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JULIA EXTRA, BAND 351

FIONA MCARTHUR

1001 Nacht mit dem Scheich

Sich in Scheich Zafar zu verlieben ist gefährlich! Die junge Hebamme Carmen weiß genau, dass Welten sie trennen. Aber den Küssen ihres feurigen Märchenprinzen kann sie nicht widerstehen …

TERESA CARPENTER

Hochzeit unterm Regenbogen

Wer wird neuer Bürgermeister? Die alleinerziehende Dani oder Frauenschwarm Cole Sullivan? Und wo endet der Wahlkampf? Für einen auf dem Siegerpodest – oder für sie beide mit einer Sommerhochzeit?

LESLIE KELLY

Mit dem Sommer kam das Glück

Es ist ein warmer Juni, als der geheimnisvolle Magier mit dem Jahrmarkt in die Stadt kommt. Und es ist ein heißer Juli, als die scheue Allie in seinen Armen wahre Leidenschaft kennenlernt …

SUSAN MEIER

Meeresbrise und sanfte Küsse

Wie gern würde Nick nach dieser harten Woche in seinem Strandhaus entspannen! Stattdessen betritt seine Exfrau Maggie sein Büro und bewirbt sich. Für einen Job – oder einen Platz in seiner Hängematte?

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1. KAPITEL

Die Tür des Fahrstuhls glitt auf und Prinz Zafar Aasim Al Zamid trat zögernd hinein.

Zu seinem Ärger begann sein Herz zu pochen. Er schloss die Augen.

Irgendjemand drückte sich an ihm vorbei in die Kabine, und Zafar holte tief Luft.

Der schwache Duft von Orangenseife wehte zu ihm und weckte lebhafte Erinnerungen an die Obstbäume im Palastgarten seiner Kindheit. Wenigstens ein beruhigender Gedanke. Sein Leben war damals um einiges unkomplizierter gewesen.

Als der Lift sich in Bewegung setzte, öffnete Zafar die Augen.

In letzter Zeit hatte er sich Phobien zugelegt wie andere Leute neue Hemden. Nach seinem Unfall hatte er unter Höhenangst gelitten, jetzt war es die Angst vor Fahrstühlen, die mit jedem Mal schlimmer wurde. Mittlerweile genügte bereits eine sich elektronisch schließende Tür, um die Symptome hervorzurufen.

Vielleicht war es ein Zeichen, dass seine Klaustrophobie stärker wurde, seit er seinen Beruf niedergelegt hatte, um sich ganz den Staatsgeschäften zu widmen.

Er nahm sich fest vor, möglichst bald an seinen Lieblingsort zurückzukehren und dort, in der Einsamkeit, seine innere Ruhe wiederzufinden. Die endlose Weite der Wüste ließ seine Probleme stets unbedeutender erscheinen.

Aber zuerst musste er sich um dieses neueste Schlamassel hier kümmern. Er steckte in einem Aufzug, eingepfercht mit den Erinnerungen an all das, was er für immer verloren hatte.

Mit ihm in diesem winzigen Raum waren eine zerbrechlich wirkende junge Mutter mit einem Baby im Arm und ein strahlender junger Vater mit einem Luftballon in der Hand, glücklicherweise jedoch auch die nach Orangen duftende Frau, die eine Aura der Gelassenheit ausstrahlte.

Ein bunt glänzender Luftballon mit der Aufschrift „Es ist ein Junge!“ schwebte näher an ihn heran. Zafar drückte sich an die Wand und bereute seinen Entschluss, hier im Hotel zu bleiben.

Ein Baby-Hotel! Wahrlich der letzte Ort, an dem er sich aufhalten sollte.

Das Bild des winzigen Körpers seines Sohnes blitzte in seinen Gedanken auf und er verscheuchte es eilig.

Glückliche Familien waren immer ein schmerzhaftes Mahnmal für ihn, auf das er gut und gerne verzichten konnte.

Doch er hatte einen guten Grund, hier zu sein. Er hatte gehofft, seine Cousine Fadia vor der Entbindung wiederzufinden, doch die Zeit arbeitete gegen ihn. Sollte er zu spät kommen, würde er sie aber immerhin noch in der Erholungsphase vorfinden, die sie hier im Hotel verbringen wollte.

Der Lift ruckte ein wenig, und Zafars Blut rauschte in seinen Ohren.

Der frischgebackene Vater bedankte sich jetzt überschwänglich bei der anderen Frau: „Carmen, wir hatten noch gar keine Gelegenheit, Ihnen zu danken.“ Er nahm ihre Hand und schüttelte sie energisch. „Sie waren einfach großartig.“

Die Frau zog ihre Hand zurück und lächelte die junge Mutter an. „Ach, Jock, nicht der Rede wert. Lisa war hier die Großartige.“

Der Klang ihrer Stimme war wie eine beruhigend kühle Hand auf Zafars Stirn und ganz langsam ebbte seine Nervosität ab, wurde seine Angst schwächer.

Zum Glück. Wenn seine Psyche erkannte, wie unnatürlich irrationale Ängste waren, war das ein Fortschritt.

„Es war eine sehr schöne Geburt.“ Mit einem kurzen Blick entschuldigte sich die Frau bei Zafar für ihre private Unterhaltung.

Die unerwartete Wucht ihres Blickes fühlte sich an, als sei er von diesem lächerlichen Ballon gerammt worden. Doch dann wandte sie sich auch schon wieder dem Kindsvater zu.

Ihren Worten entnahm er, dass sie medizinisch tätig war. Sofort stemmte er sich gegen die schmerzende Enttäuschung über den Verlust seiner eigenen Karriere.

Vielleicht war sie eine Hebamme. Er hatte schon Frauen wie sie kennengelernt. Frauen, die von Haus aus eine beruhigende Wirkung besaßen, und die innerhalb kürzester Zeit eine enge Beziehung zu einem Fremden knüpfen konnten.

Zafar hob den Kopf und beobachtete Carmen. Alles, was ihn von der Fahrt mit dem Lift ablenkte, war gut. Und zum Glück verebbten seine Angstgefühle, sobald er sie ansah.

Sie hatte dickes, schwarzes Haar, das an ihrem Hinterkopf zu einer Schnecke aufgerollt war. Sie sprach mit irischem Akzent. Doch Carmen sah eher spanisch als irisch aus, deshalb passte der Name gut zu ihr.

Er konnte den Blick nicht von ihrem Mund abwenden, als sie sagte: „Wie geht es dem kleinen Brody?“

Jock lachte laut auf und Zafar zuckte erschrocken zusammen. „Er ist ein kleiner Rabauke.“ Der Stolz des Vaters erfüllte den Raum, während der Lift mit einem heftigen Ruck im fünften Stock hielt. Der Kabinenboden sackte einige Zentimeter ab, federte dann zurück, bevor er in der Ausgangsposition stehen blieb.

Zafar schloss die Augen und schluckte. Als die anderen ausstiegen, knirschte und bewegte sich die Kabine ein wenig, und die bereits entfernt klingende Stimme des Kindsvaters sagte: „Bis später.“

„Ich komme runter, sobald ich das Übergabeprotokoll der diensthabenden Hebamme habe.“ Carmen war also noch immer im Aufzug. Er öffnete die Augen und sah, wie sie dem Paar zum Abschied winkte.

„Toll. Bis später!“

Um sich abzulenken, überlegte Zafar, ob es wohl ein neuer Trend war, Frauen nach der Geburt zur Erholung in ein Hotel zu verfrachten.

Er hatte noch nicht oft davon gehört, aber jetzt, wo er darüber nachdachte, erschien es ihm durchaus sinnvoll. Schließlich war es ein Ort der Ruhe und des Friedens und deutlich weniger keimbelastet.

Auch für das nahe Krankenhaus war es hilfreich, da es so die Betten schneller neu belegen konnte.

Die Fahrstuhltür schloss sich leise, diesmal, ohne dass sich die Kabine bewegte.

Trotz seines geradezu heimtückischen Verlangens, die Frau namens Carmen näher zu begutachten, richtete Zafar seine Aufmerksamkeit wieder auf die Anzeige über der Tür.

Carmen trat zurück und schien mit der Wand zu verschmelzen.

Er wusste, dass sie groß war, denn ihr Kopf überragte seine Schultern und ihr Haarknoten, der den Duft von Orangenblüten verströmte, befand sich auf der Höhe seiner Nase.

Der Aufzug rührte sich noch immer nicht von der Stelle.

Aus dem Augenwinkel warf er ihr einen verstohlenen Blick zu und sah, dass sie die Augen geschlossen hatte.

Er stutzte. So etwas geschah nicht oft, wenn er mit einer Frau auf engem Raum zusammen war. Wenn er ehrlich war, wusste er nicht, wann er zuletzt so ignoriert worden war. Sie wirkte geradezu gleichgültig, wie sie da so stand. Zu gleichgültig?

Seine Besorgnis wuchs. „Fühlen Sie sich nicht gut?“

Sofort riss sie die Augen auf und ihr Körper straffte sich. „Grundgütiger!“ Sie blinzelte zunächst kurz in seine Richtung, dann sah sie ihn direkt an. „Ein Sekundenschlaf. Tut mir leid. Ich komme gerade von der Nachtschicht. Es war eine anstrengende Woche.“

Plötzlich empfand er Mitgefühl für diese ihm völlig Fremde. Er konnte sich noch gut an seine Müdigkeit nach einer Reihe arbeitsreicher Tage und Nächte während seines Praktikums erinnern.

Damals hatte er sich über den Schlafmangel beschwert – heute hätte er diese Unannehmlichkeit liebend gerne ertragen.

Das war das eigentlich Schwierige an seiner Rückkehr nach Sydney. Sie erinnerte ihn daran, dass er nicht mehr das Leben führte, das er einst geliebt hatte.

Die Kabine begann zu rucken und fuhr einige Zentimeter nach oben.

Je früher, desto besser, dachte er noch, dann folgte eine plötzliche Erschütterung, mit der die Kabine stoppte. Zafar hielt den Atem an und wartete. Die Tür öffnete sich nicht. Die Anzeige hing irgendwo zwischen der Fünf und der Sechs. Auf halber Strecke zwischen zwei Stockwerken …

Oh nein. Sein Herzschlag beschleunigte sich, ging jetzt fast doppelt so schnell wie vorhin. Seine Brust zog sich zusammen, und er bekam keine Luft.

„Das kann ich jetzt wirklich nicht brauchen“, sagte die Frau irgendwo neben ihm, während Zafar krampfhaft versuchte, einzuatmen.

Er sank in die Hocke und drückte eine Hand gegen die Wand, damit mehr Blut in seinen Kopf strömen konnte. Mit der anderen öffnete er seinen Kragen.

Plötzlich wurde der Fahrstuhl zur Kabine seines Privatjets. Innerhalb weniger Sekunden würde seine Familie in die Tiefe stürzen und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.

Nun war also er an der Reihe, zu sterben. Das war beinahe eine Erleichterung. Und er hatte sich noch über seinen Platz in der Thronfolge beschwert …

Entfernt hörte er, wie die Frau den Hörer des Nottelefons abnahm und mit dem Mann vom Notdienst sprach. Dann legte sie wieder auf und beugte sich zu ihm herunter. „Alles okay?“

Er konnte seinen Blick erst wieder vom Boden abwenden, als sie mit ihrer Hand seinen Arm berührte. Sie war warm, fest, das fleischgewordene Wohlgefühl.

Seltsamerweise kam es ihm vor, als könne er nicht fallen, solange sie ihn festhielt. Dabei tat sie gar nichts.

Unter einiger Anstrengung schaffte es Zafar, durch seine Nase einzuatmen. Dabei half ihm das angenehme Aroma des Orangendufts. Es war erstaunlich beruhigend – wie eine Valiumspritze.

Mit zusammengebissenen Zähnen holte er Luft und die Benommenheit fiel ein wenig von ihm ab.

Das hier war lächerlich. Irrational. In höchstem Maße peinlich.

Er zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen. Ihre Augen hatten eine dunkel-goldene Farbe, die an braunen Sirup erinnerte. Ruhig, weise und voller Mitgefühl. Geradezu hypnotisierend, aus dieser Nähe.

„Sie sind Krankenschwester?“

In ihren Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen, als sie lächelte. Der Fels auf seiner Brust wurde sogleich ein wenig leichter.

