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JULIA EXTRA, BAND 345

MICHELLE REID

Komm mit mir nach Griechenland!

Sie wirkt wie eine zarte englische Rose, aber Zoe hat Feuer: Anton Pallis‘ Verlangen ist geweckt. Zu gern würde er die Widerspenstige küssen – und dann auf seine griechische Insel entführen …

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Tag und Nacht in deinen Armen

„Komm mit in mein Apartment.” Erschöpft, weil auf dem Madrider Flughafen Streik herrscht, nimmt Megan das Angebot des reichen Emilio Rios an. Und landet in seinen Armen! 24 Stunden Glück – oder ein ganzes Leben lang?

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Niemand hat Laura davor gewarnt, wie heftig sie sich in Jake Freedman verlieben wird! Jeden Freitag verbringt sie leidenschaftliche Stunden mit ihm – der insgeheim darauf lauert, ihren Vater zu ruinieren …

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… und morgen früh verheiratet

Carter kann den Blick nicht von der bildhübschen Daphne abwenden. Als er erfährt, was sie professionell zu bieten hat, stellt er sie sofort ein. Ihre Qualitäten überzeugen ihn nämlich als Unternehmer – und als Mann …

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1. KAPITEL

Die Telefone auf seinem Schreibtisch klingelten unablässig. Anton Pallis bedachte sie nur mit einem gereizten Blick. Jeder von Rang und Namen in der Finanzwelt wollte wissen, wie sich der Tod von Leander Kanellis auswirken würde.

Anton hatte die Leitung von Kanellis Intracom schon vor zwei Jahren übernommen – zumindest inoffiziell. Seit der alte Kanellis sich aus gesundheitlichen Gründen auf seine Privatinsel zurückgezogen hatte, besaß Anton den als sicher geltenden Führungsanspruch.

Zum Glück war noch nichts über Theos schwere Erkrankung herausgekommen. Sollte dies bekannt werden, würde das den Kanellis-Aktien nicht guttun. Deshalb hatte Anton das Gerücht nicht zerstreut, er sei Theos Erbe und seit seinem zehnten Lebensjahr für die Nachfolge auf dem Chefsessel gedrillt worden. In Wahrheit waren Theo und Anton nicht einmal verwandt. Der alte Kanellis hatte sich nur um Antons Ausbildung gekümmert und dessen Vermögen an der Pallis Group verwaltet, bis er alt genug war, das Ruder selbst zu übernehmen.

Anton erinnerte sich nur vage an Leander Kanellis. Mit achtzehn war der junge Mann vor einer arrangierten Ehe geflohen, und bis heute hatte man nichts mehr von ihm gehört. Und es waren auch nicht die Schlagzeilen über den Tod des armen Kerls, die für den Aufruhr an der Börse sorgten, sondern die Tatsache, dass der Mann eine Familie hinterlassen hatte: legitime Kanellis-Erben.

Anton nahm die Zeitung und betrachtete das Foto, das ein ehrgeiziger Jungreporter irgendwo ausgegraben hatte – so groß, dunkel und attraktiv wie Leander musste auch Theo in jungen Jahren ausgesehen haben.

Leander lachte glücklich in die Kamera. Er hielt zwei Frauen im Arm: beides hellhäutige Blondinen. Leanders Frau strahlte stille Schönheit aus. Kein Wunder, dass die Ehe über dreiundzwanzig Jahre allen Entbehrungen getrotzt hatte – verglichen mit dem, was sie hätten haben können, wenn Theo nicht …

Hier brach Anton den Gedankengang abrupt ab. Sein Magen verkrampfte sich mit einem bis dato unbekannten Gefühl – Schuld. Seit seinem zehnten Lebensjahr hatte er alles erhalten, was Theos enormer Reichtum bieten konnte, während diese Menschen hier auf dem Foto …

Wieder hielt er sich vom Grübeln ab. Noch war er nicht bereit, sich damit zu beschäftigen. Lieber dachte er über den glücklichen Gesichtsausdruck nach. Wenn es etwas gab, das Theos Sohn ihm offensichtlich vorausgehabt hatte, dann war es das Empfinden von Glück – es war in den Augen der drei Menschen auf dem Foto zu sehen. Glück hatte Anton nicht oft erfahren.

Er lenkte den Blick auf das Mädchen, das Leander an seine andere Seite drückte. Zoe Kanellis konnte auf diesem Foto nicht älter als sechzehn sein, aber alles deutete bereits darauf hin, dass sie eine Schönheit werden würde. Sie hatte das gleiche goldblonde Haar und die gleichen blauen Augen wie ihre Mutter.

Da war auch noch ein zweites Foto abgedruckt: Leanders jetzt zweiundzwanzigjährige Tochter, wie sie das Krankenhaus verließ und das jüngste Mitglied der Familie beschützend im Arm hielt. Entsetzen und Trauer hatten das Glück aus ihrem Blick vertrieben. Sie sah blass aus, dünn und mitgenommen.

Die Schlagzeile lautete: Zoe Kanellis holt ihren neugeborenen Bruder aus der Klinik. Die Zweiundzwanzigjährige war an der Universität in Manchester, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Leander Kanellis starb noch am Unfallort, seine Frau Laura lebte gerade lange genug, um das Baby zur Welt zu bringen. Die Tragödie ereignete sich …

Ein vorsichtiges Klopfen an seiner Tür ließ Anton aufblicken. Seine Sekretärin Ruby steckte den Kopf zur Tür herein. „Was ist?“, fragte er knapp.

„Entschuldigen Sie die Störung.“ Sie warf einen Blick auf die noch immer klingelnden Telefone. „Theo Kanellis ist in meiner Leitung und will unbedingt mit Ihnen sprechen.“

Anton unterdrückte einen Fluch, als er die Zeitung ablegte. Einen Moment lang überlegte er ernsthaft, ob er sich verleugnen lassen sollte.

„Stellen Sie ihn durch.“ Anton ging um den Schreibtisch herum, setzte sich wieder und wartete darauf, dass Ruby ihn mit Theo verband. Zum Teufel, er wusste genau, was jetzt kommen würde.

„Kalispera, Theo“, grüßte er nüchtern.

„Ich will den Jungen!“, donnerte Theo Kanellis’ Stimme ohne jegliche Einleitung in sein Ohr. „Anton, hol mir meinen Enkel her!“

„Ich wusste gar nicht, dass du eine Kanellis bist.“ Mit tellergroßen Augen starrte Susie auf das weltberühmte Logo von Kanellis Intracom auf dem Brief, den Zoe achtlos auf den Küchentisch geworfen hatte.

„Dad hat das Kan gestrichen, als er nach England kam.“ Weil er verhindern wollte, dass ihn sein Tyrann von einem Vater findet und nach Griechenland zurückzerrt, damit er seine Pflicht erfüllen muss! Laut sagte Zoe nur: „Er hielt Ellis hier in England für einfacher.“

Susie konnte es noch immer nicht glauben. „Und du hast es immer gewusst?“

Zoe nickte. „Der Name steht auf meiner Geburtsurkunde.“

Und jetzt stand er auch auf Tobys Geburtsurkunde. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie daran dachte, auf welchen Urkunden sie den Namen noch gelesen hatte – auf zwei Sterbeurkunden.

„Der Name ist unwichtig.“ Susie drückte Zoes Finger. „Ich hätte nichts sagen sollen.“

„Du musst dich nicht entschuldigen. Der Name springt einem schließlich von jedem Zeitungsstand entgegen, weil irgendein Reporter von irgendeinem Schmierblatt ehrgeizig genug gewesen ist, um die alte Geschichte auszugraben. Vermutlich wird er bald bei einer der großen Tageszeitungen arbeiten, weil er auf eine solche Story gestoßen ist!“

„Irgendwie komisch.“ Susie sah sich in der gemütlichen großen Wohnküche um. „Da wohnst du die ganze Zeit neben mir in diesem einfachen Haus im Londoner Bezirk Islington und bist eigentlich die Enkelin eines stinkreichen griechischen Tycoons!“

„Glaub jetzt nicht, das wäre wie im Märchen.“ Zoe stand auf und trug die Kaffeebecher zum Spülbecken. „Zu Theo Kanellis“, sie weigerte sich, das Wort Großvater auch nur zu denken, „habe ich keinerlei Beziehung.“

„In dem Brief steht aber etwas anderes“, merkte Susie an. „Er will dich kennenlernen.“

„Doch nicht mich, sondern Toby.“

Mit verschränkten Armen drehte Zoe sich zu Susie um. Ihr war nicht bewusst, dass sie damit betonte, wie dünn sie in den letzten Wochen geworden war. Ihr Haar, sonst seidig strahlend, hatte den Glanz verloren. Es war zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammengebunden, was die dunklen Augenringe in ihrem schmal gewordenen Gesicht umso mehr betonte.

„Dieser schreckliche Mann hat den eigenen Sohn enterbt! Meine Mutter existierte für ihn nicht, genauso wenig wie ich. Er sucht nur deshalb plötzlich Kontakt, weil die Medienberichte ihn dazu zwingen. Vermutlich will er jetzt bei Toby nachholen, was ihm bei meinem Vater nicht gelungen ist.“ Vergeblich versuchte Zoe, nicht zu schluchzen. „Theo Kanellis ist ein kalter und herzloser alter Despot! Und er wird Toby niemals in die Finger kriegen!“

„Wow“, murmelte Susie nach diesem Ausbruch, „das liegt dir aber schwer im Magen, oder?“

Und ob, schwer ist der richtige Ausdruck, dachte Zoe verbittert. Mit nur minimaler Unterstützung von seinem hartherzigen Vater hätte ihr Vater vielleicht nicht stundenlang an einem alten Sportwagen herumschrauben müssen, um ihn fahrtüchtig zu halten. Den Wagen hatte ihr Vater damals mit nach England gebracht, als er vor einer Ehe geflohen war, die die Hölle für ihn bedeutet hätte. Erst in den vielen durchweinten Nächten nach dem Unfall der Eltern war ihr bewusst geworden, dass ihr Vater dieses dumme Auto nur deshalb so liebevoll gepflegt hatte, weil es die einzige Verbindung zu seiner Heimat gewesen war. Und wenn der alte Mann etwas nachgiebiger gewesen wäre, hätten ihre Eltern vielleicht in einem neueren Modell zur Geburtsklinik fahren können – in einem Modell, das den heutigen Sicherheitsstandards entsprach und den Zusammenstoß überstanden hätte. Dann könnten ihre Eltern heute vielleicht noch leben, und sie könnte weiterstudieren. Dem kleinen Jungen, der oben in dem mit solcher Liebe und Sorgfalt eingerichteten Kinderzimmer schlief, wären nicht die liebevollsten Eltern geraubt worden, die man sich vorstellen konnte.

Wow. Genau.

„Hier steht, ein Vertreter wird dich in seinem Auftrag aufsuchen.“ Susie hatte sich den Brief noch einmal vorgenommen. „Und zwar … heute Vormittag um halb zwölf!“

Natürlich … Theo Kanellis schickt jemanden, denn er selbst will mit so etwas nicht belästigt werden!

„Dann müsste er jede Minute hier sein.“

Zoe erwartete nur ein weiteres Gesicht in einer endlosen Reihe von Leuten, die während der letzten drei Wochen in ihrem Elternhaus ein und aus gegangen waren. Ärzte, Hebammen, Mitarbeiter des Sozialamts, Leute von mindestens hundert verschiedenen Abteilungen des Jugendamts – alle hatten sich überzeugen wollen, dass Zoe sich wirklich um den kleinen Bruder kümmern konnte.

Dann waren da noch die Leute vom Beerdigungsinstitut gewesen. Sie hatten sich mit getragenen Mienen bei der Tochter des Hauses nach den Arrangements für die Trauerfeier erkundigt.

Besagte Trauerfeier hatte übrigens vor drei Tagen stattgefunden, und Theo Kanellis hatte keinen Vertreter geschickt, um bei der Beerdigung des einzigen Sohnes und dessen Frau anwesend zu sein. War es ihm schlicht egal? Oder fürchtete er den Medienrummel?

Reporter waren in den letzten Wochen wie Heuschrecken über Zoe hergefallen, hatten an die Haustür gehämmert und sich mit Summen für Exklusivrechte überboten. Sie witterten nämlich die Chance, etwas über Theo Kanellis zu erfahren, der sich wie ein Einsiedler auf der eigenen Insel eingeigelt hatte. Und wer hatte die Früchte des Kanellis-Konzerns geerntet? Anton Pallis. Den Namen hatte Zoe oft genug abgedruckt gesehen, nur hatte sie bis heute nicht gewusst, dass er bekommen hatte, was eigentlich ihrem Vater zugestanden hätte. Ärger meldete sich sofort, allein wenn sie an den Namen des weltbekannten Playboys dachte. Anton Pallis war keineswegs so peinlich genau darauf bedacht, seinen Namen aus der Presse herauszuhalten, ob es nun das Geschäft betraf oder sein Privatleben. Er galt als männliche Sex-Ikone und gewiefter CEO der global vertretenen Pallis-Unternehmensgruppe.

