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JULIA EXTRA, BAND 350

PENNY JORDAN

Zwei im silbernen Mondlicht

Bestimmt liegt es nur an der märchenhaften Stimmung am Comer See, dass Lily in Prinz Marcos Nähe plötzlich diese Sehnsucht spürt! Denn wie könnte sie einen Mann lieben, der vorgibt, sie zu verachten?

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London ist die romantischste Stadt der Welt, findet Molly, als plötzlich der perfekte Gentleman vor ihrer Tür steht. Doch dann entdeckt sie, dass ihr Traummann ein falsches Spiel mit ihr treibt …

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1. KAPITEL

Lily hob den Kopf und schaute über die Kamera hinweg auf die Szene, die sich ihr bot.

Überall spärlich bekleidete Models, sowohl männliche als auch weibliche – die jungen Frauen mit überschlanken langen Gliedmaßen, die Männer mit perfekt trainierten Körpern. Manche posierten, andere unterhielten sich, wieder andere hörten über Kopfhörer Musik aus ihren iPods. Flinke Finger schrieben SMS, Wasser wurde mit dem Strohhalm getrunken, um das perfekt aufgetragene Make-up nicht zu ruinieren. Visagisten und Coiffeure düsten herum, besserten hier aus, legten da Make-up nach. Laute Musik füllte den Raum.

Mit anderen Worten – es war das typische Chaos eines Unterwäsche-Fotoshootings für einen Versandhauskatalog.

„Ist das fehlende männliche Model endlich da?“, fragte Lily. Eine Coiffeurin schüttelte den Kopf. „Dann müssen wir einen von den anderen Jungs noch einmal einsetzen. Das Studio steht uns nur heute zur Verfügung.“

„Ich könnte dem Blonden die Haare dunkler sprayen“, schlug die Coiffeurin vor und griff blitzschnell nach einer vollen Kleiderstange, die umzukippen drohte, als eines der Models sich daran vorbeischob.

Lily seufzte leise. In dieser Welt war sie aufgewachsen – und hatte ihr den Rücken gekehrt. Sie verabscheute alles, was diese Welt repräsentierte. Hätte sie die Wahl, wäre das kleine Studio, in dem der typische Geruch von Schweiß, Make-up, Zigaretten und wahrscheinlich auch illegalen Substanzen in der Luft hing, der letzte Ort, an dem man sie finden würde.

Die meisten der jungen Leute hier würden wahrscheinlich bald die Schattenseiten des Modelns kennenlernen und ihre Hoffnungen auf eine große Karriere schnell begraben müssen. Ein Shooting wie dieses war die unterste Stufe des Business’ und Lichtjahre entfernt von der Glitzerwelt der Topmodels auf den Titelseiten der Hochglanzmagazine.

Lily hatte das Shooting gar nicht übernehmen wollen. Sie war schließlich aus einem ganz anderen Grund nach Mailand gekommen. Aber sie hatte eben auch noch nie Nein sagen können, wenn ihr Halbbruder sie um Hilfe bat – und er nutzte das weidlich aus.

Ricks Mutter, die zweite Ehefrau ihres Vaters, war immer herzlich und liebevoll zu ihr gewesen, und Lily fühlte sich verpflichtet, sich dankbar dafür zu erweisen.

Sie hatte alles versucht, um Rick davon abzubringen, in die Fußstapfen des Vaters zu treten, der bis zu seinem Tod ein weltberühmter Modefotograf gewesen war. Ohne Erfolg. Rick war absolut entschlossen, diesen Berufsweg einzuschlagen.

Sie ging zu einem hübschen jungen Model mit großen grauen Augen und korrigierte die Pose des Mädchens, dann kehrte sie hinter ihre Kamera zurück … nur, um frustriert festzustellen, dass sie erst einen Schatten im Bildausschnitt und dann einen Anzug vor der Linse sah. Das letzte männliche Model war wohl aufgetaucht.

„Sie sind zu spät. Und Sie stehen vor meiner Kamera“, sagte sie entnervt, ohne aufzusehen.

Es war die jähe Stille im Raum, die sie alarmierte. Lily hob den Kopf – und begegnete dem kalten Blick eines großen, dunkelhaarigen und breitschultrigen Mannes in einem teuren Maßanzug. Seine ganze Haltung strahlte Feindseligkeit aus. Wer immer dieser Mann war … er war mit Sicherheit nicht das fehlende Model.

Dieser Mann war … die Verkörperung maskuliner Perfektion und Anziehungskraft. Mutter Natur erschuf solche Männer, um den Fortbestand der menschlichen Spezies zu garantieren. Lilys Überzeugung nach hielt man sich von solchen Männern am besten fern. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass Schönheit und gutes Aussehen oft skrupellos für eigennützige Zwecke eingesetzt und missbraucht wurden. Deshalb spielte sie ihr eigenes Aussehen auch immer herunter.

„Ja bitte?“ Sie achtete darauf, kühl und streng zu klingen. Doch statt zu erklären, wer er war und weshalb er gekommen war, musterte er sie nur kalt von Kopf bis Fuß.

Neben ihm wirkten die jungen männlichen Models wie das, was sie trotz ihrer perfekten Körper in Wirklichkeit waren – Jungen. Dieser Mann sah extrem gut aus. Eine Aura von männlichem Stolz und sinnlicher Macht umgab ihn. Seine grimmige Miene ließ allerdings erkennen, dass es keine guten Nachrichten waren, die ihn herführten – für wen auch immer. Ihretwegen konnte er nicht hier sein, dessen war Lily sicher.

Und warum schrillten dann sämtliche Alarmglocken in ihr?

Weil sie Kind ihrer Eltern war, deshalb. Auf irgendeiner Ebene musste sie wohl empfänglich für diese überwältigende männliche Ausstrahlung sein, so wie ihre Mutter es gewesen war. Aber sie war nicht ihre Mutter. Anders als sie war es nicht Lilys Sache, sich mit ihrem Aussehen irgendwelche Vorteile zu verschaffen.

Lily verdrängte den Schauer, der sie überfallen wollte. Nein, die Fehler ihrer Mutter würde sie nie wiederholen. Sie war hier, um einen Job zu erledigen, nicht, um über ihre persönlichen Probleme nachzudenken.

Sie holte tief Luft. „Nun?“ Würde er endlich etwas sagen, um die angespannte Atmosphäre, die seit seiner Ankunft im Raum herrschte, zu lockern?

„Sind Sie hier verantwortlich?“

Seine Stimme war leiser, als sie erwartet hatte, dennoch schwang Selbstbewusstsein darin mit – und unüberhörbarer Zorn. Offensichtlich war er hier, um sich über etwas zu beschweren, und da sie für ihren Halbbruder eingesprungen war, blieb ihr wohl nichts anderes, als sich ihm zu stellen. „Ja.“

„Dann möchte ich mit Ihnen reden. Unter vier Augen.“

In die erstarrte Szene im Raum kam wieder Bewegung. Lily wollte schon erwidern, dass er unmöglich etwas mit ihr zu besprechen haben konnte, schon gar nicht unter vier Augen. Aber sie hatte einen leisen Verdacht, dass Rick vielleicht etwas angestellt haben könnte, um den Ärger des Mannes zu provozieren. „Nun gut. Sie werden sich kurzfassen müssen. Wie Sie sehen, stecke ich mitten in der Arbeit.“

Die Verachtung in seinem Blick ließ sie zurückweichen, und nur zögernd ging sie durch die Tür, die er für sie offen hielt. Waren es gute Manieren? Oder wollte er nur sichergehen, dass sein Opfer ihm nicht entkam?

Das Studio lag in einem alten Gebäude, die Tür war solide genug, um die neugierigen Fragen, die jetzt mit Sicherheit durch das Studio schwirrten, nicht bis auf den Treppenabsatz dringen zu lassen. Lily hielt sich so nah wie möglich bei der Tür auf, während der Mann direkt vor der Treppe stand und ihr damit den Weg nach draußen versperrte.

„Nennen Sie mich altmodisch und meinetwegen auch sexistisch, aber die Vorstellung, dass eine Frau junges Fleisch für Profit vermarktet, scheint mir noch abstoßender, als wenn ein Mann es tut. Sie sind eine solche Frau. Eine Frau, die von der Eitelkeit und Naivität anderer lebt und jungen Menschen wertlose Träume und falsche Hoffnungen verkauft.“

Fassungslos starrte Lily den Mann an. Sie war schockiert, dass er eine solche Anschuldigung vorbrachte. Einen Augenblick lang vermutete sie, einem Verrückten gegenüberzustehen, doch sie spürte, dass er durchaus alle Sinne beisammenhatte.

Es war eine typische Geste der Unsicherheit, als sie sich mit den Fingern durchs Haar fuhr. „Ich weiß nicht, worum es geht, aber ich denke, Sie sind einem Irrtum aufgesessen.“

„Sie arbeiten als Fotografin in einer Sparte, die jungen Menschen vorgaukelt, man könne ein glamouröses Model werden, obwohl Sie genau wissen, dass dieser Wunsch sie höchstwahrscheinlich zerstören wird.“

„Das stimmt nicht“, verteidigte sie sich, doch ihre Stimme zitterte leicht. Sprach dieser Mann nicht genau das aus, was sie selbst dachte?

Sie wollte es ihm gerade erklären, da fuhr er unerbittlich fort: „Schämen Sie sich nicht? Verspüren Sie nicht die geringsten Schuldgefühle deswegen?“

Schuldgefühle. Das Wort löste eine Lawine von düsteren Erinnerungen aus. Jähe Panik stieg in Lily auf … sie musste weg von diesem Mann. In ihrer Fantasie malte sie sich aus, wie sie wegrannte, sich in einem stillen Eckchen zusammenrollte und so klein machte, bis niemand sie mehr sehen konnte. Bis niemand sie mehr anfassen konnte. In der Realität jedoch war sie hier auf dem schmalen Treppenabsatz mit ihm gefangen.

„Die Welt, in die Sie meinen Neffen Pietro ziehen wollen, wird von Skrupellosigkeit und Korruption beherrscht, von jenen, die Schönheit und junges Fleisch für eigene Bedürfnisse missbrauchen.“

Sein Neffe? Mit jeder Silbe durchstach er den dünnen Schutzschild, den sie um ihre Emotionen errichtet hatte, und brachte ihr eine neue Wunde bei.

„Ich weiß nicht, wie viele Menschen Ihnen bereits zum Opfer gefallen sind, aber ich kann Ihnen versichern, dass mein Neffe nicht dazugehören wird. Zum Glück hat er genug Verstand besessen, seiner Familie zu erzählen, mit welchen Versprechungen von Ruhm und Reichtum man an ihn herangetreten ist.“

Lilys Puls raste, ihr Mund war wie ausgetrocknet. Diesen Aspekt der Arbeit hatte sie selbst immer gehasst. Sie hatte mit ansehen müssen, wie viele junge Models durch die Hölle gegangen waren, gewissenlos verleitet und verführt.

„Hier haben Sie Ihr Geld zurück.“ Er warf ihr ein Bündel Geldscheine vor die Füße. „Blutgeld … Auf der Party, zu der Sie Pietro nach dem Fotoshooting eingeladen haben, wie vielen skrupellosen Geschäftemachern wollten Sie ihn da vorstellen? So vielen wie möglich, nicht wahr? Denn darum geht es doch in diesem Business.“

Rick hatte den jungen Mann also eingeladen, ihn zu einer Party zu begleiten? Ihr Halbbruder war ein geselliger Typ, es war durchaus üblich für ihn, dass er nach dem Shooting noch auf einen Drink ging. Zudem fand gerade die Mailänder Modewoche statt, alles, was in der Modewelt Rang und Namen hatte, war in der Stadt. Aber auch die schwarzen Schafe der Branche …

„Leute wie Sie widern mich an. Ihr Äußeres mag vielleicht Aufsehen erregen, aber Ihre Schönheit ist nur der Deckmantel, unter dem Sie Ihre innere Verderbtheit und Ihr korruptes Wesen verstecken.“

Lily brauchte dringend frische Luft. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, ihr Herz hämmerte wild. Wenn sie nicht an die Luft kam, würde sie in Ohnmacht fallen … Konzentrier dich auf etwas anderes, ermahnte sie sich verzweifelt. Denk an die Zukunft, nicht an die Vergangenheit.

