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JULIA EXTRA, BAND 355

REBECCA WINTERS

Ein Prinz zu Weihnachten

Wie überraschend liebevoll sich Prinz Eric Thorvaldsen um ihre blinde Nichte Sonia kümmert! Kristin ist ganz gerührt – und kurz davor, ihr Herz an den berüchtigten Playboy-Prinzen zu verlieren …

TERESA CARPENTER

Heirate mich am Fest der Liebe!

„Heirate mich am Fest der Liebe!“ Retts Antrag stürzt Skye in ein Wechselbad der Gefühle. Handelt er nur aus Pflichtgefühl? Oder erwidert ihr attraktiver Ex etwa plötzlich ihre nie versiegte Liebe?

MAGGIE COX

Schneesturm der Herzen

„Ich wünsche mir so sehr, dass Mum und Dad wieder zusammenkommen!“ Die neunjährige Saskia hat eigentlich nur einen Wunsch an den Weihnachtsmann. Wird er sich dieses Jahr endlich erfüllen?

JULIANNA MORRIS

Dein Kuss unter dem Mistelzweig

Unter dem Mistelzweig gibt Shannon sich noch Alex’ zärtlichem Kuss hin. Doch kurz darauf muss sie sich fragen, ob der attraktive Witwer wirklich schon bereit ist für eine neue Beziehung …

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Ein Prinz zu Weihnachten

1. KAPITEL

„Eric? Verzeihst du mir, dass ich dich noch so spät anrufe?“

„Maren?“

Eric Thorvaldsen, fünfunddreißig Jahre alt und Fünfter in der Thronfolge der Frijanischen Krone, saß senkrecht im Bett. Sein schwarzer Labrador Thor, der am Fußende seines Bettes lag, hob nur kurz den Kopf und legte ihn dann wieder nieder. Ein kurzer Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es vier Uhr morgens war.

„Na, hast du mich schon zum Onkel gemacht?“

Seine Schwester erwartete ihr erstes Kind.

„Nein, noch nicht, Bruderherz. Ich hatte Wehen, und Stien hat mich ins Krankenhaus gebracht, aber es hat wieder aufgehört. Wie auch immer, so oder so wird unser Baby zu früh kommen. Aber der Arzt hofft, dass ich noch eine Woche durchhalte; auf jeden Fall hat er mich dazu verdonnert, ruhig zu liegen.“

„Noch vier Tage, und dann ist Weihnachten!“

„Ja, das wäre doch was, nicht wahr, wenn unser Baby am schönsten Tag des Jahres auf die Welt kommen würde?“

Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, tat Eric sein künftiger Neffe jetzt schon leid. Gab es etwas Schlimmeres als seinen Geburtstag an einem Feiertag zu begehen? Den Gedanken behielt er allerdings lieber für sich. „Wann auch immer es auf die Welt kommt, es wird ein wundervoller Tag.“

„Ich weiß, ich kann es kaum noch erwarten. Wie auch immer, jetzt, da ich quasi ans Bett gefesselt bin, muss ich dich um einen Gefallen bitten. Und bitte sag nicht Nein, bevor du gehört hast, worum es geht. Es ist wirklich wichtig!“

Für Erics mitfühlende Schwester war alles wichtig – sie war Schirmherrin Dutzender wohltätiger Vereine und Stiftungen, die sich um Obdachlose, Waisen, Kranke, Alte, misshandelte Tiere und noch vieles mehr kümmerten. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

„Ich hätte ja Knute oder Mutter gefragt“, fuhr Maren fort, „aber Knute nimmt an diesem Wirtschaftskongress in Hamburg teil und kommt wohl nicht vor nächster Woche zurück. Und Mutter ist gleich mit ihm mitgefahren, um ein bisschen einkaufen zu gehen. Also kommst nur noch du infrage.“

Seit ihr Vater letztes Jahr einem schweren Herzinfarkt erlegen war, war Knute König des Landes. Da Maren seinen Bruder erwähnte, ahnte Eric schon, dass dieser „Gefallen“ offizieller Natur sein musste – und „offiziell“ waren grundsätzlich Dinge, um die er, wann immer es ging, einen weiten Bogen machte.

„Eric? Ich weiß, dass du gerade zusammenzuckst.“

Er musste schmunzeln. „Bin ich so schlimm?“

„Nein, noch viel schlimmer! Im Ernst, es ist wirklich wichtig, und wenn du nicht kannst, muss ich es eben riskieren, mein Baby früher als geplant auf die Welt zu bringen und mich selbst darum kümmern.“

Er schmunzelte. „Fantastisch – jetzt hast du mich an einen Punkt gebracht, an dem ich kaum Nein sagen kann, nicht wahr?“

„Ich liebe dich, Bruderherz.“

„Ich dich auch, mein erpresserisches Schwesterherz.“

Abgesehen davon, dass Maren ein Jahr älter war, waren sie wie Zwillinge. Knute war sieben Jahre älter. Gott sei Dank stellte er seine königlichen Pflichten nie infrage. Dadurch dass Knute zwei Söhne hatte, die jetzt schon auf ihre Zukunft vorbereitet wurden – für den Fall, dass ihm irgendetwas zustoßen sollte –, gefolgt von Maren und ihrem erwarteten Baby, die Nummer drei und vier der Thronfolge belegten, nahm Eric Platz fünf ein. Eine Tatsache, die ihn ungemein freute, da er sich fast zu hundert Prozent sicher sein konnte, niemals regieren zu müssen. Gleichzeitig hatte sie ihm die Freiheit beschert, seinen Beruf als Ozeanograf ausüben zu können.

„Muss ich in den Palast kommen?“ Thorsvik lag nur ungefähr eine halbe Stunde von seinem Haus entfernt.

„Nein, du kannst direkt in Brobak bleiben.“

„Das ist schon mal ein Vorteil.“

Wenn er nicht gerade in der Stadt arbeitete oder an ozeanografischen Seminaren rund um den Globus teilnahm, bevorzugte er es, die wenige Freizeit, die er hatte, in seinem Haus zu verbringen, das in einem kleinen Dorf südlich Oslos lag. Ganz oben von einem Steilhang, weitab von den nächsten Nachbarn, konnte er auf die Hauptstadt hinabblicken und sich wieder frisch und jung fühlen.

„Ich werde jemanden vom Palast bitten, dir gleich am Morgen deine Gardeuniform zu bringen.“

„Eric runzelte die Stirn. Seit dem Familienfoto, das während Knutes Krönungszeremonie aufgenommen worden war, hatte er keine offizielle Kleidung mehr anlegen müssen.“

„Das gehört also morgen dazu?“

„Ja, aber lass mich das erklären. Vor einem Jahr hat sich der Chocolate Barn am Marktplatz dazu entschlossen, sein Angebot an Weihnachtsexportwaren auszuweiten und eine neue heiße Schokolade anzubieten. Statt den üblichen traditionellen Gnom auf der Packung abzudrucken, haben sie einen Wettbewerb durchgeführt, um ein passendes kleines frijanisches Mädchen zu finden, das sie auf der Dose abbilden können. Sie hoffen, dass sie überall auf der Welt einen Wiedererkennungswert haben wird. Ein kleines Mädchen aus Amerika mit frijanischen Wurzeln hat den Wettbewerb gewonnen, und der Preis ist eine vorweihnachtliche Reise nach Frija zusammen mit ihren Eltern und …“

„… und, lass mich raten, der Höhepunkt des Ganzen ist ein Treffen mit Prinzessin Maren im Chocolate Barn, wo sie dann gleich eine Jahresration an Schokolade mitnehmen darf“, unterbrach sie Eric.

„So was in der Art“, murmelte Maren. „Sie haben mich vor einem Jahr gefragt, ob ich das machen könnte, und ich habe natürlich zugesagt. Sie wird um 14 Uhr dort sein, um dich zu treffen.“

„Hast du schon jemals irgendjemandem eine Bitte abgeschlagen?“

„Du weißt doch, wann immer es um einen wohltätigen Zweck geht, sage ich nicht Nein. Der Chocolate Barn wird einen Teil der Umsätze dieses neuen Produkts an meine Tierschutzorganisation spenden.“

„Ja, aber ich bin mir sicher, dass der Inhaber und auch die Eltern des Mädchens Verständnis dafür haben, wenn sie erfahren, dass du ein Baby erwartest.“

„Natürlich würden sie das. Aber wir sprechen hier von einem kleinen Mädchen. Eine süße Sechsjährige, die immer noch an Märchenprinzessinnen und Schlösser und Zauberei glaubt. Ich bin mir sicher, dass sie den morgigen Tag kaum erwarten kann.“

Eric gab einen resignierten Laut von sich, der halb nach Lachen und halb nach Seufzen klang. „Ich bin wohl kaum ein passender Ersatz, Maren.“

„Im Gegenteil, du bist perfekt! Und mit deiner Uniform siehst du aus wie Prince Charming, der gleich den Thron besteigen wird. Sie wird sich auf der Stelle in dich verlieben und völlig vergessen, dass sie eigentlich mich treffen wollte. Der Hoffotograf wird auch da sein und ein paar Erinnerungsfotos von euch beiden schießen – und danach kannst du deinen Urlaub genießen.“

„Das klingt gut. Ich muss bis Januar nicht mehr arbeiten und wollte morgen mit Bea einen Tag zum Skifahren nach Kvitfjell fliegen.“

„Das freut mich. Ich habe aus verlässlicher Quelle erfahren, dass sie sehr in dich verliebt ist.“

„Die Presse behauptet alles Mögliche, Maren. Wir hatten viel Spaß miteinander, aber interpretiere da nur nicht zu viel hinein.“

„Ich habe Fotos von euch beiden in der Zeitung gesehen. Sie ist sehr hübsch und – wie man hört – auch intelligent. Mit einer solchen Frau könntest du nichts falsch machen.“

„Da hast du recht.“

„Vielleicht bringst du sie mal in den Palast, wenn ihr wieder zurück seid, sodass wir sie mal kennenlernen können?“

„Mal sehen …“

„Eric …“ rief seine Schwester in gespielter Verzweiflung.

„Ist ja gut, falls ich mich bis dahin in sie verliebt haben sollte, mache ich euch miteinander bekannt.“

Maren stöhnte ergeben.

„Ich will keinen Fehler machen, Maren.“

Seit einigen Jahren schon nannten ihn die Paparazzi den größten Playboy Europas. Eine Lüge, die sie immer wieder benutzten, um den Verkauf ihrer Blätter anzukurbeln, aber Eric weigerte sich, sich darüber aufzuregen.

Nach einer kleinen Pause sagte Maren leise: „Ich würde nicht wollen, dass das passiert – dass du einen Fehler machst, meine ich.“

Eric konnte sich immer auf die Liebe seiner Schwester verlassen.

Im Gegensatz zu Knute und Maren, die beide Partner von adliger Abstammung geheiratet hatten für den Fall, dass entweder einer von ihnen oder ihre Kinder regieren müssten, stand es Eric frei, eine Frau seiner Wahl zu heiraten – auch eine Bürgerliche. Das war Teil der Abmachung mit seinem Vater gewesen, bevor dieser gestorben war.

Merkwürdigerweise hatte die Tatsache, dass er, wie jeder Bürgerliche auch, die Frau heiraten durfte, die er wollte, Eric nur noch zögerlicher gemacht, was das Thema Ehe betraf. Er bevorzugte es, gleich beim ersten Mal die richtige Frau zu heiraten und nicht eines Tages vor einer Scheidung zu stehen.

Noch vor einigen Tagen hatte ihm sein bester Freund Olav, der erst kürzlich geheiratet hatte, etwas in der Art gesagt, dass die Ehe auf eine furchtbar lange Zeit angelegt sei und man es sich besser gründlich überlegte, bevor man den entscheidenden Schritt tat.

Zum ersten Mal hatte Eric nicht genau einschätzen können, ob sich sein ältester Freund aus Kindertagen nur einen Scherz erlaubt hatte oder nicht. Seit dieser Aussage hatte Eric den leisen Verdacht, dass Olavs Ehe bereits jetzt in Schwierigkeiten steckte. Und das machte ihm Angst.