Als es an der Tür klingelte, zuckten beide Frauen zusammen und sahen einander an.

Zoes Bauchgefühl sagte ihr, dass es Theo Kanellis’ Vertreter war. Im Brief wurde er für halb zwölf angekündigt, und es war Punkt halb zwölf. Reiche und mächtige Männer konnten sich darauf verlassen, dass ihre Anweisungen ausgeführt wurden. Zoe zweifelte keine Sekunde, dass Theo ein unverschämt hohes Kopfgeld auf ihren unschuldigen kleinen Bruder ausgesetzt hatte.

„Soll ich bleiben?“

Susies Angebot war ernst gemeint, doch Zoe konnte auch die Unsicherheit im Gesicht ihrer Nachbarin ablesen. .

„Musst du nicht gleich Lucy vom Kindergarten abholen?“ Zoe hatte das Gefühl, dass sie das hier allein durchstehen musste.

„Bist du sicher, dass Du es allein schaffst? Dann gehe ich hinten raus.“

Die Hausklingel ertönte ein zweites Mal, Bewegung kam in die Frauen. Susie eilte zur Hintertür hinaus, während Zoe in die entgegengesetzte Richtung ging. Vor der Haustür musste sie sich erst sammeln. Ihre Kehle schien plötzlich rau, ihr Puls schlug schneller. Sie rieb sich mit den Handflächen über die Jeans, setzte eine distanzierte Miene auf und zog die Tür auf.

In ihrer Vorstellung hatte sie sich einen Mann vom Typ Rechtsanwalt ausgemalt. Das, was sie vor sich sah, ließ sie erstarren.

Groß, dunkel und im italienischen Maßanzug wirkte er viel eher wie ein exotischer Prinz. Attraktiv reichte nicht annähernd als Beschreibung. Als wären sie magnetisch, hielten seine schwarzen Augen ihren Blick gefangen. Zoe wurde leicht schwindlig. Selbst als die Fragen und Zurufe der wartenden Reporter laut wurden, konnte Zoe ihren Blick nicht von ihm losreißen. Anton Pallis war so groß, dass er die Sicht auf fast alles versperrte, was hinter ihm vor sich ging. Zudem wurde er von drei Muskelpaketen in schwarzen Anzügen hinter seinem Rücken geschützt.

Irgendwie gelang es Zoe schließlich, sich aus der Erstarrung zu befreien – nur um mit ihrem Blick auf dem sinnlichen Mund ihres Gegenübers haften zu bleiben. Im Innern tobten Gefühle, die sie nicht einmal benennen konnte.

Zum ersten Mal seit drei Wochen war sie sich bewusst, wie vernachlässigt sie aussah – das strähnige Haar und die alte Jeans, die schon bessere Zeiten erlebt hatte. Mit einer Hand hielt sie die abgetragene rote Strickjacke am Hals zusammen. Zoe trug das formlose Ding schon die ganzen letzten Wochen, weil die Jacke ihrer Mutter gehört hatte und noch ein wenig nach ihr roch.

Jetzt bewegten sich diese wunderschön geformten Lippen vor ihr. „Guten Tag, Ms Kanellis“, sagte der Mann mit tiefer samtener Stimme. „Sie werden mich sicherlich erwartet haben.“

Wieder schwindelte ihr, dieses Mal allerdings aus einem ganz anderen Grund: Die leise Andeutung des griechischen Akzents erinnerte sie so sehr an ihren Vater, dass es ihr körperliche Schmerzen bereitete.

Anton sah Zoe mit geschlossenen Augen wanken. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. Hatte er gedacht, dass sie auf diesem Zeitungsfoto mitgenommen ausgesehen hatte, so war das nichts im Vergleich zu jetzt – sie machte den Eindruck, als würde sie zusammenbrechen, das Gesicht leichenblass, die Züge verkniffen. Ein Windstoß hätte genügt, um sie umzuwerfen.

Er handelte instinktiv und streckte die Hand aus, um Zoe zu stützen. Genau in diesem Moment öffnete sie die Augen, sah seinen Arm auf sich zuschießen und zuckte zurück, als würde sie von einer Schlange angegriffen.

Für eine Sekunde verharrte er pikiert. Es kostete ihn Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Und da er an den Medienzirkus hinter sich dachte, überlegte er blitzschnell den nächsten Schritt. Sie brauchten keine Schaulustigen, er musste zu ihr ins Haus kommen, denn so wie Zoe ihn ansah, würde sie ihm jeden Moment Beleidigungen ins Gesicht schleudern.

„Sollen wir dann …?“ Er machte einen Schritt vorwärts.

Als er die Hand nach der Klinke ausstreckte, zog Zoe ihre Hand abrupt zurück. Das Risiko eines Körperkontakts wollte sie auf keinen Fall eingehen. Die Geste war ein Schlag für sein Ego, aber er ging weiter ins Hausinnere und drückte die Tür hinter sich ins Schloss.

Der Lärm blieb draußen. Zoe war vor ihm zurückgewichen und starrte ihn an wie ein verängstigter Vogel. Sie hatte die faszinierendsten blauen Augen, die er je gesehen hatte, und volle erdbeerrote Lippen. Ein dumpfes Pochen setzte sich in seinem Unterleib in Gang, doch er ignorierte es – er ärgerte sich sogar, dass er in einer solchen Situation sexuelle Erregung verspürte.

„Entschuldigung, dass ich mich uneingeladen in Ihr Haus dränge“, sagte er ernst, „aber ich halte es für besser, die Angelegenheit ohne Zeugen zu besprechen.“

Zoe sagte nichts, sah Anton nur an mit diesen unglaublichen Augen und blinzelte. Unverschämt lange goldbraune Wimpern senkten und hoben sich. Und sie hielt dieses seltsame rote Kleidungsstück über der Brust zusammen, als wäre es das Einzige, was sie noch aufrecht hielt.

„Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Ich bin …“

„Ich weiß, wer Sie sind“, wisperte sie bebend.

Er war der Mann, über den die Medien ebenso hergefallen waren wie über sie und den Theo Kanellis auf den Platz gehoben hatte, der ihrem Vater Leander zugestanden hatte.

„Sie sind Anton Pallis.“ Theo Kanellis’ Adoptivsohn und Erbe.

2. KAPITEL

Anton konnte die Verachtung in ihren Zügen sehen. Er versuchte es mit einem Lächeln.

„Sie haben also schon von mir gehört.“

Ihr vernichtender Blick würgte sein Lächeln sofort ab. „Ich müsste sowohl taub als auch blind sein, wenn mir Ihr Name nicht geläufig wäre, Mr Pallis.“ Sie drehte sich abrupt um und ging weiter ins Haus hinein. Dabei überließ sie es ihm, ob er ihr folgen wollte.

Theo, hierfür bist du mir was schuldig, dachte Anton grimmig und sah sich genauer um. Das Haus war wie das typische viktorianische Reihenhaus klein und schmal und, so weit er sehen konnte, behaglich eingerichtet. Dennoch, hätte er sich je gefragt, wie Leander Kanellis nach der Flucht aus Griechenland wohl leben mochte – das hier hätte er sich niemals vorstellen können.

Zoe war durch die Tür am Ende des Korridors verschwunden. Er ging ihr nach und fand sie in der überraschend großen Küche, die scheinbar gleichzeitig als Wohnraum diente – in einer Ecke standen ein Sofa, mehrere Sessel und ein Fernsehgerät. Auf dem Couchtisch lagen verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, und daneben stand eine Wiege, in der aber kein Baby lag.

„Er schläft oben.“

Sie hatte seinen Blick also bemerkt. Anton drehte sich zu ihr um und wollte sie fragen, ob mit dem Jungen alles in Ordnung sei, doch sie kam ihm zuvor.

„Der Zirkus, den die Medien da draußen veranstalten, stört ihn, wenn er hier unten schläft, vor allem, wenn ständig die Hausklingel läutet. Deshalb habe ich ihn oben für den Vormittagsschlaf hingelegt. Im Zimmer auf der Hinterseite des Hauses hat er mehr Ruhe.“

„Warum rufen Sie nicht die Polizei, um die Leute von Ihrer Tür entfernen zu lassen?“

Sie starrte ihn an, als wäre er soeben von einem fremden Planeten gelandet. „Wir sind nicht die königliche Familie, Mr Pallis! Die Polizei sagt, sie kann nichts tun. Entschuldigen Sie mich einen Moment.“

Mit dem Gefühl, für eine extrem dumme Frage zurechtgewiesen worden zu sein, sah er ihr nach, wie sie zur Hintertür hinaus verschwand. Einen Moment lang glaubte er, sie würde sich absetzen und ihn hier einfach stehen lassen. Durch das Fenster beobachtete er, wie sie durch den kleinen Garten auf ein hölzernes Gartentor zuging und es verriegelte.

Vielleicht hatte er den Rüffel sogar verdient, denn wie es aussah, musste sie sich tatsächlich verbarrikadieren. Allerdings drängte sich ihm sofort die Frage auf, wer noch schnell zum Hinterausgang hinausgeschlüpft war, während Zoe ihn vorn eingelassen hatte. Etwa ein Mann?

Aus einem unerfindlichen Grund wollte er nicht genauer darüber nachdenken. Die Vorstellung, wie Zoe Kanellis noch zehn Minuten vor seiner Ankunft in den Armen ihres Liebhabers gelegen hatte, stieß ihm seltsam auf. In den Plänen, die er für sie hatte, war nicht vorgesehen, einen Lover loswerden zu müssen.

Zoe nutzte die Zeit draußen, um sich zu sammeln. Der Schock, ausgerechnet Anton Pallis vor der Türschwelle stehen zu sehen, war schlimm genug gewesen, aber dass seine Stimme genau wie die ihres Vaters klang, hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Reichte es nicht, dass er in die Schuhe ihres Vaters geschlüpft war?

Sie ließ sich Zeit und nahm noch die Wäsche ab, die sie am Morgen zum Trocknen auf die Leine gehängt hatte. Vor Anton Pallis durfte sie keinesfalls verwundbar erscheinen. Sie musste die Kraft finden, um jegliches Angebot eiskalt abschmettern zu können.

Oh Dad, dachte sie verzweifelt. Sie wünschte, er wäre jetzt hier, um ihr zu helfen. Ihr wunderbarer Vater mit seiner gütigen Art und seinem stillen Stolz. Er hätte gewusst, wie man mit Typen wie Anton Pallis umging, und ihre Mutter hätte ihm zur Seite gestanden.

Als sie in die Küche zurückkehrte, stand Anton Pallis noch immer an derselben Stelle und ließ gerade ein Handy in seine Jacketttasche gleiten. Alles an Anton Pallis war vollendet bis zur Perfektion: Der anthrazitfarbene Maßanzug betonte seine Statur, seine markanten Züge ergänzten sich vortrefflich mit dem glänzenden schwarzen Haar und dem glatt rasierten Kinn, das wie gemeißelt wirkte.

Er sah auf und ertappte Zoe dabei, wie sie ihn musterte, und sie fühlte ein seltsames Prickeln auf ihrer Haut.

„Ich habe Sicherheitsleute für Sie engagiert, um die Reporter auf Abstand zu halten.“

„Oh, gut.“ Sie legte die Wäsche auf dem Küchentisch ab. „Dann werden Toby und ich also bei unserem nächsten Spaziergang von bulligen Schlägertypen begleitet statt von der Presse. Toll!“

Ihr Ton reizte ihn, das konnte sie merken. Sie begann damit, die Wäsche zusammenzulegen.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“

Es war eine ernst gemeinte Frage, auch das entging ihr nicht. „Ich wüsste nicht, was Sie bereits für mich getan hätten, aber“, sie zuckte mit den Schultern, „ich habe ja auch nicht darum gebeten. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee, bevor Sie loslegen?“

Anton kniff leicht die Augen zusammen. Offenbar hatte er sich mit seinem Urteil über sie geirrt. Die Trauer mochte körperliche Spuren hinterlassen haben, aber Zoe Kanellis war alles andere als zerbrechlich. Wahrscheinlich mochte sie ihren Großvater ebenso wenig wie ihn. Wenn sie wirklich so intelligent war, wie die Gerüchte besagten, dann wusste sie vermutlich längst, weshalb er gekommen war und bereitete sich für die Schlacht vor.