Sie schwankte. Sofort griff er nach ihrem Ellbogen, um sie zu stützen. Ihr Verstand wusste, dass er ihr nur helfen wollte, doch ihr Körper reagierte instinktiv.

„Fassen Sie mich nicht an!“ Es war ein Aufschrei, der tief aus ihrem Innern kam. Mit der freien Hand versuchte sie, seine Finger von sich zu schieben, aber er zog sie nur noch näher an sich.

Sie wartete darauf, dass die Welle von Übelkeit und Angst über ihr zusammenschlug. Zu ihrem Erstaunen jedoch blieb sie aus. Stattdessen spürte sie die Präsenz dieses Mannes. Das Gefühl war Lily so fremd, dass sie stocksteif stehen blieb.

Woran lag es nur, dass sein Duft, eine Mischung aus dezentem Aftershave und Mann, sie so erregte? Sie aufforderte, sich enger an ihn zu schmiegen, statt vor ihm zu fliehen? Wie konnte es sein, dass sich sein Körper, an ihren gepresst, so gut und richtig anfühlte? Sie kam sich vor, als wäre sie in eine fremde Welt getreten, in der alles kopfstand und nichts mehr so war, wie sie es kannte – wie Alice im Wunderland. Verwirrt starrte sie auf ihre Hand, die sich wie von allein auf seine Brust gelegt hatte. Ihre Haut stach hell von dem dunklen Anzugstoff ab.

Nur Sekunden waren vergangen, doch sie empfand es als Ewigkeit. Zu ihrer Verwirrung kam das drängende Bedürfnis nach Abstand. Sie konnte diesen engen Kontakt zu ihm, konnte seinen Griff nicht mehr ertragen. Nicht, weil sie Angst vor ihm hatte, sondern vor dem Gefühlschaos, das er in ihr auslöste.

In seinem Blick lag der Ausdruck wütenden Unglaubens, als würde er nicht verstehen, was hier vor sich ging.

„Lassen Sie mich los.“

Bei ihren Worten wich der verwirrte Ausdruck von seinem Gesicht, stattdessen zeigte es nun blanke Verärgerung. Ärger war viel besser. Ärger bedeutete, dass sie Gegner waren. Allerdings vermutete Lily, dass er, wer immer er auch sein mochte, nur selten negative Reaktionen von Frauen erhielt. Seine Augen glühten wie flüssiges Gold, und mit seinem durchdringenden Blick setzte er ein verräterisches Beben in Lily in Gang. War das etwa körperliches Verlangen? Bei ihr? Ausgelöst durch einen Fremden, der seine Verachtung für sie bereits überdeutlich gemacht hatte? Wie konnte er eine solch intensive Wirkung auf sie haben, dass sie sogar vergaß, ihm zu sagen, wie falsch er mit seinem Urteil über sie lag?

Abrupt ließ er sie los, drehte sich um und eilte die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmend. Lily rang um Luft. Mit zitternden Fingern öffnete sie die Tür und trat zurück ins Studio.

Sie war in Sicherheit. Nur … sie fühlte sich nicht sicher, ganz im Gegenteil. Innerhalb von Sekunden hatte dieser Mann die Barrieren eingerissen, die sie um sich aufgebaut hatte. Wie hatte das passieren können? So abrupt? Mit solcher Wucht? So … völlig inakzeptabel?

Sie wusste es nicht, und sie wollte es auch gar nicht wissen. Am besten ignorierte sie es einfach.

Benommen machte sie sich wieder an ihre Arbeit. Eine neugierige Frage der Visagistin wehrte sie mit einer unverbindlichen Antwort ab. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die Kamera neu einstellte.

Eine ihrer ersten Erinnerungen war das Gefühl von Sicherheit, das eine Kamera ihr verliehen hatte, als sie im Studio ihres Vaters spielte. Weil die Eltern zu sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt gewesen waren, war Lily als Kind oft sich selbst überlassen gewesen. Die Kamera war immer ihr Zaubermantel gewesen, hinter dem sie sich verstecken konnte und der sie beschützte. Doch heute funktionierte der Zauber nicht. Sie hielt das Auge an die Linse, aber sie sah nicht das Model, sondern das attraktive Gesicht des Mannes, der ihre Schutzbarrieren eingerissen hatte.

Sie blinzelte. Im Grunde war nichts Weltbewegendes passiert. Sie mochte sich fühlen, als wäre sie in ein Gewitter geraten, doch das hatte sich jetzt verzogen. Sie war in Sicherheit.

War sie das wirklich? Oder wollte sie es nur unbedingt glauben?

Ihr Handy piepte und sagte ihr, dass sie eine SMS erhalten hatte. Automatisch griff sie nach dem kleinen Gerät. Die Nachricht stammte von Rick. Angeblich hatte sich eine großartige Möglichkeit ergeben, er war auf dem Weg nach New York. Und dann hatte er noch angefügt: Hab Studio in deinem Namen gebucht. Übernimmst du die Rechnung?

Lily strich sich das Haar aus dem Gesicht. Es war Zeit, sich wieder auf die Wirklichkeit zu konzentrieren. Ihr Leben, ihr Job – ihre richtige Arbeit, nicht der Auftrag, den sie hier für Rick erledigte. Der Grund für ihren Aufenthalt in Mailand hatte nichts mit Mode zu tun. Das war die Welt ihres Vaters gewesen. Sie hatte ihren eigenen Platz in einer anderen Welt. Einer sicheren Welt. Und in dieser Welt gab es keine Männer, die sie so sehr verwirrten, dass sie ihre Sinne gefangen nehmen konnten.

Marco reichte seinem Sekretär die unterschriebenen Unterlagen zurück. Mit den Gedanken war er jedoch bei dem anstrengenden Anruf, den er von seiner Schwester erhalten hatte. Er wusste, dass sie darauf hoffte, er würde ihren Sohn Pietro nach dem Studium in seinen persönlichen Stab aufnehmen. Irgendwann sollte Pietro dann einen Sitz im Vorstand des Familienunternehmens erhalten – in einem aus den verschiedensten Branchen bestehenden Wirtschaftsimperium, das Generationen lombardischer Kaufmänner und Edelleute aufgebaut hatten.

Marco hatte dem Portfolio eine Privatbank hinzugefügt, was ihn im Alter von dreißig Jahren zum Milliardär gemacht hatte. Heute, mit dreiunddreißig, setzte er seinen messerscharfen Verstand nicht mehr ausschließlich mit Blick auf die Zukunft ein, sondern beschäftigte sich ebenfalls mit der Vergangenheit. Um genau zu sein, galt seine Aufmerksamkeit dem künstlerischen Erbe der Familie.

Marco hatte nie verstanden, warum seine ältere Schwester ein derart emotionaler Mensch war. Ihre Eltern waren kühle Aristokraten gewesen, die es Kinderfrauen und Internaten überlassen hatten, sich um die Sprösslinge zu kümmern. Seine Mutter war das genaue Gegenteil des Klischees der italienischen Mutter gewesen. Natürlich war sie stolz auf ihre Kinder gewesen, doch herzliche Liebesbezeugungen hatte es von ihr nie gegeben. Nicht, dass Marco deshalb mit Schwermut auf seine Kindheit zurückblicken würde. Sein persönlicher Freiraum und Distanz zu anderen waren ihm sehr wichtig.

Die Sorge seiner Schwester um ihren einzigen Sohn konnte er natürlich verstehen, auch wenn er ihre Argumentation, weshalb Pietro diesen Modeljob angenommen hatte, nicht nachvollziehen konnte: Würde Marco dem Neffen eine großzügigere monatliche Unterstützung zukommen lassen, dann wäre der arme Junge nicht so empfänglich für dubiose Angebote. Natürlich hatte sie erklärt, wie dankbar sie ihm war, dass er sich der Sache angenommen und die schreckliche Person, die ihren Sohn ködern wollte, zurechtgewiesen hatte. Schließlich war ihnen beiden klar, was mit unschuldigen Jugendlichen passieren konnte, die auf der Suche nach einer Modelkarriere an zwielichtige Gestalten gerieten.

Marcos Blick ging zu dem silbergerahmten Foto auf seinem Schreibtisch. Olivia war gerade sechzehn gewesen, als dieses Foto aufgenommen worden war. Mit schüchternem Lächeln schaute sie in die Kamera. Sie sah jung und unschuldig aus, unfähig, irgendjemanden zu täuschen oder zu betrügen. Ihre Schönheit glich der einer zarten Rosenknospe – zu erahnen, aber noch nicht voll erblüht. Nun, Olivia hatte nie die Gelegenheit erhalten, aufzublühen.

Wut flackerte in Marco auf, gesteigert noch durch die Erinnerung an den Stromstoß sexueller Erregung, der ihn heute Morgen durchzuckt hatte – für eine Frau, die eine solche Reaktion in ihm niemals hätte hervorrufen dürfen. Eine kurze Verirrung, mehr nicht, versicherte er sich, vermutlich darauf zurückzuführen, dass er schon seit Längerem mit keiner Frau mehr das Bett geteilt hatte.

Er stand auf und ging zum Fenster. Er war nicht unbedingt ein Stadtmensch, auch Mailand sagte ihm nicht übermäßig zu, aber aus geschäftlichen Gründen war es sinnvoll, sich hier ein Apartment und ein Büro zu halten. Er besaß mehrere Immobilien, manche gekauft, andere geerbt.

Müsste er aus diesen Immobilien ein Zuhause für sich wählen, fiele seine Entscheidung auf ein Schloss, das ein Vorfahr erbaut hatte, der Kunstsammler gewesen war, so wie Marco auch.

Zuerst war er argwöhnisch gewesen, als sich die britische Historische Gesellschaft mit der Bitte um Hilfe bei einer Ausstellung über italienische Malerei und Architektur an ihn gewandt hatte. Doch die Ausführungen waren überzeugend gewesen, so überzeugend, dass er sich bereit erklärt hatte, die Archivarin, die im Auftrag der Gesellschaft nach Italien reiste, auf ihrer Tour zu begleiten. Anfangen würden sie bei Marcos Besitztümern in Mailand und am Comer See, als letztes Ziel dieser Rundreise würden sie dann das Castello di Lucchesi in der Lombardei ansteuern.

Über Dr. Wrightington wusste Marco nur, dass sie ihre Doktorarbeit über die Verbindungen zwischen der italienischen Kunst- und Architekturwelt und britischen Mäzenen geschrieben hatte. Zur Begrüßung der Archivarin hatte er einen Empfang in einem Schloss organisiert, in dem einst die Sforzadynastie, die Herzöge von Mailand, gewohnt hatten und das jetzt ihm gehörte. Marco hatte das Schloss in ein öffentliches Museum umgewandelt.

Er sah auf seine Armbanduhr. Bis zum Empfang blieb ihm noch eine Stunde.

2. KAPITEL

Lily sah sich ein letztes Mal in dem unpersönlichen kleinen Hotelzimmer um. Ihr Koffer war gepackt, jetzt wartete sie nur noch auf das Taxi.

Ihr Blick fiel auf die Tasche mit ihrem Laptop. Dr. Lillian Wrightington, besagte der Aufkleber. Als sie achtzehn wurde, hatte sie den Mädchennamen ihrer Großmutter angenommen, um nicht mit ihren berühmten Eltern in Verbindung gebracht zu werden. Aber selbst heute noch, ein Jahr, nachdem man ihr den Doktortitel verliehen hatte, überkam sie jedes Mal ein enormes Glückgefühl, wenn sie das „Dr.“ vor ihrem Namen stehen sah.

Rick konnte nicht verstehen, warum sie dieses Leben gewählt hatte. Wie auch? Seine Erinnerungen an den Vater waren schließlich ganz andere.

