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Küss mich, süße Schwindlerin! / Liebesträume auf Tahiti / Ein Ausflug ins Glück / Einmal Cinderella sein

Maisey Yates

Küss mich, süße Schwindlerin!

1. KAPITEL

„O nein, nicht schon wieder!“ Alison Whitman presste die Hand auf ihren Bauch. Wenn sie jetzt nicht sofort ein paar Salzstangen aß, würde ihr furchtbar schlecht werden. Diese morgendliche Übelkeit war zum Verrücktwerden. Besonders, wenn man im Begriff war, einem Mann die Neuigkeit zu überbringen, dass er Vater wurde.

Alison hielt den Wagen an und atmete tief durch. Das schmiedeeiserne Tor, das den hochherrschaftlichen Besitz vor ihr vom Rest der Welt trennte, machte einen äußerst abweisenden Eindruck. Über den Vater ihres Babys wusste sie nicht viel mehr als den Namen. Doch anscheinend spielte er in einer ganz anderen Liga als sie, finanziell wie auch sonst.

Verblüfft sah sie einen Mann in dunklem Anzug und verspiegelter Sonnenbrille auf sich zukommen. Maximo Rossi war doch wohl nicht bei der Mafia? Oder warum beschäftigte er einen Bodyguard?

Der Mann mit der Sonnenbrille trat durch ein schmales Seitentor und kam zu ihrem Auto. Er machte ihr ein Zeichen, sie solle das Fenster herunterlassen. Umständlich und etwas verlegen kurbelte Alison die Scheibe ihres alten Wagens herunter.

„Haben Sie sich verirrt, Ma’am?“, fragte der Mann sehr höflich. Seine halb unter der Jacke verborgene Hand umfasste wahrscheinlich den Griff einer Pistole.

„Nein. Ich möchte zu Mr Rossi.“

„Ich bedauere“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln. „Mr Rossi empfängt keine Besucher.“

„Ich bin …“ Sie schluckte. „Ich bin Alison Whitman. Er erwartet mich.“

Der Mann zückte ein Sprechgerät, drückte einen Knopf und ließ einen Schwall italienischer Worte los. Danach wandte er sich wieder ihr zu.

„Parken Sie den Wagen oben vor der Villa“, meinte er, tippte am Tor einen Code ein und ließ die riesigen Flügel aufschwingen.

Während Alison den Wagen hindurchlenkte, kamen ihr mit einem Mal Bedenken.

Nein, nein, sie hatte alles genau durchdacht. Sehr genau sogar. Sie musste mit dem Vater ihres Kindes sprechen.

Die riesige Villa war von hohen Tannen umgeben.

Sie parkte ihre alte Kiste vor dem Gebäude und hoffte, dass ihr nicht gerade jetzt richtig schlecht wurde. Es würde keinen guten Eindruck machen. Vorsichtig stieg sie aus.

Wie aus dem Nichts tauchte der Bodyguard wieder auf. Er fasste sie am Arm und führte sie energisch zum Eingang.

„Ich weiß Ihre ritterliche Geste zu schätzen, aber ich schaffe es durchaus auch allein“, bemerkte Alison trocken.

Mit einem zerknirschten Lächeln ließ der Mann ihren Arm los und hielt ihr zuvorkommend die Tür auf. Aber sicher ließ er sie nicht nur aus reiner Höflichkeit vorangehen. So hatte er sie nämlich besser unter Kontrolle.

„Ms Whitman?“ Die tiefe, samtweiche Stimme mit dem kleinen Akzent weckte sofort ein völlig unbekanntes Gefühl in ihr. Doch es war alles andere als unangenehm.

Beim Anblick des Besitzers dieser Stimme, der mit raschen, geschmeidigen Bewegungen die Treppe herunterkam, wurde das Gefühl noch stärker.

Es war der bestaussehende Mann, der ihr je begegnet war. Was nicht heißen soll, dass sie viel Zeit darauf verschwendete, sich mit dem Aussehen von Männern zu beschäftigen.

Doch dieser Mann musste einfach Bewunderung hervorrufen, sogar bei ihr. Und das nicht nur wegen seines markanten Gesichts oder seiner bemerkenswerten Figur. Es war die Autorität, die er ausstrahlte, diese absolute Stärke. Alison war überwältigt.

Er hatte ein kantiges, sehr energisches Kinn. Mit funkelnden Augen, dunkel und unergründlich, sah er sie unter langen Wimpern hervor kühl an. Ohne diesen kalten Blick wären es schöne Augen gewesen, fand Alison.

Irgendwie kam der Mann ihr bekannt vor. Aber woher hätte sie ihn kennen sollen? Ein solches Prachtexemplar tauchte kaum in der Anwaltskanzlei auf, in der sie arbeitete.

Sie schluckte schwer und holte tief Luft. „Ja.“

„Sie kommen von der Klinik?“, fragte er und blieb vor ihr stehen. Alison war nicht klein, trotzdem überragte er sie um einiges.

„Ja … das heißt, nein. Nicht direkt. Ich weiß nicht, was Melissa Ihnen am Telefon gesagt hat.“ Melissa war ihre beste Freundin. Als sie von dem Fehler hörte, den man in der Klinik gemacht hatte, informierte sie nicht nur sofort Alison, sondern bot ihr auch an, selbst diesen Mann anzurufen.

„Nicht viel. Nur, dass es dringend sei.“

„Könnten wir uns irgendwo unter vier Augen unterhalten?“, fragte sie und sah sich in der weiten Empfangshalle um.

„Ich habe nicht viel Zeit, Ms Whitman.“

Er hat nicht viel Zeit? dachte sie wütend. Was sollte sie denn da sagen! Es war alles andere als leicht gewesen, sich frei zu nehmen. Sie war hierhergekommen und konnte sich deshalb nicht um ihre Klienten kümmern. Und die hatten ihre Hilfe bitter nötig.

„Glauben Sie mir, auch meine Zeit ist kostbar, Mr Rossi“, erwiderte sie förmlich. „Aber ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“

„Dann tun Sie es“, sagte er.

„Ich bin schwanger“, platzte sie heraus.

An seinem Kinn begann ein Muskel zu zucken. „Soll ich Ihnen jetzt gratulieren?“

„Sie sind der Vater.“

Seine dunklen Augen wurden hart. „Das ist unmöglich. Vielleicht haben Sie den Überblick über Ihre Liebhaber verloren. Ich jedenfalls weiß, mit wem ich im Bett war.“

Alison wurde feuerrot. „Es dürfte Ihnen bekannt sein, dass es auch noch andere Arten der Empfängnis gibt. Als Melissa Sie angerufen hat, mag das alles so geklungen haben, als würde ich in der Klinik arbeiten. Aber ich … ich bin eine Patientin.“

Er erstarrte. „Gehen wir in mein Büro“, sagte er mit versteinertem Gesicht.

Sie folgte ihm zu einer schweren Eichentür. Das Büro war groß. Massive Holzbalken stützten die hohe Decke. Das Fenster nahm eine ganze Wand ein und gab den Blick frei über das weite Tal.

„Die Klinik hat einen Fehler gemacht“, sagte sie und ließ den Blick zu den Bergen in der Ferne schweifen. „Man hat es mir nicht gesagt. Aber eine meiner Freundinnen arbeitet dort, und sie fand, ich hätte ein Recht auf die Wahrheit. Versehentlich hat man mir Ihr Sperma gegeben. Es existiert allerdings kein genetischer Test.“

„Wie war das möglich?“, fragte er.

„Genaues sagte man mir nicht. Wahrscheinlich kam es zu einer Verwechslung der Samenspende, weil die Namen der Spender sich ähnelten. Meine war von einem Mr Ross.“

Er sah sie scharf an. „Und das war nicht Ihr Ehemann oder Ihr Freund?“

„Ich habe weder Ehemann noch Freund. Alles sollte anonym ablaufen. Aber …“ Sie rang zitternd nach Atem. „So einfach ist das jetzt nicht mehr.“

Er verzog die Lippen. „Sie meinen jetzt, nachdem Sie herausgefunden haben, dass der ‚Spender‘ ein reicher Mann ist, wollen Sie Alimente kassieren?“

Alison spürte, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten. „Darum geht es doch gar nicht!“, fauchte sie wütend. „Es tut mir wirklich leid, Sie zu belästigen. Aber ich muss wissen, ob Sie einen Gentest machen ließen, bevor Sie in die Klinik gingen.“

„Ich habe keine Spende zurückgelassen“, sagte er mit rauer Stimme.

„Aber meine Freundin gab mir doch Ihren Namen! Sie sagte mir, ich hätte versehentlich Ihre Spende erhalten.“

Sie merkte, dass er die Fäuste ballte, als könne er sich nur noch mühsam beherrschen. „Ich habe in dieser Klinik Samen gespendet, aber es war keine anonyme Spende. Ich habe es für meine Frau getan. Wir konnten keine Kinder bekommen.“

„Oh.“ Alison spürte, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich. Unwillkürlich legte sie schützend die Hand auf den Bauch. Es war ihr Baby, auch wenn dieser Mann der biologische Vater war. Kein Richter konnte einer liebenden Mutter ihr Kind fortnehmen. Und die Frau dieses Mannes würde sicher kein Kind haben wollen, das nicht ihr eigenes war.

„Ich muss nur wissen …“ Sie holte tief Luft. „Ich bin Merkmalsträgerin von Mukoviszidose. Alle Spenden werden genetisch untersucht, bevor man sie akzeptiert. Aber zu ihrer Spende gab es in den Akten keinen Befund. Melissa hat es überprüft, da sie wusste, dass ich mir Sorgen machen würde.“

„Weil ich kein Spender bin“, sagte er barsch.

„Hat man bei Ihnen einen Test gemacht?“, fragte Alison. Sie musste es wissen. Zusehen zu müssen, wie ihre Schwester als Kind an dieser Krankheit starb, war die furchtbarste Erfahrung ihres Lebens gewesen. Sie musste das Testergebnis wissen. Nur so konnte sie sich auf das Schlimmste vorbereiten. Die Schwangerschaft abzubrechen kam für sie nicht infrage. Die Erinnerung an das kurze, wunderbare Leben ihrer Schwester ließ das nicht zu.

„Ich musste diesen Test nicht machen.“

Die Knie trugen sie nicht länger, und sie sank in den nächsten Sessel. „Sie müssen sich testen lassen. Bitte!“

Maximo musterte die Frau, die da vor ihm saß. Seit dem Tod seiner Frau hatte er nicht mehr an diese Klinik gedacht. Nach dem Unfall damals hatte man angerufen und gefragt, ob die Samenproben vernichtet werden sollten. Wahrscheinlich hatte er gar nicht richtig zugehört. Damals war er nicht imstande gewesen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Wer hätte denn auch annehmen können, dass …

Er wurde Vater! Das war der verblüffendste und zugleich beängstigendste Augenblick seines Lebens. Sein Blick fiel auf Alisons flachen Bauch. Sie war so schlank. Kaum zu glauben, dass sie sein Baby trug. Sein Baby. Seinen Sohn. Oder seine Tochter.

Er konnte sich gut vorstellen, wie ein dunkelhaariges Baby sich in Alison Whitmans Arme kuschelte. Und wie sie das Kind mit mütterlichem Lächeln betrachtete. Das Bild weckte eine solche Sehnsucht in ihm, dass es wehtat. Dabei war er der Meinung gewesen, er hätte seinen Kinderwunsch mit dem Tod seiner Frau begraben.

Plötzlich schienen all seine Träume wieder möglich zu sein. Aber genauso plötzlich erfuhr er, dass sein Kind vielleicht schwer krank sein würde. Alles, was er vor fünf Minuten noch für wichtig gehalten hatte, war mit einem Mal bedeutungslos. Nur noch das kleine Wesen im Bauch dieser Fremden zählte.

„Ich werde den Test sofort machen lassen“, sagte er. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, nach Turan zu reisen. Der Test musste im Palast gemacht werden. Er durfte nicht riskieren, dass die Presse hiervon Wind bekam. Sie hatte schon genug Unheil in seinem Leben angerichtet. „Was werden Sie tun, wenn der Test positiv ausfällt?“

Alison blickte auf ihre Hände. Es waren feingliedrige, feminine Hände, ohne jeden Schmuck oder Nagellack. Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, wie sie sanft über seinen Körper strichen, wie ihre helle Hautfarbe sich von seiner dunkleren abhob. Wie ein Pfeil traf ihn ein plötzliches Verlangen. Sie war eine schöne Frau. Und nicht so modisch herausgeputzt wie die Frauen, mit denen er sonst Umgang pflegte.