„Ihr Großvater …“

„Stopp!“ Sie legte den blauen Strampler wieder zurück und schickte einen vernichtenden Blick in Antons Richtung. „Erst sollten wir eines klarstellen, Mr Pallis. Die Person, die Sie als meinen Großvater bezeichnen, bedeutet mir nicht das Geringste. Wenn Sie diesen Mann dann bitte nur beim Namen nennen würden …? Oder am besten erwähnen Sie ihn gar nicht!“

„Nun, damit wäre dann der Anlass für unser Gespräch von vornherein hinfällig“, meinte er ironisch.

Mit einem gleichgültigen Schulterzucken wandte sie sich wieder dem Wäschezusammenlegen zu. Anton studierte Zoe eine Weile und überlegte seine weitere Vorgehensweise. Natürlich hatte er damit gerechnet, dass es nicht einfach werden würde.

„Ich hatte eigentlich einen Anwalt erwartet.“

„Ich bin Anwalt.“ Er war froh, dass sie ihm eine Möglichkeit geboten hatte zu antworten. „Obwohl ich selten Gelegenheit habe zu praktizieren.“

„Zu beschäftigt, den mächtigen Tycoon zu spielen?“

Er entspannte sich so weit, dass er lächeln konnte.“ Ich bin nie lange genug an einem Ort, um die notwendige Zeit aufzubringen. Sie haben sich der Astrophysik verschrieben, wie ich gehört habe. Das ist sehr viel beeindruckender.“

„Hatte“, korrigierte sie ihn, „und bevor Sie mir erzählen, dass es die perfekte Lösung gibt, damit ich mein Studium wieder aufnehmen kann … Meinen Bruder überlasse ich niemandem, auch nicht für einen Koffer voller Gold!“

„Das hatte ich gar nicht vor. Ich wollte auch nichts erklären, was Sie sicherlich bereits wissen.“

„Nämlich?“

„Dass Sie auf Unterstützung durch staatliche Stellen Anspruch haben, um für Ihren Bruder sorgen zu können und das Studium fortzusetzen. Der Anwalt in mir weiß auch, dass Sie nicht mit Ihrem Bruder hier in diesem Haus wohnen bleiben können. Es ist noch mit einer Hypothek belastet.“

Sie sah zu ihm hin. Erstaunlich, er stand da und redete völlig gelassen über ihr Leben, als ginge es ihn etwas an. „Hat Ihr Boss Ihnen gesagt, dass Sie das erwähnen sollen?“

„Mein Boss?“

„Theo Kanellis – der Mann, der Ihnen den großartigen Start ermöglicht hat, damit er Sie jetzt als Laufbursche benutzen kann.“

Immerhin konnte sie den kleinen Triumph auskosten, seine Nasenflügel aufblähen zu sehen. „Ihr Großvater ist ein alter kranker Mann, der nicht mehr reisen kann.“„Aber nicht zu alt und nicht zu krank, um seinen Einfluss nicht spielen zu lassen.“

„Sie haben wenig Mitgefühl, oder?“

„Ehrlich gesagt, für diesen Mann habe ich überhaupt keines, selbst wenn Sie mit der Nachricht von seinem Tod gekommen wären.“ Sie schaltete den Wasserkocher ein, bevor sie sich zu Anton umdrehte. „Aber wirkliche Nachrichten sollen Sie ja auch nicht überbringen, richtig? Sie sollen ihm nur Toby bringen, damit er den Jungen zu einem Klon von sich machen kann – zu jemandem, der es wert ist, den Namen Kanellis zu tragen, im Gegensatz zu meinem Vater.“

Anton öffnete den Mund, wollte etwas sagen, überlegte es sich dann anders. Wie alt mochte er sein, fragte sich Zoe. Ende zwanzig, Anfang dreißig?

„Sie sind sehr verbittert“, meinte er schließlich leise.

„Sehen Sie sich um. Sieht es hier aus wie im Haus einer griechischen Milliardärsfamilie?“

Er ließ den Blick durch die mit einfachen Möbeln und Babysachen vollgestopfte Küche wandern. Bei jeder leichten Drehung seines Körpers raschelte die teure Anzugseide.

Das abfällige Zucken um seinen Mund verletzte Zoe zutiefst. „Soll ich schnell einen Stuhl abwischen, damit Sie sich setzen können?“

Er drehte sich so ruckartig um, dass sie zusammenzuckte. Sie wünschte, sie könnte die bissige Bemerkung zurücknehmen, als sie seine Augen funkeln sah.

„Das war unnötig!“, sagte er gefährlich leise.

„Dann halten Sie Ihre Kommentare über meine Gefühle gegenüber einem Mann zurück, von dem ich in den zweiundzwanzig Jahren meines Lebens keinen Pieps gehört habe“, gab sie zurück. „Und denken Sie nicht einmal daran“, warnte sie, „mir Ammenmärchen auftischen zu wollen, wie sehr mein Vater seinen Vater angeblich enttäuscht hat. Sonst werfe ich Sie sofort hinaus, Mr Pallis.“

„Na schön, Ms Kanellis. Jetzt wissen wir also, dass wir nicht viel füreinander übrig haben“, murmelte er. Schließlich verblüffte er sie mit einem schiefen Lächeln. „Die angebotene Tasse Kaffee nehme ich jetzt gerne an.“

Mit hochrotem Gesicht verfolgte sie, wie er sich geschmeidig auf einem Stuhl niederließ. Mit zusammengepressten Lippen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Wasserkocher. Sie goss kochendes Wasser auf den Instantkaffee in den bereitgestellten Bechern. „Milch? Zucker?“

„Weder noch, danke“, lautete seine Antwort.

„Kekse vielleicht?“ Man sollte ihrer Mutter nicht nachsagen können, sie hätte der Tochter keine Manieren beigebracht!

Er zögerte nur kurz. „Bitte, gern.“

Reine Höflichkeit von ihm, das war ihr klar, als sie eine Paket Kekse holte. Der Mann hatte nicht die geringste Lust darauf, aber scheinbar wollte er jeden Anschein von Überheblichkeit vermeiden.

Zoe stellte zwei dampfende Becher und den Teller mit Keksen auf den Küchentisch, dann setzte sie sich Anton gegenüber. Die Sonne schien durch das Fenster und fiel auf die gebräunte Haut seiner langen kräftigen Finger, als er nach dem Becher griff. Zoes Magen verkrampfte sich, und sie wusste auch, warum. Normalweise versuchte sie immer, Konflikte zu vermeiden, doch mit Anton Pallis suchte sie den Streit. Genau wie sie wusste, dass es eigentlich nicht fair war, denn im Grunde traf ihn keine Schuld.

Anton sah sie nachdenklich an. „Ich bin nur der Sündenbock“, führte er aus. „Dabei ist das eine Sache, die Sie mit Theo austragen müssen, nicht mit mir.“

War er wirklich überzeugt davon? Sie konterte provozierend: „Sagen Sie, wie fühlt es sich an, die Schuhe meines Vaters zu tragen?“

Das genau war der Knackpunkt. Anton zeigte bewusst keine Reaktion. Deshalb war sie an der Tür vor ihm zurückgewichen. Deshalb hasste sie ihn. Ihrer Meinung nach war nämlich sein Verhältnis zu ihrem Großvater der einzige Grund, weshalb ihr Vater im Regen stehen gelassen worden war.

Das laute Weinen eines Babys durchbrach die Spannung – wortlos stand Zoe auf und verließ den Raum.

Anton starrte in seinen Kaffee, ohne sich zu rühren. In der Beleidigung über die Schuhe ihres Vaters steckte vermutlich sogar ein Körnchen Wahrheit. Wer konnte sagen, wie es zwischen Theo und seinem Sohn weitergegangen wäre, wenn Anton nicht Leanders Platz nach dessen dramatischer Flucht eingenommen hätte?

Tobys Windel war nass, und er quengelte. Sobald er die Stimme seiner großen Schwester hörte, beruhigte er sich und sah sie mit großen Augen an.

„Niemand wird dich mir wegnehmen, mein Schatz.“

Sie ließ sich Zeit beim Windelwechseln und ging mit dem Baby auf dem Arm wieder nach unten. Sie ging zum Kühlschrank, holte die vorbereitete Milch heraus und wärmte sie auf. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie Anton musterte. Anziehungskraft war es nicht, obwohl sicherlich niemand bestreiten konnte, dass er extrem attraktiv war.

Sie hörte ihn auf Griechisch ins Handy reden. Dem Tonfall nach schien er über irgendetwas verärgert zu sein, und als er sich kurz zu ihr umdrehte, stand eine tiefe Falte auf seiner Stirn. Er beendete das Gespräch abrupt und wählte sofort die nächste Nummer.

Zoe hörte nicht weiter zu. Mit Toby auf dem Arm ging sie zum Sofa und setzte sich, um dem Jungen das Fläschchen zu geben. Als Anton das Handy zuklappte, wurde es still. Spannung lag allerdings in der Luft – sie hätte nichts sagen sollen. Anton Pallis konnte nichts dafür, dass Theo Kanellis ihn als Adoptivsohn auserwählt hatte. Und ihr Vater hatte immer gesagt, dass er freiwillig fortgegangen war und es nie bereut hatte. Anton Pallis musste damals noch ein Kind gewesen sein.

Anton musste sich eingestehen, sich in Leander Kanellis’ Heim äußerst unwohl zu fühlen. Die Bemerkung darüber, dass er in die Schuhe eines anderen geschlüpft war, hatte ins Schwarze getroffen.

„Sie und Ihr Bruder könnten so viel mehr haben als das hier.“

Zoe hob den Blick. „Und der Preis?“, fragte sie aus reiner Neugier.

Unauffällig lockerte er die Schultern, kam in die Wohnecke und zeigte auf den Sessel, der dem Sofa gegenüberstand. „Darf ich …?“

Sie nickte mit einem Schulterzucken.

Da er jetzt wahrscheinlich die Verhandlungen damit beginnen wollte, Theos Tugenden aufzulisten, kam Zoe ihm zuvor. „Ich entschuldige mich dafür, was ich vorhin gesagt habe. Es war unfair.“

„Nein, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie haben das Recht, offen Ihre Meinung zu sagen. Sie wissen, weshalb ich hier bin.“

„Um Missverständnisse auszuschließen, sollten Sie es vielleicht in Worte fassen.“

Es war kein Friedensangebot, und Anton verstand es auch nicht als solches, aber es war der Anfang zu einem sachlichen Gespräch. Die Geschäftsverhandlungen konnten also beginnen.

„Ich bin hier, um die Bedingungen zu besprechen, unter denen Sie Theo seinen Enkel überlassen. Theo hat nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie mitkommen, sollten Sie jedoch Ihr Studium wieder aufnehmen wollen, so bietet er Ihnen finanzielle Unterstützung an.“

„Richten Sie ihm meinen Dank für das Angebot aus, aber … Nein danke!“, erwiderte Zoe höflich. „Toby ist mein Bruder. Wir bleiben zusammen, und zwar in England.“

„Und wenn Theo das Sorgerecht einklagt?“

Sie zuckte keine Wimper. „Als nächste Familienangehörige bin ich Tobys legaler Vormund. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Theo Kanellis Negativschlagzeilen riskieren möchte, indem er es auf einen Prozess ankommen lässt.“

Anton war davon gleichfalls überzeugt. Er versuchte es mit anderen Argumenten. „Theo ist kein schlechter Mensch. Sicher, er ist stur, und manchmal kann er verdammt schwierig sein, aber er ist weder charakterlos noch korrupt, und er ist auch nicht grausam zu Kindern.“

„Nur konnte er nicht einmal einen Vertreter zur Beerdigung des eigenen Sohnes schicken.“

„Seien Sie ehrlich“, konterte Anton sofort. „Hätte er es getan, dann hätten Sie ihn nur noch mehr dafür verachtet, oder?“

„Tja, wie man’s macht, macht man’s falsch, nicht wahr?“

Sie zog seine Aufmerksamkeit auf das winzige Bündel in ihrem Arm, weil sie dem Baby den Sauger aus dem kleinen Mund zog und der Junge protestierend quäkte. Sie hob das Baby auf die Schulter und strich ihm sanft über den Rücken. Sie sah so jung aus und irgendwie verletzlich. Anton kam sich plötzlich skrupellos vor.

„Ihr Großvater ist sehr krank, er kann nicht mehr reisen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde meinte er, Nachgiebigkeit in ihren Augen aufflackern zu sehen, doch er musste sich getäuscht haben.

