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Stürmische Flitterwochen / Die Wellen flüstern deinen Namen / Der italienische Verführer / Sehnsucht nach mehr

Maisey Yates

Stürmische Flitterwochen

1. KAPITEL

Lily Fords Begeisterung hielt sich in Grenzen, als Gage Forrester unvermutet bei ihr im Büro auftauchte. Er beugte sich über den Schreibtisch, hinter dem sie saß, und verströmte diesen typisch männlich-herben Duft, der ihren Puls sofort beschleunigte.

Nein, sie war gar nicht begeistert, den Mann wiederzusehen, der ihr Angebot abgelehnt hatte. Allerdings zeigte ihr Körper eine andere Reaktion.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Jeff Campbell Sie angeheuert hat“, sagte Gage und beugte seinen durchtrainierten Körper noch weiter vor.

Offensichtlich hielt der Mann sich fit, genau wie sie selbst. Vier Abende die Woche verbrachte sie im Fitnessstudio, um den Folgen der Bürotätigkeit entgegenzuwirken. Lily wusste, wie wichtig ein ansprechendes Äußeres war, besonders wenn man dafür sorgen musste, seine Kunden in der Öffentlichkeit von ihrer besten Seite zu präsentieren.

„Sie haben richtig gehört.“ Lily lehnte sich so weit wie möglich zurück, um mehr Distanz zu Gage zu schaffen. Was fiel ihm eigentlich ein, sie in ihrem eigenen Büro in die Enge zu drängen?

Für ihn schien das wohl ein ganz natürliches Verhalten zu sein. Männer wie er erblickten eine Frau und wollten sie erobern.

Aber nicht mit mir! „Sind Sie hergekommen, um mich zu dem Auftrag zu beglückwünschen?“, erkundigte sie sich honigsüß.

„Nein, ich bin hier, um einen Vertrag mit Ihnen zu schließen.“

Dieses überraschende Angebot machte sie zunächst sprachlos – was eher selten vorkam. „Sie haben doch aber erst kürzlich abgelehnt, Ihre Firma von mir vertreten zu lassen, Mr Forrester.“

„Inzwischen habe ich es mir anders überlegt.“

Aufmerksam musterte sie ihn. „Hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass Jeff Campbell Ihr größter Konkurrent ist?“

„Ich betrachte ihn nicht als Konkurrenten.“ Das Lächeln konnte den stahlharten Blick nicht mildern. Ohne Härte und Durchsetzungsvermögen wäre Gage nicht an die Spitze seiner Branche gelangt. Lily respektierte das, obwohl sie die moralische Integrität seines Geschäftsgebarens durchaus anzweifelte. Andererseits wäre es ein großer Karrieresprung, für eine Firma wie Forrestation Inc. tätig zu werden.

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass er dennoch Ihr Konkurrent ist. Und er macht seine Sache sehr gut. Er hinterlässt bei Weitem nicht so große Scherbenhaufen wie Sie, die ich dann zusammenkehren muss.“

„Genau darin unterscheiden wir uns. Jeff ist politisch korrekt. Ihm ist viel zu wichtig, in der Öffentlichkeit gut dazustehen.“

„Davon könnten Sie sich gern eine Scheibe abschneiden. Es ist Ihrem Image als Bauunternehmer, der ja Solidität ausstrahlen muss, nicht gerade zuträglich, wenn Sie ständig mit einem anderen Filmstar oder Supermodel am Arm gesichtet werden. Und Ihre derzeitigen Bauprojekte stoßen auf wenig Gegenliebe.“

„Ist dieses Beratungsgespräch kostenlos?“

„Nein, ich rechne im Dreißigminutentakt ab.“

„Wenn ich mich recht entsinne, sind Ihre Dienste nicht gerade billig.“

„Stimmt. Sie bekommen aber auch ein hohes Maß an Fachkompetenz für Ihr Geld.“

Gage schob die sorgfältig ausgerichteten Büroutensilien zur Seite und setzte sich auf die Schreibtischkante. Ungehalten hätte Lily ihn am liebsten zurechtgewiesen und sämtliche Gegenstände wieder gerade gerückt. Gleichzeitig musste sie den Impuls unterdrücken, Gages verführerisch nahen Schenkel zu berühren. Ob der wirklich so muskulös war, wie es den Anschein hatte?

Unwillig und verstört verzog sie das Gesicht. Was war denn plötzlich mit ihr los?

„Das hat mir bei Ihrem Bewerbungsgespräch so gut gefallen, Lily: Sie strahlen Selbstbewusstsein und Kompetenz aus.“

„Und was hat Ihnen nicht gefallen, Mr Forrester? Was hat Sie dazu bewogen, den Auftrag an Synergy zu vergeben statt an mich?“

„Es widerspricht meiner Geschäftspraxis, junge Frauen einzustellen, noch dazu, wenn sie sehr attraktiv sind.“

Erneut verschlug es Lily die Sprache. Als sie sich wieder erholt hatte, funkelte sie Gage wütend an. „Das ist frauenfeindlich.“

„Vielleicht. Aber im Gegensatz zu meiner ehemaligen persönlichen Assistentin, die sich unsterblich in mich verliebt hatte, verschont ihr männlicher Nachfolger mich mit Avancen.“

„Wahrscheinlich haben Sie sich das nur eingebildet. Oder Sie haben das Mädchen ermutigt.“ Insgeheim musste sie zugeben, dass Gage sehr attraktiv war, doch das hieß ja nicht zwangsläufig, dass alle jungen Frauen sich sofort hoffnungslos in ihn verliebten. Genau das schien er sich allerdings einzubilden. Das war ganz typisch für einflussreiche Männer. Sie dachten, sie könnten über alles und jeden verfügen, und alle weiblichen Wesen lägen ihnen zu Füßen.

Es gab auch Männer, die sich bewusst eine schwächere Partnerin suchten. Schnell schob Lily diese unwillkommene Erinnerung beiseite.

„Leider habe ich es mir nicht eingebildet. Und ermutigt habe ich sie schon gar nicht“, erklärte Gage beleidigt. „Sie hat mich überhaupt nicht interessiert. Geschäft ist Geschäft, und Sex ist Sex.“

„Sie werden nie zueinanderfinden“, bemerkte Lily ironisch.

„Genau. Am schlimmsten war die Szene, die sie mir gemacht hat, als ich sie gefeuert habe.“

„Warum haben Sie die Frau denn gefeuert?“

Indigniert zog er eine schwarze Augenbraue hoch. „Als ich eines Morgens in mein Büro kam, posierte sie splitterfasernackt auf meinem Schreibtisch.“

„Das ist nicht Ihr Ernst.“ Ungläubig sah Lily ihn an.

„Leider doch. Seitdem stelle ich nur noch männliches Personal als meine engsten Mitarbeiter ein und bin bisher von weiteren unliebsamen Vorkommnissen verschont geblieben.“ Gage musterte sie. „Sie sind nicht verlobt oder schwanger, oder?“

Sie musste sich das Lachen verkneifen. „Da können Sie ganz beruhigt sein, Mr Forrester. Ich bin ausschließlich mit meinem Beruf verheiratet.“

„Das haben schon viele Frauen behauptet. Doch dann biegt plötzlich ‚der Richtige‘ um die Ecke, und alle guten Vorsätze werden in den Wind geschlagen. Und ich habe Zeit und Geld in eine Mitarbeiterin investiert, die nie ernsthaft daran interessiert war, dauerhaft in meiner Firma zu bleiben.“

„Sollte ich je die Hochzeitsglocken läuten hören, garantiere ich Ihnen, blitzschnell Reißaus zu nehmen, Mr Forrester.“

„Gut.“

„Aber Ihre Einstellung ist wirklich frauenfeindlich. Wie können Sie behaupten, dass sich jede Frau automatisch auf den ersten Blick in Sie verliebt? Oder dass sie ihren Job hinwirft, sobald sich ein geeigneter Heiratskandidat findet?“

„Ich bin kein Chauvinist, sondern lediglich aus Erfahrung klug geworden. Aber ich habe die Pressemitteilungen gelesen, die Sie für Campbell herausgegeben haben. Seine Firmenaktien sind daraufhin gestiegen.“

„Ihre doch auch“, gab sie zu bedenken.

„Stimmt, aber seine waren auf dem Weg nach unten. Die Trendwende ist nur Ihrer Öffentlichkeitsarbeit zu verdanken.“

Betont lässig betrachtete Lily ihre weinrot lackierten Fingernägel. „Und nun möchten Sie, dass ich meinen Vertrag mit Mr Campbell breche? Da müssen Sie mir schon ein ziemlich gutes Angebot machen, Mr Forrester.“

„Dessen bin ich mir durchaus bewusst.“ Er nannte eine Summe, bei der Lily fast das Herz stehen blieb.

Wie hart hatte sie sich den Erfolg ihrer kleinen PR-Agentur erkämpft? Nun endlich wurde sie für ihre unermüdliche Mühe belohnt. Bei der Vorstellung, so viel Geld zu verdienen, wurde ihr fast schwindlig.

Auch ihr Bekanntheitsgrad würde unweigerlich steigen, wenn sie für Forrestation arbeitete. Gage eilte der Ruf eines ziemlich skrupellosen Unternehmers voraus. Investoren betrachteten das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Er ging Risiken ein, die ihn zwar nicht besonders populär machten, die sich jedoch am Ende immer auszahlten.

Einige seiner größten Bauprojekte waren von Protesten begleitet gewesen, die zumeist jedoch verstummten, sowie die Hotels erfolgreich liefen. Immer wieder versammelten sich Demonstranten vor seinem Firmengebäude in San Diego, um gegen neue Bauprojekte zu protestieren. Wenn es um Umweltfragen ging, hatte Lily sogar ein gewisses Verständnis dafür.

Die Leute waren geteilter Meinung über Gage. Aber das war ihm egal. Mit übertriebener Rücksichtnahme brachte man es nun mal nicht zum Milliardär.

„Gesetzt den Fall, ich wäre an Ihrem Angebot interessiert …“ Lily widmete sich erneut dem Betrachten ihrer Fingernägel, „… müsste ich Mr Campbell Schadensersatz für meine fristlose einseitige Vertragsbeendigung zahlen.“

„Das übernehme ich.“

Sie blinzelte. „Und ich brauche ein Spesenkonto.“

Gage beugte sich noch etwas weiter vor. Sein berauschender Duft stieg ihr erneut in die Nase. „Einverstanden. Vorausgesetzt, Sie berechnen mir keine Spesen für Ihre Maniküre.“ Er griff nach ihrer Hand.

Seine fühlte sich rau an und zupackend, aber nicht unangenehm – im Gegenteil! Lily wurde ganz heiß bei der Berührung.

Schnell zog sie die Hand zurück und hoffte, dass Gage ihre unerwartete Reaktion auf ihn verborgen geblieben war.

Lily räusperte sich. „Sicher nicht. Obwohl ein tadelloses Äußeres in meinem Job eine wesentliche Rolle spielt. Ich achte sehr darauf, stets professionell, gepflegt und passend gekleidet in Erscheinung zu treten. Ihr Auftreten und meins werden sich von nun an ergänzen. Ihr Erfolg und meiner sind voneinander abhängig. Daher ist die Art der Geschäftsbeziehung, die wir zueinander haben, entscheidend.“

„Ist das Ihr Standardslogan?“

Verlegen sah sie auf. „Ja.“

„Das habe ich mir gedacht. Klingt wie auswendig gelernt, und kommt mir irgendwie bekannt vor. Ach ja, ich habe ihn bereits beim Bewerbungsgespräch gehört.“

Lily presste die Lippen zusammen. Dieser Gage weckte ständig unerwartete Reaktionen in ihr. Dabei konnte sie ihre Gefühle doch sonst so gut unterdrücken.

„Na und, dann habe ich das eben auswendig gelernt.“ Nonchalant zuckte sie mit den Schultern. „Es ist aber zutreffend. Je besser ich aussehe, desto besser stehen Sie da und desto mehr Geld verdienen Sie. Je genauer Sie sich an meine Spielregeln halten, desto mehr Geld verdienen Sie und desto größer ist mein Erfolg.“

„Darf ich Ihren Vortrag so interpretieren, dass Sie meinen Auftrag annehmen?“

„Ja.“

„Ich möchte, dass wir eng zusammenarbeiten. Sie persönlich sind für die Öffentlichkeitsarbeit meines Unternehmens zuständig, nicht einer Ihrer Mitarbeiter.“

„Das ist für mich selbstverständlich.“

„Das Bauprojekt in Thailand ist umstritten. Meine Geschäftspartner sind nicht gerade erfreut darüber.“

„Was haben die Leute denn gegen das Projekt?“, fragte sie interessiert.