Sie trug nur ganz wenig Make-up. Die Haut ihres Gesichts hatte die Farbe von Elfenbein, und kein Lidschatten unterstrich den Glanz ihrer honigfarbenen Augen. Nur ein wenig zartrosa Lippenstift betonte ihren vollen Mund.

Das rotblonde Haar fiel ihr glatt über die Schultern, und es sah aus, als würde es sich sehr weich anfühlen. Es musste schön sein, die Finger hindurchgleiten zu lassen und es auf einem Kissen auszubreiten. Mein Gott, wie sehr musste er sein Liebesleben vernachlässigt haben, wenn allein ihr Anblick ihn schon erregte!

„Ich werde das Baby auf jeden Fall behalten“, sagte sie leise und hob den Blick. „Ich will nur vorbereitet sein.“

Bei ihren Worten erwachte ein heißer Zorn in ihm und löschte alle anderen Gefühle aus. Das klang ja, als gäbe es für ihn, den Vater, keinen Platz im Leben dieses Kindes.

„Es ist nicht nur Ihr Kind. Es ist unser Kind.“

„Aber Sie und Ihre Frau …“

Plötzlich wurde ihm klar, dass sie keine Ahnung hatte, wer er war. Wenn sie ihn doch kannte, war sie eine erstklassige Schauspielerin.

„Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben.“

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Das wusste ich nicht. Melissa nannte mir nur Ihren Namen.“

„Normalerweise reicht das ja auch“, erwiderte er etwas ruhiger.

„Aber … glauben Sie jetzt etwa, ich würde Ihnen mein Kind überlassen?“

„Unser Kind“, knurrte er. „Es ist genauso gut mein Baby. Vorausgesetzt, Sie sind wirklich die biologische Mutter.“

„Natürlich.“ Sie senkte den Blick. „Es war mein dritter Versuch. Die beiden vorigen Male hat es nicht geklappt.“

„Und es war ganz bestimmt meine Samenspende, mit der es geklappt hat?“

„Alle drei waren von Ihnen. Die Klinik hat den Fehler schon vor Monaten gemacht. Aber er wurde erst beim dritten Mal bemerkt.“

Ein bedrückendes Schweigen hing im Raum. Maximo fühlte, wie sein Herz raste, während sein Blick an ihren vollen Lippen hing. Wie schade, dass er nicht drei Mal auf natürliche Weise versucht hatte, mit dieser Frau ein Kind zu zeugen. Sie war so unglaublich schön – eine bezaubernde Mischung aus strenger Herbheit und zarter Verletzlichkeit.

„Sie könnten also ganz normal ein Kind bekommen und ziehen trotzdem die Spritze vor?“

Alison verzog angewidert das Gesicht. „Es war schrecklich.“

„Sind Sie lesbisch?“, fragte er. Was für ein Verlust für die Männerwelt, wenn sie es war.

Alison wurde rot. „Nein, ich bin nicht lesbisch.“

„Warum haben Sie dann nicht noch etwas gewartet und ein Kind mit einem Ehemann bekommen?“

„Weil ich keinen Ehemann will.“

Zum ersten Mal fiel ihm ihre Businesskleidung auf. Die außergewöhnliche Schönheit ihres Gesichts hatte ihn so gefesselt, dass er erst jetzt den gut geschnittenen schwarzen Hosenanzug und die gestärkte weiße Bluse wahrnahm. Offensichtlich war sie eine Karrierefrau. Wahrscheinlich hatte sie vor, ihr Kind irgendwelchen Babysittern zu überlassen, während sie die Karriereleiter hinaufkletterte. Sicher wollte sie das Baby nur, um zu zeigen, dass sie auch ohne Mann alles haben konnte. Ein Kind als Statussymbol.

„Bilden Sie sich ja nicht ein, Sie könnten das Kind ohne mich großziehen. Ich werde einen Vaterschaftstest machen lassen, und wenn es wirklich von mir ist, dann haben Sie plötzlich einen Ehemann, auch wenn Sie es nicht so geplant hatten.“

Er nie vorgehabt, noch einmal zu heiraten. Seit Selenas Tod war er noch nicht einmal an flüchtigen Beziehungen interessiert gewesen. Aber wenn es sein Kind war, dann war er nicht bereit, aus der Ferne den Vater zu spielen. Er wollte seinen Sohn oder seine Tochter in Turan wissen und nicht auf der anderen Seite des Ozeans.

Und es gefiel ihm auch nicht, dass sein Kind in den Augen der Welt ein fürstlicher Bastard sein würde. Ein solcher Nachkomme könnte sein rechtmäßiges Erbe nicht antreten. Es gab nur einen Weg, das zu verhindern.

Fast hätte er über Alisons entsetztes Gesicht gelacht. „Haben Sie mir gerade einen Heiratsantrag gemacht?“

„Nicht ganz.“

„Ich kenne Sie doch gar nicht. Und Sie mich auch nicht.“

„Wir bekommen ein Kind“, antwortete er nur.

„Ich sehe nicht, was das mit einer Heirat zu tun hat“, erwiderte sie und schürzte aufsässig die vollen Lippen.

„Normalerweise ist das ein Grund zu heiraten“, meinte er trocken. „Wohl der alltäglichste.“

„Ich habe vor, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Ich habe nicht auf den strahlenden Ritter gewartet, der mich mitnimmt und mich zur Mutter macht. Das hier ist nicht Plan B für den Fall, dass keiner kommt. Ich wollte von Anfang an nur ein Kind.“

„Sicher klatschen Ihnen die Anhängerinnen der Frauenbewegung Beifall für Ihre fortschrittliche Haltung, Ms Whitman. Aber ich bin auch in die Sache verwickelt. Um genau zu sein, Sie haben beschlossen, mich in diese Sache einzubeziehen.“

„Aber doch nur, weil ich wissen muss, ob Sie ein Krankheitsträger sind.“

„Hätten Sie nicht das Baby testen können?“

„Ich wollte es wissen, bevor es auf die Welt kommt. Man kann einen Test in utero machen, aber nur, wenn beide Elternteile Krankheitsträger sind. Ich hätte behaupten können, den Vater nicht zu kennen. Dann hätte man den Test vorher gemacht. Dabei besteht aber die Gefahr einer Fehlgeburt. Das Risiko wollte ich nicht eingehen.“

„Ich bin ein reicher Mann. Da liegt doch der Gedanke nahe, dass diese Geschichte mit meiner Samenspende kein Zufall ist. Zwei Jahre lang ist mein Sperma in dieser Klinik, und ausgerechnet jetzt gerät er unter die Spendersamen?“

„Ich weiß nicht, wie es zu dieser Verwechslung kam. Es ist nun einmal passiert“, fauchte sie durch ihre hübschen weißen Zähne. „Aber bilden Sie sich nur nicht ein, ich würde mich wegen des Geldes an Sie hängen! Und bilden Sie sich auch nicht ein, ich hätte die geringste Ahnung, wer Sie sind.“

Er brach in schallendes Gelächter aus. „Es hat wohl kaum etwas mit Arroganz zu tun, wenn ich glaube, dass eine gut informierte, kultivierte Frau wie Sie weiß, wer ich bin.“

Sie funkelte ihn wütend an. „Sie messen meine Intelligenz daran, ob ich Sie kenne oder nicht? Das zeugt von einem enormen Selbstbewusstsein, Mr Rossi.“

„Was mein Selbstbewusstsein betrifft, muss ich Ihnen recht geben, Ms Whitman. Mein offizieller Titel ist Prinz Maximo Rossi. Ich bin der zukünftige Fürst von Turan. Wenn das Kind, das Sie erwarten, tatsächlich von mir ist, dann wird es diesen Titel einmal erben.“

2. KAPITEL

Mit einem Schlag wusste sie, warum er ihr so bekannt vorkam. Sie hatte ihn tatsächlich schon einmal gesehen, und zwar in verschiedenen Boulevardblättern. Er und seine Frau waren die Lieblinge der Medien gewesen. Sie waren adelig, schön und, wie es schien, auch noch außerordentlich glücklich miteinander. Zwei Jahre später ging dann seine persönliche Tragödie durch alle Zeitungen. Der tragische Verlust seiner Frau.

Alison war froh, dass sie saß.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Er kniete rasch vor ihr nieder und legte die Hand auf ihre Stirn. Seine Hand fühlte sich angenehm warm an, und ein angenehmes Prickeln überlief sie, als er ihr jetzt das Haar aus dem Nacken strich.

„Ja“, sagte sie, und dann: „Nein.“

„Beugen Sie den Kopf vor“, befahl er.

Mit sanften Bewegungen begann er, ihr den Nacken zu massieren. Es war lange her, dass sie jemand angefasst hatte, und sie hatte vergessen, wie angenehm es sein konnte.

Der feste und doch sanfte Druck seiner Finger schickte kleine, wohlige Schauer über ihren Rücken. Erstaunlich, dass eine männliche Hand so zart und gleichzeitig so energisch zufassen konnte. Alison betrachtete die andere Hand, die auf ihrem Schenkel ruhte. Es war eine schöne, starke Hand mit schmalen, langen Fingern.

Sie spürte die Wärme, die diese Hand durch den Stoff ihrer Hose ausstrahlte und wunderte sich, dass sie das als angenehm empfand. Und da war noch etwas. Etwas, das bis in ihre Brüste ausstrahlte und die Luft um sie herum zu verändern schien. Bisher war sie für sexuelle Reize nie besonders empfänglich gewesen, und das war ihr eigentlich auch ganz recht so. Sie hatte sich nie eine Beziehung gewünscht. Besser, man blieb unabhängig. Deshalb hatte sie ihren eigenen Weg gefunden, ernsthafte Gefühlsverwicklungen zu vermeiden.

Das sie jetzt so reagierte, lag sicher an ihrer Schwangerschaft. Die Hormone eben.

„Es geht mir gut. Danke“, stieß sie hervor und wollte seine Hand von ihrem Schenkel wegschieben. Die Berührung löste einen Sturm von Empfindungen in ihr aus. Erschrocken sprang sie auf. Sofort drehte sich alles um sie.

„Glauben Sie, Sie können eine Schwangerschaft durchstehen? In Ihrem Zustand?“, fragte er besorgt.

„Alles okay. Man findet eben nicht jeden Tag heraus, dass man mit dem Erben eines Fürstentums schwanger ist.“

Maximo war überzeugt, dass ihr Schwächeanfall nicht gespielt war. Sie sah nicht aus wie eine Frau, die einen sorgfältig ausgeheckten Plan verfolgte. Eher wie ein verschrecktes Reh.

„Es geschieht auch nicht jeden Tag, dass ein Mann eine zweite Chance bekommt, Vater zu werden“, meinte er.

„Sie wollen also das Kind“, sagte sie.

„Natürlich will ich es. Wie könnte ich mein eigen Fleisch und Blut nicht wollen?“

„Wenn es nur darum geht, einen Erben zu bekommen, wäre da nicht eine andere Frau …“

„Genug!“, unterbrach er sie wütend. „Glauben Sie, ich könnte dann so leicht vergessen, dass ich bereits ein Kind habe? Könnten Sie das?“

„Natürlich nicht.“

„Warum erwarten Sie es dann von mir?“

„Das läuft alles so falsch …“, stöhnte sie. Sie ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht.

„Im Leben geht nun mal nicht alles nach Plan“, seufzte er.

Sie blickte auf. In ihren Augen schimmerten Tränen. „Ich will mein Baby aber nicht mit einem Fremden teilen. Ich will es mit niemandem teilen.“

„Ich kann Sie aber nicht so einfach mit meinem Kind fortgehen lassen.“

„Ich sage ja gar nicht, dass ich weggehe … Ich verstehe ja, dass es auch für Sie schwierig ist. Aber Sie hatten kein Baby geplant.“

„Ich wollte schon vor Jahren Kinder. Es ging nicht. Zuerst wegen Unfruchtbarkeit, dann kam der Tod meiner Frau. Jetzt bietet sich mir wieder die Chance, und da werden Sie mir nicht im Weg stehen.“

Er wusste immer noch nicht, was er machen sollte. Eine Ehe schien immer noch das Beste zu sein. So würde sein Sohn oder seine Tochter vor dem Stigma der unehelichen Geburt bewahrt. Doch allein der Gedanke an eine Heirat schnürte ihm die Luft zum Atmen ab.