„Sei wegen morgen ganz beruhigt. Ich werde mein Bestes geben, um dich zu vertreten. Alles, was du tun musst, ist, auf dich und das Baby aufzupassen.“

„Danke, Eric, du bist der Beste.“

Nein, war er nicht. Knute wäre ohne zu zögern für sie eingesprungen. Alles zum Wohl Frijas. Ihr Bruder hatte einen edlen Charakter, und dafür bewunderte und liebte ihn Eric.

Um sein schlechtes Gewissen in Bezug auf seine Abneigung gegenüber königlichen Verpflichtungen wieder wettzumachen, erwiderte er: „Bevor ich zu meinem Skiurlaub aufbreche, lasse ich dich wissen, wie der Tag gelaufen ist.“

„Das würde mich freuen. Und versprich mir, dass du dir kein Bein brichst, sonst ist dein restlicher Urlaub ruiniert.“

„Das habe ich ganz sicher nicht vor.“

„Sogar ein so erfahrener Skifahrer wie du kann mal einen Unfall haben, Eric. Sei einfach nur vorsichtig. Du weißt, wie sehr sich Mutter darauf freut, uns alle zusammen Weihnachten zu sehen.“

Eric war sich dessen bewusst, dass seine Mutter immer noch trauerte und ihre Familie um sich brauchte. Knute hatte die Idee gehabt, sie nach Deutschland mitzunehmen, wo sie hoffentlich keine Zeit zum Grübeln hatte. Und Gott sei Dank würde Maren ihr bald ein Enkelkind schenken, um das sie sich liebevoll kümmern konnte.

„Mach dir keine Sorgen. Ich bin nur für ein paar Tage weg. Befolge du einfach das, was dir der Arzt gesagt hat, Maren. Gute Nacht.“

„Halt mal einen Augenblick still, meine Süße.“

Ein paar Haarklammern stellten sicher, dass das rote Spitzenkäppchen auf Sonias glänzenden braunen Locken sicher saß.

„So.“ Kristin Remmen gab ihrer Nichte einen Kuss. Sie kümmerte sich um sie, seit ihre Schwester bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen war. „Jetzt bist du fertig.“

„Glaubst du, die Prinzessin ist schon da, Tante Kristin?“ In freudiger Erwartung dessen, was noch kommen würde, hüpfte Sonia aufgeregt von einem Bein aufs andere.

Kristin betrachtete ihre fünfeinhalbjährige Nichte. Ihre Augen funkelten wie Sterne, obwohl ihr Licht vor einiger Zeit erloschen war. Sie war immer brav und tapfer, aber der Gedanke, Prinzessin Maren aus dem Frijanischen Königshaus persönlich zu treffen, hatte sie in hellste Aufregung versetzt. Es war das einzige Gesprächsthema seit Wochen, und für Sonia konnte es nicht bald genug dazu kommen.

„Ich weiß es nicht. Wir müssen hier warten, bis uns die Inhaber rufen lassen.“

Die Severeids hatten ihnen den Aufenthaltsraum für die Angestellten im hinteren Teil des Chocolate Barn überlassen, damit sie sich in den letzten Minuten vor dem Treffen vorbereiten konnten.

Sie und Sonia hatten sich in dem kleinen, reizenden Hotel, in dem sie untergebracht waren und das nur einen Block vom Chocolate Barn entfernt lag, fertig gemacht. Für diesen besonderen Anlass hatte sich Kristin ein kirschrotes Mantelkleid aus Wolle geleistet, das vom Kragen bis hinunter zum Saum mit goldenen Knöpfen bestickt war. Es saß perfekt und versteckte die weiblichen Rundungen ihrer ein Meter vierundsechzig.

Die Anwesenheit Prinzessin Marens würde dazu führen, dass der unvermeidliche Pulk an Fotografen und Fernsehjournalisten anwesend sein würde. Es war nur allzu natürlich, dass Kristin so gut wie möglich aussehen wollte. Ihr honigblondes Haar hatte sie in einem französischen Knoten hochgesteckt, sodass die winzigen goldenen Ohrringe in Form von glitzernden Christbaumkugeln zum Vorschein kamen.

Die ganze Aktion war in das Weihnachtsthema eingebunden und würde die Meldung in den Abendnachrichten in Europa und auf der ganzen Welt sein.

„Wenn deine Urgroßmutter noch leben würde und dich jetzt in dieser traditionellen Tracht sehen könnte, die sie damals für ihr kleines Mädchen aus Frija mitgebracht hat, wäre sie unglaublich stolz auf dich.“

Nach der Familiengeschichte Kristins war Anton Remmen, der auf dem Familienhof im Varland Fjord gearbeitet hatte, im Jahr 1900 mit seiner Frau, seinem Sohn und der Tochter Sonja, nach der auch Sonia benannt war, nach Amerika ausgewandert.

Die rote Weste, der schwarze Rock und die mit der berühmten Varland-Spitze bestickte weiße Leinenbluse und Schürze waren typisch für die Region, aus der sie stammten. Mit ihren roten Kniestrümpfen und den schwarzen Schuhen mit den silbernen Schnallen sah Sonia wie die Verkörperung eines traditionellen frijanischen Kindes aus.

Inzwischen schmückte Sonias Bild die Etiketten zahlreicher Dosen und Päckchen für heiße Schokolade des Chocolate Barn aus Brobak.

Viele ältere Menschen, die sich noch an die berühmte Olympia-Eiskunstläuferin Sonja Hewie erinnerten, bemerkten, wie sehr ihr Sonia mit ihrem gewinnenden breiten Lächeln und den Grübchen ähnelte.

Kristin konnte ebenfalls eine entfernte Ähnlichkeit erkennen. Ohne Zweifel strahlte ihre Nichte eine Lebendigkeit aus, die viele Menschen fesselte. Die Tatsache, dass sie in der authentischen Tracht ihrer Großmutter Sonja so unglaublich fotogen und bezaubernd aussah, hatte Mr und Mrs Severeid dazu veranlasst, sich für Sonias Bild zu entscheiden, das zusammen mit Hunderten anderer aus Frija, Europa und Amerika für den Wettbewerb eingesendet worden war.

„Glaubst du, dass mich Opa Elling im Fernsehen sehen wird?“

„Das würde er um nichts auf der Welt verpassen.“

Kristin senkte den Kopf. Sie spürte einen Stich in ihrem Herzen, wenn sie an ihren traurigen Vater dachte, der aufgrund einer schweren Grippe zu krank war, um sie auf ihrer dreitägigen Reise nach Brobak und zu den umliegenden Dörfern Frijas zu begleiten.

Wären Sonias Eltern noch am Leben, so hätten sie sie anstelle Kristins heute hierhergebracht. Sie hätten alles sehen können, und es wäre ohne Zweifel aufregend gewesen, in diesem wunderschönen Land auf den Spuren ihrer Vorfahren zu wandeln.

„Ms Remmen?“ Kristin drehte sich um, als sie Mrs Severeids Stimme hörte. „Könnte ich Sie einen Moment sprechen?“, fragte sie auf Frijanisch. Kristin beherrschte die Sprache fließend und unterrichtete sie am Amerikanisch-Frijanischen Kulturinstitut in Chicago.

„Ist die Prinzessin jetzt da?“, fragte Sonia aufgeregt.

„Warte eine Minute, meine Süße, ich finde es gleich heraus. Setz dich so lange auf diesen Stuhl.“

Kristin ließ ihre zappelige Nichte zurück, um sich kurz zur Tür zu begeben. „Ja?“

„Es gab einige Änderungen im Ablauf“, flüsterte die ältere Dame. „Der Hof hat gerade mitteilen lassen, dass Prinzessin Maren jeden Moment ihr erstes Kind erwartet und daher Bettruhe verordnet bekommen hat. Sie wird deshalb von ihrem Bruder Eric vertreten. Das ist unglaublich spannend. Er lässt sich kaum bei öffentlichen Auftritten blicken, und deshalb fühlen wir uns natürlich sehr geehrt, dass er uns besucht. Ich dachte, Sie sollten das wissen, damit Sie ihre Nichte darauf vorbereiten können. Wenn es an der Zeit ist, mit ihr vor das Geschäft zu treten, gebe ich Ihnen ein Zeichen.“

„Danke“, murmelte Kristin, aber ihr Herz sank. Sie richtete einen besorgten Blick auf ihre Nichte, die fest damit rechnete, eine Prinzessin zu treffen, seit sie wusste, dass sie den Wettbewerb gewonnen hatte.

In Wahrheit war das der einzige Grund, warum Kristin sie nach Frija gebracht hatte. Die heikle Situation musste äußerst behutsam behandelt werden.

Kristin ging zurück zu Sonia und kniete sich neben sie. „Meine Süße? Rate mal, was ich gerade herausgefunden habe.“

„Was?“, fragte Sonia völlig außer Atem und so aufgeregt, dass sie fast vom Stuhl fiel.

„Prinzessin Maren wird ein Baby bekommen.“

„Ein Baby …“ Sonias Augen weiteten sich. „Du meinst, jetzt hier?“

„Nein, mein Schatz. Sie bekommt es im Krankenhaus, aber jetzt gerade ist sie zu Hause im Bett.“

„Ist sie krank?“

„Nein, doch der Arzt möchte, dass sie ruhig liegt, bis das Baby da ist.“

„Fahren wir dann zum Palast, um sie zu sehen?“

Kristin nahm ihre Nichte in den Arm und betete inständig um einen Geistesblitz. „Ich befürchte, nein, aber jemand anderes wird uns treffen.“

Sonias Unterlippe begann zu zittern. Kein gutes Zeichen.

„Aber ich möchte niemand anderen treffen.“

„Nicht mal ihren Bruder?“

„Er ist keine Prinzessin …“, platzte es aus ihr heraus. Die tränenerstickte Stimme war so laut, dass man sie ohne Zweifel auch jenseits der Abgrenzungen des Hinterzimmers hören konnte.

Kristin stöhnte innerlich. „Ich weiß, mein Schatz, aber ihr Bruder ist ein Prinz und ein ganz besonderer Mensch. Sein Name ist Eric. Er ist genauso bekannt wie seine Schwester.“

Abgesehen von der Tatsache, dass „berüchtigt“ es wohl eher traf.

Im Laufe der Jahre hatte Kristin viele Bilder der attraktiven königlichen Familie im Fernsehen, in Hochglanzmagazinen und der hauseigenen Zeitung des Kulturinstituts gesehen. Eines war auch in der Ausgabe gewesen, in der sie die Ausschreibung für den Chocolate Barn – Wettbewerb entdeckt hatte, der dem Gewinner versprach, Prinzessin Maren zu treffen. Ihr Bruder, Prinz Eric, sah sogar noch besser aus als sein älterer Bruder, der jetzt König war.

Der begehrte Playboy-Prinz war öfter in den Nachrichten vertreten als der gesamte Rest seiner Familie. Er wurde mit vielen Schönheiten aus ganz Europa in Verbindung gebracht, und es wurde ihm nachgesagt, dass er schon unzählige Herzen gebrochen hatte.

„Ich will aber die Prinzessin treffen.“ Sonia weinte laut genug, dass das ganze Geschäft sie hören konnte.

„Ich weiß, dass du das möchtest, aber wir können nichts machen. Erinnerst du dich, dass Opa Elling nicht mit uns mitkommen konnte, weil er krank ist? Nun, der Prinzessin geht es genauso.“

„Aber sie ist nicht krank. Sie muss sich nur ausruhen“, argumentierte Sonia mit ihrer kindlichen Logik, bevor sie sich laut schluchzend und inzwischen völlig außer sich an Kristin klammerte. „Bitte, Tante Kristin“, bettelte sie weiter, „können wir die Prinzessin nicht anrufen? Wenn du ihr sagst, wie sehr ich sie treffen möchte, wird sie mir erlauben, sie zu besuchen. Ich bin mir sicher, dass sie das wird.“

Tränen strömten über die rot gefleckten Wangen ihrer Nichte. Kristin hatte Sonia nicht mehr in solch einem Zustand gesehen, seit sie damals im Krankenhaus aufgewacht war und erfahren hatte, dass ihre Eltern nun im Himmel waren.