„Sie befürchten, ein weiterer Hotelkomplex könnte ihre Kultur zerstören und die Gäste könnten einen falschen Eindruck gewinnen, weil alles auf die abendländische Kultur zugeschnitten ist. Das wahre Thailand bliebe ihnen dadurch angeblich verborgen. Sie behaupten, wir würden nur einen weiteren Themenpark schaffen.“

„Tun Sie das denn?“

„Spielt das für Sie eine Rolle?“, erwiderte er forsch.

„Für mich persönlich nicht. Ich muss Sie auch nicht mögen, Mr Forrester. Meine Aufgabe besteht darin zu gewährleisten, dass alle anderen Leute Ihnen Sympathien entgegenbringen.“

„Gleichgültig, ob Sie mein Projekt befürworten oder nicht?“

„Genau. Das spielt überhaupt keine Rolle. Hier geht es nur darum, Sie ins beste Licht zu rücken, sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei Ihren Teilhabern und Investoren.“

„Je eher, desto besser.“ Gage bückte sich nach seinem Aktenkoffer und zog einen dicken Papierstapel heraus. „Hier ist der Vertrag. Wenn Sie Änderungen wünschen, sagen Sie bitte Bescheid. Wir können über alles reden. Den Vertrag mit Jeff Campbell lösen Sie bitte umgehend auf. Sie können uns nicht beide vertreten, denn das würde zu einem Interessenkonflikt führen.“

„Selbstverständlich.“

Er blickte ihr in die Augen, griff nach Lilys Handy und reichte es ihr vielsagend.

„Erwarten Sie, dass ich ihn sofort informiere?“, fragte Lily erstaunt.

„Allerdings. Zeit ist Geld, wie man so schön sagt.“

Wortlos nahm sie ihm das Handy ab und wählte Jeffs Nummer. So gelassen, wie Lily sich gab, fühlte sie sich allerdings nicht. Immer wieder überrumpelte Gage sie. Insgeheim war sie aber sogar froh, den Vertrag vorzeitig zu beenden, denn Jeffs Signale, Berufliches und Privates miteinander verbinden zu wollen, gingen ihr zunehmend gegen den Strich. Sie fand Männer abstoßend, die nur Sex im Kopf hatten.

Jeff meldete sich beim ersten Klingeln.

„Hallo. Hier ist Lily.“

Gage zog die Brauen hoch, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars.

„Ich weiß.“ Jeffs Stimme klang für Lilys Geschmack viel zu erfreut. Ein unangenehmer Schauder lief ihr den Rücken hinunter.

„Es tut mir wirklich sehr leid, Jeff, aber ich habe ein besseres Angebot erhalten, das ich einfach nicht ablehnen kann.“

In Anbetracht der Tatsache, dass sie vertragsbrüchig wurde, verhielt Jeff sich sehr zuvorkommend. Vielleicht hoffte er noch immer auf ein Date. Tatsächlich! Er schlug vor, die Angelegenheit bei einem gemeinsamen Abendessen zu besprechen.

„Das geht leider nicht. Ich habe alle Hände voll zu tun – mit dem neuen Auftrag.“ Es machte sie nervös, dass Gage sie keine Sekunde lang aus den Augen ließ. Das war sie nicht gewohnt. Normalerweise hielt sie Männer auf Distanz.

„Bei vorzeitiger Vertragsauflösung wird eine Konventionalstrafe fällig.“ Jeffs Stimme klang jetzt eisig.

„Das ist mir bekannt. Trotzdem bleibe ich bei meinem Entschluss. Ich muss an das Wohl meiner Firma denken.“ Sie versuchte, in Gages Miene zu lesen.

„Berufsethik und vertragliche Zusagen sind also nicht so wichtig wie das Geld?“

Aua, der Stich hatte gesessen! Lily atmete tief durch. „Geschäft ist Geschäft, Jeff. Und Sie würden ebenso handeln.“

„Ich hatte den Eindruck, es wäre mehr als nur eine geschäftliche Vereinbarung zwischen uns.“ Das klang so giftig, dass Lily zusammenzuckte. Offensichtlich hatte Jeff ihre Höflichkeit mit Interesse an seiner Person verwechselt und sich eingebildet, Lily wäre nur zu bereit, mit ihm ins Bett zu hüpfen. Aber das war ganz allein sein Problem.

„Tut mir leid, wenn Sie einen falschen Eindruck bekommen haben“, stieß Lily ärgerlich hervor. Ihr war bewusst, dass Gage sie nach wie vor aufmerksam beobachtete. „Aber für mich handelte es sich ausschließlich um eine Geschäftsbeziehung, die mit sofortiger Wirkung beendet ist.“

Gage nahm ihr das Handy ab, wobei er unverschämt zufrieden dreinblickte. „Ich wollte nur bestätigen, dass Ms Ford jetzt für mich arbeitet.“

Kein Wunder, dass sie sich wie das Opferlamm fühlte, um das zwei Leitwölfe buhlten. Kein sehr angenehmes Gefühl. Wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Zwar konnte sie nicht hören, was Jeff sagte, aber seine Stimme klang ziemlich erbost. Gage schaltete das Handy aus und legte es zurück auf den Schreibtisch.

Wütend stand Lily auf, ging um den Schreibtisch herum und baute sich vor Gage auf. „Das hier ist mein Büro, Mr Forrester. Ich bitte Sie, das zu respektieren, auch wenn ich in Zukunft für Sie arbeite.“

„Mir ist nur wichtig, dass Sie für mich arbeiten, Ms Ford.“ Ein unnachgiebiger stahlharter Blick aus tiefblauen Augen traf sie. „Ob hier oder in meinem Büro, spielt keine Rolle.“

Früher hätte sie dieses Machtgebaren verunsichert. Er hätte sie eingeschüchtert. Doch die Zeiten waren vorbei. Inzwischen spielte sie beruflich erfolgreich in der obersten Liga mit, und diese Position hatte sie nicht erreicht, indem sie sich einschüchtern ließ.

Allerdings war sie auch nicht so dumm, sich mit ihrem neuen Boss gleich zu streiten.

„Entschuldigung“, sagte sie daher mit betont tiefer Stimme, die Gelassenheit vorspiegeln sollte. „Ich muss gestehen, dass ich mir das Heft nicht gern aus der Hand nehmen lasse.“

Die leicht heisere Stimme verfehlte bei Gage ihre Wirkung nicht. Ihm wurde ein wenig heiß. Erst recht, da Lilys Gang, als sie um den Schreibtisch herumkam, dem einer Raubkatze nicht unähnlich war.

Diese atemberaubende Frau unterschied sich erfrischend von den Plastikschönheiten, mit denen er sich sonst umgab. Sie war elegant und wirkte wie aus einer anderen Welt. Und ihre Distanziertheit reizte ihn noch zusätzlich.

Jetzt stützte sie eine perfekt manikürte Hand auf eine sehr wohlgeformte Hüfte. Das Kostüm schmiegte sich um die makellose Figur, ohne aufreizend zu wirken. Lilys dunkelbraunes Haar war zu einem eleganten Knoten hochgesteckt. Ein leichtes Make-up unterstrich ihre perfekten Gesichtszüge und den hellen Teint, der im sonnenbesessenen Kalifornien wohl die Ausnahme war.

„Welche Bedingungen stellen Sie?“, fragte sie jetzt.

„Bedingungen?“ Gage war ratlos.

„Welche Gegenleistung erwarten Sie von mir für die exorbitante Summe, die Sie mir zahlen?“

Ihre Haltung beeindruckte ihn. Diese Einstellung war sicher sehr hilfreich im Umgang mit den Medien. Seine Pressesprecherin brauchte Nerven wie Drahtseile, und über die schien Lily zu verfügen.

„Wenn Sie den Betrag für exorbitant halten, zahle ich gern weniger“, scherzte er.

„Es wäre sehr unhöflich, Ihr großzügiges Angebot abzulehnen.“

Gage lachte vergnügt. „Okay, dann wäre das schon mal geklärt. Nun zu den Bedingungen: Ich erwarte, dass Sie rund um die Uhr für mich erreichbar sind, auch an den Wochenenden. Meine Bauprojekte sind über den gesamten Erdball verteilt und liegen in unterschiedlichen Zeitzonen. Irgendwo wird also immer gearbeitet, und wenn etwas aus dem Ruder läuft, müssen Sie als meine PR-Frau sofort reagieren. Heiße Verabredungen können Sie sich also ab sofort nicht mehr leisten.“

„Jetzt kommt der Chauvinist wieder zum Vorschein. Aber ich kann Sie beruhigen: Mein Job hat absolute Priorität. Dahinter müssen sogar ‚heiße Verabredungen‘ zurückstehen.“ Ein freches Glitzern ließ ihre braunen Augen aufleuchten.

Offensichtlich macht es ihr Spaß, mich zu provozieren, dachte Gage. Das war ein gutes Zeichen. Seine letzte PR-Beraterin hatte nach einem Jahr entnervt das Handtuch geworfen, als sie dem ständigen Druck nicht mehr standhalten konnte. Es war ein hartes Geschäft, besonders in seiner Branche und mit seiner ständigen Medienpräsenz. Lily schien diese Aufgabe als echte Herausforderung zu betrachten.

„Dann können Sie sich ja voll und ganz mir widmen und den Vertrag unterschreiben“, schlug er vor.

Lily lächelte kühl, drehte sich wortlos um, griff nach einem Füllfederhalter und beugte sich vor, um das Schriftstück zu unterzeichnen. Sie musste wissen, wie aufreizend diese Pose war. Unter dem eng anliegenden Rock zeichnete sich ein perfekt gerundeter Po ab. Natürlich war sie sich ihres sexy Anblicks bewusst! Kein Wunder, dass Jeff Campbell sich eingebildet hatte, sie wollte etwas von ihm. Der arme Irre. Dabei war Lily darauf aus, sich die Männer vom Leib zu halten. Bei den meisten schien das zu funktionieren. Aber nicht bei mir, dachte Gage.

Sie richtete sich wieder auf und drehte sich um. Ihre Miene spiegelte Entschlossenheit und Zufriedenheit wider, als Lily ihm die Hand reichte und triumphierend lächelte.

„Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Mr Forrester.“

Er lachte. „Hoffentlich bleibt das auch so, Ms Ford.“

2. KAPITEL

Es gab ihr zu denken, dass sie nicht verärgert, sondern aufgeregt auf Gages tiefe Stimme reagierte, dessen Anruf sie aus dem Schlaf gerissen hatte.

„Es ist ein Uhr früh, Gage.“ Verschlafen blinzelte Lily auf das Display ihres Smartphones. Nach viermonatiger Tätigkeit für ihn sollte sie sich eigentlich an nächtliche Telefonate gewöhnt haben.

„In England ist es neun Uhr.“

„Was gibt es denn so Dringendes?“ Müde schob sie sich das Haar aus dem Gesicht.

„Es ist kein Weltuntergang, aber vor unserer neuen Baustelle haben sich Demonstranten versammelt. Ich brauche eine Pressemitteilung, um die Wogen zu glätten.“

„Jetzt?“

„Jedenfalls bevor die Meute das Fundament unseres neuen Hotels auseinandernimmt.“

Lily richtete sich auf und setzte sich auf die Bettkante. Dann drückte sie die Lautsprechertaste und rief sich das Projekt auf den Bildschirm. „Wogegen richtet sich der Protest?“

„Es geht mal wieder um Umweltschutz.“

Sie überflog die Projektbeschreibung. „Es handelt sich um ein umweltfreundliches Hotel. Die Baumaterialien sind größtenteils recycelt, der Rest wird vor Ort eingekauft, was auch der dortigen Wirtschaft hilft.“

„Gut. Machen Sie daraus eine Presserklärung, und schicken Sie die her.“

„Geben Sie mir einen Moment Zeit. Ihr Anruf hat mich geweckt. Normale Menschen schlafen um diese Uhrzeit“, antwortete sie mürrisch, stand aber auf und ging zu ihrem Schreibtisch, den sie nur wenige Schritte vom Bett aufgestellt hatte – für Notfälle wie diesen. Auch der Laptop war stets betriebsbereit. So konnte sie in wenigen Minuten die erforderlichen Informationen zusammenstellen und Gage per E-Mail schicken.

