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JULIA EXTRA, BAND 349

SANDRA MARTON

Liebesurlaub in der Karibik

Self-Made-Milliardär Rio D’Aquila hält sich für wunschlos glücklich. Bis eine wunderschöne Frau sein Anwesen betritt, die ihn mit einem bezaubernden Lächeln ahnen lässt, was ihm fehlt …

SUSAN STEPHENS

In den Armen des Argentiniers

Zu Nero Caracas sagt man niemals Nein! Doch genau dieses Wort will Amanda dem Polochampion wütend entgegenschleudern. Denn der sexy Argentinier verlangt von ihr etwas Unerhörtes …

KIM LAWRENCE

Hilfe, mein Boss ist ein Traummann!

Diese roten Locken, diese tolle Figur – was ist nur mit ihm los? Bis Libby Marchant in seinem Unternehmen aufgetaucht ist, hat Rafael niemals an so etwas Unprofessionelles wie eine Büroaffäre gedacht …

NIKKI LOGAN

Insel der sinnlichen Träume

Glück im Unglück: Rob erleidet Schiffbruch, aber rettet sich auf eine Trauminsel mit einer Bikini-Schönheit! Fast wie im Paradies – wäre diese Honor Brier nicht so kühl, als sei er am Nordpol gestrandet …

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1. KAPITEL

Rio D’Aquila war reicher, als die meisten Menschen sich vorstellen konnten. Er wurde von allen gefürchtet, die einen Grund hatten, ihn zu fürchten, und er war so attraktiv, wie ein Mann es sich nur wünschen konnte.

Nicht, dass sein Aussehen ihm etwas bedeuten würde. Wichtig war allein, wer er war. Oder besser, zu wem er geworden war.

Er war in den Slums von Neapel aufgewachsen. Mit siebzehn hatte er sich als blinder Passagier auf einen brasilianischen Frachter geschmuggelt. Als die Crew ihn entdeckte, rief sie ihn „Rio“, weil das der Zielhafen des Schiffes war. Das „Aquila“ hängten die Seeleute daran, weil der Halbwüchsige mit der Gereiztheit eines Adlers auf ihre derben Späße reagierte. Rio D’Aquila gefiel dem Jungen besser als Matteo Rossi – diesen Namen hatten ihm die Nonnen im Waisenhaus gegeben.

Heute war er zweiunddreißig und der namenlose Junge von einst nur noch eine schwache Erinnerung. Rio bewegte sich in einer Welt, in der Geld und Macht als Selbstverständlichkeit galten und von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Von seinen Eltern jedoch hatte Rio nichts als das schwarze Haar, die dunkelblauen Augen, ein markantes Gesicht und einen Meter neunzig Körpergröße geerbt. Alles andere, was er besaß – Villen, Autos, Flugzeuge und das Unternehmen Eagle Enterprises, das Weltruf genoss –, hatte er sich selbst erarbeitet.

Es machte den Erfolg umso süßer, wenn man bei null anfing und bis zur Spitze gelangte. Falls es überhaupt einen Nachteil gab, dann den, dass dieser Erfolg Aufmerksamkeit erregte.

Zuerst hatte Rio das Interesse an seiner Person genossen. Als er anfangs die Times aufgeschlagen und seinen Namen im Wirtschaftsteil gelesen hatte, da hatte er sich gut gefühlt. Inzwischen war er es nicht nur leid, sondern ihm war längst klar, wie bedeutungslos es war. Wenn jemand in den Top Ten der Forbes-Liste stand, reichte allein seine Existenz für Schlagzeilen. Wenn dieser Mann dann auch noch Junggeselle war, fiel er augenblicklich in die Kategorie „begehrt“. Spätestens dann legte jede Frau es darauf an, sich seinen Namen, seinen Status, sein Geld zu angeln. Damit war die Privatsphäre eines Mannes endgültig zerstört.

Rio legte großen Wert auf seine Privatsphäre. Ihm war gleich, was die Leute über ihn sagten und ob sie ihn brillant oder skrupellos nannten. Er hielt sich an seinen eigenen Ehrenkodex: Ehrlichkeit, Entschlossenheit, Logik. Mit beachtlicher Konsequenz konzentrierte er sich auf sein Ziel und kontrollierte seine Emotionen. Vor allem Letzteres war unerlässlich.

Doch heute, an diesem heißen Augustnachmittag, hatte selbst er die Kontrolle über seine Emotionen verloren.

Er war, gelinde ausgedrückt, stinksauer.

Wenn ihn ein Businessdeal frustrierte, ging er normalerweise in seinen Boxklub in Manhattan und reagierte sich bei ein paar Runden im Ring mit seinem Sparringpartner ab. Doch er war nicht in New York, sondern in Southampton auf Long Island, an der exklusiven South Shore. Hier suchte er nach dem immer schwerer zu erreichenden Zustand, den man allgemein Ruhe nannte, und, verdammt, dieses kostbare Gut würde er sich nicht von irgendeinem Typen namens Izzy Orsini kaputt machen lassen!

Darum versuchte er seit einer guten Stunde, sein Temperament mit einem Spaten abzukühlen. Wenn seine Geschäftspartner ihn jetzt sehen könnten … Rio D’Aquila in Jeans, T-Shirt und Arbeitsstiefeln in einem Graben stehend und Erde schaufelnd?

Schon früher hatte er Gräben ausgehoben, auch wenn niemand in seiner Welt davon wusste. Und obwohl er das heute keineswegs vorgehabt hatte, war es immer noch besser, als mit jeder Minute wütender zu werden.

Noch vor zwei Stunden hatte er gute Laune gehabt. Er war früh angekommen, hatte die kleine Sportmaschine selbst geflogen und war am Flughafen in Easthampton in den Chevy Silverado umgestiegen, den sein Verwalter für ihn bereitgestellt hatte.

Southampton war ein pittoreskes Städtchen, und an einem Freitagmorgen war hier nicht viel los. Mit dem Mann, der den Infinity-Pool für ihn anlegte, hatte Rio in einem kleinen Café gefrühstückt. Sie hatten sich über die Größe und die Form des Pools unterhalten. Ein angenehmes Gespräch, genauso angenehm wie die Tatsache, dass Rio in einem Café sitzen konnte, ohne sofort ungewollte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Deshalb hatte er das Wochenendhaus auch hier bauen lassen, auf fast drei Hektar aberwitzig teurem Land direkt am Meer. Hier interessierte sich nämlich niemand für Berühmtheiten. Glaubte man den Medien, so war Rio eine Berühmtheit. Hier jedoch konnte er einfach er selbst sein. In einem Café sitzen, durch die Stadt schlendern, sich in einem Baumarkt Werkzeuge ansehen und so tun, als wollte er sie wirklich kaufen. Für einen Mann, den ständig eine Phalanx von Leibwächtern umringte, war es das Paradies.

Früher hatte er mit solchen Werkzeugen seinen Lebensunterhalt verdient. So naiv, dass er behaupten würde, körperliche Arbeit garantiere einen anständigen Charakter, war er nicht, aber das einfache Leben besaß durchaus seinen Reiz.

Im Laufe des Vormittags traf er sich noch mit dem Sicherheitsmann, der ein hypermodernes Alarmsystem im Haus und rund um das Grundstück installiert hatte. Sie saßen vor einer kleinen Eisdiele unter dem Sonnenschirm, und Rio versuchte sich vergeblich zu erinnern, wann er das letzte Mal einen Erdbeerbecher gegessen hatte.

Er fühlte sich … entspannt und musste sich regelrecht zwingen, dem Thema zu folgen. Es gab ein Problem mit der Sprechanlage.

„Gleich am Montagmorgen kümmere ich mich darum“, versicherte der Sicherheitsmann.

Gegen Mittag fuhr Rio zu seinem Haus. Die Auffahrt war noch nicht gepflastert, und der Wagen rumpelte durch tiefe Rillen, aber nichts konnte Rios Stolz schmälern, den er schon jetzt für das Haus empfand.

Es war genau so geworden, wie er es sich vorgestellt hatte: helles Holz und viel Glas. Ein Zufluchtsort, an den er sich zurückziehen und die Ellbogenwelt für eine Weile vergessen konnte.

Der Projektleiter, den Rio beauftragt hatte, wartete bereits auf ihn. Sie hatten ein paar kleinere Dinge zu besprechen. Anschließend würden sie gemeinsam die Gespräche mit den drei, nein, vier Landschaftsgärtnern führen, die die Begrünung der Terrasse an der Rückseite des Hauses und der beiden Decks übernehmen sollten. Rio hatte sehr genaue Vorstellungen von dem, was er haben wollte. Wer immer den Job bekam, würde akzeptieren müssen, dass der Auftraggeber sich aktiv an der Planung beteiligte. Genau wie er auch bei der Planung des Hauses entscheidend mitgearbeitet hatte.

Der Verwalter war noch da. „Ich habe mir erlaubt, den Kühlschrank aufzufüllen. Nicht viel, nur Frühstück – Speck, Eier, Brot. Ach ja, und ein paar Steaks, Maiskolben und Tomaten. Für den Fall, dass Sie über Nacht bleiben wollen“, informierte er seinen Chef.

Rio dankte ihm, obwohl er nicht vorhatte, über Nacht zu bleiben. Er hatte schon zwei Meetings verschieben müssen, um überhaupt herkommen zu können. Heute war der einzige Tag, an dem alle drei Landschaftsgärtner Zeit für ein Bewerbungsgespräch hatten.

Vier. Es waren vier Bewerber. Warum vergaß er das ständig? Wahrscheinlich weil er den vierten gar nicht erst sprechen wollte. Freundschaft und Geschäft vertrugen sich nicht, aber wenn ein guter Freund eine Empfehlung für seinen Cousin oder Onkel – oder wer auch immer dieser Izzy Orsini war – aussprach, dann machte man eine Ausnahme und sah sich den Mann wenigstens an.

Mit dem Lunchpaket, das seine Haushälterin in Manhattan vorbereitet und in eine Kühltasche gepackt hatte, stieg Rio aus dem Wagen. Es war ein luxuriöser Lunch – Roastbeef auf Baguette, Cheddar, frische Erdbeeren, Buttergebäck, eine Flasche Prosecco. Und natürlich Leinenservietten, langstielige Weingläser und echtes Porzellan.

Die beiden Männer mussten lachen. Bier und deftiges Bauernbrot hätten besser gepasst, schließlich saßen sie auf umgestülpten Eimern und benutzten einen Sägebock als Tisch. Trotzdem ließen sie es sich bis zum letzten Krümel schmecken.

Kurz darauf trafen die drei Gärtner ein, einer nach dem anderen, pünktlich zur verabredeten Zeit. Alle kamen aus der Gegend, alle waren sehr professionell und bemüht, den lukrativen Auftrag zu erhalten. Sie hatten Portfolios und Pflanzenkataloge dabei und legten detaillierte Vorschläge vor.

Jeder der drei Männer hörte genau zu, als Rio ihnen erklärte, was sie bereits wussten. Er wollte Terrasse und Decks so natürlich wie möglich bepflanzen, mit Büschen und Hecken, passend zur Flora der Landschaft. Vielleicht ein paar Blüher oder Stauden. Obwohl er zugab, nicht viel vom Gärtnern zu verstehen, hatte er ein genaues Bild seines Gartens vor Augen.

„Die Terrasse soll nahtlos an die Felder hinter dem Haus anschließen. Können Sie sich vorstellen, wie das aussehen soll?“

Jeder Bewerber nickte und zeichnete ein paar Ideen auf den mitgebrachten Skizzenblock. Zwar gab keine der Skizzen genau das wieder, was Rio sich wünschte, aber er war dennoch sicher, dass jeder der drei mehr als zufriedenstellende Arbeit leisten würde.

Drei exzellente Landschaftsgärtner. Nur war da noch der vierte. Der Projektleiter verstand Rios Situation. Der Freund eines Freundes, er kannte das. Allerdings verspätete sich dieser Freund. Die beiden Männer warteten zusammen.

Nach einer Weile sah Rio verärgert Richtung Straße. „Der Mann sollte es eigentlich besser wissen und nicht gleich zum Vorstellungsgespräch zu spät kommen.“

„Vielleicht hat er ja eine Panne“, warf der Projektleiter ein.

Weitere zehn Minuten vergingen. Verdammt, dachte Rio, wenn ich neulich nicht auf diese Party gegangen wäre, müsste ich jetzt nicht warten.

Vor ein paar Wochen hatten Dante Orsini und seine Frau Gabriella einige Leute in ihr Penthouse eingeladen. Rio hatte seine aktuelle Geliebte als Begleitung mitgenommen.

