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Geküsst von einem Scheich / Keine Chance für die Liebe? / Vorsicht, Herzensbrecher! / Ein geheimnisvoller Geliebter

Lynn Raye Harris

Geküsst von einem Scheich

1. KAPITEL

„… besteht die Möglichkeit, dass sie noch lebt.“

Adan blickte von den Papieren auf, die man ihm zum Unterzeichnen vorgelegt hatte. Er hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Denn seit dem Tod seines Onkels vor einer Woche war im Hinblick auf Adans Krönung derart viel zu tun, dass er häufig so viele Dinge wie möglich gleichzeitig erledigte.

„Sagen Sie das noch mal.“ Plötzlich schien sein ganzer Körper in Alarmbereitschaft zu sein.

Der Mann zitterte leicht, als Adan ihn durchdringend ansah. Dann senkte er den Kopf und antwortete: „Verzeihen Sie mir, Hoheit. Ich sagte, dass wir zur Vorbereitung auf Ihre anstehende Vermählung mit Jasmin Shadi alle Berichte prüfen müssen, die uns in Bezug auf Ihre verstorbene Ehegattin erreichen. Denn ihre Leiche wurde ja nie gefunden.“

„Weil sie in die Wüste gegangen ist, Hakim“, erwiderte Adan nachsichtig, insgeheim jedoch leicht verärgert. „Isabella liegt tief unter dem Wüstensand begraben.“

Mit Isabella war zwar seine Ehefrau verschwunden, doch ihre Ehe war eine arrangierte Vernunftehe gewesen. Und so schmerzte Adan vor allem der Gedanke an seinen Sohn Rafik, der seine Mutter verloren hatte.

Isabella Maro war wunderschön gewesen, in jeder anderen Hinsicht aber nicht sonderlich bemerkenswert. Eine stille, liebe Frau, die die ihr auferlegten Pflichten tadellos erfüllt hatte und sicher eine sehr gute Königin geworden wäre – wenn auch, wie gesagt, eine unscheinbare. Isabella war zwar halb Amerikanerin gewesen, aber nach jahfarischen Traditionen und Werten aufgezogen werden. Als Adan sie kurz vor der Hochzeit kennengelernt und gefragt hatte, was sie sich im Leben am meisten wünsche, hatte ihre Antwort gelautet: „Was immer du dir wünschst.“

„Uns ist berichtet worden, dass sie gesehen wurde, Hoheit.“

Adan verkrampfte die Finger um den Federhalter, mit dem er die Papiere unterzeichnet hatte. Die andere Hand presste er flach auf den Tisch. Er hatte das Gefühl, sich an etwas Stabilem festhalten zu müssen. Denn um die Thronfolge anzutreten, brauchte er eine Ehefrau – und das würde Jasmin Shadi sein, die er in zwei Wochen heiraten sollte. Für ein Phantom war jetzt wirklich kein Platz in seinem Leben.

„Sie wurde gesehen?

Hakim schluckte. Seine Haut glänzte leicht, obwohl die Klimaanlage im Palast ausgezeichnet funktionierte.

„Sharif Al Omar, ein geschäftlicher Konkurrent von Hassan Maro, ist kürzlich von einer Reise auf die Insel Maui zurückgekehrt und berichtete von einer Sängerin, die er dort in einer Bar gesehen hat. Sie hieß Bella Tyler und ähnelte Ihrer verstorbenen Frau, Hoheit.“

„Eine Sängerin in einer Bar?“ Adan sah Hakim ungläubig an, dann lachte er schallend. Isabella war also in die Wüste hinein- und dann wieder hinausspaziert und sang jetzt in einer Bar auf einer hawaiianischen Insel? Das war einfach absurd! Der Wüste von Jahfar war noch niemand lebend entkommen, der sich nicht gut auf sie vorbereitet hatte. Und Isabella war einfach so hineingegangen, mitten in der Nacht. Ein Sandsturm am folgenden Tag hatte jegliche Spuren verwischt, und so hatten sie mehrere Wochen vergeblich nach ihr gesucht.

„Mr Al Omar sollte dringend einen Arzt aufsuchen“, erwiderte Adan deshalb. „Offenbar brennt die Sonne auf Hawaii noch unbarmherziger als in Jahfar.“

„Er hat ein Foto gemacht, Sir.“ Hakim reichte dem Sekretär Mahmud eine Mappe, die dieser Adan vorlegte.

Adan zögerte einen Moment, dann schlug er die Mappe auf – und betrachtete das Foto so lang, bis es vor seinen Augen zu verschwimmen schien. Die Frau auf dem Bild konnte nicht Isabella sein, und doch …

„Sagen Sie meine sämtlichen Termine der nächsten drei Tage ab“, brachte er schließlich heraus. „Und geben Sie am Flughafen Bescheid, dass mein Flugzeug startklar gemacht werden soll.“

An diesem Abend war in der Bar ziemlich viel los. Touristen und Einheimische drängten sich im Innern und hinaus auf den Strand. Als Isabella auf die Bühne trat, begann die Sonne gerade unterzugehen und verlieh dem Himmel einen intensiven Goldton. Schon kurze Zeit später war sie im Meer versunken, der Himmel glühte rosa, und hoch oben über dem Wasser sah man einige lila angehauchte Wolken.

Es war ein wunderschöner Anblick, der Isabellas Herz wie immer schmerzlich berührte. Sie hatte sich an diese Melancholie gewöhnt, deren Ursprung sie nicht kannte. Oft war es, als würde ein Teil von ihr fehlen – doch welcher Teil das war, konnte sie nicht sagen. Diese Leere konnte sie, zumindest vorübergehend, mit Singen füllen.

Isabella ließ den Blick über die wachsende Anzahl Menschen schweifen, die ihretwegen hier waren. Sie schloss die Augen, begann zu singen und gab sich ganz der Musik hin. Auf der Bühne war sie Bella Tyler, die selbst über sich und ihr Leben bestimmte. Im Gegensatz zu Isabella Maro.

Während sie von einem Lied zum nächsten glitt, schmiegte sich ihre Stimme liebevoll an die gesungenen Worte. Unter dem Scheinwerferlicht wurde ihr heiß, doch Isabella war Hitze gewöhnt. Sie trug einen Bikini und darüber einen Sarong. Ihre Augenlider fühlten sich unter der Schicht Make-up, das sie wegen der grellen Scheinwerfer immer dick auftrug, schwer an. Um den Hals hatte Isabella sich eine Kette aus weißen Puka-Muscheln gelegt, dazu trug sie ein passendes Fußkettchen.

Ihr Haar war länger geworden, von der Sonne gebleicht und wirkte durch Wind und Salzwasser wilder und ungebändigter. Isabellas Vater wäre entsetzt, und auch ihr freizügiges Outfit fände er absolut inakzeptabel. Bei diesem Gedanken musste Isabella lächeln. Ein Mann, der nahe bei der Bühne stand, deutete dies falsch und erwiderte das Lächeln. Ihr machte das nichts aus – so etwas gehörte zu der Figur Bella Tyler.

Doch Bella würde nicht mit diesem Mann nach Hause gehen und auch mit keinem anderen. Aus irgendeinem Grund kam ihr das falsch vor, seit sie in den USA angekommen war. Sie war jetzt zwar frei von den Erwartungen und dem Pflichtbewusstsein, die Teil der Erziehung durch ihren Vater gewesen waren. Dennoch konnte Isabella den Gedanken nicht abschütteln, dass sie sich für jemanden bewahren musste.

Ladies and Gentleman, Bella Tyler!“, verkündete der Gitarrist nach dem letzten Lied, und sofort brachen die Anwesenden in Applaus aus.

Mahalo“, sagte Isabella und schob sich eine feuchte Strähne hinters Ohr. „Wir machen jetzt eine kleine Pause. In einer Viertelstunde geht es weiter.“

Beim Verlassen der Bühne nahm sie das Glas Wasser, das Grant ihr reichte, der Manager der Bar. Eine richtige Garderobe hatte sie nicht, doch immerhin konnte sie sich in dem kleinen Zimmer, in dem sie ihre Sachen aufbewahrte und sich abends schminkte, eine Weile ausruhen. Isabella sank auf einen Stuhl und legte die Füße auf eine Rattantruhe, die als Couchtisch diente.

Vom Strand drangen durch die dünnen Wände Stimmen und Gelächter zu ihr. Bald würden auch die anderen aus der Band zu ihr stoßen, falls sie nicht lieber draußen eine Zigarette rauchten.

Isabella schloss die Augen, legte den Kopf zurück und berührte mit dem eiskalten Glas die erhitzte Haut an ihrem Schlüsselbein, was sie erschauern ließ, aber auch eine willkommene Abkühlung darstellte.

Eine Weile später hörte sie, wie jemand den Raum betrat. Weil hier ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, öffnete sie jedoch nicht die Augen, um zu sehen, wer da gekommen war. Aber als der Neuankömmling nichts sagte und sich nicht rührte, wurde ihr klar, dass es sich weder um ein Bandmitglied noch um eine Kellnerin handeln konnte.

Isabella machte die Augen auf. Im Türrahmen stand ein großer, imposant wirkender Mann, der eine dunkle, machtvolle Ausstrahlung hatte. Als sie ihn genauer betrachtete, stellte sie fest, dass er aus Jahfar stammen musste: dunkles Haar, durchdringend blickende dunkle Augen und ein Teint, den die unbarmherzige Wüstensonne gebrannt hatte. Ein Schauder lief ihr über den Rücken.

Der Mann trug zwar ein dunkelblaues Hemd und eine Khakihose statt der traditionellen Dischdascha, doch er strahlte die Aura der Wüste aus, die Intensität eines Menschen, der am Rande der Zivilisation lebte. Isabella wurde von einer unerklärlichen Angst erfüllt, die sie lähmte, sodass sie sich nicht von der Stelle rühren konnte.

„Du wirst mir jetzt sagen, warum“, befahl der Mann.

Warum?“, wiederholte Isabella verwirrt. Irgendwie gelang es ihr aufzustehen. Der Fremde war so groß, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Als sie merkte, wie wütend er war, begann ihr Herz heftig zu schlagen.

Er ließ den Blick über sie gleiten und sagte dann angewidert: „Du siehst ja wie eine Prostituierte aus!“

In die kalte Angst, die Isabella erfüllte, mischte sich Wut. Das Verhalten des Fremden war einfach typisch für die Männer aus Jahfar: Er glaubte, sie kritisieren zu dürfen, nur weil sie eine Frau war und er ihre Entscheidungen nicht verstand.

Isabella richtete sich gerade auf, hob das Kinn und stützte die Hände in die Hüften. Dann ließ sie ebenso abschätzig den Blick über ihn wandern, wie er es bei ihr getan hatte.

„Keine Ahnung, für wen Sie sich halten, aber von mir aus können Sie gerne aus meiner Garderobe verschwinden – mitsamt Ihrer Meinung über mich!“

Der Mann musterte sie kalt. „Treib keine Spielchen mit mir, Isabella.“

Mit heftig schlagendem Herzen wich Isabella einen Schritt zurück. Er wusste, wie sie hieß! Wahrscheinlich kennt er einfach meinen Vater, versuchte sie sich zu beruhigen. Vielleicht bin ich ihm mal bei einem geschäftlichen Essen meines Vaters begegnet.

Sie erkannte ihn nicht wieder. Und ganz sicher hätte sie einen Mann wie ihn niemals vergessen. Dafür war seine Erscheinung zu imposant und er selbst zu sehr von sich eingenommen.

„Warum sollte ich Spielchen mit Ihnen treiben?“, fragte sie. „Ich kenne Sie ja nicht einmal!“

Der Fremde kniff die Augen zusammen. „Du sagst mir jetzt sofort, wie du hergekommen bist.“

Sein Ton machte Isabella noch wütender. „Sie sind doch ein intelligenter Mann“, entgegnete sie. „Bestimmt werden Sie das selbst herausfinden.“

Als er einen Schritt in den kleinen Raum hinein machte, schien er das ganze Zimmer auszufüllen. Isabella wäre gern ausgewichen, doch sie wusste nicht, wohin. Und auf gar keinen Fall würde sie sich angstvoll vor dem unverschämten Fremden ducken.

