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JULIA EXTRA, BAND 353

TRISH MOREY

In einer Gondel durch Venedig

Der Milliardär Raoul del Arco hat geschworen, die junge Gabriella zu heiraten. Doch kann er ihr jemals die grenzenlose Liebe schenken, die sie verdient? Schwer lastet ein düsteres Geheimnis auf ihm …

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Als Poppy in einer stürmischen Nacht den attraktiven Gianluca wiedertrifft, beginnt alles von vorn: die Sehnsucht nach der Liebe des feurigen Italieners, die Leidenschaft – die Angst, ihn zu verlieren …

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Was ist nur mit Prinzessin Emmeline los? Gestern war sie unnahbar, heute ist sie verführerisch sexy! König Zale könnte glücklich sein – hätte er nicht das Gefühl, dass etwas mit seiner Verlobten nicht stimmt …

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In einer Gondel durch Venedig

PROLOG

Paris

„Bitte versprich mir etwas, Raoul. Es ist mein letzter Wunsch, bevor ich sterbe.“ Die Stimme des alten Mannes war schwach und zitterte und schaffte es kaum, das Piepen der Maschinen und Monitore an seinem Bett zu übertönen.

Raoul beugte sich näher zu ihm. „So darfst du nicht reden, Umberto!“ Er legte seine Hand auf die knochigen Finger des alten Mannes und bemühte sich, nicht an die Nadel zu stoßen, die aus dem faltigen Handrücken ragte. „Du bist stark wie ein Ochse“, log er. Er wünschte, es wäre die Wahrheit. „Der Arzt hat gesagt …“

„Der Arzt ist ein Idiot!“, unterbrach ihn der alte Mann. Die Worte gingen in einem Hustenanfall unter. „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, brachte er schließlich keuchend heraus. „Ich weiß, dass meine Zeit gekommen ist.“ Als wollte er die Wichtigkeit seiner Worte unterstreichen, drückte er mit letzter Kraft die Hand seines Besuchers. „Aber ich habe Angst davor, was nach meinem Tod geschieht. Darum habe ich dich hergerufen. Du musst mir jetzt etwas versprechen, Raoul, bevor es zu spät ist …“

Der alte Mann sackte erschöpft in die Kissen zurück und schloss die Augen. Sein Gesicht wirkte fahl und eingefallen, als wäre die letzte Anstrengung zu viel für ihn gewesen.

Zum ersten Mal begriff Raoul plötzlich, dass es kein Zurück mehr gab. Seit über zehn Jahren war Umberto wie ein Vater für ihn. Und nun lag sein ältester Freund, sein Mentor und einziger Familienersatz im Sterben. Am liebsten wäre Raoul aus dem Krankenzimmer geflohen. Aber er wusste, dass er vor dem Schmerz in seinem Inneren nicht davonlaufen konnte.

„Ich würde alles für dich tun, Umberto. Das weißt du.“ Die Worte fühlten sich rau in seiner Kehle an. „Du hast mein Wort.“

Eine Ewigkeit verging. Nur das Geräusch der Maschinen verriet, dass sein Freund noch am Leben war.

Schließlich hoben sich flatternd die Lider, und der alte Mann sah ihn aus trüben Augen an. „Kümmere dich um Gabriella! Nach meinem Tod wird sie verletzlich sein. Solange ich nicht weiß, dass sie in Sicherheit ist, kann ich keine Ruhe finden.“

Raoul legte dem Sterbenden beruhigend die Hand auf die Schulter. Unter seinen Fingern spürte er kaum mehr als zerbrechliche Knochen. „Dann kannst du ganz beruhigt sein, alter Freund. Es wäre mir eine Ehre, ihr Vormund zu sein.“

Anstatt Raoul zu danken, überraschte ihn der alte Mann mit einem protestierenden Schnauben. Für einen kurzen Moment glaubte Raoul, wieder den alten Umberto vor sich zu sehen. Er wollte sich bereits über den winzigen Lebensfunken freuen, als er ganz langsam begriff, was Umberto da von ihm verlangte.

Das ist völlig unmöglich, durchfuhr es Raoul. Augenblicklich hatte er das Gefühl, von einem Tsunami überrollt zu werden.

Er sprang auf, unfähig sitzen zu bleiben, während die Welle sein Innerstes durcheinanderwirbelte. Mit feuchten Händen fuhr er durch sein Haar und zerrte an der Krawatte. War die Klimaanlage ausgefallen? Es war viel zu heiß im Zimmer!

„Raoul, hast du gehört, was ich gesagt habe?“ Umbertos dünne Stimme drang durch den Sturm, der in seinem Inneren tobte.

„Ich habe dich gehört … jedes einzelne Wort.“ Doch das hielt Umberto nicht davon ab, sein Anliegen noch einmal zu wiederholen. Raoul fühlte sich, als würde sich ein giftiger Stachel in seine Seele bohren.

„Du musst sie heiraten, Raoul! Bitte versprich mir, dass du Gabriella heiraten wirst.“

Absoluter Wahnsinn! Er sog tief die Luft ein. Sie roch nach Tod und Desinfektionsmitteln und nach chemischen Sprays, die all das überdecken sollten und kläglich gescheitert waren.

Raoul hasste, was hier geschah, und er hasste noch mehr, was er hörte. War es nicht schlimm genug, dass sein alter Freund im Sterben lag? Er muss bereits unzurechnungsfähig sein, entschied Raoul, sonst könnte er nicht so einen Irrsinn verlangen!

„Du weißt, dass das unmöglich ist. Außerdem …“ Er dachte an das letzte Mal, als er das Mädchen gesehen hatte, und fuhr fort: „Selbst wenn ich verrückt genug wäre, noch einmal zu heiraten, ist Gabriella noch viel zu jung!“

„Sie ist eine erwachsene Frau.“ Umbertos Stimme brach, und er zwinkerte Tränen fort. „Sie ist vierundzwanzig.“

Wie schnell die Zeit vergeht, dachte Raoul schockiert und verfluchte im Stillen die Jahre, die er unbemerkt verloren hatte. War es wirklich schon so lange her?

„Dann ist sie doch alt genug. Warum traust du ihr nicht zu, dass sie selbst einen guten Ehemann aussucht?“

„Und wenn sie Consuelo Garbas wählt?“

„Manuels Bruder?“ Raoul hob ungläubig seine Hände. Mein Gott! dachte er. Konnte dieser Albtraum noch schlimmer werden?

Der Name Garbas war in seine Seele eingebrannt, so tief, dass er schon bei der Erwähnung den Schmerz in seinen Knochen spürte. Vor langer Zeit, in einer dunklen Vergangenheit, hatte er gehofft, dass er den Namen nie wieder hören würde.

Aber er hätte wissen müssen, dass er diesem Fluch nicht so leicht entkommen konnte. Die Garbas-Brüder waren wie ein schwarzes Loch, das der Welt in seiner Umgebung das Leben entzog und alles und jeden auf seinem Weg verschlang.

Raoul sah Umberto an. „Was will Consuelo von Gabriella?“

„Er schleicht wie eine Hyäne um sie herum, die auf Aas lauert, und wartet darauf, dass sie fünfundzwanzig wird. Dann kann sie ihr Erbe einfordern.“ Der alte Mann rang mühsam nach Atem. „Er weiß, dass ich eine Ehe mit ihm niemals erlauben würde. Darum wartet er auf meinen Tod, bevor er sich an sie heranmacht.“

Raoul nickte. „Hyäne ist das richtige Wort! Aasfresser und Abschaum, die ganze Familie! Ohne ihr Geld hätten sie nie Zugang zur High Society gefunden. Nur ihr Vermögen hat Ihnen einen Anstrich von Seriosität verliehen. Aber das ist alles nur Fassade.“ Und jetzt war einer von ihnen hinter Gabriella her? „Und sie weiß von nichts?“

Umberto schnaubte spöttisch. „Consuelo würde ihr wohl kaum die Wahrheit sagen. Sie weiß nur, dass sein Bruder unter tragischen Umständen gestorben ist. Vermutlich denkt sie, dass sie dadurch etwas gemeinsam haben.“ Er seufzte, dann schüttelte er den Kopf. „Ich habe versucht, sie zu warnen, aber Gabriella sieht in jedem nur das Gute – selbst in Menschen wie ihm. Und die ganze Zeit spielt er mit ihr wie die Katze mit der Maus. Er weiß ganz genau, dass er die Zeit auf seiner Seite hat. Du siehst, dass ich keinen außer dir um Hilfe bitten kann. Du musst sie heiraten, Raoul.“ In einer letzten Anstrengung hob er den Kopf vom Kissen. „Du musst sie beschützen. Du musst!“

Er fiel zurück in die Kissen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Nur das schnelle Piepen der Überwachungsmaschinen füllte die Leere.

Mit gesenktem Kopf saß Raoul an seiner Seite, während in seinem Inneren ein Sturm toste. Er sollte verdammt sein, wenn er zuließ, dass sich ein Garbas das Vermögen von Umbertos Enkelin erschlich. Leider war er die letzte Person, die Gabriella beschützen konnte.

Ganz abgesehen davon, dachte Umberto wirklich, Gabriella würde ihn einfach heiraten. Er war ein gebrochener Mann. Was konnte er ihr schon bieten?

Wieder nahm er die Hand seines Freundes. Er ahnte, dass dies ihre letzte Begegnung sein würde. „Umberto … mein Freund … ich liebe dich von ganzem Herzen, aber diesen Wunsch kann ich dir nicht erfüllen. Es muss einen anderen Weg geben, Gabriella zu beschützen, und ich werde ihn finden. Das verspreche ich dir. Denn ich bin nicht der richtige Ehemann für deine Enkelin.“

„Ich habe dich nicht darum gebeten, sie zu lieben“, brauste Umberto auf. Die Maschinen an seinem Kopfende piepten auf Hochtouren. „Du sollst sie nur heiraten! Beschütze sie!“

Die Tür ging auf, und eine Krankenschwester stürmte in den Raum. Sie schob Raoul zur Seite, um nach Umberto zu sehen.

„Der Besuch ist vorüber“, blaffte sie, ohne sich umzuschauen. „Sie regen meinen Patienten auf.“

Für einen Moment schloss Raoul die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Dann schaute er zurück zum Bett. Emsig kontrollierte die Krankenschwester die Monitore, stellte den Tropf neu ein und richtete die Kissen. Sein alter Freund sah unendlich schwach und verloren aus. Von dem einst so mächtigen Mann war nur noch ein Schatten geblieben.

Umbertos letzte Momente sollen nicht von Angst und Sorge vergiftet sein, dachte Raoul. Selbst wenn das bedeutete, dass er das Unmögliche versprechen musste. Aber sein Freund verdiente, in Frieden zu sterben.

„Gut, ich heirate sie. Wenn es wirklich das ist, was du von mir verlangst“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Er ignorierte das warnende Stirnrunzeln der Krankenschwester. „Ich heirate sie.“

1. KAPITEL

Drei Wochen später

In diesem Jahr war der Winter früh gekommen. Der späte Septembertag war so trübe und dunkel, als würde die Erde selbst den Tod ihres Großvaters betrauern. Die feuchte Luft und der eiskalte Regen passten zu Gabriella D’Arenbergs Stimmung, als sie allein am blumenbedeckten Grab ihres Großvaters stand.

Kurz zuvor hatte ihr auch der letzte Trauergast die Wangen geküsst und sein tiefes Beileid bekundet. Jeden Augenblick musste Consuelo zurückkommen, dann würden sie auch gehen. Er hatte sich entschuldigt, um einen Anruf entgegenzunehmen. Die anderen Trauergäste warteten inzwischen bestimmt schon bei Kanapees und Cognac im Hotel auf sie.

Gabriella war dankbar für den Moment der Stille. Hier, im Schatten des Eiffelturms, störte nichts ihre Gedanken. Die Geräusche der Großstadt drangen nur gedämpft durch die dicken Friedhofsmauern.

Doch plötzlich fuhr sie erschrocken herum, als sie aus den Augenwinkeln einen dunklen Schatten wahrnahm. Groß, breitschultrig und dunkel wie die Nacht tauchte er aus dem dichten Nebel auf. Als er langsam zwischen Skulpturen geflügelter Engel und pausbäckiger Cherubim auf sie zuging, begann Gabriellas Herz schneller zu schlagen. Und erstaunt bemerkte sie, dass ihr zum ersten Mal an diesem Tag warm wurde.

Raoul.