„Fast. Ich bin Hebamme. Wie wär’s mit einer Atemübung?“

„Ich stecke nicht in den Wehen.“ Dennoch war es wie Schwerstarbeit. Wieder schloss er die Augen. „Vielleicht doch.“

„Haben Sie eine Phobie?“ Derselbe feinfühlige Gesprächston, nicht als wäre er krank, sondern als würde sie fragen, ob er Zucker in seinen Tee wollte.

Er musste sich überwinden, es zuzugeben, aber schließlich sagte er: „Offensichtlich.“

Sie ließ sich neben ihn sinken. Während sie es sich bequem machte, vernahm er das Rascheln ihrer Kleidung und spürte, wie ihr Bein dabei leicht an seinem Körper entlangstrich.

Ihre Hand ruhte noch immer auf seinem Arm, unbewegt, als wolle sie ihre Ruhe und Energie auf ihn übertragen. Es schien zu funktionieren.

„Wie heißen Sie?“

Er hatte viele Namen. „Zafar.“

Sie hielt inne und er spürte, wie sie darüber nachdachte. Dann öffnete er wieder die Augen. „Na gut, Zafar. Ich bin Carmen. Diese Woche bin ich schon dreimal in diesem Aufzug stecken geblieben. Lange, tiefe Atemzüge dürften helfen.“

Tiefe Atemzüge würden sich als schwierig erweisen. „Die flachen sind schon ein Kampf.“

„Ein paar hintereinander gehen auch.“

Er war sich nicht ganz sicher, aber die Tatsache, dass sie das Ganze schon drei Mal durchgemacht hatte, schien ihm zu helfen.

„Durch die Nase einatmen …“

„Und durch den Mund wieder ausatmen. Ich weiß schon.“

Jetzt wurde ihre Stimme etwas forscher. „Dann tun Sie es!“

Er gehorchte – und fühlte sich tatsächlich besser. Sogar um einiges, wenn er ehrlich war. Deshalb wiederholte er das Ganze sogleich.

Wie sie da so vor ihm saß, bot sie ihm eine herrliche Aussicht auf das Tal zwischen ihren Brüsten. Höflich wandte er den Blick ab, doch mit diesem Bild im Kopf spürte er mit jeder Sekunde, wie sich sein Zustand verbesserte.

Nicht auszudenken, der Aufzug wäre voll gewesen. Ihn schauderte bei diesem Gedanken. Zum Glück war sie die einzige Zeugin seiner Schwäche. Und er war froh, dass er seine Sekretärin und seinen Bodyguard schon vorher in die Suite geschickt hatte. In Zukunft würde er die Treppe nehmen, das war sowieso gesünder.

Wenn er das hier erst einmal überstanden hatte, würde er diese Frau jedoch niemals wiedersehen. Das war zwar gut so, zugleich aber ein Jammer. Und obwohl diese Frau wirklich die unglaublichsten Brüste hatte, würde er kein zweites Mal hinsehen. Stattdessen ließ er seinen Blick zurück zu ihrem Gesicht wandern, zu ihrem hinreißenden Mund. Diesen Lippen …

Sein Körper erbebte.

„Fühlen Sie sich jetzt besser?“

„Um einiges.“ Besser als sie vermutlich ahnte.

Amüsiert bemerkte er, dass ihr allmählich bewusst wurde, in welche Richtung sein Interesse ging.

Schließlich erwiderte sie seinen eindringlichen Blick und hob die Augenbrauen. Sie nahm die Hand von seinem Arm und schüttelte den Kopf. „Ts, ts …“

Der Aufzug ruckte, dann setzte er seine Fahrt fort.

Zafar schloss für einen kurzen Moment die Augen, doch die Panik war von ihm gewichen. Offensichtlich verstand sie etwas von ihrem Beruf.

Er erhob sich, bis er mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand, dann reichte er ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Sie hatte schlanke Finger und zarte Haut.

Geschmeidig richtete sie sich auf und stand ganz nahe bei ihm. Für diesen einen Moment, in dem ihre Blicke sich trafen, vergaß er den Aufzug, die Höhe, die Fesseln seines Lebens – alles bis auf dieses unvermutete Band zwischen ihnen.

Plötzlich konnte er nicht mehr an sich halten. Er beugte sich ein wenig zu ihr.

Eigentlich rechnete er damit, dass sie zurückweichen würde. „Sie sind sehr freundlich … und unglaublich hübsch.“ Er strich über ihre Wange und sein Blick wurde erneut von ihrem reifen, sinnlichen Mund angezogen.

Und dann sagte sie etwas ganz Unerwartetes: „Ist schon okay. Ich verstehe Sie …“ Er hörte ein gewisses Mitgefühl aus ihren Worten heraus, das ihn entsetzte. Er wollte und brauchte kein Mitleid.

Die Liftkabine wurde erneut leicht erschüttert und die Tür öffnete sich im siebten Stock. Den Sechsten hatten sie übersprungen.

Mit einem Ausdruck der Verwirrung auf ihrem hinreißenden Gesicht wandte sie sich von ihm ab. Sie presste die Lippen zusammen, als wolle sie verbergen, dass sie in aufgeregter Erwartung errötet waren. Hatte sie darauf gewartet, dass ihre Lippen sich beinahe berührten? Hatte sie also auch etwas gespürt?

„Sie sehen jedenfalls schon viel besser aus.“ Ihre Bemerkung ließ ihn schmunzeln. Unter ihrer Sprödheit verbarg sich ein Unterton, den er nicht so ganz deuten konnte.

Sie errötete leicht und forschte mit interessierten Augen in seinem Gesicht, als würde sie nach einem Hinweis darauf suchen, was da gerade zwischen ihnen passiert war.

Ungeachtet seines Drangs, sich aus dem Aufzug zu stürzen und sich in Sicherheit zu bringen, deutete Zafar galant auf die Tür, um ihr den Vortritt zu lassen. „Ich muss mich für meinen Schwächeanfall von eben entschuldigen.“

Sie musterte ihn mit einer klinischen Gründlichkeit, die er von einer Frau so nicht gewohnt war, und unterdrückte ein Lächeln. „Ich bezweifle, dass Sie so leicht zu erschüttern sind. Sie hatten bestimmt Ihre Gründe.“ Sie sah sich um. „Und ich hätte eigentlich im Sechsten rausgemusst.“

Und dann war sie weg, hatte die Metalltür zur Treppe aufgezogen, noch bevor Zafar die Kabine ganz verlassen hatte.

Er begann zu summen. Der Tag war nicht mehr so übel, wie er begonnen hatte.

Carmen beeilte sich, die Tür zum Treppenhaus zu erreichen, dennoch spürte sie förmlich die Blicke dieses Mannes, der hinter ihr im Aufzug stand.

Was war da gerade passiert?

Ihre Lippen prickelten noch immer erwartungsvoll, und sie roch die ungewöhnlich würzige Note des Aftershaves auf seinem Körper, der ihr so nah gewesen war.

Und was für ein Mund. „Sündig“ war ein viel zu schwacher Ausdruck dafür! Sie konnte schwer bestreiten, dass er sie in Versuchung geführt hatte.

Auf diese Art von Begegnung war sie wahrlich nicht vorbereitet gewesen. Hatte sie sich richtig verhalten?

Hoffentlich begegnete sie ihm nicht wieder.

Als sich die Tür des Notausgangs mit einem dumpfen Geräusch hinter ihr schloss, seufzte sie erleichtert und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Das Metall kühlte ihren erhitzten Körper. Sie berührte ihre Lippen, die glühten, obwohl sie die seinen noch nicht einmal berührt hatten.

Schließlich vergewisserte sie sich, dass sie alleine war, in diesem finsteren Treppenhaus mit seinen nackten Betonstufen und dem dumpfen Echo zwischen den kahlen Wänden. „Notausgang“, wie passend.

Sie hatte diese Zufluchtsmöglichkeit wirklich gerade nötig.

Man hätte annehmen können, dass sie durch die Erfahrung mit ihrem Ehemann gelernt hatte, sich in Acht zu nehmen vor wortgewandten Männern in teuren Anzügen, die Frauen verführten, um dann ihr Leben zu zerstörten …

Aber ein einzelner Ausrutscher war noch keine Katastrophe. Ab jetzt musste sie vorsichtiger sein.

Achtzehn Stunden später, um fünf Uhr morgens, bewunderte Carmen O’Shannessy mit sanftem Lächeln das Geschenk, das Mutter Natur ihr an diesem Morgen bescherte.

Diese friedliche, zufriedene Stimmung nach einer nächtlichen Geburt war ein Grund, weshalb sie die Nachtschicht liebte – abgesehen von der Tatsache, dass sie auf diese Weise zwei Jobs ausüben konnte.

Zwillinge. Dunkelhaarige Engel, mit einer Haut wie dunkle Rosenblüten.

Ihre Patientin Fadia Smith lehnte sich wie eine Madonna in ihrem Stuhl zurück, während ihre Söhne winzig und hilflos in ihren Armen lagen.

Die beiden an ihre Mutter zu schmiegen war ein Balanceakt gewesen, der einige Anläufe und fast eine halbe Stunde Geduld erfordert hatte. Doch dieser Moment, in dem die Jungen sich widerstandslos füttern ließen, war ein äußerst befriedigender Abschluss eines ereignisreichen Morgens.

Es war eine Weile her, seit Carmen eine derart unkomplizierte Zwillingsgeburt erlebt hatte, anderseits hatte Fadia ihnen kaum eine Alternative gelassen. Nachdem sie mühsam hier angekommen war – alleine und gerade mal fünf Minuten vor der Geburt des ersten Sohnes –, musste Carmen das Kind nur noch entgegennehmen.

Noch bevor der Geburtshelfer mit seinen Assistenten auf der Bildfläche erschien, hatte sich auch Baby Nummer zwei entschieden, die Welt da draußen zu begrüßen. Dr. Bennett blieb nur noch die Aufgabe, mit ungläubigem Lächeln den Daumen in die Höhe zu strecken.

Als wollten sie an ihre mühelose Ankunft anknüpfen, hatten die beiden Mini-Jungs sofort angefangen zu schreien und sich dann an den Körper ihrer Mutter geschmiegt. Sie waren zwar winzig, wiesen jedoch keinerlei Anzeichen für Atemprobleme oder sonstige Schwierigkeiten auf.

Ganz anders als die Kollegen vom Geburtshelferteam, die nach ihrem Sprint völlig außer Atem waren und schon kurz darauf wieder zurück in ihre Abteilung „krochen“, ohne überhaupt gebraucht worden zu sein.

Carmen musste noch immer darüber lächeln, wie aufgeschreckt sie alle gewesen waren, als sie Alarm geschlagen hatte.

Zwei Stunden später war es für Carmen eigentlich an der Zeit, Fadia in die Obhut der Kollegen der Tagesschicht zu übergeben und nach Hause zu fahren. Doch irgendetwas hielt sie zurück. „Sind Sie sicher, dass ich niemanden für Sie anrufen soll?“

Fadia wirkte sehr traurig. „Nein, nein, meinen Babys geht’s doch gut. Es gibt wirklich niemanden, den ich benachrichtigen muss. Ich bin Witwe und habe nur noch den Freund meines Mannes, der mir hilft, bis meine Verwandten kommen.“

Fadia schien darauf beharren zu wollen, dass alles in Ordnung war, und beeilte sich, zu versichern: „Wir sind hier in Sicherheit.“ Was für eine seltsame Bemerkung.

„Nun, ihre Jungs haben jedenfalls auf niemanden gewartet.“ Carmen beugte sich über sie und streichelte eine winzige Hand, die auf dem Hals der Mutter ruhte. „Sie sind ganz erstaunlich, Fadia. Herzlichen Glückwunsch! Heute wird Tilly sich um Sie kümmern. Ich fahre jetzt nach Hause und sehe zu, dass ich etwas Schlaf bekomme. Wir sehen uns in ein bis zwei Tagen wieder, wenn Sie mit den Babys ins Hotel umgezogen sind. Haben Sie sich eigentlich schon Namen ausgesucht?“

„Harrison und Bailey. Die Namen meines Mannes.“

„Wie schön. Ich bin mir sicher, das hätte ihm gefallen.“

„Als er getötet wurde, wusste er noch nicht einmal, dass ich schwanger war.“

Getötet wurde? Das klang ja entsetzlich, aber dies war kein geeigneter Zeitpunkt, um nachzuhaken. „Das tut mir leid. Aber wo auch immer er jetzt ist, er sieht das hier alles, da bin ich mir sicher. Versuchen Sie, ein wenig zu schlafen, sobald die beiden das auch tun.“

„Vielen Dank, Carmen. Sie haben mir so viel Kraft gegeben. Es bedeutet mir sehr viel, dass Sie mir meine späte Ankunft nicht krummgenommen haben.“

„Das ist doch selbstverständlich. Dass Babys kommen, wann sie wollen, wissen wir hier nur allzu gut.“ Carmen grinste. „Und Sie müssen einen Schutzengel haben, alles verlief prima! Ich danke Ihnen für diesen schönen Abschluss meiner Nachtschicht.“

Sie winkte zum Abschied und prallte dabei fast mit Tilly, der Tageshebamme, zusammen, die gerade durch die Tür kam.