Irgendwann hatte sie sich entschuldigt, um zur Toilette zu gehen – „für kleine Mädchen“, hatte sie kichernd gesagt. Dante hatte unauffällig die Augen verdreht, Rio einen neuen Drink in die Hand gedrückt und ihn auf die Terrasse geführt, wo es weniger laut war.

„Für kleine Mädchen also, was?“

Rio hatte gelacht. „Alle guten Dinge gehen irgendwann zu Ende.“

Und Dante, der sich noch gut an seine Junggesellenzeit erinnerte, hatte sein Lachen wissend erwidert.

Sie stießen mit Bourbon an.

„Wie ich höre, baust du dir ein Haus in den Hamptons“, wechselte Dante dann das Thema.

New York war groß, aber in den Kreisen, in denen Dante und Rio verkehrten, machten Neuigkeiten schnell die Runde.

„Ja, in Southampton. Letzten Sommer habe ich dort einen Freund besucht, Lucas Viera. Er hat ein Haus direkt am Strand. Sehr ruhig, sehr abgeschieden. Es gefiel mir sehr gut. Und darum …“

„Darum“, Gabriella Orsini trat zu ihnen und hakte sich lächelnd bei ihrem Mann unter, „brauchst du jetzt einen Gärtner, richtig?“

Verwundert sah Rio sie an. Dann nickte er. „Sicher, irgendwann schon.“

„Wir kennen da zufällig einen wirklich genialen Gärtner“, fuhr Gabriella fort.

Zu Rios Überraschung lief Dante rot an.

„Izzy“, führte Gabriella weiter aus und deutete auf die blühenden Pflanzenkübel, die überall auf der Terrasse standen. „Das ist Izzys Werk. Genial, nicht wahr?“

Rio sah sich die Bepflanzung genauer an. Genial vielleicht nicht, dachte er, aber es sieht natürlich aus, was bei einer zweistöckigen Penthousewohnung auf dem Dach eines Hochhauses nicht leicht zu erreichen gewesen sein dürfte.

„Also, Izzy versucht gerade, sich zu vergrößern …“, druckste Dante herum, um sofort von seiner Frau unterbrochen zu werden.

„Und wir sind uns nicht zu schade für ein wenig Vetternwirtschaft, nicht wahr, Liebling?“

Da war der Groschen gefallen. Sein Geschäftsfreund, genauer gesagt die Frau seines Freundes, wollte einem Verwandten den Job zuschustern. Es musste ein Cousin oder ein Onkel sein, denn es gab nur vier Orsini-Brüder. Rio hatte sie alle schon einmal getroffen, keiner von ihnen hieß Izzy.

Die Terrassenbepflanzung sah gut aus. Und Rio mochte Dante und Gabriella. Außerdem stammte Gabriella aus Brasilien, seiner Wahlheimat. Darum gab Rio seinem Projektleiter Izzy Orsinis Adresse, als es darum ging, sich um einen Gärtner zu kümmern.

Doch Izzy Orsini kam nicht.

Der Projektleiter spähte immer wieder verstohlen auf seine Armbanduhr. Irgendwann reichte es Rio. Er sagte dem Mann, dass er ruhig gehen könnte. „Sie haben sicher Besseres zu tun, als hier auf jemanden zu warten, der nicht auftaucht.“

„Sind Sie sicher, Mr D’Aquila? Ich meine, ich kann auch …“

„Ich heiße Rio, das wissen Sie. Und ja, ist überhaupt kein Problem. Ich bleibe noch eine Weile, nur für den Fall.“

Das war vor zwei Stunden gewesen.

„Merda“, murmelte Rio und hieb den Spaten ins Erdreich. Je tiefer der Graben wurde, desto heftiger schäumte seine Wut. Langsam gingen ihm die Entschuldigungen für Dantes Cousin aus. Vielleicht hatte Orsini sich in der Zeit geirrt, vielleicht hatte er eine Panne gehabt, vielleicht hatte die Großtante Herzflattern bekommen … aber das waren alles keine Gründe, nicht anzurufen und Bescheid zu sagen!

Okay, jetzt habe ich genug Zeit verschwendet. Es wird unangenehm, Dante und Gabriella zu erzählen, dass Izzy Orsini es verbockt hat, aber so ist es nun mal!

Ein Pelikan flog auf den Ozean hinaus. Rio legte den Kopf in den Nacken und sah ihm nach. Er hatte dieses Stück Land gekauft, um sich hier zu entspannen. Im Moment war er meilenweit von Entspannung entfernt.

Über diesen Trottel nachzudenken, der sich einen guten Job durch die Finger gehen ließ, machte ihn wütend. Als er damals angefangen hatte, hätte er sich eine solche Möglichkeit nie entgehen lassen. Im Gegenteil: Er hätte sich überschlagen für einen gut bezahlten Job mit Potenzial für mehr. Kein Wunder, dass Gabriella diesen Orsini antrieb. Allein brachte der Mann offenbar nichts zustande.

Rios Muskeln schmerzten, die Haut an den Fingerknöcheln war abgeschürft, und unter seinen manikürten Fingernägeln saß ein dunkler Rand. Ehrlich gesagt hatten die zwei Stunden Graben ihm Spaß gemacht. Körperliche Arbeit hatte den gleichen Effekt wie der Boxring. Aber genug war genug.

Schweiß lief ihm über die Stirn. Er zog sich das T-Shirt über den Kopf und wischte sich damit übers Gesicht.

Die Sonne stand schon tief am Himmel. Er sollte losfahren. Aber in der Stadt wäre es laut und stickig … der Ozean lockte …

Spontan traf Rio eine Entscheidung. Er würde doch über Nacht bleiben und schwimmen gehen. Der größte Teil des Hauses war bereits möbliert, und dank seines Verwalters hatte er Steaks und Wein im Kühlschrank. Perfekt!

Die Klingel am Tor läutete. Er erwartete niemanden … Oder doch, das musste dieser Orsini sein. Der Trottel war also tatsächlich noch gekommen – drei Stunden zu spät.

Fast hätte Rio gelacht. Nerven hatte der Mann, das musste man ihm lassen. Nur würde er ihm jetzt nicht mehr öffnen. Der Arbeitstag war vorbei, der Abend gehörte ihm.

Es klingelte wieder. Rio verschränkte die Arme vor der Brust und rührte sich nicht.

Dann läutete es ein drittes Mal, diesmal ausdauernd und aufdringlich. Orsini musste den Daumen auf den Knopf halten.

Cristo! Wie wurde er den Typen nur wieder los?! Wütend marschierte Rio zur Sprechanlage.

„Was?“, knurrte er in den Lautsprecher.

Außer Rauschen und Kratzen war nichts zu hören. Na schön, wenn Orsini reinwollte, dann sollte er reinkommen und eine Lektion in Sachen Pünktlichkeit erteilt bekommen. Rio drückte den Knopf, der das Tor öffnete.

Er warf das zusammengeknüllte T-Shirt beiseite, marschierte quer durchs Haus zur Vordertür, wobei seine schmutzigen Arbeitsschuhe auf dem ganzen Weg Dreck auf dem glänzenden Marmorboden zurückließen.

„Verdammt“, schnauzte er, riss die Haustür auf – und verstummte.

Eine Gestalt lief über die ungepflasterte Auffahrt. Zumindest versuchte sie zu laufen, doch wie schnell konnte man schon mit Stilettos über einen unebenen Feldweg hasten?

Sein Besucher war also nicht Izzy Orsini, sondern eine Frau. Eine junge Frau, Mitte zwanzig vielleicht und aufgemacht, als wollte sie in ein Vorstandsmeeting: graues Kostüm und weiße Bluse, das dunkle Haar streng aus dem Gesicht gekämmt. Wie eine Reporterin sah sie nicht aus, aber … wer immer sie war, sie hatte hier nichts verloren.

„Drehen Sie gleich wieder um, und verschwinden Sie“, rief er ihr donnernd entgegen. Doch seine Aufforderung zeigte keinerlei Wirkung. „Ich sagte …“

„Mr D’Aquila erwartet mich.“

Sie war definitiv keine Reporterin, sonst würde sie ihn erkennen, selbst ohne T-Shirt und in Jeans. Aber ganz offensichtlich log sie.

Rio lächelte dünn. „Ich versichere Ihnen, Madam, das wäre ihm neu.“

Inzwischen war sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Erst jetzt sah Rio, dass in ihrem Rock ein Riss klaffte, auf ihrer Bluse ein großer Schmutzfleck prangte und die Stilettos voller Lehm waren. Auch die strenge Frisur saß lange nicht so akkurat, wie er anfangs geglaubt hatte. Dunkle Strähnen lockten sich um das Gesicht der Frau.

Es war ein interessantes Gesicht – herzförmig, mit hohen Wangenknochen und großen grünen Augen. Wie eine Katze, dachte er.

Wenn sie in einen Unfall verwickelt war, dann verlangte die Menschlichkeit, dass er ihr …

„Ich glaube eher, dass Ihr Benehmen ihm neu sein wird“, sagte Isabella Orsini. Sie hoffte inständig, dass ihre Stimme fest genug klang, denn innerlich bebte sie. Nach allem, was sie heute durchgemacht hatte, würde sie sich nicht von dem halb nackten, viel zu gut aussehenden – wenn man denn dumm genug war, sich davon beeindrucken zu lassen – Handlanger eines überreichen, selbstherrlichen Affen aufhalten lassen.

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann zog Mr Halbnackt eine Augenbraue in die Höhe.

„Tatsächlich …“ Er sprach leise, nahezu freundlich, trotzdem begann Izzys Herz wie wild zu klopfen.

„Ja, tatsächlich“, erwiderte sie mit all der Überheblichkeit, die sie zusammenklauben konnte.

„In dem Fall“, Mr Halbnackt schnurrte jetzt geradezu, „ist es wohl besser, wenn Sie hereinkommen.“

2. KAPITEL

Ein halb nackter Mann. Ein abgelegenes Haus. Die Aufforderung, durch die offene Tür zu treten.

Izzy schluckte. Wollte sie das? Sie war noch nie besonders risikofreudig gewesen. Jeder wusste das, sogar ihr Vater, der eigentlich so gut wie nichts über seine Kinder wusste.

„Wie ich höre, spielst du mit dem Gedanken, den Auftrag für einen neuen Kunden zu übernehmen, Isabella“, hatte er während des obligatorischen sonntäglichen Familiendinners in der Stadtvilla der Orsinis gesagt. „Das wirst du nicht tun. Du wirst nicht für Rio D’Aquila arbeiten.“

Dabei hatte er sie mit seinem „Ich bin das Familienoberhaupt“-Blick angesehen. Allerdings zeigte dieser Blick bei denen, die ihn als don der mächtigsten famiglia der Ostküste fürchteten, wesentlich mehr Wirkung als bei seinen Söhnen und Töchtern.

„Und weshalb nicht?“, entgegnete sie kühl.

„Ich kenne ihn. Und was ich von ihm weiß, gefällt mir nicht. Deshalb steht es völlig außer Frage, dass du dich zu seiner Dienstbotin machst.“

Wenn die Art, wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente, nicht ein ewiger Streitpunkt zwischen ihnen wäre, hätte Isabella gelacht. „Ich bin kein Dienstbote, sondern Gartenbauarchitektin mit Universitätsabschluss.“

„Du bist Gärtnerin.“

„Richtig. Und selbst wenn du es als Dienstbote bezeichnest … es ist nichts Unehrenhaftes daran, Koch oder Haushälterin zu sein.“

„Die Orsinis verbeugen sich vor niemandem, Isabella. Ist das klar?“

Nichts war klar, vor allem nicht, wie ihr Vater erfahren hatte, dass sie von einem Milliardär, von dem sie bis vor zwei Wochen noch nie gehört hatte, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden war. Und dass Cesare sich tatsächlich einbildete, sie würde seine Anordnungen befolgen …

Falls überhaupt, hatte Cesares Kommentar sie erst dazu gebracht, das Angebot in Erwägung zu ziehen. Und so stand sie also nun hier in Southampton, das ihr vorkam wie ein fremder Planet, Stunden zu spät für ein wichtiges Bewerbungsgespräch. Ihr Auto lag irgendwo eine halbe Ewigkeit von hier entfernt im Graben, und ihr Aufzug war eine einzige Katastrophe. Wunderte es da, wenn sie ernsthaft überlegte, ob sie mit einem halb nackten Mann – einem umwerfend aussehenden halb nackten Mann – in ein Haus von der Größe eines Flugzeughangars eintreten sollte?