Sie hatte ihn schon beim Gottesdienst entdeckt. Es war unmöglich gewesen, seine Anwesenheit in der winzigen, überfüllten Kirche nicht zu bemerken. Bei der Aussicht, ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen, mischte sich Freude in ihre Trauer. Umso enttäuschter war sie, als sie ihn später zwischen all den Gästen nicht mehr finden konnte.

Mit seinen schwarzen Augen und dem schön geschwungenen Mund war er der Schwarm ihrer Mädchenträume gewesen. Bei dem Gedanken an ihre erotischen Fantasien von damals schoss ihr selbst jetzt noch das Blut in die Wangen. Tagelang hatte sie geweint, als sie von seiner Hochzeit gehört hatte. Sie weinte noch einmal, als sie ein Jahr später vom Tod seiner Frau erfuhr. Aber das war jetzt über zehn Jahre her.

Zum Glück ahnte er von alledem nichts, sonst hätte Gabriella ihm jetzt niemals unter die Augen treten können. Und außerdem war sie natürlich längst über ihre Teenagerschwärmerei hinweg!

Das Geräusch von Stiefeln auf Kies wurde lauter. Der lange Ledermantel schwang um seine Beine, das schwarze Haar fiel bis auf den Kragen, und der Blick seiner dunklen Augen war noch intensiver, als Gabriella in Erinnerung hatte.

Ein Schauer lief über ihren Rücken. Irgendetwas an dieser Intensität machte ihr Angst, so als wäre sein entschlossener Schritt ein Vorzeichen von Gefahr.

Der Nebel! dachte sie. Daran musste es liegen!

Die kalte Luft bewegte sich und schien sich vor ihm zu teilen, dann war er bei ihr. Gabriella musste ihren Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen. Die markanten Linien seines Gesichts wirkten wie gemeißelt. Er lächelte nicht, aber das hatte sie auch nicht erwartet. Nicht heute.

Sie schüttelte ihre dunkle Vorahnung ab. Dies war Raoul, ein alter Freund der Familie! Sie begrüßte ihn mit einem nervösen Lächeln. So selbstverständlich, als wäre seit damals keine Zeit vergangen, schob sie ihre Hände zwischen seine.

Du bist gekommen! dachte sie, dankbar für die Wärme. „Raoul, ich bin so froh, dich zu sehen.“

Für einen Augenblick schien er wie versteinert, und Gabriella fragte sich, ob sie ihm zu nahe getreten war. Gehörte ihre Vertrautheit längst der Vergangenheit an?

Doch dann drückte er ihre Hände, und der harte Zug um seinen Mund wich einem traurigen Lächeln.

„Gabriella“, sagte er, als würde er jede Silbe in Ehren halten.

Er beugte sich vor und küsste sie andächtig zuerst auf die eine, dann auf die andere Wange. Sie erschauerte, als seine warmen Lippen ihre Haut berührten. Plötzlich schienen sich die vergangenen Jahre in nichts aufzulösen. Sie atmete tief seinen vertrauten Duft ein, nach sauberer Haut, warmem Leder und irgendwie holzig.

„Es tut mir so leid, Gabriella.“ Er zog sich zurück und ließ ihre Hände los.

Gabriella versuchte verzweifelt, nicht enttäuscht zu sein. Sie schob ihre Hände in die Manteltaschen, nicht nur, um sie warm zu halten, sondern vor allem, um sich selbst davon abzuhalten, wieder nach ihm zu greifen.

Ihre Teenagerfantasien mochten lange zurückliegen, aber jetzt war Raoul hier, fast schmerzhaft nah. Gabriella ballte ihre Hände in den Taschen zu Fäusten, sodass sich die Nägel in ihre Handflächen gruben.

„Ich wusste nicht, dass du kommst.“ Sie schaffte es, ein wenig zu lächeln, wenn auch zittrig. Wie ist es möglich, dass mich nach all den Jahren seine Gegenwart noch so aufwühlt? dachte sie erstaunt. „Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt? Du hättest doch bei mir wohnen können. Bist du in einem Hotel untergekommen?“

Er nannte ihr einen Hotelnamen, aber sie konnte sich kaum auf seine Worte konzentrieren. Doch vielleicht lag das nicht nur an dem Wiedersehen mit Raoul, sondern an den Erinnerungen, die sie mit ihm verband. Erinnerungen an glücklichere Zeiten.

Solange sie denken konnte, waren Raouls und ihre Familien eng verbunden gewesen. Jedenfalls bis zu der Tragödie, die das Leben ihrer beider Eltern ausgelöscht hatte. Danach hatte sich ihr Großvater um Raoul wie um einen Sohn gekümmert.

„Du musst ihn auch vermissen“, sagte sie leise.

Raoul nickte. „Umberto war ein wunderbarer Mensch. Er fehlt mir mehr, als ich in Worte fassen kann.“ Plötzlicher Schmerz flackerte in seinen Augen auf, so intensiv, dass sie ihn fast spüren konnte.

Er wandte sich zum Grab, und Gabriella nutzte die Gelegenheit, um ihn von der Seite zu betrachten. Seine markanten Gesichtszüge wirkten fast wie gemeißelt. Trotzdem war Raoul nicht im klassischen Sinne hübsch, vielmehr besaß er eine überwältigende Ausstrahlung. Doch über seiner Erscheinung schienen dunkle Schatten zu liegen, die von unbekannten Gefahren und tief verborgenen Geheimnissen erzählten.

Wie viele Nächte hatte sie als junges Mädchen wach gelegen und sich all diese Gefahren und Geheimnisse ausgemalt, voller Sehnsucht, eines Tages alles darüber zu wissen?

Die vergangenen Jahre ließen Raoul noch geheimnisvoller und dunkler wirken. Die Linien seines Kiefers kamen ihr härter vor, und in seinen Augen lag ein gejagter Ausdruck.

Erschrocken bemerkte sie, dass sie ganz in ihren Gedanken verloren gewesen war. Inzwischen beobachtete Raoul sie. Sein nachtdunkler Blick fuhr über ihr Gesicht. Kaum merklich runzelte er die Brauen.

Stimmt etwas nicht? dachte sie besorgt. Doch dann nickte er, lächelte leise und trat vor sie.

„Was ist aus der Gabriella geworden, die ich gekannt habe? Wo ist das dünne Mädchen mit den Zöpfen geblieben, das immer seine Nase in einem Buch hatte?“

Gabriella versteckte ihre Verlegenheit hinter einem kleinen Lachen. Hoffentlich bedeutet seine Bemerkung, dass ihm mein Aussehen gefällt, hoffte sie, auch wenn sie selbst nicht genau wusste, warum ihr seine Meinung so wichtig war.

Schon vor langer Zeit hatte sie sich damit abgefunden, nie eine klassische Schönheit zu werden. Ihre Augen waren viel zu groß, und ihr Kinn war zu spitz. Die meiste Zeit ihrer Jugend hatte sie es hinter einer Hand verborgen. Aber es war ihr Gesicht. Mit den Jahren hatte sie gelernt, es zu akzeptieren. Und seitdem sie die Kunst beherrschte, ihre Augen zu betonen, gefiel es ihr sogar.

„Es ist erwachsen geworden, Raoul. Das dünne Mädchen ist seit langer Zeit verschwunden.“

„Es ist sehr lange her“, stimmte er zu. Er schwieg einen Augenblick, als würde er an eine andere Zeit denken, andere dunkle Tage, andere Beerdigungen. „Was hast du seitdem gemacht? Wie geht es dir?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ach, dies und das. Aber es geht mir gut … und manchmal nicht so gut.“ Gabriella sah zu dem offenen Grab hinüber und spürte wieder den scharfen Schmerz des Verlusts. „Aber jetzt, wo ich dich wiedersehe, geht es mir schon besser.“ Sie zögerte und überlegte, wie offen sie sein durfte, ohne zu viel über sich selbst zu verraten. Doch dann entschied sie, einfach ehrlich zu sein. „Ich bin sehr glücklich, dass du hier bist.“

„Das bin ich auch. Aber du solltest jetzt nicht allein sein.“

„Oh, das bin ich auch nicht. Nicht wirklich. Consuelo – ein Freund – ist auch hier. Er ist nur kurz weggegangen.“ Sie schob eine glänzende kastanienfarbene Haarsträhne aus dem Gesicht, als sie sich suchend umschaute. „Er musste einen wichtigen Anruf annehmen.“ Erst jetzt fiel ihr auf, wie lange er schon weg war. „Wahrscheinlich geht es um eine seiner Stiftungen. Er leitet eine Wohltätigkeitsorganisation für krebskranke Kinder und hängt ständig am Telefon, um Spendengelder zu sammeln.“

Gabriella merkte selbst, dass sie versuchte, Consuelo zu entschuldigen. Aber warum musste er auch ausgerechnet heute so lange telefonieren? „Sobald er wieder da ist, fahren wir zur Trauerfeier ins Hotel. Alle anderen sind inzwischen bestimmt schon dort.“

Sie warf Raoul einen Blick zu. Würde er sie genauso schnell wieder allein lassen, wie er zurück in ihr Leben getreten war? Plötzlich hatte sie Angst, ihn nie wiederzusehen. Schon der Gedanke an weitere zehn Jahre ohne ihn war zu entsetzlich. „Du kommst doch auch, oder? Ich hatte dich schon vorhin in der Kapelle gesehen, aber als ich draußen war, warst du schon verschwunden. Ich dachte, ich hätte dich verpasst.“ Sie zögerte. „Es gibt so viel, über das ich mit dir reden will“, fügte sie leise hinzu.

Er hob seine Hand und strich eine widerspenstige Locke aus ihrem schönen Gesicht. Die zarte Berührung seiner Fingerspitzen sandte eine Hitzewelle durch Gabriellas Körper.

„Natürlich komme ich.“

Ihr Atem stockte, als er die Haarsträhne hinter ihr Ohr schob und für einen Moment seine Finger auf ihrer Haut ruhen ließ.

„Gabby …“

Gabriella blinzelte, als sie ihren Spitznamen aus seinem Mund hörte. Sie war sich bewusst, dass Raoul seine Hand noch immer nicht bewegt hatte. Jetzt legte er seine Finger um ihren Nacken und strich sanft über ihre Haut, warm und sinnlich.

Das ist nur eine rein freundschaftliche Berührung, versicherte sie sich. Raoul wollte ihr Trost spenden, mehr nicht. Er wäre eine unhöfliche Überreaktion, seine Hand wegzuschieben.

„Kommst du?“, fragte Consuelo, der plötzlich wie eine Erscheinung vor ihnen stand. „Wir sind spät dran.“ Er runzelte die Brauen und sah von einem zum anderen.

„Gabriella hat auf dich gewartet.“ Raoul hörte selbst, wie feindselig er klang.

Consuelo schien davon nichts zu bemerken. Offensichtlich interessierte ihn nur Raouls Hand auf Gabriellas Nacken. Er starrte sie an, als könnte er sie mit seinem Blick verschwinden lassen.

Errötend legte Gabriella ihre Finger auf Raouls Hand und schob sie sanft fort.

„Habe ich etwas verpasst?“ Irritiert sah sie die Männer an. Plötzlich bemerkte sie, wie ähnlich sie aussahen – und wie verschieden. Beide besaßen dunkle Augen und einen olivfarbenen Teint. Doch Raoul war größer, breiter und weitaus beeindruckender. Neben ihm wirkte Consuelo fast klein. „Kennt ihr euch?“

„Consuelo und ich sind alte Freunde“, erklärte Raoul gedehnt. Sein Tonfall verriet, dass sie alles andere als Freunde waren. „Nicht wahr, Consuelo?“

In den Augen des anderen Mannes flackerte etwas wie Angst auf. Er rückte seine Krawatte zurecht und sah zu Gabriella. „Ich habe gerade mit Philippa gesprochen. Sie hat gesagt, dass der Pastor ein paar Worte sagen will. Aber er möchte erst anfangen, wenn du da bist. Wir sollten gehen. Jetzt.“

„Du hast also die ganze Zeit mit Philippa telefoniert?“ Seltsam, dachte Gabriella. Normalerweise sprachen die beiden kaum miteinander. Gabriella war nicht einmal sicher, ob ihre Freundin ihn überhaupt mochte. Wahrscheinlich hat sie ihn angerufen, weil ich mein Handy ausgestellt hatte, überlegte sie. „Ja, dann sollten wir besser gehen. Fährst du mit uns, Raoul?“

Consuelo nahm ihren Arm und zog sie näher zu sich. „Komm, der Wagen wartet schon.“

Raoul lächelte. „Danke für das Angebot, aber ich bleibe noch ein paar Minuten hier. Ich komme später nach.“ Ohne seine dunklen Augen von ihren zu lösen, nahm er ihre Hand, hob sie zu seinen Lippen und küsste sie. „Bis später, Bella“, murmelte er fast zärtlich.