„Du hast das sicher nicht allein geschafft. Wer hat dir geholfen?“

Isabella schluckte. „Ich …“

„Ist alles in Ordnung, Bella?“

Plötzlich stand Grant im Türrahmen, die Hände zu Fäusten geballt. Durchdringend sah er den Fremden an, offenbar mit der Absicht, ihn zu verunsichern. Dieser erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Isabella hoffte inständig, es werde nicht zu einer Auseinandersetzung kommen. Denn mit Sicherheit würde Grant sie verteidigen, und mit noch größerer Sicherheit würde er bei einem Kampf dem Fremden unterliegen. Dieser strahlte etwas sehr Kaltes, Unnachgiebiges aus, etwas Wildes, Ungezähmtes.

„Ja, alles in Ordnung, Grant“, versicherte sie deshalb. „Mr … ähm, der Gentleman wollte gerade gehen.“

„Nein, das wollte ich nicht“, widersprach der Fremde im geschliffenen Englisch der vornehmen Familien, die ihre Kinder auf britische Internate schickten.

„Sie sollten jetzt besser gehen“, sagte Grant. „Bella muss sich ausruhen, bevor sie weitersingt.“

„Mag sein.“ Als der Mann sich zu ihr umwandte, schien sein kalter Blick bis in ihr Herz vorzudringen. „Aber auf die Bühne geht sie nicht mehr zurück. Isabella wird nämlich mit mir kommen.“

„Ich werde nicht …“, begann sie aufgebracht, doch da umfasste er ihren Arm mit eisernem Griff.

Die Berührung ließ Isabella erschauern – doch sie fühlte sich weder abgestoßen, noch war sie verängstigt. Nein, es war Vertrautheit, die sie erbeben ließ, Wärme und Sehnsucht. Und darunter verborgen eine so tiefe Traurigkeit, dass Isabella fast aufgeschluchzt hätte. Aber warum? Isabella war verwirrt.

„Lassen Sie Bella los!“, protestierte Grant.

Sie sah den Fremden an und fragte: „Wer sind Sie?“

Ein Schatten schien über sein Gesicht zu gleiten. „Willst du mir wirklich weismachen, das wüsstest du nicht?“

Isabella wurde von Wut und Verzweiflung erfüllt. Der Fremde hasste sie, und sie hatte keine Ahnung, warum. Irgendwie brachte sie genug Kraft auf, um sich von ihm zu lösen. Denn sie konnte den Ärger und die Traurigkeit, die sie durchströmten, keinen Moment länger ertragen – und auch nicht die innere Hitze und die Verwirrung.

Grant war verschwunden, vermutlich um einen der Türsteher zu holen. Er würde jeden Moment wiederkommen und diesen arroganten Kerl hinausbefördern. Isabella freute sich schon darauf. „Natürlich weiß ich es nicht!“, fuhr sie ihn jetzt an.

„Mitnichten. Du kennst mich sogar sehr gut“, widersprach der Mann leise, und seine dunklen Augen funkelten bedrohlich. „Du bist schließlich meine Frau.“

2. KAPITEL

Sie sah ihn so fassungslos an, dass Adan fast geglaubt hätte, sie sei tatsächlich erschüttert. Wer hätte gedacht, dass die kleine Isabella Maro eine so begnadete Schauspielerin war? Ganz offensichtlich hat sie uns alle hinters Licht geführt, dachte er. Und ich werde herausfinden, warum sie das getan hat.

Ganz sicher hatte sie die Sache nicht allein eingefädelt. Hatte ihr vielleicht ein Liebhaber dabei geholfen? Bei diesem Gedanken hatte Adan das Gefühl, ein eiskalter Dolch würde ihn durchbohren.

Isabella war grausam und gefühllos. Denn wie sonst hätte sie ihren kleinen Sohn einfach zurücklassen können, der damals noch ein Baby gewesen war? Rafik schien ihr nicht wichtig zu sein. Das erfüllte Adan mit kalter Wut.

Wieder ließ er den Blick über ihren fast nackten Körper gleiten. Isabella trug einen roten Bikini und hatte sich einen bedruckten Sarong um die Hüften geschlungen. Ihre Brustwarzen zeichneten sich unter dem dünnen Stoff so deutlich ab, dass er gegen seinen Willen daran denken musste, wie wunderschön ihre Brüste ausgesehen hatten, mit der zarten Haut und den rosigen Knospen in der Mitte.

Als Isabella und er sich das erste Mal geliebt hatten, war sie sehr zurückhaltend gewesen, hatte ihre Scheu jedoch schnell abgelegt, sich auf ihn eingestellt und ihn einen leidenschaftlichen Monat lang jede Nacht in ihrem Bett willkommen geheißen. Dann war sie schwanger geworden und so krank, dass Adan nicht mehr bei ihr geschlafen hatte.

„Ich soll Ihre Frau sein?“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Da irren Sie sich.“

Adan hörte Schritte hinter sich. Dann war der Mann wieder da, den sie mit „Grant“ angesprochen hatte. Und er wurde von einem kräftigen Samoaner begleitet.

„Ich fordere Sie nochmals auf zu gehen“, sagte Grant. „Makuna wird Sie hinausbegleiten.“

Adan sah ihn durchdringend an. Draußen wartete ein sechsköpfiges Sicherheitsteam auf ihn. Nicht weil er mit Ärger gerechnet hatte, sondern weil er nun einmal das Staatsoberhaupt war. Auf sein Zeichen hin würden sie die Bar mit gezogenen Pistolen stürmen. Das wollte Adan zwar nicht unbedingt, aber andererseits würde er die Bar auf keinen Fall ohne Isabella verlassen, seine Frau.

„Ist schon in Ordnung, Grant“, hörte er sie jetzt sagen. „Ich werde noch ein paar Minuten mit ihm sprechen.“

Grant wirkte verwirrt, doch dann nickte er und ging mit Makuna hinaus, sodass Adan wieder mit Isabella allein war.

„Kluge Entscheidung“, stellte er fest.

Sie sank wieder auf den Stuhl, auf dem sie anfangs gesessen hatte. Mit zitternden Händen schob sie sich die dunkelblonde, golden glänzende Mähne aus dem Gesicht und sah ihn mit ihren stark geschminkten Augen verwirrt an.

„Warum behaupten Sie, ich sei Ihre Frau? Ich bin nie verheiratet gewesen!“

Adan spürte, wie ihn erneut kalte Wut erfüllte. „Du kannst es ruhig abstreiten, aber das ändert nichts an den Tatsachen.“

Sie zog die Augenbrauen zusammen und blickte ihn starr an. „Ich bin Ihnen nie begegnet und weiß nicht einmal, wie Sie heißen.“

Er glaubte ihr kein Wort, hatte jedoch keine Lust, sich lange herumzustreiten. „Adan“, erwiderte er deshalb.

„Adan“, wiederholte sie. „Ich bin vor langer Zeit aus Jahfar weggegangen, aber an einen Ehemann würde ich mich sicher erinnern.“

„Meinst du wirklich, ich würde glauben, dass du dich nicht erinnern kannst? Für wie dumm hältst du mich?“

Sie runzelte die Stirn. „Ich habe nicht gesagt, dass ich Sie für dumm halte. Ich glaube eher, dass Sie mich mit jemandem verwechseln. Außerdem ist es in dieser Branche nicht ungewöhnlich, dass Männer versuchen, sich mir zu nähern. Sie glauben, ich sei leicht zu haben. Das bin ich aber nicht. Alles klar?“

Am liebsten hätte Adan sie geschüttelt. „Du bist Isabella Maro, die Tochter von Hassan Maro und einer Amerikanerin, Beth Tyler. Wir haben vor fast drei Jahren geheiratet. Ein Jahr später bist du allein in die Wüste gegangen und wurdest nie wieder gesehen.“ Er brachte es nicht über sich, Rafik zu erwähnen.

Sie blinzelte, dann wurde ihr Gesicht ausdruckslos, und sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich …“

„Was?“, fragte Adan nach, als sie verstummte.

Sie schluckte. „Ich hatte einen Unfall, das stimmt. Aber ich habe mich wieder erholt.“ Als sie sich kurz die Finger auf den Mund presste, stellte er fest, dass diese zitterten.

„Einige Erinnerungen sind ein wenig verschwommen, aber …“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nein, irgendjemand hätte mir doch davon erzählt.“

Adan war wie vor den Kopf geschlagen. „Irgendjemand? Wer hätte es dir erzählen sollen, Isabella? Wer weiß, dass du hier bist?“

Sie sah ihm in die Augen. „Meine Eltern natürlich. Mein Vater hat mich zur Genesung zu meiner Mutter geschickt, weil der Arzt gesagt hatte, in Jahfar sei es zu heiß und zu anstrengend für mich.“

Aufgebracht und ungläubig blickte Adan sie an. Ihre Eltern wussten, dass sie noch am Leben war? Das konnte nicht sein!

Andererseits hatte er Hassan Maro seit Isabellas Verschwinden kaum gesehen. Der Mann war noch häufiger außer Landes als er selbst. Adan hatte immer geglaubt, das hätte mit seinen Geschäften und der Trauer um seine einzige Tochter zu tun, aber vielleicht hatte Maro ja einfach etwas zu verbergen gehabt. Doch ob der Mann wirklich seiner Tochter zur Flucht verhelfen würde, nachdem er von der Heirat doch so begeistert gewesen war?

Adan schüttelte den Kopf. Isabella log und stritt die Wahrheit ab. „Von selektivem Gedächtnisverlust habe ich noch nie etwas gehört, Isabella“, sagte er kalt. „Wie kommt es, dass du dich an deine Eltern und an Jahfar erinnerst, aber nicht an mich?“

„Ich habe überhaupt nicht von Gedächtnisverlust gesprochen!“, rief sie. „Das waren Sie!“

„Als was würdest du es denn bezeichnen? Du weißt, wer du bist und woher du kommst, aber an den Ehemann, den du verlassen hast, kannst du dich nicht erinnern!“

„Wir sind nicht verheiratet“, beharrte sie, doch ihre Unterlippe zitterte leicht – ein erster feiner Sprung in ihrem Schutzpanzer, als sei ihr klar, dass man sie ertappt hatte.

Adan war entschlossener als je zuvor, sie nicht davonkommen zu lassen, bis er mit ihr fertig wäre. Als Isabella die Hände vor ihrem Oberkörper ineinander verkrampfte, wurden ihre Brüste zusammengeschoben und ihre weiblichen Rundungen betont. Er spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief.

Nein, ermahnte er sich streng und unterdrückte mit aller Macht das erwachende Verlangen. War er wirklich so oberflächlich, dass ihn der Anblick einer halbnackten Frau erregen konnte, die so verlogen war? Eigentlich sollte er sie verachten.

Isabella biss sich kurz auf die Unterlippe. „Nehmen wir an, Sie hätten recht und wir wären tatsächlich verheiratet – warum sind Sie dann nicht eher hergekommen, um mich zu holen?“

„Weil ich geglaubt habe, du wärst tot, wie du sehr wohl weißt“, erwiderte Adan mühsam beherrscht.

„Tot?“ Unter der Sonnenbräune wurde sie aschfahl.

Adan hatte genug von dieser Farce. Er hatte auf der Reise hierher mehrere Zeitzonen durchquert und kaum geschlafen, so sehr war er mit der Frage beschäftigt gewesen, ob die Frau auf dem Foto, die hinter dem Mikrofon in die Kamera lächelte, als würde sie ihren Liebhaber ansehen, tatsächlich seine vermisste Ehefrau war. Immer wieder hatte er sich gesagt, das sei unmöglich. Sie konnte nicht überlebt haben. Doch dann hatte er die Bar betreten und sie gesehen: so vertraut und fremd zugleich.

„Du bist allein in die Wüste gegangen, Isabella“, stellte Adan fest. „Über das, was du danach getan hast, kann ich nur spekulieren. Auf jeden Fall bist du aber nicht mehr herausgekommen. Wir haben nämlich wochenlang nach dir gesucht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist doch absolut verrückt!“

„Tatsächlich?“ Adan umfasste ihren Ellenbogen und zog sie von ihrem Stuhl hoch, wobei er bewusst das Gefühl ignorierte, das ihn bei der Berührung ihrer nackten Haut überkam.

