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JULIA EXTRA, BAND 347

CAROL MARINELLI

Magie einer Wüstennacht

Für Prinz Ibrahim steht fest: Auch wenn er seine Schwägerin Georgie sehr reizvoll findet – als geschiedene Frau ist sie für ihn tabu. Doch dann muss er mit ihr in einem Wüstenzelt übernachten …

CATHERINE GEORGE

Mit den zärtlichen Waffen einer Frau

Als Katherine Roberto de Sousa kennenlernt, ist sie fasziniert. Doch sie ahnt, dass der Ex-Rennfahrer viel Leid erfahren hat. Warum sonst versucht er, sie von sich fernzuhalten? Aber Katherine gibt nicht auf …

EMMA DARCY

Schick mir keine Rosen …

Die oder keine! Nach nur einer heißen Nacht mit der schönen Farmerin Ivy ist dem Milliardär Jordan klar: Er will diese Frau! Leider hält Ivy ihn für einen Playboy und lässt ihn stehen …

FIONA HARPER

Rendezvous mit einem Unbekannten

Was für eine schöne Frau! Der Bestsellerautor Noah hat mit so einer attraktiven Überraschung wie Grace nicht gerechnet und geht beim Blind Date erst mal auf Distanz. Doch nicht lange …

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1. KAPITEL

„Lass es uns irgendwo anders versuchen.“

Georgie hatte ja gewusst, dass sie keine Chance hatten, in den exklusiven Londoner Nachtklub hineinzukommen. Sie hatte gar nicht erst hingehen wollen.

Ehrlich gesagt … sie würde jetzt viel lieber zu Hause im Bett liegen, aber schließlich war es Abbys Geburtstag. Der Rest der Clique hatte sich bereits verabschiedet, nur wollte Abby ihren besonderen Tag noch nicht so einfach ausklingen lassen. Sie schien ganz zufrieden damit, hier in der ellenlangen Schlange zu stehen, während der Türsteher die dicke rote Kordel ausschließlich für die Reichen und Schönen zur Seite zog.

„Nein, bleiben wir noch. Wo sonst bekommt man so viele tolle Leute auf einmal zu sehen?“ Eine große Limousine fuhr vor, und eine prominente Dame der High Society stieg aus. „Oh!“ Abby war hingerissen. „Was für ein Kleid! Ich muss unbedingt ein Foto machen!“

Auch das Blitzlichtgewitter der Paparazzi ging auf die junge Frau nieder, die sich von einem deutlich älteren Schauspieler zum Eingang eskortieren ließ. Beide posierten für die Kameras.

Georgie zitterte vor Kälte in ihrem knappen Cocktailkleid, aber sie war entschlossen, kein Spielverderber zu sein. Ihre Freundin hatte sich so sehr auf diesen Abend gefreut. Der Türsteher kam jetzt auf die Schlange der wartenden Partygäste zu, und insgeheim flehte Georgie darum, er möge laut verkünden, dass es keinen Sinn hatte und alle nach Hause gehen sollten. Doch er schien ein Ziel zu haben. Um genau zu sein, er steuerte auf sie zu … Georgie strich sich nervös über das blonde Haar. Hätte Abby besser kein Foto schießen sollen?

„Kommen Sie durch, Ladys.“ Er hängte die rote Kordel für sie aus. „Tut mir leid, ich hatte Sie nicht gleich gesehen.“

Georgie öffnete schon den Mund, um zu fragen, für wen der Mann sie hielt, doch Abby stieß ihr leicht den Finger in die Rippen.

„Geh einfach“, flüsterte sie aufgeregt.

Alle Köpfe drehten sich, und man fragte sich, wer diese Frauen sein mochten. Eine Kamera blitzte auf, dann noch eine und schließlich alle. Die Fotografen gingen auf Nummer sicher. Irgendwer mussten die beiden wohl sein, wenn sich die schweren Glastüren des Klubs für sie öffneten!

„Das ist der beste Geburtstag überhaupt!“ Abby konnte vor Begeisterung kaum an sich halten.

Georgie dagegen hasste es, derart im Rampenlicht zu stehen. Allerdings war das nicht der einzige Grund, weshalb ihr Herz wie verrückt hämmerte, als sie durch den dämmrigen Raum auf einen Tisch zugeführt wurden. Ein mulmiges Gefühl rührte sich in ihrem Magen, und die Kehle wurde ihr eng. Das war bestimmt kein simpler Irrtum des Türstehers. Solche Irrtümer passierten einfach nicht.

Georgie kannte nur eine Person, die die Macht hatte, Türen so mühelos zu öffnen. Seit Monaten bemühte sie sich, nicht an diesen Menschen zu denken. Und sie würde alles tun, um dem Mann nicht zu begegnen.

„Wir müssen uns bei Ihnen entschuldigen, Miss Anderson.“ Der Kellner, der die Flasche Champagner auf den Tisch stellte, bestätigte Georgies Verdacht. „Ibrahim hat darum gebeten, dass wir uns um Sie kümmern.“

Somit war ein Treffen also nicht mehr zu umgehen. Georgie wappnete sich, zwang sich, ruhig durchzuatmen, und hoffte insgeheim, dass ihr eine gelassene Begrüßung gelingen würde.

„Georgie. Lange nicht gesehen.“

Selbst nach all der Zeit begann es beim Klang seiner Stimme mit dem kaum wahrnehmbaren Akzent prompt in ihrem Magen zu flattern. Georgie stand auf … und für einen Moment war sie wieder in Zaraq zurück, zurück in seinen Armen. „Stimmt, es ist lange her.“ Sie war stolz auf sich, weil ihr sogar ein Lächeln gelang.

Offensichtlich wollte er gerade gehen. Die blonde Frau an seinem Arm warf Georgie einen unmissverständlich warnenden Blick zu, den Georgie ignorierte.

„Wie geht es dir?“

„Gut“, lautete seine knappe Antwort, und er sah auch so aus.

Trotz seines exzessiven Lebensstils, über den Georgie alle Zeitungsberichte gelesen hatte. Er schien ihr größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Oder hatte er vielleicht abgenommen? Seine Züge wirkten irgendwie kantiger. Sein rabenschwarzes Haar war länger als damals, doch selbst um zwei Uhr nachts saß es noch immer perfekt. Seine dunklen Augen musterten sie von Kopf bis Fuß, genau wie an jenem Tag, und genau wie an jenem Tag wartete er gelassen ab, bis ihr Blick schließlich den seinen traf.

Sein Mund hatte sich nicht verändert. Müsste Georgie ihn identifizieren, würde ihr das allein anhand eines Fotos dieser Lippen ohne den geringsten Zweifel gelingen. Denn im Gegensatz zu seinen fast harschen Zügen war sein Mund weich und voll. Vor langer Zeit hatte dieser Mund sich zu einem hinreißend trägen Lächeln verzogen, hatten diese vollen Lippen eine Reihe perfekter weißer Zähne freigegeben.

Heute Abend jedoch würde es kein Lächeln geben. Trotzdem blieb es ein Mund, der eine seltsame Reaktion in ihr auslöste. Während Georgie hier stand und gezwungenermaßen Konversation machte, war es dieser Mund, der ihre Gedanken beherrschte. Es waren diese Lippen, die sie, trotz des vollen Klubs und trotz der Frau, die sich an seinen Arm klammerte, küssen wollte.

„Und wie geht es dir?“, erkundigte er sich höflich. „Wie macht sich deine Praxis? Kommen die Leute?“

Seine Fragen machten klar, dass er sich nicht nur an jene Nacht erinnerte, sondern auch an die Details, die sie so willig preisgegeben hatte. Sie hörte wieder die Begeisterung in ihrer Stimme, als sie ihm von Reiki und Heilölen vorgeschwärmt hatte, und sie erinnerte sich an sein Interesse. Nur gut, dass es so schummrig in diesem Klub war. Denn es war denkbar, durchaus denkbar, dass Tränen in ihren Augen glitzerten.

„Es läuft bestens, danke“, antwortete sie.

„Hast du deine Nichte in letzter Zeit gesehen?“

Wie förmlich er klang. Und wie sehr sie sich den echten Ibrahim zurückwünschte. Ibrahim, der sie bei der Hand nehmen und aus dem Klub ziehen würde, um sie zu seinem Wagen, in eine Seitengasse oder in sein Bett zu bringen, irgendwohin, wo sie allein sein konnten.

„Nur als Felicity und Karim mit ihr in London waren, aber seit …“ Sie brach ab. Seit sich die Zeitrechnung für sie in „Davor“ und „Danach“ geteilt hatte. Seit dem Kuss, der sie für immer verändert hatte. Seit den feindseligen Worten, die gewechselt worden waren. „Seit der Hochzeit war ich nicht mehr dort.“

„Ich war letzten Monat noch einmal in Zaraq. Azizah macht sich prächtig.“

Sie wusste, dass er wieder dort gewesen war, obwohl sie sich geschworen hatte, sich nicht darum zu kümmern. Wenn sie mit ihrer Schwester sprach, druckste sie immer herum, um seinen Namen nicht erwähnen zu müssen und trotzdem so viel wie möglich über ihn zu erfahren. Sie war nicht stolz darauf.

Die Blondine an seinem Arm gähnte übertrieben verstohlen und drückte leicht seinen Arm. Georgie nutzte die Gelegenheit, um sich für seine Hilfe, in den Klub eingelassen zu werden, und für den Champagner zu bedanken, und Ibrahim wünschte ihr eine gute Nacht.

Normal und höflich wäre es, wenn sie sich jetzt mit einem Kuss auf die Wange verabschieden würden. Beide bewegten die Köpfe ein winziges Stückchen vor, beide zögerten sie und verharrten, als hätten sie sich abgesprochen. Trotz der typischen Klubgerüche hatte sich die Luft in ihrer unmittelbaren Nähe mit einer fatalen Mischung aus ihren persönlichen Düften angefüllt – schwül, berauschend und ungemein gefährlich.

Georgie zwang sich, diesen verführerischen Duft zu ignorieren.

„Gute Nacht“, sagte sie also nur und sah zu, wie die Menge sich teilte, um den Weg für Ibrahim frei zu machen.

Köpfe drehten sich von dem aufsehenerregenden Mann zurück zu ihr. In dieser oberflächlichen Gesellschaft hatte der kurze Kontakt mit ihm sie zu jemand Wichtigem gemacht. Vor allem, als er es sich plötzlich anders überlegte, seine Begleiterin stehen ließ, sich umdrehte und zu Georgie zurückkam. Es war wie damals – die Anziehungskraft, der unwiderstehliche Sog … Georgie wollte auf ihn zueilen, doch sie blieb stehen, wo sie war. Mit feucht schimmernden Augen vernahm sie Worte, die sie von ihm nie zu hören erwartet hätte.

„Ich entschuldige mich.“

Und sie konnte nichts erwidern, denn sie befürchtete, dann in Schluchzen auszubrechen. Oder sich an ihn zu klammern und den Mund zu suchen, nach dem sie sich schon so lange sehnte.

„Nicht für alles, aber für einige Dinge, die ich gesagt habe. Du bist keine …“ Er brauchte das Wort nicht zu wiederholen. Seit Monaten hallte es in ihren Ohren nach. „Es tut mir leid.“

Irgendwie schaffte sie es, dass ihr die Stimme gehorchte. „Ja, mir auch.“

Als er sich wieder umwandte, setzte sie sich zurück an den Tisch. Sie würde es kein zweites Mal ertragen, ihn gehen zu sehen.

„Wer war das denn?!“, fragte Abby ehrfürchtig.

Georgie antwortete nicht gleich. Sie nippte an dem Champagner, nippte noch einmal in der Hoffnung, er würde ihre raue Kehle besänftigen, dann wandte sie den Kopf zur Tür, zu dem Mann, der niemals zurückblickte. Doch in diesem Moment tat er es. Und die Wirkung seines Blicks war so überwältigend, dass sie, hätte er nur das kleinste Zeichen gegeben, zu ihm gerannt wäre.

Es war eine Erleichterung, als die Tür sich endlich hinter ihm schloss. Dennoch dauerte es eine Weile, bis Georgie in die Normalität zurückkehren konnte. In die Welt ohne ihn.

„Georgie?“ Abby wurde ungeduldig.

„Du weißt doch, dass meine Schwester Felicity in Zaraq lebt, oder? Und das war der Bruder ihres Mannes.“

Abbys Mund stand offen. „Er ist ein Prinz?“

Georgie versuchte es mit Nonchalance. „Nun, da Karim ein Prinz ist, nehme ich an, dass Ibrahim auch einer sein muss.“

„Du hast nie erwähnt, dass er so …“, Abby beendete den Satz nicht, aber Georgie wusste, was die Freundin meinte.

