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JULIA EXTRA, BAND 356

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Playboy, Lover – Ehemann?

1. KAPITEL

„Das sieht wie ein großes Segel aus, Mama!“ Staunend blickte Theo an dem berühmtesten Gebäude in Dubai hoch: an Burj Al Arab, dem einzigen Sieben-Sterne-Hotel auf der Welt.

Tina Savalas lächelte ihren fünfjährigen Sohn liebevoll an. „Ja, genau das hat sich der Architekt dabei gedacht.“

Auf einer künstlichen Insel vor der Küste errichtet, erhob sich der riesige, weiß glänzende Bau mit der ganzen Eleganz eines vom Wind geblähten Segels aus dem Meer. Tina freute sich schon sehr darauf, auch sein Inneres zu erkunden. Ihre Schwester Cassandra hatte es ihr als traumhaft beschrieben, ein absolutes Muss bei ihrem zweitätigen Zwischenstopp auf dem Flug von Australien nach Athen.

Eine Übernachtung im Hotel wäre allerdings zu teuer gewesen. Die Preise konnten sich nur die wirklich Reichen leisten. Leute wie Theos Vater. Sicher hatte er damals auf seinem Rückflug von Australien nach Griechenland hier in Dubai eine der Luxussuiten samt Butler gebucht und die kleine Episode mit ihr sehr schnell vergessen.

Tina verdrängte diesen bitteren Gedanken. Es war ihre eigene Schuld, dass sie von Ari Zavros schwanger sitzen gelassen worden war. Sie hatte tatsächlich geglaubt, dass er sie genauso lieben würde, wie sie ihn geliebt hatte. Was natürlich dumm und naiv gewesen war. Aber davon abgesehen, wie hätte sie bedauern sollen, Theo bekommen zu haben? Er war ein so wundervoller Junge. Ja, gelegentlich dachte sie mit Genugtuung daran, was Ari verpasste, weil er seinen Sohn nicht kannte.

Ihr Taxi hielt an den Kontrollschranken, die dafür sorgten, dass nur zahlende Gäste zum Hotel gelangten. Tinas Mutter zeigte den Beleg dafür vor, dass sie den Nachmittagstee gebucht hatten. Das allein kostete sie einhundertsiebzig Dollar pro Person, aber sie waren sich einig gewesen, sich dieses einmalige Erlebnis zu gönnen.

Der Wachmann winkte sie durch. Langsam fuhr das Taxi über die Brücke zum Hoteleingang, sodass sie Zeit hatten, die fantastische Anlage zu bewundern.

„Da, Mama, ein Kamel!“, rief Theo begeistert.

„Ja, aber es ist nicht echt, Theo, sondern eine Statue.“

„Darf ich mich draufsetzen? Dann machst du ein Foto, und ich kann es meinen Freunden zeigen“, meinte er aufgeregt.

„Wir fragen nachher, wenn wir wieder gehen, ob das erlaubt ist“, versprach Tina.

Als sie die prächtige, unglaublich luxuriöse Hotellobby betraten, blieben sie erst einmal überwältigt stehen und blickten staunend an den gewaltigen, vergoldeten Säulen empor, die die ersten Etagen der Galerien trugen. Die Reihen der Deckengewölbe changierten von unten nach oben von Mitternachtsblau über Türkis und Grün bis hin zu Gold, wobei die eingebauten Spots wie Sterne funkelten.

Als Tina, ihr kleiner Sohn und ihre Mutter sich endlich von dem Blick in die Höhe losrissen, sahen sie vor sich zwischen zwei Rolltreppen eine wundervolle, terrassenförmige Springbrunnenanlage, deren einzelne Stufen das Farbenspiel des Deckenturms wiederholten. Zu beiden Seiten der Rolltreppen erhoben sich gigantische Meerwasseraquarien, in denen sich zwischen üppigen Pflanzen und malerischen Unterwasserfelsen eine Vielzahl farbenprächtiger tropischer Fische tummelte.

„Sieh nur die Fische, Mama!“, rief Theo sofort.

„Ja, es ist wirklich überwältigend“, sagte Tinas Mutter beeindruckt. „Dein Vater meinte ja immer, nichts könne die Pracht alter Paläste und Kathedralen in den Schatten stellen, aber das hier ist auf seine Weise genauso großartig. Ich wünschte, er wäre hier und könnte es mit uns sehen.“

Ein Jahr war jetzt seit seinem Tod vergangen, und Tinas Mutter trug immer noch Trauer. Auch Tina vermisste ihn sehr. Trotz seiner Enttäuschung darüber, dass sie von einem Mann schwanger geworden war, der kein Interesse gehabt hatte, sie zu heiraten, hatte er sie unterstützt, als sie ihn gebraucht hatte, und war Theo, den sie nach ihm benannt hatte, ein wundervoller Großvater gewesen.

Leider würde er Cassandras Hochzeit nicht mehr erleben. Tinas ältere Schwester hatte alles genauso gemacht, wie es sich ihr Vater gewünscht hätte: Sie hatte erst eine erfolgreiche Karriere als Model ohne den Hauch eines Skandals hingelegt, dann die große Liebe in Gestalt eines … natürlich … griechischen Fotografen kennengelernt, der sich eine Hochzeit auf Santorin, des vielleicht romantischsten griechischen Inselarchipels, wünschte. Ja, Theo Savalas hätte Cassandra, die gute Tochter, voller Stolz zum Altar geführt.

Nun, zumindest konnte Tina, die schlechte Tochter, sich damit trösten, ihm einen Jungen als Erben geschenkt zu haben. Denn das war die andere große Enttäuschung im Leben ihres Vaters gewesen: nur zwei Töchter und keinen Sohn zu haben. Mit Theo junior hatte Tina diesen Makel gewissermaßen wettgemacht. Außerdem war sie da gewesen, um sein Restaurant ganz in seinem Sinn weiterzuführen, als er zu krank geworden war, und da hatte er sie eine gute Tochter genannt.

Dennoch blieb das Gefühl, nichts wert zu sein. Allein Theo gab ihrem Leben einen Sinn, und allmählich lernte sie, wieder Freude an den Dingen zu finden … wie zum Beispiel am Burj Al Arab mit all seiner Pracht.

Auf dem oberen Treppenabsatz wurden sie in Empfang genommen und zu einem Aufzug geführt, der sie zur Skyview Bar in den siebenundzwanzigsten Stock hinauftragen sollte. Die Türen des Aufzugs waren mit blau-goldenen Ornamenten verziert. Alles wirkte unglaublich prächtig und luxuriös.

Als sie in der Gold schimmernden Lobby der Bar eintrafen, wurden sie erneut zuvorkommend willkommen geheißen und in den Restaurantbereich geführt, der einschließlich der wellenförmigen Deckenelemente ganz in Blau- und Grüntönen gehalten war. Sie nahmen an einem Tisch am Fenster Platz, von wo man einen fantastischen Blick auf Dubai und die künstliche Insel Palm Jumeirah mit ihren Luxusvillen der Superreichen hatte.

In jeder Hinsicht Welten von meinem Leben entfernt, dachte Tina. Heute aber wollte sie eine kleine Kostprobe davon genießen. Erwartungsvoll lächelte sie den Ober an, der ihnen die reichhaltige Speisekarte reichte, aus der sie an diesem Nachmittag auswählen durften, was ihr Herz begehrte. Der Ober schenkte Champagner ein zu frischen süßen Beeren mit Sahne, und Tina fragte sich, wie ein Mensch all die aufgelisteten Köstlichkeiten überhaupt schaffen sollte.

Ihre Mutter strahlte zufrieden. Theo bestaunte mit großen Augen die Aussicht. Es versprach, ein wundervoller Tag zu werden.

Ari Zavros hat die Nase voll. Es war ein Fehler gewesen, Felicity Fullbright auf diese Reise nach Dubai einzuladen, obwohl es ihm zumindest den Beweis erbracht hatte, dass er eine dauerhafte Beziehung mit ihr nicht ertragen könnte. Sie hatte die Angewohnheit, Erfahrungen abzuhaken, als hätte sie eine imaginäre Liste abzuarbeiten. Und der Nachmittagstee im Burj Al Arab war ein solches Muss.

„Ich war schon zum Nachmittagstee im Ritz und im Dorchester in London, im Waldorf Astoria in New York und im Empress auf Vancouver Island. Auf keinen Fall kann ich das Burj Al Arab auslassen“, hatte sie erklärt.

Schon in den Pausen zwischen seinen Geschäftstreffen auf Palm Jumeirah hatte sie ihm keinerlei Entspannung gegönnt. Sie mussten die Indoor-Skihalle besuchen, die Atlantis-Unterwasserwelt und natürlich den Gold Souk, den größten Goldmarkt der Welt, wo sie ganz offensichtlich erwartete, dass er ihr alles kaufte, was ihr gefiel. Seine Gesellschaft allein genügte ihr nicht, und er hatte ihre gründlich satt.

Einzig die Tatsache, dass sie so eine Granate im Bett war, hatte ihn dazu verleitet, sie zu bitten, ihn auf dieser Reise zu begleiten. Aber seine Hoffnung, dass sie vielleicht auch in anderer Hinsicht zueinanderpassen könnten, hatte sich restlos zerschlagen. Ari war heilfroh, Felicity morgen wieder los zu sein.

Sobald sie in Athen landeten, würde er sie in das nächste Flugzeug nach London setzen, und sie auf keinen Fall zur Hochzeit seines Cousins auf Santorin einladen. Mochte sein Vater auch noch so sehr schimpfen, dass es für ihn höchste Zeit sei, endlich sein Junggesellenleben aufzugeben. Eine Hochzeit mit der Fullbright-Erbin kam für ihn nicht infrage.

Irgendwo auf der Welt würde es schon eine Frau geben, die er als Ehefrau akzeptieren konnte. Er musste einfach die Augen offen halten und sorgfältig abwägen, mit wem eine Ehe gute Chancen haben könnte. Denn im Grunde hatte sein Vater ja recht: Es war für ihn höchste Zeit, eine eigene Familie zu gründen. Er wollte unbedingt Kinder, war ganz verrückt nach seinen Neffen, aber es war anscheinend gar nicht so einfach, die richtige Partnerin als mögliche Mutter seiner Kinder zu finden.

Allerdings hielt er es nicht für nötig, zu diesem Zweck bis über beide Ohren verliebt sein zu müssen, wie es sein Cousin George war. Nachdem Ari als ganz junger Mann eine ziemlich unerfreuliche Erfahrung mit blinder Leidenschaft gemacht hatte, hatte er sich geschworen, nie wieder einer Frau derart zu verfallen. Deshalb hielt er seine Gefühle jetzt eisern in Zaum und beurteilte seine Beziehungen ganz vernunftmäßig: Entweder sie waren in allen entscheidenden Bereichen ausreichend befriedigend, um Erfolg versprechend zu sein … oder eben nicht.

Und seine Unzufriedenheit mit Felicity wuchs von Minute zu Minute. Augenblicklich stellte sie seine Geduld auf eine harte Probe, weil sie gar nicht aufhörte, Fotos von der Hotellobby zu machen. Es genügte ihr nicht, einfach zu sehen und zu genießen … und ihr Vergnügen daran mit ihm zu teilen. Nein, sie musste gleich Millionen Aufnahmen machen, die sie dann später im Eiltempo durchklickte und größtenteils wieder löschte. Wieder so eine Angewohnheit, die Ari hasste. Er liebte es, jeden Augenblick auszukosten.

Endlich trug sie der Lift in den siebenundzwanzigsten Stock hinauf, wo sie zu ihrem Fenstertisch in der Skyview Bar geleitet wurden. Aber nahm Felicity jetzt einfach Platz und genoss die Aussicht? Nein, wie immer hatte sie etwas zu mäkeln.

„Ari, der Tisch gefällt mir nicht“, flüsterte sie ihm zu und hinderte ihn daran, sich hinzusetzen.

„Was stimmt denn nicht damit?“, fragte er gereizt.

Sie deutete mit dem Kopf zum Nachbartisch und verdrehte die Augen. „Ich will nicht neben einem Kind sitzen. Der Junge quengelt sicher nur herum und verdirbt uns den Spaß.“

Zweifelnd begutachtete Ari die kleine Familie am Tisch nebenan. Ein hübscher Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, stand am Fenster und bestaunte fasziniert das Jumeirah Beach Hotel unterhalb, das einer gigantischen Welle glich. Neben dem Jungen saß eine überaus attraktive Dame, deren fein geschnittenes Gesicht mit den hohen Wangenknochen an Sophia Loren erinnerte und die die Silberfäden in ihrem dunklen, welligen Haar stolz zur Schau trug. Dem Alter nach musste sie die Großmutter des Jungen sein. Mit dem Rücken zu Ari saß eine weitere Frau, die das schwarze Haar modisch kurz geschnitten trug. Ihre schlankere, unverkennbar jüngere Gestalt ließ vermuten, dass es sich um die Mutter des Jungen handelte.