„Ich muss meine Leibärztin in Turan konsultieren. Ich werde den Test keinesfalls in den USA machen lassen.“

„Aber Sie und Ihre Frau sind doch hier gewesen.“

Das stimmte. Selena stammte von der Westküste, und sie hatte immer eine Wohnung in Washington besessen. „Mein Vertrauen in die Kompetenz Ihres Gesundheitssystems hat in den letzten Minuten etwas gelitten“, meinte er trocken.

Alison nickte. Es hatte keinen Sinn, ihm zu widersprechen. „Und wann machen Sie den Test?“

„Sofort nach meiner Ankunft.“

Plötzlich sah sie so entsetzlich traurig aus, dass er sie am liebsten in den Arm genommen hätte. Er erschrak über seine Gefühle. Bestimmt reagierte er nur so, weil sie mit seinem Sohn oder seiner Tochter schwanger war. Das Leben seines Kindes war mit ihrem Leben verbunden, und das weckte eben seinen Beschützerinstinkt.

Allerdings weckte Alison noch einen anderen Urinstinkt in ihm. War es der unterschwellige männliche Instinkt, sich zu nehmen, was ihm nun zuzustehen schien? Sein Verlangen, sie in die Arme zu nehmen, sie zu küssen, bis ihr die Sinne schwanden, und sie dann zu besitzen, war fast stärker als seine so sorgfältig kultivierte Selbstbeherrschung.

„Ich werde die Klinik verklagen“, sagte sie leise. „Ich bin Anwältin. Es wird sicher einen Prozess geben.“

„Und damit auch ein großes öffentliches Interesse.“

Die Unfruchtbarkeit seiner Frau, seine Ehe, alles würde ans Licht gezerrt werden. Es war das Letzte, was er sich wünschte. Selenas Andenken sollte nicht beschmutzt werden. Manche Dinge blieben besser im Verborgenen, und dazu gehörten auch die letzten Monate seiner Ehe.

„Sie haben eine Begabung, das Interesse der Medien auf sich zu ziehen, was?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie die Regenbogenpresse lesen.“

„Tue ich auch nicht. Aber beim Einkaufen sehe ich die Schlagzeilen. Daher kenne ich Sie vom Sehen.“

„Oder vom Namen.“

Sie zuckte mit den Achseln. „Der Raum für Triviales in meinem Kopf ist beschränkt. Wenn ich mehr davon in mich aufnehme, fange ich an, Wichtiges zu vergessen.“

Er musste lachen. Ihm gefiel, dass sie selbst in einer solchen Situation eine Spitze gegen ihn losließ. So etwas passierte ihm selten. Sogar Selena hatte sich nie mit ihm angelegt. Sie hatte sich einfach nur von ihm zurückgezogen. Wenn sie vielleicht mit ihrem Zorn zu ihm gekommen wäre, anstatt alles in sich hineinzufressen …

Doch jetzt war es zu spät für solche Überlegungen.

„Ich möchte, dass Sie mit mir nach Turan fliegen.“

Aus ihren Augen mit den langen Wimpern sah sie ihn erschrocken an. „Ich kann nicht. Mein augenblicklicher Fall fordert all meine Aufmerksamkeit. Jeder einzelne meiner Klienten ist enorm wichtig. Ich kann keinen aufgeben.“

„Kann sich kein anderer in Ihrer Kanzlei darum kümmern? Schließlich sind Sie schwanger.“

„Das spielt doch keine Rolle. Ich kann doch nicht einfach Ferien machen, nur weil Sie es wollen. Ich trage die Verantwortung für meine Klienten.“

„Wo der Test so wichtig ist für unser Kind?“

Alison erstarrte. „Das ist seelische Erpressung.“

Ohne zu wissen, was er tat, streckte Maximo die Hand aus und berührte ihre Lippen. Erschrocken öffnete sie die Lippen, und sein Daumen streifte ihre feuchte Zungenspitze. Sofort durchflutete ihn eine Welle der Lust.

Die Gier, mit der er nach ihr verlangte, schockierte ihn selbst. Und er war sich nicht sicher, ob die Schwangerschaft irgendetwas damit zu tun hatte. Er begehrte sie, wie ein Mann eben eine Frau begehrte. So einfach war das.

„Es geht um das Wohl des Babys. Das bedeutet Kompromiss, nicht Erpressung.“

Sie holte zitternd Luft. „Ich werde das Büro anrufen. Wann brechen wir auf?“

Kaum hatte sie ihre Entscheidung getroffen, bereute sie diese auch schon. Aber sosehr sie auch hin und her überlegte, es musste sein.

Jetzt stand sie also in der VIP-Lounge und versuchte, ruhig zu bleiben, während sie auf Seine Durchlaucht wartete und Salzstangen gegen die morgendliche Übelkeit knabberte.

Die ganzen letzten drei Jahre hatte sie nichts anderes getan, als ihre Schwangerschaft zu planen. Sie war sparsam gewesen, hatte eine alte Klapperkiste von Auto gefahren und im billigsten Appartement gewohnt. Alles in der Hoffnung, nach der Geburt ein Haus kaufen und für die ersten paar Jahre bei ihrem Kind bleiben zu können.

Ein Vater war in ihren Plänen nicht vorgekommen. Und ganz bestimmt kein Vater, der das Kind für sich haben wollte. Jetzt war das Schlimmste passiert, das sie sich vorstellen konnte.

Maximo war gestern zwar nett zu ihr gewesen, aber sie konnte die Rücksichtslosigkeit ahnen, die sich hinter der Aura von Macht und Kultiviertheit verbarg. Wenn es sein musste, würde er jeden Vorteil nutzen. Doch da war sie eigentlich nicht anders. Aufgrund seines Reichtums hatte er vielleicht die besseren Karten, aber sie war auch kein dummes kleines Mädchen.

Für den Augenblick allerdings schien Höflichkeit angebracht zu sein. Ob es ihr gefiel oder nicht, er hatte ein Recht auf sein Kind. Wie sie war auch er ein Opfer der Umstände.

Alison sah durch die dunkel getönten Scheiben, durch die man einen Blick auf den Terminal hatte. Sie beobachtete, wie sich die automatischen Türen öffneten und Maximo mit einem Schwarm von Sicherheitsleuten und Fotografen im Schlepptau die Abflughalle betrat. Selbst mitten in der Menge zog er alle Blicke auf sich. Er war genauso groß und durchtrainiert wie seine Bodyguards. Unter dem weißen Hemd zeichnete sich eine muskulöse Brust ab. Die aufgerollten Ärmel enthüllten braun gebrannte, kräftige Unterarme.

Er verschwand aus Alisons Blickfeld. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür zur Lounge, und er trat ein. Ohne Bodyguards und Fotografen.

Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn musterte. Die gut sitzenden Hosen ließen erahnen, dass seine Schenkel genauso muskulös waren wie der Rest seines Körpers. Und, du liebe Güte, sie konnte einfach nicht anders, sie musste auch einen verstohlenen Blick zwischen seine Schenkel werfen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals bei einem Mann dorthin geschaut zu haben. Beschämt senkte sie den Blick.

Maximo nahm im Näherkommen die Sonnenbrille ab und steckte sie in seinen Hemdausschnitt. Fasziniert folgte Alisons Blick seiner Bewegung und blieb an dem Stück bronzefarbener Haut und dem dunklen gekräuselten Haar hängen, das der offene Kragen sehen ließ.

„Ich freue mich, Sie zu sehen“, begrüßte er sie lässig.

„Ich sagte doch, ich würde kommen“, erwiderte sie frostig. „Ich pflege, mein Wort zu halten.“

„Freut mich, das zu hören. Geht es Ihnen gut?“ Er nahm ihren Arm. Es war beileibe keine erotische Geste. Sie war eher besitzergreifend. Trotzdem schlug Alison das Herz bis zum Hals. Er war so viel größer als sie, so viel stärker. Und diese männliche Stärke hatte etwas sehr Anziehendes. Es musste schön sein, sich an diesen Mann anzulehnen.

Doch im gleichen Moment würde er sie im Stich lassen, davon war sie überzeugt. Verletzt und beschämt würde sie zurückbleiben. Entschlossen ignorierte sie die Schmetterlinge in ihrem Bauch.

„Im Augenblick fühle ich mich scheußlich, aber danke der Nachfrage.“

Er unterdrückte ein Grinsen. „Meine Maschine wartet unten auf dem Rollfeld. Einer meiner Sicherheitsleute wird Sie dorthin begleiten. Ich komme später nach. Wir wollen den Fotografen aus dem Weg gehen.“

Sie nickte. Die Vorstellung, leichenblass die Titelseite eines Boulevardblatts zu zieren, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Einer der Bodyguards kam, und Maximo bedeutete ihr, mit ihm zu gehen. Mit gesenktem Kopf eilte sie zu der Privatmaschine. Aus den Augenwinkeln glaubte sie, das Blitzlicht einer Kamera zu sehen, aber sie tat, als hätte sie nichts bemerkt.

Sie folgte dem Bodyguard in die luxuriös ausgestattete Maschine. Nun, wenig erstaunlich. Immerhin war Maximo Prinz eines der berühmtesten Fürstentümer der Welt – einer Insel, die in punkto Luxus und gediegener Unterhaltung mit Monaco konkurrierte.

Der Leibwächter nickte ihr kurz zu und verschwand. Alison blieb zögernd im Eingang stehen. Irgendwie traute sie sich nicht, sich hinzusetzen und den Luxus zu genießen.

Zehn Minuten später kam Maximo an Bord. Er machte ein wütendes Gesicht. „Auf dem Rollfeld hing schon wieder so ein Reporter herum. Aber wir sind ja nicht zusammen an Bord gegangen. Wahrscheinlich hat er Sie für ein Mitglied der Crew gehalten.“

„Sind wir eigentlich die Einzigen, die heute mit diesem Flugzeug fliegen?“, fragte sie und sah sich in der Kabine um.

„Sie und ich und der Pilot. Und der Copilot. Und die Crew.“

„Ist das nicht eine ziemliche Verschwendung?“

Er sah sie verblüfft an. „Scusate?“

„Na ja, eine ganze Crew, um zwei Menschen zu bedienen, die doch leicht einen normalen Flug hätten buchen können. Gar nicht zu reden vom Ausstoß von Treibhausgas.“

Er lächelte lässig und zeigte dabei blitzend weiße Zähne. „Wenn der amerikanische Präsident seine Airforce One verschrottet, werde auch ich meine Reisegewohnheiten überdenken. Bis dahin, denke ich, ist es legitim, wenn Regierende in Privatmaschinen fliegen.“

„Es war nur eine Feststellung.“

Sollte er sich ruhig über sie ärgern. Das hielt ihn auf Abstand. Irgendetwas an Maximo ließ nämlich ihr Herz schneller schlagen und ihre Hände feucht werden. Es war nicht Angst, aber es erschreckte sie.

Sie hatte sich nie eine Beziehung gewünscht. Am Ende würde sie doch nur verlassen werden. Und die Erfahrung hatte sie oft genug in ihrem Leben gemacht. Zuerst hatte sie ihre geliebte Schwester verloren. Natürlich konnte sie Kimberly keinen Vorwurf machen, dass sie gestorben war. Aber ihr Tod hatte eine große Wunde in ihr hinterlassen. Auf gewisse Weise hatte sie den Verlust als einen Verrat empfunden. Und dann war ihr Vater auf und davon und hatte Frau und Kind einfach im Stich gelassen. Ihre Mutter hatte sie zwar nicht verlassen, aber nach dem Verschwinden des Vaters war sie nicht mehr dieselbe gewesen.

Eines hatte Alison aus alldem gelernt: Man durfte sich nie an jemanden binden.

Aber sie wollte Mutter sein, auch ohne einen Lebenspartner. Eigentlich hätte nichts schiefgehen können, aber Maximo brachte ihren perfekten Plan völlig durcheinander.

Ihr Baby hatte einen Vater, und zwar nicht irgendeinen. Sein Vater war ein Prinz. Ein Prinz, der an Arroganz kaum zu übertreffen war und dessen geheimnisvolle Ausstrahlung sie auf eine Art anzog, die sie lieber nicht näher untersuchte.

„Sie scheinen wohl nie um eine Antwort verlegen, was?“, meinte er und nahm lässig auf einem kleinen Sofa Platz.

Alison setzte sich auf der anderen Seite der Kabine auf einen cremefarbenen Sessel. „Ich bin Anwältin. Auf alles eine Antwort zu finden ist meine Aufgabe.“

Maximo musste über ihre Schlagfertigkeit lachen. Sie war wirklich ganz anders als die Frauen, die er kannte. Sie tat nichts, um ihm zu gefallen. Manche Männer hätten vor ihrer Intelligenz und ihrer Kraft vielleicht Angst gehabt. Er aber genoss die Herausforderung. Außerdem würde er ja doch immer die Oberhand behalten, davon war er überzeugt. Jetzt, da er sie überredet hatte, mit ihm nach Turan zu fliegen, sowieso.