Heute Nacht hatte Lily wieder diesen Traum gehabt, zum ersten Mal seit Jahren. Er verlief immer gleich: Ihr Vater rief sie ins Studio, weil sie für ein Model einspringen sollte. Der Gedanke, fotografiert zu werden, machte ihr Angst. Verzweifelt suchte sie nach der eigenen Kamera, um sich dahinter zu verstecken. Dann trat ein Mann durch die Tür, sein Gesicht war nicht zu erkennen, aber Lily wusste dennoch, wer er war – und sie fürchtete sich vor ihm. Sie floh vor ihm, rief nach dem Vater, doch der war zu beschäftigt und hörte sie nicht. Der Mann griff nach ihr, Panik und Abscheu stiegen in ihr auf …

Schon tausendmal hatte sie diesen Traum geträumt, doch heute Nacht hatte er anders geendet als früher: Die Tür hatte sich ein weiteres Mal geöffnet, und voller Erleichterung war sie auf den Neuankömmling zugeeilt und hatte sich in seine Arme geworfen. Denn trotz des Ärgers, der von ihm ausging, wusste sie, dass er sie beschützen würde …

Wieso tauchte ausgerechnet der Mann, der sie heute beim Fotoshooting so zusammengestutzt hatte, als Retter in ihrem Traum auf? Wahrscheinlich, weil er die gleiche Verachtung für die Schattenseiten der Modefotografie empfand wie sie. Damit musste ihr Unterbewusstsein ihn als sicheren Hafen vor jenen begriffen haben, vor denen sie sich schon in jungen Jahren zu fürchten gelernt hatte. Aber … war das der einzige Grund?

Lily schüttelte sich leicht. Welchen anderen Grund sollte es geben? Manchmal tat es nicht gut, wenn man Dinge übertrieben genau analysierte.

Wichtiger war doch die Frage, weshalb der Traum nach Jahren zurückgekehrt war. Obwohl, die Antwort konnte sie sich denken: Sie war wieder der Atmosphäre in einem Fotostudio ausgesetzt gewesen. Das hatte die unwillkommenen Erinnerungen zurückgebracht. Erinnerungen, die sie hinter sich gelassen hatte, ermahnte sie sich resolut. Sie war jetzt ein anderer Mensch, hatte sich aus eigener Kraft ein neues Leben aufgebaut. Sie war Dr. Lillian Wrightington, Archivarin, und ihr Spezialgebiet war der Einfluss der italienischen Renaissance auf die Herrenhäuser in England.

Die Hotelrezeption rief an, um Bescheid zu geben, dass das Taxi angekommen war. Also fuhr Lily mit dem Aufzug in die Lobby hinunter. Ihren Koffer zog sie hinter sich her. Ehrlich gesagt, das bevorstehende Treffen mit dem Prinzen di Lucchesi machte sie ein wenig nervös. Aber nur ein wenig. Als freiberufliche Mitarbeiterin der Historischen Gesellschaft hatte sie oft genug an Spendenveranstaltungen teilgenommen, um sich nicht von den Reichen und Adeligen dieser Welt einschüchtern zu lassen. Außerdem wusste sie durch ihre wissenschaftliche Forschungsarbeit oft genauso viel über die sprichwörtlichen Leichen im Keller der Adelsfamilien wie die jeweilige Familie selbst.

Die meisten Kunsthistoriker konzentrierten sich auf das Leben der Künstler selbst, sie dagegen hatte über die Mäzene nachgeforscht. Anfangs hatte sie lediglich eine Liste aufstellen wollen, welcher Förderer welchem Künstler seine Gunst gewährt hatte. Doch im Laufe ihrer Arbeit hatte es sie mehr und mehr fasziniert, warum ein bestimmtes Kunstwerk oder ein bestimmter Künstler einen bestimmten Gönner angezogen hatte.

Natürlich hätte Lily sich im Internet über den Prinzen kundig machen können, aber sie war mehr an den Leuten interessiert, die in der Vergangenheit gelebt hatten. Mit dem Prinzen musste sie sich nur so lange abgeben, bis sie ihren Auftrag für die Historische Gesellschaft erfüllt hatte.

Für den Empfang hatte sie sich entsprechend zurechtgemacht. Es kam immer auf den ersten Eindruck an, vor allem in der Welt von Geld und Kunst. Sie hatte zwar kein großes Interesse an Mode, dennoch wäre es ihr bei ihrer Herkunft unmöglich gewesen, keinen Sinn für Stil und Geschmack mitbekommen zu haben. Ihre Größe – auch wenn sie mit einem Meter fünfundsiebzig nicht übermäßig groß war – und ihre schlanke Figur sorgten dafür, dass ihre Garderobe gut zur Geltung kam.

Normalerweise bevorzugte Lily Jeans und T-Shirt – oder Rollkragenpullover, wenn es kühler wurde –, für den heutigen Anlass jedoch trug sie ein karamellfarbenes ärmelloses Kleid mit hochgeschlossenem Ausschnitt. Das Outfit wurde vervollständigt durch die Perlenkette ihrer Großmutter, Ohrstecker und eine Cartier-Armbanduhr, dazu schwarze Pumps und eine schwarze Handtasche – keine Designerstücke, dennoch beste Qualität.

Nach dem Selbstmord der Mutter hatte sie deren gesamten Schmuck geerbt, doch sie hatte alle Stücke verkauft und den Erlös einem Obdachlosenheim gestiftet. Es schien ihr passend, hatte das Herz ihrer Mutter wegen der vielen Affären ihres Mannes doch nie ein Heim gekannt.

Für den Fall, dass es heute Abend auf der Fahrt von Mailand zum weltbekannten Hotel „Villa d’Este“ kühler werden sollte, hatte sie ihre knielange schwarze Kaschmirstrickjacke dabei. Vom Hotel aus würde der Prinz sie bei der Führung durch die wunderschönen Privatvillen der Region eskortieren, deren Eigentümer sie eingeladen hatten.

Dass ihr diese seltene Gelegenheit geboten wurde, war allein dem Prinzen zu verdanken, hatte ihr Arbeitgeber sie wissen lassen. Er hatte diesen Vorschlag gemacht, und er kam auch für die Kosten ihres Aufenthalts in dem Luxushotel auf.

Es gibt keinen schöneren Sonnenschein als den im Altweibersommer, dachte Lily, während sich das Taxi durch die Straßen in Richtung Castello Sforzesco wand. Zwar lief die Modewoche inzwischen aus, dennoch schaute Lily interessiert aus dem Seitenfenster, als sie durch das Quadrilatero d’Oro fuhren, das Viertel, in dem die namhaftesten Designershops der Welt lagen.

Der Empfang wurde in dem Schloss abgehalten, in dem mehrere Galerien die Werke berühmter italienischer Künstler ausstellten. Lily kannte das Gebäude bereits, während der Recherche für ihre Doktorarbeit hatte sie es besucht. Sie liebte die Sammlungen. Doch als sie die große Empfangshalle betrat, waren es nicht die Kunstwerke, die sie abrupt innehalten ließen, sondern der Mann, der bereitstand, um sie zu begrüßen.

„Sie!“ Lily war schockiert. Es war der Mann, der beim Studio aufgetaucht war und sie beleidigt hatte.

Er taxierte sie jetzt voller Verachtung. „Was haben Sie hier verloren?“

Glaubte er etwa, sie würde ihn verfolgen? Bevor sie ihm jedoch ihre Meinung sagen konnte, sah sie, wie er das Adressschild mit ihrem Namen auf dem Koffer anstarrte und seine Augen sich ungläubig weiteten.

Dr. Lillian Wrightington … Fassungslos las Marco den Namen, hob den Blick dann vom Koffer zu Lilys Gesicht. „Sie sind Dr. Wrightington?“

Eigentlich müsste sie jetzt so etwas wie Befriedigung über seine verdatterte Miene empfinden, stattdessen zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Doch auf keinen Fall wollte sie, dass dieser Mann ihre Bestürzung bemerkte. Sie hob das Kinn ein wenig an. „Richtig. Und Sie sind …?“

Ihr schnippischer Ton gefiel ihm nicht, das war deutlich zu merken. Ärger blitzte in den dunklen Augen auf. „Marco di Lucchesi.“

Doch nicht etwa der Prinz? Ihr Begleiter für die nächsten zwei Wochen? Bestürzung wandelte sich in Panik. Aber vielleicht hatte der Prinz ja nur ein Familienmitglied geschickt …? Lily sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass es so sein möge.

Ihr Mund war staubtrocken. „Prinz di Lucchesi?“

„Den Titel nutze ich nicht.“ Seine knappe Antwort zerstörte ihre Hoffnungen. „Wenn Sie dann so weit sind, werde ich Sie hineinbegleiten und die Vorstellung übernehmen. Die Familien, deren Häuser Sie zu sehen bekommen, sind alle anwesend.“

Lily nickte. „Die Gesellschaft hat mir die Gästeliste überlassen.“

„Manche von den Familienstammbäumen sind sehr komplex. Es ist schwierig, auseinanderzuhalten, wem was gehört.“

Für einen normalen Touristen sicherlich, aber nicht für eine Expertin auf dem Gebiet der italienischen Ahnenforschung. Doch der Schock, hier auf diesen Mann zu treffen, war so groß, dass es ihr gar nicht in den Sinn kam, das herauszustellen. Nichtsdestotrotz war ihr klar, dass er sie provozieren wollte. Sprache konnte ebenso viele versteckte Botschaften enthalten wie Kunst.

Ein Museumsbeamter kam, um ihren Koffer zu verstauen. Der Prinz stand neben ihr, der Saaleingang – ihre Fluchtroute – lag direkt vor ihr. Entschlossen steuerte Lily darauf zu.

Sie hätte es fast geschafft. Fast. Doch mit seinen langen Schritten kam Prinz die Lucchesi ihr zuvor und legte eine Hand auf die Tür, versperrte ihr damit den Weg. Lily hatte zwei Möglichkeiten: Entweder sie blieb stehen, oder sie ging weiter und stieß mit ihm zusammen.

Mit ihm zusammenstoßen. Bilder stürzten auf sie ein, Erinnerungen an den Körperkontakt, den sie gestern gehabt hatten. Allein bei der Vorstellung reagierte ihr Körper mit den gleichen unerklärlichen Gefühlen. Die Halle war menschenleer und kühl, dennoch fühlte Lily, wie ihr der Schweiß auf die Stirn trat. Warum musste ihr das passieren? Warum war ausgerechnet dieser Mann in ihr Leben getreten?

Sollte sie sich nicht eher fragen, warum er sie so sehr verstörte? Und warum allein seine Anwesenheit sie in einen solchen Strudel von Gefühlen und Empfindungen zog?

Er hatte sie zuerst berührt, und genau wie sie hatte der bizarre Stromstoß ihn schockiert, das hatte sie gesehen. Damit müssten sie eigentlich auf gleicher Ebene stehen, dennoch war es nicht so. Er schien die Überhand behalten zu haben. Deshalb war es wichtig, dass sie sich schützte – emotional, psychisch und physisch.

Marco runzelte die Stirn. Welches Parfüm trug sie? Es war so dezent und verführerisch, dass er den Drang verspürte, sich vorzubeugen und zu schnuppern. Zweifelsohne die beabsichtigte Wirkung! dachte er zynisch und erinnerte sich daran, dass es wesentlich wichtigere Fragen gab als den Namen ihres Parfüms.

„Weiß die Gesellschaft, welcher Arbeit Sie nebenher noch nachgehen?“

Er drohte ihr – oder versuchte es zumindest. Ärger und Furcht fraßen wie Säure an Lilys Nerven. Er schätzte sie völlig falsch ein, und vermutlich nahm er sich selbst so wichtig, dass er sich gar nicht vorstellen konnte, sie könnte sich gegen ihn wehren. Nun, niemand würde ihr das Recht nehmen, sich zu verteidigen.

„Ich habe nicht gearbeitet. Ich habe lediglich … einem Freund einen Gefallen getan und bin in letzter Minute für ihn eingesprungen.“ Das stimmte ja auch.

Mit ihrer Erwiderung fachte sie seinen Ärger nur noch mehr an. Sie spielte mit Worten und verdrehte die Tatsachen so, wie es ihr passte. Wie sie auch mit dem Leben naiver junger Menschen spielte, Narren so wie sein Neffe. „Also weiß die Gesellschaft nichts davon.“

„Es gibt nichts, was sie wissen müsste. Ich habe nur jemandem einen Gefallen getan.“

„So nennen Sie es also – einen Gefallen? Mir fällt dafür eine ganz andere Bezeichnung ein.“ So unfassbar es auch schien, Dr. Wrightington führte offensichtlich ein Doppelleben. Was mochte eine hoch qualifizierte Frau wie sie, die überall gute Honorare verlangen konnte, dazu bewegen, sich für ein derart schmutziges Geschäft herzugeben?