„Dann muss er wohl seit über dreiundzwanzig Jahren so krank sein.“

Anton tat gar nicht erst so, als hätte er nicht verstanden. „Ihr Vater …“

„Wagen Sie es nicht!“ Wütende Funken schossen jäh aus den blauen Augen. „Wagen Sie es nicht, meinem Vater die Schuld zu geben! Er ist nicht mehr hier, um sich verteidigen zu können.“

„Natürlich, ich entschuldige mich“, sagte Anton sofort.

„Entschuldigung nicht akzeptiert!“, kam es wütend zurück. Das Baby meldete sich. Sie legte es sich wieder in den Arm und gab ihm erneut das Fläschchen.

Anton schaute einen Augenblick fasziniert zu. Er hatte keine Erfahrung mit Babys, aber so weit er sehen konnte, war der Junge mit dem schwarzen Haar und der leicht olivfarbenen Haut ein typisch griechisches.

„Der Junge da in Ihrem Arm verdient das Beste vom Leben, Zoe.“ Was er jetzt sagen würde, war hart, aber es entsprach der Wahrheit. „Es ist selbstsüchtig und falsch, ihm das zu verweigern, nur weil Sie Ihrem Großvater nicht seine Fehler vergeben können.“

„Warum halten Sie nicht einfach den Mund und verschwinden?“, fuhr sie auf.

Bei ihrer Lautstärke riss Anton die Augen auf und das Baby zuckte erschreckt zusammen.

3. KAPITEL

„Ich hasse Sie“, flüsterte Zoe noch, dann nahm sie sich um Tobys willen zusammen.

„Sie wissen, dass ich recht habe!“, drängte Anton. „Ihnen ist klar, dass Sie dieses Haus hier nicht halten können. Sie werden sich nach einer billigeren Bleibe umsehen müssen, aber den Weg in die Verarmung müssen Sie nicht nehmen, Zoe.“

Antons Handy klingelte. Es war sein Sicherheitschef Kostas, der ihn wissen ließ, dass die Nachbarn auf der gesamten Straße wegen der Reportermeute Sturm liefen. Im gleichen Augenblick klingelte auch das Festnetztelefon. Zoe stand auf und nahm den Hörer ab. Anton konnte sehen, wie sie blass wurde.

„Danke für die Warnung, Susie!“, hörte er sie sagen.

Zoes Knie begannen zu beben. Mit brennenden Augen wollte sie etwas Zuversichtliches sagen, aber ihr fiel absolut nichts ein. Und letztendlich war sie froh, dass ihr jemand den Hörer aus den zitternden Fingern nahm.

„Setzen Sie sich und hören Sie zu!“, befahl Anton.

Sie gehorchte widerspruchslos. Sie konnte sich nämlich wirklich kaum auf den Beinen halten. Auf dem Sofa drückte sie Toby an sich. Dann lauschte sie der Stimme, die sie so sehr an ihren Vater erinnerte – leise und sachlich, die Stimme eines Schlichters. Die Tränen ließen sich nicht mehr aufhalten. Die Sofapolster gaben nach, als Anton sich zu ihr setzte und den Arm um ihre Schultern legte. „Sie können nicht länger hier bleiben. Die Situation da draußen läuft völlig aus dem Ruder.“

„Dann schicken Sie die Medienleute weg“, schluchzte sie an seiner Schulter.

„Ich wünschte, ich könnte es, aber diese Macht habe ich nicht.“

„Es ist nur schlimmer geworden, weil Sie hier sind.“

„Dann lassen Sie es mich wieder geradebiegen. Ich besitze ein Haus mit einem Sicherheitszaun und bewachten Toren. Ich kann Sie innerhalb der nächsten Stunden dort unterbringen, wenn Sie möchten. Damit verpflichten Sie sich zu nichts. Sehen Sie es als Zufluchtsort, wo Sie wieder Luft holen und Ihre Kräfte sammeln können, bevor wir unsere Verhandlungen weiterführen.“

Immerhin hörte sie ihm zu, auch wenn sie den Kopf über das jetzt schlafende Baby gebeugt hielt.

„Denken Sie darüber nach, Zoe. Das hat nichts mit Theo zu tun, es ist ein Angebot von mir, weil ich sehe, dass Sie es wirklich nötig haben. Die Gegend dort ist ganz reizvoll. Ich muss für die nächsten Wochen geschäftlich nach Übersee, Sie werden das Haus also für sich allein haben.“ Es war nicht die ganze Wahrheit, aber sein Killerinstinkt hatte im Moment übernommen.

Zoe sagte sich, dass sie das Angebot ablehnen musste. Sie war überzeugt, dass es irgendwo einen Haken gab. Aber sie wusste auch, dass sie nicht hier bleiben konnte, solange die Pressemeute das Haus belagerte.

„Sie müssen mir versprechen, dass Sie mich nicht bedrängen werden.“

„Sie haben mein Wort.“

„Und dass Sie meinem Großvater nicht sagen, wo ich bin.“

War ihr bewusst, dass sie soeben das verhasste Wort Großvater benutzt hatte? „Das wird schwierig sein, aber ich werde mein Bestes tun, um ihn herauszuhalten.“

„Und wenn ich wieder zurück will, werden Sie mich nicht aufhalten.“

„Pfadfinderehrenwort.“

Der lustige Ausdruck brachte sie dazu, den Kopf zu heben. Tränen hingen zwar an ihren langen Wimpern, aber Argwohn war deutlich in den Augen zu lesen. Als Erwiderung zog Anton die Augenbrauen in die Höhe, und Zoe lachte erstickt auf.

Er mochte Zoe Kanellis, wurde ihm klar. Ihre Courage beeindruckte ihn. Und … Nun, sie gefiel ihm, was angesichts der Situation völlig unangebracht war. Trotzdem konnte er nicht widerstehen, ihr eine tränennasse Haarsträhne von der Wange zu streichen. Und sie zuckte nicht vor der Berührung zurück. Eigentlich bewegte sie sich überhaupt nicht.

Es war schließlich Anton, der den Blick losriss und aufstand. „Sagen Sie mir, was hier noch erledigt werden muss.“

Er wirkte jetzt wieder ganz geschäftsmäßig – dynamisch und voller Tatendrang. Sie erhob sich ebenfalls und legte Toby in die Wiege. „Ich muss einige Sachen zusammenpacken. Und ich muss mich duschen und umziehen. Ist Ihr Haus für ein Baby eingerichtet?“

„Das wird es sein, wenn wir ankommen“, sagte der Mann, der scheinbar alles organisieren konnte. „Ich passe so lange auf den Jungen auf, wie Sie packen.“

Zoe wollte schon fragen, ob er überhaupt wusste, wie man mit einem Baby umging, doch dann zuckte sie nur mit den Schultern und drehte sich um. Eine kleine nagende Stimme fragte sie nämlich, ob sie überhaupt wusste, was sie tat, sich so bereitwillig in Feindeshand zu begeben.

Als sie nach einer Weile wieder hinunterkam, frisch geduscht und mit zwei Reisetaschen, saß einer der Männer im schwarzen Anzug in der Küche mit Anton zusammen.

„Das ist Kostas Demitris, der Chef meiner Sicherheitstruppe“, stellte Anton den Mann vor. „Kostas wird Ihr Haus absichern, sobald wir weg sind. Falls Ihnen noch etwas einfällt, das Sie brauchen, aber jetzt nicht dabeihaben, wird er sich darum kümmern. Und Sie sollten besser alle wichtigen Dokumente mitnehmen. Man kann nie wissen, auf welche Ideen die Herrschaften da draußen verfallen, um an ihre Story zu kommen.“

Die Vorstellung, die er damit heraufbeschwor, behagte Zoe ganz und gar nicht – ein skrupelloser Reporter, der nachts in ihr Elternhaus einbrach und in Schubladen wühlte …

„Nur eine Vorsichtsmaßnahme!“, fuhr Anton fort, bevor sie etwas entgegnen konnte.

Also nickte sie nur stumm und ging zu Tobys Wiege. Sie war froh, dass das frisch gewaschene Haar wie ein Vorhang ihr Gesicht verdeckte, als sie sich über das Baby beugte. So konnte niemand den mutlosen Ausdruck auf ihrer Miene sehen.

Der Duft nach frischen Äpfeln schwebte durch die Luft und stieg Anton in die Nase. Er musste sich zusammennehmen, um nicht tief einzuatmen. Ehrlich gesagt, er musste mehrere Impulse unterdrücken, nicht zuletzt seine Libido, die trotzig aufbegehrte, seit Zoe wieder in die Küche gekommen war. Die blasse niedergeschlagene Gestalt, die vor einer halben Stunde hinausgegangen war, erkannte er kaum wieder. Zurückgekehrt war nämlich eine junge Version der atemberaubenden Schönheit, die er auf dem Zeitungsfoto neben Leander Kanellis gesehen hatte. Zoe trug jetzt ein schlicht-elegantes taubengraues Kleid, dazu schwarze Leggings und schwarze Pumps. Gut, im Moment mochte das Kleid eine Nummer zu groß sein, weil sie abgenommen hatte, aber der weich fließende Stoff schmiegte sich um verheißungsvolle zarte Kurven.

„Ich kann nur hoffen, du weißt, was du tust“, sagte Kostas leise auf Griechisch.

Der Sicherheitsmann hatte also mitbekommen, was in ihm vorging. „Konzentriere du dich auf deinen Job“, erwiderte Anton ebenso leise.

„Sie ist …“

„Das ist wohl der passende Moment, um Sie wissen zu lassen, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin“, informierte Zoe die beiden in fließendem Griechisch. Als sie sich aufrichtete, blitzten ihre blauen Augen wie Eiskristalle. „Und ja, ich hoffe ebenfalls, dass Sie wissen, was Sie tun, Mr Pallis. Denn wenn Sie meinen, Sie werden leichtes Spiel mit mir haben, dann täuschen Sie sich gewaltig!“

Der Sicherheitsmann lief tatsächlich rot an, Anton Pallis jedoch steckte nur lässig die Hände in die Hosentaschen. „Soso, dann hassen Sie also doch nicht alles, was griechisch ist?“

„Dann hätte ich ja meinen eigenen Vater hassen müssen.“ Sie hörte sich atemlos an, denn er hatte mit einer harmlosen Geste seine muskulösen langen Beine betont. Daraufhin hatte es in ihrem Magen zu flattern begonnen, und wie magnetisch angezogen war ihr Blick zu seinen Schenkeln gewandert – und er hatte es bemerkt.

„Und sich selbst, weil Sie zur Hälfte Griechin sind. Komm, Kostas, wir wollen los.“

Der Sicherheitschef murmelte etwas und setzte sich in Bewegung.

„Mein Wagen parkt direkt vor der Haustür. Meine Leute werden einen Korridor für uns schaffen“, sagte Anton. „Trotzdem wird es mit Sicherheit laut und hektisch werden, die Reporter werden versuchen, an uns heranzukommen. Konzentrieren Sie sich allein auf die offen stehende Wagentür und gehen Sie direkt darauf zu.“

Mit zusammengepressten Lippen nickte Zoe.

„Denken Sie daran, dass auch die Medien verschwinden, wenn wir weg sind. Dann können die Nachbarn wieder in Ruhe leben.“

Sie starrte auf den schlafenden Toby in seinem Sitz und nickte noch einmal.

„Erlauben Sie mir, Ihren Bruder zu tragen?“

Jetzt sah sie auf. In ihren Augen standen so viele Emotionen – von Unsicherheit und Zweifel, ob sie das Richtige tat, bis hin zu purer Angst. Dieser Blick ließ seine Zurückhaltung bröckeln. Er streckte die Hand aus und legte seine Finger unter ihr seidiges Kinn.

„Vertrauen Sie mir.“ Damit hatte er seine bisher größte Lüge in Worte gefasst.

„Das tue ich“, sagte sie mit bebenden Lippen.

Und das war kein gutes Gefühl. Seine Miene wurde so hart, dass er das Spannen seiner Haut spürte, als er sich vorbeugte und nach der Babyschale griff. Auf einen knappen Wink hin zog Kostas die Haustür auf.

Die Nachmittagssonne fiel in die Diele, und zugleich schlug der kleinen Gruppe im Haus ein Blitzlichtgewitter entgegen. Anton legte den Arm um Zoes Schultern und hielt sie fest an seiner Seite. Mit gesenktem Kopf tat sie genau das, was er ihr geraten hatte – sie konzentrierte sich einzig auf die wartende Limousine.

„Wie fühlt man sich als Theo Kanellis’ Enkelin, Zoe?“ – „He, Anton, tut es Ihnen nicht leid, dass Sie ein Vermögen verlieren?“ – „Stimmt es, dass Theo Kanellis den Jungen adoptieren will?“

Die Miene grimmig angespannt, drängte Anton zum Wagen hin. Sein Rücken verdeckte Zoe beim Einsteigen in die Limousine. Sofort reichte er ihr den Sitz mit dem Baby und glitt neben sie auf die Rückbank. Einer seiner Männer schlug die Wagentür zu. Zoe zuckte erschreckt zusammen, als Mikrofone gegen die Fenster stießen und Kamerablitze in das Wageninnere schossen. Der Wagen setzte sich in Bewegung, davor und dahinter drehten sich blaue Lichter.