Dann wanderte sein Blick zu Consuelo und verhärtete sich. „Garbas.“ Er nickte ihm knapp zu,

Ohne ein weiteres Wort nahm Consuelo ihre Hand und zog sie fort.

Raoul sah den beiden nach, wie sie ihm Nebel verschwanden. Gabriellas Mantel war in der Taille gebunden und betonte ihre schlanke Figur. Als der andere Mann ihr wie selbstverständlich den Arm um die Schultern legte und sie an sich drückte, biss Raoul die Zähne zusammen.

Umberto hatte recht gehabt, als er Consuelo mit einer Hyäne verglichen hatte, die auf ihre Chance wartete. Aber wenn es nach Raoul ging, würde dieser Kerl nicht einen Cent von Gabriellas Vermögen sehen.

Gabriella.

Bella.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ihm ihr Kosename wie selbstverständlich über die Lippen gekommen war, hatte er nicht einmal gewusst, dass er sich noch daran erinnerte. Wie sehr sie sich in den letzten zwölf Jahren verändert hatte!

Als hätten wir auf zwei verschiedenen Planeten gelebt, dachte Raoul bitter. Er selbst hatte in der Zeit Verlust, Betrug und Tod erlebt – und sich schließlich von allem zurückgezogen. Doch bei Bella hatten diese Jahre Wunder gewirkt. Sie war von einem unscheinbaren Mädchen zu einer wunderschönen jungen Frau herangewachsen.

Aber das war zu erwarten gewesen, überlegte er. Schon ihre Mutter war eine Schönheit gewesen, halb englische Rose, halb feurige Italienerin. Ihr Vater entstammte dem französischen Hochadel.

Gabriellas herzförmiges Gesicht vereinte das Beste von beiden: die Katzenaugen und die seidenweichen Züge ihrer Mutter und den leidenschaftlichen Mund des Vaters. Wunderschön. Zerbrechlich.

Viel zu gut für ihn.

Was hat Umberto sich nur dabei gedacht? fragte sich Raoul. Wieso wollte er seine geliebte Enkelin ausgerechnet mir zur Frau geben? Ich bin ein gebrochener Mann. Gibt es nicht noch einen anderen Weg, um sie vor Consuelo zu beschützen?

Du musst sie nicht lieben, hörte er wieder Umbertos Worte.

Selbst wenn er noch in der Lage wäre zu lieben – was sollte eine Frau wie Gabriella mit seiner Liebe anfangen? Und welchen Grund hätte sie, ihre Liebe an ihn zu verschwenden? Warum, in aller Welt, sollte eine Frau wie sie ihn jemals heiraten wollen?

Aber das war vielleicht auch gar nicht nötig. Consuelo würde schon bald Geschichte sein! Hinter Schloss und Riegel, wo er sie nicht mehr verletzen konnte. Wenn die Wahrheit über ihn erst einmal bekannt geworden war, würde ihn selbst jemand, der in jedem Menschen nur das Gute sah, nicht mehr verteidigen wollen.

Raoul würde Gabriella beschützen, nicht nur vor Consuelo, sondern vor allem Bösen in der Welt.

Plötzlich glaubte er wieder, ihre Haut unter seinen Fingerspitzen zu spüren, ihre Wange, die sie in seine Hand schmiegte, während sie ihn anschaute. Ich will das Unmögliche! erkannte er. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte er Verlangen gespürt. Bei dem Gedanken erfüllte ihn Scham.

Gabriella war die Enkelin seines ältesten Freundes! Bei ihrer letzten Begegnung war sie zwölf gewesen, und es spielte keine Rolle, wie alt sie heute war. Ihr Altersunterschied von mehr als zehn Jahren blieb bestehen.

Seine Aufgabe war es, sie zu beschützen, nicht, sie auszunutzen.

Raoul schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, Umberto. Aber was hast du dir dabei nur gedacht?“, murmelte er. „Wie konntest du mir ein solches Versprechen abnehmen? Hast du nicht gewusst, dass nichts Gutes dabei herauskommen kann?“

Die Nebelschwaden gaben ihm keine Antwort auf seine Fragen. Raoul wusste nur eins: Er hatte seinem sterbenden Freund ein Versprechen gegeben.

Er würde es erfüllen.

2. KAPITEL

„Was will er hier?“ Consuelo lief über den Pfad, als wären Dämonen hinter ihm her. „Wieso musste er kommen?“

Gabriella bemühte sich, mit ihm Schritt zu halten. „Raoul ist ein alter Freund der Familie. Selbstverständlich ist er zur Beerdigung gekommen.“

„Aber wie er dich angefasst hat – als würdest du ihm gehören. Als würde er dir etwas bedeuten. Und du hast es zugelassen!“

„Wir sind zusammen aufgewachsen, Consuelo. Unsere Familien waren unzertrennlich. Zumindest bis ich zwölf Jahre alt war. Das letzte Mal habe ich ihn auf der Beerdigung unserer Eltern gesehen. Natürlich haben wir Gefühle füreinander. Er ist wie ein großer Bruder für mich.“

„Und das ist wirklich alles?“

„Aber sicher“, versicherte Gabriella in beruhigendem Tonfall.

Was hätte sie auch sonst sagen sollen? Dass sie vor langer Zeit von mehr geträumt hatte?

Consuelo presste sie enger an sich. Warum wärmt mich seine Umarmung nicht so wie Raouls? fragte sich Gabriella. Vielleicht weil sie ihn öfter sah und er vertrauter war.

Sie sollte ihn nicht ermutigen. Sie wusste, dass Consuelo mehr von ihr wollte, als sie ihm zu diesem Zeitpunkt geben konnte. Aber heute brauchte sie jemanden, an dem sie sich festhalten konnte, selbst wenn seine Berührung keinerlei Feuer in ihr entfachten.

Gleichzeitig erschauerte sie bei der Erinnerung an Raouls Fingerspitzen auf ihrer Haut. Wie war das möglich? So viele Jahre war sie diesem Mann nur in ihren Träumen begegnet. Aber war vielleicht gerade das der Grund, warum sie plötzlich so intensiv für ihn empfand?

Aber Raoul hatte schon immer diese Wirkung auf sie gehabt. Wieso sollte es jetzt anders sein, nur weil zwölf Jahre vergangen waren?

„Woher kennst du Raoul?“, fragte sie neugierig, während sie zu dem wartenden Wagen eilten. „Ist er einer eurer Spendengeber?“

Consuelo lachte abfällig. „Nein, er würde einer Organisation wie unserer nie etwas geben. Ihm liegt nichts daran, kranke Kinder zu retten.“

„Wieso sagst du das? Hast du ihn schon einmal gefragt?“

„Mit seiner Sorte gebe ich mich erst gar nicht ab. Jemand wie er hat kein Herz.“

„Nein, Consuelo!“, protestierte sie. „Das kann nicht sein.“

Sie hatte noch nie jemanden mit einem so großen Herzen wie Raoul getroffen. Für ihre Familien war ihm nie etwas zu viel gewesen. Und als sie an dem verhängnisvollen Abend die Polizei angerufen hatte, hatte er sie in seine Arme genommen und gehalten, während sie sich die Augen aus dem Kopf geweint hatte. Auch sein Herz war gebrochen, aber er hatte ihr gegeben, was ihm geblieben war.

„Dann kennst du ihn weniger gut, als du denkst. Komm!“ Er öffnete ihr die Autotür. „Vergiss Raoul. Es gibt wichtigere Dinge, über die du jetzt nachdenken musst. Zum Beispiel darüber, welche Sachen aus deinem Haus in meine Wohnung gebracht werden sollen. Da du gerade Urlaub hast, ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt.“

Gabriella blinzelte verwirrt. „Wovon redest du?“

Consuelo sah sich um, als fühlte er sich verfolgt. Dann lächelte er Gabriella an. „Komm schon, Liebling. Jetzt, wo dein Großvater tot ist, gibt es keinen Grund für uns, noch länger getrennt zu leben.“

„Über das Thema haben wir noch nie gesprochen!“

Er nahm ihre Hand in seine und tätschelte sie. „Gabby, wir wissen doch beide, dass du nur deshalb noch nicht zu mir gezogen bist, weil dein Großvater dich gebraucht hat. Jetzt können wir endlich zusammenleben. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert.“

Sie schüttelte den Kopf. „Consuelo …“

„Natürlich kann ich auch bei dir einziehen, aber ich dachte, dir wäre ein Neuanfang lieber. Irgendwo, wo du nicht von deinen Erinnerungen verfolgt wirst.“

„Mir gefällt, wo ich lebe.“ Gabriella versteifte sich. Was hatte sie jemals gesagt oder getan, um ihn auf solche Gedanken zu bringen? „Und mein Großvater ist gerade erst beerdigt worden! Ehrlich gesagt, möchte ich mich heute nicht mit so etwas auseinandersetzen.“

Er seufzte und hob ihre Hand an seine Lippen, auch wenn in seinen Augen keine Wärme lag. „Es tut mir leid, Gabby. Ich wollte dich nicht drängen. Natürlich können wir auch später darüber reden.“

Viel später, dachte sie, während er sich wieder wie gehetzt umschaute. Was war heute nur mit Consuelo los?

Sie hatten fast das Hotel erreicht, als sein Telefon klingelte. Mit einem entschuldigenden Lächeln nahm er den Anruf entgegen. War es wieder Philippa, die wissen wollte, wo sie steckten? Erschrocken sah sie, wie jede Farbe aus Consuelos Gesicht wich.

„Mierda!“, fluchte er, klappte das Telefon zu und steckte es zurück in seine Jackentasche. Dann klopfte er dem Fahrer auf die Schulter. „Halten Sie sofort an, und lassen Sie mich raus!“

„Consuelo! Was ist passiert?“, fragte Gabriella.

Er stieg bereits aus. „Ein Problem im Büro. Ich muss gehen.“ Er warf die Tür zu und verschwand in der Menge.

Langsam neigte sich die Gedenkfeier dem Ende zu. Bei den bewegenden Worten des Pastors und den vielen Beileidsbekundungen der Trauergäste hatte Gabriella ein wenig Frieden gefunden. Alle, die ihren Großvater gekannt hatten, hatten ihn geliebt, und so war sie nicht die Einzige, die mit einem riesengroßen Loch in ihrem Herzen zurückblieb.

Sie zog ihr Mobiltelefon aus der Tasche und sah nach, ob sie eine Nachricht von Consuelo erhalten hatte. Aber inzwischen glaubte sie kaum noch daran, dass er kommen würde.

Das wäre nur halb so schlimm gewesen, wenn sich Raoul die Mühe gemacht hätte, noch aufzutauchen! Er hatte es ihr versprochen, und sie hatte angenommen, dass er kurz nach ihr eintreffen würde. Seitdem sie das Hotel betreten hatte, hatte sie nach seinen breiten Schultern und seinem blauschwarzen Haar Ausschau gehalten.

Sie sehnte sich schmerzhaft nach ihm. Wieso kam er nicht?

Philippa trat neben sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Hältst du noch durch?“

„Lassen Männer einen immer im Stich?“

Zuerst hatte Umberto sie verlassen, ihr über alles geliebter Großvater, der sie mit zwölf Jahren aufgenommen und wie Mutter und Vater in einem für sie war. Dann war Consuelo verschwunden, der selbst heute nur an seine Stiftung denken konnte. Und jetzt hatte sie auch noch Raoul verloren, bevor sie ihn wiedergefunden hatte.

„Hey, sei nicht traurig.“ Philippa drückte tröstend ihre Hand. „Du weißt doch, wie er ist. Er ist bestimmt durch irgendetwas aufgehalten worden. Und nein, Männer lassen einen nicht immer im Stich. Jedenfalls nicht alle.“

„Es tut mir leid“, murmelte Gabriella, als sie an Philippas wunderbaren Ehemann dachte. „Mir war gerade nur ein bisschen weinerlich zumute. Aber nichts gegen deinen großartigen Mann! Ich bin ihm so dankbar, dass er dich mit dem kleinen Baby den ganzen Weg von London hergebracht hat.“

Philippa küsste sie auf die Wange. „Ich weiß, Damien ist ein Schatz, aber so langsam muss ich ihn von unserem Baby erlösen. Kommst du zurecht, wenn ich jetzt gehe?“

„Auf jeden Fall! Ich weiß nicht, wie ich den Tag ohne dich überstanden hätte. Ach ja, und vielen Dank, dass du uns auf dem Friedhof angerufen und Bescheid gesagt hast.“

Philippa sah sie verständnislos an.