Felicity war als Krankenschwester nach Zaraq gegangen und hatte in die Königsfamilie eingeheiratet, aber Georgie hatte es vor ihren Freunden immer heruntergespielt, hatte getan, als wäre Zaraq ein winziger Punkt auf der Landkarte, in dem es Aristokraten wie Sand am Meer gäbe. Sie hatte nie viel von dem wunderschönen Land erzählt, von der weiten Wüste, von den bunten Basaren und der tief verwurzelten Tradition in den ländlichen Gegenden, die in krassem Kontrast zu den schillernden Städten mit den Luxushotels und namhaften Designerboutiquen standen.

Und ganz sicher hatte sie nichts von ihm erwähnt.

„Was ist da drüben eigentlich vorgefallen?“

„Was meinst du?“

„Du warst anders, als du zurückkamst. Obwohl du nie darüber gesprochen hast.“

„Es war nur eine Hochzeitsfeier.“

„Oh, komm schon, Georgie. Hast du ihn dir mal angesehen? Der Mann ist regelrecht schön! Du hast mir auch nie Fotos von der Hochzeit gezeigt.“

„Nichts ist vorgefallen.“ Und es stimmte, denn was zwischen ihr und Ibrahim passiert war, war eine einseitige Angelegenheit gewesen, auch wenn sie jeden Tag daran dachte …

Noch heute konnte Georgie ihre Mutter hören.

„Kennen Sie das alte Sprichwort nicht? Bei uns sagt man, wer dreimal Brautjungfer war, wird niemals …“

An dem Punkt hatte ihre Mutter aufgehört mit den Erklärungsversuchen, denn die Zeremonie begann. Die Zaraquianer waren nicht an nervösem Geplapper interessiert, wenn eine königliche Trauung stattfand. Dabei war es bei all dem Pomp und Prunk nicht einmal die richtige Hochzeit, die hatte bereits vor Wochen vor einem Richter stattgefunden. Doch da der König sich inzwischen von seiner schweren Operation erholt hatte und Felicity eine würdige Braut für Karim zu sein schien, wurden die offiziellen Festlichkeiten so schnell wie möglich nachgeholt – bevor man Felicity die Schwangerschaft ansehen konnte.

Auch wenn niemand mehr zuhörte … für einen Moment schloss Georgie beschämt die Augen. Wenn ihre Mutter wüsste … Es gibt keinen Grund, weshalb sie es wissen sollte, beruhigte sie sich in Gedanken und atmete tief durch.

Als sie die Lider wieder hob, schoss neuerliche Unruhe in ihr auf – weil der bewundernde Blick eines imposanten Mannes auf ihr lag. Er trug die gleiche Galauniform wie sein Vater und sein Bruder, doch an ihm sah sie wesentlich besser aus. Georgie schwankte zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Wären sie in England, würde sie als Brautjungfer mit dem Trauzeugen tanzen müssen.

Sie erwartete eigentlich, dass er den Blick abwenden würde, nachdem sie ihn ertappt hatte, doch er dachte gar nicht daran. Es war schließlich Georgie, die verlegen nach vorn schaute. Und so stand sie hier, in dem apricotfarbenen Brautjungfernkleid, bei dem sie keinerlei Mitspracherecht gehabt hatte, das dichte blonde Haar zu einem festen Zopf geflochten über die Schulter gelegt und mit dem für ihren hellen Teint viel zu schweren Make-up. Das war nicht unbedingt der erste Eindruck, den sie bei einem so fantastisch aussehenden Mann hinterlassen wollte. Dennoch spürte sie seinen Blick während der gesamten Zeremonie auf sich liegen.

Georgie wusste nicht, was sie von dieser Hochzeit erwartet hatte. Auf jeden Fall nicht, dass sie Spaß haben würde. Doch nachdem alle Fotos geschossen und alle Reden gehalten waren, erhielt sie einen Blick auf die Menschen, deren Gesichter sie bisher nur von Fotografien kannte, und auf das Land, das ihre Schwester so sehr liebte. Angeführt von Bauchtänzerinnen und begleitet von rhythmischer Musik, führte die Parade von Hochzeitsgästen das Brautpaar in den großen Ballsaal, der nur von Kerzen erleuchtet war. Georgie sah zu, wie Felicity, sonst immer so nüchtern und sachlich, auf ihren Mann zutanzte. Sie erkannte die sinnlich lächelnde Frau kaum wieder. Die Gäste scharten sich lachend und klatschend um das Brautpaar. Die lebenslustige Atmosphäre war ansteckend, doch Georgie traute sich nicht so recht mitzumachen.

Bis eine warme Hand an ihrem Rücken sie auf die tanzende Menge zuschob und eine Stimme an ihrem Ohr raunte: „Du musst bei der zeffa mitmachen.“

Sie wusste nicht wie, doch mit Ibrahim an ihrer Seite versuchte sie es, und es war eine außergewöhnliche Erfahrung.

„Die zeffa findet eigentlich vor der Hochzeit statt“, erklärte er. „Doch wir passen die Tradition eben unseren Bedürfnissen an …“

Er wich nicht von ihrer Seite, auch nicht, als die Musik ruhiger wurde, und schließlich tanzten sie einen Tanz zusammen. Selbst wenn es nur der Form halber war … es fühlte sich anders an. Von einem so starken und selbstsicheren Mann gehalten zu werden, sich den ganzen Abend über seiner Aufmerksamkeit bewusst zu sein, war schwindelerregend.

„Alles in Ordnung?“

Er musste sie gesucht haben, nachdem sie das Brautpaar verabschiedet hatten und Georgie noch in der Halle stand.

„Es war so …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ja, sicher, ich bin nur etwas müde. Die letzten Tage waren anstrengend. Mir war nicht klar, wie viele Dinge noch vor einer Hochzeit zu erledigen sind.“ Sie lächelte schwach. „Ich hatte gedacht, ich könnte ein wenig Zeit mit meiner Schwester verbringen und vielleicht die Wüste sehen …“

„Komm, ich zeige dir die Wüste, gleich jetzt.“ Ibrahim deutete mit dem Kopf zu den Treppen.

Sie stiegen die Stufen hinauf, gingen den Korridor entlang, vorbei an Georgies Zimmer, bis zu einer Balkontür, die Ibrahim aufstieß.

„Da“, meinte er. „Das ist sie. Jetzt hast du sie gesehen.“

Georgie lachte. Natürlich hatte sie bereits von dem störrischen Prinzen gehört, der die Wüste verabscheute und lieber, wie Karim immer sagte, in einer überfüllten Bar saß, als den Frieden zu finden, den nur die Abgeschiedenheit brachte.

„Du ziehst also die Stadt vor?“ Als er nicht antwortete, schaute sie wieder auf die endlose Weite hinaus. „Es sieht wie ein Ozean aus.“

„Das war einmal ein Ozean. Und wenn man den alten Sagen glauben will, wird es auch wieder ein Ozean.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich verlasse mich lieber auf die Wissenschaft. Die Wüste ist nichts für mich.“

„Sie ist faszinierend.“ Schweigend standen sie nebeneinander. „Und einschüchternd“, sagte Georgie in die Stille hinein. Und obwohl sie nichts mehr hatte sagen wollen, gestand sie nach einer Weile die Wahrheit. „Ich mache mir Sorgen um Felicity.“

„Deine Schwester ist glücklich.“

Georgie erwiderte nichts. Ja, Felicity schien wirklich glücklich zu sein. Sie hatte sich in diesen umwerfend aussehenden Chirurgen verliebt, der sich dann als Prinz entpuppte. Sie beiden waren schrecklich verliebt ineinander und freuten sich auf das Baby, dennoch vermisste Felicity ihr Zuhause. An manche Sitten und Gebräuche hier hatte sie sich noch immer nicht gewöhnt.

„Sie möchte, dass ich herkomme und hier lebe. Damit ich mit dem Baby helfe.“

„Sie kann sich doch ein Kindermädchen leisten!“

Das hatte Georgie auch gedacht. Aber wenn sie fair zu Felicity war, dann war das nicht der einzige Grund. So leicht die Unterhaltung mit Ibrahim fiel, es gab Dinge, die sie nicht unbedingt zugeben wollte – eines davon war, dass Felicity die Schwester bei sich haben wollte, um sich um sie kümmern zu können.

„Sie will ein Auge auf dich haben.“ Ibrahim hatte die Geschichten von der schwierigen Schwester gehört. Von dem Teenager, der ständig weggelaufen war, der immer wieder wegen Essstörungen in der Klinik behandelt werden musste. Georgie mache Probleme, hatte Karim gewarnt.

Ibrahim zog es vor, sich seine eigene Meinung zu bilden. Und überhaupt … Probleme reizten ihn. „Felicity sorgt sich um dich.“

„Dazu besteht kein Grund.“ Mit brennenden Wangen fragte sie sich, wie viel er wusste.

„Für eine Weile bestand wohl Grund. Du warst sehr krank. Felicitys Sorgen sind verständlich.“ So direkt er auch war, er verurteilte sie nicht.

So etwas war selten. „Jetzt geht es mir besser. Nur kann ich ihr das nicht verständlich machen. Wenn man einmal Probleme gehabt hat, wartet jeder nur darauf, dass sie wieder hochkommen. So wie diese Suppe … Sie war kalt.“

Er musste lachen, weil er ihre Grimasse gesehen hatte, als sie den ersten Löffel genommen hatte. „Jalik – Gurkensuppe. Sie muss kalt serviert werden.“

„Ich bin sicher, sie schmeckt sehr gut – wenn man daran gewöhnt ist. Ich hab’s versucht, aber ich konnte nicht alles aufessen. Und selbst an ihrem Hochzeitstag hat Felicity jeden Bissen mitgezählt, den ich gegessen habe. Mum auch. Dabei hatte das gar nichts mit Essstörungen zu tun – ich mag einfach keine kalte Suppe. Und sosehr ich mich darauf freue, Tante zu werden – ich will nicht das Kindermädchen spielen! Das würden sie nämlich von mir erwarten, wenn ich bliebe.“ Georgie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie hier so frei sprach, gleichzeitig aber war es auch eine Erleichterung.

„Das ist anzunehmen. Es wäre in Ordnung, wenn dein Berufswunsch Kindermädchen ist. Aber ist er das?“

„Nein.“

„Sondern?“

„Ich habe mich auf Physio- und Aromatherapie festgelegt. Die Ausbildung werde ich bald abschließen, dann möchte ich meine eigene Praxis eröffnen. Und mich weiter spezialisieren.“

Es fiel so leicht, ihm alles zu erzählen. Wie sie anderen Frauen helfen wollte mit den Massagen und Ölen, die ihr geholfen hatten, als nichts mehr Wirkung zeigte. Und anders als die meisten machte er sich nicht über sie lustig, wahrscheinlich, weil er, auch wenn er sie nicht mochte, aus der Wüste stammte und die Menschen hier mehr von alternativen Heilmitteln verstanden.

So wie er ihr Dinge erzählte, von denen er gedacht hatte, dass er sie anderen gegenüber niemals zugeben würde. Zum Beispiel der Grund, warum er die Wüste nicht mochte.

„Sie hat mir den Bruder genommen.“ Seinen Bruder Ahmed hatte die Vorstellung, König zu werden, derart überfordert, dass er eine Antwort auf seine Ängste in der Wüste gesucht hatte. Aber er war nie wieder zurückgekehrt.

„Felicity hat mir davon erzählt.“ Georgie schluckte. „Es tut mir leid um den schmerzhaften Verlust.“

Ja, es war ein enormer Verlust. Ibrahim schloss die Augen, doch die Wüste war noch immer da, und der Wind fegte noch immer den Sand über die Dünen. „Sie hat auch meine Mutter genommen.“

„Ich dachte, deine Mutter sei nach London gegangen.“

Ibrahim schüttelte den Kopf. „Aber sie befolgte die Wüstenregeln.“ Er schaute auf das karge Land hinaus, das er so verabscheute, und konnte kaum fassen, was er hier preisgab. Diese Gedanken hätten niemals ausgesprochen werden sollen.

Er nahm sich zusammen, wollte sich förmlich verabschieden, doch ihre blauen Augen schauten ihn erwartungsvoll an, und Ibrahim stellte fest, dass er weiterreden wollte.