„I-Ich verspreche dir, d-dass ich ganz r-ruhig bin, u-und auch nichts f-falsch mache, Tante Kristin.“

Der Grund für Sonias hysterisches Verhalten lag nicht in der großen Enttäuschung, die Prinzessin nicht sehen zu können, sondern viel tiefer. Sie war nach dem Tod ihrer Eltern noch zu empfindlich für größere Änderungen.

Angesichts der Tatsache, dass draußen vor dem Geschäft ein Mitglied der königlichen Familie, ein Dutzend Kamerateams und Fotografen auf das Erscheinen eines kleinen glücklichen frijanischen Mädchens warteten, stieg Kristins Verzweiflung.

Das Ganze war ein einziger Albtraum!

„Vielleicht kann ich helfen“, sagte eine tiefe, fesselnde und äußerst männliche Stimme, in der nur ein leiser Hauch eines Akzents mitschwang.

2. KAPITEL

Kristin wandte ihren Kopf in Richtung Tür. Als sie den Prinzen dort stehen sah, der in seiner zeremoniellen Uniform geradezu überwältigend attraktiv war, weiteten sich ihre hellblauen Augen. Kristin stockte vor Überraschung der Atem, und sie stand auf.

Sein Äußeres glich dem von Sonia, auch er hatte dunkelbraunes Haar und braune Augen. Genauso groß und stark wie sein Bruder und sein Vater, war er mit seinen ein Meter neunzig von beeindruckender Statur und strahlte eine durch und durch aristokratische Aura aus.

Kristin überlegte, dass ihre Nichte wohl einfach nur sprachlos wäre, wenn sie ihn sehen könnte, ganz in dunkelblauer Uniform mit breiter roter Schärpe quer über der Brust.

Während sie ihn betrachtete, wurde ihr bewusst, dass er sie ebenso gründlich musterte.

Sein Blick wanderte mit unverkennbar männlichem Interesse über ihr Gesicht und anschließend über ihre Figur. Kristin schluckte und wandte sich schnell ab.

Im nächsten Augenblick kam er schon auf sie zu und kniete neben Sonia nieder. Das kleine Mädchen schluchzte noch heftiger als zuvor und ließ sich nicht beruhigen.

„Ich habe gehört, du heißt Sonia“, begann er. „Dann bist du also das Mädchen, das den ganzen weiten Weg von Amerika gekommen ist, um meine Schwester zu treffen.“

Seine Worte sorgten lediglich für einen erneuten Tränenausbruch.

Kristin bemerkte, wie sich seine Muskeln unter dem Jackett anspannten. Sie wusste, dass er sich bemühte, eine Lösung für die nahezu ausweglose Situation zu finden.

„Ich heiße Eric. Meinst du, du könntest nur eine Minute aufhören zu weinen und mir zuhören?“

Sonia rieb sich die feuchten Augen. „I-Ich m-möchte mit n-niemanden sprechen a-außer mit d-der Prinzessin.“

„Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Wenn ich als kleiner Junge über irgendetwas furchtbar traurig war, rannte ich immer zu meiner Schwester, um mich bei ihr auszuweinen. Sie ist der liebste Mensch, den ich kenne. Hast du einen jüngeren Bruder?“

„Nein.“ Inzwischen hatte Sonia einen Schluckauf. „M-Meine Mum und mein Dad sind gestorben, bevor sie mir ein Brüderchen schenken konnten.“

Kristin spürte, wie der Prinz diese Worte verarbeitete. Der adlige Junggeselle mit dem Ruf eines Playboys tat ihr fast schon leid. Sie konnte sich denken, dass er mit einer Krise dieser Art wohl noch nie zu tun gehabt hatte.

„Meine Schwester hat mich darum gebeten, an ihrer Stelle zu kommen, weil sie selbst leider nicht kann. Ich weiß, dass du eine richtige Prinzessin treffen wolltest. Aber ich bin ihr Bruder.“ Er wischte einige Tränen aus ihrem Gesicht. „Meinst du, ein Prinz tut es auch?“

Keine Frau, egal ob jung oder alt, wäre immun gewesen gegen diese bescheidene, aber dennoch unwiderstehliche Bitte. Auch nicht Sonia, die schließlich den Kopf hob und ihm ihr tränenüberströmtes Gesicht zuwandte.

„Trägst du deine Krone?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

Der Prinz blickte Kristin sichtbar verständnislos an. Ihr wurde klar, dass die Dinge aus dem Ruder gelaufen waren, bevor Mrs Severeid die Gelegenheit gehabt hatte, den Prinzen über Sonias Zustand aufzuklären.

„Meine Nichte ist blind.“ Kristins Lippen formten die Worte lautlos.

Ihre Blicke verfingen sich in einem endlosen Moment, und als er das tragische Ausmaß dieser Erklärung begriff, wechselte sein Gesichtsausdruck schlagartig. Ungläubigkeit spiegelte sich in seinen Zügen wider und ließ ihn älter wirken, während sein Blick weiterhin Kristins gefangen hielt.

Seine braunen Augen wirkten gequält, als er Sonia wieder ansah. Er streckte seine kräftigen, sehr maskulinen Hände aus und umfasste die kleinen Finger ihrer Nichte. „Ich hatte keine Zeit, sie aufzusetzen“, sagte er in ernstem Tonfall.

„W-Wieso denn das?“, wollte Sonia wissen. Ihr kleiner Körper bebte immer noch leicht, aber wie durch ein Wunder legte sich der hysterische Anfall langsam.

„Weil sie in einer anderen Stadt ist.“

„Wo denn?“

„Sie ist zusammen mit einigen anderen Kronen der Familie in einer Kathedrale in Midgard.“

„Und warum? Wenn ich eine Krone hätte, dann würde ich sie in meinem Zimmer auf die Kommode legen.“

Kristin schloss die Augen. Die ‚Warums‘ hatten begonnen. Wenn das einmal begann, war kein Ende in Sicht.

„Meine Krone ist viel zu schwer, um sie die ganze Zeit zu tragen, also bewahre ich sie gut verschlossen in der Kirche auf, wo sie sicher ist.“

„Tut dir dann der Kopf weh?“

Sie klang so besorgt, dass der Prinz Kristin ein verschwörerisches Lächeln zuwarf.

Er hatte schon erkannt, dass ihre Nichte ihren ganz eigenen Charme hatte, der einfach unwiderstehlich war.

Umso unerklärlicher war es für Kristin immer gewesen, dass sich ihr Exverlobter Bruce davon völlig unberührt gezeigt hatte.

Ermutigt durch die Fortschritte des Prinzen musste Kristin einfach zurücklächeln.

„Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich sie zu lange trage“, erklärte der Prinz, während er Kristin unverwandt weiter ansah.

„Tut der Prinzessin auch der Kopf weh?“

Er richtete seinen Blick langsam wieder auf Sonia. „Nein, ihre Krone ist kleiner und leichter.“

„Und ist ihre Krone auch in dieser Kirche?“

„Nein, ich glaube, meine Schwester hat ihre Krone bei sich.“

„Lebst du mit der P-Prinzessin im Palast?“, fragte Sonia, deren Schluckauf immer noch anhielt.

„Nicht seitdem ich ein erwachsener Mann bin.“

„Und seit wann bist du das?“

Kristin musste sich beherrschen, angesichts Sonias unschuldiger Frage nicht laut loszulachen.

Der Prinz lächelte Kristin kurz mit einem unergründlichen Ausdruck an, bevor er sich wieder auf Sonia konzentrierte. „Ich bin mir nicht ganz sicher. Als ich dreiundzwanzig war, bin ich auf jeden Fall in ein eigenes Haus gezogen.“

„Meine Tante Kristin ist auch dreiundzwanzig. Wie alt bist du?“

„Ich bin an meinem letzten Geburtstag dreißig geworden.“

„Mein Dad war dreißig, als er gestorben ist. Lebst du in deinem eigenen Palast?“

„Nein, ich lebe in einem alten Kapitänshaus.“

„Aber ich dachte, du bist ein Prinz!“

Sein tiefes Lachen erregte Kristin. „Das bin ich auch. Aber ich liebe das Meer. Mein Haus ist ganz oben auf einem Hügel, von wo aus ich hinunterschauen und die Boote beobachten kann.“

Sonia zitterte leicht. „Ich mag das Wasser nicht.“

Er runzelte die Stirn. „Wieso denn nicht?“

„Weil ich zusammen mit Mum und Dad auf einem Segelboot war, als sie ertrunken sind. Jetzt lebe ich bei Tante Kristin.“

Eric betrachtete Kristin mit einem intensiven und gleichzeitig ernsten Blick. „Du bist ein ganz besonders glückliches Mädchen, dass du eine solche Tante hast.“

„Ja, Opa Elling sagt das auch. Vermisst du die Prinzessin nicht?“

„Natürlich“, flüsterte er, „aber sie hat einen Ehemann, und bald bekommen sie noch einen kleinen Jungen. Sie brauchen dann viel Platz für sich selbst.“

„Lebst du allein?“

„Nein, ich habe einen Hund.“

Sonia schaute schon ein wenig fröhlicher. „Ist er groß?“

„Ziemlich.“

„Und wie heißt er?“

„Thor.“

„Das heißt Donner!“

Der Prinz lachte leise in sich hinein, aber Kristin spürte die Schwingungen tief in ihrem Innern. „Das stimmt.“

„Ist er gefährlich?“

„Ganz im Gegenteil, er ist genauso lieb wie meine Schwester.“

„Wir dürften gar keinen Hund in unserer Wohnung halten.“

„Das ist aber schade. Jedes kleine Mädchen sollte einen Hund haben. Würdest du meinen einmal gerne treffen?“

Was? Kristins Herz setzte fast für einen Moment aus.

„Au ja, darf ich?“, rief Sonia begeistert.

Als sich der Prinz zu Kristin umwandte, schüttelte sie den Kopf. „Bitte – das ist absolut nicht notwendig“, flüsterte sie, aber in der Zwischenzeit hatte der Prinz Sonia schon von ihrem Stuhl aufgehoben und hielt sie sicher in seinen kräftigen Armen.

„Weißt du was? Lass uns für ein paar Minuten vor das Geschäft treten, sodass der Fotograf unser Foto mit den Severeids schießen kann. Dann gehen wir über den Platz zum Postamt des Weihnachtsmanns, und danach besuchen wir Thor.“

Sonia schlang ihm die Arme um den Hals und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Das hatte sie in der ganzen Zeit mit Bruce kein einziges Mal getan.

Der Prinz revanchierte sich mit einer spontanen Umarmung, die Kristin so echt erschien, dass man fast hätte meinen können, er sei Sonias fürsorglicher Vater.

„Halt dich an meiner Hand fest, und lass nicht los“, sagte er, nachdem er sie auf dem Boden abgestellt hatte.

Die Prinzessin war vergessen, aber Kristin befürchtete, dass sich hier zu gegebener Zeit ein viel größeres Problem anbahnen würde. Eines, das sich nicht so schnell lösen ließ.

„Ich bin direkt hinter dir, mein Schatz.“

Kristin konnte kaum glauben, dass all das hier wirklich geschah. Die ganze Situation war absolut surreal.

Sonia, in ihrer traditionellen Tracht, und der gut aussehende Prinz – die beiden sahen aus, als ob sie geradewegs einem Märchenbuch entstiegen wären. Sie zogen auf jeden Fall alle Blicke auf sich, und über die Menge aus Sicherheitspersonal, Einheimischen und Fernsehleuten legte sich eine plötzliche Stille. Sie versammelten sich um den knapp fünf Meter hohen Schokoladenweihnachtsmann des Chocolate Barn und warteten darauf, dass sich der Prinz zu den Geschäftsinhabern begab.