„Du hast doch Consuelo angerufen und ihm gesagt, dass der Pastor mit seiner Rede auf mich warten soll.“

Philippa runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe nicht einmal seine Telefonnummer.“

Jetzt blickte Gabriella verwirrt. Wieso hatte Consuelo dann gesagt, Philippa hätte angerufen? Hatte er Raoul so verzweifelt entkommen wollen, dass er deshalb gelogen hatte? Was, in aller Welt, mochte zwischen den beiden Männern vorgefallen sein?

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Philippa besorgt.

Gabriella rieb ihre Stirn. „Ja, ich habe nur entsetzliche Kopfschmerzen. Ich muss wohl irgendetwas missverstanden haben.“

„Warte, ich besorge dir ein paar Tabletten.“

Gabriella seufzte und lehnte sich erschöpft gegen eine Säule. Sie hatte nicht gelogen, ihr Kopf tat wirklich weh, außerdem brannten ihre Füße, und ihr Herz fühlte sich wie eine riesige gähnende Leere an. Schade, dass es dagegen keine Tablette gab.

Wie sollte ihr Leben ohne den Großvater weitergehen? Sie betrachtete die letzten Gäste, die bei Kaffee und Cognac Erinnerungen an alte Zeiten austauschten. Ob es irgendjemandem auffiel, wenn sie still und heimlich verschwinden würde? Aber sie wusste, dass sie bis zum Ende der Trauerfeier bleiben musste.

Plötzlich schien sich die Luft im Raum mit Erwartung zu füllen. Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, als sie den Blick dunkler Augen auffing. In diesem Moment kam auch Philippa zurück.

Sie reichte Gabriella ein Glas Wasser, doch dabei starrte sie fasziniert in eine ganz andere Richtung. „Wow! Vergiss für einen Augenblick alle wundervollen Ehemänner. Wer, in aller Welt, ist das?“

Gabriella wusste sofort, wen Philippa meinte. Sie spürte Raouls Gegenwart mit jeder Faser ihres Körpers.

Er war gekommen.

Dann war er bei ihr, so groß und breitschultrig und gefährlich. Und trotz seiner dunklen Erscheinung brachte er ihre Welt zum Leuchten.

„Raoul del Arco“, stellte er sich Philippa mit einer leichten Verbeugung vor.

Überdeutlich nahm Gabriella seine Finger wahr, die auf ihrem Rücken lagen. Ihre Brüste fühlten sich schwer und empfindsam an, und tief in ihrem Bauch pochte ein plötzliches Verlangen.

„Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen“, sagte sie etwas atemlos. Als sie den Anklang von Verzweiflung und sogar Vorwurf in ihrer Stimme hörte, zwang sie sich zu einem Lächeln. „Aber ich bin froh, dass du jetzt da bist. Darf ich dir Philippa Edwards vorstellen? Wir waren zusammen in England im Internat.“

Raoul nickte. „Es ist mir ein Vergnügen.“

„Raoul war immer wie ein großer Bruder für mich“, erklärte Gabriella. Und mein persönlicher Held, fügte sie im Stillen hinzu.

„Umberto war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, und Gabriella besitzt einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.“ Sein Arm bewegte sich aufwärts, bis seine Hand auf ihrer Schulter lag. Mit einer Geste, die nicht im Geringsten brüderlich wirkte, zog er sie enger an seinen warmen Körper. „Leider haben wir viel zu lange den Kontakt verloren. Aber diesen Fehler werde ich nicht noch einmal begehen.“ Er sah ihr tief in die Augen.

Ich hätte etwas essen sollen, dachte Gabriella. Sie fühlte sich, als würden jeden Moment die Knie unter ihr nachgeben. Philippa sah von einem zum anderen, dann verabschiedete sie sich. Nach einer letzten Umarmung der Freundin blieb Gabriella allein mit Raoul zurück.

Als er seinen Arm sinken ließ und sie anschaute, vermisste sie schon jetzt seine Berührung.

„Es tut mir leid, wenn du gewartet hast, Bella. Aber du hattest gesagt, du wolltest reden, und ich dachte, das wäre einfacher, wenn die anderen Gäste schon gegangen sind. Darf ich dich vielleicht heute Abend zum Essen einladen?“

„Ich … ich wollte eigentlich gerade nach Hause gehen.“

„Natürlich. Es war ein langer und anstrengender Tag für dich. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich dich nach Hause fahre?“

„Nein, nicht nach Hause“, entschied sie plötzlich. Heute würde dort kein Großvater auf sie warten. Nie wieder. Wieso hatte sie jemals geglaubt, ihr Heim wäre ein Zufluchtsort?

Außerdem fühlte sie sich plötzlich gar nicht mehr so leer und ausgelaugt. Stattdessen schien jeder Nerv in ihrem Körper zu vibrieren. Mit einem Mal merkte sie auch, wie ausgehungert sie war. Es kam ihr vor, als hätte sie seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen.

„Danke, Raoul. Wenn das Angebot noch gilt, würde ich sehr gern mit dir essen gehen.“

Er blieb bei ihr, bis der letzte Gast gegangen war, dann brachte er sie in ein wunderbar altmodisches Bistro am Ufer der Seine. Als er die Tür zu dem winzigen Gastraum öffnete, empfing sie der Duft von geröstetem Knoblauch und geschmorten Tomaten. Hier gab es keine Millionäre, keine Playboys, Politiker oder Filmstars, nur ganz normale Leute.

Na ja, abgesehen von Raoul, dachte Gabriella. Sie war froh, dass sie ihm gegenübersaß und ihn nach Herzenslust anschauen konnte.

Sie war glücklich, mit ihm zusammen zu sein.

„Heute habe ich dich zweimal allein gefunden“, sagte er leise, nachdem sie bestellt hatten. „Konnte Garbas nicht bis zum Ende der Trauerfeier bleiben?“

Gabriella zupfte nervös an der Serviette auf ihrem Schoß. Die Spannung zwischen den beiden Männern war schon groß genug. Raoul brauchte nicht zu wissen, dass Consuelo gar nicht gekommen war.

„Er musste dringend weg. Etwas Wichtiges, denke ich.“

„Wichtiger als du?“

Sie errötete und war froh, dass der Kellner an den Tisch trat und ihre Gläser füllte. Im Kerzenlicht schimmerte der Wein rubinrot. Bisher hatte Consuelo sie nie ohne guten Grund allein gelassen oder sich verspätet. Außerdem war sie schon daran gewöhnt, weil es so oft passierte. Aber dass er sie gerade heute im Stich ließ … Doch bestimmt hatte er einen guten Grund!

Aber aus welchem Grund dachte er, dass sie bei ihm einziehen wollte? Seit wann deuteten ein paar gemeinsame Partys und Abendessen auf ein unmittelbar bevorstehendes Zusammenleben hin?

Erst jetzt bemerkte sie, dass Raoul immer noch auf ihre Antwort wartete. „Bestimmt sehr viel wichtiger.“ Sie lächelte ironisch. „Aber ich bin nicht mit dir essen gegangen, um über Consuelo zu reden.“

„Der Punkt geht an dich.“ Raoul hob sein Glas. „Auf uns, Gabriella. Auf alte Freunde und neue Anfänge.“

Seine Worte berührten sie bis ins Innerste. „Auf uns.“ Sie nippte an ihrem Wein, während sie über den Rand des Glases hinweg seinen Blick auffing.

Interpretiere ich zu viel in seine Worte hinein? fragte sie sich. Sie fühlte und hörte Dinge, die er unmöglich so meinen konnte. Und was sollte dieses ganze Gerede über neue Anfänge und zu lange Trennungen? Er würde doch sowieso heute Nacht wieder aus ihrem Leben verschwinden, und diesmal würde ihn nicht einmal Umberto zu ihr zurückbringen.

Hastig stellte Gabriella ihr Glas zurück. Sie wollte einen klaren Kopf behalten. „Ich habe gehört, dass du Umberto in der Woche vor seinem Tod besucht hast.“

„Hat er dir das erzählt?“

Als sie den Kopf schüttelte, tanzten goldene Lichter in ihrem Haar. „Nein, die Krankenschwester. Er ist gestorben, bevor … bevor ich aus London zurückkommen konnte. Ich war zu spät.“

„Das tut mir sehr leid.“ Im Stillen betete er, dass sein Besuch den Tod seines alten Freundes nicht beschleunigt hatte.

„Ich glaube, er wusste, dass er stirbt, und er wollte mich nicht hier haben. Er hat mich selbst weggeschickt.“

„Das wusste ich nicht.“

„Philippa stand kurz vor der Geburt. Ihr Ehemann war in Übersee, sein Rückflug war schon gebucht. Aber kurz vor seinem Abflug ist der Flughafen wegen eines Aufstands geschlossen worden, und er saß plötzlich in einem Kriegsgebiet fest. Philippa war außer sich vor Angst. Kein Wunder, dass ihr Baby früher gekommen ist. Ich wollte Umberto trotzdem nicht allein lassen, aber er hat mir versichert, es ginge ihm schon viel besser und ich müsste jetzt meiner Freundin beistehen. Er hat mir versprochen, dass er wieder gesund wird …“

Raoul nahm ihre Hand. „Er hat versucht, dich zu schützen.“

„Indem er mir die Chance genommen hat, in den letzten Momenten seines Lebens bei ihm zu sein?“ Sie atmete tief ein und schüttelte den Kopf. „Ich fühle mich betrogen, nicht beschützt. Ich konnte mich nicht einmal richtig von ihm verabschieden.“

„Bella.“ Er streichelte ihre Wange und wischte dabei mit dem Daumen ihre Tränen fort. „Ich glaube, er wollte nicht, dass du ihn so siehst.“

„Aber warum wollte er sich nicht von mir verabschieden?“

„Vielleicht wollte er, dass du ihn so in Erinnerung behältst, wie er vorher war: stark und fröhlich. Doch am Ende war er ans Bett gefesselt und wurde von blinkenden und piependen Maschinen am Leben gehalten. Er hat dich zu sehr geliebt, um dich diesem Anblick auszusetzen.“

Gabriella schniefte, dann schmiegte sie ihre tränennasse Wange an seine Hand. Sie starrte ins Leere, als würde sie über seine Worte nachdenken. Dabei sah sie so verloren aus wie ein kleines Mädchen im Körper einer erwachsenen Frau. Ein Mädchen, das in seinem kurzen Leben schon zu viel gelitten hatte.

Selbst mit tränenverschmiertem Gesicht und zitternden Lippen raubte ihre Schönheit ihm den Atem. Auch ohne ihr Vermögen wäre sie ein guter Fang.

Was für eine Verschwendung!

Gabriella verdiente nur das Beste. Sie verdiente Glück und Liebe und einen Ehemann, der ihr beides geben konnte.

Sie verdiente so viel mehr als einen Mann, der sie nur heiratete, um ein Versprechen zu erfüllen.

Wieso dachte er überhaupt noch darüber nach, diese Sache durchzuziehen? Consuelo Garbas war keine Gefahr mehr, er konnte sie nicht mehr verletzen. Wenn er auch nur noch einen Funken Verstand besaß, würde er sie gleich einfach nach Hause bringen, ihr eine gute Nacht wünschen und gehen. Umberto würde es niemals erfahren.

Aber er hatte ein Versprechen gegeben.

Außerdem – vielleicht war es gar nicht so unmöglich, Gabriella zu einer Heirat zu bewegen. Je länger er mit ihr zusammen war, desto sicherer wurde er, dass er das Undenkbare erreichen konnte.

Sie hatte ihn schon als Kind verehrt, und auch heute schien sie noch Sympathie für ihn zu empfinden. Er merkte genau, wie sie seine Berührungen genoss und wie sie ihn anschaute. Auch seine Vergangenheit machte sie offenbar nicht im Geringsten misstrauisch. Wie unglaublich naiv von ihr!

„Also was hat er gesagt?“ Gabriellas Stimme schreckte ihn aus seinen Gedanken auf.

„Als du mit Umberto gesprochen hast. Was hat er gesagt?“, fragte sie noch einmal.

Raoul zögerte. Er konnte sich sehr genau vorstellen, was sie sagen würde, wenn er ihr von dem letzen Wunsch ihres Großvaters erzählte.

„Ich habe ja wohl ein Recht darauf, seine letzten Worte zu erfahren.“

„Sì.“ Er nickte. „Natürlich hast du ein Recht darauf. Er hat nämlich vor allem von dir gesprochen.“

„Von mir.“ Sie schluckte.