„An dem einen Tag war sie noch hier, und wir waren eine Familie, am nächsten war sie weg und durfte nie mehr zurückkommen. Ihr Sohn heiratet heute, aber sie sitzt in London.“

„Es muss schrecklich für sie sein.“

„Noch schlimmer war es für sie, nicht an Ahmeds Beerdigung teilnehmen zu können. Zumindest sagte sie mir das, als ich sie am Nachmittag anrief.“ Es war ein anstrengendes Telefonat gewesen, aber Ibrahim hatte durchgehalten und zugehört. Hatte sich alles angehört.

„Das tut mir ehrlich leid.“

Georgie hätte sagen sollen, dass sie verstand und wusste, wie er sich fühlte. Dann hätte er sie ironisch abkanzeln können. Womit er nicht gerechnet hatte, war die sanfte Hand, die sich flüchtig an seine Wange legte. So verblüfft er war, er hätte diese Hand am liebsten dort festgehalten und seine Wange für eine Weile hineingeschmiegt.

Nur ihr Psychiater konnte wissen, welch immense Bedeutung diese Geste für Georgie hatte. Zum ersten Mal hatte sie bei einem Mann impulsiv gehandelt. Die leichte Brise trug die Wärme der Wüste heran, hüllte sie ein, und sie wollte ewig hier stehen bleiben.

„Du solltest jetzt gehen“, sagte Ibrahim, denn Karim hatte ihn vor dieser Frau gewarnt. Hatte ihn ermahnt, sich an Zaraqs Gebräuche zu halten, solange er hier war.

Und Georgie tat, was er verlangte. Sie drehte sich um und ging, während er weiter auf die Wüste hinausstarrte. Ihre Fingerspitzen brannten noch immer, ihre Gedanken wirbelten von der flüchtigen Berührung, die sie gewagt hatte …

„Sagtest du nicht, sie wären alle so steif?“ Abbys Stimme holte Georgie aus den Erinnerungen zurück, die sie so unbedingt vergessen wollte. „Danach sah er mir aber nicht aus.“

„Hier gelten andere Regeln“, antwortete Georgie. Sie hatte keine Lust auf Champagner und hatte auch keine Lust, mit dem Mann zu tanzen, der sie jetzt aufforderte. Aber es war Abbys Abend, und Georgie würde die Freundin nicht merken lassen, dass sie mit den Gedanken meilenweit weg war.

Nur schien es, dass Abby mehr an Ibrahim interessiert war als an dem Treiben im Nachtklub, denn wenig später brachte sie das Thema schon wieder auf.

„Du fliegst nächste Woche hin, oder? Ist er dann auch da?“

Georgie schüttelte den Kopf. „Er kommt nur selten. Er war zur Hochzeit da und zu Azizahs Geburt. Und er ist gerade erst zurückgekommen. In ein paar Wochen wird er zur Geburt des künftigen Thronfolgers hinfliegen. Das reicht ihm dann wohl. Bis dahin bin ich längst wieder abgereist.“ Sie nahm einen Schluck Champagner. „Komm, lass uns tanzen.“

Sie tanzten und feierten bis vier Uhr in der Früh. Auch wenn Georgie lieber allein zu Hause gewesen wäre.

Um an den Kuss denken zu können. Um an ihn denken zu können.

Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, dass es Ibrahim ähnlich ergehen könnte.

2. KAPITEL

Georgie hatte ihn auf dem Balkon allein zurückgelassen, wie er es von ihr verlangt hatte.

Er hätte sich nicht umdrehen sollen, denn er war wütend. Wütend auf die Wüste. Doch er drehte sich um, sah, wie Georgie über die Schulter zurück zu ihm blickte … und erahnte die Möglichkeit zur altbekannten Flucht.

Er hätte auch nicht zu ihr gehen sollen, hätte stattdessen oben in seiner Suite das Telefon aufnehmen und eine von den Frauen kommen lassen sollen, die bereitstanden, um einem Prinzen oder König Zerstreuung und Vergnügen zu bieten. Diese Frauen, so hatte sein Vater ihn vor langer Zeit gewarnt, waren die einzige Option in Zaraq.

Es waren schöne Frauen mit mehr als ausreichend Erfahrung, doch heute Abend kratzte der Sand der Wüste in seinem Hals und über seine Seele. Noch immer spürte er Georgies kühle Finger an seiner Wange, und er war nie jemand gewesen, der sich an Regeln hielt.

Ibrahim ging auf sie zu.

Georgie hätte jede Möglichkeit gehabt, ihm auszuweichen, hätte nur in ihr Zimmer zu gehen brauchen. Sie stand ja direkt vor der Tür. Doch sie schaute zu ihm hin und wartete. Zu erklären war es nicht, höchstens mit Wahnsinn. Sie wartete, bis er sie in seine Arme zog und diesen wunderschönen Mund auf ihre Lippen presste.

Ein Mund, der nicht nach Whiskey und Zigaretten schmeckte, sondern nach purem Mann.

Bisher hatte ihr das Küssen nie viel Spaß gemacht, auch nicht der Sex. Doch hier, in der Umarmung eines Meisters, unter den meisterhaften Liebkosungen dieser Lippen, änderte sie ihre Meinung.

Seine Hände waren ebenso geschickt wie seine Lippen, denn sie merkte erst, dass er ihren Zopf gelöst hatte, als ihr das Haar über die Schultern fiel. Er streichelte darüber, so als müsse er sich überzeugen, dass es sich so anfühlte, wie er es sich vorgestellt hatte. Als er mit den Händen dann über ihre Seiten strich, schob sie die Finger in sein Haar, das sie vorhin bewundert hatte. Er roch noch immer so gut, wie schon auf der Tanzfläche … als hätte er gerade erst geduscht, und sie wollte ihn ewig weiterküssen.

Er zog sie so ruckartig an sich, dass sie zu fallen meinte, doch er hielt sie fest, und sie fühlte seine Erregung an ihrem Schoß, fühlte das Versprechen seines muskulösen schlanken Körpers und erhaschte einen Blick auf den Pfad, den er sie entlangführen wollte. Bis jetzt hatte sie immer versucht, diesen Pfad zu meiden, doch heute wollte sie losstürmen und immer weiter gehen. Es war gleich, wo sie waren, sie hätten überall sein können, denn sie war völlig verloren in dem einen Moment.

Ibrahim jedoch behielt die Kontrolle. Er hob den Kopf und schaute ihr in die Augen, und sie verlor sich in den Tiefen seiner Augen.

„Komm …“ Er nahm ihre Hand, um sie in sein Bett zu führen, jetzt, sofort.

Das Verlangen erlaubte es Georgie nicht, noch länger zu warten. Sie würde sich nicht dagegen wehren können. Sie hatte die Kontrolle verloren, und zum ersten Mal in ihrem Leben gefiel ihr das Gefühl, denn mit Ibrahim schien es ihr dennoch sicher zu sein.

„Hier.“ Ihr Zimmer lag direkt hinter der Tür, viel dichter als seins. Mit einem Bett. Und sie wollte sich zumindest sicher hinter verschlossenen Türen wissen.

Doch Ibrahim war ein Prinz, und die eingebläuten Regeln saßen tief. Er zögerte. „Wir brauchen …“ In seinem Zimmer gab es Schubladen, die regelmäßig diskret mit dem Nötigen nachgefüllt wurden – für die Gelegenheiten, wenn junge Frauen kamen, um den Prinzen zu unterhalten. In den Gästezimmern gab es so etwas nicht.

Er hatte recht. Georgie war froh, dass er noch immer genügend Verstand und Verantwortungsbewusstsein besaß. Noch glücklicher war sie, als ihr einfiel, dass sie eine schnelle Lösung bieten konnte.

„Ich habe welche.“ Sie dankte dem Himmel für den Automaten am Londoner Flughafen, der für die eingeworfenen Münzen nicht etwa das gewählte Zahnputzset ausgespuckt hatte, sondern ein Päckchen Kondome.

Für Ibrahim brachen in diesem Moment Welten zusammen. Dass sie vorbereitet war, müsste eigentlich Bewunderung hervorrufen. In London hätte es das wahrscheinlich auch, aber hier …

Er rief sich in Erinnerung, dass er nicht hierher gehörte. Wieso hielt er dann inne? Die Regeln hier galten nicht für ihn.

Also unwichtig, sagte er sich und schob sie in das Zimmer. Als er den Mund wieder auf ihre Lippen presste, wurde auch alles andere unwichtig.

Oder?

Für Georgie war etwas anderes wichtig. Sie schloss die Augen und bemühte sich, nicht daran zu denken. Sie wollte nur an diesen Kuss denken.

Ibrahim kostete ihren Mund bis zur Neige aus und drückte sie gleichzeitig auf das Bett nieder. Er schob ihr das Kleid von den Schultern und widmete sich versunken ihren Brüsten. Eine Hand griff an den Saum dieses furchtbaren Kleides, wollte es an ihren Schenkeln hinaufschieben, doch Georgie presste sich so gierig an ihn, dass es unmöglich war. Dabei drängte das Verlangen, heiß und verzweifelt und absolut köstlich. Georgie reagierte, als hätte sie ihr Leben lang auf ihn gewartet.

Sie zerrte an seinem Jackett, an seinem Hemd, die Finger in seinem Haar, die Zunge an seinem Ohr, die Hände rastlos auf seinem Rücken. Die Absätze ihrer Sandaletten zerrissen seine Hose, als sie die Beine um ihn schlang. Sie wünschte, die Hitze ihrer Körper würde den störenden Stoff schmelzen lassen, damit sie endlich Haut auf Haut spüren konnte.

Doch etwas ließ sie innehalten. Etwas, das plötzlich wichtig geworden war.

Sie konnte es nicht ignorieren. Als sie auf dem Bett kniete und an den Saum ihres Kleides fasste, um es sich über den Kopf zu ziehen, hielt sie jäh inne und fragte sich, ob es ihm an ihrer Stelle ebenfalls wichtig wäre.

„Wir können nicht …“

Ihr Spiel gefiel ihm, ihre plötzliche Unsicherheit. „Doch, wir können.“

„Ich kann nicht.“

„Du kannst“, flüsterte er rau und fasste nach dem Saum ihres Slips.

Sie hielt seine Hände fest. „Ibrahim, bitte …“

Da wurde ihm klar, dass es kein Spiel war. Oder eher – ein sehr gefährliches Spiel. Denn viel hätte nicht gefehlt, und er hätte sich nicht mehr kontrollieren können. Die Wut war wieder zurück, und für einen Moment hasste er sich selbst für seine Gedanken. Doch dann rollte er sich vom Bett, stand auf und besah sich sein zerrissenes Hemd, seine zerrissene Hose. Die Kratzer von ihren Nägeln brannten auf seinem Rücken … Mit den Augen schleuderte er Dolche auf Georgie ab.

„Es tut mir leid …“ Sie schluckte und fragte sich, wie sie erklären sollte, dass es etwas gab, dass sie nicht einfach ignorieren konnte. „So bin ich nicht …“

„Jetzt noch die Schamhafte zu spielen ist unsinnig. Das Image hat sich schon auf dem Korridor erledigt.“

„Ich habe nicht …“

„Behaupte jetzt nicht, du wärst noch Jungfrau.“ Er lachte abfällig. „Eine Jungfrau, die Kondome bei sich hat.“

„Nein, das bin ich nicht.“ In dieser Stimmung würde sie ihm den Fehlkauf am Flughafen nicht erklären können. „Ich wollte dich nicht verführen …“

„Doch, genau das wolltest du.“ Die Erregung war verschwunden, aber die Wut nicht. Man hatte ihn gewarnt, dass sie Probleme machte. Und er hätte darauf hören sollen. „Was ist, Georgie? Bist du eifersüchtig auf die große Schwester? Willst du dir auch einen reichen Ehemann angeln?“ Beißender Spott lag in seinem schmalen Lächeln. „Ich gebe dir einen Tipp für die Zukunft: Männer mögen es entweder ganz oder gar nicht.“

Auch sie war wütend – auf sich selbst und auf ihn, weil er sie nicht erklären ließ. Keine gute Kombination, denn jetzt schoss sie mit beißenden Worten zurück. „Ach, und bei ‚ganz‘ hättest du mich morgen früh also mehr gemocht? Das bezweifle ich ernsthaft.“ Er war ein Mistkerl, ein Playboy, und sie hatte von Anfang an mit dem Feuer gespielt, auch wenn es ihr nicht gleich klar gewesen war.

Dennoch hatte es da den Bruchteil einer Sekunde gegeben … einen kurzen Blick auf das, was hätte sein können. Und das jetzt verloren war.