„Großer Gott!“ Zoe brachte die Worte kaum hervor. „Wir haben eine Polizeieskorte!?“

„Das ist die einzige Möglichkeit, um überhaupt von hier wegzukommen.“

Sie hielt Tobys Schale auf dem Schoß mit beiden Armen fest. „So wichtig sind Sie?“

„Wir sind so wichtig!“

Ihr bisheriges Leben würde sie also vergessen können. Das wurde ihr jetzt zum ersten Mal klar. Drei Wochen lang hatte sie sich naiverweise eingeredet, sie bräuchte die Angelegenheit nur auszusitzen.

Sie drehte sich um. „Die Presse folgt uns“, flüsterte sie gehetzt. Sie konnte sehen, wie sich die Reporter überschlugen, um zu den eigenen Autos zu gelangen.

„Das legt sich hoffentlich, wenn wir in der Luft sind“, sagte er.

„In der Luft?“

Er nickte. „Nicht weit von hier steht ein Helikopter für uns bereit. Er wird uns an unseren Zielort bringen.“

Zoe stellte den Babysitz auf den freien Platz zwischen ihnen und sicherte ihn mit dem zusätzlichen Gurt. Anton schaute ihr dabei zu. Die einfache Handhabung verblüffte ihn, denn das Baby merkte von all dem nichts.

„Der Junge ist erstaunlich friedlich“, meinte er zerstreut.

„Er ist drei Wochen alt. In diesem Alter tun sie nichts außer essen und schlafen, solange sie es nur bequem haben.“ Sie drückte einen sanften Kuss auf die weiche Kinderwange.

Dabei fiel ihr das Haar über die Schulter – ein seidiger goldfarbener Vorhang.

„Wer ist der Mann in Ihrem Leben?“ Neugier ließ ihn die Frage stellen. Wenn er von seinem eigenen Interesse ausging, musste sie die Männer in Scharen anziehen.

Zoe setzte sich zurück und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Wie kommen Sie darauf, dass es einen Mann in meinem Leben gibt?“

„Sie haben das Gartentor verriegelt“, erinnerte er sie. „Als ich ankam, ist jemand schnell durch die Hintertür verschwunden. Ich frage mich nur, was für ein Mann das sein muss, der sich lieber aus dem Staub macht, anstatt Ihnen zur Seite zu stehen.“

Die Vorstellung, wie Susie sich mit Anton anlegte, zauberte ein kleines Lächeln auf Zoes Gesicht. Natürlich hatte es Männer in ihrem Leben gegeben, aber bisher war da niemand Besonderes gewesen, keiner, bei dem sie den Kopf verloren hätte.

„Ich denke, mein Privatleben geht Sie nichts an.“

„Das tut es dann, wenn Ihr Freund die Insiderstory an den Meistbietenden verkauft.“

Aha. Er befürchtete, sie könnte ihrem Lover von den Leichen in Theo Kanellis’ Keller erzählt haben. „Was ist denn mit der Frau in Ihrem Leben?“, stellte sie die Gegenfrage. „Wird sie für Geld Familiengeheimnisse ausplaudern?“

„Ich gebe grundsätzlich keine Geheimnisse preis. Außerdem habe ich zuerst gefragt.“

„Nun, ich auch nicht.“ Es behagte ihr nicht, was sein wissendes Lächeln mit ihrem Magen anstellte. „Und sollte es einen Mann in meinem Leben gegeben haben, so wird er sich ausrechnen können, dass er mit dem Moment aus dem Rennen geworfen wurde, in dem ich in Ihren Wagen gestiegen bin.“

„Weil er weiß, dass er weder mit meinem guten Aussehen noch mit meinem gewinnenden Charme konkurrieren kann?“

Er wollte sie provozieren. Das Problem war nur, er sah fantastisch aus, und Charme hatte er ebenfalls im Überfluss. „Ich dachte eigentlich eher an Ihr Vermögen – und an das von Theo Kanellis. Jeder potenzielle Konkurrent wird sich vorher genau überlegen, ob er es mit solchem Reichtum aufnehmen will. Allerdings“, fügte sie dann noch hinzu, „muss ich Ihnen zugestehen, dass Ihr Äußeres Sie zu einem würdigen Kontrahenten macht.“

Er lachte offen heraus, und so unglaublich es schien, Zoe lachte ebenfalls – das erste Mal seit drei endlos langen trübseligen Wochen.

Prompt fühlte sie sich schuldig, dass sie tatsächlich noch lachen konnte. „Sie sind an der Reihe. Wie sieht es bei Ihrer aktuellen Freundin aus?“

„Ich habe keine.“

„Da behauptet die Presse aber etwas anderes.“

„Ach, die Presse behauptet viel.“

„Da ist doch dieses Model aus New York, oder nicht? Es ist noch keine drei Wochen her, da hat sie in einem Interview behauptet, es sei etwas Ernstes zwischen Ihnen.“

Anton unterdrückte einen Seufzer. „Das Problematische mit Frauen, die im Rampenlicht stehen, ist nun mal leider, dass ihnen jede Presse lieber ist als keine Presse. Ich habe die Beziehung beendet, sobald das Interview erschien.“

„Sie stehen doch ganz genauso im Rampenlicht.“

„Ich bin aber nicht auf der Suche nach einer reichen Ehefrau.“

„Das ist auch wieder wahr. Mein Vater sagt immer …“ Sie brach ab und schloss fest die bebenden Lippen. Sie starrte auf den Rücken des Chauffeurs und versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken.

„Was sagte Ihr Vater immer?“, hakte Anton leise nach.

Zoe schüttelte stumm den Kopf. Seine nur leicht abgeänderte Frage hatte ihr verdeutlicht, dass sie noch immer von ihrem Vater sprach, als sei er am Leben. Eigentlich hatte sie ihn mit den Worten zitieren wollen: Geld ist unwichtig, denn nur die Liebe zählt.

„Ich kann mich noch an ihn erinnern“, fuhr Anton behutsam fort, denn ihr Blick wirkte verletzlich. „Ich war damals noch klein, und er schien mir schon so erwachsen. Dabei konnte er nicht älter als achtzehn gewesen sein. Er hat Fußball auf dem Rasen mit mir gespielt. Das hatte vorher noch niemand mit mir gemacht …“

Zoe musste sich räuspern. „Auch Ihr Vater nicht?“

„Der war im Jahr zuvor gestorben. An ihn erinnere ich mich nur schwach. Er war ständig geschäftlich unterwegs und viel zu beschäftigt, um mitzukicken. So, wir sind da.“ Er schien froh darum, das Thema nicht weiter vertiefen zu müssen.

Zoe sah die Streifenwagen abdrehen, dann bog die Limousine auch schon durch ein großes Tor, das sich hinter ihnen sofort wieder schloss. Erleichterung breitete sich in ihr aus, als sie über die Schulter zurückblickte und die Wagen der Reporter vor dem geschlossenen Tor abbremsen sah. Doch die Verunsicherung war sofort wieder da, als sie wieder nach vorn blickte.

„Was ist das?“, fragte sie unsicher.

„Unser nächstes Transportmittel.“

„Aber … das ist ein Flugzeug!“

Anton sah zum Seitenfenster hinaus auf sein Privatflugzeug. „Sieht so aus“, meinte er gedehnt.

4. KAPITEL

Zoe bemühte sich, die aufkeimende Panik im Zaum zu halten. „Sie sprachen von einem Hubschrauber …“

„Eine kleine Planänderung.“

„Damit fliegen wir also zu Ihrem Haus?“

„Ja“, bestätigte er.

Zoe konnte nicht das Geringste in seinem Blick lesen. „Wo genau liegt Ihr Haus?“

Dies hätte sie schon sehr viel eher fragen müssen. Sie war wütend auf sich, dass sie es nicht getan hatte. Denn auch wenn er noch immer lässig in seiner Ecke lehnte, so fühlte sie doch etwas von Anton Pallis ausgehen, das sämtliche ihrer Sinne in Alarmbereitschaft versetzte. Er schien auch nicht vorzuhaben zu antworten.

„Wir fliegen nach Griechenland, Zoe.“

„Griechenland?“ Es klang, als hätte sie noch nie von dem Land gehört. „Aber ich will nicht. Sie sagten …“

„Ich habe nie behauptet, dass mein Haus in England wäre!“

Soll ich jetzt etwa sagen: Upps, meine Schuld, sorry?! „Weder ich noch mein Bruder fliegen nach Griechenland, Mr Pallis!“ Hektisch fingerte sie an dem Gurt, um den Kindersitz zu lösen.

„Wohin wollen Sie?“

„Nach Hause.“

„Und wie kommen Sie dahin?“

„Wenn es sein muss, laufe ich! Den ganzen Weg zurück! Zur Polizei, die vielleicht noch bei den Toren steht. Oder gleich zur Presse, genau!“ Sie bebte vor Wut und Entschlossenheit. „Lassen wir die Presse entscheiden, ob Sie ein verlogener Kidnapper sind oder nicht!“

Immerhin kam jetzt eine Reaktion von ihm – er stieß zischend den Atem durch die Zähne. „Ich mag nicht die ganze Wahrheit gesagt haben, aber ich habe nicht gelogen. Und ich entführe Sie nicht.“

Noch immer hatte sie die Babyschale nicht freibekommen. „Nicht? Wie nennen Sie es denn? Urlaub?“

„Genau!“, brauste er auf.

„Und was erwartet uns bei der Landung, Mr Pallis? Kommt Theo Kanellis uns abholen?“

Sie spuckte die beiden Namen aus wie bitteres Gift. Anton merkte, dass sein Temperament zu brodeln begann. Er hielt ihre Finger fest, die den Henkel des Tragesitzes umklammerten. „Wollen Sie endlich damit aufhören und mir stattdessen zuhören?!“

„Mir noch mehr Lügen von Ihnen anhören? Halten Sie mich etwa für dumm?“ Sie fasste auch mit der zweiten Hand nach dem Sitz. „Sie sagten, ich solle Ihnen vertrauen. Jetzt sehen wir ja, was mir das eingebracht hat!“

„Sie können mir vertrauen“, beharrte Anton. „Und nein, wir sind nicht auf dem Weg zu Theo! Bei meiner Ehre, Zoe, das Versprechen auf einen Zufluchtsort in meinem Haus ist die reine Wahrheit.“

Sicher, und Elefanten können fliegen! Sie musste eine Hand von dem Henkel lösen, um nach dem Türgriff fassen zu können, damit sie endlich von hier wegkam! „Kein Wunder, dass mein Vater nichts mit eurer ganzen Bande zu tun haben wollte! Leute wie ihr hätten einen so sanften und gutmütigen Mann wie ihn ja zum Frühstück verspeist.“

„Hier geht es nicht um Leander.“

„Nennen Sie ihn nicht so!“, fuhr sie auf. „Für Sie immer noch Mr Ellis. Ellis, weil er den Namen Kanellis nicht tragen wollte. Und jetzt weiß ich auch, warum!“

„Ich bin kein Kanellis, Zoe“, betonte Anton. „Es ist nicht so, wie Sie denken. Es stimmt, ich habe Ihnen verschwiegen, wohin wir gehen, aber …“ Er sah das Beben, das durch ihren schmalen Körper lief. Und sie war weiß geworden. „Hören Sie, Zoe … Verdammt!“ Fluchend stieß er die Wagentür auf, als sie auf ihrer Seite aus der Limousine kletterte, und eilte mit großen Schritten um die Motorhaube herum.

Er kam bei Zoe an, als sie sich wieder in das Wageninnere beugte, um das Baby hervorzuholen, schlang einen Arm um sie und zog sie zurück, bevor sie den Tragesitz fassen konnte. Sie wehrte sich und trat nach ihm, doch er stellte sie unsanft auf die Landebahn und drehte sie zu sich herum.

„Zoe, hören Sie mir zu“, drängte er frustriert. „Es tut mir leid, dass ich Sie so verärgert habe.“

Ihr eisiger Blick ließ ihn erbleichen. „Verärgert?! Sie haben mich von Anfang an belogen! Wir waren sicher in unserem Haus, bis Sie aufgetaucht sind – Sie und mein Großvater, ihr mit euren kranken Machtspielchen! Und wenn Sie mich nicht sofort loslassen, schreie ich den ganzen Platz zusammen!“ Sie holte tief Luft, öffnete den Mund … und Antons Lippen landeten hart auf ihren.