Raouls Blick wanderte über ihr bezauberndes Gesicht, den Hals hinab und blieb an den sanften Rundungen ihrer Brüste hängen. Mit Mühe schaute er wieder auf, als sie fragte: „Was hat er über mich gesagt?“

„Dass er dich liebt“, entschärfte Raoul die Wahrheit. „Mehr als irgendetwas oder irgendjemanden auf der ganzen Welt. Er hat davon geschwärmt, dass du etwas ganz Besonders bist und wie viel du ihm bedeutest. Er hat von seiner Angst erzählt, was nach seinem Tod aus dir wird, und wie traurig es ihn macht, dass er es nicht mehr erleben kann, wenn du eines Tages heiratest und Kinder bekommst.“

Gabriella zog hörbar die Luft ein und biss auf ihre volle Unterlippe, so wie sie es schon als Kind gemacht hatte. Raoul erinnerte sich, wie sie auf der Beerdigung ihrer Eltern versuchte hatte, nicht zu weinen. Sie hatte so fest auf ihre Unterlippe gebissen, dass diese geblutet hatte. Das Blut hatte sie später auf seinem Hemd verschmiert, als er sie in seinen Armen gehalten hatte.

Er dachte daran, wie ihm damals bei ihrem Anblick die Tränen gekommen waren, obwohl er sich geschworen hatte, stark zu bleiben.

Mein Gott, sie hat schon so viel Schreckliches erlebt, schoss ihm durch den Kopf. Er verstand gut, warum Umberto sie über seinen Tod hinaus beschützen wollte. Das wollte er auch. Aber selbst in seinem verhärteten Herzen wusste er genau, dass er der letzte Mensch auf Erden war, der ihr helfen konnte.

„Er hat gesagt, du würdest in jedem Menschen nur das Gute sehen.“

„Danke. Es wäre schön gewesen, wenn er mir all das selbst gesagt hätte, aber es tut trotzdem gut, es zu hören“, erwiderte sie.

„Manchmal kann man die Worte nicht direkt sagen. Hat dir dein Großvater jemals gesagt, dass er dich liebt?“

„Nein, aber ich wusste es trotzdem.“

„Siehst du! Manches versteht man auch ohne Worte.“ Als sie unter Tränen glücklich lächelte, fühlte er sich nicht mehr ganz so schuldig, weil er ihr nicht die volle Wahrheit gesagt hatte.

„Danke, Raoul.“ Sie griff nach seinen Händen und hielt sie fest, bis das Essen serviert wurde. „Ich danke dir so sehr.“

3. KAPITEL

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Raoul beim Essen. „Bleibst du in Paris?“

Gabriella schob mit der Gabel einen Champignon auf ihrem Teller hin und her und dachte über seine Frage nach. „Ich habe hier meinen Job in der amerikanischen Bibliothek“, erwiderte sie schließlich. „Sie haben mir Urlaub gegeben, solange ich brauche. Aber langsam wird es Zeit, wieder mit der Arbeit anzufangen.“

„Du siehst nicht gerade wie eine Bibliothekarin aus.“ Er lächelte sie an. „Sonst hätte ich in der Schule bestimmt mehr Zeit in der Bücherei verbracht.“

Gabriella lachte. „Vielen Dank für das Kompliment, aber ich denke, aus dir spricht der Wein.“

„Nein. Aus mir spricht definitiv der Mann!“

Seine Worte ließen einen ganzen Schmetterlingsschwarm in ihrem Bauch aufflattern. Unter dem Tisch presste sie ihre Knie zusammen, um das dumpfe Pochen zwischen ihren Beinen zu unterdrücken.

„Komm mit mir nach Venedig, Bella!“

Gabriella stockte der Atem. „Wie bitte?“

„Ich muss geschäftlich nach Venedig. Komm mit mir, Bella!“

Sie schüttelte den Kopf. Sie war hin- und hergerissen zwischen Bedauern, weil er schon wieder abreiste, und dem Verlangen, einfach mit ihm zu fahren. Aber so etwas war nicht ihre Art. „Das kann ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich muss arbeiten.“

„Du hast Urlaub.“

„Aber … aber …“ Ihr fiel nur ein, warum es wundervoll wäre, Raoul zu begleiten.

„Warum willst du hierbleiben? Ein Tapetenwechsel würde dir guttun.“

„Nein. Das wäre … unvernünftig. Worüber hatten wir vorher gesprochen?“

„Denk einfach in Ruhe darüber nach.“ Er zuckte gelassen mit den Schultern, als wäre ihm gleich, wie sie sich entscheiden würde. „Wir hatten über dich gesprochen. Wo bist du zur Schule gegangen? Umberto hat mir von einem Internat erzählt.“

Sie nickte, während seine Bitte in ihren Ohren nachklang: Komm mit mir nach Venedig, Bella! Für einen Moment war sie der Versuchung nahe, einfach Ja zu sagen. Lag es am Wein, dass sie sich plötzlich so unbekümmert fühlte?

Sie versuchte, sich auf seine Frage zu konzentrieren. „Ich bin auf dasselbe Mädcheninternat in England gegangen, das schon meine Mutter besucht hat. Auch wenn ich weit weg von Umberto war, hatte ich das Gefühl, dort meiner Mutter näher zu sein, wenn ich über dieselben Korridore gegangen bin, in denselben Räumen gesessen habe … Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären soll.“ In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. „Hast du ernst gemeint, dass ich dich begleiten soll?“ Sofort schüttelte sie den Kopf. „Aber nein, das ist eine verrückte Idee! Du denkst bestimmt, ich rede nur Unsinn.“

„Ganz im Gegenteil!“ Er prostete ihr zu. „Und es ist absolut keine verrückte Idee.“

Das war es doch! Wenn sie mit ihm nach Venedig ging, würde sie ihn hinterher nur umso mehr vermissen.

„Wie auch immer“, versuchte sie, das Thema zu wechseln. Es hatte keinen Sinn, über das Unmögliche nachzugrübeln. „Auf dem Internat habe ich auch Philippa kennengelernt. Wir haben beide in Paris Bibliothekswesen studiert und während der Zeit sogar zusammengewohnt. Und obwohl sie jetzt in New York lebt, ist sie immer noch wie eine Schwester für mich. Nicht, dass ich je eine gehabt hätte.“ Sie brach ab. „Herrje, ich rede zu viel, nicht wahr?“

„Nein, ganz und gar nicht. Ich könnte dir die ganze Nacht zuhören. Ich wünschte nur, ich wäre mehr für dich da gewesen, Bella.“ Vielleicht wäre er dann heute selbst nicht so verloren.

Sie zuckte mit den Schultern. „Es ging mir gut. Ich war gern im Internat, jedenfalls nach einer Weile. Außerdem – was hättest du denn tun können? Du hättest wohl kaum einen Teenager großziehen können. Du hattest dein eigenes Leben.“

So kann man es auch ausdrücken, dachte Raoul und unterdrückte ein bitteres Lächeln. Die ersten zwei Jahre nach dem Tod seiner Eltern hatte er mehr oder weniger im Dauerrausch verbracht und versucht, sein Geld in Kasinos oder bei Pferderennen durchzubringen.

Mitten in dieser finsteren Zeit hatte er Katia gefunden – oder sie hatte ihn gefunden. Sie hatte ihn gewollt, und sie waren so vertieft in ihr großes Glück gewesen, dass nichts anderes mehr wichtig gewesen war. Wenigstens hatte er das damals geglaubt. Doch dann war seine Welt ein weiteres Mal zerstört worden.

Er schüttelte den Kopf. Mittlerweile sollte er vernünftiger geworden sein. Aber offensichtlich hatte er völlig den Verstand verloren. Sonst würde er nicht denken, was er dachte, nicht tun, was er gerade tat.

Mit der Reise nach Venedig hatte er Gabriella einen Floh ins Ohr gesetzt. Er sah genau, wie der Gedanke die ganze Zeit in ihrem Kopf herumschwirrte. Am Ende würde sie ihn begleiten, daran zweifelte er nicht. Sie würde nicht in Paris sein, wenn Consuelo verhaftet wurde. Und das würde passieren! Ganz sicher!

Doch jetzt, als ihre Augen im Kerzenlicht golden schimmerten, war er sich plötzlich über gar nichts mehr so sicher.

Sie war nicht mehr das Mädchen von damals. Sie war eine begehrenswerte Frau geworden, und sein Körper reagierte auf sie wie der eines Mannes.

Er versuchte, die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben. „Ohne mich warst du mit Sicherheit besser dran.“ Und das war sie noch immer.

Sie griff über den Tisch und nahm seine Hand. „Es tut mir leid. Vielleicht ist es an der Zeit, die Vergangenheit loszulassen. Vorhin haben wir auf den Neuanfang getrunken. Warum lassen wir es nicht dabei und fangen noch einmal ganz von vorne an?“

Wenn es nur so einfach wäre!

Denn es war seine Vergangenheit, die ihn zu dem Menschen gemacht hatte, der er heute war. Wie konnte er loslassen, ohne sich selbst zu verlieren?

Er wüsste nicht einmal, wo er beginnen sollte.

Versprechen oder nicht! dachte er plötzlich. Er konnte es nicht tun. Das konnte er weder sich selbst noch ihr antun. Das Atmen fiel ihm plötzlich schwer, und die Wände des Bistros schienen näher zu kommen. Er musste hier raus, an die frische Luft! In eine Welt, in der er wieder allein und Gabriella in Sicherheit vor ihm war.

„Bist du fertig?“ Er war bereits aufgestanden und warf einige Scheine auf den Tisch.

Gabriella blinzelte überrascht und nahm ihren Mantel, während er schon wie ein dunkler Schatten hinaus in die Nacht ging.

Es regnete. Die Straßenlaternen am Ufer der Seine warfen ihre bunten Schatten auf das nasse Pflaster.

„Raoul!“ Gabriella lief schneller, um ihn einzuholen. „Was ist los? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein, es hat nichts mit dem zu tun, was du gesagt oder getan hast.“

„Was dann?“

„Es liegt an mir, Gabriella.“ Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geohrfeigt. Jetzt war sie also nicht mehr Bella für ihn. „Ohne mich bist du besser dran.“

„Nein, Raoul! Wie kannst du das sagen?“

„Weil ich es weiß! Du hattest recht, nicht mit nach Venedig zu kommen.“

Er winkte ein Taxi herbei und ließ sie einsteigen. Doch statt ihr zu folgen, nannte er dem Fahrer ihre Adresse.

Gabriella konnte ihn gerade noch daran hindern, die Tür zu schließen. „Was tust du?“

„Ich schicke dich nach Hause. Auf Wiedersehen, Gabriella.“

„Nein! Nicht bevor ich weiß, wann ich dich wiedersehe.“

„Du willst mich nicht wiedersehen.“

„Sag mir nicht, was ich will!“ In ihren Augen loderte ein rebellisches Feuer auf.

Als der Fahrer ein paar ungeduldige Worte rief, drehte sie sich zu ihm um und überschüttete ihn mit einigen Sätzen in schnellem Französisch. Dann wandte sie sich wieder an Raoul. „Verdammt noch mal, ich will nicht noch einmal zwölf Jahre auf dich warten!“

„Wer kann schon sagen, wie lange es sein wird?“

„Wann reist du ab? Wenn die Zeit reicht, können wir vorher noch zusammen zu Mittag essen.“

„Nein.“

„Dann Frühstück in deinem Hotel?“

„Unmöglich. Ich fahre schon frühmorgens.“

„Kannst du es nicht verschieben?“

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich geschäftlich wegmuss.“

„Und das kann nicht warten?“

„Nein.“

Wütend ballte Gabriella die Fäuste. Er war wie ein Fels, und sie konnte nicht einmal auf ihn einschlagen. Sie wusste, er würde nichts spüren. „Vielleicht könnte ich doch mit dir kommen, und wenn nur für ein oder zwei Tage.“

„Es tut mir leid, Gabriella. Ich war voreilig mit meiner Einladung.“

„Aber das ist nicht fair! Erst fragst du mich, und jetzt änderst du einfach deine Meinung. Warum?“

„Weil es keinen Sinn hat! Weil ich es nicht tun kann – bitte versuch nicht, mich zu überreden.“

„Um Himmels willen, Raoul! Nach zwölf Jahren platzt du in mein Leben, und dann verschwindest du einfach wieder! Kannst du mir nicht wenigstens ein bisschen geben?“

„Aber das tue ich, Bella. Ich gebe dir deine Freiheit. Pass gut darauf auf.“ Er drehte sich um und verschwand in die nasse, dunkle Pariser Nacht.