Carmen schloss die Türe zu Fadias Zimmer, um ein paar Worte mit Tilly zu wechseln. „Ich geh jetzt mal nach Hause.“ Carmens Schicht war seit einer Stunde zu Ende.

„Arbeitest du heute Nachmittag auch?“

„Ich habe die Schicht von dreizehn bis neunzehn Uhr im Hotel. Heute Abend schlaf ich also in meinem Bett.“

Tilly schüttelte den Kopf. „Mir ist schleierhaft, wie du das machst. Ich wäre tot, wenn ich während meiner Hauptarbeitszeit auch noch die Nachtschicht übernehmen würde.“

„Ich bekomme etwa vier Stunden Schlaf.“ Carmen zuckte mit den Schultern. „Das mach ich ja nicht immer. Ich spüre auch gerade, wie ich vom Hochgefühl der letzten Nacht etwas herunterkomme. Langsam werde ich doch müde.“ Sie wollte nicht darüber sprechen, weshalb sie sich so zermarterte. Bisher hatte sie noch nie von irgendjemandem Hilfe angenommen, und das würde auch so bleiben.

Zum Glück war Tilly nicht besonders aufmerksam, wenn es um gewisse Untertöne ging, denn sie brachte das Gespräch zurück auf Fadia. „Das hast du heute Morgen gut gemacht, du Glückspilz. Zwillinge zu entbinden ist heutzutage verdammt schwer, ohne eine Unmenge von Helfern.“

„Und dein Marcus hat mich auch nicht beiseitegeschoben.“

Tilly errötete leicht, als die Sprache auf den Arzt kam, mit dem sie seit Kurzem liiert war. Angesichts ihres Glückes verspürte Carmen einen Anflug von Wehmut.

Kurz tauchte das Bild des Mannes im Lift in ihren Gedanken auf, dann schob sie es wieder beiseite. An ihn hatte sie seit Stunden nicht mehr gedacht. Sie war viel zu beschäftigt gewesen. Und das war gut so. „Schön, dass in deinem Leben alles so perfekt läuft.“

„Ich festige nur Marcus’ gute Meinung über Hebammen“, entgegnete Tilly. „Und ich glaube, es funktioniert.“ Sie lächelten sich an.

„Fadia hatte großes Glück.“ Carmens Lächeln erstarb. „Ihr Bekannter kommt zur Mittagszeit. Sie ist sehr in sich gekehrt, allerdings hat sie kürzlich ihren Mann verloren. Und in ihren Unterlagen ist kein Verwandter angegeben. Sieh nach ihr, Tilly. Wir müssen sichergehen, dass sich nach ihrer Entlassung jemand um sie kümmert.“

„Zu Befehl, Mutter Carmen.“

Tillys Entgegnung war zwar flapsig, doch ihr Blick versprach, dass sie besonders aufmerksam sein würde.

Nach einigen Stunden Schlaf war es für Carmen an der Zeit, sich wieder für die Arbeit anzuziehen.

Heute war sie für die postnatale Unterstützung im Baby-Hotel zuständig. Diesen Spitznamen benutzte das Krankenhauspersonal für das Fünfsternestrandhotel, das sich um die Bedürfnisse einiger privat versicherter Mütter kurz nach der Geburt kümmerte.

Dies war ein weiterer angenehmer und gemütlicher Teil ihres Jobs. Wenn sie die Frau bereits durch die Geburt geführt hatte, war es unvergleichlich schön, die weitere Entwicklung bis zu ihrer Entlassung zu beobachten.

Als sie im Parkhaus auf den Fahrstuhlknopf drückte, musste sie unwillkürlich an den Mann in Etage sieben denken. Zafar. Ein mysteriöser Name.

Wie es wohl gewesen wäre, wenn der Lift nicht stecken geblieben wäre? Die Erinnerung an ihre intime Begegnung flammte lebhaft in ihr auf.

Sie verzog das Gesicht. „Hau ab!“ Die Worte verhallten leise zwischen ihr und der geschlossenen Aufzugtür. Um sicherzugehen, dass niemand sie gehört hatte, drehte sie unsicher den Kopf.

Es hatte etwas zutiefst Rührendes an sich, wenn ein so kraftvoll und mächtig wirkender Mann wegen eines kurz aussetzenden Aufzugs die Nerven verlor. Was vielleicht auch erklärte, weshalb sie nicht schneller vor ihm zurückgewichen war.

Die Art, wie er sie danach bedrängt hatte, war jedoch ganz und gar nicht rührend gewesen. Oder dass sie es beinahe gewagt hatte, ihn zu küssen …

Unwillkürlich schürzte sie ihre Lippen und dachte mit Bedauern daran, dass er sie höchstwahrscheinlich niemals wieder sehen wollte.

Was völlig okay war. Das falsche Spiel ihres Exmannes hatte sie ernüchtert, ihr Selbstwertgefühl untergraben und sie gelehrt, einige Zeit zu warten, ehe sie ein endgültiges Urteil über einen Menschen fällte.

Andererseits musste sie ihm vielleicht sogar dankbar sein. Immerhin war sie nun taffer als jemals zuvor.

Zafars Gesicht schien sich jedoch unauslöschlich in ihr Gedächtnis gebrannt zu haben. Diese dunklen, gequält wirkenden Augen, die schwarzen Brauen und ein strenger und gleichzeitig sündhaft aufreizender Mund – ein Mund, der aussah, als sei er es gewohnt, Befehle zu erteilen.

Sie spürte, wie ihr Interesse neu erwachte und in der Tiefe ihres Magens zu rumoren begann. Unfassbar! Auf so etwas würde sie sich gar nicht erst einlassen.

Dieser Typ verkörperte genau das, was sie an Männern verabscheute: Macht und Überheblichkeit. Und sie zweifelte keine Sekunde daran, dass er genauso zynisch und rücksichtslos sein konnte, wie es der äußere Eindruck versprach.

Er war natürlich extrem wohlhabend. Die sündhaft teure Uhr und der Anzug, für den ihr Ex getötet hätte, waren untrügliche Anzeichen dafür.

Weshalb er sich jedoch gerade im östlichen Randgebiet von Sydney aufhielt, abseits der Touristenstrände, blieb ein Rätsel.

Sie musste wirklich aufhören, an ihn zu denken. Doch hier im Fahrstuhl war es fast, als würde er wieder nur wenige Schritte neben ihr stehen. Als wären keine vierundzwanzig Stunden seit ihrer Begegnung vergangen.

Der Aufzug hielt im sechsten Stock, der Baby-Etage. Carmen trat hinaus und ging zum Hebammen-Zimmer.

Als sie mit der Kollegin der Frühschicht über ihre Patientinnen sprach, erfuhr sie zu ihrer Überraschung, dass Fadia bereits in den regulären Hotelbereich verlegt worden war.

Es kam schon mal vor, dass eine kerngesunde Frau bei ihrem zweiten oder dritten Kind bereits vier Stunden nach der Geburt auszog. Für eine Erstgeburt – noch dazu eine Zwillingsgeburt – war das jedoch äußerst ungewöhnlich.

„Und der Kinderarzt hat das genehmigt? Und auch Tillys Dr. Bennett?“

„Die beiden werden sie täglich besuchen. Außerdem hat man ihr eine Amme an die Seite gegeben …“

Eine Sonderbehandlung also. Es war nicht das erste Mal, dass wohlhabende Patientinnen ihre eigene Krankenschwester mitbrachten, allerdings hätte sie Fadia anders eingeschätzt. „Das ist schon mal hilfreich.“

„Nicht mehr. Fadia hat sie kurz nach ihrer Ankunft weggeschickt. Offensichtlich hat sie sie nicht gemocht.“

Carmen zog die Augenbrauen hoch. „Das wird ja immer seltsamer.“

Als Carmen fünfzehn Minuten später an Fadias Tür klopfte, rechnete sie mit allem, nur nicht damit, dass der Mann aus dem Aufzug ihr öffnen würde.

Zafar.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, während er ihr tief in die Augen sah und dabei verhalten lächelte.

Carmens Wangen wurden heiß.

2. KAPITEL

„Ah, die Hebamme. Treten Sie ein!“ Gerade so, als würde sie jeden Tag auf seiner Türschwelle auftauchen.

Carmen hoffte, dass ihr Mund geschlossen war, denn wenn dieser Mann nicht vor Angst wie erstarrt war, sah er umwerfend gut aus.

Er wirkte zehn Mal so groß und so breit wie davor, doch sie nahm an, dass ihr erster Eindruck von seinem nervlichen Zustand getrübt worden war.

„Ich muss Ihnen für Ihre hervorragende Arbeit bei der Geburt von Fadias Zwillingen danken.“

„Es war schon ein Privileg, dabei sein zu dürfen. Fadia hat die ganze harte Arbeit geleistet. Ich musste die Babys nur noch auffangen.“

Ein sardonisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Eine gewisse Fachkenntnis ist bei einer Mehrlingsgeburt dennoch vonnöten.“

Er lehnte sich lässig gegen die Tür, und ihr kam dabei der seltsame Gedanke, dass er dabei so entspannt wirkte wie ein Tiger kurz vor dem Sprung.

Fadia, die mit einem ihrer Söhne auf einer Stuhlkante saß, sah alles andere als gelassen aus und Carmen hatte plötzlich das Gefühl, ihre Patientin beschützen müssen.

War der Beinahe-Küsser aus dem Fahrstuhl die Person, vor der Fadia solche Angst hatte? „Ist er der Freund Ihres Mannes?“

Fadia warf Zafar einen erschrockenen Blick zu. „Nein. Du liebe Zeit, nein.“

Carmen konnte sich ihrer Erleichterung nicht erwehren.

„Nein, das ist mein Cousin. Aus Zandorro.“ Fadia warf einen weiteren Blick in seine Richtung – dieses Mal etwas weniger ängstlich. „Er kam aufgrund eines Briefes, den ich an meinen Großvater geschrieben habe. Er wollte nur nachsehen, ob ich Hilfe benötige.“

Zafar neigte den Kopf. „Ich wollte mich versichern, dass es dir und deinen Babys gut geht. Damit ich unseren Verwandten die gute Nachricht verkünden kann.“ Er wandte sich Carmen zu und zog süffisant eine Augenbraue in die Höhe. „Sie haben den ominösen Freund unserer neuesten Familienmitglieder also auch noch nicht kennengelernt?“

„Nein.“ Carmen hatte keine Lust auf weitere Erklärungen. Mit einem Achselzucken gab sie ihm verstehen, dass sie an Familienangelegenheiten nicht interessiert war. „Aber vielleicht könnten Sie uns einen Moment entschuldigen. Ich würde gerne kurz mit Fadia unter vier Augen sprechen.“

„Ist das denn wirklich nötig?“ Ihre Worte schienen ihn sehr zu überraschen. Offensichtlich war ihr Wunsch nach seinen Maßstäben sehr ungewöhnlich.

Angesichts seiner Empörung unterdrückte Carmen ihr Lächeln. Es passte ihm also nicht, wenn man ihn bat, zu gehen, dachte sie. Wie interessant … Wer war er nur?

Aber eigentlich spielte das keine Rolle. Sie hatte nur vier Stunden geschlafen und war nicht in der Stimmung, sich aufzuregen. „Ich fürchte ja.“

Pech gehabt. Raus mit Ihnen! Doch das sagte sie natürlich nicht laut.

Zafar sah finster zu Boden und presste die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein Strich waren. Offenbar war er Gehorsam gewohnt und keine Befehle.