„Was ist nun? Kommen Sie herein, oder sind Sie sich nicht mehr sicher, ob Mr D’Aquila Sie erwartet?“

Der Verwalter – oder was immer er war – musterte sie amüsiert. Von wegen amüsiert … es war die pure Häme! Wie schön, wenn ich zur allgemeinen Erheiterung beitragen kann, dachte Isabella und richtete sich zu ihrer vollen Größe von leider gerade mal einem Meter fünfundsechzig auf.

„Ich bin mir eigentlich immer sicher.“ Hatte sie das tatsächlich gerade gesagt?

Wie von allein setzten sich ihre Füße in Bewegung und führten sie an dem Mann vorbei ins Haus. Als die schwere Holztür hinter ihr ins Schloss geschlagen wurde, zuckte Isabella leicht zusammen.

Großer Gott, das Foyer ist riesig!

„Ja, das ist es, nicht wahr?“

Sie schwang herum. Mr Halbnackt stand direkt hinter ihr, die Arme vor der Brust verschränkt. Es war eine sehr beeindruckende Brust. Wie von selbst ging ihr Blick auf Wanderschaft …

„Sie meinten doch das Foyer, oder?“ Ein spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen.

Habe ich etwa laut gedacht? Offenbar. Alles? Sie kniff die Augen zusammen. Der Mann amüsierte sich auf ihre Kosten!

Wirklich verübeln konnte sie es ihm nicht. Er mochte vielleicht nur halb angezogen sein, aber sie … sie war das wandelnde Desaster.

Alles an ihr war entweder zerrissen, voller Flecke oder mit Straßenstaub bedeckt. Dabei hatte sie vor ein paar Stunden noch absolut perfekt ausgesehen. Zumindest so perfekt wie möglich. Sie hatte mehr Zeit darauf verwandt, sich für das Gespräch zurechtzumachen, als sie je für irgendeine Verabredung gebraucht hatte.

So stimmte das nicht ganz. Ihre Schwester Anna hatte das Regiment übernommen und entschieden, dass Kostüm und Seidenbluse statt Jeans und T-Shirt für ein solches Treffen angebracht waren. Beides hatte sie sofort aus ihrem Kleiderschrank geholt und Izzy zur Verfügung gestellt.

Außerdem trug Isabella keine flachen Schuhe wie üblich, sondern Pumps – mit so hohen Absätzen, dass sie kaum darauf laufen konnte. Vor allem nicht die Meilen, die sie hinter sich hatte bringen müssen, nachdem das dumme Kaninchen auf die Straße gehüpft und Isabella beim Ausweichen im Graben gelandet war.

Oh Gott, der Wagen!

Daran durfte sie jetzt nicht denken. Nein, sie würde sich ganz auf die Möglichkeit konzentrieren, die sich ihr auftat. Endlich bekam sie die Chance, aus „Growing Wild“ – einem winzigen Laden, nicht mehr als ein Schaufenster auf einer Straße in einer keineswegs gehobenen Gegend – ein elegantes Gartencenter in SoHo oder Greenwich Village zu machen. Vielleicht sogar in der Upper East Side …

Doch so weit würde sie wohl nie kommen. Außerdem mochte sie ihre Nachbarschaft. Aber wenn sie mit ihrem kleinen Gartenbaubetrieb weiterkommen wollte, brauchte sie ein paar große Kunden. Das war ein weiterer Grund, weshalb sie zu dem Gespräch mit Rio D’Aquila gekommen war, einem Mann, den die Medien als unnahbar, kalt und herzlos beschrieben.

Mit den Reichen zu tun zu haben konnte unangenehm sein. Die meisten Leute mit Geld waren egoistisch, übertrieben selbstzufrieden und scherten sich keinen Deut um andere.

„Nicht alle“, hatte Anna dagegengehalten.

Das stimmte. Ihre Brüder waren reich. Annas Mann auch, aber …

„Aber“, war Anna mit unverbrüchlicher Logik fortgefahren, „wenn du einen Kunden erst sympathisch finden musst, bevor du für ihn arbeitest, wird Growing Wild nie ein Erfolg.“

Natürlich hatte Anna recht. Die selbstbewusste, resolute Anna. Sie wüsste genau, wie sie mit dieser Situation umzugehen hätte. Sie hätte den Wagen nicht in den Graben gefahren und wäre auch nicht Stunden zu spät zu einem Termin gekommen. Vor allem aber würde sie sich nicht von einem halb nackten Muskelprotz einschüchtern lassen.

Isabella kannte den Typ. Sehr attraktiv, dreist und von sich selbst überzeugt. Vor allem wenn es um Frauen ging. Denn die Frauen – Närrinnen, die sie waren – sanken ihm bestimmt massenweise zu Füßen. Sie allerdings ließ sich nicht von einem Kraftprotz ohne Hirn beeindrucken. Sie war nämlich eine nüchterne und unabhängige Geschäftsfrau. Dass sie nicht einmal unabhängig genug war, um ihre eigenen Kleider zu tragen oder ihr eigenes Auto zu fahren, ließ Izzy im Moment außer Acht.

Sie war hier, das war alles, was zählte.

„Hören Sie, ich habe wirklich keine Zeit. Glauben Sie, Sie könnten genug Ehrgeiz aufbringen, um Ihrem Chef zu sagen, dass ich hier bin?“

Mr Halbnackt rührte sich nicht. Oder doch, ein Mundwinkel zuckte. Der Mann machte sich schon wieder über sie lustig!

„Es gibt da nur ein Problem“, erwiderte er. „Sie haben noch nicht gesagt, weshalb Sie hier sind.“

Ich habe einen Termin mit Mr D’Aquila, um über seine Gartengestaltung zu sprechen. Es wäre das Einfachste, die Tatsachen auszusprechen, schließlich waren sie kein Geheimnis. Doch Izzy gefiel das Benehmen von Mr Nur-Muskeln-und-kein-Hirn nicht.

Na schön, das war nicht fair. Nur weil er aussah, als wäre er gerade einem dieser Kalender, die ihre Zimmergenossin an der Uni ewig angehimmelt hatte, entstiegen, musste er nicht dumm sein. Nur leider sah er so gut aus, dass ihr Herz jedes Mal für einen Moment stillstand, wenn sie ihn ansah. Was lächerlich war, genau wie das kleine Machtspiel, das sie spielten.

Lächerlich oder nicht, sie hatte das Recht, wenigstens heute einmal den Sieg davonzutragen.

„Sind Sie sein Sekretär, der die Termine für ihn ausmacht?“, fragte sie schnippisch.

„Vielleicht bin ich der Butler.“

Verdutzt starrte Izzy ihn an, dann lachte sie.

Rio lächelte. Gut. Das hier war sehr viel befriedigender, als seinen Frust an einem Graben auszulassen.

„Sein Butler also, was? Eines kann ich Ihnen garantieren: Zwei Minuten nachdem ich mit Ihrem Chef gesprochen habe, werden Sie sich einen neuen Job suchen müssen.“

Allmählich verlor die Lady die Beherrschung. Prima. Soll sie ruhig genauso sauer werden wie ich, dachte Rio. So lernte sie vielleicht, wie es war, wenn man nur noch auf Izzy Orsini wartete, damit man dem Kerl einen Kinnhaken versetzen konnte. Wenn das unfair war – das Leben war nun mal nicht fair. Außerdem benahm diese Frau sich nicht unbedingt wie eine Lady.

Obwohl … ihr Kostüm war zwar ruiniert, aber teuer. Und ihr Benehmen … Sie war die Prinzessin, er der Bauer. Nur wusste die Prinzessin nicht, dass er alle Karten in der Hand hielt.

Nicht alle. Denn er hatte noch immer keine Ahnung, wer sie war und was sie wollte. Seinetwegen war sie auf jeden Fall nicht gekommen. Vielleicht verkaufte sie Zeitschriftenabos. Oder sie war die Irre von Southampton, schließlich hatte jedes Dorf seinen Dorftrottel. Wer auch immer sie war, sie bot eine willkommene Ablenkung. Diese kleine Szene entwickelte sich mehr und mehr zu dem interessantesten Ereignis des Tages.

Außerdem bot sie einen hübschen Anblick, abgesehen von ihrem demolierten Aufzug. Unter dem zerfetzten Kostüm verbarg sich mit Sicherheit die perfekte Figur. Jetzt, da Rio sie genauer betrachtete, bemerkte er große volle Brüste unter der Jacke, eine schmale Taille und großartig gerundete Hüften.

Was soll das? Sie ist eine Frau, und Frauen stehen im Moment nicht auf meiner Agenda. Rio hatte gerade eine Affäre beendet … oder eine Beziehung, wie die Frauen es nannten. Und wie immer war es einfacher gewesen, die Sache anzufangen, als sie zu beenden. Ganz gleich, was Frauen behaupteten, letztlich waren sie immer auf das aus, was er ihnen nicht geben konnte.

Verbindlichkeit … Versprechen … die Ehe.

Warum sich an eine Frau binden, wenn man sich irgendwann unweigerlich mit ihr langweilte? Zugegeben, manche waren interessanter als andere.

Diese hier zum Beispiel. Sie war tough. Oder eher tapfer. Man brauchte Mumm, um sich vor ihm zu behaupten, selbst wenn man ihn in einem guten Moment erwischte. So, wie er jetzt aussah, mit bloßem Oberkörper, unrasiert und verschwitzt, musste man schon sehr verwegen sein, um ihm entgegenzutreten.

Aber vielleicht war das gar kein Mut, sondern Dummheit. Eine Frau, die sich vor einem Fremden aufbaute und einem Mann, den sie vorher nie gesehen hatte, in ein leeres Haus folgte.

Dumm, aber auch entschlossen. Und kühn. Sie würde nicht nachgeben, bis sie Rio D’Aquila getroffen hatte.

Ein Gentleman hätte ihr die Sache erleichtert. Ein Gentleman hätte sich gleich zu erkennen gegeben. Oder zumindest würde ein Gentleman jetzt einsehen, dass das Spiel lange genug gedauert hatte, sich vorstellen und sich mit einem Lächeln für das Missverständnis entschuldigen.

Ein Muskel auf Rios Wange zuckte. Er war nicht immer ein Gentleman gewesen, und im Moment machte es viel mehr Spaß, keiner zu sein. Der Spaß wäre zu Ende, sobald er sich vorstellte. Das Geplänkel, der Schlagabtausch und wahrscheinlich auch dieses leichte Erröten, das sie jedes Mal zu verbergen suchte, wenn ihr wieder einfiel, dass er kein Hemd trug.

Es war Jahre her, dass ihm jemand Paroli geboten hatte. Und noch länger, dass er eine Frau hatte erröten sehen. Das gefiel ihm. Noch mehr gefiel ihm, dass er gerade eine Rolle spielte, zu der er schon seit Ewigkeiten keine Gelegenheit mehr gehabt hatte: die Rolle eines Mannes. In diesem Moment verkörperte er nicht nur einen Namen oder ein Unternehmen oder – noch schlimmer – eine Schlagzeile. Allerdings ging er immer ehrlich mit den Leuten um. Selbst mit Frauen, auch wenn das anstrengend war. Er spielte keine Spiele auf Kosten einer Frau, ganz gleich in welcher Situation.

Es war nur … diese spezielle Frau war ihm ein Rätsel, und für Rätsel hatte Rio schon immer eine Schwäche gehabt. Warum war ihr Rock zerrissen? Woher kam der große Schmutzfleck auf ihrer Bluse? Und als er genauer hinschaute, bemerkte er auch einen Schmierfleck auf ihrer Wange.

Es war eine klassisch schöne Wange. Feine Knochen, rosiger Teint. Er war sicher, dass die Haut weich wie Seide war.

Auch ihr Haar fühlte sich bestimmt wie Seide an. Dunkel. Schimmernd. Sie hatte es im Nacken zusammengebunden, aber es sträubte sich gegen den Clip. Einige Locken hatten sich gelöst. Es reizte ihn, sie ihr hinters Ohr zu stecken.

Außerdem hatte sie fantastische Augen. Eine hübsche Nase. Und einen Mund, der für die Sünde gemacht schien.

Für die Sünde. Rio spürte die unwillkürliche Reaktion seines Körpers.

Verdammt. Verärgert trat er zurück – verärgert über sich selbst, weil er so reagierte, und verärgert über sie, weil sie ihn dazu brachte. Sie stand auf seinem Grundstück, ohne dass er wusste, warum. Wenn er unbedingt ein Rätsel lösen wollte, dann sollte er herausfinden, warum er diese unsinnige Charade überhaupt angefangen hatte.

„Also gut, genug“, erklärte er. Sein unwillkommener Gast erblasste augenblicklich. „Keine Sorge“, Rio zwang sich zu einem Lächeln, „Sie haben nichts zu befürchten.“

„Ich fürchte mich nicht“, sagte sie hastig, doch ihre Stimme bebte dabei.