In dieser Nacht träumte er von Katia. Mit ihren langen, schlanken Gliedern und den Augen einer Tänzerin tauchte sie aus dem Nebel auf und lächelte ihn lockend an. Er träumte von Partys, auf denen der Champagner in Strömen floss, Lachen, Tanzen, Sex.

Irgendwann wurde der Nebel dunkel und faulig, und Katias Lächeln wurde zu einem Hilfeschrei. Er versuchte, seine Füße zu bewegen, wollte zu ihr laufen …

Schweißgebadet wachte er auf, sein Herz raste. Raoul brauchte einige Sekunden, bis er merkte, dass das laute Klopfen von der Tür kam, nicht nur aus seiner Brust.

Sein Blick fiel auf die Nachttischuhr. Er hatte verschlafen! Aber wieso machte der Zimmerservice so einen Krach?

„Ich komme!“, rief er, schlang sich ein Handtuch um die Hüften und öffnete die Tür.

Aber nicht der Zimmerservice stand vor der Tür. Es war Gabriella, und sie fiel tränenüberströmt in seine Arme. Wie hatte sie ihn gefunden?

„Raoul, es tut mir leid!“, schluchzte sie. „Es tut mir so leid. Ich weiß, dass du wütend auf mich sein wirst, aber ich wusste nicht, zu wem ich sonst gehen sollte.“

Zögernd legte er seine Hand auf ihr Haar, während er versuchte, nicht auf ihre Brüste zu achten, die sich gegen seine Brust pressten. Zu seinem Entsetzen spürte er, wie sein Körper auf sie reagierte, und er hasste sich dafür. Vorsichtig bewegte er seine Hüften zur Seite.

„Was ist passiert, Gabriella?“ Er ahnte bereits, was sie ihm sagen würde.

„Es steht in allen Zeitungen! Man hat Consuelo verhaftet! Er wird beschuldigt, seine Organisation für Geldwäsche zu nutzen.“

Jetzt schon? Raoul überflog den Zeitungsartikel, den Gabriella ihm hinhielt. Ja, es war vollbracht! Sie war in Sicherheit. „Warum bist du gekommen? Was erwartest du von mir?“

„Wir müssen ihm helfen! Das muss ein Irrtum sein! Wir müssen …“

„Wir?“

„Du wirst mir doch helfen, oder nicht?“

„Was ist, wenn die Anschuldigungen wahr sind?“

Sie wurde still in seinen Armen. „Denkst du, das wäre möglich?“

Wie gern hätte er ihr die Wahrheit gesagt! Gegen seinen Willen streichelte er durch den dünnen Mantel ihren Rücken. Sie war so schön, so begehrenswert … Er räusperte sich. „Ohne Beweise hätte die Polizei ihn nicht verhaftet, Bella.“

Er hatte sie wieder bei ihrem Kosenamen genannt! Gabriella schluckte ihre Tränen hinunter. Plötzlich nahm sie überdeutlich Raouls nackte Brust unter ihren Fingern wahr, die seidigen Härchen, das Handtuch um seine Hüften.

„Du hast Bella gesagt.“ Sie hob ihr Gesicht zu ihm. „Und ich dachte schon, du hasst mich.“

Sanft strich er das kastanienbraune Haar aus ihrem Gesicht. „Wie könnte ich dich jemals hassen?“

Gabriella lächelte. „Oder ich dich. Ich glaube, wir sind dazu bestimmt, für immer Freunde zu sein.“

Raoul küsste sie auf den Scheitel. „Wahrscheinlich. Es tut mir leid, dass ich gestern so … barsch war, Bella. Es gibt Dinge, die du nicht verstehst.“

„Ich würde es gern versuchen.“

Er drehte sich so abrupt um, dass Bella taumelte. „Ich sollte mich anziehen.“ Er öffnete den Kleiderschrank. „Also, was hast du vor?“

Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er meinte. „Vielleicht sollte ich zur Polizei gehen und mich als Charakterzeugin zur Verfügung stellen, ihnen sagen, dass es eine andere Erklärung geben muss.“

Mit einem Hemd in der Hand drehte er sich zu ihr um. „Glaubst du eigentlich immer nur an das Gute im Menschen, Bella? Immer?“

Sie zuckte mit den Schultern und zeigte auf die Zeitung. „Wie soll das wahr sein? Ich habe die Kinder doch selbst gesehen, Raoul. Sie haben so viel verloren, und trotzdem können sie noch lächeln. Weil Consuelos Organisation ihnen Hoffnung gibt. Was geschieht nun mit den Kindern?“

Raoul unterdrückte ein Seufzen. War sie wirklich so naiv, dass sie nicht sehen konnte, wie raffiniert und perfide Consuelo war? Seine ganze Fürsorglichkeit war nur eine Tarnung für seine dreckigen Machenschaften. „Die Kinder werden nicht darunter leiden.“

Gabriella schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich denke, jemand muss einen Fehler gemacht haben. Es muss einen Weg geben, Consuelo zu helfen!“

Raoul war, als erstarrte das Blut in seinen Adern zu Eis. „Liebst du ihn, Bella – den Mann, der dich in deiner schwersten Stunde alleingelassen hat?“

„Nein. Aber er ist ein Freund, und er braucht jetzt Hilfe, um dies durchzustehen.“

„Und gestern, als du einen Freund gebraucht hättest? Wo war er da? Wahrscheinlich auf der Flucht, wenn stimmt, was in den Zeitungen steht. Warum sonst hätte man ihn am Flughafen verhaftet? Oder wusstest du etwas von seinen Reiseplänen?“

„Nein. Wir hatten ein ruhiges Abendessen geplant.“

„Wie willst du ihm dann helfen, ohne für ihn zu lügen?“

Bella brach auf dem zerwühlten Bett zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht. „Keine Ahnung!“, schluchzte sie. „Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll!“

Sie sah dabei so verletzlich aus, so verzweifelt, dass er sich trotz allem schuldig fühlte. Garbas war Abschaum, er hatte seine Strafe verdient, aber Raoul konnte sich nicht freuen. Indem er Garbas verletzt hatte, hatte er auch Bella verletzt, selbst wenn er es getan hatte, um sie zu retten.

Er konnte nicht gehen und sie allein in Paris zurücklassen. Ganz bestimmt würde Bella versuchen, mit Garbas zu reden. Und wenn er seine Unschuld beteuerte, würde sie ihm natürlich glauben. Sie würde niemals frei von ihm sein. Es sei denn …

Raouls Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum.

„Bella.“ Er setzte sich neben sie und zog sie in die Arme. „Ich kann dir sagen, was du tun sollst: Pack deine Sachen, und komm mit mir nach Venedig.“

Sie schniefte an seiner Brust. „Aber du hast doch gesagt, du willst mich nicht mitnehmen.“

„Ich will es aber jetzt.“

„Und warum nicht gestern Abend?“, schluchzte sie. „Gestern wolltest du mich nicht. Du hast mich nach Hause geschickt.“

Er seufzte und streichelte ihr Haar. „Der letzte Abend hat mich an Dinge erinnert, die ich vergessen wollte. Es hatte nichts mit dir zu tun, Bella. Es muss an Umbertos Tod gelegen haben. Ich war so ärgerlich, dass ich nicht auf deine Gefühle geachtet habe. Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Aber unter den gegebenen Umständen lasse ich dich nicht allein in Paris.“

„Aber …“

„Du kannst nicht hierbleiben! Wieso machst du nicht einfach das Beste aus der Situation? Wie lange ist es her, dass du das letzte Mal richtig Urlaub gemacht hast?“ Er nahm ihr Kinn in seine Hand, hob ihren Kopf zu sich und sah ihr in die Augen. „Ich habe eine Wohnung am Kanal, groß genug für uns beide. Tagsüber arbeite ich, du schaust dir die Stadt an, und abends sitzen wir auf dem Balkon, trinken Wein und sehen zu, wie die Gondeln vorbeifahren. Was sagst du?“

Sie zögerte immer noch. „Ich weiß nicht.“

„Und in ein paar Wochen, wenn sich hier alles ein bisschen beruhigt hat, kommst du zurück und siehst, was du für deinen Freund tun kannst. Und wer weiß – vielleicht hat sich bis dahin schon alles in Wohlgefallen aufgelöst.“

„Denkst du wirklich?“

„Ich weiß es.“

Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Um sie daran zu hindern, legte Raoul einen Daumen auf ihre Lippen. „Nicht. Du tust dir noch weh.“

Sie sah ihn mit ihren Katzenaugen an. Er wusste, es war Wahnsinn, doch er beugte sich vor und küsste sie. Zögernd und sanft. Doch sie schmiegte sich bebend an ihn.

Raoul spürte den Kuss tief in seinem Inneren, als würde Bella seine Seele berühren. Dann wurde ihm bewusst, was er hier tat. Es durfte nicht sein! Behutsam zog er sich zurück.

Sobald Bella in Sicherheit war, musste er sie gehen lassen. Sie würde frei sein, einen Mann zu finden, der ihr eine Zukunft und eine Leben voller Liebe bieten konnte.

Sie sah ihn an, ihr Atem ging schneller, die Lippen waren leicht geöffnet und schimmerten feucht. Sie wartet auf seinen Kuss.

Ich habe keine Wahl, erkannte Raoul in diesem Moment. Selbst wenn es die falsche Wahl war. Er konnte Bella nicht in Paris zurücklassen.

Ob es ihm gefiel oder nicht, Umberto hatte die ganze Zeit recht gehabt.

Es gab keinen anderen Weg.

4. KAPITEL

Venedig bezauberte Gabriella auf den ersten Blick. Schon aus der Luft hatte die Stadt ihr den Atem geraubt. Wie ein Märchenland schien sie auf den Wassern der Lagune zu schweben. Jetzt, vom Wassertaxi aus, kam sie ihr sogar noch magischer vor.

Sie seufzte wohlig, während sie die warmen Sonnenstrahlen auf ihren bloßen Armen genoss. Fast konnte sie sich vorstellen, eine Prinzessin aus längst vergangenen Tagen zu sein, die über das Meer gekommen war, um ihren Prinzen zu treffen. Fasziniert betrachtete sie die herrlichen Bauwerke. Paläste und Kirchen säumten die Ufer der Kanäle.

„Glücklich?“, fragte Raoul neben ihr. Eine Sonnenbrille verdeckte seine Augen, aber sie verstärkte nur noch diese enorme Anziehungskraft, die von ihm ausging.

Der Fahrtwind presste das Hemd an seine breite Brust, und der geöffnete Kragen enthüllte aufreizend viel von seiner sonnengebräunten Haut. Gabriella verschlang ihn mit den Augen. Er kam ihr anders vor als gestern, gelöster, als sei durch die Reise schon ein Teil seiner Anspannung von ihm abgefallen.

Wie glücklich wäre die Prinzessin, wenn ein Mann wie Raoul auf sie warten würde!

Er neigte seinen Kopf und lächelte. „Auf jeden Fall siehst du glücklich aus.“

Mehr als glücklich! Sie war in Italien, mit dem Mann ihrer Träume.

Der Wind trug ihr Lachen davon. „Ich liebe Venedig! Ich hatte ganz vergessen, wie wunderschön die Stadt ist. Es kommt mir vor, als wäre ich zum ersten Mal hier!“

„Wie lange ist es her?“

„Jahre! Ich war zehn oder elf, als wir auf Klassenfahrt hier waren. Ich weiß nur noch, dass ich auf dem Markusplatz die Tauben gefüttert habe. Arme Tauben! Zwanzig kichernde, aufgedrehte Mädchen.“

„Ich erinnere mich. Du hast uns in der ersten Nacht in den Bergen davon erzählt, als wir am Kamin saßen. Ich hatte ganz vergessen …“

Kein Wunder, dass er meine kleine Geschichte vergessen hat, dachte Gabriella. Die Zeit in den Bergen war ihr letzter gemeinsamer Urlaub gewesen. Sie erinnerte sich selbst nicht mehr an viel, nur noch an den Hubschrauberflug, auf den sie sich so gefreut hatte. Wie enttäuscht war sie gewesen, als sie in der Nacht krank wurde. Am nächsten Tag war Raoul freiwillig bei ihr geblieben, damit ihre Eltern nicht auf den Flug verzichten mussten. Sie verbrachte den Tag auf dem Sofa und hörte im Halbschlaf zu, wie Raoul ihr eine Geschichte nach der anderen vorlas. Sie dachten sich nichts Böses, als es dunkel wurde. Nicht bevor die Polizei vor der Tür stand.