Willkommen auf meinem Terrain, Kumpel. Carmen machte die Schultern breit und setzte wieder ihr Lächeln auf. Sie konnte genauso taff sein wie er. Wenn nötig sogar taffer.

Sie blickte ihn gerade an. Es sah aus, als würde er gleich die Arme verschränken und sich ihrem Wunsch einfach verweigern.

Was würde sie dann tun? Sie wusste es nicht. Irgendetwas würde ihr schon einfallen. In Gedanken verschränkte sie selbst die Arme.

Leg dich nie mit einer Frau an, die eine Nachtschicht hinter sich hat.

Er tat nichts dergleichen. Kurz bevor er seiner Ablehnung Ausdruck verleihen konnte, zögerte er und bedachte sie stattdessen mit einem spöttischen Lächeln. Es war fast wie eine Ankündigung, es ihr heimzuzahlen.

Ärgerlicherweise minderte das ihre Genugtuung über den errungenen Sieg. Ihr gefiel dieser Blick nicht und auch nicht das Gefühl, das er bei ihr hinterließ. Wer war dieser Kerl?

„Ich komme wieder“, sagte er zu seiner Cousine, warf dabei jedoch einen ernsten Blick ins Carmens Richtung. „Sobald deine Hebamme fertig mit dir ist.“

Fadia nickte und spielte nervös mit ihren Händen. Carmen neigte in einer höflichen Geste den Kopf. Sie konnte es kaum noch erwarten, Fadia zu fragen, wo das Problem lag.

„Es dauert nicht lange“, sagte sie mit honigsüßer Stimme, während sie ihm die Tür öffnete.

Als er draußen war, verwandelte sich das Zimmer glücklicherweise sofort wieder in eine geräumige Suite. Unglaublich, wie viel Platz ein einzelner Mann einnehmen konnte.

Carmen wandte sich ihrer Patientin zu. „Alles in Ordnung?“

„Ja.“ Die junge Frau krümmte die Schultern und nahm ihr eines Baby noch fester in den Arm. Fadia sah ganz und gar nicht in Ordnung aus. Sie wirkte zerrüttet, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, sodass Carmen sie einfach nur in den Arm nehmen wollte.

„Und Ihre Babys?“

„Prima.“ Fadia warf einen kurzen Blick zu ihrem anderen Kind, das in der Wiege schlummerte, dann schüttelte sie sich. „Ich kann nicht glauben, dass er wirklich gegangen ist. Sie haben ihm einfach befohlen, zu gehen!“

„Natürlich.“ Damit wollte sie jetzt jedoch keine Zeit vergeuden. Sie sorgte sich alleine um ihre Patientin. Irgendetwas stimmte mit ihr ganz und gar nicht. „Sie haben Zafar gar nicht als Ihren nächsten Angehörigen angegeben.“

„Ich war mir nicht sicher, ob mich die Familie akzeptieren würde.“

„Sein Kommen war also unerwartet?“

„Ja. Nein.“ Sie senkte die Stimme. „Ich habe letzte Woche meinem Großvater geschrieben, doch Tom – der beste Freund meines Mannes – meinte immer, ich würde es noch bereuen, wenn die Familie derart über mein Leben bestimmt. Ich bin jedoch froh, dass Zafar hier ist, während ich über die weiteren Schritte nachdenke.“

„Nun, Sie haben ja noch ein paar Tage zum Nachdenken, ehe Sie irgendwohin müssen.“ Sie maß Fadias Puls. Er war schneller als normal und sie hoffte, dass es an ihrer Aufregung lag und nichts mit der Geburt zu tun hatte. „Ich bin überrascht, dass man Ihnen so kurz nach der Geburt erlaubt hat, den Krankenhaustrakt zu verlassen.“

„Man sagte mir, ich könne in den Hotelbereich umziehen, solange ich eine Amme mitnehme. Kurz nachdem Sie heute Morgen gegangen sind, hat mich mein Cousin besucht und mir eine besorgt.“

Carmen sah sich im ansonsten leeren Zimmer um, sagte jedoch nichts dazu, dass von der Amme jede Spur fehlte.

Fadia zuckte die Schultern. „Wir haben uns nicht verstanden, deshalb ist sie gegangen.“

„Oh.“ Das war nicht gerade sehr informativ. „Jedenfalls war es ein schneller Umzug, dafür, dass Sie Zwillinge haben. Aufgrund Ihres vergrößerten Uterus riskieren Sie die Gefahr einer inneren Blutung. Darauf müssen wir aufpassen. Wenn Sie in der Station geblieben wären, könnten Sie jederzeit Hilfe bekommen. Ich könnte Sie wieder einweisen.“

Fadia schüttelte den Kopf. „Jetzt, wo Zafar mich ausfindig gemacht hat, bleibe ich lieber hier. Der Kinderarzt wird außerdem auch nach mir sehen. Ich hasse Krankenhäuser, deshalb bin ich auch erst so spät gekommen. Zafar wäre es lieber, wenn ich Privatschwestern hätte. Ich habe ihm aber gesagt, dass ich Sie kenne und mich bei Ihnen wohlfühle.“ Sie blickte zu Carmen auf und bat: „Das ist mein größter Wunsch. Ich möchte mich selbst um meine Babys kümmern, ohne dass eine Schwester sie mir abnimmt, sobald sie schreien. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob ich in meine Heimat Zandorro zurückmöchte.“

Das konnte Carmen verstehen, allerdings war sie nicht sicher, ob Fadia schon bewusst war, wie viel Arbeit zwei Neugeborene machen konnten. „Alle Achtung. Aber es wird anstrengend, auch wenn es ein tolles Gefühl für eine Mutter ist.“

Fadia nickte erleichtert. „Ich habe mir Ihr Krankenhaus deshalb ausgesucht, weil es ans Baby-Hotel angeschlossen ist. Tilly hat erzählt, dass Sie hier arbeiten, deshalb wollte ich gleich umziehen.“

„Okay, ich kann verstehen, dass Sie lieber hier sind als im Krankenhaus.“ Das erklärte jedoch nicht, weshalb ihr Cousin damit einverstanden war. Die meisten Leute hätten doch gewusst, dass Zwillinge erhöhter Aufmerksamkeit bedurften.

„Ich fühle mich schon weniger einsam seit Prinz Zafar da ist.“

„Prinz Zafar?“ Carmen blinzelte. Prinz wovon? „So wie Prinz Charles?“

„Aus der Wüste. Zafar ist der vierte Anwärter auf den Thron von Zandorro.“

„Ein Scheich?“ Das erklärte einiges. „Sie sind also auch aus Zandorro?“

„Meine Familie kommt aus einem kleinen, aber mächtigen Land in der Wüste. Mein Vater ist tot. Meine Mutter hat das Land vor fünf Jahren verlassen und mich mit nach Australien genommen. Tragischerweise verstarb sie kurz nach unserer Ankunft.“

So viel Drama und Tragödie für eine einzelne Frau … Aber warum war Fadia sich unsicher, ob es gut war, dass ihr Cousin sie gefunden hatte?

Zafar war jedenfalls kein gewöhnlicher Mann. Es kam jedoch wirklich nicht jeden Tag vor, dass man einem Prinzen begegnete. Oder mit ihm in einem Aufzug gefangen war. Oder beinahe von ihm geküsst wurde …

Jedenfalls war es keine Überraschung, dass er Gehorsam erwartete. Und sie hatte ihn völlig unbeeindruckt des Zimmers verwiesen.

Carmen musste sich zusammenreißen, um nicht zu lächeln. Das war wirklich zu komisch.

„Wenn er Ihr Cousin ist …“ Dann war Fadia …? „Sind Sie also eine Prinzessin?“

„Ja.“

Sie deutete auf die beiden Söhne. „Die beiden sind dann ebenfalls Prinzen, nehme ich an? Und da sind Sie in letzter Minute und ganz alleine ins Krankenhaus gekommen, um Zwillinge zu gebären?“

Ein Schatten huschte über Fadias Gesicht und ihre Stimme wurde so leise, dass Carmen Mühe hatte, sie zu verstehen. „Nach dem Tod meines Mannes war ich bedauerlicherweise allein und schwanger. Die einzige Hilfe bekam ich von Freunden meines Mannes, aber allmählich glaube ich, dass ich ihnen nicht wirklich vertrauen kann. Tom hat mir erzählt, dass ich verfolgt werde, deshalb bin ich aus meiner Wohnung ausgezogen und habe mir ein Hotelzimmer genommen. Das war einen Tag vor meiner Niederkunft, wie sich herausgestellt hat. Der arme Fahrer war außer sich vor Angst, ich könne meine Babys in seinem Taxi gebären.“

Das konnte Carmen sich lebhaft vorstellen. „Sie hatten wirklich Glück, dass das nicht passiert ist.“

Meine Güte.

Tränen stiegen Fadia in die Augen. „Ich glaube, Tom wollte verhindern, dass Zafar mich findet. Zafar ist hier, um mich zurück in die Heimat zu bringen. Und ich fange an zu glauben, dass das gar keine schlechte Idee ist. Meine Söhne sollten sich ihrer Herkunft bewusst sein. Tom sagt zwar, er würde mir dabei helfen, in Australien zu bleiben …“ Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. „Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich das will.“

„Wann kommt denn der Freund Ihres Mannes …? Dieser Tom …?“

„Heute. Ich habe Angst um meine Söhne.“ Fadia begann zu zittern. Verwundert nahm Carmen zur Kenntnis, wie viel Mühe es der Frau bereitete, die Kontrolle wiederzuerlangen. „Ich hasse es, Schwäche zu zeigen. Seit dem Tod meines Mannes habe ich meine Kraft jedoch verloren.“

Arme Fadia, dachte Carmen. Da war sie wirklich in etwas hineingeraten.

In diesem Moment verzog der Zwilling in der Krippe sein Gesicht und stieß einen Furcht einflößenden Schrei aus. So, als wisse er um die Tragödie seiner Mutter.

Wenigstens konnte Carmen jetzt aktiv etwas unternehmen, während ihre Gedanken Achterbahn fuhren.

Sie wickelte den kleinen Burschen aus seiner Decke und überprüfte die Windel, dann wickelte sie ihn wieder ein und hob ihn aus der Wiege. „Nicht sauer sein, kleiner Prinz.“ Damit drückte sie ihn an ihre Schulter und tätschelte sanft seinen Po. Der Rhythmus beruhigte sie beide.

Carmen musste einen Weg finden, um Fadia zu helfen. „Möchten Sie, dass ich diesen Tom von Ihnen fernhalte?“

Fadias Augen wurden größer. „Können Sie das denn?“

„Hebammen sind sehr gut darin, Menschen abzuschirmen, ohne sie vor den Kopf zu stoßen.“ Carmen zuckte die Achseln. „Oft verläuft eine Geburt deshalb so schleppend, weil sich eine Person im Kreißsaal aufhält, die dort nichts zu suchen hat.“ Sie grinste. „Eine Furcht einflößende Schwiegermutter zum Beispiel. Oder ein Freund, zu dem die Mutter nicht Nein sagen kann.“ Sie lächelte. „Wir bitten dann immer um eine kurze Auszeit und holen sie nicht wieder herein, ehe die Mutter uns darum bittet. Ich könnte Tom also durchaus von Ihnen fernhalten. Aber wäre Ihr Cousin dafür nicht besser geeignet?“

Fadia strich mit den Fingern über das Laken. „Nein. Die Situation könnte sich verschärfen, und das möchte ich nicht.“

Eine seltsame Bemerkung. Aber da Fadia sichtlich nervös war, verkniff Carmen sich eine weitere Frage. „Oder Zafar könnte ihm etwas antun.“

Carmen konnte es sich gerade noch verkneifen, die Augen zu verdrehen.

Also, bitte. Wir leben doch nicht im Mittelalter.

„Sie verstehen das nicht.“

„Na gut. Also, dieser Tom … Haben Sie ein Foto von ihm?“

Fadia dachte einen Moment lang nach, dann nickte sie. Sie griff nach ihrer Handtasche und zog das Bild eines lächelnden Paares heraus. Bei der Frau handelte es sich um Fadia.

„Ihr Mann?“ Fadia nickte. Carmen sah sich die dritte Person auf dem Bild an. Irgendetwas an ihm erinnerte sie an ihren Ex Carl. Der strenge Zug um seine Augen herum, das leicht anzügliche Lächeln. Inzwischen war sie gut darin, derartige Signale zu bemerken.