Als sie zu ihm aufblickte, spiegelten sich aufgewühlte Gefühle in ihren dunklen Augen. „Ich erinnere mich nicht.“

Adan wollte sich nicht davon berühren lassen. „Pack deine Sachen zusammen“, befahl er. „Wir gehen.“

Verheiratet.

Isabella schüttelte den Kopf. Nein, das war unmöglich. Dennoch verspürte sie kalte Angst, denn bei manchen Dingen waren ihre Erinnerungen verschwommen. Konnte dieser Mann wirklich Teil ihrer Vergangenheit sein? Hätte sie einen so charismatischen, imposanten Ehemann vergessen können? Das war unvorstellbar. Warum hätten ihre Eltern diesen Umstand vor ihr geheim halten sollen? Es gab nur eine Möglichkeit, dies aufzuklären. Isabella griff nach ihrer Handtasche.

„Was tust du da?“, wollte Adan wissen.

Sie zog ihr Handy heraus und hielt es triumphierend hoch. Dass ihr das lange Haar zerzaust ins Gesicht hing und sie wild aussehen musste, störte sie nicht, denn so fühlte sie sich auch: wild und lebendig.

Der Fremde hatte gesagt, in Jahfar würde man sie für tot halten. Doch Isabellas Vater wusste, dass sie am Leben war. Wie konnte das also sein?

Als sie ihn nach den genauen Umständen ihres Unfalls gefragt hatte, war seine Antwort gewesen, es sei besser, ihr die Details zu ersparen. Isabella war ins Koma gefallen, hatte Schmerzmittel und andere Medikamente nehmen müssen, die ihr Erinnerungsvermögen beeinträchtigt hatten.

Ihre Mutter hatte natürlich keine Ahnung davon gehabt, wie Isabellas Leben in Jahfar ausgesehen hatte. Beth Tyler hatte das Land bereits zehn Jahre zuvor verlassen und sich zwar darüber gefreut, dass ihre Tochter zu ihr gekommen war, doch im Grunde waren beide erleichtert gewesen, als Isabella sie wieder verlassen hatte.

Und jetzt blickte Isabella in das attraktive, verschlossene Gesicht eines unbekannten Mannes. Hätten ihre Eltern sie angelogen?

„Ich rufe jetzt meinen Vater an“, erklärte sie. „Er wird wissen, wie die Wahrheit lautet.“

Adan war plötzlich sehr angespannt. „Soll das heißen, dein Vater weiß, dass du hier bist?“

„Das habe ich doch schon gesagt“, antwortete Isabella stirnrunzelnd.

Er fluchte auf Arabisch – so heftig, dass sie zusammenzuckte. Isabella war nun schon ein Jahr – oder vielleicht schon eher zwei Jahre? – in den USA und hatte in dieser Zeit ziemlich viele Kraftausdrücke gehört. Doch sie war es nicht gewohnt, jemanden auf Arabisch fluchen zu hören. In Jahfar hatte man sie beschützt und verhätschelt: eine junge Dame, die dazu erzogen worden war, irgendwann einmal einen mächtigen Scheich zu heiraten.

Adan riss ihr das Handy aus der Hand. „Du wirst deinen Vater nicht anrufen.“

Isabella verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn aufgebracht an. „Weil mein Vater sofort bestätigen würde, dass wir gar nicht verheiratet sind und Sie gelogen haben?“

„Wenn dir der Gedanke gefällt, dann glaub das ruhig.“

Als Adan sich ihr Handy in die Brusttasche seines Hemdes schob, unterdrückte sie mit aller Macht den Drang, den Blick zu den festen Muskeln wandern zu lassen, die im Ausschnitt seines am Hals offenen Hemdes zu sehen waren. Hätte sie ihn am Strand gesehen, wäre sie zweifellos von ihm beeindruckt gewesen. Aber einen so harten, kalten Mann durfte sie nicht attraktiv finden. Außerdem log er.

„Wenn Sie das nicht befürchten, warum soll ich meinen Vater dann nicht anrufen?“, fragte sie.

„Weil ich mich selbst mit ihm befassen werde, wenn wir nach Jahfar zurückgekehrt sind.“

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund wurde Isabella bei diesen Worten eiskalt. Jahfar. Die Wüste. Die schroffe, unbarmherzige Landschaft des Herkunftslandes ihres Vaters, das auch Teil ihrer Geschichte war. Bei der Vorstellung, nach Jahfar zurückzukehren, krampfte sich ihr der Magen zusammen.

„Ich werde nicht mitkommen“, sagte sie.

Adan musterte sie von oben bis unten. „Und wie meinst du, mich davon abhalten zu können?“

„Indem ich ganz laut schreie“, erwiderte sie, und ihr Herz schlug wie verrückt.

„Ach ja?“ Er wirkte so gelassen und kühl, dass sich ihr erneut vor Angst der Magen zusammenkrampfte. Adan war groß und stark genug, um sie sich einfach über die Schulter zu werfen und sie mitzunehmen.

„Meine Freunde werden mir zu Hilfe kommen.“

Adan lachte. „Das können sie gern versuchen. Allerdings müssten sie sich mit meinem Sicherheitspersonal auseinandersetzen. Sobald jemand Hand an mich legt, werden meine Angestellten das als Mordversuch werten und entsprechend reagieren.“

Eine eiskalte Hand schien nach Isabellas Herz zu greifen. „Kein Wunder, dass ich mich nicht an Sie erinnere“, sagte sie bitter. „Sie sind ein Tyrann. Sie als Ehemann zu haben muss die Hölle sein. Da würde wohl jede Frau lieber in die Wüste gehen, um zu sterben.“

Um seinen Mund zuckte es leicht. „Tja, hättest du das tatsächlich getan, müsste ich mich jetzt nicht mit dir befassen!“

Isabella wurde das Herz schwer, ohne dass sie den Grund dafür hätte nennen können. Der Mann bedeutete ihr doch nichts, sie mochte ihn ja nicht einmal!

„Wenn wir wirklich verheiratet sind, warum ersparen Sie uns beiden dann nicht eine Menge Ärger, indem Sie sich einfach von mir scheiden lassen? Als jahfarischer Mann ist das doch kein Problem“, sagte sie, so kühl sie konnte.

Hättest du das tatsächlich getan, müsste ich mich jetzt nicht mit dir befassen. Seine brutalen Worte hallten in Isabellas Kopf wider. Sie bedeutete ihm nichts, sie war für ihn lediglich ein Problem, eine Peinlichkeit.

Isabella fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, als ihre Eltern sich nach der Scheidung um sie wie um einen Gegenstand gestritten hatten. Ein Problem, das nie gelöst werden sollte. Sie hatte so sehr versucht, es beiden recht zu machen, doch es war ihr nicht gelungen. Energisch schluckte sie Tränen der Wut hinunter. Die Zeiten, in denen sie versucht hatte, es anderen recht zu machen, waren vorbei.

„Wenn das nur so einfach wäre“, entgegnete Adan kalt. „Aber die Umstände haben sich geändert, und wir müssen beide nach Jahfar zurückkehren.“

„Sie können nicht erwarten, dass ich einfach mit Ihnen gehe“, wandte Isabella ein. „Für mich sind Sie ein Fremder. Ich habe nicht den geringsten Beweis dafür, dass wir verheiratet sind. Und deswegen werde ich auch nicht mitkommen.“

Seine Augen wurden kalt. „Was für einen Beweis soll ich dir denn liefern? Ich könnte dir erzählen, dass wir uns erst eine Woche vor der Hochzeit kennengelernt haben und du sehr verängstigt und sanftmütig warst. Vielleicht möchtest du ja auch hören, dass die Hochzeit drei Tage dauerte und mehr als eine halbe Million Dollar gekostet hat – oder dass dein Vater sehr erfreut darüber war, dich mit einem Prinzen verheiratet zu haben.“

Ihr wurde schwindelig. „Sie sind ein Prinz?“

„Ich war ein Prinz.“

Isabella verstand seine Antwort nicht, fragte jedoch nicht nach. Sie wischte sich die feuchten Handflächen am Sarong trocken. Es konnte einfach nicht wahr sein. In Jahfar zählte der gesellschaftliche Status mehr als alles andere. Wenn es ihrem Vater gelungen war, sie an die königliche Familie zu verheiraten, wäre er unendlich stolz darauf gewesen. Auf keinen Fall hätte er ihr sie diesbezüglich angelogen.

Doch langsam kamen ihr Zweifel. „Erzählen Sie mir etwas, das sonst niemand wissen kann“, sagte sie.

„Du warst Jungfrau.“

Isabella spürte, wie sie errötete. Sie war Jungfrau gewesen? „Das wäre doch sicher kein Geheimnis gewesen. Erzählen Sie mir etwas Persönliches, das ich Ihnen anvertraut habe.“

Adan machte eine ungeduldige Geste. „Du warst nicht gerade gesprächig. Wenn ich mich recht erinnere, hast du einmal gesagt, dein einziges Ziel im Leben sei es, mir zu gefallen und mich glücklich zu machen.“

„Das ist doch absurd“, erwiderte Isabella, brachte jedoch nur ein Flüstern zustande. Denn genau darauf war ihre Erziehung ausgerichtet gewesen: einem Mann zu gefallen und ihm die vollkommene Ehefrau zu sein. Doch hatte sie so etwas wirklich gesagt, und das zu diesem Mann?

„Schluss jetzt.“ Adan zog ein Handy aus der Hosentasche. „Wir gehen.“

„Moment mal!“, rief Isabella, ging zu ihm und umfasste sein Handgelenk, bevor er wählen konnte. Sie würde sich nicht einfach fügen!

Als sie ihn berührte, durchzuckte sie so etwas wie ein Stromschlag. Adan blickte zu ihr hinunter. Seine Augen funkelten, und seine sinnlichen Lippen waren zusammengepresst. Wie er wohl aussah, wenn er lächelte? Auf seinen markanten Wangen war ein Bartschatten zu sehen. Am liebsten hätte sie ihm die Hand auf die Wange gelegt, um diese an der Haut zu spüren.

Ihr Blick wanderte zu seinem Mund, und plötzlich tauchte vor ihrem Auge ein Bild von ihnen beiden auf, wie sie einander küssten. Isabella war erschüttert und konnte nicht sagen, ob es Verlangen oder eine Erinnerung war.

Doch in ihrem Körper regte sich eine sehr reale Sehnsucht. Der Moment schien sich in die Länge zu ziehen, bis Isabella das Gefühl hatte, sie würden nun schon seit mehreren Stunden so dastehen.

Adan fluchte leise auf Arabisch, dann befreite er sich aus ihrem Griff und schob ihr beide Hände ins Haar. Etwas fiel zu Boden, und Isabellas Herz schlug wie verrückt. Als Adan ihr plötzlich viel zu nahe war, wollte sie ihm ausweichen, konnte sich aber nicht von der Stelle rühren. Sie mochte keine Männer, die über sie bestimmen wollten. Und dennoch …

Adan schob sanft ihren Kopf nach hinten und entblößte so ihren zarten Hals. Eigentlich hätte sie Angst haben müssen, doch das war nicht der Fall.

„Mal sehen, ob du dich an das erinnerst“, sagte Adan rau.

Als er den Kopf neigte, schloss Isabella die Augen. Er würde sie küssen. Und, wie sie erschüttert feststellte, sie sehnte sich danach – und wusste, dass sie sich später wegen ihrer Schwäche verachten würde.

Doch Adan presste den Mund nicht auf ihren. Stattdessen spürte sie seine festen, sinnlichen Lippen an ihrem Hals. Intensive Empfindungen regten sich tief in ihrem Innern.

Dann ließ Adan ihr die Zunge übers Dekolleté gleiten und schob ihren Kopf noch weiter nach hinten, sodass sie sich gegen ihn bog und ihre Brüste gegen seinen Oberkörper gepresst wurden. Isabella spürte, wie sich ihre Brustwarzen schmerzhaft am Stoff des Bikinis rieben, was auch Adan sicher nicht entging.

Sie krallte die Hände in sein seidenes Hemd, als er den Mund an ihrem Hals nach oben gleiten ließ und ihr Verlangen immer mehr anfachte. Dann presste er die Lippen auf ihre. Isabella verspürte eine Sehnsucht, die neu und doch nicht neu war. Rigoros verdrängte sie jeglichen Gedanken an eine Vergangenheit, an die sie sich vielleicht nicht mehr erinnerte.