„Du beißt dir ja schon wieder auf die Lippen, Bella.“ Raoul legte den Arm um ihre Schultern. „Keine Sorge! Ich verspreche dir, dass ich dich vor allen Tauben mit Langzeitgedächtnis beschützen werde.“

Sie lachte, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, legte die Arme um seinen Nacken und küsste ihn auf die Wange. „Danke, dass du mir erlaubt hast mitzukommen.“ Sie seufzte wohlig, als sie seinen vertrauten Duft wahrnahm und seinen starken Körper spürte.

Raoul löste ihre Arme von seinem Hals. Hatte sie schon wieder eine unsichtbare Grenze überschritten? Doch er überraschte sie, indem er sie sanft herumdrehte und seine Hände vor ihrem Bauch miteinander verschränkte. Ihre Körper passten perfekt zueinander. Gabriella fühlte sich fast verstörend behaglich.

„Gleich sind wir da“, sagte er, als das Wassertaxi in einen schmaleren Kanal einbog.

Gabriella konnte sich nicht sattsehen. In den engen Gassen zogen sich Wäscheleinen von Mauer zu Mauer, bunte Blumen blühten verschwenderisch vor den Fassaden, und immer wieder überspannten malerische Brücken die Kanäle.

Sie wünschte sich, die Fahrt würde niemals enden. Bei jedem Atemzug fühlte sie Raouls Hände auf ihrem Bauch, seine Arme um ihren Oberkörper, so nah an ihrer Brust, dass sie vor Verlangen kaum atmen konnte.

Viel zu schnell legte das Taxi vor einem eindrucksvollen Palazzo an. Trotz seiner Größe sprang Raoul erstaunlich leichtfüßig aus dem Boot und reichte ihr seine Hand. Gabriella betrachtete staunend die rosafarbenen Mauern und die hohen, bogenförmigen Fenster. Es gab sogar einen ausladenden Balkon, der von breiten Marmorsäulen gestützt wurde.

Als Raoul seine Wohnung in Venedig erwähnt hatte, hatte sie sich alles andere als dieses gotische Meisterwerk vorgestellt!

„Willkommen, Raoul!“ Eine schmiedeeiserne Gittertür öffnete sich, und ein junger Mann trat heraus. „Wir haben dich schon erwartet“, sagte er und griff nach den Koffern.

„Danke, Marco.“ Raoul reichte ihm das Gepäck. In diesem Moment kam eine junge Frau aus dem Haus. Sie lachte erfreut. Doch als sie Gabriella sah, weiteten sich ihre Augen erstaunt.

„Darf ich vorstellen“, sagte Raoul. „Das sind Marco und Natania. Sie kümmern sich um den Palazzo – und um mich.“

Wie schön sie ist! dachte Gabriella und betrachtete Natanias anmutige Gestalt. Sie trug eine weiße Bluse und dazu einen Minirock, der bei jeder Bewegung um ihre schlanken Oberschenkel schwang. Goldene Creolen zierten ihre Ohren, und ihre Augen waren so schwarz wie die langen Locken.

Wie, um alles in der Welt, konnte Raoul einer so hinreißenden Frau widerstehen? Gabriella verspürte einen seltsamen Stich. War sie etwa eifersüchtig?

„Und das ist Gabriella D’Arenberg“, sprach Raoul weiter. „Sie wird für einige Zeit unser Gast sein.“

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Gabriella“, sagte Natania fröhlich. Der junge Mann an ihrer Seite lächelte und nickte zustimmend. Gabriella bemerkte, dass auch er auf eine südländische Art sehr attraktiv war, aber im Gegensatz zu Raouls männlicher Erscheinung wirkte er fast jungenhaft.

„Ich hätte dich warnen sollen. Wir legen hier keinen Wert auf Förmlichkeiten“, erklärte Raoul. „Oder bevorzugst du eine formellere Anrede? Miss? Mademoiselle?“

Gabriella schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall! Ich freue mich, Sie beide kennenzulernen.“

„Und ich freue mich, zur Abwechslung noch eine zweite Frau bei uns zu haben.“ Als Natania ihr die Hand entgegenstreckte, klirrten die zahlreichen Armreifen an ihrem schmalen Handgelenk. „Es ist so langweilig, wenn immer nur Männer im Haus sind!“

Bei ihren Worten grinste Marco und tauschte einen vielsagenden Blick mit Natania. Gabriella atmete auf. Die beiden schienen ein Paar zu sein. Wie erleichternd! Genauso wie die Information, dass Frauenbesuch im Palazzo offenbar nicht an der Tagesordnung war.

„Danke, Natania.“ Sie lächelte die andere Frau voller Wärme an. „Ich werde mich hier bestimmt wohlfühlen.“

Raoul führte sie in den oberen Stock. Gabriella hielt den Atem an, als er die Tür zu seiner Suite öffnete. Der riesige Salon bot einen herrlichen Ausblick über den Kanal.

„Brauchst du so viel Platz für dich allein?“

„Nicht unbedingt, aber ich habe den Palazzo vor ein paar Jahren beim Kartenspiel gewonnen, und die Größe war dabei kein Kriterium.“

„Hast du ihn als Geldanlage behalten?“

„Nein. Es war pures Glück, dass ich ihn nicht direkt wieder verloren habe.“

Sie lachte ungläubig. „Du machst Witze, oder? Du wärst doch nicht so ein Risiko eingegangen!“

Er zuckte mit den breiten Schultern. „Für mich war es kein Risiko. Es hat mir nichts bedeutet. Wie auch immer … Komm herein.“

Staunend sah Gabriella sich um. An den Salon grenzte eine Bibliothek. Hohe Bücherregale säumten die Wände und reichten bis hinauf zu der kunstvoll bemalten Decke.

„Du hast eine Bibliothek!“, rief sie begeistert aus. Ein breites Lächeln erhellte ihr Gesicht, während sie sich um sich selbst drehte. Bei ihrer kindlichen Freude krampfte sich Raouls Magen schmerzhaft zusammen.

So viel Begeisterung.

So viel Leben.

So eine Verschwendung.

Gabriella blieb stehen. „Es ist wunderschön“, sagte sie fast ehrfürchtig.

Er konnte es kaum ertragen. Zuerst ihre Begeisterung im Wassertaxi. Er hatte nicht widerstehen könnte. Er musste sie in seine Arme nehmen, ihre Aufregung spüren.

Und jetzt hier. Aber diesmal beherrschte er sich und sah sie nur an. Ihren weichen, verlockenden Körper, der vor Freude bebte.

Sah sie immer in allem nur das Schöne?

Begriff sie nicht, dass es nicht von Dauer sein konnte?

Mit einer fast barschen Bewegung öffnete er eine breite Doppeltür. „Hier entlang.“

Ich habe irgendetwas falsch gemacht, durchfuhr es Gabriella. Gerade noch war Raoul herzlich und voller Wärme gewesen. Sie konnte noch immer seine breite, warme Brust an ihrem Rücken spüren. Seine Umarmung auf dem Wassertaxi war gleichzeitig zärtlich und voller Verlangen gewesen.

Oder hatte sie nur ihr eigenes Verlangen gefühlt?

Doch von einem Augenblick auf den anderen konnte sie jetzt sehen, wie er sich von ihr zurückzog. Es gab keine Wärme mehr. Er hatte sich starr aufgerichtet, und die Luft um ihn herum schien förmlich zu gefrieren.

Irgendetwas stieß ihn ab. Ist es meine Unerfahrenheit, meine naive Freude? fragte Gabriella sich. Raoul war mehr als zehn Jahre älter als sie. Im Gegensatz zu den Frauen, mit denen er sonst wahrscheinlich zu tun hatte, musste sie ihm furchtbar unreif vorkommen. Dass er keine Frauen mit in den Palazzo brachte, hieß noch lange nicht, dass es keine in seinem Leben gab.

Bedrückt folgte sie ihm in den nächsten luxuriös ausgestatteten Raum. Vier bogenförmige Fenstertüren führten auf den großen Balkon, den sie schon von unten gesehen hatte. Aber noch überwältigender als der Ausblick war der gigantische Kronleuchter. Mit offenem Mund bewunderte sie das gläserne Kunstwerk.

„Dies ist das Esszimmer.“ Raoul wollte schon weitergehen, als er sah, wie sie staunend nach oben blickte. „Muranoglas. Ein Original“, erklärte er.

„Ganz außergewöhnlich!“, sagte Gabriella vorsichtig, um nicht schon wieder zu begeistert zu wirken.

„Warst du schon dort? In den Glasmanufakturen?“

„Ja, damals mit der Klasse, aber wir haben nichts Vergleichbares gesehen.“

„Dann fahre ich noch einmal mit dir.“

„Wirklich?“ Dann fiel ihr ein, dass sie nicht mehr so aufgeregt wirken wollte, und sie bemühte sich um einen gelassenen Gesichtsausdruck. „Danke. Wenn es dir nicht zu viel Mühe macht.“

„Ich werde es arrangieren.“ Er räusperte sich. „Neben dem Esszimmer ist die Küche. Natania kocht meist abends. Die beiden wohnen einen Stock über uns. Und dort ist dein Zimmer.“ Er öffnete eine weitere Tür.

Gabriella merkte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Denn trotz der farbenfrohen Einrichtung hatte sie nur Augen für das riesengroße Bett. Es stand am anderen Ende des Raums in einem imposanten Alkoven. Reich verzierte Säulen schmückten den Eingang zum Schlafgemach, dessen Wände mit mittelalterlichen Malereien bedeckt waren: Nymphen, Satyre, Götter und Göttinnen vergnügten sich in den verschiedensten Liebesakten.

Das ganze Zimmer war eine Orgie aus Farben, Leidenschaft und Sex. Das perfekte Liebesnest. Erwartete Raoul wirklich, dass sie hier schlief?

„Das ist vermutlich das größte Schlafzimmer im Haus.“ Sie spürte, wie ihre Wangen glühten.

Sie war nicht prüde, aber in Raouls Gegenwart waren erotische Zeichnungen das Letzte, was sie brauchen konnte.

„Du bist mein Gast, und dies ist das komfortabelste Zimmer.“

Komfortabel vielleicht, entspannend sicher nicht.

„Und hier ist das Bad.“ Er streckte die Hand nach der Klinke aus, die sich direkt neben dem Po eines Gottes befand, der sich gerade mit sehr deutlichem Vergnügen seiner Gespielin widmete.

„Du wirst ja rot“, stellte Raoul fest. „Bist du schockiert?“

Das ist es nicht, dachte Gabriella. Aber wenn sie mit Raoul zusammen war, konnte sie solche Bilder nicht gebrauchen. Sie waren gar nicht mehr nötig. Es kam ihr vor, als hätte ein Künstler schon vor fünfhundert Jahren ihre allnächtlichen Fantasien auf diese Wände gemalt. Auf Raouls Schlafzimmerwände.

„Ich bin überrascht von diesem … einzigartigen Wandschmuck, das stimmt. Aber der Raum ist wunderschön.“ Hastig betrat sie das Badezimmer.

Doch beim Anblick der weißen Marmordusche stellte sie sich unwillkürlich vor, wie Raoul sich nackt unter dem heißen Wasserstrahl einseifte. Hastig schloss sie die Augen, doch sie konnte die Bilder nicht vertreiben. Wassertropfen perlten von Raouls perfektem Körper und zogen ihre Bahnen durch die seidigen Härchen auf seiner Brust, über seinen trainierten Bauch und weiter hinab zu …

Sie schluckte und bemühte sich um ein Lächeln. „Eine wundervolle Wohnung!“, erklärte sie viel zu enthusiastisch. „Wie alt ist der Palazzo?“, versuchte sie das Thema zu wechseln.

„Über siebenhundert Jahre.“ Raoul zeigte ihr den Rest des Hauses: ein zweites Bad, ein Arbeitszimmer und ein weiteres, deutlich kleineres Schlafzimmer.

Ohne Liebesnest, dachte Gabriella ironisch. Sie wäre vollkommen glücklich mit diesem Zimmer gewesen.

„Aber jetzt muss ich dich allein lassen“, sagte er knapp, sobald sie ihren Rundgang beendet hatten. „Fühl dich ganz wie zu Hause.“ Bevor Gabriella etwas erwidern konnte, war er gegangen.

Für einen Moment stand sie nur da. Durch die geöffneten Balkontüren wehte der köstliche Duft nach Knoblauch und gegrilltem Fisch aus einer nahen Trattoria herein, und ein Gondoliere schmetterte für seine Fahrgäste eine Arie.

Welche Dämonen verfolgen Raoul? dachte sie. Doch auch als der Gondoliere schon lange verstummt war, hatte sie noch keine Antwort gefunden. Schließlich ließ sie das Grübeln sein und beschloss, ihre Koffer auszupacken und dann die Stadt zu erkunden. Das würde sie bestimmt auf andere Gedanken bringen.