„Was halten Sie davon?“

„Sieht gut aus“, meinte er, nachdem er die Pressemitteilung überflogen hatte. „Sollen wir sie verschicken oder eine Pressekonferenz geben?“

„Beides. Am besten vorab telefonisch. Ich setze mich mit der Lokalpresse in Verbindung und sorge dafür, dass die Info sofort in den Online-Ausgaben erscheint und morgen dann in den Printmedien. Das sollte den Demonstranten zunächst den Wind aus den Segeln nehmen. Wenn Sie zeigen, dass auch Ihnen die Umwelt am Herzen liegt, haben Sie die öffentliche Meinung auf Ihrer Seite. Und darum geht es letztendlich.“

„Sie sind wirklich gut“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, deren Klang ein erregendes Prickeln bei Lily auslöste – auch noch nach vier Monaten enger Zusammenarbeit mit Gage. Seltsam, wie es ihm immer wieder gelang, ihr seelisches Gleichgewicht ins Wanken zu bringen.

„Ich bin eben die Beste, Gage“, behauptete sie in unbeabsichtigt scharfem Tonfall. „Vergessen Sie das nicht!“

„Niemals. Wie könnte ich auch: Sie erinnern mich ja ständig daran.“

„Durch meine Arbeit, nicht durch Worte, will ich hoffen.“

„Das können Sie sich aussuchen.“

„Okay. Ich informiere jetzt einige Fernsehsender, und dann gehe ich wieder ins Bett.“

„Einverstanden. Aber um fünf Uhr erwarte ich Sie im Büro.“

Lily stöhnte unterdrückt. „Selbstverständlich.“ Vermutlich befand er sich bereits dort. Brauchte dieser Mann eigentlich gar keinen Schlaf?

Genau eine Minute vor fünf Uhr betrat sie am Morgen mit zwei großen Kaffeebechern das Büro. „Ich dachte, Sie könnten vielleicht einen Kaffee gebrauchen“, sagte sie zur Begrüßung.

Erfreut wandte Gage sich vom Monitor ab. Auch zu dieser frühen Stunde wirkte dieser Mann unverschämt frisch und ausgeruht, wohingegen es ihr nur mit viel Make-up gelungen war, ihre verquollenen Augen etwas munterer aussehen zu lassen.

„Koffein ist jetzt genau das Richtige.“ Er gönnte sich sofort einen Schluck. Fasziniert beobachtete Lily, wie die Lippen den Becherrand berührten und die Zunge kurz zu sehen war. Gages Mund war mindestens so anziehend wie seine Stimme. Kein Wunder, dass dieser Mann ständig von bildhübschen Frauen umringt war und die Presse mindestens so viel über sein Privatleben wie über seine geschäftlichen Projekte wissen wollte. Gage Forrester war unglaublich sexy. Das musste selbst sie zugeben.

Sie mochte attraktive Männer – solange sie ihr nicht zu nahe kamen. Natürlich war es nicht ganz einfach, für einen so verführerischen Mann tätig zu sein, doch Lily war fest entschlossen, wirklich nur für ihn zu arbeiten und keinesfalls eine Grenze zu überschreiten. Ich bin sowieso nicht sein Typ, dachte sie. Er umgab sich lieber mit Partygirls, je oberflächlicher und je kürzer der Rock, desto besser.

Und nach ihren Erfahrungen mit Männern in der letzten Zeit hielt Lily es sowieso für das Beste, erst einmal solo zu bleiben.

„Der ist aber stark“, meinte Gage und setzte den Becher ab.

„Ich dachte, je stärker, desto besser.“

„Perfekt, wir haben nämlich einen langen Tag vor uns.“

Lily setzte sich vor seinen Schreibtisch, zog einen Notizblock aus dem Aktenkoffer, zückte ihren Stift und sah Gage erwartungsvoll an.

„Warum tun Sie das?“, erkundigte er sich.

„Was denn?“

„Warum machen Sie sich Notizen auf dem Block? Sie haben doch unzählige technische Spielzeuge dafür. Ich weiß das so genau, weil die alle übers Spesenkonto abgerechnet wurden.“

„Es hilft mir als Gedächtnisstütze. Natürlich zeichne ich die Daten anschließend auch elektronisch auf.“

Ein Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen. Schnell senkte Lily den Blick.

„Wie schätzen Sie die vorbeugenden Maßnahmen ein, die wir bezüglich unseres englischen Bauprojekts ergriffen haben, Lily?“

„Sehr effektiv. Für die Spätnachrichten ist ein Satelliteninterview mit Ihnen geplant. Alle wichtigen Tageszeitungen bringen morgen unsere Pressemitteilung, und Sie haben sich mit der Sprecherin der Protestbewegung in Verbindung gesetzt, oder?“

„Genau. Eine wirklich nette Frau. Allerdings mochte sie mich nicht besonders und hat mich als Kapitalistenschwein beschimpft.“

Lily sah erschrocken auf, senkte jedoch gleich wieder den Blick auf den Schreibblock. „Ganz Unrecht hat sie damit ja nicht.“

„Das ist aber ein starkes Stück!“

„Geschenkt.“

„Jedenfalls habe ich ihr erklärt, wie umweltbewusst das Bauprojekt ist, wie sehr die ortsansässigen Betriebe davon profitieren, wie viele neue Arbeitsplätze entstehen und dass unser Hotel nicht auf ehemaligem Weideland gebaut wird, sondern dort, wo noch vor einigen Monaten ein verfallenes Herrenhaus stand. Mit diesen Fakten konnte ich durchaus punkten.“

„Klingt gut.“ Lily machte sich Notizen, griff nach ihrem Becher und trank einen Schluck Kaffee.

Zu Beginn ihrer Tätigkeit für Gage war es ihr seltsam vorgekommen, zu so früher Stunde das Gebäude zu betreten, das um die Zeit noch menschenleer war, in Gages luxuriösem Büro zu sitzen, zu beobachten, wie die Bucht im Licht der aufgehenden Sonne glitzerte und die vielen Hundert Boote im Hafen von San Diego sanft schaukelten. Die Atmosphäre war irgendwie sehr intim. Meistens war Gage noch unrasiert, wenn sie eintraf, und zog sich in das neben dem Büro liegende Badezimmer zurück, um sich herzurichten, bevor die anderen Mitarbeiter auftauchten. Offensichtlich durfte sie ihn aber ruhig mit Bartstoppeln sehen.

Für Lily war es eine ganz neue Erfahrung zu beobachten, wie ein Mann sich für den Tag zurechtmachte.

Um acht Uhr traf Gages Privatsekretär ein, und die Termine wurden besprochen. Lily machte sich dann auf den Weg zu ihrem eigenen Büro. Inzwischen war sie mit ihrem kleinen Mitarbeiterstab in Gages Firmensitz gezogen, weil das ständige Pendeln durch die Stadt auf die Dauer zu viel Zeit und Geld in Anspruch genommen hatte. Momentan war ihr kleines PR-Unternehmen nur mit diesem einen Auftrag beschäftigt, der sie aber alle voll auslastete.

„Der Hotelbau in Thailand kommt gut voran“, bemerkte Gage.

„Prima.“

„Es ist Ihnen tatsächlich gelungen, die Bevölkerung und die Aktionäre zu besänftigen.“

„Das war einfach. Schließlich schaffen Sie viele neue Arbeitsplätze in der Region und zahlen gute Löhne. Das wirkt sich positiv auf das dortige Wirtschaftswachstum aus. Und sie versuchen, den Bau so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten. Auch die Tatsache, dass Sie einige Hundert Hektar Land für ein Naturschutzprojekt erworben haben, spricht für Sie. Wann treten wir damit eigentlich an die Öffentlichkeit?“

„Mir ist es eigentlich gleichgültig, was eine protestierende Minderheit denkt, solange meine Hotels ausgebucht sind. Und das ist der Fall. Damit kann ich gut leben. Leider muss ich aber jetzt auch an die Aktionäre denken. Das ist das Problem, wenn man eine Aktiengesellschaft gründet.“

„Was hat Sie eigentlich dazu veranlasst? Ich hatte den Eindruck, Sie würden die Zügel lieber selbst in der Hand behalten.“

Gage lehnte sich zurück und schob sich das dunkle Haar aus der Stirn. „Das haben Sie also bemerkt.“

„Dazu gehörte nicht viel.“

„Ich habe die Aktiengesellschaft gegründet, weil ich mir davon einen höheren Bekanntheitsgrad erhofft habe. Damals musste ich die Schulden für die Firmengründung begleichen und benötigte eine Kapitalspritze. Durch die Börsennotierung konnte ich das Darlehen im Handumdrehen zurückzahlen.“

Es war allgemein bekannt, dass Gage aus vermögendem Haus stammte. Daher überraschte es Lily, dass er ein Darlehen benötigt hatte, um seine Firma aufzubauen. Im Gegensatz zu ihr musste er doch auf die Unterstützung seiner Familie sowohl in finanzieller als auch menschlicher Hinsicht zurückgreifen können.

„Der Nachteil liegt jedoch darin, dass Sie jetzt diplomatischer agieren müssen“, bemerkte sie nachdenklich.

„Diplomatie gehört sowieso zum Geschäft. Schließlich baue ich Hotels und muss in der Öffentlichkeit gut dastehen.“

„Das ist wohl wahr.“

Bisher war ihm das immer ganz passabel gelungen. Er hatte eine charismatische Ausstrahlung, war charmant und umgab sich mit den begehrtesten Frauen Hollywoods, was ihn schon häufig auf die Titelseiten der Hochglanzmagazine gebracht hatte. Für einen Geschäftsmann sonnte er sich tatsächlich ungewöhnlich häufig im Licht der Öffentlichkeit.

Dass er auch ein Sklaventreiber sein konnte, wussten lediglich seine Mitarbeiter. Der Fairness halber musste man aber dazu sagen, dass er von ihnen nur forderte, was er auch selbst zu leisten bereit war. Und er schonte sich nicht. Natürlich nötigte Lily das Respekt ab. Deshalb ließ sie sich auch nie ihren Unmut anmerken, wenn er morgens um drei Uhr bei ihr anrief.

„Steht sonst noch etwas auf der Tagesordnung?“, fragte sie.

„Ich brauche morgen Abend eine Begleiterin zu einer Spendengala.“

„Wie kommt’s? Haben Sie Ihr kleines schwarzes Adressbuch verlegt?“ Lily lächelte ironisch.

„Nein, das ist sicher im Safe aufgehoben, damit es niemandem in die Hände fällt, der damit Übles im Sinn hat.“

„Das ist Ihnen vorbehalten.“

„Ich mache nur sehr selten davon Gebrauch. Für morgen Abend fehlt mir jedenfalls die passende Begleitung, und mein Adressbuch gibt nichts her.“

„Das spricht nicht gerade für Ihren guten Geschmack“, bemerkte sie anzüglich. Es war ihr schon lange ein Dorn im Auge, dass er sich ständig mit hübschen, aber hirnlosen Frauen umgab. Aber mit klugen weiblichen Wesen konnte er wohl nichts anfangen.

„Mit Geschmack hat das nichts zu tun, sondern mit dem Veranstaltungsort. Ich möchte, dass Sie mich begleiten.“

„Ich?“

„Aber Sie brauchen etwas anderes zum Anziehen.“

„Wie bitte?“

„Sie sind intelligent und können sich unterhalten.“

„Wie fast alle Frauen. Ihr Pech, dass Sie sich immer die aussuchen, die nicht gleichzeitig reden und gehen können, ohne ins Stolpern zu geraten.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie sich eine Meinung über meine Begleiterinnen gebildet haben.“

Lily biss die Zähne zusammen. „Das spielt doch jetzt keine Rolle. Meine Aufgabe besteht lediglich darin, das ganze Elend nicht publik werden zu lassen. Und was, bitte schön, missfällt Ihnen an meiner Kleidung?“

Sie bezahlte viel Geld für qualitativ hochwertige, maßgeschneiderte Outfits und sah immer adrett und gepflegt aus. Das gehörte zu ihrer Berufsauffassung. Schließlich musste eine PR-Beraterin stets darauf vorbereitet sein, vor die Presse zu treten.