„Der Kleine wird uns ganz bestimmt nicht stören, Felicity. Außerdem sind doch alle anderen Tische schon besetzt.“

Nicht zuletzt wegen ihrer Fotoorgie in der Hotellobby waren sie nämlich sowieso schon spät dran. Allmählich verlor Ari wirklich die Geduld mit ihr.

Jetzt versuchte sie es mit einem verführerischen Augenaufschlag, der ihm viel versprach, wenn er sich wieder einmal ihrem Willen beugte. „Ach, Ari, ich bin sicher, wenn du fragst, ließe sich etwas Besseres für uns finden.“

„Ich will aber nicht, dass andere Leute für uns ihren Tisch räumen müssen“, entgegnete er unnachgiebig. „Setz dich einfach, Felicity, und genieß es.“

Schmollend warf sie das lange blonde Haar theatralisch in den Nacken, um schließlich sichtlich widerstrebend doch Platz zu nehmen.

Der Ober schenkte auch ihnen Champagner ein, überreichte die Speisekarte und zog sich dann rasch zurück, bevor Felicity ihn mit erneuten Beschwerden in Schwierigkeiten bringen konnte.

„Warum stehen die Liegestühle da unten am Strand in Reihen, Giagiá?“

Das helle, klare Stimmchen des Jungen klang deutlich herüber, was Felicity veranlasste, sofort das Gesicht zu verziehen. Ari dagegen horchte neugierig auf, weil der Kleine zwar mit einem unverkennbaren australischen Akzent gesprochen, aber das griechische Wort für „Großmutter“ benutzt hatte.

„Der Strand gehört zu dem Hotel, Theo, und die Liegestühle sind so für die Gäste bereitgestellt“, antwortete die ältere Frau mit starkem griechischem Akzent.

„Am Bondi macht man das aber nicht“, meinte der Junge.

„Richtig, weil Bondi Beach ein öffentlicher Strand für alle ist, an dem sich jeder hinlegen kann, wo er will.“

Der Junge machte ein nachdenkliches Gesicht. „Heißt das, ich kann da unten gar nicht an den Strand gehen, Giagiá?“

Er war wirklich ein sehr hübscher kleiner Kerl mit hellbraunem, fast blondem Haar. Seltsamerweise erinnerte er Ari an sich selbst, wie er als Kind ausgesehen hatte.

„Nur wenn du in dem großen Hotel wohnst, Theo“, antwortete seine Großmutter.

„Dann gefällt mir Bondi besser“, meinte der Junge entschieden und wandte sich wieder dem Ausblick zu.

Schon in diesem zarten Alter ein typischer australischer Verfechter des Gleichheitsprinzips, dachte Ari amüsiert. Er hatte die Einstellung der Menschen in diesem Land aus eigener Anschauung kennengelernt und bewunderte sie.

„Dieses Geplapper werden wir jetzt den ganzen Nachmittag ertragen müssen“, lamentierte Felicity dagegen. „Ich weiß wirklich nicht, warum die Leute ihre Kinder an so einen Ort mitnehmen. Sie sollten sie bei ihren Kindermädchen lassen.“

„Magst du keine Kinder?“, fragte Ari in der stillen Hoffnung, ihre Antwort würde sie auch gegenüber seinem Vater als Heiratskandidatin ausschließen.

„Doch“, entgegnete Felicity trotzig, „wenn sie da bleiben, wo sie hingehören.“

„Ich finde Familie sehr wichtig“, sagte Ari bedeutsam. „Und ich würde nie etwas dagegen einwenden, wenn eine Familie etwas zusammen unternimmt.“

Was Felicity zumindest vorübergehend verstummen ließ.

Es würde ein langer Nachmittag werden.

Beim Klang der Stimme des Mannes vom Nachbartisch verspürte Tina ein Kribbeln im Nacken. Erinnerungen an einen Mann mit einer ebensolchen tiefen, weichen Stimme wurden wach, der sie mit süßen Worten verführt und glauben gemacht hatte, sie würde ihm mehr bedeuten als irgendeine andere Frau auf der Welt.

Es konnte doch nicht Ari sein, oder?

Sie fühlte sich versucht, einen Blick zu wagen. Und ärgerte sich sofort wegen ihrer Dummheit. Warum dachte sie schon wieder an ihn, anstatt diesen himmlisch dekadenten Nachmittagstee zu genießen? Ari Zavros war aus ihrem Leben verschwunden, unwiederbringlich. Vor sechs Jahren war er aus Australien abgereist und hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht die Absicht hatte, noch einmal zurückzukehren oder in irgendeiner Weise Kontakt zu ihr aufzunehmen. Auf keinen Fall wollte sie „alte Erinnerungen aufwärmen“, falls durch irgendeinen unseligen Zufall tatsächlich Ari hinter ihr saß.

Bestimmt war er es sowieso nicht. Die Chancen standen eins zu einer Million.

Trotzdem war es besser, sich erst gar nicht umzudrehen. Denn wenn es Ari war und er sie erkannte … sie wagte es sich nicht vorzustellen. Auf keinen Fall war sie darauf vorbereitet, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, schon gar nicht, wenn ihre Mutter und Theo dabei waren.

Das durfte nicht passieren. Es würde nicht passieren.

Ihre Fantasie ging mit ihr durch nur wegen einer Ähnlichkeit im Klang der Stimme. Außerdem war der Mann nicht allein. Sie hatte deutlich gehört, wie sich seine Begleiterin mit einem affektierten, britischen Akzent über Theos Anwesenheit beklagt hatte. Was wirklich mehr als kleinlich war, denn Theo benahm sich immer sehr wohlerzogen. Nein, Tina entschied sich energisch, dem Paar am Nachbartisch keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken und sich voll und ganz auf den luxuriösen Nachmittagstee zu konzentrieren.

Genüsslich nippte sie an ihrem duftenden Jasmin Pearls Tee. Sie hatten bereits eine feine Scheibe Beef Wellington an Rote-Bete-Pürree gekostet, und jetzt stand auf ihrem Tisch eine dem Burj Al Arab nachempfundene Etagere, deren farbige Glasplatten mit einer Auswahl appetitlicher Köstlichkeiten bestückt waren. Das Angebot reichte von kleinen Sandwiches aus verschiedenen Brotsorten belegt mit Ei, Räucherlachs, Frischkäsecreme, getrockneten Tomaten und Gurken über Meeresfrüchtepasteten mit Garnelen, Brandteigpasteten mit Hähnchenfüllung und körnigem Senf, Rinderfilet-Sandwich bis hin zu Basilikum, Tomaten und kleinen Mozzarellakügelchen auf Brot, das mit Tinte vom Tintenfisch eingefärbt worden war. Es war wirklich unmöglich, alles zu probieren. Glücklicherweise hatte Theo eine Vorliebe für Hühnchen, ihre Mutter für alles mit Käse, und Tina hielt sich gern an die Meeresfrüchteköstlichkeiten.

Und danach warteten als süße Verführungen noch Obsttörtchen, Milchbrötchen mit und ohne Rosinen und verschiedenen Aufstrichen wie Erdbeer- oder Rosenblättermarmelade sowie Schlagsahne zu Erdbeer-Mousse und würziger Passionsfrucht.

Nein, Tina ließ sich von ihren Erinnerungen an Ari Zavros nicht den Appetit verderben. Ohnehin redete an dem Tisch hinter ihr fast nur die Frau, die in einem pausenlosen, snobistischen Monolog den Nachmittagstee im Burj Al Arab mit denen in anderen Luxushotels verglich. Von ihrem Begleiter kamen nur einsilbige Einwürfe.

„Ich bin so froh, dass wir uns für den Zwischenstopp in Dubai entschieden haben“, sagte Helen Savalas, während sie die Aussicht bewunderte. „Es ist fantastisch, was man hier in den letzten dreißig Jahren geschaffen hat.“

„Ja“, pflichtete Tina ihr lächelnd bei. „Ich bin auch froh, dass wie hier sind. Es ist wirklich beeindruckend.“

Ihre Mutter beugte sich verschwörerisch vor und flüsterte: „Am Nachbartisch sitzt ein unglaublich attraktiver Mann. Das ist bestimmt ein Filmstar. Sieh mal hin, ob du ihn vielleicht erkennst, Tina.“

Sofort durchzuckte es sie heiß. Ari Zavros war ein unglaublich attraktiver Mann. Aber hatte sie nicht bereits entschieden, dass es nicht Ari sein konnte? Ein rascher Blick, und sie konnte ihre dummen Ängste endgültig abhaken.

Nur ein Blick …

Der Schock, den Mann zu sehen, dem sie nie wieder hatte begegnen wollen, traf sie so heftig, dass sie kaum die Geistesgegenwart aufbrachte, ihrer Mutter überzeugend zu antworten. „Ich … habe ihn noch nie in einem Film gesehen.“

Glücklicherweise schien er nicht bemerkt zu haben, dass sie sich nach ihm umgedreht hatte. Ari Zavros war immer noch ein umwerfend attraktiver Mann mit seinem dichten, von sonnengebleichten Strähnen durchzogenen goldbraunen Haar, das einer Löwenmähne glich, dem samtenen, gebräunten Teint und einem markanten Gesicht, das vor allem durch seinen sinnlichen Mund und die faszinierenden bernsteinfarbenen Augen fesselte. Augen, die Theo von ihm geerbt hatte, was ihrer Mutter Gott sei Dank nicht aufgefallen war.

„Aber er ist bestimmt prominent“, meinte Helen Savalas nachdenklich. „Einer von den Schönen und Reichen.“

„Starr ihn nicht so an, Mama“, flüsterte Tina eindringlich.

Ihre Mutter schüttelte ungeniert den Kopf. „Ich erwidere doch nur seine Neugier. Schließlich schaut er auch andauernd in unsere Richtung.“

Warum? dachte Tina von Panik erfüllt. Hatte ihr australischer Akzent ihn an die drei Monate erinnert, die er in ihrem Land verbracht hatte? Er konnte sie unmöglich von hinten erkannt haben. Ihr Haar war damals lang und lockig gewesen. War ihm vielleicht die Ähnlichkeit zwischen ihm selbst und Theo aufgefallen? Aber wie sollte er auf die Idee kommen, es könnte sein Sohn sein? Er konnte ja wirklich nicht ahnen, dass sie schwanger geworden war, obwohl er Kondome benutzt hatte.

Dennoch stellte sein Interesse an ihr, egal woher es rührte, ein echtes Problem dar. Da er und seine Begleiterin sehr spät eingetroffen waren, würden Theo, ihre Mutter und sie sicher vor den beiden gehen, und sie mussten auf dem Weg hinaus an dem Tisch vorbei. Wenn Ari ihr ins Gesicht blickte …

Vielleicht würde er sie gar nicht erkennen. Immerhin war es sechs Jahre her, und mit den kurzen Haaren sah sie sehr verändert aus. Außerdem waren inzwischen sicher so viele Frauen durch sein Leben gegangen, dass er sich kaum an jede Einzelne erinnerte. Wenn er sie aber erkannte, sie aufhielt und in ein Gespräch verwickelte … Tina wollte sich die möglichen Konsequenzen gar nicht ausmalen.

Sie wollte nichts mehr mit Ari Zavros zu tun haben. Diese Entscheidung hatte sie damals getroffen, noch bevor sie ihren Eltern von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Auf keinen Fall wollte sie sich der schmerzlichen Erfahrung aussetzen, dass er die Vaterschaft anzweifelte oder als reine Pflichtübung Verantwortung für Theo übernahm, ständig wieder in ihrem Leben auftauchte und sie daran erinnerte, wie dumm sie doch gewesen war, ihn so blind zu lieben.

Es war nicht leicht gewesen, den Fragen ihres Vaters standzuhalten, der unbedingt den Mann zur Rede stellen wollte, der seine Tochter fallen gelassen hatte. Aber Tina hatte darauf bestanden, dass ihr Kind ohne Einmischung seines Vaters besser dran sein würde, und sie hatte diese Entscheidung nie bereut. Sie war felsenfest überzeugt, dass Ari nur einen zerstörerischen Einfluss auf ihr Leben haben würde, wenn er die Chance erhielt, daran teilzuhaben.