Er wollte Alison zu nichts zwingen. Ganz im Gegenteil. Er würde ihr ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen konnte. Alison würde alles für ihr Kind tun. Er auch.

Was hatte diese Frau nur dagegen, dass es sein Baby war? Er war von Adel und extrem reich. Er würde der nächste Fürst von Turan sein. Damit war ein milliardenschweres Erbe verbunden. Dazu kam noch sein Privatvermögen, das er durch äußerst erfolgreiche Geschäfte angehäuft hatte. Seine Kette von Luxushotels auf Turan und überall sonst in der Welt war beliebt bei den Reichen und Schönen.

In den Augen der meisten Frauen war er ein Hauptgewinn, die Eintrittskarte zu unvorstellbarem Reichtum. Und doch tat Ms Alison Whitman so, als käme die Schwangerschaft mit seinem Baby einer lebenslänglichen Haftstrafe gleich.

„Ihr Beruf ist Ihnen sehr wichtig, nicht wahr?“ Er verstand immer noch nicht, wo in den Plänen dieser coolen Karrierefrau Platz für ein Kind sein sollte.

„Ja. Ich bin Pflichtverteidigerin für Kinder und Jugendliche. Meine Kanzlei arbeitet in solchen Fällen kostenlos und wird von der Regierung unterstützt.“

„Sie sind Jugendanwältin?“ Das passte nun gar nicht zu dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. „Haben Sie sich deshalb fürs Jurastudium entschieden?“

„Nein, damals war der Grund, dass es gut bezahlt wird“, erwiderte sie. „Und ich bin gut. Solange ich konnte, habe ich für die Industrie gearbeitet. Aber jetzt arbeite ich auf einem Gebiet, das besser zu mir passt. Kinder sollten im Gerichtssaal nicht ihren Peinigern begegnen müssen. Deswegen vertrete ich sie. Ich will nicht, dass die Anwälte der Angeklagten sie wieder zu Opfern machen.“ Sie lächelte ein wenig schuldbewusst. „Ich bin Anwältin, aber ich hasse nichts mehr auf der Welt als andere Anwälte.“

Ihre geröteten Wangen und die Art, wie sie sprach, verrieten die Leidenschaft, mit der sie ihren Beruf ausübte.

Statt der knallharten Karrierefrau, die er in ihr vermutet hatte, saß da eine Frau, die für das Recht anderer kämpfte und sich in den Dienst der Schwachen stellte. Er hätte keine bessere Frau zur Mutter seines Kindes wählen können.

Für ihn machte es keinen Unterschied, dass sie durch künstliche Befruchtung schwanger geworden war. Er fühlte sich auf die gleiche Weise für Alison verantwortlich, als hätten sie beide das Baby auf die gute alte Art gezeugt.

Er hatte nicht vorgehabt, den Rest seines Lebens wie ein Mönch zu leben, aber im Augenblick verspürte er auch keine Lust auf flüchtige One-Night-Stands. Sieben Jahre lang war er verheiratet gewesen, und es lag mehr als neun Jahre zurück, dass er mit einer anderen als mit seiner eigenen Frau geschlafen hatte.

Das kleine schwarze Adressbuch, das er davor geführt hatte, war mit Sicherheit nicht mehr auf dem neuesten Stand. Außerdem fühlte er sich mit sechsunddreißig Jahren zu alt, um in die Szene zurückzukehren. Dass er Alison so maßlos begehrte war zwar erschreckend, aber so waren Männer nun einmal. Sie waren nicht dazu gemacht, lange ohne Frau zu leben. Da seine Lust nun nach so langem Winterschlaf erwacht war, brauchte er sich über ihre Wildheit nicht zu wundern.

Alison war ganz anders als seine Frau. Selena war groß gewesen und sehr schlank. Alison reichte ihm nur bis zum Kinn. Und was ihre weiblichen Kurven betraf – nun, jeder Mann wäre mit ihnen zufrieden gewesen. Ihre Brüste waren üppig genug, um seine Hände zu füllen. Maximo änderte seine Sitzposition, um vor Alison zu verbergen, wie sehr ihn die Vorstellung erregte.

„Dann mögen Sie Kinder?“, fragte er.

Sie nickte. Das rötliche Haar fiel ihr in schimmernden Wellen über die Schultern. „Ich wollte immer schon Mutter sein.“

„Nicht Ehefrau?“

Sie zuckte mit den Schultern, und Maximo beobachtete fasziniert, wie ihre Brüste sich dabei hoben und senkten. „Beziehungen sind so kompliziert.“

„Mutter zu sein ist auch nicht leicht.“

„Ja, aber das ist etwas anderes. Kinder sind auf dich angewiesen. Sie kommen auf die Welt und lieben dich. Und es ist an dir, das zu schätzen, für sie zu sorgen und sie deinerseits zu lieben. In einer Beziehung oder Ehe hängt man voneinander ab.“

„Und das missfällt Ihnen?“

„Es erfordert ein Maß an Vertrauen, das ich nicht habe.“

Er musste ihr recht geben. Selena war auf ihn angewiesen gewesen, und er hatte sie enttäuscht. Zumindest fühlte es sich so an.

„Dann haben Sie also beschlossen, lieber alleinerziehende Mutter zu werden, als sich mit einer Beziehung auseinanderzusetzen?“

„So habe ich es noch nicht gesehen“, meinte sie nachdenklich. „Ich wollte einfach nur Mutter werden.“

„Ist es denn so schlimm für unser Kind, beide Eltern zu haben?“

Sie wandte das Gesicht ab und sah aus dem Fenster. „Das weiß ich nicht. Ich glaube, alles auf einmal schaffe ich nicht. Können wir nicht erst den Test machen lassen? Über alles andere reden wir dann später.“

Er nickte. „Wenn Sie es wollen. Aber irgendwann müssen wir darüber sprechen.“

„Ich weiß.“

„Ich habe mir das auch alles ganz anders vorgestellt.“

Alison wusste, dass er den Tod seiner Frau meinte. Eine geliebte Frau zu finden und sie dann zu verlieren – die Größe eines solchen Verlusts überstieg ihr Vorstellungsvermögen.

Sie wollte kein Mitleid für ihn empfinden. Jedes Gefühl für ihn würde sie nur in Schwierigkeiten bringen.

Romantische Liebe hatte sie nie groß interessiert. In ihrer Kindheit hatte sie hautnah erlebt, was aus romantischer Liebe werden konnte. Sie hatte gesehen, wie ihre Eltern auseinandergingen und alles zusammenbrach. Ihre Mutter hatte sich verkrochen und Alison sich selbst überlassen.

Als ihr Vater verschwand, verloren sie auch jede finanzielle Sicherheit. Menschen, die ihre Mutter für Freunde gehalten hatte, wandten sich ab. Alison hatte daraus ihre Lehren gezogen. Sie würde ihr Leben selbst meistern, sich ihre eigene Sicherheit schaffen, ihr eigenes Glück.

Seit ihrer katastrophalen Kindheit plante sie jede Sekunde ihres Lebens. Sie hatte sich darum bemüht, gute Noten zu schreiben, und in der Highschool war sie geradezu davon besessen gewesen, ein Stipendium zu bekommen. Mit Erfolg. Im College hatte sie sich dann nur darauf konzentriert, ihren akademischen Abschluss zu machen, damit sie eine Stelle bekam, die ihr ihre Unabhängigkeit garantierte. Jeder ihrer Schritte war sorgfältig geplant gewesen, bis hin zu dem Tag, an dem sie Mutter sein würde.

Und nun saß sie in diesem Flugzeug und flog in ein fremdes Land, neben sich einen beängstigend gut aussehenden Prinzen, der zufällig auch noch der Vater ihres Babys war. Was war nur aus all ihren schönen Plänen geworden!

3. KAPITEL

Der Blick auf Turan war atemberaubend. Die Insel lag wie ein Juwel im Mittelmeer. Strahlend weiße Felsen, auf denen stuckverzierte Häuser standen, ragten über dem hellen Sand auf. Der Strand ging in üppiges Grün über, und am höchsten Berghang strahlte ein mächtiges Schloss golden in der Abendsonne.

„Wunderschön!“ Wunderschön, aber wild. Wie der Herr dieses Landes. Denn bei aller städtischer Kultiviertheit strahlte Maximo auch etwas Raues, fast Primitives aus. Und das sprach einen Urinstinkt in ihr an, von dem sie bis jetzt nichts gewusst hatte.

Er selbst schien sie allerdings nicht besonders anziehend zu finden, im Gegensatz zu der Begierde, die er in ihr auslöste. Denn es war ja gar nicht so, dass sie etwas gegen Männer gehabt hätte. Auch sie hatte sexuelle Bedürfnisse, aber die verdrängte sie. Allein die Vorstellung, sich einem Mann hinzugeben und vielleicht ihre wohlgehütete Beherrschung zu verlieren, weckte Panik in ihr.

Doch etwas an Maximo weckte ihre Neugier. Und die war sogar stärker, als ihr angeborener Sinn für Selbsterhaltung.

„Ja“, sagte er sehr ernst. „Ich glaube, Turan ist einer der schönsten Orte auf der Welt.“

Das Flugzeug setzte zur Landung an und überflog Rinderherden, die auf grünen Weiden grasten. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie hier Rinder halten können.“

„Keine großen, aber wir versuchen, das Beste aus unseren natürlichen Ressourcen zu machen. Es gibt Weingärten und Olivenhaine. Und unsere Weiderinder sind weltweit berühmt. Auch Fisch und Meeresfrüchte sind auf einer Insel natürlich ein wichtiger Teil des Exports. Wir legen aber größten Wert darauf, die Insel nicht auszubeuten.“

Alison nickte zustimmend. „Worin bestehen Ihre Pflichten? Ihr Vater ist immer noch der offizielle Herrscher, oder?“

Er nickte. „Ich bin für die Wirtschaft zuständig. Mit seinen neuen, luxuriösen Kasinos und seinen pittoresken Fischerdörfern ist Turan inzwischen ein bekanntes Ferienziel für reiche Touristen geworden.“

Alison sah ihn erstaunt an. „Dann sind Sie ja mehr Geschäftsmann als Prinz?“

Er lachte leise. „Kann sein. Aber zuerst kommt die Pflicht meinem Land gegenüber. So wurde ich erzogen.“

Die Pflicht zuerst. Bestand ihre persönliche Pflicht, womöglich darin, ihrem Kind seinen Vater nicht vorzuenthalten? Wie hätte sie selbst sich gefühlt, wenn ihr Vater sich einen Kontakt gewünscht, ihre Mutter ihn ihr aber verwehrt hätte? Der Gedanke war immer noch schmerzhaft. Sie hätte alles gegeben für einen Vater, der sie liebte. Dennoch wollte sie immer noch nicht wahrhaben, dass es richtig war, das Kind mit Maximo gemeinsam großzuziehen.

Das kleine Flugzeug landete. Maximo fasste Alison auf eine sehr besitzergreifende Art am Arm und führte sie zur Gangway. Dabei mied er jeden weiteren Körperkontakt, als wäre das unter seiner fürstlichen Würde. Und sie war ihm sogar dankbar dafür. Denn ihre ganze Selbstkontrolle war auf einmal wie weggeblasen. Plötzlich sehnte sich ihr Körper nach Dingen, die bis heute nicht die geringste Rolle in ihrem Leben gespielt hatten.

Auf dem Rollfeld hatten fünf Bedienstete Aufstellung genommen, um das Gepäck des Prinzen zu entladen. Auch ihre eigene kleine, abgewetzte Reisetasche.

Erschlagen von dem Luxus, der sie umgab, ließ sie sich von Maximo in die schwarze Limousine helfen, die schon wartete.

Bevor ihr Vater sie verließ, hatte ihre Familie keine finanziellen Sorgen gekannt. Und wenn sie sich danach auch einige Jahre lang hatte einschränken müssen, so verdiente sie jetzt doch mehr als der Durchschnitt ihrer Landsleute. Sie war also durchaus an einen bescheidenen Wohlstand gewöhnt. Aber einen solchen Luxus hatte sie noch nicht gesehen.

Der Wagen glitt durch das große schmiedeeiserne Tor, das die Bewohner des Palasts vom Rest der Insel trennte. Rechts und links davon thronten wuchtige steinerne Figuren mit Schwertern in den Händen.