„Ich hätte die Situation nicht so kompliziert machen sollen. Wenn Sie nicht sagen wollen, wer Sie sind, bis Sie sicher sein können, dass Rio D’Aquila hier ist, dann ist das in Ordnung.“

„Ich kann Mr D’Aquila auch anrufen, wenn ich wieder in der Stadt bin …“, begann Izzy.

„Sie kommen aus New York?“

„Ja, aber Sie brauchen wirklich nicht …“

„Ich bin nicht der Butler.“

Sie lächelte zögernd. „Das dachte ich mir schon.“

Rio ahnte, dass sie wütend werden würde, wenn er sich zu erkennen gab, aber das war nicht wichtig. Er würde sich als der Mann vorstellen, den sie sehen wollte, sie würde ihm sagen, weshalb sie gekommen war, und die Sache wäre geklärt.

Als er seine Hand ausstreckte, beäugte sie sie einen Moment argwöhnisch, ergriff sie dann aber. Sie hatte eine schmale, feminine Hand, und Rio fühlte überrascht die Schwielen an der Innenfläche. Ihre Finger waren eiskalt, was ihn ebenso überraschte. Hatte sie seinetwegen noch immer Bedenken? Es war höchste Zeit, sich vorzustellen.

„Hallo“, hob er lächelnd an. „Ich bin …“

„Natürlich, der Verwalter.“ Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Wie gebannt verfolgte Rio die kleine Geste mit. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ja, mich auch.“ Er riss den Blick von ihr los. „Und Sie sind …“

„Oh, Entschuldigung. Ich bin die Gärtnerin. Ich meine, ich bewerbe mich für die Stelle.“ Sie sah sich um. „Ich bin fürchterlich spät dran. Ist Ihr Boss da? Er erwartet mich nämlich. Ich bin Isabella Orsini, von Growing Wild.“

„Sie … sind Izzy Orsini?“

„Höchstpersönlich.“ Sie lachte nervös. „Ich hoffe, Rio D’Aquila ist nicht so, wie die Leute sagen.“

„Was sagen die Leute denn?“

„Er soll eiskalt sein und ein Problem mit seinem Temperament haben.“

Rio räusperte sich. „Ich vermute, manche Leute würde ihn als …“

„Arroganten Tyrann beschreiben? Vermutlich. Aber man muss seinen Chef ja nicht lieben, oder? Ich meine, Sie arbeiten schließlich auch für ihn, Mr …“

Rio zögerte keine Sekunde. „Ich heiße Matteo. Matteo Rossi. Und Sie haben richtig geraten, ich bin der Verwalter.“

3. KAPITEL

Matteo Rossi hielt Izzys Hand noch immer gefangen.

Nicht gefangen, sondern fest. Der Druck seiner Finger war nicht wirklich unangenehm oder beunruhigend, er war … männlich. Unbestreitbar, zweifelsfrei, absolut männlich.

Wie alles an ihm, angefangen bei dem markanten Gesicht bis hin zu dem wirklich eindrucksvollen Körper. Wenn ein Mann ständig körperliche Arbeit verrichtete, musste er nicht in ein Fitnessstudio, um zu schwitzen.

An Matteo Rossi war alles echt.

Isabellas Mund wurde trocken. Ihre Beobachtungen waren natürlich rein sachlicher Natur, schließlich arbeitete auch sie mit den Händen. Beim Pflanzen und Unkrautjäten, selbst wenn es nur auf den Terrassen von Manhattan stattfand, kam sie auch ins Schwitzen und trainierte ihre Muskeln. Das Muskelspiel bei diesem Mann konnte sie sich bestens vorstellen.

Allerdings hatten die Bilder, die ihr durch den Kopf schossen, wenig mit dem zu tun, was eine normale Frau als Arbeit bezeichnen würde.

Was ist nur los mit mir? Der Mann sieht gut aus und ist verschwitzt. Na und?

„Herrgott, können Sie sich kein Hemd überziehen?“, rief sie und hätte sich sofort dafür treten mögen. Oh, nein, bitte, das kann ich unmöglich gesagt haben!

Der Verwalter gab einen erstickten Laut von sich. Isabella hob abrupt den Kopf. Der Mann bemühte sich angestrengt, nicht zu lachen. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Wie hatte sie das nur laut aussprechen können?

Unglücklicherweise kannte sie die Antwort nur zu gut. Wenn es um attraktive Männer ging, gab es zwei Isabellas: Entweder verschlug es ihr die Sprache, und sie brachte keinen Ton mehr hervor, oder aber das genaue Gegenteil trat ein, und ihr Mundwerk ging mit ihr durch und war hundertmal schneller als ihr Verstand.

So oder so, es endete immer in einem Desaster.

Sie war weder besonders hübsch noch besonders clever, keine Frau, nach der sich die Männer umdrehten. Und sie wollte auch gar nicht, dass die Männer sich ihretwegen überschlugen.

Nun, ein bisschen Überschlagen wäre schon nett. Aber Anna war die Hübsche von ihnen beiden. Und sie war die beste Schwester, die man sich wünschen konnte. Izzy liebte sie von ganzem Herzen, hatte aber die Tatsachen lange akzeptiert. Anna sah gut aus und wusste, wie man flirtete und die unglaublichsten Typen dazu brachte, dass sie einem die Sterne vom Himmel holten. Diese Fähigkeiten besaß Izzy nicht, doch damit konnte sie leben. Womit sie nicht leben konnte, war, dass sie sich jedes Mal zur Närrin machte, sobald sie einen Mann attraktiv fand.

Stumm oder schwatzhaft, eine andere Wahl gab es nicht. Heute hatte Izzy, das Plappermaul, gewonnen.

Sie hatte diesem Mann bereits mehr über seinen Arbeitgeber gesagt, als gut war. Gut möglich, dass Mr Heartbreaker Rio D’Aquila für den tollsten Typen schlechthin hielt. Und dann auch noch dieser Ausbruch über sein Hemd …

Sie schluckte und riskierte einen Blick. Noch immer bemühte er sich, das Lachen zu verkneifen.

„Tut mir leid“, sagte sie zerknirscht, „ich wollte nicht …“

„Nein, Sie haben völlig recht.“ Er setzte eine Miene auf, als wäre er derjenige, der sich entschuldigen müsste. „Ich habe hinten gearbeitet, und als ich die Klingel hörte …“

„Sie schulden mir wirklich keine Erklärung. Ich weiß gar nicht, was ich mir dabei gedacht habe.“

„Das ist die Hitze. Die setzt einem zu.“

Er lächelte, und ihr Puls begann prompt zu rasen. Hatte sie je so blaue Augen gesehen? Und so lange Wimpern?

„Sie sind der Beweis.“

Isabella blinzelte. „Wofür?“

„Dass es zu heiß ist, um klar zu denken. Anstatt hier im Foyer herumzustehen … warum gehen wir nicht in die Küche? Ich hole mein Hemd, mache uns etwas Kühles zu trinken und …“

„Das ist wirklich nicht nötig“, erwiderte sie hastig. „Ich meine, Sie holen sich etwas zu trinken – und ein Hemd.“ Wieder errötete sie. „Und ich warte hier so lange, bis Sie Mr D’Aquila Bescheid gegeben haben, dass ich … Was?“ Bei seiner Miene hob sie fragend die Augenbrauen.

„Ich fürchte, Mr D’Aquila ist nicht mehr hier.“

„Oh, nein!“

Isabella Orsinis Gesicht spiegelte die blanke Enttäuschung wider. Na und? Er hatte stundenlang gewartet, und jetzt war sie enttäuscht, dass der Mann, den sie hatte treffen sollen, nicht mehr zur Verfügung stand?

Pech. Rio hatte keine Lust, jetzt noch ein Bewerbungsgespräch zu führen. Außerdem … selbst wenn sie die entsprechenden Qualifikationen vorweisen konnte, vergab er keine Aufträge an Leute, die sich nicht an Termine hielten.

„Er ist vor einer Stunde abgefahren“, behauptete er und beobachtete gebannt, wie sie mit perfekten weißen Zähnen an ihrer vollen Unterlippe knabberte.

Sein Magen zog sich zusammen. Das war noch ein Grund, sie auf keinen Fall anzuheuern. Interesse an einer Frau, die für ihn arbeitete, konnte er sich nicht leisten. Obwohl ihm völlig schleierhaft war, warum er sich zu ihr hingezogen fühlte. Auch wenn es Dinge an ihr gab, die er mochte. Zum einen sagte sie offen ihre Meinung, und dann war da noch die Sache mit dem Hemd …

Er kannte keine Frau, die verlegen geworden wäre, nur weil sie ihn mit bloßem Oberkörper sah. Isabella Orsini jedoch war eindeutig verlegen, er hatte das Rot auf ihren Wangen gesehen.

Im Moment allerdings wirkte sie regelrecht verloren. Ihre Mundwinkel zeigten mutlos nach unten.

Dieser Mund, der für die Sünde gemacht war.

Was würde sie wohl tun, wenn er sie küssen würde? Ihren Geschmack kostete?

Sein Körper reagierte mit alarmierendem Tempo. Die Sonne musste ihm wirklich zugesetzt haben. Denn Izzy Orsini war gar nicht sein Typ. Sicher, sie hatte ein hübsches Gesicht, aber er zog gewandte, kultivierte Frauen vor, am liebsten in Seide und Satin gehüllt. Sie sollten in der Kunst der Konversation versiert sein, auch wenn die Gespräche nicht unbedingt hoch intellektuell sein mussten.

Isabella Orsini erfüllte keine dieser Bedingungen. Sie hatte seinen Nachmittag ruiniert und drohte nunmehr das Gleiche mit seinem Abend zu machen.

Aber das würde er nicht zulassen. Er brauchte ein kaltes Bier und eine Dusche, anschließend würde er nach Easthampton fahren und in sein Flugzeug steigen. Zwar hatte er vorhin mit dem Gedanken gespielt, über Nacht zu bleiben, aber das kam inzwischen nicht mehr infrage. Er würde eine Frau anrufen, vielleicht die Blondine, die er neulich auf der Wohltätigkeitsveranstaltung getroffen hatte. Ganz sicher hätte sie Zeit für ihn. Frauen hatten immer Zeit für ihn.

Und was die Lüge betraf, die er Isabella Orsini aufgetischt hatte … Es wurde Zeit, die Sache zu klären.

„Miss Orsini …“

„Izzy.“

„Miss Orsini“, wiederholte er, „ich war nicht ganz offen zu Ihnen.“ Definitiv eine Untertreibung! „Was ich über Rio D’Aquila sagte …“

„Sie sagten, er wäre nicht hier.“

„Richtig. Aber …“

„Wann kommt er zurück?“

Aha. Darum hatte ihre zerknirschte Miene plötzlich diesen entschlossenen Ausdruck angenommen. Sie wollte warten. Nun, das konnte sie vergessen! „Miss Orsini …“

„Izzy.“

„Also gut, Izzy. Die Wahrheit ist …“

„Er kommt nicht zurück.“

„Das wollte ich nicht …“

„Er hat schließlich lange genug gewartet.“ Sie flüsterte nur noch.

Verdammt, würde sie etwa anfangen zu weinen? Er konnte es nicht ausstehen, wenn Frauen die Tränenschleusen öffneten. Sie alle nutzten diesen uralten Trick, um ihren Willen durchzusetzen.

„Ich kann es ihm nicht verübeln“, fuhr sie fort.

Dio, lieber Tränen als dieser deprimierte Tonfall! „Hören Sie, Miss Orsini … Isabella …“

„Izzy. Niemand nennt mich Isabella.“

Sie war keine „Izzy“. Isabella passte viel besser zu ihr. Vielleicht war sie nicht schön, aber sie hatte eine sanfte Stimme und ein hübsches Gesicht.

Rio handelte instinktiv. Er legte eine Hand unter ihr Kinn und hob es leicht an. „Hey“, sagte er und erkannte jäh, dass er sich geirrt hatte.

Sie war nicht hübsch und auch nicht schön. Sie gehörte in eine ganz andere Kategorie. Wie hatte ihm das entgehen können? Diese dichten dunklen Wimpern, die feinen Gesichtszüge, der volle Mund. Und, Cristo, ihre Augen!

Grün. Nein, blau. Braun. Oder golden? Ihre Augen schillerten in allen Farben. Plötzlich war Rio wieder acht Jahre alt, ein mageres Bürschchen, das in den Abfalltonnen hinter einem Restaurant nach etwas Essbarem wühlte und einen seltsam geformten Glasklumpen fand.

