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JULIA EXTRA, BAND 342

MYRNA MACKENZIE

Ein Playboy für Alex

Nie wieder kann Alex einem Mann vertrauen! Und schon gar nicht einem Playboy wie Wyatt McKendrick. Doch der Hotelbesitzer hat irgendetwas an sich, das sie unwiderstehlich anzieht …

SHIRLEY JUMP

Heiße Affäre in Las Vegas

Glück im Spiel – Pech in der Liebe: Molly müsste eigentlich als reiche Frau von ihrem Las-Vegas-Trip zurückkehren! Aber mitten im schillernden Lichterglanz trifft sie Linc – und alles wird anders …

JACKIE BRAUN

Heirate niemals einen Fremden

Auch wenn die Hochzeitsnacht fantastisch war, am Morgen danach weiß Serena: Sie kann auf keinen Fall bei Jonas bleiben. Denn den Mann, neben dem sie aufwacht, kennt sie erst seit gestern …

MELISSA MCCLONE

Lass es diesmal Liebe sein!

Tristan wird Jayne seine Gefühle offenbaren! Schon lange liebt er sie – seit sie fast seinen Freund geheiratet hat. Aber Tristan ist so anders als ihr Exverlobter ... Hat er überhaupt eine Chance?

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Alexandra Lowells Blog, Frauenwochenende in Las Vegas:

Unser Trip nach Las Vegas ist zwar reichlich spontan (eine Idee meiner Freundin Serena, nachdem unsere Freundin Jayne vor dem Altar stehen gelassen wurde), wird aber unter Garantie nicht nur Jayne guttun.

Wir alle – Molly, Serena, Jayne und ich – können nämlich dringend eine Auszeit gebrauchen, und Las Vegas ist dafür einfach ideal. Davon bin ich felsenfest überzeugt, auch wenn ich noch nie dort war. Las Vegas ist der einzige Ort auf der Welt, an dem die Menschen keine Vergangenheit und keine Zukunft haben. Wie cool ist das denn?

Übernachten werden wir in einem First-Class-Hotel: McKendrick’s. Auf der Website sieht es einfach fantastisch aus. Luxus pur – genau die Sorte Hotel, in der eine Frau sich verwöhnen lassen und ihre Sorgen vergessen kann.

Und da ich in letzter Zeit weiß Gott genug Sorgen hatte, kann ich das Wochenende kaum erwarten. Nur meine drei besten Freundinnen und ich – ein Haufen Frauen, die einfach nur einen hemmungslosen Verwöhnurlaub wollen – ohne Männer, die unser Leben verkomplizieren. Was könnte es Schöneres geben? Ich wiederhole: OHNE MÄNNER, DIE UNSER LEBEN VERKOMPLIZIEREN!!

Schaut mal wieder rein, um euch über mein wildes Wochenende auf dem Laufenden zu halten. (Ich kann euch allerdings versichern, dass nichts, was ich dort so treiben werde, mit Männern oder auch nur im Entferntesten mit so etwas Verrücktem wie Liebe zu tun haben wird! Kommt überhaupt nicht infrage!)

Ausschnitt aus Alexandra Lowells Profil:

Heimatstadt: San Diego, Kalifornien (wohin ich sofort nach dem Las-Vegas-Trip zurückkehren werde!)

Familienstand: Ewiger Single. (Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass es im echten Leben keine Prinzen gibt. Wirklich!)

Interessen: Meine Freundinnen und meine Website – und ganz bestimmt nicht Wyatt McKendrick, mein neuer Chef.

Lieblingszitate: „Handle immer in dem Bewusstsein, dass alles, was du tust, Früchte trägt.“ (William James) „Wenn man alle Regeln befolgt, verpasst man den ganzen Spaß.“ (Katharine Hepburn)

Eigenheiten: Ich mag witzige, ausgefallene Ohrringe. Meistens erledige ich zehn Sachen auf einmal und liebe das Gefühl, das Leben anderer Menschen zum Positiven zu verändern. Ehrlich gesagt habe ich manchmal das klitzekleine Problem, etwas ZU hilfsbereit zu sein. Vor allem bei Typen. Ich helfe ihnen, verliebe mich in sie, sie sind dankbar und verschwinden.

Arbeitgeber: Zu Hause im sonnigen San Diego arbeite ich an der Rezeption eines Hotels. Außerdem habe ich eine Touristenwebsite über San Diego. Seit Kurzem gibt es da allerdings eine kleine (wenn auch nur vorübergehende) Planänderung: Mein Wochenende in Las Vegas war nämlich ziemlich aufregend, und ich werde demnächst (wie gesagt, nur vorübergehend) für Wyatt McKendrick arbeiten, den Eigentümer des exklusiven McKendrick’s Hotels.

Wyatt ist groß gewachsen, sieht fantastisch aus, ist dunkelhaarig, geheimnisvoll, total unnahbar, und schon allein seine bloße Gegenwart bringt mich um den Verstand. Gott sei Dank werde ich Las Vegas schon bald wieder verlassen. (Wirklich, ich bin hier nur vorübergehend!)

EPILOG

Ehrfürchtig ließ Alexandra Lowell den Blick über die strahlend weiße Fassade des McKendrick’s in Las Vegas gleiten, des exklusivsten Hotels, das sie vermutlich je betreten würde.

Hoffentlich war dieses Wochenende nicht ein gewaltiger Fehler. Ihr Bankkonto schluchzte nämlich geradezu angesichts dieser extravaganten Ausgabe, aber da ihre Freundin Jayne gerade eine schwere Zeit durchmachte, brauchte sie dringend Ablenkung. Alex verdrängte also den Gedanken an ihr armes Bankkonto. Zumindest vorläufig.

Aufmunternd lächelte sie ihren drei Freundinnen zu. „Der Countdown läuft: In nur wenigen Sekunden wird für uns ein absolut unglaubliches Wochenende in einem Paralleluniversum beginnen“, sagte sie.

Serena kicherte. „Paralleluniversum? Das hier ist Las Vegas und kein fremder Planet.“

Alex lächelte. „Ach komm schon, Serena! Du hast meine Wohnung doch gesehen. Ich bin natürlich heilfroh, endlich ein eigenes Zuhause zu haben, aber sie ist der reinste Schuhkarton. Das hier hingegen …“

„… ist ein Paralleluniversum“, stimmte Molly lachend zu.

„Okay, du hast ja recht“, sagte Serena. „Dieses Hotel ist absolut atemberaubend. Die vielen schicken Menschen und dieser unglaubliche Luxus …“

„Und das ein ganzes Wochenende lang“, warf Jayne ein. „Wir werden jede Menge Spaß haben, oder?“

Doch trotz Jaynes enthusiastischem Tonfall wusste Alex, dass sie sich nur ihren Freundinnen zuliebe zusammenriss. Jayne hatte an diesem Wochenende eigentlich heiraten wollen, woraus nun leider nichts mehr wurde. Und da es zu Alex’ Grundsätzen gehörte, dass gute Freundinnen einander bei Liebeskummer beizustehen hatten, war sie zu allem entschlossen, um Jayne aufzuheitern.

„Und ob!“, stimmte sie Jayne zu. „Das war wirklich eine klasse Idee von dir, Serena.“

„Auf dass wir in den nächsten zwei Tagen viele unaussprechliche, wilde Dinge erleben!“, rief Molly.

„Jawohl!“, bekräftigte Jayne. „Wir haben uns ein wildes Wochenende nämlich redlich verdient. Zumindest für zwei Tage will ich San Diego und seine sämtlichen Einwohner endlich mal vergessen.“

Ein guter Rat, dachte Alex unwillkürlich. Jayne war nämlich nicht die Einzige, die gerade mit Problemen zu kämpfen hatte.

„An diesem Wochenende gibt es nur uns vier“, sagte Molly. „Wir werden hier mal so richtig die Sau rauslassen.“

„Und zwar ohne Reue“, ergänzte Serena. „Wenn wir uns später an diese Zeit zurückerinnern, will ich ein breites Lächeln auf euren Gesichtern sehen.“

„Okay, abgemacht“, verkündete Alex. „Wenn wir hier abreisen, dann nehmen wir als Souvenir ein gigantisches Glücksgefühl mit!“

Die vier Freundinnen lächelten einander erwartungsvoll zu und marschierten ins Hotel, ihrem Schicksal entgegen.

1. KAPITEL

Am Samstagnachmittag ging Alex müde, aber glücklich von Wellness, Shopping, Essen und Partymachen zum Tresen der Concierge, um eine Speisekarte für das Dachrestaurant Sparkle zu besorgen. Schon morgen würden sie und ihre Freundinnen Las Vegas wieder verlassen. Ob sie wohl jemals zurückkehren würden?

Als sie jedoch vor dem Tresen stand, sah sie auf den ersten Blick, dass irgendetwas nicht stimmte.

Der Concierge schien das Lächeln nämlich sehr schwerzufallen. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie mit dünner Stimme.

Alex zögerte. Das Lächeln der Frau war so offensichtlich gezwungen, dass sie sie am liebsten gefragt hätte, ob alles in Ordnung war. Doch leider hatte man sie schon öfter gebeten, sich gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Oder noch unhöflicher reagiert.

Rasch schob sie die unangenehmen Erinnerungen an die Folgen ihrer zahlreichen Grenzüberschreitungen beiseite. Sich von der Vergangenheit lähmen zu lassen, half ihr jetzt nämlich auch nicht weiter. Die Frau sah eindeutig unwohl aus und …

„Entschuldigen Sie bitte“, platzte Alex heraus. „Ich will ja nicht aufdringlich sein, aber ich habe das Gefühl, dass es Ihnen nicht gut geht. Kann ich etwas für Sie tun? Jemanden anrufen vielleicht?“

Die Frau sah sie erschrocken an. „Nein, nein! Sie sind doch unser Gast! Ich meine … es geht mir gut, wirklich. Ich bin nur etwas müde.“

Alex bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Jetzt hatte sie die Frau in Verlegenheit gebracht. Warum musste sie auch immer so aufdringlich sein? Ihre ausgeprägte Hilfsbereitschaft hatte ihr weiß Gott schon genug Probleme eingebracht. Ihre letzte gescheiterte Beziehung war der beste Beweis dafür.

Okay, lass es gut sein. Entschuldige dich einfach, und mach, dass du hier wegkommst. Und hör gefälligst auf, über deine Vergangenheit zu grübeln!

Das erschrockene Aufstöhnen der Concierge riss Alex aus ihren Gedanken. Als sie den Blick an der Frau hinabgleiten ließ, wurde ihr bewusst, dass sie bisher etwas Wesentliches übersehen hatte: Sie war hochschwanger. Okay, das hier war anscheinend wirklich ein Notfall. Zum Zögern war jetzt keine Zeit.

„Vergessen Sie einfach, dass ich Ihr Gast bin“, sagte sie rasch. „Wen soll ich für Sie anrufen?“

„Ich … ich weiß nicht. Ich …“ Die Concierge blickte auf ihren Bauch. „Eigentlich ist es ja noch gar nicht so weit. Das Baby ist erst in vier Wochen fällig und … ich bin absolut unvorbereitet. Ich brauche jemanden, der auf meinen Sohn aufpasst, und ich habe meinem Chef Wyatt versprochen, rechtzeitig eine Vertretung zu organisieren. Das passt mir überhaupt nicht.“

„Wyatt hat bestimmt Verständnis für Ihre Situation“, sagte Alex beschwichtigend, doch die Frau sah sie an, als habe sie den Verstand verloren.

„Wyatt ist ein Kontrollfreak!“, wandte sie ein. „Er hasst es, wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant.“

Na, dann wäre er bei ihr ja an der Richtigen! Rasch verdrängte Alex diesen Gedanken wieder. Wer auch immer dieser Wyatt war – sie hatte jetzt andere Sorgen. „Haben Sie Schmerzen?“

„Nein. Ja. Ich weiß nicht. Es fühlt sich irgendwie merkwürdig an. Anders als das letzte Mal jedenfalls. Irgendwie scheint es schneller zu gehen. Aber ich muss noch eine Stunde durchhalten. Lois, die sonst immer die Nachtschicht übernimmt, kommt erst morgen aus dem Urlaub zurück, und so kurzfristig findet Wyatt bestimmt keinen Ersatz für mich. Ich kann jetzt unmöglich los.“ Wieder stöhnte sie vor Schmerzen.

Alex versuchte, ihre Panik zu unterdrücken. „Machen Sie sich keine Sorgen … Belinda“, sagte sie, nachdem sie einen Blick auf das Namensschild der Frau geworfen hatte. „Ich weiß, wie man sich in einem solchen Notfall verhält. Wollen Sie sich nicht lieber setzen? Meinetwegen brauchen Sie nicht stehen zu bleiben.“

Die Frau riss die Augen auf. „Ich … kann mich nicht hinsetzen. Der Stuhl wird sonst nass. Das Fruchtwasser …“

„Machen Sie sich um den Stuhl mal keine Sorgen“, unterbrach Alex sie und ging um den Tresen herum. „Sie müssen unbedingt die Füße hochlegen.“

Die Frau setzte sich gehorsam und wurde plötzlich ganz blass.