Fadia zitterte und Carmen empfand Mitleid. Für die erschöpfte junge Mutter war das wirklich zu viel des emotionalen Dramas. „Fadia, kann ich mir das Bild ausborgen? Ich mache eine Kopie und gebe sie meinem Freund in der Lobby. Wenn wir die Augen offen halten, passiert niemandem etwas. Aber für den Moment …“ Sie übergab das Baby seiner Mutter. „… Könnten wir die Jungs füttern. Ich fürchte nämlich, dass der Kleine hier noch das ganze Gebäude zum Einsturz bringt, wenn er erst richtig loslegt. Dann haben Sie auch keine Zeit, sich über nervtötende Toms oder finstere Zafars Gedanken zu machen. Diese Jungs werden Sie nämlich auch so auf Trab halten. Und danach ruhen Sie sich aus.“

Fadia nickte und ein Teil der Anspannung wich aus ihrem Gesicht. „Sie haben recht. Vielen Dank.“

Als Carmen eine Stunde später die Tür von Fadias Zimmer öffnete, erhob sich am Ende des Korridors ein großer Mann in einer wallenden Robe von seinem Stuhl und starrte sie drohend an.

Carmen blieb zögernd stehen. Was ging hier eigentlich vor?

Du liebe Zeit. Das wurde ja immer schlimmer. Sie nahm an, dass Zafar einen Bodyguard für Fadia abkommandiert hatte. Vielleicht gab es noch mehr Geheimnisse um Fadia?

Diese Leute steckten die junge Mutter jedenfalls nur an mit ihrem dramatischen Getue, dabei war Aufregung das Letzte, was sie gebrauchen konnte.

Carmen musste herausfinden, womit sie es hier zu tun hatte.

Sie straffte die Schultern, ließ die Zimmertür hinter sich ins Schloss fallen und ging auf den Wachmann zu. „Ich nehme an, dass Sie für Prinz Zafar arbeiten?“

Er verbeugte sich leicht, doch sein Blick war alles andere als unterwürfig. „Ja, Madame. Ich bin Yusuf.“

„Na gut, Yusuf, vielleicht könnten Sie mich zu Ihrem Prinz bringen.“

„Nein.“

„Nein?“

„Ich fürchte nein.“ Der Bodyguard hob die Augenbrauen, musterte sie von oben bis unten, als wolle er sagen, sie sei nur eine Frau und damit eine Untergebene.

Carmens üblicherweise gelassenes Temperament geriet ins Wanken. Sie starrte ihn an. Das war wirklich ausgesprochen lächerlich.

Fadia konnte jeden Moment den Kopf zur Tür herausstrecken und sehen, dass sie bewacht wurde.

Carmen gab ihrer Stimme einen festen Klang. „Ich denke schon. Und zwar sofort. Danke. Ich nehme auch gerne die Treppe.“ Sie lächelte zuckersüß. „Der Prinz und ich kennen einander bereits.“ Eine Notlüge. Das hatte Zafar nun davon, dass er mit ihr geflirtet hatte.

Sie und Yusuf, ihr neuer bester Freund – ja, im Traum –, starrten sich einen Moment lang an. Dabei konnte sie die blasse Narbe erkennen, die ihm quer übers ganze Gesicht ging. Vermutlich hatte er sehr viel Übung darin, seinen Prinzen zu verteidigen.

Sekundenlang sagte keiner etwas, dann warf Carmen all ihre Vorsicht über Bord. „Ich würde es bedauern, müsste ich den Prinzen über meine Unzufriedenheit informieren.“

Die Züge des Mannes verhärteten sich und er zuckte schicksalsergeben die Schultern. „Wie Sie wünschen. Hier entlang bitte.“ Er öffnete die Tür zum Treppenhaus und ließ ihr den Vortritt.

Carmen hörte das leise Rascheln seiner Robe hinter sich. Davon abgesehen bewegte er sich völlig lautlos.

„Bitte warten Sie.“

Sie warf einen Blick über ihre Schulter und sah, wie Yusuf die Hand hob.

Sie stoppte am Ende der Treppe und der Bodyguard beugte sich vor und öffnete ihr die schwere Tür.

In dieser Sekunde wurde ihr klar, dass sie gar nicht wusste, was sie dem Prinzen eigentlich sagen sollte, wenn sie ihm gegenübertrat. Hatte sie überhaupt das Recht, sich einzumischen? Was, in aller Welt, tat sie da eigentlich?

Im siebten Stock sah Carmen einen weiteren Wachposten, der vor der Tür der Präsidentensuite stand. Und da wurde ihr erst recht bewusst, wie sehr sich das Leben dieses Mannes von ihrem eigenen unterschied. Und wie wenig sie ihm wirklich gewachsen war.

Sie hielt einen Moment lang inne, um Yusuf zu sagen, dass sie es sich anders überlegt hatte. Doch ein Blick in sein zynisch lächelndes Gesicht verriet ihr, dass der liebe Yusuf ihr Unbehagen bereits bemerkt hatte.

Gut zu wissen, dass sie zu seiner Erheiterung beitrug. Das gab schließlich den Ausschlag für ihre Entscheidung.

Yusuf sah ein weiteres Mal in ihr entschlossenes Gesicht, dann nickte er dem anderen Bodyguard zu und klopfte an die große hölzerne Tür.

Wenige Sekunden später erschien eine kleine Frau in einem Gewand in der Tür und die beiden wechselten ein paar Worte in einer Sprache, die Carmen nicht verstand. Dennoch war nicht schwer zu erraten, was sie sagten. Zweifellos ging es dabei um eine dumme Frau, die den Prinzen belästigte.

Die Frau sah zu Carmen, dann trat sie mit einem Schulterzucken zurück und ließ sie vorbei.

Das Zimmer endete an einer Fensterfront, die auf eine Terrasse führte. Dahinter bot sich eine herrliche Aussicht auf den sichelförmigen Strand von Coogee. Der intensive Duft von Sandelholz lag in der Luft, und im Hintergrund war leise Musik mit fremdartigen Harmonien zu hören.

Mehrere tiefe Sessel waren zu einer Sitzgruppe arrangiert, und auf den gemusterten Teppichen lagen mehrere Kissen. An der anderen Seite des Zimmers standen ein Konferenztisch und ein Dutzend bequeme Stühle.

Carmen war schon einmal in diesem Raum gewesen, doch die Möbel veränderten ihn wirklich stark. Offenbar reiste Zafar mit seinen eigenen Möbeln. Ein „kleiner“ Unterschied zu ihrem Einzimmerapartment mit dem wackeligen Bett.

Eine Tür, die in ein anderes Zimmer führte, wurde geöffnet und Zafar kam herein – falsch, dachte sie: Er trat auf.

Er trug das traditionelle weiße Gewand eines Arabers und ein Tuch verhüllte seinen Kopf. Carmen konnte nicht anders, als ihn anzustarren.

Als er sie sah, zog er seine Brauen zusammen, doch er ging weiter, bis er schließlich direkt vor ihr stand. Umringt von seinen Bediensteten wirkte er sogar noch größer, doch dieses Mal lag das nicht nur an seiner physischen Erscheinung. Es war die Aura einer ausgeprägten Macht.

„Sie wünschten, mich zu sehen?“

Carmen spürte die Last neugieriger Blicke, und auch er sah sich um. Er sprach zwei kurze, scharfe Worte, bei denen sich das Zimmer wie auf magische Weise leerte.

Carmen war gegen ihren Willen beeindruckt, und zu ihrer eigenen Verwunderung verspürte sie – jetzt wo sie allein waren – einen nervösen Nervenkitzel.

„Bitte …“ Er deutete auf die Polstersessel. „Setzen Sie sich. Möchten Sie einen Saft oder ein Glas Wasser?“

„Nein, danke.“ Und das, obwohl ihr Mund trocken war. Vielleicht hätte sie annehmen sollen, um Zeit zu gewinnen und sich zu überlegen, was sie eigentlich sagen wollte.

Nachdem sie Platz genommen hatte, setzte auch er sich. „Was kann ich dann für Sie tun?“

Sie hatte keine Ahnung. „Ich würde gerne über Ihre Cousine sprechen.“

Er neigte den Kopf, und sie glaubte, ganz kurz ein amüsiertes Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch dann wurde er auch schon wieder ernst. „Davon bin ich ausgegangen.“

Jetzt kam sie sich albern vor. Natürlich war er das. Sie war doch nicht hier, weil er sie beinahe geküsst hatte. Oder doch?

Der bloße Gedanke ließ sie leicht erröten. Am liebsten wäre sie unter den prächtigen Teppich gekrochen oder hätte ihr Gesicht hinter einem der Kissen verborgen. Wie war sie nur in diese Lage geraten?

Wieder dieses kurze amüsierte Lächeln. „Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Sie blinzelte. Von seiner Seite ausgerechnet hatte sie keine Hilfe erwartet, aber sie nahm sie gerne an.

„Sie fragen sich, ob ich ein böser Troll bin oder irgendein mittelalterlicher Herrscher, der Frauen und ihre Babys gegen ihren Willen verschleppt …“ Er sah ihr in die Augen, und sie war überzeugt, dass er ihre zögerliche Zustimmung sehen konnte. Doch er fuhr fort: „Sie denken, dass ich sie in ihrem Heimatland einkerkern werde.“

„Ganz so dramatisch ist es nicht, aber – ja.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit. Lassen Sie mich alles erklären. Abgesehen von den Dingen, die sie nicht wissen können, würde es uns beiden Zeit sparen, wenn wir in jeder Hinsicht reinen Tisch machen.“

Er lächelte und Carmen spürte, wie ihre Wut verflog. Sie beugte sich sogar leicht in seine Richtung, bis ihr bewusst wurde, was sie da eigentlich tat.

Er wirkte so vernünftig und allmählich glaubte sie, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, hierher zu kommen. Dieser Kerl hatte ein starkes Charisma, wenn er davon Gebrauch machte. Das durfte sie nicht vergessen. Bitte, lass mich nicht wieder darauf hereinfallen.

Carl war genauso charmant gewesen. Genauso offen und freundlich, zumindest hatte sie am Anfang diesen Eindruck gehabt. Bevor sie seinen Heiratsantrag angenommen und dann herausgefunden hatte, wie finster seine Seele wirklich war.

Sie ließ sich von charmanten Typen zu schnell um den Finger wickeln. Typen, denen sie beinahe erlaubte, sie in Aufzügen zu küssen. Sie spürte, wie sich ihre Schultern bei diesem Gedanken verkrampften. Gut so.

„Inzwischen haben Sie also herausgefunden, wer ich bin. Aber ich nehme an, dass mein Titel Ihnen wenig sagt?“ Sein Tonfall machte aus dem Satz eine Frage und Carmen antwortete wie die Marionette, die sie eigentlich gar nicht sein wollte: „Sie haben recht. Ich habe keine Ahnung.“

„Also …“ Er lächelte sie an und es war einfach unmöglich, nicht zurückzulächeln. „Ich komme aus dem kleinen arabischen Staat Zandorro. Dieser verfügt, Allah sei es gedankt, über einen Überfluss an Ölvorkommen und kostbaren Edelsteinen.“

Carmen nickte, um zu zeigen, dass sie aufmerksam zuhörte.

„Unser Großvater, König Faheg Al Zamid, ist der Herrscher des Landes, auch wenn es um seine Gesundheit nicht gut bestellt ist. Fadias Vater, mein Onkel, war die Nummer zwei in der Thronfolge, doch dann ist er gestorben.“ Er sah sie an. „Keine natürliche Ursache.“

Keine natürliche Ursache. Carmen bemühte sich, ihren neutralen Blick beizubehalten. Als sie nickte, fuhr Zafar fort. „Von der Öffentlichkeit wurde angenommen, Fadia sei vor einigen Jahren zusammen mit ihrer Mutter verstorben. Und da der Thron nur an einen männlichen Nachfolger übergehen kann, war ihr Wohlergehen nicht von allgemeiner Wichtigkeit.“

Er führte das nicht näher aus, sondern fuhr fort: „Mein ältester Bruder ist der nächste Thronfolger, und auch ich bin dem Thron aufgrund dieser unerfreulichen Ereignisse näher gerückt.“

Er machte eine kurze Pause, um sich zu vergewissern, dass sie alles verstand. Sie nickte, und er fuhr fort. „Aber nun, da Fadia zwei männliche und gesunde Kinder hat, rücken diese automatisch an die erste Stelle. Bedauerlicherweise erhöht das die Gefahr, die von bestimmten Elementen ausgeht, sobald die Geburt bekannt wird. Natürlich liegt mir die Sicherheit meiner Cousine und ihrer Söhne am Herzen. Außerdem hat sie mich um Hilfe gebeten.“

„Wodurch sollte sie konkret gefährdet sein? Denken Sie da an eine Kindesentführung?“ Das war dann doch ein klein wenig komplizierter, als Fadia es ihr weisgemacht hatte. Allerdings nur, wenn sie Zafar glauben konnte, wie eine leise innere Stimme zu bedenken gab.