Stattdessen wollte sie sich auf die Gegenwart konzentrieren: darauf, wie Adan sie küsste, als sei sie die einzige Frau auf der Welt. Plötzlich war ihr sehr heiß. Am liebsten hätte sie die Kleidungsstücke heruntergerissen, um die aufflammende Leidenschaft auf die einzige mögliche Art zu stillen: indem sie sich ihm öffnete und mit ihm vereinigte.

Wenn Adan die Wahrheit gesagt hatte, wie oft hatten sie sich dann nach einem leidenschaftlichen Kuss schon aneinandergeschmiegt? Isabella konnte sich nicht an diesen Mann erinnern, doch ihr Körper schien ihn zu kennen.

Adan zog eine Hand aus ihrem Haar und nahm ihre Brustwarze zwischen zwei Finger. Isabella stöhnte leise auf, als tiefes Verlangen sie erschauern ließ. Die Hitze, die sich tief in ihrem Innern ausbreitete, war neu und vertraut zugleich.

Eng an Adan gepresst, bemerkte sie plötzlich seine heftige Erregung. Das hier ist bestimmt keine gute Idee, dachte sie atemlos. Sie durfte sich ihm nicht hingeben, sie waren schon viel zu weit gegangen.

Ich hätte ihn nie berühren dürfen, dachte Isabella. Doch es war, als wäre ein Strohfeuer entbrannt. Sie glaubte zu spüren, dass auch Adan verwirrt war angesichts dessen, was zwischen ihnen geschah. Bevor sie ihn wegschieben konnte, löste er sich von ihr.

Seine Lippen nicht mehr auf ihren zu spüren tat fast weh. Am liebsten hätte Isabella ihn wieder an sich gezogen, doch das durfte sie auf keinen Fall.

Er schien vollkommen ungerührt zu sein, als er sein Handy vom Boden aufhob.

„Warum hast du das getan?“, brachte sie mühsam heraus und merkte gar nicht, dass sie zur persönlichen Anrede übergegangen war.

Als er sie ansah, glänzten seine wunderschönen Augen noch immer golden vor Verlangen. Wie viele Frauen wohl unter diesem machtvollen Blick schon dahingeschmolzen waren? Wie viele hatten Adan nur kurz angesehen und vor Verlangen gebrannt? Hunderte, Tausende, vermutete Isabella. Und auch sie gehörte dazu.

„Weil du es wolltest.“

Isabella wollte es abstreiten, doch es stimmte: Sie hatte ihn tatsächlich küssen wollen. Doch jetzt wusste sie, wie es sich anfühlte, und würde nie wieder schwach werden. „Ich möchte, dass du jetzt gehst“, sagte sie nachdrücklich.

„Das werde ich nicht tun.“

„Du kannst mich nicht zwingen, nach Jahfar zurückzugehen“, entgegnete sie. „Immerhin bin ich amerikanische Staatsbürgerin.“

„Hör auf, so egoistisch zu sein“, fuhr Adan sie an. „Tu es für Rafik.“

Isabella schlang die Arme um ihren Körper. Sie fühlte sich unendlich erschöpft und wünschte, diese Farce wäre endlich vorbei. „Du magst mich für egoistisch halten, aber ich sage die Wahrheit. Ich kenne dich nicht, und ich weiß auch nicht, wer Rafik ist.“

Adans Augen wirkten eiskalt, als er Isabella mit unverhohlener Verachtung ansah. Offenbar war er noch wütender als je zuvor. Als er antwortete, traf jedes seiner Worte ihr Unterbewusstsein mit der Macht eines Sandsturms, der durch den lilafarbenen Himmel von Jahfar toste.

„Rafik ist unser Sohn.“

3. KAPITEL

Adans Privatjet war äußerst luxuriös ausgestattet, doch das bemerkte Isabella kaum. Seit sie wusste, dass sie ein Kind hatte, war sie völlig benommen. Es war, als hätte man ihr ein Messer ins Herz gestoßen. Wie konnte es sein, dass sie sich nicht daran erinnerte, ein Kind zur Welt gebracht zu haben? Das war unvorstellbar.

Doch sosehr sie sich einredete, das alles könne nicht wahr sein – ahnte sie doch, dass vor zwei Jahren weit mehr passiert war als ein schwerer Autounfall.

Also war sie mit Adan in ihr winziges Apartment gefahren, hatte gepackt und ihrem Vermieter mitgeteilt, sie werde für einige Wochen verreisen. Adan hatte gewirkt, als sei er entsetzt, wie sie wohnte. Natürlich war er als jahfarischer Prinz ein anderes Leben gewohnt.

Sie waren schweigend zum Flughafen gefahren und befanden sich nun irgendwo über dem Pazifik. Isabella saß in einem Ledersessel und blickte starr nach draußen. Vor ihr auf dem Tisch stand ein unberührtes Glas Papayasaft. Sie zitterte, obwohl sie Jeans, T-Shirt und eine leichte Jacke trug.

Eine Stewardess brachte ihr eine Decke. Dankbar hüllte Isabella sich in den edlen flauschigen Stoff, der mit den Decken normaler Fluglinien überhaupt nicht zu vergleichen war.

Adan, der nach dem Abflug in seinem Arbeitszimmer verschwunden war, nahm ihr gegenüber Platz. Seine Gegenwart verunsicherte Isabella. Doch sie wusste nicht, ob das am Kuss lag oder daran, dass sich jedes Mal, wenn er sie ansah, in ihrem Innern etwas zusammenzog.

„Ich dachte mir, du würdest dir das hier gerne ansehen“, sagte er und reichte ihr einige Papiere.

Es widerstrebte Isabella, doch sie musste sich die Unterlagen anschauen – um ihres inneren Friedens willen. Mit klopfendem Herzen betrachtete sie die erste Seite. Es war ein Artikel aus der Zeitung Al-Arab Jahfar mit dem Titel: „Prinz heiratet Tochter eines bekannten Geschäftsmannes.“

Darunter war ein Foto von ihr und Adan, der ein traditionelles Gewand mit dem bei derartigen Anlässen üblichen Dolch trug. Er wirkte ernst, als würde er eine Pflicht erfüllen. Und so war es wohl auch gewesen, denn sie hatten sich ja erst eine Woche vor der Hochzeit kennengelernt.

Isabella selbst lächelte zwar auf dem Foto, wirkte aber nicht glücklich in ihrer perlenbestickten Abaya aus Seide. Dazu trug sie einen wunderschönen transparenten Hidschab, dessen feiner Stoff sich um ihr Haar schmiegte.

Isabella blickte auf und bemerkte, dass Adan sie beobachtete. Er stützte sich leger auf eine Armlehne und strich sich gedankenabwesend mit dem Zeigefinger über die Unterlippe. Seine Miene war völlig undurchdringlich.

Als sie das nächste Blatt zur Hand nahm, begann ihr Herz wie wild zu schlagen. Es war die Geburtsanzeige ihres Sohnes Rafik ibn Adan Al Dhakir, der am vierten April geboren worden war.

Fast wäre Isabella in Schluchzen ausgebrochen. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht in Tränen auszubrechen. Dann holte sie tief Luft und zwang sich, die Unterlagen weiter durchzusehen.

Alles, was sie gewusst und geglaubt hatte – über sich selbst und ihre Eltern –, lag in Trümmern zu ihren Füßen. Sie war nicht der Mensch, für den sie sich gehalten hatte – sondern die Prinzessin Isabella Al Dhakir, verheiratet und Mutter eines Kindes, die eigentlich ein perfektes Leben haben sollte, doch allein und am Boden zerstört war. Mit zitternden Fingern griff sie nach dem nächsten Artikel.

Dieser handelte davon, dass sie aus dem Haus ihres Vaters verschwunden war, den sie nach der Geburt ihres Kindes besucht hatte. Alles deutete darauf hin, dass sie in die Wüste gegangen war. Durch einen Sandsturm war die Suche nach ihr drei Tage lang unmöglich gewesen. Danach hatte man keine Spur mehr von ihr gefunden. Unwillkürlich dachte Isabella an das luxuriöse Haus ihres Vaters, genau am Rand der Wüste, in die sie gegangen sein sollte.

Als Isabella die vierte Seite ansah, wurde ihr kalt. Die Worte hoben sich ungewöhnlich stark vom weißen Hintergrund ab. Tot …

Schnell blätterte sie weiter. Als Nächstes kam ein Ehevertrag, der alle Details enthielt, auf die ihr Vater und Adan sich geeinigt hatten.

Isabella schloss die Augen, ließ die Blätter auf den Tisch sinken und verschränkte die Finger ineinander, damit Adan nicht sah, wie ihre Hände zitterten. Es stimmte also: Sie war seine Frau, die Mutter seines Kindes.

Und an nichts davon konnte sie sich erinnern, nicht einmal daran, ihr Baby im Arm gehalten zu haben. Wie konnte das sein? Als ihr erneut die Tränen kamen, zwang Isabella sich, diese zurückzuhalten. Auf keinen Fall wollte sie vor Adan weinen.

„Willst du die Wahrheit noch immer leugnen?“

Sie schüttelte schweigend den Kopf, ohne etwas zu sagen, denn sie hatte Angst, sonst die Beherrschung zu verlieren.

„Warum hast du deinen kleinen Sohn zurückgelassen, Isabella? Hast du überhaupt nicht an ihn gedacht?“

Es dauerte eine Weile, bis sie antworten konnte. „Ich kann mich an nichts erinnern“, brachte sie dann mühsam flüsternd heraus.

Sie rechnete damit, dass Adan ihr kein Wort glauben würde. Doch er atmete hörbar aus, wandte kurz den Blick ab und sah sie dann wieder durchdringend an, um zu erwidern: „Dann erzähl mir doch, woran du dich noch erinnerst. Zum Beispiel, wie du nach Hawaii gekommen bist.“

Isabella war zu durcheinander, um sich zu weigern. Sie zog die Decke enger um sich und begann: „Ich war in Jahfar, und dann war ich bei meiner Mutter in South Carolina. Wie ich dorthin gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Mein Vater sagt, das läge an meinem Unfall. Ich hatte eine Kopfverletzung und habe fünf Wochen im Koma gelegen. Auch an den Unfall erinnere ich mich nicht, doch laut Aussage der Ärzte ist das normal. Nachdem ich mich bei meiner Mutter erholt hatte, bin ich zu ihrer Erleichterung in ein eigenes Apartment gezogen.“

„Nach Jahfar wolltest du nicht zurück?“

„Nein. Ich habe gelegentlich daran gedacht, aber mein Vater sagte mir, ich solle in den USA bleiben.“

„Hawaii ist ziemlich weit weg von den USA entfernt“, stellte Adan fest.

Das stimmte, und doch hatte das Heimweh Isabella dorthin getrieben. „Mir haben das Meer und die Palmen gefehlt“, erklärte sie. „Eigentlich wollte ich nur Urlaub machen, aber dann bin ich geblieben.“

„Und warum hast du deinen Namen geändert?“

„Das habe ich nicht, Bella Tyler ist mein Künstlername.“ In Wirklichkeit steckte jedoch auch ihr Wunsch dahinter, jemand anders zu sein – selbstbewusster und nicht so allein.

„Und warum singst du? Brauchst du Geld?“, fragte Adan.

„Nein, mein Vater schickt mir genug Geld. Sängerin bin ich zufällig geworden, nachdem ich einmal bei einem Karaokeabend war.“

„Sängerin in einer Bar“, stellte Adan missbilligend fest.

„Ich singe eben gerne“, verteidigte Isabella sich. „Und ich kann es gut“, fügte sie stolz hinzu.

„Ich habe dich vor heute Abend nie singen hören.“

„Vermutlich deshalb, weil ich befürchtet habe, du würdest etwas dagegen haben.“

„Vielleicht hätte ich das gar nicht gehabt“, sagte Adan sanft.

„Ich muss es wohl geglaubt haben.“

„Möglich“, erwiderte er ungerührt.

Isabella verkrampfte die Hand in der Decke. Was für ein merkwürdiges Gespräch! Dieser völlig Fremde war ihr Ehemann. „Wir haben wohl nicht viel Zeit miteinander verbracht“, mutmaßte sie.

„Genug“, entgegnete Adan und sah sie mit funkelnden Augen an.

