es nicht einfach sein, die Sicherheitslücke zu finden …“

„Wenigstens sind wir unverletzt.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass es ein Kapitalverbrechen ist.“ Mit strenger Miene betrachtete Raja sie. „Einer von uns hätte auf die Droge allergisch reagieren können. Die Entführer hätten durchaus Gewalt anwenden können. Obwohl sie so geredet haben, als wäre das hier nur ein Streich, hätte es sehr gefährlich für dich werden können, wenn du allein gewesen wärst. Außerdem wird unser Verschwinden in beiden Ländern eine Krise hervorrufen.“

„Oh, verdammt!“, fluchte Ruby angesichts seiner Einschätzung. Dann strich sie sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht und fügte leise hinzu: „Mir tut der Kopf weh.“

Nachdem er ihre Hand berührt hatte, runzelte er besorgt die Stirn. „Ich mache Feuer – wir haben genügend Brennholz.“

„Was sollen wir jetzt bloß tun?“

Mit routinierten Bewegungen, als würde er es jeden Tag tun, entzündete Raja ein Feuer. „Inzwischen wird man nach uns suchen. Die Luftwaffe von Najar schickt bestimmt Suchflugzeuge aus, aber das Areal ist sehr groß. Zum Glück haben wir genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Das hier ist eine Oase, und bestimmt kommen manchmal Beduinen her, um ihre Herden trinken zu lassen. Viele von ihnen haben Satellitentelefone und könnten Hilfe holen. Ich könnte mich auch auf die Suche nach der nächsten Siedlung machen, aber ich möchte dich nur ungern allein lassen …“

„Ich würde schon klarkommen“, verkündete sie.

„Das bezweifle ich“, entgegnete er ungerührt, während er weitere Zweige in das Feuer warf. „Ich koche jetzt Tee.“

„Ich könnte dich auch begleiten …“

„Du würdest die Hitze tagsüber nicht ertragen und auch nicht mit mir mithalten können, was das Risiko vergrößern würde.“

Ruby wickelte die Decke enger um ihre kalten Füße. „Warum bist du eigentlich so gelassen?“

„Man muss immer positiv denken … Und uns ist nichts passiert.“

Wenige Minuten später war der Tee fertig, und die heiße Flüssigkeit stillte ihren Durst und wärmte sie von innen. Erst jetzt stellte Ruby fest, wie erschöpft sie war.

„Versuch etwas zu schlafen“, riet Raja ihr.

Nachdem sie sich auf die dünne Matte gelegt hatte, deckte er sie zu, als wäre sie ein kleines Kind. Da die Kälte jedoch von unten durch das Material drang, fror Ruby sofort wieder. Offenbar merkte er es, denn er stieß einen ungeduldigen Laut aus und schlüpfte zu ihr unter die Decke, wobei er sich von hinten an sie schmiegte.

Sofort verspannte sie sich. „Was soll das?“, fragte sie schrill.

„Ich möchte dich nur wärmen.“

Sofort erwachte ihr tief verwurzelter Argwohn gegen alle Männer. „Du bist doch keine Wärmflasche!“

„Und du bist nicht so unwiderstehlich, wie du denkst“, konterte Raja lässig.

Nun wich ihr Zorn Verlegenheit, und Ruby verspannte sich noch mehr. Raja ignorierte es allerdings und zog sie wieder an sich.

„Ich mag das nicht“, erklärte sie.

„Ich auch nicht“, erwiderte er prompt. „Ich stehe mehr auf Sex als auf Kuscheln.“

Am liebsten hätte sie ihn in den Bauch geboxt, aber allmählich wurde ihr tatsächlich warm, und sie wollte auch nicht prüde erscheinen, indem sie sich aus seiner Umarmung löste.

„Diese Typen werden sich freuen, wenn sie herausfinden, dass wir schon verheiratet sind“, fügte er lässig hinzu.

„Warum?“

„Wärst du noch Single, wäre dein Ruf ruiniert, weil du die Nacht hier draußen allein mit mir verbracht hast. Als verheiratete Frau brauchst du aber keinen Skandal zu befürchten, wenn du schon als Ehefrau kein so guter Fang bist.“

Ruby wandte den Kopf. „Und was soll das heißen?“

„Ein Sexverbot wäre für alle normalen Männer in beiden Ländern nicht besonders erstrebenswert.“

„Du hast es so gewollt“, erinnerte sie ihn. Es machte sie wütend, dass er Sex mit einer Fremden als notwendiges Extra für eine erfolgreiche Beziehung mit einer Frau betrachtete.