Die Vorstellung fachte seine Wut noch an. „Ich würde dich nicht anrühren, wenn du drum betteln würdest! Ich sage dir, was du bist. Du bist …“ Und er fügte eine Beleidigung an, die nicht übersetzt werden musste, bevor er mit ausholenden Schritten aus ihrem Zimmer marschierte.

Georgie zog die Knie an und presste die zitternden Hände vor den Mund. Wie hätte sie ihm auch sagen sollen, was plötzlich wichtig geworden war?

Sie suchte nicht nach einem Ehemann.

Sie hatte bereits einen.

3. KAPITEL

Es ließ nicht nach.

Ibrahim ritt in halsbrecherischem Galopp über die Felder, lenkte seinen Hengst dann wieder zurück auf die Wege. Sein Atem bildete weiße Wölkchen in der kalten Morgenluft, und trotz der weiten Landschaft, die sich vor seinem Blick ausbreitete, fühlte er sich heute Morgen eingeschlossen. Nicht zum ersten Mal.

Dabei war London der Ort, an dem er sich frei fühlte. An den er geflohen war. Und obwohl er die Zügel angezogen hatte und dem Tier beruhigend den Hals tätschelte, wollte er es antreiben, wollte die gepflegten Pfade verlassen und immer weiter und schneller reiten.

Hier, mitten im grünen Gürtel der britischen Metropole, rief ihn die Wüste – genau, wie sein Vater es vorausgesagt hatte.

Obwohl Ibrahim sich dagegen wehrte, spürte er es – den magnetischen Sog des Landes, zu dem er angeblich gehörte.

Nur für einen Moment erlaubte er es sich, sich diesem Gefühl zu überlassen.

„Dir würde es gefallen.“ Er stieg vom Pferd und sprach in Arabisch auf das Tier ein – auf den Hengst, der in seinem luxuriösen Stall gegen die einengenden Wände der Pferdebox trat und jeden Fremden biss, der unachtsam oder auch dumm genug war, das Warnschild zu missachten und der Box zu nahe kam. „Da draußen“, sagte er zu dem Tier, strich über dessen Muskeln und konnte in seinem Kopf das Donnern der Hufe hören, „würdest du endlich kennenlernen, was Erschöpfung bedeutet.“ Nur in der Wüste.

Und Ibrahim meinte sie vor sich zu sehen – die sich endlos erstreckende Weite mit den sich stetig bewegenden Dünen, meinte fühlen zu können, wie der Wind den Sand auf seine Wangen trieb, meinte das Muskelspiel des gestreckten Hengstes unter sich zu spüren.

Doch … sein Leben war in London. Ein Leben, das er sich selbst aufgebaut hatte. Sein Unternehmen und sein Reichtum, ohne Regeln, ohne Einschränkungen. Er selbst hatte es erreicht, es gehörte allein ihm. Seine Mutter lebte ebenfalls hier – gezwungenermaßen. Es war ihr verboten, nach Zaraq zurückzukehren, weil sie vor vielen Jahren die Regeln gebrochen hatte.

„Ich nehme ihn, Ibrahim.“ Eine junge Stallhelferin, die er manchmal in sein Bett holte, kam zu ihm, und er reichte ihr die Zügel. Er erkannte die Einladung in ihren Augen, als sie den Sattelgurt aufschnallte. Ibrahim hob den Sattel vom Rücken des Tieres und beobachtete, wie die junge Frau das Fell des Hengstes streichelte, erhaschte einen Blick auf ihre bloße Taille, als sie die Decke über das Tier legte, und wartete darauf, dass er etwas fühlte. Es war so viel angenehmer, das Brennen in seinem Körper und den Tumult in seinem Kopf mit seiner sonst allzeit bevorzugten Lösung zu beruhigen.

„Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“ Einladend, schön, willig, drehte sie sich zu ihm um.

An jedem anderen Tag hätte die Antwort ja gelautet. Heute jedoch nicht.

An jenem anderen Abend auch nicht.

An dem Abend, an dem er Georgie wiedergetroffen hatte. Er hatte seinen Fahrer instruiert, zur Adresse seiner Begleiterin zu fahren anstatt zu seinem Haus, und er hatte die Einladung, mit hineinzukommen, abgelehnt.

„Lass uns zu Bett gehen, Ibrahim.“ Mit Lippen und Händen hatte sie ihn zu überreden versucht, doch Ibrahim hatte sie von sich geschoben. Als auch Tränen nicht die gewünschte Wirkung erzielten, war sie wütend geworden. „Es ist dieses Flittchen aus dem Klub, das alles verdorben hat, nicht wahr?“

„Nein“, hatte er kühl geantwortet, „das hast du ganz allein geschafft.“

„Ibrahim?“ Die Stallhelferin riss ihn aus den Gedanken. Sie lächelte ihn an, und er sah auf ihre festen Brüste, schätzte ab, wie lang ihr Haar wohl sein mochte … dann drehte er sich wortlos um und ging. Erstens war sie zu schlank und ihr Haar dunkel, und zweitens hätte er nur an sie denken müssen.

An Georgie.

Er wollte nicht an sie denken, also stellte er sich stattdessen wieder die Wüste vor und beschleunigte seine Schritte. Das Echo von den Absätzen seiner Reiterstiefel hallte an den Mauern wider. Er würde aufs Land rausfahren. Wenn er in London blieb, würde er Georgie anrufen, das wusste er.

Er mochte keine offenen Enden. Er mochte es auch nicht, wenn man ihm etwas abschlug. Sie wiederzusehen hatte neues Öl in das Feuer gegossen. Im Moment konnte er allerdings keine zusätzlichen Probleme mit seiner Familie gebrauchen. Auf dem Land hätte er die nötige Ablenkung.

Doch als er in seinen Sportwagen stieg und auf den Navi-Bildschirm starrte, sah er die Landkarte aus der Vogelperspektive – Felder, Häuser, Hecken, Bäume …

Sein Vater hatte recht gehabt. Er hatte immer gesagt, dass die Wüste ihn eines Tages rufen würde. Der König hatte den Sohn mit erstaunlicher Ruhe für das Ingenieurstudium ziehen lassen – in der festen Überzeugung, dass Ibrahim zurückkehren würde.

„Natürlich komme ich zurück“, hatte der junge Ibrahim damals voller Arroganz gesagt. Er war bereit für die Metropole, für London. „Zu Besuch.“

„Du wirst zurückkommen als Prinz und das erworbene Wissen für dein Land einsetzen.“

Ibrahim hatte den Kopf geschüttelt. „An den Staatsanlässen werde ich teilnehmen, und natürlich besuche ich meine Familie.“ Sein Vater schien nicht zu verstehen, also musste er deutlicher werden. „Ich werde mir in London ein neues Leben aufbauen.“

Der König hatte nur gelächelt. „Ibrahim, du wirst Ingenieurwissenschaften studieren. Erinnerst du dich nicht, dass du als Kind alle möglichen Pläne für dein Land hattest?“

„Als Kind.“

„Und jetzt bist du ein Mann. Jetzt kannst du deine Träume realisieren. Wenn die Zeit reif ist, wirst du dahin zurückkehren, wohin du gehörst. Es liegt in deinem Blut. Auf deinen Vater willst du vielleicht nicht hören, doch die Wüste wird dich rufen. Du wirst ihren Ruf nicht ignorieren können.“

Ibrahim wollte ihn ignorieren. Und jahrelang war ihm das auch gelungen. Doch seit der Hochzeit hatte sich alles geändert.

Er trat das Gaspedal durch und raste durch den grauen Sonntagmorgen, ließ die Stadt hinter sich und fuhr raus aufs Land. Er nahm die Kurven mit waghalsiger Geschwindigkeit und beschleunigte noch mehr.

Seines Vaters Geduld mit ihm erschöpfte sich. Die Zukunft wartete.

Er fuhr, bis der Tank fast leer war, fuhr, bis die gesetzten Regeln ihn wieder einholten.

„Blasen Sie da rein. Kräftig“, ordnete der Verkehrspolizist an, und Ibrahim blies. Er leerte seine Taschen, als er dazu aufgefordert wurde, öffnete sogar den Kofferraum. Und sah das Misstrauen im Blick des Polizisten, als nichts Verdächtiges zutage kam.

„Warum hatten Sie es so eilig?“ Missmutig studierte der Polizist Ibrahims Führerschein. Er hatte die Nase voll von den Reichen und Adeligen, die sich einbildeten, Gesetze würden nur für andere gelten. Dieser Mann hier war sowohl reich als auch adelig.

„Ich weiß es nicht.“

Normalerweise hätte eine solche Antwort ihn nur noch mehr geärgert. Dann wäre er zu seinem Streifenwagen gegangen, hätte die Papiere noch einmal genauestens überprüft, nur um den Prinzen warten zu lassen. Doch etwas in der Stimme dieses Verkehrsrowdys ließ den Polizisten stutzen – etwas wie … Verzweiflung.

„Ich entschuldige mich, dass ich Ihre Gesetze missachtet habe.“

Der Gesetzeshüter runzelte die Stirn. „Sie sind zu Ihrem eigenen Schutz gemacht worden.“

Ibrahim schloss die Augen. Dieselben Worte hatte er während seiner gesamten Kindheit und Jugend gehört – auch wenn sie in diesem Moment in Englisch gesagt worden waren. „Das weiß ich.“ Er hob die Lider. „Ich möchte mich nochmals entschuldigen.“

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Sir?“

„Ja, sicher.“

„Dieses Mal lasse ich Sie mit einer Verwarnung davonkommen.“

Ibrahim stieg wieder hinters Steuer. Eine Anzeige wäre ihm lieber. Er hätte seine Strafe bezahlt. Nicht, weil er es sich leisten konnte, sondern weil er keine Gefälligkeiten annehmen wollte.

Auf dem Rückweg nach London hielt er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Er bog in die Straße in dem gepflegten Wohngebiet und blieb vor der eleganten dreistöckigen Stadtvilla stehen, die ihm gehörte. Sah auf die perfekt geschnittenen Hecken, die schmiedeeisernen Zäune, auf die Häuser rechts und links von seinem eigenen, die alle gleich aussahen … und konnte sich nicht dazu durchringen, hineinzugehen.

Wäre der Polizist ihm gefolgt, würde er ihn jetzt wieder an den Straßenrand winken, denn Ibrahim vollzog mit quietschenden Reifen eine rasante Kehrtwende.

Er würde es aus seinem Kopf herausbekommen, ein für alle Mal.

Der zukünftige König würde in ein paar Wochen zur Welt kommen. In diese Zeremonie würde er sich mit Sicherheit nicht hineinziehen lassen. Aber er würde für ein paar Tage seine Pferde reiten, bis ans Meer und in die Wüste, würde sich anhören, was sein Vater zu sagen hatte, und dann würde er wieder nach London zurückkommen.

Nach Hause, korrigierte er sich in Gedanken.

Denn trotz allem, was sein Vater behauptete … London war sein Zuhause.

Er musste sich dessen nur sicher sein.

Ibrahims Gedanken schwenkten zu Georgie, zu den losen Enden, zu der Frau, die schon viel zu lange in seinem Kopf spukte. Und er traf noch eine Entscheidung.

Er würde der Wüste einen Besuch abstatten … und wenn er danach wieder hier war, würde er Georgie vielleicht anrufen.

Eine neue Unbeschwertheit erfüllte Georgie, als sie sich das Haar kämmte und Lipgloss auftrug. Nicht einmal der bevorstehende lange Flug konnte Schatten auf eine Welt werfen, die mit einem Mal irgendwie viel heller schien.

Seit heute Morgen war die Scheidung amtlich. Eine Ehe, die ein großer Fehler gewesen war und nur ein paar Wochen gedauert hatte, war sicherlich nichts, für das man dankbar sein konnte, aber es hatte sie vieles gelehrt. Zwar lebte Georgie schon seit Jahren nicht mit ihrem Ehemann zusammen, doch die Tatsache, dass das nun offiziell vorbei war, brachte ihr unermessliche Erleichterung.

Endlich war sie frei.

Sie bedauerte nur, dass es nicht schneller gegangen war. Dass ihr Moralkodex es ihr nicht erlaubt hatte, trotz der laufenden Scheidung mit einem anderen Mann zu schlafen. Mit Ibrahim zu schlafen.