Fast hätte er ihn fortgeworfen, doch dann traf ein Sonnenstrahl das Glas – ein Prisma, wie er später erfuhr –, und das Licht ließ funkelnde Farben aufflammen. Damals hatte der Anblick ihm den Atem geraubt. Und jetzt erging es ihm ebenso.

Rio sah in Isabella Orsinis Augen, und sein Herzschlag stockte. Er wollte sie küssen.

Teufel noch mal, er war auf dem besten Wege, etwas maßlos Dummes und Unlogisches zu tun! Dabei tat er grundsätzlich nichts Unlogisches. Er hatte eindeutig zu viel Sonne abbekommen.

Er ließ die Hand sinken und trat einen Schritt zurück. „Hören Sie, Sie müssen wissen, dass Rio D’Aquila und ich …“

„Ich verstehe völlig. Er hatte keine Lust mehr, noch länger zu warten. Den Job bin ich los. Ich meine, ich hatte ihn nie, aber nun ist selbst die Chance dahin, nicht wahr?“

„Richtig, nur dass …“

„Ich nehme es ihm nicht übel. Ich komme zwei Stunden zu spät.“

„Drei.“

„Wissen Sie, es fing schon heute Morgen an, als der Anruf eines Kunden kam. Heute Nacht hat es so stark geregnet, und ich hatte erst gestern seine Terrasse mit Gänseblümchen bepflanzt.“

„Gänseblümchen“, wiederholte Rio.

„Genau. Und nach dem Regen … Ich musste nach Manhattan fahren und sicherstellen, dass sie die Sintflut überstehen. Aber ich wohne in Brooklyn, und der Morgenverkehr nach Manhattan …“

„Ja, der Stau morgens ist schlimm“, bestätigte Rio und fragte sich, warum er dieses Gespräch überhaupt weiterführte. Vielleicht weil sie ihn mit diesen faszinierenden Augen ansah.

„Anna hatte mich gewarnt.“

„Anna?“

„Joey auch.“

„Joey?“ Rio bemühte sich verzweifelt, den Faden nicht zu verlieren.

„Der Junge, der meine Lieferungen übernimmt.“ Isabella holte Luft. „Und in Southampton habe ich mich auch noch verfahren.“

„Meine Leute … ich meine, die Leute meines Chefs haben Ihnen doch sicherlich eine genaue Wegbeschreibung zukommen lassen?“

„Das schon. Aber ich habe vergessen, sie mitzunehmen. Wegen der Hektik mit den Gänseblümchen. Und natürlich war ich auch nervös wegen des Gesprächs.“

„Nervös wegen des Gesprächs.“ Dio, er wurde noch zum Papagei!

„Obwohl ich mir die ganze Zeit gesagt habe, dass ich nicht nervös bin. Das habe ich auch Dante versichert.“

Dante. Endlich ein Name, mit dem er etwas anfangen konnte.

„Und dann ist dieses Kaninchen aus dem Nichts aufgetaucht …“

Ein Kaninchen? War er etwa ins Wunderland gefallen?

„Ganz ehrlich, ich würde diesen Auftrag zu gern bekommen.“ Mit ausgebreiteten Armen drehte Isabella sich um die eigene Achse. „Zuerst dachte ich wegen des Honorars. Außerdem kann es nie schaden, einen Namen wie Rio D’Aquila auf der Kundenliste stehen zu haben. Aber jetzt, wo ich das Haus und die Gegend gesehen habe … Es ist so schön hier. Und so groß! Ich wette, die Terrasse ist auch riesengroß. Ich müsste mir überhaupt keine Gedanken um Platz machen. Wie ein Maler, der von Miniaturen zu Wandgemälden wechselt.“

Das Lächeln ließ ihr Gesicht strahlen. Doch damit konnte sie sich den Auftrag nicht sichern, nicht einmal einen weiteren Gesprächstermin …

„Möchten Sie sich die Terrasse vielleicht ansehen?“, hörte Rio sich sagen.

Wieder knabberte sie an ihrer Unterlippe. „Das geht doch nicht …“

Doch Rio griff nach dem Hemd, das er auf einem Tischchen abgelegt hatte, schlüpfte hinein und setzte sich in Bewegung. Gleich darauf hörte er ihre Pfennigabsätze hinter sich über die Marmorfliesen klappern.

„Vielleicht nur einen Blick … Die Maße habe ich von Ihrem Boss bekommen, aber es wirklich zu sehen …“

Sie kamen an die offene Terrassentür. Isabella wollte sich an ihm vorbeischieben – und stolperte prompt mit den lächerlich hohen Schuhen. Seine Hand schoss vor, um sie zu stützen. Es war reiner Reflex.

Die Zeit blieb stehen. Was für ein Klischee, dachte Rio, dennoch war es so. Die Luft zwischen ihnen knisterte.

„Das sind die Schuhe“, hauchte sie verwirrt. „Annas Schuhe.“

Annas Schuhe also … Er würde sie küssen, ein Mal nur, ohne über Konsequenzen nachzudenken.

Verdammt! Rio ließ sie abrupt los und trat nach draußen. „Da wären wir“, meinte er brüsk.

„Oh“, entfuhr es ihr begeistert. „All die Farben! So viele Gold-, Grün- und Blautöne!“

„Ja, es ist hübsch“, stimmte er ihr zu.

„Hübsch? Es ist absolut perfekt. Ich sehe hier schon überall Ölweiden, ein paar Rhododendren. Hier und dort Azaleen.“ Isabella strahlte wie die Sonne. „Und Weigelien, aber die dunklen.“

Während sie einen Pflanzennamen nach dem anderen nannte und seine Terrasse füllte, nickte er nur. Mit ihrer Begeisterung ließ sie die Pflanzen und Büsche so lebendig werden, dass er sie fast vor sich sehen konnte.

Schlichtweg unmöglich, den Blick von ihr zu wenden.

Sie stand bei dem Stück, wo er den Graben ausgehoben hatte, kickte die Schuhe von den Füßen und trat barfuß auf die frische Erde.

Zu sehen, wie eine schöne Frau in einem ramponierten Kostüm ihre nackten Zehen in warme schwarze Erde setzte, schaffte ihn.

Rio war verloren.

Er machte einen Schritt auf sie zu. Noch immer ratterte sie eine Liste von Büschen und Stauden herunter.

„Isabella.“

Nur ein Wort, nur ihr Name, doch damit drückte er all seine Gedanken aus. Das spürte sie, denn sie verstummte abrupt und drehte sich zu ihm um.

War sie genauso verloren wie er?

„Mr Rossi“, wisperte sie. Ihre leicht geöffneten Lippen, ihr leises Luftschnappen, als er die Hand nach ihr ausstreckte, reichten ihm als Antwort.

„Nenn mich nicht so“, brummte er.

„Du hast recht.“ Ihre Stimme klang ebenso belegt wie seine. Ein Lächeln zog auf ihren Mund. „Hallo, Matteo.“

„Isabella, du verstehst nicht …“

Sie legte einen Finger an seine Lippen. „Ich will gar nicht verstehen.“

Da gab Rio den Kampf auf, zog Isabella Orsini in seine Arme und küsste sie.

4. KAPITEL

Du meine Güte, war alles, was Isabella denken konnte.

Matteos Körper war so hart, seine Lippen waren so fest. Und seine Arme hielten sie umklammert wie ein Ring aus Stahl.

Der Teil in ihr, der auf Logik schwor, lief Sturm: Isabella, was tust du da? Der feminine Teil in ihr jedoch befahl dem Verstand, den Mund zu halten.

So war sie noch nie geküsst worden. So hatte sie bisher auch nie geküsst werden wollen.

Er biss leicht in ihre Unterlippe, damit sie ihre Lippen für ihn öffnete und er ihre Zunge berühren konnte. Das hatte sie bisher ein- oder zweimal in ihrem Leben gemacht, und es hatte ihr nicht gefallen. Es war aufdringlich, viel zu intim.

„Isabella“, murmelte er, „ich möchte dich schmecken.“

Seine Worte ließen sie erzittern, aber nicht aus Furcht. Sie fühlte, wie seine Zungenspitze sich sanft zwischen ihre Lippen drängte, und gab nach.

Fast hätten ihre Knie ebenfalls nachgegeben.

Sein Geschmack war so … so unbeschreiblich sexy. Jetzt hielt er ihr Gesicht mit beiden Händen und schob seine Finger in ihr Haar. Die Haarspange sprang auf, und die dunklen Locken fielen ihr auf den Rücken.

Sie stöhnte leise. Wie konnte es so aufregend sein, fremde Hände in ihrem Haar zu fühlen?

„Isabella“, sagte er noch einmal, legte eine Hand an ihren Rücken und zog sie an sich.

Die Welt begann sich zu drehen. Die Reaktion ihres Körpers war ihr völlig fremd, doch sie schmiegte sich automatisch an Rio. Und da war noch so viel mehr …

„Küss mich“, verlangte er mit einer Stimme, die rau war wie Sandpapier.

Tat sie das denn nicht? Was genau sollte sie machen? Zögernd und unerfahren presste sie die Lippen fester auf seine, und sein Stöhnen sagte ihr, dass sie es wohl richtig machte.

Seine deutliche Erregung, die sich an ihren Leib drückte, war eine noch deutlichere Bestätigung.

Jetzt umfasste er mit beiden Händen ihren Po. Er hob sie hoch und presste sie hart an sich. Und der Beweis seiner Erregung wuchs und wuchs …

Das ging alles viel zu schnell. Isabella riss die Lippen von seinem Mund. „Matteo, warte …“

Doch Rio war über das Stadium hinaus, wo er noch hätte warten können. Später wurde ihm klar, dass er auch längst nicht mehr hatte denken können. Etwas an Isabella Orsini hatte sein sexuelles Verlangen zu sexuellem Zwang werden lassen. Glühende Hitze brannte in ihm und machte ihn blind für alles außer seiner eigenen Begierde.

„Nein.“

Zuerst hörte er sie gar nicht, dann aber wiederholte sie es laut und trommelte mit den Fäusten gegen seine Schultern.

Schlagartig kehrte die Vernunft zurück. Rio hob die Lider und sah die Frau in seinen Armen. Sein Magen zog sich zusammen.

Sie war aschfahl, die Augen dunkel vor blanker Panik. Er hatte schon alle denkbaren Gesichtsausdrücke bei Frauen gesehen, aber noch nie Angst. Angst vor ihm. Dio, was tat er hier?!

„Lassen Sie mich los“, verlangte sie scharf.

Er holte tief Luft. „Isabella, hör mir zu …“

„Lassen Sie mich los!“

Behutsam stellte er sie auf die Füße zurück, und sie wich hastig zurück.

„Sind Sie verrückt geworden?“ Sie bebte am ganzen Leib.

„Es tut mir leid.“

„Es tut Ihnen leid? Sie attackieren mich, und dann sagen Sie, dass es Ihnen leidtut? Mehr nicht?!“

Ein Muskel zuckte an seiner Wange. „Ich habe Sie nicht attackiert.“

„Nicht? Wie würden Sie es dann bezeichnen?“

Der Muskel zuckte noch immer. Er würde es als völligen Kontrollverlust seinerseits beschreiben. Doch das war unmöglich. Er verlor nie die Kontrolle. „Als Fehler“, antwortete er steif. „Ich entschuldige mich dafür.“

Inzwischen war Isabella wieder ruhiger geworden. Sie blies sich eine Locke aus der Stirn und funkelte ihn zornig an. Schließlich war er an allem schuld. Dass sie sich an ihn geschmiegt und wie sie auf seinen Kuss reagiert hatte, stand in keiner Relation zu dem, was er getan hatte.

„Es ist spät“, sagte sie abrupt. „Ich muss gehen.“

„Ja“, stimmte Rio tonlos zu, ging zur Terrasse zurück, nahm ihr Portfolio, das sie abgelegt hatte, und hob ihre Schuhe auf. Er konnte es nicht abwarten, sie loszuwerden. Ihm gefiel ganz und gar nicht, was passiert war und wie er sich benommen hatte. Trotzdem musste er sich zusammennehmen, um ihr nicht vorzuhalten, dass sie ebenso viel Verantwortung an der kleinen Szene hatte wie er. Sie hatte mit fiebriger Leidenschaft reagiert, wenn auch nicht besonders erfahren …

Cristo! Ob sie etwa noch Jungfrau war? Aber das war ebenso unmöglich wie ein Kontrollverlust seinerseits. Heutzutage gab es selbst unter Teenagern keine Jungfrauen mehr.

Bisher hatte er noch nie mit einer Jungfrau geschlafen, und er hatte auch nicht vor, das jemals zu ändern. Frauen waren oft albern genug, um Sex als Ausdruck ewiger Liebe zu deuten, obwohl der Mann von vornherein klargemacht hatte, dass er nichts mit Liebe, sondern nur mit Verlangen zu tun hatte.