Isabella senkte den Kopf und hoffte, sie würde nicht erröten. Sie war natürlich keine Jungfrau mehr, konnte sich jedoch nicht an ihre erste und auch sonst an keine Liebesnacht mit Adan erinnern. „Wie lange waren wir verheiratet, als das Baby …?“

„Du bist gleich im ersten Monat schwanger geworden und einen Monat nach Rafiks Geburt verschwunden.“

Isabella konnte nur schwer glauben, dass sie schwanger gewesen war. „Dann waren wir also nicht einmal ein Jahr zusammen.“

„Stimmt.“

Fieberhaft dachte sie nach. Wenn Adan die Wahrheit sagte – und alles wies darauf hin –, dann mussten ihre Eltern gelogen haben. Sicher hatte sich ihr Vater diese ganze Geschichte ausgedacht. Aber warum? Hatte Adan sie misshandelt? Das glaubte Isabella nicht. Adan war zwar sehr wütend auf sie, doch bedroht hatte er sie nicht ein einziges Mal. Sonst wäre sie auch nicht hier. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart befangen, aber mit Angst hatte das nichts zu tun. Sie presste sich die Finger an die Schläfe und versuchte, all die unglaublichen Neuigkeiten zu verarbeiten.

„Tut dir der Kopf weh?“, fragte Adan.

„Ja“, sagte Isabella überrascht, denn sie merkte erst jetzt, dass es hinter ihrer Schläfe zu pochen begann. Bald würde sich der Schmerz auf die andere Seite ausbreiten. Und sie hatte ihre Migränetabletten im Apartment liegen lassen …

Adan ließ ihr ein Glas Wasser und Schmerztabletten bringen, die Isabella einnahm, ohne sich jedoch viel davon zu erhoffen.

„Vielleicht solltest du dich hinlegen“, schlug Adan vor. „Hinten im Flugzeug sind ein Schlaf- und ein Badezimmer.“

Er hatte recht, doch Isabella konnte jetzt nicht schlafen. „Hast du ein Foto von ihm?“, fragte sie leise.

Adan presste den Mund zusammen. Dann zog er sein Handy heraus und rief ein Foto auf. Ihr stockte der Atem.

Der entzückende kleine Junge, der in die Kamera blickte, hatte Adans schwarzes Haar und seine dunklen Augen. Doch das Kinn hatte er eindeutig von ihr.

Eine Träne rann Isabella über die Wange. „Er ist jetzt zwei, oder?“

Adan nickte und steckte das Handy wieder ein, obwohl sie den kleinen Jungen gern noch länger betrachtet hätte. Ihr war so viel entgangen: sein erstes Wort, seine ersten Schritte … Isabella tat das Herz weh. Dann krampfte sich ihr der Magen zusammen, und sie wusste nicht, ob das an dem großen Verlust oder an ihrer Migräne lag.

Als sie aufsprang, erhob sich auch Adan mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze und fragte: „Was ist denn los?“

„Ich … Badezimmer“, brachte Isabella nur heraus und rannte ins Badezimmer, wo sie sich heftig übergab. Ich sehe furchtbar aus, dachte sie, als sie danach in den Spiegel blickte. Mit warmem Wasser und Seife wusch sie sich das Make-up vom Gesicht. Dabei ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Wegen des laufenden Wassers würde Adan ihr Schluchzen sicher nicht hören.

Doch als er sie bei ihrer Rückkehr ansah, wusste Isabella, dass ihm ihre geröteten Augen nicht entgingen.

„Bist du krank?“

„Es ist nur die Migräne“, erwiderte sie schulterzuckend. „Wenn ich mein Medikament nehme, wird es meist nicht so schlimm, aber ich habe es vergessen.“

„Sag mir, wie das Medikament heißt“, forderte Adan sie auf. „Dann werden wir es bei der Landung vorfinden.“

Isabella tat es und nahm wieder Platz.

„Du solltest dich hinlegen.“

„Ich möchte jetzt lieber nicht weit gehen“, erklärte sie.

Bevor sie protestieren konnte, hatte Adan sie hochgehoben. Mit seinen starken Armen hielt er sie eng an seiner Brust, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich Isabella geborgen und sicher.

Doch das war eine Illusion. Mehr als je zuvor musste sie auf der Hut sein, denn sie war emotional sehr verletzlich. Und jetzt empfand sie so viel, viel zu viel.

Isabella fühlte Adans Herz unter ihrer Hand schlagen, die sie ihm auf die Brust gelegt hatte, und sie atmete seinen markanten maskulinen Duft ein. Adan trug sie in den hinteren Bereich des Jets und ließ sie vorsichtig auf das große Doppelbett sinken. Er streifte ihr die Schuhe ab und deckte Isabella zu. „Schlaf gut“, sagte er leise.

Als er schon an der Tür war, erwiderte sie: „Ich … es tut mir leid, Adan.“

Er neigte nur kurz den Kopf und zog die Tür hinter sich zu.

Adan warf sich unruhig im Bett hin und her. Immer wieder stellte er sich vor, wie Isabella nebenan schlummerte.

Er musste zugeben, dass er auf ihren erschütterten Gesichtsausdruck nicht vorbereitet gewesen war. Als sie aus dem Badezimmer gekommen war, hatte sie verweint und geradezu gequält ausgesehen. Angesichts der Zeitungsartikel über ihre Hochzeit, über Rafiks Geburt und über ihren angeblichen Tod war sie wie vor den Kopf gestoßen gewesen.

Adan schüttelte den Kopf. Für Mitgefühl war kein Platz, er musste tun, weswegen er nach Hawaii geflogen war. Das war von großer Wichtigkeit für sein Land und auch für seinen Sohn. Er würde Rafiks Glück um nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Isabella war zwar seine Mutter, doch sie hatte ihren Sohn einfach zurückgelassen, auch wenn sie sich vielleicht tatsächlich daran nicht erinnerte. Und was auch immer geschehen war, ihr Vater hatte ihr dabei geholfen. Mit Hassan Maro würde Adan sich noch befassen, jetzt befasste er sich erst einmal mit Isabella.

Er schlug die Decke zurück und stand auf. Da er ohnehin nicht schlafen konnte, würde er die Zeit zum Arbeiten nutzen. Nachdem er geduscht und sich rasiert hatte, zog er eine weiße Dischdascha und die traditionelle dunkelrot jahfarische Kufiyas an.

Die Vorbereitungen fürs Frühstück liefen bereits auf Hochtouren. Als Adan hinzukam, hielt das gesamte Personal inne und verneigte sich tief. Trotz der Ehrerbietung, die er als Prinz bereits erfahren hatte, musste Adan sich an seinen neuen Status als König noch gewöhnen. Er war ungeduldig und kam am liebsten immer gleich zur Sache, doch er wusste, dass den Menschen die äußere Form noch immer sehr wichtig war. In Jahfar wurden die alten Traditionen von vielen noch sehr geschätzt.

Adan ließ sich Kaffee in sein Arbeitszimmer bringen, wo er sich an den großen Schreibtisch aus edlem Holz setzte. Nach längerer Internetrecherche stellte er fest, dass ein Gedächtnisverlust, bei dem man einen bestimmten Menschen und die mit ihm zusammenhängenden Ereignisse vergaß, zwar selten war, aber durchaus vorkam. Er beschloss, Isabella ärztlich untersuchen zu lassen.

Adan rief seinen Assistenten in Jahfar an und wies ihn an, Hassan Maro für den nächsten Tag in den Palast zu bestellen und einen qualifizierten Psychologen zu finden. Nachdem er aufgelegt hatte, kam eine E-Mail von Jasmin, in der sie ausführlich vom Anprobieren des Brautkleides berichtete. Schuldbewusst dachte Adan daran, dass er ihr bei seiner Abreise nicht erzählt hatte, wohin er fliegen würde.

Jasmin und er kannten sich schon seit ihrer Kindheit. Geknistert hatte es nie zwischen ihnen, doch sie mochten einander. Die liebevolle, freundliche Jasmin würde Rafik und den noch kommenden Kindern eine gute Mutter sein. Sie war eine sichere Wahl, die richtige Wahl.

Adan arbeitete noch eine Weile und frühstückte dabei. Als er aufstand und in den Aufenthaltsbereich ging, sah er dort Isabella auf demselben Sessel sitzen wie am Abend zuvor. Sie hatte die nackten Beine ausgestreckt und betrachtete erneut die Zeitungsartikel.

Als er sich näherte, blickte sie auf, ohne zu lächeln, was sie früher immer getan hatte. Nichts erinnerte mehr an die sanftmütige, fügsame und unschuldige Frau von damals. Plötzlich wurde Adan bewusst, dass sie so leicht zu vergessen gewesen war wie ein Möbelstück, das man als selbstverständlich hinnahm.

Die Frau, die da vor ihm saß, war dagegen sinnlich, geheimnisvoll und alles andere als fügsam. In ihr brannte ein Feuer, das er bisher nie bemerkt hatte. Und er konnte einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Ohne das Make-up, das sie auf der Bühne trug, war Isabellas Gesicht so rein wie das eines Engels. Ihr Haar mit den goldenen Strähnen, die nicht vom Friseur stammten, war ebenso wild wie am Vortag. Bisher hatte er sie immer nur mit geglättetem Haar gesehen, das sie für gewöhnlich in einem lockeren Knoten getragen hatte. Ihr unkonventioneller Look war ihm fremd. Heute trug sie ein blaues Baumwollkleid, das für seinen Geschmack zu viel von ihr preisgab, dazu Sandalen.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte er.

Ausgeruht wirkte Isabella nicht, und ihre grünen Augen hatten noch immer einen schmerzlichen Ausdruck. „So gut, wie man es erwarten kann.“

„In etwa drei Stunden sind wir in Jahfar.“

„Und was passiert dann?“

„Einiges, nehme ich an“, antwortete Adan bewusst mehrdeutig.

„Und wann … wann kann ich Rafik sehen?“

Sie schluckte, bevor sie den Namen sagte – den Namen seines Sohnes, wie Adan sich innerlich sagte. Denn ihr Sohn war er schon seit zwei Jahren nicht mehr.

„Ich fürchte, du wirst ihn gar nicht sehen können.“

4. KAPITEL

Fassungslos blickte Isabella ihn an. Sie hatte das Gefühl, man würde ihr das Herz herausreißen. Doch sie hatte schon genug geweint: gestern im Badezimmer, nachts im Bett … Und so hielt sie mit aller Macht die Tränen zurück. Aber sie würde sich auch nicht einfach Adans Anordnungen fügen.

„Ich hatte das eigentlich nicht als Frage gemeint“, sagte sie.

In seiner Dischdascha und mit der Kopfbedeckung sah Adan unnachgiebig und sehr attraktiv aus. Seine dunklen Augen funkelten in seinem markanten Gesicht, und sein Mund war auch dann unglaublich sinnlich, wenn er die Lippen missbilligend zusammenpresste.

„Du wirst ihn nicht sehen können“, wiederholte er. „Das würde ihn nur durcheinanderbringen.“

„Er ist doch erst zwei“, entgegnete Isabella aufgebracht. „Wie sollte ihn das durcheinanderbringen?“

Adan atmete hörbar aus. „Du weißt doch überhaupt nichts über Rafik. Ich werde mir nicht von dir sagen lassen, was gut für meinen Sohn ist.“

„Für unseren Sohn!“ Sie stand auf und fügte hinzu: „Ich bin schließlich seine Mutter!“

„Du hast ihn zur Welt gebracht“, erwiderte Adan kühl. „Das allein macht noch keine Mutter aus dir.“

Isabella ballte die Hände zu Fäusten. Ihr Herz schlug wie verrückt, und die fast abgeklungene Migräne ließ es hinter ihren Schläfen pochen.