„Eure Majestät“, Mrs Severeid sprach nun ein wenig lauter, „wir fühlen uns sehr geehrt, dass heute ein Mitglied des Königshauses anwesend ist, um die Gewinnerin unseres Wettbewerbs, Sonia Anderssen aus Chicago, Illinois aus den Vereinigten Staaten, zu treffen. Sie ist eine echte Bürgerin Frijas, und wir sind sehr stolz darauf, dass ihr Bild auf jeder Packung unserer neuen heißen Schokolade zu sehen sein wird. Aus fünfzehnhundert Kinderfotos, die uns Frijaner aus der ganzen Welt zugesendet haben, hat Sonias Bild unsere Aufmerksamkeit erregt und vor allem unsere Herzen gewonnen.“

Fünfzehnhundert? Kristin hatte keine Ahnung, dass der Wettbewerb so groß gewesen war.

Mrs Severeid beugte sich hinunter, um das Mikrofon vor Sonia aufzustellen. „Willst du uns allen von dem Kleid mit der Varland-Spitze erzählen, dass du trägst, Sonia?“

„Meine Großmutter hat das getragen, als sie vor vielen Jahren aus Frija nach Amerika gegangen ist, zusammen mit ihrer Mum und ihrem Dad.“

„Du siehst absolut bezaubernd darin aus. Kannst du den Leuten erzählen, wie es dazu kam, dass dein Foto eingesendet wurde?“

Oh, oh. Sonia war ein frühreifes Kind. Kristin hielt den Atem an, gespannt und auch besorgt, was als Nächstes kommen würde.

„Opa Elling hat es eingeschickt, weil er mich lieb hat.“

„Wusstest du, dass er dich zu einem Wettbewerb angemeldet hatte?“

Sonia schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht, bis mir Tante Kristin gesagt hat, dass wir die Prinzessin treffen würden. Aber die muss sich jetzt ausruhen, weil sie jederzeit ihr Baby bekommen kann. Es wird ein Junge.“

Nein, Sonia …

„Deshalb hat sie ihren Bruder gebeten. Sie sind beste Freunde. Er kann seine Krone nicht tragen, weil sie zu schwer ist und er Kopfschmerzen bekommt, aber ich darf seinen Hund treffen, der im Kapitänshaus lebt. Thor ist nicht gefährlich. Prinz Eric sagt, dass er genauso lieb ist wie die Prinzessin.“

Stopp …

Die Presse würde sich auf diese ganzen pikanten Einzelheiten stürzen, vor allem auf die Tatsache, dass die Prinzessin einen Sohn erwartete, einen weiteren potenziellen Thronfolger. Kristin war sich sicher, dass das Geschlecht des ungeborenen Kindes sicher noch nicht bekannt gegeben werden sollte.

Kristin verbarg ihr Gesicht in den Händen. Von der aufgeregten und faszinierten Menge drang ein leises Lachen herüber, während Dutzende Videokameras liefen – begleitet von immer wieder aufleuchtenden Blitzlichtern.

Sie erlaubte sich kurz einen Blick durch ihre gespreizten Finger. Der Prinz hielt Sonia wieder auf dem Arm. Zu Kristins Entsetzen lachte er sie breit an, wobei sein Lachen auch seine Augen erreichte. Falls er verärgert war, zeigte er es zumindest nicht.

Er wandte sich an die Menge: „Wie Sie sehen können, war es ein überaus glücklicher Tag, als Prinzessin Maren mich fragte, ob ich sie bei diesem wunderbaren Ereignis vertreten könnte. Ich bin mir sicher, dass die ganze Welt von Sonia ebenso begeistert ist wie ich.“

Beifall brandete auf.

„Ich denke, es ist mehr als angebracht, dass jeder die Frau trifft, die es Sonia ermöglicht hat, heute hier zu sein.“

In der Menge suchte sein Blick den von Kristin. „Wenn Sie bitte zu uns herüberkommen könnten …“

Eine so königliche Aufforderung konnte Kristin schlecht ablehnen. Sie betete, dass sie sich nicht absolut lächerlich machen würde, während sie sich mit wackeligen Knien einen Weg zum Mikrofon bahnte.

„Sonia?“, sagte der Prinz. „Würdest du uns deine Tante vorstellen?“

„Das ist meine Tante Kristin. Ich hab sie lieb, weil sie sich um mich kümmert und weil sie mich nach Frija gebracht hat. Opa Elling habe ich auch lieb.“

Erics Augen ruhten in so einer persönlichen Weise auf Kristin, dass es ihr unmöglich war, wegzusehen, geschweige denn zu atmen. Sein Blick schweifte über ihre Züge und schien dann an ihrem Mund innezuhalten.

„Das ist ein großartiger Tag für die Frijanisch-Amerikanischen Beziehungen, meinen Sie nicht?“, fragte er mit tiefer Stimme.

Kristin nickte wie ein Schulmädchen, dem es die Sprache verschlagen hatte. Schließlich gewann sie ihre Fassung wieder. „Dies ist eine Erfahrung, an die sich Sonia sicherlich ihr ganzes Leben lang erinnern wird. Auch im Namen meines Vaters möchte ich mich bei Mr und Mrs Severeid und Ihnen, Eure Hoheit, für diese einmalige Erfahrung bedanken.“

Ein Blitzlichtgewitter folgte, als Kristin sich zu den Eigentümern wandte, um ihnen die Hand zu geben.

Mit einem strahlenden Lächeln übernahm Mr Severeid das Mikrofon. „Wir werden Sonia ein ganzes Jahr lang jeden Monat eine besondere Schokoladenköstlichkeit aus unserem Geschäft schicken, damit sie uns nicht vergisst. Zu Sonias Ehren haben wir eine spezielle Aufgussform von ihr anfertigen lassen und können ihr nun ihre ganz persönliche Schokoladenfigur übergeben, die sie zu Hause an ihrem Weihnachtsbaum aufhängen kann.“

Über diese Überraschung hatten die Severeids bisher kein Wort verloren. Kristins Herz klopfte vor Freude. Sie wusste, dass ihr Vater überglücklich sein würde, dass man seine Enkelin auf diese Art und Weise ehrte. Sie war sein ganzer Stolz.

Die Menge klatschte und jubelte, als der Geschäftsführer Sonia die zehn Zentimeter große Schokoladenfigur übergab, die in einer glänzenden Folie in den Farben der Chocolate Barn mit blauen, roten und goldenen Schleifen verpackt war.

Sonia umklammerte sie fest.

„Sag Danke schön“, flüsterte Kristin ihrer Nichte zu.

„Vielen Dank. Kann ich sie nach Weihnachten aufessen?“

„Du kannst damit machen, was immer du möchtest.“ Der alte Herr wusste, dass Sonia blind war; seine mitfühlenden Augen schimmerten inzwischen feucht.

„Komm, ich stecke deine Figur in meine Handtasche, damit sie nicht beschädigt wird“, flüsterte Kristin ihrer Nichte zu.

Nachdem sie die Figur in ihrer Handtasche verstaut hatte, wandte sich Kristin zum Prinz, um ihm Sonia abzunehmen. Der jedoch hielt sie noch fester, als ob er signalisieren wollte, dass er keinesfalls gewillt war, Sonia bereits zu übergeben. „Na, Sonia, wollen wir nun zum Postamt des Weihnachtsmanns gehen?“

3. KAPITEL

Eine der Angestellten des Geschäfts half Sonia in ihren Mantel, bevor der Prinz sie zum Ausgang trug. Sicherheitsleute umgaben sie, während sie sich ihren Weg aus dem Chocolate Barn bahnten. Da es sich in der Zwischenzeit herumgesprochen hatte, dass der Prinz in der Stadt unterwegs war, drängte sich vor dem Geschäft bereits eine riesige Menschenmenge.

Kristin lief neben ihnen her und versuchte Teile der Unterhaltung zwischen den beiden mitzubekommen, was schwierig war, da er Sonia auf dem Arm trug und ihre Gesichter einander dicht zugewandt waren. Ihr Adrenalinspiegel hatte einen Höchststand erreicht, was zur Folge hatte, dass Kristin keine Kälte mehr fühlte, obwohl die Anzeige des Außenthermometers der Post nur einige Grad über null anzeigte.

Vor einem entzückenden dreistöckigen Weihnachtshaus aus Holz, mit vielen Balkonen und einem Spitzdach, war ein rot umrahmtes Verkehrsschild aufgestellt, auf dem ein rundlicher Weihnachtsmann einen großen Sack bepackte.

Kristin wusste bereits durch den Reiseleiter, der sie nach Brobak gebracht hatte, dass dieser Laden vom Frijanischen Außenministerium als offizielles Postamt des Weihnachtsmannes eingerichtet worden war. Innen sah es aus wie in einem Märchenland. Es gab Puppenhäuser, Spielzeug und Körbe voll mit Nissen, dem frijanischen Weihnachtsmann.

Kristin schaute sich um, und es versetzte ihr einen Stich, dass Sonia nichts von alledem sehen konnte. Der Prinz war in der Zwischenzeit damit beschäftigt, Sonia jedes kleinste Detail zu beschreiben und dieses Märchenland in ihrer Fantasie zum Leben zu erwecken. Immer wieder wanderte sein durchdringender Blick zu Kristin und sandte ihr eine ganz private Botschaft: Er genoss die Situation.

Das tat auch Kristin – von ihrer Nichte ganz zu schweigen!

Sonias braune Augen leuchteten, als sie verzückt und aufmerksam zugleich der kräftigen Stimme des Prinzen lauschte, während er ihr unterschiedliche Gegenstände in seiner ihm unnachahmlichen Art beschrieb. Er hatte Kristin und das völlig gebannte Kind auf seinem Arm schon längst verzaubert.

Dies war ein Charakterzug Erics, den die Paparazzi so noch niemals der Welt gezeigt hatten, eine Seite seiner Person, die in den Boulevardblättern nicht erwähnt wurde. Er machte diesen Tag für Sonia zu einem zauberhaft-magischen Erlebnis. Kristin liebte ihn dafür, aber sie wünschte sich, ihr Herz würde nicht jedes Mal, wenn er sie anschaute, so rasen.

Er ging zum Schalter hinüber, um Sonia mit ihrer Wunschliste an den Weihnachtsmann zu helfen. „Was wünschst du dir mehr als alles andere auf der Welt?“

In diesem Augenblick hatte Sonia die Schulterklappen an seiner Uniform entdeckt und spielte an ihnen herum. „Einen Blindenhund. Die sind nämlich nicht böse.“

Kristin biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte nichts von Sonias geheimem Wunsch geahnt. Irgendjemand musste ihr im Krankenhaus davon erzählt haben.

„Du hast recht. Ein so wundervoller Hund wird dein Leben lang dein bester Freund bleiben“, sagte Eric mit heiserer Stimme. „Ich schreibe das für dich auf die Liste.“ Der Angestellte hinter dem Schalter gab ihm eilig Stift und Papier.

„Glaubst du, der Weihnachtsmann bringt mir einen? Meine Lehrerin sagt, sie sind teuer.“

Das klang so, als ob Sonia im Kindergarten von Blindenhunden erfahren hatte.

„Warum überlässt du es nicht dem Weihnachtsmann, sich darüber Gedanken zu machen?“, sagte Prinz Eric und gab ihr einen weiteren Kuss auf die Stirn. „So, bitte schön.“ Er drückte ihr den Umschlag mit der Wunschliste in die Hand. „Und nun wirf ihn in den Postkasten.“

Sonia kniff die Augenlider zusammen und ließ den Umschlag in den Postkasten fallen.

„Jetzt ist er unterwegs zum Nordpol“, erklärte der Prinz.

Sonia quiekte fröhlich. „Du musst dir auch was wünschen.“

„Ich habe fest vor, mir einige Dinge zu wünschen.“ Der Prinz schrieb etwas auf ein Blatt Papier und steckte es in einen Umschlag.