Sie schloss die Augen und sagte sich, dass sie nicht wieder daran rühren wollte. Sie hatte diesen Weg gewählt. Ihre Krankheit, der gewalttätige Vater, eine Ehe, die ihr als Ausweg erschienen war … Es wäre leicht, mit Groll zurückzublicken. Doch sie hatte vieles daraus gelernt. Es hatte sie zu einer starken Frau gemacht. Zu einer selbstbewussten Frau, die sich genau kannte. Sie hatte aus den Fehlern gelernt. Schuld und Bedauern führten zu nichts. Sie wollte sich mit ihrer Schwester aussprechen, wollte sich endlich für deren Hilfe und Unterstützung während all der schwierigen Jahre bedanken. Sie würde ihr auch von Mike erzählen, obwohl ihr bei dem Gedanken nicht recht wohl war. Aber sie wollte die Vergangenheit endlich hinter sich lassen, um einer glorreichen Zukunft den Weg frei zu machen.

Ibrahims Entschuldigung hatte ihr geholfen.

Das Wiedersehen mit ihm war peinlich gewesen, aber mit seiner Entschuldigung war nun auch dieses Kapitel abgeschlossen. Es wurde Zeit, nach vorn zu schauen.

Keine Reue mehr.

Das Flugticket, das Felicity geschickt hatte, sorgte dafür, dass Georgie die endlosen Schlangen am Heathrow Airport umgehen konnte. Sie saß in der Lounge der ersten Klasse, nippte Champagner und knabberte an den Leckereien, die die Wartezeit bis zum Abflug verkürzen sollten.

Sie lächelte vor sich hin, als ihr klar wurde, welchen langen Weg sie zurückgelegt hatte. Sie zählte keine Kalorien mehr, es folgte keine Strafe mehr auf das Vergnügen. Sie konnte entspannt den süßen Geschmack der köstlichen Pistazien-Makrone genießen, die auf der Zunge zerging. Die düsteren Tage waren endlich vorbei – die kritische Selbstbeschau, die quälenden Selbstzweifel, der mühsame Weg der Gesundung … das alles lag hinter ihr. Als der Aufruf kam, an Bord zu gehen, tat Georgie das in Hochstimmung. Sie war bereit für den nächsten Schritt.

Das Flugzeug jedoch offensichtlich nicht.

Um die Flugangst zu mildern, massierte Georgie sich einen Tropfen Melissenöl in die Schläfen. Die Stewardess kam und bot ihr etwas zu trinken an, doch Georgie lehnte dankend ab.

„Wann starten wir denn endlich?“

Gewöhnt an Flüge in der Economyklasse, rechnete Georgie nicht wirklich mit einer Antwort, denn dort wäre die Stewardess längst weitergegangen. Sie hatte vergessen, dass sie in der ersten Klasse saß.

„Wir müssen uns für die Verspätung entschuldigen, da ist noch ein Passagier in letzter Minute hinzugekommen. Er müsste gleich hier sein …“

Selbst in der ersten Klasse gab es wohl eine Rangordnung, denn die lächelnde Stewardess wandte sich ab und eilte den Gang entlang. Neugierig, wer der Verantwortliche für die Verspätung sein mochte, folgte Georgie ihr mit dem Blick, und ihr Herzschlag setzte aus.

„Euer Hoheit.“ Die junge Frau sank in einen Hofknicks, doch der Mann schob sich wortlos an ihr vorbei. Selbst der beherrschten Flugbegleiterin gelang es nicht ganz, das Stirnrunzeln zurückzuhalten.

Er trug eine schlammbespritzte Reithose und einen dunklen Pullover. Rastlose Energie ging von ihm aus und füllte die gesamte Flugkabine. Er reagierte weder auf die Stewardess noch sah er in Georgies Richtung. Es schien, als steuere er direkt auf das Cockpit zu. Nur wenige Meter davor wandte Ibrahim sich um und verschwand in einer Privatsuite.

Einen Moment später eilte ein Steward den Gang entlang, ein Tablett mit Cognacflasche und – schwenker in der Hand, und klopfte an die Tür.

Georgie wollte aufspringen, wollte das Flugzeug, das jetzt über die Startbahn rollte, aufhalten, um wieder auszusteigen. Sie würde es nicht ertragen, gleichzeitig mit ihm im Palast zu sein.

Sie merkte nicht einmal, dass das Dinner serviert wurde, ihre Gedanken drehten sich allein um den hinzugekommenen Passagier.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Miss Anderson?“

Georgie nickte nur stumm, und die Stewardess räumte den unangerührten Teller wieder ab.

Sie hatte doch alles versucht, um sicherzustellen, dass er nicht zur gleichen Zeit wie sie da sein würde, hatte ihre Schwester so unauffällig wie möglich nach seinen Plänen ausgefragt. Im Nachtklub hatte er auch keine Andeutung gemacht, dass er …

Nun, sie auch nicht.

Vielleicht gab es einen Notfall. Schließlich war sein Vater erst kürzlich operiert worden. Warum sonst sollte er in diesem Aufzug ein Flugzeug besteigen? Oder vielleicht reisten die Reichen ja so – aus dem Sattel direkt ins Flugzeug. Allerdings … wer tat sich einen derart langen Flug in Reitstiefeln an?

Später, als sie aufstand, um zur Toilette zu gehen, kam der Steward gerade kopfschüttelnd aus der Suite mit einem voll beladenen Tablett. Georgie erhaschte einen Blick auf Ibrahim, bevor der Mann die Tür wieder hinter sich ins Schloss zog. Ibrahim lag ausgebreitet auf dem Bett, die Stiefel achtlos auf den Boden geworfen, und schlief tief und fest.

So flüchtig der Blick auch gewesen war, das Bild ging Georgie während des gesamten Fluges nicht aus dem Kopf.

Selbst im Schlaf sah er nicht entspannt aus, sondern rastlos und gehetzt. Allerdings war es noch beunruhigender, dass Georgie unbedingt wissen wollte, was ihn so beschäftigte.

„Wünschen Sie noch etwas? Kann ich Ihnen etwas bringen?“, fragte die Stewardess mehrere Male während des Fluges, und jedes Mal musste Georgie sich auf die Zunge beißen, um ihre Gedanken nicht über die Lippen schlüpfen zu lassen: ‚Ihn. Bringen Sie mich zu ihm.‘ So schüttelte sie jedes Mal nur den Kopf und versuchte sich zurechtzulegen, was sie sagen würde, wenn sie und Ibrahim aufeinandertrafen.

Irgendwann schlief sie ein, doch es war kein erholsamer Schlaf. Sie träumte wirre Dinge – von Ibrahim.

„Miss Anderson, möchten Sie noch frühstücken, bevor wir landen?“

Die freundliche Stewardess weckte sie auf, und dieses Mal nickte Georgie. Das schlechte Gewissen wollte sich melden, doch sie unterdrückte es. Auch nach der Hochzeit hatte sie den eigenen Namen behalten, sich aber mit „Mrs“ ansprechen lassen. Da Felicity nichts von der kurzen Ehe wusste, hatte sie natürlich „Miss“ für das Ticket angegeben.

Während das Flugzeug zur Landung ansetzte, schaute Georgie nach unten auf das glitzernde Meer, und dann kam Zaraq in Sicht – die endlose goldene Wüste, sandfarbene Dörfer und schließlich die modernen Wolkenkratzer von Zaraqua, der Hauptstadt. Für die nächsten beiden Wochen würde Georgie in dem großen Palast mit der hohen Kuppel wohnen, doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Stattdessen bewunderte sie die künstlich angelegten Seen und die Hängebrücken. Das war besser, als sich auszumalen, wie die Begegnung mit Ibrahim ablaufen würde, wenn sie aus dem Flugzeug stiegen.

Er stieg nicht aus.

Georgie fragte sich sogar, ob sie sich vielleicht nur eingebildet hatte, dass er an Bord gekommen war, denn während des gesamten Fluges hatte sie ihn nicht gesehen.

„Georgie!“

Mit Begeisterung wurde sie von ihrer Schwester in der VIP-Lounge in Empfang genommen. Felicity sah großartig aus in dem hellen Leinenhosenanzug. Sie strahlte regelrecht vor Glück und Gesundheit, und die kleine Azizah bezauberte Georgie sofort. Einige Monate alt, war das Baby die hinreißende Kombination aus der blonden Mutter und dem Vater mit den schwarzen Augen. Azizah war erst wenige Wochen alt gewesen, als Karim und Felicity mit ihr für einen Besuch nach London gekommen waren, jetzt jedoch war das Mädchen bereits eine richtige kleine Person. Georgie verliebte sich innerhalb von Sekunden.

„Sie ist absolut hinreißend.“ Georgie hielt das Baby auf dem Arm. „Ich kann’s gar nicht erwarten, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Wo ist Karim?“

„Er ist auch hier. Die Fluglinie hatte uns angerufen. Ibrahim ist wohl mit derselben Maschine geflogen. Karim holt ihn ab.“

„Dachte ich mir doch, dass ich ihn gesehen habe“, meinte Georgie vorsichtig. „Auch wenn er mich nicht bemerkt hat. Ist alles in Ordnung?“

„Ja, sicher. Wieso fragst du?“, wollte Felicity wissen.

„Ich dachte, es gäbe vielleicht einen Notfall. Er wirkte irgendwie …“ Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Ihre Schwester konnte sich ja gleich eine eigene Meinung bilden.

„Gut möglich, dass Karim gleich wieder losfährt, sobald wir zu Hause sind“, sagte Felicity, während Georgie mit ihrer Nichte spielte. „Bei den Beduinen gibt es wohl größere Probleme. Du weißt ja, wie viel Karim für sie tut.“

Georgie nickte. „Er führt also die mobile Klinik weiter?“

„Pst …“, warnte Felicity. Niemand, nicht einmal der König, wusste genau, wie viel Karim für die Beduinen tat. „Wir reden später darüber. Ich wollte dich nur vorwarnen, wenn er plötzlich weg muss. Nicht, dass du meinst, er würde sich nicht über deinen Besuch freuen.“ Ein Lächeln zog auf ihr Gesicht. „Da sind sie!“

Karim und Ibrahim kamen in die Lounge, und Georgie war froh, dass sie nichts über Ibrahim gesagt hatte. Dann hätte sie nämlich als Lügnerin dagestanden. Ibrahim sah alles andere als gehetzt und nachlässig aus. Frisch rasiert, in hellem Leinenanzug und mit Designersonnenbrille wirkte er wie der typische Erste-Klasse-Passagier. Er musste sogar eine der Stewardessen losgeschickt haben, um einen riesigen rosaroten Teddybär für seine Nichte zu besorgen, den er unter dem Arm trug.

Als er Georgie erblickte, wurde sein Mund schmal, doch niemand außer ihr schien es zu bemerken.

„Danke, Ibrahim.“ Felicity nahm den Teddy von ihm an. „Hast du dafür einen zusätzlichen Sitzplatz buchen müssen?“

„Georgie!“ Karim küsste seine Schwägerin auf die Wangen. „Du erinnerst dich doch an Ibrahim? Von der Hochzeit?“

„Natürlich.“ Sie lächelte, als sie sich zu ihm wandte, doch er erwiderte es nicht gleich.

„Ich wusste gar nicht, dass du auch zu Besuch kommst.“ Erst jetzt verzogen sich seine Lippen. „Es ist nett, dass ihr mich abholen kommt“, meinte er dann zu Felicity. „Ihr hättet euch nicht so viel Mühe machen sollen. Ich werde nur ein paar Tage bleiben.“

„Deinetwegen haben wir uns die Mühe auch nicht gemacht“, erwiderte Felicity lachend. „Wir sind hier, um Georgie abzuholen. Sie saß im gleichen Flugzeug.“

„Tatsächlich? Und dann hast du nicht Hallo gesagt?“ Sein Ton war höflich, und so war auch Georgies Antwort, als sie log:

„Ich habe dich nicht gesehen, ich hörte nur von der Stewardess, dass du an Bord gekommen bist. Entschuldige.“

„Kein Grund, sich zu entschuldigen.“ Georgie hätte schwören mögen, dass sie Erleichterung in seiner Stimme mitschwingen hörte. „Beim nächsten Mal sollten wir uns allerdings begrüßen.“

Der Chauffeur kam und wechselte ein paar Worte mit Karim.

„Worauf warten wir noch?“, fragte Felicity.

„Georgies Gepäck ist bereits im Kofferraum verstaut, aber Ibrahims scheint noch …“

„Ich habe nur mein Handgepäck.“ Ibrahim hielt eine Tasche hoch, die er beim Einsteigen noch nicht dabeigehabt hatte, da war Georgie absolut sicher.

Die Fahrt dauerte nur kurz, die Unterhaltung plätscherte fröhlich dahin, auch wenn eigentlich nur Georgie und Felicity redeten.