Eine Chance, die sie ihm nicht geben wollte.

Es hatte sie so viel Kraft gekostet, für Theo und sich ein gutes Leben aufzubauen, dass sie kein Risiko eingehen wollte. Dieser unselige Zufall, der Ari und sie in Gegenwart ihres kleinen Sohnes und ihrer Mutter an diesem Ort zusammengeführt hatte, konnte das alles in seinen Grundfesten erschüttern. Deshalb musste sie eine direkte Konfrontation unbedingt verhindern.

Tina versuchte, die aufsteigende Panik zu verdrängen. Die Sache konnte nicht allzu schwierig sein. Ari würde wohl kaum den Wunsch verspüren, vor seiner Begleiterin eine alte Bekanntschaft wieder aufzuwärmen. Außerdem war es immer noch sehr wahrscheinlich, dass er sie gar nicht wiedererkannte. Und falls doch, würde sie einfach dafür sorgen, dass ihre Mutter und Theo das Feld räumten, bevor Ari in zweifelhaften Erinnerungen schwelgte.

Das war bestimmt möglich. Sie musste es schaffen.

2. KAPITEL

Der Rest des Nachmittagstees entwickelte sich dann für Tina zu einem veritablen Albtraum. Wie sollte sie sich unter diesen Umständen auch auf die kulinarischen Genüsse vor ihr konzentrieren? Sie fühlte sich wie Alice im Wunderland bei der Teeparty des verrückten Hutmachers, wo sich die Herzkönigin jeden Moment auf sie stürzen konnte, um sie zu köpfen.

Ihre Mutter verspeiste genüsslich das Feigentörtchen und die Grüne-Tee-Makrone, Theo machte sich begeistert über den weißen Schokoladenkuchen her. Tina zwang sich, wenigstens eine Karamellschnitte zu essen. Schon wurde ihnen eine Platte mit weiteren Verlockungen serviert, und Tina musste Begeisterung heucheln, obwohl ihr Magen wie zugeschnürt war in dem Wissen, dass Ari nur wenige Schritte hinter ihr saß.

Sie lächelte Theo an. Sie lächelte ihre Mutter an. Ihr Gesicht schmerzte bereits von all dem krampfhaften Lächeln. Und sie verwünschte Ari Zavros, weil er ihr verdarb, was eigentlich ein ganz besonderes Erlebnis hätte werden sollen. Noch größer aber war ihre Angst, dass er noch viel mehr kaputt machen könnte.

Schließlich gab ihre Mutter das Signal zum Aufbruch, indem sie vorschlug, dass sie sich zum Abschluss noch einmal in der Lobby des Hotels umschauen sollten.

„Oh ja, ich möchte die Fische noch mal sehen“, war Theo sofort Feuer und Flamme. „Und auf dem Kamel sitzen!“

Der Moment war gekommen. Tina hatte sich alles genau überlegt. „Vorher sollten wir am besten noch zur Toilette“, sagte sie ganz praktisch und fügte beiläufig hinzu: „Könntest du Theo schon mal mitnehmen, Mama? Ich möchte noch ein, zwei Fotos von der Aussicht hier machen. Wir treffen uns dann am Aufzug, ja?“

„Kein Problem. Kommst du, Theo?“ Helen Savalas nahm ihren Enkel an der Hand, und sie gingen vergnügt davon.

Auftrag erledigt, dachte Tina erleichtert. Wenn sie es jetzt noch schaffte, an Ari vorbeizukommen, ohne dass er sie erkannte, war sie gerettet. Und sollte er sie wirklich ansprechen und aufhalten, konnte sie die Situation wenigstens allein klären.

Sie hängte sich die Reisetasche über die Schulter, nahm ihre Kamera und ging zum Fenster, um die Fotos zu machen. Schließlich machte sie kehrt, fest entschlossen, so schnell wie möglich an dem Nachbartisch vorbeizugehen.

Ari Zavros blickte ihr direkt ins Gesicht. Das Aufleuchten in seinen Augen verriet ihr, dass er sie erkannt hatte, und sie erstarrte erschrocken wie ein Kaninchen beim Anblick einer Schlange.

„Christina“, sagte er scheinbar erfreut und stand auf.

Sie hatte keine Chance, ihm zu entfliehen, denn ihre Füße wollten ihr nicht gehorchen. Zu überwältigt war sie von der Erinnerung daran, wie unglücklich sie dieser Mann gemacht hatte.

Hilflos beobachtete sie, wie er sich rasch bei seiner Begleiterin entschuldigte. Die junge Frau, die mit ihrem seidigen blonden Haar, den blauen Augen und makellosen Alabasterteint zweifellos zu den Reichen und Schönen gehörte, hatte sich umgedreht, um Tina sichtlich eingeschnappt zu begutachten. Unwillkürlich fragte sich Tina, ob die blonde Schöne auch nur eine flüchtige Episode in Aris Leben war oder mehr.

Was kümmerte es sie? Wichtig war nur, diese unerwünschte Begegnung so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Mit ausgestreckten Händen und charmantem Lächeln kam Ari jetzt auf sie zu.

„Du hast deine schönen Locken abgeschnitten“, sagte er scherzhaft tadelnd, als sei dies eine Schande.

Ganz zu schweigen von der Schande, in der er sie zurückgelassen hatte. Tina riss sich zusammen. „Es gefiel mir besser so“, antwortete sie angespannt. Tatsächlich hatte sie die Erinnerung nicht ertragen, wie Ari zärtlich mit ihren langen Locken gespielt und ihren Duft eingeatmet hatte.

„Was machst du in Dubai?“, fragte er interessiert.

„Ich sehe es mir an. Und warum bist du hier?“, erwiderte sie.

„Geschäfte.“

„Die du mit dem Vergnügen verbindest“, meinte sie mit einem bezeichnenden Blick auf die Blondine an seinem Tisch. „Bitte, lass dich von mir nicht abhalten, Ari. Was hätten wir uns nach all der Zeit auch zu sagen?“

„Zumindest, dass ich mich freue, dich wiederzusehen. Auch mit kurzen Haaren.“

Früher waren ihr die Knie weich geworden, wenn er sie so gewinnend angelächelt hatte. Nun aber begehrte alles in ihr dagegen auf. Wie konnte er es wagen, mit ihr so ungeniert zu flirten, obwohl er offensichtlich mit einer anderen Frau zusammen war? Und überhaupt, nachdem er sie benutzt und fallen gelassen hatte?

Am liebsten hätte sie ihm eine schallende Ohrfeige versetzt, um seinem Lächeln und all seiner Arroganz eine Abfuhr zu erteilen, aber es war natürlich viel besser und vor allem sicherer, ihn mit Würde auflaufen zu lassen.

„Ich bin inzwischen eine andere geworden“, sagte sie deshalb bewusst ausweichend. „Wenn du mich jetzt entschuldigst. Ich bin mit meiner Mutter hier, und die wartet sicher schon, dass ich nachkomme.“

Als sie an ihm vorbei wollte, legte Ari ihr jedoch eine Hand auf den Arm und hielt sie zurück. Obwohl es nur eine ganz leichte Berührung war, fühlte Tina sich wie elektrisiert. Es machte sie wütend, dass er immer noch so eine Macht auf sie ausübte, dass der Duft seines Aftershaves genügte, um erregende Erinnerungen in ihr zu wecken.

„Deine Mutter, aha. Und der Junge …?“ Ari sah sie fragend an. „Bist du verheiratet? Ist das dein Sohn?“

Oh ja, war das nicht der bequemste Weg, was zwischen ihnen gewesen war, als unbedeutende Episode abzutun? Trotzdem wäre es vermutlich am vernünftigsten gewesen, einfach Ja zu sagen und ihn in dem Glauben zu lassen, dass sie inzwischen geheiratet hatte. Denn dann gab es so offenkundig keinen Platz mehr für ihn in ihrem Leben, dass er das Kapitel als abgeschlossen betrachten und sie gehen lassen würde. Sie würde ihn tatsächlich für immer los sein.

Tu es! drängte ihre Vernunft, aber ihr Herz wurde von heftigen, widersprüchlichen Gefühlen bestürmt. Und dann meldete sich plötzlich diese andere Stimme. Schlag ihm die Wahrheit ins Gesicht!

Dieser Mann war Theos Vater. Er sollte damit konfrontiert werden. „Nein, ich bin nicht verheiratet“, sagte Tina deshalb ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen. „Und ja, Theo ist mein Sohn.“

Sie glaubte zu wissen, wie sie seine nachdenkliche Miene deuten konnte. Als alleinerziehende Mutter war sie an ihr Kind gebunden und damit für ihn tabu. Ari Zavros wollte keinerlei Bindungen. Ein Gedanke, der Tina noch wütender machte, sodass sie alle Vorsicht vergaß. „Übrigens ist er auch dein Sohn!“

Wie vom Donner gerührt sah er sie an. Das gewinnende Lächeln war verschwunden. Blankes Entsetzen sprach aus seinen Augen.

Voller Genugtuung ließ Tina ihn stehen und ging an ihm vorbei in Richtung Aufzug. Sie glaubte nicht, dass er ihr folgen würde. Zum einen hatte sie ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen entzogen, zum anderen war er in Begleitung einer anderen Frau, die er sicher nicht mit einem unehelichen Sohn konfrontieren wollte.

Dennoch war es angeraten, so schnell wie möglich aus dem Hotel zu verschwinden. Sie würde ihrer Mutter sagen, dass ihr das reichliche Essen nicht bekommen sei. Was nicht einmal gelogen war, denn sie verspürte ein flaues Gefühl im Magen.

Natürlich hätte sie Ari nicht sagen sollen, dass er Theos Vater war. Sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sie noch immer so heftig auf ihn reagieren würde. Nun, wahrscheinlich würde er ihr zunächst gar nicht glauben wollen. Die meisten Männer stritten die Vaterschaft doch erst einmal ab. Wobei sie natürlich niemals irgendwelche offizielle Forderungen an ihn stellen würde. Trotzdem war es dumm von ihr gewesen, ihm die Wahrheit derart ins Gesicht zu schleudern und ihm damit erneut zumindest potenziell einen Weg zurück in ihr Leben zu eröffnen, wo sie doch nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.

Hoffentlich würde er es auf sich beruhen lassen. Hoffentlich ließ er sie ganz einfach in Ruhe.

Der Junge … war sein Sohn? Sein Sohn?

Ari schreckte aus seiner Benommenheit hoch, drehte sich um und blickte der Frau hinterher, die soeben erklärte hatte, die Mutter seines Kindes zu sein. Christina Savalas hatte es jedoch ziemlich eilig wegzukommen, nachdem sie die Bombe fallen gelassen hatte.

Konnte es wahr sein?

Rasch rechnete er zurück. Vor sechs Jahren war er in Australien gewesen. Das Alter des Jungen mochte in etwa dazu passen. Natürlich benötigte er das tatsächliche Geburtsdatum, um ganz sicher sein zu können. Aber das ließ sich herausfinden. Der Name des Jungen war Theo. Theo Savalas. Und er sah aus, wie Ari Zavros als Kind ausgesehen hatte!

Ari lief ein kalter Schauer über den Rücken. Wenn Theo sein Sohn war, hatte er Christina schwanger im Stich gelassen, und sie hatte sein Kind allein großziehen müssen. Eigentlich achtete er immer sorgfältig darauf, sich und seine Partnerin beim Sex zu schützen. Hatte er diesen Schutz mit Christina einmal vernachlässigt?

Woran er sich lebhaft erinnerte, war, wie wundervoll unschuldig und unerfahren sie gewesen war. Dennoch hatte er kein schlechtes Gewissen gehabt, denn sie hatten es beide gewollt. Und sie hatte genauso viel Vergnügen dabei gehabt wie er. Es war für sie eine erregende Einführung in die Kunst der Liebe gewesen, und Ari hatte nie daran gezweifelt, dass sie danach noch viele Männer umwerben würde und sie sich zu dem einen oder anderen hingezogen fühlen würde.

Wenn er sie jedoch schwanger zurückgelassen hatte … das hätte ihre Karriere, ihr ganzes Leben kaputt gemacht. Grund genug für den hasserfüllten Ausdruck in ihren schönen dunklen Augen und die Verachtung, mit der sie ihm ihre Behauptung entgegengeschleudert hatte.

Wie hätte er ihre Worte einfach ignorieren können? Nein, er musste der Sache auf den Grund gehen. Wenn der Junge sein Sohn war … Warum hatte Christina ihn nicht längst darüber informiert? Warum hatte sie ihn all die Jahre allein großgezogen? Warum konfrontierte sie ihn jetzt damit? Es gab verdammt viele Fragen.