„Das ist mir klar.“

„Ach wirklich?“, fragte Adan aufgebracht. „Und seit wann, wenn ich fragen darf? Hast du daran gedacht, als du dein Baby allein im Haus deines Vaters zurückgelassen hast?“

Jedes seiner Worte traf sie wie ein Schlag ins Gesicht, doch sie musste Adan die Stirn bieten und sich nicht von seiner Wut und seiner Verachtung niederringen lassen. „Ich habe ihn allein gelassen?“, fragte sie. Warum, um alles in der Welt, hatte sie das getan? „Und du willst Rafik auch künftig seine Mutter vorenthalten, obwohl du mich wiedergefunden hast?“

„Er braucht dich nicht.“

Seine Worte versetzten Isabellas Herz einen schmerzhaften Stich. Doch sie ließ sich von seiner Wut nicht einschüchtern, sondern kam einen Schritt näher und sah Adan mit funkelnden Augen an. „Und was, verdammt noch mal, willst du dann von mir?“

„Das weißt du. Du hast es ja selbst gesagt.“

Plötzlich wurde ihr schwindelig, und vor ihren Augen schienen schwarze Punkte zu tanzen. Nein, dachte Isabella. Sie würde nicht bewusstlos werden, nur weil er sich scheiden lassen wollte. Sie kannte ihn nicht und liebte ihn auch nicht. Dass er sie zurückwies, war nicht wichtig. Rafik war wichtig, ihr kleiner Sohn. Auf keinen Fall würde sie ihn wieder aufgeben, nachdem sie ihn gerade erst gefunden hatte.

„Ich werde mich nicht von dir scheiden lassen“, sagte Isabella leise und nachdrücklich.

„Dir wird gar nichts anderes übrig bleiben, Isabella“, entgegnete Adan kalt. „Oder hast du vergessen, dass wir aus Jahfar stammen?“

„Damit meinst du wohl, dass du als Mann die ganze Macht hast.“ Sie hob das Kinn. „Nein, das habe ich nicht vergessen. Aber ich werde es dir auch nicht einfach machen.“

„Wie bitte?“, fragte Adan drohend. Und dann brach er plötzlich in tiefes, volles Gelächter aus. Und natürlich hatte er recht: Isabella konnte nichts tun, rein gar nichts.

„Ich werde tun, was auch immer ich tun muss“, entgegnete sie dennoch. „Ich werde nicht zulassen, dass du mir mein Kind wegnimmst, bevor ich es überhaupt kennenlernen kann!“

Adan kam noch einen Schritt näher und baute sich drohend vor ihr auf. „Deine Entscheidung hast du schon vor zwei Jahren gefällt. Und jetzt gibt es nichts, was du mir entgegensetzen könntest.“

Eine Weile lang sahen sie einander starr in die Augen. Als Adan die Hand hob, zuckte Isabella zusammen, wich jedoch nicht zurück. Dann strich er ihr ganz sanft mit den Fingern über Wange und Hals. Wo immer er sie berührte, schien ihre Haut zu brennen.

Als Isabella die Zunge über die Lippen gleiten ließ, betrachtete Adan ihren Mund.

„Du hattest alles, Isabella“, sagte er leise. „Einen Ehemann, ein Kind und die Aussicht auf weitere Kinder. Aber wir waren dir nicht genug. Nenn mir einen Grund, warum ich dir noch einmal diese Chance geben sollte.“

Sie sah die tiefen Empfindungen, die sich in seinen Augen spiegelten. Doch welche genau das waren, konnte sie nicht sagen.

Plötzlich kam ihr ein erschütternder Gedanke. Eigentlich konnte es kaum stimmen, da sie sich vor der Hochzeit ja kaum gekannt hatten, aber falls doch …

Sie schluckte. „Warst du verliebt in mich? Bist du deswegen so wütend?“

Adan sah sie überrascht an. Dann erwiderte er spöttisch: „Nein. Du warst in mich verliebt. Das hast du mir selbst gesagt.“

Als er ihr wieder sanft über die Haut strich, spannte Isabella sich an. Eigentlich sollte sie nicht zulassen, dass er sie berührte, doch sie schaffte es nicht, sich von ihm zu lösen. „Das glaube ich dir nicht“, sagte sie. Sonst müsste sie doch irgendeine Verbindung zu diesem Mann spüren.

„Was du glaubst, ändert nichts an der Wahrheit.“ Adan ließ die Hand sinken, und am liebsten hätte sie protestiert.

„Aber vermutlich war das ohnehin gelogen“, fuhr er fort. „Denn hättest du mich – oder uns – geliebt, wärst du nicht einfach weggegangen.“

„Wie überaus praktisch für dich“, stellte Isabella kühl fest. „Wenn ich protestiere, sprichst du einfach immer an, was ich Schreckliches getan habe – weil du genau weißt, dass ich mich nicht erinnere.“ Sie stützte die Fäuste in die Hüften und sah ihn durchdringend an. „Woher soll ich wissen, dass nicht alles, was du sagst, gelogen ist?“

„Vor langer Zeit wärst du in Jahfar dafür zum Tode verurteilt worden, mich der Lüge zu bezichtigen.“

„Na, zum Glück haben sich die Zeiten ja geändert.“ Sie schnaufte.

Hinter Adan war eine Stewardess aufgetaucht, die nun mitten in der Bewegung innehielt, sich umwandte und wieder gehen wollte.

Isabella verlor die Beherrschung. „Du meine Güte!“, platzte sie heraus. „Warum tänzeln eigentlich alle auf Zehenspitzen um dich herum, als würdest du ihnen jeden Moment den Kopf abhacken?“

Sie eilte an Adan vorbei zu der Stewardess. „Wenn Sie mit ihm sprechen möchten, dann tun Sie es doch bitte.“

Die junge Frau senkte den Kopf. „Seine Hoheit ist beschäftigt. Ich werde später wiederkommen.“

Isabella hatte genug von Adans Selbstherrlichkeit. Andere Leute mussten schließlich auch ihre Arbeit tun. „Wollten Sie fragen, ob wir etwas zu essen wollten? Oder etwas zu trinken?“

„Etwas zu trinken, Hoheit.“

Fast hätte Isabella die junge Frau korrigiert, doch da fiel ihr ein, dass sie ja tatsächlich eine Prinzessin war. „Ich hätte gern etwas Wasser mit Zitrone“, sagte sie deshalb nur. „Möchten Sie auch etwas, Euer Gnaden?“, wandte sie sich an Adan.

„Nein.“

„Dann also nur Wasser“, sagte Isabella zur Stewardess.

„Sehr wohl, Hoheit.“ Die junge Frau machte einen tiefen Knicks und rannte dann fast davon.

„Wie hältst du es bloß mit dir selbst aus?“, fragte Isabella. „Du schüchterst Frauen ein, forderst Gehorsam und bedenkst alles und jeden mit finsteren Blicken.“

„Ich kann dir versichern, dass ich niemanden einschüchtere und man mir deshalb gehorcht, weil es mir gebührt“, erwiderte Adan mit undurchdringlicher Miene.

Die Stewardess brachte ein Glas Mineralwasser und einen Teller mit Zitronenspalten, stellte beides vor Isabella auf den Tisch und knickste erneut. Dann zog sie sich eilig zurück.

Isabella träufelte etwas Zitronensaft ins Wasser und trank die kühle Flüssigkeit, die ihrer vom Singen und Weinen rauen Kehle sehr guttat. Bewusst ignorierte sie Adan und blickte stattdessen zum Fenster hinaus. Mittlerweile war es Tag geworden, und sie befanden sich hoch über den Wolken.

„Du hast dich verändert, Isabella.“

Als sie ihn ansah, schlug ihr Herz heftig angesichts der Hitze und der Wut, die sich in seinen Augen spiegelten. „Alles hat sich verändert“, sagte sie leise. „Ich passe mich den neuen Umständen an.“

„Tu das lieber nicht zu sehr, du wirst ja ohnehin bald nach Hawaii zurückkehren“, lautete Adans kühle Antwort.

Der Magen krampfte sich ihr zusammen, doch Isabella ignorierte es entschlossen. „Was immer du auch tust, du wirst mich nicht vertreiben.“

„Du solltest lieber keine Zukunft in Jahfar planen“, warnte er sie. „Denn du wirst nur so lange dort sein, bis wir das rechtliche Durcheinander in Ordnung gebracht haben.“

„Ich werde auf keinen Fall sang- und klanglos wieder verschwinden!“

Adan sah sie eine Weile schweigend an. „Darüber hast du nicht zu entscheiden“, sagte er schließlich.

Als Isabella das Flugzeug verließ, war es, als würde sie einen Schmelzofen betreten, so unbarmherzig brannte die Sonne.

In einiger Entfernung sah sie Dattelpalmen und schroffe Sandsteinberge. Jahfar mit seiner teilweise sehr trostlosen Landschaft war ihr Zuhause, und gleichzeitig war es ihr fremd.

In der Nähe standen drei schwarze Mercedes-Limousinen, neben denen Männer mit schwarzen Anzügen in stoischer Ruhe warteten. Am unteren Ende der Treppe stand eine weitere Gruppe Männer in weißen Dischdaschas und den traditionellen Kufiyas. Zwischen Flugzeug und Wagen war ein roter Teppich ausgerollt worden.

Als Adan die Treppe hinunterstieg, sanken die Männer unten auf die Knie und berührten mit dem Kopf den Boden. Überrascht blieb Isabella stehen, denn so wurden nicht Mitglieder der Königsfamilie begrüßt, sondern nur der Machthaber.

Adan sprach mit den Männern, sie standen auf, und dann schritt er zu den wartenden Wagen. Isabella stand noch immer bewegungslos da und versuchte zu begreifen, was sie da gerade gesehen hatte. Als er sich zu ihr umwandte, eilte sie die Stufen hinunter zu ihm. Auf keinen Fall würde sie sich von ihm einschüchtern lassen oder zulassen, dass er sie zurückließ.

Adan ließ sie in den Wagen einsteigen und stieg dann selbst ein. Als sie losfuhren, strich Isabella sich nervös den Rock ihres Kleides glatt. Warum war sie plötzlich so nervös? Wo war die Frau, die ihm vor Kurzem noch die Stirn geboten hatte? Sie wusste es nicht und bemerkte, dass ihr Atem sehr schnell ging. Ich hätte bei dieser Hitze nicht rennen sollen, dachte sie.

Adan zog eine Flasche Wasser aus einem kleinen Kühlschrank und warf sie ihr zu. „Trink das lieber, bevor du noch in Ohnmacht fällst.“

Isabella trank einen Schluck. „Ich hatte vergessen, wie heiß es in Jahfar ist“, sagte sie und hoffte, man würde ihr die Nervosität nicht anmerken.

„Tja, du scheinst dich an vieles nicht mehr zu erinnern.“

„Du wurdest begrüßt, wie man es sonst nur beim König tut“, stellte sie fest.

Adans Augen waren hinter den verspiegelten Gläsern seiner Sonnenbrille verborgen, doch sie sah, wie er die Lippen zusammenpresste. „Richtig.“

Isabellas Herz begann, heftig zu klopfen. In was für ein Durcheinander war sie da nur geraten? „Du bist der König? Und was ist mit Al Nasri?“

„Mein Cousin und seine Familie sind im vergangenen Jahr bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen. Da ich unter uns Brüdern der älteste bin, wurde ich zum Erben meines Onkels – der vor etwas über einer Woche verstarb.“

Sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde stehen bleiben. „Das heißt … bin ich dann etwa …“

„Ob du Königin bist? Nein, und das wirst du auch nie werden“, antwortete Adan nachdrücklich.

„Aber … wenn du doch der König bist?“

„Ich kann dieses Amt erst offiziell antreten, wenn ich verheiratet bin. Erst dann findet die Krönung statt.“

Isabella widerstand der Versuchung, sich die kühle Wasserflasche über die Haut zu rollen, die in der Nähe dieses Mannes heiß zu prickeln begann. „Du bist verheiratet.“

Adan nahm die Sonnenbrille ab und warf sie auf den Sitz. Seine Augen in dem attraktiven Gesicht blickten durchdringend, heiß und kalt zugleich.

„Vor vierundzwanzig Stunden war ich noch Witwer. Dass du noch lebst, hat alles etwas durcheinandergebracht, doch sobald wir das geregelt haben, kann ich mit den Hochzeitsvorbereitungen fortfahren.“

„Du wirst heiraten?“, fragte Isabella ungläubig.

„Allerdings.“

Sie war aufgebracht und verletzt zugleich. Es war nachvollziehbar, dass Adans Leben weitergegangen war und er ein zweites Mal heiraten wollte – schließlich hatte er ja geglaubt, sie wäre tot. Doch jetzt war sie wieder da und wusste, dass er und sie ein Kind hatten.