„Im besten Fall. Als wir sicher waren, dass Fadia noch lebt und es ihr gut geht, war es mein dringlichstes Anliegen, sie ausfindig zu machen und noch vor der Geburt in unser Heimatland zurückzubringen – für den Fall, dass sie und die Kinder in Gefahr sind. Zumindest solange, bis wir die Bedrohung ein für alle Mal aus der Welt geschafft haben. Ein Ziel, an dem ich bereits arbeite.“

„Glauben Sie wirklich, dass ernste Gefahr besteht?“ Unwillkürlich musste sie an Fadias Bedenken bezüglich dieses Freundes ihres Mannes, Tom, denken.

„Mit Sicherheit. Sobald ihr Sohn das entsprechende Alter erreicht, ist er der Nächste in der Erbfolge. Und der Jüngere kommt an zweiter Stelle. Fadias Söhne könnten als Druckmittel eingesetzt werden, was für unsere feindlich gesonnenen Nachbarstaaten bedauerlicherweise nicht ungewöhnlich wäre.“

Langsam verstand sie die Zusammenhänge.

Er zuckte gelassen die Schultern. „Fadia muss mit nach Hause kommen, zumindest für den Moment. Ihrer und der Sicherheit ihrer Söhne wegen, nun, da sie verwitwet ist.“

„Ich bezweifle, dass das leicht für sie wird. Sie hat so lange hier gelebt, ihre Freunde und ihr Leben sind hier in Australien.“

Zafar spitzte die Lippen. „Freunde? Sie hat höchstens die Freundschaft eines Mannes, der eine königliche Witwe unter seine Kontrolle bringen will … Eines Mannes, der vorgibt, der beste Freund ihres Mannes zu sein? Der dazu beigetragen hat, sie von der Familie fernzuhalten, jetzt, wo sie keinen Ehemann mehr hat, der auf sie aufpasst?“ Carmen bemerkte die unerbittliche Entschlossenheit in seinem Blick. „Welche Art Mann nutzt eine junge Frau auf diese Weise aus?“

Jetzt wusste sie also ein wenig über diesen Tom. Na gut. Aber gab letztlich nicht alleine Fadias Entscheidung den Ausschlag?

Sie vergaß ihre anfängliche Zurückhaltung. „In der Vergangenheit scheint sie sich auf ihn verlassen zu haben.“

Sein Blick wurde schärfer und Carmen konnte das aufziehende Gewitter förmlich riechen. „Sie hat ihn also erwähnt?“

Carmen wich seinem Blick aus. „Nein.“ Sie ging nicht davon aus, dass sie mit dieser kläglichen Ausflucht davonkommen würde, doch er sah sie nicht an.

Er hatte den Blick auf die Fenster am anderen Ende des Zimmers gerichtet. „Hat er denn schon herausgefunden, wo sie sich aufhält?“

Sie ging auf die Frage nicht ein. „Haben Sie deshalb einen Wachposten auf dem Gang platziert?“

Sein Blick wanderte zu ihr zurück, doch er verzichtete darauf, die Frage zu beantworten. „Ihre Heirat und die Geburt ihrer Söhne haben die Familie unvorbereitet getroffen.“

Sein Blick bohrte sich in ihren. „Sie muss mit nach Hause kommen. Doch nicht einmal ich würde eine junge Mutter mit Zwillingen einfach so mitnehmen, ohne ihr Zeit zu geben, sich zu erholen.“

„Und das ist Ihre Absicht?“ Sie konnte sehen, dass dem so war.

Er sah sie abschätzend an. „Genau.“ Zumindest schien er selbst davon überzeugt.

Jetzt ging es ans Eingemachte. War er die Art Mann, die – genau wie ihr Ex – nur ihre eigenen Bedürfnisse wahrnahm? Sorgte er sich überhaupt um Fadia als Person oder nur um ihre Söhne? „Selbst dann, wenn sie nicht hundertprozentig sicher ist, dass sie mitkommen will?“

„Ich glaube, die Rückkehr nach Zandorro liegt in ihrem ureigenen Interesse – und dem ihrer Kinder.“

Also doch ein übergriffiger Widerling. Es schien, als würden Fadias Wünsche gar keine Rolle spielen. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Noch einmal: Sie haben mich nicht verstanden. Es ist mein Recht, Fragen nicht zu beantworten.“

Nun, das war deutlich. Bis die junge Mutter zu einer Entscheidung gekommen war, würde Carmen zu Fadia halten.

Sie stand auf, und Zafar tat es ihr gleich. „Verstehe. Vielen Dank.“ Ihre Stimme klang trocken. „Auch dafür, dass Sie mich empfangen haben.“

Er musterte sie. Eindringlich. Und ihr kam es vor, als sei sein Blick nicht nur auf sie gerichtet, sondern als würde er direkt durch sie hindurchsehen. In ihren Kopf. Hoffentlich nicht auch durch die Kleidung. Ein unbehagliches Gefühl. „Ich fand unsere Unterredung ausgesprochen erhellend.“

„Ja.“ Nun, ein wenig hatte sie schon herausgefunden. „Zum Teil war es das wohl.“

„Einen schönen Tag, Miss Carmen.“ Er verbeugte sich, und der Ansatz eines Lächelns umspielte seinen Mundwinkel.

Die Luft im Zimmer schien auf einmal noch stärker zu duften. Draußen brannte die Sonne auf den Sand. Die Musik wurde leiser, und Zafars Blick brannte sich förmlich in ihren.

Sie wusste, dass er an jenen Moment im Aufzug zurückdachte. Genau wie sie.

Obwohl sie spürte, wie sie errötete und ihr Nacken wärmer wurde, konnte sie den Blick nicht abwenden.

Sein Blick wanderte an ihr hinab, tastete sie von Kopf bis Fuß ab. Es fühlte sich an, als würde er mit einer Feder über ihre Haut streichen.

Sie zitterte und sein Blick wurde noch intensiver, gleichzeitig finsterer.

Nichts wie raus. „Einen schönen Tag, Prinz Zafar.“

„Den habe ich bereits, Miss Carmen.“

3. KAPITEL

Zafar begleitete sie noch bis zur Tür und sah ihr nach, als sie den Flur entlangging.

Es gelang ihm nicht, den Blick von ihr zu nehmen. Er spielte sogar mit dem Gedanken, sie zurückzurufen. Doch dann wurde ihm bewusst, was er da eigentlich tat.

Ihre wohlgeformten Beine würden in einem traditionellen Kleid gut zur Geltung kommen. Nicht einmal ihr formloser Kittel konnte die Üppigkeit ihres Körpers verbergen.

Er erinnerte sich noch sehr gut an die Aussicht von gestern. Und heute hatte er sogar den Duft ihrer Haut bemerkt. Eine unerwartete Erkenntnis, wenn man bedachte, dass er seit dem Tod seiner Ehefrau kaum eine andere Frau auch nur wahrgenommen hatte.

Der Gedanke betrübte ihn. Arme, liebliche Adele. Ihre Ehe war arrangiert gewesen. Sie, jünger als er, tat alles, um ihm zu gefallen und erwartete, dass ihr Ehemann auf sie aufpasste.

Ihre trauernde Familie hatte ihm ihre kostbare Tochter anvertraut und er hatte ihr Vertrauen enttäuscht. Die Last dieser Schuld wog noch immer schwer auf seinen Schultern. Der Anblick ihrer angsterfüllten Augen kurz vor dem Absturz verfolgten ihn bis in den Schlaf.

Seitdem hatte er keine andere Frau angesehen. Stattdessen hatte er sich in seine Arbeit gestürzt – bis seine königlichen Pflichten ihn schließlich eingeholt hatten.

Jetzt bestand seine einzige Aufgabe darin, die Sicherheit Fadias und die ihrer Söhne zu garantieren. Er fürchtete jedoch, dass das nicht ganz leicht werden würde.

Das war sein eigentliches Problem: die Furcht. Davor, dass er nicht verhindern konnte, dass wieder etwas Schreckliches passierte. Dass es ihm genauso wenig gelingen würde, Fadia und ihre Söhne zu retten, wie ihm das bei seiner eigenen Familie gelungen war.

Noch vor zwei Jahren hatte er vor nichts Angst gehabt. Doch jetzt hatte das Böse ihn eingeholt, und er würde nicht innehalten, ehe er es gebannt hatte.

Sein Blick wanderte durch den leeren Flur. Vielleicht konnte ihm die Hebamme dabei helfen.

Während er sich umdrehte und wieder in seine Suite ging, beschäftigten sich seine Gedanken weiterhin mit Carmen. Sie hatte den Löwen in seiner eigenen Höhle gestellt. Er bewunderte ihren Mut. Und ihre Entschlossenheit, sich nicht von seiner Macht einschüchtern zu lassen, amüsierte ihn.

Aber was Tom anging, hatte sie gelogen. Der Hund war also möglicherweise hier im Hotel. Er würde Yusuf auf ihn ansetzen. Außerdem würde er in Carmens Vergangenheit nachforschen. Vielleicht war sie eine bessere Hilfe für seine Cousine als gedacht. Und gewisse Informationen konnten sich da durchaus als nützlich erweisen.

Es war wichtig, dass Fadia und die Zwillinge sich schnell erholten, damit sie so bald wie möglich aufbrechen konnten. Wenn sie erst wieder in Zandorro waren, würde er sich besser fühlen.

Carmen schlug die Tür hinter sich zu.

Ihr Lieblingsort. Der Notausgang.

Und wieder hatte er sie kalt erwischt. Es war ja kein Verbrechen, dermaßen gut aussehend und so faszinierend zu sein. Wenigstens hatte sie herausgefunden, dass Fadia nur eine Figur auf seinem vergoldeten Schachbrett war. Und ihr, Carmen O’Shannessy, gefiel das überhaupt nicht. Wenn Fadia eine Verbündete brauchte, wäre Carmen zu Stelle.

Die ganze Sache frischte zu viele unangenehme Erinnerungen auf. Die Art, wie Carl sich bereits kurz nach ihren Flitterwochen verändert hatte. Wie er sie wüst beschimpft, sie mit seinen Tiraden überschüttet hatte. Bis er sie nach einem Jahr der Verzweiflung schließlich zermürbt hatte und sie endlich das ganze Ausmaß ihrer Fehlentscheidung erkannt und das Weite gesucht hatte.

Sie hatte ihren Job genauso gewechselt wie den Wohnort, hatte Freunde verloren und allmählich ihr Leben neu aufgebaut.

Und dominante Männer hatten darin keinen Platz mehr.

Sie ließ die Tür hinter sich, dann stieg sie die Treppe hinab. Bedauerlicherweise sah sie das Lächeln dieses Mannes noch immer deutlich vor sich. Und erneut überkam sie die Wärme, die sie dabei gespürt hatte.

Nichts da! Kein Vertrauen mehr gegenüber Männern, schon gar nicht gegenüber solchen, die ihren Körper mit einem einzigen Blick heiß oder kalt werden ließen.

Aber warum wäre sie dann am liebsten zurückgerannt, um diese Erfahrung noch einmal zu durchleben? Wie war so etwas nur möglich?

Am Dienstag, nach einer langen erholsamen Nacht, begrüßte Carmen die Neuzugänge, die im nahegelegenen Krankenhaus entbunden hatten und danach ins Hotel verlegt worden waren.

Als sie endlich ihr Zimmer erreichte, schrillte dort das Telefon. „Hebammen-Zimmer. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Carmen? Fadia hier. Ich versuche schon seit einer Ewigkeit, Sie zu erreichen. Harrison hat einen rötlichen, pickeligen Ausschlag. Können Sie kommen, sobald Sie Zeit haben?“

„Klar. Sonst alles okay?“ Hoffentlich nichts Neues von diesem Tom.