„Ari?“

Er musste sich sehr zusammenreißen, als er Felicitys typischen fordernden Ton hörte.

„Warum stehst du da herum? Sie ist doch weg.“

Weg, aber nicht vergessen.

„Ich habe an meine Zeit in Australien gedacht, als ich Christina kennengelernt habe“, antwortete er und setzte sich wieder. Schließlich hatte er Felicity auf diese Reise eingeladen, und es war nur fair, wenigstens höflich zu ihr zu sein.

„Was hast du denn in Australien gemacht?“

„Ich wollte mich über die dortige Weinproduktion informieren. Mir vielleicht nützliche Ideen für das Geschäft auf Santorin holen.“

„Dann arbeitet diese Christina in der Weinbranche?“

„Nein, eigentlich nicht. Sie war Teil einer Werbekampagne von Jacob’s Creek, der erfolgreichsten australischen Weinmarke.“

Felicity zog ein wenig spöttisch die Brauen hoch. „Sie ist also ein Model, ja?“

„Das war sie damals.“

„Und du hattest deinen Spaß mit ihr.“

Eine Spitze, die er unter den gegebenen Umständen ziemlich geschmacklos fand. „Das ist lange her, Felicity. Ich war einfach nur überrascht, sie hier in Dubai zu treffen.“

„Nun, wie es aussieht, hat sie inzwischen ein Kind am Hals“, meinte Felicity hämisch. „Da hört der Spaß auf.“

„Wahrscheinlich“, erwiderte Ari ungehalten. „Aber, was weiß ich schon davon? Ich bin ja ein Mann.“

Lachend legte Felicity ihm eine Hand auf den Oberschenkel. „Und was für einer, Darling! Deshalb mag ich es gar nicht, wenn du auch nur für eine Minute untreu wirst.“

Der Wunsch war da gewesen, sobald er Christina Savalas erkannt hatte. Ari Zavros hatte die Nase voll von egozentrischen Frauen wie Felicity Fullbright, weshalb die plötzliche Erinnerung an die wundervolle Zeit damals in Australien ihn veranlasst hatte, sofort aufzuspringen. Aber Christina hatte sich verändert, was nach all der Zeit kein Wunder war. Ich bin eine andere geworden, hatte sie gesagt. Nun, wenn sie wirklich die Mutter seines Kindes war, würde er sie noch einmal kennenlernen müssen.

Er musste sich so bald wie möglich auf ihre Spur begeben. Offensichtlich befand sie sich auf einer Urlaubsreise mit ihrer Mutter, und es war ganz sicher klüger, sie zu konfrontieren, bevor sie auf heimatlichen Boden zurückkehrte. Aber zuerst musste er seine Beziehung zu Felicity endgültig beenden und an der Hochzeit seines Cousins teilnehmen, dann erst war er frei, sich mit der Antwort auf die entscheidende Frage zu beschäftigen.

War Theo Savalas sein Sohn? Wenn ja, würde es zu einigen Veränderungen in seinem Leben führen. Und Christina Savalas würde sich mit ihm arrangieren müssen, ob es ihr gefiel oder nicht. Auch ein Vater hatte schließlich Rechte, und Ari würde nicht zögern, sie einzufordern. Familie war Familie.

Während der restlichen Zeit ihres kurzen Aufenthaltes in Dubai fühlte Tina sich wie auf glühenden Kohlen. Obwohl sie nicht glaubte, dass Ari die Vaterschaftsgeschichte ernsthaft weiterverfolgen würde, konnte sie die gebuchten Rundfahrten zu den üblichen Touristenmagneten – dem Gold Souk, den Gewürzbasaren und den luxuriösen Einkaufszentren – kaum genießen, und atmete erst erleichtert auf, als sie am dritten Tag endlich das Flugzeug nach Athen bestiegen, ohne Ari Zavros noch einmal begegnet zu sein.

Onkel Dimitri, der ältere Bruder ihres Vaters, holte sie am Flughafen ab. Nach einem Abstecher zu ihrem Hotel fuhr er mit ihnen zu seinem Restaurant unterhalb der Akropolis, wo sich all ihre griechischen Verwandten versammelt hatten. Tinas Mutter war überwältigt von dem festlichen Willkommen, und Theo wurde mit Begeisterung und Bewunderung überschüttet. Was für ein hübsches Enkelkind! Tina, die wie ihr Sohn in Australien geboren war, fühlte sich wie eine Außenseiterin. Die Frauen redeten meist in der dritten Person über sie, als wäre sie überhaupt nicht anwesend.

„Wir müssen einen Ehemann für deine Tochter finden, Helen.“

„Warum hat sie sich das Haar abgeschnitten? Männer mögen Frauen mit langem Haar.“

„Sie ist offensichtlich eine gute Mutter. Nur das zählt.“

„Und wenn sie es gewöhnt ist, im Restaurant mitzuhelfen …“

Nicht mitzuhelfen, sondern ein Restaurant zu leiten, verbesserte Tina insgeheim, während sie Onkel Dimitris Restaurant aufmerksam in Augenschein nahm. Die Außengastronomie im Schatten von Bäumen und Sonnenschirmen machte einen Großteil seines Geschäftes aus, wobei nicht zuletzt der Duft von frischen Kräutern, die in Terrakottakübeln zwischen den Tischen gepflanzt waren, für ein angenehmes Ambiente sorgte. Die Küche war schlicht und mediterran mit einem Schwerpunkt auf Salaten. Tina merkte sich sofort eine einfache Vinaigrette aus Olivenöl, Balsamico und Honig, mit der sie in Zukunft etwas Flair von Athen nach Australien tragen wollte.

Genau wie ihre Mutter wartete Tina gespannt auf die Ankunft von Cassandra und George. Viel zu lange hatte sie ihre Schwester nicht mehr gesehen. Zwar hatte Cass sie zusammen mit George vor sechs Monaten in Sydney besucht, aber danach hatten internationale Aufträge die beiden durch die halbe Welt geführt. Jetzt waren sie gerade aus London eingeflogen, um eine Nacht in Athen zu verbringen, bevor sie nach Patmos weiter wollten, der Insel, auf der Georges Familie lebte.

„Da sind sie ja!“, rief Helen Savalas plötzlich.

Tina blickte auf … und erstarrte erschrocken.

Ja, da war ihre schöne Schwester, von Kopf bis Fuß das strahlende Supermodel. Dicht an ihrer Seite ging George Carasso, ganz der stolze Bräutigam, der den Blick nicht von seiner hinreißenden Braut lassen konnte.

Und neben ihm ging lässig und selbstbewusst … Ari Zavros.

„Ist das nicht der Mann, den wir in Dubai gesehen haben?“, flüsterte Helen Savalas ihrer Tochter überrascht zu.

Tina brachte kein Wort heraus. Wie konnte es passieren, dass sie ihm schon wieder begegnete, noch dazu, wo er jetzt von Theo wusste?

Alle waren aufgestanden und umringten das junge Paar, um es zu umarmen und zu küssen. Ari wurde als Georges Cousin und Trauzeuge vorgestellt. Sein Trauzeuge! dachte Tina entsetzt, denn sie war Cassandras einzige Brautjungfer und Trauzeugin. Der Albtraum, in den sie sich selber bugsiert hatte, wurde immer schlimmer, und es war kein Ende in Sicht. Wie sollte sie die Hochzeit ihrer Schwester unter den Umständen noch genießen können, wenn sie sowohl bei der Zeremonie als auch beim Empfang Aris Partnerin sein musste?

Wenn sie in Dubai nicht mit der Wahrheit herausgeplatzt wäre, hätte sie ihre frühere kurze Liaison vielleicht diplomatisch übergehen können. Darauf konnte sie jetzt nicht mehr hoffen. Ganz und gar nicht, wenn das herausfordernde Aufleuchten in Aris Augen ein Hinweis war, als er sich ihr nun zuwandte.

„Und das ist deine Schwester?“, fragte er Cass, die ihn sofort vorstellte.

„Ja. Tina! Wie schön, dich wiederzusehen!“ Cassandra umarmte ihre Schwester überschwänglich. „George und ich übernachten heute in Aris Athener Wohnung. Als wir ihm sagten, dass wir dich hier treffen, hat er darauf bestanden, mitzukommen, damit ihr auf der Hochzeit keine Fremden mehr seid.“

Keine Fremden! Er hatte also die Katze noch nicht aus dem Sack gelassen. Tina hoffte inständig, dass er es vorzog, es dabei zu belassen.

Cass hatte sich inzwischen Theo zugewandt, hob ihn hoch und drehte sich stolz mit ihm zu Ari um. „Und das ist mein Neffe Theo, der unser Blumenjunge sein wird.“

Ari lächelte Theo an. „Deine Tante Cassandra hat mir schon verraten, dass du diese Woche Geburtstag hast.“

Er hat bereits Erkundigungen eingezogen, dachte Tina erschrocken.

Ihr kleiner Sohn hielt stolz eine Hand hoch. „Ich werde fünf!“

„Und ich habe auch diesen Monat Geburtstag“, sagte Ari. „Da sind wir ja beide Leos.“

„Nein, ich heiße Theo, nicht Leo“, widersprach der Junge ernst.

Alle lachten, und Theo sah sich verwirrt um.

„Ari hat nicht deinen Namen gemeint, mein Schatz“, erklärte ihm Cassandra. „Je nach Geburtstag sind wir alle unter einem Sternzeichen geboren, und das Sternzeichen für deinen Geburtstag ist Leo, der Löwe. Und du hast auch noch bernsteinfarbene Augen, ganz wie ein Löwe.“

Sofort deutete Theo auf Ari. „Seine Augen haben dieselbe Farbe wie meine.“

Tina hielt den Atem an. Ihr Herz pochte wie wild. Dies war wirklich nicht der geeignete Ort oder Zeitpunkt für Ari, sich als Theos Vater erkennen zu geben!

„Da siehst du es, wir sind eben beide richtige Löwen, und ich freue mich sehr, dich kennenzulernen“, antwortete Ari ganz selbstverständlich und schüttelte dem Kleinen die Hand. „Und deine Mutter.“

Ihr fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Wie es aussah, meldete er noch keinen Anspruch auf die Vaterschaft an. Vielleicht würde er ja ganz darauf verzichten. Tina war klar, dass sie ihn jetzt eigentlich hätte begrüßen müssen, aber sie brachte kein Wort über die Lippen.

Ari reichte ihr lächelnd die Hand. „Tina? Die Kurzform für Christina?“

„Ja“, flüsterte sie und schüttelte ihm gezwungenermaßen die Rechte. Die Berührung genügte, um Erinnerungen an die elektrisierende Leidenschaft zu wecken, der sie damals erlegen war. Alles in ihr begehrte dagegen auf. Auf keinen Fall würde sie so schwach und dumm sein und es noch einmal zulassen! Wenn es zu einem Sorgerechtsstreit um Theo kam, durfte Ari Zavros keinerlei Macht über sie haben. Rasch zog sie ihre Hand zurück.

Cass und George wurden natürlich neben die Brautmutter gesetzt, während Onkel Dimitri schnell einen zusätzlichen Stuhl für Ari an den Tisch schob, direkt neben Tina und Theo. Da sie als Trauzeugen auch auf der Hochzeit Partner und Tischnachbarn sein würden, konnte sie schlecht protestieren. Und Ari hatte ja bereits deutlich kundgetan, er wolle sie kennenlernen.

Tina blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich um höfliche Konversation zu bemühen.

„Wann hast du meine Schwester kennengelernt?“

„Erst vorhin“, antwortete Ari lächelnd. „Ich wusste natürlich von ihr, weil sie sich mit George verlobt hatte, aber innerhalb unserer Familie sprach man immer nur von ‚Cassandra‘, weil sie unter dem Namen als Supermodel bekannt ist. Ihren Nachnamen hatte ich deshalb nie gehört. Erst vorhin, als sie in meiner Wohnung ihr Gepäck abgestellt hat, las ich ihn auf einem der Kofferanhänger. Ein glücklicher Zufall, unter den gegebenen Umständen.“

Die Tatsache, dass er sofort die Gelegenheit ergriffen hatte, Tina persönlich zu treffen, machte ihr keine Hoffnung, dass sie die drohende Konfrontation vermeiden könnte. „Also hast du nicht gezögert, sie über ihre Familie auszufragen“, bemerkte Tina resigniert.

„Was sehr erhellend war“, bestätigte Ari spöttisch.