Der Wagen kam vor einem Portal zu stehen, an dem zwei Männer in Uniform Wache hielten. Alison unterdrückte ein Grinsen. Die beiden hatten durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit den Steinfiguren.

Maximo drehte sich zu ihr um. „Nach dem Test werden Sie beim Essen meine Eltern kennenlernen. Immerhin sind Sie die Mutter ihrer Enkel.“

„Das wird ja alles immer komplizierter“, murmelte sie und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, um die aufsteigenden Tränen zu verbergen.

„Meine Eltern haben doch ein Recht auf ihr Enkelkind, Alison. Ich werde nicht zulassen, dass man es ihnen vorenthält.“

„Ist das jetzt ein fürstlicher Erlass, oder wie?“, fauchte sie ihn an. „Wird jetzt mit dem Verließ gedroht?“

„Wieso Verließ? Ist das eine bizarre Vorliebe von Ihnen?“

„Ich habe nur Angst vor gewissen Schlagzeilen. Amerikanerin von primitivem Prinzen gefangen gehalten.

Seltsamerweise weckte die Vorstellung, von Maximo gefangen gehalten zu werden, nicht den erwarteten Abscheu in ihr. Eher ein sinnliches Gefühl in ihrem Bauch, das ihr völlig neu war. Schockiert über sich selbst wandte sie sich ab und öffnete die Tür, bevor einer der dienstbeflissenen Angestellten es für sie tun konnte.

Mit zwei Schritten war Maximo an ihrer Seite. „Habe ich Sie in Verlegenheit gebracht, tesoro?“

Alison beschloss, ihn einfach zu ignorieren. Entschlossen reckte sie das Kinn vor und tat, als würde er sie mit seinen versteckten Andeutungen nicht im Geringsten beeindrucken.

Als sie weitergehen wollte, umfasste er sie plötzlich und zog sie in seine Arme. Sofort schlug ihr Puls schneller. Alison war überzeugt, dass er es spüren musste. Sie fühlte seine Wärme, roch seinen sinnlichen, männlichen Duft.

Warum wirkte Maximos Duft nur so anziehend auf sie? Er benutzte kein Parfum oder Rasierwasser. Es war einfach er, der so roch.

„Ich hätte nicht gedacht, dass man eine Karrierefrau wie Sie so leicht in Verlegenheit bringen kann.“ Er strich mit dem Daumen leicht über ihre glühende Wange. „Aber wie es scheint, habe ich Sie tatsächlich zum Erröten gebracht, cara.“

„Hören Sie doch auf mit diesen fremdländischen Koseworten“, stieß sie etwas atemlos hervor. „Ich mag das nicht.“

„Ach nein?“ Er senkte den Kopf, und einen Herzschlag lang hatte sie Angst, er könnte sie küssen. „Die meisten Frauen finden das sehr sexy.“

„Ich bin aber nicht wie die meisten Frauen.“

Er betrachtete sie prüfend. „Nein, das sind Sie wirklich nicht.“

Sollte das jetzt ein Kompliment sein? Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich tatsächlich ein wenig geschmeichelt. Aber sie ließ es sich nicht anmerken. Er sollte nicht merken, welche Wirkung seine Worte auf sie hatten. Zwischen ihnen gab es das Baby, und sonst nichts. Hätte die Klinik nicht diesen Fehler gemacht, wären sie sich nie begegnet. Und wenn, hätte er sie sicher keines Blickes gewürdigt.

Das durfte sie keinen Augenblick vergessen.

„Wann treffen Sie Ihre Ärztin?“, fragte sie, um ihn von sich abzulenken.

„Meine Ärztin kommt, sobald ich sie rufe.“

Wie hatte sie nur denken können, ein Mann wie er müsste erst einen Termin ausmachen. Man kam zu ihm, nicht umgekehrt. „Und wann ist das?“, fragte sie, so als sei sie einzig und allein wegen des Tests nervös und nicht wegen seiner Nähe.

„Sofort, wenn Sie wollen.“

Sie nickte. „Das wäre mir sehr recht.“

Die Ärztin kam sofort, und Alison folgte Maximo und der hübschen jungen Frau ins Büro. Seine Ärztin war blond, so um die dreißig und hatte die Figur eines Models.

Nun ja, auch Maximo sah gut aus, sehr gut sogar. Er war reich und mächtig und zog wahrscheinlich die Frauen scharenweise an. Und alle wollten sie ihn unbedingt aus irgendeinem Unglück erretten. Warum sollte er die angebotenen Freuden nicht genießen?

Ihr wurde bei der Vorstellung ganz heiß. Sofort befahl sie sich, einen klaren Kopf zu behalten. Sie jedenfalls hatte nicht vor, ihre Unabhängigkeit wegen ein paar Stunden Spaß im Bett aufzugeben.

Außerdem bezweifelte sie ernsthaft, dass es ihr Spaß machen würde. Ihre ausgeprägte Abneigung gegen feste Bindungen hatte sie zwar davor bewahrt, unmittelbare Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln, aber sie war achtundzwanzig und nicht von gestern. Theoretisch wusste sie alles über Sex. Sie konnte sich nur nicht vorstellen, dass so viel Intimität angenehm war. Für sie war es wichtig, immer Abstand zu halten. Es war wichtig für ihre Selbsterhaltung.

Aber warum stieg dann ein so seltsames Gefühl in ihr auf, als die hübsche Ärztin dem Prinzen die schmale Hand auf den Arm legte? Während die Blonde seinen Ärmel nach oben schob und mit einem Wattebausch über die Armbeuge strich, schienen ihre Bewegungen immer langsamer und sinnlicher zu werden.

„Wir brauchen nur ein wenig Blut“, sagte die Ärztin. Bis jetzt hatte sie noch keinen Blick an Alison verschwendet. „Schon fertig“, schnurrte sie kurz darauf, als sie Maximos Ärmel wieder herunterzog. „Wir brauchen fünf Tage. Sobald ich das Ergebnis weiß, melde ich mich. Sollten Sie vorher irgendetwas brauchen, lassen Sie es mich wissen. Ich stehe Ihnen immer zur Verfügung.“ Alison konnte sich gut vorstellen, was sie damit meinte.

Die Ärztin war fort, und es herrschte Stille im Raum. In ein paar Tagen werden wir wissen, ob unser Kind krank ist oder nicht, dachte Alison beklommen.

Nein, ihr Kind. Es schien so unwirklich, dass dieser Fremde der Vater ihres Kindes sein sollte. Wenn das Baby wenigstens das Ergebnis einer flüchtigen Begegnung gewesen wäre. Dann würden sie und Maximo sich immerhin ein bisschen kennen. Aber so wussten sie gar nichts voneinander. Und sie fühlten sich auch nicht zueinander hingezogen, wie es bei den meisten Paaren, die ein Baby erwarteten, der Fall war.

Lügnerin.

Na gut, sie fand ihn anziehend. Aber das war ihr auch schon bei anderen Männern passiert. Nicht mit einer solchen Intensität, aber es war passiert. Und sie hatte ihren Gefühlen nicht nachgegeben. Und das würde sie auch jetzt nicht tun.

„Können Sie mir ein Hotel empfehlen?“, fragte sie, um die lastende Stille zu brechen.

Der Test belastete auch Maximo, das konnte sie an seiner angespannten Haltung sehen. Es war tröstlich für sie, dass auch noch ein anderer sich Sorgen um das Kind machte. Zumindest in diesem Moment empfand sie Maximo nicht als Gegner.

„Warum brauchen Sie ein Hotel?“, fragte er und bewegte den Arm, aus dem die Ärztin ihm Blut entnommen hatte.

„Weil ich keine Lust habe, auf freiem Feld zu übernachten.“

„Sie haben einen hübschen Mund“, stellte Maximo übergangslos fest. Verlegen fuhr Alison sich mit der Zunge über die Lippen, die sich plötzlich ganz trocken anfühlten. Und kribbelten. Das Interesse, das sie in seinen dunklen Augen lesen konnte, weckte wieder die Schmetterlinge in ihrem Bauch. Er fand sie also doch attraktiv. Ihr wurde ganz schwindlig. Dass sie diese verwirrenden Gefühle an sich selbst entdeckt hatte, war eine Sache. Sich aber vorzustellen, dass auch er etwas Ähnliches für sie empfand …

So plötzlich, wie das Interesse in seinen Augen aufgeflammt war, war es auch schon wieder erloschen. Wahrscheinlich hatte sie sich das alles doch nur einbildet. Sie wusste, dass sie nicht hässlich war. Schließlich wollten Männer sich oft genug mit ihr verabreden. Doch sie war auch keine Schönheit. Und neben Maximos erster Frau hätte sogar seine attraktive Ärztin wie ein Mauerblümchen ausgeschaut. Selenas Gesicht war unglaublich schön gewesen, ihre glatten schwarzen Haare immer perfekt frisiert und ihre schlanke Figur wie geschaffen für Designerkleider.

Alison konnte sich gut an sie erinnern, denn vor ihrer Heirat mit Maximo war sie eine bekannte Opernsängerin mit Engagements an den besten Opernhäusern der Welt gewesen.

„Sie wohnen hier im Palast“, meinte Maximo entschieden.

„Ich bin durchaus fähig, mir selbst eine Unterkunft zu suchen.“

„Bestimmt“, erwiderte er trocken. „Aber Sie sind mit meinem Kind schwanger, und ich will nicht, dass Sie allein in irgendeinem Hotel übernachten.“

„Sind die Hotels hier so schlecht?

„Ganz und gar nicht. Aber das heißt nicht, dass ich Ihnen erlaube …“

„Mir erlauben?“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Sie haben überhaupt kein Recht, mir irgendetwas zu erlauben oder zu verbieten.“

„Sie sind mit meinem Baby schwanger. Also habe ich durchaus gewisse Rechte, würde ich sagen.“

Sie sah ihn mit offenem Mund an. Er glaubte doch tatsächlich, er könnte über sie bestimmen. Nur, weil er zufällig der Vater ihres Kindes war!

„Ich möchte Sie und das Baby in Sicherheit wissen. Dass Sie schwanger sind, macht sie sozusagen zu meiner Frau.“

Zu Ihrer Frau?“ Irgendwie gefiel ihr der Gedanke, aber sie schob ihn schnell beiseite. „Selbst wenn wir …“, sie schluckte, „… selbst wenn wir das Baby auf die übliche Weise gezeugt hätten, wäre ich nicht Ihre Frau. Ich bin absolut fähig, mein Leben allein zu managen.“

„Wieso sind Sie so gegen mich, Alison? Es geht mir um Ihre Sicherheit. Wenn die Presse von der Sache Wind bekommt, beginnt eine Hetzjagd auf Sie. Sie haben ja keine Ahnung, wie rücksichtslos die Paparazzi sein können.“ Plötzlich lag in seinen dunklen Augen ein solch abgrundtiefer Kummer, dass sie unwillkürlich die Luft anhielt. Aber schon war alles wieder vorbei, und er sah sie so gelassen an wie zuvor.

„Könnten … könnten die Reporter etwas herausfinden?“

„Alison, Sie haben sie doch am Flughafen in Washington gesehen. Hier in Turan ist es noch viel schlimmer.“

„Oh.“ Der Gedanke, dass Reporter Interesse an ihr haben könnten, war ihr nicht gekommen.

„Ich will nicht, dass unser Baby da mit hineingezogen wird.“

„Ich auch nicht“, erwiderte sie leise und ärgerte sich, dass er schon wieder recht hatte.

„Ich zeige Ihnen jetzt Ihr Zimmer.“

Er legte ihr die Hand auf die Schulter und schob sie sanft aus dem Zimmer. Es war eine eher zufällige Berührung, doch sofort schoss ein heißes Gefühl in ihr hoch und zog eine brennende Spur von den Fingerspitzen bis hinab zu ihren Zehen. Und zwischen ihren Schenkeln erwachte ein hartes, schweres Pochen. Alison erschrak über sich selbst.

Was war nur los mit ihr? Maximo dachte sich sicher nichts bei dieser kleinen Geste, also sollte sie es auch nicht.

Inzwischen hatten sie den Teil des Palastes erreicht, in dem sich Maximos Privaträume befanden. Sie waren hell und modern eingerichtet, ähnlich seiner Wohnung in Washington, und schienen so gar nicht zu diesem alten Schloss zu passen. Polierte dunkle Möbel und einige sehr moderne Kunstwerke hoben sich von dem strahlenden Weiß der Wände ab. Vielleicht hatte ja seine Frau die Räume so geschmackvoll eingerichtet. Bei dem Gedanken musste Alison unwillkürlich schlucken.