„Haben Sie die Telefonnummer Ihres Arztes dabei?“

„In meinem Portemonnaie. Es ist in der Handtasche in der Schublade.“

Nur wenige Sekunden später wählte Alex die Nummer des Arztes, schilderte der Sprechstundenhilfe die Situation und wartete auf ärztliche Anweisungen. Nachdem sie wieder aufgelegt hatte, winkte sie den jungen Mann vom Empfang zu sich herüber und bat ihn, den Chef zu holen.

„Ihr Vorgesetzter muss dringend einen Ersatz für Belinda organisieren. Sie muss jetzt sofort ins Krankenhaus.“

Nach einem verunsicherten Blick auf Belindas schmerzverzerrtes Gesicht eilte der junge Mann davon.

„Sie haben ja keine Ahnung, wie wichtig die nächsten Wochen für Wyatt sind“, sagte Belinda mit gepresster Stimme. „Die Entscheidung für den National Travel Award, eine wichtige Auszeichnung für das Hotel, steht an. Wenn die Kritiker eintreffen, muss der Betrieb reibungslos funktionieren.“

„Wyatt wird schon Verständnis haben“, wiederholte Alex, auch wenn sie sich da nicht so sicher war.

Plötzlich stieß Belinda einen unterdrückten Schrei aus. „Atmen Sie tief durch“, empfahl Alex ihr mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Vergessen Sie das Hotel mal für eine Weile.“

Belinda gehorchte. Alex kniete sich neben sie, hielt ihr die Hand und half ihr durch die Wehe hindurch.

Kurz darauf näherte sich eine teuer gekleidete Frau dem Tresen. „Wo finde ich das Bistro Lizette?“

Da Belinda sich gerade vor Schmerz krümmte, nahm Alex kurzerhand einen Grundriss vom Tresen und warf einen Blick darauf. „Im zweiten Stock im Westflügel“, sagte sie freundlich. „Ich war schon dort. Es wird Ihnen gefallen.“ Dankbar ging die Frau davon.

In der Ferne hörte man bereits die Sirene des Krankenwagens. Was ihre Freundinnen wohl sagen würden, wenn sie wüssten, was los war?

Als Alex gerade einem weiteren Gast den Weg zeigte, sah sie den jungen Mann vom Empfang auf sich zukommen. Er sah sehr besorgt aus.

„Wyatt ist schon unterwegs“, sagte er und beobachtete, wie Alex die Concierge durch eine weitere Wehe begleitete. „Nichts für ungut, aber sollten Sie nicht lieber irgendwo hingehen, wo Sie niemand sehen kann? Dieses Hotel ist Wyatts Augapfel.“

„Überlassen Sie Ihren Chef ruhig mir“, antwortete Alex resolut. „Belinda hat gerade große Schmerzen. Wir rühren uns nicht vom Fleck, bis der Krankenwagen kommt.“

Dieser Wyatt kam doch wohl hoffentlich nicht auf die Idee, Belinda das ungünstige Timing der Geburt ihres Babys vorzuwerfen.

Und hoffentlich handelte es sich bei ihm nicht um den toll aussehenden einschüchternden Mann im Anzug, der gerade die Lobby betreten hatte und direkt auf sie zusteuerte.

Als Wyatt sich dem Tresen der Concierge näherte, legten zwei Sanitäter die hochschwangere Belinda gerade auf eine Trage. Eine schlanke Frau mit langem dunklem Haar lächelte ihr aufmunternd zu und drehte sich dann zu einem Hilfe suchenden männlichen Gast um.

Wyatt beobachtete, wie der Mann nickend den Grundriss nahm, den die Unbekannte ihm reichte, und sich wieder auf den Weg machte.

„Ich habe Ihren Mann angerufen und ihn gebeten, schon mal zum Krankenhaus vorzufahren“, hörte er sie mit ruhiger und klarer Stimme sagen. „Ihre Nachbarin wird so lange auf Ihren Sohn aufpassen. Machen Sie sich keine Sorgen, alles ist unter Kontrolle.“

Wyatts junger Rezeptionist Randy eilte besorgt auf ihn zu. „Wyatt, ich habe versucht, die Frau dazu zu bewegen, Belinda außer Sichtweite zu bringen“, erklärte er nervös. „Die Gäste gucken schon. Aber sie hat nur gesagt, dass sie mit Ihnen fertigwerden würde.“

Belustigt hob Wyatt eine Augenbraue. Normalerweise flößte er den Menschen so viel Respekt ein, dass sich niemand mit ihm anlegte. Interessant, sehr interessant.

Er richtete den Blick wieder auf die Brünette, die sich gerade zu einer aufgeregt herbeistürmenden Frau mit geblümter Bluse umdrehte und dabei erstaunlich souverän und gelassen wirkte.

Es wurde allmählich Zeit, einzugreifen und ihr zu helfen, aber … mal sehen, was passierte. Sollte sie Mist bauen, konnte er immer noch einschreiten.

Die Frau in der geblümten Bluse entschuldigte sich wortreich dafür, dass die Badewanne in ihrem Bad übergelaufen war, doch die dunkelhaarige Frau lächelte nur freundlich, warf Belinda einen flüchtigen Blick zu und hob den Telefonhörer ab.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte sie die Frau und notierte sich ihre Zimmernummer. „Wir werden uns unverzüglich um das Problem kümmern. Sie können sich jederzeit wieder an uns wenden, wenn so etwas noch mal passiert.“

Dankbar drückte die Frau der dunkelhaarigen Schönheit die Hand und verschwand. Wyatt korrigierte sich innerlich. Der Begriff „Schönheit“ war bei ihr nicht wirklich angemessen. Sie war nicht im klassischen Sinne hübsch, aber mit ihrer liebenswürdigen Ausstrahlung wirkte sie total anziehend auf ihn.

Vor allem ihr Mitgefühl fiel ihm auf. Als Belinda wieder aufstöhnte, war sie sofort an ihrer Seite, um sie zu beruhigen.

Belindas Zustand bereitete Wyatt zunehmend Sorgen. Sie sah sehr blass aus und hatte offensichtlich große Schmerzen. Es wurde höchste Zeit, ihr zu helfen.

„Rufen Sie Jenna an“, sagte er zu Randy. „Sie soll sich umhören, ob jemand von den anderen Kollegen bereit wäre, seine Pause zu opfern, um hier kurzfristig einzuspringen. Ich werde das natürlich großzügig bezahlen.“

Er ging direkt auf Belinda zu und nahm ihre Hand.

„Es tut mir schrecklich leid“, sagte sie.

„Was denn? Dass Sie ein Kind bekommen?“, antwortete er. „Das ist doch eine tolle Sache.“

„Aber ich habe noch keine Vertretung …“ Belinda verzog schmerzverzerrt das Gesicht und stöhnte auf.

Wyatt zuckte bei diesem Anblick unwillkürlich zusammen. „Geht es ihr gut?“, fragte er einen der Sanitäter besorgt.

„Sie bekommt ein Baby, Mann“, antwortete der Mann. „Alles bestens. Die Schmerzen sind ganz normal.“

„Vergessen Sie das Hotel“, versuchte Wyatt Belinda zu beruhigen. „Das ist eine Anordnung. Außerdem habe ich heute Morgen schon selbst eine Vertretung für Sie gefunden.“

Belinda lächelte mühsam. „Wirklich? Na Gott sei Dank!“ Sie drehte den Kopf zu der dunkelhaarigen Frau. „Vielen, vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagte sie dankbar.

„Keine Ursache“, antwortete die Frau. „Es macht mir immer großen Spaß, anderen zu helfen.“

Nachdem die Sanitäter Belinda weggetragen hatten, machte sich die Unbekannte auf den Weg zu den Fahrstühlen, doch Wyatt holte sie nach wenigen großen Schritten ein. „Entschuldigen Sie bitte, aber wer um alles in der Welt sind Sie eigentlich?“

Die Frau blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Ihr direkter Blick aus himmelblauen Augen traf ihn bis ins Mark. Wie konnte ein Mensch nur so blaue Augen haben?

„Niemand“, antwortete sie. „Ich war nur zufällig in der Lobby, als Belindas Wehen einsetzten. Ich habe nichts Besonderes getan.“ Sie machte Anstalten zu gehen.

„Nichts Besonderes? Entschuldigen Sie bitte, aber das sehe ich etwas anders. Ich bin der Besitzer dieses Hotels, und meiner Meinung nach war das sehr wohl etwas Besonderes. Sie haben eine Frau in den Wehen, einen aufgeregten Rezeptionisten und diverse Hotelgäste beruhigt und dafür gesorgt, dass der Hotelbetrieb nahezu ungestört weiterlief. Sagen Sie mal, Miss … Niemand, machen Sie so etwas öfter?“

Aus irgendeinem Grund schienen seine Worte sie tief zu verunsichern.

„Na ja, ich helfe nicht gerade oft Frauen in den Wehen, aber sonst schon“, gestand die Frau. „Irgendwie neige ich dazu, fremden Menschen spontan zu helfen. Einmal habe ich sogar Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht und musste dann feststellen, dass der Betreffende zu einer Gruppe Amateurfilmer gehörte, die gerade einen Film drehten. Das war ganz schön peinlich.“

Sie zögerte einen Moment. „Tut mir leid, dass ich mich einfach so ungefragt in den Hotelbetrieb eingemischt habe. Hoffentlich habe ich niemandem eine falsche Auskunft gegeben. Kein Wunder, dass der Typ vom Empfang so gereizt reagiert hat.“

Sie sah auf einmal sehr verletzlich aus. Als er sie betrachtete, wurde Wyatt bewusst, dass sie wirklich eine sehr attraktive Frau war. Unwillkürlich runzelte er die Stirn. Weibliche Gäste waren für ihn nämlich tabu.

„Ich bin froh über Ihre Hilfe“, sagte er kopfschüttelnd. „Soweit ich das beurteilen kann, haben Sie sich genau richtig verhalten. Randy war übrigens ganz beeindruckt von Ihrer souveränen Art.“

Ihr Lachen klang anziehend. „Können Sie mir das schriftlich geben?“, fragte sie. „Man wirft mir nämlich öfter vor, meine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die mich nichts angehen. Na ja, ich freue mich auf jeden Fall, dass die Sache gut ausgegangen ist und ich keinen Schaden angerichtet habe. Gehen Sie ruhig wieder zu Ihren Gästen“, fügte sie lächelnd hinzu und tätschelte ihm den Arm, als müsse sie ihn beruhigen.

Wyatt fand das ziemlich irritierend. Aber warum eigentlich? Was diese Frau von ihm dachte, konnte ihm schließlich egal sein. Sonst interessierte ihn die Meinung anderer Menschen schließlich auch nicht. Außer natürlich, wenn es um den Ruf des McKendrick’s ging.

Was ihn wieder zum eigentlichen Grund seines Gesprächs mit dieser Frau hier brachte. Er befand sich nämlich gerade in einer Notlage: Sein Conciergetresen war nicht mehr besetzt und kein Ersatz in Sichtweite. Deshalb konnte er sich die Chance, die sich ihm hier spontan bot, unmöglich entgehen lassen.

„Hören Sie, Miss …“

“Lowell. Alexandra Lowell. Aber fast alle nennen mich Alex.”

Auch Männer? Na ja, egal. Wyatt räusperte sich. „Okay, Alex. Darf ich fragen, womit Sie Ihr Geld verdienen?“

Sie blinzelte überrascht. „Ich arbeite an der Rezeption einer Hotelkette und besitze eine Touristen-Website über San Diego.“

„Aha.“ Das erklärte so einiges. Zum Beispiel, warum sie das Zeug zu einer guten Concierge hatte.

Das McKendrick’s war für seinen Komfort, seine Detailversessenheit und vor allem für seinen hervorragenden Service bekannt. Dieses Hotel aufzubauen, hatte Wyatt buchstäblich das Leben gerettet, nachdem er seiner düsteren Vergangenheit endlich entkommen war. Es hatte ihn davor bewahrt, sich selbst zu zerstören. Und es war sein ganzer Lebensinhalt.

Dank der Energie, die er in den Betrieb steckte, lief das Hotel wie eine gut geölte Maschine, aber auch gut geölte Maschinen mussten regelmäßig gewartet werden. Das Fehlen einer kompetenten Concierge konnte großen Schaden anrichten, sobald sich die ersten Hotelgäste darüber im Internet beschwerten. Belindas plötzliche Abwesenheit hinterließ eine Lücke im Service, die dringend geschlossen werden musste.