Sie versuchte, die aufsteigende Panik zu ignorieren und das Thema zu wechseln. „Du lebst in Athen?“

„Nein, eigentlich nicht. Die Wohnung ist einfach praktisch, wenn ich hier bin. Aber jeder aus der Familie kann sie nutzen, weshalb es für George auch naheliegend war, dort mit Cassandra zu übernachten. Es ist eben privater als ein Hotel.“

„Und wo wohnst du dann normalerweise?“, hakte sie nach. Sie wusste von ihm nur, dass er einer sehr reichen, griechischen Familie angehörte, die irgendwie in der Weinbranche tätig war. Während ihrer kurzen Affäre damals war Ari mehr an Australien interessiert gewesen als daran, etwas über sich zu verraten.

„Vielfältige Geschäftsinteressen machen es erforderlich, dass ich ziemlich viel in der Weltgeschichte herumreise. Aber mein Familiensitz ist auf Santorin.“

„Wir gehen auch nach Santorin“, warf Theo ein, der Ari neugierig beobachtete.

Ari lächelte ihn an. „Ja, ich weiß. Vielleicht können wir ja an deinem Geburtstag etwas Besonderes unternehmen.“

„Und was?“, fragte Theo aufgeregt.

„Warten wir es ab, Theo“, mischte sich Tina energisch ein. Keinesfalls wollte sie mehr Zeit als unbedingt nötig mit Ari Zavros verbringen. War es reine Neugier, die ihn stach, oder spielte er vielleicht doch mit dem Gedanken, Theo als seinen Sohn anzuerkennen? Tina sah ihn durchdringend an. „Du sagtest ‚Familiensitz‘. Heißt das, dass du verheiratet bist und Kinder hast?“

Er schüttelte den Kopf. „Sehr zum Verdruss meines Vaters bin ich immer noch allein. Ich meinte natürlich mein Elternhaus.“

„Nun, allein bist du ja genau genommen nicht“, widersprach sie bedeutsam.

Er wusste ja, dass sie ihn in Dubai in Begleitung einer Frau gesehen hatte, weshalb diese Anspielung genügen musste. Wenn er sich einbildete, dass er sich erneut an sie heranmachen und die blonde Schönheit mit ihr betrügen könnte, würde sie ihm diese Flausen ganz schnell austreiben.

„Ich versichere dir, Christina, ich bin allein“, beharrte er, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wie früher zog es er bewusst vor, sie bei ihrem vollen Namen zu nennen, und die Art, wie er ihn aussprach, weckte Erinnerungen an ganz besondere Momente. Tina wollte sich nicht davon beeindrucken lassen und sah ihn durchdringend an. Doch er hielt ihrem Blick gelassen stand.

„Eine weitere reizvolle Episode, die zu Ende ist?“, spielte sie auf das an, was er ihr damals zum Abschied gesagt hatte.

Er machte ein nachdenkliches Gesicht, als müsste er sich erst erinnern, schüttelte dann aber energisch den Kopf. „Nicht wirklich reizvoll. Sie hat mich sogar zu der Erkenntnis gelangen lassen, dass es Zeit ist, mich nach etwas ganz anderem umzuschauen.“ Mit einem liebevollen Blick auf Theo fügte er hinzu: „Vielleicht sollte ich Vater werden.“

Tina wurde von kalter Panik gepackt. Das war wirklich das Letzte, was sie sich wünschte! Irgendwie musste sie dagegen angehen und ihn überzeugen, dass Vatersein nichts für ihn war.

„Ich habe keinen Vater“, teilte Theo Ari ernsthaft mit. „Ich hatte einen Pappoús, einen Grandpa. Aber dann wurde er krank, und jetzt ist er im Himmel.“

„Das tut mir leid“, antwortete Ari mitfühlend.

„Ich glaube, jeder sollte sich bewusst sein, dass Elternsein eine sehr ernste und dauerhafte Verantwortung bedeutet“, warf Tina rasch ein, um ihn daran zu hindern, übereilt zu viel zu verraten.

„Da stimme ich mit dir überein“, sagte Ari.

„Flatterhafte Menschen sollten nicht einmal daran denken“, fügte sie hinzu in dem Versuch, an sein Gewissen zu appellieren.

„Was sind flatterhafte Menschen, Mama?“, fragte Theo neugierig.

Ari beugte sich zu ihm vor. „Menschen, die kommen und gehen, ohne lange genug zu bleiben, um eine wirklich wichtige Rolle in deinem Leben zu spielen. Sie halten nicht zu dir wie deine Mutter. Und deine Großmutter. Und deine Freunde. Du hast doch Freunde, oder?“

„Oh ja, ich habe viele Freunde!“, versicherte Theo stolz.

„Dann musst du ein glücklicher Junge sein.“

„Ein sehr glücklicher sogar“, warf Tina ein, wobei ihr Blick hinzufügte: auch ohne Vater.

„Dann musst du eine ganz besondere Mutter sein, Christina“, sagte Ari sanft. „Es kann nicht leicht für dich gewesen sein, ihn allein großzuziehen.“

Sie sträubte sich gegen sein Kompliment. „Ich war nicht allein. Meine Eltern haben mich unterstützt.“

„Familie.“ Er nickte anerkennend. „Wie wichtig sie doch immer wieder ist. Man sollte sich nie von ihr abwenden.“

Das herausfordernde Aufblitzen in seinen Augen provozierte sie zu einer sehr persönlichen Antwort: „Du hast dich doch zuerst abgewandt, Ari.“

„Niemals von einem mir bekannten Blutsverwandten“, entgegnete er sofort. Dann beugte er sich zu ihr vor und flüsterte so leise, dass Theo es nicht verstehen konnte: „Wir können dies auf die leichte oder die harte Tour durchziehen, Christina.“

„Was durchziehen?“

„Es ist bestimmt nicht zum Wohl unseres Sohnes, wenn wir um ihn kämpfen.“

„Dann lass es sein. Lass ihn in Ruhe.“

„Du erwartest, dass ich einfach ignoriere, dass es ihn gibt?“

„Warum nicht? Du hast doch auch ignoriert, dass es mich gibt.“

„Das war ein Fehler. Den ich wiedergutmachen werde.“

„Manche Fehler lassen sich nicht wiedergutmachen.“

„Wir werden sehen.“

Der Kampf war bereits in vollem Gang! Tina schwirrte der Kopf, während sie verzweifelt nach einem Ausweg suchte.

Ari dagegen lehnte sich entspannt zurück und lächelte Theo an, der genüsslich eine Scheibe Wassermelone verspeiste. „Und, schmeckt das?“

Theo nickte. Weil er mit vollen Backen kaute, konnte er nicht antworten, aber seine Augen strahlten Ari an. Tina aber fiel es schwer, zuzusehen, wie Ari ihren kleinen Sohn für sich einnahm. Auch sie hatte er einmal mit seinem Charme um den Finger gewickelt, und letztlich hatte es gar nichts bedeutet!

„Cassandra hat mir erzählt, dass du jetzt ein Restaurant am Bondi Beach leitest?“, wandte er sich nun wieder an sie.

„Ja, es hat meinem Vater gehört. Er hat mich eingearbeitet, als … seine Kräfte nachließen.“ Das war auch eine sehr schwere Zeit für sie gewesen, aber sie hatte es geschafft. Das Restaurant lief immer noch gut.

„Da musst du sicher oft bis spät abends arbeiten. Als alleinerziehende Mutter nicht einfach.“

Wollte er damit andeuten, dass sie ihren Sohn vernachlässigte? „Wir wohnen in einer Wohnung über dem Restaurant“, verteidigte sie sich sofort. „Tagsüber geht Theo in den Kindergarten, den er ganz toll findet. Zu allen anderen Zeiten bin entweder ich oder ist meine Mutter für ihn da. Ganz zu schweigen davon, dass er den geliebten Strand als Spielplatz direkt vor der Haustür hat. Wie du ganz richtig sagtest, er ist ein glücklicher Junge.“ Und er braucht dich nicht. Überhaupt nicht.

„Mama und ich bauen tolle Sandburgen“, mischte sich Theo arglos ein.

„Auf den griechischen Inseln haben wir viele schöne Strände“, sagte Ari.

„Kann ich da auch spielen?“

„Es gibt welche, die öffentlich und für jeden sind.“

„Da stehen nicht Liegestühle nebeneinander wie in Dubai?“

„An den Privatstränden schon.“

„Das mag ich nicht.“

„Ganz in der Nähe, wo ich auf Santorin lebe, ist ein Strand ohne Liegestühle. Da kannst du große Sandburgen bauen.“

„Kommst du mit?“

Ari lachte, zufrieden mit seinem Erfolg bei Theo.

„Ich glaube nicht, dass wir dafür Zeit haben“, warf Tina rasch ein.

„Unsinn!“ Ari lächelte sie triumphierend an. „Ich weiß von Cassandra, dass ihr fünf Tage auf Santorin verbringt, und Theos Geburtstag ist zwei Tage vor der Hochzeit. Ich würde gern etwas mit ihm unternehmen, das ihm Spaß macht … eine Fahrt mit der Seilbahn, Eselreiten …“

„Auf einem Esel?“, rief Theo begeistert.

„Eine Bootsfahrt zu Vulkaninseln …“

„Eine Bootsfahrt!“ Theos Augen leuchteten.

„Und natürlich einen Ausflug an den Strand, um die größte Sandburg aller Zeiten zu bauen.“

„Oh ja, bitte, Mama, machen wir das?“

Sein aufgeregtes Stimmchen ließ jetzt auch seine Großmutter aufmerken. „Was möchtest du machen, Theo?“, erkundigte sie sich interessiert.

„Auf einem Esel reiten und mit einem Boot fahren, Giagiá. An meinem Geburtstag!“

„Ich wollte ihn dazu einladen“, erklärte Ari schnell. „Zu einem Geburtstag auf Santorin, den er nie vergessen wird.“

„Wie lieb von Ihnen!“ Tinas Mutter lächelte ihn an. Dieser umwerfend attraktive Mann wollte tatsächlich seine Zeit opfern, damit ihr Enkel auf Santorin Spaß hatte!

Die Falle war zugeschnappt. Da Ari jetzt nicht nur Theo, sondern auch ihre Mutter für sich eingenommen hatte, blieb Tina nichts anderes übrig, als mitzuspielen. Denn jegliche Weigerung hätte ausführliche Erklärungen verlangt, die sie nicht geben wollte. Jetzt jedenfalls noch nicht.

Cass hatte es nicht verdient, dass ihre Hochzeit durch eine Situation überschattet würde, die gar nicht hätte entstehen dürfen. Einmal mehr verwünschte sich Tina, dass sie in einem Moment der Schwäche in Dubai nicht den Mund gehalten hatte. Aber es war nun einmal passiert, und irgendwie musste sie sich mit den Folgen auseinandersetzen. Allerdings erst nach der Hochzeit.

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ja, das ist wirklich sehr nett, Ari.“

„Cassandra sagte, dass ihr im El Greco Hotel wohnen werdet“, nahm er ihre Einwilligung in seine Pläne ganz selbstverständlich hin. „Ich werde mich bei dir melden und alles absprechen.“

Danach löcherte Theo Ari aufgeregt mit Fragen über Santorin, die dieser geduldig und sichtlich gut gelaunt beantwortete. Tina saß schweigend dabei, wütend auf Ari, weil er ihren Sohn so mühelos um den Finger gewickelt hatte, und noch wütender auf sich, weil sie sich so unbedacht in diese Lage gebracht hatte. Aber sie schwor sich insgeheim, dass Ari nicht in allem seinen Kopf durchsetzen würde.

Als Cass und George schließlich aufbrachen, schloss sich Ari ihnen zu Tinas Erleichterung an. Zum Abschied nahm er betont überschwänglich ihre Hand.

„Noch einmal vielen Dank, dass du mir Theos Geburtstag anvertraust, Christina.“

„Oh, ich bin sicher, du wirst dein Bestes geben“, entgegnete sie spöttisch und fügte leise hinzu: „Für eine kurze Zeit.“ Womit sie ihm deutlich zu verstehen gab, wie wenig sie ihm vertraute.

„Wir werden sehen“, erwiderte er aufreizend selbstsicher.

Und als er endlich fort war und Theo und ihre Mutter noch lange von ihm schwärmten, hatte Tina das beklemmende Gefühl, dass sie aus dieser Falle nie wieder herauskommen würde.