„Nichts, sofern Sie eine Konferenz besuchen. Aber Sie wirken eher wie die Frau eines Politikers als wie jemand, den ich zu einer Spendengala mitnehmen würde.“

„Ehefrauen von Politikern besuchen durchaus Spendengalas.“

„Ich bin aber kein Politiker.“

„Und mich kann man nicht anheuern.“

Gage verzog das Gesicht. „Nein, weil ich Sie bereits angeheuert habe. Sie arbeiten für mich, und ich erwarte, dass Sie mir zur Verfügung stehen, wenn ich Sie brauche. Immerhin haben wir das vertraglich so vereinbart.“

„Als PR-Beraterin, aber nicht als schmückendes Beiwerk auf einer Benefizveranstaltung.“

„Aber es geht doch um PR. Natürlich könnte ich die Spendengala schwänzen. Dann würden die Leute mich wirklich für ein geiziges Kapitalistenschwein halten. Oder ich könnte Shan Carter bitten, mich zu begleiten. Sie hat mir neulich ihre Telefonnummer zugesteckt.“

Vor Lilys geistigem Auge tauchte die verwöhnte blonde Erbin in ihren bis zu den Oberschenkeln reichenden Stiefeln und einem hautengen Kleid auf.

„Kommt nicht infrage.“ Ihre Berufsehre stand auf dem Spiel.

„Genau das ist mir auch klar, und ich bin kein PR-Berater“, meinte er lächelnd.

„Also gut, ich mach’s. Aber Sie bestimmen nicht, was ich anziehe.“

„Sie aber auch nicht.“ Herausfordernd schaute er sie an.

„Wieso nicht? Sie können doch gar nicht wissen, was für ein Outfit ich zu einer Gala anziehen würde.“

„Na schön, aber kein Tweed.“

„Ich trage keine Tweedkleidung. Oder doch, ich habe einen Blazer, der ist todschick. Es gibt noch andere Stoffe als Lycra, aber das können Sie ja nicht wissen, weil Ihre Begleiterinnen alle in Lycra gehüllt sind.“

Nonchalant zuckte Gage die Schultern. „Na und? Ich amüsiere mich eben gern. Schließlich arbeite ich auch hart. Und in meinem Privatleben kann ich doch wohl tun und lassen, was ich will.“

Der Punkt geht an ihn, musste Lily zugeben. Allerdings fragte sie sich, was die Frauen an ihm fanden. Okay, er sah sexy aus und konnte ihnen etwas bieten. Aber er war auch völlig kompromisslos. Mit so einem Mann könnte sie nicht zusammenleben. Schließlich wusste sie, welche Einschränkungen so ein Verhalten für eine Frau bedeuteten. Niemals würde sie es zulassen, dass jemand anders als sie selbst über ihr Leben bestimmte!

Es reichte ihr schon, dass Gage über ihr Berufsleben verfügte. Ihr Privatleben war für ihn tabu. Die Fehler ihrer Mutter wirkten als warnendes Beispiel.

„Wenn Sie von mir erwarten, dass ich mich neu einkleide, müssen Sie mir aber auch Zeit zum Einkaufen geben.“

„Sie können sich den Nachmittag freinehmen.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Und morgen früh. Schließlich muss ich irgendwann auch mal schlafen.“

„Also gut, Sie haben bis zum Mittag frei.“

„Einverstanden.“

„Aber kein Schwarz und kein Beige.“

„Zu einer Kunstgala tragen die meisten Frauen aber schwarze Kleider.“

„Ich weiß, und deshalb möchte ich, dass Sie eine andere Farbe wählen.“

Unwillig runzelte sie die Stirn. „Ich lasse mir doch von einem Mann nicht vorschreiben, was ich anzuziehen habe.“

Gage stand auf. Wieder einmal bewunderte sie seine tadellose Figur. Dieser knackige Po …

Herausfordernd zog Gage eine Augenbraue hoch. „Selbst dann nicht, wenn ihr Liebhaber eine Vorliebe für bestimmte Dessous hat? Würden Sie darauf auch keine Rücksicht nehmen?“

Wider Willen errötete Lily. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert.

Eigentlich störte sie die mangelnde Erfahrung in Liebesdingen nicht. Es war ihre Entscheidung gewesen, sich ihre Unschuld zu bewahren – keine leichte Aufgabe, in dem Umfeld, in dem sie aufgewachsen war. Aber sie dachte nicht im Traum daran, Gage zu gestehen, dass bisher kein Mann Gelegenheit gehabt hatte, sich ein Bild von ihrer Unterwäsche zu machen.

Stolz begegnete sie Gages eindringlichem Blick. „Ich verfüge über einen ausgezeichneten Geschmack“, behauptete sie. „Bisher hatte noch niemand etwas daran auszusetzen.“ Sie griff nach ihrem Aktenkoffer und stand auf. „Und Sie werden auch keinen Grund dazu haben.“ Mit diesen Worten ging sie hocherhobenen Hauptes zur Tür und zog sie hinter sich zu.

Nur Lily allein wusste, wie sehr ihr Herz hämmerte.

3. KAPITEL

Gage war es gewohnt, dass Lily stets perfekt gestylt war. Selbst wenn sie morgens um zwei in sein Büro eilte, um ein PR-Desaster zu verhindern, bot sie einen bildhübschen Anblick. Doch in diesem dunkelblauen Cocktailkleid mit Rüschenärmeln, einem sittsamen Dekolleté und einem umso tieferen Rückenausschnitt, der fast schon als kriminell zu bezeichnen war, wirkte sie geradezu atemberaubend.

Das Haar hatte sie zur Seite gekämmt, sodass die Locken über eine Schulter fielen und die sexy Rückansicht nicht verdeckten. Sie trug auch mehr Make-up als im Büro und zeigte ihre nackten traumhaften Beine, denn das Kleid reichte kaum bis zu den Knien.

Gages Libido meldete sich sofort, aber schließlich hatte er auch schon lange keinen Sex mehr gehabt. Die Arbeit hatte ihn zu sehr beschäftigt. Und wenn er nicht gerade über den verschiedenen Bauprojekten brütete, dann kümmerte er sich um Madelines Umzug in eine neue Wohnung außerhalb des Universitätsgeländes. Zuerst hatte seine kleine Schwester sich gesträubt umzuziehen, weil sie sich das Apartment nicht leisten konnte. Doch er bestand darauf, dass sie fortan in einer bürgerlichen Gegend lebte. Madelines Sturheit hatte ihn viel Zeit und Geduld gekostet. Darunter hatte selbst sein Liebesleben gelitten.

Deshalb fielen ihm beim Anblick seiner PR-Beraterin nun im Foyer des Aquariums von San Diego auch fast die Augen aus dem Kopf.

Sie zuckte zusammen, als er ihr eine Hand auf den nackten Rücken legte. Gage lächelte wissend und wandte ihr den Kopf zu, wobei er einen Hauch ihres sinnlich-weiblichen Dufts einatmete, der seine Sinne betörte. „Sie haben sich für dunkelblau entschieden, weil ich Ihnen schwarz verboten hatte, oder?“

Sie spitzte die Lippen und bedachte ihn mit einem trotzigen und gleichzeitig lasziven Blick. „Kann schon sein.“

„Sie können es eben nicht lassen, mich herauszufordern“, behauptete er und streifte ihr Ohr mit den Lippen. Erneut zuckte sie zusammen. Interessant, dachte Gage. Lily war also doch nicht so kühl, wie sie sich gern gab.

„Ich möchte meinen Job nicht verlieren“, entgegnete sie und sah ihn drohend an.

Gage runzelte die Stirn. Lilys lebhafte Art gefiel ihm. Aber er war ihr Auftraggeber und somit nicht befugt, sie anzufassen, nur, weil er sie anziehend fand. Sie war eine gute PR-Beraterin, und es machte Freude, mit ihr zusammenzuarbeiten. Gerade deshalb war sie privat für ihn tabu.

Daher zog er schnell die Hand zurück und betrachtete Lilys makelloses Gesicht. Die braunen Locken, die ihr duftig über die Schulter fielen, und das Make-up ließen sie weicher, gefühlvoller erscheinen.

Er hatte das Bedürfnis, sie erneut zu berühren. Wie gern hätte er die zarte Wange gestreichelt, seine Finger durch das schimmernde Haar gleiten lassen. Allein die Vorstellung erregte ihn. Doch Gage widerstand dem Impuls.

„Als ob ich Sie feuern würde“, sagte er rau und wich einen halben Schritt zurück. „Sie sind viel zu gut.“

„So ein großes Lob aus Ihrem Mund. Vielleicht sollte ich mir das rahmen lassen“, spöttelte sie.

Seite an Seite betraten sie die Ausstellung, die sich im Seetangdschungel befand. Der große Raum wurde durch das dreigeschossige zylindrische Aquarium in ein bläuliches Licht getaucht. Bunte Fische schwammen zwischen riesigen Wasserpflanzen hindurch. Kunstwerke waren über den ganzen Raum verteilt. Auf beigefügten Formularen konnte man sein Gebot abgeben.

Gage schlenderte zu einem der Ausstellungsstücke, griff nach einem Formular und schrieb eine astronomische Summe darauf, bevor er den Zettel in einen dafür vorgesehenen Kasten warf, ohne dass er das Kunstwerk auch nur eines Blickes gewürdigt hätte.

„Sie sollten nicht so diskret sein, wenn Sie Gutes tun“, riet Lily. „Wenn Sie beispielsweise neben einer Hotelanlage ein Naturschutzgebiet einrichten, dann sollte die Öffentlichkeit davon erfahren.“

„Wieso?“

„Weil es gut für Ihr Image ist. Es ist schwierig, einen ‚Baulöwen‘ ins rechte Licht zu rücken. Mein Job wäre erheblich einfacher, wenn Sie Ihre guten Taten hinausposaunten.“

Er verzog das Gesicht. „Sie haben meine gute Tat mit eigenen Augen gesehen. Dann können Sie es ja übernehmen, die Öffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen.“

„Offensichtlich wäre es Ihnen lieber, ich würde Stillschweigen darüber bewahren.“

„Es geht mir gegen den Strich, mir gute Publicity zu erkaufen, und genau darauf liefe es hinaus“, erklärte er ärgerlich.

„Die meisten Menschen haben damit kein Problem.“

„Und was halten Sie davon, Lily? Und erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass es nicht auf Ihre Meinung ankommt, sondern darauf, wie ich in der Öffentlichkeit dastehe.“

Nervös biss sie sich auf die Lippe. Dieser Charakterzug von Gage verwirrte sie. Es war nur zu offensichtlich, dass es ihm unangenehm war, wenn die Leute von seinen guten Taten erfuhren. Dagegen schienen ihm die Negativschlagzeilen über seinen Frauenverschleiß nichts auszumachen. Eigentlich machte ihn diese Bescheidenheit sympathisch – zu sympathisch für Lilys Seelenfrieden.

„Schon gut“, sagte sie nachgiebig. „Bei dieser Art von Veranstaltung kommt es sowieso nur darauf an, zu sehen und gesehen zu werden. Aber schauen Sie nur, wie die anderen Gäste eine Riesenshow daraus machen, ihre Gebote abzugeben.“

„Ich habe aber keine Lust auf diese Spielchen.“

„Ein Spielverderber dürfen Sie aber auch nicht sein, Gage. Mischen Sie mit, das ist gut fürs Geschäft.“

„So richtig in Ihrem Element scheinen Sie hier aber auch nicht zu sein, Lily.“

Wie ertappt wandte sie sich ihm zu. „Merkt man mir das etwa an?“, erkundigte sie sich entsetzt. Dabei legte sie doch so viel Wert auf ihr Image.

Die Lily Ford, die unter ärmsten Verhältnissen in einer Wohnwagensiedlung in Kansas aufgewachsen war, würde es in der Public-Relations-Branche nicht weit bringen. Doch die Lily Ford gab es nicht mehr. Sie hatte ihre Vergangenheit weit hinter sich gelassen und einer jungen Dame Platz gemacht, die genau wusste, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren hatte – kühl und würdevoll, perfekt gestylt, in teure Designerkleidung gehüllt. Diese Lily war sehr erfolgreich. Alles war nur eine Imagefrage.

Wer sich hinter dem makellosen Auftritt verbarg, ging niemanden etwas an. Es kam nur darauf an, was die Leute sahen. Nach dieser Philosophie lebte sie.

„Integrität scheint Ihnen wichtig zu sein, Lily. Und Sie haben erkannt, dass diese Show hier, seinen Reichtum und seine Großzügigkeit zu demonstrieren, etwas Aufgesetztes hat. Trotzdem möchten Sie, dass ich mitspiele.“

„Stimmt. Aber wir leben nun einmal in einer medialen Welt. Da heißt es, sich in der Öffentlichkeit möglichst positiv darzustellen.“

„Ich habe aber keine Lust, die Neugierde der Öffentlichkeit zu bedienen.“

„Ich weiß, aber Sie verdienen gern Geld. Dazu brauchen Sie ein gutes Image. Und das ist für ein Kapitalistenschwein gar nicht leicht zu erzielen.“

Ein bitterböser Blick traf sie, den sie jedoch geflissentlich übersah.