Diese Alex hier schien einen guten Draht zu den Gästen zu haben. Außerdem kannte sie sich durch ihren Job und die Website bereits mit Touristen aus, wenn auch in einer anderen Stadt. Wyatts Instinkt sagte ihm, dass sie die ideale Lösung für sein Problem war.

Auf der anderen Seite kannte er sie überhaupt nicht. Und ihr Geständnis, an einer Art Helfersyndrom zu leiden, deutete darauf hin, dass sie ein sehr emotionaler Mensch war. Seiner Erfahrung nach machten emotionale Menschen jede Menge Probleme. Und dann war da noch dieser verletzliche Ausdruck in ihren schönen Augen …

Außerdem war sie eindeutig zu attraktiv für seinen Geschmack.

„Wenn Sie eine Website haben, kennen Sie sich doch bestimmt gut mit Internetrecherche aus, oder?“, fragte er.

„Allerdings“, sagte sie. „Das Internet ist meine große Schwäche. Die Website des McKendrick’s finde ich übrigens ganz große Klasse! Diese virtuelle Rundreise durch die Restaurants und Klubs … allerdings habe ich eine Eiskarte für den Kiosk am Pool vermisst und …“

Sie stockte. „Bitte vergessen Sie, was ich gerade gesagt habe“, fügte sie verlegen hinzu. „Wahrscheinlich finden Sie mich jetzt total aufdringlich.“

Komm schon, McKendrick! Die Frau hat verdammt gute Ideen. Sie ist offensichtlich Gold wert. Biete ihr zumindest ein Vorstellungsgespräch an.

Wyatt hatte im Laufe seines Lebens viele Fehler gemacht, aber er hatte ein untrügliches Gespür dafür, was gut für das Hotel war. Seinem Instinkt zu folgen, hatte ihm ein Vermögen eingebracht.

Auch Randy hatte er damals aus dem Bauch heraus eingestellt und es nie bereut. Außerdem hatte er keine Zeit mehr für Vorstellungsgespräche, schon gar nicht mit Bewerberinnen, die völlig ungeeignet für den Job waren. Und wer weiß, wie lange diese Alex noch hier war. Immerhin waren sie im schnelllebigen Las Vegas. Wer einem heute über den Weg lief, konnte morgen schon wieder weg sein.

„Hätten Sie vielleicht eine Minute Zeit für ein Gespräch in meinem Büro?“, fragte Wyatt spontan.

Erschrocken sah sie ihn an. „Meine Freundinnen warten schon auf mich.“

„Es dauert nur ein paar Minuten.“

Nach kurzem Zögern nickte sie schließlich. „Na schön, ein paar Minuten sind vermutlich drin.“

Da irrt sie sich aber gewaltig, dachte Wyatt. In ein paar Minuten konnte eine Menge passieren. In diesem Fall allerdings hoffentlich etwas Positives.

2. KAPITEL

Als Alex auf dem Weg zu seinem Büro telefonierte, beobachtete Wyatt sie verstohlen. Sie war groß gewachsen, schlank und wirkte ziemlich nervös.

„Richten Sie Ihren Freundinnen meine Entschuldigung dafür aus, Sie ihnen weggenommen zu haben“, sagte er.

„Ich wollte ihnen nur mitteilen, wo ich stecke“, erklärte Alex, nachdem sie wieder aufgelegt hatte. „Sie haben mich schon vor Minuten zurückerwartet. Aber da ich schon einmal hier bin … würden Sie mir vielleicht dabei helfen, eine Glückwunschkarte an Belinda zu schicken? Eine Geburt ist ein großes Ereignis im Leben einer Frau.“

„Haben Sie selbst Kinder?“

„Nein, ich bin nicht verheiratet.“

Wyatt hörte innerlich die Alarmglocken schrillen. Gleichzeitig empfand er so etwas wie Erleichterung – zweifellos ein Reflex darauf, dass diese schöne junge Frau noch nicht unter der Haube war.

Allerdings ließ er grundsätzlich die Finger von Frauen, die Kinder wollten. Männer wie er waren für die ewige Liebe einfach nicht geschaffen, und deshalb pflanzte er sich auch nicht fort. So einfach war das.

Aber in ihrem Fall spielte das sowieso keine Rolle. Wenn sie seinen Vorschlag akzeptierte, war sie für ihn ohnehin tabu, und wenn sie Nein sagte, würde er sie nie wiedersehen.

Nur fünf Minuten, schärfte er sich ein, als er seine Bürotür öffnete. „Setzen Sie sich.“

Alex beäugte den Ledersessel misstrauisch.

„Gibt es ein Problem?“

„Nein, ich komme mir nur gerade wie ein kleines Kind vor, das ins Büro des Direktors gerufen wird. Irgendwie fühle ich mich ziemlich unbehaglich.“

„Sie sind ganz schön offen.“

Alex zuckte die Achseln und setzte sich. „So bin ich eben.“ Sie trug ein weißes Kleid, und Wyatt konnte nicht umhin zu bemerken, dass sie sehr hübsche Beine hatte. Warum fiel ihm das überhaupt auf? Irritiert runzelte er die Stirn.

„Viele Menschen finden meine Ehrlichkeit verstörend.“

Wyatt schüttelte den Kopf. „Keine Sorge, Ehrlichkeit ist das …“ Was ich von meinen Angestellten als Erstes erwarte, hatte er eigentlich sagen wollen. Aber lieber nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Mit den Regeln für die Angestellten zu beginnen, war unter Garantie der falsche Einstieg. „Ich werde mich kurzfassen, Alex. Sie haben doch bestimmt bemerkt, wie besorgt Belinda wegen ihrer nicht vorhandenen Vertretung war.“

Alex sah ihn verwirrt an. „Ja, habe ich.“

„Sie nimmt ihre Arbeit sehr ernst, und sie ist ausgezeichnet in ihrem Job.“

„Kann ich mir vorstellen. Gute Concierges sind schwer zu finden.“

„Stimmt. Man braucht unbedingt jemanden, der mitdenkt.“

„Natürlich.“

„Jemanden, bei dem die Gäste sich wohlfühlen, und der ihnen das Gefühl gibt, ihre Belange ernst zu nehmen, ob sie nun Eintrittskarten für eine Vorstellung brauchen oder Probleme mit der Wasserleitung haben.“

Alex blinzelte überrascht.

„Natürlich sollte eine Concierge sich auch gut in der Stadt auskennen, in der sie arbeitet, aber das ließe sich nachholen“, fuhr er fort.

Verwirrt runzelte Alex die Stirn. „Warum erzählen Sie mir das eigentlich?“

„Ich brauche dringend eine Ersatz-Concierge.“

„Sie haben Belinda doch gesagt, dass Sie schon jemanden gefunden haben.“

„Das war eine Lüge. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht. Im Augenblick muss sie sich auf sich selbst und ihre Familie konzentrieren.“

Das hübsche Lächeln, das sich über Alex’ außergewöhnliches Gesicht breitete, machte sie für ihn noch faszinierender. „Sie sind ja doch nicht so schlimm, wie Randy gesagt hat.“

Wyatt hob eine Augenbraue.

Alex errötete schuldbewusst. „Vergessen Sie, was ich gerade gesagt habe“, sagte sie verlegen.

„Schon erledigt. Randy ist übrigens sehr gut in seinem Job.“

„Und darauf legen Sie als Besitzer dieses … Hotelpalastes wohl großen Wert?“

„Unbedingt. Ich stelle grundsätzlich nur die Besten ein.“

Alex wirkte auf einmal erheblich entspannter. „Gut zu wissen. Für einen Moment dachte ich nämlich schon, Sie wollten mir den Job anbieten.“

„Das will ich auch. Ich brauche eine Vertretung für Belinda“, platzte Wyatt zu seiner eigenen Überraschung heraus. Er stand zwar unter Druck, aber eigentlich hatte er behutsamer vorgehen wollen. Sie ein bisschen aushorchen. Aber das konnte er auch später noch nachholen.

„Ist das Ihr Ernst? Ich habe noch nie als Concierge gearbeitet.“

„Und das McKendrick’s ist mein erstes Hotel. Manche Menschen sind eben Naturtalente.“

„Sie wissen doch gar nichts über mich.“

„Ich weiß genug. Und den Rest werde ich schon noch herausfinden.“

„Ich könnte mich als total unfähig herausstellen.“

„Das glaube ich kaum.“

„Oder als Verbrecherin.“

Wyatt schüttelte den Kopf.

Irritiert musterte sie ihn. „Ich könnte zum Beispiel auch in San Diego leben.“ Ihr herausfordernder Blick unter den sehr langen Wimpern sagte: „Na, was sagen Sie jetzt?

Wyatt lächelte schwach. „Das haben Sie schon erwähnt. San Diego ist eine sehr schöne Stadt.“

„Ich weiß. Daher lebe ich sehr gern dort.“

„Und wollen vermutlich nicht umziehen.“

„Natürlich nicht. Ich habe dort berufliche Pläne. Zusätzlich zu meiner Website ‚San Diego Your Way‘ möchte ich einen Laden mit demselben Namen aufmachen. Ihr Angebot ist natürlich sehr schmeichelhaft, zumal Sie noch nicht einmal meine Zeugnisse gesehen haben, aber ich kann beim besten Willen nicht hierhin ziehen.“

Okay, das Gespräch gestaltete sich unerwartet schwierig. Doch seit seiner schrecklichen Kindheit war Wyatt an Schwierigkeiten gewöhnt und ließ sich daher nicht so schnell entmutigen.

„Könnte ich Sie vielleicht dazu überreden, nur für ein paar Monate umzuziehen?“

Alex schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber das geht nicht. Ich habe einen Job in San Diego.“

„Am Empfang eines Kettenhotels, wie ich verstanden habe. Dann haben Sie also bereits das nötige Kapital für die Eröffnung Ihres Ladens zusammen?“

Wyatt verstand allerdings nicht, warum ihr Widerstand ihm so zu schaffen machte. Er kannte sie doch erst seit einer Viertelstunde. Na ja, der Grund war vermutlich das McKendrick’s. Es zu einem Top-Fünfsternehotel zu machen, war sein einziger Lebenszweck, weshalb er alles, was ihm dabei im Weg stand, persönlich nahm. Nur das konnte der Grund für seine unerklärliche Niedergeschlagenheit sein. Oder?

Alex senkte den Kopf und wich Wyatts Blick zum ersten Mal im Verlauf des Gesprächs aus. „Also, ehrlich gesagt nein. Das Leben in Kalifornien ist ganz schön teuer. Aber ich bin schon kräftig am Sparen.“

Das klang so schuldbewusst, dass Wyatt ein Lächeln unterdrückte.

Okay, sie hatte offensichtlich einen Schwachpunkt. Gut so. Er würde ihn gnadenlos ausnutzen.

„Ich biete Ihnen ein ausgezeichnetes Gehalt.“ Als Alex den Betrag hörte, hob sie ruckartig den Kopf und starrte Wyatt entgeistert an. „Außerdem verspreche ich Ihnen, dafür zu sorgen, dass Sie im Anschluss an Ihre Zeit hier einen neuen Job in San Diego haben. Kann ich Sie damit überzeugen, meine Concierge zu werden?“

Irgendwie klang der letzte Satz verkehrt. Zu anzüglich und doppeldeutig. Verdammt, hoffentlich dachte sie jetzt nicht, dass er ihr ein unmoralisches Angebot machen wollte!

Leider bestätigte Alex’ Gesichtsausdruck seinen Verdacht. Sie sah ihn an wie einen Wolf im Schafspelz. Doch dann erhob sie sich lächelnd. „Das ist wirklich sehr verlockend, kommt mir aber etwas zu plötzlich. Eigentlich wollte ich nur eine Speisekarte und nicht einen Job. Ich hänge an meiner Stadt. Ich habe Freunde dort, die ich nicht aufgeben will. All meine Hoffnungen und Träume hängen mit San Diego zusammen.“

Zu Wyatts Überraschung lief ihm bei diesen Worten gar kein Schauer über den Rücken. Erstaunlich. Eigentlich hielt er Menschen, die von Hoffnungen und Träumen sprachen, für sentimentale Narren und machte normalerweise einen großen Bogen um sie.

„Auch wenn Ihre … Träume San Diego betreffen“, antwortete er, „würde dieser Job Sie der Verwirklichung vermutlich viel näher bringen. Sie könnten hier genug Geld verdienen, um Ihren Laden zu eröffnen.“

Zu seiner Verwunderung schloss Alex die Augen und murmelte etwas vor sich hin. Es hörte sich an, als würde sie zählen. „Was machen Sie da?“, fragte er irritiert.