Die Trauer und Wut, die seit Olivias Tod in ihm schwelten, flammten erneut auf. Olivia, seine Freundin aus Kindheitstagen …

Für beide Familien war es selbstverständlich gewesen, dass sie heiraten würden. Es wäre eine platonische Gemeinschaft geworden, eine geschäftliche Abmachung, und Olivia hatte ihm versichert, dass sie dies ebenfalls wünschte. Doch dann war sie den Versprechungen erlegen, als Model berühmt werden zu können.

Zu Ruhm war sie nie gekommen. Drogen und schließlich Prostitution hatten sie in die Gosse gezerrt und ihr jung das Leben geraubt. Auf diese Bahn war sie geraten durch eine Frau wie die, die jetzt vor ihm stand. Eine Frau, die junges Fleisch für solche einkaufte, die Gefallen daran fanden, und die junge Menschen mit leeren Versprechungen in den Abgrund riss.

Er hatte sowohl Olivia als auch jener Frau vertraut, hatte ihren Versicherungen geglaubt. Beide hatten gelogen – eine Erkenntnis, die tiefe Wunden in ihm geschlagen hatte. Diese waren bis heute nicht verheilt, sein Vertrauen war zerstört. Er wäre ein Narr, würde er sich noch einmal so manipulieren lassen.

„Warum tun Sie das?“, fragte er zornig.

Seine eiskalte Verachtung brannte auf ihrer Haut. Innerlich krümmte Lily sich. Sie hatte nichts getan, womit sie seinen Abscheu verdient hätte, dennoch schnitten seine Worte wie ein rostiges Messer durch sie hindurch. Wieso reagierte sie so empfindsam auf ihn? Es war, als ob eine magische Verbindung zwischen ihnen existierte, die sie überempfänglich für ihn machte. Als ob er sie in das Kraftfeld seiner Persönlichkeit ziehen würde und verletzlich machte, ganz gleich, wie sehr sie sich auch dagegen wehrte.

„Warum tue ich was?“

„Sie wissen genau, was ich meine. Dieses schäbige Studio, die Art, wie Sie an meinen Neffen herangetreten sind …“

Mit seinen Worten trieb er ihr das Blut in die Wangen, auch wenn sie sich nichts vorzuwerfen hatte. „Ich sagte Ihnen bereits, dass ich lediglich für jemanden eingesprungen bin.“

Ihre Erklärung beschwichtigte seinen Ärger keineswegs, im Gegenteil. „Sagen Sie, macht es Ihnen nichts aus, was Sie damit anrichten? Verschwenden Sie auch nur einen Gedanken daran, welche Verwüstung Sie und Ihresgleichen hinterlassen?“

Ihr Herz hämmerte, Lily spürte Panik aufsteigen. Der Mann drang zu weit in ihre Privatsphäre ein und riss alte Wunden wieder auf. Es war unglaubliche Ironie des Schicksals, dass er ausgerechnet ihr solche Vorwürfe machte. Ihr Instinkt hielt sie jedoch davon ab, laut zu protestieren.

„Ich brauche mich vor Ihnen nicht zu rechtfertigen“, sagte sie bemüht ruhig. „Wie ich jetzt schon mehrmals sagte, wurde ich von meinem … ich wurde gebeten, ausnahmsweise das Shooting für einen Kleiderkatalog zu übernehmen, mehr nicht.“

„Und was ist mit dem jungen Mann, den man in einer Studentenkneipe angesprochen hat, ob er für dieses Shooting nicht Modell stehen will? Fragen Sie sich nicht, warum … Ihr Freund seine Models auf diese Art und Weise sucht, wenn es genügend Agenturen gibt? Ich bin sicher, dort kann man aus unzähligen jungen Männern auswählen, die immerhin wissen, worauf sie sich einlassen, weil sie bereits Erfahrungen mit diesem Business sammeln konnten.“

Seine Worte trafen wie Peitschenschläge auf ihre angespannten Nerven. Nur wollte sie ihn nicht merken lassen, wie sehr er sie verletzte. In ihrem jetzigen Leben war kein Platz für das Mädchen, das sie einst gewesen war. Dieses Mädchen würde sie nie wieder sein. Sie hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen und würde nicht mehr zurückblicken.

Weil sie noch immer Angst vor den Dämonen hatte?

Sie war glücklich gewesen, hatte sich sicher gefühlt und war stolz auf das, was sie erreicht hatte. Und jetzt, nur wegen eines Mannes, der sie völlig falsch beurteilte, geriet alles in ihr in Aufruhr. Der Wunsch, ihren Emotionen nachzugeben, war nie größer gewesen, doch sie musste dagegen ankämpfen. Und Ruhe und Logik waren ihre stärksten Waffen in diesem Kampf.

„Kataloge bringen nicht gerade das große Geld. Vermutlich hat Rick die Kosten gering halten wollen. Deshalb hat er wohl Ihren Neffen angesprochen, aus keinem anderen Grund.“

„Und das soll ich glauben? Ihr Freund hat meinen Neffen nicht nur im Voraus bezahlt, er wollte ihn auch auf eine Party mitnehmen, angeblich, um ihn mit einigen großen Namen der Modewelt bekannt zu machen.“

Jetzt reichte es ihr. Sie hatte anderes zu tun, als das Verhalten ihres Halbbruders zu rechtfertigen, und Marco di Lucchesis Benehmen ihr gegenüber war keineswegs abgebracht. Er beschuldigte sie praktisch, seinen angeblich unschuldigen Neffen im Auftrag irgendeines Perversen zu korrumpieren! Rick mochte seine Fehler haben, aber pervers war er bestimmt nicht!

„Sie irren sich komplett, sowohl über Rick als auch über mich. Wenn Sie es genau wissen wollen … ich teile Ihre Meinung über die Schattenseiten der Modelbranche.“

Waren das nicht die gleichen Worte, die auch die Mitarbeiterin jener Agentur benutzt hatte, für die Olivia damals arbeitete? Der achtzehnjährige Marco hatte Olivia nach Hause zurückholen wollen und bei der Agentur nachgefragt, hatte sich dann aber von den Zusicherungen einlullen lassen. Die Frau, die ihm versichert hatte, sie würde darauf achten, dass Olivia nichts zustößt, hatte gelogen. Genau wie die Frau log, die jetzt vor ihm stand.

Und warum sollte ihn das stören? Was interessierte es ihn, ob diese Frau eine Lügnerin war oder nicht? Das tut es auch nicht, versicherte er sich still. „Was Sie sagen, ergibt keinen Sinn. Es kann nicht stimmen.“

Fassungslos starrte Lily ihn an. Dieser Mann hatte sich eine Meinung gebildet, und nichts, was sie sagte, würde daran etwas ändern. Es war ja gerade so, als wollte er sie unsympathisch finden. Nun, diese Art „Logik“ konnte sie auch einsetzen.

„Niemand hat Ihren Neffen gezwungen, weder zum Shooting noch dazu, das Geld oder die Partyeinladung anzunehmen.“ Sie hielt die Stimme so kühl, wie sie konnte. „Statt eine Hexenjagd auf mich zu veranstalten, sollten Sie sich besser mit Ihrem Neffen unterhalten. Immerhin ist es erstaunlich, dass ein junger Mann aus so wohlhabendem Hause es für nötig erachtet, einen derart schlecht bezahlten Job anzunehmen. Es sei denn natürlich, er hat seine Gründe dafür.“

„Und was für Gründe sollten das sein?“, fragte er harsch.

Offensichtlich hatte sie einen wunden Punkt getroffen, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollte. Lily spürte, dass sie nachgiebig wurde, als sie seinen verletzten Gesichtsausdruck sah. Mit diesem Mann braucht niemand Mitleid zu haben, warnte sie sich still. Auf seine Art war er ebenso gefährlich wie die, die er an den Pranger stellte – wenn nicht sogar gefährlicher.

Sie atmete tief durch, bevor sie ihn mit samtener Stimme herausforderte. „Vielleicht hat er ja einen Onkel, der ihn an der kurzen Leine hält?“

Die Bemerkung gefiel ihm nicht, gefiel ihm kein bisschen, das konnte sie sehen. Sie war jedoch überrascht, dass er sich nicht, wie sie erwartet hätte, in aristokratisches Schweigen hüllte und sie mit Arroganz strafte, weil er sich vor einer gewöhnlichen Frau wie ihr nicht erklären musste. Stattdessen sagte er: „Pietro ist ein impulsiver junger Mann und zudem der Ansicht, unverwundbar zu sein – Charakterzüge, die meiner Ansicht nach auf seine übertrieben beschützende Mutter zurückzuführen sind. Er sollte lernen, mit seiner keineswegs geringen monatlichen Unterstützung besser auszukommen, denn eines Tages wird er die Verantwortung für ein sehr viel größeres Vermögen übernehmen müssen. Sie nennen es eine ‚kurze Leine‘, ich dagegen bezeichne es als Lernprozess.“

„Das sollten Sie vielleicht ihm erzählen und nicht mir“, schlug Lily vor. „Ich verstehe, dass Ihr Neffe Ihnen wichtig ist. Mir ist im Moment jedoch wichtig, die Aufgabe zu erledigen, wegen der man mich hergeschickt hat.“ Vielsagend schaute sie auf die schweren Türen, die er noch immer blockierte.

„Und man kann Ihnen vertrauen, dass Sie Ihre Aufgabe erfüllen? Ohne zwischendurch zu verschwinden, um wieder einem Freund einen Gefallen zu tun?“

„Sie haben weder das Recht noch einen Grund, mein Berufsethos infrage zu stellen.“

„Im Gegenteil, mir steht sowohl das eine wie auch das andere zu. Das Recht habe ich, weil ich die Leute überzeugt habe, Ihnen die Türen ihres Heims zu öffnen. Und den Grund … nun, den haben Sie selbst mir geliefert.“

„Genau diese Leute lassen wir jetzt schon viel zu lange warten.“ Sie wollte diese Unterhaltung nur noch so schnell wie möglich zu Ende bringen.

Doch er versperrte ihr immer noch den Weg und musterte sie mit durchdringendem Blick.

3. KAPITEL

Unter Marcos Blick begann Lilys Puls zu rasen. Wenn doch nur von irgendwoher eine Unterbrechung kommen würde, damit diese Folter endlich ein Ende hatte. Doch nichts passierte, niemand kam, und so blieb Lily nichts anderes, als Marco weiter anzuhören.

„Ich glaube keine Sekunde, dass die Motive Ihres Freundes so harmlos waren, wie Sie mir einreden wollen.“

„Ich sage die Wahrheit. Wenn Sie mir nicht glauben, ist das Ihr Problem.“

„Ich bezweifle, dass Sie die Wahrheit sagen“, widersprach er grimmig.

Sie fühlte sich von ihm eingekesselt, konnte weder einen Schritt vor noch zurückmachen. Er hatte den Kopf vorgebeugt und sprach direkt in ihr Ohr, und sein warmer Atem brachte Tausende von Nervenenden in ihr zum Vibrieren. Ihr war plötzlich heiß, ihr schwindelte, und eine Flut von Empfindungen stürzte auf sie ein. Er hatte den Abstand zwischen ihnen sehr viel weiter verringert, als die Höflichkeit erlaubte.

Sie musste irgendetwas sagen, musste sich behaupten. Doch wie, wenn sie kaum atmen konnte? Wie, wenn jede Faser in ihr vor panischer Angst gequält aufschrie? Sie wollte sich an ihm vorbeischieben, er trat ihr in den Weg, und sie prallte gegen ihn.