Wortlos spazierten sie durch die Ausstellung. Bekannte bedachte Gage mit einem flüchtigen Gruß, ließ sich aber auf keine Gespräche ein. Eigentlich hatte Lily ein gutes Gespür für Menschen und wusste bereits nach kurzer Zeit, was sie umtrieb. Doch trotz der monatelangen Zusammenarbeit mit Gage war er für sie noch immer ein Buch mit sieben Siegeln.

Heute Abend hatten sie zum ersten Mal ein persönliches Wort miteinander gewechselt. Sonst ging es immer nur strikt ums Geschäft. Den privaten Gage kannte sie gar nicht.

Eine magere Blondine, die offenbar zur örtlichen Schickeria zählte, stelzte mit wogenden Brüsten heran, blieb dicht vor Gage stehen und schmachtete ihn an, als wäre er allein und nicht in Lilys Begleitung.

„Gage“, hauchte sie. „Wie schön, dass ich dich hier gefunden habe. Draußen im Innenhof wird getanzt.“

„Danke, ich werde nachher mit meiner Begleiterin tanzen.“ Er gab sich betont abweisend. Besitzergreifend schlang er einen Arm um Lilys Taille. Lily wurden fast die Knie weich.

Noch nie hatte sie so heftig auf die Berührung eines Mannes reagiert. Das konnte natürlich daran liegen, dass sie Männern eher die kalte Schulter zeigte. Sie hatte mit angesehen, wie ihre Mutter sich einem Liebhaber nach dem anderen hingab. Einige wollten sie entwurzeln und von einer Stadt zur nächsten ziehen, andere hatten sie erniedrigt, wieder andere wollten über ihr Leben bestimmen. Das war nichts für Lily gewesen. Mit dreizehn Jahren hatte sie genug gesehen und beschlossen, sich auf keine Beziehung einzulassen.

Als sie siebzehn wurde, hatte sie Kansas den Rücken gekehrt und war nach Kalifornien gezogen. Zehn Jahre später leitete sie ihre eigene Firma, war stolze Besitzerin einer hübschen Wohnung und gestaltete ihr Leben, wie sie es für richtig hielt. Für einen Mann war darin kein Platz. Im Bekanntenkreis stieß ihre Einstellung auf Unverständnis. „Du weißt ja gar nicht, was du dir entgehen lässt“, behaupteten ihre Freundinnen und drängten sie, sich mit Männern zu verabreden, die sie für sie ausgesucht hatten. Doch Lily analysierte das Verhalten des jeweiligen Kandidaten beim ersten Date so genau, dass es zu keinem weiteren Treffen kam, denn die Männer würden ihr früher oder später vorschreiben, wie sie ihr Leben zu führen hätte, davon war sie felsenfest überzeugt.

Sie hatte als Kind einfach zu oft erleben müssen, wie die Beziehungen ihrer Mutter in die Brüche gingen. So etwas wollte sie sich lieber ersparen.

Gages Berührung löste seltsamerweise keinen Fluchtimpuls aus. Im Gegenteil! Lily fand es angenehm prickelnd, wie er ihr über die Hüfte strich.

„Wollen wir tanzen?“, flüsterte er ihr heiser ins Ohr. Vermutlich hatte er bemerkt, wie wohl sie sich in seiner Nähe fühlte. Sie hoffte, dass sich ihre erregten Brustknospen nicht zu deutlich unter dem dünnen Stoff ihres Kleides abzeichneten.

Sie fing einen vernichtenden Blick der Blondine auf, die es wohl zu gern gesehen hätte, wenn Lily zur Salzsäule erstarrt wäre. Also lächelte sie strahlend. „Ja, ich würde gern tanzen.“

Selbstvergessen berührte sie zärtlich Gages Gesicht. Als ihr bewusst wurde, was sie tat, zog sie die Finger erschrocken wieder zurück. Nachts hatte sie sich oft vorgestellt, seine Wange zu streicheln. Nun war der Traum in Erfüllung gegangen. Lilys Handfläche brannte.

Vorbei an weiteren Aquarien folgte sie Gage hinaus auf einen Innenhof, in dem eine Band spielte.

Gage verschränkte eine Hand mit ihrer und zog Lily an sich, wobei er ihr tief in die Augen sah.

Lilys Herz klopfte aufgeregt. Es hatte keinen Sinn, sich etwas vorzumachen: Sie fühlte sich gefährlich stark zu Gage hingezogen.

„Das ist unpassend“, sagte sie mit bebender Stimme.

„Soll ich lieber mit Cookie tanzen?“

Lily lachte laut und hielt sich schnell die Hand vor den Mund, die eben noch auf Gages Schulter geruht hatte. „Heißt sie wirklich so?“

„Wahrscheinlich ist es nur ein Spitzname.“

„Haben Sie Ihre Bekannte denn nie gefragt?“

„Nein, es erschien mir unwichtig.“

Das sprach Bände über Gages Einstellung zu einer Beziehung. Belanglose Affären waren ihm lieber als eine feste Bindung. Und Lily mied von vornherein jeglichen privaten Umgang mit Männern. Eine Gemeinsamkeit hatten Gage und sie: Beide hielten dauerhafte Partnerschaft für völlig überbewertet.

Als Gage seine Hand erneut über Lilys nackten Rücken gleiten ließ, spürte er den Schauer, der über ihren Körper lief. Die Anziehungskraft war also keineswegs einseitig. Seltsam, denn bisher kannte er Lily nur als zugeknöpfte Mitarbeiterin, plötzlich jedoch entpuppte sie sich als offenherzig und unglaublich sexy. Obwohl, wenn er jetzt darüber nachdachte: Sexy hatte er sie schon immer gefunden. Wie oft hatte es ihn in den Fingern gejuckt, den strengen Knoten zu lösen, damit Lilys Haar frei über ihre Schultern fallen konnte?

Lily schmiegte sich an ihn, und Gage zog sie verlangend noch enger an sich, damit sie spürte, wie sehr sie ihn erregte. Sie sollte wissen, was sie mit ihm anstellte. Normalerweise fing er nichts mit einer Mitarbeiterin an. Doch bei Lily geriet er in Versuchung, diesen Vorsatz zu brechen. So etwas war ihm noch nie passiert. Er fand Frauen attraktiv, begehrte sie. Aber noch keine hatte ihn ernsthaft in Bedrängnis gebracht. Er hatte keine Skrupel, ein Date nicht mit einer gemeinsamen Nacht enden zu lassen, sondern die jeweilige Dame vorher zu verabschieden. Karriere und Familie standen bei ihm an oberster Stelle. Er war es gewohnt, auf sein Vergnügen zu verzichten. Doch die heiße, prickelnde Lust, die seinen Körper erfasst hatte, ließ sich nicht einfach verdrängen.

Überrascht sah Lily auf, als sie bemerkte, was sie in ihm auslöste. Ihr stockte fast der Atem. „Das ist nun wirklich unpassend“, stieß sie rau hervor.

„Mag sein, aber mir gefällt es.“

Unwillkürlich befeuchtete sie ihre Lippen. Das war so sinnlich, dass ihm noch heißer wurde vor Verlangen. Schnell senkte sie den Blick und schmiegte sich wortlos enger an Gage. Dabei berührten ihre Brüste seinen muskulösen Oberkörper.

Sie schloss die Augen. Ihr Mund war leicht geöffnet. Sie schwankte etwas. Und dann blieb sie stocksteif stehen. Löste sich von Gage und musterte ihn schockiert mit weit aufgerissenen braunen Augen.

„Haben Sie alle Gebote abgegeben?“, fragte sie. Ihre Brüste hoben und senkten sich, weil Lilys Atem vor Erregung schneller ging.

„Ja.“ Er versuchte, den Schmerz des unbefriedigten Verlangens zu ignorieren.

„Dann sollten wir jetzt gehen. Wahrscheinlich müssen wir morgen wieder früh raus.“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und kehrte ins Gebäude zurück. Verzweifelt schüttelte Gage den Kopf. Sie hatte natürlich recht, dem Spiel ein Ende zu setzen. Nur sein sehnsüchtiger Körper rebellierte dagegen. Doch Gage schätzte Lily als Mitarbeiterin viel zu sehr. Wenn er jetzt mit ihr schlafen würde, riskierte er automatisch, eine hervorragende Arbeitskraft zu verlieren. Das war es nicht wert, auch wenn es fraglos eine unbeschreiblich atemberaubende Nacht mit ihr sein würde.

Trotzdem blieb er seinem Grundsatz treu, niemals Arbeit und Vergnügen zu vermischen. Erst kam der Job, dann die Familie und zuletzt sein Liebesleben. Alles fein säuberlich voneinander getrennt.

War das wirklich notwendig? Es hatte sich wundervoll angefühlt, Lily in den Armen zu halten. Fast hätte er seine bezaubernde Mitarbeiterin geküsst. Wäre das wirklich so schlimm gewesen?

Lily fand keinen Schlaf, und das war ganz allein Gages Schuld. Beinah hätten sie sich geküsst. Aus Neugier. Sie hätte gern gewusst, wie es wäre, ihn zu küssen. Das war doch nur menschlich, oder?

Gage war ganz anders als die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Erfolgreicher, entschlossener – das gefiel ihr. Fast hätte sie ihre strengen Prinzipien für einige Momente heißer Lust über Bord geworfen.

Es war ihr sehr schwergefallen, sich von Gage zu lösen. Es war traumhaft gewesen, sich an ihn zu schmiegen und von Leidenschaft fast überwältigt zu werden. Und sie hatte sich überhaupt nicht bedrängt gefühlt.

Ungestillte Sehnsucht raubte ihr den Schlaf. „Ich will nichts von Gage“, sagte sie laut vor sich hin.

Er war ihr Chef. Sie würde niemals etwas mit ihm anfangen. Dazu war ihr dieser Job viel zu wichtig. Auf keinen Fall wollte sie ihn aufs Spiel setzen, nur um ein wenig Spaß zu haben. Nein, sie wollte auch in Zukunft Privat- und Berufsleben sorgfältig voneinander trennen. Das hatte bisher schließlich auch reibungslos geklappt.

Bei ihren Kunden handelte es sich fast ausschließlich um Männer. Selbst wenn sie sich für sie interessiert hatten, wie Jeff Campbell, war sie nicht einmal versucht gewesen, sich auf eine Affäre einzulassen.

Verzweifelt ballte sie mehrmals die Hände zu Fäusten, um ihre Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Ihr war rätselhaft, wie sehr sie in Gages Nähe die Beherrschung verlor. Sie hatte schon einige Männer geküsst, was sie bisher aber nicht sonderlich beeindruckt hatte. Niemandem war es gelungen, brennendes Verlangen bei ihr zu entfachen. Das jedoch hatte Gage mit einem Beinahekuss geschafft.

Hätten sich ihre Lippen zu einem Kuss gefunden, es hätte kein Halten mehr gegeben. Lily wusste, dass sie diesem Mann nicht hätte widerstehen können. Was war eigentlich aus ihrem eisernen Willen geworden, sich ihr Schicksal niemals aus der Hand nehmen zu lassen? Sie allein bestimmte, was sie aus ihrem Leben machte!

Frustriert stöhnte sie auf, warf die Bettdecke zurück, stand auf und setzte sich an den Rechner. An Schlaf war sowieso nicht zu denken, dann konnte sie auch arbeiten.

Zuerst klickte sie auf das E-Mail-Programm und öffnete die Nachricht, die alle aktuellen Meldungen zusammenfasste, die die Suchmaschinen über Forrestation Inc. und Gage Forrester verzeichneten. Es war sehr wichtig, immer auf dem neusten Stand zu sein, damit sie, Lily, möglichst zeitnah reagieren konnte, falls dies erforderlich war.

Plötzlich stockte ihr beim Überfliegen der Meldungen der Atem. Das durfte doch nicht wahr sein! Entsetzt griff sie zum Telefon und drückte die Schnellwahl für Gages Nummer. Es spielte keine Rolle, dass es drei Uhr morgens war.

„Gage? Wir haben ein großes Problem.“

4. KAPITEL

„Das ist ja völliger Unsinn.“ Wütend warf Gage die Zeitungen auf den Schreibtisch. Am liebsten hätte er Journalisten, die so einen Schund verbreiteten, umgehend zur Rede gestellt.