„Möchtest du das hier auch einwerfen?“

„Ja.“

„Gut, dann ab damit.“

Als das geschafft war, sagte Eric: „Warum suchen wir uns jetzt nicht ein Geschenk für dich aus?“

Nein, rief Kristin innerlich und schüttelte den Kopf. Das war alles zu viel. Der Prinz lächelte Kristin nur freundlich an und steuerte direkten Weges auf ein Regal mit Spielsachen zu, das jedes Kinderherz erfreut hätte.

„Magst du Mäuse?“

„Ich mag die fetten, wie es sie in Cinderella gibt.“

„Ich auch.“ Er schmunzelte. „Jetzt stehen wir gerade vor den süßesten Stoffmäusen, die du dir nur vorstellen kannst. Es gibt einen Bäcker, einen Kerzenmacher, einen Schornsteinfeger, eine Krankenschwester und eine Oma mit Stricknadeln.“

„Kann ich bitte die Oma haben? Oma Astrid ist letztes Jahr gestorben. Ich möchte die hier Opa Elling geben, damit es ihm besser geht.“

Erneut wandte sich der Prinz zu Kristin um; er war sichtlich berührt von Sonias mitfühlender Art. Sie hörte, wie er zur Verkäuferin etwas auf Frijanisch sagte, aber es war zu leise und schnell, sodass sie ihn nicht verstehen konnte.

Die Verkäuferin packte die Maus in eine Schachtel und übergab sie lächelnd an Sonia.

„So, bist du nun bereit, Thor bei mir zu Hause kennenzulernen?“

Als Zeichen der Zustimmung und Belohnung gab ihm Sonia einen erneuten Kuss auf die Wange. „Ja, bitte.“

Die schwarze Limousine mit den königlichen Insignien und den getönten Scheiben fuhr die enge Straße über der Stadt hoch und bot Kristin einen atemberaubenden Blick auf die Kulisse unter ihr. Es war zehn nach vier am Nachmittag, und die Sonne war bereits seit einer Stunde untergegangen.

Die Lichter der Burg Niflheim spiegelten sich auf der Wasseroberfläche des Fjords, über dem sie thronte. Dahinter lag die Insel Glatheshim.

Kristin richtete ihren Blick angestrengt aus dem Fenster, um nicht in die Versuchung zu geraten, den Prinzen anzustarren. Er saß ihr gegenüber, Sonia auf seinem Schoß. Sie plapperte unentwegt, genau so, wie sie es immer vor dem Unfall getan hatte.

Prinz Eric war ein aufmerksamer Zuhörer, der Sonias Fragen scheinbar nie müde wurde. Er beantwortete jede einzelne mit Geduld, brach dabei hin und wieder in Lachen aus und schien sich wirklich zu amüsieren. Der Unterschied zwischen Bruce’ Umgang mit Sonia und dem des Prinzen war wie Tag und Nacht.

Was Kristin betraf, hatte er bei Weitem alles übertroffen, was man von ihm erwartet hätte, als er einverstanden gewesen war, anstelle von Prinzessin Maren im Chocolate Barn zu erscheinen.

Aber auch wenn Sonia blind war, konnte Kristin nicht verstehen, warum er ihre Nichte mit dermaßen viel Interesse und Fürsorge überschüttete. Er hatte das getan, worum ihn seine Schwester gebeten hatte. Niemand hätte mehr von ihm erwartet.

Im echten Leben traf man kein Mitglied der königlichen Familie, um am selben Tag mit ihm in dessen Haus zu fahren – aber genau das geschah in diesem Moment.

In dem Augenblick, in dem er Sonia gefragt hatte, ob sie gerne seinen Hund kennenlernen würde, hatte er die Sache aus Kristins Hand genommen.

Es beunruhigte sie, zu sehen, dass ihre Nichte mit dem Prinzen umging wie damals mit ihrem Vater, der ein lebensfroher Mensch gewesen war. Was die Situation noch viel eigentümlicher machte, war die Tatsache, dass beide Männer den Vornamen Eric trugen.

Seit dem tragischen Bootsunfall vor zwei Monaten hatte sich Sonia in ein trauriges Kind verwandelt, das nicht mal ihr Großvater zum Lächeln bringen konnte.

Als er krank wurde und nicht mit ihnen nach Frija fliegen konnte, hatte er darauf bestanden, dass Kristin Sonia nach Frija brachte. Er war überzeugt, dass die Reise und die Möglichkeit, die Prinzessin zu treffen, seiner Enkelin wieder ihre frühere Lebensfreude zurückgeben würde – trotz ihrer Blindheit.

Kristins Vater musste eine Eingebung gehabt haben. Er würde das fröhliche, kichernde Kind, das einer Geschichte des Prinzen über die drei frechen Mäuse lauschte, nicht wiedererkennen.

Obwohl sich Kristin über diesen Wandel ihrer Nichte freute, dachte sie beunruhigt an den Moment, in dem der Prinz zu seinem Hotel zurückkehren würde und Sonia sich von ihm verabschieden musste. Bei dem Gedanken überkam sie ein leichtes Zittern.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte Eric mit gedämpfter Stimme.

Kristin zuckte zusammen und richtete ihren Blick auf ihn. Die ganze Zeit über hatte sie nicht bemerkt, dass er sie beobachtete.

„Natürlich“, log sie.

Wie um alles in der Welt konnte es ihr gut gehen? Sie fuhr gemeinsam mit dem Prinzen von Frija in einem Auto. Solche Dinge passierten einfach nicht!

Er war nicht nur der attraktivste Mann, den sie in ihrem ganzen Leben getroffen hatte, nein, er war auch noch wunderbar bodenständig und normal. Sonia bewunderte ihn uneingeschränkt. Alles war perfekt! Ihre Nichte war nicht die Einzige, die nicht wollte, dass all dies hier zu Ende ging.

Aber zum Wohle aller Beteiligten musste es zu einem Ende kommen, und zwar so bald wie möglich.

„Wir sind so aufgeregt, dass wir uns wie in einem Traum fühlen, nicht wahr, Sonia?“

Das war es. Ein Traum. Das war alles, was es sein konnte. Und darum durfte diese Episode nicht länger dauern als die Zeit, die es nun einmal benötigte, um den Hund kennenzulernen.

Zu Kristins Entsetzen wurde Sonias Miene schlagartig traurig. Sie schlang die Arme um Erics Hals. „Wir sind nicht in einem Traum, oder?“

Mit ernstem Blick betrachtete er Kristin, während er gleichzeitig das kleine Mädchen umarmte, das sich an ihn klammerte.

„Nein, elskling. Das ist alles sehr echt.“

Der Blick in seinen Augen und der tiefe Tonfall, als er sie ‚kleiner Schatz‘ auf Frijanisch nannte, all das erschütterte Kristin in ihrem tiefsten Innern. Vor lauter Angst, er könne erahnen, dass sie sich unbeabsichtigt zu ihm hingezogen fühlte, richtete sie ihren Blick wieder angestrengt aus dem Fenster.

„Wie kommt es, dass deine Tante Kristin ihren Freund nicht nach Frija mitgebracht hat?“

Kristin schnappte nach Luft. Er konnte nicht wissen, ob sie einen Freund hatte oder nicht. Er hatte die Frage in den Raum gestellt, um zu sehen, wie Sonia sie beantworten würde – und sie enttäuschte ihn nicht.

„Sie haben sich gestritten, als er erfahren hat, dass ich bei ihr leben würde. Opa Elling hat gesagt, dass Bruce eifersüchtig ist …“

„Das reicht.“ Kristin unterbrach Sonia mit glühenden Wangen. Ihr graute davor, dass der Prinz etwas erfahren würde, was ihn absolut nichts anging.

Vor der Reise hatte ihr Verlobter gefragt, warum sie sich die Mühe machte, mit Sonia nach Frija zu fahren, wenn sie doch sowieso nichts sehen konnte. Völlig schockiert von seiner Frage, hatte Kristin erkannt, dass sie diesen Mann, der ihr zwei Wochen, bevor die Tragödie die Familie ereilt hatte, einen Ring an den Finger gesteckt hatte, überhaupt nicht kannte.

Als er zugab, dass er sich nicht vorstellen konnte, Sonia nach ihrer Heirat aufzunehmen, hatte sie ihm den Ring zurückgegeben und ihm Lebewohl gesagt. Aber diese Tatsachen waren nicht für fremde Ohren bestimmt!

Leider bestätigte sich Prinz Erics Ruf. Er war ein Experte darin, wenn es darum ging, Informationen über Frauen zu bekommen, die ihn interessierten – ganz besonders von einem kleinen Mädchen, das sich bereits in ihn verliebt hatte.

Welches Kind wäre nicht von so viel Aufmerksamkeit geschmeichelt gewesen?

Kristin ließ sich nicht dazu verleiten, zu denken, der Prinz könnte an ihr interessiert sein. Er unterhielt sich lediglich mit Sonia, um sich die Zeit zu vertreiben.

„Hast du eine Freundin?“

Oh, Sonia.

Die arglose Frage hatte den Spieß umgedreht. Kristin hielt den Atem an, während sie auf seine Antwort wartete.

„Ich hatte einige.“

„Und warum bist du noch nicht verheiratet?“

„Meine Mutter fragt mich das auch die ganze Zeit.“

„Willst du nicht?“

„Nun, zuerst muss Thor die Frau, die ich aussuche, mögen.“

„Mag er keine deiner Freundinnen?“

„Bisher nicht. Aber ich weiß, dass er dich mögen wird. Du hast genau seine Größe, und deine Umarmungen sind besser als die von allen anderen.“

Sonias Gesicht glühte. „Wirklich?“

Angesichts der Zuneigung, die sich beide ganz offen zeigten, wandte Kristin den Blick ab.

Es war eine Sache, wenn er vor der Kamera nett und besorgt war. Aber Kristin konnte immer noch nicht begreifen, was sein liebevolles Verhalten gegenüber Sonia auslöste, nun, da sie in einer abgeschotteten Limousine saßen. Überhaupt verstand sie nicht, wie er auf die Idee kam, etwas so Unerhörtes zu tun und sie zu sich nach Hause einzuladen.

Sobald sie ihn in einer ungestörten Minute sprechen konnte, würde sie ihm sagen, dass er bereits mehr als nötig für Sonia getan hatte. Je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto schwieriger würde es für sie werden, wenn sie am Morgen nach Chicago aufbrechen mussten.

Er konnte nicht wissen, was für einen Durchbruch es darstellte, dass Sonia aus ihrer Niedergeschlagenheit erwacht war. Aber das war nur vorübergehend. Nach dem Treffen mit dem Prinzen würde sie in eine noch viel schwerere Depression verfallen, wenn es an der Zeit war, ihn und diesen bezaubernden Tag hinter sich zu lassen.

Kristin fürchtete sich bereits jetzt vor diesem Moment. Sie war sich fast sicher, dass Sonia in eine Hysterie verfallen würde, die so stark war, dass man sie nur noch mit einem Medikament beruhigen könnte.

„Wir nähern uns jetzt meinem Haus. Es ist rechteckig und aus Holz und Steinen gebaut, und es hat ein spitzes Dach. Zurzeit liegt überall Schnee. Im Sommer blühen in diesem Garten viele bunte Wildblumen. Hinter dem Haus ist der Wald – Thor liebt es, darin herumzutollen.“

Die Limousine fuhr durch ein bewachtes Tor und folgte der kurvigen Straße, die von Bäumen und dichtem Gebüsch gesäumt war. Plötzlich erblickte Kristin das Haus, das in die Landschaft eingebettet war. Sie hatte nie zuvor etwas Ähnliches gesehen. Der solide Bau schien völlig mit der Umgebung zu verschmelzen und erinnerte mit jedem einzelnen Stein an das wikingische Erbe Frijas.

Nur ein Mitglied der königlichen Familie konnte es sich leisten, in einem so meisterhaft gefertigten Haus ganz oben auf einem Fjord zu leben.

Sonia konnte sich das nicht auch nur annähernd vorstellen …

Als Kristin aus dem Wagen stieg und dem Prinz in sein Haus folgte, hatte sie das Gefühl, sie würde geradewegs in ein Märchen eintreten.