Maximo führte sie zu einer Wendeltreppe. Während sie hinaufstiegen, legte er wie selbstverständlich den Arm um ihre Taille, und Alison empfand diese Geste seltsamerweise als sehr angenehm. Sie erschrak. Oben angekommen, löste sie sich sofort von ihm. Nein, sie wollte das nicht. Auf so etwas wollte sie sich gar nicht erst einlassen.

Er aber zog sie wieder an sich. Langsam schob er ihr T-Shirt etwas nach oben, und während er sie aus dunklen Augen unverwandt ansah, legte er die Hand auf ihren nackten Bauch, als hätte er alles Recht dazu. Doch es war keine besitzergreifende Geste. Es war das stumme Einverständnis, dass sie beide etwas sehr Besonderes teilten.

Mit einem Mal hatte Alison Tränen in den Augen. Sie trug sein Kind. Und dass er sich seinem ungeborenen Kind verbunden fühlte, konnte sie nicht so einfach ignorieren. Genauso wenig wie die Tatsache, dass das Kind sie mit ihm verband.

Seine Hand auf ihrem Bauch fühlte sich richtig an. Das angenehme Gefühl, das die einfache Geste in ihr weckte, verdrängte sogar ihren Zorn auf die Klinik.

Sie senkte den Blick und betrachtete seine gebräunte Hand auf der hellen Haut ihres Bauches. Eine Sehnsucht erwachte in ihr, die weit über einfache Begierde hinausging, auch wenn sexuelle Lust ein Teil davon war. Insgeheim wünschte sie sich, er würde die Hand nach oben gleiten lassen, ihre Brust umfassen und mit dem Daumen ihre harten Brustwarzen streicheln.

Sie hob den Kopf und versuchte, den Zauber zu brechen, den er auf sie ausübte. Sein Gesicht war ganz nah. Und selbst aus so großer Nähe konnte sie keinen Makel darin entdecken. Der sinnliche Mund, die Nase, das entschlossene Kinn, seine dunklen, bezwingenden Augen – alles war perfekt. Etwas Unerklärliches, dem sie nicht widerstehen konnte, ließ sie allen Widerstand aufgeben, und sie machte einen Schritt auf ihn zu.

Alison regte sich nicht, als seine Lippen ihre berührten. Dann zog er sie an sich. Ihre Lippen öffneten sich wie von selbst und erlaubten seiner Zunge einzudringen. Es war kein wilder, fordernder Kuss. Es war ein verführerischer Kuss. Ganz langsam verführte er ihren Körper, ihr Denken und Fühlen. Noch nie war sie so sinnlich und verlockend geküsst worden.

Natürlich hatte sie auch schon früher Männer geküsst, besonders damals auf dem College. Aber keiner dieser Küsse hatte in ihr das Verlangen geweckt, sich enger an den Mann zu schmiegen und sich an ihm zu reiben, um wenigstens ein Minimum an Befriedigung zu finden. Es war, als sehnte sie sich nach etwas, was nur Maximo ihr geben konnte.

Ihr ganzer Körper reagierte voll sehnsüchtiger Erwartung auf seinen Kuss.

Als er sie endlich losließ, schwankte sie benommen.

„Max“, flüsterte sie und tastete verwirrt nach ihren Lippen. Sie fühlten sich heiß und geschwollen an.

„Max. Das gefällt mir“, meinte er lächelnd.

Langsam kam sie wieder zu sich. Ihre Erregung schwand, und stattdessen schämte sie sich plötzlich.

Maximo legte wieder die Hand auf ihren Bauch. „Das ist unser Baby, Alison“, meinte er ernst. „Mein Gefühl könnte nicht stärker sein, wenn du es in meinem Bett empfangen hättest.“ Beim rauchigen Klang seiner Stimme schlug ihr Puls unwillkürlich schneller. „Da passt es doch gut, dass wir einander attraktiv finden.“

„Es passt gut?“, fragte Alison verwirrt. Sie stand immer noch unter dem Bann seines Kusses.

„Natürlich? Es passt doch wunderbar, wenn ich meine zukünftige Frau auch noch begehrenswert finde.“

4. KAPITEL

„Deine zukünftige Frau?“ Sie musste sich verhört haben.

„Ja. Ich habe mir das gut überlegt. Uns bleibt gar nichts anderes übrig.“ Er sagte es, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

„Ich denke nicht daran, dich zu heiraten!“ Wenn er über solche Verrücktheiten in einem Ton sprechen wollte, als rede er übers Wetter – bitte sehr! Sie würde ihm nicht die Genugtuung verschaffen, noch einmal ihre Beherrschung zu verlieren.

„Alison, du bist intelligent, und wie ich aus deinem beruflichen Engagement für misshandelte Kinder schließe, auch mitfühlend. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass du zu anderen Schlussfolgerungen kommst als ich.“

„Ich wüsste nicht, was meine Intelligenz und mein Mitgefühl damit zu tun haben sollten.“ Und warum lief ihr bei der Vorstellung, ihn zu heiraten, ein angenehmer Schauer über den Rücken?

„Das ist doch ganz logisch. Ein illegitimes Kind kommt als Thronfolger nicht infrage. Und dein Mitgefühl wird nicht zulassen können, dass unserem Sohn oder unserer Tochter so etwas widerfährt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist deine Art der Logik. Wieso soll es für ein Kind gut sein, in einer Familie aufzuwachsen, in der sich Vater und Mutter fremd sind?“

„Wir würden uns sehr schnell aneinander gewöhnen“, meinte er aus tiefster Überzeugung. „Immerhin sind wir beide sehr leidenschaftlich.“

„Du erwartest, dass ich so mir nichts, dir nichts mit dir schlafe? Wir kennen uns doch gar nicht.“

Er zuckte nur mit den Schultern. „Dass man in einer Ehe miteinander schläft, ist doch nur natürlich.“

Für ihn mochte es natürlich sein, mit einer Frau, die er begehrte, auch sofort zu schlafen. Für sie aber noch lange nicht. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich bei der Vorstellung, nackt neben ihm zu liegen und sich von ihm anfassen zu lassen.

Sie gab sich Mühe, völlig sachlich zu wirken. „Tut mir leid, aber ich bin nicht zu haben. Wie ich schon sagte, bin ich an keinem Ehemann interessiert.“

„Gewiss, aber die Dinge haben sich geändert.“

„Nichts hat sich geändert. Ich verfolge immer noch die gleichen Ziele.“

Sein Gesicht wurde hart. „Glaub mir, ich hatte nicht vor, noch einmal zu heiraten. Ich war verheiratet. Und keine Frau wird je meine verstorbene Frau ersetzen können.“

„Wieso willst du dann wegen mir deinen Schwur brechen?“

„Nicht wegen dir. Es ist des Kindes wegen. Ich dachte, du würdest das verstehen.“

„Tu nicht so, als wäre mir das Glück meines Babys egal!“

„Dann handle nicht so egoistisch.“ Seine dunklen Augen funkelten wütend und entzündeten heißes Verlangen in ihr. Gleichzeitig aber auch wilden Zorn.

„Stur wie du bist, hältst du deine Lösung natürlich für die einzig richtige!“

„Wie leidenschaftlich du sein kannst“, erwiderte er mit rauchiger Stimme und strich ihr leicht über die Wange. „Du solltest mir dein Temperament bei einer besseren Gelegenheit zeigen.“

„Wo hättest du es denn gern?“

„Im Bett“, flüsterte er leise.

„Da bekommst du mich genauso wenig hin wie vor den Altar.“

Ein gefährliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Einen Mann wie mich sollte man besser nicht herausfordern, cara.“

„Du bist vielleicht daran gewöhnt, immer deinen Willen zu bekommen, Maximo, aber ich bin auch nicht gerade eine Mimose.“

„Das glaube ich. Deshalb finde ich dich ja so faszinierend. Du bist eine Frau, die weiß, was sie will.“

„Stimmt. Und ich will dich nicht heiraten. Es wäre das Verrückteste, was ich tun könnte.“

„Du wirst noch zu dem gleichen Schluss kommen wie ich. Es ist einfach das Logischste.“ Damit drehte er sich um und ging wieder den Korridor hinunter, als wäre nichts geschehen. Alison folgte ihm widerwillig. Sie hatte keine Lust, allein in den endlosen Gängen des Schlosses herumzuirren. Hätte sie sich ausgekannt, hätte sie die Gelegenheit ergriffen und wäre wortlos verschwunden.

Maximo ging schweigend voran, und Alison dachte über das Gespräch nach. War eine Heirat wirklich die einzige Lösung?

Plötzlich packte sie eine große Traurigkeit. In ihren Träumen hatte sie in einer gemütlichen Küche gesessen, gemeinsam mit ihrem Kind gegessen und mit Fingerfarben gemalt. Ein prächtiger Palast und ein Leben in Pomp und Reichtum waren darin nicht vorgekommen. Wenn sie Maximo heiratete, war ihr gemeinsames Kind der oder die Nächste in der Thronfolge. Tat sie es nicht, musste ihr Kind keine Verantwortung übernehmen. Aber vielleicht hasste es sie später dafür, dass sie ihm nicht nur eine intakte Familie, sondern auch einen Platz in der Geschichte verweigert hatte? Vielleicht wollte es die normale Kindheit nicht, von der sie träumte?

Nur eines war sicher: Sie wollte das Beste für ihr Kind. Aber was war das Beste?

„Hier ist dein Zimmer.“ Maximo öffnete eine der Türen und forderte sie auf, einzutreten.

Alison warf einen Blick zurück auf die endlosen Gänge und ärgerte sich, dass sie nicht die Türen gezählt hatte. Wie sollte sie je den Rückweg finden?

„Keine Angst. Ich begleite dich später wieder zurück“, beruhigte Maximo sie. Ihre Verwirrtheit schien ihn zu amüsieren.

„Prinz, Geschäftsmann und auch noch Gedankenleser?“, fragte Alison spöttisch.

„Kein Gedankenleser. Du hast nur ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht.“

Und dabei war sie immer so stolz gewesen auf ihre Selbstbeherrschung.

„Keine Angst“, meinte er. „Es merkt sicher nicht jeder. Aber wenn dich etwas bedrückt, bekommst du so eine kleine steile Falte zwischen den Augenbrauen.“

Unwillkürlich rieb sie über die Stelle. „Na und, wer nicht?“

„Es gefällt dir wohl nicht, dass ich deine Gefühle lesen kann?“

„Würde es dir gefallen, wenn es umgekehrt auch so wäre?“

Er runzelte die Stirn. „Ich halte mich nicht für einen sehr emotionalen Mann.“

„Als du das von dem Baby erfahren hast, zeigtest du nicht gerade wenig Emotion“, meinte sie leise.

„Aber ja. Die Liebe zum eigenen Kind ist eben stärker als alles andere. Das ist doch nur normal.“

„Nicht für jeden.“ Dabei dachte sie an ihren eigenen Vater, der nach dem Tod seiner jüngsten Tochter niemanden mehr lieben konnte.

„Für mich schon. Selena und ich wünschten uns so sehr, Kinder zu bekommen“, antwortete er mit gepresster Stimme.

Zum ersten Mal fragte sich Alison, wie es für ihn sein musste, ein Kind von einer wildfremden Frau zu bekommen. Sie selbst hatte Pläne, Träume gehabt, in denen er nicht vorgekommen war. Ihm musste es ähnlich ergehen. Hatte er an Kinder gedacht, dann waren es die gemeinsamen Kinder mit seiner geliebten Frau gewesen. Die jetzige Situation musste für ihn noch unnatürlicher sein als für sie.

Doch Alison wollte kein Mitleid für ihn empfinden. Sie wollte ihn nicht verstehen. Und ganz bestimmt wollte sie nicht denken, er könnte doch recht haben, was eine Heirat betraf. Für einen kurzen Moment aber tat sie es.

„Warum ruhst du dich nicht ein wenig in deinem Zimmer aus? Wir treffen meine Eltern erst in ein paar Stunden zum Dinner. Deine Sachen dürften schon hier sein.“ Wie es schien, wollte Maximo sich nicht länger über die Vergangenheit unterhalten.

Sie trat in das Zimmer und machte große Augen. Das Schlafzimmer war der Traum einer jeden Frau. Vom cremefarbenen Teppich bis hin zu den lavendelblauen Wänden und dem luxuriösen Himmelbett. Unwillkürlich fragte sie sich, für wen dieses Zimmer eigentlich bestimmt war. Für die Geliebten des Prinzen? Ein Mann wie Maximo war sicher nicht lange ohne Frau.