Als er vor wenigen Minuten die schluchzende Maddy am Telefon gehabt hatte, wäre er vor Zorn fast explodiert. Wie konnte jemand so gemeine Gerüchte über Madeline in die Welt setzen?

Dabei hatte seine Schwester sich ungeheuer entwickelt. Nach dem Collegeabschluss kam sie endlich aus ihrem Schneckenhaus heraus. Die schlimme Kindheit lag endgültig hinter ihr. Als kleines Mädchen war sie viel zu ruhig gewesen. Immer hatte sie Angst gehabt, sich falsch zu verhalten. Die Furcht, auch ihr Bruder könnte sie im Stich lassen, war ihr ständiger Begleiter gewesen. Erst in den vergangenen Jahren hatte sie wirklich Fortschritte gemacht. Und nun drohte dieses Geschmiere alles zu zerstören, was sie sich mühevoll aufgebaut hatte.

„Genauso sehe ich das auch“, sagte Lily. „Das ist nicht einmal eine Nachricht. Schrecklich, dass wir in einer Zeit leben, in der so etwas überhaupt veröffentlicht werden darf. Leider wird dieser Schund heute Morgen in jeder Zeitung stehen – ob seriös oder Revolverblatt.“

„Das hat Madeline nicht verdient. Sie hat bereits genug gelitten. Gerade hat sie ihren Abschluss gemacht. Es ist sowieso schon schwierig genug, einen Job zu finden, zumal Maddy sich von mir nicht helfen lassen will. Wer soll sie denn einstellen, nachdem er diesen Mist über sie in der Zeitung gelesen hat?“

„Dabei haben es Frauen in der Berufswelt sowieso schwerer. Und so ein Sexskandal bleibt den meisten Leuten lange im Gedächtnis.“

„Das ist alles erstunken und erlogen.“ Angewidert betrachtete Gage die Schlagzeile. „Sie hat geschworen, dass sie nichts mit dem Mann hatte. Sie hat ein Praktikum bei ihm gemacht, und er wollte etwas von ihr. Sie hat sich aber geweigert, mit ihm zu schlafen. Jetzt hat seine Frau herausgefunden, was für ein lüsterner alter Knacker er ist und will sich scheiden lassen, und er hat nichts Besseres zu tun, als Maddy die Schuld am Scheitern seiner Ehe zu geben und meine Schwester als aufdringliches Frauenzimmer darzustellen, das nur darauf aus war, sein Leben zu zerstören.“

„Mal ungeachtet dessen, ob sie ein Verhältnis mit ihm hatte oder nicht …“

Aufgebracht schaute Gage sie an. „Sie hatte kein Verhältnis mit dem Kerl.“

„Okay, okay, Sie kennen Ihre Schwester besser als ich und wissen, dass Sie ihr glauben können. Aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Selbst wenn sie mit ihrer eigenen Version an die Öffentlichkeit geht – was ich übrigens empfehlen würde –, werden die Leute sich die Mäuler zerreißen. William Callahan ist sehr bekannt – und seine zukünftige Exfrau sogar berühmt.“

Gage kannte das populäre Topmodel nur zu gut, weil es ihm bei gesellschaftlichen Anlässen immer wieder schöne Augen gemacht hatte. Die Schönheit dieser Frau war sogar mal Thema eines Songs gewesen, doch Gage hatte sie kalt gelassen. Außerdem wilderte er nicht in fremden Revieren. Er hatte es überhaupt nicht nötig, einem anderen Mann die Partnerin auszuspannen. Mrs Callahan schien jedoch kein Deut besser zu sein als ihr untreuer Ehemann. Und nun versuchten sie, seine Schwester in ihre schmutzigen Affären hineinzuziehen!

„Ich würde die beiden eher als berüchtigt bezeichnen“, stieß Gage wütend hervor. „Diesen Kerl mache ich fertig.“

„Ich verstehe, wie Ihnen zumute ist, Gage. Aber bevor Sie etwas tun, was Sie später bereuen könnten, muss ich wissen, wie wir auf den Medienrummel reagieren, der Madeline erfassen wird.“

Lily hatte Maddy schon einige Male getroffen. Sie war eine hübsche, zierliche Brünette und wesentlich kleiner als Gage, der sie wie seinen Augapfel hütete. Madeline versuchte gerade, unabhängiger zu werden. Dafür hatte Lily vollstes Verständnis. Ihr war auch bewusst, wie schwierig es für Frauen war, sich im Berufsleben Respekt zu verschaffen. Kleidete man sich zu auffällig, erhielt man zweideutige Angebote, wählte man betont unauffällige Outfits, wurde man von Geschlechtsgenossinnen belächelt.

„Wir könnten dafür sorgen, dass die Leute abgelenkt werden.“

Lily musterte ihn scharf. „Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen. Ich weiß nur, dass ich alle Hände voll zu tun haben werde, diese Angelegenheit aus der Welt zu schaffen.“

Bedächtig wiegte Gage den Kopf. „Nein. Wir machen das anders. Wenn es uns gelingt, diese Story zu übertreffen, verschwindet Maddy aus der Schusslinie, und der Skandal kocht gar nicht erst hoch.“

„Theoretisch ist das eine gute Idee, aber wie wollen Sie so einen Megaskandal in den Schatten stellen?“

„Indem ich meine Verlobung bekannt gebe.“

Verblüfft schaute sie ihn an. „Ihre Verlobung? Aber Sie haben doch gar nicht vor zu heiraten.“

„Stimmt. Aber es wäre doch eine gute Schlagzeile, oder?“

Lily lachte abfällig. „Das glaubt Ihnen kein Mensch.“

„Sind Sie sicher?“

„Absolut sicher. Sie sind nun wirklich nicht der Typ, der heiraten würde.“

„Und woran liegt das?“

„Wenn man verheiratet ist, sollte man monogam leben. Jedenfalls ist das der Sinn der Ehe.“ Leider wusste sie nur zu gut, was passierte, wenn man sich nicht daran hielt. Ihre Mutter hatte die Dramen und die Eifersucht richtiggehend zelebriert.

„Ich gehe nicht fremd. Wenn ich mich für eine andere Frau interessiere, beende ich zuerst meine laufende Beziehung. Warum sollte ich bei einer Frau bleiben, wenn ich eine andere begehre?“

„Sie scheinen einen hohen Frauenverschleiß zu haben.“

„Deshalb wäre es ja auch eine Sensation, wenn ich meine Verlobung bekannt geben würde. Die Schlagzeile wäre mir sicher.“

„Da ist was dran. Aber wie wollen Sie auf die Schnelle eine Frau finden, die mitspielt und sich nicht verplappert, dass alles nur Show ist?“

Ihr Blick fiel auf Gage, der sie intensiv anschaute. Ein breites Lächeln erhellte sein markantes Gesicht.

„Lily.“

Es war ihr nicht geheuer, wie zärtlich er ihren Namen aussprach. Fast wie eine Liebkosung. Ein erregendes Prickeln überlief ihren Körper. So hatte sie sich gefühlt, als sie sich an ihn geschmiegt hatte.

„Ich möchte, dass du mich heiratest.“

Wohl zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Lily keine passende Reaktion parat. Dabei wusste sie sonst immer genau, wie sie sich zu verhalten hatte. Doch diese Situation überforderte sie.

Sie machte den Mund auf, schloss ihn aber gleich wieder. Verzweifelt suchte sie nach einer schlagfertigen Entgegnung. Ihr fiel nichts ein. Schließlich sagte sie nur: „Das ist nicht dein Ernst.“

Gage lachte amüsiert. „Klar. Ich möchte, dass du meine Verlobte wirst.“

„Nein.“ Abwehrend schüttelte sie den Kopf. „Das kommt überhaupt nicht infrage.“

„Wie wichtig ist dir dein Job, Lily?“

„Wichtiger als alles andere. Ich habe ihn mir hart erkämpft.“

„Es wäre ein Jammer, wenn all die Mühen vergeblich gewesen wären, oder?“

„Ja.“

„Ich möchte nicht, dass Madelines gesamte Arbeit aufs Spiel gesetzt wird, weil man sie den Wölfen zum Fraß vorwirft. Meine Schwester hat es nicht verdient, wieder bei null anfangen zu müssen.“

Lily war sich der versteckten Drohung durchaus bewusst. Wenn sie ihren Job behalten wollte, musste sie sich auf Gages Spielregeln einlassen.

„Nur du kommst infrage“, erklärte er. „Man hat uns gestern bei der Gala zusammen gesehen, und wir haben die Grenzen der beruflichen Zusammenarbeit überschritten.“

„Das sehe ich anders. Wir haben die Veranstaltung als Chef und Mitarbeiterin besucht“, behauptete sie wider besseres Wissen. Vor ihrem geistigen Auge tauchte das Bild auf, wie sie in Gages Armen gelegen hatte.

Erstaunt runzelte er die Stirn in Falten. „Wirklich? Wo ziehst du denn die Grenze? Warst du schon mal mit einem deiner Chefs verlobt?“

„Ich habe noch nicht einmal eingewilligt, mich mit meinem derzeitigen Chef zu verloben“, stieß sie hervor.

Die Vorstellung löste blankes Entsetzen bei ihr aus. Sie wollte nicht noch mehr Zeit mit Gage verbringen. Sie hatte keine Lust, seine verliebte Braut zu spielen. Objektiv betrachtet war dies jedoch die beste Möglichkeit, die Aufmerksamkeit von Madeline auf Gage zu lenken, ohne sein Ansehen in der Öffentlichkeit zu beschädigen.

„Du hast recht“, gab sie schließlich zu. „auch wenn ich es nur sehr ungern eingestehe.“

„Für dich wird es ein Kinderspiel sein, Lily. Du bist doch ein Profi durch und durch.“

„Wenn du dir einbildest, ich würde darauf hereinfallen, tust du mir leid.“

„Wie meinst du das?“ Er lehnte sich lächelnd zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Dieser Schuft wusste genau, wie er sie, Lily, herumkriegte!

„Dein Forrestercharme zieht bei mir nicht“, behauptete sie nichtsdestotrotz. Dabei flatterten Schmetterlinge in ihrem Bauch.

„Okay, dann kann ich mir den ja sparen. Aber wir haben keine Wahl, Lily. Wenn ich untergehe, bleibst du auch nicht verschont. Wir müssen da zusammen durch. Wenn du die Brocken jetzt hinwirfst, wirst du nie wieder einen Job als PR-Beraterin finden. Wie sieht das denn aus, wenn du deinen Kunden im Stich lässt, als er dich am dringendsten braucht? Wenn es dir allerdings gelingt, die Situation zu retten, dann stehen dir alle Türen offen.“

„Ich weiß.“ Gage würde sie natürlich zum Schweigen verdonnern, aber die beste Referenz für eine PR-Beraterin war es ja, wenn in der Presse ein positives Bild ihres Kunden gezeichnet wurde. Einen Skandal konnte man sich in ihrem Beruf nicht leisten. Dann war es mit der Karriere vorbei. „Also gut, ich bin einverstanden.“

„Ausgezeichnet.“ Gage griff nach seinem Handy und wählte eine Nummer. „Dave? Ich brauche einen Verlobungsring. Keine Ahnung.“ Er sah sie fragend an. „Welche Ringgröße hast du?“

„Achtzehn.“

„Achtzehn“, sagte er ins Telefon. „Das spielt keine Rolle. Er muss nur auffällig sein.“ Damit beendete er das Gespräch.

„Du hast jetzt nicht den armen David beauftragt, einen Verlobungsring zu besorgen, oder? Es ist fünf Uhr morgens!“

„Wieso fragst du, wenn du die Antwort selbst kennst?“

Sie schnitt ihm eine Grimasse. Diese Angelegenheit machte sie extrem nervös. Die Vorstellung, Gages Verlobungsring am Finger zu tragen, gefiel ihr gar nicht. Das Schmuckstück würde symbolisieren, dass sie ihm gehörte. Auch wenn alles nur zum Schein war, verlor sie fast die Nerven. Beziehungen und Ehe waren ein rotes Tuch für sie.

„Ich konnte es eben einfach nicht glauben“, gab sie schnippisch zurück.