Sie ignorierte ihn zunächst, hörte bei sechs jedoch auf und öffnete die Augen wieder. „Was ich mache?“, antwortete sie. „Ich versuche mich davon abzuhalten, spontan Ja zu sagen.“ Sie stöhnte verzweifelt auf. „Ich brauche noch Bedenkzeit. Wenn ich die falsche Entscheidung treffe, werden wir es vielleicht beide bitter bereuen. Diese ganze Situation ist doch total verrückt. Ich wollte eigentlich nur für ein Wochenende hierherkommen! Und was ist überhaupt mit meinem Rückflugticket?“

„Ich erstatte es Ihnen.“

Sie hob die Augenbrauen. „Danke, aber das wird das eigentliche Problem nicht lösen.“

„Was für ein Problem?“

„Man sagt mir nach, dass ich mir ständig die Finger verbrenne, weil ich einfach zu spontan und hilfsbereit bin. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, das zu ändern. Und Ihr Angebot … Ich meine, sehen Sie sich doch nur mal an!“

Geduldig wartete Wyatt darauf, dass sie fortfuhr.

„Ich kann schon hören, was die anderen über mich sagen werden: Irgendein gut aussehender Hotelbesitzer bittet Alex um Hilfe, und was macht sie? Lässt sofort alles stehen und liegen. Meine Freundinnen werden glauben, dass ich den Verstand verloren habe. Ich … nein. Es wäre ein Fehler, diese Entscheidung zu überstürzen.“

Dräng sie jetzt bloß nicht, ermahnte Wyatt sich selbst. Vielleicht war es sowieso eine schwachsinnige Idee, sie einzustellen. Irgendwie klang sie, als sei sie ein schräger Vogel. Viel zu emotional.

Und Instinkt hin oder her – das war nicht das, wonach er suchte. Als Kind und Jugendlicher hatte er bitter unter Menschen leiden müssen, die sich von ihren Emotionen beherrschen ließen.

Allerdings handelte es sich hier nur um eine Aushilfstätigkeit …

„Wäre es nicht ein großer Fehler, den Job abzulehnen?“, fragte Wyatt. „Sie haben doch gesagt, dass Sie Geld brauchen.“

Gereizt sah Alex ihn an. „Kann schon sein, aber … der Job hier wäre einfach ein großer Schritt. Ich möchte lieber noch in Ruhe über alles nachdenken.“

Bevor er protestieren konnte, war sie schon an der Tür.

„Alex?“

Sie drehte sich zu ihm um.

„Denken Sie bitte nicht zu lange nach. Bitte sagen Sie Ja. Es soll sich auch für Sie lohnen.“

Plötzlich hörte er eine Frau erschrocken aufkeuchen – und zwar im Flur. Alex öffnete die Tür und gab den Blick auf drei Frauen frei, die ihn entsetzt anstarrten. Wyatt unterdrückte ein genervtes Stöhnen.

Errötend hob Alex das Kinn. „Jayne, Serena, Molly – ich möchte euch mit Wyatt McKendrick bekannt machen, meinem potenziellen neuen Vorgesetzten. Wyatt, das hier sind meine drei besten Freundinnen.“

Wyatt nickte den unverhohlen neugierigen Frauen zu. „Schön, Sie kennenzulernen. Ich habe die Hoffnung, dass Alex mich als Hotelbesitzer sehr glücklich machen wird. Ich brauche sie nämlich.“

Offensichtlich hatte er sich schon wieder falsch ausgedrückt. Dem misstrauischen Gesichtsausdruck ihrer Freundinnen nach zu urteilen, trauten sie ihm nicht über den Weg. Sie würden Alex bestimmt dazu überreden, sein Angebot abzulehnen.

Doch das stachelte seinen Ehrgeiz nur noch weiter an. Er wollte sie jetzt unbedingt. Nicht nur weil sie so souverän mit Belindas Problem umgegangen war, sondern weil sie die Chuzpe hatte, sich gegen ihn zu behaupten. Das wagten nicht viele Menschen. Eine Concierge konnte eine solche Eigenschaft gut gebrauchen.

Oder eine Frau. Wyatt runzelte wegen dieses völlig unangebrachten Gedankens die Stirn. Er ging zu Alex und flüsterte ihr einen Betrag ins Ohr, der sogar noch höher war als der zuerst vorgeschlagene. „Ich brauche Ihre Hilfe wirklich dringend“, fügte er hinzu.

„Was flüstert der denn da?“, fragte eine ihrer Freundinnen.

Anscheinend passten die drei Frauen gut auf sie auf. Gut so. Wyatt bevorzugte nämlich Angestellte mit einem erfüllten Privatleben, auch wenn er selbst keins hatte. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass sie viel besser und effizienter arbeiteten. „Wie lange brauchen Sie für Ihre Entscheidung?“

„Mein Flug geht morgen Nachmittag.“

„Dann sagen Sie mir bitte morgen früh um acht Uhr Bescheid. Und … Alexandra?“

Ihrem erstaunten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sprachen nur wenige Menschen sie mit ihrem vollen Vornamen an. „Bitte sagen Sie Ja.“

„Ich werde darüber nachdenken. Haben Sie keine Angst, dass Sie Ihr großzügiges Angebot noch bereuen könnten?“

Hm, das war gut möglich. Alex Lowell hatte eine so starke Wirkung auf ihn, dass es zum Problem werden konnte. Vielleicht würde er ja wirklich das eine oder andere Mal bereuen, sie eingestellt zu haben.

Aber wenn er es nicht tat, auch.

Alex hatte gerade das unangenehme Gefühl, in einem außer Kontrolle geratenen Zug zu sitzen, ohne zu wissen, wie man die Notbremse zieht. Als sie mit ihren Freundinnen zurück ins Hotelzimmer ging, schwirrten ihr tausend Fragen durch den Kopf. Zum Beispiel, was da eigentlich gerade passiert war.

Als Wyatt sie gebeten hatte, mit in sein Büro zu kommen, war sie davon ausgegangen, dass er sie über den Zwischenfall mit Belinda ausfragen wollte. Doch stattdessen hatte er ihr einen Job und eine fast schon obszöne Summe Geld angeboten. So weit zu den bloßen Fakten.

Das Beunruhigendste war jedoch, dass ihr Körper bei jedem seiner Blicke so reagiert hatte, als begreife sie jetzt erst – mit achtundzwanzig Jahren! – den Unterschied zwischen Mann und Frau. Oder warum manche Frauen sich wegen eines Mannes prügelten. Oder sich seinen Namen auf den Körper tätowieren ließen.

Dabei hatte er gar nichts getan, was solche Empfindungen rechtfertigte. Nein, das eigentliche Problem war sie selbst. Seine bloße Gegenwart machte sie nämlich so scharf, dass ihr die Hände zitterten. Sie hatte praktisch auf ihnen sitzen müssen, um sie ruhig zu halten.

Und das war gar nicht gut. Ihre bisherigen Beziehungen zu Männern waren nämlich eine einzige Katastrophe gewesen – angefangen damit, dass ihr Vater und ihr Stiefvater sie verlassen hatten. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie weinend und bettelnd hinter dem Auto ihres Stiefvaters hergerannt war.

Danach hatte sie sich umso mehr angestrengt, um geliebt zu werden. Leider hatte sie dabei den fatalen Hang entwickelt, sich Männer mit Problemen auszusuchen, die ihr mit schöner Regelmäßigkeit das Herz brachen, sobald sie ihnen geholfen hatte. Die letzte Erfahrung mit Michael war die schlimmste gewesen. Ein kleines Mädchen war dabei die Hauptleidtragende gewesen, und seitdem hatte Alex die Nase von Männern endgültig voll!

Ihre instinktive körperliche Reaktion auf Wyatt war daher ein echtes Warnsignal. Bloß nie mehr den gleichen Fehler machen! Das Vernünftigste wäre …

„… zurück nach San Diego zu flüchten“, murmelte sie vor sich hin.

„Was hast du gerade gesagt?“, fragte Molly.

„Dass ihr euch keine Sorgen um mich zu machen braucht“, sagte sie zu ihren Freundinnen, als sie das Hotelzimmer betraten, das sie mit Jayne teilte.

„Du kannst unmöglich hierbleiben“, sagte Jayne. „Das wäre totaler Wahnsinn, Alex.“

Alex schüttelte den Kopf. „Keine Sorge. Ich habe eine neue eiserne Regel: Das hier nur als Job zu betrachten.“ Den ich allerdings sofort abgelehnt hätte, wenn Wyatt es mir nicht so schwer gemacht hätte. „Hübsche Frisur übrigens.“

Alex, Molly und Serena hatten zusammengelegt, um Jayne einen neuen Haarschnitt zu spendieren. Sie hatte sich daraufhin das bis zur Taille reichende Haar radikal kürzen lassen – vermutlich weil ihr wankelmütiger Exverlobter ihre alte Frisur gemocht hatte.

„Danke, aber die Taktik funktioniert bei mir nicht“, sagte Jayne.

„Welche Taktik?“, fragte Alex scheinheilig.

„Uns abzulenken“, erklärte Molly. „Alex, du willst doch wohl nicht etwa allein hierbleiben? Weißt du nicht mehr, wie aufgewühlt du warst, als du Michael und seiner Tochter letzte Woche über den Weg gelaufen bist? Die Vorstellung, dich allein hier zurücklassen zu müssen, gefällt uns überhaupt nicht.“

Alex bekam einen Kloß im Hals. Molly, Serena und Jayne waren wie selbstverständlich an ihrer Seite gewesen, nachdem Michael ihr das Herz gebrochen hatte … wie immer in solchen Fällen.

„Danke, aber eure Sorge ist völlig unbegründet. Außerdem habe ich mich ja noch gar nicht entschieden.“

„Sag Nein“, bat Serena. „Das geht doch alles viel zu schnell.“

„Stimmt.“

Alex’ drei Freundinnen wechselten einen besorgten Blick. „Du wirst das Angebot annehmen, oder?“, fragte Serena.

„Vielleicht ist es verkehrt, aber als er mir diese Summe ins Ohr geflüstert hat …“

Bei der Erinnerung an Wyatts heißen Atem an ihrem Ohr blieb ihr unwillkürlich die Luft weg.

Molly schnalzte vor Alex’ Gesicht mit den Fingern. „Hör auf zu träumen, Alex!“

Sie blinzelte. „Ich habe doch nur nachgedacht!“

„Und worüber bitte schön?“, fragte Jayne.

„Über Mr McKendricks geflüstertes Angebot. Er ist übrigens ganz schön sexy“, warf Serena ein.

Der Frau konnte man einfach nichts vormachen.

„Meine Entscheidung hat überhaupt nichts mit McKendricks Sex-Appeal zu tun!“, protestierte Alex. „Nur damit, dass er mir das Dreifache meines jetzigen Gehalts angeboten hat.“

Jayne sah sie verblüfft an. „Komm, wir setzen uns erst einmal hin. Dann kannst du uns alles in Ruhe erzählen.“

„Gute Idee“, sagte Molly und nahm erwartungsvoll auf dem Bett Platz. „Schieß los.“

Alex seufzte. Die anderen hatten recht. Über die Ereignisse der letzten halben Stunde zu reden, würde ihr vielleicht dabei helfen, klarer zu sehen. Im Moment war sie noch viel zu aufgeregt dafür.

„Okay.“ Sie setzte sich im Schneidersitz aufs Bett. „Es fing damit an, dass die Concierge Wehen bekam …“

Als Alex mit dem Erzählen fertig war, sah Jayne sie eindringlich an. „Pass bloß auf! Ich mache mir große Sorgen um dein Herz. Wyatt McKendrick ist ein echter Frauentyp. Jemand wie er kann jede Menge reicher, kultivierter Frauen haben.“

Womit sie vermutlich sagen wollte, dass Alex weder reich noch kultiviert war.

„Aber er könnte dir dabei helfen, deinen Traum zu verwirklichen“, sagte Molly. „Mit dem Geld könntest du deinen Laden schon viel früher eröffnen, oder?“

„Stimmt“, räumte Alex ein. „Wenn ich diesen Job nicht annehme, werde ich vielleicht nie genug Geld zusammenkriegen. Aber es geht mir dabei nicht nur ums Geld. Mit dem Laden hätte ich endlich einen Ort, der mir gehört. An dem ich die Zügel in der Hand habe.“

Nachdem Alex’ Vater und Stiefvater fortgegangen waren, hatte ihre Mutter große Probleme gehabt, sich und ihre Tochter durchzubringen. Da sie die Miete nicht immer hatte zahlen können, waren sie immer wieder auf der Straße gelandet. Ein richtiges Zuhause hatte Alex nie kennengelernt.