Bei ihrem erschreckten Aufschrei strich ihr warmer Atem über Marcos Hals und löste eine Explosion sinnlichen Feuers in ihm aus, das sich rasend schnell durch seine Adern fraß und sich in seinem ganzen Körper ausbreitete. Seine Reaktion war instinktiv, eher ein Reflex … er griff nach ihr. Hektisch suchte sein säumiger Verstand nach einer Erklärung für das, was er fühlte. Wie konnte es einem Mann wie ihm, den die erotischsten Verführungsversuche der Frauen, die das Bett mit ihm geteilt hatten, ungerührt ließen, von einem harmlosen Atemzug an seiner Haut dermaßen erregt werden? Was hatte es mit dieser Frau auf sich, die seine Selbstbeherrschung zerstörte und diese primitiven männlichen Reaktionen in ihm hervorrief?

Natürlich würde er sie loslassen, schließlich gab es keinen Grund, sie festzuhalten. Und er hätte sie auch losgelassen, wenn sie nicht ausgerechnet in diesem Moment angefangen hätte, sich zu wehren. Ihre Versuche, sich loszureißen, forderten seinen männlichen Stolz heraus.

„Nein!“ Es erfüllte Lily mit Panik, wie ihr Körper auf die Nähe zu Marco reagierte – gerade so, als würde sie sich danach sehnen. Sie musste das hier beenden, bevor er merkte, welche Wirkung er auf sie hatte. Doch sie erkannte, wie der Ausdruck in seinen Augen sich schlagartig änderte. Er hatte ihre Furcht als Widerspenstigkeit fehlinterpretiert, und er hatte nicht vor, sie ungestraft davonkommen zu lassen.

Die Strafe folgte auf dem Fuß. Er presste den Mund auf ihre Lippen und ließ damit alle ihre Sinne auflodern. Es war Jahre her, seit sie das letzte Mal geküsst worden war, und nie, niemals, so. Dieser Kuss brannte sich in ihre Seele, und seine Männlichkeit fand die vollendete Ergänzung in ihrer Weiblichkeit.

Was passierte nur mit ihr? Lily hob abwehrend die Hand und riss die Augen auf, als ihre Fingerspitzen über sein Gesicht strichen. Die Fotografin, die Künstlerin in ihr wollte die Linien und Züge in diesem perfekten Gesicht erkunden. Sie wollte es. Ihre Lippen gaben nach, öffneten sich … Weil sie protestieren wollte, nur deshalb. Es konnte keinen anderen Grund geben. Und dieser kleine Laut, der aus ihrer Kehle stieg? Das war ein Ausdruck der Empörung, versicherte sie sich.

Für einen Augenblick schien es Lily, als hätten ihre beiden Körper einen eigenen Willen entwickelt, dann schob Marco sie abrupt von sich.

Was war nur los mit ihm? Er erlaubte nie, dass Gefühle sein Verhalten diktierten. Nie.

Von der anderen Seite her versuchte jemand, die Tür zu öffnen. Wortlos und ohne einander anzusehen, traten Lily und Marco gleichzeitig von der Tür zurück.

Und Marco ermahnte sich, auch Abstand zu den Emotionen zu gewinnen, die er verspürt hatte, als er Lily in den Armen gehalten und ihren Mund auf seinem gefühlt hatte. Seine ursprünglichen Zweifel an diesem Projekt waren also berechtigt gewesen. Er hätte seinem Instinkt vertrauen und sich nicht in diese Sache hineinziehen lassen sollen. Er hatte mit Problemen gerechnet, allerdings nicht mit dieser Art von Problemen. Vielmehr hatte er sich Sorgen darum gemacht, ob eine ausländische Organisation Italiens Kunst und Geschichte im Allgemeinen und der seiner Familie im Besonderen überhaupt gerecht werden konnte. Stattdessen hatte sich jetzt ein viel persönlicheres Problem ergeben …

Er warf einen Seitenblick auf Lily. Es gab keinen erkennbaren Grund, weshalb sein Körper sich ihrer derart intensiv bewusst war, oder warum seine Sinne so empfänglich auf sie reagierten, auf ihre Nähe, ihren Duft, ja sogar auf das Geräusch ihres Atems.

Mit zusammengebissenen Zähnen rief er seine Gedanken zur Ordnung und legte ihnen Zügel an. Mit der gleichen Anstrengung musste wohl in der Antike ein Streitwagenlenker seine Pferde kontrolliert haben.

Natürlich war Lily attraktiv, ja sogar schön, auf eine unaufdringliche Art. Diese stille Schönheit passte bestens zu der Rolle, die sie aktuell verkörperte. Zu der Person, die er im Studio angetroffen hatte, passte sie dagegen überhaupt nicht. Und er war sicher, dass die Frau im Studio, die Modefotografin, ihr wahres Gesicht war. Die Frage war nur, zu welcher dieser gegensätzlichen Personen fühlte er sich nun hingezogen?

Sollte er wie ein unerfahrener Teenager der lasziven Schönheit eines Pin-up-Girls verfallen sein? Gab es irgendwo tief in ihm einen Teil, der auf diesen Typ Frau reagierte? Die Vorstellung widerte ihn an, aber sie lieferte ihm auch die Antwort – selbst wenn sie schwer verdaulich war. Sein Körper war augenscheinlich ebenso empfänglich für Dr. Lillian Wrightington wie für die gewissenlose Fotografin in Jeans und T-Shirt.

Aber das war nur eine physische Reaktion und hatte keinerlei Bedeutung. Und er würde nicht zulassen, dass es Bedeutung bekam.

Marco zog die Tür auf. „Ich werde Sie im Auge behalten, Dr. Wrightington. Sollte ich auch nur den geringsten Verdacht haben, dass Sie den Erfolg dieses Projekts durch Ihr Verhalten gefährden, werde ich die Gesellschaft auffordern, Sie durch jemand anderen ersetzen zu lassen.“

„Das können Sie nicht tun“, protestierte Lily. Dieses Projekt bedeutete ihr sehr viel und es gab bereits Pläne für eine Dokumentation im Fernsehen. Natürlich würde das ihrer Karriere einen enormen Schub nach vorn versetzen, noch wichtiger allerdings war es ihr, ein breites Publikum zu erreichen und die Menschen wissen zu lassen, wie groß der Einfluss italienischer Kunst auf alle möglichen Aspekte des Lebens in Großbritannien war, von der Architektur über die Literatur und die Gartengestaltung bis hin zur Mode und darüber hinaus.

Lily wollte auf keinen Fall aus diesem Projekt ausgeschlossen werden. Marco war ein einflussreicher Mann, und er hatte bereits jetzt eine negative Meinung über sie. Es sollte sie eigentlich nicht interessieren, was er über sie dachte, dennoch verspürte sie einen scharfen Stich. Warum eigentlich? Im Grunde war sie sogar froh darum, dass er sie nicht mochte. Oder?

Noch immer hielt Marco ihr die Tür auf. Die Stimmen im Saal verebbten, alle Köpfe drehten sich zu ihnen um. Lily fühlte sich verlegen, ihr Begleiter jedoch blieb Herr der Situation.

„Bitte entschuldigen Sie unsere Verspätung“, setzte er laut an. „Ich habe Dr. Wrightington leider ein wenig aufgehalten.“

Man nahm ihm die Verspätung nicht übel, das konnte Lily sehen. Jeder lächelte dem Prinzen di Lucchesi sowohl bewundernd als auch respektvoll entgegen, niemand würde es wagen, ihn zu kritisieren.

„Ich weiß, Sie alle warten schon ungeduldig darauf, sich mit unserem Ehrengast zu unterhalten. Daher werde ich auf eine lange Rede verzichten und nur sagen, dass Dr. Wrightingtons Qualifikationen und ihre Expertise hinsichtlich der Kunstsammlungen unserer Vorfahren und der Architektur unserer Häuser für sich selbst sprechen müssten.“

Müssten. Ob es irgendjemandem aufgefallen war, dass er damit Zweifel ausdrückte? Lily war dankbar, dass sie ihre Mutter oft genug beobachtet und so gelernt hatte, wie man mit gerader Haltung und einem Lächeln auf dem Gesicht seine wahren Gefühle verbarg.

Es fiel ihr sogar erstaunlich leicht, an Marcos Seite durch den Saal zu wandern, sich von ihm vorstellen zu lassen und Konversation mit den Menschen zu betreiben, deren Namen sich wie rote Fäden durch die Kunstgeschichte Italiens zogen.

„Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, Durchlaucht“, sagte Lily, als Marco sie einer älteren Herzogin vorstellte, „dass Sie mir die Türen Ihrer Villa öffnen und mich Ihre Kunstsammlung bewundern lassen. In Schloss Howard gibt es eine wunderbare Zeichnung eines Ihrer Vorfahren, angefertigt von …“

„Leonardo. Ich habe davon gehört. Leider habe ich das Bildnis niemals zu sehen bekommen.“

Lily lächelte. „Ich habe mir erlaubt, eine Fotografie zu machen und für Sie mitzubringen.“

Sie hält sich gut, gestand Marco sich widerwillig ein. Nicht nur ihr Wissen beeindruckte, auch ihre Manieren. Doch wie viel davon war echt? Nur wenig, vermutete er.

„Es wird interessant sein, die Zeichnung mit dem Gemälde zu vergleichen, das Leonardo von einem Vorfahren meines Mannes gemalt hat“, erwiderte die Herzogin freundlich.

Normalerweise genoss Lily solche Anlässe, bei denen sie sich mit Gleichgesinnten, die ihre Liebe zur italienischen Kunst teilten, unterhalten konnte. Aus einem unerfindlichen Grund jedoch hatte sie ausgerechnet heute Stresskopfschmerzen.

Aus einem unerfindlichen Grund? Der Grund für ihren Stress befand sich keinen halben Meter von ihr entfernt! Der Mann, der die Leitung des Projekts hier in Italien übernommen hatte, stand ihr also feindselig gegenüber? Na und? Sie war besser als jeder andere in der Lage, sich in sich selbst zurückzuziehen und sich von allem und jedem abzuschotten. Sie war Expertin darin! Gäbe es ein solches Fachgebiet, hätte sie längst mit Ehren promoviert.

„Wir sollten bald gehen.“

Lily hätte sich fast an ihrem Wein verschluckt, als sie Marcos leise Stimme hinter sich hörte. Natürlich hatte sie gewusst, dass er hinter ihr stand, sie hatte ein geradezu erschreckendes Bewusstsein für den Mann entwickelt. Nur war sie nicht darauf vorbereitet gewesen, seinen warmen Atem an ihrem Nacken zu spüren. War es nur der Schreck, der ihr eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagte? Oder war es nicht doch ein eher sinnliches Prickeln?

Manche Fragen wurden einfach besser nicht gestellt. Vor allem nicht von jemandem wie ihr und nicht im Zusammenhang mit einem Mann wie Marco.

Als ein Gast, der neben ihr mit einer anderen Gruppe im Gespräch stand, sich umdrehte, stieß er sie versehentlich an, und etwas von dem Wein aus ihrem Glas ergoss sich über ihren bloßen Arm. Lily war geradezu dankbar für das kleine Missgeschick, lenkte es doch ihre Gedanken von Marco ab.

Der Mann entschuldigte sich höchst verlegen und sagte einem vorbeigehenden Kellner Bescheid, er möge bitte schnell ein sauberes Tuch bringen, doch bevor Lily noch einwenden konnte, dass das nicht nötig sei, hatte Marco bereits ein blütenweißes Taschentuch hervorgezogen und tupfte ihren nassen Arm ab. Lilys spitze Bemerkung, das könne sie selbst, ignorierte er ebenso wie ihren Versuch, von ihm wegzutreten.

Wie hypnotisiert starrte sie seine Hand an. Es war eine schöne Hand mit langen Fingern. Starke Künstlerhände, dachte sie. Hände, in denen genug Kraft steckte, um den Widerstand einer Frau mühelos zu überwinden, falls Marco sich dazu entschließen sollte.

Ein Schauer überlief sie. Dieses Mal lief er nicht über ihre Haut, sondern fuhr tief in ihr Inneres und setzte dort einen dumpfen Puls in Gang. Mit der Darstellung sexueller Erregung war Lily durchaus vertraut, schließlich hatte sie Models die typischen Posen einnehmen sehen, seit sie denken konnte. Sie konnte sich auch noch gut daran erinnern, wie sie jedes Mal von ihrem Vater in das winzige Büro neben dem Studio geschoben worden war, wenn er „spielen“ wollte. Ihr Vater hatte zu der Sorte Fotografen gehört, die es als Bonus ansahen, mit den Models zu schlafen.