Raja hingegen hatte ganz andere Probleme. Ihr seidiges blondes Haar streifte seine nackte Schulter, und ihr Po berührte seine Schenkel, während seine Hand direkt unter ihren Brüsten ruhte. Vorsichtig zog er ein Knie an, damit Ruby nicht spürte, wie erregt er war, und versuchte, an etwas anderes zu denken, um sein Verlangen zu beherrschen.

5. KAPITEL

Als Ruby aufwachte, spürte sie sofort die Hitze und ihre schmerzenden Glieder. In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine erfrischende Dusche. Als sie die Augen aufschlug und sich in dem primitiven Zelt umblickte, fühlte sie sich eingesperrt. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte erschrocken fest, dass es schon Mittag war.

Raja war nicht im Zelt. Schnell setzte sie sich auf und schob die Decke weg. Dabei entdeckte sie ihren Koffer in einer Ecke. Im Geiste überflog sie, was sie für die ersten Tage eingepackt hatte, denn der größte Teil ihrer Habseligkeiten war im Voraus verschickt worden. Genau wie Hermione … Bei dem Gedanken an ihre Hündin füllten ihre Augen sich mit Tränen, denn sie vermisste sie und wusste, dass es dieser genauso gehen würde. Nachdem Ruby aufgestanden war und vergeblich nach ihren Schuhen gesucht hatte, steckte sie den Kopf aus dem Zelt und sah sich nach Raja um – nicht weil sie ihn brauchte, sondern weil sie nur wissen wollte, wo er war, wie sie sich einredete.

Der Anblick, der sich ihr bot, schockierte sie zutiefst, weil sie sich in einer ganz anderen Welt wiederfand – nur Wüste, so weit das Auge reichte, und darüber der blaue Himmel, von dem die Sonne erbarmungslos brannte. Lediglich in der näheren Umgebung wuchsen einige Büsche.

„Wie wär’s mit Kaffee? Du hast tief und fest geschlafen“, sagte Raja, der unter dem großen Vorzelt am Feuer saß.

„Wie ein Murmeltier.“ Sie warf ihm einen verzweifelten Blick zu. War es nicht schon heiß genug? Musste er auch tagsüber Feuer machen? Er saß in demselben Kaftan da, den er auch am Vortag getragen hatte, und wirkte so frisch und ausgeruht, als hätte er in einem Fünfsternehotel übernachtet. Nur seine Bartstoppeln ließen erahnen, wie er die Nacht verbracht hatte.

„Woher hast du das Wasser für den Kaffee?“ Ruby verdrängte die Vorstellung, dass ihr Haar vermutlich völlig zerzaust und ihr Mascara verschmiert war.

„Wie ich schon sagte: Das hier ist eine Oase. Bei den Felsen dahinten gibt es ein von einer Quelle gespeistes Wasserloch, sodass unsere Versorgung gesichert ist.“ Raja deutete auf die andere Seite des Zelts. „Möchtest du etwas trinken?“

Als sie sich umdrehte, sah sie die Felsen hinter dem Zelt. Ein großer Hain aus Dattelpalmen und zahlreiche Büsche deuteten darauf hin, dass es in der Nähe Wasser geben musste. „Lieber nicht. Nach meinem letzten Glas im Flugzeug trinke ich jetzt nur noch Wasser aus der Flasche.“

Beinah hätte Raja laut gelacht. Ruby wirkte so zart, jung und unsicher, als sie vor dem Zelt stand, barfuß und mit zerzausten Haaren. Sie wollte keine Schwäche zeigen, was er gut nachvollziehen konnte. Und er war beeindruckt, weil sie selbst in diesem Zustand noch wunderschön war – ihr Haar schimmerte wie Seide, und ihre Haut war makellos. „Es gibt hier keine Getränke in Flaschen.“

„Das ist mir klar“, erwiderte sie scharf. „Ich bin nur kein Fan von Camping und kann dem Ganzen hier deshalb nicht viel abgewinnen.“

„Das ist durchaus verständlich“, antwortete er kühl.

Wahrscheinlich war er durch seinen Einsatz im Krieg abgehärtet und wusste sich in derartigen Situationen zu helfen. „Mach dich nur über mich lustig!“, fuhr sie ihn an, obwohl ihr keineswegs egal war, wie er über sie dachte.

Dann zog sie sich wütend ins Zelt zurück, wo sie ihren Koffer öffnete. Zum Glück hatte sie ihn nicht abgeschlossen, denn genau wie ihre Schuhe war ihre Handtasche, in der sie den Schlüssel aufbewahrt hätte, spurlos verschwunden.

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