Und gegen ihren Willen stellte sie sich die Situation vor. Deutlich wie in einem Film sah sie, wie Maximos Hände über die vollen Hüften einer Frau strichen, wie sie sich dunkel von üppigen Brüsten abhoben, wie er den schlanken weißen Hals seiner Geliebten küsste. Sie sah rotblondes Haar, das sich auf einem Kissen ausbreitete – und verdrängte erschrocken die Bilder.

Heiß vor Scham musste sie sich eingestehen, dass sie sich selbst in der Rolle der Geliebten gesehen hatte. Lächerlich! Erstens hatte sie gar keine Lust, mit ihm zu schlafen, und zweitens hatte er sicher keine Lust, sein Bett mit einer achtundzwanzigjährigen Jungfrau zu teilen.

Sicher wirkte es auf manche Männer besonders erregend, der Erste für eine Frau zu sein. Aber bei einer Frau ihres Alters war es bestimmt weniger sexy. Da sah es wohl eher aus, als würde etwas mit ihr nicht stimmen.

„Sehr hübsch“, brachte sie mühsam hervor.

„Es freut mich, dass es dir gefällt. Wünschst du noch irgendetwas?“

Plötzlich wurde ihr wieder schlecht. „Ja. Salzstangen. Und ein Ginger Ale, wenn möglich.“

Er zog besorgt die Augenbrauen hoch. „Fühlst du dich nicht gut?“

„Ich fühle mich die ganze Zeit schon nicht gut.“

„Ist das normal?“

„Es ist die morgendliche Übelkeit“, meinte sie achselzuckend. „Nur, dass die bei mir den ganzen Tag über dauert. Aber bei einigen Frauen ist das eben so.“

„Ruh dich aus“, wies er sie an. „Ich werde dafür sorgen, dass du alles bekommst.“

Plötzlich hatte sie nur noch den Wunsch, seinem Befehl zu folgen. „Danke.“

Er drehte sich um und verließ das Zimmer. Alison stolperte zum Bett und ließ sich genüsslich in die weichen Kissen sinken. Sie zog noch nicht einmal die Schuhe aus oder schlüpfte unter die Decke. Sekunden später versank sie in seligem Schlummer.

Als Maximo eine halbe Stunde später mit dem Gewünschten zurückkam, schlief Alison tief und fest. Sie hatte einen Arm übers Gesicht gelegt, und ihr rotblondes Haar umgab ihren Kopf wie ein Heiligenschein. Ohne es zu wollen, fiel sein Blick sofort auf ihre vollen Brüste, die sich sanft hoben und senkten. Sie war wirklich eine erstaunlich schöne Frau.

Sie zu küssen war sehr aufregend gewesen. Erschreckend aufregend. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass ein Kuss ihn je so erregt hatte. Vielleicht in seiner Teenagerzeit, aber sicher nicht in den letzten zwanzig Jahren.

Dabei hatte er sie gar nicht küssen wollen. Seiner Meinung nach war Verführung nicht der richtige Weg, um Alison zu überzeugen. Der Weg zu ihr führte über Verstand und Logik, nicht über Sinnlichkeit. Zumindest hatte er das geglaubt. Aber dann hatte sie seinen Kuss so leidenschaftlich erwidert, dass es ihm den Atem raubte.

Die Erinnerung weckte erneut das Verlangen in ihm. Die Versuchung war groß, sich einfach neben sie zu legen, ihr wieder das T-Shirt hochzuschieben und ihre üppigen Brüste zu streicheln. Maximo brauchte seine ganze Beherrschung, um nicht die Kontrolle über sich zu verlieren.

„Alison, cara.“ Er legte ihr die Hand auf den nackten Arm. Mein Gott, war sie schön! Und so ganz anders als die Frauen, mit denen er sonst zusammen war.

Er hatte immer eine Vorliebe für große, schlanke Frauen gehabt. Models, Schauspielerinnen, kultivierte Frauen mit einem gewissen Stil. Alison war schlank, aber sie besaß durchaus weibliche Formen. Hübsche runde Hüften und einen verführerischen Busen.

Im Gegensatz zu den immer modisch gestylten Damen seiner Vergangenheit schien Alison eher praktische Kleidung vorzuziehen. Das hieß nicht, dass sie sich geschmacklos kleidete. Aber auch nicht auffallend gut. Allem Anschein nach machte sie sich einfach keine großen Gedanken über ihr Aussehen. Bei ihrem ersten Treffen hatte sie etwas Make-up getragen, aber heute war sie völlig ungeschminkt.

Sie regte sich unter seiner Berührung, und ein kleiner Seufzer kam über ihre Lippen. Ihre Lider flatterten leicht, und dann blickte sie ihn aus ihren kupferfarbenen Augen schläfrig an. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel.

„Nur wenn du noch halb schläfst, habe ich das Glück, ein Lächeln von dir zu erhaschen“, sagte er leise.

„Oh“, murmelte sie und legte die Hand auf den Bauch.

„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„Natürlich. Mein Magen knurrt, und mein Mund ist wie ausgetrocknet, aber dem Baby geht es gut.“

„Deswegen habe ich dir alles gebracht, was du haben wolltest.“ Er deutete auf ein Tablett neben dem Bett.

„Salzstangen und Ginger Ale?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Leider kein Ginger Ale.“ Er griff nach dem hohen Glas auf dem Tablett. „Unser Küchenchef hat es höchstpersönlich für dich zusammengemixt. Mit frischem Ingwer und Honig. Gut gegen Übelkeit.“

Sie griff nach dem Glas und nahm einen großen Schluck. „Nicht zu glauben! Der Ingwer löst wirklich all meine Probleme. Meine körperlichen Probleme, meine ich.“

„Siehst du das alles immer noch als ein Problem an?“

Sie nahm noch einen Schluck. „Sag bloß nicht, du findest die Situation toll.“

„Ich finde sie nicht so schlimm.“

„Und warum nicht?“

„Ich möchte Vater werden.“

Sie senkte den Kopf und presste das Glas gegen die Stirn. „Ich weiß nicht, was ich machen soll.“

„Heirate mich. Das ist die beste Lösung. Für das Baby. Und für uns.“

Sie hob abrupt den Kopf. „Wieso auch für uns?“

„Weil wir dann beide für das Kind da sind. Es müsste nicht ein über das andere Wochenende von einem zum anderen gebracht werden. Oder Weihnachten mit nur einem Elternteil verbringen.“

„Stimmt“, sagte sie leise.

„Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass du den Rest des Lebens ohne Mann verbringen willst. Wie alt bist du? Neunundzwanzig?“

„Achtundzwanzig.“

„Wie auch immer, du bist zu jung, um ein enthaltsames Leben zu führen. Wir heiraten, und das Problem ist gelöst. Du musst doch zugeben, dass es zwischen uns ganz schön knistert.“

„Die Wirkung des Babys auf mein Sexualleben ist wirklich meine letzte Sorge“, erwiderte Alison trocken und nahm sich eine Salzstange.

„Vielleicht jetzt nicht, aber irgendwann bestimmt. Außerdem kann ich dir auch finanzielle Sicherheit bieten. Du hättest die Freiheit, tun und lassen zu können, was du willst.“

„Ich könnte zu Hause bleiben, bei meinem Kind?“

„Wenn du möchtest. Du könntest auch weiterhin arbeiten. Unser Kind hätte die besten Nannys der Welt.“

„Ich würde nicht einfach weiterarbeiten“, meinte sie.

„Ich hatte gedacht, deine Karriere sei dir wichtig.“

„Ist sie auch. Aber für mein Kind da zu sein, ist mir wichtiger.“

Sie wollte eine Mutter sein, die zu Hause war, wenn ihr Kind aus der Schule kam, die Kuchen backte und das Kind zu Sportveranstaltungen begleitete. Sie wollte für ihr Kind all das sein, was ihre Eltern ihr nicht gewesen waren.

„Dann verstehe ich nicht, wieso du unserem Kind das Hin und Her zwischen zwei Wohnsitzen zumuten willst.“

Alison biss sich auf die Lippen. „Na ja, wir beide sind ja kein zerstrittenes Scheidungspaar. Ich könnte also ab und zu hier wohnen.“

„Und du glaubst, dass so ein Hin und Her ein intaktes Familienleben ersetzt?“

„Ich finde, es ist ziemlich realitätsfern, aus unserer ungewöhnlichen Situation ein perfektes Familienleben basteln zu wollen.“

„Ich versuche nur, das Beste daraus zu machen. Du bist doch diejenige, die zu selbstsüchtig ist, um das Richtige für unseren Sohn – oder unsere Tochter – zu tun.“

Alison nahm rasch noch einen Schluck. Dass er ihr die Salzstangen und den Ingwertee gebracht hatte, hatte sie eigentlich gerührt. Aber jetzt war sie nicht mehr so beeindruckt. In Wirklichkeit hatte er nur die Gelegenheit nutzen wollen, sie zur Heirat zu überreden.

„Ich weiß nur zu gut, was es heißt, ein königlicher Bastard zu sein“, fuhr er fort.

„Nenn unser Kind nicht so!“, stieß Alison hervor und legte instinktiv die Hand auf ihren Bauch. „Das ist ein furchtbarer Ausdruck. Außerdem gebraucht ihn heutzutage kein Mensch mehr.“

„Vielleicht nicht in den USA. Aber hier, in adeligen Kreisen, spielt die legitime Herkunft immer noch eine große Rolle. Soll das Kind ein Leben lang unter schmutzigem Tratsch und Klatsch leiden? Die Umstände der Zeugung spielen keine Rolle. Das Einzige, was zählt, ist, was die Leute sagen. Und die werden sich die schlimmsten Geschichten ausdenken. Wenn du mich nicht heiraten willst, mach dich besser schon einmal auf etwas gefasst.“

Er hatte ja recht. Die Zurückweisung durch die feine Gesellschaft würde subtil, aber schmerzhaft sein.

„Ehrlich gesagt, habe ich nicht die geringste Lust zu heiraten“, sagte er. „Aber du musst zugeben, dass es sinnvoll ist.“

„Der Gedanke gefällt mir nicht.“

„Du meinst, eine Heirat ohne Liebe? Glaub mir, auch eine Liebesheirat ist kein Garant für Glück.“

„Das ist es nicht.“ Sie saß da mit hochgezogenen Knien. Das zerwuschelte Haar und ihr blasses, ungeschminktes Gesicht ließen sie sehr jung und unschuldig aussehen. „Liebe ist gar nicht der Punkt. Ich wollte einfach nie heiraten.“

„Hat das was mit Feminismus zu tun oder so?“

Sie schnaubte. „Wohl kaum. Aber eine Partnerschaft verlangt einem viel ab. Und ich habe keine Lust, einem anderen so viel von mir zu geben. Wie oft endet alles dann doch mit einer Scheidung! Die meiner Eltern war schrecklich. Und während meiner Zeit als Scheidungsanwältin habe ich viel Leid gesehen. Die Paare werden abhängig voneinander, und aus einer Scheidung gehen sie psychisch schwer angeschlagen hervor. Vor allem die Frauen.“

„Man kann es auch überleben. Außerdem redest du von gescheiterter Liebe. Bei uns ist das doch etwas anderes. Die Gründe, warum wir heiraten, werden auch in zehn Jahren noch die gleichen sein. Liebe, Verlangen, all das vergeht. Aber unser Kind wird uns immer verbinden.“

Das stimmte. Ob sie nun heirateten oder nicht: Maximo würde fester Bestandteil ihres Lebens sein, weil er ein fester Bestandteil des Lebens ihres Sohnes oder ihrer Tochter war. Hatte nicht ihr Vater, oder besser gesagt, seine Abwesenheit, ihr Leben mehr geprägt, als sie überhaupt ermessen konnte?

Von dieser Seite hatte sie die Situation noch gar nicht betrachtet.

Gewiss würde auch sie ihr Kind immer beschützen. Aber wenn sie ihrem Kind mehr Sicherheit und bessere Erfolgschancen bieten konnte, sollte sie es dann nicht tun?

Dennoch, sie wollte einfach keine Ehe eingehen. Eine Ehe war etwas Intimes, Enthüllendes. Selbst wenn sie ohne Liebe war.

„Ich will das nicht“, stieß sie hervor.