Nein, die äußeren Anzeichen von Erregung waren ihr keineswegs fremd, ob nun vorgetäuscht oder echt, ob von männlicher oder weiblicher Seite. Allerdings war ihr völlig fremd, dass sie selbst diese sexuelle Erregung empfand. Dieses Gebiet war seit Langem vergiftetes Ödland, ein Gebiet, das sie nicht betreten wollte.

Marco hatte ihren Arm endlich losgelassen. „Jetzt müssen wir wirklich gehen. Um diese Zeit dürfte auf dem Weg zum Flughafen recht viel Verkehr sein.“

„Wir fliegen zum Comer See?“ Sie hatte angenommen, sie würden mit dem Auto fahren.

„Ja, mit dem Hubschrauber. Das ist bequemer.“ Mit einem leichten Händeklatschen bat Marco um Ruhe, damit er sie beide offiziell verabschieden konnte.

„Ich habe mich schon lange auf die Gelegenheit gefreut, Sie in der Villa Ambrosia begrüßen zu können.“ Die Herzogin kam zu Lily und ergriff voller Zuneigung ihre Hände. „Und jetzt, nachdem ich Sie kennengelernt habe, freue ich mich umso mehr. Sie ist wirklich ganz bezaubernd, Marco“, wandte sie sich dann an den Prinzen. „Passen Sie gut auf sie auf.“

Lily wagte es nicht, Marco anzusehen, nachdem die Herzogin sie beide allein gelassen hatte. Ein solcher Ratschlag konnte ihm unmöglich gefallen.

Es herrschte Stoßverkehr, doch in der klimatisierten Luxuslimousine merkte man nichts von den Abgasen der Stadt. Eine Glasscheibe trennte den Wagenfond, in dem Lily und Marco saßen, vom Chauffeur. Diese Abgeschiedenheit und die weichen Lederpolster schufen eine Atmosphäre, die für Lilys Geschmack viel zu intim war.

Nicht, dass zwischen ihnen Intimität herrschen würde. Sobald der Wagen angefahren war, holte Marco sein Handy hervor. Sein knappes: „Entschuldigen Sie“, schuf sofortige Distanz.

Lily war klar, dass er Abstand wahren wollte, schließlich verachtete er sie. Genau, wie sie wusste, dass er die seltsame Spannung gespürt hatte – eine unerklärliche Anziehung, die keiner von ihnen beiden wünschte.

Als er das Gespräch beendete, drehte er sich zu ihr um. „Die Herzogin würde uns gern für zwei Tage als Gäste in ihrer Villa begrüßen. Sie fragte, ob das möglich sei. Sie haben offensichtlich großen Eindruck auf sie gemacht.“

Und das passte ihm nicht, wie sie an seinem Ton hören konnte.

„Ich habe soeben noch einmal unseren Terminkalender überprüft. Wenn Sie die Tour verlängern möchten, wäre ein kurzer Aufenthalt in der Villa möglich.“

Also war es ihm gar nicht um Distanz gegangen, sondern er hatte das Telefonat für ihr Projekt geführt. Lily musste sich eingestehen, dass sie ihn falsch beurteilt hatte – so wie er sie falsch beurteilte. Nur würde sie ihn nie davon überzeugen können. Und warum sollte sie es überhaupt versuchen?

Also bemühte sie sich ebenfalls um professionelle Höflichkeit. „Es ist eine sehr großzügige Einladung. Ja, ich würde gern mehr Zeit haben, um mir die Villa und die Kunstsammlung anzusehen.“

„Dann schicke ich eine E-Mail an die Assistentin der Herzogin, dass wir die Einladung annehmen.“

Der Chauffeur schwenkte abrupt auf die andere Spur, als er eine Öffnung in dem zäh fließenden Verkehr erblickte. Es war reiner Reflex, dass Lily die Hand auf den Sitz stützte, um nicht zur Seite zu kippen … doch statt der Lederpolster fühlte sie Marcos harten Oberschenkel unter ihrer Handfläche. Mit brennenden Wangen riss sie ihre Hand zurück und wäre vor Verlegenheit am liebsten im Boden versunken.

„Wir sind gleich beim Flughafen.“

Die gelassen vorgebrachte Information hätte die unerwünschten Bilder von muskulösen Männerschenkeln, die ihre Fantasie ihr vorgaukelte – von Marcos Schenkel – vertreiben müssen, doch das passierte nicht. Lily hielt das Gesicht starr zum Seitenfenster gewandt, sie wagte nicht, Marco anzuschauen. Dabei konnte er wohl kaum sehen, was in ihrem Kopf vorging.

Glücklicherweise.

In Gedanken fluchte Marco über die Wirkung, die Lilys unabsichtliche Berührung auf ihn hatte. Weil er nicht damit gerechnet hatte, nur daher rührte diese Reaktion. Es lag überhaupt nichts Außergewöhnliches in diesem zufälligen Körperkontakt, nichts, was ein derart heftig aufschießendes Verlangen rechtfertigen könnte. Er hatte sich so sehr aufs Geschäft konzentriert, dass ihm nicht einmal bewusst geworden war, wie lange er schon enthaltsam lebte. Zu lange. Und das machte seinen Körper empfänglich. Denn die Vorstellung, dass er Lily angesichts der Dinge, die er über sie wusste, anziehend finden könnte, empörte sowohl seinen Intellekt als auch seine Emotionen. Sie war eine Frau, die er verachtete, und das aus gutem Grund. Sie gehörte der Welt an, die Olivia zerstört hatte.

Olivia, die mit Versprechungen von Ruhm und Glamour aus dem sicheren und behüteten Leben bei ihren Eltern weggelockt worden war.

Es hatte damals mehrere Wochen gedauert, bevor er herausgefunden hatte, dass sie nach London gezogen war. Er hatte sie angefleht, nach Hause zurückzukommen, doch sie hatte sich geweigert. Hatte ihm gesagt, dass sie bei einer Modelagentur unter Vertrag stehe und sich mit anderen jungen Mädchen eine Wohnung teile. Also war er dorthin geflogen, um die Besitzerin der Agentur um Hilfe zu bitten. Sie hatte einen so verständnisvollen Eindruck gemacht, schien so besorgt um Olivia gewesen zu sein. Sie hatte ihm sogar garantiert, persönlich sicherzustellen, dass dem Mädchen nichts geschehen würde. Denn Olivia würde bestimmt bald von dem neuen Leben genug haben und wieder nach Hause zurückkehren.

Was für ein naiver Narr er damals doch gewesen war! Er hatte nicht einmal geahnt, dass die Frau nicht mehr als eine Handlangerin war und die Mädchen einem Leben mit Drogen und Prostitution zuführte. Und Olivia … Olivia war letztendlich in einem New Yorker Hotelzimmer an einer Überdosis gestorben.

Damals hatte er sich geschworen, nie wieder jemandem zu vertrauen, sondern sich nur noch auf emotionslose Logik zu verlassen.

Bis er Dr. Lillian Wrightington begegnet war, hatte es ihm auch keine Schwierigkeiten bereitet, sich daran zu halten. Doch in dieser kurzen Zeit war es ihr nicht nur gelungen, seinen Entschluss zu unterwandern, sie hatte auch die alten Dämonen wieder geweckt.

Was ging im Kopf dieser Frau vor, dass sie in der Lage war, ein solches Doppelleben zu führen und sich nicht schuldig zu fühlen? Dass sie ihre Lügen mit solcher Überzeugung vorbringen konnte?

Wie von allein wanderte sein Blick zu ihrem Gesicht, als könnte er die Antwort in ihrem Profil finden. Schnell wurde ihm sein Fehler bewusst. Sein Verstand wollte die Fakten analysieren, doch sein Körper reagierte auf einer ganz anderen Ebene auf sie – auf einer gefährlichen Ebene.

Einige Strähnen hatten sich aus ihrem lockeren Knoten gelöst, spielten an ihrem Hals und fesselten seine Aufmerksamkeit. Sie hielt die Lider ein wenig gesenkt, sodass ihre Wimpern Schatten auf die Wangen warfen. Die leicht gebeugte Kopfhaltung betonte ihren schlanken Hals. Ein Schönheitsfleck an ihrem Nacken würde jeden Liebhaber dazu auffordern, sanft die Lippen darauf zu drücken. Die leicht gebräunte Haut ihrer bloßen Arme strömte jenen dezenten Duft aus, der ihn an Rosen und Lavendel erinnerte …

Marco versuchte, seinen Gedanken Einhalt zu gebieten, doch es war, als würde er gegen die Strömung eines reißenden Flusses kämpfen. Jedes Mal, wenn er sich an die Logik klammerte, riss es ihn zurück in den gefährlichen Strudel der Sinnlichkeit.

Die Tatsache, dass das Kleid, das sie trug, eher verhüllte denn betonte, weckte den Jäger in ihm. Es drängte ihn, sich davon zu überzeugen, ob ihr Körper wirklich so reizvoll war, wie er vermutete. Sie verlockte in so vieler Hinsicht, gerade weil sie keine Aufmerksamkeit auf ihre weiblichen Attribute lenkte. Reines Kalkül warnte er sich sofort. Um Interesse bei einem Mann zu wecken, mehr über sie herauszufinden. Und um seinen Appetit anzuregen.

Das unangenehme Ziehen in seinen Lenden verstärkte sich. Er musste seine Gedanken unbedingt in eine andere Richtung lenken … nur schien ihm das unmöglich zu sein.

Auf dem Empfang hatte sie nicht nur die Männer umgarnt, auch die Frauen waren alle von ihr angetan. Selbst die Strengsten unter ihnen waren nachgiebig geworden – die Einladung der Herzogin war der beste Beweis dafür.

Es war nicht abzustreiten, dass sie über ein enormes Wissen verfügte und es verstand, andere mit ihrer offensichtlichen Hingabe für das Thema zu begeistern. Wüsste er nichts von ihrem anderen Leben, würde er ihre Kenntnisse vielleicht auch bewundern.

Sie selbst auch?

Nein! Er hatte Arbeit und Vergnügen noch nie vermischt. So etwas führte nur zu Komplikationen. Allerdings hatte er seine Rolle in diesem Projekt freiwillig übernommen, aus Freude an und Stolz auf das Erbe seiner Familie.

Trotzdem … die Antwort hieß nein!

Er wollte nichts von ihr. Dennoch konnte er nicht leugnen, dass sein Körper sie physisch anziehend fand – eine bizarre Situation, auf die er gut hätte verzichten können.

Marco zwang seine Gedanken zurück auf das Wesentliche. Sie waren am Flughafen angekommen und bogen jetzt auf das Privatflugfeld ein, wo teure Maschinen einsatzbereit auf ihre Besitzer warteten. Der Chauffeur lenkte den Wagen auf den Hubschrauber zu, Marco sah, dass der Pilot bereits an Bord saß. Die Limousine hielt nur wenige Meter von dem Helikopter entfernt, der Chauffeur stieg aus und öffnete die Wagentür für Lily, während ein Angestellter des Flughafens das Gepäck aus dem Kofferraum holte und an Bord des Hubschraubers verstaute.

Marco bedeutete Lily, an Bord zu gehen, und runzelte die Stirn, als sie zögerte. Ihre Finger umklammerten das Geländer der kleinen Bordtreppe so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten, ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren, so als müsste sie sich überwinden, etwas zu tun, vor dem sie ungeheure Angst hatte. Sie wirkte wie ein verängstigtes Kind.

Und Marco, trotz aller vernünftigen Warnungen seines Verstandes, verspürte völlig unerwartet Mitleid mit ihr. „Sie fliegen nicht gern? Sie brauchen nichts zu befürchten, selbst wenn Sie noch nicht mit einem Helikopter geflogen sind. Kommen Sie …“

Ohne dass ihm bewusst wurde, was er tat, hatte er schon den Arm ausgestreckt und bot ihr seine Hand. Und ebenso unbewusst legte Lily ihre Hand in seine. Ihr war leicht übel, doch seine Finger, die ihre umschlossen, spendeten ihr Trost, auch wenn sie das Gefühl hatte, losgelöst neben sich zu stehen.