Und dann auch noch Sex mit einer Jungfrau? Allein bei dem Gedanken lief ihm ein Schauer über den Rücken.

Wortlos reichte er Isabella das Portfolio und die Schuhe.

„Danke“, sagte sie eisig.

„Keine Ursache“, entgegnete er ebenso eisig.

Sie riss ihm Mappe und Schuhe aus der Hand und überlegte für einen Sekundenbruchteil, ob sie sich mit ihrer Schuhgröße 39 in Annas Schuhe mit der Größe 38 hineinzwängen sollte. Nein! Eher würde die Hölle zufrieren, bevor sie vor Mr „Mann des Monats“ diese Clownnummer abzog.

Höchste Zeit zurückzufahren.

Oh Gott, der Wagen!

„Wollten Sie nicht gehen?“

Mr Macho betrachtete sie wie die Katze die Maus.

„Das werde ich auch. Richten Sie Mr D’Aquila bitte aus, dass ich es bedaure, ihn nicht angetroffen zu haben.“

Der Mund des Verwalters verzog sich zu einem schmalen Lächeln. „Soll ich ihm nicht lieber eine Entschuldigung für die dreistündige Verspätung ausrichten?“

„Ich meinte genau das, was ich gesagt habe, Mr Rossi. Nichts anderes. Ist das klar?“

Schweigen. Dann zuckte es in seiner versteinerten Miene, und … er lachte. Lachte doch tatsächlich!

„Jawoll, Ma’am!“, salutierte er und schlug militärisch stramm die Hacken zusammen.

Am liebsten hätte Isabella ihn gewürgt. Sie entschied sich jedoch für einen würdevollen Abgang, auch wenn dieser sich etwas schwierig gestaltete, da sie barfuß und mit dem Gelächter eines Mannes im Rücken davonging.

Und zu allem Überfluss immer noch die Hitze seiner Lippen auf den eigenen spürte.

Rio sah ihr nach. Eine interessante Frau, das musste er zugeben. Ihre ganze Haltung – der hoch erhobene Kopf, der gerade Rücken, die steifen Schultern – drückte aus, dass man ihr Unrecht getan hatte. Das Bild verlor jedoch an Wirkung, weil sie keine Schuhe trug.

Er lächelte.

Als sie aus seinem Blickfeld verschwand, nickte er zufrieden. Sie war weg. Aus seinem Haus, aus seinem Leben.

„Auf Nimmerwiedersehen, Miss Orsini“, murmelte er.

Jetzt würde er sich endlich das verdiente kalte Bier genehmigen, duschen und sich etwas zu essen machen. Inzwischen hatte er einen Bärenhunger. Und danach würde er zum Flughafen fahren.

Oder auch nicht. Er war müde. Sicher war es besser, wenn er hier übernachtete und morgen früh zurückflog.

Rio streckte sich gähnend und steuerte die Küche an.

Der erste kühle Schluck Bier war eine wahre Wohltat. Beim zweiten Schluck überlegte Rio, wie man diesen Nachmittag bezeichnen konnte. Als ungewöhnlich? Interessant? Beides stimmte. Dank Isabella Orsini.

Er hatte Izzy, den Gärtner, erwartet. Gekommen war stattdessen Isabella, die … Ja, die was?

Ein Ausbund an Widersprüchen. Freundlich in der einen Minute, in der nächsten kratzbürstig. In einem Moment nüchtern und geschäftsmäßig, im nächsten linkisch und verlegen. Erst leidenschaftlich und feurig, wie eine Frau es nur sein konnte, und gleich darauf unschuldig und verschämt wie eine Jungfrau. Es sei denn, die Sache mit der Unschuld war gespielt. Ein Trick, um einen Mann anzuheizen, bis er sich vergaß …

Unwichtig. Sie war weg.

Trotzdem war es ein harmloses Vergnügen, sich all die Möglichkeiten vorzustellen, wenn sie tatsächlich noch unschuldig sein sollte. Sich auszumalen, er wäre der erste Mann, der sie berührte. Der erste, der ihre Geheimnisse erkundete und sie in die Welt der körperlichen Freuden einweihte. Der ihr zeigte, was Leidenschaft war.

Merda.

Viel zu heftig stellte Rio die Bierflasche auf die Anrichte. Eine Dusche würde ihm guttun, anschließend das dickste Steak, das er finden konnte, und …

Wo steht eigentlich ihr Wagen?

Er stand schon auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock, als ihm das einfiel. Sie war mit dem Auto gekommen, so viel war der wirren Geschichte von Gänseblümchen, Stau in Manhattan und dem Kaninchen zu entnehmen gewesen. Warum war sie dann zu Fuß über die lange Auffahrt gelaufen?

Vielleicht hatte sie den Wagen vor dem Tor stehen lassen. Nun, das sollte nicht sein Problem sein.

Natürlich war das nicht sein Problem!

Fluchend drehte er sich um und stieg die Treppe wieder hinunter. Riss die Haustür auf, schaute zum Tor und sah … nichts.

Die schmale Mondsichel, die am Himmel hing, konnte nicht viel gegen die Dunkelheit ausrichten. Na schön, er würde also nachsehen gehen. Sicher war Isabella Orsini längst weg. Trotzdem …

Beim Tor angelangt, drückte Rio dagegen, doch das verdammte Ding hatte sich ausgerechnet diesen Moment ausgesucht, um fest geschlossen zu bleiben. Wieder fluchte Rio, dieses Mal lauter. Er kramte den Zettel mit dem Nummerncode aus der Jeanstasche und tippte die Zahlen ein. Das Tor schwang auf. Und jetzt? Er hatte keine Ahnung, wonach er eigentlich Ausschau halten sollte.

Verdammt! Da hinten lief eine schmale Gestalt im schwachen Mondlicht über die Straße. Und er hegte nicht den geringsten Zweifel, dass es sich bei der Gestalt um Isabella Orsini handelte.

„Närrin“, murmelte er, trat auf die Straße und rief ihren Namen. Keine Reaktion. Also rief er noch einmal, lauter. „Verdammt, Isabella, was haben Sie vor?“

Weder blieb sie stehen, noch drehte sie sich um. Dabei musste sie ihn gehört haben. Sogar die Grillen hatten bei seiner Lautstärke ihr nächtliches Zirpkonzert eingestellt.

Aber Isabella war ja auch keine Grille. Sondern eine Frau, die beweisen wollte, dass sie allein zurechtkam.

Grimmig ging er ihr nach. Zuerst mit großen Schritten, dann verfiel er in leichten Trab. Er wollte gerade zum Spurt ansetzen, als er die Scheinwerfer sah, die in seine Richtung kamen. In Isabellas Richtung.

Der herankommende Wagen bremste ab. Isabella blieb stehen.

Was immer der Fahrer von dir will, Iz, sag Nein. Rio rannte los.

Nicht in Panik ausbrechen. Nur nicht in Panik ausbrechen, Isabella.

Die Worte wiederholten sich in Izzys Kopf wie eine Platte mit einem Sprung. Der Fahrer des Wagens wollte sicher nur hilfsbereit sein. Dass er sie „kleine Lady“ nannte und aussah wie die Sumo-Ringer-Version von Jack the Ripper, hatte nichts zu sagen.

Das Gewicht des Mannes war seine eigene Sache. Und wie Jack the Ripper ausgesehen hatte, wusste niemand. Die Fantasie ging mit ihr durch …

Sumo Jack öffnete die Fahrertür und erhob sich aus dem Sitz. „Das ist nicht besonders nett, kleine Lady. Da will ich helfen, und Sie sind so abweisend.“

Renn! Das Herz hämmerte ihr in der Kehle und befahl ihr mit jedem Schlag: Renn!

„Da bist du ja, Liebling.“

Diese Stimme!

„Matteo“, schluchzte Isabella und stürzte sich in Rios Arme.

Er hielt sie fest an sich gedrückt. „Es ist alles in Ordnung, Baby“, murmelte er.

Sekundenlang existierte nichts anderes als die Nacht und die Frau, die sich an ihn klammerte. Dann räusperte Rio sich und sah zu dem Mann, der neben dem verbeulten Pick-up stand. Der Typ war ein Bulle von Mann. Das jedoch beunruhigte Rio weniger als der starre Blick, mit dem der Kerl Isabella taxierte.

Rio schluckte seine Wut hinunter und zwang sich zu einem Lächeln. „Danke, Mann“, sagte er jovial und umarmte Isabella fester, als sie sich versteifte. Er hoffte, dass sie die Warnung verstand. „Wirklich nett von Ihnen, dass Sie meiner Lady helfen wollten.“

Der Mann rührte sich nicht.

„Wir haben uns gestritten, und dann ist sie wütend aus dem Haus gestürmt. Sie wissen ja, wie so was läuft.“

Der Bulle verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Rio wartete ab. Dann lockerte der massige Kerl die Schultern. „Sie sollten besser auf Ihre Lady aufpassen. Eine Frau nachts allein auf einer unbeleuchteten Landstraße … da kann alles Mögliche passieren.“

Rio nickte. „Sie haben völlig recht. Danke noch mal, Mann.“ Er schlang den Arm um Isabellas Taille. „Komm, Iz“, raunte er ihr zu. „Einen Fuß vor den anderen. Links, rechts. Schneller. So schnell, wie du und dein Ego vorhin aus dem Haus gestürmt seid.“

Das brach ihre Starre. Sie zuckte zurück, doch darauf war er vorbereitet. Er ließ sie nicht los.

„Das hatte nichts mit meinem Ego zu tun“, erklärte sie, klang aber noch immer nicht so kräftig, wie er sich gewünscht hätte.

Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnten, war, dass der Schock sie einholte. „Darüber können wir uns zu Hause streiten.“

Sie gingen und gingen und warteten darauf, dass der Pick-up sie überholte. Das Tor war nur wenige Hundert Meter entfernt, doch es schien, als wären sie Meilen gelaufen, bevor sie endlich auf das Grundstück einbogen. Rio verschloss das Tor, und in diesem Moment brauste der Pick-up in einer wirbelnden Staubwolke vorbei.

Sobald Rio sich umdrehte, warf Isabella sich an seinen Hals. Lange blieb er stocksteif stehen, bevor er die Arme um sie schloss.

„Alles ist gut, cara. Wir sind in Sicherheit.“

„Mein Gott“, stammelte sie.

Sie war weiß wie ein Laken, ihre Augen waren riesengroß. Rio wollte sie küssen, bis sie ihre Angst vergaß und sich nicht aus purer Panik an ihn klammerte, sondern weil sie seine Umarmung genoss.

Weil das keinen Sinn ergab, runzelte er grimmig die Stirn, packte Isabella an den Armen und schüttelte sie unsanft. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Wir sind hier nicht in der Stadt. Die Straßen sind dunkel und menschenleer!“

„Oh, natürlich, es ist meine Schuld, wenn Sie …“ Ihr aufrührerischer Ton verließ sie rapide. „Ich wollte doch nur zum nächsten Bahnhof“, schloss sie leise.

„Bahnhof? Sagten Sie nicht, Sie seien mit dem Auto gekommen?“

„Das bin ich auch. Nur ist es nicht mein Wagen, sondern …“

„Annas?“, vermutete er.

„Genau. Und dann ist er in den Graben gefahren.“

Trotz allem musste Rio lachen. „Was denn? Der Wagen ist von allein in den Graben gefahren?“

„Ich sagte doch schon, dass da plötzlich ein Kaninchen auf die Straße gehüpft ist. Ich konnte es doch nicht überfahren.“

Impulsiv zog er sie wieder an sich. „Nein, natürlich nicht.“

„Der Wagen hat angefangen zu schlingern, und dann …“

„Wo?“

„Ein ganzes Stück die Straße hinunter. Ich musste laufen. Darum bin ich auch so spät hier angekommen.“

„Warum haben Sie nicht angerufen? Sie haben doch ein Handy dabei, oder?“

„Ich wollte Mr D’Aquila nicht um Hilfe bitten. Er sollte nicht denken, dass ich mit einer solchen Situation nicht allein fertig werde.“

„Sie sind also der Meinung, es ist besser, drei Stunden zu spät zu kommen, anstatt anzurufen und Bescheid zu sagen, dass jemand Sie abholen soll?“

Einen Moment sah sie ihn abschätzend an, dann drückte sie die flachen Hände gegen seine Brust. „Danke für Ihre Hilfe, Mr Rossi.“

„Was ist aus dem Matteo geworden?“

„Sie können mich jetzt loslassen.“

„Damit Sie wieder im Mondschein spazieren gehen?“

„Ich nehme den Bus.“ Als er nur lachte, kniff sie die Augen zusammen. „Keine Busse? Dann rufe ich mir eben ein Taxi.“

„Wenn Sie mich nett bitten, fahre ich Sie zum Bahnhof.“ Rios Miene wirkte ausdruckslos, während er beobachtete, wie sie um Beherrschung rang.