3. KAPITEL

Maximus Zavros saß unter der mit Wein berankten Pergola am Ende der riesigen Terrasse mit Blick auf das Ägäische Meer. Hier nahm er für gewöhnlich sein Frühstück ein, bei dem er erwartete, dass sein Sohn ihm Gesellschaft leistete, wann immer Ari zu Hause war. Nicht anders an diesem Tag. Allerdings konnte er heute weder der Landschaft noch seinem Sohn viel Freude abgewinnen, wie sein finsterer Blick verriet, sobald Ari aus dem Haus trat.

„Du kommst also schon wieder ohne eine Frau zum Heiraten nach Hause.“ Maximus faltete seine Zeitung zusammen und klatschte sie ärgerlich auf den Tisch. „Dein Cousin George ist zwei Jahre jünger als du. Er ist nicht halb so attraktiv und nicht halb so reich. Trotzdem angelt er sich eine Frau, die die Zierde seines restlichen Lebens sein wird. Wo ist dein Problem, Sohn?“

„Vielleicht habe ich ein Boot verpasst, das ich hätte nehmen sollen“, erwiderte Ari unverblümt und setzte sich seinem Vater gegenüber.

„Was soll das heißen?“

Ari schenkte sich ein Glas Orangensaft ein und trank einen großen Schluck. „Es heißt, dass ich die Frau, die ich heiraten muss, bereits vor sechs Jahren getroffen und wieder gehen gelassen habe … und dass ich sie irgendwie zurückgewinnen muss. Was sehr schwierig werden wird, weil sie mir gegenüber sehr feindselig eingestellt ist.“

„Feinselig? Warum? Mein Sohn sollte eigentlich genügend Feingefühl besitzen, um keine Frau feindselig zurückzulassen. Und warum musst du sie heiraten? So eine Frau kann dir das ganze Leben vergällen. Ich hätte dich für klüger gehalten.“

„Ich habe sie schwanger zurückgelassen. Ohne es zu wissen, wie du mir glauben kannst. Aber sie hat einen Sohn von mir, der jetzt fünf Jahre alt ist.“

„Einen Sohn! Einen Enkel!“ Sein Vater brauchte einen Moment, um diese unerwartete Neuigkeit zu verarbeiten. „Bist du sicher, dass er von dir ist?“

„Da gibt es keinen Zweifel. Er sieht mir nicht nur sehr ähnlich, sondern sein Geburtsdatum verrät, dass er zu der Zeit gezeugt wurde, als ich mit Christina zusammen war.“

„Und wer ist diese Christina? Ist es möglich, dass sie gleichzeitig auch noch mit einem anderen Mann zusammen war?“

Ari schüttelte den Kopf. „Wir hatten damals nur Augen füreinander. Und sie war noch Jungfrau, Papa. Ich habe sie bei meinem Aufenthalt in Australien kennengelernt. Sie stand am Beginn einer vielversprechenden Karriere als Model: jung, wunderschön und einfach hinreißend. Als ich alles Geschäftliche erledigt hatte, sagte ich ihr Adieu. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch nicht an Heirat, außerdem hielt ich sie für viel zu jung, um ihrerseits daran zu denken. Das Leben mit all seinen Möglichkeiten tat sich doch gerade erst vor ihr auf.“

„Australien …“ Sein Vater machte ein nachdenkliches Gesicht. „Wie bist du ihr wieder begegnet? Du warst doch nicht noch einmal dort.“

„Georges zukünftige Frau Cassandra … als sie mit George zum Übernachten in meine Athener Wohnung kam, stellte ich fest, dass sie Christinas Schwester ist. Christina wird auf der Hochzeit ihre Brautjungfer sein und ihr Sohn Theo … mein Sohn … der Blumenjunge. Ich traf sie bei einem Familientreffen der Savalas in Athen, wo sie auf ihrem Weg nach Santorin Zwischenstation machten.“

„Weiß die Familie, dass du der Vater bist?“

„Nein, ganz sicher nicht. Aber ich kann es nicht ignorieren, auch wenn Christina es anscheinend wünscht. Sie will ganz offensichtlich nichts mehr mit mir zu tun haben.“

„Dann … müssen wir diese Abneigung, die sie dir gegenüber empfindet, überwinden.“

Ari war froh über diese Schlussfolgerung seines Vaters, die angesichts der Aussicht auf einen Enkelsohn allerdings nicht verwunderlich war.

„Gleich morgen werde ich einen ersten Schritt dahin unternehmen“, versicherte er. „Es ist Theos fünfter Geburtstag, und ich habe es geschafft, Tina die Einwilligung abzuringen, den Tag zusammen mit Theo zu verbringen.“

„Sie war nicht bereitwillig mit von der Partie?“

„Nun, ich konnte es so drehen, dass eine Ablehnung unvernünftig gewesen wäre. Die Tatsache, dass sie vor ihrer Familie nicht enthüllen will, dass ich Theos Vater bin, gibt mir ein gewisses Druckmittel in die Hand. Zumindest bis nach der Hochzeit. Ich vermute, sie will ihrer Schwester das Fest nicht verderben.“

„Die Familie ist ihr also wichtig. Das gefällt mir. Wird sie dir eine gute Frau sein?“

Ari zuckte resigniert die Schultern. „Nun, zumindest liebt sie Kinder, was man von Felicity Fullbright nicht behaupten kann. Und ich finde Christina immer noch sehr attraktiv. Aber was soll ich sagen, Papa? Ich werde die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, natürlich auslöffeln. Wenn du den Jungen erst kennengelernt hast, wirst du verstehen, warum.“

„Wann treffen sie denn auf Santorin ein?“

„Heute.“

„Und sie wohnen wo?“

„Im El Greco.“

„Ich werde die Hotelleitung persönlich anrufen. Sämtliche Kosten ihres Aufenthaltes gehen natürlich auf mich. Selbstverständlich frisches Obst und Blumen auf ihren Zimmern und eine Auswahl unserer besten griechischen Weine. Alles mit den besten Wünschen der Familie Zavros. Es kann nicht schaden, ihnen einen Eindruck von unserem Reichtum und unserer Macht zu vermitteln. Das beeinflusst die Menschen meist in positiver Hinsicht.“

Ari hatte dazu seine eigene Meinung. Grundsätzlich mochte sein Vater recht haben, dass sich durch Großzügigkeit manches beeinflussen ließ, aber er hatte in Australien erlebt, wie gern die Australier mit ihrem eingefleischten Faible für Gleichheit Wichtigtuern die Flügel stutzten, wie sie es ausdrückten. Davon abgesehen, hatte Christina bereits unmissverständlich ein starkes Unabhängigkeitsstreben bewiesen. Ari zweifelte, dass sie sich kaufen ließ.

„Ihre Mutter kannst du damit vielleicht beeindrucken“, räumte er ein. „Sie heißt Helen Savalas und ist Witwe. Es wäre vielleicht hilfreich, wenn du und Mama … wenn ihr euch auf der Hochzeit besonders um sie kümmern würdet.“

Sein Vater nickte. „Natürlich. Als Großmutter sollte sie eigentlich Verständnis für unsere Gefühle haben.“

„Sie ist Griechin, so wie ihr Ehemann ebenfalls Grieche war. Die beiden Töchter sind in Australien geboren und aufgewachsen, aber sie ist bestimmt mit den alten Traditionen vertraut … dass zum Beispiel Ehen unter den Familien abgesprochen werden. Wenn sie versteht, dass es für Christina und Theo nur von Vorteil wäre, all die Unterstützung und Sicherheit zu genießen, die unsere Familie ihnen bieten kann …“

„Überlass das nur mir. Ich werde die Mutter schon für uns gewinnen. Kümmere du dich um die Tochter und um deinen Sohn. Es darf nicht sein, dass wir aus dem Leben des Jungen ausgeschlossen sind.“

Das ist der springende Punkt, dachte Ari. Er war fest entschlossen, alles Nötige zu tun, um seinem Sohn ein richtiger Vater zu sein.

Die Überfahrt von Athen nach Santorin dauerte fast acht Stunden, wobei Tina den größten Teil der Zeit mit Theo auf dem hinteren Außendeck verbrachte, weil ihr Sohn gar nicht genug davon bekommen konnte, das schäumende Kielwasser zu beobachten. Ihre Mutter zog es vor, mit einem Buch im Innern der Fähre zu entspannen.

Als sie schließlich in den Hafen von Santorin einliefen, verstand Tina sofort, welchen besonderen Reiz diese Landschaft besaß, die durch jenen gewaltigen Vulkanausbruch entstanden war, der in antiker Zeit ganze Zivilisationen in den Untergang gerissen hatte. Das Wasser in dem ursprünglichen Krater war von einem klaren, wunderschönen Blau, der Halbkreis hoher, schroffer Klippen bot einen dramatischen Hintergrund für die typischen weißen Häuser mit den leuchtend blauen Dächern, die in der Nachmittagssonne glänzten.

Bei diesem malerischen Anblick wünschte Tina sich nur, Ari Zavros würde nicht auf dieser Insel leben. Sie hatte sich so auf den Aufenthalt gefreut. Jetzt nahm sie sich entschlossen vor, ihre Zeit auf Santorin trotz allem zu genießen. Wenn Ari auch nur einen Funken Anstand besaß, würde er die Vaterschaftssache auf sich beruhen lassen, weil ihm doch klar sein musste, dass es in dem Leben, das sie für Theo und sich aufgebaut hatte, keinen Platz für ihn gab. Genauso wenig wie sie in sein flatterhaftes und unstetes Jetset-Leben passten.

Ein Minibus holte sie an der Fähre ab, um sie zum Hotel zu bringen, und Theo staunte nicht schlecht, wie geschickt der Fahrer das Gefährt über die Serpentinenstraße lenkte, die vom Fuß der Felsen bis in schwindelnde Höhen führte. Dabei war die Fahrt nicht so haarsträubend, wie Tina befürchtet hatte, und der Ausblick aus den Busfenstern war fantastisch.

Die Hotelanlage des El Greco lag zur anderen Seite der Insel, terrassenförmig in den Hang gebaut, wobei die in typischem Weiß und Blau getünchten Gebäude um die Pools auf den einzelnen Terrassen angeordnet waren. In den tropischen Gärten entfalteten Bougainvillea und Hibiskussträucher eine wahre Blütenpracht. Der kühle und geräumige Empfangsbereich war elegant möbliert und bot einen herrlichen Blick aufs Meer.

Ein Ort, wie geschaffen zum Entspannen, dachte Tina. Aber im nächsten Moment schrillten bei ihr alle Alarmglocken, als der Mitarbeiter am Empfang bei der Nennung ihres Namens sichtlich aufhorchte und sie mit einem fast schon unterwürfigen Lächeln bedachte.

„Ah Mrs Savalas, einen Moment, bitte. Ich muss den Manager von Ihrer Ankunft informieren.“ Ehe sie etwas erwidern konnte, drehte er sich um und rief durch eine offene Tür: „Die Familie Savalas ist eingetroffen.“

Augenblicklich erschien ein Mann in dunklem Anzug, offenbar der Manager persönlich, mit einem ebenso betont strahlenden Lächeln, der für seinen Kollegen am Empfang übernahm.

„Gibt es ein Problem mit unserer Reservierung?“, erkundigte sich Tinas Mutter besorgt.

„Aber nein, Mrs Savalas. Ihre Zimmer befinden sich auf der ersten Terrasse, von wo aus das Restaurant und die Snackbar am Pool besonders bequem zu erreichen sind. Wenn Sie noch irgendwelche Wünsche haben, brauchen Sie sie nur auszusprechen, und sie werden umgehend erledigt.“

„Wirklich sehr freundlich“, erwiderte Helen Savalas erleichtert.

„Mr Zavros hat uns angewiesen, dafür zu sorgen, dass es Ihnen an nichts fehlt. Wenn ich recht verstanden habe, sind Sie anlässlich einer großen Hochzeit innerhalb der Familie hier?“

„Ja, aber …“ Ein wenig verwirrt blickte sie sich nach Tina um, die bei der Nennung des Namens Zavros ein ungutes Gefühl beschlich. „Es … ist wirklich sehr freundlich von Ari Zavros …“

„Nein, nein, Maximus Zavros hat diese Anweisung erteilt“, korrigierte der Manager sofort. „Sein Neffe heiratet Ihre Tochter. Ja, und Familie ist Familie, weshalb Sie für Ihren Aufenthalt im El Greco nichts bezahlen. Die Rechnung geht komplett an Mr Zavros. Also stecken Sie Ihre Kreditkarte wieder weg, Mrs Savalas, denn Sie werden sie hier nicht brauchen.“

Tinas Mutter schüttelte fassungslos den Kopf. „Aber ich bin diesem Maximus Zavros doch noch nie begegnet!“

„Das werden Sie bestimmt auf der Hochzeit, Mrs Savalas“, versicherte der Manager ungerührt.