Leider hatten auch ihre Beziehungen keinen Bestand gehabt. Nachdem sie Robert geholfen hatte, sein sportliches Talent zu entwickeln, hatte er sie für die Königin des Abschlussballs verlassen. Mann Nummer zwei war der schüchterne Leo gewesen, der sich mit Alex’ Hilfe in den reinsten Frauenmagneten verwandelt und sich anschließend für eine Frau entschieden hatte, die er schon sein ganzes Leben lang kannte.

Und dann Michael … Alex hatte ihm spontan bei seinen Problemen als alleinerziehender Vater geholfen und gehofft, dass sich etwas Festes daraus entwickeln würde, aber leider hatte sie sich geirrt.

„Das mag ja alles sein“, wandte Jayne ein. „Aber ich habe einfach Angst, dass du wieder in dein altes Verhaltensmuster verfällst. McKendrick soll sich für einen wichtigen Award beworben haben und … wir kennen dich doch! Du bist einfach zu gutmütig. Ehe du dich’s versiehst, wirst du diesem Typen genauso helfen wie allen anderen auch. Und wenn du Pech hast, weiß er das genauso wenig zu schätzen wie sie.“

„Glaub mir, ich habe meine Lektion inzwischen gelernt“, antwortete Alex. „Das wird mir nie wieder passieren. Jayne, ich weiß genau, was ich in der Vergangenheit falsch gemacht habe, und will inzwischen nur eines: ein Zuhause. Und zwar unabhängig von einem Mann. Ich werde mich fortan nur auf die Verwirklichung des Ladens konzentrieren. Und Wyatts Geld könnte mir dabei eine große Hilfe sein.“

„Und was wird aus deiner Website, wenn du hier bist?“, fragte Molly.

„Die kann ich von überall aus aktualisieren.“

„Du wirst vielleicht hier im Hotel wohnen müssen. Das kann man mit einem echten Zuhause nicht vergleichen. Wirst du deine Wohnung nicht schrecklich vermissen?“

„Na klar, aber ich muss ja nicht für immer auf sie verzichten.“

„Dann bleibst du also tatsächlich hier?“

Alex seufzte tief. „Keine Ahnung. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Natürlich würde ich euch alle schrecklich vermissen. Auf der anderen Seite hat es mir großen Spaß gemacht, die Concierge zu spielen. Ich fühlte mich plötzlich so … kompetent. Es war wie ein Vorgeschmack auf die Zeit in meinem eigenen Laden. Klingt das sehr verrückt?“

„Und dann kam auch noch der umwerfende Wyatt McKendrick vorbei und hat dir dieses gute Gefühl quasi auf dem Silbertablett präsentiert“, sagte Serena.

„Ganz genau. Und macht euch seinetwegen keine Sorgen. Mit ihm werde ich bestimmt kaum zu tun haben.“

„Wie fandest du ihn eigentlich?“, fragte Molly.

„Keine Ahnung“, antwortete Alex ausweichend. „Ich war doch nur ein paar Minuten mit ihm zusammen. Aber sein Hotel ist absolut klasse.“

„Und er hat wunderschöne Augen! Ich liebe bernsteinfarbene Augen“, sagte Serena.

„Quatsch, die sind doch grün“, widersprach Alex, hätte sich jedoch am liebsten auf die Zunge gebissen.

„Alex …“, warnte Jayne sie, doch Alex unterbrach sie kopfschüttelnd.

„Keine Sorge. Sollte ich mich tatsächlich für den Job entscheiden, dann bestimmt nicht wegen Wyatts hübscher Augen.“

„Wir wollen dich ja nur davon abhalten, eine übereilte Entscheidung zu treffen“, fügte Molly hinzu.

Alex verstand die Besorgnis ihrer Freundinnen nur zu gut. Alles aufzugeben, was einem vertraut ist, und sei es auch nur vorübergehend, war kein Pappenstiel. Sie seufzte erneut. „Na ja, vielleicht reise ich ja doch noch mit euch zusammen ab.“

Oder auch nicht, dachte sie.

Warum hatte sie eigentlich solche Bedenken? McKendrick hatte unter Garantie kein Interesse an ihr, und sie würde bestimmt nicht viel mit ihm zu tun haben.

Zumindest nicht außerhalb ihrer Tagträume.

3. KAPITEL

Wyatt konnte seine Ungeduld wegen Alex’ Antwort kaum zügeln, was ihn selbst überraschte. Das musste mit dem großen Zeitdruck zusammenhängen. Jemanden von Belindas Format zu finden, war nämlich gar nicht so einfach, und ihre vorzeitigen Wehen waren total überraschend gekommen. Jedenfalls konnte seine Ungeduld unmöglich etwas mit Alex’ schönen blauen Augen oder dem hinreißenden Schwung ihrer Lippen zu tun haben.

Doch als er sie in der Lobby sah, machte sein Herz einen Satz. Sie trug ein leuchtend rotes Kleid, das ihre prachtvollen Beine betonte, und seine Hormone spielten augenblicklich verrückt. Zu dumm, dass sie für ihn tabu war.

Angesichts ihres angespannten Gesichtsausdrucks machte er sich innerlich bereits auf eine Absage gefasst, doch zu seiner Überraschung lächelte sie strahlend, als sie ihn sah. „Und?“, fragte sie. „Was machen wir als Erstes? Wenn ich den Job schon übernehme, dann will ich ihn auch richtig machen.“

Freudige Erregung überkam ihn. „Das schaffen Sie schon.“

„Wieso sind Sie da so sicher?“

„Hatten wir diese Diskussion nicht schon gestern?“

„Ich wollte ja nur darauf hinaus, dass Sie mich gar nicht kennen“, sagte sie. „Außerdem gehe ich ein ganz schönes Risiko ein. Immerhin gebe ich einiges für diesen Job hier auf. Wenn ich versage, stehe ich hinterher schlechter da als jetzt.“

Wyatt unterdrückte ein Lächeln. „Sie werden schon nicht versagen. Ich werde Sie persönlich einweisen.“

„Warum machen Sie den Job dann nicht gleich selbst?“

Er hob eine Augenbraue.

„Was ist?“

„Ich habe noch nie jemanden getroffen, der es mir so schwer gemacht hat, ihn einzustellen.“

„Ich wollte nur etwaige Missverständnisse vermeiden.“

Er sah ihr in die Augen. „Okay, dann reden wir mal Klartext. Ich mache den Anfang: Ich brauche eine Concierge und halte Sie perfekt für den Job. Und ich irre mich nur selten. So, jetzt sind Sie dran.“

Sie hielt seinem Blick stand. „Ich werde die beste Ersatz-Concierge sein, die Sie je hatten.“

„Nur die beste Ersatz-Concierge?“

Sie hob eine zierliche Schulter und ließ sie wieder fallen – eine völlig unschuldige Geste, die Wyatt jedoch sehr erotisch fand. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, Belinda ausstechen zu wollen.“

„Das wüsste sie bestimmt zu schätzen.“

„Wie geht es ihr eigentlich?“

„Sie hat eine Tochter namens Misty bekommen.“

„Was für ein toller Name! Die Kleine ist bestimmt süß.“ Angesichts ihres sehnsüchtigen Blicks schrillten bei Wyatt wieder sämtliche Alarmglocken. Sexy Schulterzucken hin oder her, häusliche Frauen waren ihm ein Graus.

„Startbereit?“, fragte er.

„Na klar. Da wäre nur noch eine Kleinigkeit.“

„Und zwar?“

„Heute Nachmittag reisen meine Freundinnen ab und …“

„Sie wollen sich also von ihnen verabschieden?“

Wyatt selbst hatte keine Freunde. Seiner Meinung nach gab man anderen Menschen zu viel Macht über einen, wenn man sie zu dicht an sich heranließ. Man machte sich nur verletzlich, und das wollte er nie wieder sein. Doch das Wohlergehen seiner Mitarbeiter war ihm sehr wichtig.

„Na ja, es sind meine besten Freundinnen“, sagte Alex.

„Kein Problem. Schließlich haben Sie eigentlich noch Urlaub.“

„Ich dachte, ich sollte sofort anfangen.“

„Von mir aus können Sie erst morgen loslegen. Den heutigen Tag schaffen wir auch so. Ich werde schon jemanden finden, der für Sie einspringt.“

Alex runzelte die Stirn. „Irgendwie ist mir das ziemlich unangenehm. Werden meine Kollegen mir das nicht übel nehmen?“

„Nicht, wenn ich sie extra dafür bezahle und ihnen zum Ausgleich einen Tag freigebe.“

„Ich drücke mich nur sehr ungern vor meinen Pflichten.“

Wyatt warf ihr einen jener einschüchternden Blicke zu, mit denen er seine Angestellten sonst immer zum Zittern brachte. „Sie haben heute frei“, sagte er energisch. „Ende der Diskussion!“

Doch zu seiner Überraschung wirkte Alex vollkommen unbeeindruckt. „Mir ist schon klar, dass Sie hier der Boss sind, aber …“

Wyatt musste schon wieder lächeln. Dabei war er sonst normalerweise sehr ernst. Kurz entschlossen ging er auf einen Schrank zu, zog eine Schublade auf und nahm eine Handvoll Broschüren heraus.

„Was ist das?“

„Da, Ihre Hausaufgaben. Wenn Sie schon die Schule schwänzen, können Sie sich wenigstens über die Sehenswürdigkeiten unserer Stadt erkundigen.“

Wieder strahlte sie über das ganze Gesicht. Wyatt war wie hypnotisiert von dem Anblick.

„Wird erledigt“, sagte sie. „Sonst noch etwas?“

Allerdings. Hör auf damit, so wunderschön zu lächeln, sonst kann ich für nichts mehr garantieren. Kannst du dich nicht einfach wie eine ganz normale Zeitarbeitskraft benehmen? „Ja, eine Sache wäre da noch.“

Alex wartete.

„Genießen Sie Ihren freien Tag.“

„Mach ich. Und … vielen Dank.“

„Wofür?“

So unglaublich das war, aber ihr Lächeln vertiefte sich sogar noch. „Dass Sie es mir ermöglichen, meinen Traum zu verwirklichen.“

Wyatt stöhnte innerlich auf. Warum hatte sie das nur gesagt? Er hielt nicht viel von Träumern. Schließlich war er selbst mal einer gewesen und wusste daher genau, wie verletzlich das einen machte. „Wir sehen uns morgen früh. Dann zeige ich Ihnen alles.“

Je schneller sie eingearbeitet war, desto eher würde sie eine normale Angestellte für ihn sein.

Hoffentlich.

Mit gemischten Gefühlen sah Alex ihren Freundinnen beim Packen zu. Obwohl sie alle sich vorgenommen hatten, die Zeit hier bis zur letzten Sekunde auszukosten, war die Stimmung den ganzen Tag über seltsam gedämpft gewesen. Jetzt, wo sie Abschied voneinander nehmen mussten, sah keine von ihnen besonders fröhlich aus.

„Versprichst du uns, in Kontakt zu bleiben?“, fragte Molly, als sie Alex umarmte.

„Telefonisch, per E-Mail und auch sonst auf jede erdenkliche Art“, antwortete Alex.

„Und lass dich bloß nicht von deinem sexy Chef ausbeuten“, fügte Serena hinzu.

Alle mussten lachen. Alex war nämlich bekannt dafür, bei harter Arbeit erst richtig aufzublühen.

„Ich werde bestimmt genug Pausen haben, um mich zu erholen.“

„Pass gut auf dich auf“, sagte Jayne und zögerte einen Moment. „McKendrick ist verdammt attraktiv, Alex. Das könnte gefährlich werden.“

„Ich werde mich schon nicht in ihn verlieben“, versicherte Alex ihr. „Außerdem haben mich ein paar der Kollegen bereits vor ihm gewarnt. Er sei so eine Art einsamer Wolf, der grundsätzlich nichts mit seinen Angestellten anfängt. Ich habe mir schon viel zu oft die Finger verbrannt, um mich ausgerechnet in einen so unnahbaren Typen wie Wyatt zu verlieben.“

Alex war nämlich ein für alle Mal mit dem Thema Männer durch. Liebeskummer hatte sie weiß Gott genug gehabt.

Jayne zwang sich zu einem Lächeln, als sie Alex zum Abschied umarmte. „Na gut. Aber wenn er dich schlecht behandelt, bringe ich ihn um!“

„Was soll schon passieren? Ich habe kein Interesse an ihm und er auch nicht an mir.“ Hoffentlich.

„Okay, aber falls du uns brauchst, sind wir für dich da. Egal, worum es geht!“, verkündete Serena.

„Schließlich sind wir nur ein paar Stunden entfernt“, warf Molly ein.

Kurz darauf stiegen sie alle in ein Taxi und waren verschwunden.

Erst als Alex allein war, wurde ihr die volle Tragweite ihrer Entscheidung bewusst. Ab morgen würde sie also mit Wyatt McKendrick zusammenarbeiten. Leider ließ diese Aussicht sie längst nicht so kalt, wie sie ihren Freundinnen hatte glauben machen wollen. Im Gegenteil sogar – sie fand ihn nämlich beunruhigend attraktiv. Hoffentlich hatte sie mit ihrer Entscheidung keinen Riesenfehler gemacht!