4. KAPITEL

Ein wunderschöner schwarzer Labrador lief vor der Haushälterin des Prinzen ins Foyer. Er stürmte auf den Prinzen zu, rieb seinen Kopf an dessen Beinen und gab Laute des Entzückens von sich.

„Thor? Ich möchte, dass du jemand ganz Besonderen kennenlernst.“ Er setzte Sonia ab. „Komm, gib ihr die Pfote, und begrüße sie!“

Der wohlerzogene Hund gehorchte aufs Wort. Der Prinz führte Sonias Hand. Sie ergriff die Hundepfote und schüttelte sie. Ihre hellbraunen Augen leuchteten, als sie lachte und ihre Arme um den Hund schlang.

„Ich hab dich lieb, Thor!“, rief sie. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und ließ alles geduldig über sich ergehen. Dann leckte er sie ab, was Sonia zum Kichern brachte.

Der Prinz suchte Kristins Blick. „Mein Hund ist zweisprachig. Die Frijanisch-Amerikanischen Beziehungen könnten nicht besser laufen, oder?“

„Ja“, flüsterte sie. Die Dinge liefen zu gut. Kristin war entsetzt.

„Lass uns deinen Mantel ausziehen, elskling.“

Nachdem er ihr aus dem Mantel geholfen hatte, übergab er ihn der Haushälterin. „Eva? Ich möchte dich mit Sonia Anderssen und ihrer Tante, Ms Remmen, bekannt machen. Das ist die junge Dame, die den Chocolate Barn – Wettbewerb gewonnen hat. Sie sind den ganzen weiten Weg aus Chicago gekommen.“

„Es freut mich, sie kennenzulernen“, sagte die ältere Dame zu Kristin, während sie ihr die Hand gab. Sie musterte Sonia. „Ich weiß schon, warum du gewonnen hast. Du bist ganz bezaubernd.“

Noch bevor Kristin ihre Nichte dazu auffordern konnte, zu antworten, sagte diese: „Danke, es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Sie streckte der älteren Dame die Hand entgegen, allerdings nicht hoch genug.

Die Haushälterin runzelte verwirrt die Stirn, bis ihr der Prinz etwas ins Ohr flüsterte. Die Augen der älteren Dame füllten sich mit Tränen. Sie ergriff Sonias Hand und schüttelte sie. Danach umarmte sie die Kleine herzlich.

„Ich wette, ihr seid durchgefroren und hungrig. Was würdet ihr gerne essen?“

„Könnte ich bitte eine heiße Schokolade und ein Sandwich bekommen?“

„Ich richte sofort etwas her.“

„Wir sind im Wohnzimmer“, murmelte der Prinz.

Nachdem ihm die Haushälterin ausgerichtet hatte, dass er einen dringenden Anruf von einer Frau namens Bea bekommen hatte, verschwand sie mit Sonias Mantel.

Kristin hatte das vage Gefühl, dass es sich bei Bea um eine der Freundinnen des Prinzen handelte, die besorgt darauf wartete, dass er sich meldete. Es stand außer Frage, dass einige seiner Pläne dadurch durcheinandergeraten waren, dass er seiner Schwester diesen Gefallen getan hatte. Warum, um alles in der Welt, hatte er Kristin und Sonia zu sich nach Hause gebracht?

In der Zwischenzeit widmete er seine Aufmerksamkeit wieder ihrer Nichte. „Halt dich an Thors Halsband fest, er zeigt dir das Haus. Du musst ihm nur sagen, welche Räume du sehen möchtest.“

Sonia stieß einen entzückten Schrei aus. „Thor – lass uns zuerst zum Esszimmer gehen!“

Der Hund gab einen tiefen Laut von sich und setzte sich langsam und vorsichtig in Bewegung. Er führte Sonia durch die große Doppeltür, die zur linken Seite des Hauses führte. Mit der einzigartigen Intuition, die nur Tieren zu eigen ist, merkte Thor, dass Sonia seine Hilfe brauchte, und passte seine Geschwindigkeit ihrem Tempo an.

Kristins Augen füllten sich bei dem rührenden Anblick mit Tränen.

Der Blick des Prinzen hingegen war von einer Art Zärtlichkeit erfüllt, die Kristin erstaunte. „Nun, jetzt, da wir alleine sind, würde ich gerne wissen, wie Ihre Freunde Sie nennen“, sagte er mit tiefer männlicher Stimme.

Sie räusperte sich. „Kristin.“

„Mein Name ist Eric. Ich fände es schön, wenn Sie ihn benutzen würden.“

Kristin vermied es, ihm direkt in die Augen zu sehen. „Ich befürchte, Hoheit, wir werden nicht lange genug hier sein, damit es so weit kommt.“

„Keiner meiner Freunde nennt mich so. Meine Schwester hätte Sie gebeten, sie Maren zu nennen, wenn sie in der Lage gewesen wäre, Sonia heute zu treffen.“

Schließlich richtete sie einen traurigen und besorgten Blick auf ihn. „Hat sie Sie gebeten, all das hier zu tun?“

„Alles was?“

„I…Ich bin mir ziemlich sicher, dass alles, was Sie für Sonia getan haben, nachdem wir den Chocolate Barn verlassen haben, außerhalb Ihrer offiziellen Pflichten lag“, stotterte sie.

Der Blick aus seinen dunklen braunen Augen ging ihr durch und durch.

„Um meine Schwester zu zitieren: ‚Wir sprechen hier von einem kleinen Mädchen. Eine süße Sechsjährige, die immer noch an Märchenprinzessinnen und Schlösser und Zauberei glaubt. Ich bin mir sicher, dass sie den morgigen Tag kaum erwarten kann.‘“

Kristin biss sich auf die Lippe. „Mit einem solchen Einfühlungsvermögen wird sie eine wunderbare Mutter werden.“

„Ich bin genau derselben Meinung. Maren ist für ihr großes Herz bekannt. Es würde mir im Traum nicht in den Sinn kommen, sie zu enttäuschen.“

„Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Sonia benimmt sich nicht mehr wie das kleine Mädchen, als das sie in Frija angekommen ist.“ Ihre Stimme zitterte. „Sie ist glücklich, und sie kann wieder lachen. Bisher hat es niemand geschafft, ihren Panzer zu durchdringen. Es ist wunderbar, das zu sehen. Aber wenn Sie glauben, dass das kleine Mädchen, das Sie im Hinterzimmer des Chocolate Barn angetroffen haben, traurig war, weil sie die Prinzessin nicht sehen konnte, dann warten Sie erst einmal ab, bis sie sich von Ihnen verabschieden muss.“

Er musterte sie nachdenklich. „Wer spricht hier von irgendwelchen Verabschiedungen?“

Sie atmete entschlossen ein. „Sonia und ich fliegen morgen nach Chicago zurück. Ich muss dafür sorgen, dass sie genug Schlaf bekommt. Je mehr Zeit sie mit Ihnen verbringt, desto weniger wird sie sich verabschieden wollen.“

„Lassen Sie uns jetzt nicht darüber nachdenken.“ In seiner Stimme lag ein Ton bestimmter Autorität, dessen er sich wahrscheinlich nicht einmal bewusst war. „Erzählen Sie mir mehr über den Unfall, durch den sie ihr Augenlicht verloren hat. Wenn ihr Zustand durch eine Operation heilbar ist, kenne ich einen Spezialisten, der sie gerne untersuchen und operieren würde. Falls es um das Finanzielle geht …“

„Ihr Zustand ist nicht operabel.“ Kristin schüttelte den Kopf. „Ihr Angebot ist sehr nett und großzügig, aber Sonia leidet an traumabedingter psychosomatischer Blindheit.“

Er schien sich lange mit ihren Worten zu beschäftigen. „Sie meinen, Sonia könnte sehen, wenn ihr es ihr Gehirn erlauben würde?“

„Ja, ihr behandelnder Psychologe glaubt, dass sie sich schuldig für etwas fühlt, das mit dem Tod ihrer Eltern zu tun hat. Sie kann sich selbst nicht vergeben, also erlaubt ihr Unterbewusstsein ihr nicht, zu sehen. Es ist eine Form der Selbstbestrafung.“

Falten der Besorgnis legten sich auf sein Gesicht. „Sie ist noch ein Kind. Wie kann sie in so einem jungen Alter eine derart schwere Schuld empfinden?“

„Ich weiß es nicht“, seufzte Kristin leise.

„Kann sie sich daran erinnern, wie der Unfall passiert ist?“

„Wenn sie es tut, dann redet sie nicht darüber. Das ist auch der Grund, warum der Psychologe glaubt, dass ihr Schuldgefühl sie daran hindert, sich zu öffnen.“

„Wann ist es passiert?“

Kristin schloss für einen Moment die Augen. „Vor zwei Monaten.“

„So kurz liegt das erst zurück?“, murmelte er in Gedanken und legte sanft eine Hand auf ihren Arm. „Sie zittern. Lassen Sie uns hineingehen zum Kamin und uns aufwärmen.“

Die kurze Berührung jagte einen heißen Schauer durch ihren Körper. Seine Hand lag weiterhin auf ihrem Arm, als er sie durch die Doppeltür auf der rechten Seite der Eingangshalle führte. Sie gingen zu einem der Sofas, die neben dem riesigen Kamin des Wohnzimmers standen.

Die Hitze der Flammen, die von den knisternden Pinienzweigen ausging, strömte in ihren Körper und wärmte sie von innen.

Sie konnte sich gut einen wilden nordischen Ahnen vorstellen, der sich in diesem durch und durch männlichen Raum aufhielt – nur ein Prinz konnte in diesem überwältigenden Ambiente leben. Die hölzernen Fußböden mit den wertvollen Intarsien und die handgeschnitzte Holzdecke waren bestimmt Hunderte von Jahren alt.

Die faszinierenden Möbel glänzten im Schein der Flammen. Die nautischen Elemente gaben dem Raum seine ganz besondere Note und erzählten von Frijas Vergangenheit.

Kristin stellte sich den Prinzen vor, wie er mit einem Teleskop durch das Fenster die Sterne und die Schiffe beobachtete, die in den Fjord einliefen.

„Da sind wir.“

Kristin schaute durch den Türbogen und sah Sonia und Thor, denen die mit einem Tablett beladene Eva folgte. Sie setzte es auf dem Couchtisch vor dem Kamin ab.

„Danke“, sagte der Prinz zu seiner Haushälterin. Er rief den Hund, der herbeitrottete und sich zu seinen Füßen niederließ.

„Wie gefällt dir mein Haus, Sonia?“, fragte er die Kleine, nachdem er sie neben sich auf das Sofa gezogen hatte, das gegenüber dem stand, auf dem Kristin saß.

„Es ist viel größer als das von Opa Elling. Wieso hast du keine Teppiche?“

„Weil das hier Holzfußböden mit ganz besonderen Mustern sind“, sagte Kristin, bevor er antworten konnte. „Niemand würde sie verdecken wollen. So, es ist Zeit, diese köstlichen Schinkensandwiches zu essen, die die Haushälterin für uns vorbereitet hat.“

Der Prinz machte Sonia einen Teller zurecht und gab ihn ihr. Kristin schenkte heiße Schokolade in die Tassen.

„Hier hast du deine Schokolade. Sie ist nicht zu heiß, sodass du dir nicht die Zunge verbrennst, und auf deiner Tasse ist ein niedlicher kleiner Weihnachtsmann, der hinter einer Scheunentür hervorlugt.“

Sie gab Sonia die Tasse. „Wenn du ausgetrunken hast, gibt es noch ein paar Weihnachtsplätzchen.“

„Lecker!“

Es war still im Raum, alle aßen – und offensichtlich hatte jeder von ihnen großen Hunger. Ganz besonders der Prinz, der im Handumdrehen ein ganzes Sandwich verdrückte.