„Ich … weiß wirklich nicht, ob ich das annehmen kann.“

„Oh, aber Sie müssen!“ Der Manager sah sie entsetzt an. „Mr Zavros ist ein sehr reicher und mächtiger Mann. Ihm gehören viele Ländereien und Immobilien auf Santorin. Wenn Sie seine Gastfreundschaft zurückweisen würden, wäre er gekränkt, und ich wäre schuld, weil es mir nicht gelungen ist, Sie zu überzeugen. Bitte, Mrs Savalas, ich flehe Sie an, genießen Sie einfach, was wir Ihnen bieten. Er wünscht es so.“

„Nun ja …“ Helen Savalas zögerte unschlüssig, als ihr plötzlich ein Gedanke kam. Entschlossen schaute sie Tina an. „Wir können ja morgen mit Ari darüber reden.“

Tina nickte resigniert und gab jede Hoffnung auf, dass Ari Zavros noch einmal aus ihrem Leben verschwinden würde. Nicht einen Moment glaubte sie, dass es hier nur um die Gastfreundschaft eines reichen, mächtigen Griechen ging. Drei Worte des Managers hatten sie wie ein Faustschlag getroffen: Familie ist Familie. Jetzt wurde sie den schrecklichen Verdacht nicht los, dass Ari gegenüber seinem Vater geplaudert hatte. Nur das erklärte diesen außerordentlichen Akt von Großzügigkeit.

Der Manager ließ es sich nicht nehmen, sie persönlich auf ihre Zimmer zu führen, um sich zu vergewissern, dass es ihnen an nichts fehlte. Ihre nebeneinanderliegenden Zimmer waren mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten ausgestattet und besaßen jedes eine vor neugierigen Blicken geschützte Terrasse. Eine Platte mit frischem Obst war sicher ebenso eine Aufmerksamkeit des Hauses wie die wundervollen Blumenarrangements. Helen Savalas war begeistert, Tina begutachtete das alles mit ziemlicher Skepsis, und Theo interessierte nur, wann er endlich zu den anderen Kindern in den Kinder-Pool durfte.

Ein Träger brachte das Gepäck, und Tina ließ ihre Mutter in dem Zimmer allein, das diese in der Nacht vor der Hochzeit mit Cassandra teilen würde. Nur kurz ging sie mit Theo in das andere Zimmer und suchte aus dem großen Koffer ihren Badeanzug und seine Badehose hervor. Minuten später waren sie schon auf dem Weg zum Pool.

Während Theo ausgelassen in dem flachen Wasser planschte, setzte Tina sich an den Beckenrand und hing düsteren Gedanken nach. Nur dann und wann schenkte sie ihrem Sohn ein Lächeln. Aris Sohn. Maximus Zavros’ Enkel.

Ob sie beabsichtigten, offiziell Anspruch auf ihn zu erheben? Menschen wie sie kümmerten sich vermutlich nicht darum, wie sehr sie das Leben anderer auf den Kopf stellten. Wenn sie etwas, gleichgültig aus welchen Gründen, begehrten, beanspruchten sie es einfach für sich. Und bekamen es auch. Wie diese bevorzugten Zimmer im Hotel. Fast alles ließ sich mit Geld beeinflussen.

Angst stieg in ihr hoch. Die nächsten fünf Tage befand sie sich auf dieser Insel … der Insel der Zavros, und es würde unmöglich sein, Aris Familie auf der Hochzeit aus dem Weg zu gehen. Selbst wenn sie in Dubai nicht den Fehler gemacht hätte, ihn über die Vaterschaft aufzuklären, spätestens auf der Hochzeit wäre er selbst darauf gekommen. Von dem Moment an, als Cassandra den Heiratsantrag von Aris Cousin angenommen hatte, war eine Konfrontation unausweichlich gewesen.

Die entscheidende Frage war: Wie sollte sie mit ihm verfahren?

Sollte sie ihrer Mutter vorab die Wahrheit sagen?

Alles in ihr sträubte sich dagegen, ihr Geheimnis preiszugeben, bevor es nicht absolut unausweichlich war. Sie entschied sich zu warten, bis sie den folgenden Tag mit Ari verbracht haben würde. Dann würde sie besser beurteilen können, welche Absichten er in Bezug auf Theo hegte und wie sie damit umgehen sollte.

Morgen. Theos fünfter Geburtstag.

Sein erster zusammen mit seinem Vater.

Tina fürchtete, dass ihr jede Minute zur Qual werden würde.

Tina wollte ihre Mutter gerade mit Theo zum Frühstück ins nahe gelegene Restaurant begleiten, als Ari auf ihrem Zimmertelefon anrief. Rasch schickte sie ihre Mutter mit ihrem Sohn vor, um mit dem „reizenden Mann“ die Pläne für den Tag zu besprechen. Sobald die beiden jedoch außer Hörweite waren, ging sie zum Angriff über.

„Du hast deinem Vater von Theo erzählt, stimmt’s?“

„Ja“, bestätigte er gelassen. „Er hatte ein Recht, es zu erfahren … genauso wie ich auch. Aber du hast mir dieses Recht fünf Jahre lang vorenthalten.“

„Du hast damals deutlich gesagt, dass du die Beziehung als beendet betrachtest.“

„Wenn du gewollt hättest, hättest du mich finden können. Meine Familie ist nicht gerade unbekannt. Eine einfache Internetsuche hätte dir zu allen nötigen Informationen verholfen, um erneut Kontakt mit mir aufzunehmen.“

„Aber sicher! Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie toll du es gefunden hättest, von einer deiner abgelegten Frauen belästigt zu werden. Jede E-Mail von mir hättest du doch sofort gelöscht!“

„Nicht, wenn du mir gesagt hättest, dass du schwanger bist.“

„Hättest du mir denn geglaubt?“, entgegnete sie prompt.

Sein Zögern sprach Bände.

„Nun, ich dachte, dass ich immer auf ausreichenden Schutz geachtet hätte“, versuchte Ari, sich zu verteidigen. „Aber ich hätte mich natürlich vergewissert. Jetzt ist die Situation jedoch eine ganz andere: Ich habe Theo kennengelernt, und du solltest dich besser an den Gedanken gewöhnen, dass ich mich nicht mehr aus dem Leben meines Sohnes verbannen lasse.“

Sein Ton verriet, dass er entschlossen war, seinen Anspruch mit allen rechtlichen Mitteln durchzusetzen. Tina begriff, dass sie zunächst einmal Zeit gewinnen musste.

„In Athen hast du gesagt, wir könnte es auf die leichte oder die harte Tour durchziehen.“

„Ja, das habe ich auch so gemeint. Möchtest du mir vielleicht einen Vorschlag machen?“

„Du hast mein Leben schon einmal kaputtgemacht, und ich nehme an, du würdest nicht zögern, es noch einmal zu tun. Aber ich bitte dich, vermassele meiner Schwester nicht den schönsten Tag ihres Lebens. Das wäre wirklich absolut gemein und egoistisch, was allerdings zu dir passen würde. Schön, ich gebe dir Gelegenheit, deinen Sohn in den nächsten Tagen besser kennenzulernen, wenn du bis nach der Hochzeit niemandem mehr verrätst, dass du sein Vater bist.“

Als er schwieg, fügte sie drohend hinzu: „Solltest du nicht einwilligen, werde ich dich an allen Fronten bis aufs Letzte bekämpfen.“

„Wann habe ich mich in unserer Beziehung je gemein und egoistisch verhalten?“, fragte er gekränkt.

„Du hast mich veranlasst, Dinge zu glauben, die nicht wahr waren, weil es deinen Zwecken entgegenkam“, erwiderte sie kalt. „Und wag es nicht, das Theo anzutun!“

„Genug!“, fiel er ihr ins Wort. „Ich willige in deinen Vorschlag ein und hole euch in einer Stunde im Hotel ab. Wir werden den Tag glücklich miteinander verbringen und dafür sorgen, dass unser Sohn viel Spaß hat.“

Ehe Tina etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt. Ihre Hand zitterte, als sie den Hörer aufs Telefon zurücklegte. Wenigstens würde Cass nicht die Hochzeit verdorben. Und was den Rest anging … sie konnte einfach nur eins nach dem anderen in Angriff nehmen.

Ari brauchte die ganze Stunde, um damit klarzukommen, was für eine schlechte Meinung Tina von seinem Charakter hatte. Zuerst flüchtete er sich in Zorn und Ablehnung. Tatsächlich war er es überhaupt nicht gewohnt, dass irgendeine Frau ihn derart aufbringen konnte. Es liegt an Theo, versuchte er, sich einzureden. Da es um seinen Sohn ging, reagierte er natürlich emotionaler als üblich.

Christinas Feindseligkeit ihm gegenüber war dagegen völlig unbegründet und unerklärlich. Wie er sich erinnerte, hatte er sie damals romantisch umworben, mit Geschenken überschüttet und mit Einladungen verwöhnt und ihr all die zärtlichen Worte zugeflüstert, die Frauen so gern hören. Nein, keine Frau hätte sich einen besseren ersten Liebhaber wünschen können.

War es etwa seine Schuld, dass sie trotz aller Vorsorge seinerseits schwanger geworden war? Es war nie seine Absicht gewesen, ihr Leben zu zerstören, und er hätte sich ganz sicher ehrenhaft verhalten, wenn er ihre Situation gekannt hätte. Sie hätte all die Jahre in jedem erdenklichen Luxus und als Teil seiner Familie leben können, anstatt sich als alleinerziehende Mutter abzumühen. Das war ihre Entscheidung gewesen, nicht seine. Im Gegenteil, sie hatte ihm gar keine Gelegenheit gegeben, eine Entscheidung zu treffen. Wenn überhaupt, dann war es gemein und egoistisch von ihr gewesen, ihm die Freuden der Vaterschaft einfach vorzuenthalten.

Andererseits war ihr Wunsch, ihrer Schwester nicht die Hochzeit zu verderben, alles andere als egoistisch, und Ari konnte sich auch nicht erinnern, dass sich Tina während ihrer gemeinsamen Zeit in Australien jemals selbstsüchtig gezeigt hätte. Anders als Felicity Fullbright. Ganz anders. Das Zusammensein mit ihr war in jeder Hinsicht ein Vergnügen gewesen.

Allmählich hatte er sich genug beruhigt, um über ihren bittersten Vorwurf nachzudenken: Du hast mich veranlasst, Dinge zu glauben, die nicht wahr waren, weil es deinen Zwecken entgegenkam.

Was hatte er sie veranlasst zu glauben? Wenn er darüber nachdachte, war die Antwort eigentlich nicht schwer. So jung und unerfahren, wie sie damals gewesen war, hatte sie sein Werben und seine Leidenschaft vermutlich als wahre Liebe missverstanden. Entsprechend musste es sie tief verletzt haben, als er ihr Adieu gesagt hatte. So sehr verletzt, dass sie es nicht ertragen konnte, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen und ihn über ihre Schwangerschaft zu unterrichten.

Und sie befürchtete offensichtlich, dass er Theo genauso verletzen könnte, indem er ihm vormachte, ihn zu lieben, um ihn dann wieder zu verlassen.

Mit anderen Worten, er musste es schaffen, dass sie ihre Meinung von ihm änderte und verstand, dass er sein Kind niemals im Stich lassen würde. Er musste ihr zeigen, dass Theo in seiner Familie mit offenen Armen aufgenommen und aufrichtig geliebt werden würde. Und was den anderen Teil seines Planes betraf: Sein Charme allein würde ganz bestimmt nicht ausreichen, um sie dazu zu bewegen, ihn zu heiraten. Jeden Flirtversuch seinerseits würde sie mit einem vernichtenden Blick ihrer dunklen Augen zunichtemachen. Nein, eine ganz andere Taktik musste her.

Tina hatte ihm einen Handel angeboten. Warum sollte er ihr nicht auch ein Angebot machen? Eines, das so verlockend war, dass sie es nicht ablehnen konnte.

Auf der Fahrt zum Hotel legte Ari sich einen Plan zurecht.

„Er sieht wie ein griechischer Gott aus“, sagte Helen Savalas bewundernd, als Ari Zavros sich ihnen über die Hotelterrasse näherte, wo sie nach dem Frühstück noch bei einer Tasse Kaffee saßen.