Je eher er sie einarbeitete, desto besser. Dann hatte sie den Kontakt mit ihm bestimmt schnell hinter sich.

„Okay, ich wäre dann so weit“, sagte Alex am nächsten Morgen, als sie Wyatt vor seinem Büro abfing. „Womit soll ich anfangen?“

Er hob eine Augenbraue. „Freut mich, dass Sie so unternehmungslustig sind, wo Sie sich doch erst so gegen diesen Job gesperrt haben.“

„Jetzt, wo die Entscheidung gefallen ist, kann ich es ehrlich gesagt kaum erwarten.“

„Wir fahren zuerst in der Stadt herum. Da Sie erst in einer Stunde am Tresen erwartet werden, habe ich kurzerhand beschlossen, Ihnen ein paar Läden zu zeigen, die ich meinen Gästen immer gern empfehle.“

„Zum Beispiel?“

„Herrenausstatter, Reiseführer und so weiter.“

Alex zog einen kleinen blauen Notizblock aus der Tasche. „Okay, schießen Sie los.“

Wyatts Mundwinkel zuckten belustigt, als er ihr den Notizblock aus der Hand nahm. „Auf dem Tresen liegt ein Blatt mit sämtlichen Kontaktinformationen. Ich wollte einfach nur, dass Sie die Besitzer persönlich kennenlernen. Mit einigen von ihnen arbeite ich nämlich schon zusammen, seitdem ich hier wohne.“

„Sie stammen gar nicht aus Las Vegas?“

„Nein, aus einer Kleinstadt in Illinois. Ich lebe erst seit fünf Jahren hier, aber Las Vegas liegt mir.“

Alex warf ihm einen neugierigen Blick zu. „Wow! Dann sind Sie also hier hängen geblieben, obwohl Sie weder Freunde noch Familie in Las Vegas haben? Erstaunlich. Die meisten Menschen kommen nur für ein Wochenende oder eine Woche hierher.“

„Klar, weil sie sich amüsieren wollen“, ergänzte Wyatt. „Ich hingegen wollte mir hier beruflich etwas aufbauen, Karriere machen. Las Vegas ist dafür der perfekte Ort.“

Alex warf einen Blick auf die prunkvolle hohe Decke der luxuriös eingerichteten Lobby. Der Rest des Hotels war nicht weniger beeindruckend: In einem der beiden Flügel konnte man sich verwöhnen lassen und sich entspannen, während im anderen für Amüsement und Unterhaltung gesorgt wurde.

„Haben Sie das Hotel selbst entworfen?“, fragte sie.

„Zum Großteil schon.“

„Ich finde das Konzept sehr gelungen. Meine Freundinnen haben etwas gesucht, wo wir uns gleichzeitig erholen und amüsieren können. Das McKendrick’s erfüllt diesen Zweck perfekt.“

„Danke. Aber die Arbeit daran ist noch längst nicht abgeschlossen.“

„Dann denken Sie also über Veränderungen nach?“ Alex hasste Veränderungen. Sie hatte zu oft mit ansehen müssen, wie Dinge, die sie eben noch für selbstverständlich gehalten hatte, sich plötzlich änderten und aus ihrem Leben verschwanden. Oder besser gesagt, Menschen.

„Ja. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?“

„Ich finde das Hotel vollkommen, so wie es ist.“

„Manche Menschen sehen das anders“, antwortete Wyatt. Er war sichtlich angespannt, obwohl er sich um einen lockeren Tonfall bemühte.

Alex betrachtete ihn aufmerksam. „Hat sich etwa jemand über das McKendrick’s beschwert?“, fragte sie.

Wyatt warf ihr einen belustigten Blick zu. „Das klingt ja richtig empört.“

„Hey, ich arbeite immerhin hier“, scherzte sie. „Ich bin zwar erst seit …“, sie warf einen Blick auf die Uhr, „… fünf Minuten im Job, aber ich identifiziere mich schon total mit dem Hotel.“

„Gut zu wissen“, antwortete Wyatt lächelnd, wurde dann jedoch unvermittelt ernst. „Veränderungen können auch etwas Positives sein“, fügte er hinzu. „Um den Platz an der Spitze zu erobern, muss ich mir für das McKendrick’s noch einiges einfallen lassen.“

„Stimmt es, dass Sie für den National Travel Award nominiert wurden? Belinda und meine Freundinnen haben so etwas erwähnt.“

„Ja, das ist richtig“, antwortete Wyatt und sah sie eindringlich an. „Aber die Konkurrenz ist enorm. Haben Sie also keine Scheu, mir zu sagen, wenn Ihnen etwas einfällt, was wir noch verbessern können. Nur keine falsche Rücksichtnahme.“

Alex brach in lautes Gelächter aus.

„Was ist?“, fragte Wyatt überrascht.

„Bisher hat mich noch niemand dazu ermuntert, den Mund aufzumachen. Normalerweise kann ich ihn nämlich einfach nicht halten.“

Unwillkürlich ließ Wyatt den Blick zu Alex’ Lippen wandern, was ihr sofort den Atem verschlug.

Langsam schüttelte er den Kopf. „Keine Sorge, ich bin immer für gute Ideen offen. Sie können also frei von der Leber weg reden.“

Alex war sich da nicht so sicher. Dafür hatte sie schon zu viele Menschen mit ihrer Hilfsbereitschaft verschreckt. Und diejenigen, die ihre Hilfe bereitwillig angenommen hatten, hatten sie zum größten Teil nur ausgenutzt. Ihr Problem war, dass sie einfach zu großzügig war.

Aber das betraf ihr Privatleben, nicht ihren Job.

Und Wyatt war ihr Vorgesetzter. Was auf der einen Seite zwar beruhigend war – aber in anderer Hinsicht überhaupt nicht.

Leider hatte sie keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon kurz darauf waren sie in seinem schwarzen Sportwagen unterwegs. Ihre Einarbeitung hatte begonnen.

Die Läden, die Wyatt ihr zeigte, waren durchweg exklusiv. Alle Eigentümer gaben Alex bereitwillig Auskunft über ihre Dienstleistungen und boten ihr an, jederzeit ihre Fragen zu beantworten.

Auffallend war der große Respekt, den sie Wyatt entgegenbrachten. Und ihr höflicher und distanzierter Umgangston ihm gegenüber, der jedoch eindeutig von ihm ausging. Alex war beruflich eigentlich eher einen lockeren Umgang gewohnt.

„Danke, Harold“, sagte Wyatt zu dem dritten Ladeninhaber, einem Reiseleiter. „Sie werden bestimmt bald von mir oder Alex hören.“

Der Mann nickte. „Freut mich, Sie kennengelernt zu haben, Alex“, sagte er zu ihr. „Rufen Sie mich jederzeit an, wenn Sie Fragen haben sollten.“

„Hoffentlich bereuen Sie das nicht noch“, scherzte sie. „Ich neige nämlich dazu, andere Menschen mit Fragen zu löchern.“

Der Mann lachte. „Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich freue mich schon auf Ihren Anruf. Ehrlich.“

Nachdem Alex sich von dem Mann verabschiedet hatte, fiel ihr auf, dass Wyatt sie beobachtete. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah sie missbilligend an.

Alex zwang sich jedoch zu einem Lächeln, da sie nicht die Absicht hatte, sich von ihm einschüchtern zu lassen. Außerdem war sie nur die Zeitarbeitskraft. Was konnte er ihr schon anhaben?

„Und? Wer kommt als Nächstes?“, fragte sie betont locker.

„Die letzte Station“, sagte Wyatt. „Eine Herrenboutique. Danach fahre ich Sie ins Hotel zurück, damit Sie sich an Ihren neuen Arbeitsplatz gewöhnen können.“

Kurz darauf betraten sie eine Nobelboutique. „Hallo, Beverly“, begrüßte Wyatt die Inhaberin, eine sehr attraktive Frau undefinierbaren Alters. „Das ist Alex, meine neue Concierge.“ Er drehte sich zu Alex um. „Beverly kann in Rekordzeit einen Anzug samt Hemd und Krawatte liefern“, erklärte er.

„Da hat er recht“, sagte Beverly lächelnd. „Ich ziehe es zwar vor, Männer auszuziehen, bin aber Expertin darin, sie anzuziehen.“

Alex fand den Humor der Frau sehr erfrischend. „Machen Sie das öfter?“, fragte sie belustigt.

„Männer anziehen oder ausziehen?“

„Beides“, antwortete Alex wie aus der Pistole geschossen.

Beverly lachte. „Ihre neue Concierge gefällt mir“, sagte sie zu Wyatt, ohne sich von seinem missbilligenden Gesichtsausdruck beeindrucken zu lassen. „Sie wären überrascht, wie viele Männer auf Reisen zu wenige Hemden mitnehmen, sich mit Senf bekleckern und dann sofort zur nächsten Concierge laufen. Sie und ich werden in Zukunft bestimmt öfter miteinander zu tun haben.“

„Ich werde Ihre Nummer auf meiner Schnellwahltaste abspeichern“, sagte Alex. „Am besten lerne ich sie sofort auswendig.“

„Ah, Sie sind gut! Wir werden eine Menge Spaß miteinander haben. Wyatt, nun gucken Sie doch nicht so finster! Und sorgen Sie dafür, dass die Kleine hier sich nicht in Sie verliebt. Das ist nämlich der sicherste Weg, eine gute Angestellte zu verlieren.“

Alex wurde rot. „Keine Sorge“, sagte sie. „Ich habe den Männern abgeschworen.“

Beverly schnaubte. „Schätzchen, wir alle schwören den Männern gelegentlich ab. Aber wenn jemand wie Wyatt vorbeikommt, vergessen wir das meistens ganz schnell wieder.“

Alex traute sich kaum, Wyatt anzusehen. Bisher hatte er noch keinen Ton von sich gegeben. „Werde ich mir merken“, sagte sie.

„Lassen Sie Alex in Ruhe, Beverly“, mischte Wyatt sich schließlich doch ein. „Ich habe sie nicht hergebracht, damit Sie ihr solchen Unsinn erzählen. Außerdem hat sie sowieso kein Interesse an mir.“

Beverly rümpfte die Nase. „Das sage ich bei Schokolade auch immer. Und versuchen Sie ja nicht, mich mit diesem Stirnrunzeln einzuschüchtern. Das mag bei anderen Leuten funktionieren, aber bei mir nicht.“

Wyatts Augen blitzten belustigt auf. Nachdem er und Alex sich von Beverly verabschiedet hatten, traten sie ins Sonnenlicht hinaus. „Tut mir leid wegen eben gerade“, sagte er.

„Nicht nötig. Ich mag Menschen, die sagen, was sie denken. Ich selbst lege die Karten auch immer offen auf den Tisch.“

Er nickte. „Dann war es also ernst gemeint, als Sie gesagt haben, dass Sie den Männern abgeschworen haben?“

„Allerdings. Also – keine Sorge.“

„Ich mache mir keine Sorgen. Ich frage nur deshalb, weil Sie offensichtlich schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht haben. Hier im Hotel müssen Sie ebenfalls mit Annäherungsversuchen rechnen. Aber sollten Sie sich zu sehr bedrängt fühlen, können Sie sich jederzeit an mich oder an Randy wenden.“

Alex schüttelte den Kopf. „Danke, ich kann ganz gut allein auf mich aufpassen. Außerdem haben meine Erfahrungen mit Männern nichts mit plumpen Annäherungsversuchen zu tun, sondern mit meinem eigenen Verhalten. Anscheinend schrecke ich die Männer mit meiner direkten und spontanen Art oft ab.“

„Na ja, vielleicht begegnen Sie ja eines Tages dem Richtigen.“

„Unwahrscheinlich. Außerdem bin ich zufrieden mit meinem Leben, so wie es ist. Die Suche nach einem Mann aufzugeben, kann ziemlich befreiend sein. Zumindest habe ich jetzt genug Energie, um mich auf meine Ziele konzentrieren zu können.“

„Ziele sind etwas sehr Gutes.“

„Da spricht wohl der Geschäftsmann aus Ihnen. Und? Was sind Ihre Ziele so, von dem Hotel mal abgesehen?“, platzte es aus ihr heraus. Sie wurde rot. „Vergessen Sie meine Frage“, sagte sie hastig. „Das geht mich selbstverständlich nichts an.“

Wyatt zuckte die Achseln. „Ehrlich gesagt lebe ich nur für meinen Beruf. Ich will es auf die Liste der Top-Ten-Hotels schaffen, da bleibt mir kaum Zeit für ein Privatleben. Außerdem bin ich sowieso nicht für Familie und Ehe geschaffen, aber damit will ich Sie nicht langweilen. So, und jetzt fahre ich Sie ins Hotel zurück. Bitte ruhen Sie sich noch etwas aus, bevor Sie sich hinter den Tresen stellen. Ich will, dass Sie sich bei uns wohlfühlen.“

Alex schwante allmählich, dass sie sich im McKendrick’s vermutlich nie wirklich wohlfühlen würde. Dazu waren ihr Job und Wyatt viel zu eng miteinander verknüpft. Wie sie es auch drehte und wendete – sie würde ihm nicht konsequent aus dem Weg gehen können. Eine Vorstellung, bei der sie sich genau genommen allerdings nicht wirklich unwohl fühlte, sondern … eher erregt!