Es war unsinnig, sich von einem Flug mit dem Hubschrauber derart verschrecken zu lassen – nur weil sie schon einmal jemand die Stufen eines Helikopters hinaufgedrängt hatte. Schon einmal hatte ein Mann sie angelächelt und ihr versichert, dass ihr nichts geschehen würde … bevor er die Geduld verloren und sie grob am Arm ins Innere gezerrt hatte.

Ein Beben durchlief sie, Schweiß trat ihr auf die Stirn. Die Leute warteten, schauten sie verwundert an … Sie musste sich zusammenreißen …

„Sie brauchen sich nicht zu fürchten“, wiederholte Marco und rieb mit dem Daumen über ihren wild schlagenden Puls. „Wenn Sie es vorziehen, können wir auch mit dem Wagen fahren.“

Lily drehte den Kopf zu ihm. Er hatte dunkelgoldene Augen, nicht wasserblaue wie der andere Mann damals, und in ihnen lag auch kein gieriges Verlangen, sondern Gelassenheit. Er stand geduldig da und wartete auf ihre Antwort, so als … als würde er verstehen.

Lily holte tief Luft. „Nein, ist schon in Ordnung. Ich werd’s überstehen.“

Sie zog nur leicht an ihrer Hand, und schon gab Marco sie frei. Sein knappes Nicken verlieh ihr genügend Mut, um an Bord des Helikopters zu gehen.

Der uniformierte Pilot begrüßte sie und zeigte ihr, wie sie sich anzuschnallen hatte. „Sie werden sehen, in Nullkommanichts sind wir am Comer See.“ Als er sich neben sie setzte und ebenfalls den Gurt anlegte, runzelte Lily überrascht die Stirn. „Der Boss übernimmt heute das Steuer“, erklärte er lässig. „Er hat den Pilotenschein.“

Eigentlich wunderte es sie nicht, dass Marco auch Hubschrauberpilot war. Sie konnte sich mühelos vorstellen, dass er in jeder Krise einen kühlen Kopf bewahrte.

Als sie das letzte Mal in einem Hubschrauber geflogen war, war sie vierzehn gewesen. Und die Erinnerung an diesen Flug hatte sie gerade beim Einsteigen zu Stein erstarren lassen. Irgendwie hatte Marco einen Weg gefunden, ihre Angst zu durchbrechen und sie in die Gegenwart zurückzuholen. Allerdings bezweifelte sie, dass es ihm gefallen würde, wenn sie ihm sagte, ihre Sinne hätten in ihm einen Beschützer und Retter erkannt. Sie konnte es ja selbst nicht verstehen, so feindselig, wie er sich ihr gegenüber verhielt. Doch das Bild, wie er dort auf dem Pilotensitz saß, hatte etwas enorm Beruhigendes. Wie war das überhaupt möglich, angesichts des Konfliktes, der zwischen ihnen bestand? Lily konnte es nicht sagen. Sie wusste nur, dass etwas tief in ihr Marco als sicheren Hafen erkannte.

So lange schon sehnte sie sich nach einem solchen Menschen. Einem Menschen, der ihr zur Seite stand und sie beschützte. Doch das Leben hatte sie gelehrt, dass es eine solche Person nicht gab, dass sie selbst für ihren Schutz und ihre Sicherheit sorgen musste.

Deshalb war es jetzt auf eine geradezu grausame Art umso gefährlicher, ständig dieses Gefühl zu haben, dass Marco di Lucchesi Sicherheit und Schutz repräsentierte. Und dann war da noch dieses andere Gefühl – das Bewusstsein, dass Marco ein Mann war, der die Macht besaß, sie zu erregen.

Es war paradox, denn bisher hatte Sicherheit für Lily immer das völlige Fehlen von Sex und Erotik bedeutet. Sie hatte sich entschlossen, die eigene Sexualität zu verleugnen, um die Fehler ihrer hedonistischen Eltern zu vermeiden. Nun war sie Marco begegnet, und plötzlich, ohne dass sie es hätte verhindern können, hatte er anscheinend die Kontrolle sowohl über ihre Sicherheit als auch über ihre Sexualität übernommen. Sie hätte nicht sagen können, wie und wann das passiert war.

Nun, von ihm ging wohl keine Gefahr aus. Sie kannte ihn noch nicht lange, aber instinktiv wusste sie, dass er sich niemals erlauben würde, einem Verlangen nachzugeben, das einer Frau galt, die er nicht mochte.

Lilys Wangen begannen zu brennen, als ein jäher Stich sie durchzuckte. Sie erkannte es als pures Begehren. Nach Marco! Oh Gott, sie würde nie verstehen, wie das Schicksal so grausam zu ihr sein konnte!

Der Hubschrauber setzte zur Landung an. Bevor die Kufen den Boden berührten, hatte Lily ihre verräterischen Gefühle wieder unter Kontrolle gebracht. Diese Kontrolle schmolz jedoch dahin wie Schnee in der Sonne, als Marco sich umdrehte und sie anschaute.

Wenn die Dinge doch nur anders lägen … Wenn sie doch nur als Liebespaar hierher kämen … Wenn doch nur …

Dass solch alberne Gedanken tatsächlich durch ihren Kopf spukten, war unbegreiflich. Lily war nur dankbar, dass Marco keine Gedanken lesen konnte.

Unendlich dankbar.

4. KAPITEL

Der Flug war ohne Vorkommnisse verlaufen. Allerdings konnte Marco sich nicht erklären, warum er während der gesamten Dauer gegen das Bedürfnis hatte ankämpfen müssen, sich nach Lily Wrightington umzudrehen, um zu sehen, ob alles in Ordnung mit ihr war, obwohl er diese Frau doch derart verachtete.

Sie war keineswegs ein verletzliches Kind, auch wenn seine Fantasie ihm das aus einem unbegreiflichen Grund hatte vorgaukeln wollen. Nein, sie war eine amoralische Frau, die die Arglosigkeit anderer skrupellos ausnutzte. Dennoch achtete er beim Aussteigen aus dem Hubschrauber darauf, dass sie sicher an Land ging.

Weil es seine Pläne durcheinanderbringen würde, sollte sie aus irgendeinem Grund bei diesem Projekt ausfallen, deshalb. Das war nichts Persönliches.

Eine Limousine wartete, um sie zum Hotel zu bringen. Natürlich hatte Lily über die Villa d’Este gelesen, aber die Fotos in den Broschüren hatten die Eleganz nicht einfangen können. Kristalllüster, Marmorböden und vergoldete Ornamente verliehen dem Hotelfoyer schillernden Glanz.

Sie mussten nicht einmal am Empfang warten. Eine makellos zurechtgemachte Rezeptionistin in einer Hoteluniform, die sicherlich von einem führenden italienischen Designer entworfen worden war, führte sie sofort zu den reservierten Suiten.

„Die Suite Ihres Gastes bietet Aussicht auf den See, so wie von Ihnen gewünscht, Hoheit“, sagte die Rezeptionistin zu Marco. „Wenn Sie einen Blick hineinwerfen möchten …?“

Marco schüttelte den Kopf und wandte sich an Lily. „Treffen wir uns in einer halben Stunde unten in der Bar. Wir können beim Dinner den Ablauf des morgigen Tages besprechen.“

Lily nickte wortlos.

„Der Page wird gleich Ihr Gepäck bringen“, sagte die Hotelangestellte zu Lily. „Sollten Sie noch irgendetwas brauchen, sagen Sie ihm einfach Bescheid.“

„Danke.“

Während die Empfangsdame Marco zu seiner Suite am Ende des langen Korridors eskortierte, sah Lily sich in ihrer Suite um. Es war unsinnig, sich plötzlich so allein und verlassen zu fühlen, also ging sie auf Erkundung. Die Suite hatte die Größe eines kleinen Apartments mit einem Salon, einem großen Schlafzimmer und zwei Bädern. Der Luxus und die Eleganz waren überwältigend. Vom Schlafzimmer führten hohe Flügeltüren auf einen kleinen Balkon, gerade breit genug für einen Bistrotisch und zwei Stühle. Es war dunkel, und Lily konnte nicht viel sehen, aber sie dachte, dass der Blick auf den See einfach traumhaft sein musste. Auch jetzt war es geradezu märchenhaft. Der Mondschein und Tausende von Lichtern aus den Häusern entlang des Seeufers spiegelten sich auf der Wasseroberfläche.

Ein leises Klingeln an der Tür informierte sie, dass der Page mit ihrem Gepäck angekommen war. Sie ließ den Koffer von dem jungen Mann auf das Bett legen und verabschiedete ihn mit einem Trinkgeld.

Sie hatte sehr sorgfältig für diese Reise gepackt und auch ein klassisch-schlichtes schwarzes Kleid mitgebracht. Kombiniert mit der edlen schwarzen Strickjacke würde es die passende Garderobe für festlichere Abende sein. Tagsüber mussten Jeans, Hosen und eine Anzahl von Blusen und T-Shirts, ergänzt mit dezent-modischem Schmuck, reichen. Außerdem hatte Lily noch ihren Trenchcoat mitgebracht, nur für den Fall, dass es kühler werden sollte.

Da ihr keine halbe Stunde mehr bis zu dem Treffen mit Marco blieb, beschloss sie, sich nicht umzuziehen, und da sich der Knoten in ihrem Nacken bereits auflöste, nahm sie die Nadeln heraus und kämmte sich das Haar, bis es ihr weich über die Schultern fiel.

In der Bar wollte Marco sich gerade an den Tisch setzen und den morgigen Tagesplan durchgehen, als Lily im Eingang erschien. Sie trug noch immer das karamellfarbene Kleid, hatte nur eine schwarze Stola über die Schultern geschlungen. Das offene Haar wellte sich leicht um ihr feines Gesicht, sie wirkte elegant, ohne sich große Mühe zu geben. Es überraschte ihn nicht, dass viele der Gäste in der Bar, sowohl männliche als auch weibliche, einen genaueren Blick auf sie warfen.

Was ihn allerdings überraschte, war die Tatsache, dass sie die allgemeine Bewunderung gar nicht zu bemerken schien. Sie wirkte eher schüchtern als selbstsicher – bis sie ihn erblickte. Im gleichen Moment hob sie das Kinn und reckte die Schultern, wie jemand, der sich für eine Schlacht wappnete. Niemand, so gestand Marco sich ein, würde diese Frau mit einem schäbigen kleinen Fotostudio in Zusammenhang bringen.

Er schob den Stuhl zurück und richtete sich auf. „Möchten Sie noch einen Drink nehmen oder gleich zum Dinner übergehen?“

„Gleich zum Dinner, bitte“, antwortete Lily.

„Wie Sie wünschen.“ Ein unmerkliches Nicken von Marco rief den Oberkellner herbei, der sie zum Restaurant und an ihren Tisch führte.

„Nun, was halten Sie von diesem Haus?“, fragte Marco. Ihm war aufgefallen, wie genau sie sich umschaute.

„Die Einrichtung ist einfach aufsehenerregend. Eine Frau, die für ein romantisches Tête-à-Tête herkommt, sollte ihre Garderobe sehr genau auswählen, wenn sie in all der Pracht nicht verblassen will.“

„Für einen Mann, der eine Frau begehrt, ist die einzige Bedeckung, die sie braucht, ihre Haut. Nichts kann strahlender sein.“

Bei Marcos Worten begannen Lilys Wangen zu brennen. Hitze und Verlangen schossen in ihr auf. Sie war froh, dass sie sich an den Tisch setzen konnten, und in der gedämpften Beleuchtung hielt sie sich die Speisekarte vors Gesicht.