„Wenn ihr beide mich kurz entschuldigt“, meinte der Prinz, „ich bin gleich zurück.“

„Thor, du bleibst bei Sonia“, befahl er dem Hund, nachdem er aufgestanden war.

„Wohin gehst du?“, fragte Sonia.

„Sonia, es ist unhöflich, jemanden so auszufragen.“

„Entschuldigung.“

„Das ist in Ordnung. Ich muss ein wichtiges Telefonat erledigen.“

„Dann beeil dich!“, drängte ihn Sonia.

Bevor Kristin peinlich berührt den Kopf senkte, konnte sie noch sehen, wie sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Prinzen ausbreitete.

„Ich bin zurück, bevor du anfängst, deine Weihnachtsplätzchen zu essen.“

„Kann Thor auch eins bekommen?“

„Wieso gibst du ihm stattdessen nicht ein Stück Sandwich? Er liebt Schinken.“

„Okay.“

„Zuerst musst du deins aufessen“, griff Kristin ein, als sie sah, dass Sonia dabei war, die Hälfte ihres Sandwiches an Thor zu verfüttern.

„Ich hoffe, er kommt bald zurück“, meinte Sonia zwischen zwei Bissen, nachdem der Prinz verschwunden war.

„Ich auch.“

Zu deinem und auch zu meinem Besten müssen wir Frija sobald wie möglich verlassen.

„Maren? Wie geht es dir?“

„Jetzt wo du anrufst, geht es mir gut. Ich habe darauf gewartet, von dir zu hören, und dachte, du wärst bestimmt schon in Kvitfjell.“

„Nein, ich bin immer noch zu Hause mit Sonia.“

„Sonia? Ich dachte, du wolltest mit Bea Skifahren gehen!“

Bea … er hatte sie völlig vergessen.

„Nein, das hast du falsch verstanden. Das Mädchen, das den Chocolate Barn-Wettbewerb gewonnen hat, heißt Sonia.“

Es gab eine lange Pause. „Du hast dieses Kind zu dir nach Hause mitgenommen?“, rief sie ungläubig.

Eric realisierte, dass er etwas völlig Unerwartetes getan hatte. „Ja.“

„Was ist passiert? Wurde sie quengelig, als sie bemerkte, dass ich nicht kommen konnte?“

„Zuerst ja, aber dann hat sie sich beruhigt und war sehr brav. Du wirst alles in den Sechs-Uhr-Nachrichten sehen. Maren – du musst mir einen Gefallen tun.“

„Natürlich“, sagte sie in einem ruhigeren Ton, „was immer du möchtest.“

„Es wäre schön, wenn Sonia und Kristin dich kennenlernen könnten. Wenn wir jetzt hier losfahren, wären wir in fünfundvierzig Minuten im Palast.“

„Kristin?“

„Sie ist die Tante des kleinen Mädchens. Ich habe jetzt gerade keine Zeit, dir das genauer zu erklären. Wir sollten uns die Fernsehübertragung gemeinsam anschauen. Du musst unbedingt deine Krone tragen, wenn wir ankommen.“

„Aber Eric …“, unterbrach sie ihn, „was ist mit dem Trip mit Bea?“

„Ich habe ihr abgesagt.“ Zumindest würde er das tun, sobald er das Telefonat mit seiner Schwester beendet hatte. „Wir sehen uns gleich.“

Er legte auf und rief Bea an. Während er darauf wartete, dass sie abnahm, fand er Sonias Winterparka, der über einem Stuhl lag.

„Eric? Nachdem ich nichts mehr von dir gehört habe, habe ich mir Sorgen gemacht.“

„Es tut mir leid. Der Gefallen, um den mich Maren gebeten hat, hat sich als komplizierter herausgestellt als erwartet. Wir werden leider nicht nach Kvitfjell fahren können.“

„Wenn du meinst, dass es heute Abend zu knapp wird, können wir morgen früh fahren.“

„Ich denke, wir müssen es ganz ausfallen lassen.“

„Aber Eric …“

„Es tut mir leid, Bea. Das Letzte, was ich möchte, ist, dich zu enttäuschen. Aber es haben sich Umstände ergeben, um die ich mich selbst kümmern möchte. Es könnte noch einige Tage länger dauern. Und bis dahin wird Marens Baby wahrscheinlich auch schon auf der Welt sein. Die Familie wird wollen, dass ich da bin.“

„Werden wir uns wenigstens an Heiligabend sehen können?“

Er konnte den spitzen Ton in ihrer Stimme hören, aber etwas war heute Abend mit ihm geschehen. Etwas, das er nicht erklären konnte. Doch was er wusste, war, dass er nicht wollte, dass Sonia oder ihre Tante verschwanden. Noch nicht …

„Vielleicht.“

„Ist das deine Art, zu sagen, dass es aus ist?“

Ich weiß es wirklich nicht.

Er holte tief Luft. „Bea, es geht hier um ein kleines blindes Mädchen mit einem tiefsitzenden psychologischen Problem.“

„Blind?“

„Ja, ich erzähle dir später davon. Wenn du die Abendnachrichten anschaust, siehst du sie. Ich verspreche dir, ich rufe dich an.“

Sie zögerte, bevor sie antwortete. „Gut, ich werde auf deinen Anruf warten.“

Nachdem er aufgelegt hatte, beeilte er sich, in sein Schlafzimmer zu kommen, um die Uniform gegen legerere Kleidung einzutauschen. Dann schritt er, Sonias Parka in der Hand, zügig in den vorderen Teil des Hauses.

Zurück im Wohnzimmer, musste er den Atem anhalten, als er Kristins zartes Profil im Feuerschein sah. Sein Blick wanderte hinab an ihrer perfekten Figur, die von dem atemberaubenden roten Wollkleid umschmeichelt wurde. Ihr Haar glänzte wie gesponnenes Gold.

Als sie hörte, dass er eintrat, drehte sie sich um und stand auf. Ihre hellblauen Augen funkelten glänzender als irgendwelche Kronjuwelen.

Ob jung oder alt, die Remmen-Frauen waren unglaublich attraktiv. Das war auch der Grund, warum man Sonia ausgesucht hatte, die neueste Kreation des Chocolate Barn zu repräsentieren.

Was für ein Idiot musste der Mann sein, mit dem Kristin zu tun hatte. Eric konnte es sich nicht vorstellen.

„Es sieht so aus, als ob ihr beide fertig gegessen habt. Jetzt können wir los.“

Sonia streichelte gerade Thors Ohren. Als sie Erics Stimme hörte, hob sie den Kopf. Alarmiert fragte sie: „Wohin gehen wir?“

Bewusst ignorierte er Kristin, setzte sich neben Sonia und half ihr in den Parka. „Wir gehen die Prinzessin besuchen.“

„Im Palast?“, rief sie entzückt.

„Ja, sie wartet auf uns.“

„Kann Thor auch mitkommen?“

„Warum nicht?“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Eure Hoheit, aber wir müssen zurück zum Hotel“, protestierte Kristin – genau so, wie er es erwartet hatte.

Sonia begann sofort zu weinen. Sie wollte die Prinzessin sehen.

Eric nahm sie in den Arm und ließ sie kurz darauf wieder los. „Warte bitte hier, Sonia.“

Er stand auf und sah in Kristins besorgte Augen. „Kann ich kurz draußen mit Ihnen sprechen?“, flüsterte er.

Er spürte, dass sie ablehnen wollte, aber ihre guten Manieren überwogen. Sie folgte ihm in die Eingangshalle.

„Bevor Sie irgendetwas sagen“, begann er, „ich dachte, dass ein Treffen mit meiner Schwester Sonia so weit beruhigen würde. Dann hätten Sie es auf dem Rückweg in die Staaten auch einfacher mit ihr.“

Das war die beste Ausrede, die ihm in diesem Augenblick einfiel. Er hoffte, dass Kristin ihm das abnahm, da er keineswegs bereit war, sie und Sonia gehen zu lassen.

Ihre klassischen Züge waren schmerzlich verzerrt. „Es ist nicht so, dass ich nicht all das, was Sie getan haben, zu schätzen wüsste, Eure Hoheit …“

„Eric“, unterbrach er sie.

„E-Eric“, stammelte sie. Ihre Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte sie ihre Handtasche. „Aber es wäre nicht richtig, uns Ihrer Schwester aufzudrängen – nicht in diesem Stadium ihrer Schwangerschaft.“

Er suchte ihren Blick. „Kristin“, er sprach sie mit ihrem Vornamen an. Ob ihr das gefiel oder nicht, es fühlte sich gut an, auf einer persönlicheren Ebene mit ihr zu sprechen. „Maren möchte Sonia kennenlernen. Als sie mich anrief und mich bat, für sie einzuspringen, sagte sie, dass sie, wenn ich keine Zeit hätte, selbst kommen würde, um ein Treffen mit Sonia möglich zu machen – auch gegen den Rat ihres Arztes. Selbst wenn sie dadurch vorzeitige Wehen riskieren würde. Sie sehen, wie wichtig ihr dieses Treffen mit Sonia ist, sie möchte Ihre Nichte unbedingt treffen.“

Kristin schien auf einmal flacher zu atmen. „Was glauben Sie, wie lange es ungefähr dauern wird?“

Keine Frau, die er kannte, hatte so viel Wert darauf gelegt, möglichst schnell von ihm wegzukommen. Ganz im Gegenteil. Dies war eine völlig neue Erfahrung für ihn.

Er hatte keine Ahnung, ob Sonias Wohlbefinden der einzige Grund war, warum Kristin so wenig gewillt war, Zeit mit ihm zu verbringen – aber er war entschlossen, es herausfinden, auch wenn er seinen Status als Prinz benutzen musste, um sein Ziel zu erreichen.

„Wenn wir jetzt losfahren, sind wir gegen acht Uhr zurück an Ihrem Hotel. Es war Sonias Traum, eine Prinzessin zu treffen. Ich werde diesen Traum nicht zerstören – und meine Schwester auch nicht. Also liegt die Entscheidung, ob wir zum Hotel oder zum Palast fahren, bei Ihnen.“

5. KAPITEL

„Bitte, können wir die Prinzessin besuchen? Ich verspreche, ich werde auch ganz brav sein.“

Kristin drehte ihren blonden Kopf und entdeckte Sonia, die im Türrahmen stand und sich an Thors Halsband klammerte. Kristin, die gerade verzweifelt dabei war, eine unmögliche Situation in den Griff zu bekommen, gab sich schließlich geschlagen.

„Und du versprichst mir, dass es keine Tränen mehr gibt, wenn wir wieder ins Hotel zurückfahren müssen, nachdem wir die Prinzessin besucht haben?“

Sonia nickte.

Ihre Nichte meinte, was sie gerade versprach, aber Kristin wusste, dass die hysterischen Anfälle wieder beginnen würden, wenn es an der Zeit war, sich von Eric zu verabschieden – und diesmal würde es noch viel schlimmer werden als zuvor.

„In Ordnung“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Ich mache dir einen Vorschlag. Ich bleibe hier im Hotel und packe schon einmal unsere Sachen, während du mit dem Prinz fährst.“ Der Vorschlag erfolgte einzig und allein aus dem Versuch, sich selbst zu schützen.

„Aber ich will nicht ohne dich fahren!“, rief Sonia panisch.

Der dunkle Ausdruck, der sich auf Erics Gesicht legte, war nicht weniger beunruhigend. Zu allem Überfluss unterstützte Thor beider Gefühle durch ein tiefes Knurren.

„Wenn wir jetzt nicht fahren, werden wir die Fernsehübertragung nicht zusammen mit der Prinzessin anschauen können.“ Eric blieb standhaft – inzwischen hielt er Sonia schon auf dem Arm.

„Sie wartet auf uns, Tante Kristin.“

Kristins Mund war schon ganz trocken. „Weiß Ihre Schwester, dass ich auch komme?“

Vielleicht lag es am Licht, dass Erics Augen mehr schwarz als braun aussahen. Sie hatte ihn verärgert, auch wenn das das Letzte war, was sie beabsichtigt hatte.