„Liebst du sie?“, fragte sie. Denn wenn er eine Frau gefunden hatte, die seine Gefühle erwiderte, dann konnte Isabella nicht zwischen ihnen stehen. Andererseits konnte sie sich auch nicht völlig heraushalten, da es ja um die Zukunft ihres Kindes ging.

„Das braucht dich nicht zu kümmern“, erwiderte Adan kurz angebunden.

In ihrem Kopf schien sich alles zu drehen. „Also nein“, sagte sie. „Denn sonst würdest du es einfach zugeben.“

Durchdringend sah er sie an. „Sprichst du aus Erfahrung, Isabella? Bist du in letzter Zeit verliebt gewesen?“

Sie senkte den Blick, damit er nicht erriet, wie einsam sie in den letzten Jahren gewesen war. Isabella war sicher, dass es irgendwo einen Menschen gab, mit dem sie glücklich werden würde. Doch sie hatte ihn noch nicht gefunden.

„Nein.“

Adan umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Du gehörst zu mir, habibti. Ich hätte etwas dagegen, dass du einen Geliebten hast.“

„Warum? Du möchtest mich doch so bald wie möglich loswerden!“

Etwas, das Isabella nicht deuten konnte, flackerte in Adans Augen auf. Dann ließ er sie los. „Das stimmt. Je eher, desto besser. Rafik braucht endlich eine richtige Mutter.“

Bei seinen Worten war ihr, als würde man ihr einen glühenden Dolch ins Herz stoßen. Nur mühsam gelang es Isabella, nicht die Beherrschung zu verlieren. Adan war so unfassbar brutal und kalt. Wenn sie die Hand gegen den König von Jahfar erhob, würde man sie bestimmt ins dunkelste Gefängnis werfen. Doch es war der Gedanke an ihren kleinen Sohn, der sie zurückhielt.

„Du bist der niederträchtigste Mensch, der mir je begegnet ist!“, rief sie. „Warum bist du überhaupt nach Hawaii gekommen, wenn du mir ohnehin nur das Herz brechen willst? Deine Behauptung, ich sei in dich verliebt gewesen, war eine Lüge: Einen Mann wie dich könnte ich niemals lieben!“

„Du weißt genau, warum ich dich geholt habe: weil ich sonst mit meiner erneuten Heirat einen Betrug begangen hätte.“

„Natürlich“, erwiderte Isabella bitter. „Es geht immer nur um dich, deine Gefühle und deine Bedürfnisse. Meine sind dir völlig egal – und die unseres kleinen Sohns ebenfalls.“

„Pass auf, was du sagst“, warnte Adan sie. „Jahfar ist kein so modernes Land, wie du es gerne hättest. Wenn du mich weiter so provozierst, wirst du merken, wie skrupellos ich sein kann.“

„Das habe ich schon“, entgegnete sie heftig. „Immerhin willst du eine Mutter von ihrem Kind trennen!“

Als er die Augen zusammenkniff, sah sie die vielen kleinen Fältchen, die von jahrelangem Wind und unbarmherziger Sonne zeugten. Adans Gesicht spiegelte die Schroffheit der Wüste wider und den Kampf ums Überleben. Er mochte bald der König sein, doch er war auch wild und ungezähmt, und das würde er auch bleiben. Eine unbestimmte Vorwarnung ließ Isabella frösteln.

„Ein Kind einfach sich selbst zu überlassen, sodass es ohne Mutter aufwächst – das ist viel mitleidloser als alles, was ich je getan habe“, sagte er kalt.

5. KAPITEL

Adan setzte sich an den großen, mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch und sah seinen Anwalt starr an. „Was soll das heißen, die Scheidung meiner Ehe wird eine Weile dauern?“

Der Mann räusperte sich. „Der Ehevertrag mit Isabella Maro ist eindeutig formuliert, Hoheit: Willigt sie nicht in die Scheidung ein, können Sie nur geschieden werden, wenn sie unfruchtbar ist. Dies ist ja offensichtlich nicht der Fall“, fuhr er fort. Verdammt! Aufgebracht warf Adan seinen Füllfederhalter auf den Tisch. Isabella schien nichts als Ärger zu machen. Er stand auf, ging zum Fenster und fragte: „Und was ist mit der Krönung?“

Wieder räusperte sich der Anwalt. „Sie sind verheiratet und können den nächsten Schritt machen. Allerdings hat sich niemals ein König Jahfars von seiner Königin scheiden lassen.“

„Aber es ist möglich?“ Adan war fest entschlossen, Isabella diesen Kampf nicht gewinnen zu lassen. Eine Frau wie sie sollte nicht Mutter seines Sohnes sein. Und Rafiks Wohlergehen war ihm wichtiger als alles andere auf der Welt.

„Da bin ich nicht sicher, Hoheit, da es einen solchen Fall noch nie gegeben hat.“

„Dann halten Sie mich auf dem Laufenden.“

Der Anwalt verneigte sich und wurde von Mahmud hinausbegleitet.

Angesichts der Zwickmühle, in der er sich befand, war Adan unglaublich aufgebracht. Gleichzeitig erfüllte ihn jedoch eine Art Vorfreude.

Schnell verdrängte er diesen unwillkommenen Gedanken wieder. Isabella machte ihn wütend, und je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, umso mehr wollte er sie an den Schultern packen und sie … küssen. Überall.

Nein, dachte Adan. Er hatte sie einmal geküsst, das genügte. Auf keinen Fall würde er das Risiko eingehen, sie wieder in Rafiks Leben zu lassen. Warum sie damals gegangen war und ihn verlassen hatte, wusste er nicht, doch es war ebenso wenig zu leugnen wie die Schuldgefühle, die sie offenbar jetzt deswegen hatte.

Ob sie nur deshalb behauptete, sie wolle Teil von Rafiks Leben sein? Was würde geschehen, wenn sie irgendwann merkte, dass kleine Jungen chaotisch und ungestüm waren, dass sie Disziplin und Liebe brauchten – und Eltern, für die ihr Wohlergehen an erster Stelle stand?

Nein, das Risiko war Adan zu groß. Zu gut erinnerte er sich noch daran, wie er sich danach gesehnt hatte, von seiner Mutter geliebt zu werden. Doch die hatte er immer nur zu Gesicht bekommen, wenn er perfekt herausgeputzt gewesen war, damit sie vor ihren Freundinnen mit ihrem kleinen Sohn hatte prahlen können.

Das wollte er seinem Sohn ersparen. Für Rafik wünschte Adan sich eine Mutter, die den Kleinen von ganzem Herzen liebte und ihn nicht als Last empfinden würde. Und solch eine Mutter war Jasmin, nicht Isabella. Außerdem würde er nicht den Rest seines Lebens mit einer Frau verbringen, der er misstraute und die er verachtete.

Mit einer Frau, die er so heftig begehrte, dass er sie auf der Zunge zu schmecken glaubte …

Adan fluchte leise. Wie konnte es sein, dass er sich nicht zu Jasmin hingezogen fühlte, sondern zu Isabella? Am liebsten hätte er ihr das Kleid vom Leib gerissen und Finger und Zunge in sie gleiten lassen, bevor er tief in ihr heißes Inneres eindrang … Schon früher hatte er den Sex mit ihr sehr genossen, doch damals waren sie frisch verheiratet gewesen – und es war seine Pflicht gewesen, für einen Erben zu sorgen.

Lügner, dachte er. Es war mehr gewesen als nur das. Er hatte Isabella begehrt, und das tat er noch immer. Doch Adan war kein Mann, der sich von seinem Verlangen überwältigen und steuern ließ. Und das würde er auch jetzt nicht tun, egal, wie lange die Scheidung sich hinzog. Auf Hawaii war er einmal schwach geworden und hatte sie geküsst, doch damit war es vorbei. Von nun an würde Adan standhaft bleiben – Rafik zuliebe.

Isabella konnte sich nicht an den Palast erinnern, obwohl sie hier einmal gelebt haben musste. In die geweißten Wände aus Sandstein waren so viele Fliesen aus Gold und Porzellan eingelassen, dass das Ganze im Sonnenlicht zu leuchten schien.

Am beeindruckendsten war jedoch die Anfahrt gewesen: Springbrunnen und Statuen aus Marmor, Palmen, üppig-grüne exotische Pflanzen und ausgedehnte tiefgrüne Rasenflächen, die in einem so heißen, trockenen Land ein eindeutiges Anzeichen für unfassbaren Reichtum waren. Denn Port Jahfar lag zwar am Arabischen Meer, doch das Wasser musste erst entsalzt werden, bevor es zum Bewässern verwendet werden konnte.

Bei ihrer Ankunft vor einigen Stunden hatte man Isabella in eine Suite geführt und sie dort sich selbst überlassen. Nur einmal war sie von einem Arzt zu ihren Erinnerungen befragt worden und hatte seine Fragen wahrheitsgemäß und so gut sie konnte beantwortet.

Als Isabella danach ihr Zimmer verlassen wollte, hielt ein Diener sie davon ab, der offenbar allein zu diesem Zweck vor ihrer Tür postiert worden war. Also erkundete sie zunächst ihr Quartier und setzte sich dann ans Fenster, von wo aus sie einen schönen Blick über die Parkanlagen und bis zum Meer hatte. Sie war unruhig, voller Energie und frustriert, dass sie diese nicht für etwas nutzen konnte: Es gab keinen Computer, keine Bücher, keinen Fernseher und auch sonst nichts, womit sie sich hätte beschäftigen können – nur einen Schreibtisch, auf dem Papier lag, und einige Sitzecken mit bequemen Möbeln.

Aus purer Langeweile fing Isabella an zu singen: erst ein altes jahfarisches Lied, das sie von ihrem Vater kannte, dann die Songs, die sie in der Bar gesungen hatte. Sie öffnete sich den Melodien, die ihre Traurigkeit und ihren Schmerz hervorlockten.

Zum ersten Mal sang Isabella in dem Bewusstsein, dass sie Ehefrau und Mutter war, und nun verstand sie auch das merkwürdige Gefühl der Leere, das sie immer erfüllt hatte: Sie wollte ihr Kind in den Armen halten und konnte an nichts anderes mehr denken.

Früher hatte sie zu Kindern ein distanziertes Verhältnis gehabt und nicht gewusst, was sie zu ihnen sagen oder wie sie mit ihnen umgehen sollte. Doch das hatte sich in den vergangenen Stunden von Grund auf geändert. Nun konnte Isabella die Sehnsucht nach ihrem Sohn kaum noch ertragen. Noch immer wusste sie nicht, was sie sagen sollte, doch sie wollte es unbedingt lernen. Und genau das wollte Adan verhindern.

Wut und Verzweiflung erfassten Isabella, denn wie sollte sie sich gegen einen König durchsetzen? Er hatte sie nur nach Jahfar gebracht, um sich von ihr scheiden zu lassen. Sobald das geschehen war, würde er sie schleunigst aus dem Palast befördern, zurück nach Hawaii – womöglich noch heute Abend.

Unruhig sprang sie auf und ging zur Tür, auf deren anderer Seite bestimmt noch immer der Diener saß. Doch sollte er weg sein, wäre das womöglich ihre einzige Chance, aus dem Zimmer zu entkommen. Also riss Isabella, noch immer singend, die Tür auf – und verstummte.

Neben der Tür saß wie erwartet der Wächter. Doch es war eine alte Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm, die ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte.

Der Junge sah Isabella mit großen Augen an, den Mund vor Erstaunen leicht geöffnet. Voller Sehnsucht betrachtete sie ihn: Die schwarzen Locken und die Augen hatte er von seinem Vater, Nase und Kinn jedoch von ihr. Noch nie hatte sie so einen hübschen kleinen Jungen gesehen.

Sie wollte die Arme nach ihm ausstrecken, als er plötzlich in Tränen ausbrach. „O nein, das tut mir leid“, sagte sie und kam einen Schritt auf ihn zu. Doch als Rafik weiterweinte, blieb sie stehen. Isabella sehnte sich sehr danach, ihn in den Armen zu halten und zu beruhigen, doch der kleine Junge kannte sie ja gar nicht. Er schmiegte das Gesicht an den Hals der alten Frau und schrie.