Während Marco ebenfalls in seine Karte starrte, verfluchte er sich still. Seine unüberlegte Bemerkung hatte verstörende Bilder in seinem Kopf hervorgerufen – Lily, nackt auf der seidenen Tagesdecke seines Bettes, ihre Haut schimmernd im warmen Lampenschein, die Brustwarzen ein zartes himbeerrot, das Dreieck über ihren Schenkeln golden. Ihre schlanken Beine, lang genug, ihn zu umschlingen …

Marco verfluchte sich … und sie. Wenn sie eine andere Frau wäre, wenn er nicht ihr wahres Gesicht kennen würde, dann wüsste er, was er in dieser Situation tun würde: sie in sein Bett holen. Er hatte noch nie Schwierigkeiten gehabt, willige Gespielinnen zu finden. Schließlich war sie nicht die erste Frau, für die er Begehren verspürte … doch noch nie war sein Verlangen so intensiv gewesen. Was war los mit ihm? Wieso konnte er den Hunger, den sie in ihm erweckte, nicht kontrollieren, ganz zu schweigen davon, ihn abstellen?

Die Erkenntnis, dass er dazu nicht in der Lage war, tat sich wie ein dunkler Abgrund vor ihm auf, und er versuchte mit verzweifelter Anstrengung, sich an Altvertrautes zu klammern, auf sicheres Gebiet zurückzuziehen. Hier wurden Fragen aufgeworfen, auf die es keine logischen Antworten gab, und Emotionen geweckt, von denen er nicht einmal geahnt hatte, dass er sie empfinden konnte. Es passte ihm nicht. Nein, es passte ihm ganz und gar nicht.

Marco war gewohnt, dass er seine Emotionen unter Kontrolle hatte. Er hielt sich an Fakten und Logik, mit unlogischen Emotionen konnte er nur schlecht umgehen. Am meisten rieb ihn auf, dass Lily sich weigerte, einem Schema treu zu bleiben. Er wusste doch, was sie war, und dennoch verhielt sie sich jetzt tatsächlich wie eine kultivierte Wissenschaftlerin.

Sollte er sich in ihr getäuscht haben? Aber das war doch nicht möglich …

Der einzige Grund, weshalb er ihr gegenüber Höflichkeit zeigte, war das Projekt. Er hatte seine Zustimmung gegeben, und an die Abmachung mit der Gesellschaft würde er sich halten. Zudem gebot ihm der Stolz, Lily weiterhin zu begleiten. Denn sonst müsste er sich ja eingestehen, dass er sich vor den Gefühlen fürchtete, die sie in ihm weckte.

Er legte die Speisekarte hin, und wie aus eigenem Willen wanderte sein Blick zu ihr hin. Das Restaurant war gut besucht, hier saßen viele schöne und erlesen angezogene Frauen, dennoch schien es Marco, als wäre Lily ihnen an Eleganz und Haltung haushoch überlegen. Aus dem Nichts schoss ihm der Gedanke in den Kopf, dass ein Mann stolz sein könnte, eine solche Frau als Ehefrau an seiner Seite zu haben – bestens ausgebildet, intelligent, schön und elegant. Doch stolz darauf, mit einer Frau verheiratet zu sein, der er nicht vertrauen konnte? Mit einer Frau, die ihr wahres Gesicht unter äußerer Schönheit versteckte?

Der Kellner wartete bereits eine Weile neben dem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.

„Als Vorspeise nehme ich die missoltini“, sagte Lily. Die an der Sonne getrockneten kleinen Fische waren eine Spezialität des Comer Sees. „Und danach das Risotto.“ Seit Jahrhunderten wurde in Italien Reis angebaut, Risotto war praktisch ein Nationalgericht.

„Für mich das Gleiche“, bestellte Marco. Er studierte die Weinkarte und schaute fragend zu Lily. „Was halten Sie von Valtellina? Ich weiß, es ist ein Rotwein, und wir fangen mit Fisch an, aber …“

Lily lachte leise auf. Es gefiel ihr, dass Marco fragte, anstatt zu bestimmen, welchen Wein sie trinken sollten. Ihr war auch klar, warum er ausgerechnet diese Sorte vorschlug. „Leonardo trank immer Valtellina. Wenn der Wein gut genug für ihn war, dann ist er bestimmt auch gut genug für mich“, lautete ihre Antwort.

Mit dieser Antwort hatte Marco gerechnet – deshalb hatte er gerade diesen Wein gewählt. Er gab die Bestellung an den Weinkellner weiter.

War das tatsächlich ein Lächeln auf Marcos Gesicht? fragte Lily sich still. So als amüsiere er sich über eine stille Anekdote. Er hatte ein einnehmendes Lächeln, warm und maskulin zugleich, das Grübchen auf seine Wangen brachte und eine Reihe perfekter weißer Zähne sehen ließ. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, dann jedoch breitete sich eine dumpfe Leere in ihrer Brust aus.

Weil dieses Lächeln nicht ihr galt?

Als der Wein gebracht wurde, war sie froh um die Ablenkung. Das hielt sie davon ab, genauer über ihre Reaktion auf Marco nachzudenken.

„So sieht der Plan aus: Morgen fangen wir bei der Villa Balbiannello an. Ich habe eine private Führung für Sie organisiert. Zu den meisten Häusern, die wir besuchen werden, erhält die Öffentlichkeit nur eingeschränkt Zugang, wie Sie wissen.“ Beim Kaffee nach dem Essen setzte Marco Lily über die Arrangements für den nächsten Morgen in Kenntnis. „Wir werden morgen sehr früh losfahren, deshalb würde ich mich jetzt gerne zurückziehen. Ich habe noch etwas Arbeit zu erledigen. Es sei denn natürlich, Sie hätten gern noch einen Kaffee …“

War das etwa Enttäuschung, die sie verspürte? Unsinn. Lily zwang sich, den Kopf zu schütteln. „Wenn ich noch mehr Kaffee trinke, kann ich sicher nicht einschlafen.“

Eigentlich müsste sie hundemüde sein, schließlich war es ein langer und anstrengender Tag gewesen. Stattdessen meinte sie, vor nervöser Energie zu bersten. Vermutlich lag es daran, dass sie sich auf einer emotionalen Achterbahnfahrt befand, seit sie Marco begegnet war.

Sie hatten sich relativ früh zum Dinner gesetzt, das Restaurant war noch immer voll, als sie es verließen. Auf dem Weg zum Ausgang erklang ein höchst erfreuter Gruß von einem der Tische. Er kam von einer fantastisch aussehenden Brünetten, die mit einer größeren Gesellschaft zusammensaß.

„Marco! Ciao!

Es wunderte Lily nicht, dass er stehen blieb, als die Brünette aufstand und auf ihn zutrat. Die Frau hatte die perfekte weibliche Figur, mit üppigen Kurven und einer Wespentaille. Lily murmelte nur ein Höfliches: „Gute Nacht“, und ging weiter. Es war offensichtlich, dass die Freude der Frau über diese unerwartete Begegnung nicht ihr galt.

Mit der Schlüsselkarte für ihre Suite in der Hand trat Lily in den Vorraum. Eine größere Gruppe steuerte gerade das Restaurant an. Leute aus der Modebranche, wie Lily sofort erkannte – ältere Männer, dünne junge Models und eine Handvoll erlesen gestylter Frauen, vermutlich die Redakteurinnen exklusiver Modemagazine. In der Gesellschaft solcher Leute hatte Lily sich nie wohlgefühlt, sie erinnerten sie zu sehr an die Vergangenheit. Prompt zog sich ihr Magen zusammen, und sie wollte nur so schnell wie möglich an ihnen vorbeikommen.

Doch plötzlich wurde ihr der Weg verstellt. Ärger, Ekel und – viel schlimmer – maßlose Angst überkamen sie, als sie das schmierige Grinsen erkannte.

Anton Gillman! Der Mann, den zu fürchten sie allen Grund hatte! Sie wollte sich abwenden und wegrennen, doch sie konnte sich nicht rühren.

Er legte eine Hand auf ihren Arm, sein alkoholisierter Atem strömte ihr ins Gesicht. „Lily, was für eine nette Überraschung! Du bist ja richtig groß geworden. Es ist lange her, nicht wahr? Es müssen inzwischen … wie lange … zwölf Jahre sein?“

Mit Absicht redete er zu ihr wie mit einem Kind, er wusste genau, was er ihr damit antat. Die Versuchung, ihn zu korrigieren, war stark, doch Lily widerstand. Es war dreizehn Jahre her, aber er sollte nicht wissen, dass sie sich noch immer erinnerte.

Jemand stieß sie an, die Schlüsselkarte rutschte ihr aus den Fingern. Bevor sie sich bücken konnte, um die Karte aufzuheben, kam Anton ihr blitzschnell zuvor. Er prägte sich die Zimmernummer genau ein, bevor er Lily die Karte zurückgab. „Wenn das eine Einladung sein soll …“, meinte er heimtückisch.

Ein Schauder kroch ihr über die Haut. Sie riss ihm die Karte aus der Hand. „Nein, ganz bestimmt nicht. Du weißt genau, ich würde nie …“ Sie erstickte fast an den Worten, ihre Stimme wollte versagen. Es überlief sie heiß und kalt, als hätte sie Fieber.

Doch Anton schien nur amüsiert. Lachend schüttelte er den dunklen Schopf. „Man sollte niemals nie sagen, meine liebe Lily. Zwischen uns gibt es noch unvollendete Dinge. Es würde mir enormes Vergnügen bereiten, zu Ende zu führen, was wir angefangen haben, vor allem in einer so unbestreitbar reizvollen Umgebung.“

Die Gruppe, mit der er gekommen war, hatte längst im Restaurant Platz genommen. Allein mit dem Mann fühlte Lily sich wieder wie vierzehn.

„Ich bin inzwischen siebenundzwanzig“, sagte sie, als müsse sie sich selbst daran erinnern. „Also viel zu alt für einen Mann mit deinen Vorlieben.“

Die Gier, die schon damals in seinen Augen gestanden hatte, war auch jetzt wieder in seinem Blick zu sehen. „Ah, Lily … du gefällst mir noch immer. Weißt du nicht, dass man einer verpassten Gelegenheit immer nachtrauert? Bist du allein hier?“

Lily zögerte nur einen Sekundenbruchteil. „Nein.“ Sie wusste, es war zu lange gewesen, als sie sein leises Lachen hörte.

„Jetzt lügst du mich auch noch an“, meinte er gespielt enttäuscht. „Wie süß, dass du noch immer Angst vor mir hast. Das macht es umso reizvoller für mich, wenn ich dich dann in Besitz nehme. Und ich werde dich in Besitz nehmen, Lily, das bist du mir nämlich schuldig.“ Sein boshaftes Lächeln versetzte Lily in Panik. „Suite sechzehn also?“

Vom Restaurant aus beobachtete Marco die Szene im Vorraum mit wachsender Verachtung. Lily und dieser Mann kannten sich offensichtlich sehr gut, so nah, wie sie beieinanderstanden. Der Mann, auffällig modisch angezogen, musste gut zwanzig Jahre älter sein als sie.

„Marco“, beschwerte sich Izzie Febretti an seiner Seite, „du hörst mir gar nicht zu.“

„Ich bin sicher, dein Mann wird dir mit Freuden seine gesamte Aufmerksamkeit schenken, Izzie“, meinte er leicht süffisant. „Entschuldige mich bitte.“ Damit wandte er sich zum Gehen.

Vor langer Zeit waren Izzie und er einmal ein Paar gewesen. So, wie Lily und dieser Mann? Warum versetzte ihm diese Vorstellung einen solch scharfen Stich?

„Anton, komm schon!“, rief einer der anderen Männer aus der Gruppe. Als Anton sich umwandte, nutzte Lily die Gelegenheit zur Flucht.

Erleichterung verschaffte es ihr dennoch nicht, als sie mit weichen Knien durch den Korridor eilte. Anton Gillman hielt sich nicht nur im gleichen Hotel auf, dank ihrer Ungeschicklichkeit kannte er auch noch ihre Zimmernummer. Er hatte es genossen, sie einzuschüchtern und ihr zu drohen. So, wie es ihm schon immer ein krankes Vergnügen bereitet hatte, jungen Mädchen nachzustellen und sie letztendlich zu zerstören.

„Ein alter Freund?“

Marcos Stimme drang durch den dichten Schleier der Angst, der sie umhüllte. Lily fuhr herum. Sie schluckte schwer und musste sich räuspern.

„Wenn Sie mich entschuldigen wollen … ich bin müde.“ Ihre Lippen bebten leicht. „Gute Nacht.“

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