Er war ebenso schockiert wie sie, dass er sie auf diese Weise zum Verstummen bringen sollte. Doch jetzt, da er einmal damit angefangen hatte, dachte er nicht mehr daran aufzuhören. Hitze explodierte in ihm, als sich ihre Zungenspitzen berührten. Ein Schluchzen stieg bei Zoe in der Kehle auf. Dennoch erwiderte sie den Kuss fiebrig und ungestüm.

Vor den verschlossenen Toren auf der anderen Seite des Flugfeldes schossen die Kameras mit den Teleobjektiven ein Foto nach dem anderen. Anton presste Zoe an sich, und der Beweis seiner Erregung war nicht mehr zu verheimlichen.

Zoe riss die Lippen von seinem Mund und schnappte empört nach Luft. „Das war einfach nur mies!“

Eine saftige Ohrfeige brannte auf seiner Wange. „Trotzdem hast du mitgemacht.“ Seine Stimme klang heiser. So kannte er sich selbst nicht.

„Du …“ Zoe fehlten die Worte. Ihre Lippen brannten, überall in ihrem Körper prickelte es. Ihre Brustwarzen hatten sich hart aufgerichtet, in ihrem Schoß sammelte sich schmelzende Hitze. Und Anton überlegte wohl, ob er sie noch einmal küssen sollte. Furcht und Erregung mischten sich in ihr zu gleichen Teilen.

„Lass mich los“, forderte sie stockend.

Kommt nicht infrage, dachte er. Als würde ihn eine unbekannte Macht anpeitschen, hob er sie hoch und trug sie auf den Jet zu. Er meinte, vor Energie bersten zu müssen.

Ungläubig sah sie ihn an, und in ihren Augen schwammen Tränen. „Warum tust du mir das an?“, schluchzte sie. Dann drang ein Laut zu ihr. „Toby …! Er ist noch immer im Wagen!“ Völlig panisch rappelte sie sich in Antons Armen auf, um ihm über die Schulter schauen zu können. „Was macht der Mann da mit ihm? Oh bitte, ihr dürft mir meinen Bruder nicht wegnehmen!“, flehte sie verzweifelt.

Sie waren an Bord des Jets, Anton verfrachtete Zoe auf einen Sitz und befestigte den Gurt.

„Anton, du darfst mir Toby nicht wegnehmen“, schluchzte sie. „Er ist alles, was ich noch habe … Bitte, Anton!“

Kostas kam auf sie zu. Man sah ihm an, dass ihm das Verhalten seines Arbeitgebers äußerst peinlich war. „Ihr Bruder ist hier, Ms Kanellis.“

Bei Kostas Demitris’ belegter Stimme ruckte Zoe mit dem Kopf herum. Sie blinzelte die Tränen weg und starrte auf die Babyschale in seiner Hand, in der ihr kleiner Bruder unberührt von allem selig schlief.

„Für den Start werde ich den Sitz in einer speziellen Halterung verankern müssen“, fuhr Kostas erklärend fort. „Wir sitzen nur zwei Reihen hinter Ihnen. Bei mir ist Ihr kleiner Bruder in Sicherheit, thespinis, das verspreche ich.“

„Danke“, wisperte sie. Dann sah sie zu Anton. „Ich dachte …“

„Ich weiß, was du dachtest!“, fiel er ihr grimmig ins Wort. „Ich mag so meine Fehler haben, Zoe, aber ich verspreche dir, dass ich deinen Bruder nie einem anderen Menschen übergeben werde. Okay?“

Noch während sie sich fragte, warum sie ihm auch nur ein einziges Wort glaubte, nickte sie.

Drei endlos lange Wochen hatte sie sich zusammengenommen, jetzt saß sie an Bord eines Flugzeugs und wartete darauf, dass sie Richtung Griechenland abheben würden!

Anton sah, dass Zoe wieder zu weinen begann. Mit ausdrucksloser Miene schlang er die Arme um sie und drückte sie an sich. Er murmelte keine beruhigenden Worte, sondern hielt sie einfach an sich gepresst – eine Hand an ihrem Hinterkopf und barg ihre Wange an seiner Brust. Sie krallte die Hände in seine Anzugjacke und schluchzte lautlos.

Die Turbinen liefen an. Anton konnte die Vibrationen unter seinen Füßen spüren, während er das Gleichgewicht zu halten versuchte. Sobald sie in der Luft waren, löste er Zoes Gurt, hob sie auf seine Arme und steuerte auf die Schlafkabine am Ende des Ganges zu. Mit der Schulter schloss er die Tür hinter sich und kickte seine Schuhe von den Füßen. Zoe klammerte sich noch immer an seine Jacke, auch als er mit dem Fuß die Decke zurückschlug und Zoe behutsam auf das Bett niederlegte. Er versuchte erst gar nicht, ihre Finger aus dem Stoff seines Jacketts zu lösen, sondern legte sich mit ihr hin, deckte sie beide zu und zog Zoe an sich. Er ließ sie weinen, ohne ein Wort zu sagen. Irgendwann glitt sie in einen erschöpften Schlaf, und er blieb genau dort, wo er lag, während ihm bewusst wurde, dass er noch nie einen anderen Menschen so eng an sich gehalten hatte. Noch nicht einmal beim Sex.

Zoe tauchte mit dem Gefühl aus dem Schlaf auf, dass etwas Schreckliches passiert war. Verschwommene Bilder huschten durch ihren Kopf – sie, die Anton küsste, die flehte und bettelte und an seiner Brust weinte. Und jetzt lag sie in irgendeinem Bett, zugedeckt und vollständig angezogen.

Noch weigerte sie sich, die Augen zu öffnen. Sie wollte sich gar nicht umsehen und nutzte deshalb die anderen Sinne, um ihre Umgebung zu erkunden. Alles war still, nur ein leichtes Vibrieren war zu spüren … wie von Flugzeugmotoren.

Oh Gott! Mit einem Schlag war sie hellwach. Sofort wusste sie wieder, dass sie sich mit Anton Pallis gestritten hatte, weil der sie nach Griechenland bringen wollte. Und zusammengebrochen war sie, weil sie geglaubt hatte, dass er ihr Toby wegnehmen wollte.

„Du bist also wach“, drang eine tiefe Stimme an ihr Ohr. „Ich dachte schon, du würdest den ganzen Flug verschlafen und ich müsste dich von Bord tragen.“

Abrupt drehte sie den Kopf – und traf auf einen Blick aus spöttischen schwarzen Augen. Ihr Herz setzte zu einem wilden Trommelwirbel an – warum, wusste sie nicht. Anton lag auf der Bettdecke und stützte sich ganz elegant auf einen Ellbogen.

„Toby …?“, flüsterte sie gepresst.

„Genau hier.“ Er schaute sie an, als wollte er sagen: Wo sollte dein Bruder denn sonst sein?

Zoe folgte seinem Blick. Toby lag genau neben ihr und schlief selig.

„Er hat seine Flasche mit diesem grässlichen Zeug leer getrunken, und anscheinend hat es ihm gut geschmeckt“, ließ Anton sie wissen. „Und dann habe ich einen Job erledigt, der keinem Mann in meiner Position zugemutet werden sollte.“

„Du hast ihn gefüttert und ihm die Windel gewechselt?“ Zoe drückte einen sachten Kuss auf Tobys dunklen Schopf.

„Er hat meine ersten stümperhaften Versuche mit erstaunlicher Nachsicht über sich ergehen lassen. Mein Anzug hat eine Dusche erhalten, aber da du vorher schon mein Jackett mit deinen Tränen aufgeweicht hast, musste ich mich so oder so umziehen.“

Davon erwähnte er nichts, dass alle seine Leute ihm angeboten hatten, diesen Job zu übernehmen. Windeln zu wechseln, war seine gerechte Strafe. Ebenso sah er es als eine Lektion an, dass seine Leute ihm die kalte Schulter gezeigt hatten, als er vor gut einer Stunde aus Schlafraum gekommen war.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, murmelte Zoe.

„Ein Danke wäre vielleicht angebracht!?“

Nicht im Leben! „Höflichkeit ist an dich völlig verschwendet. Vergiss nicht, du hast uns gekidnappt.“

„So schnell kehren wir also wieder zu den Feindseligkeiten zurück?“ Mit einem schweren Seufzer glitt er geschmeidig vom Bett und ging zum Schrank.

„Du hast mich belogen und zu Tode geängstigt!“

„Nun, etwas hat dich tatsächlich zu Tode geängstigt.“ Er holte ein Jackett aus dem Schrank und schlüpfte hinein. „Ich habe schon überlegt, ob es vielleicht der Kuss war!?“

Sobald er den Kuss erwähnte, weigerte sie sich, ihn weiter anzusehen. Feindseligkeit war nur ein Teil davon, was sie fühlte. „Vermutlich hätte ich das von einem Mann erwarten müssen, der im Dunstkreis von Theo Kanellis groß geworden ist.“ Sie setzte sich auf und nahm das Baby vorsichtig auf den Arm. „Ein eiskalt kalkulierender Unmensch.“

„Gar kein Zweifel, du hast mich durchschaut, Zoe. Sollte ich mich dafür entschuldigen, dass ich dir Angst eingejagt habe?“

„Wirst du das Flugzeug auf der Stelle nach England zurückfliegen lassen?“

Er dachte kurz nach. „Nein.“

Sie sah zu ihm hin, auch wenn sie sich vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Ein leises Prickeln lief über ihren Rücken. Er sah wieder makellos aus, einfach fantastisch, was ihr bewusst machte, wie zerknittert und zerknautscht sie selbst aussehen musste. „Dann hätte eine Entschuldigung den gleichen Wert wie die Behauptung, du seist ein Ehrenmann.“

Mit einem mulmigen Gefühl sah sie, wie er mit wenigen Schritten auf das Bett zukam. Was mochte er als Nächstes vorhaben?

„Wäre ich offen und ehrlich gewesen, wärst du dann mitgekommen?“

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Dann ist meine Ehre völlig intakt. Du konntest unmöglich in dem Haus deiner Eltern bleiben, und ich konnte dir keinen anderen Ort bieten, um dem Medienrummel zu entfliehen, außer mein Privatanwesen in Griechenland.“

„Liegt dein Anwesen zufälligerweise auf Theo Kanellis’ Privatinsel?“

„Nein, und ehrlich gesagt, dein Sarkasmus geht mir langsam auf die Nerven, Zoe. Ich gebe zu, meine Vorgehensweise war vielleicht grob. Ich kann auch verstehen, wieso du dich von mir getäuscht fühlst. Aber das Kind, das da neben dir liegt, ist zur Hälfte Grieche. So wie du übrigens auch. Der Junge hat ein Recht darauf, seine griechische Familie zu kennen, selbst wenn du nichts mit ihr zu tun haben willst. Oder hattest du ernsthaft vor, die Fehde in die nächste Kanellis-Generation hinüberzutragen? Denn wenn du das willst, bist du nicht anders als der Mann, den du nicht deinen Großvater nennen kannst. Denk darüber nach!“, sagte er noch, bevor er zur Tür ging. „Wir landen in einer Stunde.“

Zoes Blick bohrte Löcher in seinen Rücken. „Mitgiftjäger“, murmelte sie.

Anton erstarrte mitten in der Bewegung. Zoe hatte keine Ahnung, warum sie das gesagt hatte, es war ihr wie von allein über die Lippen geschlüpft. Ihr Puls beschleunigte sich, als Anton sich langsam zu ihr umdrehte.

Der allmächtige griechische Tycoon war zurück – der Mann, der heute Morgen vor ihrer Haustür gestanden hatte und aussah, als gehörte ihm die ganze Welt. Seine Miene wirkte völlig reglos, und seine Augen glitzerten wie schwarzer Jadestein.

„Du tauchst bei mir auf“, fuhr sie trotzig fort, „und verleitest mich dazu, dass wir uns von dir entführen lassen. Du machst mir Angst.“ So wie er sie jetzt ängstigte, auch wenn sie entschlossen war, es nicht zu zeigen. „Woher soll ich wissen, ob du die Presse nicht absichtlich bestellt hast, weil du wusstest, dass es dir den passenden Hebel für deinen Plan liefert?“ Sie schaute auf das schlafende Baby. „Wie hat dein Handlanger doch in meiner Küche zu dir gesagt? Ich kann nur hoffen, du weißt, was du tust. Nun, das weißt du genau, nicht wahr? Theo will seinen Enkel haben, und du wirst ihn ihm bringen, auch wenn du mich mitschleifen musst.“

„Und wieso macht mich das deiner Meinung nach zu einem Mitgiftjäger?“

Er fragte es sehr leise. Zoe ballte die Fäuste. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen. „Es ist allgemein bekannt, dass du bis vor drei Wochen als Theos Erbe gegolten hast. Und dann tauchen Toby und ich auf einmal aus dem Nichts auf – zwei Enkel des großen Mannes. Du bist Anwalt, sag du mir, wie das Erbrecht in Griechenland funktioniert. Oder besser … erkläre mir, warum du dir solche Mühe machst, uns nach Griechenland zu lotsen.“

Er hörte ihr mit leicht zusammengekniffenen Augen zu, ohne sich zu rühren. Das innere Beben, das sie so angestrengt zurückgehalten hatte, ließ sich jetzt nicht mehr unterdrücken. Sie beneidete Anton um seine Selbstbeherrschung.