„Den Jungs und mir geht es ansonsten gut, wenn Sie das meinen.“

Carmen entspannte sich. „Ist es okay, wenn ich noch nach einer meiner anderen Patientinnen sehe?“

„Oh?“

Carmen lächelte in den Hörer. „Ich beeil mich, aber zehn Minuten könnte es schon dauern. Es sei denn, es ist dringend.“ Offensichtlich war Fadia eine bevorzugte Behandlung gewohnt. Interessante Familie. „So kann ich danach mehr Zeit mit Ihnen verbringen.“

„Natürlich. Gar kein Problem. Bis später!“

Die Zeit, die Carmen mit der anderen jungen Mutter verbrachte, verging wie im Fluge.

Als Carmen an Fadias Tür klopfte und dann mithilfe ihrer eigenen Schlüsselkarte eintrat, wäre sie fast mit Zafar zusammengestoßen, der sich wieder einmal bei seiner Cousine aufhielt.

Seine schwarzen Augenbrauen hoben sich in ungläubigem Erstaunen. „Sie haben einen Schlüssel?“

Auch Carmen runzelte die Stirn. Dieser Ton, diese Arroganz. Sie war sich nicht sicher, weshalb sie das so sehr provozierte, war aber froh, dass sie keine von Zafars Untergebenen war. „Ja. Wie zu allen Patientenzimmern. So müssen die nicht extra aufstehen, um mich hereinzulassen. Natürlich klopfe ich immer erst an.“

Was war es, das sie an diesem Mann so sehr reizte? Normalerweise war sie die umgänglichste Person auf der Welt, doch bei ihm genügte ein Blick, um ihren Blutdruck in die Höhe zu treiben. Dabei war sein Verhalten durchaus vernünftig angesichts der Umstände. Warum also reagierte sie nicht gelassener?

Mit zusammengekniffenen Augen nahm sie ihn ins Visier. Dachte er etwa, dass sie mit Tom unter einer Decke steckte? „Ich hoffe, Fadia bleibt nach dem Stillen etwas Zeit zum Ausruhen. So häufig, wie Sie hier sind, meine ich.“

„Meine Cousine könnte sich sehr gut ausruhen, würde die Hebamme sofort kommen, wenn man sie ruft.“

Da hätten wir also den Grund für die Unzufriedenheit seiner Exzellenz. Ts. Willkommen im wahren Leben. „Bedauerlicherweise ist Ihre Cousine nicht meine einzige Patientin.“

Zafar presste die Lippen zusammen und sah auf seine Uhr. „Dann werde ich dafür sorgen, dass dem so ist.“ Da war es wieder, das rote Tuch für ihren inneren Stier.

Es dreht sich nicht alles um dich, Kumpel. „Nichts dergleichen werden Sie tun, Eure Hoheit.“ Sie betonte die Anrede, weniger aus Respekt, als vielmehr um ihr Verlangen, ihm an den Hals zu springen, zu unterdrücken. „Vielleicht sollten wir uns dieses Thema für einen anderen Moment aufheben, der nicht die Zeit Ihrer Cousine verschwendet.“ Sie drückte sich an ihm vorbei. „So, Fadia, dann zeigen Sie mir doch den Ausschlag Ihres Babys.“

Hinter ihr war sanft Zafars Stimme zu hören: „Ich habe ihr bereits gesagt, dass es sich dabei um ein Erythema Toxicarum handelt. Ein Ausschlag, der in den ersten drei Tagen häufig bei Neugeborenen auftritt.“

Carmen blinzelte, ohne ihn anzusehen. Offensichtlich verfügte er über medizinisches Fachwissen, das er nicht erwähnt hatte. Typisch.

„Mein Cousin ist Kinderarzt“, erklärte Fadia. „Bevor er von seinen herrschaftlichen Pflichten eingeholt wurde, hat er in Zandorro das neue Kinderkrankenhaus aufgebaut.“

Das erklärte sein Fachwissen und auch, warum man die Zwillinge schon so früh entlassen hatte.

Carmen besah sich den roten, pickeligen Ausschlag an Harrisons Hals und Armen. Zafar schien zu wissen, wovon er sprach.

„Er hat recht. Und dass Mütter sich Sorgen machen, ist völlig normal.“ Sie lächelte Fadia an. „Klingeln Sie einfach im Hebammen-Zimmer durch, wenn noch etwas ist. Falls ich gerade beschäftigt bin, kommt meine Kollegin und wir sehen uns morgen.“

Der Tag schien kein Ende zu nehmen, was nach einer Nachtschicht nicht ungewöhnlich war. Dies war jedoch schon der zweite von vier Tagen, an denen sie sich am liebsten ins Bett fallen gelassen und die ganze Nacht durchgeschlafen hätte.

Als sie endlich mit dem Aufzug in die Tiefgarage fuhr, um sich auf den Heimweg zu machen, war sie mit ihren Kräften am Ende.

„Sie sehen erschöpft aus.“ Zafar lehnte an ihrem Auto.

War es ein Zufall, oder wusste er, dass es ihr Fahrzeug war? Mit einem Mal wich ihre Müdigkeit einem nervösen Eifer. „Nach dem heutigen Tag habe ich eine ziemlich kurze Lunte. Und fremde Männer, die wissen, welches Auto ich fahre, machen mich noch nervöser.“

Er lächelte unbeeindruckt, verzichtete aber auf eine Erklärung. „Ich würde Sie gerne auf einen Spaziergang einladen. Selbst wenn Sie müde sind, sehen Sie noch bezaubernd aus.“

Ja klar. Bezaubernd übermüdet. Sie widerstand dem Drang, zurückzuweichen. Ein Spaziergang? „Jetzt? Es ist fast dunkel.“ Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen. Immerhin war das Thema Kidnapping schon einmal angeklungen. „Warum?“

Er zuckte die Achseln. „Weil es uns beiden guttun würde, mal aus dem Hotel rauszukommen. Oberhalb der Klippen entlangzulaufen. Wie sagen Sie dazu? Den Kopf freizubekommen? Das ist etwas, was ich zu Hause ziemlich vermisse: die bildhaften Redewendungen, die hier in Australien üblich sind.“

Er hatte also schon einmal hier gelebt. Vielleicht bevor er ein Prinz war? Als junger Arzt? Das ließ ihn jedenfalls etwas normaler erscheinen. Ärzten begegnete sie schließlich jeden Tag.

Die Vorstellung, an der frischen Luft spazieren zu gehen, bevor sie in ihre leere Wohnung zurückkehrte, war verlockend. Den Stress von der salzigen Brise des hundert Meter entfernten Meers davonblasen zu lassen. Das hatte durchaus seinen Reiz – genau wie die Vorstellung, etwas mehr über diesen mysteriösen Mann zu erfahren.

„Vielleicht kurz. Ich schlafe besser, wenn ich mich vorher bewegt habe.“

„Wie freundlich von Ihnen“, entgegnete er leicht spöttisch.

Carmen sah zu ihrem Auto, zuckte mit den Schultern und entgegnete: „Ich könnte auch einfach nach Hause fahren.“

Er lächelte. Und was für ein Lächeln. Das impulsivste Grinsen, das sie jemals gesehen hatte. „Ich gehe jedenfalls spazieren. Würden Sie mich gerne begleiten?“

Noch immer war es ihre freie Entscheidung, doch offenbar wollte sie mit ihm gehen, denn ihre Beine folgten ihm wie an Fäden gezogen die Rampe hinauf.

Es war noch immer hell, doch die Sonne ging bereits unter.

Carmen wusste selbst nicht genau, weshalb sie sich umdrehte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie an seinen Bodyguard gar nicht mehr gedacht. Doch Yusuf stand im Windschatten des Gebäudes und beobachtete sie. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre kühlen Blicke.

Als Zafar das bemerkte, sorgte er mit einer knappen Handbewegung dafür, dass der Mann aus ihrem Blickfeld verschwand.

Zafar wusste selbst nicht genau, warum ihm so viel daran lag, Zeit mit dieser Frau zu verbringen. Eigentlich hatte er vorgehabt, mit ihr über Fadia zu reden, doch kaum hatten sie den Aufzug verlassen, hatte sich seine Stimmung gewandelt.

Wie hatte sie das gemacht? Und war ihm das überhaupt recht?

Als sie an der roten Ampel warteten, war die Stille zwischen ihnen seltsamerweise nicht unangenehm. Obwohl er sich in den letzten beiden Jahren nicht mehr für Frauen interessiert hatte, fühlte er sich in Carmens Gesellschaft leicht und beschwingt.

Bis es grün wurde, unterhielten sie sich über sein Heimatland und seine Liebe zur Wüste, dann eilten sie über die Straße bis hinunter zur Strandpromenade, die an der gesamten Landzunge entlangführte.

„Ich war noch nie in der Wüste.“

„Sie ist wunderschön und rau zugleich.“ Er lächelte sie an. „Wie manche australische Frauen.“ Was hatte sie nur an sich, dass ihn so in seinen Bann zog? Vielleicht war es ihr ehrlich empfundenes Mitgefühl für seine Cousine. Ihr selbstloses Verhalten. Oder ihre kaum verborgenen Gefühle, ihre emotionalen Ausbrüche, die er selbst dann genoss, wenn sie sich gegen ihn richteten.

Carmen ignorierte die Anzüglichkeit und kämpfte gegen die Aufregung, die in seiner Gegenwart immer stärker wurde.

Das war nicht gut. Sie beide trennten Welten, und sich schon wieder in einen so dominanten Mann zu verlieben, war das Letzte, was sie jetzt brauchte.

Dennoch – sie konnte ja auch einfach den Spaziergang genießen und dabei ihre Neugier befriedigen. Ganz ohne jede Verpflichtung. „Wenn Sie ein Prinz sind, haben Sie dann auch einen Palast?“ Die Frage war nicht ganz ernst gemeint. Wahrscheinlich hatte er ein Haus in der Stadt.

„Mein Bruder und ich haben jeweils einen Palast in den Bergen. Außerdem teilen wir uns den unseres Großvaters in Zene, der Hauptstadt von Zandorro.“

Oh. Um ehrlich zu sein, hatte sie ihn nicht für dermaßen wichtig gehalten. Das alles war wie im Märchen, bestärkte jedoch ihre Vermutung, dass er sich nicht für eine gewöhnliche Hebamme interessieren würde. „Auch eine Oase mit Zelten, mitten in der Wüste?“

„Selbstverständlich. Sie würden Augen machen.“

„Wie bei Lawrence von Arabien?“ Sie lächelten einander an. „Erzählen Sie mir davon.“

Amüsiert zuckte er die Achseln. „Meine Oase gehörte einer pleitegegangenen Tourismus-Firma. Eigentlich hätte ich nur warten müssen, bis die von ganz alleine verschwinden, dennoch habe ich ihnen die Oase abgekauft. Das ist besser fürs Karma. Ich nutze sie für Geschäftsverhandlungen mit westlichen Geschäftsleuten, die von ihren Ehefrauen begleitet werden. Westliche Traumvorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen, ist immer gut fürs Geschäft. Ölbäder, traditionelle Gewänder zu den Mahlzeiten. Ich glaube, es würde Ihnen gefallen.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Leute aus dem Westen sich von solch einer Traumkulisse beeinflussen lassen?“ Dabei kamen ihr selbst einige schöne Bilder in den Sinn. Sie lächelte ihn an. „Ich bin für jeden Traum zu haben, solange ich jederzeit wieder erwachen kann, wenn ich das möchte.“

Zafar musterte sie genau und bemerkte, wie der träumerische Ausdruck aus ihren Augen verschwand. So, als sei ihr ein unangenehmer Gedanke gekommen. Unwillkürlich trübte sich auch seine eigene Stimme.

Ihm wurde klar, wie gerne er diese warmherzige Frau umsorgen, sich um sie kümmern würde. Eines Tages, wenn er seine königlichen Amtsgeschäfte nicht mehr wahrnehmen musste und all das hier vorbei war, würde er vielleicht zurückkehren und sie ausfindig machen. Sie fragen, ob sie noch immer die Wüste sehen wollte.