Im Palast angekommen, zog Ibrahim sich mit einem Vorwand zurück. „Ich hab im Flugzeug nicht geschlafen.“

Ohne seine Anwesenheit konnte Georgie sich zumindest entspannen, und nachdem Felicity das Baby gefüttert hatte, spielte sie ausgiebig mit ihrer Nichte. „Sie ist einfach einzigartig!“

„Ihre Lungen sind es auf jeden Fall“, kam es trocken von Karim. „Heute Morgen um vier hat sie alle im Palast aufgeweckt.“

„Die Balkontüren standen offen, um Luft hereinzulassen.“ Felicity grinste, und Georgie konnte die Schwester nur bewundern. Sie war immer so streng und angespannt gewesen, doch jetzt wirkte sie unbeschwert und heiter, und mit einem strahlenden Lächeln sah sie ihren Mann an. „Aber bald wird es nicht mehr allein Azizah sein, die den Palast wach hält.“

„Wann ist es denn bei Jasmine so weit?“, fragte Georgie.

„Dschamila“, verbesserte Felicity sanft. Es war wirklich schwierig, sich all die vielen Namen zu merken. „Noch fünf Wochen. Ich kann’s gar nicht mehr abwarten.“

„Spricht da die zukünftige Tante oder die Hebamme aus dir?“

„Beide“, gab Felicity ohne Umschweife zu.

Felicity war jetzt eine Prinzessin und lebte in einem Palast in einem fernen Land, aber sie war noch immer Georgies große Schwester und der wichtigste Mensch in Georgies Leben. Wie bereits angekündigt, verabschiedete Karim sich bald. Die Frauen nahmen es nur beiläufig wahr, schließlich hatten sie sich viel zu erzählen.

Nach dem Dinner setzten sie sich in den großen Salon und redeten noch bis spät in die Nacht, als jeder im Palast längst zu Bett gegangen war. In dieser traulichen Stimmung fand Georgie endlich den Mut, der Schwester von ihrer Ehe zu erzählen, die vor über drei Jahren geschlossen und jetzt endlich aufgelöst worden war.

„Du bist entsetzt.“ Georgie konnte es sehen.

„Nein.“ Felicity schüttelte den Kopf. „Ich kann verstehen, weshalb du von zu Hause weg wolltest. Ich bin nur traurig, dass du meintest, mir nichts davon sagen zu können.“

„Ich habe niemandem etwas davon gesagt, auch nicht meinen Freunden. Ich dachte, Mike wäre so erwachsen, so reif … Doch bald stellte sich heraus, dass er der gleiche brutale Rohling war wie Dad, nur dass er Anzüge trug, und statt Bier war es teurer Whiskey. Innerhalb weniger Wochen kam ich wieder zu Verstand. Ich habe Glück gehabt …“

„Glück?“

„Viele Frauen bleiben – ich bin gegangen. Und jetzt ist der Papierkram erledigt und die Scheidung offiziell. Ich bin endlich frei.“

„Du bist seit Ewigkeiten frei“, erwiderte Felicity, doch Georgie versuchte erst gar nicht, der Schwester ihre Gefühle zu erklären – dass ihre Prinzipien sie von Verabredungen mit anderen Männern abgehalten hatten. In gewisser Hinsicht war es das Beste, was sie hatte tun können. Die Zeit hatte ihr gezeigt, dass sie keinen Mann als Stütze oder Schulter zum Anlehnen brauchte. Alles, was sie brauchte, fand sie in sich selbst.

„Lass bloß Mum nichts davon wissen.“

„Himmel, nein!“, kam es sofort von Felicity. „Und halte dich hier auch besser zurück. Für so etwas fehlt hier das Verständnis.“

Das vertrauliche Gespräch brach ab, als Autoscheinwerfer von draußen grelles Licht in den Salon warfen. Autotüren wurden laut zugeschlagen, Stimmen hallten über den Hof und eilige Schritte ertönten auf der Steintreppe.

Felicity presste die Lippen zusammen. „Er ist so rücksichtslos! Beim letzten Mal, als er hier war, war es genauso.“ Prompt klang ein klägliches Weinen durch den Palast. Böse riss Felicity die Tür zur Halle auf, wo Ibrahim auf ein verschlafenes Dienstmädchen einredete.

„Du hast Azizah aufgeweckt.“

„Nicht unbedingt. Ich kann mich ja auch irren, aber meines Wissens nach haben Babys die Angewohnheit, mitten in der Nacht aufzuwachen.“

Ironie stand ihm so gut, dass Georgie ein Kichern über die Lippen schlüpfte, doch Ibrahim schaute sie nicht einmal an.

„Tut mir leid, wenn ich die Kleine aufgeweckt habe. Ich vergesse einfach immer, dass jetzt ein Baby im Palast lebt.“

„Bald sind es zwei“, konterte Felicity. „Du solltest es also besser im Kopf behalten.“

„Unnötig. In ein paar Tagen fliege ich wieder nach London. Bevor sich der Palast in eine Kinderkrippe verwandelt.“ Als Felicity ging, um nach Azizah zu schauen, wandte er sich an Georgie. „Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen“, meinte er kühl. „Du hast nichts davon erwähnt, dass du vorhast, herzukommen.“

„Du auch nicht“, gab sie zurück.

„Wie war dein Flug?“

Etwas an seiner Miene sagte ihr, dass er sich Sorgen darüber machte, ob sie ihn nicht vielleicht doch im Flugzeug gesehen hatte. Ob sie möglicherweise wusste, dass der kühle, gelassene Mann, der hier in Zaraq angekommen war, nichts mit dem Mann gemein hatte, der London verlassen hatte. Nun, sie würde es ihm nicht verraten. „Angenehm“, war alles, was sie sagte.

Und Ibrahim tat nichts, um das sich dehnende Schweigen zu brechen. Er setzte sich auf das Sofa im Salon und nahm den Drink an, den das Dienstmädchen brachte. Georgie wusste auch nicht, was sie zu ihm sagen sollte. Sie war erleichtert, als Felicity nach ihr rief.

„Georgie? Kannst du mir mit Azizah helfen?“

„Dann gute Nacht.“ Er erwiderte ihren Gruß nicht, aber sie sah, wie seine Züge hart wurden. Als sie an ihm vorbeiging, fasste er ihr Handgelenk.

„Dafür sind die Dienstboten da.“ Seine langen Finger lagen um ihren Arm, und Georgie wünschte, er würde sie wieder loslassen, wünschte, er würde sie nicht so genau mustern, denn sie spürte selbst, dass ihre Wangen brannten. „Sag ihr, dass du einen Drink mit mir zusammen nimmst.“

„Ich helfe meiner Schwester gern mit dem Baby.“

„Um ein Uhr in der Nacht? Hält sie dich die ganze Nacht in Bereitschaft?“ Er konnte ihren Puls an seinen Fingerspitzen fühlen, sah ihr hochrotes Gesicht, und in diesem Moment war er fast bereit, ihr zu vergeben, dass sie ihn abgewiesen hatte. Er überlegte sich, ob er sie auf seinen Schoß ziehen sollte. „Komm, setz dich zu mir.“

Das war keine Bitte, sondern eine Art Prüfung, das wusste Georgie. „Ich bin hier, um Zeit mit meiner Schwester und meiner Nichte zu verbringen.“

Er ließ sie los, und ohne noch ein weiteres Wort drehte Georgie sich um und ging durch die langen Gänge des Palasts zum Kinderzimmer, wo Felicity es sich bequem gemacht hatte, um Azizah zu stillen.

„Was hat so lange gedauert?“, fragte sie.

„Ich habe mich noch mit Ibrahim unterhalten“, antwortete Georgie leichthin.

„Warum?“

Auch hier eine Prüfung, doch Georgie ließ sich nicht darauf ein. „Warum nicht? Ich konnte wählen – entweder ein kleiner Plausch mit einem attraktiven Mann … oder meiner Schwester beim Stillen zuzusehen.“

Man musste Felicity zugutehalten, dass sie grinste.

„Er hat nur gefragt, wie der Flug war, und dann habe ich ihm eine gute Nacht gewünscht.“

„Halte dich von ihm fern“, warnte Felicity plötzlich ernst. „Der Mann macht nur Probleme. Ich hab gesehen, wie er Frauen behandelt. Er vernascht dich, und keine fünf Minuten später spuckt er dich wieder aus.“

„Wir haben einander nur gute Nacht gewünscht!“ Georgie lachte.

Doch Felicity ließ nicht locker. „Er ist so unglaublich arrogant. Taucht unangemeldet auf und erwartet, dass alles nach seinem Kopf geht. Stolziert durch den Palast, als hätte er keine Sorgen auf der Welt.“

Georgie öffnete schon den Mund, um zu sagen, dass das im Flugzeug ganz anders ausgesehen hatte, doch im letzten Moment überlegte sie es sich anders.

„Er ist komplett verwöhnt“, beschwerte Felicity sich weiter über Ibrahim. „Weil er immer seinen Willen durchsetzt. Aber nicht mehr lange.“

„Was meinst du?“

Doch Felicity schüttelte den Kopf. „Ich hab schon zu viel gesagt.“

„He, ich bin’s. Wenn man bedenkt, was ich dir gerade erzählt hab …“

„Na schön“, gab Felicity nach. „Der König hat genug vom Lebenswandel seines jüngsten Sohnes“, fuhr sie flüsternd fort. „Er will, dass Ibrahim nach Zaraq zurückkommt. Ibrahim sollte schon nach dem Studium wiederkommen, doch längst hat er sein Diplom, und noch immer denkt er nicht daran. Er arbeitet von London aus und behauptet, weitere Studien zu betreiben. Aber der König will ihn hier sehen.“

„Aha, jetzt werden die großzügigen Schecks also gestrichen?“ Georgie bemühte sich um einen leichten Ton.

„Das hat der König schon vor Jahren versucht.“ Felicity seufzte. „Daraufhin hat Ibrahim sich prompt mit einem von Zaraqs führenden Architekten zusammengetan und ein eigenes Unternehmen aufgezogen. Die berühmte Skyline von Zaraqua ist zum großen Teil dem Genius meines brillanten Schwagers zu verdanken. Ibrahim ist nicht auf Schecks von seinem Vater angewiesen.“

„Wie will der König ihn dann dazu bringen, zurückzukommen, wenn er kein Druckmittel hat?“

„Sein Vater ist der König“, sagte Felicity mit Überzeugung. „Und Ibrahim ist ein Prinz. Mit den Privilegien geht auch eine große Verantwortung einher.“

„Du hörst dich schon genauso an wie sie!“, versuchte Georgie zu scherzen, doch Felicity schüttelte den Kopf.

„Sieh dir den Einsatz an, den Karim für sein Volk bringt. Genau in diesem Moment ist er irgendwo da draußen in der Wüste und kümmert sich um Kranke, während Ibrahim sich an der Kasinobar betrinkt. Ibrahim ist ein Prinz, und der König ist nicht länger gewillt zu warten, dass er sich auch wie einer benimmt.“ Sie senkte die Stimme noch weiter, sprach noch leiser. „Der König sucht eine Braut für seinen Sohn. Ibrahim wird schon bald für immer nach Hause kommen.“

4. KAPITEL

Anscheinend hatte sie während des Fluges genug geschlafen.

Georgie wachte bei Sonnenaufgang auf, öffnete die Vorhänge, kroch zurück ins Bett und sah sich erst einmal gründlich in ihrem luxuriösen Zimmer um. Dann tat sie das, wozu Felicity sie ermutigt hatte – sie ließ sich das Frühstück ans Bett bringen.

Der Kaffee war stark, süß und hatte einen leicht rauchigen Geschmack. Georgie nippte ihn in kleinen Schlucken und beschloss, mit dem Frühstückstablett auf den Balkon hinauszugehen, um sich den Sonnenaufgang anzusehen.

Es war geradezu magisch. Die ersten Rosa- und Orangetöne zogen auf den langsam heller werdenden Himmel, die aufsteigende Wärme streichelte sanft ihre Haut. Georgie sehnte sich danach, einen Sonnenaufgang in der Wüste mitzuerleben, doch wahrscheinlich würde es auch bei diesem Besuch nicht klappen. Felicity war zu beschäftigt mit dem Baby, sie würde Azizah bestimmt nicht über Nacht allein lassen wollen.

Eines Tages würde sie es schon sehen, sie musste sich einfach nur ein bisschen länger gedulden. Dennoch … sie war fasziniert von der Magie, die Ibrahim so leichthin abtat. Sie wollte mehr herausfinden über die Sagen und Mythen der Wüste, wollte die typischen Geschmäcker kosten und Düfte und Öle riechen. Sie wollte Zaraq erkunden und mehr vom Land sehen als nur Boutiquen und den Palast.