In ihrem Schlafzimmer fand sie Natania vor, die schon die Hälfte ihres Gepäcks in die Schränke geräumt hatte. „Oh, ich wollte eigentlich gerade selbst auspacken.“

Natania richtete sich auf. In der Hand hielt sie noch einen Kaschmirpullover. „Das tue ich gern. Ich habe im Moment sowieso nichts anderes zu tun.“ Sie legte ihre Wange an die weiche Wolle. „Sie haben so wundervolle Sachen, und sie stehen Ihnen so gut. Als sie aus dem Boot gestiegen sind, hat mein Marco gesagt, sie würden wie eine frisch erblühte Blume aussehen. Gerade bereit, um gepflückt zu werden.“

Gabriella runzelte die Stirn. „Das hat Marco gesagt?“

Natania nickte lächelnd, dann legte sie den Pullover ehrfürchtig in eine Schublade. „Ich hoffe, Sie sind nicht beleidigt. Es sollte ein Kompliment sein. Er war ein bisschen besorgt, dass Sie in diesem Schlafzimmer …“ Sie wedelte mit der Hand durch die Luft. „Na ja, dass Sie es beunruhigend finden.“

Gabriella dachte immer noch über eine Antwort nach, als die andere Frau ein Kleid aus dem Koffer nahm und auf dem Bett ausbreitete. Bewundernd strich Natania über den Stoff.

„So schön“, murmelte sie. Sie zog eine Schutzhülle über das Kleid, bevor sie es in den Schrank hängte. „Haben Sie vielleicht Lust, einmal mit mir shoppen zu gehen, während Sie hier sind?“

„Das würde ich sehr gerne tun.“

Natanias dunkle Augen leuchteten auf. „Wirklich? Bene. Auf jeden Fall habe ich Marco gesagt, dass er sich irrt. Eine so schöne Frau wie Sie kann keine ungepflückte Blume sein, die ein bisschen Nacktheit aus der Ruhe bringt. Habe ich recht?“

Ein bisschen Nacktheit? dachte Gabriella. So konnte man es auch ausdrücken. Sie hatte nicht vor, ihre privaten Angelegenheiten zu diskutieren, aber sie wollte auch nicht, dass die andere Frau sie für schüchtern und verklemmt hielt. „Ich bin keine Jungfrau, falls Sie das meinen.“

Selbst wenn sie an einer Hand abzählen konnte, wie oft sie Sex gehabt hatte.

Natania lächelte selbstzufrieden und nickte. „Ich wusste es! Eine Frau spürt so etwas.“ Sie deutete auf die Wände im Alkoven. „Dann verstehen Sie diese Kunst und können Sie würdigen.“ Sie blickte auf ihre Uhr. „Ich muss mich um das Abendessen kümmern, es sei denn …“

„Das ist in Ordnung“, erwiderte Gabriella. „Ich mache hier alleine weiter. Wir sind ja sowieso fast fertig.“

Grazie. Ich verspreche Ihnen für heute Abend ein Festmahl, das eines Königs würdig ist – und seiner Königin.“ Sie nickte. „Ich bin froh, dass Raoul endlich eine Frau mitgebracht hat.“

„Es ist nicht so, wie Sie denken, Natania! Absolut nicht. Wir sind nur alte Freunde, das ist alles.“

Sì. Jetzt vielleicht noch.“ Sie warf ihre langen Locken zurück und lief in Richtung Küche.

Was hatte sie damit gemeint? Konnte Natania vielleicht nicht nur kochen, sondern auch die Zukunft voraussagen? Ein Teil von Gabriella wünschte sich, die schöne Italienerin hätte die Wahrheit gesagt.

Raoul stürmte quer über den kleinen Platz hinter dem Palazzo. Er verfluchte die Dunkelheit in seinem Inneren. Immer wieder erhob sie ihr gieriges Haupt. Sie gehörte zu ihm, giftig und zersetzend wie der Schlamm in den Kanälen. Eine Dunkelheit, die seine Adern verstopfte und ihn für immer vom Leben eines normalen Mannes trennte.

Das alles hatte er nicht gewollt. Er war nicht in der Lage, irgendjemanden zu beschützen! Er hatte nicht einmal seine eigene Frau retten können!

Er hatte genau gesehen, wie Gabriella in der Bibliothek vor ihm zurückgezuckt war. Fast als hätte er sie geschlagen!

Und alles nur, weil er nicht in der Lage war, mit jemandem umzugehen, der Licht sah, wo er selbst nur Dunkelheit erkennen konnte, Hoffnung, wo keine war.

Danach hatte sie ihre Freude unterdrückt und ihm nur noch ein verkümmertes Bild der echten Gabriella gezeigt. Er selbst hatte ihr das angetan, und er hasste sich dafür. Hatte Umberto das wirklich für seine geliebte Enkelin gewollt?

Was geschah, wenn man ein Versprechen gegenüber einem Toten brach? Stieg dieser aus seinem Grab und verfolgte einen bis in die Träume?

Raoul wollte es nicht herausfinden. Er wurde schon von zu vielen Geistern der Vergangenheit gejagt.

Darum hatte er keine Wahl: Er musste Gabriella umwerben, ihre Lebensfreude ertragen. Später, wenn Garbas hinter Gittern saß und sie nie wieder verletzen konnte, würde er sie gehen lassen.

5. KAPITEL

Vielleicht lag es an Natanias köstlicher frittura aus fangfrischem Fisch und Meeresfrüchten oder vielleicht an seinem erfolgreichen Geschäftstermin – auf jeden Fall war von Raouls düsterer Stimmung nichts mehr zu merken. Als er Gabriella einen Abendspaziergang durch Venedig vorschlug, konnte sie nicht widerstehen.

Die Luft war schwer, als würde bald Nebel aufziehen, aber die Wärme des Tages lag noch über der Stadt. Nachdem Raoul ihr einige Sehenswürdigkeiten wie den Dogenpalast und die Rialtobrücke gezeigt hatte, führte er sie fort von den Menschenmengen. Sicher lotste er sie durch das Labyrinth aus Gassen und Kanälen zu kleinen, bezaubernden Plätzen. Hierher verirrte sich kaum ein Tourist.

Ich schaffe es! versicherte er sich immer wieder. Er konnte seine dunkle Seite vor ihr verbergen und sich wie ein zivilisierter Mensch verhalten. Er konnte interessant sein, aufmerksam und charmant. Nicht nur, weil es nötig war, sondern auch, weil Gabriella ihn faszinierte. Ich will mehr über sie wissen, stellte er überrascht fest, als er sie auf einen Kaffee in eine winzige Trattoria führte.

„Was hat dich dazu gebracht, ausgerechnet Bibliothekarin zu werden?“ Er beobachtete, wie ihr kastanienbraunes Haar im Wind wehte.

Sie nippte an ihrem Kaffee. „Ich glaube, mein Beruf hat mich gewählt“, sagte sie so nachdenklich, als hätte sie sich diese Frage noch nie gestellt. „Ich liebe Bücher. Zwischen jedem Buchdeckel liegt eine ganze Welt, und du weißt nie, was du darin findest. Neue Entdeckungen, neue Charaktere, alles ist dort und wartet nur auf dich, darauf, dass du das Buch aufschlägst und in seine Welt eintauchst.“

Raoul konnte seinen Blick nicht von ihrem leuchtenden Gesicht abwenden. Sie sprach so leidenschaftlich, voller Begeisterung, es kam ihm vor, als würde ein helles Licht von ihr ausgehen und ihn wärmen, tief in seinem Inneren, wo seit Langem nur Dunkelheit gewesen war.

Plötzlich kam ihm eine Idee. Vielleicht konnte er so ihr Interesse noch eine Weile aufrechterhalten! „Die Bücher in meiner Bibliothek …“, begann er. „Ich habe keine Idee, was dort alles in den Regalen steht.“

„Vielleicht … also natürlich nur, wenn es dir recht ist, könnte ich anfangen, sie zu katalogisieren.“

„Das würdest du für mich tun?“

„Sogar sehr gern!“ Sie sah ihn mit leuchtenden Augen an. „Und was ist mit dir?“

„Was soll mit mir sein?“

„Was hast du in den letzten Jahren gemacht?“

Versucht zu vergessen.

„Nichts halb so Interessantes wie du.“

Gabriella senkte den Kopf. „Es hat mir so leidgetan, als ich vom Tod deiner Frau gehört habe. Ihr wart nur so kurz verheiratet.“

Er spürte, wie die Dunkelheit stärker wurde. „Was genau hast du gehört?“

„Nur, dass sie einen tragischen Unfall hatte. Aber das ist jetzt schon so lange her. Hast du nie daran gedacht, wieder zu heiraten?“

Nie.

Er leerte seine Tasse und stand auf. „Lass uns noch ein Stück gehen.“

Während sie in dem Café gesessen hatten, war dichter Nebel herangezogen und hatte sich über die Lagune gelegt. Gabriella vergaß ihre Frage und beobachtete fasziniert, wie die ganze Stadt langsam in einer dicken weißen Wolke verschwand, als hätte sie niemals existiert.

Von einer kleinen Brücke aus schauten sie in den Nebel, der jedes Geräusch zu verschlucken schien. Nur hin und wieder waren die gespenstischen Umrisse und Lichter von Schiffen zu erkennen. Gabriella schauderte.

„Ist dir kalt?“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern.

„Es ist unheimlich.“

„In Nächten wie diesen kommen die Geister heraus.“

„Oh, Raoul, bitte.“ Sie versuchte zu lachen, während sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufstellten. „Ich bin kein Kind mehr. So leicht kannst du mir keine Angst einjagen.“

„Es ist wahr! In Venedig gibt es viele, viele Gespenster. Und viele, viele Geschichten.“

„Zum Beispiel? Erzähl mir eine dieser Geschichten“, forderte sie ihn auf, um ihm ihren Mut zu beweisen. Doch als sie in den unheimlichen Nebel schaute, bereute sie ihre Worte fast.

„Es war einmal ein Kaufmann“, begann Raoul mit gedämpfter Stimme. „Er besaß große Reichtümer, und manche Leute behaupteten sogar, er sei gut aussehend gewesen. Dieser Kaufmann hatte eine wunderschöne Frau. Er dachte, kein Mensch auf der Welt könne glücklicher sein als er.“

Gabriella lauschte atemlos. Diese Geschichte konnte kein gutes Ende haben!

„Eines Tages hat dieser Kaufmann seine wunderschöne Frau zwei Brüdern vorgestellt. Zwei guten Freunden von ihm, jedenfalls glaubte er das. Aber die beiden Brüder schmiedeten Pläne, ihm alles zu nehmen. Sie versprachen der Ehefrau die ganze Welt und lockten sie von ihm fort.“

„Sie ist freiwillig gegangen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wer kann das so genau sagen? Dieser Kaufmann war jedenfalls ein sehr dummer Mann. Als es ihm gut ging, hat er nur sein perfektes Leben gesehen. Für alles andere war er blind. Und als er alles verloren hatte, kannte er nur seine Rache. In einer stürmischen Nacht hat er schließlich seine Frau gefunden, im Bett mit einem der beiden Brüder. Es hat ihn fast umgebracht.“

„Was ist passiert?“

„In der Nacht sind beide gestorben. Die Frau und ihr Liebhaber.“

„Hat der Kaufmann sie getötet?“

„Nein, aber das machte keinen Unterschied. Seit dieser Nacht verfolgte ihr Geist ihn, bis er glaubte, in der tiefen Dunkelheit seiner Seele den Verstand zu verlieren. Und selbst jetzt, in Nächten wie diesen, kann man noch ihre Stimme hören, ihre traurigen Rufe, während sie überall nach ihm sucht, um ihn mit sich in die Tiefe zu ziehen.“

Durch den Nebel hörte Gabriella das Heulen des Windes. Draußen über der Lagune flackerte ein Licht auf und verlöschte wieder. Sie legte ihre eiskalte Hand auf Raouls Arm und hoffte, dass er ihr Zittern nicht bemerkte.

„Es ist spät“, murmelte sie. „Lass uns nach Hause gehen.“

Hand in Hand gingen sie zurück. Die Laternen am Ufer der Kanäle zeigten ihnen den Weg, und langsam wurde Gabriella wieder wärmer.

„Ich möchte, dass du glücklich bist, Bella“, sagte Raoul plötzlich. „Bereust du, dass du mit mir nach Venedig gekommen bist?“

Sie lächelte. Wenn Raoul so charmant war wie heute Abend, würde sie mit ihm überall glücklich sein.

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