„Antworte!“, brauste sie auf.

„Ich bin neugierig, welchen Schluss du daraus ziehst, bevor ich meine Meinung dazu abgebe“, sagte er glatt.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Du sagtest, Theo Kanellis sei zu krank, um zu reisen. Du sagtest, er will seinen Enkel haben und dass ich ihm egal bin.“

„An Letzteres kann ich mich nicht erinnern.“

„So war es aber gemeint. Wir wissen doch beide, dass es deinem Ruf nicht unbedingt guttun würde, vor der versammelten Presse mit meinem Bruder auf dem Arm aus dem Haus zu marschieren, während ich zurückbleibe. Warum also unternimmst du solche Anstrengungen? Nur, um vor meinem Großvater gut dazustehen?“

Sie machte weiter, auch wenn eine Stimme in ihrem Kopf schrill warnte, damit aufzuhören, denn der Mann konnte gefährlich werden. „Oder hast du möglicherweise Pläne, die viel weiter reichen? Pläne, die mit dem Tod, einem riesigen Erbe und mit einem kleinen Jungen zu tun haben, der einen Mentor brauchen wird? Willst du Theo einen Deal anbieten, indem du für Toby das tust, was Theo für dich getan hat? Damit würdest du die Kontrolle über das Vermögen behalten.“

„Das ist also deine Definition von einem Mitgiftjäger?“

Mit zusammengepressten Lippen nickte Zoe.

„Du hast einen wichtigen Punkt übersehen. Es gibt eine wesentlich weniger sentimentale Möglichkeit für mich, die Kontrolle über Theos Vermögen zu behalten – und zwar durch dich, Ms Kanellis.“

Ihr gefiel es nicht, wie er ihren Namen betonte. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Natürlich nicht.“ Er kam wieder auf sie zu. „Eigentlich sollte man Mitleid mit dir haben, dass du deinen Wert nicht einmal erahnst.“

„Ich habe einen solchen Wert nicht.“ Zweiundzwanzig Jahre Schweigen vonseiten ihres Großvaters hatten das überdeutlich gemacht.

„Du unterschätzt dich. Siehst du, um mein Ziel als Mitgiftjäger zu erreichen, brauche ich dich nur zu heiraten und deinen Bruder zu adoptieren – zwei zum Preis von einem.“ Er lächelte, aber es war alles andere als ein gutes Lächeln. „Dem Banker in mir gefällt dieses Szenario viel besser. Warum starrst du mich so an? Du meinst, mein Sinn für Ehre und Anstand würde das nicht zulassen? Nun, wir haben doch bereits festgestellt, dass ich weder Anstand noch Ehre habe, nicht wahr? Ich lüge, ich betrüge und ich entführe unschuldige Kinder.“

„Bleib, wo du bist!“, stieß sie hervor.

Seine Augen glitzerten herausfordernd, und natürlich blieb er nicht stehen. „Ich garantiere dir, dein Großvater wäre begeistert. Griechische Männer lieben solche geschäftlichen Abmachungen, denn sie geben dem Macho in uns Zündstoff. Der muss immer alles unter Kontrolle haben. Ein Zusammenschluss unserer beiden Namen wäre ein formidabler Coup, und Theo würde als glücklicher Mann sterben. Oh, deine Augen blitzen aber jetzt sehr abfällig!“, meinte er mit samtweicher Stimme. „Wovor hast du eigentlich die meiste Angst, Ms Kanellis? Vor mir, vor deinem Großvater oder vor dir selbst?“

Sie war immer weiter ans Kopfende gerückt, bis ihr kein Platz mehr zum Ausweichen blieb. Und erst seine Bemerkung machte ihr bewusst, dass ihr Puls raste und ihre Lippen prickelten, weil sie den Blick nicht von seinem Mund losreißen konnte.

„Vielleicht sagst du dir jetzt, dass du einer solchen Abmachung niemals zustimmen würdest, aber dagegen weiß ich bereits ein Mittel. Ich schicke dich zu Theo. Er wird dich einsperren, bis du deine Meinung änderst. Wir griechischen Männer sind nämlich absolut skrupellos. So gewissenlos, dass ich …“, mit einer Hand stützte er sich genau neben ihrem Gesicht am Kopfende ab, „… dich vielleicht noch einmal küssen werde. Oder sogar mit dir schlafen werde“, murmelte er, „noch bevor wir griechischen Boden erreichen. Ich mache dich zu meiner …“

Zoe holte aus. Ihre Handfläche brannte von der Ohrfeige, die sie ihm versetzte, aber das war ihr völlig gleichgültig. „Geh mir aus den Augen, Anton!“, zischte sie.

5. KAPITEL

Zu Zoes Verblüffung tat Anton genau das. Er richtete sich auf und trat zurück in den Raum. Eine Weile funkelten sie einander schweigend an. Die Atmosphäre war nach der hässlichen Szene nicht nur feindselig. Dies bereitete Zoe die meisten Sorgen. Heißt es nicht, dass Entführungsopfer eine gefährliche Anhänglichkeit zu ihrem Entführer entwickeln? Genau so fühlte sie sich nämlich im Moment. Sie war überzeugt, dass sie Anton zutiefst hasste, und gleichzeitig wünschte sie sich, er würde sie küssen. Deshalb hatte sie ihn geohrfeigt – um ihre eigenen verwirrenden Gefühle zu unterdrücken.

Seine Augen waren wieder tiefschwarz geworden, doch in seinen Pupillen glühte eine solche Intensität, dass sie wusste, er verspürte die gleiche Verwirrung wie sie. Unter seiner Sonnenbräune war er blass geworden. Ihre Finger hatten rote Striemen auf seiner Wange hinterlassen. Zoe beobachtete fasziniert, wie die Striemen sich langsam weiß färbten. Als Anton sich bewegte, zuckte sie zusammen, doch er stieß nur laut den Atem aus.

„Sieht so aus, als hätte ich heute zum zweiten Mal schlechtes Benehmen an den Tag gelegt. Dann muss ich mich wohl auch zum zweiten Mal entschuldigen.“

Zoe sagte nichts dazu. Sie konnte gar nichts sagen, weil ihr die Zunge am Gaumen klebte. Nach einigen Sekunden drückenden Schweigens drehte sich Anton um und ging wieder zur Tür. Erst nachdem er den Raum verlassen hatte, atmete Zoe auf und ließ sich matt auf das Bett sinken.

Puh! Sie fühlte sich so ausgelaugt und fertig, als hätte sie zehn Runden im Boxring hinter sich. Viel schlimmer jedoch war, dass sie selbst diese Konfrontation heraufbeschworen hatte. Mit ihrem Vorwurf Mitgiftjäger und den anderen Anschuldigungen hatte sie Anton provoziert, bis er endlich reagieren musste.

Warum – hielt sie ihn wirklich für einen derart miesen Typen, der alles tun würde, um an das Geld ihres Großvaters zu kommen? Irgendwie glaubte sie das nicht. Nur musste sie noch herausfinden, warum.

Eigentlich konnte sie nichts mehr mit Sicherheit sagen. Als sie heute Morgen den Brief ihres Großvaters gefunden hatte, war sie wütend und verbittert gewesen, dass er es überhaupt wagte, ihr zu schreiben. Dann war Anton Pallis aufgetaucht, und sie war bereit für eine Schlacht gewesen. Doch je mehr sie miteinander geredet – wohl eher gestritten – hatten, desto stärker war auch das Gefühl in ihr geworden, dass Anton ein Mann war, dem sie tatsächlich vertrauen konnte.

Da stellte sich doch die Frage: Würde jemand mit auch nur einem Funken Verstand einem Lügner vertrauen? Antwort: Nein. Und warum saß sie dann hier und wollte unbedingt glauben, dass alles, was er soeben von sich gegeben hatte, nur die wütende Reaktion auf ihre Anschuldigungen war?

Toby meldete sich. Sie lächelte, als er ein Bäuerchen von sich gab und dann Schluckauf bekam. Sie tätschelte seinen Rücken. „Also, was tun wir nun, Toby? Geben wir Mr Harte-Schale-weicher-Kern nach und lassen uns auf die Reise nach Griechenland ein, um den lieben alten Großvater zu besuchen? Oder halten wir die Familienfehde lebendig?“

„Nun, da wir fast in Griechenland sind, bleibt uns im Moment wohl nichts anderes übrig, als vorerst mitzuspielen“, entschied sie mit einem schweren Seufzer.

Der Privatjet landete, als die Sonne am Horizont im Meer versank. Kostas, der sich offensichtlich dazu berufen fühlte, Zoe zu beschützen, übernahm es wie selbstverständlich, Toby sicher von Bord der Maschine zu bringen. Zoe versuchte erst gar nicht, darüber zu diskutieren.

Jeder stand auf und sammelte seine Sachen zusammen, auch Anton Pallis. Er stand mit dem Rücken zu Zoe, und unwillkürlich drängte sich ihr der Gedanke auf, was für einen wunderbar breiten und muskulösen Rücken er doch hatte. Als sie sich ertappte, dass sie das dachte, schaute sie entschieden in die andere Richtung.

Sobald die Flugzeugmotoren verstummten, holte Anton sein Handy hervor und begann zu telefonieren. Sie wollte ihre Jacke anziehen, doch Kostas hielt sie auf. „Sie brauchen keine Jacke, thespinis. Da draußen sind noch immer siebenundzwanzig Grad.“

Nur zu gern verzichtete Zoe auf die zerknitterte Jacke, in der sie schließlich geschlafen hatte. Eine Bewegung am anderen Ende des Kabinengangs ließ sie aufschauen. Anton hatte sich umgedreht und sah abschätzend zu ihr hin. Sie hob das Kinn an – warum, wusste sie selbst nicht. Genauso wenig wie sie wusste, warum ihre Wangen plötzlich zu brennen begannen.

Einer nach dem anderen gingen sie von Bord wie bei einem ganz normalen Charterflug. Anton schien sich keine Sorgen wegen der Hitze zu machen, er hatte sein Jackett übergezogen und war wieder ganz der elegante Geschäftsmann. Zoe verließ nach ihm die Kabine, dahinter folgte Kostas, den Tragesitz mit Toby sicher in der kräftigen großen Hand.

In der Bordtür blieb Zoe einen Moment lang stehen und ließ sich von der Hitze einhüllen. Die Luft war angereichert mit allen möglichen Wohlgerüchen, Zoe erkannte Jasmin, Zitrone und Thymian. Auf der anderen Seite der Landebahn wartete eine ganze Flotte von Fahrzeugen – zwei silberne Limousinen, ein Kleinbus und ein staubiger Wagen, neben dem ein uniformierter Beamter wartete.

Antons Personal hatte die Pässe zur Kontrolle bereit in den Händen und steuerte den Beamten an. Anton ging ebenfalls auf den Mann zu, hielt aber noch immer das Telefon ans Ohr. Der Koffer mit dem Laptop baumelte von seiner Schulter, und mit der freien Hand gestikulierte er ungeduldig während des Gesprächs.

Zoe spürte einen leichten Stoß in ihrem Rücken. Kostas hatte sie mit Tobys Babyschale angestupst, damit sie sich ebenfalls in Bewegung setzte. Stufe für Stufe stieg sie die Landetreppe hinunter und merkte, wie sich ein seltsames Gefühl erst in ihren Beinen und dann in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie erkannte es erst, als sie mit beiden Füßen auf der Landebahn stand.

Ich bin in Griechenland. Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich auf dem Boden des Landes, in dem mein Vater geboren wurde.

Benommen schaute sie an sich herunter und starrte auf ihre Schuhspitzen. Sie schloss die Augen und genoss dieses bizarre Gefühl, endlich nach Hause gekommen zu sein. Es ergab keinen Sinn, denn sie war so typisch britisch wie der Nachmittagstee, wie die blühenden Rosengärten im Sommer, wie der Glockenschlag von Big Ben zur vollen Stunde. So hellhäutig und blond wie sie war, gehörte sie in gemäßigtes, feuchtes Klima – sie war eindeutig die Tochter ihrer Mutter … und doch stand sie hier auf dem Flugfeld und fühlte auf einmal ihre griechischen Wurzeln.