Und dann erblickte sie den Reiter am Strand. Es hätte jeder der Brüder sein können, doch etwas an seiner Haltung und dem Tempo, an der Kombination von Energie, Jugend und Kraft, die von dem Reiter ausging, sagte ihr, dass es Ibrahim war. Er wirkte nicht wie ein Mann, der die Nächte durchfeierte, und nicht zum ersten Mal fragte Georgie sich, ob Felicity sich mit ihrer Einschätzung über Ibrahim nicht irrte.

Jetzt zog er die Zügel an und klopfte dem Pferd auf den Hals, führte das Tier auf das Wasser zu und drehte sich im Sattel zum Palast um.

Er musste sie gesehen haben, aber er grüßte nicht. Wandte sich nur wieder ab und trieb sein Pferd im Galopp durch das flache Wasser. Georgie wusste, dass er sie bewusst nicht grüßte. Man wies einen Mann wie Ibrahim nicht einfach ab und erwartete dann einen freundlichen Gruß am Morgen.

Warum ist er überhaupt hier, fragte sie sich, als sie duschte und sich anzog. Was hatte ihn dazu bewogen, ungeplant nach Zaraq zu kommen? Sie kannte ihn lächelnd und strotzend vor Charme, aber sie hatte seine gequälte Miene gesehen – auch wenn er das nicht wusste.

Georgie ging zu ihrer Schwester ins Frühstückszimmer.

„Ist das so in Ordnung?“ Sie schaute an sich herab. Es war stets die gleiche Frage, wenn sie in Zaraq war. Sie trug ein schlichtes weißes Sommerkleid und flache Sandalen, aber sie machte sich immer Gedanken darum, ob sie nicht zu viel Haut zeigte.

„Nur die Ruhe, du siehst gut aus“, antwortete Felicity. „Du müsstest dich nur umziehen, wenn du mich zu einem offiziellen Anlass begleiten würdest – was du nicht tun wirst“, fügte sie sofort hinzu, als sie Georgies entsetzte Miene sah. Dann lachte sie. „Obwohl das eigentlich auch nicht nötig wäre … als verheiratete Frau in Zaraq.“

„Ich bin doch nicht mehr verheiratet.“

„Oh, in Zaraq bist du das.“ Mehr konnte Felicity nicht ausführen, denn der König trat ein.

„Hast du Ibrahim gesehen?“

Felicity zuckte mit keiner Wimper, doch Georgies Puls beschleunigte sich. Der König war ein beeindruckender Mann, und im Moment wirkte er alles andere als gut gelaunt.

„Zweifelsohne schläft er noch.“

Georgie wollte die Annahme des Königs schon richtigstellen, doch dann hielt sie es für besser, nichts zu sagen. Es stand ihr nicht zu, auch wenn der König verärgert klang.

„Und wo sind die anderen?“

„Karim ist schon früh zu einer Sitzung über die Gesundheitsversorgung der Beduinen gefahren“, antwortete Felicity gelassen. „Sonst habe ich noch niemanden gesehen.“

„Nun, wenn du Ibrahim treffen solltest, erinnere ihn bitte daran, dass ich ihn in meinem Arbeitszimmer erwarte – bevor er wieder verschwindet.“

„Ganz sicher nicht“, stieß Felicity aus, sobald der König außer Hörweite war. „Den beiden gehe ich heute lieber aus dem Weg, und du solltest das auch tun.“ Sie lächelte Georgie an. „Wir werden uns heute einen angenehmen Vormittag im Badehaus machen.“

So schnell ging das jedoch nicht, denn erst meinte Felicity dem Kindermädchen ausführlichst erklären zu müssen, wie sie sich um Azizah zu kümmern hatte. Und wirklich beruhigt war sie noch immer nicht, als sie und Georgie in die Limousine stiegen.

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, versuchte Georgie die Schwester zu trösten. „Rina wird wundervoll mit Azizah zurechtkommen.“

„Ich weiß. Ich kann mich nur nicht an den Gedanken gewöhnen, Azizah anderen zu überlassen“, gestand Felicity zerknirscht. „Aber das werde ich wohl müssen. Es sind hier so viele Funktionen wahrzunehmen, und außerdem will ich ja auch bald wieder in meinen Beruf zurück. Ab und zu, zumindest“, fügte sie an, als sie Georgies erstaunten Blick sah. „Ich bin Hebamme, und ich liebe meinen Beruf. Rina ist wirklich großartig, aber Azizah ist einfach nicht an sie gewöhnt. Sie ist immer weinerlich, wenn sie bei dem Kindermädchen ist.“

Georgie wusste, was jetzt kommen würde, sie hatten dieses Gespräch schon öfter geführt. „Vielleicht braucht sie einfach nur ein wenig mehr Zeit mit Rina“, versuchte sie zu beschwichtigen. „Du solltest Rina eine Chance geben. Dir tut es auch mal gut, einen Vormittag für dich zu haben.“

„Azizah soll ihre Familie um sich haben und nicht mit dem Kindermädchen aufwachsen.“ Felicity sah Georgie direkt an. „Auch ich will meine Familie um mich haben. Mum hat sich Bedenkzeit ausgebeten, aber wenn du hier wärst, würde sie sofort zusagen. Bitte, Georgie, versprich, dass du es dir überlegst.“

Es wäre so einfach, ja zu sagen, denn die Schwester fehlte ihr. So einfach, das Geschäft mit der ganzheitlichen Therapie aufzugeben und sich in dem Luxusleben einzurichten, das ihre Schwester ihr anbot.

Zu einfach.

Felicity hatte sich immer um die jüngere Schwester gekümmert, war in schwierigen Zeiten immer für sie da gewesen. Doch Georgie wollte sich selbst beweisen, dass sie ohne die Hilfe der großen Schwester zurechtkam.

„Lass uns ein andermal darüber reden, ja?“ Sie schaute über die Schulter zurück, als die Limousine zu den Palasttoren hinausfuhr.

„Was siehst du dir an?“

„Den Palast.“ Georgie lächelte. „Ich kann nicht glauben, dass ich in einem Palast wohne.“ Doch ihr ging es nicht um den Palast. Sie hatte gehofft, vielleicht einen Blick auf Ibrahim zu erhaschen. Was sie ihrer Schwester jedoch nicht sagen konnte.

Sein Bild hielt sich in ihrem Kopf, bis ein gläserner Außenaufzug die beiden Frauen mit atemberaubendem Tempo in den zweiundvierzigsten Stock eines Wolkenkratzers hinaufbrachte und Georgie an ihre Höhenangst erinnerte.

„Ibrahims Entwurf“, sagte Felicity zu Georgies kalkweißem Gesicht.

„Erinnre mich daran, dass ich ihm sage, wie sehr ich ihn hasse! Und sag mir Bescheid, wann ich die Augen wieder aufmachen kann.“

„Jetzt.“

Damit betraten sie auch schon das Bäderparadies.

„Wir sind hier für das Hamamritual. Du brauchst keine einzige Entscheidung zu treffen, sondern dich nur zu entspannen. Du wirst sehen, es ist absolut himmlisch.“

Es stimmte. Zwei Stunden später saß Georgie, eingewickelt in ein flauschiges Badelaken, ihrer Schwester gegenüber, nippte an aromatisiertem Tee und lächelte.

„Ich kann kaum glauben, wie weit du gekommen bist.“

„Ich weiß.“ Georgie schloss für einen Moment selig die Augen. Noch vor zwei Jahren hätte allein der Gedanke an ein Badehaus, in dem sie ihren Körper vor anderen entblößen sollte, hätte die Vorstellung, die Hände anderer für Massage und Waschungen auf sich liegen zu spüren, sie in blanke Panik versetzt. Doch heute konnte sie es genießen, und es war ihr Wunsch, anderen mit ihrem Wissen zu helfen, so wie ihr geholfen worden war.

„Hoheit!“

Georgie hatte vergessen, dass sie hier mit einer Prinzessin zusammensaß. Sie zuckte zusammen, als sich eine hektische Empfangsdame verlegen näherte.

„Wir würden Sie niemals stören, aber da ist ein dringender Anruf aus dem Palast …“

„Natürlich.“ Felicity nahm das Telefon an und wartete, bis sie wieder allein waren, bevor sie sich das Telefon ans Ohr hielt. Während sie zuhörte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Nein, du brauchst dich nicht zu entschuldigen, du übertreibst nicht. – Natürlich, ich komme sofort. – Du hattest völlig recht, mich zu verständigen.“

„Was ist denn?“, erkundigte sich Georgie, als Felicity das Gespräch beendete.

„Dschamila. Das ist jetzt schon öfter passiert. Sie ist übernervös und nicht sicher, ob sie Wehen hat oder nicht. Und Hassan ist unterwegs …“

„Da stehen doch bestimmt eine Million Ärzte für sie auf Abruf bereit, oder?“

„Genau das ist es ja.“ Felicity verdrehte die Augen. „Die ganze Nation fiebert auf dieses Baby hin. Der Hofarzt geht kein Risiko ein. Letzte Woche hat man Dschamila zur Überwachung im Krankenhaus festgehalten. Die Presse war schon da, bevor sie überhaupt ankam. Dabei waren es nur Vorwehen. Ich kann mir denken, dass sie das nicht wiederholen will.“

„Das arme Ding.“

„Du bleibst hier und machst weiter mit dem Ritual. Wenn wir beide gehen, sorgt das für zu viel Aufsehen. Ich werde einfach behaupten, dass Azizah weint und ich deshalb zurück zum Palast muss.“

Georgie blieb noch eine Weile, ließ mit Henna ein hübsches Blumenmuster auf ihre Füße malen und Nagellack auf ihre Zehennägel auftragen, aber ohne Felicity machte es nicht mehr so viel Spaß. Nach einer guten Stunde beschloss sie, ebenfalls nach Hause zu fahren – oder besser, zum Palast, der für diese kurze Zeit ihr Zuhause war.

Noch immer konnte sie kaum fassen, dass der Palast das ständige Zuhause ihrer Schwester war. Zwischen dem Leben, das Felicity jetzt führte, und dem kleinen Haus in England, in dem sie beide aufgewachsen waren, lagen Welten. Das Haus in England, das Georgie nie als ihr Zuhause angesehen hatte, aus dem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit weggelaufen war …

Seltsam, aber die Palasttüren öffneten sich dieses Mal nicht wie sonst wie von Zauberhand, als Georgie die Stufen der breiten Außentreppe hinaufstieg. Sie fragte sich bereits, ob es hier überhaupt so etwas wie eine Klingel gab, als die Tür doch aufgezogen wurde und Ibrahim im Rahmen erschien.

„Wo ist Felicity?“ Georgie schaute sich um und runzelte verwundert die Stirn. Zwei Zofen eilten durch die große Halle, ohne sich wie üblich vor Ibrahim oder ihr zu verbeugen.

„In der Klinik. Dschamila bekommt ihr Baby. Deshalb sind die Dinge hier ein wenig chaotisch. Sie versuchen, Hassan zu erreichen.“

„Ich dachte, es sei nur falscher Alarm. Es ist doch noch viel zu früh.“

Im Gegensatz zu Georgie blieb Ibrahim völlig gelassen. „Deine Schwester meinte auch, es sei zu früh, aber in Ordnung. Mein Vater ist bereits auf dem Weg zum Krankenhaus. Felicity wollte dir noch eine Botschaft ins Badehaus zukommen lassen, aber dann ging alles so schnell … Sonst hätte man uns sicher nicht allein zurückgelassen.“

Man hatte ihn also offensichtlich vor ihr gewarnt, das sollte das wohl heißen. „Wo ist Azizah?“

„Das Kindermädchen macht sie gerade fertig und kommt mit ihr zum Wagen. Du solltest auch zusammensuchen, was du brauchst. Wir fahren gleich los.“

„Wohin?“

„Na, zur Klinik.“

„Wieso ich?“

„Du gehörst zur Familie“, sagte Ibrahim, „und es ist die Geburt des nächsten Königs. Wieso also solltest du nicht dabei sein?“

„Vielleicht, weil ich mit der Schwägerin meiner Schwester bisher nicht einmal ein Wort gewechselt habe?!“

Felicity hatte sie gewarnt, den Mund nicht zu weit aufzureißen. Georgie fragte sich, ob sie genau das soeben getan hatte. Doch Ibrahims Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Das war ihr schon lange nicht mehr vergönnt gewesen.