„Also, wie verkaufen wir nun die frohe Botschaft?“

Gut, jetzt war ihr Fachwissen gefragt. Sie musste eine Pressemitteilung verfassen. Lily zog sich ihren Laptop heran. „Wir arbeiten schon seit einiger Zeit eng zusammen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden und schließlich … mehr. Und dann hast du mir gestern Abend nach der Gala einen Heiratsantrag gemacht. Das erklärt, warum ich bei der Gala noch keinen Ring trug. Dieses Detail wäre nämlich aufgefallen.“

„Klingt gut. Also mach dich an die Arbeit! Der Ring wird in einer knappen Stunde direkt in dein Büro geliefert. Dann kannst du die Pressemitteilung herausgeben.“

Seine Körperhaltung verriet Lily, dass sie nun gehen konnte. „Das war ein lausiger Heiratsantrag. Fast so schlimm, wie den Ring im Essen zu verstecken.“ Diese Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen.

„Ich dachte, das gefällt euch Frauen“, meinte er amüsiert.

„Nein. Erstens wird der Ring schmutzig, und zweitens kann man sich an ihm die Zähne ausbeißen, wenn man nicht darauf vorbereitet ist, ihn im Essen zu finden.“

„Das werde ich berücksichtigen, falls ich tatsächlich mal einen richtigen Heiratsantrag machen sollte.“

„Hast du das denn vor?“, fragte sie ungläubig.

„Eigentlich nicht.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“

„Und du? Beim Klang von Hochzeitsglocken suchst du das Weite, aber wie sieht es mit einem Freund aus? Gibt es da jemanden, dem du deine plötzliche Verlobung erklären musst?“

„Nein. Und selbst wenn es so wäre, würde es keine Rolle spielen. Meine Arbeit steht an oberster Stelle. Das habe ich dir bereits beim Einstellungsgespräch mitgeteilt.“

„Würdest du für die Karriere wirklich deine Beziehung beenden?“

„Ja“, antwortete sie, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. „Du würdest es ebenso machen.“

„Stimmt. Aber ich dachte immer, Frauen wären diesbezüglich anders gestrickt.“

„Ich falle da wahrscheinlich aus dem Rahmen. Aber ich kann es nun mal nicht ertragen, wenn jemand versucht, über mein Leben zu bestimmen. Meine Karriere ist mir sehr wichtig. Sie hat erste Priorität. Wer mit mir zusammen sein will, muss das akzeptieren.“

„Kein Mann hätte Verständnis dafür, dass du die Verlobte eines anderen spielst“, gab Gage zu bedenken.

„Dann gibt es eben keinen Mann für mich.“ Lily rang sich ein Lächeln ab. „Jedenfalls nicht für eine langfristige Beziehung.“ Gage sollte ruhig wissen, dass sie nichts von dauerhaften Bindungen hielt.

„Die Richtige gibt es für mich auch nicht. Insofern passen wir ironischerweise gut zusammen.“

„Ja, in dem Punkt gebe ich dir recht.“

„So, und nun mach dich bitte an die Arbeit, Lily. Jeder soll unsere frohe Botschaft erfahren. Je mehr Redaktionen auf unser Ablenkungsmanöver hereinfallen, desto besser.“

Sie nickte zustimmend und machte sich auf den Weg zu ihrem eigenen Büro. Es war doch nur ein Job für sie. Warum versuchte sie dann, sich vorzustellen, wie der Ring an ihrem Finger sich anfühlen würde?

Normalerweise lebte Lily in der gespannten Atmosphäre einer Pressekonferenz richtig auf. Sie liebte den Lärm, das Chaos, das aufgeregte Wispern der Presseleute. Sie selbst war die Ruhe in Person und wusste stets genau, was sie sagen wollte oder was ihr Kunde erklären würde.

Doch an diesem Morgen war alles anders. Ihr war elend zumute.

Als Gage ihre Hand nahm, lief eine Hitzewelle durch Lilys Körper, und ihr Herz klopfte schneller. Mit der Pressekonferenz hatte das nichts zu tun, sondern ganz allein mit Gage. In seiner Nähe geriet Lilys Selbstbeherrschung ständig ins Wanken.

Jetzt zog er sie mit sich aufs Podium und hielt stolz ihre Hand ins Rampenlicht, sodass der auffällige Verlobungsring, den sie sich wenige Minuten zuvor über den Finger gestreift hatte, funkelte. Das Stimmengewirr der Pressevertreter verstummte schlagartig. Erwartungsvoll richteten sich alle Blicke auf den Ring. Die Meute witterte eine Sensation.

„Vielen Dank, dass Sie unserer Einladung zu dieser Pressekonferenz gefolgt sind“, sagte Gage und ließ seine und Lilys Hand wieder sinken. „Wir haben uns zu einer offiziellen Verlautbarung entschlossen, bevor die Gerüchteküche zu brodeln beginnt. Ich habe meiner PR-Beraterin Lily Ford einen Heiratsantrag gemacht, und sie hat ihn angenommen.“

Ein Blitzlichtgewitter ging über sie hernieder. Aus allen Richtungen prasselten die Fragen auf sie ein.

„Steht dies in irgendeinem Zusammenhang mit dem Bericht über Ihre Schwester, Mr Forrester?“

Lily spürte, wie Gage fast unmerklich zusammenzuckte und ihre Hand fester umschloss. Instinktiv streichelte sie ihn beruhigend mit der anderen Hand.

„Wir reden hier nicht über meine Schwester und diese Lügen, die über sie verbreitet wurden. Noch so eine Frage, und wir brechen die Pressekonferenz ab.“

Beim Klang seiner Stimme begannen die Alarmglocken bei Lily zu schrillen. Hastig zog sie die Hand zurück, als hätte sie etwas Verbotenes getan. Dabei war ihr die beruhigende Geste vollkommen natürlich vorgekommen.

„Steht der Hochzeitstermin schon fest?“, wollte eine Reporterin wissen.

„Wir wissen noch nicht einmal, wo wir heiraten werden“, erklärte Lily.

„Was bedeutet Ihre Verlobung im Hinblick auf Ihre wechselnden Frauenbekanntschaften?“, fragte ein Pressevertreter.

„Damit ist jetzt Schluss“, beschied Lily ihm in scharfem Tonfall. Normalerweise blieb sie bei Pressekonferenzen kühl und gelassen, aber dieses übertriebene Interesse am Leben von Menschen, die in der Öffentlichkeit standen, war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen.

„Das kann ich nur bestätigen.“ Zärtlich streichelte Gage ihre Hand, was ein erregendes Prickeln bei Lily auslöste. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal heiraten würde. Aber als ich Lily kennenlernte … Sie ist meine Traumfrau.“ Lächelnd schaute er ihr tief in die Augen. Ihr stockte der Atem. Gage sah aus, als meinte er jedes Wort ernst. Kein Wunder, dass er auch bei bildhübschen Frauen so leichtes Spiel hatte. Er beherrschte die gesamte romantische Klaviatur und klang dabei völlig glaubwürdig, obwohl alles nur Show war.

Lily war sich dessen durchaus bewusst, trotzdem reagierte sie mit Herzklopfen und sehnsüchtigem Verlangen auf seine Nähe.

Als sein Blick zu ihrem leicht geöffneten Mund glitt, hoffte sie im Stillen, er würde sie küssen.

Im letzten Moment gelang es ihr, sich zusammenzureißen und den Kopf abzuwenden. Sie wollte Gage nicht küssen. Er wickelte sie mit seinem Charme ein, wie er es schon mit unendlich vielen anderen Frauen getan hatte. Doch bei ihr würde er kein leichtes Spiel haben. Sie war anders. Sie hatte Prinzipien. Sie wusste, was geschah, wenn man die Zügel aus der Hand gab. Das würde ihr niemals passieren. Sie lebte ihr Leben, wie es ihr gefiel, unabhängig und selbstbestimmt. So sollte es auch bleiben.

Die restlichen Fragen beantwortete sie wie in Trance. Die tüchtige PR-Beraterin lächelte freundlich und demonstrierte Gelassenheit. Genau, wie es von ihr erwartet wurde. Wie es in ihrem Innern aussah, ging niemanden etwas an.

Ihr ganzes Wesen konzentrierte sich auf Gages Liebkosung, denn noch immer strich er ihr mit dem Daumen über ihren Handrücken und löste ein tiefes Verlangen mit dieser harmlosen Berührung aus.

„Vielen Dank für Ihr Interesse. Weitere Fragen können wir nicht beantworten, weil wir beide zurück an die Arbeit müssen. Und es würde mir schwerfallen, meine Verlobte zu feuern.“ Für diese Bemerkung wurde er mit höflichem Gelächter belohnt. Lily versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Kaum saßen sie wieder in der Limousine, zog Lily die Hand weg und rieb die Stelle, die Gage mit dem Daumen gestreichelt hatte.

„Beim nächsten Mal könntest du dich vielleicht etwas zusammenreißen. Man könnte glauben, du hättest etwas dagegen, wenn ich dich berühre.“

Sie sah auf und begegnete seinem eindringlichen Blick, der sie richtiggehend aufwühlte. In diesem Moment erkannte sie, wie viel es ihm bedeutete, seine Schwester zu beschützen. Offensichtlich war er der Meinung, Lily hätte sich bei dieser als Ablenkungsmanöver gedachten Pressekonferenz mehr Mühe geben können.

„So ein Unsinn“, widersprach sie gekränkt und warf einen Blick aus dem Fenster. In der Bucht schaukelten unzählige Jachten. „Meine Selbstbeherrschung war doch perfekt“, behauptete sie.

„Du warst stocksteif und angespannt.“

Dieser Vorwurf war ihr nicht neu. Einige Männer, mit denen ihre wohlmeinenden Freundinnen sie gern verkuppelt hätten, hatten sie sogar als frigide bezeichnet.

„Tut mir leid. Ich verspreche, an mir zu arbeiten.“

„Tu das.“ Sein Tonfall klang eisig.

„Niemand hat etwas bemerkt. Und wenn doch, dann schreiben sie das meiner Nervosität zu, mit so vielen Menschen konfrontiert zu sein.“

„Du gibst doch fast täglich Pressemitteilungen heraus.“

„Das stimmt. Aber die betreffen nicht mich selbst. Vielleicht bin ich privat ja eher schüchtern.“

„Du erzählst überhaupt nur sehr wenig über dein Privatleben.“

Privatleben? Das bestand aus vier Abenden in der Woche im Fitnessstudio, gefolgt von einer gesunden Mahlzeit und einer Fernsehshow nach Lilys Geschmack.

„Das ist privat, Gage, wie das Wort schon sagt.“

„Hat es denn irgendeinen Zweck, mein Privatleben zu schützen, Lily? Du weißt doch, wie die Medien reagieren. Wenn du ihnen nicht selbst erzählst, was hinter geschlossenen Türen vor sich geht, dann denken sie sich etwas aus.“

„Stimmt. Aber du setzt dich ja regelrecht in Szene. Das ist auch wieder übertrieben.“

„Ich treffe lediglich Frauen, die auch in der Öffentlichkeit stehen. Deshalb hat man es auf mich abgesehen. Wir brauchen nur gemeinsam auszugehen, schon wird am nächsten Tag darüber berichtet. Wir können ja nicht die ganze Zeit in meinem Schlafzimmer verbringen.“

Seine Nähe, die sexy Stimme, mit der er von seinem Schlafzimmer sprach, ließen Lilys Herz sofort wieder schneller schlagen. Vor ihrem geistigen Auge tauchten Bilder verschlungener Körper auf. Sie meinte, einen erregenden Duft wahrzunehmen und verlangendes Stöhnen zu hören. Andere Männer hatten nicht so eine Wirkung auf sie gehabt.

Sie hatte nichts gegen Männer, solange sie ihr nicht zu nahe kamen. Sie betrachtete einen schönen Männerkörper lieber in einer Zeitschrift oder im Film. Mit ihrer Libido war alles in Ordnung, sie kam nur nicht zum Zug. Beim Orgasmus verlor man die Kontrolle, und davor fürchtete sie sich. Seltsamerweise schien sie die in Gages Nähe zu verlieren. Die Mauern, hinter denen sie ihre geheimsten Gefühle sorgsam verbarg, drohten einzustürzen. Doch das durfte sie nicht zulassen, denn Gage war ihr Boss. Sie liebte ihre Arbeit und wollte ihren Job nicht durch eine Affäre aufs Spiel setzen.

Also musste sie sich in Selbstbeherrschung üben und ihre Hormone im Zaum halten.

„Nein, das geht wohl nicht“, stieß sie hervor.

„Check mal, ob es erste Reaktionen gibt!“, kommandierte er.