War das der Grund, weshalb ihr Vater nie zurückgekehrt war? Weil er gewusst hatte, dass er das Gleiche empfinden würde – diese nahezu spirituelle Erfahrung, heimgekommen zu sein? Zumindest ahnte Zoe jetzt, weshalb ihr Vater immer so still und nachdenklich geworden war, wenn im Fernsehen Sendungen über Griechenland gezeigt worden waren.

„Zoe …“ Da war wieder diese tiefe dunkle Stimme im fast gleichen Tonfall, wie ihr Vater ihren Namen immer gesagt hatte.

Als sie die Augen öffnete, sah sie Anton vor sich stehen. Unter dem Sonnenlicht seiner Heimat war er noch attraktiver, und seine Haut schimmerte noch goldener. Er schaute sie mit besorgter Miene an und hielt die Hände auf ihrer Schulterhöhe, ohne sie jedoch zu berühren. Er wollte nur bereit sein, um sie zu stützen, falls sie schwanken sollte.

„Mir geht es gut“, flüsterte sie.

„Du siehst aber nicht so aus.“

„Es ist nur … ein Schock, nach all den Jahren hier zu sein“, gestand sie. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich etwas Besonderes empfinden würde.“

Anton begann zu begreifen, dass in Leander Kanellis’ Tochter leidenschaftliche Gefühle steckten. Automatisch fragte er sich, wozu solche Leidenschaft in seinen Armen und in seinem Bett führen könnte. Alle seine Sinne reagierten, doch im gleichen Moment ließ er die Arme sinken. Er beschloss, sich zurückzuziehen.

Sie ist tabu für mich. Zoe Kanellis hatte sich selbst tabu für ihn erklärt, und zwar in dem Moment, als sie ihm unterstellte, es auf das Geld ihres Großvaters abgesehen zu haben.

Antons spontane Bewegung holte Zoe aus ihren Gedanken zurück. Erst jetzt sah sie sich um. Wo waren denn alle geblieben? Der staubige Wagen und der Kleinbus waren nicht mehr zu sehen, nur die beiden Limousinen standen noch da.

„Tut mir leid“, murmelte sie. „Ich halte dich auf.“

„Nein, ganz und gar nicht“, erwiderte er höflich. „Ich habe mich um die notwendigen Formalitäten gekümmert. Immerhin hat man deinen Bruder nicht sofort ins Gefängnis abtransportiert.“

„Mach dich ruhig über mich lustig.“ Zoe runzelte die Stirn. „Wo ist Toby?“ Sie blickte zu den beiden wartenden Fahrzeugen.

„Gut versorgt mit Kostas in der zweiten Limousine, sicher vor Hitze und Sonne.“ Er fasste in die Jackentasche und zog einen Pass heraus. „Das ist deiner. Kostas hat ihn aus dem Karton mit deinen Papieren herausgesucht. Ich hoffe, du hattest nichts dagegen.“

Selbst wenn, jetzt ist es zu spät. Zoe nahm ihren Pass an sich. „Danke“, murmelte sie.

„Wenn du dann jetzt die Zwiesprache mit dem Land deiner Vorfahren beendet hast, sollten wir uns auf den Weg machen.“

Sie verzog das Gesicht, sprach er doch mit wenigen Worten aus, was sie gedacht hatte. Sobald sie nickte, drehte er sich auf dem Absatz um und ging auf die wartenden Autos zu. Zoe folgte ihm. Er gab sich überhöflich und distanziert, sodass ihr klar war, dass sie ihn irgendwie verärgert haben musste. Nur hatte sie nicht die geringste Ahnung, wie und womit.

Sie zuckte unmerklich mit den Schultern und sah sich um. Sie schienen sich auf einem weiteren Privatflugplatz zu befinden. Eigentlich war es nicht mehr als eine Landebahn, an deren Ende ein weiß getünchter Kontrolltower stand. Dahinter konnte Zoe das Meer glitzern sehen, seitlich hoben sich pinienbewachsene Hügel gen Himmel.

„Wo genau in Griechenland sind wir eigentlich?“, fragte sie neugierig.

„Das hier ist Thalia. Und keiner weiß, nach wem genau die Insel benannt wurde.“

Misstrauen griff mit eiskalten Klauen nach ihr, sie blieb abrupt stehen. „Das hier ist eine Insel!?“

„Komm, es wird spät, und ich würde gern vor Einbruch der Dunkelheit wieder abfliegen.“

„Eine Insel“, wisperte sie. „Du hast es schon wieder gemacht, nicht wahr? Du hast mir eine Sache versprochen und etwas völlig anderes getan!“

Sie stand da auf der Landebahn mit ihrer überschlanken Gestalt in viel zu großen Sachen. Ihm wurde mehr und mehr bewusst, dass sich darunter eine Frau mit einer großartigen Figur versteckte … Anton stieß einen entnervten Seufzer aus. „Zoe, mit dir zu reden, ist, wie über heiße Kohlen zu laufen! Worüber regst du dich jetzt schon wieder auf?!“

„Über das hier!“ Mit ausgebreiteten Armen drehte sie sich im Kreis. „Du lädst Toby und mich auf Theo Kanellis’ Insel ab und machst dich dann aus dem Staub!“

„Bist du verrückt geworden?“, donnerte er zurück. „Das ist nicht Theos Insel, sondern meine! Weißt du nicht einmal, wo der Geburtsort deines Vaters liegt?“

Sie blinzelte mit diesen aufwühlend schönen Augen – was ihm Antwort genug war. Sie wusste es wirklich nicht. „Die Insel deines Großvaters heißt Argiris. Argiris!“, wiederholte er wütend und streckte den Arm aus. „Sie liegt ungefähr fünfzig Kilometer von hier in dieser Richtung.“

„Oh“, sagte sie nur und sah an seinem ausgestreckten Arm entlang zum Horizont, als könnte sie die Insel tatsächlich sehen.

Für einen Moment erlaubte Anton sich die Vorstellung, wie er sie in seine Arme riss und auf den roten Schmollmund küssen. „Steig ein!“, sagte er und zog die Wagentür auf. Statt Zoe jedoch zu küssen, starrte er lieber verbissen auf seine Schuhspitzen.

Als sie näher kam, erhaschte er wieder den zarten Geruch ihrer Haut nach frischen Äpfeln, und ihm lief prompt das Wasser im Mund zusammen. Der Duft attackierte allerdings auch andere Stellen seines Körpers, und er musste sich zusammenreißen.

„Du hast es dir selbst zuzuschreiben, wenn ich dir nicht traue“, teilte sie ihm noch spitz mit, bevor sie sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Rücksitz des Wagens gleiten ließ.

Anton drückte die Tür vorsichtig ins Schloss. Zoe starrte ihm nach, wie er zur anderen Limousine ging. Jetzt will er nichts mehr mit mir zu tun haben, will nicht mal mit mir im selben Wagen sitzen!? Als sie sich das bewusst machte, wurde ihr flau im Magen.

„Es ist nicht unbedingt klug, ihn wütend zu machen“, murmelte jemand trocken neben ihr.

6. KAPITEL

Erschreckt drehte Zoe den Kopf und sah Kostas neben sich auf der Rückbank sitzen, auf dem freien Platz in der Mitte stand sicher festgegurtet die Babyschale. Toby schlief trotz all des Trubels selig vor sich hin.

„Es ist auch nicht unbedingt klug, arroganten Kontrollfreaks ihren Willen zu lassen!“, konterte sie schlagfertig.

„Sie haben ihn provoziert.“

„Ich habe ihm eine schlichte Frage gestellt, und er reißt mir fast den Kopf ab!“, rechtfertigte sie sich, obwohl sie wusste, dass Kostas recht hatte. Eigentlich provozierte sie Anton die ganze Zeit, ohne selbst zu wissen, warum. Und wohin wollte er überhaupt, weshalb er einen eigenen Wagen brauchte? Zoe sah zu dem anderen Auto hin, das sich zuerst in Bewegung setzte. Aber eher würde sie sich die Zunge abbeißen, als Kostas danach zu fragen. Außerdem … Es interessiert mich wirklich nicht!

„Er hat in der Stadt etwas zu erledigen“, teilte Kostas ihr ungefragt mit. Ganz offensichtlich konnte der Mann Gedanken lesen. „Dann muss er schnellstmöglich wieder hierher zurückkommen, denn nach Einbruch der Dunkelheit dürfen von unserem Flughafen aus keine Maschinen mehr starten.“

„Also ist das gar nicht seine Privatinsel?“ Das hatte Anton aber behauptet!

Kostas zog eine Grimasse. „Anton wurde hier geboren, genau wie sein Vater vor ihm und viele vorherige Pallis-Generationen. Anton hat den Flughafen gebaut, das Krankenhaus und die neue Schule. Er kümmert sich darum, dass jeder, der auf der Insel lebt, eine Arbeit hat. Denen, die nicht hier bleiben wollen, hilft er, anderswo Arbeit zu finden.“

Stolz klang aus Kostas’ Stimme, als er die positiven Eigenschaften seines Arbeitgebers aufzählte – Stolz und Zuneigung. Dies stachelte Zoe nur an, ihre Zweifel an Anton Pallis’ Motiven beizubehalten. Scheinbar hielt ihn jeder hier für einen Heiligen. Nun, der Teufel weiß eben, wie er am besten an seine Seelen herankommt, nicht wahr? Erst schmeichelt er sich ein, bietet alle möglichen Vergünstigungen … und dann fordert er seine Bezahlung. Sie allerdings war fest entschlossen, ihre Seele nicht herzugeben.

Sie verabscheute Anton. In gewisser Weise war es sogar erstaunlich anregend, ihn zu hassen. Dieses wirre Gefühl verstörte sie und ließ sie angespannt zurück. Sie musste sich praktisch ständig beherrschen, um sich nicht anmerken zu lassen, was in ihrem Innern wirklich vorging.

Sie waren die ganze Zeit unter Bäumen hergefahren, jetzt lichtete sich der Wald langsam. Vor ihnen lagen saftige grüne Wiesen, und die letzten Sonnenstrahlen fielen auf Obst- und Olivenhaine. Das Wasser kam immer näher, die staubige Straße lief auf eine T-Kreuzung zu. Während der erste Wagen nach links abbog, fuhren sie nach rechts. Für ein Stück wand sich die Straße landeinwärts, sie fuhren um eine Landzunge herum, und dann änderte sich alles urplötzlich – es war wie im Paradies, eingebettet im Halbrund einer Bucht. Pinien wuchsen bis ans Ufer, Zoe konnte glitzernden weißen Sandstrand sehen, bevor der Wagen einen weiteren großen Bogen fuhr und ihr Blick auf die versprochenen großen Tore fiel.

Jetzt kam die hinreißendste Villa in Sicht, die Zoe je gesehen hatte. Weiß getüncht mit blauen Fensterläden und einem mit Tonziegeln gedeckten Dach, schmiegte sich das Haus perfekt in die leicht hügelige Landschaft.

Begeistert sah sie sich um. Nichts wirkte protzig, nur die hohen Bäume bildeten einen majestätischen Hintergrund für die sonnenüberfluteten Rasenflächen und das Haus.

Der Wagen hielt vor einer großen blauen Haustür. Zoe machte sich daran, den Sicherheitsgurt vom Autositz zu lösen, als Toby aufwachte – fast so, als hätte er gemerkt, dass die lange Reise endlich zu Ende war. Aus dem engelsgleich schlafenden Baby wurde ohne Übergang ein lautstark nach Aufmerksamkeit verlangendes kleines Bündel. Zoe gab ihre Bemühungen mit dem Gurt auf und befreite Toby direkt aus seinem Sitz, hob ihn auf den Arm und stieg aus.

Kostas stand bereits auf der schattigen Terrasse und wurde von einer kleinen Frau mit einem runden Gesicht und warmen braunen Augen umarmt.

„Das ist Anthea, Antons Haushälterin – und meine Mutter.“ Kostas übernahm die Vorstellung mit der brummelnden Stimme des harten Kerls, der bei seiner angebeteten Mutter weich wurde. „Und das sind thespinis Kanellis und ihr Bruder Toby.“

Anthea starrte Zoe fasziniert an. „Was für wunderschönes Haar Sie haben.“ Sie seufzte. „Es ist ja golden wie die Sonne.“

Zoe schämte sich angesichts des Kompliments und wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. So war sie froh, dass Toby sich in den Vordergrund drängte mit dem Beweis, wie kräftig seine Lungen waren. Anthea winkte sie alle hastig ins Haus und führte Zoe und Toby die Treppe hinauf in die obere Etage.

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