Dann allerdings erinnerte er sich. Das Lächeln erstarb, und seine zynischen Worte klangen streng. „Ich freue mich genauso wenig darauf wie du, aber wir haben keine Wahl.“

„Niemand wird bemerken, wenn ich nicht dabei bin …“

„Oh doch, das werden sie“, widersprach er sofort. „Du bringst nämlich Azizah.“

„Ich bin gar nicht dafür angezogen …“ Sie sah an sich herunter. Das weiße Kleid war zerknittert, ihr Haar schwer von den Massageölen, und sie trug keinerlei Make-up. Es war völlig undenkbar, sich so vor der königlichen Familie zu präsentieren. Doch da brachte eine Zofe schon einen langen Schleier für sie, und Georgie war dankbar für den verhüllenden Stoff, der ihr Anonymität gewährte. Ohne den Schleier hätte sie nicht gewusst, ob sie es überstanden hätte.

Vor allem, als sie die Polizeimotorräder vor der beflaggten Limousine stehen sah. „Das ist ja wie bei der königlichen Parade.“

„Genau das ist es auch“, gab Ibrahim ungerührt zurück.

In der einen Minute entspannte sie sich noch mit ihrer Schwester im Badehaus und in der nächsten war sie auf einmal als Mitglied der bedeutendsten Familie in Zaraq zu sehen! „Warum sind die Scheiben nicht dunkel getönt?“

„Es ist ein offizieller Anlass. An einem Tag wie diesem will das Volk seine Königsfamilie sehen.“ Aber vielleicht hatte er die Panik in ihrem Blick ja missverstanden. „Wenn du möchtest, können wir auch in separaten Autos fahren …“

„Nein“, erwiderte sie heiser. „Bleib.“

Diese Frau ist komplex und kompliziert, dachte Ibrahim, als er zu ihr auf die Rückbank glitt. Nach außen hin wirkte sie selbstsicher und unabhängig, trotzdem … Er warf einen Seitenblick auf sie, aber sie sah starr geradeaus. Ihr haftete eine Zerbrechlichkeit an, die sein Bruder wohl nicht gesehen hatte. An einem Tag wie heute konnte er sie nicht allein lassen.

„Da der König eingetroffen ist“, versuchte er sie auf das vorzubereiten, was sie erwartete, „wird sich inzwischen auch eine aufgeregte Menschenmenge vor der Klinik versammelt haben.“

Das, was sie tatsächlich erwartete, konnte Georgie gar nicht alles aufnehmen. Später würde sie die Szenen noch hundertmal in ihrem Kopf abspielen, aber im Moment sah sie nur wie durch einen Nebel die jubelnden Menschen, die dem als letzten eintreffenden königlichen Wagen zuwinkten. Etwas so Bizarres hatte sie noch nicht erlebt, und beschützend drückte sie Azizah an sich, als sie ausstiegen. Noch nie hatte sie ein solches Verantwortungsgefühl verspürt. Ibrahim ging neben ihr, redete kurz mit dem Klinikdirektor, der darauf wartete, ihn über den Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen, bevor sie zum Wartezimmer weitergingen, in dem sich der Rest der königlichen Familie versammelt hatte.

„Es dauert wohl nicht mehr lange“, erklärte Ibrahim. „Hassan ist inzwischen auch eingetroffen.“

„Wo ist meine Schwester?“, fragte Georgie.

„Bei Dschamila. Sie hilft bei der Geburt.“ Er sah ihre Lider flattern. „Ich weiß, es ist alles ein bisschen überwältigend.“

„Ein bisschen?“

„Na schön – sehr“, gab er zu. Sein Bruder hatte ihn nicht nur gewarnt, heute Morgen hatte Karim sogar angeordnet, Ibrahim solle sich von Georgie fernhalten. Nun, er scherte sich nicht um Anordnungen. Manchmal fühlte sogar er sich von seiner Familie überwältigt, wie musste sie sich dann jetzt erst vorkommen? Und dann auch noch ohne die Unterstützung ihrer Schwester? „Du kannst wirklich ganz beruhigt sein.“

Georgie stieß die Luft aus. „Ich weiß nicht, wie Felicity damit fertig wird.“

„Sie hat ihre Wahl getroffen.“ Er sah, wie sie Azizah enger an sich drückte, und er vermutete, dass es eher eine Hilfe für sie war als für das Baby.

„Ich könnte es nicht.“

„Sie handhabt das sehr gut.“

Mit gerunzelter Stirn wandte sie sich zu ihm um. Die Bewunderung in seiner Stimme überraschte sie. „Ich dachte, du magst sie nicht?“

„Ich mag sie sogar sehr“, widersprach er. „Im Moment gilt meine Sorge allerdings dir.“ Er verzog spöttisch die Lippen. „Aber das willst du gar nicht, oder?“

„Sie nutzt mich nicht aus.“

„Natürlich tut sie das. Ich mache ihr auch keinen Vorwurf daraus. Sie lebt in einem fremden Land und wünscht sich natürlich, ihre Familie in der Nähe zu haben.“ Ibrahim sprach nur ihre eigenen Überlegungen aus. „Sie möchte, dass du, ihre Schwester, im gleichen Luxus lebst wie sie. Nur würdest du dich dann verpflichtet fühlen.“

Sie schloss die Augen. Er hatte da an einen wunden Punkt gerührt.

„Pass selbst auf dich auf, Georgie.“

„So wie du es machst?“

Er wollte die übliche arrogante Antwort geben, doch dann sah er auf seine unschuldig schlafende Nichte in ihrem Arm. Mit einer Fingerspitze strich er dem Baby sanft über die Wange und antwortete ehrlich.

„So wie ich es versuche. Wir alle haben Verpflichtungen.“

Und im Moment bestimmten die Umstände, dass er seine Verpflichtungen hier wahrnahm und zur Geburt des Thronfolgers anwesend war. Die Freude der Menschen da draußen auf den Straßen hatte etwas in ihm angerührt. Vielleicht war er auch nur erleichtert, dass er sich somit einen weiteren Schritt von dem Undenkbaren entfernte – dass er eines Tages König werden müsste.

Genau, er war erleichtert, sagte er sich, als mit dem lauten Schrei eines Neugeborenen auch Zaraqs Zukunft gesichert war.

„Es ist ein Junge!“ Der König strahlte. „Unser zukünftiger König wurde soeben geboren. Noch ein wenig klein, ein wenig schwach, aber die Ärzte versichern, dass er gesund ist und groß und stark werden wird.“ Er sah zu seinem jüngsten Sohn, und in diesem bewegenden Augenblick umarmte er ihn. „Es ist gut, dass du hier bist, um diesen Tag mit uns zu feiern.“

Ja, es fühlte sich auch gut an. Mit dem stillen Eingeständnis überraschte Ibrahim sich selbst.

„Kommt, überbringen wir unserem Volk die frohe Nachricht.“

Es war ein guter, ein aufregender, ein großartiger Tag. Ibrahim musterte Georgie, die so völlig verloren wirkte, und er sah die Panik in ihren Augen. Als sie zum Balkon gingen, blieb er an ihrer Seite.

„So verkünden wir dem Volk, dass alles in Ordnung ist“, sagte er zu ihr. „Als bei der Geburt von Kaliq, Hassans und Dschamilas erstem Sohn, klar wurde, dass er nicht überleben wird, gab es nur eine kurze Pressemitteilung. Heute wissen die Menschen in Zaraq, dass es dem zukünftigen König gut geht.“

Sie traten hinaus, und die Jubelrufe der Menge schollen zu ihnen herauf. Georgie drückte ihre Nichte an sich.

„Du hältst dich gut“, murmelte Ibrahim ihr zu.

„Danke.“ Sie musste sich zusammennehmen, damit ihr nicht die Zähne klapperten. „Dabei habe ich keine Ahnung, was ich hier überhaupt mache. Nur gut, dass es nur für den einen Tag ist.“

Doch für Ibrahim war es nicht „nur für den einen Tag“. Das hier war es, wohin er zurückkehren sollte. Das hier war vielleicht seine Zukunft.

5. KAPITEL

„Muss ich das anziehen?“

Deswegen war Georgie nicht nach Zaraq gekommen. Sie hatte doch nur ihre Schwester besuchen und Zeit mit ihrer Nichte verbringen wollen, und jetzt musste sie mit Prinzen und Prinzessinnen und dem König dinieren.

„Der Thronfolger wurde heute geboren.“ Man hörte Felicity das schlechte Gewissen an. „Georgie, wir werden noch viel Zeit miteinander verbringen. Es war ja nicht vorauszusehen, dass Dschamila zu früh niederkommt. Bitte, mach einfach die paar Tage mit, ja?“

Es war noch schlimmer als bei der Hochzeit. Um Georgie für den Tisch des Königs zurechtzumachen, wurde ihr Haar geflochten und dicker Kajalstrich um ihre Augen aufgetragen. Und man hatte ein Abendkleid in Zitronengelb und mit Perlen bestickt für sie bereitgelegt – sicherlich nichts, was sie selbst ausgesucht hätte.

„Du siehst großartig aus“, behauptete Felicity. Was eine glatte Lüge war … Auf gebräunter Haut hätte das Kleid großartig ausgesehen, ja, aber mit Georgies hellem Teint und dem blonden Haar bissen sich die Farben, und beide Schwestern wussten es.

„Ich sehe aus wie eine Zitronenrolle“, meinte Georgie schmollend zu ihrem Spiegelbild, doch dann nahm sie sich zusammen. Sie musste Felicitys Gewissensbisse nicht noch schlimmer machen. „Und warum muss das Rouge Orange sein? Na ja, was soll’s …“ Sie brachte ein Lachen zustande. „Es ist ja nur für ein Dinner, richtig?“ Sie schaute zu Felicity. „Wir sitzen doch hoffentlich nebeneinander?“

„Sicher. Aber vielleicht werde ich Azizah stillen müssen. Sie ist gleich nach dem Bad eingeschlafen, gut möglich, dass sie mit Hunger wach wird, während das Dinner in vollem Gange ist.“

„Du kannst mich nicht allein am Tisch sitzen lassen!“

„Ich konnte doch nicht ahnen, dass Dschamilas Baby so früh kommt, und ich wusste nicht, dass die Geburt mit einem formellen Dinner gefeiert wird.“

„Formelles Dinner?“ Georgie schluckte.

„Nun, nicht direkt formell“, ruderte Felicity hastig zurück. „Es ist nur die Familie – Dschamilas Familie allerdings auch. Die Leute sind sehr traditionell. Normalerweise ist es der Gipfel der Unhöflichkeit, während des Dinners den Tisch zu verlassen, aber Karim hat mit seinem Vater gesprochen, weil ich Azizah unbedingt selbst stillen will, und jetzt kann ich das mühsam erkämpfte Ziel nicht einfach aufgeben. Wenn es dir jedoch zu viel werden sollte … bevor du deshalb einen Rückschlag erleidest …“

„Felicity“, unterbrach Georgie die Schwester entschieden, „nicht alles lässt sich auf meine einstige Essstörung zurückführen. Jeder wäre nervös, wenn er an einem formellen Dinner mit einem König teilnehmen soll.“

„Du hast recht. Es tut mir nur so leid, dass es gleich an deinem zweiten Abend hier passieren muss. Normalerweise essen Karim und ich nie mit dem König, sondern in unserer Suite.“

„Wer wird denn alles dabei sein?“

„Der König, Hassan, Dschamilas Eltern und Familie und hoffentlich auch Ibrahim.“

„Hoffentlich?“ In diesem Aufzug wollte Georgie ihm wirklich nicht unter die Augen treten.

„Mehr als hoffen kann man bei ihm nie.“ Felicity lächelte schief. „Wie hat er sich heute benommen?“

„Ihm schien die Zeremonie Spaß gemacht zu haben. Und er freut sich für seinen Bruder.“

„Karim meinte, ihr beide hättet viel Zeit miteinander verbracht.“

„Er spricht Englisch.“ Georgie musste nichts erklären, sie hatten nicht Falsches getan. Dennoch änderte sie lieber schnell das Thema. „Und die Königin?“

„Du weißt, dass sie nicht hier lebt.“

„Wann wird sie ihren Enkel zu sehen bekommen?“

„Wenn Hassan und Dschamila sie mit ihm besuchen. So wie wir es gemacht haben, als Azizah geboren wurde. Allerdings wird der Kleine noch viel kräftiger werden müssen.“

„Das heißt also, vorerst nicht, oder?“

„Georgie, bitte …“

Es irritierte Georgie, dass die Schwester so nervös war. „Was denn? Wir dürfen nicht einmal über sie reden?“ Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, wie du so leben kannst, Felicity.“

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