„Es geht nicht darum, was wir wollen, Alison. Es geht darum, das Richtige zu tun. Aus Liebe zu dem Baby hast du bereits wesentliche Veränderungen in deinem Leben vorgenommen. Nur, um dem Kind das Beste bieten zu können. Aber das Beste ist jetzt etwas anderes.“

Wäre er doch nur ein selbstherrlicher Despot gewesen! Sie hätte viel leichter Nein sagen können. Aber er appellierte an ihre Vernunft und an ihr Bedürfnis, die Dinge richtig zu machen. Sie war dabei, weich zu werden.

Maximo hatte recht. Das Beste für ihr Kind war, ihn zu heiraten. Hätte sie einen anderen Weg gewusst, sie wäre ihn gegangen.

„Okay“, sagte sie. Die Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen. „Ich tu’s. Ich heirate dich.“

5. KAPITEL

Maximo genoss seinen Triumph.

Ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken, dass Alison bald zu ihm gehören würde. Er begehrte sie mit einer Wildheit, die ihm eigentlich fremd war.

Es musste etwas mit der Schwangerschaft zu tun haben. Er hatte Sex ohne Liebe gehabt, und er war verliebt gewesen. Das hier hatte nichts mit beidem zu tun. Das hier war etwas ganz Neues.

„Ich habe aber noch einige Bedingungen“, fuhr Alison fort. Ihr schönes Gesicht war sehr ernst. „Du hast recht, eine Heirat ist die beste Lösung. Aber glaube ja nicht, ich stimme all deinen Forderungen zu.“

„Auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen“, meinte er trocken.

Sie schwang die Beine vom Bett und stand auf. Dabei schwankte sie ein wenig. Sofort legte Maximo schützend den Arm um sie. Er konnte ihren Herzschlag spüren. Mit großen Augen, die Lippen leicht geöffnet, sah sie ihn an. Er brauchte nur den Kopf zu senken und … Wieder packte ihn dieses wilde Verlangen.

Viel zu schnell fand sie ihr Gleichgewicht wieder und löste sich von ihm.

„Danke“, meinte sie steif und trat ein paar Schritte zurück. „Mir ist etwas schlecht.“

„Ist das jeden Tag so?“

„Jedenfalls ziemlich oft. In der sechsten Woche wurde es plötzlich ganz schlimm.“

„Im wievielten Monat bist du eigentlich?“ Danach hatte er sie noch gar nicht gefragt.

„In der siebten Woche.“

Noch nicht einmal neun Monate, und er würde seinen Sohn – oder seine Tochter – im Arm halten.

Sie war immer noch schlank. Aber er konnte sie sich gut mit einem runden Babybauch vorstellen. Plötzlich stieg ein unbekannter, ganz urtümlicher Stolz in ihm auf.

Stolz – und heißes Verlangen. Bis jetzt hatte er schwangere Frauen nicht gerade sexy gefunden. Aber mit einem Mal konnte er sich gut vorstellen, Alisons runden Bauch zu streicheln und dabei zu fühlen, wie sein Kind sich bewegte.

„Das Baby kommt im Oktober zur Welt“, fügte sie hinzu.

Angeblich sollten schwangere Frauen etwas Strahlendes an sich haben. Das war ihm noch nie aufgefallen. Bis jetzt. Denn tatsächlich, Alisons Gesicht schien von innen heraus zu leuchten, und ein kleines, geheimnisvolles Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihre Augen leuchteten vor Freude. Sie würde eine gute Mutter sein, davon war er überzeugt. Andernfalls hätte er ohne Gewissensbisse dafür gesorgt, dass er das alleinige Sorgerecht für das Kind bekam.

„Du bist wohl schon ganz gespannt darauf“, sagte er und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Natürlich bin ich das.“

Ihre Blicke trafen sich, und wieder durchflutete ihn eine Welle des Verlangens.

„Wir müssen bald heiraten. Sonst wird man es dir ansehen“, sagte er.

Plötzlich lag ein Ausdruck von Unsicherheit und Angst in Alisons Augen. Zorn und auch Traurigkeit hatte er schon darin gelesen, aber noch nie diese abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit. Es versetzte ihm einen Stich.

„Ich gebe meine Zustimmung nur unter einigen Bedingungen.“

„Das sagtest du schon. Du sagtest aber nicht, unter welchen.“

„Kein Internat oder so etwas Ähnliches für unser Kind. Ich möchte, dass es so normal wie möglich aufwächst. Keine Armee von Kinderschwestern. Und es soll ihm auch nicht jeder kleinste Wunsch erfüllt werden. Ich will keinen verwöhnten Fratz.“

„Sieht es aus, als sei ich ein verwöhnter Fratz gewesen?“

„Ja“, antwortete sie prompt und fuhr ungerührt fort: „Ich möchte weiterhin als Jugendanwältin arbeiten. Vielleicht in einer gemeinnützigen Organisation.“

„Wunderbar. Es gibt einige davon. Es wird Wunder wirken, wenn die Prinzessin persönlich dort mitarbeitet.“

„Und ich will nicht … Ich will mein eigenes Zimmer.“

Er nickte. „Das ist hier so üblich.“

„Ich glaube, du verstehst mich nicht. Ich will nicht, dass wir … Ich will keinen Sex mit dir.“

Sie gab sich alle Mühe, ihr wild klopfendes Herz zu ignorieren. Maximo würde über diese Bedingung nicht glücklich sein. Aber es ging nun einmal nicht anders.

Sein Kuss hatte sie alles vergessen lassen. Wer sie war, wer er war und wo sie sich befand. Wenn sie mit ihm ins Bett ging, war es völlig um ihre Beherrschung geschehen. Sich vor einem anderen Menschen seelisch und körperlich so zu entblößen, erschreckte sie zutiefst. Mit einer Heirat konnte sie sich noch arrangieren, aber körperlich mit einem Mann intim werden? Unmöglich!

Dass er eine so große Anziehungskraft auf sie ausübte, bestärkte sie nur noch in ihrem Entschluss. Allerdings wäre es einfacher gewesen, wenn sie sich nicht so sehr nach ihm sehnen würde. Und wenn sie in seiner Nähe nicht dauernd weiche Knie bekommen hätte. Die Leichtigkeit, mit der er sie in einen Zustand brachte, keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können, ließ alle Alarmklingeln in ihr schrillen. Schon jetzt hatte er viel zu viel Macht über sie. Dieses ganze Gefühlschaos und dazu dann auch noch Sex – das wäre der direkte Weg ins absolute Desaster.

„Das ist doch Unsinn. Willst du leugnen, dass wir uns zueinander hingezogen fühlen?“

„Mit einer Ehe aus Vernunftgründen kann ich mich arrangieren. Du bist ein attraktiver Mann. Es wird sicher immer eine Menge Frauen geben, die …“

„Wegen meiner Treue musst du dir keine Sorgen machen. Ich war sieben Jahre lang verheiratet und habe nie eine andere Frau angesehen. Und es fiel mir nicht schwer.“

Na und? Er war ja auch in seine Frau verliebt gewesen. Jetzt war das etwas anderes. Und wenn sie nicht mit ihm schlief, brauchte sie sich auch wegen seiner Treue keine Gedanken zu machen. Allein die Vorstellung, mit ihm zu schlafen, weckte schon die Eifersucht in ihr. Nein, mit solchen Gefühlen wollte sie nichts zu tun haben.

„Darüber mache ich mir keine Sorgen. Aber wenn wir miteinander schlafen würden, dann würde ich wollen, dass du mir treu bist. Und du würdest das Gleiche von mir verlangen. Und schon kämen Gefühle ins Spiel.“

„Nicht, was mich betrifft“, behauptete er entschieden. Und Alison wusste, dass er die Wahrheit sagte. Aber er hatte auch jede Menge Erfahrung im Bett. Wahrscheinlich lag es in seiner Natur, Liebe und Sex zu trennen. Instinktiv fühlte sie, dass Sex bei ihr sehr gefährliche Gefühle auslösen konnte. Sie würde sich nicht einfach so jemandem hingeben können, ohne dass sie begann, etwas für ihn zu empfinden. Schließlich war das einer der Gründe, warum sie es noch nie getan hatte.

Es hatte viel zu lange gedauert, bis sie ihre Unabhängigkeit und Selbstbeherrschung gefunden hatte. Die würde sie jetzt nicht aufs Spiel setzen.

„Mag sein. Aber das sind meine Bedingungen.“

„Und es würde dir nichts ausmachen, wenn ich Sex mit anderen Frauen hätte?“, fragte er provozierend.

„Nein.“

„Nach der Hochzeit denkst du vielleicht anders.“

„Wohl kaum. Was uns verbindet, ist der Wunsch, das Beste für unser Kind zu tun. Sonst nichts. Das Kind wurde ja noch nicht einmal auf dem üblichen Weg gezeugt.“

„Es hätte aber so sein können.“

Hätte es nicht. Trotzdem konnte sie sich gut vorstellen, dass sie Maximo in einer Bar, einem Restaurant oder vielleicht einfach auf der Straße begegnet wäre. Sie hätten sich unterhalten, hätten miteinander gelacht. Und dann wären sie nach Hause gegangen und hätte sich geliebt.

Nein. Für ihn mochte es einfach sein, sich das vorzustellen, weil er sie für eine normale Frau hielt, die sich ab und zu mit einem Mann verabredete, Beziehungen und auch Sex hatte. Aber das war ja nicht so. Und es hatte ihr auch nie gefehlt. Jedenfalls bis jetzt nicht. Nun war es ein Nachteil. Wie sollte sie sich einem Mann wie Maximo gegenüber behaupten? Einem kultivierten, erfahrenen Mann, der wahrscheinlich mehr über Sex wusste als jeder Durchschnittsmann. Und sie wusste weit weniger über Sex und Männer als jede beliebige Durchschnittsfrau.

„Das sind nun einmal meine Bedingungen, Maximo“, sagte sie ruhig. „Wenn du sie nicht akzeptierst, kann ich dich nicht heiraten.“

„Dann bin ich einverstanden. Ich habe keine Lust auf eine Märtyrerin in meinem Bett. In meinem ganzen Leben musste ich noch keine Frau zum Sex zwingen. Und ich habe nicht vor, bei meiner eigenen damit anzufangen.“

Es war die Wahrheit. Er hatte nicht vor, durch Erpressung oder Zwang von einer Frau zu bekommen, was er wollte. Selbst wenn er so verrückt nach ihr war wie nach Alison. Auch Selena hatte er um nichts gebeten, als sie aus dem gemeinsamen Schlafzimmer auszog. Ein Nein war ein Nein, auch von seiner Ehefrau.

Doch es verblüffte ihn, dass Alison das, was sie doch beide wollten, so heftig ablehnte. Aber selbst eine Ehe ohne Sex war nichts Neues für ihn. Damit hatte ihn Selena bestraft, weil er ihr kein Baby schenkte. Obwohl der Grund dafür bei ihr und nicht bei ihm lag. Aber der Sex nach genauem Zeitplan hatte sie so frustriert, dass sie ihm in den letzten sechs Monaten ihrer Ehe noch nicht einmal mehr erlaubte, sie zu berühren.

Er hatte gewusst, warum Selena sich ihm verweigerte, und er konnte nicht einmal sicher sein, dass er es nicht verdient hatte. Aber er wusste nicht, welches Spiel Alison trieb. Sie war achtundzwanzig, eine Karrierefrau und alles andere als schüchtern. Und sie war eindeutig heterosexuell und fühlte sich zu ihm hingezogen. Ihre Ablehnung machte absolut keinen Sinn. Ihre Reaktion auf seinen Kuss war eindeutig gewesen. Warum hätte sie ihm auch etwas vorspielen sollen?

Aber wenn sie einen moralischen Vorwand brauchte, um nicht mit ihm zu schlafen – bitte! Wahrscheinlich würde ihr Widerstand sowieso bald zusammenbrechen. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war viel zu groß.

„Fühlst du dich wohl genug, um mit meinen Eltern zu Abend zu speisen?“

Sie sah ihn zweifelnd an. „Ein Abendessen mit dem regierenden Fürsten und der Fürstin kann man wohl nicht absagen, oder?“

„Wenn es dir nicht gut geht, wird es eben abgesagt“, meinte er lächelnd.

Selena hätte es abgesagt. Seine Frau war sehr zart gewesen, physisch und psychisch. Er hatte es als seine Pflicht angesehen, sie zu beschützen. Jetzt stand Alison unter seinem Schutz, und er würde sich genauso verhalten.

Die feste Entschlossenheit in Alisons hübschen hellbraunen Augen überraschte ihn. „Mir geht’s gut. Ich bin daran gewöhnt, für mich selbst zu sorgen und die Dinge auf die Reihe zu kriegen. Man muss mich nicht in Watte packen.

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