„Ich bräuchte jemanden, der mich zum Bahnhof bringt.“

„Das nennen Sie nett bitten?“

Sie sah aus, als wollte sie ihn ohrfeigen. Bei der Vorstellung musste er sich das Lachen verkneifen.

„Wären Sie bitte so nett und würden mich zum Bahnhof fahren, Mr Rossi?“

Warum sollte ich, wenn du die Nacht auch in meinem Bett verbringen kannst? Diese Antwort lag ihm auf der Zunge. Doch dann gab er sie abrupt frei. „Sicher, kein Problem.“

Brüsk drehte er sich um und ging zu seinem Geländewagen. Er öffnete die Beifahrertür, überließ es jedoch Isabella, ohne seine Hilfe einzusteigen. Es wäre keine gute Idee, sie jetzt zu berühren.

Die Fahrt verlief schweigend. Um diese Uhrzeit wirkte die Stadt wie ausgestorben. Vor dem Bahnhof stellte Rio den Motor ab und drehte sich im Sitz zu Isabella. „Lassen Sie mich wissen, an welcher Stelle der Graben Ihr Auto verschlungen hat?“

„Nein.“

„Wie Sie wollen. Ich dachte, ich könnte ein Abschleppfahrzeug organisieren, aber wenn Sie das lieber selbst machen …“

„Gute Nacht, Mr Rossi.“

Doch Rio war bereits ausgestiegen und kam um den Wagen herum.

„Ich brauche keine Hilfe.“

„Das glaube ich unbesehen. Dennoch … es ist spät, und hier ist keine Menschenseele mehr. Vielleicht haben Sie noch die Nerven für einen Plausch mit dem nächsten Neandertaler, ich nicht. Ich begleite Sie hinein.“

Wütend funkelte Isabella den Mann an, der ihren Ellbogen berührte, als würde sie ihm gehören. Dieser Matteo Rossi war absolut unerträglich!

Wenn Matteo Rossi schon so arrogant war, wie musste dann erst Rio D’Aquila sein?

Doch wenn sie ganz ehrlich war, beruhigte es sie, Matteo Rossis Hand an ihrem Ellbogen zu fühlen. Er hatte recht, es war spät, und die Stille hier wirkte trostlos. Aber auf dem Gleis würden bestimmt mehrere Leute warten.

Irrtum. Im Schalterfenster hing nur ein Schild: Geschlossen.

Heute Abend fuhren keine Züge mehr, ganz gleich in welche Richtung.

5. KAPITEL

Benommen starrte Isabella auf das Schild. Ein Bahnhof, der geschlossen war? Unmöglich!

Sie rüttelte an den Türen. Sie bewegten sich keinen Millimeter.

Matteo versuchte es ebenfalls. Umsonst.

„Das kann nicht sein.“ Entsetzt sah sie ihn an. „Züge fahren doch rund um die Uhr.“

Rios Gedanken überschlugen sich. Was nun? „Wir sind eben nicht in Manhattan.“

Den ironischen Blick, den sie ihm zuwarf, konnte er ihr nicht verübeln. Nicht nur war der Kommentar überflüssig, es war auch mehr als überflüssig gewesen, noch einmal an der Tür zu rütteln. Vor allem weil er dabei so nah an Isabella herangekommen war, dass er den Duft ihres Haars riechen konnte.

Was war das? Zitrone? Auf jeden Fall etwas Frisches und extrem Feminines. Prompt beschäftigte sich sein Hirn damit anstatt mit dem aktuellen Problem.

Er trat einen Schritt zurück und sog die klare Nachtluft in die Lungen.

„Das artet allmählich in eine Slapstick-Komödie aus“, bemerkte Isabella frostig. „Zuerst das Auto, dann Ihr Boss, der nicht einmal genügend Höflichkeit besitzt, um zu warten. Dann Sie, und jetzt auch noch das.“

Wen sollte er jetzt verteidigen? Sich selbst … oder sich selbst? Sie hatte soeben Matteo Rossi und Rio D’Aquila beleidigt. Eigentlich war das gut, denn es holte ihn wieder in die Realität zurück.

„Sie kommen mit dem Auto von der Straße ab … Entschuldigung, es ist ja von allein in den Graben gefahren. Den Rest wollen wir lieber gar nicht erwähnen – den Stoßverkehr in der Stadt, den man voraussehen kann. Die Routeninformation, die Sie nicht mitgenommen haben. Der Punkt ist … hätten Sie Ihren Wagen noch, ständen wir jetzt nicht mitten in der Nacht vor einem geschlossenen Bahnhof.“

Seufzend sah sie ihn an. „Sie haben recht. Ich bin selbst schuld. Ich hätte mich gar nicht darauf einlassen sollen. Ich hab Gaby ja gleich gesagt, dass es verrückt ist.“

Gaby. Noch ein Name. Meinte sie Dantes Frau Gabriella Orsini? Rio D’Aquila, der die beiden kannte, hätte fragen können. Matteo Rossi konnte das nicht.

„Und Anna habe ich auch gesagt, dass der Job nichts für mich ist. Aber die beiden haben nicht auf mich gehört.“

Ah, die mysteriöse Anna, die so großzügig mit ihren Kleidern und ihrem Wagen gewesen war.

„Nein, stattdessen haben sie mich genervt und genervt. ‚Überleg doch nur, welche Türen sich da auftun‘“, ahmte sie Gaby-Anna mit hoher Stimme nach. „‚Denk an die neuen Kunden, die du dadurch bekommst.‘“ Izzy schnaubte abfällig. „Schlimm genug, dass ich mich mit all den verwöhnten reichen Typen in der Stadt rumschlagen muss. Jetzt soll ich auch noch hier rausfahren, wo … wo Kleingetier die Straßen belagert und keine Züge mehr fahren, nur weil es dunkel ist?“

Dazu hätte Rio mehrere Dinge sagen können: Erstens: Anna und Gaby haben recht. Zweitens: Kaninchen gibt es überall. Drittens: Es liegt nicht an der Dunkelheit, dass freitagnachts keine Züge fahren. Stattdessen erwiderte er nur: „Sie wissen doch gar nicht, ob Rio D’Aquila verwöhnt ist.“

„Er ist reich“, fauchte Isabella. „Und ein Paradebeispiel von Mann. Sagt Gaby. Anna kennt ihn zwar nicht, aber sie hat ihn gesehen, auf irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung oder im Theater, so genau weiß ich das nicht. Sie findet auch, dass er umwerfend aussieht. Und dass er mehr Geld als nötig hat und außerdem ein überdimensionales Ego.“

Insgeheim setzte Rio diese Anna auf die Liste von Leuten, auf die er getrost verzichten konnte. „Interessant.“

„So genau hat sie es nicht gesagt. Aber warum sonst sollte jemand ein Riesenhaus mitten in der Pampa bauen, wenn er bereits Gott weiß wie viele Häuser besitzt?“

„Vielleicht weil ihm die Gegend gefällt? Und Southampton ist wohl kaum ‚Pampa‘.“

„Versuchen Sie erst gar nicht, Ihren Boss zu verteidigen.“ Zornig reckte sie das Kinn. „Ich kenne Typen wie ihn, ich arbeite für sie!“

„Männer mit Geld sind also alles habgierige Schwachköpfe?“, fragte er trocken.

„Mit übertrieben großen Egos“, ergänzte sie.

„Das ist eine höchst interessante Beobachtung. Schließt das Dante Orsini, der die Empfehlung für Sie ausgesprochen hat, mit ein?“

„Woher wissen Sie das?“

Ich Trottel, dachte Rio und sagte schnell: „D’Aquila erwähnte es.“

„Nein, natürlich nicht. Darum geht es auch gar nicht.“ Isabella erschauerte. Die Nacht schien plötzlich viel kühler geworden zu sein. „Ich sitze hier fest, verstehen Sie nicht? Im letzten Außenposten der Zivilisation!“

Es war anstrengend, nicht zu lachen. Noch anstrengender war es, keinen Kuss auf diesen wütenden Mund zu drücken.

Was soll’s, dachte Rio und zog sie in seine Arme.

„Was machen Sie da?“

„Ihnen ist kalt. Ich wärme Sie.“

„Das ist unnötig.“

„Doch, es ist nötig. Also hören Sie auf, sich zu wehren, und lassen Sie sich von mir wärmen.“

Stocksteif stand Izzy in seiner Umarmung, und Rio hielt sie mit der Entschlossenheit eines Pfadfinders fest, der eine gute Tat vollbrachte. Nur war er nie bei den Pfadfindern gewesen, und es fiel schwer, wie einer zu denken, wenn Isabella sich so weich und weiblich in seinen Armen anfühlte. Er wollte seine Wange an ihr Haar legen, ihr Gesicht anheben und sie küssen, wollte all die Dinge tun, die ein Mann mit einer Frau tat, die ihn verrückt machte.

Die ihn etwas fühlen ließ, das nur mit Zärtlichkeit beschrieben werden konnte. Gerade als er sich befahl, sie loszulassen, seufzte sie und lehnte die Stirn an seine Brust.

„Sie haben recht“, flüsterte sie. „Ich hab’s verbockt, und ich sitze fest. Was soll ich nur tun?“

Es gab eine einfache Lösung. Er war Rio D’Aquila. Sein Flugzeug stand nicht weit entfernt. Sie mussten nur nach Easthampton fahren, und in einer Stunde wäre sie zurück in der Stadt.

Nur, er wollte sie hier haben. Das war unlogisch. Er verstand nicht, weshalb Logik ihm plötzlich völlig gleichgültig war.

Wohl zum hundertsten Mal, seit Isabella Orsini in seinem Leben aufgetaucht war, sagte er sich, dass es reichte. Es wurde höchste Zeit, sich wieder logisch zu verhalten. Er sollte sie nach New York zurückbringen. Das war nicht nur logisch, es war das einzig Richtige. Er musste nur den ersten Schritt machen.

Und genau dieser erste Schritt war der Killer.

Er müsste ihr sagen, wer er war.

Sie wäre nicht begeistert. Nicht begeistert? Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Sie würde schäumen vor Wut.

Sobald sie wusste, wer er war, würde sich alles ändern. Sie wäre dann zwar noch immer der Gärtner Izzy mit dem geliehenen ruinierten Auto und dem geliehenen ruinierten Kostüm, während er der Lügner wäre. Der reiche Lügner. Ein Mann mit mehr Geld als nötig und einem überdimensionalen Ego.

Er konnte nicht einmal sagen, warum er dieses alberne Spiel angefangen hatte. Doch inzwischen war aus dem Spiel viel mehr geworden. Abgesehen von der Lüge, die er jetzt lebte, fühlte er sich … großartig. Entspannt, zufrieden. Er genoss Isabellas Gesellschaft. Sie war eigensinnig, schwierig und streitsüchtig, aber sie war ebenso sanftmütig und ehrlich – und sie brachte ihn zum Lachen. Er fühlte sich wohl mit ihr, wie er sich seit Jahren nicht mehr mit einer Frau wohlgefühlt hatte.

Isabella war interessant, sie faszinierte ihn. Denn sie verhielt sich ihm gegenüber so, wie sie sich jedem anderen Menschen gegenüber verhalten würde. All die anderen Frauen benahmen sich dagegen, als würden sie den großen Preis verlieren, wenn sie ihm nicht die richtige Antwort gaben. Er konnte sich keine andere Frau vorstellen, die ihn böse anfunkelte, kannte keine, die sich mit ihm stritt, keine, die ihn einfach stehen ließ und in die Nacht hinausmarschierte.

Und definitiv kannte er keine, die sich aus seiner Umarmung befreite, so wie Isabella es getan hatte. Weil er war, wer er war – Rio D’Aquila. Der Mann mit zu viel Geld und dem übergroßen Ego.

Exakt das war der Punkt. Für Isabella war er nicht dieser Mann. Für sie war er der Verwalter. Sie mochte ihn so, wie er war. Oder eben auch nicht, je nach Laune.

Genau das gefiel ihm. Es war eine neue Welt für ihn. Eine Welt, in der ein Mann ein Mann und eine Frau eine Frau waren. Das kam einer echten Beziehung näher, als er je einer gewesen war.