Das war eine faszinierende Vorstellung, die er besser nicht in Betracht zog. Zumal sie sich mehr für die Zeit zu interessieren schien, die er in ihrem Land verbracht hatte. „In Australien haben Sie auch schon gelebt?“

Sein Blick ging an ihr vorbei, während vor ihnen die alten Badeanstalten auftauchten. „Meine Mutter wurde in Sydney beerdigt.“

„Wann hat sie Zandorro verlassen?“

„Nach dem Tod meines Vaters. Ein paar Jahre später hat sie einen australischen Diplomaten geheiratet.“

Eigentlich wollte er nicht darüber nachdenken, wie sie ihn und ihren Bruder der Obhut ihres Großvaters überlassen hatte. Wie sehr sie die wenigen zärtlichen Momente mit ihr vermissten, die sie in ihrem ereignisreichen Leben für selbstverständlich gehalten hatten.

Erst als er darauf bestanden hatte, hier zu studieren, hatte er die ganze Wahrheit erfahren. Seine Mutter hatte keine andere Wahl gehabt, wollte sie ihr eigenes Leben führen.

In Carmens Blick war echtes Mitgefühl zu erkennen. „Und wo haben Sie gewohnt, als Sie hier gelebt haben?“

Er war erstaunlicherweise bereit, Wahrheiten mit ihr zu teilen, die er niemandem je erzählt hatte. „Während meiner gesamten Collegezeit bin ich bei meiner Mutter und ihrem Ehemann untergekommen. Danach habe ich ein Haus in der Nähe von ihrem gekauft und dort gewohnt, bis ich vor drei Jahren meine fachärztliche Ausbildung beendet habe.“

„Sie haben also auch hier gearbeitet?“

„Ich habe bei Dr. Ting im Bay Hospital studiert.“

Dr. Ting? Carmen war beeindruckt. „Sie sind also Facharzt?“ Wenn er unter dem angesehenen Kinderarzt gearbeitet hatte, war er jedenfalls kein Versager. Kein Geld der Welt hätte ihm die Unterstützung des radikalen aber brillanten Dr. Ting kaufen können, wenn er kein absolut würdiger Kandidat war. Jetzt sah sie ihn mit deutlich mehr Respekt. „Ich bin beeindruckt.“

Er stutzte. „Dazu besteht kein Anlass. Ich kann meinen Beruf nicht ausüben, so sehr ich das will.“ Seine Stimme klang so bedrückt, dass sie das Thema sogleich fallen ließ.

Sein Schweigen hatte einen unangenehmen Beigeschmack. Irgendetwas musste passiert sein. Etwas, das ihn davon abgehalten hatte, seinen Beruf auszuüben. Sie war zwar neugierig, scheute jedoch davor, weiter nachzubohren.

„Die Aussicht von hier oben ist wirklich phänomenal.“

Die Traurigkeit in seiner Stimme nahm jedoch dem Wasser etwas von seinem funkelnden Glanz.

Sie setzten ihren Weg entlang der Klippen in schnellerem Tempo fort.

„Es ist fast dunkel“, sagte Carmen schließlich.

Zafar hatte es ebenfalls bemerkt. „In der Tat. Ich fürchte, dass auch gerade ein Sturm aufzieht.“

„Du meine Güte! Sehen Sie sich das an.“ Sie hatten gar nicht bemerkt, dass sich eine Sturmfront über ihren Köpfen zusammengebraut hatte, die um einiges bedrohlicher wirkte als ein gewöhnlicher Sommersturm.

Zafar starrte zu der Wolkenwand hinauf, die wie schwarzes Öl über den Klippen hing. Graue, finstere Wolken mit wutverzerrten Gesichtern, die in Bewegung gerieten, wenn sie vom Zucken der Blitze erhellt wurden.

„Ich denke, wir sollten zurückkehren.“

„Denken Sie?“, murmelte Carmen und eilte voraus.

Doch es war bereits zu spät. Kaum wehte ihnen die erste Regenbö entgegen, zog Zafar Carmen in den Schutz eines halbrunden, eisernen Imbiss-Pavillons.

In kürzester Zeit prasselten erbsengroße Tropfen auf sie hinab, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall, mit dem der Blitz irgendwo in die Klippen einschlug.

Carmen zuckte erschrocken zusammen und klammerte sich fester an Zafar, der spüren konnte, wie sie unter seinen Händen zitterte.

Zafar liebte Stürme, aber Carmen ängstigte sich offenbar sehr. Dann war er wenigstens nicht der Einzige mit irrationalen Ängsten. „Ganz ruhig. Hier sind wir in Sicherheit.“

Ihm kam es wie eine Ewigkeit vor, dass er zuletzt eine Frau in seinen Armen gehalten hatte.

Scharfer Ozongeruch stieg in seine Nase und zwei Sekunden später ließ der Donner das Dach des Schuppens erbeben, als würde eine gewaltige Hand mit einem Baseballschläger darauf einschlagen.

Carmen fröstelte. Zafars Arme gaben ihr ein Gefühl der Sicherheit. Instinktiv drückte sie den Kopf an seine Brust. Sein Hemd war edel, aber aus dünnem Stoff, durch den sie die stahlharten Muskeln warm und einladend an ihrer Wange spürte und die regelmäßigen Schläge seines Herzens vernahm.

Der würzige Duft seines exotischen Aftershaves erinnerte sie an Weihrauch und orientalische Souks. Sie vergrub ihre Nase darin. So konnte sie den Geruch von Regen und Ozon durch einen tiefen Atemzug ausblenden.

Sie hasste Stürme ganz einfach. Seit jeher hatte sie Angst vor ihnen.

„Ich mag den Donner nicht“, murmelte sie zitternd, als das Klingeln in ihren Ohren schwächer wurde. Dabei ignorierte sie ihre leise innere Stimme, die sich fragte, ob das die ganze Wahrheit war.

Zafar beugte sich zu ihr hinab. Sogar die Wärme seines Atems beruhigte sie. „Wir bleiben hier, bis das Gewitter vorbeizieht.“

Carmen war insgeheim froh, dass er keinerlei Anstalten machte, die Umarmung zu lösen.

Die extreme Kraft der Natur, die sich um sie herum entlud, hatte etwas Ursprüngliches an sich und sie wusste um die Gefahr, sich ihr leichtsinnig auszusetzen.

Zafars Arme waren wie eine Barriere, die sie vor der Welt da draußen beschützte – ein Bereich, in dem sie sich nur zu gerne aufhielt.

Eng von diesen starken Armen umschlungen zu sein war so unglaublich beruhigend. Und, um ehrlich zu sein, hatte ihr der erste Blitzschlag einen ordentlichen Schreck eingejagt. „Sag einfach Bescheid, wenn du los willst“, murmelte sie an seiner Brust.

Er drehte den Kopf, bis sein Atem warm an ihrem Ohr zu spüren war. „Ich dachte daran, jetzt loszulegen.“ Damit drückte er neckend ihren Arm. Seine Stimme klang tief und seine Worte hatten einen humorvollen Unterton, gepaart mit verführerischen Zwischentönen. Sie musste lächeln.

Der Kerl verstand es, aus einer Situation das Beste zu machen. Sie hob den Kopf und sah zu ihm auf. „Meinst du wirklich, das ist eine gute Idee?“ Ihr Herz klopfte wie verrückt. War diese Doppeldeutigkeit beabsichtigt?

„Ich werde nichts verlangen, was du nicht willst“, murmelte er, während er seinen Kopf zu ihr hinabsenkte.

Diese Hitze. Das war ihr erster Gedanke, als ihr Mund seinen Kuss verräterisch entgegennahm und voller Vorfreude erwiderte.

Warum nur fühlte es sich so an, als hätte sie seinen Mund schon so viele Male zuvor berührt? Wie konnte das sein?

Er umarmte sie inniger, und der Kuss wurde intensiver, lustvoller, auf heimtückische Weise anregender, als sie es sich erhofft hatte.

Carmen versank ganz in dieser brennenden Berührung, in dem betörenden Rausch, in dem ihre Körper verschmolzen, und der stärker werdenden Glut, die dem kümmerlichen Sturm um sie herum Hohn sprach.

Als er seine Lippen langsam über ihren Hals nach unten wandern ließ, spürte sie, wie sich durch diese lustvollen Empfindungen ihre Brustwarzen aufrichteten. Ihr wurde ganz schwindelig, und sie musste sich an Zafar festhalten, um nicht zu stürzen. Ihre Hände glitten hinauf, krallten sich in sein Haar, das sich seidig unter ihren Fingerspitzen anfühlte.

Diese Empfindung wich einer ganzen Reihe weiterer Gefühle, als er sie zurück in seinen Arm sinken ließ. Plötzlich verspürte sie Lust, die Knöpfe ihrer Bluse aufzureißen und ihm Zugang zu gewähren.

Da widmete er sich auch schon wieder ihrem Mund, und sie hatte das Gefühl, zu ertrinken.

Einige Regentropfen fielen durch das poröse Dach auf ihre Arme und verursachten einen Schauer, eine Mischung aus Frösteln und Verlangen.

Zafar wusste nicht, wie ihm geschah. Gütiger Gott! Jetzt küsste sie ihn genauso wild, wie er sie zuvor geküsst hatte.

Wenn sie nicht aufpasste, würde er sie gleich hier auf dem Imbisstisch nehmen, während sie ihre Beine bereitwillig und lustvoll um seinen Körper schlang …

Carmen drückte mit der Hand gegen seinen Brustkorb, um wenigstens ihre Brust aus seiner Umarmung zu lösen. Wozu ließ sie sich hier nur hinreißen?

„Mach mal langsam, Cowboy.“

Er hielt inne, sah zu ihr hinab, starrte sie einen Moment lang nur an. Dann, zu ihrer Überraschung, legte er den Kopf in den Nacken und begann zu lachen. Herzhaft und aus vollem Hals.

Schließlich stieß er sie sanft von sich, musste sie fast von seiner Hüfte schälen, wo sie regelrecht miteinander verschmolzen waren.

Dann glättete er ihre Bluse mit beiden Händen. „Tut mir leid.“ Mit noch immer amüsiertem Blick hob er die Augenbrauen. „Cowgirl … Du bist zweifelsohne eine ungewöhnliche Frau. Und zum Glück ist wenigstens einer von uns beiden noch bei klarem Verstand.“

„Du bist selbst etwas Besonderes“, murmelte sie, während sie den Abstand zwischen ihnen etwas vergrößerte.

Woher war dieser Sturm der Gefühle so plötzlich gekommen? Gütiger Gott! Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so geküsst worden zu sein. Ihre einjährige Ehe hatte sie auf so etwas jedenfalls nicht vorbereitet.

Und sie hatte Zafar auch noch dazu ermutigt. Aber was sollte ein Mädchen auch tun, wenn es sich während eines Sturms unter einem kleinen Dach an einen Mann wie Zafar klammern musste? Jedenfalls nicht das!

Sie musste von diesem Kerl loskommen. Schon jetzt fühlte sie sich wie eine dieser Pfützen, die der Sturm hereingeweht hatte: nass, unförmig und aufgewühlt.

Sie sah sich um und stellte fest, dass die tintenschwarze Unwetterfront über ihren Köpfen deutlich heller wurde, während sie aufs Meer hinaustrieb. „Sieht aus, als wäre es jetzt vorbei. Lass uns von hier verschwinden.“

Zafar ging nun ebenfalls auf Abstand zu ihr, das konnte sie spüren. Prima. Vielleicht bereute auch er ihren Ausbruch. Er zog sein Telefon aus der Tasche, wählte, sprach kurz, dann ließ er es wieder verschwinden. „Yusuf holt uns gegenüber der Wiese ab.“

„Wir können doch zu Fuß gehen.“ Sie hatte den Satz noch nicht ganz ausgesprochen, als eine lange, schwarze Limousine auf der gegenüberliegenden Seite des Parks hielt.

Carmen fröstelte. Jetzt überkam sie also schon ein Schauer, ohne dass Zafar sie in seinen Armen hielt? Was würde erst passieren, wenn sie dem Typen körperlich richtig nahekam?

Auch wenn es den Anschein machte, dass er sie auch wollte, durfte sie nicht vergessen, dass er in seiner ganz eigenen Welt, mit ihren eigenen Regeln, lebte. Regeln, die sich von ihren eigenen komplett unterschieden.

Als Zafar nach Carmen ins Auto stieg, wunderte er sich darüber, wie still und distanziert sie auf einmal war. Noch mehr wunderte er sich jedoch über sein eigenes Verhalten.

Was war passiert?

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