„Natürlich.“

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Dann sollten wir jetzt lieber gehen und sie nicht länger als nötig anstrengen. Ich möchte nicht der Grund dafür sein, dass ihr Baby zu früh kommt.“

Mit einem zufriedenen Lächeln scheuchte Eric sie aus der Eingangstür zur wartenden Limousine. Thor kletterte als Letztes hinein und legte sich zu Erics Füßen, der Sonia bereits auf seinem Schoß hielt. Sie saßen Kristin gegenüber, die starr aus dem Wagenfenster blickte.

Die Fahrt nach Thorsvik dauerte nur eine halbe Stunde. Eric schenkte ihrer Nichte seine volle Aufmerksamkeit, spielte für sie den Stadtführer und erzählte faszinierende kleine Geschichten, die nur jemand kennen konnte, der aus der königlichen Familie stammte.

Sonia war überglücklich.

Kristin hingegen wurde jetzt schon das Herz schwer, als sie das Kind ihrer Schwester betrachtete, das sich so über dieses Abenteuer freute, das in nur wenigen Stunden vorbei sein und sich nicht mehr wiederholen würde. Sie würden nach Chicago zurückkehren – in eine Welt, die unvorstellbar weit von der des Prinzen und Thors entfernt war. Sonias kleines Herz würde sicherlich in tausend Stücke brechen.

Kristin sah nur eine einzige Möglichkeit, sie wieder glücklich zu machen: ein Haustier! Besser gesagt, ein Blindenhund. Er würde ihr Leben in Zukunft schöner und einfacher machen, aber ein Blindenhund bedeutete auch Zeit und Geld.

Im Augenblick benötigte sie einen hingebungsvollen Hund wie Thor, dem sie ihre ganze Zuneigung schenken konnte und von dem sie im Gegenzug viel Liebe bekam. Je länger sie beobachtete, wie ihre Nichte mit Erics Hund umging, desto sicherer wurde sie, dass dies eine wunderbare Idee war.

Ihr Wohnungsverwalter erlaubte keine Haustiere. Als Kristin Bruce den Verlobungsring zurückgegeben hatte, hatte sie beschlossen, dass es das Beste war, wenn sie und Sonia bei ihrem Vater einzogen, bis Sonia im nächsten Herbst mit dem Unterricht im Blindenzentrum begann. Das gab ihr Zeit, nach einer neuen Wohnung zu suchen, die sowohl kinder- als auch tierfreundlich war.

Sie wusste, dass ihr Vater ohne ihre Mutter sehr einsam war und immer noch um seine ältere Tochter trauerte. Er wäre begeistert, wenn Kristin und Sonia noch eine Weile bei ihm wohnen würden – mit Hund und allem Drum und Dran.

Während sie in Gedanken schon eine neue Zukunft plante, hatte sie überhaupt nicht bemerkt, dass sie bereits das Stadtzentrum erreicht hatten. Der mächtige und weitläufige weiß-gelbe Palast erstreckte sich über drei Stockwerke. Er war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auf einem Hügel erbaut worden, der sich am Ende von Thorsviks Hauptverkehrsstraße befand. Die raffinierte Beleuchtung betonte seine einzigartige Architektur vor dem samtig dunklen Abendhimmel ganz besonders. Es war ein fantastischer Anblick – so fantastisch wie der ganze Tag, der bisher hinter ihnen lag.

Gegen ihren Willen und aus einem unerklärlichen Drang beobachtete sie den Mann, der ihrer Nichte gerade von seiner Kindheit erzählte. Ganze Welten lagen zwischen ihm, dem Nachkommen einer königlichen Familie, und Sonia, deren Eltern sich nur eine kleine Wohnung hatten leisten können. Dieser prunkvolle Palast war sein Zuhause.

Hier in dieser Limousine allerdings, wie er so leger dasaß in der dunkelgrauen Hose und dem hellgrauen Strickpullover, hier konnte sie sich fast einbilden, dass es sich lediglich um einen Mann handelte, dessen Herz von einem kleinen Mädchen berührt worden war, das nicht mehr sehen konnte. Er war ein Bruder, der sich trotz seines geschäftigen Lebens Zeit genommen hatte, um seiner Schwester zu helfen, und der noch einen Schritt weiter gegangen war, um Sonia glücklich zu machen.

Wenn man Kristin gebeten hätte, die Presse mit einer Schlagzeile zu versorgen, dann würde sie entgegen seines Rufs als Playboy lauten, dass es sich bei Eric um einen wahren Edelmann handelte – mit oder ohne Titel.

„Wir sind da, Sonia. Wir werden den Palast durch einen Seiteneingang betreten. Es gibt dort eine Treppe, die direkt zur Wohnung meiner Schwester im zweiten Stock führt. Bist du bereit?“

„Ja.“ Sie sah so aufgeregt aus, als würde sie gleich platzen. Welches Kind wäre nicht völlig außer sich vor Freude, wenn es kurz davor stünde, eine echte Prinzessin zu treffen?

Erics Blick fing den Kristins auf; es schien, als könne er ihre Gedanken lesen, und Kristins Herz setzte einen Moment aus, bevor sie rasch wegblickte.

„Möchtest du, dass ich dich trage, oder möchtest du selbst gehen?“

Sonia schlang ihre Arme um seinen Nacken. „Trägst du mich bitte?“

Er lachte leise. „Ich habe gehofft, dass du das sagen würdest. Auf, Thor, komm!“ Die drei stiegen zuerst aus der Limousine.

In einer weiteren Limousine hinter ihnen befanden sich mehrere Sicherheitsleute. Einer von ihnen half Kristin aus dem Wagen und begleitete sie in den Palast, wo die Angestellten schon warteten.

Das Innere des Palastes war noch viel luxuriöser, als Kristin es sich jemals hätte vorstellen können. Auch wenn Sonia all dies hier sehen könnte, Kristin war sich sicher, dass sie für nichts und niemanden Augen gehabt hätte, außer für den Mann, der sie gerade wie eine Märchenprinzessin behandelte.

Nachdem sie ein Drittel des mit vergoldeten Elementen verzierten Korridors zurückgelegt hatten, öffnete Eric eine der vielen Flügeltüren. Er wurde von einem blonden Mann begrüßt, den Kristin von Bildern kannte. Es war Stien Johansen, der Ehemann von Prinzessin Maren.

Nachdem sich alle miteinander bekannt gemacht hatten, gingen sie in einen kleinen Salon, der mit allen Annehmlichkeiten des modernen Lebens ausgestattet war.

Kristin erblickte die brünette Prinzessin. Sie trug ein Nachthemd, das entsprechend ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft bequem geschnitten, aber überaus schick war, und lag halb auf dem Sofa, mit einer Decke, die sie sich übergeworfen hatte.

Die Ähnlichkeit mit Eric war frappierend.

Zu Kristins Überraschung trug die Prinzessin ein Diadem. Das konnte nur bedeuten, dass Eric sie gebeten hatte, es Sonia zuliebe aufzusetzen.

Kristins Gefühle ihm gegenüber wurden von Minute zu Minute stärker.

Er wartete, dass Kristin sie aufholte. Während er Sonia auf dem Arm hielt, legte er seine andere Hand um Kristins Taille und schob sie sanft vorwärts.

Die Geste war viel zu persönlich. Seine Berührung löste eine Flamme aus, die durch ihren ohnehin schon hochsensiblen Körper schoss, aber sie wagte es nicht, sich von ihm zu lösen – nicht vor seiner versammelten Familie.

„Maren? Ich möchte dir gerne Sonia Anderssen vorstellen, das neue Werbemädchen der Chocolate Barn. Und das ist Kristin Remmen, ihre Tante.“

Die beiden Frauen gaben sich die Hand, während sie sich für einen kurzen Augenblick aufmerksam betrachteten. Ohne Zweifel fragte sich die Prinzessin, was in aller Welt hier eigentlich vorging.

„Wie geht es Ihnen, Eure Hoheit? Das ist eine große Ehre für uns. Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie stören.“

„Ich bin entzückt, dass Sie das tun. Es ist ganz wunderbar, Sie kennenzulernen, Kristin. Bitte nennen Sie mich Maren.“

„Danke.“

Die Prinzessin war genauso bodenständig und liebenswürdig wie ihr Bruder.

Nun wandte sie ihre Aufmerksamkeit Sonia zu. „Komm her, mein Schatz.“ Sie streckte ihre Arme aus. Eric ließ Sonia auf den orientalischen Teppich hinab, der die Mitte des Raums bedeckte, und half ihr, die Winterjacke auszuziehen.

„Sonia hatte vor zwei Monaten einen Unfall und kann nicht sehen.“

Die Prinzessin unterlief dieselbe Wandlung wie Eric, als er erfahren hatte, dass Sonia blind war.

Sie richtete sich auf, griff nach Sonias Hand und zog sie zu sich. Tränen liefen über ihre geröteten Wangen. „Ich bin so glücklich, dich kennenzulernen, Sonia“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Verzeihst du mir, dass ich heute nicht kommen konnte?“

„Ja. Eric sagte, du musst dich ausruhen, weil du ein Baby bekommst – einen kleinen Jungen.“

„Ja, das stimmt. Möchtest du ihn mal spüren?“

„Kann man ihn spüren?“ Sonias Augen wurden ganz weit vor Erstaunen.

„Hier.“ Sie legte Sonias Hand auf ihren vorstehenden Bauch und bewegte sie hin und her. „Vielleicht tritt er ja mal für dich.“

Sonia zuckte zusammen, als ein winziger Fuß an ihre Hand stieß. „Ist das das Baby drinnen?“, quiekte sie ungläubig.

„Ja, mein Schatz“, murmelte Maren.

„Wie heißt es?“

„Das haben wir noch nicht entschieden.“

„Ich finde, ihr solltet es Eric nennen. So hieß auch mein Daddy.“

Bei dieser unerwarteten Information warf Eric Kristin einen forschenden Blick zu. Das war ein weiterer Grund, warum sich Sonia dem Prinzen so nahe fühlte, dessen war sich Kristin sicher.

„Trägt er eine Krone?“

Die Prinzessin musste lachen. Sonias Charme berührte jeden. „Nein, noch nicht, aber ich trage meine. Möchtest du sie aufsetzen?“

„Darf ich denn?“

„Lass uns erst deine Mütze abnehmen“, meinte Eric. Als ob er sein Leben lang nichts anderes getan hatte, nahm er zuerst die Haarklammern ab, damit sie die Mütze absetzen konnte. Kristin legte alles in ihre Handtasche.

„Hier“, sagte er und lächelte Sonia dabei an. „Bist du bereit für die Krönung?“

Sonia kicherte. „Ja.“

Er nahm das Diadem aus dem Haar seiner Schwester und setzte es auf Sonias Kopf. Sie fasste es für einen kurzen Moment an und drehte sich dann zu Kristin um, wobei sie über das ganze Gesicht strahlte.

„Wie sehe ich aus, Tante Kristin?“

„Wie eine Prinzessin. Ich wünschte, ich hätte ein Foto, damit ich es deinem Großvater zeigen könnte.“

„Kein Problem“, rief Marens Ehemann, und dann ging ein wahres Blitzlichtgewitter auf Sonia hinunter.

Eric hockte sich neben Sonia.“ Na, tut es weh?“, neckte er sie.

„Nein“, sagte Sonia und fügte frustriert hinzu, „aber sie rutscht dauernd runter.“

Sein Lachen war so ansteckend und so männlich, dass ein wohliger Schauer Kristins ganzen Körper durchlief.

Genau in dem Moment leuchtete ein weiterer Blitz auf.

Kristin fing das juwelenbesetzte Diadem auf, bevor es auf Sonias Nase landete. „Das kommt daher, weil es für die Prinzessin angefertigt wurde. Und nun denke ich, ist es an der Zeit, es zurückzugeben, meinst du nicht?“

„Ja.“

Kristin übergab das Diadem Eric, der sie intensiv betrachtete und sich weigerte, den Blick von ihr zu nehmen.

„Danke.“ Ihre Lippen formten das Wort lautlos.

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