Rio runzelte die Stirn. Falls ein Mann eine echte Beziehung wollte. Er jedenfalls wollte das nicht, sondern war einfach nur gern mit Isabella zusammen. Es fühlte sich gut an, sie in den Armen zu halten. Nur noch einen Moment, dann würde er sich als der Zauberer aus der Smaragdstadt zu erkennen geben. Für den Zauberer von Oz war es allerdings auch anders als geplant gelaufen.

„… Sinnvollste.“

Er blinzelte. „Entschuldigung, was sagten Sie?“

„Ich sagte, ich werde Anna anrufen. Das ist das Sinnvollste.“

„Anna.“

„Meine Schwester.“

Ihre Schwester. Jetzt kannte er zumindest eines der Puzzleteilchen.

„Anna kann mich abholen. Oder ihr Mann.“

Sie hatte recht, das wäre das Sinnvollste. Dann brauchte er sich nicht zu erkennen zu geben, sie würde aus seinem Leben verschwinden und …

Und das wollte er nicht. Noch nicht.

„Aber dann …“ Sie schluckte, kaute an ihrer Unterlippe.

Dio, wenn sie das noch lange machte, konnte er für nichts mehr garantieren! „Aber dann?“, hakte er nach.

„Dann wird jeder wissen, dass ich es verbockt habe.“

Rio strich ihr über die Arme. „Wer ist jeder?“

„Meine Familie. Sie werden sich meinetwegen Sorgen machen. Ich habe vier Brüder und eine Schwester, und alle sind erfolgreich, nur ich …“

„Sie“, unterbrach Rio sie entschieden, „sind eine schöne, intelligente und talentierte junge Frau.“

Sie errötete. „Das ist wirklich nett, aber …“

„Es stimmt. Ich habe die Entwürfe gesehen.“ Sei jetzt ganz vorsichtig. „D’Aquila hat sie mir zukommen lassen … äh, die Bewerbungen. Er hielt es für eine gute Idee, wenn ich mit den Plänen vertraut bin.“ Das klang völlig unwahrscheinlich, aber sie nahm es ihm ab und lächelte.

„Freut mich, dass Ihnen die Entwürfe gefallen.“

„Ja, sogar sehr.“ Er kämpfte gegen den Drang, sie wieder in die Arme zu ziehen. „Ich werde meinem Boss vorschlagen, einen zweiten Termin für ein Bewerbungsgespräch anzusetzen.“

Innerlich stöhnte Rio auf. Dio, wie weit wollte er sich noch verstricken? Wie konnte Rio D’Aquila mit ihr sprechen, ohne dass der Bluff aufflog?

Irgendwas würde ihm schon einfallen, er hatte schließlich schon brenzligere Situationen gemeistert. Aber heute Abend nicht mehr.

„Ihre Schwester anzurufen ist also doch keine so gute Idee. Ich mache Ihnen einen Vorschlag.“ Er nahm ihren Arm und führte sie zum Wagen zurück. „Sie bleiben über Nacht hier.“

Isabella blieb abrupt stehen. „Das ist ja ein ganz toller Vorschlag.“

Rio zog die Beifahrertür auf. „Beruhigen Sie sich, ich habe nicht vor, Sie zu verführen.“

„Und das soll ich glauben? Nach dem, was passiert ist?“

Wütend drehte er sich zu ihr um. „Ich habe Sie geküsst. Sie haben mich geküsst. Wer genau hat also wen zu verführen versucht?“

Das Licht der Straßenlaterne fiel auf ihr hochrotes Gesicht. „Ich werde nicht zusammen mit Ihnen in dem Haus bleiben.“

„Fein, dann strecken Sie sich eben hier auf der Bank aus. Oder im Gras.“ Er sah, wie die Rädchen hinter ihrer Stirn sich drehten, während sie ihn aufgebracht anstarrte.

„Morgen früh lasse ich Ihren Wagen aus dem Graben ziehen und in die Werkstatt schleppen. Wenn sie ihn dort reparieren können, gut, wenn nicht, nehmen Sie sich einen Mietwagen.“

„Ich …“

„Was?“

„Nichts.“ Sie schaute zu Boden.

„Sie haben nicht das Geld für einen Mietwagen. Und Sie wollen Anna nicht um Hilfe bitten, richtig?“

Ein beschämtes Nicken.

„Ich leihe Ihnen das Geld.“

Ihr Kopf schoss hoch. „Sie?“

„Ich bin Verwalter, kein Stadtstreicher. Ich habe ein Einkommen und Ersparnisse.“

„Ich wollte damit nicht …“

„Doch, das wollten Sie. Auch Menschen, die von ihrer Hände Arbeit leben, wissen, wie sie ihr Geld anlegen sollten.“

Wie steif sich das anhörte! Aber es war die Wahrheit. Früher hatte Rio von seiner Hände Arbeit leben müssen, jetzt war er reich. Und er war so reich geworden, indem er jede Lira, jeden Real und jeden Euro gespart hatte, um seine erste Investition zu tätigen.

Isabella zögerte, dann lächelte sie ein Lächeln, das die Nacht erhellte. „Sie sind ein anständiger Mann, Matteo Rossi“, sagte sie und stieg auf den Beifahrersitz.

Ein anständiger Mann? Ein Lügner, das bin ich. Ein anständiger Mann hätte ihr die Wahrheit gesagt. Hätte sie nach Hause bringen lassen. Schließlich besaß er genug Geld, um das zu tun.

Ein anständiger Mann hätte gar nicht erst mit dieser unsinnigen Charade angefangen. Oder er hätte sie längst beendet. Immerhin hatte er Isabella in einer Hinsicht die Wahrheit gesagt: Er würde sie nicht verführen, wollte es gar nicht.

Cristo, D’Aquila, sei wenigstens darin ehrlich. Eine Frau, die allein mit einem Lächeln seinen Magen zu einem harten Klumpen werden ließ? Natürlich wollte er sie verführen! Aber die Szene vorhin im Haus war ihm Warnung genug gewesen. Sie war unschuldig oder so gut wie. Und er spielte nicht mit unerfahrenen Frauen.

Würde es großen Schaden anrichten, wenn er sie weiterhin in dem Glauben ließ, er wäre der Verwalter? Ihr ein Zimmer für die Nacht anbot, ein gemeinsames Dinner mit ihr genoss, einfach nur mit ihr redete und sie morgen nach Hause schickte?

Nein. Er würde ihr helfen und sie denken lassen, dass ihr Retter Matteo hieß. Niemand würde verletzt werden.

Ende der Geschichte.

6. KAPITEL

Es war stockfinster, die Straßen waren wie ausgestorben, und Isabellas Verstand funktionierte offensichtlich nicht mehr.

Wie sonst ließ sich erklären, dass sie mit einem Fremden zu ihm nach Hause fuhr? Wo war sein Zuhause überhaupt? Er hatte es nicht gesagt, und sie hatte nicht gefragt.

Sie hatte einfach angenommen, dass er auf dem D’Aquila-Anwesen wohnte. Sich auf Annahmen zu verlassen war grundsätzlich ein Fehler. Schließlich hatte sie auch angenommen, dass Rio D’Aquila warten würde. Und jetzt ging sie davon aus, dass es in Ordnung war, die Nacht über bei einem Mann zu bleiben, den sie gerade erst getroffen hatte. Keine sehr gute Idee. Der Mann sah umwerfend aus, war sexy – und er könnte genauso gut ein Serienmörder sein, bei dem wenigen, was sie von ihm wusste!

„Entspannen Sie sich“, drang seine amüsierte Stimme in ihre Gedanken. „Wir fahren zurück zum Haus. Es gibt vier Gästesuiten, Sie können sich eine aussuchen.“

Isabella fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. „Ich habe nicht …“

„Doch, haben Sie.“ Er wandte ihr das Gesicht zu, doch seine Miene ließ sich in der Dunkelheit nicht ausmachen. „Ein bisschen spät, um sich zu fragen, ob ich vielleicht Hintergedanken habe, oder?“

Es gefiel ihr nicht, dass sie so leicht zu durchschauen war. Und sie brauchte auch nicht unter die Nase gerieben zu bekommen, dass sie schon wieder eine Dummheit begangen hatte.

„Sie haben recht“, flötete sie darum zuckersüß. „Ich hätte vorher fragen sollen, ob Sie sich um Mitternacht in einen Vampir verwandeln.“

Er lachte. „In einen hungrigen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe. Sie müssen doch auch hungrig sein.“

„Nein, nicht wirklich“, behauptete sie, nur leider meldete sich in diesem Moment ihr Magen mit einem lauten Knurren.

„Ganz offensichtlich“, bestätigte er trocken und konnte sich zum Glück das Lachen verkneifen. „Dann sehen Sie mir also beim Essen zu?“

Zwischen Starrsinn und Dummheit gab es einen riesengroßen Unterschied. Selbst Izzy wusste das. „Na gut, ich sterbe vor Hunger. Gibt es hier ein Diner? Ich gebe Hamburger und Pommes aus.“

Sie wollte ihm einen Hamburger spendieren? Dieses Mal kostete es Rio Mühe, nicht laut aufzulachen. Keine der Frauen, die er kannte, würde je zugeben, dass sie Hamburger und Pommes frites mochte.

Was er jedoch wirklich wollte, war, den Wagen an den Straßenrand lenken und die süße, ramponierte, quirlige, absolut hinreißende Isabella küssen.

Hatte er sich nicht gerade erst geschworen, dass das völlig außer Frage stand? Genauso wenig würde er sich mit ihr in einem Diner sehen lassen. Sicher, in Southampton war man an Berühmtheiten, die ihre Ruhe haben wollten, gewöhnt. Doch im Moment konnte er es wirklich nicht gebrauchen, dass ihn jemand erkannte.

„Wissen Sie was? Ich mache uns etwas zu essen, wenn wir zu Hause sind“, schlug er übertrieben munter vor.

„Zu Hause? Sein Anwesen ist also Ihr Zuhause?“

„Sein … Oh, D’Aquilas. Nun äh, ja. Ich wohne dort.“

„Hat er nichts dagegen? Ich meine, dass Sie Ihre Gäste dort übernachten lassen?“

„Bisher habe ich keine Gäste gehabt. Zumindest nicht die Art Gast, die Sie meinen.“

„Das wollte ich gar nicht …“

„Doch, das wollten Sie.“ Sein Ton wurde rauer. „Sie wollten wissen, ob ich Frauen bei mir übernachten lasse.“

„Warum sollte mich das interessieren?“

„Das ist eine ausgezeichnete Frage.“

Richtig, dachte Isabella und suchte nach einer Antwort, die Sinn ergab. „Weil ich mich nicht wirklich wohl bei dem Gedanken fühle, in einem Haus zu übernachten, wenn der Besitzer nichts davon weiß.“

Das war nicht die Antwort, auf die Rio gehofft hatte. Und war das nicht absolut lächerlich? Hier ging es um reine Zweckmäßigkeit. Mehr konnte er nicht tun.

Du könntest ihr die Wahrheit sagen.

Hatte er das nicht bereits mit sich ausdebattiert und entschieden, dass kein Schaden entstehen würde, wenn er die Täuschung noch ein wenig länger aufrechterhielt?

„D’Aquila hat nichts dagegen. Außerdem ist er für die nächsten Tage sowieso nicht da.“

„Und Sie wohnen … in einem Apartment über der Garage? Einem separaten Häuschen auf dem Grundstück?“

Der echte Verwalter wohnte ein paar Meilen entfernt in einem eigenen Haus, aber das konnte er ihr nicht sagen. „Über der Garage. Die Wohnung ist allerdings noch nicht fertig.“ Gegen ihn war Pinocchio ein blutiger Anfänger. „Darum wohne ich momentan im Haus.“

„Und Ihren Arbeitgeber stört das nicht?“

„Sie sollten einen Mann nicht unbedingt nach seinem Bankkonto beurteilen.“

Die Bemerkung brachte ihm einen schweren Seufzer ein.

„Das sagt Anna auch immer. Sie meint, wenn es um Männer geht, bin ich voreingenommen.“

Diese Anna schien vernünftiger zu sein, als er gedacht hatte. „Eine Frau wie Sie sollte voreingenommen sein“, brummte er.

„Eine Frau wie ich?“

Eine schöne und intelligente Frau, die sexy und unschuldig ist und die jeder Mann in sein Bett holen will, anstatt sie im Gästezimmer unterzubringen, hätte er beinahe gesagt. Gerade noch rechtzeitig kam das Tor in Sicht und hielt ihn davon ab.

„Eine Frau, die allein unterwegs ist“, erwiderte er stattdessen und dankte dem Himmel, dass das Tor ohne Probleme aufschwang und er sich gerade noch rechtzeitig aus der Affäre gezogen hatte.

Rio ging in die Küche, schaltete alle Lichter ein und zog die Kühlschranktür auf. Erst dann fiel ...

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