Diese Erkenntnis war erschreckend. Wenn Alex den Job nicht schon angenommen hätte, hätte sie jetzt sofort ihre Freundinnen angerufen und sie angefleht, ihn ihr auszureden. Leider blieb ihr jetzt wohl nichts anderes übrig, als sich mit den Umständen abzufinden und sich gegen ihre körperlichen Reaktionen zu wehren, so gut es eben ging.

In einer Hinsicht hatte Beverly offensichtlich recht gehabt: Wyatt war tatsächlich wie Schokolade – verführerisch, aber total ungesund. Auf jeden Fall eine echte Bedrohung für ihren Vorsatz, keine Männer mehr in ihr Leben zu lassen.

4. KAPITEL

Auf dem Rückweg zum Hotel fragte Wyatt sich, was zum Teufel eigentlich gerade mit ihm passierte. Eine neue Angestellte einzuarbeiten, war eine Sache, aber ihre Gegenwart zu genießen, ging eindeutig zu weit.

Gut, dass Alex ihn mit ihrer Frage nach seinen privaten Zielen an seine Vergangenheit erinnert hatte – und an seine daraus resultierende Bindungsunfähigkeit.

Seine Mutter hatte ihn nach seiner Geburt zu ihrem Bruder abgeschoben, der mit Kindern genauso wenig hatte anfangen können wie sie und ihn unterdrückt und geschlagen hatte. Diese Erfahrungen hatten auch sein späteres Verhältnis zu Frauen geprägt. Er hatte sie so oft enttäuscht, dass er inzwischen die Finger von Beziehungen ließ.

Er musste sich daher von Alex fernhalten, so faszinierend er sie auch fand. Unter ihrer starken Fassade war sie nämlich sehr zerbrechlich. Und das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war ein notorischer Einzelgänger, der ihr früher oder später das Herz brach. Nein, Beziehungen waren einfach nichts für ihn. Oder er nichts für Beziehungen.

Gott sei Dank hatte er zum Ausgleich das Hotel. Das McKendrick’s war sein ganzer Stolz, seine einzige Daseinsberechtigung.

Inzwischen war es jetzt fast fünfzehn Jahre her, dass er seine Vergangenheit hinter sich gelassen und sich etwas aufgebaut hatte. Seine Familienmitglieder hatten sich gewaltig in ihm getäuscht: Entgegen ihren Behauptungen, dass er zu nichts gut war, hatte er es verdammt weit gebracht. Sein Hotel war der beste Beweis dafür.

Aber er war noch längst nicht am Ziel.

Zurück im Hotel hatte Alex keine Zeit mehr, über ihr Problem mit Wyatt nachzudenken. Denn kaum stand sie hinterm Tresen, kam bereits ein Mann auf sie zu und fragte sie nach einem guten Friseur.

Ganz ruhig. Sag ihm bloß nicht, dass du keine Ahnung hast. Dieses Hotel wurde gerade für einen wichtigen Award nominiert. Dieser Typ könnte ein Hotelkritiker sein, der nur so tut, als suche er einen Friseur.

Hilfe suchend sah Alex sich in der Lobby um. Hm, Randys Haarschnitt war ja ganz nett, aber nicht gerade das Passende für einen Mann in den Fünfzigern. Kurz darauf wurde sie jedoch fündig und winkte Randy zu sich heran.

Stirnrunzelnd gehorchte er. „Randy, würden Sie bitte für einen Moment auf meinen Tresen aufpassen?“

Er blinzelte überrascht. Der männliche Gast ebenfalls.

„Sie bekommen Ihre Antwort in einer Minute“, sagte Alex und strebte auf einen Kellner mit blonder Löwenmähne zu, der gerade einigen Frauen Drinks neben dem Springbrunnen servierte.

Alex wartete, bis er damit fertig war, warf einen Blick auf seine Namenskarte und sprach ihn lächelnd an: „Hi, Seth, ich bin Alex Lowell, die neue Concierge. Nur eine kurze Frage: Würden Sie mir vielleicht die Adresse Ihres Friseurs geben? Ihr Haarschnitt ist nämlich wirklich toll, und der Gast da drüben hat mich gerade nach einer guten Adresse gefragt.“

Seth bedankte sich für das Kompliment und schrieb ihr die Adresse auf.

Alex flog förmlich zum Tresen zurück. „Danke, Randy!“, rief sie ihrem Kollegen zu, bevor sie sich zu dem Gast umdrehte. „Hier“, sagte sie und gab ihm den Zettel. „Bei Gregory’s werden Sie bestimmt in guten Händen sein.“

„Vielen Dank, junge Dame.“

„War mir ein Vergnügen. Kommen Sie gern jederzeit wieder, wenn Sie Hilfe brauchen.“

Nachdem der Mann verschwunden war, schüttelte Randy missbilligend den Kopf. „Warum haben Sie nicht auf Belindas Liste geguckt? Da stehen doch sämtliche Kontaktadressen drauf.“

„Aber ich kenne die meisten Läden doch noch gar nicht.“

„Zum Glück handelte es sich nur um Frank Toliver. Er ist ein häufiger und gern gesehener Gast hier, aber er hätte genauso gut ein Kritiker sein können. Wir müssen verdammt vorsichtig sein. Außerdem orientieren sich unsere Gäste nicht unbedingt so gern am Stil eines Kellners.“

Alex erschrak. Hatte sie etwa schon in den ersten Minuten ihres neuen Jobs einen Fehler gemacht?

„Worum geht es hier eigentlich?“, hörten sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich.

Alex drehte sich nervös um, auch wenn sie ganz genau wusste, zu wem die Stimme gehörte: zu Wyatt. Oh je, vielleicht hätte sie doch lieber mit ihren Freundinnen nach San Diego zurückfliegen sollen!

Randy verstummte betreten. Anscheinend hatte er nicht vor, sie bei Wyatt anzuschwärzen. Das war ihm wirklich hoch anzurechnen.

Alex erklärte Wyatt alles. „Seth’ Haarschnitt gefiel mir eben“, erklärte sie abschließend. „Ich hatte ehrlich gesagt nicht daran gedacht, dass Mr Toliver etwas dagegen haben könnte, dieselben Läden wie unsere Angestellten aufzusuchen.“

„Unser Kellner wird Frank Toliver schon nicht in eine finstere Gasse gelockt haben“, antwortete Wyatt. „Warten wir einfach ab, was für ein Gesicht er bei seiner Rückkehr macht. Wenn alles gut geht, können wir Gregory’s vielleicht in unsere Kontaktliste aufnehmen.“

Und wenn nicht? fragte Alex sich insgeheim. „Ich werde mich in Zukunft lieber an Belindas Liste halten“, versprach sie. „Und mich mit Spontantipps zurückhalten, solange ich die Stadt nicht besser kenne.“

„Ich habe Sie angestellt, damit Sie sich um die Probleme unserer Gäste kümmern, und das haben Sie getan“, antwortete Wyatt. „Außerdem hängt unser guter Ruf nicht von der Meinung eines einzigen Gastes ab. Wenn Frank Toliver nicht zufrieden sein sollte, werde ich ihm einfach ein paar Extras spendieren.“

„Das macht doch nur zusätzliche Mühe.“

„Lassen Sie das mal meine Sorge sein.“

„Sie haben mich nicht angestellt, um das von mir angerichtete Chaos zu beseitigen. Wenn ich Ihnen wirklich von Nutzen sein soll, kann ich mir keine Fehler erlauben.“

Unwillkürlich wurde Alex bewusst, dass dieser Satz eine Version des Glaubenssatzes war, den sie als Kind und später auch als Erwachsene verinnerlicht hatte. Dass sie nur alles richtig machen musste, damit ihr Vater zurückkehrte, ihr Stiefvater sie besuchte und Robert, Leo oder Michael so beeindruckt von ihrer Selbstlosigkeit waren, dass sie ihr sofort ihre Liebe schenkten.

Doch hier ging es nicht darum, die Liebe eines Mannes zu gewinnen, sondern um einen Job. Und um den National Travel Award.

„Ein paar kleine Anfängerfehler werden schon keinen Schaden anrichten“, sagte Wyatt.

Wenn er sich da mal nicht täuschte! Alex hatte weiß Gott schon genug Mist in ihrem Leben gebaut, um an ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Als sie sich beispielsweise eingebildet hatte, dass der schüchterne Leo sich in sie verlieben würde, hätte sie dem ebenso schüchternen Mädchen, das er schon immer aus der Ferne angehimmelt hatte, fast das Herz gebrochen.

Das Schlimmste war jedoch das, was sie der kleinen Mia angetan hatte. In dem Glauben an eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Vater hatte Alex eine tiefe Bindung zu dem Mädchen aufgebaut. Die Kleine war am Boden zerstört gewesen, als die Beziehung zerbrach.

Alex konnte sich einfach nicht verzeihen, dass sie der armen Kleinen genau das angetan hatte, was man ihr angetan hatte, auch wenn es nie ihre Absicht gewesen war. Doch seitdem wusste sie, dass man für manche Fehler einen sehr hohen Preis bezahlen musste.

„Wie gut stehen eigentlich die Chancen, dass Sie den National Travel Award gewinnen?“, fragte sie.

„Schwer zu sagen. Wir haben einen ziemlich ernst zu nehmenden Konkurrenten – das Champagne“, antwortete er. Sein Tonfall klang gelassen, doch an seinen zusammengepressten Lippen erkannte Alex, dass die Auszeichnung ihm sehr wichtig sein musste.

Unglaublich, was für eine Ausstrahlung und Präsenz dieser Mann hatte. Und was für eine große innere Leidenschaft, so kühl und distanziert er sich auch nach außen hin gab.

Er erwiderte ihren Blick so intensiv, dass Alex’ Herzschlag sich sofort beschleunigte und ihr ganz heiß wurde. Sie versuchte, ihre körperlichen Empfindungen zu ignorieren, und räusperte sich verlegen.

„Okay“, sagte sie, „dann sollte ich mich in Zukunft lieber an die Regeln halten, wenn wir den Award gewinnen wollen. Ich werde mir sofort Belindas Liste ansehen und mich im Internet über Las Vegas erkundigen.“

„Da bist du ja, Wyatt! Ich habe schon überall nach dir gesucht“, hörte Alex plötzlich eine weibliche Stimme rufen. Sie drehte sich um und sah eine umwerfende Blondine mit einem strahlenden Lächeln auf Wyatt zusteuern. Die Frau trug ein wie angegossen sitzendes sandfarbenes Kleid und hatte perfekt gebräunte Arme und Beine.

Instinktiv trat Alex einen Schritt zurück, um nicht im Weg zu stehen.

Doch Wyatt schob sie vorwärts. „Katrina, das hier ist Alexandra, meine neue Concierge. Alex, Katrina gehört das Restaurant Gendarmes ein Stück weiter die Straße runter.“

Alex begrüßte die Frau freundlich, doch deren Lächeln erlosch bei Alex’ Anblick. „Hallo“, sagte sie kurz angebunden. „Komm, Wyatt. Wir sind schon spät dran.“

Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. „Alex, ich gehe jetzt ins Gendarmes zu einem Meeting ansässiger Hoteliers und Restaurantbesitzer. Wir wollen dort ein paar Events planen, aber im Notfall können Sie mich jederzeit herausholen.“

Katrina schien nicht viel von dieser Vorstellung zu halten.

„Danke, aber das wird nicht nötig sein“, sagte Alex.

Als sie den beiden hinterhersah, musste sie sich eingestehen, dass sie fast so etwas wie Eifersucht empfand. Wie lächerlich! Sich in seinen Chef zu verlieben, war ja so was von abgedroschen.

Und noch dazu total vermessen. Bei den anderen Männern hatte sie zumindest noch eine realistische Chance gehabt. Wyatt McKendrick hingegen spielte nicht nur in einer viel höheren Liga, sondern war noch dazu völlig unfähig, ihre Gefühle zu erwidern. Nein, niemals!

Jetzt, wo die Erfüllung ihrer Träume endlich in Reichweite war, würde sie den Teufel tun, dieses Ziel durch die Jagd nach etwas völlig Unerreichbarem aufs Spiel zu setzen.