Die Worte ihrer Mutter trafen Tina mitten ins Herz. Genau das hatte sie auch einmal gedacht: ein griechischer Gott mit dem von der Sonne gebleichten Haar, den bernsteinfarbenen Augen und dem samtenen Bronzeteint. Daran hatte sich natürlich nichts geändert. Im Gegenteil, weiße Shorts und ein weißes Sporthemd betonten jetzt seine athletische Figur, er war wirklich ein atemberaubender Mann.

Mit dem entscheidenden Unterschied, dass Tina diesmal entschlossen war, bei seinem Anblick nicht dahinzuschmelzen. „Er bringt sogar Geschenke mit“, bemerkte sie deshalb betont spöttisch.

„Ist das für mich?“, rief Theo aufgeregt, sobald er das in Geschenkpapier verpackte Paket bemerkte.

Ari reichte ihm lächelnd den großen Karton. „Ja, natürlich. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Theo.“

„Darf ich es schon auspacken?“, drängte sein Sohn.

„Zuerst solltest du dich bei Ari bedanken“, meinte Tina sanft.

„Vielen Dank, Ari“, gehorchte der Kleine eifrig.

Ari lachte. „Na los, worauf wartest du? Es ist etwas zum Bauen, wenn du mal Langeweile hast.“

Sehr zu Theos Freude stellte sich Aris Geschenk als ein Lego-Bahnhof heraus.

„Theo liebt Lego“, warf Tinas Mutter ein, die immer mehr Gefallen an dem „griechischen Gott“ fand.

„Das dachte ich mir“, antwortete Ari. „Ich kenne das von meinen Neffen, die auch nicht genug davon bekommen können.“

„Da wir gerade von Familie reden“, sagte Helen Savalas rasch. „Ihr Vater hat anscheinend darauf bestanden, die Kosten für unseren Aufenthalt hier komplett zu übernehmen. Das können wir unmöglich annehmen.“

„Aber es ist ihm ein Vergnügen, Mrs Savalas“, widersprach Ari lächelnd. „Wenn Sie auf Patmos wohnen würden, wären Sie Gäste von Georges Familie. Hier auf Santorin ist mein Vater Ihr Gastgeber, und er hat mich gebeten, Sie alle für heute Abend zum Essen in sein Haus einzuladen. Auf diese Weise sind wir auf der Hochzeit keine Fremden mehr.“

Helen Savalas strahlte. „Wie reizend!“

Tina dagegen sah ihn wütend an. Beabsichtigte er vielleicht gar nicht, ihre Abmachung einzuhalten? Was war mit seinen Eltern? Hatte er sie instruiert, ihre Beziehung zu Theo für sich zu behalten? Ganz offensichtlich verfolgte Ari einen eigenen Plan, und sie war nicht überzeugt, dass er ihre Bitte respektieren würde.

Er lächelte ungerührt. „Ich habe meiner Mutter erzählt, dass du heute Geburtstag hast, Theo. Sie backt einen besonderen Kuchen für dich mit fünf Kerzen darauf, die du auspusten kannst. Du hast den ganzen Tag Zeit, um dir zu überlegen, was du dir dabei wünschen willst.“

Und Ari hat den ganzen Tag Zeit, sich bei Theo einzuschmeicheln, dachte Tina verärgert. Wer wusste besser als sie, wie unwiderstehlich nett er sein konnte … für eine Weile. Was ihr Sorgen machte, war die langfristige Perspektive. Wie verlässlich würde Ari als Vater sein?

„Sie begleiten uns doch jetzt, Mrs Savalas, oder?“, lud er jetzt ganz selbstverständlich ihre Mutter ein.

„Nein, nein“, wehrte diese ab. „Ich mache lieber einen Spaziergang in den Ort und sehe mir die Kirche an, wo die Trauung stattfindet. Danach gehe ich vielleicht noch ein bisschen shoppen und mache einen Besuch im Museum.“ Sie lächelte ihrer Tochter ermunternd zu. „Ihr jungen Leute zieht besser alleine los.“

Toller Mann, unverheiratete Tochter, griechische Sonneninsel … der romantische Fehlschluss ihrer Mutter war vielleicht ebenso naheliegend, wie Tina ihn unpassend fand.

„Aber ich freue mich auf das Essen mit Ihrer Familie heute Abend“, fügte Helen Savalas zu Tinas Leidwesen hinzu, womit sie nämlich Aris Plänen endgültig ihren Segen gab.

Tina musste sich wohl oder übel fügen. Sie hatte Ari versprochen, den Kontakt zu ermöglichen, wenn er im Gegenzug bis nach der Hochzeit schwieg. Sollten allerdings er oder seine Eltern aus egoistischen Motiven die Katze vorzeitig aus dem Sack lassen, würden sie es mit ihrem Zorn zu tun bekommen.

Als sie kurz danach in den Ort aufbrachen, ging Theo zwischen ihnen und hielt Tinas Hand und … die Hand des Mannes, der sein Vater war. Tina fragte sich schweren Herzens, wie sie ihrem kleinen Sohn letztendlich die Wahrheit erklären sollte.

„Kennen deine Eltern die Abmachung?“, fragte sie über Theos Kopf hinweg.

„Sie werden rechtzeitig davon erfahren“, versicherte er ihr.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu glauben. Sie konnte nur hoffen, dass er sich diesmal fair verhielt. Denn jetzt ging es nicht um ihn oder um sie, sondern um das Glück ihres Kindes.

Auf dem Weg in die Stadt bot sich ein fantastischer Blick auf den vom Meer gefluteten Vulkankrater und die steilen Klippen ringsum. Zwei imposante weiße Kreuzfahrtschiffe lagen malerisch in dem blau glitzernden Hafen vor Anker und erregten sofort Theos Aufmerksamkeit.

„Fahren wir mit einem von den Schiffen?“, fragte er gespannt.

„Nein“, antwortete Ari lachend. „Die sind viel zu groß, um dicht an die Küste heranzufahren. Siehst du die kleinen Boote? Sie holen die Leute von den Schiffen ab und bringen sie an Land. Wir fahren mit einer Motorjacht, die uns hinbringt, wohin wir wollen. Wenn du magst, darfst du sogar das Ruder übernehmen.“

„Wirklich?“ Theo machte kugelrunde Augen.

„Ja“, bekräftigte Ari. „Ich nehme dich auf den Schoß, und dann bist du der Kapitän. Ich zeige dir, was du tun musst.“

„Hast du gehört, Mama? Ich kann Kapitän von einem Boot sein!“

„Ist es dein Boot?“, fragte Tina über den Kopf ihres Sohnes hinweg, wobei sie überlegte, welche Überraschungen Ari noch für Theo aus dem Ärmel zaubern würde.

„Es ist die Familienjacht. Sie liegt am Kai in der Stadt für uns bereit.“

Seine Familie. Seine steinreiche Familie. Was hatte sie entgegenzusetzen, wenn diese Leute es darauf anlegten, Theo für sich zu gewinnen? Er war doch genauso arglos und naiv, wie sie es gewesen war, als sie Ari kennengelernt hatte. Natürlich würde ihr kleiner Sohn tief beeindruckt von all dem Reichtum und Überfluss sein, und am Ende käme womöglich ein hässliches Gezerre um seine Liebe dabei heraus.

Tinas Mut sank. Ari fiel es so leicht, Theo für sich einzunehmen. Genauso leicht, wie es damals bei ihr gewesen war. Alles sprach einfach für ihn. Sogar jetzt, trotz ihrer schmerzlichen Erfahrung in der Vergangenheit, fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Nach ihm hatte sie sich für keinen anderen Mann interessiert, nicht ein einziges Mal in all den Jahren. Während er zweifellos die freie Auswahl aus einer ganzen Reihe von schönen Frauen genossen hatte. Wie die Blondine in Dubai.

Das Leben war nicht fair. Er war ihre große Liebe gewesen, aber sie hatte ihm nichts bedeutet. Und jetzt interessierte sie ihn nur, weil sie die Mutter seines Sohnes war.

Am Straßenrand auf dem Weg zu der weißen Kirche, die sich oben auf dem Hang erhob, stand vor einem Souvenirladen neben vielen Postkartenständern die Statue eines Esels, ganz rosa und mit einem Einwurfschlitz für Briefe in der Mitte. „Liebesbriefe“ stand auf einem roten Herz über dem Schlitz zu lesen.

„Darf ich mich darauf setzen?“, bettelte Theo. „Du hast es mir schon bei dem Kamel in Dubai versprochen, aber dann hatten wir keine Zeit.“

„Aber du sitzt doch gleich auf einem echten Esel“, wehrte Tina ab, der der Bezug zu dem Wort „Liebe“ nicht behagte.“

„Der ist aber nicht rosa! Ich möchte so gern ein Foto von mir auf dem rosa Esel!“

„Dann sollten wir dem Geburtstagskind den Wunsch erfüllen“, meinte Ari, hob Theo auf die Eselstatue und blieb sicherheitshalber neben ihm stehen.

Wie die beiden sie vergnügt angrinsten, als sie das gewünschte Foto schoss, waren sie so sehr ein Bild von Vater und Sohn, dass es Tina fast das Herz zerriss.

Auf Aris Bitte hin, tauschten sie dann die Plätze, sie stellte sich neben ihren Sohn, und Ari nahm die Kamera.

„Lächeln!“, befahl er.

Sie gab ihr Möglichstes. Kaum hatte Ari das Foto gemacht, zog er sein Handy aus der Tasche und schoss gleich noch eines hinterher. Um es seinen Eltern zu zeigen, dachte Tina sofort. Das ist die Frau, die Theos Mutter ist, und das ist euer Enkel. Und ihr Interesse würde sich natürlich nur auf Theo richten, der Ari so ähnlich war … ein echter Zavros, kein Savalas.

„Du hast ein bezauberndes Lächeln, Tina“, sagte Ari, als er ihr die Kamera zurückgab und Theo von dem Esel hob.

„Lass es sein“, erwiderte sie leise.

Fragend betrachtete er einen Moment lang ihre feindselige Miene. „Was soll ich sein lassen?“

Theo kramte in einem Korb mit Spielsachen, sodass Tina kein Blatt vor den Mund nehmen musste. „Ich will keine Komplimente von dir.“

„Aber ich habe doch nur die Wahrheit gesagt.“

„Lass es sein. Es erinnerte mich nur daran, wie dumm und naiv ich damals war. Du wirst mich nicht noch einmal einwickeln, Ari.“

Er seufzte. „Hör zu, es tut mir wirklich leid, dass du damals mehr in unsere Beziehung hineininterpretiert hast, als beabsichtigt war.“

„Ach ja? Was genau hast du denn damit gemeint, als du sagtest, ich sei etwas ganz Besonderes für dich?“, entgegnete sie gekränkt.

Er sah sie so intensiv an, dass sie die Erinnerungen heiß durchzuckten. „Du warst etwas ganz Besonderes. Aber ich war zu der Zeit noch nicht zu einer dauerhaften Bindung bereit. Jetzt bin ich es. Ich will dich heiraten, Christina.“

Sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde für einen Schlag aussetzen. Sprachlos blickte sie zu Ari auf. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet. Theo ist der Grund, meldete sich ihre Vernunft. Ari hielt das für den besten … den einfachsten … Weg, um an Theo heranzukommen. Wer sie war und was sie wollte, war völlig unerheblich.

„Vergiss es!“, wehrte sie scharf ab. „Ich bin nicht bereit, mein Leben auf den Kopf zu stellen, nur weil es dir passt!“

„Ich könnte dafür sorgen, dass es dir auch passt“, erwiderte er sofort.

Ihre dunklen Augen funkelten spöttisch. „Und wie stellst du dir das vor?“

„Ein angenehmes Leben. Kein Gezerre um Theo. Wir ziehen ihn gemeinsam groß. All deine Wünsche werden, sofern sie vernünftig sind, Berücksichtigung finden.“

„Eine Heirat mit dir wäre mir nicht Sicherheit genug. Du kannst es mir in noch so verlockenden Farben ausmalen, Ari, ich falle nicht darauf herein.“

„Und was, wenn ich dir eine Garantie anbiete? Ich lasse einen Ehevertrag aufsetzen, der dir und Theo für den Rest eures Lebens finanzielle Sicherheit garantiert.“ Ein spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Betrachte es von mir aus als faires Entgelt für den Schmerz, den ich dir verursacht habe.“

„Ich kann allein für Theo sorgen.“

„Nicht in dem Umfang, wie es das Vermögen meiner Familie ermöglicht.“

„Geld ist nicht alles. Davon abgesehen, will ich nicht deine Frau werden. Damit würde ich mir nur weiteren Schmerz einhandeln.“

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