„Es ist nicht Ihre Schuld“, sagte diese. „Er möchte, dass Sie weitersingen.“

Isabella verspürte einen Stich im Herzen, das zugleich von Liebe für Rafik erfüllt war. „Das tue ich gern“, erwiderte sie mühsam beherrscht. „Aber kommen Sie doch lieber herein, dann singe ich, solange er möchte.“

Die Frau kniff die Augen zusammen, als würde sie Isabella zum ersten Mal sehen. Sie streichelte dem kleinen Jungen über den Rücken und sprach leise beruhigend auf ihn ein. Eine Weile blickte sie zwischen ihm und Isabella hin und her. Dann sagte sie: „Ist gut, wir kommen.“

Adan stand von seinem Schreibtisch auf. Es war an der Zeit, für heute Schluss zu machen. Nachdem sein Anwalt gegangen war, hatte Adan mit Jasmin telefoniert. Diese hatte ihm schweigend zugehört und dann erwidert: „Vielleicht ist es so das Beste.“

„Aber ich will das nicht. Ich will sie nicht.“

Mit ihrer sanften, warmen Stimme hatte Jasmin gesagt: „Sie ist immer noch deine Frau und auch die Mutter deines Sohns. Und ich glaube, dass sie nicht ohne Grund in dein Leben zurückgeführt wurde.“

Sie war voller Verständnis gewesen, während Adan immer wütender geworden war – auf die Frau, die ihn in diese Lage gebracht hatte. Denn er wünschte sich Jasmin als Rafiks Mutter. Er hatte Rafiks alte Kinderfrau überredet, sich um seinen Sohn zu kümmern, obwohl sie eigentlich schon im Ruhestand war. Bei Kalila war er in liebevollen Händen, doch sie wurde langsam alt.

Aber Adan war jeden Abend bei seinem Sohn, spielte mit ihm und las ihm vor. Ja, Rafik wurde geliebt, wie Adan selbst es nie erlebt hatte. Sein stolzer Vater war nicht in der Lage gewesen, ihm seine Zuneigung zu zeigen. Er hatte den Ruf eines harten Wüstenprinzen wahren müssen. Doch Adan war überzeugt, dass Rafik auch dann zu einem echten Mann heranwachsen würde, wenn sein Vater ihn liebte. Für ihn gab es nichts Schöneres, als morgens ins Kinderzimmer zu gehen, wo sein Sohn ihn anstrahlte – voller bedingungsloser Liebe.

Auch Isabella hatte einmal gesagt, sie würde ihn, Adan, lieben. Er konnte sich noch genau an ihre Worte erinnern. Isabella war so jung und naiv gewesen, und aus irgendeinem Grund hatte ihn das beunruhigt. Kurz danach war sie schwanger geworden. Die morgendliche Übelkeit hatte eingesetzt, und Adan hatte nicht mehr mit ihr in einem Bett geschlafen, damit sie sich erholen konnte. Stirnrunzelnd fragte er sich nun, ob ihr klar gewesen war, warum er ihr Bett verlassen hatte.

Nach ihrer Ankunft in Jahfar hatte ein Psychologe sie untersucht. Seiner Aussage nach war Isabellas Gedächtnisverlust ein seltener, aber durchaus möglicher Fall. Ihrer Krankenakte entnahm er außerdem, dass sie unter postnataler Depression gelitten hatte. Diese konnte gelegentlich dazu führen, dass Betroffene halluzinierten oder sich selbst oder ihrem Kind etwas antun wollten.

Das erschütterte Adan, der damals nichts davon bemerkt und deshalb nicht dafür gesorgt hatte, dass man Isabella half. Doch auf dem Weg ins Kinderzimmer verdrängte er bewusst jeglichen Gedanken an sie. Jetzt wollte er nur seinen kleinen Sohn in den Armen halten und ihm bei seinen Mätzchen zusehen. Doch in den Räumen voller Spielzeug fand er weder Rafik noch Kalila.

Da die beiden um diese Uhrzeit normalerweise immer hier waren, blieb er verwundert stehen und fragte sich, wo sie sein könnten. Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke: Er hatte Isabella bewusst Räume zugewiesen, die im entgegengesetzten Teil des Gebäudes lagen. Doch obwohl er ihre Tür bewachen ließ, befürchtete er nun, dass sie Rafik irgendwie gefunden hatte.

Als Adan ihr Quartier erreichte, ließ sich der Wächter sofort auf den Boden fallen und begann, seinen Gebieter wortreich um Nachsicht anzuflehen.

Adan hörte Isabellas warmen, volltönenden Gesang, der sich wie eine warme Decke in einer kalten Wüstennacht um ihn schmiegte. Mit klopfendem Herzen stieß er die Tür auf – und sah sie mit geschlossenen Augen auf einem der niedrigen Diwane sitzen. Kalila hatte ihr gegenüber Platz genommen. Und Rafik hatte seiner Mutter die Hände auf die Knie gelegt und blickte zu ihr auf, während er ihrem Gesang lauschte.

Bei diesem Anblick erfasste Adan eine heftige, heiße Wut. Doch da war noch ein anderes Gefühl, das Empfinden eines schmerzlichen Verlustes. Aber warum? Rafik gehörte zu ihm, was auch immer geschehen mochte. Dies war nur ein einmaliges Ereignis, das sich niemals wiederholen würde. Und der Junge hätte es sicher bald vergessen.

Isabella ließ den letzten Ton verklingen, öffnete die Augen und lächelte Rafik an. Als er die Händchen nach ihr ausstreckte und sie ihn fest in die Arme schloss, zerriss es Adan innerlich. Trotz der aufgewühlten Gefühle, die ihn erfüllten, fragte er kühl: „Was geht hier vor sich?“

Sofort wandten sich alle Blicke ihm zu. Kalila stand auf und knickste tief, obwohl ihm dieses formelle Verhalten von ihr missfiel. Auch Isabella stand auf, Rafik noch auf dem Arm.

„Papa, singen!“, krähte dieser.

„Dein Papa singt auch?“, wollte Isabella wissen, und der kleine Junge nickte.

„Lass ihn runter“, befahl Adan.

Zu seiner Überraschung beugte Isabella sich nach unten, um Rafik abzusetzen, der jedoch ihren Hals nicht loslassen wollte. „Nein!“, protestierte er eigensinnig, und Adan wusste, dass er auf verlorenem Posten stand.

Er ging zu Isabella und forderte seinen Sohn auf: „Komm zu Papa.“

Als Rafik die Arme nach ihm ausstreckte, war Adan zutiefst erleichtert. Isabella ließ den Jungen gehen, doch bevor sie ihn losließ, verkrampften sich ihre Finger ein wenig.

Adan, der jetzt nahe bei ihr stand, wurde von ihrem Duft umgeben. Ihr Haar war noch immer so wild wie auf Hawaii, und sie roch betörend nach tropischen Blumen. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und ihren Duft tief eingeatmet.

Doch stattdessen wandte er sich ab. „Kalila, Rafik muss jetzt baden und dann ins Bett.“

Isabella wollte nicht, dass Adan mit Rafik wegging, doch sie konnte nichts dagegen tun. Eine Stunde lang hatte sie für ihren kleinen Sohn gesungen, überglücklich darüber, wie begeistert er gewesen war und mitgesummt hatte. Es hatten sich keinerlei Erinnerungen an vergangene Zeiten eingestellt, doch eine kurze Stunde lang war ihre Welt in Ordnung gewesen.

Mit ihrem kleinen Sohn fühlte Isabella sich vollständig und glücklich, auch wenn sie nicht immer wusste, was sie sagen oder tun sollte. Dass sie sich mit dem Muttersein nicht auskannte, machte sie traurig. Sie wollte es unbedingt lernen.

Und genau das wollte Adan verhindern. Er wollte Rafik von ihr fernhalten. Seine Wut war schlimmer als alles gewesen, was Isabella je gesehen hatte. Offenbar betrachtete er sie als ihres Sohnes nicht würdig. Das tat ihr sehr weh, gleichzeitig bestätigte es sie jedoch in ihrer Entschlossenheit. Und Isabella konnte auch verstehen, dass Adan den kleinen Jungen schützen wollte. Doch sie fand, dass sie die Chance verdient hatte, Teil von Rafiks Leben zu sein – genauso wie er eine Mutter verdient hatte.

„Adan“, sagte sie leise, ohne damit zu rechnen, dass er stehen bleiben würde.

Doch als Rafik sagte: „Frau singen, Papa!“, hielt er inne.

„Jetzt nicht, Rafik. Die Frau muss sich ausruhen.“

Prompt brach der kleine Junge in Tränen aus. Adan warf ihr einen Blick voller Abscheu zu, bevor er das Zimmer verließ. Kalila folgte ihm, und der Wächter schloss die Tür von außen.

Ganz allein stand Isabella da und lauschte Rafiks leiser werdendem Weinen. Eben hatte sie sich so glücklich und lebendig gefühlt, doch jetzt war sie wie betäubt. Sie hatte Rafik innerhalb kürzester Zeit ins Herz geschlossen und liebte ihn über alles – den armen mutterlosen Kleinen. Was, um alles in der Welt, hatte sie vor zwei Jahren nur getan? Warum hatte sie ihn alleingelassen?

Sosehr sie sich auch den Kopf zerbrach, sie konnte sich einfach nicht erinnern. Als sie den Psychologen gefragt hatte, ob ihr irgendwann alles wieder einfallen würde, hatte seine Antwort gelautet, das sei möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.

Eine Stunde später brachte der Wächter ihr das Essen, das Isabella allein einnahm. Danach ging sie mit ihrem Kaffee auf den Balkon, von dem aus man auf die Gartenanlagen blicken konnte. Die Sonne war untergegangen, und die Hitze wich langsam aus der Luft. Der Himmel war rot angehaucht – wie auf Hawaii und doch ganz anders – und tauchte das Arabische Meer in dunkles Violett.

Port Jahfar glitzerte und funkelte in der Dunkelheit wie ein Edelstein. Lastschiffe fuhren in einiger Entfernung in den Hafen ein und brachten Lieferungen oder transportieren Ladungen in andere Häfen. Isabellas Vater besaß ein Haus an der Küste, weit weg, wo das türkisfarbene Wasser auf den blendend weißen Strand lief. In ihrer Jugend hatte sie dieses von allen Häusern am liebsten gemocht. Genau aus diesem Grund hatte es sie auch nach Hawaii gezogen.

Während Isabella ihren Kaffee trank, brach die Nacht herein, und das Rot des Himmels verblasste in der Dunkelheit. Plötzlich spürte sie, dass sie nicht mehr allein war. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, wer da gekommen war.

„Willst du mich vom Balkon schubsen, damit der Ärger ein Ende hat, Adan?“

Sie hörte, wie er ausatmete. „Nein.“

Dann stand er neben ihr, in Jeans und einem dunklen Polohemd. Weil er keine Kufiya trug und Haar und Kopfform zu sehen waren, wurden seine markanten Züge noch stärker betont.

Wie konnte man einen Mann wie ihn vergessen? Vergessen, dass sie mit ihm geschlafen und gegessen hatte, mit ihm aufgewacht war und mit ihm geredet hatte?

„Er hat über eine Stunde lang geweint“, sagte Adan ohne Überleitung. Die tiefe Liebe zu seinem Sohn war ihm deutlich anzumerken.

„Das tut mir leid“, erwiderte Isabella leise. Beim Gedanken daran, wie traurig Rafik gewesen war, zog sich ihr die Kehle zusammen.

„Er wollte nicht einmal etwas essen. Erst nach einer Weile konnte Kalila ihn so weit beruhigen, dass er eingeschlafen ist.“

Adan wandte sich zu ihr um und stützte die Ellenbogen aufs Geländer – eine lässige Bewegung, doch sein Körper und sein eindringlicher Blick drückten Anspannung aus. „Ein Kind aufzuziehen ist nicht einfach. Kinder sind eigensinnig, ungestüm, unabhängig und noch so vieles mehr, das man von so einem winzigen Menschen nicht erwartet. Es ist eine riesige Verantwortung.“

„Das weiß ich, Adan.“ Isabellas Herz schlug heftig, weil er ihr so nahe war. Wenigstens einen kurzen Moment lang schienen sie beide auf derselben Seite zu stehen: Eltern, die über ihr gemeinsames Kind sprachen. Doch natürlich war es ganz anders.

Als er sich durchs Haar strich, hätte sie ihm am liebsten die dunklen Locken gestreichelt, hielt sich jedoch zurück.

„Er kennt dich nicht“, warnte Adan sie.

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