Das Beste war vermutlich, sich sofort in die Arbeit zu stürzen. In den folgenden Stunden beschäftigte Alex sich damit, alles zu lesen, was auf dem Tresen herumlag, Broschüren über Las Vegas durchzublättern und im Internet zu recherchieren. Nebenbei betreute sie die Gäste.

Als es zwischendurch etwas ruhiger an ihrem Tresen wurde, nutzte sie die Gelegenheit, Randy einen Besuch abzustatten. Bei ihren Recherchen hatten sich nämlich einige Fragen ergeben, die sie gern klären wollte.

Randy reagierte zunächst etwas reserviert, gab ihr dann jedoch die gewünschten Informationen. „Sie legen sich ja ganz schön ins Zeug“, bemerkte er anschließend.

„Wenn ich schon etwas mache, dann auch richtig.“

„Darf ich Ihnen einen guten Rat geben?“

„Klar, schießen Sie los.“

„Machen Sie das bitte nicht nur, um Wyatt zu gefallen. Sie wären nicht die erste Frau, die sich in ihn verliebt, aber er lässt grundsätzlich niemanden an sich heran, ganz egal, ob Mann oder Frau.“

Alex seufzte tief auf.

„Sagen Sie nicht, es ist schon zu spät!“

„Nein, aber Sie sind so ungefähr der Zehnte, der mir das sagt. Also wiederhole ich zum zehnten Mal, dass ich mich nicht in Wyatt verlieben werde.“

„Das haben andere auch schon von sich behauptet“, wandte Randy ein.

„Aber ich bin ich!“

„Okay, okay. Aber es geht mir auch um Wyatt. Immer wenn er eine Frau zurückweisen muss, zieht er sich hinterher noch stärker zurück als sonst. Ihm ist es sehr unangenehm, andere Menschen verletzen zu müssen. Es sei denn natürlich, sie verdienen es nicht anders. Dann kann er gnadenlos sein.“

„Habe ich Sie richtig verstanden? Ich darf mich nicht in Wyatt verlieben, um seine Psyche zu schützen?“, fragte Alex fassungslos.

„Klingt vielleicht albern, aber ja.“

„Kein Problem. Schon erledigt.“ Hoffentlich zitterte ihre Stimme dabei nicht.

„Gut zu wissen. Die Leute hier schließen nämlich schon Wetten darauf ab, wann es bei Ihnen so weit ist.“

„Unglaublich! Dabei will ich doch nichts weiter als einen guten Job machen!“

Aufgebracht drehte Alex sich um und ging zu ihrem Tresen zurück. Um sich von dem eben Gehörten abzulenken, stürzte sie sich wieder in die Arbeit. Eines stand fest: Sie musste sich dringend von Wyatt fernhalten.

Sie war gerade dabei, die Schubladen des Tresens nach weiteren Informationen zu durchwühlen, als sie plötzlich Mr Toliver durch den Haupteingang kommen sah. Sofort richtete sie den Blick auf sein Haar, das … oh je, praktisch nicht mehr vorhanden war.

Oh, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Tolivers Frisur war das krasse Gegenteil der blonden Mähne von Seth. Sie schluckte.

„Mr Toliver?“, sprach sie ihn zaghaft an.

Doch zu ihrer Überraschung breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht, als er auf sie zukam. „Na? Was halten Sie von meiner neuen Frisur?“

„Ich …“

„Ganz schön kurz, was?“, sagte er und fuhr sich über den kahl geschorenen Schädel. „Aber Gregory hat gesagt, dass ich die perfekte Kopfform dafür habe. Und da ich sowieso allmählich kahl werde, dachte ich, warum eigentlich nicht? Es ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, fühlt sich aber angenehm kühl an. Vor allem bei dieser Hitze.“

Alex dankte dem ihr bisher völlig unbekannten Gregory im Geiste. Anscheinend hatte das McKendrick’s mit seiner Hilfe mal wieder einen Gast glücklich gemacht. Von Nahem betrachtet sah Mr Toliver wirklich nicht so übel aus. „Die Frisur steht Ihnen hervorragend“, sagte sie.

Strahlend ging Mr Toliver davon. Als Alex ihm hinterhersah, blieb ihr Blick plötzlich an Wyatt hängen, der seinen Hotelgast ebenfalls eingehend musterte. Sie hatte sein Kommen gar nicht bemerkt.

Spontan ging Alex auf ihn zu. So viel zu ihrem Vorsatz, sich von ihm fernzuhalten. „Ziemlich kurz, oder?“, fragte sie nervös.

„Ihm gefällt’s. Ich bin ihm gerade draußen über den Weg gelaufen“, sagte Wyatt und drehte sich zu ihr um. „Er war ganz begeistert von Ihrem Tipp. Gute Arbeit.“ Sein anerkennender Blick beschleunigte ihren Herzschlag noch viel mehr als der Anblick von Mr Tolivers kahlem Kopf gerade eben.

„Haben Sie denn gar keinen Schreck bekommen, als Sie ihn gesehen haben?“, fragte Alex.

Wyatt zögerte einen Moment. „Ehrlich gesagt hatte ich schon mein Handy gezückt, um Champagner auf sein Zimmer bestellen zu lassen“, sagte er widerstrebend.

Alex musste unwillkürlich lachen. „Aha, dann hatten Sie also doch Bedenken!“

Wyatts Mundwinkel zuckten. „Okay, ich gebe es zu. Trotzdem bin ich mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden. Glauben Sie mir, solange Sie alles dafür tun, dass unsere Gäste sich wohlfühlen, erfüllen Sie meine Anforderungen voll und ganz. Ich gebe Ihnen auch gern die Hand darauf, wenn Sie wollen.“

Alex stutzte. Hielt Wyatt ihr tatsächlich gerade die Hand hin? Einen Moment lang starrte sie wie hypnotisiert darauf, bevor sie ihm zögernd ihre gab.

Als er sie nahm, überlief es sie schlagartig heiß. Der Mann ist ein Einzelgänger, warnte sie sich selbst. Er hat es selbst zugegeben, und Randy hat es bestätigt.

„Okay“, krächzte sie. Als Wyatt ihre Hand losließ, fühlte sie sich an, als habe er sich auf ihr eingebrannt.

„Sie können jetzt gehen, Alex“, sagte er.

Verwirrt runzelte sie die Stirn.

„Lois übernimmt die nächste Schicht“, erklärte er. „Ihr erster Tag ist vorbei. Sie haben sich wacker geschlagen.“

Da bin ich mir nicht so sicher, dachte sie, als sie davonging. Sosehr sie sich auch einzureden versuchte, dass das hier nur ein Job war – allmählich kam er ihr eher wie ein Härtetest vor.

Auf ihrem Zimmer angekommen, betrachtete sie ihre Hand verblüfft. Wie konnte man nur so extrem auf einen bloßen Händedruck reagieren? Die Nervenenden ihrer Finger fühlten sich wie versengt an.

Dieser Mann übte wirklich eine enorme Anziehungskraft auf sie aus – genau wie Randy ihr prophezeit hatte. Sie atmete tief durch und begann bis zehn zu zählen. „Ich bin stark“, sagte sie zu sich selbst. „Ich bin nicht Sklavin meiner Emotionen.“

Sie hatte diese Bekräftigung auch bitter nötig, wenn sie nicht schon wieder enttäuscht werden wollte.

Gott sei Dank handelte es sich nur um einen Job. Sobald sie hier fertig war, würde sie sofort nach San Diego zurückkehren, ihren Laden eröffnen und den Rest ihres Lebens genießen.

Wyatt versuchte das beunruhigende Gefühl abzuschütteln, dass es ein großer Fehler gewesen war, Alex die Hand zu geben.

Dabei hatte er ihr doch nur versichern wollen, dass sie nicht allein für den Erfolg des Hotels verantwortlich war, aber ihre Berührung war wie einen Stromschlag gewesen – pure Elektrizität, die durch seinen Arm schoss und seinen ganzen Körper in Flammen versetzte. Noch nie hatte Wyatt eine solche Begierde nach einer Frau empfunden.

Es gibt eine ganz simple Lösung für das Problem, versuchte er sich zu beruhigen. Fass sie einfach nicht mehr an.

Doch wie sich herausstellte, war das leichter gesagt als getan. Als er sich nämlich am nächsten Abend auf den Weg zu seinem Penthouse machen wollte, lief er direkt in die in einen Stadtplan vertiefte Alex hinein, wobei der Plan zu Boden fiel.

Instinktiv hielt Wyatt Alex an den Oberarmen fest, um den Zusammenprall abzufangen. Beim Gefühl ihrer nackten Haut unter den Händen überlief ihn wieder ein Schauer der Erregung. Ihre Haut war so zart und duftete so gut …

Schluss damit! befahl er sich selbst.

„Tut mir schrecklich leid“, sagte Alex benommen. „Ich habe einfach nicht auf den Weg geachtet.“

Als sie den Blick zu ihm hob, schien für einen Moment die Zeit stillzustehen. Wie schön ihre großen, schreckgeweiteten blauen Augen waren …

Doch irgendwann setzte Wyatts gesunder Menschenverstand wieder ein. Er trat einen Schritt zurück, hob den Stadtplan auf und versuchte, ihn zu glätten.

Geh einfach weiter, befahl er sich. Reagier so, wie du bei jeder anderen Angestellten reagieren würdest.

Aber leider war Alex keine gewöhnliche Angestellte. Sie hatte etwas an sich, dem er sich nur sehr schwer entziehen konnte. Gott sei Dank hatte er schon früh gelernt, sich von anderen Menschen zu distanzieren. Das war das Einzige, das ihm dabei geholfen hatte, seine schreckliche Kindheit zu überstehen.

Doch zu seiner Verblüffung hörte er sich sagen: „Kann ich Ihnen vielleicht den Weg zeigen?“

Alex lächelte. Mit diesem strahlenden, gute Laune verbreitenden Lächeln, das schon mehreren Gästen positiv aufgefallen war.

„Nein, ich kann mich bloß nicht entscheiden, wo ich anfangen soll.“

„Was anfangen?“

„Mit der Erkundung der Stadt. Ich muss Las Vegas unbedingt besser kennenlernen, wenn ich in meinem Job gut sein will.“

„Alexandra, Sie brauchen wirklich keine Überstunden zu machen.“ Wyatt erwartete zwar Loyalität von seinen Angestellten, aber keine Sklavenmentalität.

Alex runzelte die Stirn. „Wieso nicht? Ich tue das doch auch für mich. Um die Lücken in meinem Wissen zu schließen.“

„Sie leisten auch so schon hervorragende Arbeit.“

Sie legte den Kopf schief. „Danke, ich habe mich inzwischen ganz gut eingearbeitet. Aber ich möchte mich noch steigern. Ich habe mir fest vorgenommen, bis zum Ende der Woche die ‚unsichtbare Concierge‘ zu sein.“

Alex wird niemals unsichtbar sein, dazu ist sie viel zu attraktiv, elektrisierend und lebendig, dachte Wyatt.

„Ihr Engagement in allen Ehren“, sagte er, „aber allein hier in dieser Stadt herumzulaufen, ist für eine Frau viel zu gefährlich. Ich kann das auf keinen Fall zulassen.“

Aha, diese hübschen blauen Augen konnten einen also auch sehr unfreundlich ansehen.

„Entschuldigung, ich habe mich anscheinend falsch ausgedrückt“, korrigierte Wyatt sich. „Was Sie in Ihrer Freizeit machen, geht mich natürlich nichts an, aber wenn Ihnen meine Gegenwart nicht allzu unangenehm ist, würde ich Ihnen Las Vegas gern persönlich zeigen.“

Alex zögerte einen Augenblick. „Glauben Sie im Ernst, ich würde es meinem Chef sagen, wenn seine Gegenwart mir unangenehm ist?“, fragte sie schließlich.

Wyatt musste unwillkürlich lächeln. „Das will ich doch stark hoffen. Wie schon gesagt, es ist Ihre Freizeit. Sie bestimmen, wo es langgeht.“

„Sie brauchen wirklich nicht meinen Bodyguard zu spielen.“

Ganz schlechte Wortwahl. Die Erwähnung des Worts „Körper“ machte Wyatt nämlich nur zu bewusst, wie sexy ihre Kurven und langen Beine waren.

„Wenn ich schon von Ihnen verlange, meinen Gästen die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu empfehlen, ist nur angemessen, sie Ihnen vorher zu zeigen.“

Protestierend öffnete Alex den Mund, doch Wyatt unterbrach sie: „Alexandra“, sagte er, „entspannen Sie sich einfach.“

„Ist das die Anordnung meines Chefs?“

„Nein, eher die eines ungeduldigen …“ Wyatt zögerte einen Moment. „… Reiseführers“,

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