Wortlos zückte sie das Handy und ging ins Internet. „Offenbar ist unsere Verlobung das ganz große Thema.“

„Irgendwas über Maddy?“

„Die Berichterstattung über sie ist in den Hintergrund geraten.“

„Sehr gut.“ Gage zog sein eigenes Handy aus der Tasche, wählte Maddys Nummer und drückte die Mithörtaste. „Wie geht es dir, Maddy?“

„Danke, mir geht’s gut, Gage.“

Ihre Stimme klang gefasst, aber er hörte, dass seine kleine Schwester geweint hatte. „Wir haben uns um die Angelegenheit gekümmert.“

„Ja, das habe ich gesehen. Und es ist mir gar nicht recht. Ich bin erwachsen und muss selbst sehen, wie ich klarkomme.“

„Normalerweise würde ich dir zustimmen. Aber diesem Mistkerl Callahan bist du nicht gewachsen. Lass mich das erledigen, Maddy.“

„Aber ich muss doch mal lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.“

„Ja, wenn diese Sache vorbei ist.“

Natürlich hatte er Verständnis, dass sie selbstständig und unabhängig sein wollte. Ihm konnte es nur recht sein, mehr Zeit für sich zu haben. Nur in diesem einen Fall sah er sich gezwungen einzuschreiten.

„Ich buche dir einen Flug in die Schweiz. Dort kannst du dich zwei Wochen lang in meinem Hotel erholen, bis Gras über die Sache gewachsen ist.“

„Gage …“

„Keine Widerrede, Maddy.“

Sie seufzte ergeben. „Also gut. Ich fliege in die Schweiz. Wirst du weiterhin den Verlobten spielen?“

„Woher weißt du, dass das nur gespielt ist?“, fragte er und warf Lily einen schnellen Blick zu. Die schaute noch immer aus dem Fenster und versuchte, ihn zu ignorieren. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen. Endlos lange Beine, die er zu gern gestreichelt hätte. Am liebsten wäre es ihm, wenn sie die Beine um ihn schlingen würde, und dann könnte er …

Seine Fantasie ging mal wieder mit ihm durch.

„Weil sie nicht dein Typ ist. Sie ist viel zu … prüde.“

Wie von der Tarantel gestochen, fuhr Lily herum. Gage fluchte unterdrückt und drückte auf die Mithörtaste. „Viel Spaß in der Schweiz, Maddy. Ich erledige hier den Rest.“

Inzwischen hatte Lily sich wieder abgewandt und schaute blicklos aus dem Fenster.

Er sehnte sich danach, sie an sich zu ziehen, zu spüren, wie sie sich langsam entspannte. Was musste er tun, damit sie sich verlangend an ihn schmiegte und ihre Reserviertheit aufgab. Er stellte sich vor, wie sie nackt vor ihm stand und auf seine Liebkosungen wartete. Sie war so blass. Der Kontrast zu seiner schwarzen Bettwäsche wäre perfekt. Heftige Erregung durchzuckte ihn bei der Vorstellung.

Nur zwei Punkte hielten ihn davon ab, seine Fantasien zu verwirklichen. Erstens war Lily seine Mitarbeiterin und somit tabu. Zweitens war sie seiner Einschätzung nach der Typ Frau, der nur an einer ernsthaften Beziehung interessiert war. Die kam für ihn jedoch nicht infrage. Seit seiner Kindheit hatte er Verantwortung übernehmen müssen, das hatte ihn geprägt. Er wollte kurze, belanglose Affären, keine feste Bindung.

Seine Mutter hatte gut für ihn gesorgt, doch als Maddy sich unverhofft ankündigte, war seine Mutter nicht gewillt gewesen, sich auch noch mit der Erziehung des Nachkömmlings zu befassen. Sie wollte endlich selbst Karriere machen. Für seinen Vater hatte der berufliche Erfolg sowieso stets an erster Stelle gestanden, er schenkte Maddy noch weniger Zeit. Also musste Gage sich um seine fünfzehn Jahre jüngere Schwester kümmern.

Als er mit fünfundzwanzig Jahren seinen Hochschulabschluss in der Tasche und seine erste Million mit Immobilien verdient hatte, meldete Maddy sich bei ihm. Sie war drei Tage lang allein zu Hause gewesen und hatte nichts mehr zu essen. Er hatte sie sofort zu sich geholt. Bis zum Studium hatte sie bei ihm gewohnt. Das war ziemlich viel Verantwortung für einen überzeugten Junggesellen, der sich eine eigene Karriere aufbauen wollte. Glücklicherweise verfügte er über einen großen Freundeskreis. Nur so war es ihm gelungen, sich in seine plötzliche Vaterrolle hineinzufinden und gleichzeitig im Beruf voranzukommen.

Er hatte sich gern um Maddy gekümmert, aber freiwillig würde er selbst keine Kinder in die Welt setzen. Schließlich hatte er bereits eins großgezogen, mit allem, was dazugehörte: Liebeskummer, falscher Umgang, Ballkleid aussuchen, die richtige Uni finden.

Nun wirkte Lily nicht gerade wie eine Frau, die sich unbedingt ein Kind wünschte. Auch für sie stand die Karriere an erster Stelle. Aber er wurde das Gefühl dennoch nicht los, dass sie nur für eine feste Beziehung zu haben war. Und vermutlich würde es eine Weile dauern, bevor sie sich von ihm verführen ließ.

Ihm waren unkomplizierte Frauen lieber, die auch nur ihren Spaß haben wollten.

„Wie geht es jetzt weiter? Besuchen wir auch in Zukunft gemeinsam Galaveranstaltungen?“, fragte Lily trocken.

Maddys Bemerkung hatte sie offensichtlich geärgert. Wenn Lily sich nicht so abweisend verhalten würde, hätte ihn nichts davon abgehalten, sie aufzumuntern. Allerdings kannte er diesbezüglich nur zwei Möglichkeiten, und keine von beiden erschien ihm passend.

„Ich hatte eher an vorgezogene Flitterwochen gedacht“, sagte er und freute sich diebisch über ihre ungläubige Miene.

„Und was wird aus unserer Arbeit?“

„Die können wir auch im Urlaub erledigen. Ich hatte sowieso geplant, mir nächste Woche selbst ein Bild davon zu machen, wie sich das Hotelprojekt in Thailand entwickelt. Der Zeitpunkt ist ideal. Maddy bleibt in der Schweiz, bis kein Hahn mehr nach dieser Schundgeschichte kräht. In meinem Hotel dort wird sie gut vor der Öffentlichkeit abgeschirmt. Währenddessen können wir die Werbetrommel für das Hotel in Thailand rühren.“

„Und für uns“, bemerkte sie trocken.

„Kann nichts schaden.“

„Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mit dir nach Thailand zu fliegen. Sonst kommt uns die Presse noch auf die Schliche, dass wir ihr einen Bären aufgebunden haben. Das können wir natürlich nicht riskieren.“

„Besser hätte ich es selbst nicht ausdrücken können, Lily.“

5. KAPITEL

Spätabends landete Gages Privatjet auf der thailändischen Insel Koh Samui. Am Flugplatz wartete bereits eine Limousine.

Lily atmete tief die feuchte salzige Luft ein. Dann setzte sie sich auf die Rückbank.

Gage nahm neben ihr Platz. Er hatte die Krawatte abgelegt, den obersten Hemdknopf geöffnet und die Ärmel über die Ellenbogen geschoben. Verstohlen betrachtete Lily fasziniert die sonnengebräunten muskulösen Arme. Und Gage roch so gut, auch nach dem langen Flug.

„Findest du es nicht etwas übertrieben, dich von einer Limousine abholen zu lassen?“, wollte Lily wissen und strich geistesabwesend über die kühlen Lederpolster.

„Nein, einfach nur praktisch. Ich muss mich nicht selbst ans Steuer setzen, bin ungestört und kann in Ruhe arbeiten …“, er warf ihr einen heißen Blick zu, „… oder mich vergnügen.“

„Danke, so genau wollte ich gar nicht wissen, was du auf dem Rücksitz einer Limousine so treibst.“

Blitzschnell beugte er sich zu ihr hinüber und löste die Spange, die den eleganten Knoten zusammengehalten hatte. Die langen braunen Locken fielen Lily bis über die Schultern. Behutsam ließ Gage die Finger durch ihr seidiges Haar gleiten und massierte ihren Kopf, der inzwischen tatsächlich schmerzte. Es fühlte sich unglaublich gut an. Die Mischung aus Massage und erotischer Lockung gefiel Lily so sehr, dass sie sich am liebsten selbstvergessen ganz dieser Behandlung hingegeben hätte.

Doch statt vor Behagen leise zu stöhnen, wandte sie sich ruckartig ab. „Was hast du dir dabei gedacht?“

„Wenn du schon nicht wissen möchtest, was ich sonst auf dem Rücksitz treibe, solltest du wenigstens den Anschein erwecken, dass du mitgemacht hast. Es könnte nämlich durchaus sein, dass uns am Hotel Reporter erwarten.“ Zärtlich strich er mit dem Daumen über ihre Wange. „Dein Gesicht schimmert schon rosig.“

Lily atmete langsam aus. „Es ist heiß.“

Er musterte sie mit ernstem Blick. Ihr wurde noch heißer. „Ja, das ist es.“ Er wandte sich wieder ab.

„Macht das Bauprojekt Fortschritte?“, erkundigte sie sich, um die Unterhaltung auf ein unverfängliches Thema zu lenken. Es beunruhigte Lily, dass es zwischen ihnen so knisterte.

Gage ging auf ihr Ablenkungsmanöver ein. „Ja, es geht zügig voran. Die meisten Ferienvillen sind schon bezugsfertig. An dem Hauptgebäude wird allerdings noch gebaut. Ich habe veranlasst, dass es uns in unserer Villa an nichts fehlt. Das Hotelpersonal ist auch schon vor Ort und wird sich um uns kümmern.“

„Ich brauche keinen Zimmerservice“, sagte sie abweisend. „Bei mir zu Hause räumt ja auch niemand hinter mir her.“

„Ach, ich dachte, dein Beruf beansprucht dich so sehr, dass du eine Putzfrau beschäftigst, die sich um den Haushalt kümmert.“

Dann hätte sie ja eine Fremde in ihre Wohnung lassen müssen. Dazu konnte Lily sich nicht durchringen. Sie hatte lange genug mit ihrer Mutter und deren jeweiligem Liebhaber auf engstem Raum zusammengewohnt und keine Privatsphäre gehabt. Das wollte sie nie wieder erleben. Zumal der eine oder andere Typ versucht hatte, bei ihr zu landen, wenn ihre Mutter nicht aufgelegt war. Kein Wunder also, dass sie sich nicht auf Affären einließ. Es war sehr schwierig gewesen, sich in so einem Umfeld die Unschuld zu bewahren.

„Wir sind nicht alle Milliardäre, Gage.“

„Aber ich weiß, wie hoch dein Gehalt ist“, entgegnete er trocken.

„Aber nicht, wie hoch meine Ausgaben sind. Vielleicht bin ich ja stolze Besitzerin einer Strandvilla.“

„Bist du nicht.“

Sie zog die Augenbrauen hoch und schaute ihn an. „Woher willst du das wissen?“

„Dazu bist du zu vernünftig.“

Lily lächelte triumphierend. „Mir gehört immerhin eine Eigentumswohnung am Strand.“

Schon als kleines Mädchen hatte sie davon geträumt, an der Westküste zu leben, direkt am Ozean. Als sie mit siebzehn Jahren nach Kalifornien gezogen war, hatte sie zum ersten Mal das Meer gesehen. Damals hatte sie sich fest vorgenommen, in ein Haus mit Blick auf den Ozean zu ziehen. Vor anderthalb Jahren hatte sie es geschafft. Es war ein erhebender Augenblick gewesen, die Tür zu ihrer Eigentumswohnung mit Meerblick aufzuschließen.

Die Jahre harter Arbeit hatten Früchte getragen.

„Irgendwie bist du gar nicht der Typ dazu“, bemerkte er.

„Wieso nicht?“

„Surfst du? Schwimmst du?“

Sie lachte. „Nein.“

„Siehst du, du bist nicht der Typ.“

„Ich habe aber immer vom Ozean geträumt. In Kansas gab es nur wogende Maisfelder. Ich dachte, wenn ich aufs Meer hinausblicke, läge mir die ganze Welt zu Füßen und ich hätte unendlich viele Möglichkeiten.“

Diesen Traum hatte sie bisher mit niemandem geteilt, nicht einmal mit ihren Freundinnen. Jetzt fürchtete sie, zu viel von sich preisgegeben zu haben. Ausgerechnet Gage hatte sie ihre Fantasien anvertraut.

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